Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988
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ZUSAMMENFASSUNGEN
Johannes Henrich von Heiseler/Heinz Jung
Die Große Französische Revolution und die
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bundesdeutsche Gegenwart - Reflexionen
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Einführend werden Grundprobleme, die die Französische Revolution
aufgeworfen hat, benannt. Es ergeben sich für die Gegenwart be-
deutsame Fragen aus der vergleichenden Betrachtung einer solchen
Revolution an einem Knotenpunkt der geschichtlichen Entwicklung.
Als gewaltsamer Umsturz bestehender sozialökonomischer und poli-
tischer Herrschaftsverhältnisse werden politische und soziale Re-
volutionen zur Form der Durchsetzung des geschichtlichen Fort-
schritts, wenn der Weg der Reformen blockiert ist, aber die Herr-
schenden der Veränderung nicht mehr Einhalt gebieten können. Ob-
jektive Gründe sprechen nicht dafür, daß das Zeitalter der Revo-
lutionen beendet ist.
Manfred Kossok
1789 - Versuch einer Positionsbestimmung
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Der Beitrag verbindet die Darstellung der zeitgenössischen marxi-
stischen Forschungen zur Französischen Revolution und die Ausein-
andersetzung mit den entsprechenden Gegenpositionen mit der Dis-
kussion und Vorstellung wichtiger Ergebnisse der vergleichenden
Revolutionsgeschichtsforschung für das 19. Jahrhundert. Er stellt
heraus, daß die Anwendung des Konzepts der "Revolutionstriade"
(Freisetzung der neuen Produktionsformen, politisch-soziale Um-
wälzung, Umbruch im Denken) den Gesamtcharakter des Umwälzungs-
prozesses zu erschließen vermag. Mit der Französischen Revolution
vollzieht sich ein Epochenwechsel im weltgeschichtlichen Maßstab.
Das gesamte 19. Jahrhundert wird durch das Ringen um das Erbe von
1789 bestimmt. Mit dieser klassischen Revolution im bürgerlichen
Revolutionszyklus und dem Sieg der von England ausgehenden indu-
striellen Revolution ergibt sich für das 19. Jahrhundert ein qua-
litativ verändertes Verhältnis von Reform und Revolution in der
Durchsetzung der kapitalistischen Gesellschaftsformation. Aus den
Fagestellungen des Beitrages ergeben sich aktuelle Bezüge zur
theoretischen Diskussion und zur ideologischen Auseinandersetzung
um die Revolutionstheorie der Gegenwart.
Michel Vovelle
Die Historiographie der Französischen Revolution
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am Vorabend der Zweihundertjahrfeier
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Die Geschichtsschreibung der Französischen Revolution zeigt mit-
einander kämpfende Linien. Eine jakobinische, die in starkem Maße
marxistische Positionen und Herangehensweisen einschließt, eine
in Frankreich "revisionistisch" genannte Linie, die vom
"Abgleiten" der Revolution zwischen 1791 und 1794 ausgeht und die
Revolution für beendet erklärt, schließlich eine konterrevolutio-
näre-antijakobinische Linie, die, die Überlegungen der
"Revisionisten" karikierend, diese konsequent zu einer solchen
Form der Totalitarismus-Theorie weitertreibt, daß sich die
"Revisionisten" darin nicht wiederzufinden glauben. Die neuere
Forschung der "jakobinischen" Geschichtsschreibung ist dadurch
gekennzeichnet, daß sie thematisch in die Tiefe und die Breite
geht: Neuentdeckung des Politischen, biographische Forschungen,
sozialgeschichtliche Arbeiten, regional differenziert, Untersu-
chungen zur kulturellen Revolution, Mentalitätsforschung.
