Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988
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DIE HISTORIOGRAPHIE DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION
AM VORABEND DER ZWEIHUNDERTJAHRFEIER
Michel Vovelle
Die Revolution - "beendet"?
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Man gestatte mir, einleitend eine scherzhafte Bemerkung wiederzu-
geben - aber es ist ein bitterer Scherz: Er verweist auf meine
erste Begegnung mit Albert Soboul, und das war, wenn ich mich
richtig erinnere, 1958. Als junger Historiker, mit gerade erwor-
benem Universitätstitel, wollte ich in der Forschung tätig werden
und hatte die Idee, über die Revolution zu arbeiten. Und Albert
Soboul, den ich befragte, sagte mir geradeheraus: "Warum willst
du über die Französische Revolution arbeiten? Das interessiert
doch niemanden mehr". Eine paradoxe Bemerkung: Er selbst legte
damals seine große Studie vor 1), war auf dem Gipfel seines pro-
duktiven Schaffens - und war, wie wir gleich sehen werden, weit
davon entfernt, allein oder isoliert zu sein.
Dennoch muß ich mir diesen pessimistischen Satz wieder vergegen-
wärtigen, wenn ich überlege, welchen Weg - wenn auch in ganz an-
derer Hinsicht - dieser Gedanke zurückgelegt hat. Was Albert So-
boul 1958 in scherzhaft-besorgten Worten ausdrückte, sollte Fran-
gois Furet bald aufgreifen, indem er die Revolution als einen
"kalten Gegenstand" definierte, dann, 1978, in "Penser la Révolu-
tion" 2) ankündigte: "die Revolution ist beendet", ein Satz, den
er 1986 (im Nouvel Observateur vom 28. Februar) kommentierte:
"Als ich geschrieben habe, 'die Revolution ist beendet', bedeu-
tete das, auf gewisse Weise einen Wunsch und eine Feststellung
auszudrücken."
Unterstellen wir François Furet keine Mordgedanken: Aber wenn er
sich auf die Ebene des Wunsches begibt, dann geht er nicht nur
davon aus, daß eine bestimmte Geschichtsschreibung der Französi-
schen Revolution überlebt ist, sondern weit mehr noch davon, daß,
damit eine neue - zweifellos eine gesetztere oder eine wissen-
schaftlichere - Geschichtsschreibung entstehen kann, es ange-
bracht erscheint, daß der Gegenstand der Debatte bedeckt bleiben
soll, gemäß der alten Weisheit, daß man die Toten ruhen lassen
soll.
Damit gibt er nur nuancierter und eleganter eine der neuen, über-
kommenen Ideen wieder, die oft in banaleren Worten ausgedrückt
wird: Ist über die Französische Revolution nicht alles gesagt
oder vielmehr geschrieben worden? Welche Retuschen an einem neuen
Strukturgitter vornehmen, dessen Ereignisse keine Rätsel mehr
aufgeben? Oder, etwas perfider: Ist die französische Historiogra-
phie nicht erstarrt, wiederholt sie sich nicht ständig, ver-
schließt sich in Dogmatismus, auf die Gefahr hin, das Erfri-
schende neuer Entdeckungen anderen zu überlassen - den Angelsach-
sen vielleicht, deren vorurteilsloses Herangehen und Handeln auf
diesem Forschungsgebiet man hervorhebt?
Zwischen Feststellungen und Wunsch- bzw. Absichtserklärungen
drängen sich an der Wende der 80er Jahre einige Realitäten auf,
wenn man das gesamte gesellschaftliche Umfeld berücksichtigt.
Wurde die Geschichte der Revolution vor dem 2. Weltkrieg noch in
praktisch allen Universitäten Frankreichs gelehrt, so wurde sie
in den Lehrplänen der Volks- und noch stärker in denen der höhe-
ren Schulen immer weiter zurückgenommen, so daß sie heute nur
noch in einigen wenigen Universitäten - wenn man von der Sor-
bonne-Paris I (soll man sie als belagerte Festung bezeichnen?)
absieht -, so in Rouen, Tours oder Aix, auf dem Lehrprogramm
steht. Hier offenbart sich die Misere einer Pädagogik, die nicht
unterstützt und ermutigt wurde - wovon auch die Überlebenspro-
bleme großer dokumentarischer Sammlungen (der Archives Parlemen-
taires 3)) zeugen.
Doch um nicht zu voreiligen Schlußfolgerungen zu kommen, ist es
angebracht, weitere Fragen zu stellen und - ohne bis zur Sintflut
zurückzugehen - einen unerläßlichen Rückblick vorzunehmen, um die
Situation angemessen einzuschätzen.
Ein kurzer Rückblick:
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Glanz und Elend der Geschichtsschreibung der Revolution
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Man kann von einem goldenen Zeitalter der Historiographie der Re-
volution sprechen, wenn man sich auf die Ebene begibt, die Pierre
Chaunu als den "Horizont von 1900" bezeichnen würde, und die ich
meinerseits als Jaurés'sche Epoche qualifizieren möchte. Damals
hat Jaurés nicht nur sein epochales, umfassendes Werk 4) erfolg-
reich zum Abschluß gebracht, das er, wie er sagte, im dreifachen
Licht von Michelet, Marx und Plutarch schrieb und dabei eine ent-
schieden wissenschaftliche Herangehensweise ansatzweise vorweg-
nahm und einführte, sondern auch die berühmte "Kommission zur Er-
forschung und Publikation von Texten und Dokumenten bezüglich der
ökonomischen und sozialen Geschichte der Französischen Revolu-
tion" ("Commission de recherche et de publication de textes et de
documents relatifs à Fhistoire économique et sociale de la Révo-
lution Française") unter der Ägide der parlamentarischen Kammern
ins Leben gerufen. In einer Werkstätte, wo sich Wissenschaftler
aller Länder begegnen - Minzes, Loutchisky, Kareiew, die die
Agrargeschichte der Revolution erschließen - wird die französi-
sche Schule weitergeführt und nehmen ihre großen Gestalten ihren
Platz ein: Alphonse Aulard, der als erster 1886 den Lehrstuhl für
Geschichte der Revolution an der Sorbonne innehatte, führt mit
Albert Mathiez einen Ideenwettstreit vermittelt über zwei Heroen
- Danton contra Robespierre - "radikale" Lesart gegen "soziali-
stische" Lesart. 5)
Aber dieser polemische Aspekt kann nicht den Blick für die außer-
gewöhnliche Fruchtbarkeit einer Forschung verstellen, die von Ma-
thiez über Lefebvre bis Soboul, ja bis gestern die Grundsteine
einer - in ihrer Kontinuität durchaus vielfältigen - Schule ge-
legt hat, die die Trägerin eines fortschreitend erarbeiteten Dis-
kurses über die Revolution ist.
Eine sich durchsetzende und ihrer
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selbst sichere Geschichtsschreibung?
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Ist sie ihrer selbst sicher, diese "jakobinische" Geschichts-
schreibung? Man hat es gesagt und es vielleicht zu sehr betont.
