Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988
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DIE LIEDER DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION
Gerd Semmer / Dieter Süverkrüp
Ein gedankenlos verpißter Herbstabend, dunkel, stockdunkel,
adenauerdunkel. Eine tiefhängende fette Eisenbahnbrücke der Fünf-
zigerjahre; man mußte steil abwärts, um unter den babylonisch
schwarzen Stahlträgern durchzukommen. - Unerkennbar, ob es drüben
überhaupt wieder rausging. Vielleicht auch führten, wer weiß, von
unten ein paar unauffällige Seitenstufen direkt in den Hades: in
himmelgroße, finster labyrinthische Gewölbe, in jene unüberschau-
baren Geschichtskellereien, wo sie alle aufbewahrt werden, die
weggekippten Generationen menschheitlicher Aberjahrtausende;
vielleicht kam einem dort im nächsten Augenblick schon der plau-
dernde unsterbliche Voltaire entgegen, am Arm die Marie-Antoi-
nette führend, die töricht kicherte wie ein hochglanzpolierter
Wohnzimmerschrank, während zur Linken des glanzvollen Spötters
drei Pariser Fischweiber recht anrüchig scherzten ... zwei Ge-
wölbe weiter hallte womöglich ein lautstarker Streit um Urheber-
rechte zwischen Dante, Sartre und Arno Schmidt...
Nichts von alledem. Jäh vor mir tauchte auf: Gerd Semmer, soeben
kommend von gegenüber, wo's wieder rausging aus der Unterführung.
- Wir kannten einander seit ein paar Monaten; er sagte, in der
Nationalbibliothek zu Paris habe er jüngst Revolutionslieder von
1789 ff. aufgestöbert, die Übersetzungen seien gerade fertigge-
worden, ob ich die nicht mal auf Tonband singen wolle. - Er
sprach halblaut, zuweilen argwöhnisch um sich blickend; so bekam
das Unternehmen "Deutschsprachige Französische Revolution" gleich
zu Anfang ein veritables Flair von Konspiration, das auch in spä-
teren Jahren niemals ganz verfliegen mochte.
Wir machten also die Tonbandaufnahmen, wiederum halblaut, in Fa-
milie Semmers sehr hellhöriger Sozialbauwohnung in der schüchter-
nen kleinen Küche. Dann schickte Semmer das fertige Band umher,
zu Sendern und Plattenfirmen. Allenthalben: Ablehnung, Interesse-
losigkeit, Unverständnis. Nur der "Deutschlandsender" aus der DDR
reagierte positiv: Zwei Rundfunksendungen, eine schmale Schall-
platte, die schließlich Ende 1958 erschien.
Unterdessen hatten wir begonnen, gemeinsame Vortragsabende zu ge-
ben, um das Material einer kleineren Öffentlichkeit vorzustellen,
wo immer sich ein Veranstalter fand: eine Volkshochschule, ein
ASTA, ein winziges Theater oder Kabarett, ein progressives Kino,
ein gewerkschaftlicher Kulturzirkel, eine Goethegesellschaft in
wasweißich ... Duisburg, Düsseldorf, Essen, Frankfurt, München,
Hamburg, Bremen ... Semmer hielt seinen Vortrag, wobei er vom Ma-
nuskript, das im folgenden dokumentiert ist, zuweilen erheblich
abwich, ergänzend, begeistert davonflatternd, seine eigenen Kom-
mentare kommentierend, oftmals recht unerlaubt in sich hineinki-
chernd - oder auch sehr jäh und unvermittelt in ein heiseres
olympisches Höhnen verfallend. Und zwischendurch sang ich die
Lieder - so gut es ging (ich war nicht immer ausreichend vorbe-
reitet, weil ich tagsüber recht angestrengt in einer Werbeagentur
arbeiten mußte; einmal sogar brachte ich in Eile den leeren Gi-
tarrenkoffer zum Konzert).
Im übrigen aber war es, als reiste mit uns ein subversiver Spiri-
tus familiaris, wahrscheinlich sogar reiste er uns voraus, sofern
man bei Geistern und Gespenstern derart banale Ortsbestimmungen
überhaupt vornehmen kann. Wohin wir jedenfalls kamen, fanden sich
zumeist nicht gerade unsäglich viele, aber doch eigentümlich in-
teressierte Leute ein: neben einfach nur neugierigen Hinkommern
erstaunlich gut informierte Menschen. Oft hatte ich den Eindruck,
es werde da in aller Öffentlichkeit illegal zwischen den Zeilen
gehört, nicht was das unmittelbare Thema, französische Revolu-
tion" betraf" darüber redete Semmer ja ganz unverhohlen und di-
rekt, konnte er auch, denn das war schließlich eine bürgerliche
Umwälzung gewesen, die mittelbar auch mit unserem neuinstallier-
ten repräsentativen Parlamentarismus zu tun hatte - nein, der
subversive Charakter des Zuhörens ergab sich aus der Art und
Weise, wie Querverbindungen hergestellt wurden, Bezüge zum aktu-
ellen Geschehen, zur jüngsten Historie ...
Man stelle sich die Situation vor, 1957/58: Die demokratische,
zart sozialistische Anfechtung, die es nach 45 für kurze Zeit
hierzulande gegeben hatte, war eindeutig verscheucht, die Restau-
ration in vollem Gange. Auch Literatur und Kunst zappelten im al-
ten Griff. Deren Inanspruchnahme für Politik durch die Nazis war
noch in deutlicher Erinnerung, und so fiel es leicht, das Dogma
durchzusetzen, Politik und Gesellschaft einerseits, Kunst und
"Kultur" andererseits seien einander im tiefsten Herzen spin-
nefeind. - Gleichzeitig wurde das bürgerliche Geschichtsbild ge-
nerös wieder hergerichtet, da wimmelte es nur so von großen Män-
nern (und ganz wenigen, nur fast so großen Frauen), die als die
eigentlichen Anfertiger von Geschichte zu gelten hatten; die
Links-Rechts-Radikalismus-These und die "Totalitarismus"-Theorie
schwebten recht bedrohlich über diesem Gewaber, während am Rande
das Volk sich drängte als stumpfer blinder Dulder, als anonyme
Masse, die geführt werden will, sonst knallt's ... Revolutionen
entsprechend: als dumpfes kollektives Wüten; insbesondere die
Französische: ein Blutrausch, eine Orgie des Schreckens.
Lieder aus dieser Französischen Revolution, soweit sie bekannt
waren bei uns, wurden als Haßgesänge geführt, als Pogromschreie
oder dergleichen. Erschwerender Umstand: Bei dem Stich-
wort"Politisches Lied" mußten damals viele Leute (ich auch)
zwangsläufig an das denken, was sie in der Art überhaupt gehört
hatten; und das waren fast ausschließlich die Elaborate aus der
Nazizeit. Was Wunder also, daß man aufs Stichwort assoziierte:
Dröhnender Bierernst, kitschiges Heroentum, Kraftmeierei, simpel
brüllende Verquastheit.
Dann aber das! Auf einmal stellte sich heraus, politisch sich
einmischende Gesänge können durchaus heiter sein, witzig, phanta-
sievoll, optimistisch" und zwar gerade dadurch, daß sie konkret
auf Veränderung zielen, Übelstände benennen, Mächtige verspotten,
Siege über eben diese feiern, mit ihrer Begeisterung nicht hin-
term Berge halten - und auch nicht mit ihrem Zorn.
