Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


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ENTWICKLUNGSPROBLEME DER DRITTEN WELT UND INTERNATIONALE SOLIDARITÄT IM ZEICHEN NEUEN DENKENS

Zur Herausbildung eines "neuen Internationalismus" -------------------------------------------------- Rainer Falk 1. Defizite traditionell-marxistischer Entwicklungstheorie - 2. "Globale Probleme" und Krise der Dritten Welt - 3. "Neuer Kolo- nialismus": Herausforderungen für den Internationalismus der Lin- ken - 4. Neues Denken und Dritte-Welt-Politik der UdSSR - 5. Für einen neuen Internationalismus der Linken in den Metropolen "Auf die historische Bühne - sei es im Osten oder im Süden, im Westen oder im Norden - sind Hunderte Millionen Menschen, sind neue Nationen und Staaten, neue gesellschaftliche Bewegungen und Ideologien getreten. In den breiten, nicht selten stürmischen Volksbewegungen kommt in all seiner Widersprüchlichkeit der Drang nach Unabhängigkeit, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit zum Ausdruck. Die Idee der Demokratisierung der gesamten Weltordnung ist zu einer mächtigen sozialen und politischen Kraft geworden." M.S. Gorbatschow am 7. Dezember 1988 vor der UNO Die kritische sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit Problemen der Dritten Welt ist heute allenthalben durch weitgehende Ernüch- terung und tiefgreifende Verunsicherungen gekennzeichnet. Dies gilt für die theoretischen Analyseansätze ebenso wie für die an- gebotenen strategischen Konzepte. Für die neuere entwicklungs- theoretische Diskussion an den Hochschulen läßt sich eine Trend Verschiebung konstatieren, die durch "die stärkere Gewichtung von innenpolitischen ('endogenen') Faktoren, die Abwendung vom depen- denz- und imperialismustheoretischen Focus des Weltmarktes und die Hinwendung zur Analyse der entwicklungspolitischen Steue- rungs- und Handlungsdefizite der 'schwachen Staaten' in der Drit- ten Welt" gekennzeichnet ist 1). Wo vor Jahren noch ambitionierte entwicklungspolitische Globalstrategien (Stichworte etwa: "Dissoziation vom Weltmarkt", Neue Weltwirtschaftsordnung) das Feld der Diskussion beherrschten, hat sich Skepsis ausgebreitet und zur eher pragmatischen Beschäftigung mit Einzelproblemen ge- führt, bisweilen auch zur Rückkehr zur einstmals heftig kriti- sierten bürgerlichen Modernisierungstheorie oder gar zu abrupt- radikalen Frontenwechseln. 2) So problematisch dieser "chamäleonhafte" Hang zum Paradigmenwech- sel ist 3), so wenig Anlaß zur Selbstzufriedenheit besteht aller- dings für diejenigen, die über Jahre hinweg an traditionellen im- perialismustheoretischen Deutungsmustern festgehalten und die po- litisch-sozialen Prozesse in der Dritten Welt nur allzu oft ein- seitig im Raster eines mehr oder weniger linearen Fortschritts- konzepts interpretiert haben. Betrachtet man z.B. die neuere De- batte unter sowjetischen Dritte-Welt-Forschern 4), so wird schnell klar: In Frage steht nicht nur, ob in bezug auf das eine oder andere Entwicklungsland Fehleinschätzungen oder -prognosen getroffen wurden, sondern die Tragfähigkeit bisheriger analyti- scher und strategischer Grundkonzepte angesichts heutiger Wirk- lichkeiten. Notwendig - und bereits im Gange - ist eine Neubewer- tung des Stellenwerts und der Entwicklungsprobleme der Dritten Welt. 1. Defizite traditionell-marxistischer Entwicklungstheorie ---------------------------------------------------------- Jahrzehntelang wurden politische und soziale Entwicklungsprozesse in der Dritten Welt vorrangig im Kontext jenes traditionellen Epochenbegriffs verortet, der im welthistorischen Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus die entscheidende Determinante der Weltentwicklung seit der Oktoberrevolution sieht. Befreiungs- kämpfe, die auf dem Boden der durch kolonial-kapitalistische und imperialistische Durchdringung hervorgebrachten Widersprüche überall autochthon entstanden waren und sich entwickelten, wurden so vor allem als abhängige Funktion und Variable der globalen Sy- stemauseinandersetzung wahrgenommen. Sie galten als "Spiegelbild für den Stand, den die revolutionären und demokratischen Kräfte des Antiimperialismus i n i h r e r G e s a m t h e i t bei der Durchsetzung des Epochencharakters, damit bei der Lösung des Grundwiderspruchs zwischen Sozialismus und Imperialismus im Welt- maßstab wirklich bereits erreicht hatten". 5) Wenn dies als Deutungsmuster für politische und soziale Prozesse in der Dritten Welt heute zu Recht hinterfragt wird, so nicht, weil in Abrede zu stellen wäre, daß die sozialistischen Umwälzun- gen, zuerst in Rußland, nach dem Zweiten Weltkrieg auch in ande- ren osteuropäischen Ländern und in China, einen mächtigen Impuls für die antikolonialen Bewegungen in Afrika und Asien darstell- ten. Vielmehr fragt sich e r s t e n s, ob der zugrundeliegende Epochenbegriff angesichts abnehmender weltweiter revolutionärer Dynamik nicht selbst obsolet geworden ist. 6) Und z w e i- t e n s ist die Unterordnung politischer und sozialer Kämpfe in der Dritten Welt unter die Systemauseinandersetzung ganz grund- sätzlich deshalb in Zweifel zu ziehen, weil sie den Blick für die eigenständige Qualität der dortigen Entwicklungen verstellt. Der sowjetische Entwicklungsländerexperte G. Mirskij hat dieses lange Zeit vorherrschende (und auch heute noch anzutreffende) reduktio- nistische Dritte-Welt-Verständnis kürzlich mit Hilfe einer Metapher deutlich gemacht: "Zwei Schalen einer Waage: die eine symbolisiert den Kapitalismus, die andere den Sozialismus. Und das Gewicht, das das Pendel zum Ausschlagen bringt, heißt Dritte Welt." 7) Das Festhalten an den genannten Konzepten hatte für die theoreti- sche Analyse gesellschaftlicher Vorgänge in den Ländern der Drit- ten Welt, vor allem hinsichtlich ihres Realitätsgehalts und ihrer prognostischen Tragfähigkeit, gravierende Konsequenzen. Sie las- sen sich als systematische Überschätzung des in der Dritten Welt sich entwickelnden Sozialrevolutionären Fortschrittspotentials zusammenfassen, die einhergeht mit einer systematischen Unter- schätzung des kapitalistischen Weltmarktzusammenhangs und dessen ungenügender Vermittlung mit internen Klassenkonstellationen in- nerhalb der einzelnen Länder. Diese allgemeine Kritik soll im folgenden nur stichwortartig vertieft werden: Dem traditionellen Epoche-Verständnis "als einer ständigen Einen- gung der Positionen des Kapitalismus, des Abfallens immer neuer Länder vom kapitalistischen System" 8) entsprechend, wurde auch der Befreiungskampf in der Dritten Welt im wesentlichen als auf- steigende Linie mit mehr oder weniger ununterbrochener Dynamik interpretiert. Die reale politische und gesellschaftliche Ent- wicklung wurde im Raster eines idealtypischen Verlaufsmusters ge- sehen, bei dem auf den Kampf um nationale Unabhängigkeit und po- litisch-staatliche Selbständigkeit "gesetzmäßig" der Kampf um ökonomische Unabhängigkeit und soziale Emanzipation (und schließ- lich um den Sozialismus) folgt. Hierfür gab es zwar in der Reali- tät zu einem bestimmten Zeitpunkt durchaus Anhaltspunkte; aber aus heutiger Sicht ist dieser Standpunkt kaum noch aufrecht zu erhalten. 