Verbreitet hat sie sich ganz gewiß: Ausgehend von der Erforschung
der politischen Geschichte, bei der sie es nicht bewenden lassen
konnten, haben diese Lehrmeister eine soziale Lesart der Franzö-
sischen Revolution erarbeitet: Zunächst ist Albert Mathiez zu
nennen 6), sodann Georges Lefebvre 7), schließlich - und das ist
der Höhepunkt - "Les Sans-Culottes parisiens en l'an II" von Al-
bert Soboul 8). Sie führten zunächst die ländlichen, dann die
städtischen Massen auf der Bühne ein, wobei sie das Erklärungsmu-
ster einer "bourgeoisen Revolution mit Unterstützung des Volkes"
vorschlugen, das die Originalität des französischen Weges der Re-
volution konstituiere - als ein Modell, dessen unterschiedliche
Bestandteile Georges Lefebvre gelehrt hat, das "die" Revolutionen
- die bürgerliche, die städtische und die bäuerliche - vereint.
Ist es marxistisch, dieses jakobinische Modell? Ja und nein, es
geht gewiß von der Prämisse einer notwendigen Veränderung aus,
die ebensosehr, wenn nicht stärker, auf der Veränderung der Sozi-
alstrukturen und der Produktionsformen am Ende des 18. Jahrhun-
derts beruht, als auf der ideengeschichtlichen Entwicklung. Aber
es ist breit und überzeugend genug, um die Zustimmung und Teil-
nahme von Historikern zu erfahren, die - von Marcel Reinhard bis
Jacques Godechot 9), um nur zwei zu nennen - mehr jakobinisch als
marxistisch bleiben. Und für die 1950er Jahre kann man von einem
wahren Aufblühen sprechen, als die letzten Jahre von Georges
Lefebvre durch eine ganze Plejade von Forschern erhellt werden:
A. Soboul, J. R. Suratteau, aber auch aus dem Ausland: G. Rudé,
A. Saïtta, R. Cobb, K. Tønnesson, W. Markov oder K. Takahashi.
10) Die Französische Revolution, so würde man meinen, hat niemals
so viele Leute angezogen: Und dennoch äußerte damals Albert So-
boul mir gegenüber die desillusionierten Worte, mit denen ich
diese Überlegungen einleitete.
Soboul hat recht: Schon in dieser Zeit beginnt die Krise.
Ein anderes Klima der Geschichtsschreibung
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Genau am Ende der 50er Jahre erleben wir den Triumph der Annales
E.S.C., dieser "zweiten Annalen-Schule", die von Fernand Braudel
angeführt wird, der 1958 seinen berühmten Aufsatz über "La longue
duree" 11) verfaßt. Für ihn wie für die ganze Strömung, die er
repräsentiert, ist die Revolution als Begleiterscheinung zu klas-
sifizieren, als kleine Welle der Geschichte; sie wird versetzt in
die , Abweichungen von der langen Dauer", in die "Mengen lang-
samer Geschichte", die seiner Meinung nach das Wesentliche kon-
stituieren: Sie ist im großen und ganzen Bestandteil dessen, was
er mit unverhohlener Verachtung als "pathetisches Ärgernis" klas-
sifiziert.
In den Werkstätten der Sozialgeschichte triumphierte die "lange
Dauer", bald auch über die Geschichte der materiellen Zivilisa-
tion, dann über die der Mentalitäten ("Un temps plus long" - so
R. Mandrou) 12) und bald über die der historischen Anthropologie,
die dazu neigen sollte, in der , unbeweglichen Geschichte" von E.
Le Roy Ladurie 13) zu erstarren. Die Versuchung, sich in die
"lange Dauer" einzubringen, war für zahlreiche Forscher groß. Wer
von uns hat dem nicht nachgegeben, sei es nur ein wenig, und ohne
Bedauern? Ich selbst habe ein mehrhundertjähriges Fresko 14) ge-
wagt, auf einem Feld, wo die "lange Dauer" sich aufdrängt. Aber
auf dem abgrenzbaren Gebiet der Studien zur Revolution sollte
diese ungünstige Konjunktur in den 60er Jahren doppelt verstärkt
werden durch einen frontalen Angriff auf die erreichten Positio-
nen.
Der große Angriff
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Diese Offensive ging von mehreren Punkten aus: In den angelsäch-
sischen Schulen fand sie ihre ersten, höchst eifrigen Verfechter
(bei Alfred Cobban 15), oder, jenseits des Atlantiks, bei George
Taylor 16)). Aber diese Strömung wurde in Frankreich schnell ab-
gelöst, wo das Buch von François Furet und Denis Richet "La Révo-
lution Française" 17) 1965 helles Aufsehen erregte. Wenn man eine
ganze Reihe von Argumenten, die nun in die Geschichte der Ge-
schichtsschreibung Eingang fanden, in einigen Sätzen zusammen-
faßt, so ersieht man, daß der Angriff sich auf mehrere, im übri-
gen eng miteinander verwandte Themen erstreckte.
Wenn Cobban hinsichtlich der Ursachen und der sozialen Interpre-
tation der Revolution jegliche soziale Ursächlichkeit für das
Aufeinanderprallen, das für ihn wesentlich politischer Art war,
leugnete, so bestritten andere die Realität der Reaktion des
Adels hinsichtlich der Ursprünge der Revolution, und mehr noch
die Existenz oder die Konsistenz eines wirklichen Bürgertums im
Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts, wobei sie betonten,
daß ein wichtiger Teil des industriellen und zukunftsweisenden
unternehmerischen Kapitals in den Händen des Adels lag (Taylor).
Gab es zwischen einem, fortschrittlichen", liberalen und neuen
Ideen gegenüber aufgeschlossenen Adel und der großbürgerlichen
Schicht nicht einen faktischen Konsens - im Rahmen der von D. Ri-
chet und einigen anderen so geschätzten "Eliten" - und war unter
diesen Bedingungen die Revolution notwendig, konnte sie nicht
verhindert oder im Stadium eines reformistischen Kompromisses,
einer konstitutionellen Monarchie, stabilisiert werden?
Eine erstaunliche Kehrt wende, wenn man sich das überlegt: Weni-
ger als 20 Jahre vorher, 1948, hatte Daniel Guerin, der im Licht
der Theorien der permanenten Revolution sein Werk 18) verfaßte,
in der revolutionären Dynamik eine zu früh durch die - nicht ohne
Machiavellismus geführte - Politik der Berg-Bourgeoisie gestoppte
Bewegung gesehen, die doch Trägerin eines über sich selbst hin-
ausweisenden Prozesses gewesen sei - hin zur proletarischen Revo-
lution. Eine abenteuerliche Hypothese, die Soboul durch die kon-
krete Analyse des sozialen Inhalts der Pariser Sansculotterie zu-
nichte machen sollte.
Im Gegensatz dazu handelt es sich von nun an im Denken der Histo-
riker, die man jetzt "Revisionisten" zu nennen beginnt, da sie
von Grund auf die bisher erarbeiteten Gewißheiten revidieren wol-
len, um eine Bewegung, die zu weit ging. Der Kompromiß war mög-
lich - 1790, im "glücklichen Jahr", hat man ihn um Haaresbreite
verpaßt; die Französische Revolution wird von 1791 bis 1794 aus
der Bahn geworfen: Dies verdankt sie dem ungebührlichen Auftreten
der städtischen oder bäuerlichen Volksmassen, die auf der Grund-
lage ihres traditionellen, Land- oder Subsistenzmittel fordern-
den, rückständigen Programms mobilisiert werden.