Seinerzeit hatte ich den bloßen Verdacht, heute weiß ich es eini-
germaßen zuverlässig, daß unter unseren so auffällig harmlos
dreinblickenden Zuhörern in jenen Jahren zuhauf solche saßen,
die, nachdem das hübsche demokratisch-antikapitalistische Zwi-
schenspiel nach 1945 zuende war, wieder hatten abtauchen müssen,
manche ziemlich tief, manche nur bis unter die Nasenlöcher. Die
verstanden nicht nur Anspielungen und materialistische Feinfüh-
ligkeiten, die hatten auch ihr gerüttelt Maß Vergnügen an Semmers
Übersetzungen. Das muß einfach mal gesagt werden: Indem er - an-
statt frankophil die Originale zu imitieren - in unserer Sprache
"einen Spiegel herstellte", worin die alten französischen Lieder
erkennbar sich abbilden sollten - indem er dabei, auf hinterli-
stig poetische Weise, seine etwas westfälisch gefärbte Alltags-
sprache einspannte, verjagte er alle Exotik, alle romantische
Verruchtheit aus der Sache. Plötzlich standen sie leibhaftig da,
die lächelnd lauernden Kraftausdrücke, Frechheiten antifeudalen
Unbotmäßigkeiten, jederzeit gerne bereit, einem unbescholtenen
Bürger mit dem nackten Arsch ins Geschichtsbewußtsein zu sprin-
gen. Die Jacobiner waren los!!! - was an sich noch halbwegs hätte
angehen können, würde Semmer sich wenigstens bereitgefunden ha-
ben, sie nun alleine in der Weltgeschichte herumstehen zu lassen
- wie die Pinguine im Zoo! Aber den Teufel tat er; bekannte sich
zu ihnen, als wären sie seine (und unsere) demokratischen Vorfah-
ren; verhehlte nicht, daß das Ergebnis der Französischen Revolu-
tion nicht auch das "Happy End der Weltgeschichte" war, daß noch
viel zu tun ist. - Ein geschichtskundiger, karrierebewußter
Volkshochschuldirektor regte sich einstens auf, eine derart ein-
deutig marxistische Darstellung der Ereignisse (nach 1789 in
Frankreich) sei im Zeitalter des Pluralismus (Ende der 1950er
Jahre) "hoffnungslos anachronistisch".
Viele unserer Zuhörer indessen schöpften aus eben diesem Anachro-
nismus nicht nur Spaß und vielfältige Bewegung des Gemütes, son-
dern auch Hoffnung und Mut, wie es schien. So vielleicht erklärt
es sich, daß die Lieder nicht ohne Einfluß blieben auf die Song-
und Liedermacherszene, die sich Ende der 50er, Anfang der 60er zu
entwickeln begann, in der BRD. In drei jeweils neuen Aufnahmen
wurden Texte der Liedersammlung "Ça ira" auf Schallplatten veröf-
fentlicht. Die letzte davon gibt es noch.
Von Semmers Vortrag ist hingegen nur ein Manuskript überliefen.
Meistens eröffnete er den Abend mit der freundlichen, mitunter
auch etwas mürrisch, beinahe sarkastisch vorgetragenen Aufforde-
rung, man solle sich vorstellen, im Bundestag zu Bonn werde vor
Beginn einer wichtigen Plenarsitzung eine Musikgruppe mit Sängern
vorgelassen; die trügen zusammen ein Lied vor, in welchem wich-
tige Forderungen der Bürger formuliert seien; danach erst beginne
die Debatte der Volksvertreter. - So sei es in Paris in der
Nationalversammlung des öfteren geschehen, und als Danton damals
den Antrag gestellt habe, dergleichen zu unterbinden, denn die
Sprache der Vernunft sei die Prosa, habe er sich von einem
anderen Deputierten verweisen lassen müssen, daß die
republikanischen Gesänge im Gegenteil höchst wünschenswert seien,
weil sie vermöchten, die Herzen der Bürger zu elektrisieren. -
Dieter Süverkrüp, Februar 1988
Alsdann hielt Semmer sich ungefähr an folgende Notizen:
Die Geschichte bewegt sich in Sprüngen und Schüben, langsam wie
ein Gebirge. Die Fassade scheint stabil; aber unter dem Putz meh-
ren sich die Risse. Plötzlich kommt eine Erschütterung, und alles
kracht auseinander. Man muß auf die Risse achten, das sind: die
Widersprüche in der Gesellschaft. "So wie es ist, bleibt es
nicht, und das Sichere ist nicht sicher". Aber man muß auch Be-
scheid wissen für den Erdstoß. Man muß wissen, was die Risse sind
und bedeuten. Darum soll man sich an die kämpfenden Vorfahren er-
innern, die auf uns hofften.
Wir wollen hier Lieder aus der großen Französischen Revolution
von 1789 bis 1795 hören *) und wir wollen dabei versuchen, etwas
von den inneren, den sozialen Kämpfen zu erzählen, die in dieser
Revolution gekämpft wurden. Warum ist das auch für uns interes-
sant? - Das scheint mir interessant, weil dieses umwälzende Er-
eignis der eigentliche Beginn der Neuzeit ist, weil hier zum er-
stenmal die Kämpfe gefochten wurden, die zur allgemeinen Gleich-
heit, Freiheit und Brüderlichkeit der ganzen Menschheit führen
sollten, in denen wir selbst noch stehen und die noch immer nicht
zu Ende gekämpft sind. Man soll sich nicht zur Ruhe setzen, so-
lange nicht alles erreicht ist, man soll, um nach vorn zu gehen,
sich in der Geschichte orientieren und der kämpfenden Vorfahren
gedenken.
Sie alle wissen, daß am 14. Juli 1789 das Volk von Paris die Ba-
stille stürmte, die alte Zwingburg der Könige am östlichen Ende
der rue St. Antoine. Aber was wissen Sie sonst von der Französi-
schen Revolution?
Kennen Sie zum Beispiel die erste Hymne der Nation von 1790?
Sie heißt Ça ira. "Ah! ça ira!" sangen die Arbeiter im Juni und
Juli 1790 - "Ah! das geht ran!" Sie bereiteten auf dem Marsfeld,
wo heute der Eiffelturm steht, den Jahrestag des Bastillesturms
vor, das Fest der Föderation. Die bewaffneten Bürgerwehren
Frankreichs feierten ihre Verbrüderung. Die Stadtverwaltung von
Paris saß voller Aristokraten, sie sabotierte die notwendigen
Erdarbeiten. Die Vorstädte griffen zu: Mit Musik und Fahnen zogen
sie aus und planierten das Marsfeld. Ein Schlager der Gartenlo-
kale wurde zur ersten Nationalhymne der erwachenden Nation: "Ah!
das geht ran. Die Aristokraten an die Laterne!" Das ist ganz ein-
fach: Die Laternen sind eben eingeführt, und dahin gehören die
Gegner.
Es geht ran! **)
----------------
Ah, das geht ran, das geht ran, das geht ran,
Die Aristokraten an die Laterne;
Ah, das geht ran, das geht ran,
das geht ran, Die Aristokraten, hängt sie dran!
Und wenn sie alle hängen, marsch,
Haut man ihn'n die Schippe vorn Arsch.
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran ...
*
Ah, das geht ran, das geht ran, das geht ran,
Trotz Aristokraten und trotz diesem Regen;
Ah, das geht ran, das geht ran, das geht ran,
Werden wir auch naß, lange hält's nicht an.
*
Das rinnt nur so, rinnt nur so, rinnt nur so
In den Hals, komm ich vom Marsfeld;
Das rinnt nur so, rinnt nur so,
rinnt nur so, Ich bin naß bis auf die Haut - und froh.
*
Was macht's, naß zu sein, wenn ihr wißt,
Daß das für die Freiheit ist?
Mag es regnen Hellebarden,
Mag ich naß sein bis zum letzten Faden,
Noch viel lauter schrie ich, ho:
Das rinnt nur so, rinnt nur so, rinnt nur so,
Ich bin naß bis auf die Haut - und froh.
Eine offizielle und gemäßigte Fassung wurde vom Straßensänger
Ladre hergestellt, im Auftrag des Ersten Helden der Revolution
Lafayette, der das Wort Ca ira! von Benjamin Franklin im amerika-
nischen Unabhängigkeitskrieg gehört haben wollte. In dieser Fas-
sung war das Lied jahrelang Nationalhymne.
Es geht ran! Spruch des Volkes
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Gesungen beim Bundesfest der Nation am 14. Juli 1790
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
Singt das Volk an diesem Tag immer wieder;
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
Trotz der Meuterer geht es voran.
Unsere Feinde sind verwirrt allda,
Und wir wollen singen Halleluja.
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran.
Boileau ließ sich einst übern Priester aus,
Wie die Propheten sah er dies voraus.
Singt man meine kleinen Lieder,
Sagt man mit Vergnügen dann:
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
Trotz der Meuterer geht es voran.
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran.
Nach den Grundsätzen der Evangelien,
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
So fängt's der Gesetzgeber jetzt an:
Den, der sich erhebt, stellt man hintan,
Den, der sich erniedrigt, führt man hinan.
