Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


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DIE ROLLE DER BUNDESREGIERUNG IM EUROPÄISCHEN ABRÜSTUNGSPROZESS: HANDLUNGSMÖGLICHKEITEN DER BRD, ZIELE UND KONZEPTIONEN IM REGIERUNGSLAGER

Peter Dietzel / Hans-Jürgen Kawalun 1. Die bundesdeutsche Sicherheitspolitik vor neuen Herausforde- rungen - 2. Die Strömungen im Regierungslager - 3. Ansätze für eine neue Sicherheitspolitik 1. Die bundesdeutsche Sicherheitspolitik ---------------------------------------- vor neuen Herausforderungen --------------------------- Noch gehört sie zum festen Ritual einer jeden NATO-Tagung: Die Beschwörung der "Atlantischen Partnerschaft" und das Festhalten an der Doktrin atomarer Abschreckung, an der Strategie der "Flexible Response". Doch die Kulisse demonstrativer Entschlos- senheit kann nicht verdecken, daß sich das westliche Militärbünd- nis wie schon einmal - damals im Übergang vom kalten Krieg zur ersten Phase der Entspannung - in einem Umbruch befindet. Während allerdings in den 60er Jahren der Zwang zur Anpassung von Politik und Strategie der NATO von der Durchsetzung des militär- strategischen Gleichgewichts zwischen den Blöcken durch die Staa- ten des Warschauer Vertrags ausging, sind die Herausforderungen heute wesentlich komplexer und von globalem Charakter. Sie ent- springen einer grundlegenden Umgestaltung der Produktivkräfte in den hochindustrialisierten Ländern bei gleichzeitiger Zuspitzung der ökologischen und Verschuldungskrise in der Welt. 1) Mit der wachsenden Verflechtung moderner Industriegesellschaften, der In- ternationalisierung von Produktionsabläufen, aber auch neuen Er- fordernissen an Zusammenarbeit zur Bewältigung der Folgen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts werden alte Bündnis- strukturen mit klaren Hegemonialmächten ebenso obsolet wie starre Block-Abgrenzungen. Auf der Suche nach einer Neugestaltung der internationalen Beziehungen, in Konkurrenz zu neuen Aufsteigern aus den Schwellenländern spielen Fragen der Mittel Verteilung, damit auch der hohen Rüstungslasten eine große Rolle. Zugleich wächst die Anforderung, schon aus eigenen Sicherheitsinteressen heraus einer unkontrollierten und unkontrollierbar werdenden Rü- stungseskalation und einem "Krieg aus Versehen" wirksam vorzubeu- gen. Auch innerhalb der Allianz haben sich damit die Gewichte deutlich verschoben. Der dramatische Verlust von Weltmarktpositionen der USA an die konkurrierenden ökonomischen Machtzentren Westeuropa und Japan, aber auch deren Vorsprung in der Entwicklung von Ko- operationsbeziehungen zu den sozialistischen Staaten sowie eigen- ständiger formulierte Sicherheitsinteressen bzgl. Europa und der dritten Welt haben beiderseits des Atlantik zu Überlegungen ge- führt, die Geschäftsgrundlage des Bündnisses den jeweiligen, zu- nehmend divergierenden Interessen - auch in der Militärpolitik - anzupassen. Während die krisenhaften Prozesse der Neueinstellung auf die veränderte Weltlage bei Teilen der imperialistischen Bourgeoisie, insbesondere in den USA, die Neigung wachsen ließen, das militärische Potential der übrigen NATO-Staaten stärker in ihr weltweites "Krisenmanagement" einzubeziehen, befürchten re- alistischer denkende Kräfte hierzulande zu Recht, auf diesem Wege in militärische Abenteuer der westlichen Großmacht hineingezogen zu werden. Gewannen in den USA vor allem Anfang der achtziger Jahre Vorstellungen von einem auf Europa begrenzten und für die USA gewinnbaren Nuklearkrieg starken Einfluß auf Politik und Mi- litärstrategie, so reagierten die europäischen NATO-Kreise, allen voran die Bundesregierung, mit der lautstarken Äußerung ihrer Be- fürchtung, der Partner wolle sich vom gemeinsamen Schicksal ab- koppeln. Während die Bundesregierung aber in der Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen, die die UdSSR erreichen konnten, primär eine Garantie g e g e n solche Abkopplungsten- denzen erblickte, reagierte die betroffene Bevölkerung auf dem künftigen Schlachtfeld richtiger auf die gewachsene Bedrohung und fand sich in einer bis dahin beispiellosen Friedensbewegung zu- sammen. Ihr Kampf gegen die US-amerikanischen Erstschlagwaffen führte in der Bundesrepublik und anderen Ländern zu einer von der Bevölkerungsmehrheit getragenen grundsätzlichen Ablehnung der Po- litik nuklearer Abschreckung, von Kernwaffen und kostspieliger Hochrüstung überhaupt. Diese Erfahrung und der Wille, die eigenen Interessen in der Al- lianz nach Reykjavik und einer sich abzeichnenden sowjetisch-ame- rikanischen Verständigung (zum "stillen Entsetzen der Allianz", wie die FAZ am 15.11.88 rückschauend vermerkte) deutlicher zur Geltung zu bringen, verstärkte seitens der westeuropäischen Re- gierungen Bestrebungen einer Abstimmung und auch Neuformierung ihrer Sicherheitspolitik. Unter den Stichworten "Wiederbelebung der Westeuropäischen Union" (WEU) und "deutsch-französische mili- tärische Zusammenarbeit" sind sie auf eine Stärkung des "europäischen Pfeilers" in der NATO gerichtet. 