9) Zumindest müßte erklärt werden, wieso etwa die öko- nomische Situation sich oftmals gerade in den Ländern besonders katastrophal ausnimmt, die in der Propagierung der genannten Etappenziele als besonders konsequent anzusehen sind. Schon im Theorie-Konzept des "nichtkapitalistischen Entwicklungs- wegs", das später vielfach modifiziert und differenziert wurde (vom "sozialistisch orientierten Entwicklungsweg" bis zum Weg "sozialistischer Entwicklung"), war eine "Kluft zwischen Theorie und Praxis" 10) unübersehbar geworden. Mit dem Verweis auf pro- grammatisches Selbstverständnis und verbale Deklarationen der je- weiligen politischen Führungskräfte konnten die Schwachstellen des theoretischen Ansatzes zwar zeitweilig überdeckt und auch dem staatspolitischen Bedürfnis nach diplomatischer Rücksichtnahme genüge getan werden. Als jedoch in immer mehr Ländern die Ent- wicklung einen anderen - als den durch die Theorie vorgezeichne- ten - praktischen Verlauf nahm und in einer Reihe von Fällen ab- rupte außen- und innenpolitische Kurswechsel (Ägypten, Somalia) stattfanden, traten auch die theoretischen Defizite deutlich her- vor: Die klassenmäßige Ambivalenz sowohl des staatlichen Sektors in der Wirtschaft 11) als auch der Staatsmacht generell und der sie tragenden klassenübergreifenden Koalitionen oder intermedi- ären Schichten war zumeist einseitig (und zweckoptimistisch) im Sinne der darin angelegten Möglichkeit einer auf den Sozialismus orientierten Entwicklung analysiert worden, während deren (prinzipiell ebenso denkbare) Funktion als Wegbereiter oder sogar Akzeleratoren kapitalistischer Gesellschaftsverhältnisse allen- falls benannt worden war, für die Mehrzahl der konkreten Analysen jedoch keine Relevanz hatte. 12) Die Kehrseite dieses Ansatzes, der gesellschaftlichen Fortschritt mit n i c h t kapitalistischen Entwicklungsoptionen identifi- zierte, bestand daher notwendigerweise in der Unterschätzung des kapitalistischen Entwicklungspotentials in der Dritten Welt. In der Tradition der "klassischen" Imperialismus- und Neokolonialis- musanalyse galt das Hauptinteresse dem Nachweis vielfältiger Ab- hängigkeits- und Ausbeutungsstrukturen, die dem Kapitalismus in den Entwicklungsländern nur wenig Spielraum lassen. Jedoch ver- wies gerade der Differenzierungsprozeß unter kapitalistischen Entwicklungsländern (mit der Herausbildung sog. Newly Industria- lized Countries in Ostasien, Schwellenländern in Lateinamerika, LLDC's usw.) auf die Grenzen solcher Erklärungsschemata. Denn hier zeigte sich eine Varianzbreite kapitalistischer Entwick- lungswege bei ähnlichen Weltmarktbedingungen, die mit dem Theorem neokolonialer Abhängigkeit allein kaum noch zu erklären war. Offensichtlich sind auch unter den Bedingungen neokolonialer Weltmarktabhängigkeit unterschiedliche Formen der Verarbeitung dieser "äußeren" Rahmenbedingungen möglich, wobei die interne Kräftekonstellation und die Politik der herrschenden Kräfte eine entscheidende Rolle spielt. Paradoxerweise lassen sich gerade in dieser Hinsicht gegen die traditionell-marxistische Entwicklungs- theorie ähnliche Einwände vorbringen, wie sie gegenüber der von dieser oftmals als "ultralinks" kritisierten funktionalistischen Variante der Dependenztheorie (Frank, Amin, Senghaas, Waller- stein) formuliert worden sind 13): daß nämlich interne und ex- terne Faktoren im Entwicklungsprozeß auf ungenügende Weise dia- lektisch miteinander vermittelt werden, daß den internen Klassen- auseinandersetzungen keine entscheidende Rolle beigemessen wird, daß schließlich auch die Verantwortung der herrschenden "Eliten" für Fehlentwicklungen weitgehend ausgeklammert bleibt. Sind letz- tere nicht schon wegen ihres verbalen Antiimperialismus gegenüber Kritik abgeschirmt, so erscheinen sie zumindest als unschuldige Opfer des Imperialismus. Dies mag überspitzt formuliert sein, ist aber als Grundtendenz in zahlreichen Einschätzungen der Vergan- genheit (vom Peronismus bis zu Idi Amin) nachweisbar und aufs engste verknüpft mit einer "festverankerten Tradition", "die öko- nomischen wie auch alle anderen Schwierigkeiten der Entwicklungs- länder vorwiegend durch das Prisma ungünstiger äußerer Einwirkun- gen, des kolonialen Erbes, neokolonialer Ausbeutung, der Einwir- kung multinationaler Konzerne usw. zu betrachten". 14) Die Verengung des Blickwinkels auf die Systemauseinandersetzung sowie eindimensionale, schablonenhafte Erklärungsmuster hatten gleichzeitig zur Folge, daß Widerspruchskomplexe und Bedrohungs- potentiale, die sich "quer" oder jenseits zu dieser "Hauptachse" herausbildeten, nicht oder erst mit erheblicher Verspätung im Vergleich zu anderen wahrgenommen wurden: Das betrifft zum einen soziale und politische Konfliktfaktoren in der Dritten Welt selbst, die sich nur schwer bzw. nur sehr vermittelt mit den her- kömmlichen Kategorien des Antiimperialismus fassen ließen: etwa die zunehmende Bedeutung regionaler Hegemoniekämpfe, die Häufung vornehmlich ethnisch und/oder ideologisch-religiös motivierter Auseinandersetzungen (Islam-Renaissance!) usw. Zum anderen gilt dies auch für globale Problemkomplexe länder-, kontinent- und vor allem systemübergreifenden Charakters. Gerade die Rede von den globalen Problemen, die sich heute unter Marxistinnen höchster Beliebtheit erfreut, und die These von den trotz aller Asymme- trien wachsenden gegenseitigen Abhängigkeiten im internationalen System (Interdependenz) wurden lange Zeit als "hinterlistige In- trige der Klassengegner" 15) oder als die realen Machtverhält- nisse nur verschleiernde Konzepte 16) abgelehnt. Die theoreti- schen Schwierigkeiten bei der Analyse globaler Probleme ergeben sich offensichtlich gerade daraus, daß sich ihre Zuspitzung zwar unter den Bedingungen kapitalistischer Globalität vollzieht, eine auf den traditionellen imperialismustheoretischen Verursachungs- zusammenhang beschränkte oder reduzierte Argumentation jedoch we- der in der Lage ist, die kumulativen, sich selbst verstärkenden Wirkungen der globalen Probleme, noch ihre tieferliegenden Ver- knüpfungen mit gesellschaftlichen Krisenprozessen hinreichend zu erklären. 2. "Globale Probleme" und Krise der Dritten Welt ------------------------------------------------ Bedrohungen und Gefährdungen globaler Art werden gemeinhin in drei Problemkomplexen gesehen: 17) (1) Das betrifft natürlich erstens d i e P r o b l e m a t i k d e r i n d e n R ü s t u n g e n i n W e s t u n d O s t a u f g e h ä u f t e n Z e r s t ö r u n g s p o t e n t i a- l e mit ihren negativen Effekten auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung und der damit prinzipiell gegebenen Möglich- keit zur Vernichtung der menschlichen Existenz schlechthin. (2) Das betrifft zweitens d i e B e d r o h u n g u n d Z e r s t ö r u n g d e r n a t ü r l i c h e n L e b e n s- g r u n d l a g e n d e r M e n s c h h e i t, angefangen bei der Verschmutzung der Umwelt, über die Aufheizung der Atmosphäre, die Zerstörung tropischer Regenwälder mit ihren unkalkulierbaren Auswirkungen auf die globale Klimaentwicklung, die Überausbeutung regenerierbarer und nichtregenerierbarer Ressourcen, bis hin zu sich häufenden Technikkatastrophen vom Typ Tschernobyl und Harrisburg, Seveso