Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


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BEITRÄGE MARXISTISCH-LENINISTISCHER THEORIEENTWICKLUNG ZUR FRIEDENSSICHERUNG

Dieter Klein 1. Marxistisches Vernunftdenken in der Umbruchperiode - 2. Epo- chekonzeption und Wettstreit der Systeme - 3. Neue Tendenzen in der marxistisch-leninistischen Kapitalismustheorie 1. Marxistisches Vernunftdenken in der Umbruchperiode ----------------------------------------------------- Die Menschheit befindet sich am Ende des Jahrhunderts in einer vielschichtigen Umbruchsituation. Globale Probleme bedrohen ihre Existenz. Aber zugleich beginnen sich Chancen für einen dauerhaf- ten Weltfrieden sowie zur Abwendung einer Umweltkatastrophe abzu- zeichnen und könnte Abrüstung für Entwicklung einen Einstieg in die Zurückdrängung der mit Hunger und Arbeitslosigkeit von hun- derten Millionen Menschen verbundenen Unterentwicklung in den meisten Entwicklungsländern ermöglichen. Diese Umbruchsituation wird dadurch zugespitzt, daß der neue, ex- trem wissenschaftsintensive Produktivkrafttyp entweder als Kata- lysator der Verschärfung der globalen Menschheitsfragen wirkt - wenn er der Hochrüstung einverleibt wird, sich sozial unbe- herrscht gegen die Natur kehrt und monopolisiert in den Indu- strieländern die relative Rückständigkeit der Entwicklungsländer vertieft - oder zum Vehikel der Lösung dieser Probleme in einer Welt des Friedens zwischen den Staaten und mit der Natur werden kann. Neue, mit der Bedrohung der Gattung Mensch verbundene Globalpro- bleme, ein neuer Produktivkrafttyp, tiefgreifende Veränderungen in Sozialismus und Kapitalismus, Ganzheitlichkeit einer wider- sprüchlichen Welt - das alles forderte ein Neues Denken, eine neue Weltverantwortung heraus. Nach zwei großen Glanzperioden menschlicher Geistes- und Kulturgeschichte, der Antike und der Renaissance mit ihren Riesen geistiger Kühnheit und künstleri- scher Schaffenskraft stehen wir vor der Herausforderung, daß eine dritte Glanzperiode des Denkens, in der die Aufbrüche der jungen Sowjetmacht zu einer neuen ausbeutungsfreien, friedlichen Welt aus den zwanziger Jahren aufzuheben sind, in der die E i n- h e i t v o n V e r n u n f t u n d V e r a n t w o r t u n g zum zentralen Angelpunkt wird, zur Überlebensbedingung der Menschheit wird. Diese notwendige und systemüberschreitende Vernunft hat geistes- geschichtliche Wurzeln. 1) Die bürgerliche Aufklärung von Kant und Hegel hat die Entwicklung der Weltgeschichte als "Empor- arbeiten der Vernunft" in der Gesellschaft und damit als "Fortschritt der Freiheit" aufgefaßt. Marx knüpfte, dies mit der kapitalistischen Wirklichkeit seiner Zeit vergleichend, daran kritisch-konstruktiv an und sah im Proletariat die Klassenkräfte, die in der Lage zu solcher Umgestaltung der Gesellschaft sind, daß seine an die bürgerlichen Denker anknüpfende These Wirklich- keit würde: "Die Vernunft siegt dennoch in der Weltgeschichte." 2) Aber so wie er die These von der Vernunft in der Geschichte in seiner Revolutionstheorie im Hegelschen Sinne "aufhob", ist die Aufhebung seiner Konzeption heute abermals gefordert: Nicht daß sich der revolutionäre Prozeß selbst nicht weiter und mehr denn je als vernünftig zu bewähren hätte - doch zugleich gilt heute, daß die Koalition der Vernunft oder der Prozeß dorthin histori- sche Vernunft nicht für die Arbeiterklasse bzw. den Sozialismus allein zu reservieren hat - oder umgekehrt für bürgerliche Demo- kratien -, sondern unter dem Druck der neuen globalen Umstände auf Sieg der gemeinsamen Vernunft aller Klassen beider Systeme setzt. In neuer Weise praktisch tritt darin die gemeinsame Tradi- tion progressiven bürgerlichen und marxistischen Denkens zutage: Vernunft, meinte Hegel, löst den abstrakten Gegensatz in den le- bendigen Widerspruch auf, erfaßt die Dinge als widersprüchliches Ganzes. Und er notierte: "Das Wahre ist das Ganze" 3). Vernunft muß heute Verantwortung für das Ganze der Menschheit in den Mit- telpunkt des gemeinsamen Handelns rücken. In solcher Lage bestätigt sich die erstrangige Bedeutung dialek- tischen Vorgehens. Der Physiker Werner Heisenberg schrieb über Inventionen in der Wissenschaft: "...wirkliches Neuland (kann) wohl nur gewonnen werden, wenn man an einer entscheidenden Stelle bereit ist, den Grund zu verlassen, auf dem die bisherige Wissen- schaft ruht, und gewissermaßen ins Leere zu springen." 