Walter Markov
1789 - Legende und Wirklichkeit einer großen Revolution
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An verschiedenen Beispielen zeigt der Autor, wie schon ihre Zeit-
genossen die Ereignisse der Französischen Revolution idealisier-
ten. Die Revolutionsgeschichtsschreibung ist bis heute gleichzei-
tig immer auch ein Indikator der jeweiligen Standorte und aktuel-
len Klassenauseinandersetzungen geblieben. Für marxistische Ge-
schichtsschreibung gilt die ungetrübte Anerkennung der objektiven
Realität, wie Marx sie forderte, auch dort, wo sich gerechtfer-
tigte Emotionen aufladen. Nichtsdestoweniger wird der heutigen
marxistischen Revolutionsforschung der Vorwurf gemacht, den Boden
der Wissenschaftlichkeit verlassen zu haben und der Legendenbil-
dung freien Lauf zu lassen. Der Autor antwortet auf Kritik aus
dem bürgerlichen Lager, in deren Kern die Auffassung steht, dar
heutige Marxismus konstruiere generalisierenden Theoremen zuliebe
eine Revolutionsautomatik, die mit der lebendigen Revolution
nichts gemein habe und lenke gar "ein paar nette Einfalle" des
jungen Marx fehl und um.
Claude Mazauric
Einige Überlegungen zur Französischen Revolution
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und zur Konstituierung der herrschenden Klasse
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Ausgehend von der These, daß sich die Realität der herrschenden
Klasse in der Ausübung von Herrschaft vermittels staatlich-admi-
nistrativer Institutionen konkretisierte, skizziert der Autor
thesenartig den Prozeß, in dem die Bourgeoisie von einer revolu-
tionären zur staatstragenden Klasse wurde und wie sie sich selbst
dabei veränderte. Es zeigt sich, daß Bourgeoisie nicht gleich
herrschende Klasse ist, sondern daß vielmehr nur die Verschmel-
zung des kapitalistischen Bürgertums mit einer herrschenden
Klasse, die aus Klein- und Großeigentümern sowie aus Trägern
staatlicher Funktionen auf allen Ebenen bestand, ihre kulturelle
und politische Hegemonie als Realität garantieren und zugleich
verschleiern konnte.
Anatolij V. Ado
Zur Frage der Ergebnisse der Französischen Revolution
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im Agrarbereich
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Der Beitrag setzt sich vor allem mit der These auseinander, daß
die Erfolge der Agrarrevolution, die Schaffung des von Feudalla-
sten befreiten Parzellenbauern, zur Bremse der kapitalistischen
Entwicklung Frankreichs im 19. Jahrhundert geworden seien. Ado
weist diese These als "vereinfacht" zurück. Zwar verweisen die
bilanzierten Ergebnisse auf einen Erfolg der Bauernschaft,
gleichzeitig werden jedoch in der Nachthermidorperiode Ergebnisse
der Jakobinerphase teilweise revidiert und zurückgerollt - vor
allem zugunsten des Großeigentums. Die Agrarverhältnisse können
nur als einer der die Entwicklung des fanzösischen Kapitalismus
im 19. Jahrhundert bestimmenden Faktoren angesehen werden.
Susanne Petersen
Die Versorgungsfrage und die Französische Revolution
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Der Beitrag untersucht die Versorgungssituation im Frankreich des
späten 18. Jahrhunderts. Ausgehend von der Feststellung, daß
keine Revolution aus dem Hunger geboren wird, wird nach der
Rolle, die die Versorgungsfrage für das Handeln der Volksmassen
in der Französischen Revolution gespielt hat, gefragt. Die Auto-
rin vergleicht die Versorgungsunruhen der Vorrevolutionszeit mit
denen nach 1789. Blieben Aktionsformen wie Inhalte und Opfer
zunächst weitgehend identisch mit den Unruhen im Ancien Régime,
gewannen zunehmend Aktionsformen an Gewicht, die den Anspruch auf
positive Gestaltung von Wirtschaftspolitik deutlich werden lie-
ßen.
Dominique Godineau
Freiheit, Gleichheit und die Frauen
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Es gab zwischen 1789 und 1795 eine wichtige revolutionäre Frauen-
bewegung, die sich teilweise von der Volksbewegung abhob. Aber
welche Bedeutung hat die Versorgungsfrage für das Engagement der
Frauen des Volksmilieus? Welche Rolle spielen sie in den revolu-
tionären Erhebungen? Wie konnten sie Bürgerinnen sein und gleich-
zeitig von politischen Rechten ausgeschlossen? Wie haben sie sich
in Frauenclubs zusammengeschlossen? Condorcet und O. de Gouge wa-
ren Theoretiker des 'Bürgerrechts' der Frauen, aber 1793 haben
die Aktivistinnen des Volkes ihre politischen Rechte eingeklagt
und sich als 'freie Frauen' dargestellt, indem sie sich auf die
Menschenrechtserklärung beriefen.
