Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988
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GOETHE UND DIE GROSSE FRANZÖSISCHE REVOLUTION
Robert Steigerwald
Das große Weltereignis an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert,
die Große Französische Revolution, zog auch im zerrissenen
Deutschland alle großen und kleinen Geister in seinen Bann, Kant
und Schiller, Fichte und Klopstock, Beethoven und Hegel und wie
sie alle geheißen haben. Erst recht mußte es auf Goethe, diesen
durch und durch weltverwurzelten Menschen, einen unauslöschlichen
Eindruck machen. Goethe verstand sich völlig eingebunden in seine
Zeit. "Ich habe den großen Vorteil..., daß ich zu einer Zeit ge-
boren wurde, wo die größten Weltbegebenheiten an die Tagesordnung
kamen und sich durch mein langes Leben fortsetzten, so daß ich
vom Siebenjährigen Krieg, sodann von der Trennung Amerikas von
England, ferner von der Französischen Revolution und endlich von
der ganzen Napoleonischen Zeit bis zum Untergang des Helden und
den folgenden Ereignissen lebendiger Zeuge war. Hierdurch bin ich
zu ganz anderen Resultaten und Einsichten gekommen, als allen
denen möglich sein wird, die jetzt geboren werden und die sich
jene großen Begebenheiten durch Bücher aneignen müssen, die sie
nicht verstehen." 1)
Goethe nennt hier nur die großen politischen Staatsaktionen. Er
war jedoch auch Zeitzeuge anderer, wichtiger Ereignisse. So
konnte er noch am Ende des 18. Jahrhunderts selbst den Luftballon
der Gebrüder Montgolfier aufsteigen sehen. "Wer die Entdeckung
der Luftballone miterlebt hat, wird ein Zeugnis geben, welche
Weltbewegung daraus entstand, welcher Anteil die Luftschiffer be-
gleitete, welche Sehnsucht in soviel tausend Gemütern hervor-
drang, an solchen längst vorausgesetzten, vorausgesagten, immer
geglaubten und immer unglaublichen gefahrvollen Wanderungen teil-
zunehmen, wie frisch und umständlich jeder einzelne glückliche
Versuch die Zeitungen füllte, zu Tagesheften und Kupfern Anlaß
gab, welchen zarten Anteil man an den unglücklichen Opfern sol-
cher Versuche genommen." 2) Dies Ereignis ist wohl nur jenem ver-
gleichbar, das sich in den 50er Jahren unseres Jahrhunderts ab-
spielte, als der erste Sputnik in eine Erdumlaufbahn geschossen
wurde und in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" mit jenem Wort
Goethes kommentiert wurde, das er am Abend der Kanonade von Valmy
ausgesagt hat: "und Ihr könnt sagen, Ihr seid dabei gewesen!"
Drei bewegende Kräfte der Persönlichkeit Goethes
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Goethe hat sich in Leben und Werk immer wieder als eine großar-
tige innerlich harmonische, einheitliche Persönlichkeit erwiesen.
Der Widerspruch seines Lebens, auf den noch einzugehen ist, ent-
springt dieser persönlichen Einheit namens Goethe und der deut-
schen Wirklichkeit namens Misere. Alles, was Goethe unternahm,
kann nur aus diesem in sich harmonischen Wesen heraus verstanden
werden. Und wenn ich es richtig sehe, sind es drei bewegende
Kräfte, die Goethes Persönlichkeit prägten.
Da ist zuerst seine Weltanschauung zu nennen. Früh ist sie durch
die materialistischen Auffassungen des Lucretius Carus und später
Spinozas geprägt. "Wenn ich auch gleich für meine Person an der
Lehre des Lucrez mehr oder weniger hänge und alle meine Präten-
sionen in den Kreis des Lebens einschließe...", schreibt er am 2.
Februar 1789 an Fritz zu Stolberg. 3) Den Spinozismus Goethes be-
legen zu müssen, hieße schon fast, die berühmten Eulen nach Athen
tragen zu wollen.
Aber diese Position bewirkt den leitenden Gedanken des gesamten
Goetheschen Werkes - und dies eben ist das zweite Motiv im Wirken
Goethes -, den Gedanken von der Einheit der Natur. Alle natürli-
chen Dinge stünden in einem genauen Zusammenhang. Einheit der Na-
tur, dies sah Goethe so sehr, daß er der Überzeugung war, auch
sein künstlerisches Werk nur dann in vollendeter Gestalt schaffen
zu können, wenn er es auf der Grundlage tiefgehender Naturfor-
schung aufbaue.
Freilich gehört hierzu auch die Enttäuschung, die Goethe - noch
vor der Großen Französischen Revolution - bei seinem mit großer
Entschlossenheit und Geduld, auch mit Selbstverleugnung unternom-
menen Versuch erlebte, von Weimar aus politisch in dem Sinne ak-
tiv zu werden, feudale Verhältnisse im Wege von Reformen bürger-
lich umzugestalten. Die Frustration bewirkte seine Flucht nach
Italien und seine verstärkte Hinwendung zu naturwissenschaftli-
chen Studien. Das Wort, daß sie uns nicht betrügen, prägte er
zwar erst 1831, aber es kennzeichnete schon sehr früh seine Gei-
steshaltung.