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran.
Der wahre Katechismus leit uns an,
Der böse Fanatismus hat vertan,
Wie Gesetze uns befehligen,
Strengt sich jeder Franzose an.
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
So fängt's der Gesetzgeber jetzt an.
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran.
Peter und Margot singen um die Wette:
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
Tanzen wir, die gute Zeit fangt an.
Das Franzosenvolk war einst a q u i a;
Der Aristokrat sagt: m e a c u l p a.
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran.
Der Klerus trauert, daß er soviel hat;
Mit Recht nimmt's die Nation an seiner Statt;
Durch den klugen La Fayette
Wird der Aufruhr abgetan.
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
Tanzen wir, die gute Zeit fängt an.
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
Mit den Leuchten der Versammlung allmächtig;
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
Das Volk bleibt in Waffen, rührt es nur nicht an;
Rechtes und Falsches wird man scheiden da;
Der Bürger steht zur guten Sache ja.
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran.
Wenn der Aristokrat Einwände macht,
Der gute Bürger ins Gesicht ihm lacht,
Ohne Seelenpein zwieträchtig,
Er ist stärker und bleibt dran.
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
Das Volk bleibt in Waffen, rührt es nur nicht an.
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran.
Groß und klein sind wie vom Soldatenstamme;
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
Keiner wird im Kriege zum Verräter dann;
Der Franzos geht mutig drauf und dran;
Und krumme Sachen spricht er offen an.
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran.
La Fayette sagt: Komme, wer mag,
Der Patriot erwidert Schlag um Schlag.
Ohne Furcht vor Feuer und Flamme,
Der Franzose immer gewann!
Ah! das geht ran, das geht ran, das geht ran,
Keiner wird im Kriege zum Verräter dann.
Die revolutionären Veränderungen seit dem Mai 1789 räumten in
kurzer Zeit mit dem Ancien Regime auf. Es wurden die Binnenzölle
abgeschafft, der Ämterkauf, das korrupte Gerichtswesen beseitigt,
die Privilegien von Adel und Klerus aufgehoben, gleiche Münzen,
Maße und Gewichte geschaffen - und zwar durch die Nationalver-
sammlung, die sich im Juni 1789 konstituiert hatte, konstituiert
gegen den Willen von Klerus und Adel und König. Sie hatte dem
Land 1791 eine Verfassung gegeben.
Das alles mißfiel natürlich den alten Monarchien des Kontinents.
Die Lage war gespannt. Am 20. April 1792 erklärte die Regierung
der Girondisten Österreich und Preußen den Krieg.
Der Offizier Rouget de l'Isle schrieb in Straßburg sein
"Kriegslied für die Rheinarmee".
Die Marseillaise
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Voran, Kinder des Vaterlandes!
Der Tag des Ruhms kam nun herbei!
Gegen uns ist blutig erstanden
Die Fahne der Tyrannei.
Hört ihr da draußen in den Landen
Die wüsten Soldaten schrein?
Sie kommen bis in unsre Reihn,
Machen Weib und Kind uns zuschanden!
Die Waffen in die Hand! Auf, Bürger, aufgestellt!
Marschiert, und böses Blut soll tränken unser Feld!
Was will diese Horde von Sklaven,
Verrätern, von Fürsten verschworn?
Wer soll diese Ketten denn haben,
Wem sind diese Eisen erkorn?
Franzosen, euch! Ah! welche Schande!
Der Ausbruch, den das euch erregt!
Dir seid es, für die man erwägt
Die Rückkehr in alte Sklavenbande!
Die Waffen in die Hand! Auf, Bürger, aufgestellt!
Marschiert, und böses Blut soll tränken unser Feld!
Wie! diese fremden Legionäre,
Sie wären Herr in unserm Haus!
Wie denn! diese Söldnerheere
Schlügen unsere Krieger hinaus!
O Gott! ... von kettenschweren Händen
Käm unsere Stirn unters Joch!
Und niedrige Despoten noch
Würden unser Schicksal vollenden!
Die Waffen in die Hand! Auf, Bürger, aufgestellt!
Marschiert, und böses Blut soll tränken unser Feld!
Zittert, Tyrannen und Treulose,
Jeder Partei verlorner Sohn,
Zittert! ... eure mördrischen Pläne
Nehmen endlich dahin ihren Lohn.
Wir sind Soldaten, euch zu schlagen:
Wenn einer der jungen Helden fällt,
Die Erde bringt sie neu zur Welt,
Bereit, gegen euch sich zu schlagen!
Die Waffen in die Hand! Auf, Bürger, aufgestellt!
Marschiert, und böses Blut soll tränken unser Feld!
Franzosen, seid großmütige Krieger,
So gebt und nehmt hin euren Streich;
Schont die traurigen Unterlieger,
Kämpfend ungern nur gegen euch.
Nicht den Despo den blutig-heißen,
Die Komplizen nicht von Bouillé,
All die Tiger, die ohne Weh
Ihrer Mutter die Brust zerreißen!
Die Waffen in die Hand! Auf, Bürger, aufgestellt!
Marschiert, und böses Blut soll tränken unser Feld!
O fromme Lieb zum Vaterlande,
Oh, führe unsern Rächerarm!
Freiheit lieb, mit deinem Beistande
Hilf deiner Verteidiger Schwarm.
Zu unsern Fahnen möge gehen
Der Sieg, an dein männlich Aufgebot;
Damit deine Feinde vor dem Tod
Deinen Triumph, unsren Ruhm noch sehen!
Die Waffen in die Hand! Auf, Bürger, aufgestellt!
Marschiert, und böses Blut soll tränken unser Feld!
Im Juli 1792 kommt dieses Lied mit Marseiller föderierten Truppen
in das brodelnde Paris und heißt seitdem "la Marseillaise". Der
König spricht sein Veto gegen die zwanzigtausend Truppen, die Pa-
ris verteidigen sollen, und entläßt die Minister der Gironde. Das
Volk nennt ihn Monsieur Veto und setzt ihm die rote Mütze auf. In
dieser Situation wird das Manifest des Herzogs von Braunschweig
bekannt, das der Stadt "eine auf ewige Zeiten unvergeßliche Ra-
che" androht. Sturmglocken: "Das Vaterland ist in Gefahr".
Am 10. August 1792 stürmen die Pikenmänner von Marseille und
Brest mit den Sansculotten von Paris das Tuilerien-Schloß, werfen
die Schweizer Garden, nehmen den König und seine Familie gefan-
gen. Der Weg ist frei für die Republik. Von diesen Ereignissen
erzählt eine berühmte Ballade, die Carmagnole.
Die Carmagnole der Royalisten
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Madam Veto versprach uns dies,
Schlachten zu lassen ganz Paris.
Doch der Schlag ging vorbei
Dank unsrer Schießerei!
Tanzt nun die Carmagnole,
Feiert den Ton,
Tanzt nun die Carmagnole,
Feiert den Ton der Kanon!
Monsieur Veto gab uns bekannt,
Er wollte treu sein seinem Land.
Doch das ging nebenher,
Jetzt keine Gnade mehr.
Tanzt nun die Carmagnole...
Die Antoinette wollte forsch
Uns fallen lassen auf den Orsch.
Doch der Schlag ging vorbei,
Sie hat die Nas entzwei.
Tanzt nun die Carmagnole...
Ihr Mann, als Sieger schon verklärt,
Er kannte wenig unsern Wert.
Geh, Ludwig, grober Wurm,
Vom Tempel in den Turm.
Tanzt nun die Carmagnole...
Die Schweizer gaben alle an,
Sie würden auf uns feuern dann.
Doch wie sie sprangen da,
Wie man sie tanzen sah.
Tanzt nun die Carmagnole...
Als Antoinette den Turm gesehn,
Da wollte sie sofort umdrehn.
Dir wurde schlecht so sehr,
Sie sah sich ohne Ehr.
Tanzt nun die Carmagnole...
Als Ludwig draußen graben sah,
Zu jenen Gräbern sprach er da,
Über ein kleines fort
Sei er an jenem Ort.
Tanzt nun die Carmagnole...