Eberhard Dähne
Die Armee der Revolution und die Entstehung des modernen Krieges
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Neben der revolutionären Neugestaltung der politischen Institu-
tionen erfolgte im Verlauf der Revolution auch eine Umwälzung der
Methoden der Kriegsführung. Ihre Merkmale in der Verteidigungs-
phase der Republik waren spontane Volkserhebung, energische Mobi-
lisierung der nationalen Ressourcen und grundlegende Veränderun-
gen der Kriegstaktik. Sie wurden in der Aggressions- und Okkupa-
tionsphase weiterentwickelt. Ideen und Taten der Revolution haben
sowohl den "Volkskrieg" als auch die imperialistischen "Massen-
schlächtereien" hervorgebracht.
Hans Heinz Holz
Tugend und Terror - Notizen zur Schreckensherrschaft
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Ohne die Stufen der Eskalation des Interessenkonfliktes zu be-
rücksichtigen, ist die Beteiligung des Volkes an der sog.
"Schreckensherrschaft" nicht zu verstehen. So wurde die Härte des
Überlebenskampfes der revolutionierten, aber noch unstabilen Ge-
sellschaft im Ausland selten richtig erkannt: Die Jakobinerdikta-
tur war die notwendige Diktatur der volonte generale über die
hervorbrechenden partikularen Interessen. Was bei Robespierre zur
Unterscheidung zwischen Durchsetzung und Ausübung der Freiheit
führt, wird z.B. bei Schiller zum Gegensatz von Ideal und Leben,
wofür die Wurzel in der Struktur der Kantschen Philosophie nach-
zuweisen ein eigenes Thema wäre. Hegel begreift die Jakobinerdik-
tatur nicht als Gegensatz und Unterdrückung der Freiheit, sondern
als die Wirklichkeit ihres abstrakten Prinzips.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 14, 1988, S. 196-218
Kurt Holzapfel/Michael Zeuske
Die heroische Illusion und das 19. Jahrhundert.
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Größe und Begrenztheit der bürgerlichen Revolution in Frankreich
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Der Artikel versucht, die Beschäftigung von Marx mit wesentlichen
Aspekten des Problems der "heroischen Illusion" chronologisch im
sog. "Jugendwerk" nachzuzeichnen und mit Problemkreisen der ver-
gleichenden Revolutionsgeschichte in Verbindung zu bringen.
In einem zweiten Teil wird die Verbindung von "heroischer Illu-
sion", Größe und Grenzen einer bürgerlichen Umwälzung sowohl in
der Großen Revolution von 1789 selbst, als auch ihr Nachhall und
-wirken in der Polit- und Sozialgeschichte Frankreichs im 19. Jh.
untersucht.
Joachim Kahl
Religionskritik und Toleranzidee - geistige Hebel der Revolution.
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Eine historisch-systematische Skizze
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Mit der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes 1685 begann die
Vorbereitungsphase der religionspolitischen Ereignisse der Fran-
zösischen Revolution. Ihr laizistischer Schlußpunkt wurde 1905
mit der Trennung von Staat und Kirche gesetzt. Dazwischen lagen
die erregenden Ereignisse von 1789 (Erklärung der Religions- und
Gewissensfreiheit) bis 1801 (Konkordat Napoleons mit dem Papst),
die ohne die Tradition des Gallikanismus und die Bewegung der
Aufklärung nicht begriffen werden können. Als wesentliche Impuls-
geberin im Prozeß der Verweltlichung der Welt und der Auflösung
religiöser Bewußtseinsformen war die Französische Revolution in
ihrer Hauptlinie nicht durch atheistische Religionskritik, son-
dern durch deistische Misch- und Übergangsformen geprägt (Kult
des höchsten Wesens).
Hartwig Zander
Anstalterziehung als pädagogischer Partisan.
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Die "Société des jeunes Français" und die Anfänge experimenteller
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Sozialpädagogik in der ersten französischen Republik
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Die kühnen erzieherischen Experimente, die, unter revolutionären
Konstellationen, je aktual den "neuen Menschen" schaffen, sind
uns allenfalls bruchstückhaft bekannt. Das mag darin liegen, daß
wir den Blick vorzugsweise auf Verläufe "langer Dauer" richten
und die Materialität revolutionärer Situationen leicht aus den
Augen verlieren. Das mag aber auch daran liegen, daß Experimente
in Sachen Erziehung seit der Französischen Revolution Kollektiv-
bildung zur Form hatten. Sie widersetzen sich unserem Erziehungs-
alltag. Der Beitrag handelt von der Wirklichkeit eines Erzie-
hungsexperiments, das in den frühen Jahren der ersten französi-
schen Republik stattfand.