So ist denn das naturforscherische Werk Goethes so sehr ein Ele-
ment seines Lebens und Wirkens, daß man kein wirkliches Goethe-
bild zeichnen kann, ohne dies in Rechnung zu stellen (und dies
ist eben auch der große Mangel des ansonsten großartigen Goethe-
buchs von Georg Lukács). Zwölf Bände wissenschaftlicher Arbeiten
füllen die Weimarer Sophien-Ausgabe! Sie umfassen den ganzen Be-
reich der damals bekannten Naturwissenschaften. Und darunter sind
einige wirklich wichtige Entdeckungen. Engels hat denn auch in
seiner Arbeit über Ludwig Feuerbach der genialen Vorahnungen der
späteren Entwicklungstheorie durch Goethe gedacht. 4) Goethe
wurde zum Entwicklungsgedanken, zur historischen Methode ge-
drängt, und dies zu einer Zeit, da in den Naturwissenschaften die
statische und katalogisierende Methode des großen Linne noch al-
lesbeherrschend war. Bis unmittelbar vor seinem Tode beschäftigte
sich Goethe mit den Problemen der Naturwissenschaft, insbesondere
der Entwicklungstheorie. Die letzte Arbeit, vor seinem Tode ge-
schrieben, behandelte den berühmten Streit zwischen Cuvier und
Saint-Hilaire.
Aber diese Entwicklungskonzeption, diese dialektische Konzeption
Goethes, so großartig sie sich auch von der metaphysischen herr-
schenden Auffassung seiner Zeit abhob, erreichte dennoch nicht
jenes Niveau, das etwa gleichzeitig der große deutsche Philosoph
Hegel erreichte. Es darf auch nicht übersehen werden, daß Goethes
Kritik des naturwissenschaftlichen Wissens seiner Zeit sich auch
gegen Richtiges (z.B. bei Newton) wandte. "So ruhen meine Natur-
studien auf der reinen Basis des Erlebten, wer kann mir nehmen,
daß ich 1749 geboren bin, daß ich... Schritt für Schritt folgend,
die großen Entdeckungen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
bis auf den heutigen Tag wie einen Wunderstern nach dem anderen
vor mir aufgehen sehe." 5) Hier haben wir den wichtigsten Leitge-
danken: Dieses Schritt für Schritt, dieses organische Wachsen,
dieses Wachstum im Sinne von quantitativen Veränderungen. Georg
Lukács hatte 1948 in seinem Buch "Der junge Hegel" über die Be-
ziehungen von Dialektik und Ökonomie 6) gezeigt, wie Hegel aus
dem Studium der Revolutionsereignisse in Frankreich seine dialek-
tische Konzeption des Umschlagens quantitativer Veränderungen in
qualitative erarbeitete. Goethes Verhältnis zur abstrakten philo-
sophischen Darstellung Kants und Hegels etwa hat ihn, den natur-
wüchsigen Dialektiker, gehindert, diese tiefe Einsicht zu erfas-
sen.
Es kommt jedoch ein drittes Bestimmungsmoment für Goethes gei-
stige Kapazität hinzu: die Politik. Er war durchaus ein Sohn sei-
ner Zeit und seiner Klasse, empfand sich durchaus als Kollek-
tivwesen. "Die Franzosen erblicken in Mirabeau ihren Herkules;
und sie haben vollkommen recht. Allein sie vergessen, daß auch
der Koloß aus einzelnen Teilen besteht und daß auch der Herkules
des Altertums ein kollektives Wesen ist, ein großer Träger seiner
eigenen Taten und der Taten anderer.
Im Grunde aber sind wir alle kollektive Wesen, wir mögen uns
stellen, wie wir wollen. Denn wie weniges haben und sind wir, das
wir im reinsten Sinne unser Eigentum nennen: Wir müssen alles
empfangen und lernen, sowohl von denen, die vor uns waren, als
von denen, die mit uns sind. Selbst das größte Genie würde nicht
weit kommen, wenn es alles seinem eigenen Innern verdanken
wollte." 7)
Politik in miserablen Verhältnissen
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Aber dieser wirklichkeitszugewandte Mensch, er lebte auf dem Bo-
den eines Landes, in dem, nach den furchtbaren deutschen Tragö-
dien des Bauern- und des Dreißigjährigen Krieges das deutsche
Bürgertum kleinlich, borniert, zersplittert war. Gewiß strebten
die Besten aus dieser bürgerlichen Schicht, auch aus dem Klein-
bürgertum, gegen die bestehende Ordnung. Goethes "Götz von Berli-
chingen", sein Angriff auf die Götter und die religiöse Sklaverei
etwa im "Prometheus" oder in dem Gedicht "Das Göttliche" von 1782
(der ursprüngliche Titel sollte "Der Mensch" lauten; das Gedicht
wurde auch unter beiden Überschriften gedruckt) oder in seiner
"Braut von Korinth" bzw. in dem 1823 geschriebenen Gedicht "Des
Paria Gebet" zeugen davon, daß er erfüllt war von den Forderungen
des gleichen Rechts für alle Menschen, der Freiheit aller Men-
schen zur Ausbildung ihrer Fähigkeiten, vom Glauben an bürgerli-
che Freiheit und Gleichheit, kurz, von jenen Ideen - oder sollte
man sie Illusionen nennen? - unter denen die Große Französische
Revolution antrat und siegte. Und auch dies sei noch erwähnt, daß
in dieser Zeit des Aufbegehrens alle die großen dichterischen
Entwürfe entstehen, an denen Goethe während seines ganzen weite-
ren Lebens arbeiten sollte.