oder Bophal. (3) Schließlich d i e P r o b l e m e d e r D r i t t e n W e l t, wo sich die Überlebensfrage heute schon im wahrsten Sinne des Wortes für zwei Drittel der Menschheit stellt und die nicht nur wegen der Dimension des Problems, sondern auch insofern von globaler Bedeutung ist, als relative Wohlstands- und Stabili- tätsinseln in einer Umwelt sich selbst verschärfender Widersprü- che auf Dauer nicht möglich sein werden. Verschiedentlich werden auch d i e "B e v ö l k e r u n g s- e x p l o s i o n" und d i e w e l t w e i t e R e s s o u r- c e n v e r k n a p p u n g als eigenständige globale Probleme genannt. Doch dies scheint mir wenig stichhaltig, ist doch die Bevölkerungsentwicklung eine Funktion der Gesellschaftsentwick- lung und die Ressourcenfrage aufs engste mit dem Problem rationaler oder irrationaler Produktivkraft- und Technikentwick- lung verknüpft. Allen diesen Problemkomplexen und ihrer Zuspitzung liegt eine tieferliegende, objektive Tendenz zugrunde. Diese äußert sich in der zunehmenden Internationalisierung von Produktions- und Le- bensbereichen, in Prozessen wachsender, vor allem auch interna- tionaler Vergesellschaftung im Zuge des wissenschaftlich-techni- schen Fortschritts (einschließlich der "Fortschritte" auf dem Ge- biet der Militärtechnologie) und führt zu wachsenden Interdepen- denzen von Interessen, Problemen und Problemlagen. Es ist diese o b j e k t i v e T e n d e n z w a c h s e n d e r I n t e r- n a t i o n a l i s i e r u n g u n d s p r u n g h a f t e r P r o d u k t i v k r a f t r e v o l u t i o n i e r u n g, die auch der Krisenhaftigkeit k a p i t a l i s t i s c h e r Ent- wicklung zugrundeliegt und über die folglich die Herausbildung globaler Bedrohungen und die kapitalistische Krisenentwicklung auf vielfältige Weise miteinander verknüpft sind. 18) D i e C r u x l i e g t h e u t e z u m g r o ß e n T e i l d a r i n, d a ß - b e i w a c h s e n d e r I n t e r- d e p e n d e n z v o n P r o b l e m e n - d i e S t e u e r u n g s- u n d R e g u l i e r u n g s k a p a z i- t ä t e n, d i e z u r B e a r b e i t u n g d i e s e r P r o b l e m e z u r V e r f ü g u n g s t e h e n, a l l- e n t h a l b e n a b g e n o m m e n h a b e n, teils im Ergebnis kapitalistischer Krisenentwicklung, teils aufgrund der kumulativen, sich gegenseitig hochschaukelnden Wirkungen der globalen Probleme selbst. Doch e s i s t z u g l e i c h e b e n d i e s e s F e l d v o n W i d e r s p r ü c h e n, a u s d e m s i c h h e u t e d i e A n s a t z p u n k t e f ü r a l t e r n a t i v e s (in der Perspektive auch systemüberwindendes) H a n d e l n e n t w i c k e l n l a s- s e n und in der täglich erlebten Praxis auch entwickeln. Insofern birgt der globale Problemkomplex auch neue Chancen gerade für die Entwicklung internationalistischer Politik und internationalistischen Bewußtseins. Hermann Bömer hat in einem kürzlichen Diskussionsbeitrag 19) zu Recht darauf verwiesen, daß es notwendig ist, die Diskussion glo- baler Probleme konkret-historisch und auf empirischer Grundlage anzugehen. So gesehen, erscheint uns die Dritte Welt heute zunächst (und vor allem) als Konglomerat von Krisensyndromen. H u n g e r k r i s e und S c h u l d e n k r i s e sind hier- für nur die sichtbarsten Auswüchse (mit starker Medienaktualität in den letzten Jahren). Dahinter steht eine allgemeine W a c h s t u m s- u n d E n t w i c k l u n g s k r i s e, deren wesentliches Kennzeichen nicht nur im Zurückbleiben der Er- gebnisse der wirtschaftlichen Entwicklung hinter den Erwartungen, sondern auch (und vor allem) darin besteht, daß die jahrzehnte- lang zugrundegelegten Leitvorstellungen von Entwicklung selbst obsolet geworden sind. Dies betrifft natürlich im wesentlichen die Paradigmen kapitalistischen Wachstums, aber auch die ehrgei- zigen Entwicklungsziele unter sozialistischem Vorzeichen müssen heute in vielen Fällen als gescheitert angesehen werden. Die ö k o l o g i s c h e K r i s e treibt in der Dritten Welt auf Ausmaße zu, die die Dimensionen der Umweltzerstörung, wie wir sie aus eigener Erfahrung kennen, heute schon bei weitem über- treffen. Im Gegensatz zu den Industrienationen beruht die ökolo- gische Problematik der Dritten Welt nicht allein auf dem Zerstö- rungspotential des technologischen Fortschritts und dessen unge- planter bzw. verantwortungsloser Anwendung angesichts steigender Bevölkerungszahlen, "sondern auch auf elementarer Armut (die ih- rerseits die Bevölkerungszunahme wesentlich mitbedingt)". 20) Vielerorts ist alles dies mit einer p o l i t i s c h e n K r i s e der Herrschaftssysteme verbunden, was sich in wachsen- der Unkontrollierbarkeit gesellschaftlicher Prozesse bis hin zur Auflösung elementarster staatlicher Strukturen und/oder in einer Tendenz zu diktatorischen Regierungen äußert. Schließlich dürfen eine Reihe von R e g i o n a l k r i s e n nicht vergessen wer- den, die sich vor dem Hintergrund zunehmender Militarisierung und von Faktoren, die sich traditioneller Erklärung s Schemata des Antiimperialismus weitgehend entziehen, in zahlreichen regionalen Kriegen und Konflikten entladen. Es ist deutlich, wie sehr sich das Bild in nicht allzu langer Zeit geändert hat. Während es noch Anfang der siebziger Jahre so ausgesehen hatte, als würde der Befreiungskampf der Dritten Welt in eine neue Etappe eintreten, als würde über kurz oder lang eine Neue Internationale Wirtschaftsordnung an die Stelle der alten, aus der Kolonialzeit überkommenen Abhängigkeitsverhältnisse tre- ten, so scheint heute eher das Gegenteil eingetroffen zu sein: Mehr als jemals zuvor sind die Länder und Völker der Dritten Welt in ihren Lebens- und Entwicklungsperspektiven von Einflußfaktoren abhängig, auf die sie nur geringen oder überhaupt keinen Einfluß haben. Zinssätze, Rohstoffpreise, nichtäquivalenter Tausch - diese "ferngesteuerten Raketen", wie Fidel Castro sagt, "töten bislang Millionen Menschen in der ausgeplünderten Welt. Sie brin- gen um durch Hunger, Krankheit, Arbeitslosigkeit und Kriminali- tät". Es ist ein unerklärter "Dritter Weltkrieg", ein ökonomi- scher Krieg, in dem die Menschen sterben, ohne daß ein einziger Schuß fällt. 21) 3. "Neuer Kolonialismus" - -------------------------- Herausforderungen für den Internationalismus der Linken ------------------------------------------------------- Vorherrschend ist heute offensichtlich eine Tendenz zur "R e- k o l o n i s i e r u n g" der Dritten Welt, die jeglichen Emanzipationsbestrebungen enge Grenzen setzt und selbst elemen- tarsten Lebensinteressen ganzer Völker den Boden entzieht. 