Rolf Reichardt
Politische Druckgraphik in der Französischen Revolution.
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Die Bildwelt der Bastille als Beispiel
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Die auflagenstarke, noch kaum systematisch erforschte politische
Bildpublizistik der Französischen Revolution gehört zu einer
Gruppe semi-oraler Medien der gesellschaftlichen Bewußtseinsbil-
dung und Didaktik, welche der Revolution erst ihre Massenbasis
verschafften. Dir eigentlicher Quellenwert liegt nicht in der Er-
eignisillustration, sondern in der allegorischen Verarbeitung und
Sinngebung sozialer Schlüsselvorgänge und Grundwerte der Revolu-
tion. Ihre vielfältigen Funktionen reichen von Nachrichtenver-
mittlung und Zukunftsbeschwörung über Heldenkult und politische
Vergewisserung bis zu Gedenkfeier und patriotisch-nationaler
Identitätsstiftung.
Domenico Losurdo
Der Begriff "bürgerliche Revolution" bei Marx und Engels
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Die Marx-Engelssche Analyse der Französischen Revolution als bür-
gerliche Revolution wird in unseren Tagen vielfach liquidiert.
Voraussetzung dafür ist ihre Verflachung: Für Marx und Engels
schließt der bürgerliche Charakter der Revolution keineswegs die
Gegenwärtigkeit und die Verflechtung vielfältiger sozialer Wider-
sprüche, und auch nicht das Aufkommen von Bewegungen und Forde-
rungen aus, die weit über das von der hegemonischen Klasse fest-
gesetzte Programm hinausgehen. Die heutige Debatte wird von einem
Mißverständnis überschattet: Wenn das Vorwort zu "Zur Kritik der
politischen Ökonomie" den revolutionären Prozeß ausgehend von dem
Widerspruch zwischen den Produktionsverhältnissen und den Produk-
tivkräften analysiert, dann bezieht es sich nicht auf ein einzel-
nes Land, sondern auf eine "Epoche sozialer Revolution". Dieser
Widerspruch bildet also nur den allgemeinen Umriß, in den man die
besondere Entwicklung jeder einzelnen Revolution einordnen muß.
Harry Schmidtgall
Welche Bibliothek benutzte Marx für seine "Kreuznacher Exzerpte"?
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Die von Marx 1843 in Bad Kreuznach angefertigten historischen und
staatstheoretischen Exzerpte mit Schwerpunkt Französische Revolu-
tion sind ein wichtiger Schritt für seinen Übergang von Hegel-
scher Staatsphilosophie zu materialistischen Positionen. Die von
Marx damals benutzte Bibliothek mit ihren für deutsche Verhält-
nisse ungewöhnlichen Beständen galt bisher als verschollen. Es
wurde sogar angezweifelt, ob die Exzerpte überhaupt in Kreuznach
entstanden sind. Der Autor, dem es vor kurzem gelang, die Biblio-
thek aufzuspüren, gibt einen Überblick über sie und befaßt sich
auch mit der möglichen Herkunft von exzerpierten, aber nicht in
der Bibliothek vorhandenen Büchern.
Werner Goldschmidt
Die Rezeption von Marx und Engels in der Debatte
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um die Französische Revolution
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Die Schwierigkeit einer systematischen Untersuchung von Marx' und
Engels' Aussagen zur Französischen Revolution liegt in deren ver-
wirrender Unterschiedlichkeit, z.T. sogar Widersprüchlichkeit.
Der Autor beantwortet Arbeiten von F. Furet und E. Schmitt (zus.
mit M. Meyn), die auf verschiedene Weise versuchen, diese Aussa-
gen in Widerspruch zur heutigen marxistisch-leninistischen For-
schungsrichtung zu bringen. Deutlich wird die Notwendigkeit einer
Aufarbeitung Marx-Engelsscher Aussagen zur Französischen Revolu-
tion aus marxistisch-leninistischer Sicht.