Der Begriff der "aus der Bahn geratenen" Revolution (le
"dérapage") zieht die neuerliche Infragestellung der bloßen Idee
einer aufsteigenden Bewegung von der bourgeoisen zur demokrati-
schen Revolution des Jahres II nach sich, und François Furet 19)
sieht hierin folglich einen Beigeschmack von zweckbestimmter In-
terpretation. Desgleichen stellt dieser Begriff die U m s t ä n-
d e - T h e o r i e ("theorie des circonstances") in Frage, die
bis dahin Geltung beanspruchen durfte und nach der die Radikali-
sierung und das momentane, aber effektive Bündnis von Volks-
bewegung und eines Teils des Bürgertums zustande kommen mußten,
um der inneren Konterrevolution entgegenzutreten wie der Ko-
alition der ausländischen monarchistischen Mächte. Sollte die Re-
volution von diesen Gefahren etwa nur geträumt haben, indem sie
Papiertiger erschuf, um sich in ein Delirium zu begeben, von dem
sie sich selber anstecken ließ? Ein zweiter Revisionismus-Diskurs
keimt in diesem Bündel von Kritik schon auf.
Eine neue Phase, ein neuer Ansatz
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Meine Generation - die der Historiker, die kurz nach 1980 ein
halbes Jahrhundert alt geworden ist - hat die Wucht dieses An-
griffs, des Triumphs der Schule der "Neuen Annalen" 20), gepaart
mit dem atmosphärischen Umfeld dieser Zeit, in seiner ganzen
Stärke abbekommen. Damals wurden wir uns des zurückgehenden Stel-
lenwertes der Französischen Revolution bewußt, nicht nur in der
Forschung oder der Pädagogik, sondern in einer veränderten Sensi-
bilität und Kultur, die ihr fremd wurden.
Könnten wir sagen, daß eine neue Phase mit dem Jahr 1968, oder
der erträumten Revolution, beginnt? Dieses Argument wäre ohne
Zweifel leichtfertig. Und dennoch, in den Jahren, die auf diese
Bewegung - die sich ebensosehr als Fest wie als Revolution ver-
stand - folgten, entstanden zahlreiche Studien über die Feste der
Revolution: Es gab das Kolloquium in Clermont-Ferrand 1974, Werke
von Mona Ozouf und Michel Vovelle erschienen 1976 21). Als Fest,
aber keineswegs nur unter diesem Aspekt, kommt das Ereignis Revo-
lution wieder zum Vorschein. Der Streit zwischen "Jakobinern" und
"Revisionisten", der oft jede Geschmeidigkeit vermissen ließ und
sich in einem Stellungskrieg festzufahren schien, belebt sich
wieder zum Wohl der Forschung.
Im "jakobinischen" Lager ...
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In dem, was wir, der Einfachheit halber, das jakobinische Lager
nennen wollen, haben die - positiv verstandenen - Provokationen
zu nützlichen Überlegungen geführt: so zum Verständnis von
"Bourgeoisie", dem es von Guizot bis zu Lefebvre an Präzision
mangelte und das oft weit oder eng, manchmal widersprüchlich ge-
faßt wurde. Arbeiten wie die von Régine Robin 22) haben stark zur
Erhellung des Problems beigetragen, indem sie entweder die Merk-
male einer gemischten Bourgeoisie herausarbeiteten oder diese
Phase als typische Übergangsepoche bestimmten, in der die Bezie-
her von Einkünften aus Vermögensbesitz gegenüber jenen, die Pro-
fit erwirtschafteten, überwiegen. In ihrem Werk findet sich auch
eine ohne jede Beschönigung vorgenommene Analyse der Zweideutig-
keiten und Widersprüche des Eliten-Begriffes am Vorabend der Re-
volution, so z.B. in den Überlegungen zum Freiheitsverständnis in
den Reden der Parlamentsmitglieder anläßlich des Ediktes von Tur-
got zur Freiheit des Getreidehandels 1776.
Zur gleichen Zeit, als Albert Soboul und seine Schüler ihre For-
schungen auf dem Feld der Agrargeschichte (Studien zu den Abgaben
an die Grundherren und zum Ende des Feudalsystems) und dem der
Stadtentwicklung (Arbeiten über die Volksbewegung in Paris) ver-
tieften, schlugen andere, in gleicher Weise sensibilisierte For-
scher (Michel Vovelle) eine neue Lesart der religiösen oder kul-
turellen Seite der Revolutionsgeschichte vor, bemühten sich, die
Grundsteine zu legen für eine Geschichte der revolutionären Men-
talitäten und gliederten so der Forschung neue Gebiete an... 23)
In den Reihen der "Revisionisten" ...
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Inzwischen haben sich die Dinge auch in den Reihen der
"revisionistischen" Schule geändert, deren Erfolg nicht nur in
Frankreich, sondern auch in den angelsächsischen Ländern sowie in
einem Teil Europas unbestreitbar ist - und zwar in einem Maße,
daß sich die Frage aufdrängt, ob nicht ein neues Vulgat dabei
ist, das alte zu ersetzen.
Indessen erneuert sich diese Schule. "Penser la Révolution
Française", von F. Furet 1978 publiziert, 24) setzt seinen Dis-
kurs von 1965 fort, der allerdings eine eigentümliche Veränderung
erfährt. Zwar kommt er auf die Umstände-Theorie zurück, aber um
mit Quinet zu sagen: "Nein, nicht die Notwendigkeit der Dinge hat
das System des Terrors hervorgebracht. Es sind die falschen
Ideen", oder gar, in dessen Namen sprechend: "Das Wahre ist, daß
der Terror Teil der revolutionären Ideologie ist." Um diese endo-
genen Wurzeln der revolutionären Abweichung zu analysieren,
stützt sich F. Furet auf die Historiker des 19. Jahrhunderts, die
er bisweilen wiederentdeckt: wenn auch nicht Tocqueville oder
Quinet (die nicht vergessen waren), so zumindest Auguste Cochin,
einen konservativen monarchistischen Historiker zu Beginn des
Jahrhunderts, dem er die Idee entlehnt, daß die neue demokrati-
sche und rousseau-istische Geselligkeit der Freimaurerlogen und
der "Sociétés de pensées" der jakobinischen "Maschine" den Weg
ebnet, um die Revolution in die Hand zu bekommen und sie in tota-
litärem Sinne zu konfiszieren. Aus der jakobinischen Konzeption
der Volkssouveränität macht Furet die "Matrize des Totalitaris-
mus" und schätzt ein, daß "1789 eine Periode der Abweichung ein-
leitet."