In diesem Deutschland entwickelt sich die neue, bürgerliche, pro-
gressive Kultur jedoch nicht in Einheit, in Übereinstimmung mit
dem politischen Leben. Die Kriege und Staatsaktionen waren keine
Angelegenheit des Volkes. Friedrich II. zum Beispiel verbot sei-
nen Untertanen, sich gegen Übergriffe französischer Soldaten, die
preußisches Gebiet durchzogen, zur Wehr zu setzen, und drohte ih-
nen schwere Strafen an. Die großen deutschen Geister, etwa in
Preußen oder in Sachsen lebend, waren an den dynastischen Kriegen
so wenig interessiert, daß sie mitten in diesen Kriegen unterein-
ander den lebhaftesten geistigen Austausch pflegten.
Reformen ja - aber von oben
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Hieraus ergab sich jedoch eine spezifische Einstellung, die ge-
rade auch Goethes Werk prägen sollte, nicht sofort, aber doch im
Laufe seines Lebens. Denn zunächst ist er durchaus bestrebt, po-
litisch reformierend zu wirken. Mit dieser Absicht geht er nach
Weimar. Er hat, schon vor der Französischen Revolution, die Ver-
derbtheit des Pariser Hofes gesehen und befürchtet, daraus könne
Unheil entspringen. Durch Reformen wollte er dem in seinem Wir-
kungskreis zuvorkommen, entgegenwirken. Aber er scheitert und
flieht, ebenfalls noch vor der Französischen Revolution, aus Wei-
mar. Aus dem inneren Gegensatz zwischen der Welt seiner großen
humanistischen Ideale und der Öde der unsauberen historischen
Verhältnisse sucht er den Ausweg nicht mehr im Kampf mit den hi-
storischen Verhältnissen, die diesen Gegensatz erzeugten und
nährten, sondern in der persönlichen Tätigkeit "von innen her".
Unter diesen deutschen Zuständen konnte Goethe auch kein richti-
ges Verhältnis zu den Volksmassen gewinnen: Könige wollen das
Gute, die Demagogen desgleichen,
Sagt man! doch irren sie sich: Menschen, ach, sind sie wie wir.
Nie gelingt es der Menge, für sich zu wollen, wir wissens's:
Doch wer verstehet, für uns alle zu wollen: Er zeig's.
So heißt es im 51. der "Venezianischen Epigramme". Der Gedanke
ist durchaus doppelsinnig! Goethe spricht dem Volk die Fähigkeit
ab, für sich selbst zu wollen und zu handeln, und daraus erwächst
Unheil. War dies auch so, handelte das Volk im eigenen Interesse?
Jedenfalls soll, so Goethe, auch Politik nur von solchen gemacht
werden, die das "Handwerk" gelernt haben, eben "Meister" der Po-
litik seien, und als solche sah er die Aristokraten an 8). Doch
sah er durchaus auch die Verkommenheit aristokratischer Kräfte.
Dich betrügt der Staatsmann, der Pfaffe, der Lehrer der Sitten,
Und dies Kleeblatt, wie tief betest du, Pöbel, es an.
Leider läßt sich noch kaum was Rechtes denken und sagen,
Das nicht grimmig den Staat, Götter und Sitten verletzt
- so heißt es in einem von ihm selbst unterdrückten Epigramm 9).
Goethe hielt es - wie gesagt - auch in der Politik für notwendig,
daß sich nur "Meister" einzumischen hätten, und als solche sah er
die Aristokraten an. Darum lehnte er die Republik ab. Allerdings
kritisierte er auch "die Meister des Staates", war er der Auffas-
sung, daß Revolutionen aus der Vernachlässigung wahrer Herrscher-
pflicht resultierten. Die Französische Revolution ist ihm Folge
der Bestechlichkeit des feudalen Regimes 10). Den Feudalen
schrieb er im 53. der "Venezianischen Epigramme" ins Stammbuch:
Frankreich hat uns ein Beispiel gegeben, nicht daß wir es wünsch-
ten,
Nachzuahmen; allein merkt und beherzigt es wohl.
Der Sturm der "Menge" sei nicht geeignet, die Probleme zu lösen,
er bringe ebensoviel Schlechtes wie Gutes hervor 11).
Zufluchtsort Natur und Naturwissenschaft
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Immer dann, wenn es im politischen Leben drunter und drüber ging,
suchte Goethe Zuflucht in naturwissenschaftlichen Forschungen.
Die Naturwissenschaften waren ihm die einzigen, die uns nicht
täuschen. Zu lesen ist in den "Tag- und Jahresheften" des Jahres
1793: "So hielt ich mich für meine Person immer fest an naturwis-
senschaftlichen Studien, wie an einen Balken im Schiffbruch." 12)
Es ist auch kein Zufall, daß er im Reichenberger Kriegslager,
1790, sich mit vergleichender Anatomie beschäftigte, "weshalb
mitten in der bewegten Welt ich als Einsiedler in mir selbst ab-
geschlossen lebte" 13). Ebenso war es 1792, während der Kampagne
in Frankreich, wo er, inmitten des Kugelregens, sich in die Far-
benlehre vertiefte. 1813, während der Leipziger Völkerschlacht,
war es nicht anders. In seinen "Tag- und Jahresheften" heißt es:
"Wenn sich in der politischen Welt irgendein ungeheuer Bedrohli-
ches hervortat, so warf ich mich eigensinnig auf das Entfernte-
ste." Dies sei auch am Jahrestag der Schlacht von Leipzig so ge-
wesen. Er nennt in diesem Zusammenhang sein Verhalten "Flüchten",
so habe er sich auch während der Völkerschlacht mit China befaßt
14). Und 1830, während der Französischen Juli-Revolution, war ihm
die Auseinandersetzung in der französischen Akademie der Wissen-
schaften zwischen Cuvier und Saint-Hilaire über die Evolutions-
problematik wichtiger. 15)
Revolution ist "wider die Natur"
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Aus den Naturwissenschaften zog Goethe für sich die Konsequenz,
Entwicklungsprozesse hätten organisch, evolutionär abzulaufen.