(gekürzt)
In diesen drei Liedern haben wir die ersten Etappen der Französi-
schen Revolution: Bastillesturm und Föderation - Beginn der nicht
mehr endenden Koalitionskriege - und Abschaffung der Monarchie.
Diese Lieder kennt man auch in Deutschland, wenigstens dem Namen
nach. Man kennt sie als die "Haßgesänge" der Revolution.
Und jetzt wollen wir noch einmal von vorn anfangen, wollen aus
jedem dieser entscheidenden Jahre vom Beginn des gegenwärtigen
Zeitalters einige Lieder hören, um vielleicht am Ende zu wissen,
was das ist, Enthusiasmus, was es heißt, bewußt für Freiheit -
Gleichheit - Brüderlichkeit zu kämpfen.
Im Jahre 1789 war der König völlig bankrott. Er berief die Gene-
ralstände nach Versailles, um neue Steuern auszuschreiben. Sein
Finanzminister Necker erwartete wenig von Adel und Klerus, viel
vom dritten Stand. Feierlich zogen die drei Stände in die Kirche
und machten sich am 5. Mai an die Rettung des Königreichs. Am 17.
Juni bereits erklärten sich die Bürgervertreter gegen Adel und
hohen Klerus zur Nationalversammlung und schwuren, Frankreich
eine Verfassung zu geben. Auf einen Choral von 1642 sangen die
Leute dieses Lied:
Lied von 1789
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Der Heilige Vater ist ein Kapaun,
Dem Pfaff, dem Schurken, ist nicht zu traun,
Der Erzbischof Halunke, ja,
Alleluia.
Die Bande jetzt im Wege steht
Dem Wohltun Seiner Majestät;
Er geht daran zugrunde, ja.
Alleluia.
Was nützet uns die Beichte schon
Sowie die Absolution?
Der Herr wird sie uns geben ja.
Alleluia.
Der Klerus hält sich steif und stur.
Das Brot wird immer teurer nur.
Doch Necker macht es billig ja.
Alleluia.
All ihre Schätze sind versteckt
In Eisenschränken eingeweckt.
Wir werden sie bald finden, ja.
Alleluia.
Herr Gott! ein End mach unsrer Not,
Befrei uns von der Rabenbrut.
Wir wollen singen Libera.
Alleluia.
Dieses Lied richtet sich nicht gegen die Religion, nicht gegen
den König. Den Atheismus der Aufklärung gab es nicht im Volke. Es
richtet sich gegen Adel und Klerus als Klassen, oder, wie man da-
mals sagte, Stände.
Auf der anderen Seite war man durchaus tolerant, wie das folgende
Lied von den Patriotischen Mönchen zeigt. Im Mai 1790 waren be-
reits die Kirchengüter eingezogen, um die Staatsschuld zu decken,
und es wurde Papiergeld darauf ausgestellt, die Assignaten. Im
Mai stellte jemand in der Nationalversammlung den Antrag, die
Glocken des Königreichs einzuschmelzen. Hören Sie, wie ein Prior
darauf eingeht. Die Weise ist ein altes klerikales Spottlied von
1659: Eh bon, bon, bon, que le vin est bon.
Die patriotischen Mönche
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In der Umgebung von Paris
Von grauen Mönchen ein Kloster ist,
Die sinnen nur aufs Trinken;
Wenn man mit einem sprechen will,
Muß man nicht suchen, er wird still
Im Refektorium winken,
Gehn sie einmal zum Chorgestühl,
So singen sie mit viel Gefühl:
He! gut, gut, gut,
Ist der Wein nicht gut,
Auf meinen Durst will ich trinken.
Neulich rief Dominus Brummbär,
Des frommen Hauses Oberer,
Zusammen seine Väter.
Ich glaube, sprach er, daß es frommt,
Wenn etwas Stärkung zu uns kommt
Und das Geschäft dann später,
Leert dieses üppige Flakon
Und singet all im Faux-Bourdon:
He! gut, gut, gut,
Ist der Wein nicht gut,
Auf meinen Durst will ich trinken.
Dem Antrag applaudierte man,
Eröffnete die Sitzung dann
Mit einem dicken Schinken;
Ein jeder Graurock ließ vom Fleck
Eine dreifache Scheibe Speck
Ballast in den Bauch sinken,
Dann hob die Stimme der Prior,
Doch sang er zweimal noch zuvor:
He! gut, gut, gut,
Ist der Wein nicht gut,
Auf meinen Durst will ich trinken.
Wir haben, so mein Kopf es tut,
Drei Glocken, die zu gar nichts gut
Und Dienst nicht mehr verrichten,
Dommus Brummbär hält davon,
Man soll zum Opfer der Nation
Pompös darauf verzichten;
Ein jeder lobet den Prior
Und wiederholt im Ehrenchor:
He! gut, gut, gut,
Ist der Wein nicht gut,
Auf meinen Durst will ich trinken.
Am 6. Oktober 1789 hatten die hungernden Fischweiber den König
aus Versailles nach Paris geholt und damit der Revolution eine
entscheidende Wendung gegeben. Nach diesem Oktober gingen viele
Royalisten und aristokratische Konstitutionelle bereits in die
Emigration. Am 11. Juli 1790 sang ihnen der beliebte Stücke-
schreiber Beffroi de Reigny, genannt le cousin Jacques, der Vet-
ter Jakob, von der Bühne des Beaujolais-Theaters in seinem Stück
"Die Vereinigung auf dem Parnaß" ein Spottlied nach. (Weise 1714)
Patriotisches Bild
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CLIO
Man sagt, daß in kurzer Zeit
Die Aristokraten
Wiederkommen weit und breit
zu ihren Penaten.
Schau mal, ob sie kommen, Jean,
Schau mal, ob sie kommen.
THALIA
Sie erwarten, ohne Spaß,
Ein Heer Engelknaben,
Das im Handstreich gutmacht, was
Sie verloren haben.
Schau mal, ob sie kommen, Jean,
Schau mal, ob sie kommen.
Wir haben jetzt eine gute Zahl Lieder gehört. Vielleicht lassen
sich einige allgemeine Hinweise hier einflechten. Wie kam es zu
dieser Sammlung, und was kam heraus dabei?
Die Idee, den Anstoß zu dieser Sammlung verdanke ich Erwin Pisca-
tor. Er lud mich ein, 1952 in Marburg und 1956 in Berlin an sei-
nen Inszenierungen des "Danton" von Georg Büchner mitzuarbeiten.
Wir versuchten dem Zuschauer, der von der Französischen Revolu-
tion nicht mehr viel weiß, etwas davon im Theater zu erzählen. In
Marburg projizierten wir Kommentare, in Berlin war das nicht mög-
lich. Also suchten wir Lieder jener Zeit, um sie dem Straßensän-
ger Büchners zu übergeben. Wir fanden die Hinweise auf außeror-
dentliche Quellen. Französische Forscher haben Ende des 19. Jahr-
hunderts den Bestand aufgenommen. Damade gab eine "Gesungene Ge-
schichte der ersten Republik", Tiersot schilderte "Die Feste und
Gesänge der Französischen Revolution", und Pierre schuf den na-
hezu vollständigen Katalog der "Hymnen und Chansons der Revolu-
tion" mit über 2250 Titeln, mit Quellen und Studien. Der Reichtum
ist enorm.
Man könnte eine Sittengeschichte der Zeit oder das Pariser Leben
aus Liedern zusammenstellen; könnte die Sorgen um Preise und
Löhne, die Assignaten, die Wucherer und Schieber, die Neureichen
und Ehemaligen schildern, den Zivilstand der Priester, das Brü-
dermahl, das Du, das Kochgeschirr, den Freiheitsbaum, die Adop-
tion, die Befreiung der Neger, den republikanischen Kalender, die
vielen neuen Feste einer neuen Zeit. Ebenso ließe sich eine Ge-
schichte der Revolutionskriege und der Armee, eine Galerie der
berühmten Männer und Frauen, oder das Leben der politischen In-
stitutionen, der Volksgesellschaften und Klubs in Liedern dar-
stellen. Denn überall wurde gesungen, sogar vor den Schranken des
Konvents. Danton, der am 15. Februar 1794 dagegen auftrat, daß
ein Lied im amtlichen Bulletin der Regierung abgedruckt wurde,
mußte sich von einem Deputierten verweisen lassen auf den "Nutzen
der patriotischen Gesänge, um die Herzen der Republikaner zu
elektrisieren". Und der Konvent und das Comité d'instruction pu-
blique riefen die Dichter und Musiker auf und halfen ihnen, Lie-
der zu veröffentlichen und zu vertreiben. Sänger und Musiker der
Nationalgarde, mit denen so berühmte Leute wie Gossec und M.J.