2) Die Bandbreite unterschiedlicher Vorstellungen über die künftige Strategie und Lastenverteilung im Bündnis ist damit deutlich breiter geworden. Fronten verlaufen zwischen Westeuropa und den USA ebenso wie zwischen unterschiedlichen Flügeln und Strömungen innerhalb der imperialistischen Bourgeoisien. In dieser Situation treten die sozialistischen Staaten mit dem Vorschlag auf, angesichts der globalen Vernichtungsdrohung die Beziehungen zwischen den Blöcken auf eine vollständig neue Grund- lage zu stellen: Interessenausgleich und gemeinsame Sicherheit statt Konfrontation, vollständige nukleare Abrüstung, Reduzierung der konventionellen Streitkräfte bis zur Angriffsunfähigkeit, Ko- operation bei der Lösung globaler Probleme und regionaler Kon- flikte. Gorbatschow fordert neues Denken in den internationalen Beziehungen und praktiziert es auch. Die weltweite Friedensbewe- gung erhält mächtige Impulse: Ihre Forderung nach einer Absage an die Politik der Abschreckung hat die staatliche Ebene erreicht. Mit dem INF-Abkommen wurde ein erster materieller Abrüstungser- folg durchgesetzt. Die Bereitschaft der Sowjetunion zu weitgehen- den, einseitigen Reduzierungen im konventionellen Bereich eröff- net die Möglichkeit, auch auf diesem Feld den Einstieg in beider- seitige Abrüstungsschritte durchzusetzen. Das antisowjetische Feindbild, wichtigste Legitimationsgrundlage für fortgesetzte Aufrüstung, bröckelt zusehends und weltweit. In der Bevölkerung überflügelt das Vertrauen in die Politik Gor- batschows deutlich die Bereitschaft, dem amerikanischen Verbünde- ten und seinem Ruf nach immer neuen Rüstungsanstrengungen zu fol- gen. Auch dies ist Ausdruck des Beginns einer historischen Krise des militärischen Sicherheitsdenkens, das im Bewußtsein einer wachsenden Öffentlichkeit den Herausforderungen unserer Zeit nicht mehr gerecht wird. Besorgt notiert die FAZ am 15.11.88: "Jetzt droht der Konsens über jegliche Verteidigung zusammenzu- brechen." Die Bundesregierung und die NATO insgesamt stehen der neuen Lage bisher ohne Antwort gegenüber. Die insbesondere von Bonn erhobene Forderung nach einem NATO-Gesamtkonzept der Rüstungskontrolle läßt zwar die Absicht erkennen, den Abrüstungsvorschlägen des Warschauer Vertrages seitens der NATO möglichst geschlossen und geschickter als bisher zu begegnen und angesichts eines hohen Er- wartungsdrucks der Öffentlichkeit in bezug auf weitere Abrü- stungsfortschritte einem zunehmenden Akzeptanzverlust der NATO- Politik vorzubeugen. Inwieweit darin jedoch auch substantielle Abrüstungsbereitschaft wiederzufinden sein wird, steht heute noch sehr in Frage. Das heutige Grunddilemma imperialistischer Politik ist mit Kosme- tik jedoch nicht aufzuheben: Obwohl in immer deutlicheren Gegen- satz zu den Realitäten unserer Zeit geratend, sind maßgebliche Kräfte der imperialistischen Bourgeoisie nach wie vor bestrebt, an einer wie auch immer gearteten militärischen Option - und sei es im Sinne einer Droh- und Erpressungspolitik oder eines Tausch- geschäfts "Rüstungsbegrenzung gegen politisches Wohlverhalten" - zur Durchsetzung ihrer Ziele in der Systemauseinandersetzung festzuhalten. 3) Diese Ziele sind unverändert - langfristig - auf eine gesellschaftliche Rückverwandlung bzw. Restauration kapita- listischer Ordnungen in den Ländern des Sozialismus gerichtet. Darin eingebettet sind auch Sonderinteressen und expansive Ziele relevanter, reaktionärer Kräfte des bundesdeutschen Imperialismus zur Rekapitalisierung des sozialistischen deutschen Staates. Die Auseinandersetzung aber um Mittel, Wege und Fristen zur Er- reichung dieser Ziele, um den Stellenwert militärischer Optionen und um Möglichkeiten und Ziele von Koexistenzbeziehungen hat zur Herausbildung unterschiedlicher Strömungen unter den systemtra- genden Kräften geführt. Diese Differenzen haben sich mit der prinzipiellen Infragestellung des militärischen Faktors in der Systemauseinandersetzung seit Mitte der 80er Jahre noch vertieft. Inwieweit sie auch zu einer grundlegenden Überwindung a g g r e s s i v e r antisozialistischer Zielstellungen in der bundesdeutschen Außenpolitik führen, bleibt abzuwarten. Jeden- falls sollten auch die marxistischen Kräfte sich auf diesem Felde gefordert sehen, entsprechende Alternativen zu entwickeln, die den Besonderheiten der Existenz von zwei deutschen Staaten Rech- nung tragen. 