Revolutionäre Umbrüche seien wider die Natur. Darum konnte Goethe
nicht für die Revolution Partei ergreifen.
Allerdings ergriff er auch nicht für die Konterrevolution Partei.
Im Grunde entwickelte er eine arevolutionäre Einstellung. Dabei
war er ein Parteigänger des Neuen. Ausdrücklich verwahrte er sich
dagegen, ein Freund des Bestehenden genannt zu werden. Am 4. Ja-
nuar 1824 sprach er mit Eckermann. Er kam auf sein "Revolutions"-
Stück: "Die Aufgeregten" zu sprechen. "Ich schrieb es zur Zeit
der Französischen Revolution..., und man kann es gewissermaßen
als mein politisches Glaubensbekenntnis jener Zeit ansehen. Als
Repräsentanten des Adels hatte ich die Gräfin hingestellt und mit
den Worten, die ich ihr in den Mund gelegt, ausgesprochen, wie
der Adel eigentlich denken soll. Die Gräfin kommt soeben aus Pa-
ris zurück, sie ist dort Zeuge der revolutionären Vorgänge gewe-
sen und hat daraus für sich selbst keine schlechte Lehre gezogen.
Sie hat sich überzeugt, daß das Volk wohl zu drücken, aber nicht
zu unterdrücken ist und daß die revolutionären Aufstände der un-
teren Klassen eine Folge der Ungerechtigkeiten der Großen sind.
Jede Handlung, die mir unbillig scheint, sagte sie, will ich
künftig streng vermeiden, auch werde ich über solche Handlungen
anderer, in der Gesellschaft und bei Hofe, meine Meinung laut sa-
gen. Zu keiner Ungerechtigkeit will ich mehr schweigen, und wenn
ich auch unter dem Namen einer Demokratin verschrieen werden
sollte."
"Ich dächte", fuhr Goethe fort, "diese Gesinnung wäre durchaus
respektabel. Sie war damals die meinige und ist es noch jetzt."
16)
Hier sehen wir also, daß Goethe die Revolution als Folge von Un-
gerechtigkeit und Unterdrückung deutet. Revolutionen sind für ihn
Schuld schlechter Regierungen. Er war der Meinung, man könne ein
Volk zeitweilig unterdrücken, aber nicht auf Dauer. Die Revolu-
tion sei vermeidbar, wenn die Regierung gut sei, ähnlich etwa den
Regierungen Friedrich II. von Preußen oder Joseph II. von Öster-
reich. "Es ist wahr, ich konnte kein Freund der Französischen Re-
volution sein, denn ihre Greuel standen mir zu nahe und empörten
mich täglich und stündlich, während ihre wohltätigen Folgen da-
mals noch nicht zu ersehen waren." (Freilich, eine ganze Reihe
anderer Deutscher sahen diese wohltätigen Folgen auch "damals"
schon - und überdies: Auch 1831 ist er auf die bürgerlichen Revo-
lutionäre im Paris dieser Tage nicht eben gut zu sprechen 17).
"Auch konnte ich nicht gleichgültig dabei sein, daß man in
Deutschland künstlicherweise ähnliche Szenen herbeizuführen
trachtete, die in Frankreich Folge einer großen Notwendigkeit wa-
ren.
Ebensowenig aber war ich ein Freund herrischer Willkür... Auch
war ich vollkommen überzeugt, daß irgendeine große Revolution nie
Schuld des Volkes ist, sondern der Regierung. Revolutionen sind
ganz unmöglich, sobald die Regierungen fortwährend gerecht und
fortwährend wach sind, so daß sie ihnen durch zeitgemäße Verbes-
serungen entgegenkommen und sich nicht so lange sträuben, bis das
Notwendige von unten her erzwungen wird.
Weil ich nun aber die Revolutionen haßte, so nannte man mich
einen Freund des Bestehenden. Das ist aber ein sehr zweideutiger
Titel, den ich mir verbitten möchte. Wenn das Bestehende alles
vortrefflich gut und gerecht wäre, so hätte ich gar nichts dawi-
der. Da aber neben vielem Guten zugleich viel Schlechtes, Unge-
rechtes und Unvollkommenes besteht, so heißt ein Freund des Be-
stehenden oft nicht viel weniger als ein Freund des Veralteten
und Schlechten." 18)
Es ist also deutlich erkennbar, daß Goethes Abscheu den, wie er
es nannte, Greueln der Revolution galt. Er plädierte für die Me-
thode der Verbreitung fortschrittlichen Gedankengutes, der Ein-
forderung moralischen Verhaltens, der Reformen. Der Großbürger-
sohn aus Frankfurt am Main und Freund von Fürsten, der aus Ita-
lien das Wissen um das kulturvolle und segensreiche Wirken pro-
gressiver Renaissance-Fürsten mitgebracht hatte, er konnte, trotz
seines gescheiterten Versuchs, das kleine Fürstentum Weimar auf
diese Weise zu reformieren, keine andere Vorstellung von wirklich
progressiver Politik entwickeln.