Josef Schleifstein
Reflexionen zur Französischen Revolution
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im politischen Denken Lenins
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Lenin hat sich mit der Französischen Revolution im Zusammenhang
mit der Strategie und Taktik der russischen Arbeiterbewegung, be-
sonders in revolutionären und vorrevolutionären Stadien des
Kampfes, beschäftigt. Dabei ist der Vergleich der Französischen
Revolution 1789-94 mit der Revolution 1848 in Deutschland wich-
tig. In der Auseinandersetzung mit dem menschewistischen Flügel
der Arbeiterbewegung geht es vor allem um den Charakter des Klas-
senbündnisses in der russischen Revolution und um die Hegemo-
niefrage. Von besonderem Interesse sind für Lenin in verschie-
denen Perioden die Bauernfrage und die Avantgarderolle der Jako-
biner sowie die Bedeutung des Eingreifens der unteren Volks-
schichten in den revolutionären Prozeß.
Walter Grab
Die Jakobinerbewegung in den deutschen Teilstaaten
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Die deutschen Jakobiner waren in erster Linie radikaldemokrati-
sche Aufklärer und Journalisten, die das Erbe des völkerverbin-
denden Weltbürgertums Lessings zu verwirklichen suchten. Sie ap-
pellierten an ihr Volk, die demokratischen Errungenschaften des
revolutionären Nachbarlandes auf Deutschland zu übertragen, po-
stulierten die Teilnahme aller Bürger, unabhängig von Herkunft
und Besitz, an den politischen Entscheidungen, und betonten - im
Gegensatz zur liberalen, monarchistisch-konstitutionell gesinnten
Mehrheit der deutschen Aufklärung ", daß der politische Umsturz
der sittlichen Vervollkommnung des Individuums vorausgehen müsse.
Auch die vielfältigen spontanen Volksunruhen im Revolutionszeit-
alter werden dem Jakobinismus zugerechnet. Wirkungsmöglichkeiten
besaßen die Jakobiner vor allem in Freimaurerlogen, durch Flug-
schriften, Journale, Freiheitsgedichte, sowie durch die revolu-
tionäre Bühne. Mit der Vernichtung der französischen Republik
durch Napoleon Bonaparte verstummten die deutschen Jakobiner re-
signiert.
Heinrich Scheel
Die Mainzer Republik 1792/93, ein deutsch-französisches Phänomen
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In dem Beitrag wird die Frage, inwieweit die Mainzer Republik das
Werk des revolutionären Frankreich war, präzise beantwortet: Ohne
die französische Präsenz in Gestalt der Armee Custines, vor der
die linksrheinischen Feudalen in heilloser Flucht das Weite such-
ten, wäre hier der Weg zur revolutionären Tat nie beschritten
worden; so aber konnte eine eigene revolutionäre Potenz entwic-
kelt werden. Die tragende Rolle, die die rheinisch-deutschen Ja-
kobiner im Gesamtprozeß der Mainzer Revolution spielten, berech-
tigt uns also, die Mainzer Republik als ein unverzichtbares Stück
deutscher demokratischer Geschichte zu betrachten.
Franz Dumont
Wandel von Außen. Zur Rezeption der Französischen Revolution
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im Linksrheinischen
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Auf das linksrheinische Deutschland wirkte die Französische Revo-
lution besonders stark ein. Dabei spielt allerdings die "Mainzer
Republik" - zu der hier aus nichtmarxistischer Sicht Stellung ge-
nommen wird - eine weitaus geringere Rolle als die folgenden
Jahre: Bis 1797 prägten Krieg und Besetzung die Rezeption der Re-
volution am Rhein. Dann führte die insgesamt siebzehnjährige Zu-
gehörigkeit des Linksrheinischen zum (post-)revolutionären
Frankreich hier einen enormen sozialen Wandel herbei, der zwar
"von außen" und "von oben" durchgeführt, von den Rheinländern
aber schließlich doch positiv aufgenommen wurde und bis weit ins
19. Jahrhundert ihr politisches Selbstverständnis prägte.
Hans Bert Reuvers
Philosophie und Revolution
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Die Alternativsetzung von deutscher Theorie (klassische deutsche
bürgerliche Philosophie) und französischer Praxis der Revolution
ist allgemein üblich. Ohne dem grundsätzlich zu widersprechen
gibt der Autor zu bedenken, daß deutsche Jakobiner und ihre Theo-
rien wie auch der gesamte Materialismus jener Zeit durch dieses
Raster fallen. Er plädiert für eine konkret historisch verfah-
rende Analyse, die das Klischee "von Kant zu Hegel" überwindet.