2. Die Strömungen im Regierungslager ------------------------------------ Bei der Debatte um ein neues NATO-Gesamtkonzept, um die Fort- schreibung der atomaren NATO-Abschreckungsstrategie, um die Mo- dernisierung der taktischen Atomwaffen in Europa oder um Umfang, Stärke und Struktur konventioneller Streitkräfte, geht es im Kern um die Neubestimmung des Verhältnisses Bonns zu den Supermächten USA und Sowjetunion, bzw. um die Neubestimmung der eigenen Rolle auf dem europäischen Kontinent. Vor allem in der FDP und mit der Person Außenminister Genschers tritt seit einiger Zeit - deutli- cher als in der Regierung insgesamt - die Bereitschaft zutage, militär- und sicherheitspolitische Konzepte vor ihrer weiteren Festschreibung gründlicher mit Blick auf sich abzeichnende neuar- tige West-Ost-Kooperationsbeziehungen zu untersuchen. 4) Die FDP-Politikerin Ursula Seiler-Albring brachte einen Teil der Herausforderungen an bundesdeutsche Sicherheits- und Militärpoli- tik im Zeichen des Umbruchs wie folgt auf den Punkt: "Der enorme Wandel bei den gesellschaftlichen, technologischen und finanziel- len Rahmenbedingungen bundesdeutscher Verteidigungspolitik, sowie die sich gegenwärtig vollziehenden Änderungen im Bereich der Au- ßen-, Sicherheits- und Rüstungskontrollpolitik zwingen zu einer Neuformulierung der Verteidigungskonzeption ebenso wie zur Neuge- staltung der Wehrstrukturen auf nationaler, aber auch auf europä- ischer und auf Bundesebene ... Der Bundeswehr die notwendigen Fi- nanzmittel zur Erfüllung ihres Auftrages zu geben, der Haushalts- situation gerecht zu werden und sparsam zu planen, die Akzeptanz der Bevölkerung für die Notwendigkeit bewaffneter Friedenssiche- rung für noch unbestimmte Zeit zu erhalten, das alles erscheint einem Haushälter gelegentlich nicht minder problemlos als die Quadratur des Kreises ... Alles wird nicht mehr von allen bezahlt werden können. Selbst die vergleichsweise reiche Bundesrepublik wird Schwierigkeiten haben, hier mitzuhalten. Der Jäger 90 ist ein beredtes Beispiel dafür." 5) Bis auf weiteres bleibt jedoch noch offen, welche Elemente si- cherheitspolitischer Langzeitabsichten die Bonner Politik in wel- chem Ausmaß prägen werden: eine eher enge Ankoppelung an die Glo- balmacht USA, eine primus inter pares-Rolle bei der Formierung einer möglichen Militärgroßmacht Westeuropa oder eine Vorreiter- rolle Bonns bei der Entmilitarisierung und Umgestaltung der Ost- West-Beziehungen, was durchaus in ein Konzept politischer Hegemo- nieabsichten Westeuropas auf dem europäischen Kontinent mittels Zurückdrängung des "sowjetischen Einflusses", vor allem sowjeti- scher Streitkräfte paßt. Deutlich erkennbar ist, daß im Lager der Bonner U n i o n s- p a r t e i e n vor allem jene Kräfte über starken Einfluß verfügen, die ein neues NATO-Gesamtkonzept auf der Basis uneingeschränkter atomarer Abschreckung und eines großen BRD-Mi- litärpotentials erhalten wollen. In jüngster Zeit treten jedoch auch in den Reihen der Union deutlichere Differenzierungen zu- tage. Denn sie hat bis zum heutigen Tag kein glaubwürdiges Kon- zept für die neuen Herausforderungen und für eigenständige Bei- träge der BRD wie der NATO im Rahmen der neuen Ost-West-Entspan- nung vorgelegt. 6) Mit der Ankündigung M. Gorbatschows vor der UNO, die Sowjetunion werde bis Ende 1990 einseitig ihre Streit- kräfte um 500000 Soldaten verringern sowie 6 Panzerdivisionen aus der DDR, der CSSR und Ungarn mit 50000 Soldaten und 5000 Panzern abziehen, ist jedoch eine Lage entstanden, die die Legitimierung von Aufrüstung weiter erschwert. 7) Dieser umfassende, einseitige Abrüstungsschritt nimmt jenen NATO-Militärs und Politikern den Wind aus den Segeln, die der Sowjetunion bis zu diesem Zeitpunkt einen ungebremsten Ausbau der militärischen "Invasionsfähigkeit" in Europa unterstellten. Auch das NATO-Argument, die taktischen Atomwaffen in West-Europa müsse man "modernisieren", um damit das erhebliche konventionelle Übergewicht des Warschauer Vertrages auszugleichen, hat damit an Zugkräftigkeit verloren. Wichtiger denn je ist es angesichts solcher Entwicklungen heute, reale kon- zeptionelle Differenzen im Unions- bzw. Regierungslager zu erfas- sen, bzw. diese bei der Entwicklung von abrüstungspolitischem Handlungsdruck nutzbar zu machen. Grob betrachtet lassen sich am Beispiel einiger Unionspolitiker gegenwärtig mindestens drei sicherheits- und militärpolitisch re- levante Strömungen in der CDU/CSU ausmachen, die allerdings nicht durch eine chinesische Mauer getrennt sind, sondern deren Ziel- setzungen in wichtigen Fragen - z.B. der politischen und ökonomi- schen Stärkung Westeuropas i m atlantischen Bündnis, der west- europäischen Hegemonie in ganz Europa und der Anhebung der bun- desdeutschen Rolle in Westeuropa - durchaus übereinstimmen: - Da ist einmal die Gruppe um den NATO-Generalsekretär Wörner. Sein "atlantischer" Kurs steht für die Beibehaltung einer mög- lichst konfrontativen NATO-Politik und Rüstung in Europa, die auch weiterhin die USA militärisch (atomar/konventionell) an Eu- ropa bindet und die USA wie Westeuropa zu erhöhten Militärausga- ben zwingt. Wörner wie auch der ehemalige Verteidigungsminister Scholz wollen Abrüstung fast ausschließlich auf den Warschauer Vertrag begrenzen. Umfang, Schlagkraft und Struktur der NATO- Streitkräfte sind aus ihrer Sicht schon heute "... maßgeschnei- dert für die grenznahe Verteidigung und nur für die Verteidigung, das Prinzip der Hinlänglichkeit ist für die NATO längst verwirk- licht." 