Die Französische Revolution nimmt in dieser neuen Lesart wieder
eine gewisse Kohärenz an (man ist weit entfernt vom "aus-der-
Bahn-geraten"), da sie den Status eines Neues stiftenden Ereig-
nisses erlangt - aber leider nicht in gutem Sinne, da es so ist,
daß sie im Keim alle totalitären Abweichungen des 20. Jahrhun-
derts enthält. Über Cochin hinaus setzt Furet hier seine Überle-
gungen kontinuierlich mit denen von Talmon 25) fort. Rousseau
wird der Prozeß gemacht als demjenigen, der die Themen des allge-
meinen Willens und der nationalen Souveränität eingebracht hat,
die den Jakobinern in Fleisch und Blut übergingen: "Es ist die
Schuld von Rousseau" schlußfolgert Jacques Julliard 1986, der
diesen Standpunkt teilt.
Das Erwachen der konterrevolutionären Geschichtsschreibung
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François Furet teilt nicht - er hat es gesagt - den Standpunkt
der - z.T. aufgrund des Nahens der Zweihundertjahrfeier - seit
zwei oder drei Jahren wiedererwachten, offen konterrevolutionären
Historiographie. Um genau zu sein: War sie denn jemals verschwun-
den? Sie hatte ihre starken, seit dem 19. Jahrhundert tradierten
Positionen gehalten, sei es in der Académie française (im Fahr-
wasser von Pierre Gaxotte) oder in den Bahnhofsbüchereien. Die
alte, etwas müde Leier wurde jüngst wieder bemerkenswert revita-
lisiert. Als karikaturale Miniaturausgabe der Überlegungen von
François Furet, als Vorzimmer des Gulag treibt das Bild einer to-
talitären Revolution neue Blüten. Die mit Terror und Blutbad
gleichgesetzte Revolution wird zum absoluten Bösen schlechthin.
Eine ganze Literatur entsteht zum Thema "innerfranzösischer Völ-
kermord" - ausgehend von oft recht gewagten Schätzungen hinsicht-
lich der Zahl der Toten des Krieges in der Vendee: 128 000,
400 000 ... und warum nicht 600 000? Ohne Spezialisten in dieser
Frage zu sein, haben gewisse Historiker, wie Pierre Chaunu, das
ganze Gewicht ihrer moralischen Autorität - die groß ist - in die
Waagschale geworfen, um diesen Diskurs der Verunglimpfung zu ent-
wickeln, wobei sie von vornherein jeden entgegenwirkenden Versuch
disqualifizieren, um recht zu behalten.
Diese Geschichtsschreibung nimmt aufgrund der Unterstützung, die
sie in den Medien und in einem Teil der Presse erfährt, viel
Platz ein. Soll sie uns die viel authentischeren Aspekte einer
heute mitten im Aufbruch begriffenen Werkstätte zum Studium der
Revolution kaschieren?
Eine mitten im Aufbruch begriffene Forschung
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Die Aufgabe, eine wahre Bilanz der derzeitigen Werkstätten und
Felder der Erforschung der Revolution zu erstellen, wird erleich-
tert durch die Konjunktur der Zweihundertjahrfeier selbst, die
dadurch, daß sie die Nachfrage erhöht, die Merkmale der Produk-
tion besser zum Vorschein kommen läßt. Die Berichte und Aufstel-
lungen, die Jacques Godechot regelmäßig in der "Revue Historique"
erstellt, erfassen eine wahre Flut von Veröffentlichungen und
ermöglichen ziemlich sichere Stichproben. Im übrigen bietet das
seit vier Jahren von der "Kommission zur historischen Forschung
anläßlich der Zweihundertjahrfeier der Revolution" ("Commission
de recherche historique (C.N.R.S.) pour le bicentenaire de la
Revolution") veröffentlichte Bulletin 26), das For-
schungsprogramme und Kolloquien, die deren Ausdruck sind, rezen-
siert, einen noch sichereren Überblick über die Tendenzen der
Forschung, die heute in Frankreich und der Welt stattfindet.
Täuschen wir uns nicht darüber hinweg, daß ein gewisser Teil die-
ser Indizien interpretationsbedürftig ist: So läßt die verlegeri-
sche Flut der letzten Jahre auch Modeerscheinungen erkennen,
Schwärmereien, die von den Medien am Leben gehalten werden; eben-
sosehr, wenn nicht mehr, spiegelt sie jedoch auch die authenti-
sche Bewegung der Forschung, während zugleich die gelehrten und
sachkundigen Sammlungen und Publikationen von Texten und Dokumen-
ten (v.a. die Archives Parlementaires) Mühe haben, zu überleben.
Hier berühren wir das Problem der Diskrepanz zwischen dem Diskurs
der Gelehrten und dem, den die Medien führen: Wir werden darauf
zurückkommen.
Nach diesen vorsichtigen Hinweisen ist es uns gleichwohl gestat-
tet, eine die Bewegung erfassende Darstellung oder Bilanz zu ver-
suchen.
Die Wiederentdeckung des Politischen
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Die gegenwärtige Historiographie der Revolution - um eine klassi-
sche Einleitung vorzunehmen - erlebte den Stillstand des in allen
Zweigen der Geschichte spürbaren Niedergangs der politischen Ge-
schichte durch den Einfluß der S c h u l e d e r A n n a-
l e n. Bezeichnenderweise hat jedoch hier eine Wiederaufwertung
des Politischen stattgefunden. Sollen wir das der von François
Furet erbrachten erneuten "revisionistischen" Lektüre zuschrei-
ben? Richtig ist, daß letztere eine sehr spezifische Annäherung
an das Politische bezeichnet, im Rahmen einer "konzeptualisier-
ten" Geschichte, wie sie der Autor selbst nennt, der, ohne zu
sehr auf Beiträge einer Feld-Forschung - diese schätzt F. Furet
wenig - zurückzugreifen, sich eher der zurückschreitenden Wieder-
entdeckung der früheren Geschichtsschreiber - Tocqueville,
Quinet, Marx und natürlich Auguste Cochin - zuwendet, um sein
erklärendes Modell zu bereichern. Diese Schule ist indes keines-
wegs die einzige, die den Bereich der revolutionären Politik
bearbeitet: Eine besondere Beachtung muß jener anderen Strömung
zuteil werden, in der, ausgehend von der durch Wortkundler (die
ebenfalls Historiker sind) geleiteten Analyse des Diskurses, eine
Annäherung an die Inhalte vollzogen wird - handle es sich nun um
den jakobinischen Diskurs oder um den der Volksbewegung und
seiner Wortführer, Héberts und anderer. Die Studien von Jacques
Guilhaumou oder Annie Geoffroy sind in dieser Hinsicht sehr
bezeichnend.
Von wo man auch komme - die Konvergenz in diesem Bereich voll-
zieht sich über eine Reihe von zentralen, zu hinterfragenden Pro-
blemstellungen, und jene des Jakobinismus 27) ist ein Paradefall
für diese zentralen Fragen, in denen sich die Debatte über den
Sinn der Revolution selbst kristallisiert.