Chénier arbeiteten, und die 1793 zum "Nationalinstitut für Musik"
ernannt wurden, gingen in die Sektionen und zu den Truppen, um
die neuen Lieder und Hymnen einzuüben, um zu begeistern.
Die meisten dieser Lieder sind echte Volkslieder, wobei man al-
lerdings sehen muß, daß das französische Volkslied immer schon
bewußter und politischer war als das deutsche; es träumt weniger,
es hat mehr Pfeffer drin. Die nächsten vier Lieder zeigen das
sehr deutlich.
Im Juli 1790 sangen z.B. die Arbeiter auf dem Marsfeld nach dem
alten Königslied "Vive Henri quatre" (von ca. 1600) ein Kampflied
gegen die Aristokraten.
Strophen
--------
Aristokraten, ihr seid verwirrt und harsch,
Das Marsfeld haut euch die Schippe vor den Arsch;
Aristokraten, ihr seid verwirrt und harsch.
Eure Bastille, die euch so teuer war,
Wurde ein Krümel, zunichte ganz und gar,
Eure Bastille, die euch so teuer war.
König und Vater, Dir seid dem Bürger hold,
Dir seid ihm gnädig, weil Dir sein Bestes wollt,
König und Vater, Dir seid dem Bürger hold.
Oh! Fürst leutselig, unserer Liebe wert,
Dein Reich holdselig uns gute Zeit beschert,
Oh! Fürst leutselig, unserer Liebe wert.
Oder hören Sie das "Neue Lied" - Die "Freude des Père Duchesne
über die Abschaffung der Zollschranken von Paris, die Aufhebung
der Eingangszölle und die Verabschiedung der Zollbeamten für den
Monat Mai 1791". Nach der Melodie "Schönes Abenteuer".
Neues Lied
----------
Ihr Franzosen, freuet euch,
Die Versammlung mächtig
Erließ ein Dekret für euch,
Tat ihr Werk gar prächtig;
Alle Zöllner sind am End,
Filzen nichts mehr durch behend:
Die Versammlung hoch, juchhe,
Juchhe, die Versammlung!
Barnave und auch Mirabeau,
Das sind Väter weise;
Wie macht dieser Tag uns froh
Hier im Erdenkreise!
Sind zufrieden, wie es steht,
Keiner fischt mehr im Paket.
Ade, Barrier'n, juchhe,
Ade, Barrieren.
Trinken wir uns voll und toll
Am Wein und am Biere,
Feuerwasser, Pötte voll,
Alles nach Pläsiere;
Ochsen, Kühe, Kälber frei,
Butter und Gackei, ei, ei,
Ade, Barrier'n, juchhe,
Ade, Barrieren.
Können über die Grenze hin
Und uns holen gehen,
Was für Nutzen und Gewinn
Dringend vorgesehen,
Ohne daß uns wehe tut
Zöllnerhohn und Übermut.
Ade, Barrier'n, juchhe,
Ade, Barrieren.
Unsere Vertreter hoch!
Denkt an das Gelingen,
Unsre Kinder sollen noch
Ihren Ruhm besingen,
Preisen ihre Werke so;
Aus wird sein das Zollbüro.
Gut ist die Geschieht, juchhe,
Gut ist die Geschichte!
Wer hat diese Lieder gemacht? - Jedermann. Die Gelegenheitsdich-
ter, Amateure, Publizisten, Librettisten kamen aus allen Berufen
und Klassen. Es waren Richter, Advokaten, Ärzte, Professoren, Ex-
Adlige; viele gingen aus dem Lehrer- und aus dem Schauspieler-
stand hervor, wurden Beamte und kehrten nach dem Ende der revolu-
tionären Ereignisse (besonders um 1800) wieder in den alten Beruf
zurück.
An die Stelle des Namens setzen sie oft: Buchhalter, Limonadever-
käufer, Bauer, Maler, Druckergeselle, Apothekergehilfe. Oder fü-
gen hinzu: Patriot fürs Leben, Freier Republikaner, Sansculotte
auf Leben und Tod. Oder es wird der Stadtteil, die Sektion ge-
nannt: Bürger vom Arsenal, von der Bibliothek, vom Contrat So-
cial.
Von einem Apothekergehilfen - und sie verstehen gleich die An-
spielung - stammt das Lied "Vom großen vereinigten Schiß der
Preußen und Oesterreicher". Es bezieht sich auf den 21. September
1792, als die deutschen Truppen bei Valmy geschlagen wurden, und
wegen Regen und schlechter Verpflegung einen furchtbaren Durch-
fall hatten - der Augenzeuge Goethe spricht dezent von "der
Krankheit". Sie kennen Goethes Trostspruch aus seiner "Campagne
in Frankreich": "Von hier und heute geht eine neue Epoche der
Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen."
- Trost bei Goethe.
Der große vereinigte Schiß der Preußen und der Österreicher
-----------------------------------------------------------
(Weise von den Erdbeeren)
Ah! das Elend, das da liegt!
Wer weiß, was soll das heißen;
Diese Preußen unbesiegt
Samt den Austros hab'n gekriegt
Das Scheißen, das Scheißen, das Scheißen.
Spricht Braunschweig: Soldaten raus,
Zum Sieg laßt euch mitreißen!
Kommt die Antwort, Hose aus:
Großer Herr, wir hab'n, o Graus,
Das Scheißen, das Scheißen, das Scheißen.
Unserm Land, wo Freiheit schafft,
Wollt ihr den Ruhm entreißen;
Doch mit eurer Fassungskraft
Habt ihr alle aufgerafft
Das Scheißen, das Scheißen, das Scheißen.
Euer Manifest kommt dann
Weiter, als ihm verheißen;
Hier bedient sich jedermann
Seiner, fingt mal bei ihm an
Das Scheißen, das Scheißen, das Scheißen.
Deine Schlachten, Alter Fritz,
Noch immer bei uns gleißen:
Saubre Wäsche - so ein Witz!
Sag, wie du kurierst, potz Blitz,
Das Scheißen, das Scheißen, das Scheißen?
Dein armseliger Soldat,
Knecht deines Ruhms geheißen,
Grüne Trauben früh und spat
Futtert er, bis daß er hat
Das Scheißen, das Scheißen, das Scheißen.
Dir Tyrannen, es ist klar,
Nichts mehr von Zauberkreisen;
Die Hofleute zahlen bar,
Sind bei uns nicht quitt, fürwahr,
Mit Scheißen, mit Scheißen, mit Scheißen.
Dumouriez wird Sieg und Schwert
In der Geschichte heißen;
Bei dem Namen hochverehrt
Kriegen die Despoten wert
Das Scheißen, das Scheißen, das Scheißen.
Einen echten Volkston hat auch das Lied von der sanften Guillo-
tine, das bei einem Brüdermahl im Jahre 1793 gesungen wurde. Ge-
sungen hat es der Bürger X, ein Sansculotte, ein Mann des kleinen
Volkes der Vorstädte, das keine Kniehosen, culotten der Ober-
klasse trug, sondern pantalons, wie wir heute. Das Brüdermahl
wurde auf der Straße gefeiert, die Leute holten Tische heraus,
legten zusammen, aßen, tranken und sangen.
Die Lieder haben besondere Bedeutung als Selbstzeugnisse des
kleinen Volkes, der Sansculotten. Von den Sansculotten, die das
Jahr 1793 beherrschten, kamen sonst nicht viele Dokumente auf
uns. Sie selbst schrieben nicht viel, und die Konterrevolution
und Restauration bewahrten keine auf - höchstens für Prozesse.