8) Abrüstung der WVO soll allenfalls mit wirtschaftichem Entgegenkommen "belohnt" werden, wodurch ein militärisches Un- gleichgewicht entstünde. Die Kräfte um Wörner betrachten in diesem Kontext die engere Mi- litärkooperation BRD-Frankreich nicht als ein strategisches Ziel, sondern mehr als ein Druckmittel in Richtung Washington, um dort Ängste vor einer militärischen Abkoppelung Westeuropas von den USA wachzuhalten. Wörner, einer der frühen Vordenker und Verfech- ter des offensiven NATO-FOFA-Konzepts (siehe die ESECS-Studie von 1982), steht für ein unbedingtes Ja zu den Atomwaffen-Modernisie- rungsplänen der NATO ebenso wie für die Aufrechterhaltung an- griffsfähiger Bundeswehr- und NATO-Streitkräfte auf möglichst ho- hem Präsenzniveau. - Alfred Dregger repräsentiert jene Kräfte in der Union, die am vehementesten den Gedanken einer eigenständigen Militärgroßmacht Westeuropa unter bundesdeutsch-französischer Hegenomie und ausge- stattet mit eigenem Atomwaffenpotential favorisieren. Er fordert die rasche Stärkung der westeuropäischen Union (WEU), die analog zur NATO über einen ständigen "Ministerrat" und ein eigenes "Militärkomitee", bestehend aus den "Generalstabschefs der Part- nerarmeen" Westeuropas, verfügen soll. 9) Darüber hinaus strebt er ein "... vereinigtes Europa, von der sowjetischen Grenze bis Portugal" an, das wirtschaftlich und militärisch von den EG-Füh- rungsmächten dominiert ist und das "... es den Weltmächten erspa- ren (würde, d.V), ... sich mitten in Europa hochgerüstet gegen- überzustehen". 10) Einem derartig neugeordneten Europa weist Dregger ausdrücklich auch global-hegemonistische Aufgaben zu: "Die WEU trüge auch die Verantwortung für die Sicherheitsprobleme außerhalb des europäi- schen Territoriums (out of area) und die Bereitstellung der zur Lösung dieser Probleme notwendigen Mittel". 11) Unter dem Sammel- begriff Atomwaffenmodernisierung versteht Dregger neben europäi- schem Verfügungsrecht über diese Waffen vor allem luftgestützte Abstandswaffen, mit denen nach seinen Vorstellungen in den 90er Jahren Tornado-Kampfflugzeuge der Bundesluftwaffe ausgerüstet und zum atomaren Angriff gegen sowjetische Ziele befähigt werden sol- len. Zwar will Dregger auch in einem WEU-dominierten Europa nicht auf moderne US-Atomwaffen verzichten, sein "Modernisierungs"- Credo lautet jedoch: "Die Atomwaffen der USA, Großbritanniens und Frankreichs in Europa ... dürfen sich nicht gegen das Territorium der Bündnispartner (auch nicht gegen solche Gebiete, die einem der Bündnisstaaten rechtlich zugehörig sind, aber unter fremder Vorherrschaft stehen), sondern nur gegen das des potentiellen An- greifers richten." 12) Diese beiden Varianten aktueller Unionspolitik deuten wenig Spielraum für neues Denken der BRD in Sicherheits- und militärpo- litischen Fragen, bzw. für eine schrittweise Entmilitarisierung der Ost-West-Beziehungen an. Ein Anknüpfungspunkt für Abrüstung ergibt sich hier am ehesten noch aus Dreggers Plädoyer für den Verzicht auf solche taktischen Atomwaffen der NATO, die zwar die unmittelbar benachbarten osteuropäischen Länder, nicht aber die Sowjetunion erreichen können. - Als Wortführer einer dritten, vorwiegend aus jüngeren Politi- kern der Union bestehenden Gruppe tritt seit einiger Zeit der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Vol- ker Rühe, in Erscheinung. Er nimmt einerseits die Rolle eines au- ßen- und sicherheitspolitischen Vordenkers im Umfeld von Kanzler Kohl wahr, der der Union den Anschluß an die veränderte außen- und sicherheitspolitische Lage sichern will und - ähnlich wie Genscher - eine Chance zur Durchsetzung politischer und ökonomi- scher Ziele in Europa in einer Abrüstung nicht ausschließenden Sicherheitspolitik sieht. Zugleich betätigt er sich in die Union hinein als Eisbrecher, der die CDU/CSU vor allzu abrüstungspoli- tischer Vereisung bewahren und abrüstungspolitisches Drängen der Parteienbasis kanalisieren soll. Rühe plädiert für eine "umfassende Langzeitstrategie" des We- stens, die sowohl die politischen und wirtschaftlichen Beziehun- gen, als auch die Sicherheitsund Abrüstungspolitik umfassen soll. Seiner Meinung nach müssen es Vorschläge sein, "... die es dem Osten schwermachen, sie abzulehnen, in denen die Opfer und Ein- schnitte auf der eigenen Seite ..." allerdings auch "... deutlich werden". 