22) Dieser "n e u e K o l o n i a l i s m u s" kann weder als bloße Fortschreibung dessen begriffen werden, was in den sechzi- ger und siebziger Jahren als Neokolonialismus beschrieben wurde, noch als eine Art Neuauflage traditioneller imperialistischer Ko- lonialpolitik. Und dies nicht einmal so sehr deshalb, weil er die bislang dagewesenen Formen der Vorherrschaft und der Ausplünde- rung an Effizienz bei weitem übertrifft. Denn: E r s t e n s ist dieser "neue Kolonialismus" - so wie er sich herausgebildet hat und sich geriert - selbst noch Ausdruck eines tiefgreifenden Strukturbruchs im System der weltweiten kapitalistischen Akkumu- lation und der internationalen Beziehungen. Und z w e i t e n s zerstört er wesentliche Grundlagen des nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Nord-Süd- oder besser: West-Süd-Verhältnisses, wobei dieser Vorgang erstmals auch wieder die Stabilität und Lebensfä- higkeit von gesellschaftlichen Strukturen in den Metropolen ernsthaft berührt. In seinem Buch "La deuda externa de America Latina - el automa- tismo de la deuda" beschreibt der lateinamerikanische Soziologe Franz Hinkelammert diese Veränderung so: Die Schuldenpolitik des Imperialismus stelle in Wirklichkeit "eine internationale Politik der weitestmöglichen Verhinderung oder Begrenzung der Entwicklung der unterentwickelten Länder (dar), um zukünftige Konkurrenten nicht zu fördern. Es ist eine Politik, die die unterentwickelten Länder auf eine Ergänzungsfunktion zu den entwickelten Ländern einzuschränken versucht, die in der Bereitstellung von Rohstoffen besteht, wobei die Naturzerstörung zugunsten der industrialisier- ten Länder eingeschlossen ist. Die Länder des Zentrums erhoffen sich von der Entwicklung der unterentwickelten Länder keine Vor- teile mehr und stellen sich ihr jetzt entgegen. Sie polarisieren die Welt noch mehr und glauben, die unheilvollen Folgen einer Po- litik der brutalen Stärke beherrschen zu können." 23) Genau das ist offensichtlich das Problem: Der mit dem kapitali- stischen Wachstumsmodell der Nachkriegsperiode ("Fordismus"/"Key- nesianismus") einhergehende Neokolonialismus hatte auch für die Entwicklungsländer bis zu einem gewissen Grade Wachstums- und Entwicklungsgarantien bereitgehalten, die jedoch vor dem Hintergrund der Krise dieses Modells nicht mehr eingelöst werden können. Im Ergebnis kommt es zur Blockade von (ohnehin de- formierten) Entwicklungsprozessen in der Dritten Welt, bisweilen auch zu Rückentwicklungen in Form von Deindustrialisierungspro- zessen und (Beinahe-)Zusammenbrüchen. 24) Infolge des inzwischen erreichten Grads der internationalen Ver- flechtung stellt sich das Problem der R ü c k w i r k u n g e n i n t e r n a t i o n a l e r K r i s e n p r o z e s s e a u f d i e S y s t e m e u n d B e v ö l k e r u n g e n i n d e n k a p i t a l i s t i s c h e n Z e n t r e n heute je- doch auf besonders dringliche und neue Weise. In ihrer Verknüp- fung mit globalen Problemlagen und vermittelt über einen gewan- delten Typ der internationalen Akkumulation von Kapital bleiben die Metropolen von diesen Entwicklungen nicht verschont: Die "N e u e I n t e r n a t i o n a l e A r b e i t s t e i- l u n g" 25) hat in Verbindung mit der flächendeckenden Anwen- dung neuer Technologien zu struktureller Massenarbeitslosigkeit und neuer sozialer Armut in den Industrieländern geführt; die Armut - und zwar in krassen Formen, die viele bislang in die Dritte Welt verbannt glaubten - ist sozusagen in die Metropolen des Kapitals zurückgekehrt; zugleich ist der Wohlstand und Konsum des oberen Drittels der Gesellschaft in bislang kaum vorstellbare Dimensionen gewachsen (Yuppieisierung/DINKS = Double Income, No Kids etc.). Die "N e u e I n t e r n a t i o n a l e F i n a n z o r d- n u n g" 26), die hinter dem Schuldenproblem sichtbar wird und sich in einer Verlagerung der "Investitionsschwerpunkte" von der real wirtschaftlichen in die monetäre Sphäre bemerkbar macht, hat diese Entwicklungen weiter verschärft; in Verbindung mit dem reaktionär-monetaristischen und auf aggressive Behauptung von Weltmarktpositionen des jeweiligen Kapitals ausgerichteten Moder- nisierungskurs in der Wirtschaftspolitik wurden die Beschäfti- gungssysteme untergraben und die traditionellen sozialen Siche- rungssysteme in den Metropolen weiter ausgehöhlt. Neue Formen so- zialer Segmentierung (auch innerhalb der Arbeiterklasse) und der Ausgrenzung relevanter Bevölkerungsgruppen sind entstanden; unge- schützte, "flexibilisierte" Beschäftigungsverhältnisse nahmen ebenso zu wie Formen der absoluten Verarmung und Verelendung. Dies alles hat die Kampf- und Handlungsbedingungen der Gewerk- schaftsbewegung grundlegend verändert, zum Entstehen neuer sozi- aler Bewegungen geführt und die Arbeiterbewegung insgesamt vor neue Herausforderungen gestellt. Doch nicht nur die Arbeiterbewegung! D i e E n t w i c k- l u n g s k r i s e d e r D r i t t e n W e l t e r w e i s t s i c h i n d i e s e r P e r s p e k t i v e n u r a l s e i n M o m e n t e i n e r u m f a s s e n d e n K r i s e d e s k a p i t a l i s t i s c h e n 'R e g u l a t i o n s- m o d u s' d e r N a c h k r i e g s p e r i o d e. Diese schließt u.a. ein: die Krise der überkommenen Hegemoniestrukturen innerhalb des kapitalistischen Weltsystems mit den USA als unumstrittener Führungsmacht; die Heraufkunft neuer Machtzentren von der EG und Japan bis hin zum Aufstieg einer kleinen Gruppe "neu-industrialisierter" Staaten, den sog. vier Tigern des ost- asiatischen Raums; die fortschreitende Aushöhlung und Erschöpfung nationalstaatlicher und internationaler Steuerungskapazitäten, wie sie sich im Versagen der traditionellen Konjunkturpolitiken ebenso äußern wie in anhaltenden währungspolitischen Labilitäten, einer wachsenden Tendenz zu handelspolitischen Konflikten oder auch in den Turbulenzen des internationalen Kreditsystems. Es ist offenkundig, daß die Linke angesichts einer solchen Kon- stellation nicht weniger, sondern mehr Internationalismus braucht. Ebenso offensichtlich sollte auch sein, daß dies ein neuer, auf die heutigen Bedingungen "zugeschnittener" und aus den heutigen Widerspruchskomplexen heraus entwickelter Internationa- lismus sein muß - ein Internationalismus, der sich zum Beispiel nicht mehr beschränken kann auf die bilaterale Unterstützung ein- zelner Bewegungen an den "Brennpunkten" oder auf die internatio- nale Zusammenarbeit einzelner ideologischer Richtungen, etwa der kommunistischen oder sozialdemokratisch-sozialistischen Parteien. Zwar bleiben internationale kapitalistische Ausbeutung und sich verschärfende soziale Widersprüche im Innern ein permanenter Nährboden für die Entstehung sozialer Befreiungsbewegungen. Die Sicherung des elementarsten Lebensrechts der in ihrer Mehrheit unterdrückten und abhängigen Bevölkerung der Peripherieländer bleibt unter diesen Bedingungen eine mobilisierende Vision des Befreiungskampfes. Die soziale Emanzipation der Menschen und Völ- ker stößt jedoch immer deutlicher an die Grenzen "äußerer", welt- wirtschaftlich bedingter Zwangsverhältnisse. Der Kampf um eine neue Weltwirtschaftsordnung, das heißt um grundlegend neugestal- tete internationale Rahmenbedingungen, bleibt deshalb ein aktuel- les Problem der Dritten Welt, und nicht nur der Dritten! Ein "neuer Internationalismus" wird sich unter diesen Bedingungen nicht mehr nur negativ auf die Kritik des bestehenden Systems und der bestehenden Verhältnisse (im Sinne des traditionellen Antiim- perialismus) beziehen können, sondern überzeugende Gegenentwürfe, ebenso radikale wie realistische Alternativen zum herrschenden Status quo formulieren müssen. Er wird sich dabei zugleich und vorrangig an den Überlebenserfordernissen des Atomzeitalters zu orientieren haben. 