In diese Grundüberzeugung eingebettet sind Goethes politische und
dichterische Äußerungen zur Großen Französischen Revolution. Goe-
the hatte schon 1781, am 22. Juni, an seinen Freund Lavater ge-
schrieben: "Glaube mir, unsere moralische und politische Welt ist
mit unterirdischen Gängen, Kellern und Kloaken miniert." 19)
Die berüchtigte " Halsbandaffäre" machte er zum Gegenstand seines
"Großkophta", den er am 17. Februar 1831 gegenüber Eckermann so
einschätzte: "denn im Grunde ist es nicht bloß von sittlicher,
sondern auch von großer historischer Bedeutung; das Faktum geht
der Französischen Revolution unmittelbar voran und ist davon ge-
wissermaßen das Fundament." 20) So hat Goethe durchaus in gewis-
sem Umfang in den Missetaten der Herrschenden eine Ursache der
Revolution erkannt. Ein völliges Verständnis des Revolutionspro-
blems ist ihm jedoch nicht gelungen.
Valmy - aber auf wessen Seite war Goethe dabei?
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In Valmy war ihm die tiefe Bedeutung des Einschnitts blitzartig
aufgegangen, den die Französische Revolution bewirkte. Nachts,
nach der verlorenen Kanonade, war er in die Armee der Verbündeten
zurückgekehrt. Im dunklen Lager, in dem ein Lagerfeuer nicht ent-
zündet werden konnte, ließ er sich im Kreis der ihm bekannten
preußischen Offiziere nieder. Sie waren von Panik erfaßt. Allen
war klar, daß die Schlacht verloren sei. Von Goethe erhofften sie
Trost und Scherz, die er immer zu geben wußte. Aber statt zu trö-
sten und zu scherzen antwortete Goethe auf ihre Fragen: "Von hier
und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und Ihr
könnt sagen, Ihr seid dabei gewesen." 21)
Aber: Auf welcher Seite war Goethe dabei? Für wen ergriff er Par-
tei? Durchaus für die französischen Emigranten, für den Adel,
später sogar für den bedrohten französischen König, zu keiner
Zeit jedoch für die Revolution. Noch unmittelbar vor seinem Tod,
im März 1832, lehnte er es in einem Gespräch mit Eckermann ab,
sich positiv über die Jakobiner-Partei zu äußern 22).
Doch auch darin steckt der Widerspruch! Goethe nahm - auch an der
Seite der Kräfte des Alten - teil an der Belagerung von Mainz, wo
deutsche Verfechter des Neuen die Revolutionsideen verwirklichen
wollten. Gleichzeitig aber schrieb derselbe Goethe seinen
"Reinecke Fuchs", eine beißende Kritik der feudalen Aristokratie.
Dabei, viele Äußerungen Goethes bezeugen es, widerspiegeln seine
Äußerungen auch seine Angst, die Französische Revolution, die von
ihr ausgehenden Ideen hätten auf Deutschland übergreifen können.
In der "Zwischenrede" zur "Kampagne in Frankreich" vom November
1792 schrieb er: "Was mir dabei aber noch mehr auffiel, war, daß
ein gewisser Freiheitssinn, ein Streben nach Demokratie sich in
die hohen Stände verbreitet hat." Und im Dezember 1792 hieß es in
einer Notiz: "Indem mich nun dies alles bedrängte, beängstigte,
hatte ich leider zu bemerken, daß man im Vaterlande sich spielend
mit Gesinnungen unterhielt, welche eben auch uns ähnliche Schick-
sale vorbereiteten. Ich kannte genug edle Gemüter, die sich ge-
wissen Aussichten und Hoffnungen, ohne weder sich noch die Sache
zu begreifen, phantastisch hingaben; indessen ganz schlechte Sub-
jekte bittern Unmut zu erregen, zu mehren und zu benutzen streb-
ten." Er war bereit zu akzeptieren, daß die Revolution "in
Frankreich Folge einer großen Notwendigkeit" war, aber für
Deutschland hielt er sie für ein Kunstprodukt 23). Befreit man
diese Passagen ihres verurteilenden Tones, so besagen sie, daß
die Französische Revolution in Teilen des einfachen Volkes auch
diesseits des Rheines Wurzeln schlug, ja, daß sich auch ein Teil
der Gebildeten durch die "Auswüchse" der Revolution nicht in sei-
ner Parteinahme beeinträchtigen ließ.
Andererseits war Goethe aber auch nicht bereit, den Aufforderun-
gen des Freiherrn von Gagern vom August 1794 zu folgen, zusammen
mit den Fürsten und anderen Dichtern ein Bündnis gegen die Revo-
lution zu schmieden 24).