13) Es sollte daher Beachtung finden, daß Rühe schon drei Monate vor Verkündigung der oben erwähnten einseitigen Gor- batschow-Abrüstungsinitiative (im September 88) forderte: "Der Westen braucht den Mut zu einer Offensive in der konventionellen Abrüstung ... es sollte zunächst einmal darum gehen, auf beiden Seiten in der Zentralregion Europas radikale Reduzierungen auf gemeinsame Obergrenzen auf niedrigerem Niveau beim kampfentschei- denden Großgerät ... vorzunehmen." 14) Auch wenn Details des Rühe-Vorschlages weitgehend identisch mit dem recht halbherzigen NATO-Vorschlag zur konventionellen Abrüstung vom Dezember 88 sind 15) und er für den Fortbestand eines - allerdings geringeren - Atomwaffenpotentials in Europa plädiert, so wird damit noch am ehesten Abrüstungsbereitschaft in der Union sichtbar, die in na- her Zukunft auch tiefere Einschnitte in BRD- und NATO-Militärpo- tential zuläßt. Rühes Vorschläge sind allerdings ambivalent. Sie deuten einer- seits vorsichtig die Bereitschaft zur defensiven Umstrukturierung der eigenen Streitkräfte an, sind andererseits aber keineswegs frei von der Absicht, in einem West-Ost-Abrüstungsprozeß militä- rische Vorteile für die NATO herauszuschinden. Dies wird vor al- lem dort deutlich, wo der Sowjetunion mehr als eine Halbierung ihres Panzerpotentials in Europa zugemutet werden soll. Folgte man Rühe, würden die überlegenen taktischen Fliegerkräfte der NATO auf unbestimmte Zeit aus den Abrüstungsverhandlungen ausge- klammert, und der NATO blieben immer noch ca. 85% ihres heutigen Panzerbestandes erhalten. - In der gegenwärtigen Situation ist man geneigt, den von Mai 88 bis April 89 auf der Bonner Hardthöhe amtierenden Verteidigungsminister Sc- holz zu denen in der Union zu zählen, die eine von östlichen Ab- rüstungsvorschlägen unbeeindruckte NATO-Aufrüstung auf allen wichtigen Feldern propagieren. In der Tat hat sich Scholz in den ersten Amtsmonaten in Schlüsselfragen wie der geplanten Moderni- sierung taktischer NATO-Atomwaffen, der Tiefflugproblematik, der Bundeswehrstrukturreform, der Wehrdienstverlängerung, des Jäger 90 usw. eher als Hardliner erwiesen. Es fallt jedoch auf, daß er sich zugleich an einigen Punkten als druckempfindlicher - oder flexibler - erwies als sein Amtsvorgänger Wörner. Deutlich wurde dies z.B. in den Anfang 1989 bekannt gemachten Plänen der Hardt- höhe, Tiefflüge der Bundesluftwaffe ab 1989 wenigstens teilweise zu vermindern, aber auch in der von Scholz am Rande der NATO-Mi- nisterratstagung (Dezember 88) gemachten Ankündigung, die Manö- vertätigkeit des BRD-Heeres drastisch zu verringern und Großver- bände von der Brigade an aufwärts ab 1990 nicht mehr mit voller Truppe im freien Gelände üben zu lassen. Auch die noch in der Amtszeit von Ex-Minister Wörner tabuisierte Forderung nach Verminderung der Bundeswehrpräsenzstärke in den 90er Jahren scheint kein Tabu mehr zu sein. Vielsagend sinnierte Scholz auf der Bundeswehr-Kommandeurtagung im Dezember 88 in Würzburg: "Entwürfe zur gegenwärtigen Bundeswehrstruktur - insbe- sondere zur Heeres Struktur - für die 90er Jahre sind ausdrück- lich unter der Prämisse vorgenommen worden, daß eine ganze Reihe günstiger Voraussetzungen erfüllt sein muß. Ob es gelingt, diese Voraussetzungen überall zu erfüllen, ist noch ungewiß ... Wenn wir also bei der Fortschreibung der Bundeswehrplanung feststel- len, daß wir eine bestimmte Lösung, eine bestimmte Struktur, eine bestimmte Option nicht so weiter führen können, wie wir dies ein- mal geplant hatten, so darf das nicht zur Weltuntergangsstimmung führen. Nicht alles, was wir gebrauchen könnten, können wir uns auch leisten." 16) Schon Scholz war offenbar bemüht, die Legitimierung der Bundes- wehr abzukoppeln von den (sowieso nachlassenden) Bedrohungsgefüh- len der Bevölkerung. Losgelöst von Zeit und Raum soll der Bundes- wehr fortan ein quasi ewiges Existenzrecht zugebilligt werden. Originalton Scholz auf einem sicherheitspolitischen Kongreß der CDU im November 88 in Stuttgart: "Wer den Willen zur äußeren Si- cherheit und Landesverteidigung davon abhängig macht, ob und ggf. in welchem Umfang eine bestimmte Bedrohung von außen tatsächlich akut ist, der stellt die eigene Unabhängigkeit und Souveränität letztlich in das Belieben oder in die Disposition anderer Mächte. Dies zu tun, bedeutet in der Konsequenz Aufgabe des eigenen Wil- lens zur Selbstbehauptung, Selbstbestimmung und Souveränität." 17) Zugleich konstatierte Scholz aber in folgenden wichtigen Punkten für den Fortgang eines abrüstungsorientierten West-Ost- Dialogs schon heute "... scheinbar weitgehende Übereinstimmung mit Gorbatschow ... 1. Die Möglichkeit der Nutzung militärischer Macht als Faktor der Politik ist zuverlässig auszuschließen. 2. Gegen die Anwendung oder Androhung militärischer Gewalt ist gegenseitige Sicherheit zu schaffen. 3. Das militärische Instrumentarium ist sichtbar und überprüfbar auf den Zweck der Erhaltung des Status quo zu beschränken." 