4. Neues Denken und Dritte-Welt-Politik der UdSSR ------------------------------------------------- Welche realen Ansatzpunkte gibt es für eine solche Politik? Die Politik der UdSSR in Bezug auf die Dritte Welt seit dem Amtsan- tritt von Michail Gorbatschow ist in vielerlei Hinsicht eine Re- aktion auf diese neuen Herausforderungen, aber auch Möglichkei- ten. Wodurch ist sie gekennzeichnet? Ohne dieses Thema an dieser Stelle umfassend, geschweige denn erschöpfend, behandeln zu kön- nen 27), sei doch auf einige zentrale Momente hingewiesen: (1) - Neu ist zunächst die Perzeption von Dritte-Welt-Problemen durch sowjetische Wissenschaftler, Publizisten und Politiker; neu ist vor allem der R e a l i s m u s i n d e r E i n- s c h ä t z u n g g e s e l l s c h a f t l i c h e r P r o- z e s s e in diesen Ländern: So problematisieren sowjetische Wissenschaftler heute zum Beispiel die früher vorherrschende Tendenz, "in jeder Aktion eines Entwicklungslandes, das sich ge- gen irgendeinen imperialistischen Staat richtet, die Offenbarung des Antiimperialismus und revolutionären Geistes" zu sehen, wo- durch nicht nur die Entwicklungsmöglichkeiten des Kapitalismus in der Dritten Welt unterschätzt, sondern auch unmittelbar außenpo- litische Fehlentscheidungen (z.B. Afghanistan) begünstigt wurden. Oder: In Bezug auf die Thesen vom nichtkapitalistischen bzw. so- zialistisch orientierten Entwicklungsweg wird kritisiert: "Leider wurden in der Mehrzahl der Arbeiten häufig Wünsche als Wirklich- keit ausgegeben." 28) So fehlte der sowjetischen Entwicklungs- strategie z.B. auch ein triftiges Konzept landwirtschaftlicher Entwicklung - unter den Bedingungen von Unterentwicklung und Ab- hängigkeit zweifellos eine Schlüsselfrage. 29) Die Dritte Welt war offensichtlich nicht die unerschöpfliche Quelle neuer antiimperialistischer und sozialistischer Entwick- lungen, für die man sie hielt. Die Durchsetzung solcher Modelle erwies sich angesichts der Dominanz kapitalistischer Strukturen im Weltwirtschaftssystem als äußerst schwierig, kostspielig und in vielen Fällen sogar unmöglich. Über bilaterale Schwerpunktset- zung der Hilfe auf fortschrittliche Entwicklungsländer - jah- relang das herausragende Merkmal der sowjetischen Dritte-Welt-Po- litik - konnte nicht gewährleistet werden, daß "die Idee des So- zialismus auf dem Planeten voranschritt"! Nebenbei bemerkt: Vieles Lamentieren über einen angeblichen Rückzug der Sowjetunion aus der Dritten Welt und einen angeblichen Verlust an Internatio- nalismus, wie es bei einem Teil der "Altlinken" hierzulande in Mode zu kommen scheint, hängt offensichtlich damit zusammen, daß man sich standhaft weigert, diese Realitäten zur Kenntnis zu neh- men. (2) - Neu ist - dies muß gerade gegenüber den letztgenannten Kri- tikern betont werden - auch der erhöhte Stellenwert, den Dritte- Welt-Probleme heute in der sowjetischen Außenpolitik einnehmen. Diese Aufwertung der Dritten Welt ist zwangsläufig, wenn deren Entwicklungskrise als globales Problem definiert und diesen glo- balen Problemen Vorrang eingeräumt wird. Die eindeutige Prioritä- tensetzung auf die Überlebensfragen beinhaltet konsequenterweise auch, daß beim Umgang mit Nord-Süd-Problemen von der ausschließ- lichen Betonung des Verursacher-Prinzips ("Verantwortlich ist der Imperialismus") Abschied genommen und eine eigene M i t v e r- a n t w o r t u n g i n b e z u g a u f d i e P r o b l e m- l ö s u n g anerkannt wird. Am spektakulärsten wurde dies bis- lang deutlich im sowjetischen Beitritt zum Gemeinsamen Fonds des Integrierten Rohstoffprogramms der UNCTAD, den die UdSSR jahre- lang mit dem Hinweis auf eben die Verantwortlichkeit des Imperialismus und des kapitalistischen Weltmarktes für den Verfall der Rohstoffpreise abgelehnt hatte. Eben dies hatte aber zur Folge gehabt, daß die sowjetische Position im Nord-Süd-Dialog bei vielen Beobachtern als reiner Propagandismus erschienen war, eigene Initiativen im Nord-Süd-Dialog kaum ergriffen und so politische Eingriffsmöglichkeiten in ein wichtiger werdendes Feld der internationalen Auseinandersetzung verschenkt wurden. (3) - Auch dies hat sich geändert: Mit dem Vorschlag zur Schaf- fung eines allumfassenden Systems der internationalen Sicherheit verfügt die UdSSR seit dem XXVII. Parteitag der KPdSU über e i n u m f a s s e n d e s K o n z e p t z u r N e u g e s t a l- t u n g d e r i n t e r n a t i o n a l e n O r d n u n g, das Fragen der politisch-militärischen Sicherheit ebenso ein- schließt wie Probleme der ökonomischen und humanitären Sicherheit, die Unterstützung der Forderung der Dritten Welt nach einer Neuen Internationalen Wirtschaftsordnung eingeschlossen. Dies geht davon aus, so Gorbatschow, daß "die Prozesse, die sich entfaltet haben, die Kraft eines objektiven Gesetzes (besitzen). Entweder der Zusammenbruch - oder gemeinsame Suche nach einer neuen Weltwirtschaftsordnung, bei der den Interessen der einen, der anderen und der dritten Welt auf gleichberechtigter Grundlage Rechnung getragen wird". Und er fügt hinzu, dabei gehe es um eine "historische Wahl, die von den Gesetzmäßigkeiten der in vieler Hinsicht interdependenten und ganzheitlichen Welt diktiert wird". Auch der Kapitalismus stehe heute vor einer solchen Wahl, "entweder es auf eine Explosion ankommen zu lassen oder die Ge- setze der interdependenten und ganzheitlichen Welt, die eine In- teressenbalance auf gleichberechtigter Grundlage erfordert, in Betracht zu ziehen". 30) (4) - Natürlich steht das Bemühen um eine Wiederbelebung des Nord-Süd-Dialogs in engstem Zusammenhang mit der n e u e n R a d i k a l i t ä t, mit der versucht wird, einen Abrüstungs- prozeß in Gang zu setzen (Programm Atomwaffenfrei 2000). Dabei geht es nicht zuletzt um die F r e i s e t z u n g e i n e r n e u e n w i r t s c h a f t l i c h e n u n d s o z i a- l e n E n t w i c k l u n g s d y n a m i k (Prinzip "Abrüstung für Entwicklung"); in vielerlei Hinsicht ist eine solche Umnutzung von Ressourcen im Weltmaßstab eine elementare Voraus- setzung, um Problemlösungen für die Erste wie für die Dritte Welt zu finden. Auch die Anläufe z u r p o l i t i s c h e n L ö s u n g r e- g i o n a l e r K o n f l i k t e in der Dritten Welt folgen einem umfassenden sicherheitspolitischen Imperativ: Hier geht es nicht um bloße Konflikteindämmung. Eine realistische Analyse wird sogar davon ausgehen müssen, daß sich die Ursachen und Wi- dersprüche, die solchen Konflikten zugrundeliegen, in Zukunft noch verstärken werden. Was aber im Atomzeitalter sicherheitspo- litisch geboten ist, ist eine Abkoppelung solcher Konflikte vom Ost-West-Konflikt und den darin liegenden Gefahren für eine hori- zontale Eskalation mit weltweit verheerenden Konsequenzen. Dies wird auf mittlere Sicht auch Abkommen zur Begrenzung und Reduzie- rung von Waffenexporten in die Dritte Welt einschließen müssen. 