Die Revolutionsdichtung Goethes
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Werfen wir nun noch einen Blick darauf, wie Goethe die Revolution
selbst in seiner Dichtung verarbeitete. Die erste Arbeit, der Re-
volution "gewidmet", war das 1792 geschriebene Stück "Der Groß-
kophta". Hintergrund war die Halsband-Affäre vom Jahre 1785, ei-
ner der zahlreichen Skandale des französischen Hofes. Obgleich
diese Affäre nach Goethes eigenem Eingeständnis auf ihn einen un-
aussprechlichen Eindruck machte, ihm die greulichsten Folgen ge-
spensterhaft erscheinen ließ, entspricht das Stück keineswegs
diesem Eindruck. Alle gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge wer-
den ignoriert; das Spiel kreist um eine plumpe Intrige, allen-
falls abstrakte weltanschaulichmoralische Aspekte kommen zur Gel-
tung. Es konnte sogar mißbraucht werden, um oppositionelle Ge-
heimverbindungen ebenfalls in den Geruch betrügerischer Klüngel-
tätigkeit zu bringen.
Die zweite der Revolution zugewandte Dichtung war das 1793 ge-
schriebene Lustspiel "Der Bürgergeneral". Ein betrügerischer
Dorfbarbier namens Schnaps mißbraucht Symbole und Kennzeichen der
Französischen Revolution für kriminelle Handlungen. Als der Rich-
ter eingreifen will, schlichtet der von den Bauern verehrte Dor-
fadlige, wendet sich gegen übertriebene Polizeimaßnahmen ebenso
wie gegen die Revolutionsideen. Goethes Position besagt hier: Un-
zeitige Gebote, unzeitige Strafen erzeugten erst das Übel. Wenn
Fürsten sich vor niemandem verschlössen, die Stände billig gegen-
einander dächten, niemand gehindert sei, gemäß seiner Art zu wir-
ken, entstünden keine Parteien, auch keine aufrührerischen Akti-
vitäten. Der den Revolutionär mimende Schnaps wird ausgelacht.
Also wiederum gibt es eine geschichtsferne Klamotte, die so ganz
und gar der sonstigen Qualität Goethescher Dichtung widersprach.
Unvollendet blieb das ebenfalls 1793 begonnene "politische Drama"
"Die Aufgeregten". Hier haben revolutionäre Ideen Bauernmassen
erfaßt, hat sich ein gefährlicher Konflikt zum Adel heausgebil-
det. Unter dem Einfluß der Revolution wollen sie sich bewaffnen
und ihre Rechte gewaltsam durchsetzen, als die Gräfin aus Paris
zurückkommt und ihr oben bereits zitiertes Credo spricht. Der
bürgerliche Hofrat, ihr Dialogpartner im Stück, verteidigt dabei
einen "gelinden Aristokratismus", und Goethe bekennt sich noch
1827 in einem Gespräch mit Eckermann dazu, daß er nicht nur der
Gräfin Position, sondern auch die des Hofrats teile 25). Dabei
dreht sich der Konflikt in diesem Stück nicht um große zeitge-
schichtliche oder gesellschaftliche Probleme, sondern um kleinli-
che Vor- und Nachteile. Das Schiff des Stückes kreuzt nicht auf
dem Ozean der großen Politik, sondern dümpelt auf einem kleinen
Dorfteich.
Dennoch dämmert Goethe in dieser Zeit, daß eine gewaltige ge-
schichtliche Dynamik sich Bahn breche, in der "wir selbst der Ton
sind, der geknetet wird, ohne daß ein Mensch weiß, ob es ein Ge-
fäß zu Ehren oder zu Unehren werden kann" 26). Er möchte sich mit
den unmittelbaren Voraussetzungen und Vorgängen der Revolution
auseinandersetzen. In "Die natürliche Tochter" - begonnen nach
der Ausrufung Napoleons zum ersten Konsul für zehn Jahre (1799),
womit der Revolutionsprozeß zu einem gewissen Abschluß gekommen
schien, und 1803 beendet, ohne daß es wirklich zu Ende gekommen
war - will er den Widerspruch von gesetzmäßiger geschichtlicher
Dynamik und Handeln einzelner Personen und Schichten darstellen.
Ein in Dingen der Welt unerfahrenes junges Mädchen wird im Inter-
essengeflecht feudaler Kräfte zum Untergang verurteilt. Am Egois-
mus feudaler Kräfte und der Schwäche eines Königs treibt ein Land
unrettbar der Katastrophe einer Revolution entgegen.
Aber auch hier ist die Revolution nur Unordnung, Auflösung,
Chaos. Obgleich Goethe dichter in die Prozesse der Revolutions-
problematik eindringt, vermissen wir auch hier schließlich die
großen Konflikte. Es treten nicht jene gewaltigen Gegensätze her-
vor, die das alte, absolutistische französische Regime sprengten.
Da ist nichts von den schweren Schäden, die der Gesellschaft
durch die feudale Adelsbande zugefügt werden. Es gibt keinen Ge-
gensatz zwischen König und Volk, zwischen herrschenden und unter-
drückten Schichten, zwischen Reichen und Armen, zwischen stupider
Orthodoxie und aufklärerischen Gedanken. Die leichtfertige, fri-
vole Lebensweise des Adels, die Käuflichkeit der Ämter, die Geld-
sucht des Staates, die erpresserische Steuerpolitik, die Mißach-
tung der Verfassung, die Härte der Leibeigenschaft, die Verwü-
stung des Landes durch feudale Jagden und viele andere schreiende
Mißstände, die die Revolution wie eine naturgemäße Reaktion her-
vorbrechen lassen, nichts davon in diesem Stück. Nichts läßt jene
Gärung verspüren, die in der Revolution zum Ausbruch kommen
sollte. Es fehlen die großen Männer des Volkes, die Aufklärer,
die mächtige geistige Bewegung, die Frankreich vor der Revolution
erschütterte. Im Gegenteil, wir sehen Unterwürfigkeit, Befehl-
streue der Massen und einen König, der ein edler Mensch ist, al-
len gut und recht tun will. Das Reich ist ruhig, es ist alles or-
dentlich bestellt, es gibt keine Mißstände. Wie soll aus einem
solchen Milieu die Revolution hervorbrechen?