Ein Teil wurde 1871 beim Brand des Hotel de Ville vernichtet. Die
Sansculotten waren kleine Händler, Handwerksmeister und Gesellen,
Arbeiter, Überreste der Zunftbürger des Mittelalters, drängen auf
die Verwirklichung des "gerechten Staates": auf das Maximum fürs
Kapital und die Preise, auf hohe Steuern für die großen Vermögen,
auf Steuererleichterung für sich selber. Sie sind die Massen, die
die Revolution gemacht haben, aber nicht die Klasse, der sie zu-
gute käme. Sie verbünden sich mit Robespierre, solange er den
"gerechten Staat" zu verwirklichen scheint. Aber sie verlassen
ihn, als er sie in der Lohnfrage verläßt.
Ihre Lieder zeigen mit ihren Ideen ihre Illusionen. Politisch
sind sie vage, halten sich im Schlepp der Bourgeoisie an die of-
fiziellen Formeln, wenn auch schärfer und härter. Sozial und
wirtschaftlich sind sie sehr deutlich. Ihre Not trieb sie zur
Tat, der furchtbare Kampf ums tägliche Brot machte sie reali-
stisch.
Hören Sie die "Sanfte Guillotine", die auf die harten Kämpfe des
Jahres 1793 gesungen wurde, als von 80 Departements nur noch etwa
30 zur Republik standen, als die Konterrevolution der Royalisten
und Girondisten im Lande tobte. (Weise 1762)
Strophen
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Die sanfte Guillotine
Mit zauberhaftem Schein
Zieht an mit süßer Miene
Die Leute groß und klein.
Na, aber ja,
Wie kann man etwas Böses finden da.
Die Herren und die Prinzgen,
Sie schneiden ihr die Cour,
Die Bürger, selbst die winzgen,
Versuchen eine Tour.
Na, aber ja,
Wie kann man etwas Böses finden da.
Die Häupter mit den Kronen,
Mit Mitra und Krummstab,
Die Puppen, die beiwohnen,
Erbitten milde Gab.
Na, aber ja,
Wie kann man etwas Böses finden da.
Paar Delegierte, Biester,
Warben um ihre Gunst,
Und auch selbst einige Priester
In ihrer heiligen Brunst.
Na, aber ja,
Wie kann man etwas Böses finden da.
Die Wucherer, die reichen,
Ließen die Läden stehn,
Um mit Gesichtern bleichen
Auf ihren Schoß zu gehn.
Na, aber ja,
Wie kann man etwas Böses finden da.
Und manche Galgenvögel
Sind auch ihre Galan'
Und bieten in Gehröcken
Dir heiße Schwüre an.
Na, aber ja,
Wie kann man etwas Böses finden da.
Aus der gleichen Situation ist der folgende "Rundgesang der Bür-
ger" zu verstehen, der am 9. Oktober 1793 im Nationaltheater der
Komischen Oper gesungen wurde, und zwar in dem Divertissement
"Das Bürgerfest"; der Autor ist unbekannt, die Melodie ein Volks-
lied: "Colinette ging zum Holz hin". Das Lied bezieht sich auf
das Gesetz gegen die Verdächtigen vom September 1793, das der Be-
völkerung höchste Wachsamkeit empfahl. Es ist die Hauptzeit der
sogenannten Terreur, die mit der Gründung des "Revolutions-
tribunals" im März begann, durch den Sturz der Girondisten im
Mai/Juni und die Ermordung Marals am 13. Juli wirksam wurde. Das
Revolutionstribunal erkannte nur auf Freispruch oder Tod.
Rundgesang der Bürger
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In Frankreich gab es früher mal
Die Großen hier, die Großen da.
Trala deridera:
Man war von ihrer Minderzahl
Gepeinigt hier, geplündert da.
Trala deridera:
Der Emigrant glaubt ganz fatal,
Er kommt bald wieder trimphal.
Doch Achtung auf den Schädel!
Traderidera, la la la la la la la la.
Trala deridera.
GILLES
Und kommt der Emigrant, er wird erkannt,
wir machen dicht, er wird gericht', und jeder
spricht:
Ja was is'n dabei, Colinette,
Ja was is'n dabei.
DIE BÄUERIN
In Frankreich viel geschehen mag
Verräterei bald hier, bald da.
Trala deridera:
Und da ist jeder von uns wach:
So mancher Mann steht in Verdacht.
Trala deridera:
Der Schlaue wird so bald nicht schwach,
Nimmt, was er weiß, noch mehr in acht.
Doch Achtung auf den Schädel!
Traderidera, la la la la la la la la.
Trala deridera.
GILLES
Ein jedermann, der in Verdacht, wird schon ausgemacht,
wir machen dicht, er wird gericht', und jeder spricht:
Ja was is'n dabei, Colinette,
Ja was is'n dabei.
Das nächste Lied, auch auf die Sansculotten gesungen, kommt eben-
falls vom Theater. Das Wort Sansculotte - Ohnehosen gibt darin
Anlaß zu allerlei hübschen doppelsinnigen Anspielungen, und man
sieht hier, daß der große Begriff durchaus in menschlich-erreich-
barer Nähe bleiben kann, ohne von seiner Bedeutung zu verlieren.
(Die glückliche Dekade, Barre, Leger, Boisieres, von den Schul-
den, Champein 1787)
Die Sansculotten
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Um zu zermalmen unsern Feind,
Sind die Franzosen, alter Freund,
Glühende Patrioten;
Doch für Erfolge, Sieg um Sieg,
Sei's in der Liebe, sei's im Krieg,
Ein Hoch den Sansculotten.
Die Preußen, sagt man ganz verquer,
Die Engländer und Österreicher
Sind keine Patrioten;
Ich schwör euch hier, daß wir martial
Sie änderten mehr als einmal
Zu echten Sansculotten.
Wenn ich mal liebe, sagt Manon,
So will ich einen muntren Sohn
Und guten Patrioten.
Mit Kleid und Haar nehm ich vorlieb,
Doch ihm zulieb und mir zulieb
Möcht ich ihn sansculotten.
Ich liebte einmal Schön-Damis,
Ein Hübscher, den man dennoch pries
Als guten Patrioten;
Doch wie nahm zu mein Liebesbrand,
Als ich ihn "auf der Höhe" fand
Und sah ihn sansculotten.
Wir wollten hier in unserm Lied
Darbieten etwas fürs Gemüt,
Für gute Patrioten.
Habt ihr gelacht mit frohem Mut,
Beklatscht Autor und Sänger gut,
Sie sind ganz Sansculotten.
Straße und Theater waren die Umschlagplätze dieser Lieder. Die
Leute fühlten sich im Theater wie zu Hause, sie sangen mit, grif-
fen ein, warfen Zettel mit neuen Liedern auf die Bühne. Von 1750
bis 1789 wurden aus etwa 60 Singspielen über 100 Lieder Allge-
meingut. Dazu kam eine Masse von Zeitstücken, die seit 1789 die
Bühne bevölkerten; der berühmteste Autor war der als "Vetter Ja-
kob" bekannte Beffroi de Reigny, dessen "Nikodemus im Monde oder
die friedliche Revolution" (1790) fast vierhundertmal aufgeführt
wurde. Die übrigen Melodien waren aus zwei Jahrhunderten überlie-
fert, Volkslieder, Schäferlieder, Weihnachtslieder, Gassenhauer,
Choräle, Liebeslieder, Tänze. Im ganzen wurden etwa 270 Weisen
ständig verwendet, ein erstaunlicher Schatz. Höchstens 150 Chan-
sons und Hymnen wurden neu komponiert. Ein Meisterwerk von Bef-
froi de Reigny ist das folgende Lied im bäuerlichen Ton, das in
einem großen Bild die Revolution materiell und geistig als einen
Kampf von Klassen darstellt. Ich finde, dieses Lied aus der
volkstümlichen französischen Theatertradition ist so groß, daß
man auf den Gedanken kommen könnte, es sei bei Brecht abgeschrie-
ben, oder umgekehrt, Brecht habe es gekannt, als er seinen
"Galilei" schrieb. Es wurde aufgeführt am 28. Oktober in der Rue
Feydeau, Worte und Weise von Beffroi de Reigny.
Also, das geht
--------------
Schafften unterm König der Franzen
Adel und Priester alles beiseit;
Posten, Ehren, Recht und Finanzen
Nahmen sie ohne Genierlichkeit;
Gleichheit? um nicht davon zu reden;
Freiheit! soviel wie in die Hand;
Das martert jeden!