18) Natürlich ist die Nagelprobe für Abrüstungsbereitschaft in der Union und auf der Hardthöhe noch immer die Praxis und nicht ir- gendeine interpretierbare Bekundung. In der Praxis trat Scholz als einer der eifrigsten Weichensteller für die Fortschreibung der atomaren Abschreckungspolitik, der Modernisierung des takti- schen NATO-Atomwaffenarsenals in Europa, des Jäger 90-Projekts und der Formierung von Daimler Benz zu einem westeuropäischen Rü- stungsgiganten in Erscheinung. Dies geschieht vor dem Hintergrund eines offenbar noch immer von der gesamten Union getragenen Willens, auf eine noch unabsehbare Zeit mindestens an einem atomaren "Minimal"-Abschreckungs- potential festzuhalten. Dies scheint also auch längerfristig das festeste Bollwerk in den sicherheitspolitischen Zukunftsdis- positionen der Union zu sein. 19) Klar ist, daß heute keine der hier angeführten Gruppierungen über den einzig dominanten Einfluß in der Union verfügt. Betrachtet man neuere Stellungnahmen des Kanzlers und seines Verteidigungs- ministers, findet man dort Elemente aller drei Positionen mit im- mer wieder wechselnder Hervorhebung wieder. Noch haben diese Ele- mente mehr den Charakter nebeneinander existierender Zukunftsop- tionen. Ihr weiteres Schicksal wird abhängig sein von Faktoren wie: - dem weiteren Fortgang der politisch-ökonomischen Beziehungen zwischen der BRD und der Sowjetunion, - dem Fortgang des amerikanisch-sowjetischen Dialogs über Abrü- stung und politisch-wirtschaftliche Kooperation, - den Perspektiven des EG-Binnenmarktes, - der sich verschärfenden Konkurrenz zwischen den imperialisti- schen Hauptzentren USA, EG-Europa und Japan, - den Konsequenzen der Verschuldungskrise, auch für die BRD und Westeuropa, - den Folgen der Umweltkrise für die Prioritäten des Bundeshaus- haltes und die Legitimation der derzeitigen Bundeswehr- und NATO- Aufrüstung, - dem Fortgang der sozialpolitischen Verteilungskämpfe in der Bundesrepublik. Spielräume für Abrüstung werden in der Union dort sichtbar, wo es um mögliche westliche Abrüstungsschritte im Bereich konventionel- ler Waffen bzw. defensiverer Militärstrukturen als Folge der ab März 89 laufenden Wiener KRK-Verhandlungen (KRK = Konventionelle Rüstungskontrolle) geht. Dabei reicht es in Zukunft weder aus, die Unionsparteien in ihrer Gänze als zeitlos unbelehrbare Aufrüstungslobby abzuhaken, noch die (mit Verlaub noch) verbalen Entspannungsstatements des FDP- Außenministers Genscher als Propagandanebel zu denunzieren. Kürz- lich hat Bundespräsident von Weizsäcker eine Kernfrage bundes- deutscher Zukunftspolitik so formuliert: "Sind wir zu schwach, daß wir auf eine systemschwache Sowjetunion angewiesen bleiben?" 20) Er verneinte diese Frage unmißverständlich. Um so erfreuli- cher ist es, wenn dann FDP-Außenminister Genscher als Reaktion auf Gorbatschows Abrüstungsankündigung für eine "... gemeinsame Europäische Zukunft ..., in der es zunehmend zu einer Entmilita- risierung der Beziehungen kommt ..." plädierte. Er fuhr fort: "Und deshalb wollen wir ja eine aktive Abrüstungspolitik mit dem Ziel, kooperative Strukturen der Sicherheit in Europa zu schaf- fen, ... so daß jede Form von Krieg in Europa unmöglich wird, ein nuklearer ebenso wie ein konventioneller." 21) Dies sind deutliche Worte neuen Denkens, ihnen müssen allerdings noch praktische Taten in der Politik der Bundesregierung folgen. Aktuell sollte man Genscher folgerichtig mit folgender Aussage beim Wort nehmen: "Wir wollen nicht Vorleistungen zu Lasten der eigenen Sicherheit, sondern wir wollen durch Abrüstungsschritte mehr Sicherheit schaffen. Deshalb kommt auch eine Kompensation von Abrüstung an einer Stelle durch neue Aufrüstung an anderer Stelle nicht in Frage. Das würde neue Instabilität schaffen und einen neuen Rüstungswettlauf in Gang setzen. Um ein Beispiel zu nennen: Die doppelte Null-Lösung hat mehr Sicherheit geschaffen. Wollte man nun an an anderer Stelle, wo es durch Abkommen noch nicht untersagt ist, versuchen, einen Ersatz für die nuklearen Mittelstreckenraketen einzuführen, so würde man das erste nu- kleare Abrüstungsabkommen der Geschichte untergraben. Das kommt nicht in Frage. Notwendig ist vielmehr, alle nuklearen Waffen in die Abrüstung einzubeziehen." 