Das literarisch bedeutendste Werk Goethes, in dem sich die Fran-
zösische Revolution widerspiegelt, ist ohne Zweifel das Versepos
"Hermann und Dorothea" (1794-1797). Goethe erzählt darin auf der
Ebene familiärer Begebenheiten aus der Welt des deutschen Klein-
stadtlebens, schildert die Enge und Borniertheit, aber auch mit
Sympathie ihre Behaglichkeit und läßt erkennen, wie in diese Welt
das Pariser Weltereignis hineinbricht. Aber diese kleinbürgerli-
che deutsche Welt wird durch die Revolution nur berührt, nicht
aufgerührt: Diese Welt steht eben im Widerspruch zur wirklichen
Geschichte. Da wird im Sechsten Gesang prachtvoll die anfängliche
Revolutionsbegeisterung geschildert. Aber dies schlägt ebenfalls
im Sechsten Gesang um in die Darstellung der grauenhaften Vor-
gänge der Revolution, vor denen Goethe erschrak. Und der ent-
scheidende Schluß des Neunten Gesangs warnt vor der Revolution
als einer fürchterlichen Bewegung. Der Spiegel, der diese Welt
abbildet, ist die kleinliche deutsche Realität. Goethe ist auch
hier nicht fähig, sich zum Verständnis der geschichtlichen Pro-
zesse emporzuheben.
Engels' Urteil
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So ist keines der Stücke, in denen die Revolution behandelt wurde
- sieht man von den unter anderen Gesichtspunkten unbestreitbaren
hohen Qualitäten von "Hermann und Dorothea" ab ", wirklich gelun-
gen. Goethe selbst hat dies gespürt. Nachdem er schon 1822 einmal
gesagt hatte, die "Anhänglichkeit" an die Revolution habe lange
Zeit sein poetisches Vermögen fast unnützerweise aufgezehrt, sagt
er kurz vor seinem Tode zu Eckermann: "So ein Dichter politisch
wirken will, muß er sich einer Partei hingeben; und soweit er
dieses tut, ist er als Poet verloren..." 27). Das sagte er im
gleichen Gespräch, in dem er bemerkte: "Wir Neueren sagen jetzt
besser mit Napoleon: Die Politik ist das Schicksal!" Nun, es gibt
genügend bedeutende Dichter, die mit ihrem Werk das Gegenteil be-
zeugen. Goethe ist in seinen Dichtungen zur Französischen Revolu-
tion nicht an der Politik gescheitert, sondern an jenem eingangs
genannten Widerspruch Goethes zur deutschen Misere. Sie hatte
ihn, diesen großen Deutschen, in ihren Klauen, und dies ermög-
lichte es ihm nicht, die wirkliche Natur historischer Prozesse zu
erfassen. Freilich, auch dieses Urteil gilt nur auf dem Niveau
Goethescher Genialität; in dem Sinne nämlich, daß insbesondere
"Faust II" viele erstaunliche geschichtliche Einblicke gewährt
(die Philemon-und-Baucis-Tragödie - durchaus Kritik nicht nur der
kleinbürgerlichen Idylle, sondern auch der sog. ursprünglichen
Akkumulation) und, mit Fausts Schlußmonolog (vom freien Volk, auf
freiem Grunde produktiv arbeitend), großartige gesellschafts-uto-
pische Aspekte enthält (wobei Goethe zu dieser Zeit Leser Saint-
Simonistischer Schriften und solcher Proudhons war und unter die-
sem Einfluß seinen Faustmonolog ein letztes Mal geändert hat)
28). In einem tieferen Sinne widerspiegelt so Goethes gesamtes
Lebenswerk die Probleme und das Problematische der klassischen
bürgerlichen Revolutionsepoche.
Die treffendste Kennzeichnung dieser Tragik stammt wohl vom jun-
gen Friedrich Engels: "Wir können hier natürlich über Goethe
selbst nicht ausführlich sprechen. Wir machen nur auf einen Punkt
aufmerksam. - Goethe verhält sich in seinen Werken auf eine zwei-
fache Weise zur deutschen Gesellschaft seiner Zeit. Bald ist er
ihr feindselig; er sucht der ihm widerwärtigen zu entfliehen, wie
in der 'Iphigenie' und überhaupt während der italienischen Reise,
er rebelliert gegen sie als Götz, Prometheus und Faust, er schüt-
tet als Mephistopheles seinen bittersten Spott über sie aus. Bald
dagegen ist er ihr befreundet, 'schickt' sich in sie, wie in der
Mehrzahl der 'Zahmen Xenien' und vielen prosaischen Schriften,
feiert sie, wie in den 'Maskenzügen', ja verteidigt sie gegen die
andrängende geschichtliche Bewegung, wie namentlich in allen
Schriften, wo er auf die französische Revolution zu sprechen
kommt. Es sind nicht nur einzelne Seiten des deutschen Lebens,
die Goethe anerkannt, gegen andre, die ihm widerstreben. Es sind
häufiger verschiedene Stimmungen, in denen er sich befindet; es
ist ein fortwährender Kampf in ihm zwischen dem genialen Dichter,
den die Misere seiner Umgebung anekelt, und dem behutsamen
Frankfurter Ratsherrenkind resp. Weimarschen Geheimrat, der sich
genötigt sieht, Waffenstillstand mit ihr zu schließen und sich an
sie zu gewöhnen. So ist Goethe bald kolossal, bald kleinlich;
bald trotziges, spottendes, weltverachtendes Genie, bald rück-
sichtsvoller, genügsamer, enger Philister. Auch Goethe war nicht
imstande, die deutsche Misere zu besiegen; im Gegenteil, sie be-
siegte ihn, und dieser Sieg der Misere über den größten Deutschen
ist der beste Beweis dafür, daß sie 'von innen heraus' gar nicht
zu überwinden ist. Goethe war zu universell, zu aktiver Natur, zu
fleischlich, um in einer Schillerschen Flucht ins Kantsche Ideal
Rettung vor der Misere zu suchen; er war zu scharfblickend, um
nicht zu sehen, wie diese Flucht sich schließlich auf die Vertau-
schung der platten mit der überschwenglichen Misere reduzierte.
