Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


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       Abrüstung in der Bundesrepublik -
       politische und ökonomische Aspekte
       

FÜR KONKRETE ANALYSE, GEGEN WUNSCHDENKEN

Bernd Greiner Jürgen Reusch hat in seinem einleitenden Beitrag m.E. zu Recht den augenblicklichen Zustand der internationalen Beziehungen als "offene Situation" beschrieben. Ich denke, die bisherigen Diskus- sionsbeiträge gingen allzu flott über diese Beobachtung hinweg. Also möchte ich Widerspruch anmelden, Widerspruch gegen eine Sicht der Dinge, in der Konflikte und Ungereimtes, die Offenheit der Situation also, nicht ausreichend berücksichtigt werden. Dazu vier Einwände. Der erste Punkt: Was die UdSSR wünscht und vorschlägt, ist eine Sache. Ob und wie diese Vorschläge reali- siert werden, steht auf einem ganz anderen Blatt. Hier möchte ich nachdrücklich vor Wunschdenken warnen. Für viele scheint festzu- stehen, daß die NATO oder einzelne kapitalistische Staaten jetzt endlich zu einer dauerhaften Friedenspolitik gezwungen seien. Mancher Zeitgenosse sieht schon den großen Quantensprung in der Politik. Demnach macht die Bourgeoisie sozusagen eine zweite po- litische Sozialisation durch, wird nämlich friedensfähig. Ich denke, derlei Einschätzungen stehen auf sehr schwachen Füßen, sind analytisch ebenso fehlerhaft wie jene Urteile, die in der Friedensbewegung zu Beginn der 80er Jahre über die USA vertreten wurden. Damals waren viele schnell dabei, aus jedem neuen Waffen- programm, aus jeder Schraube, die das Pentagon anforderte, einen "Willen zum Krieg" herauszulesen. Ohne die Schlachten von gestern noch einmal zu schlagen, möchte ich festhalten: genausowenig wie die USA 1980 "kriegswillig" waren, sind sie 1988 "dauerhaft frie- densfähig". "Friedensfähigkeit" ist keine analytische Kategorie, sondern die Beschreibung einer konkreten historischen Situation. Ja aber, wird eingewendet, sind die USA nicht bereits in einer solchen Situation, hat es sich nicht gezeigt, daß ihre Führung lernwillig und lernfähig ist? Die Antwort ist ein entschiedenes "Jein". Natürlich - es wurde ein Abrüstungsvertrag unterschrie- ben, der erste seiner Art. Auch die Militärausgaben stagnieren in Prozentpunkten des Bruttosozialprodukts, sind sogar rückläufig, gemessen am Gesamthaushalt. Und trotzdem ist die amerikanische Ökonomie augenblicklich stärker militarisiert als jemals zuvor in Friedenszeiten. Seit Jahren beobachten wir eine signifikante Mi- litarisierung. Der Anteil der rüstungsbezogenen Güter an der ge- samten Güterproduktion stieg innerhalb von acht Jahren um knapp 10% auf weit über 20% der industriell gefertigten Waren. Ähnliche Beobachtungen lassen sich auch in anderen Bereichen machen, z.B. der Forschungs- und Entwicklungspolitik. Die Bilanz ist deutlich. Wir haben es mit einer progressiven Militarisierung der Ökonomie und Forschung zu tun. Das wird für die Formulierung von Politik nicht ohne Folgen bleiben. Es wird sich erst noch zeigen müssen, wieweit sich eine Bereitschaft und ein Wille zum Frieden unter diesen Bedingungen entfalten können. Manche Beiträge aus der UdSSR und der DDR scheinen mir da allzu optimistisch zu sein, bisweilen sogar grundlos optimistisch. Wunschdenken scheint mir manchmal die Analyse zu verdrängen. Der zweite Punkt: das Neue Denken in der UdSSR und seine Attrak- tivität. Sicherlich gibt es globale Probleme, qualitativ neue Probleme, die ein neues politisches Denken notwendig machen. Aber ich erhebe Einspruch dagegen, dieses Neue Denken immer nur mit globalen Problemen oder qualitativen Veränderungen der jüngsten Zeit in Verbindung zu bringen. Vieles im Neuen Denken ist uralt. Einstein wußte schon 1945, daß die Atombombe alles verändert hat, außer eben dem politischen Denken. Und daß man mit Atomwaffen einen Krieg weder führen noch gewinnen kann, wissen wir ebenfalls seit langem, spätestens seit Ende der 60er Jahre, als die SALT- Verhandlungen begannen. Mir geht es hier nicht darum, das Neue Denken zu denunzieren. Ich will nur gegen jene polemisieren, die nur noch Globales und Abstraktes, aber keine Klasse und keine Ge- schichte mehr kennen. Und zur Geschichte des Neuen Denkens gehört m.E. ganz konkret die ökonomische Misere in den sozialistischen Ländern. Jahrzehntelang wurde über das Teufelszeug Atombombe de- battiert, immer wieder gesagt, ihr Einsatz bedeute den Untergang. Aber erst Mitte der 80er Jahre kommt es zum Neuen Denken - in ei- ner Situation nämlich, als die UdSSR ökonomisch mit dem Rücken zur Wand steht. Glaube doch keiner, daß die Bourgeoisie diese Schwäche nicht zur Kenntnis nimmt. So gesehen, ergibt sich eine ganz neuer Blickwinkel. Gorbatschow findet nicht Anklang, weil er ideologisch überzeugt, weil man im Westen die Einsicht in die Notwendigkeit des Neuen Denkens teilt, sondern weil der Umgang mit einer schwachen und problembeladenen UdSSR wesentlich einfa- cher