22) Es steht außer Zweifel, daß über den Willen Bonns in Fragen der Abrüstung auch in Zukunft nicht am Bonner Kabinettstisch allein entschieden werden wird. Hier werden die Absichten des Bünd- nispartners USA zweifellos eine gewichtige, aber auch Pläne Lon- dons und Paris eine ernstzunehmende Rolle spielen. Von weiterer Bedeutung wird allerdings auch sein, wie z.B. die sowjetische Führung - angesichts der von ihr 1986 vorgeschlagenen Vision ei- ner atomwaffenfreien Welt bis zum Jahr 2000 - mit der Unionsfor- mel von der Beibehaltung eines minimalen atomaren Abschreckungs- potentials der NATO in Europa mittelfristig umgehen wird. Mit ih- rer Ankündigung, nun auch einen Teil ihrer taktischen Atomwaffen aus Osteuropa abzuziehen, bzw. auf eine Modernisierung derartiger Waffen zu verzichten, hat die Sowjetunion allerdings schon jetzt Zeichen gesetzt. Nicht Modernisierung, sondern Verringerung der Atomwaffen in Europa ist das Gebot der Stunde. Auch die organisierte Friedensbewegung der BRD, will sie ihre Massenverankerung in der bundesdeutschen Bevölkerung revitalisie- ren, muß Differenzierungen bzw. punktuelle Abrüstungsbereitschaft im Regierungslager aufmerksam zur Kenntnis nehmen. In einer Zeit möglicher Fortschritte bei der konventionellen Abrüstung, der Chemiewaffenabrüstung bzw. der Umstrukturierung von Streitkräften darf sie zwar den Widerstand gegen atomare NATO-Modernisierungs- pläne nicht vernachlässigen, muß jedoch auch ihre Handlungsfähig- keit auf anderen Feldern erhöhen. Die Problematik der Tiefflüge und der rasante Stimmungsumschwung zu Ungunsten der Militärs selbst bei Teilen der Union war dafür ein Lehrstück. 3. Ansätze für eine neue Sicherheitspolitik ------------------------------------------- Wo muß eine Neuorientierung bundesdeutscher Sicherheitspolitik ansetzen? Wie kann die Bundesrepublik zu einem aktiven Partner im Abrüstungsprozeß werden? In dem Entwurf "Bundesrepublik Deutsch- land 2000 - Vorschläge der DKP zu einer friedensorientierten und demokratischen Reformalternative für die 90er Jahre" heißt es: "Auch wenn völlige Abrüstung in Europa bei Fortbestehen des Sy- stemgegensatzes in den nächsten Jahren kaum durchsetzbar sein dürfte, erfordert die Lage raschen und drastischen Rüstungsab- bau." 23) Dabei werden auch mit Blick auf die nächsten Schritte die Massenvernichtungswaffen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen müssen, da von ihrem Einsatz die potentiell größte Gefahr für das Überleben der Menschheit ausgeht. Gegen sie richtet sich der breiteste militärisch, politisch und moralisch begründete Wi- derstand. Für die erfolgreiche Durchsetzung weitergehender Abrüstungs- schritte erscheint es sinnvoll, den von der prinzipiellen Ableh- nung jeglicher Abschreckungspolitik ausgehenden Druck punktuell dort zu verstärken, wo die Aufrechterhaltung bestehender Rü- stungspotentiale auch von den Verfechtern der Abschreckungspoli- tik nicht zu begründen ist und wo reale - wenn auch anders moti- vierte - Abrüstungsinteressen bestehen, wo Differenzen in Regie- rungs- und Kapital-Lager zutage kommen. Dies trifft z.B. auf die mehrfachen "Over-Kill-Kapazitäten" im strategischen Bereich zu, deren zunächst 50%ige Reduzierung auch von der jetzigen Bundesre- gierung befürwortet wird. Die Realisierung dieses Schrittes setzt jedoch voraus, daß alle Versuche aufgegeben werden, durch den Aufbau einer strategischen Verteidigung, sei sie boden- oder weltraumgestützt, die Zweitschlagfähigkeit der anderen Seite zu untergraben. Eine Aufkündigung der Beteiligung der Bundesrepublik am SDI-Projekt der USA wäre ein wichtiges Signal, das dazu bei- tragen könnte, die Abrüstungsverhandlungen im strategischen Be- reich (START) zu einem raschen Erfolg zu führen. Sogar mit der "Logik" der Abschreckung unvereinbar sind im Prin- zip auch all jene nuklearen Waffensysteme, die als Kurzstrecken- oder Gefechtsfeldwaffen mit geringen Reichweiten wohl in eine Strategie der Kriegsführung, nicht aber in ein vorgebliches Kon- zept der "Kriegsverhütung durch Abschreckung" passen, also alle nach Verwirklichung des INF-Abkommens in der BRD noch verbliebe- nen Kernwaffen. Gerade für sie gilt es jetzt, eine Richtungsent- scheidung zu treffen. Werden sie weiter bis auf Null reduziert, ggf. über Zwischenschritte, oder werden sie durch Modernisierung und die Einführung zusätzlicher, neuartiger Kernwaffen zu einem Potential mit eurostrategischen Fähigkeiten aufgezogen? Eine dritte Null-Lösung für alle Kernwaffen mit Reichweiten unter 500 km liegt im vitalen Interesse gerade der Bundesrepublik. Das gleiche gilt für die Beseitigung der chemischen Waffen, deren Einsatz ausschließlich im frontnahen Bereich vorgesehen ist. Ihre Existenz ist nicht nur wegen ihrer verheerenden Wirkungen, son- dern vor allem wegen der Gefahr ihrer unkontrollierten Weiterver- breitung auch in der NATO äußerst umstritten. Die Bereitschaft der Bundesrepublik, Teil einer chemiewaffenfreien Zone zu werden, wie von DDR und CSSR angeboten, könnte die USA veranlassen, auf die jetzt angelaufene Produktion neuartiger chemischer Kampf- stoffe zu verzichten. Ein entscheidender Beitrag wird von der Bundesrepublik im Bereich der konventionellen Abrüstung erwartet. Dies gilt um so mehr nach den einseitigen Reduzierungen der Sowjetunion. Sie unterhält die stärksten konventionellen Streitkräfte des Bündnisses in