4) Marxi- stisch-leninistische Identität in der Kontinuität kann nur ge- wahrt werden, wenn wir uns auf tiefgreifenden Wandel auch in der Theorie einlassen, wenn die gewandelte Praxis oder eine neue Sicht auf die schon bekannte Praxis dazu Anlaß sind. Mit "wissenschaftlichem Kleinhandel" 5) ist da nichts zu bestellen. Jedoch - kontrapunktisch zu dieser Aussage und besonders zu der Hoffnung nicht weniger bürgerlicher Ideologen auf eine Selbstauf- gabe des Marxismus-Leninismus, auf Abstand von Klassenpositionen sei auf eine nicht weniger wichtige weitere Erfahrung Heisenbergs verwiesen: "Der Versuch, alles Bisherige aufzugeben und willkür- lich zu ändern, führt zu reinem Unsinn"! 6) Ich möchte diese Problematik auf zwei Feldern verdeutlichen und zur marxistisch-leninistischen Epochekonzeption sowie zur polit- ökonomischen Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus einige Bemer- kungen machen. 2. Epochekonzeption und Wettstreit der Systeme ---------------------------------------------- In früheren Dokumenten der kommunistischen Bewegung wurde unsere Epoche ohne relativierende Überlegungen als die des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus gekennzeichnet. Wie steht es um Kon- tinuität und Wandel in dieser Auffassung? E r s t e n s: V o m S t a n d p u n k t d e s l a n g e n h i s t o r i s c h e n P r o z e s s e s d e r F o r m a- t i o n s a b f o l g e überwiegt in der marxistisch-lenini- stischen Theorie, daß die Epoche weiterhin als die des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus angesehen wird. So wird sie z.B. in der Neufassung des Programms der KPdSU durch deren XXVII. Parteitag (1986) und auch in der DDR betrachtet. Historisch wird diese theoretische Bestimmung durch die Oktober- revolution 1917, durch die territoriale Ausbreitung des Sozialis- mus nach 1945, durch den nichtkapitalistischen Weg einer Reihe von Entwicklungsländern getragen. Theoretisch wurzelt die Erwartung sozialistischer Horizonte für die ganze Menschheit in großer Vielfalt heute noch nicht zu be- stimmender Formen in der Auffassung, daß bei Dominanz privatkapi- talistischer Eigentumsverhältnisse die davon geprägten Profitin- teressen unverträglich mit einem zunehmenden Vergesellschaftungs- prozeß werden und daher überwunden werden müssen. 7) Der am Be- ginn seiner Durchsetzung stehende neue, ausgeprägt wissenschaft- sintensive Produktivkrafttyp verlangt kategorisch, daß unter sei- nen neuen Existenzbedingungen der Mensch, daß die Persönlichkeit zum Maß aller Dinge wird und daß daher bestmögliche gesellschaft- liche Kompromisse zwischen den Interessen aller sozialen Kräfte gefunden werden. Alle Erfahrungen sprechen dagegen, daß das Kapi- talinteresse mit einem solchen Maß vereinbar ist, solange es im staatsmonopolistischen Kapitalismus zwar in erheblichem Maße staatlich vermittelt und auch relativiert wird, die Staatsaktivi- täten selbst aber überwiegend von monopolistischen Kapitalinter- essen geprägt werden. Die außerordentliche Herausforderung an den Sozialismus: Entfal- tung der Persönlichkeit und Individualität seiner Bürger in der Alltagsrealität in so eindrucksvoller, spürbarer Weise, daß im Spiegel sozialistischer Realität in kommenden Zeiten Schranken des Kapitalismus deutlicher bewußt werden, als sie der Mehrheit seiner Bevölkerung heute sind. Z w e i t e n s: V o m S t a n d p u n k t d e r f ü r l a n g e Z e i t v o r r a n g i g z u l ö s e n d e n A u f g a b e n der Menschheit jedoch ergibt sich eine tiefgrei- fende Veränderung in der marxistisch-leninistischen Epochekonzep- tion. D a s E r r e i c h e n e i n e s d a u e r h a f t e n W e l t f r i e d e n s - verbunden mit Abrüstung für Entwick- lung und mit allen progressiven Bewegungen für Demokratie und so- zialen Fortschritt - g e w i n n t a b s o l u t e P r i o- r i t ä t vor allen anderen Aufgaben. Es gilt, daß "die Friedenserhaltung schon aus wechselseitigem Eigeninteresse als eine dem Systemantagonismus übergeordnete Kategorie zu begreifen ist." 8) Und zugleich hat der Geschichtsverlauf in den letzten Jahrzehnten ursprüngliche kommunistische Vorstellungen von Tempo und Art und Weise des revolutionären Prozesses korrigiert: revo- lutionäre sozialistische Umwälzungen in kapitalistischen Indu- strieländern sind auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Die Lö- sung des Widerspruchs zwischen den konfrontativen Hauptträgern der Abschreckung und Hochrüstung und der friedensbedürftigen Menschheit gewinnt eindeutigen Vorrang vor allen anderen Aufga- ben. Das heißt, den "grundlegenden Sinn der Tätigkeit der ge- samten kommunistischen Bewegung auf neue Art zu bewerten." 