Sein Temperament, seine Kräfte, seine ganze geistige Richtung
wiesen ihn aufs praktische Leben an, und das praktische Leben,
das er vorfand, war miserabel. In diesem Dilemma, in einer Le-
benssphäre zu existieren, die er verachten mußte, und doch an
diese Sphäre als die einzige, in welcher er sich betätigen
konnte, gefesselt zu sein, in diesem Dilemma hat sich Goethe
fortwährend befunden, und je älter er wurde, desto mehr zog sich
der gewaltige Poet, de guerre lasse" (des Krieges müde),"hinter
den unbedeutenden Weimarschen Minister zurück. Wir werfen Goethe
nicht à la Borne und Menzel vor, daß er nicht liberal war, son-
dern daß er zu Zeiten auch Philister sein konnte, nicht, daß er
keines Enthusiasmus für deutsche Freiheit fähig war, sondern daß
er einer spießbürgerlichen Scheu vor aller gegenwärtigen großen
Geschichtsbewegung sein stellenweise hervorbrechendes, richti-
geres ästhetisches Gefühl opferte; nicht, daß er Hofmann war,
sondern daß er zur Zeit, wo ein Napoleon den großen deutschen Au-
giasstall ausschwemmte, die winzigsten Angelegenheiten und menus
plaisirs" (kleinen Vergnügen) "eines der winzigsten deutschen
Höflein mit feierlichem Ernst betreiben konnte" 29).
_____
1) J.P. Eckermann, Gespräche mit Goethe, München 1976, S. 91.
2) J.W. Goethe, Sprüche in Prosa, Ethisches VII.
3) Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg, S. 58.
4) K. Marx/F. Engels, Werke, Band 21, S. 279.
5) J.W. Goethe, Sprüche in Prosa, Natur VI. Die Natur kenne nur
das Prinzip der Stetigkeit, mache keine Sprünge (so in einem
Brief an Schiller am 30.7.96).
6) G. Lukàcs, Der junge Hegel und die Probleme der kapitalisti-
schen Gesellschaft, Zürich 1948.
7) J.P. Eckermann, Gespräche mit Goethe, a.a.O., S. 767.
8) Ebenda, Gespräch vom 25.2.1824, a.a.O., S. 91; ähnlich ebenda,
S. 510.
9) Geschichte der deutschen Literatur von 1789 bis 1830, Ber-
lin/DDR 1978, S. 114.
10) J.P. Eckermann, Gespräche mit Goethe, a.a.O., S. 100.
11) Ebenda, S. 726 f.
12) J.W. Goethe, "Tag- und Jahreshefte", 1793.
13) "Tag- und Jahreshefte"; vgl. auch seinen Brief an Fritz von
Stein vom 31. 8.1790.
14) "Tag- und Jahreshefte", 1813.
15) J.P. Eckermann, Gespräche mit Goethe, a.a.O., S. 749f; vgl.
auch: A. Bielschowsky, Goethe. Sein Leben und Werk, München 1918,
Bd. 2, S. 438f.
16) J.P. Eckermann, Gespräche mit Goethe, a.a.O., S. 549.
17) Ebenda, Gespräch vom 21.3.1831, a.a.O., S. 484.
18) Ebenda, S. 549 f.
19) Zitiert nach: A. Bielschowsky, Goethe. Sein Leben und Werk,
a.a.O., S. 45.
20) J.P. Eckermann, Gespräche mit Goethe, a.a.O., S. 451.
21) J.W. Goethe, Kampagne in Frankreich vom 13.-17.9.1792.
22) I.P. Eckermann, Gespräche mit Goethe, a.a.O., S. 510.
23) Ebenda, S. 549.
24) A. Bielschowsky, Goethe. Sein Leben und Werk, Bd. 2, a.a.O.,
S. 43.
25) J.P. Eckermann, Gespräche mit Goethe, a.a.O., S. 549 f.
26) J.W. Goethe, Brief an Anna Amalia vom 25.9.1792, zitiert
nach: Geschichte der deutschen Literatur von 1789 bis 1839,
a.a.O., S. 117.
27) J. P. Eckermann, Gespräche mit Goethe, a.a.O., S. 509.
28) Johanna Rudolph, Die Korrektur, "Neues Deutschland",
24.8.1963.
29) K. Marx/F. Engels, Werke, Band 4, S. 232 f.
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