Europa, für deren weitere Entwicklung gegenwärtig ebenfalls wichtige Wei- chen gestellt werden. Geplant bzw. bereits in Auftrag gegeben ist die Entwicklung und Einführung einer neuen, "dritten" Waffengene- ration für die Bundeswehr, die sich in das Kriegsführungskonzept FOFA der NATO einordnet. In der Öffentlichkeit umstrittenstes konventionelles Rüstungsprojekt ist heute der "Jäger 90", dessen Finanzierbarkeit und militärischer Nutzen auch von Militärfach- leuten bezweifelt wird. Ein vollständiger Verzicht auf diese neuen Rüstungsprojekte würde nicht nur den Bundeshaushalt deutlich entlasten und Mittel frei- machen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, zur Lösung drängender Umwelt- und Entwicklungsaufgaben. Er wäre auch ein konstruktiver Beitrag für rasche Fortschritte auf der geplanten europäischen Abrüstungskonferenz (KRK) und könnte die Verringerung von Asymme- trien im konventionellen Kräfteverhältnis in Europa voranbringen. Signale in die gleiche Richtung könnten auch von der Bereitschaft ausgehen, die gegenwärtige Präsenzstärke der Bundeswehr in den 90er Jahren deutlich abzusenken und die beschlossene Wehrdienst- verlängerung ganz zurückzunehmen. Freilich werden sich reale Fortschritte im Abrüstungsprozeß nur dann einstellen, wenn die Bundesregierung ernsthaft bereit ist, an einem System politischer Sicherheit in Europa konstruktiv mit- zuarbeiten. Das Bekenntnis von Außenminister Genscher zu einem System "kooperativer Sicherheit" und die Forderung von Ex-Vertei- digungsminister Scholz nach der Herstellung "gegenseitiger Si- cherheit" signalisieren nicht nur konzeptionelle Differenzen, sondern auch Anknüpfungspunkte zu den Vorstellungen großer Teile der Friedensbewegung, der Sozialdemokratie und der sozialisti- schen Staaten über ein System "Gemeinsamer Sicherheit" in Europa. Die Bereitschaft, über Fragen der künftigen Sicherheit auf unse- rem Kontinent in Gespräche und Verhandlungen mit der anderen Seite, auch und gerade mit der DDR einzutreten, wird eine der entscheidenden Nagelproben für die künftige Rolle der Bundesrepu- blik im europäischen Abrüstungsprozeß sein. _____ 1) Siehe dazu auch Jörg Huffschmid / Heinz Jung, Reformalterna- tive. Ein marxistisches Plädoyer, Frankfurt/M. 1988, sowie die Beiträge von Klaus-Peter Weiner, Jürgen Reusch u.a. in diesem Band. 2) Vgl. dazu die Beiträge von Michel Villon und Klaus-Peter Wei- ner in: Zentrum für Marxistische Friedensforschung (Hg.), Be- trifft: Rüstung ... 88/89, Frankfurt/M. 1988, S. 163 ff. und 136 ff. 3) Verlauf und Äußerungen auf der diesjährigen Wehrkunde-Tagung (28./29.1.89) bestätigten diese Tendenz. Dort waren es insbeson- dere US-"Interims"-Verteidigungsminister Tower und Ex-Bundesver- teidigungsminister Scholz, die zu forcierter westlicher Aufrü- stung auch im Falle weiterer östlicher Abrüstungsschritte aufrie- fen. Siehe "Europäische Wehrkunde" Nr. 3, Herford 1989. 4) Siehe Interview des Hessischen Rundfunks mit Bundesaußenmini- ster Genscher (Sendung: "Frankfurter Gespräch") vom 11.12.88, so- wie Pressemitteilung Nr. 1244/88 des Außenministeriums, Bonn 1988, S. 11. 5) U. Seiler-Albring, parlamentarische Geschäftsführerin der FDP- Bundestagsfraktion, in: FDP-Tagesdienst, Bonn 19.12.1988. 6) Vgl. die Kritik Volker Rühes, stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag, laut: Die Welt, 13. 1. 1989. 7) M. Gorbatschow in seiner Rede am 8.12.1988 vor der UN-Vollver- sammlung, in: Information (APN-Verlag), Nr. 59, Köln, 8.12.1988. 8) Ex-Verteidigungsminister Scholz (Rede-Manuskript) vor der Bun- deswehr-Kommandeurtagung, Würzburg, 14.12.1988. 9) A. Dregger, in: Die Welt, 20.10.1988. 10) Die Welt, 20. 9. 1988, S. 7. 11) A. Dregger, in: Die Welt, 20.10.1988. 12) Ebenda. 13) Volker Rühe, in: Süddeutsche Zeitung, 22.9.1988. 14) Ebenda. 15) Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregie- rung Nr. 174, Bonn, 13.12.1988. 16) R. Scholz auf der Bundeswehr-Kommandeurtagung, a.a.O. 17) R. Scholz auf dem sicherheitspolitischen Kongreß der CDU Ba- den-Württemberg (Rede-Manuskript), Stuttgart, 5.11.1988. 18) R. Scholz auf der Bundeswehr-Kommandeurtagung, a.a.O. 19) Siehe Beschluß des 36. Bundesparteitages der CDU (12.-15.6.88 in Wiesbaden) "Unsere Verantwortung in der Welt - Christlich-de- mokratische Perspektiven zur Deutschland-, Außen-, Sicherheits-, Europa- und Entwicklungspolitik, in: CDU-Dokumentation 19, Bonn 1988. 20) Laudatio des Bundespräsidenten aus Anlaß der Verleihung des Aachener Karls-Preises 1988, vom 2.11.1988. 21) H.D. Genscher in einem Interview für den Hessischen Rundfunk am 11.12.1988. 22) H.D. Genscher, in: Oldenburger Nord-West-Zeitung, 7.11.1988. 23) DKP, Entwurf: Bundesrepublik Deutschland 2000. Vorschläge der DKP zu einer friedensorientierten und demokratischen Reformalter- native für die 90er Jahre, Düsseldorf 1988. zurück