Die Geschichte der Menschen: Mehrdeutigkeiten der Biographie
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Im Zentrum dieser Wiederentdeckung des Politischen nimmt die bio-
graphische Annäherung einen mehrdeutigen Platz ein. Man hätte sie
gestern noch im Niedergang gewähnt, und wenn wir an die großen
Debatten zu Beginn dieses Jahrhunderts denken - Danton gegen Ro-
bespierre, Aulard gegen Mathiez -, hätten wir in der Art von Lu-
cien Febvre "über die Geschichte, die nicht mehr die unsere ist"
schreiben können. Und dann hat in allerjüngster Zeit, in der
Werkstatt der Biographien von Revolutionären, die hinfort vor al-
lem den akademischen Historikern vorbehalten schien, eine be-
zeichnende Umkehr stattgefunden: Saint-Just, Danton, Mirabeau,
Madame Roland, Lucile und Camille Desmoulins finden oft neue,
qualifizierte Biographen. Diese Rückkehr zur Biographie ist je-
doch kein spezifisches Merkmal der Werkstätten zur Erforschung
der Revolution 28), sondern sie ist eines der allgemeinen Merk-
male einer Historiographie in unserer Zeit, die Identifikations-
und Personalisierungs-schwierigkeiten hat. Wie man seine Wurzeln
sucht, so sucht man seine Helden. Abgesehen von den großen Figu-
ren, eignet sich die Geschichte der Revolution zur Inwertsetzung
des Studiums bestimmter "Fälle" durch Persönlichkeiten, die dazu
beigetragen haben, die Konzeption von Biographien selbst zu er-
neuern, indem sie sich anonymen oder halbanonymen Helden zuwand-
ten, deren Abenteuer vielleicht ebenso erhellend sein können wie
die von solchen, die eine führende Rolle spielten: Man denke an
den Glasermeister Menetra, dessen "Tagebuch" von Daniel Roche un-
tersucht wurde. 29) Und ich selbst habe zwei dieser anonymen Ge-
stalten der Revolution "zum Sprechen gebracht", den Schreinermei-
ster Joseph See aus Aix-en-Provence, der sich in seinem leeren
Prachtgrab als Freimaurer und Jakobiner enthüllt (dürfen wir sa-
gen: ganz und gar?), wie den Dichter Theodore Desorgues - Autor
der "Hymne an das höchste Wesen" vom 20. Prairial des Jahres H,
der fast als Grenzfall eines Künstlers in der Revolution gelten
darf.
Ein derzeitiger Seitenweg der Biographien nimmt im Rahmen der
Studien der Revolution eine besondere Bedeutung an: Er besteht
darin, den Prozeß der Heroisierung oder der posthumen Erzeugung
großer revolutionärer Gestalten inmitten des kollektiven Abenteu-
ers zu verfolgen: Die Aufarbeitung des Sich-Vorstellens, der Ima-
gination, ist in "Der Tod von Marat" in geradezu exemplarischer
Weise von einer Forschergruppe in einer interdisziplinären Studie
geleistet worden.
Sozialgeschichte und Geschichte der Massen
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Es bleibt festzuhalten, daß die Rückkehr zur politischen Ge-
schichte ebenso wie die zur Biographie nicht das wesentliche Ge-
wicht der Sozialgeschichte der Massen in der Revolution verdecken
kann - eine Sozialgeschichte, die ebensosehr, wenn nicht in noch
stärkerem Maße, politische Geschichte ist und die, in Fortsetzung
der jakobinischen Geschichtsschreibung, das wesentliche Ziel
bleibt.
Diese Geschichte hat ihre Forschungsgebiete und ihre Projekte.
Das Forschungsfeld Paris, nacheinander von Marcel Reinhard 30)
unter dem soziologischen und demographischen Blickwinkel er-
schlossen, dann von Albert Soboul und seinen Schülern hinsicht-
lich der Formen der Volksbewegung, ist weit davon entfernt, aus-
geschöpft zu sein: Es ist dennoch zu hoffen, daß 1989 eine wenn
auch nicht definitive, so doch neuformulierte Synthese der Ge-
samtheit dieser Arbeiten vorgelegt werden kann. Sodann ist es an-
gebracht - man gestatte mir den Ausdruck ", die Französische Re-
volution zu "entparisianisieren", indem man vom gesamten nationa-
len Raum stärkeren Besitz ergreift. Dies ist das Ziel des derzeit
beim Institut für die Geschichte der Französischen Revolution
(Paris I) erfolgenden Aufbaus eines nationalen Dokumentationszen-
trums mit Mikro-Fiches, das die heute noch schlummernden oder un-
genutzten Examensarbeiten und Dissertationen - aus der Provinz
wie aus Paris - versammelt. Im gleichen Sinne wird an einem
"Historischen Atlas der Französischen Revolution" ("Atlas Histo-
rique de la Révolution Française") gearbeitet - ein gemeinsames
Projekt der E.H.E.S.S. und des I.H.R.F. In den Regionen fand die-
ses anspruchsvolle Programm lebhaften Zuspruch: Die Arbeiten wur-
den vervielfacht, sowohl über den revolutionären und konterrevo-
lutionären Westen 31) wie über die Provence und den Languedoc,
die Dauphine und den Norden: Die Aufzählung der derzeitigen, der
Zweihundertjahrfeier vorausgehenden Werkstätten und ihrer For-
schungen bleibt zwangsläufig unvollständig. In regionalem Maßstab
sind die verschiedenen Zweige der Revolutionsgeschichte unter-
schiedlich stark vertreten, während die Wirtschaftsgeschichte
trotz neuerer, brillanter Arbeiten (D. Woronoff über die Eisen-
hüttenindustrie, L. Bergeron über Bankiers und Geschäftsleute,
Bruguière über die Spekulanten) 32) zu sehr auf einen Kreis von
Spezialisten beschränkt bleibt, wie vielleicht auch die demogra-
phische Geschichte nach dem aufpeitschenden Hieb, den ihr Marcel
Reinhard verpaßt hatte.
Die Geschichte des bäuerlichen Landes ist nicht tot
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Die Erforschung der Geschichte des bäuerlichen Landes hat keinen
Rückgang erfahren. In der Erforschung ihrer Strukturen hat Albert
Soboul bis zu seinem Tod das Studium der grundherrschaftlichen
Abgaben und ihrer Aufhebung unter der Revolution angeregt (s. die
universitären Arbeiten von J.-N. Luc und Guy Lemarchand). 33) Was
die Erforschung der sozialen Dynamik betrifft, ausgehend von den
bäuerlichen Bewegungen während der Revolution wie in der großen
Krise im Frühling und im Herbst 1792, aber ebenso im allgemeinen
Widerwillen gegen den Loskauf von den Rechten der Feudalherren in
bestimmten Regionen im Jahre 1790, so präsentiert sich hier eine
intensiv arbeitende Werkstätte, angefangen mit den (leider noch
zu wenig bekannten) Arbeiten von A. Ado, denen von M. Vovelle und
von J. Nicolas, der eine Untersuchung im gesamtnationalen Maßstab
vornimmt (1984 thematisierte ein Kolloquium an der Universität
Paris VII die "Volksempfindungen und -gefühle" in der Neuzeit).