ist. Auch dies ist selbstverständlich kein geradliniger oder unwiderruflicher Prozeß. Aber ich sehe die Gefahr, daß interes- sierte Kreise im Westen aus dem Neuen Denken in der UdSSR ganz andere Schlußfolgerungen ziehen, als wir dies augenblicklich er- warten oder für möglich halten. Die Schlußfolgerung nämlich, ge- gen eine schwache UdSSR wieder einmal eine offensive Politik, eine Politik der Stärke auflegen zu können. Günther Gaus hat diese Überlegung neulich bei einer Podiumsdiskussion in Hamburg prägnant herausgearbeitet. Er sieht, m.E. zu Recht, die Gefahr, daß einflußreiche Kreise jetzt erst recht glauben, wieder "siegen" zu können. Gewollt haben sie das schon immer, aber lange nicht mehr daran geglaubt. "Neues Denken" und Perestroika läßt sie wieder hoffen, eben weil die Schwächen der Gegenseite so of- fen zutage liegen. Wie gesagt - auch dies ist kein Automatismus. Aber man sollte über das Problem nachdenken, anstatt voreilig zu behaupten, niemand könne sich der Attraktivität des Neuen Denkens verschließen. Manche können schon. Und sie wollen es auch. Der dritte Punkt: Auch viele Überlegungen zur Bündnispolitik und zum Verhältnis USA-Westeuropa regen mich eher auf als an. Sicher gibt es innerhalb der NATO viele Widersprüche, sicherlich sind die politischen Konflikte in den letzten Jahren zahlreicher ge- worden. Und zweifellos hängt dies auch mit den ökonomischen Ein- bußen der USA zusammen. Sie sind eben nicht mehr die hegemoniale Führungsmacht wie in den 50er und 60er Jahren. Aber nur noch ein "Amerika in der Defensive" oder gar im "Abstieg" sehen zu wollen, halte ich für maßlos übertrieben. Es ist analytisch falsch und politisch irreführend. Ich sehe im Fall der USA vielmehr eine merkwürdige Mischung aus Stärke und Schwäche. Ich will und kann das hier im einzelnen nicht ausführen. Nur ein Beispiel: landauf, landab wird die Auslandsverschuldung der USA als schlagender Be- weis der Schwäche gewertet. Übersehen wird dabei, daß sich die USA wohl als einzige Nation dieser Welt von einem Tag auf den an- deren entschulden können - wenn sie es politisch wollen. Die US- Schulden sind nämlich, ein einzigartiger Vorgang, auf Dollarbasis gezogen. Eine signifikante Abwertung des Dollar würde das Problem demnach lösen. Ich will mit diesem Beispiel nur sagen, daß im Falle der USA Schulden noch lange nicht politische Abhängigkeit bedeuten, wie bei den meisten anderen Ländern. Niemand wird wegen dieser US-Schulden in Washington politisch Dampf machen können, weil alle den Preis eines allgemeinen Dollarverfalls kennen. In- folge dieser am-bivalenten Mischung von Stärke und Schwäche scheint es daher völlig offen, wer künftig in der atlantischen Allianz die politischen Akzente setzen wird. Viertens: Ich habe vor übertriebenen Hoffnungen in die "neue Friedensfähigkeit" der NATO gewarnt. Aber ebenso warne ich davor, nur noch die fortlaufende Aufrüstung und Modernisierung im Blick zu haben. Die Entscheidung über Waffensystem X oder die Lagerung des Kampfstoffs Y besagt für sich genommen noch herzlich wenig. Die Frage sollte immer sein: Welche Rückwirkungen haben solche Waffen auf die Politik? Und, noch wichtiger: Wie wirken sich neue Waffen auf die politische und militärische Stabilität aus? Tragen sie dazu bei, daß Krisen aus dem Ruder laufen - z.B. deshalb, weil es keine Vorwarnzeiten mehr gibt, z.B. weil das Mißtrauen in Absicht und Politik der anderen Seite zunimmt? Die Pershing-II war zweifellos ein solches destabilisierendes Waffensystem - und deshalb haben wir dagegen gekämpft. Krisen in der Weltpolitik gibt es aber nicht, weil neue Waffensysteme eingeführt werden, sondern sie entstehen in der Regel aus politischen und ökonomi- schen Konflikten zwischen Staaten. Erst vor diesem Hintergrund werden die Atomwaffen der NATO und des Warschauer Paktes rele- vant. Mithin ist die Analyse von Konfliktformationen und Krisen politisch wichtiger und ertragreicher als waffentechnische Erb- senzählerei. Über Konflikte und Krisen in unserer Zeit zu reden, heißt über die Dritte Welt zu reden. Eine phasenweise Beruhigung im Nahen Osten oder in Afrika ist noch lange kein Grund, diese Regionen aus dem Blick zu verlieren. Friedensforschung wird stets Dritte-Welt-Forschung sein müssen. Gerade Gorbatschows Neues Den- ken pocht auf diesen Zusammenhang. Kurz: trotz Modernisierung des NATO-Arsenals, trotz neuer Waffenprogramme sollte der Blick für übergeordnete Zusammenhänge nicht getrübt werden. Wie gesagt, wir haben es mit einer offenen Situation zu tun. In welche Richtung die Entwicklung gehen wird, ist augenblicklich noch nicht zu erkennen. Wenn wir die Richtung erkennen wollen, müssen wir uns vor Wunschdenken hüten. Und dürfen keineswegs selbstgewiß davon ausgehen, die aus der UdSSR kommenden Anstöße würden eine Dynamik entfalten, der sich der Westen zwangsläufig anschließen muß. Noch nie ergab sich aus schlechter Analyse eine gute Politik. zurück