Die Geschichte der klassischen deutschen bürgerlichen Philosophie
kann nur als Geschichte des Widerspruchs von Idealismus und Mate-
rialismus geschrieben werden.
Robert Steigerwald
Goethe und die Große Französische Revolution
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Obwohl Gegner der Französischen Revolution, besonders wegen der
Terreur, war Goethe immer ein "Parteigänger des Neuen". Aus den
Naturwissenschaften zog er die Konsequenz, Entwicklungen hätten
evolutionär zu verlaufen. Revolutionen hätten ihre Ursache in den
Missetaten der Herrschenden und seien durch "gerechte Herrschaft"
zu vermeiden. Die Situation in den zurückgebliebenen und zer-
splitterten deutschen Ländern verwehrte dem weltverwurzelten Goe-
the tiefere Einsichten. Der Widerspruch seines Lebens entspringt
der persönlichen Einheit namens Goethe und der deutschen Wirk-
lichkeit namens Misere.
Hermann Kienner
Frankreichs Revolution und Deutschlands Konservatismus
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Die Französische Revolution hat infolge ihrer Klassizität nicht
nur Ideen hervorgetrieben, die über die Ideen des alten, d.h. des
feudalen und des kapitalistischen Weltzustandes hinausführten,
sondern auch eine ihrer epochalen Bedeutung gemäße intellektuelle
Gegenbewegung. Die Zielstellung dieses Konservatismus war sowohl
destruktiv (Zersetzung der international progressiven Auswirkun-
gen der Französischen Revolution) als auch konstruktiv (Anpassung
an die Entwicklungstendenzen der mit Frankreichs Revolution sich
unumkehrbar durchsetzenden bürgerlichen Gesellschaft mittels ei-
ner obrigkeitsstaatlich organisierten und klerikal legitimierten
Herrschaft). Das Belegmaterial zu dieser These ist den Werken von
Friedrich Gentz und Friedrich Julius Stahl entnommen.
Johannes Henrich von Heiseler
Modell der Revolutionen oder besonderer französischer Weg?
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Die Französische Revolution im Urteil der deutschen Zeitgenossen
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Die Französische Revolution, anfangs von vielen deutschen Zeitge-
nossen begeistert begrüßt, während die konservativen Kräfte sich
differenzieren und dann neu gruppieren, gilt Freunden und Feinden
als (anziehendes oder gefürchtetes) Modell. Der "französische
Weg" der bürgerlichen Revolution, der Weg "von unten", durch die
Mobilisierung der Volksmassen, ist verbunden mit dem universellen
Anspruch, der sich etwa in der Erklärung der Menschenrechte aus-
drückt. Die konservativ-antirationalistischen Grundgedanken - die
in der deutschen Geistesgeschichte in besonders gründlicher und
gefährlicher Weise weitergewirkt haben - richten sich immer wie-
der gegen dieses Modell, das mit der Mobilisierung der Volksmas-
sen und der Universalität des Menschenbildes verbunden ist.
Gerd Semmer/Dieter Süverkrüp
Die Lieder der Französischen Revolution
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Gegen Ende der 50er Jahre begann eine spezifische Linie der Re-
zeption des geistigen Erbes der Französischen Revolution in der
Bundesrepublik. Der Autor Gerd Semmer und der Sänger Dieter Sü-
verkrüp stellten Lieder der Jahre 1789 - 1795 vor. Der Beitrag
enthält als Erstveröffentlichung aus dem Semmer-Archiv das Vor-
tragsmanuskript des 1967 verstorbenen Autors, kommentiert durch
eine Skizze Süverkrüps zur geistigen Atmosphäre der Adenauer-
Zeit, in die die Lieder der Revolution getragen wurden.