34)
Die Geschichte der Städte
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Die Geschichte der Städte - wobei Soziologie und soziale Bewegung
eng miteinander verbunden sind - wird ständig weitererforscht,
sie setzt die Beiträge von Soboul und Rudé fort (nach 25 Jahren
wurden die "revolutionären Massen" endlich ins Französische über-
setzt!). 35) Systematisch werden große, offene Bereiche erschlos-
sen - zitieren wir, ohne Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu
wollen, das Studium der Massen, das in das der Sprachen und der
Gestualität der Gewalt mündet 36); desgleichen ist eine soziolo-
gische Studie über den Föderalismus in seinen verschiedenen For-
men in Arbeit. 37) Nach dem Studium der Gruppen der Sans-Culotte-
rie durch Soboul (Paris) und Vovelle (Marseille) wird den ver-
schiedenen Haltungen und Strategien der Bourgeoisie während der
Revolution von neuem eine legitime Beachtung geschenkt, einset-
zend mit der Prosopographie 38) der Eliten und der munizipalen
Notablen.
Schließlich vereinigt sich die Sozialgeschichte wieder mit der
politischen Geschichte - von der sie untrennbar ist - in eine
ganze Strömung, die, von einer lebhaften Neugierde getragen, sich
den bäuerlichen Konterrevolutionen zuwendet, sich mit der Art und
Weise des Einschwenkens eines Teils der bäuerlichen Massen (sowie
ihrer Beweggründe) in eine - eventuell bewaffnete - Gegnerschaft
zum neuen Regime auseinandersetzt: Das schon zitierte Kolloquium
über die "Widerstände gegen die Revolution" 1985 in Reimes ist in
dieser Hinsicht beispielhaft zu nennen. Eine ganze Reihe von Ar-
beitshypothesen wurde erstellt, seit der großen Studie von Paul
Bois, die immer noch als Standardwerk gelten darf 39), deren
Schlußfolgerungen heute manchmal bestritten werden (Roger Dupuy,
D. Sutherland) - allerdings in einer Debatte, die nichts gemein
hat mit den erbärmlichen Polemiken über den "innerfranzösischen
Völkermord".
Vom religiösen Moment zur nachdrücklichen
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Betonung des Kulturellen
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Es bleibt festzuhalten, daß sich quer durch die Analyse der neuen
Publikationen, der Felder der Forschung wie auch des wissen-
schaftlichen Austauschs, mit besonderer Deutlichkeit eine nach-
drückliche Betonung der kulturellen, sodann der mentalen Momente
abzeichnet. Kann man von einer "Abweichung" ins Imaginäre auf Ko-
sten des Studiums der objektiven Bedingungen sprechen? Da diese
Entwicklung nicht nur eine spezifische Erscheinung der Revoluti-
onsforschung ist, ist sie dort besonders spürbar. Dieser Ansatz
kommt nicht umhin, zugleich eine neue, d.h. grundlegend erneuerte
Auseinandersetzung mit der religiösen Geschichte der Revolution
hervorzurufen: So hat man das Problem der Entchristianisierung
angepackt, ein traumatisches Ereignis, das den Zugang zu den der
Revolution eigenen Formen der Religiosität als auch denen der
plötzlichen Befreiung von traditioneller Disziplin eröffnet. 40)
Timothy Tackelt hat unlängst die Haltungen des französischen Kle-
rus zum Schwur auf die Verfassung von 1790 einer genaueren Be-
trachtung unterzogen 41): Ebenso wie die religiösen Konsequenzen
betont er den irreversiblen Bruch, den dieser Eid in ganz
Frankreich aufgrund der schwerwiegenden Entscheidung für oder ge-
gen die Revolution hervorruft: Es ist ein Ereignis, das wichtige
Strukturen für die Zukunft schafft.
Aber auch die mehr spezifisch kulturellen Aspekte tragen zu einer
Bündelung zahlreicher Recherchen bei: Das Reinen-Tisch-machen,
das sich im V a n d a l i s m u s ausdrückt, die direktive Po-
litik, insbesondere im Bereich der Sprachen und Mundarten 42),
stellen nur ein Teilstück dessen dar, was von mehreren Forschern
"Kulturrevolution" (S. Bianchi) genannt worden ist; des weiteren
wendet man sich der ganzen innovativen Politik im Bereich der
Wissenschaften und der Technik sowie den Künsten zu, wo die Ent-
stehung des Museums als Folge des neuen Begriffes vom nationalen
Erbe die dialektische Ergänzung der Zerstörungen durch den Vanda-
lismus ist.
Schließlich ruft die außergewöhnliche Kreativität - in der Lite-
ratur, in der Musik, im graphischen und ikonographischen Schaffen
- einer Periode, die man zu Unrecht steril genannt hat, eine
ganze Reihe von zu entdeckenden Forschungsbereichen hervor, an
die bis dahin kaum gedacht worden war. 43)
Vom Kulturellen zu den Mentalitäten
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Der Übergang vom Kulturellen zu den Mentalitäten scheint völlig
problemlos und sozusagen natürlich. Trotz berühmter früherer Ver-
suche ("La Grande Peur" von Georges Lefebvre), die Mentalitäten
historisch näher zu erfassen, stieß die Durchsetzung der neuen
Herangehensweisen dieser Disziplin auf einige Schwierigkeiten, da
über diesem Feld noch der Schatten von Taine und seinen Schülern
schwebte. Gleichwohl ist diese Durchsetzung inzwischen gelungen
44), und man fragt schon nach dem Aussehen dieses "neuen Men-
schen", dessen Formung die Französische Revolution unternahm -
wobei er, wie G. Lefebvre sagte, zwischen den widersprüchlichen
Regungen von Angst und Hoffnung befangen und in eine neue Gesel-
ligkeit hineinversetzt war, von den Clubs bis zu den Festen...
Genau im Herzen der Menschen übernimmt die Revolution somit voll
und ganz die Rolle eines Ereignisses, das Neues begründet; mit
Auswirkungen von langer Dauer: Eine ganze Strömung von Forschern
hat es unternommen, eben diese Auswirkungen zu analysieren.
Das Bild, das man sich von der Französischen Revolution macht
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Das wechselvolle Schicksal der unzähligen Ideen und auch der
Werte, die das revolutionäre Frankreich der Welt gegeben hat,
nicht nur im Bereich des politischen und philosophischen Denkens,
sondern auch in der Literatur, in den Künsten, und, weiter ge-
faßt, in all dem, was man heute die kollektive Vorstellungswelt
nennt ("l'imaginaire collectif"): All das stellt ein immenses
Feld und ein immenses Abenteuer dar und führt uns bis ins 20.
Jahrhundert. In diesem Bereich sind erst Anfänge zu verzeichnen,
aber wie suggestiv und anregend sind sie doch! Zum Beispiel die
Arbeiten von Maurice Agulhon über die allegorischen Ausdrucksfor-
men der Republik in Gestalt der "Marianne" im 19. Jahrhundert.
45) Aber wir können darüber hinausgehend sagen, daß die außeror-
dentlich starke Beteiligung, die sich aufgrund des Herannahens
der Zweihundertjahrfeier auf wissenschaftlichem Gebiet vollzieht,
natürlich dahin zielt, die posthumen Abenteuer der Französischen
Revolution in Gestalt der Verbreitung ihrer zahlreichen Ideen in
den verschiedenen Ländern zu analysieren. Die vielfachen Antwor-
ten der nationalen Geschichtsschreibungen zeugen davon.