Wie es stand!...
Der liebe Gott - man glaubt', daß er ruhte:
(er spricht)
Denn er hatte sich schlafend gestellt, seht ihr? aber auf einmal
macht er die großen, großen, großen Augen auf, genau so! und
wirft Blicke der Barmherzigkeit auf diese arme Volk, ah! Deibel,
sagt er, hat er gesagt, genau so, der liebe Gott! auf der einen
Seite alles und auf der anderen nichts? So verteilt Harlekin,
sagt er, genau so hat er gesagt; oh! das geht so nicht weiter...
(Rezitativ)
Meine Herren der zwei Stände, ihr lebt nur vom Schweiß des drit-
ten Stands
und ihr bringt ihm nur Leid!
Ich zeig euch, wie dem Volk ist zumute,
Ihr seid nicht mehr lange zu zweit.
Seht das Volk im Zorn sich erheben, Seine Rechte fordern so-
gleich; Und es sagt, im irdischen Leben, Vorm Gesetz sind wir
alle gleich: Leider find't die Gleichheit den Tadel Derer, die
sich mehr dünken als wir, Klerus und Adel!
Achtung, ihr!...
Ah! ah!
Ihr wollt nicht, daß in der Politik...
(er spricht)
von allen Kindern des gleichen Schöpfers eins soviel wie das an-
dre ist... Heda! von wegen, denn das ist genau so, Potzmord: 's
gibt nur noch eine Klasse von Bürgern...
(Rezitativ)
und die Posten, die Ehren, das Wohl, das Übel, die Freude, das
Leid,
alles wird allgemein;
Wir zeig'n euch, daß in der Republik
Man fürs Gute eins nur muß sein.
Die allgemeine Kenntnis dieser Weisen war das Feld, auf dem die
Straßensänger ernteten. Die Zeitungen jener Jahre berichten immer
wieder, wie sich Hunderte von Menschen auf bestimmten Straßen und
Plätzen ansammelten, um den von Gitarren, Geigen, Drehleiern be-
gleiteten Sängern zuzuhören, die ihre Strophen und Liederblätter
anboten. Auch die Polizei wagte in all den Jahren nicht, sie zu
verjagen, wenn sie es nicht zu toll trieben, wie der junge Mann,
der 1796 seinen König wiederhaben wollte und dafür deportiert
wurde.
Im Juli 1793 fand die Chronique de Paris: "Man braucht schon
einen Schatz von Heiterkeit, um in dieser Zeit noch zu singen.
Aber da alle Welt singt, ist es gut, miteinzustimmen." Was alle
Welt sang, das druckten die Verleger. Eine gewisse Vollständig-
keit erreichten die Drucke des Verlegers Frere in der Passage
Saumon. Etwa 260 Stücke in mehreren Serien sind erschienen, wenn
auch nicht alle erhalten. Mit schlechten Buchstaben, schlechter
Farbe, schlechter Orthographie, auf schlechtem Papier gedruckt,
sind diese numerierten Fliegenden Blätter von Frère doch eine
herrliche Sache. Ein großer Teil der Sammlung ist hier gefunden
worden.
Aus dem Theaterstück "Auf der Rückkehr" kommt das nächste Lied.
Die Bürger Radet und Desfontaines schildern darin den , patrioti-
schen Pastor". Die französischen Priester entschieden sich 1789
in ihrer Mehrheit für den Dritten Stand. Seit 1790 waren sie Bür-
ger in Zivil, im September 1791 schwuren sie den Bürgereid - und
wurden dafür vom Papst exkommuniziert. Die Eidverweigernden dage-
gen wurden expatriiert (ausgewiesen).
Der patriotische Pastor
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Patriot ist unser Paster,
Er tut seine Bürgerpflicht,
Ist Pastor und Sansculotte,
Einen bessern gibt es nicht.
Jedes Pfarrkind kann sich ihn
Beispielhaft zu Rate ziehn.
Unser Herz,
Unser Herz,
Unser Herz schlägt ganz für ihn,
Schlägt ganz für ihn, schlägt ganz für ihn.
Künftig in der Pfarrerstelle,
Wo die Freiheit kehrte ein,
Wird kein kalter Junggeselle
Mehr allein Bewohner sein.
Uns' Pastor im eignen Bau
Nimmt den Zehnten nicht mehr, schau:
Denn er hat,
Denn er hat,
Denn er hat 'ne eigne Frau,
'ne eigne Frau, 'ne eigne Frau.
Ohne Hilfe der Soutane,
Angetan auf unsre Art,
Bringt er die im Sündenbanne
Wieder auf den Tugendpfad:
Predigt anderen vom Kind,
Nachts als guter Mann geschwind
Macht er dann,
Macht er dann,
Kinder, die sein eigen sind,
Sein eigen sind, sein eigen sind.
Wenn in Rom der alte Bischof
Etwa dumme Sprüche kürt
Und den manngewordnen Priester
In den Bann kanonisiert,
Bleibt der Pfarrer gottlob kühn
Und hört weiter gar nicht hin.
Denn er hat,
Denn er hat,
Auch Kanonen - und für ihn,
Und ganz für ihn, und ganz für ihn.
Für die reichen Kaufleute und Börsenspekulanten, die sich am
ständig aufschlagenden Kornpreis bereicherten, war gute Zeit. Für
sie waren die Grenzen der Revolution längst erreicht. Die Bevöl-
kerung hungerte. Die Stadt Paris tat etwas Versorgung mit Brot,
Bau von Hospitälern und Armenhäusern, Notstandsarbeiten, Versor-
gung der Angehörigen von Soldaten. Dazu war Geld nötig, also wur-
den 1793 die Steuern der reichen Leute erhöht, wurden Zwangsan-
leihen ausgeschrieben.
Nach dem alten Kehrreim Biribi-Barbari entstand darauf ein sehr
deutliches Lied.
Die Zwangsanleihe 1793
----------------------
Weise: La faridondäne
Es gab so manchen weisen Plan
Und Rat für die Moneten;
Die Zwangsanleihe, lieber Mann,
Allein wird Frankreich retten.
Wer hat noch nicht, sagt das Chanson,
La faridondäne, la faridondon;
Singt alle den Refrain wie nie,
Biribi,
Auf die Manier von Barbari,
Holali.
Lakai des Hofes, über Nacht
Versehen mit Patenten,
Mit Schachern monatlich er macht
Sich hundert Mille Renten;
Er dient nicht mehr auf dem Perron,
La faridondäne, la faridondon;
Er tanzt dort, Gottseidank, und wie!
Biribi,
Auf die Manier von Barbari,
Holali.
Die Herren Spekulanten ziehn
An jedem Tag zum Feste;
Im Restaurant reichen sie hin
Tausend Taler als Gäste.
Sie singen all im gleichen Ton,
La faridondäne, la faridondon.
Bald wird man singen lassen sie,
Biribi,
Auf die Manier von Barbari,
Holali.
Dir Herren, laßt die Arbeit ruhn,
Zuviel Gewinn mag drücken;
Was ihr im kleinen nähmet,
nun Gebt's her in großen Stücken;
Es lebe die Erfassung schon!
La faridondäne, la faridondon.
Zu fette Schweine schröpft man, wie...
Biribi,
Auf die Manier von Barbari,
Holali.
Was sagt ihr zu dem Ackersmann
Mit Land an tausend Morgen;
Das schöne Schloß vom Edelmann
Ist sein Besitz geworden;
Bezahlte er eine Million,
La faridondäne, la faridondon,
So hätte er auch noch Profit,
Biribi,
Auf die Manier von Barbari,
Holali.
Gute Franzosen, wollt ihr nicht
Froh zum Notar hingehen;
Ein Sohn hat doch gewiß die Pflicht,
Der Mutter beizustehen?
Wie wird es machen ein Kujon,
La faridondäne, la faridondon,
Er zieht ein Maul dabei und wie...
Biribi,
Auf die Manier von Barbari,
Holali.
(gekürzt)
Ich sprach schon von den schweren Kämpfen des Jahres 1793. Im
Frühjahr hatten die deutschen Heere wieder angegriffen. Aber die
größte Gefahr waren die Aufstände im Lande selbst. Seit März und
Mai fielen ab: Marseille, Tou-lon, Bordeaux, die Vendee, die Bre-
tagne, die Normandie. Lyon, die Stadt der reichen Seidenhändler,
war schon im Mai royalistisch. Die Engländer hatten Toulon genom-
men und hofften auf Lyon. Die Stadt mußte genommen werden. Am 9.