Jürgen Reusch
Krieg - Frieden - Revolution im Nuklearzeitalter
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Unter den Bedingungen des Nuklearzeitalters entfaltet sich der
weltweite Übergang zum Sozialismus als langwieriger, komplizier-
ter und widersprüchlicher Prozeß, in dem der Sozialismus seine
Überlegenheit bei der Lösung der globalen Probleme praktisch be-
weisen muß, in dem andererseits auch realistische und konstruk-
tive Tendenzen im Kapitalismus selbst genutzt werden müssen. Eine
dauerhafte Weltfriedensordnung muß unabhängig von revolutionären
Veränderungen mit den antagonistischen Systemen geschaffen wer-
den. Eine zeitgemäße Konzeption friedlicher Koexistenz begreift
die Einheit der Welt als universales Entwicklungsprinzip für alle
sozialen Systeme und Kräfte. Ihre Wirkung auf den Fortgang von
revolutionären Prozessen ist daher ambivalent. Zwischen revolu-
tionären und klassenübergreifenden Interessen an weltweiter Ko-
existenz können Widersprüche auftreten. Für die revolutionären
Kräfte in einem kapitalistischen Land wie der BRD bedingt das
eine langfristige Reformstrategie mit systemüberwindender Per-
spektive.
Dieter Boris
"Jakobinische Situationen" in der Dritten Welt. Eine Skizze
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Ausgehend von einer Bestimmung des Ausdrucks "jakobinische Situa-
tion" skizziert der Artikel teilweise ähnliche Konstellationen
während nationaler und sozialer Befreiungskämpfe in ausgewählten
Ländern der Dritten Welt: In Vietnam radikalisierte sich der ur-
sprüngliche Kampf um nationale Unabhängigkeit in einem langen
Prozeß bis hin zur sozialistischen Umwälzung der gesellschaftli-
chen Verhältnisse. In Bolivien erreichte die Revolution sehr
schnell bedeutende Veränderungen des ökonomischen Systems und der
politischen Herrschaftsformen, um dann den Weg einer Rückentwick-
lung zu bürgerlich-oligarchisch dominierten Gesellschaftsstruktu-
ren anzutreten. In Kuba radikalisierte sich der anti-diktatori-
sche Kampf sehr rasch nach dem Sturz des Diktators, um unter der
Hegemonie der gleichen sozialen Kräfte in eine sozialistische
Entwicklungsetappe einzumünden.
Willi Gerns
Revolution und revolutionäre Situation heute
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Ausgehend von der Bestimmung der Grundmerkmale einer revolutio-
nären Situation durch Lenin und der gesellschaftlichen Rolle der
Grundrevolutionen durch Marx, geht der Autor auf einige Grundpro-
bleme der Revolutionstheorie der Gegenwart ein. In diesem Zusam-
menhang setzt er sich mit entstellenden und einseitigen Positio-
nen auseinander (Rolle der Gewalt, allgemeingültige Grundzüge,
Verelendung u.a.). Die historische Mission der Arbeiterklasse
sieht er heute doppelt bestimmt: durch die Aufgaben der Erhaltung
des Friedens und der Durchsetzung sozialen Fortschritts. Neben
den objektiven und subjektiven Momenten revolutionärer Situatio-
nen geht der Verfasser vor allem auf die Frage der Übergänge ein
und diskutiert dabei die Konzeption des Kampfes für demokrati-
schen und sozialen Fortschritt und einer antimonopolistischen De-
mokratie, wie sie in der BRD von der DKP vertreten und verfochten
wird.
Heinz Jung
Eigentum und Hegemonie
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Der Beitrag entwickelt die These, daß der revolutionäre Block der
Französischen Revolution auf dem Privateigentumsinteresse beruht
und daß die Vertiefung der Revolution und ihr bürgerlich-demokra-
tischer Charakter 1792/94 mit der Radikalisierung dieses Interes-
ses begründet werden kann. Dabei wird vor allem auf die Agrar-
und die Lebensmittelfrage eingegangen. In einem kursorischen
Überblick wird diese Fragestellung bis zur Gegenwart
"verlängert". In den Epochenwechsel ist auch der Wechsel des
grundlegenden Hegemonietyps vom Standpunkt des sozialen Fort-
schritts eingeschlossen. Die Triebkraft des Privateigentumsinter-
esses wird aufgebraucht; an seine Stelle tritt das individuelle
Interesse nach Existenzsicherung und Individualitätsentfaltung
auf Grundlage zunehmend vergesellschafteter Arbeits- und Repro-
duktionsverhältnisse.
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