Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


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       Abrüstung in der Bundesrepublik -
       politische und ökonomische Aspekte
       

MILITARISIERUNG IST NICHT DAS VORRANGIGE ZIEL BUNDESDEUTSCHER KONZERNSTRATEGIEN

Jörg Huffschmid Natürlich darf man bei der Beurteilung der aktuellen Lage nicht den Fehler begehen, politische Programmerklärungen für die Wirk- lichkeit zu nehmen. Aber ebenso muß man sich davor hüten, ein- zelne noch so spektakuläre Ereignisse oder Aktionen für das Ganze der Realität oder einer Strategie zu halten. In der Regel sind die Dinge vielseitiger und komplizierter. Das läßt sich gut an der Daimler-MBB-Fusion zeigen, die ich vor einem Jahr vor allem aus politischen Gründen für unwahrscheinlich gehalten habe. Einerseits hat sich das Finanzkapital in Gestalt der Deutschen Bank mit dieser Fusion vollends ins Zentrum der Rüstungswirt- schaft begeben. Andererseits sollte das nicht zu der Aussage ver- führen, das Rüstungskapital mache nun das Zentrum des Finanzkapi- tals aus. Eine solche Behauptung hielte ich für schlicht falsch. Sie würde ja nahelegen, daß mit dieser Fusion eine Entscheidung für die Entwicklung des bundesdeutschen Kapitalismus in Richtung Rüstungskapitalismus gefällt worden sei, was ich ebenfalls für eine unrichtige Aussage halte. Ich bin der letzte, der die Gefahren, die von der Verbindung Deutsche Bank - Daimler-Benz - MBB ausgehen - und in dem Projekt des "Jäger 90" ihren krassesten Ausdruck finden - verkennen oder verharmlosen würde. Wir müssen uns aber trotzdem die Mühe machen, zu klären, welchen Stellenwert diese Fusion in der Gesamtstrate- gie des Finanzkapitals, hat. Und - das ist meine These - in die- ser Gesamtstrategie spielt nicht die Militarisierung und der Auf- bau eines militärischen Drohpotentials, sondern die internatio- nale Expansion die vorrangige Rolle. Diese Internationalisierung wird auf vielen Bereichen betrieben. Sie erfolgt auch in der Rüstung - allerdings in einem vergleichs- weise geringen Umfang. Wenn man sich internationale Verflech- tungs- und Kooperationsaktivitäten der Deutschen Bank oder von Daimler-Benz anschaut, ist es völlig offensichtlich, daß sie auf dem zivilen Sektor um ein Vielfaches zahlreicher und gewichtiger sind als auf dem militärischen. Man muß auch zur Kenntnis nehmen, daß es nicht nur die erklärte, sondern zum Teil auch die tatsächlich betriebene Politik der großen Rüstungskonzerne ist, den militärischen Teil des Umsatzes zu verringern. Selbst Hanns Arndt Vogels hat dies als Teil der Unternehmenspolitik von MBB verkündet. Natürlich darf man auch dies jetzt nicht als das Ganze der Kon- zernpolitik nehmen. Die politische Gefahr, die von der Fusion und dem Projekt "Jäger 90" ausgeht, darf nicht unterschätzt werden. Es gibt aber auch reale Tendenzen und Interessen bei den Konzer- nen, die einer weiteren Militarisierung der bundesdeutschen Wirt- schaft zuwiderlaufen. Da ist z.B. das lebhafte Interesse der Deutschen Bank, von Siemens, Daimler, MBB und anderen an der In- tensivierung des Kooperationsprozesses mit der Sowjetunion, wo - wohl zu Recht - erhebliche Geschäftsmöglichkeiten für eine sehr lange Zeit vermutet werden, sofern die Politik des ökonomischen Umbaus dort greift. Dies dürfte eine wahrscheinlich längerfristig viel attraktivere Expansionsoption für bundesdeutsches Kapital sein als die einseitige Fixierung auf weitere Militarisierung. Insgesamt ist die Lage dadurch gekennzeichnet, daß es eine Reihe unterschiedlicher Expansions- und Verwertungsmöglichkeiten gibt, und für die Konzerne überhaupt keine Veranlassung besteht, sich auf eine davon festzulegen. Ihr gemeinsamer Nenner ist die inter- nationale Expansion. Diese Hauptlinie wird auch von der staatlichen Politik unter- stützt und verfolgt: Die gesamte Forschungs- und Technologiepoli- tik steht unter dem Imperativ der internationalen Wettbewerbsfä- higkeit; enorme Konzentrations- und Zentralisationsprozesse fin- den staatlichen Segen und Unterstützung, weil das die Konkurrenz- position auf den Weltmärkten stärke. Sozialleistungen und Umwelt- schutz werden zurückgedrängt, weil sie diese Position schwächten. Die Angebotspolitik läuft auf nichts anderes heraus als darauf, optimale Rahmenbedingungen für die internationale Expansion der führenden Konzerne zu schaffen und liegt daher voll in deren In- teresse. Rüstungspolitik kann Teil dieser Strategie sein, ist aber auf keinen Fall unverzichtbar für sie oder gar ihr eigent- lich wesentlicher Kern. Gerade ein solches Nebeneinander von Optionen bietet aber Ansatz- punkte für das Eingreifen der Friedensbewegung. Sie liegen darin, daß die mit der Modernisierungskampagne und den Planungen für die dritte Waffengeneration anvisierte stärkere Betonung der milita- ristischen Option verstärkt thematisiert und zurückgewiesen wird. In diesem Zusammenhang halte ich eine "Anti-Jäger 90-Kampagne" für außerordentlich bedeutsam. Denn in der Auseinandersetzung mit diesem Irrsinnsprojekt lassen sich nicht nur allgemein militär- und sicherheitspolitische Kritikpunkte mobilisieren. Der Jäger ist zugleich ein konkreter Kristallisationspunkt der wirtschaft- lichen, sozialen und ökologischen Schäden, die mit der Rüstung auch im konventionellen Bereich verbunden sind und - wenn die ge- planten Projekte der dritten Waffengeneration verwirklicht würden - Dimensionen annehmen würden, im Vergleich zu denen alles, was wir bisher erlebt haben, relativ harmloses Vorgeplänkel gewesen wäre. Wenn es gelingt, dies klarzumachen, könnte sich daraus eine sehr breite Mobilisierung ergeben, deren Chancen zur Verhinderung des Gesamtprojektes ich angesichts der Umstrittenheit des Projek- tes auch im Lager der Regierung und bei den Konzernen für relativ gut halte. Hier zeigt sich übrigens auch, daß trotz unterschiedlicher Ein- schätzungen des Stellenwertes der Fusion Daimler-MBB die konkre- ten Aktionskonzeptionen und -vorschläge wohl kaum nennenswert auseinandergehen dürften. Von beiden hier diskutierten Gesamtbe- urteilungen her kann man folgern, daß man den unmittelbaren poli- tischen Schwerpunkt auf eine Anti-Jäger-Kampagne legen und in diese regional- und umweltpolitische Umstellungs- und Entwick- lungsperspektiven einbringen sollte. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, daß man von hier aus die Argumentation und Mobilisie- rung für eine grundlegend andere Entwicklungsrichtung des Kapita- lismus - eine Reformalternative - entwickeln kann, in der die mi- litaristische Option keine Rolle mehr spielt und die aggressive Orientierung auf die internationale Expansion durch eine stärkere Binnenorientierung abgelöst ist. Aber in dieser Frage gibt es of- fensichtlich unterschiedliche Meinungen, die hier nicht ausdisku- tiert werden können. zurück