Schlußwort: eine triumphierende oder eine bedrohte Revolution?
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So flüchtig sie auch sei: Die Darstellung, die wir hier gegeben
haben, wird nicht den Eindruck von Erstarrung, Niedergang oder
der bloßen Wiederholung bestätigen, den uns die in Wörterbüchern
verzeichneten althergebrachten Ideen vermittelten.
Die Geschichtsschreibung der Französischen Revolution ist mitten
im Aufbruch begriffen. Man wird zukünftig nicht mehr von einer
vorherrschenden Lesart sprechen können in diesem Bereich, der
durch eine explosionsartige Ausbreitung in alle Richtungen ge-
kennzeichnet ist, und das ist ohne Zweifel gut so. Es bleibt da-
bei, daß diese Historiographie auch ihre eigene Verwirrung verrät
- zwischen den Skrupeln einer "jakobinischen" Geschichtsschrei-
bung, die langsam wieder Vertrauen in sich selbst gewinnt, nach-
dem sie die Zielscheibe aller Angriffe gewesen ist; zwischen dem
Unbehagen einer "revisionistischen" Geschichtsschreibung, die
vielleicht ihre gesunde, provozierende Neuheit eingebüßt hat und
die sich konfrontiert sieht mit ihrer vulgarisierten und trave-
stierten Wiederverwendung durch eine dritte Schule, die wir eine
"verunglimpfende" nennen wollen, mit zahlreichen Ideen, die un-
längst auf die unvermeidlichen "Abweichungen" der Revolution
zielten. Wenn die Bedeutung dieser dritten Gruppe auf wissen-
schaftlicher Ebene auch nicht groß ist - sie disqualifiziert sich
schon durch den Rückgriff auf die Polemik, die ihr ihre Glaubwür-
digkeit nimmt ", so wird sie sicher noch eine Weile die Straßen
unsicher machen.
Dies erleichtert freilich nicht die zu leistende Aufarbeitung und
die Rehabilitierung eines Bildes der Revolution, das sowohl durch
den Verlust des kollektiven Erinnerungsvermögens als auch durch
den Rückgang des Wissens von der Vergangenheit zu einem Zerrbild
geworden ist - wohingegen die Öffentlichkeit doch auf neue Ent-
deckungen gespannt ist. Es wäre sehr schädlich, wenn die Zweihun-
dertjahrfeier ein Auseinanderklaffen - wie das einer geöffneten
Schere - von einer aktiven und offenen Forschung einerseits und
einem von den Massenmedien beförderten Diskurs andererseits erle-
ben würde, denn letztere dürfte aus den abgedroschensten Themen
einer weitestgehend konterrevolutionären Tradition bestehen, wel-
che das Bild einer Revolution einzubürgern versucht, die aus-
schließlich in ihren blutigen und zerstörerischen Aspekten gese-
hen wird.
Es bleibt zu sagen, daß in dieser offenen Situation Anlässe zur
Hoffnung nicht fehlen. Die Revolution ist nicht "beendet": Sie
bleibt sehr wohl in der gemeinsamen Vorstellungswelt der Franzo-
sen eines der markantesten Unterscheidungsmerkmale. Außerhalb
Frankreichs ruft sie eine bemerkenswerte Interessenübereinstim-
mung hervor, eine allgemeine Sympathie, die oft verwundert ist
über den Gemütszustand der Franzosen selbst. Es ist zu hoffen,
daß dieses übereinstimmende Verlangen im nationalen, regionalen
und internationalen Maßstab 1989 sein Echo in der Durchführung
des vorgesehenen Weltkongresses finden wird. In jedem Fall liegt
es in der Verantwortung der Historiker, sich - wie man während
der Revolution sagte - auf der Höhe der Ereignisse zu zeigen. Es
wird ein historisches Rendezvous, das es nicht zu versäumen gilt.
Übersetzung aus dem Französischen: Wilfried Schleif
_____
1) Albert Soboul, Les Sans-culottes parisiens en l'an II. Mou-
vement populaire et gouvernement révolutionnaire, 2 juin-9 ther-
midor an II, Paris 1958, deutsch (gekürzt): Französische Revolu-
tion und Volksbewegung: die Sansculotten. Die Sektionen von Paris
im Jahre II, hg. von Walter Markov, Frankfurt/Main 1978.
2) François Furet, Penser la Révolution, Paris 1978, dt: 1789 -
Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft, Frank-
furt/Main, Berlin, Wien 1980.
3) Archives Parlementaires de 1787 à 1860, Receuil des debats le-
gislatifs et politiques des chambres francaises, hrsg. von M. Ma-
dival und E. Laurent, später vom Institut d'histoire de la Révo-
lution française de la Faculté des Lettres et de Sciences humai-
nes (Sorbonne). Paris 1879 ff.
4) Jean Jaurés, Histoire socialiste de la Révolution Française,
Paris 1901-1904. Neu hrsg. von A. Soboul in 7 Bdn., Paris 1968-
1973.
5) Vgl. dazu u.a. Alphonse Aulard, Etudes et leçons sur la Révo-
lution Française, Serie 1-6, Paris 1893-1924; ders., Histoire po-
litique de la Révolution Française, Paris 1901; dt.: Politische
Geschichte der Französischen Revolution. Entstehung und Entwick-
lung der Demokratie und der Republik, 1788-1804, 2 Bde., Mün-
chen/Leipzig 1924; Albert Mathiez, La Révolution française (1922-
1927), Paris 1959, dt.: Die Französische Revolution, 3 Bde., Ham-
burg 1950.
6) Albert Mathiez, La vie chére et le mouvement social sous la
terreur, Paris 1927, Nachdruck Paris 1973.
7) Der Georges Lefebvre der: Les Paysans du Nord pendant la Révo-
lution Française, Lilie 1924, Paris 1972, oder der von: La Grande
Peur de 1789, (1932) Paris 1963, dt. auszugsweise in: Irmgart
Aglaya Hartig, Geburt der bürgerlichen Gesellschaften: 1789,
Frankfurt/M. 1979.
8) Siehe Anm. 1.
9) Marcel Reinhard, La chute de la royaute, Paris 1969; Jacques
Godechot, Les Révolutions (1770-1799), Paris 1963.
10) Albert Soboul, Precis d'histoire de la Révolution Française,
Paris 1962, dt.: Die Große Französische Revolution. Ein Abriß ih-
rer Geschichte (1789-1799), 2 Bde., Frankfurt/M. 1973; J.R. Su-
ratteau, La Révolution française, certitudes et controverses,
Paris 1973; George Rudé, The Crowd in the French Revolution, Ox-
ford 1959, dt.: Die Massen in der Französischen Revolution, Mün-
chen/Wien, 1961; Armando Saitta, Filippo Buonarotti. Contributi
alla storia della sua vita e del suo pensiero, 2 Bde., Rom
1950/51; Richard Cobb, Les Armées révolutionnaires, Instruments
de la Terreur dans les départements, 2 Bde., Paris 1965; Kåre D.