31) 5. Für einen neuen Internationalismus der Linken ------------------------------------------------ in den Metropolen ----------------- Welche Konsequenzen ergeben sich für die Linke in den kapitali- stischen Metropolen? Was die neueren Entwicklungen der sowjeti- schen Außenpolitik im allgemeinen und der Dritte-Welt-Politik im besonderen betrifft, so wird die Linke hierzulande diese zwar nutzen und die einzelnen Vorschläge der UdSSR aufgreifen können und müssen. Sie wird sich jedoch nicht auf deren "Propagierung" beschränken können, sondern die eigentliche Herausforderung darin sehen müssen, mit e i g e n e n Entwürfen und Konzepten zur Entwicklung und Realisierung der Vision einer neuen Weltordnung beizutragen. Was die Entwicklungstendenzen in der Dritten Welt betrifft, so wird die metropolitane Linke ihre Hoffnungen weniger denn je auf revolutionäre Eruptionen der drei Kontinente setzen oder sich gar darauf verlassen können. Zwar wird die Krise o b j e k t i v immer größer. Was jedoch ihr Manifest-Werden, ihre Umsetzung in Veränderungen und Bewegungen betrifft, scheint große Nüchternheit geboten: "Ein wichtiger Aspekt ist, daß sich im Verlaufe der Krise wie auch der Verarbeitung der Krise selbst und der Anpassungs- und Austeritätspolitik die Sozialstrukturen in diesen Ländern enorm verändert haben, und zwar in Richtung auf noch stärkere Desarti- kulierung der Strukturen der vorgefundenen Klassen und Schichten in dem Sinne, daß eine viel stärkere Atomisierung und Zersplitte- rung, Vereinzelung und Heterogenisierung stattgefunden hat ... Die großen Kollektive, die objektiv in der Lage wären, sich gegen diese Verelendungspolitik zu stellen und zu organisieren, sind zersplittert, und für die politischen Kräfte in den dortigen Län- dern ist es eine große Herausforderung, diese Zersplitterung we- nigstens abzumildern und eine einheitliche Oppositionskraft zu bilden." 32) Andere Aspekte, die in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen sind, beziehen sich auf die abnehmende ökonomische Rolle der Ent- wicklungsländer insgesamt und die sich daraus möglicherweise für ihre politische Handlungsfähigkeit ergebenden Konsequenzen: Bei gleichzeitiger Vertiefung ihrer Abhängigkeit innerhalb des beste- henden kapitalistischen Weltwirtschaftssystems findet eine zuneh- mende reale Abkoppelung der Dritten Welt als ökonomisch bedeu- tende Kraft statt, die sich in abnehmenden Anteilen am Welthandel und an den internationalen Direktinvestitionen äußert und sich zukünftig im Gefolge der Entwicklung von Gen- und Biotechnologie und neuer Management-Techniken noch verstärken dürfte. Die Dritte Welt wird sozusagen "an den Rand" gedrängt, wobei dieser neue Schub der Peripherisierung nicht ausschließt, daß ihr Anteil an der Schuldendienstzahlung, ihre Rolle als Ausbeutungsobjekt und auszubeutende Reserve zunimmt, wie sich vor allem im Zuge der Schuldenkrise gezeigt hat. 33) Dennoch gibt es reale Chancen für einen "neuen Internationalis- mus" in den Metropolen. Zu Recht wird die Frage aufgeworfen, ob nicht die Herausbildung der globalen Probleme, der zugrundelie- gende materielle Prozeß der Internationalisierung (auch und ge- rade weil er sich in kapitalistisch deformierten Bahnen voll- zieht) "auch neue Formen von internationalistischem Bewußtsein - vielleicht könnte man es 'planetarisches Bewußtsein' (Aitmatow) nennen - hervor(bringt), die von der Linken aufgegriffen und zu einem massenwirksamen Konzept von Neuem Internationalismus inte- griert werden können?" 34) Es ist kein Zufall, daß die Frage nach den "Chancen eines neuen Internationalismus" 35) kürzlich im praktischen Zusammenhang ei- ner Kampagne anläßlich der Jahrestagung von Internationalem Wäh- rungsfonds und Weltbank in West-Berlin (September 1988) 36) auf- getaucht und sehr schnell zu einer Leitfrage für Diskussionspro- zesse innerhalb der Dritte-Welt- und Solidaritätsbewegung gewor- den ist. Denn hier zeigte sich, daß kontinentübergreifende Pro- bleme (wie die Schuldenkrise), wenn sie zum Gegenstand der poli- tischen Auseinandersetzung hierzulande gemacht werden, in der Lage sind, Zehntausende für Problemlösungskonzepte, für konkrete Alternativen (in diesem Fall die Forderung nach Schuldenstrei- chung und einer Neuen Weltwirtschaftsordnung) zu mobilisieren. Auch wenn der Diskussionsstand vorerst noch zu wenig entwickelt ist und sich "neuer Internationalismus" vorerst noch wenig kon- kret und nur in Umrissen - eher als Hoffnung und Vision - dar- stellt, werden neue Formen des Denkens deutlich, die über einen einmaligen Aktions- und Kampagnenhöhepunkt hinausweisen: (1) Unübersehbar war der häufige historische Bezug auf die Viet- nam-Bewegung vor fast genau 20 Jahren. Dies jedoch nicht im Sinne nostalgischer Reminiszenzen, sondern verbunden mit dem Anspruch, die Jahrestagung von IWF und Weltbank über den unmittelbaren An- laß hinaus zum Ansatzpunkt für die Entwicklung einer neuen, brei- ten internationalistischen Bewegung zu machen. "N e u e r I n- t e r n a t i o n a l i s m u s" - das wurde begriffen a l s A u f g a b e g e m e i n s a m e n S u c h e n s n a c h n e u e n K o n z e p t e n, die dem gegenwärtigen Stand der internationalen Verflechtungen gerecht werden, nicht als Präsentation eines neuen Patentrezepts von irgendeiner Seite. (2) Eng damit zusammen hängen Ansätze zu einer "neuen politischen Kultur" der Linken, in der B ü n d n i s p o l i t i k a l s g e m e i n s a m e r L e r n p r o z e ß verstanden wird. Dies schließt eine neue Breite von Allianzen ein, weit über den Kreis der traditionellen Solidaritätsbewegung hinaus. Vor allem aber zeigte sich dies in neuen Formen der Zusammenarbeit jenseits von altem "Spektrumsdenken", Hegemoniebestrebungen und Fraktions- "Hick-Hack". (3) Festzuhalten ist auch die vielfach geäußerte Erkenntnis, daß "a l t e" u n d "n e u e" s o z i a l e B e w e g u n g e n trotz aller Gegensätze darauf angewiesen sein werden, e i n e g e m e i n s a m e P e r s p e k t i v e zu entwickeln, wenn sie den Herausforderungen wachsender Internationalisierung und globalen Bedrohungslagen gerecht werden wollen. "Internationa- lismus", so wurde formuliert, "muß integraler Bestandteil oppo- sitioneller Politik 'neuer' und 'alter' sozialer Bewegungen in den Metropolen werden. Aufgabe der sozialen Bewegungen hier muß es sein, die eigene 'Betroffenheit' in Beziehung zu setzen zu den Strategien imperialistischer Herrschaftssicherung und Kapitalin- teressen." 37) Letzteres verweist darauf, daß auch ein "neuer Internationalis- mus" eine g e m e i n s a m e I n t e r e s s e n b a s i s braucht. Eine solche gemeinsame Interessenbasis kann nur über den Nachweis gefunden werden, daß sich und wie sich heute Interessen- lagen von Mehrheiten weltweit miteinander verknüpfen. "Verknüp- fen" deutet in diesem Zusammenhang daraufhin, daß es sich weder um eine voraussetzungslose Übereinstimmung noch um einen unversöhnlichen Gegensatz von Interessenlagen handelt. Dies kann sicher nur über ein tieferes Eindringen in den Charakter der "globalen Probleme" gelöst werden und erfordert z u g l e i c h eine exaktere Analyse sich verändernder globaler Akkumulations- Strukturen, wofür die oben gegebenen Verweise auf die "Neue In- ternationale Arbeitsteilung" und die "Neue Internationale Finanz- ordnung" nur erste (und was die Begrifflichkeit betrifft: hilfs- weise) Anhaltspunkte sein können. 