Oktober 1793 wurde sie besiegt und erfuhr ein ernstes Gericht:
streng gegen die Anstifter, nachsichtig gegen die kleinen Leute.
Ende Dezember wurde auch Toulon genommen (mit Napoleon Bonaparte)
und damit trat die Wendung des Krieges ein. Nach der Melodie der
Carmagnole wurden viele Lieder auf diese Ereignisse gesungen.
Lyon ist zum Teil auf Flußinseln erbaut, das Lied spielt darauf
an - Marais = Sumpf heißt in Paris die Wohngegend des damaligen
Adels. Muscadin = Moschusstinker war der Spitzname für die reiche
Jugend und für die Luxusmanufaktur. "Heiße Hand" ist im Argot die
Guillotine, ebenso "Fenêtre à Capet" - Fenster des Louis Capet,
hier "Ludwigs Eisenrock".
Die Übergabe der Stadt Lyon
---------------------------
Wir haben die Lyoner Stadt,
Die Moschusbrüder liegen platt,
Die Köten aus dem Sumpf
Fingen wir mit Triumph.
Die Republik soll leben
Und die Lektion,
Die Republik soll leben
Und die Lektion von Lyon.
Die Moschusbrüder wollten sehn
Den dicken Ludwig auferstehn;
Man muß, um zu kuriern,
Sie schon capetisiern.
Und all die Tartuffes schön mitriert,
Denen die Freunde emigriert,
Gehen wie Sankt Denis
Kopflos ins Paradies.
Die Republik soll leben
Und die Lektion,
Die Republik soll leben
Und die Lektion von Lyon.
Genauso wird es noch ergehn
All den rebell'schen Männeken,
Den Menschenfressern dann,
Pfaff, König, Edelmann.
Die Republik soll leben
Und die Lektion,
Die Republik soll leben
Und die Lektion von Lyon.
Der blöde Georg in Toulon
Serviert uns Platten seiner Fasson.
Paß auf, du Sägebock,
Kriegst Ludwigs Fensterstock!
Die Republik soll leben
Und die Lektion,
Die Republik soll leben
Und die Lektion von Lyon.
Spitzbube Coburg, Bruder Pitt,
Die heiße Hand nehme euch mit.
Dir Könige alter Zeit,
Auch ihr verkürzet seid!
Die Republik soll leben
Und die Lektion,
Die Republik soll leben
Und die Lektion von Lyon.
Das ist der Sansculotten Lehr:
Sie dulden keinen König mehr.
Wir fliegen in die Schlacht,
Weg mit der Niedertracht!
Die Republik soll leben
Und die Lektion,
Die Republik soll leben
Und die Lektion von Lyon.
Ein ganzes Volk, das aufrecht steht,
Den Weg bald bis zum Ende geht;
Das Wildbret mit der Krön
Ißt es zum Frühstück schon.
Die Republik soll leben
Und die Lektion,
Die Republik soll leben
Und die Lektion von Lyon.
Zu keiner Epoche ist so viel gesungen worden wie über die Revolu-
tion, sagt der einzigartige Kenner Pierre, es gibt kein Thema,
das nicht besungen wurde. Die wahre Ästhetik des Volkes. Pierre
zählte für 1789 über 100 Chansons und Couplets, für 1790 über
200, für 1791 und 1792 je über 300, fast 600 für 1793 und 700 für
1794 - für die Jahre der Jakobiner und Sansculotten also die dop-
pelte Zahl. Im Thermidor 1794 werden die Jakobiner geschlagen, im
Germinal und Prärial 1795 die hungernden Sansculotten, und mit
einem Schlag ist es vorbei: 137 Lieder. Bis 1800 sinkt ihre Zahl
auf 25 herab.
Aus der schweren Zeit im Frühjahr 1795, als die Jeunesse dorée,
die arrogante Jugend der siegreichen Bourgeoisie, mit dicken Kno-
tenstöcken hinter Jakobinern herlief, stammt unser letztes Lied,
"Le dam du patriote". Es steht gegen die ungeheuerlichen Lieder
dieser Jugend, wie das "blutrünstige Reveil du peuple", das pa-
thetische Lied der Arrivierten. Dieses "Dam du patriote" gibt die
Haltung der unbekannten Kämpfer der Revolution wieder, die genau
wußten, warum sie gekämpft hatten, und die von vorn an die Arbeit
gehen mußten für ihren kommenden Tag.
Und ich finde, wie die französischen Revolutionäre ihre unter-
drückten Vorfahren rächten - und das ist ein ganz nobler Kern
dieser Revolution, der heute viel zu leicht vergessen wurde - so
haben wir die Pflicht, diesen französischen Sängern unsere Stimme
zu leihen, damit, wie Benjamin sagt, "die Überlieferung von neuem
dem Konformismus" abgewonnen werde, nicht als "Beute" oder
"Kulturerbe" oder "Kulturgut", sondern "als Zuversicht, als Mut,
als Humor, als List, als Unentwegtheit" im Kampf um die Emanzipa-
tion der Menschen und der Menschheit.
Das Mann! Des Patrioten.
------------------------
Weise des Camille: Man sagt uns, daß es in der Ehe
Man sagt uns, Knechtschaft sei nicht bitter,
Da könnten wir auch glücklich sein,
Freiheit ging' voraus dem Gewitter,
Die Ruhespanne sei nur klein.
Mann, Mann,
Mann, das kann sein,
Mann, Mann,
Mir fällt's nicht ein.
Aber das hoffe ich für später,
Die Enkel mein
Werden froh sein
Über die Taten ihrer Väter.
Man sagt uns, Knechtschaft sei nicht schändlich,
Da schlief manches Volk lange nun,
Und das sei weise und verständig,
Wir täten gut, es auch zu tun.
Mann, Mann,
Mann, das kann sein,
Mann, Mann,
Mir fällt's nicht ein.
Aber das hoffe ich für später,
In hundert Jahrn
Enkel verfahrn,
So wie verfuhren ihre Väter.
Ich weiß noch, ich weiß, daß mein Vater
Niemals ein Wort von Freiheit sprach,
Nichts davon, nein, geliebt noch hat er
Das Joch, das ihn einst hielt in Schach.
Mann, Mann,
Das sollte sein,
Mann, Mann,
Will's nicht beschrein,
Aber das tu ich nicht, Gevatter,
So wie es tat,
So wie es tat,
So wie es tat mein Vater.
Man sagt uns, die Aristokraten
Verlachen die Konstitution,
Man sagt uns, daß die Demokraten
Bald sterben an der Schwindsucht schon.
Mann, Mann,
Mann, das kann sein,
Mann, Mann,
Das stellt sich ein.
Aber das, das muß man nicht glauben,
Daß ich nicht weiß,
Wer mit dem Preis,
Wer sich mit Sieg wird umlauben.
Man sagt uns, sagt uns immer wieder,
Daß der Emigrant stärker ist,
Der Klerus weise und so bieder
Unsere Schuld gerecht abmißt.
Mann, Mann,
Mann, das kann sein,
Mann, Mann,
Das stellt sich ein,
Doch ich hoff, wartend auf die Raben,
Haben wir Zeit,
Sehen wir weit,
Was wir zu tun werden haben.
_____
*) Der abgedruckte Text folgt dem Vortragsmanuskript, das im Sem-
mer-Archiv der Akademie der Künste der DDR in Berlin / DDR aufbe-
wahrt wird. Wir danken Frau Eise Semmer und den Kollegen der Aka-
demie der Künste für Ihre Unterstützung, die diese Erstveröffent-
lichung möglich machte. Der Text ist um die Eingangspassage, die
am 1. Mai anknüpft, gekürzt (Anm. d. Red.).
**) Die Liedertexte folgen: Gerd Semmer (Hg.), Ça ira. 50 Chan-
sons, Chants, Couplets und Vaudevilles aus der Französischen Re-
volution 1789 - 1795. Herausgegeben und übertragen von Gerd Sem-
mer, Berlin/DDR ² 1962.
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