Tønnesson, La défoite des sans-culottes: mouvement populaire et
réaction bourgeoise en l'an II, Paris, 1959, 1978; siehe auch die
Literaturliste zu dem Artikel von Walter Markov im vorliegenden
Band.
11) Fernand Braudel, Histoire et sciences sociales. La longue du-
ree (1958), in: Ders., Berits sur l'histoire, Paris 1969, S. 41-
83; dt.: Geschichte und Sozialwissenschaften - Die "longue du-
rée", Köln 1972, S. 188 - 213; ebenso in: Claudia Honegger (Hg.),
Schrift und Materie der Geschichte. Vorschläge zur systematischen
Aneignung historischer Prozesse, Frankfurt/M. 1977, S. 47-85.
12) Robert Mandrou: De la Culture populaire aux 17e et 18e
siècles (3. éd.) Paris 1985.
13) Emmanuel Le Roy Ladurie, Les paysans de Languedoc, Paris
1961, 2 Bde.; dt.: Die Bauern des Languedoc, Stuttgart 1983.
14) Michel Vovelle, La Mort et l'Occident de 1300 à nos jours,
Paris 1983.
15) Alfred Cobban, The Myth of the French Revolution London 1955,
in: Alfred Cobban, Aspects of the French Revolution. London 1968;
englisch in: Eberhard Schmitt (Hrsg.) Die Französische Revolu-
tion. Anlässe und langfristige Ursachen; Darmstadt 1973, S. 170 -
194.
16) George V. Taylor: Noncapitalist Wealth and the Origins of The
French Revolution, in: The American Historical Review 72
(1966/67), S. 469 - 496; englisch in: Eberhard Schmitt (Hrsg.),
Die Französische Revolution, a.a.O., S. 288 - 328.
17) Francois Furet/Denis Richet, La Révolution française, 2 Bde.,
Paris 1965, dt.: Die Französische Revolution, Frankfurt/M. 1968
(Neudr. München 1980).
18) Daniel Guerin, La Lutte des Classes sous la premiere Republi-
que. Bourgeois et "bras nus" 1793 "1797, 2 Bde., Paris 1946,
neue, revidierte und erweiterte Fassung, Paris 1968, dt. gekürzt:
Klassenkampf in Frankreich. Bourgeois und "bras nus" 1793 "1795,
Frankfurt/M. 1979.
19) François Furet, Le catéchisme révolutionnaire, in: Annales:
Économies-Sociétés-Civilisations, Paris 26 /1971, S. 255-289,
dt.: Der revolutionäre Katechismus, in: Eberhard Schmitt (Hg.):
Die Französische Revolution, Köln 1976, S. 46-88.
20) Annales Historiques de la Révolution française, Paris.
21) Les fêtes de la Révolution. Colloque de Clermont Ferrand
(juin 1974) hg. v. Jean Ehrhard/Paul Viallaneix, Paris 1977; Mona
Ozouf, La fête révolutionnaire, 1789-1799, Paris 1976; Michel Vo-
velle, Les métamorphoses de la fête en Provence, 1750-1820, Paris
1976.
22) Régine Robin, La Société française en 1789: Semur-en-Auxois,
Paris 1970.
23) Michel Vovelle, Pêtres abdicataires et déchristianisation en
Provence, in: Actes du Congrés national des societe's savantes,
Section d'histoire moderne et contemporaine 89, Teilband 1, 1965,
S. 63-98; ders., Piété baroque et déchristianisation en Provence
au XVIIIe siècle, Paris 1973; ders. Religion et Révolution: la
déchristianisation de l'an II, Paris 1976.
24) Siehe Anm. 2.
25) Jacob Laib Talmon, The Origins of Totalitarian Democray, Lon-
don 1961; Neuausgabe New York 1970; dt.: Die Ursprünge der tota-
litären Demokratie, Köln und Opladen 1961.
26) C.N.R.S. (Hrsg.): Bulletin pour le bicentenaire de la Révolu-
tion Française. Commission de recherche historique. Paris 1984
ff.
27) Claude Mazauric, Jacobinisme et Revolution, Paris 1984.
28) Vgl. die Sondernummer der Zeitschrift Espaces-Temps, 1986.
29) Daniel Roche, "Journal de ma vie" de Ménétra.
30) Siehe Anm. 9.
31) F. Lebrun, R. Dupuy (Hg.), Les Résistances à la Révolution
(Colloque de Reimes, 1985), Paris 1987.
32) Denis Woronoff, Tradition et innovation dans la siderurgie,
Revue d'histoire moderne et contempo-raine, 1970, S. 559; Louis
Bergeron, Banquiers, negociants et manufacturiers Parisiens de
Directoire à l'Empire (Diss.), Paris 1974; Louis Bergeron
(Hrsg.), Grands notables du Premier Empire. Paris 1986.
33) J.N. Luc, Paysans et droits feodaux en Charente inférieure
pendant la Révolution Française (Diss.); Guy Lemarchand, La Fin
du Feodalisme dans le pays de Caux (Diss).
34) J. Nicolas (Hg.), Mouvements populaires et conscience so-
ciale, XVIe-XIXe siècles, Paris 1985 (Kolloquium an der Universi-
tät Paris VII, 1984).
35) George Rudé, The Crowd in the French Revolution, Oxford 1959,
dt.: Die Massen in der Französischen Revolution, München/Wien
1961.
36) Bernhard Conein, Las Massacres de septembre 1792, Paris 1986.
37) Vgl. hierzu die jüngere, kollektiv erarbeitete Studie über
den "féderalisme jacobin" von 1986.
38) Verzeichnis aller in schriftlichen Urkunden vorkommenden Na-
men.
39) Paul Bois, Les Paysans de l'Ouest (Diss.).
40) Michel Vovelle, Religion et Révolution. La déchristianisation
de l'an II, Paris 1976.
41) Timothy Tackett, Religion, Revolution and Regional Culture in
Eighteenth-Century France, Princeton 1986.
42) Michel de Certau/Dominique Julia/Jacques Revel, Une politique
de la langue: La Révolution française et les patois, Paris 1975.
43) Michel Vovelle, La Révolution Française. Images et Récits, 3
Bde., Paris 1986.
44) Michel Vovelle, Die Französische Revolution - Soziale Bewe-
gung und Umbruch der Mentalitäten, München/Wien 1982; Neuauflage
Frankfurt 1987; vorher italienisch: Breve storia della rivolu-
zione francese, Rom 1979; ders., La Mentalité revolutionnaire.
Société et mentalité sous la Révolution française, Paris 1985.
45) Maurice Agulhon, Marianne au Combat. L'Imagerie et la symbo-
lique républicaine de 1789 à 1880, Paris 1979; die
"Gedächtnisstätten", deren Erfassung Pierre Nora unternommen hat,
führen uns auf dieses Gebiet: Pierre Nora (Hrsg.), Les Lieux de
Mémoire. Sous la direction de Pierre Nora (Zeitschrift), Paris,
Gallimard 1986 ff.
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