38) Dies bedeutet aber auch, daß einem "neuen Internationalismus" ein e r w e i t e r t e r I n t e r e s s e n b e g r i f f z u- g r u n d e liegen wird: Zum einen wird die im traditionellen Antiimperialismus schon vom Begriff her gegebene Negativfixierung zugunsten einer positiven Zielbestimmung (im Sinne von Alternati- ven) überwunden werden müssen. Zum anderen wird ein "neuer Inter- nationalismus" auch die Verengung des Interessenbegriffs auf rein materiell-ökonomische Interessenlagen zugunsten der Aufnahme stärker moralisch-ethischer Imperative, bis hin zur Frage der ei- genen Lebensweise, überwinden müssen. I n d i e s e m S i n n e b e d a r f e s e i n e s u m- f a s s e n d e n A l t e r n a t i v a n s a t z e s , d e r s o w o h l d i e k o n k r e t - u t o p i s c h e V i- s i o n e i n e r n e u e n W e h o r d n u n g a l s a u c h k o n k r e t i s i e r t e A n t w o r t e n a u f d i e F r a g e n a c h d e n e r s t e n S c h r i t t e n i n d i e s e R i c h t u n g e i n s c h l i e ß t. Wie diese Vision letztlich auf den Begriff gebracht wird, läßt sich heute nicht sagen. Sicher ist nur, daß vielerorts darüber nachge- dacht wird, und daß dieses Nachdenken in einer offenen Debatten- kultur zusammengebracht und produktiv gemacht werden muß. Wahr- scheinlich ist, daß diese Vision E l e m e n t e r a d i k a- l e r D e m o k r a t i e, s o z i a l e r G e r e c h t i g- k e i t, n a t i o n a l e r U n a b h ä n g i g k e i t , "I n - R e c h t - S e t z u n g" v o n F r a u e n- u n d S u b s i s t e n z a r b e i t, F r i e d e n u n d R e s- s o u r c e n s c h o n u n g in sich aufnehmen wird. Eine solche Perspektive wird notwendigerweise über das bestehende System hinausweisen müssen. Damit sie aber Platz greifen, d.h. Menschen in Bewegung setzen und verändernd wirken kann, muß an den heute erkennbaren Widersprüchen und Bruchstellen des b e s t e h e n d e n Systems angeknüpft werden können. Aus mei- ner Sicht sind das im wesentlichen Steuerungs- und Regulierungs- defizite, die sich vor dem Interessenhintergrund der Mehrheiten vor allem als mangelnde Gleichheit, ungenügende Partizipation und Demokratie darstellen. Konkrete Bruchstellen und Ansatzpunkte wä- ren etwa: die Wiederbelebung des Entspannungsprozesses, die auch Raum schafft für einen "nord-süd-politischen" Neuansatz; die Machtverschiebungen im Gefolge des Niedergangs der US-Hegemonie; die neuen Integrationsprozesse in der Dritten Welt selbst; schließlich auch das herrschende imperialistische Krisenmanage- ment, dessen Deregulierungskonzepte mehr und mehr an Grenzen sto- ßen. Gemeinsam ist diesen Ansatzpunkten, daß sie auf die Notwendigkeit der Veränderung internationaler Machtverhältnisse verweisen. Die nächstliegende Perspektive - und zugleich die Chance eines Neube- ginns im Sinne alternativer Entwicklungslogiken - liegt deshalb in der gemeinsamen Suche nach Konzepten der u m f a s s e n- d e n u n d r a d i k a l e n w e l t p o l i t i s c h e n u n d w e l t w i r t s c h a f t l i c h e n D e m o k r a- t i s i e r u n g u n d E n t m i l i t a r i s i e r u n g, in denen vermeintliche Systemzwänge, überkommene Privilegien und Asymmetrien zugunsten von mehr gleichberechtigter Kooperation und demokratischer Kontrolle überwunden werden. 39) _____ 1) Franz Nuscheler, Entwicklungslinien der politikwissenschaftli- chen Dritte-Welt-Forschung, in: ders. (Hg.), Dritte-Welt-For- schung. Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik (= PVS-Son- derheft 16), Opladen 1985, S. 8. 2) Vgl. dazu die Beiträge von Gerhard Hauck, Thomas Hurtienne und Dirk Messner, in: "blätter des iz3w", Nr. 154, Dez. 1988-Jan. 1989 (Heftschwerpunkt: Dependenztheorie am Ende?); Beispiele für Frontenwechsel auf der politischen Ebene sind u.a. Regis Debray, dessen politischer Weg von der Seite Ernesto Che Guevaras zum Präsidentenberater Francois Mitterands führte und der sich in dieser Funktion zuletzt in der Rechtfertigung des französischen Kolonialismus in Neukaledonien hervortat, oder auch Andre Glucksmann, der von einem Maoisten zu einem der führenden "nouveaux philosophes" wurde. Vgl. dazu die Thesen von Dieter Bo- ris über das Verhältnis von progressiver, linker Intelligenz und Problemen der Dritten Welt unter dem etwas irreführenden Titel: Unterentwicklung als globales Problem und Herausforderung für die Wissenschaften in den Metropolen, in: Hochschule - Wissenschaft - Gesellschaft im Jahr 2000. Materialien einer Konferenz des MSB Spartakus unter Beteiligung des IMSF, Bonn 1988, S. 131 ff. 3) Siehe auch den Aufsatz von Gilben Ziebura, in: Prokla, Nr. 70/März 1988. 4) Siehe z. B. das Expertengespräch mit Irina Sorina, Nikolai Ka- ragodin, Wladimir Choros und Viktor Schejnis, in: Neue Zeit, Mos- kau, Nr. 44/Oktober 1988 und Nr. 52/Dezember 1988. 5) Christian Mährdel, Nationale und soziale Befreiung in Asien und Afrika und der weltrevolutionäre Prozeß. Theoretisch-methodo- logische Überlegungen, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 8, 1/1985, S. 98. Hervorhebung im Original. 6) Vgl. dazu jetzt die Ausführungen in: Jörg Huffschmid/Heinz Jung, Reformalternative. Ein marxistisches Plädoyer, Frank- furt/Main 1988, S. 12 ff; auch: Peter Wahl, Internationalismus im Umbruch, in: Marxistische Blätter, 12/1988, S. 27ff. und den Bei- trag von Jürgen Reusch in diesem Band. 7) Zit. nach: Alain Gresh, L'union soviétique face au conflicts régionaux: Une diplomatie à l'épreuve du tièrs-monde, in: Le Monde Diplomatique, Paris, Dec. 1988, S. 10. 8) So G. Diligenski, Revolutionstheorie und die Gegenwart, in: Weltwirtschaft und internationale Beziehungen, 3/1988, zit. nach: Huffschmid/Jung (Anm. 6), S. 15. 9) Siehe z.B. auch meine Analyse über "Politische Entwicklungs- tendenzen und soziale Grundlagen der nationalen Befreiungsbewe- gung in Afrika", in: Rainer Falk/Peter Wahl (Hg.), Befreiungsbe- wegungen in Afrika, Köln 1980, S. 13 ff., deren optimistische Grundhaltung durch die seither eingetretene reale Entwicklung nicht bestätigt wurde. 10) So schon für: Salim Ibrahim/Verena Metze-Mangold, Nichtkapi- talistischer Entwicklungsweg. Ideengeschichte und Theorie-Kon- zept, Köln 1976, S. 120. 11) "Ich möchte darauf hinweisen, daß der Beifall, mit dem wir jede größere Nationalisierung in der 'Dritten Welt' feierten, daß die unverdrossene Apologie einer Erweiterung des staatlichen Sek- tors sich völlig in unsere allgemeine politökonomische Konzeption einfügte: Staatseigentum als höchste Form der Vergesellschaftung, Auslandskapital als Feind, den man bestenfalls noch einige Zeit zu tolerieren hatte, ökonomische Unabhängigkeit (im Streit darum, was das eigentlich bedeutet, wurden erhebliche Mengen von Druc- kerschwärze verbraucht) als höchster und vorrangiger Wert. In Wirklichkeit war alles viel komplizierter." (Viktor Schejnis, vgl. Anm. 4). 12) Vgl. Ibrahim/Metze-Mangold (Anm. 10), S. 113 ff. Diese Ab- handlung ist immer noch der beste, in der Bundesrepublik erschie- nene Überblick über das Konzept des nichtkapitalistischen Ent- wicklungswegs. 13) Vgl. hierzu vor allem Hurtienne und Messner (Anm. 2). 14) Karagodin (Anm. 4). 15) So im selbstkritischen Rückblick: Wadim Sagladin, Mit Ver- nunft und revolutionärer Gesinnung, in: Prawda, deutsche Ausgabe, Wien, 13.6.1988. 16) Dieser Aspekt dominierte z.B. auch noch unsere Kritik des "Brandt-Berichts"; vgl. Rainer Falk/Dieter Boris/Hans Mayer, "Das Überleben sichern". Fortschritte und Grenzen im Nord-Süd-Bericht, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 6/1980, S. 667 ff. 17) Zur marxistischen Diskussion über globale Probleme vgl. auch: Iwan Frolow/Wadim Sagladin, Globale Probleme der Gegenwart, Ber- lin/DDR 1982; Hermann Bömer, Die drohende Katastrophe" Globale Probleme der Menschheit, Frankfurt/Main 1984; seither sind die Arbeiten hierzu kaum noch zu überblicken. 18) Auch die Krisen- und Vorkrisenprozesse in den sozialistischen Ländern sind offensichtlich wesentlich im weiteren Kontext einer Zivilisationskrise zu betrachten, die auf die Schwierigkeiten bei der Bewältigung von Problemen der wissenschaftlich-technischen Revolution zurückzuführen ist. Vgl. dazu u.a.: Alexander Bowin, Perestroika: Die Wahrheit über den Sozialismus, in: Juri Afa- nassjew (Hg.), Es gibt keine Alternative zu Perestroika: Glasnost - Demokratie - Sozialismus, Nördlingen 1988, S. 600 ff. 19) Vgl. "Unsere Zeit" v. 12. 10. 1988. 20) Manfred Wöhlcke, Der unterentwickelte Fortschritt. Umweltzer- störung und Ressourcenplünderung in der Dritten Welt, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 10 /1988, S. 1210. 21) Vgl. Fidel Castro, in: Frankfurter Rundschau, 11.12.1985. 22) Die Rekolonialisierungsthese wird heute von unterschiedlichen Seiten vertreten, mit Blick auf die . Schuldenkrise und das IWF- Regime zum Beispiel vom ehemaligen Entwicklungsminister Erhard Eppler (vgl. IG Metall (Hg.), Solidarisches Wirtschaften durch solidarisches Handeln. Wirtschaftspolitische Alternativen, Mate- rialband Nr. 3 der Diskussionsforen "Die andere Zukunft: Solida- rität und Freiheit", Köln 1988, S. 162), mit Blick auf den Export der Umweltkrise in die Dritte Welt als "ökologische Rekoloniali- sierung" zum Beispiel von Ulrich Beck (vgl. Gegengifte. Die orga- nisierte Unverantwortlichkeit, Frankfurt / Main 1988, S. 252). Sie steht nur dann im Gegensatz zu der oben betonten Rolle der internen Klassenkräfte im Entwicklungsprozeß, wenn diese als han- delnde Subjekte ausgeblendet werden. 23) Vgl. den deutschsprachigen Auszug, in: epd-Entwicklungspoli- tik, 13/1988, S. D-r. 24) Vgl. dazu: Georg Simonis, Der Entwicklungsstaat in der Krise, in: Nuscheler (Anm. 1), S. 157. Der Aufsatz unternimmt einen der seltenen Versuche, die Entwicklung der Nord-Süd-Beziehungen der jüngeren Zeit im Lichte der französischen marxistischen Regulati- onsschule zu beleuchten; deren kritische Rezeption ist unter bun- desdeutschen Marxistinnen immer noch ungenügend entwickelt. 25) Die Problematik dieser Begrifflichkeit, die immer nur eine Tendenz zum Ausdruck brachte, ist mir bewußt. Allerdings können ihre Urheber (Folker Fröbel/Jürgen Heinrichs/Otte Kreye, Die neue internationale Arbeitsteilung. Strukturelle Arbeitslosigkeit in den Industrieländern und die Industrialisierung der Entwicklungs- länder, Reinbek bei Hamburg 1977) für sich in Anspruch nehmen, als eine der ersten auf die gravierenden Rückwirkungen der kri- senhaften Internationalisierungsprozesse in den Metropolen ver- wiesen zu haben. 26) Damit soll hier vorläufig jener Prozeß bezeichnet werden, in dessen Gefolge es vor allem seit Anfang der 80er Jahre zur rela- tiven Abkoppelung der monetären von der realwirtschaftlichen Ak- kumulation von Kapital kommt. In seinem Gefolge wird die Tendenz zu einer neuen internationalen Arbeitsteilung spürbar abgebremst, wobei die verheerenden sozialen Auswirkungen in den Metropolen allerdings noch verstärkt werden. 27) Vgl. deshalb als umfassendere Darstellungen meine beiden Auf- sätze: Die Bedeutung des "Neuen Denkens" für die Nord-Süd-Poli- tik, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 8/1987, S. 1055 ff; und: Zusammenbruch oder neue Weltwirtschaftsordnung? Dritte Welt, Schuldenkrise und Nord-Süd-Dialog in Moskaus neuer Außenpolitik, in AIB Dritte Welt Zeitschrift, 12 /1988, S. 41 ff. 28) Vgl. dazu den Aufsatz des Mitarbeiters am Moskauer IMEMO-In- stitut R. Awakov, in: Weltwirtschaft und internationale Beziehun- gen, 11 /1987, deutsch in: epd-Entwicklungspolitik, 9-10/1988; auch: Wjatscheslaw Daschitschew, Ost-West: Suche nach neuen Be- ziehungen. Über die Prioritäten in der Außenpolitik des Sowjet- staates, in: Sowjetunion Heute, Bonn, 8/August 1988. 29) Vgl. G. Mirskij, zit. nach: Klaus Pritsche, Zur sowjetischen Diskussion sozialistischer Entwicklungsstrategien, hektographier- tes Manuskript. Vgl. auch: Winrich Kühne, Zur Krise marxistisch- leninistischer Modelle der wirtschaftlichen Entwicklung, in: epd- Entwicklungspolitik. Materialien VII /1986, S. 71 ff. 30) Michail S. Gorbatschow, Rede zum 70. Jahrestag der Oktoberre- volution vom 2. November 1987, in: ders., "Zurückdürfen wir nicht". Programmatische Äußerungen zur Umgestaltung der sowjeti- schen Gesellschaft, München 1987, S. 332. Der sowjetische Entwurf für ein "all-umfassendes System der internationalen Sicherheit" ist inzwischen erneut weiterentwickelt worden, vor allem um Aspekte der "ökologischen Sicherheit" und die Betonung der Not- wendigkeit eines "prinzipiell neuen Typs des industriellen Fort- schritts" angesichts der "Widersprüche und Grenzen der traditio- nellen Industrialisierung", deren "weitere Ausdehnung 'in die Breite und in die Tiefe' zu einer ökologischen Katastrophe" dränge (vgl. Rede Michail Gorbatschows vor der UNO-Vollversamm- lung, APN-Dokumente Nr. 59, Köln, 8. 12. 1988). 31) Zur Notwendigkeit der Abkoppelung regionaler Konflikte in der Dritten Welt vgl. als Stimme aus der Bundesrepublik jüngst auch: Dieter Senghaas, Konfliktformationen im internationalen System, Frankfurt/Main 1988, S. 157 ff. 32) So Dieter Boris auf dem Internationalen Gegenkongreß anläß- lich der Jahrestagung von IWF und Weltbank im September 1988 in West-Berlin, demnächst als Buch-Dokumentation bei Pahl-Rugen- stein, Köln 1989. 33) Vgl. zum Beispiel: Gerd Junne, Neue Technologien bedrohen die Entwicklungsländer, in: Prokla, Nr. 60/1985, S. 142 ff. 34) Wahl (Anm. 6), S. 28. 35) Werena Rosenke, Chancen eines neuen Internationalismus. Rede für den Trägerkreis auf der Abschlußveranstaltung des Internatio- nalen Gegenkongresses der IWF/Weltbank-Kampagne, in: "blätter des iz3w", Nr. 153, November 1988. 36) Zur Einschätzung siehe: Rainer Falk, Die Vision eines "neuen Internationalismus". Zwischenbilanz der IWF/Weltbank-Kampagne, in: AIB Dritte Welt Zeitschrift, 11/1988, S. 5 ff. 37) Rosenke (Anm. 35). 38) Zur Interessenlage der Arbeiterbewegung im Zusammenhang der Schuldenkrise und generell gegenüber der Dritten Welt siehe: Rai- ner Falk. Schuldenkrise und gewerkschaftliche Politik, in: Marxi- stische Blätter, 12/1988, S. 32ff.; und Jörg Goldberg, Unterent- wicklung - ein Verteilungsproblem?, in: ebenda, S. 36 ff. 39) Zur näheren Begründung und Ausarbeitung eines Alternativ-An- satzes im Bereich der Nord-Süd-und Entwicklungspolitik vgl.: Rai- ner Falk, Das Projekt Befreiungshilfe. Umrisse einer alternativen Nord-Süd-Politik, in: Blätter für deutsche und internationale Po- litik, 2/1989; sowie mein 1989 erscheinendes Buch: Befreiungs- hilfe. Alternativen der Entwicklungspolitik, Köln 1989 (Pahl-Ru- genstein). zurück