9) Zugleich schließt das ein, die epocheprägenden Kräfte anders zu bestimmen als unter den Bedingungen einer Konzentration theoreti- scher und politischer Anstrengungen auf weitere Revolutionen. Na- türlich haben sich der Sozialismus, die Arbeiterbewegung in den kapitalistischen Ländern und die Völker der nationalbefreiten Staaten nach wie vor als tragende Kräfte der gesellschaftlichen Entwicklung zu bewähren; doch gehören zu diesen Kräften zugleich die demokratischen Massenbewegungen, die nicht auf sozialistische Veränderungen zielen. Und da alle epocheprägenden Prozesse im Wettstreit der Systeme verlaufen, nehmen natürlich auch friedens- orientierte und sozialem Fortschritt zugängige bürgerliche Kräfte auf den Verlauf von Fortschrittsprozessen in unserer Epoche erheblichen Einfluß. D r i t t e n s ist unter diesen Voraussetzungen die Frage neu zu durchdenken, auf welche Weise sich in unserer Epoche die Aus- einandersetzung der Systeme vollzieht und unter dem Druck der neuen Umstände künftig vollziehen muß. Eine unrealistische Sicht wäre die Vorstellung, daß der Klassen- inhalt dieser Auseinandersetzung angesichts des Hervortretens ge- samtmenschheitlicher System- und klassenübergreifender Interessen am Überleben der Menschheit weitgehend verschwinde oder daß al- lenfalls nach einer Periode der gemeinsamen Verfolgung dieser Menschheitsinteressen in einer späteren Periode der Klassenkampf wieder stärker hervortreten könne. Richtig scheint mir dagegen folgende Sicht: - Die notwendige gemeinsame Sicherheit als einzig möglicher Zu- gang zum Weltfrieden schließt die Anerkennung der Dominanz allge- meinmenschlicher oder gesamtmenschheitlicher Interessen an der kooperativen Lösung der menschheitsgefährdenden Globalprobleme gegenüber spezifischem Klasseninteresse ein. - Die Wirklichkeit ist aber so beschaffen, daß der Verwirklichung dieser allgemeinmenschlichen Interessen objektive und subjektive Faktoren entgegenstehen. Sie finden sich in beiden Systemen. Wahr ist, daß auf beiden Seiten erst ansteht, die Offensivstruktur der Bewaffnung auf hinlängliche Verteidigungsfähigkeit, auf struktu- relle Angriffsunfähigkeit umzustellen, daß beide Seiten hart daran zu arbeiten haben, die Ängste der anderen zu erfassen und das eigene Verhalten darauf einzustellen, daß auf beiden Seiten die Versuchung wirkt, gegnerische Handlungen zu eigenen unange- messenen Schritten zu verarbeiten und sich durch ein Feindbild vom anderen von Besonnenheit ablenken zu lassen. In theoretischen und strategiebildenden Positionsbestimmungen wurde in der Vergangenheit entsprechend der bisherigen Epocheauf- fassung die revolutionäre Lösung des Hauptwiderspruchs zwischen Kapitalismus und Sozialismus überwiegend als entscheidende Vor- aussetzung für weiteren globalen, wesentlichen sozialen Fort- schritt angesehen. Prof. Nikita V. Zagladin von der Akademie der Gesellschaftswissenschaften beim ZK der KPdSU sprach in diesem Zusammenhang von "einer fehlerhaft verstandenen Konzeption des gesellschaftlichen Fortschritts. Diese gründete sich auf eine Idee, ursprünglich bereits in den 20er Jahren von Stalin ausge- sprochen, derzufolge in der Welt zwei Lager bestehen, daß eines der Lager sich auf Kosten des anderen festigen wird und daß eben dies der Hauptweg des Fortschritts ist. ... Die Logik der Weltentwicklung stellt sich ganz einfach dar: Ein Land fällt me- chanisch von dem einen System ab und schließt sich dem anderen an. 10) Daraus folgte eine entsprechende Tendenz in der praktischen Ver- folgung der Konzeption der friedlichen Koexistenz: Diese bildete seit dem ersten außenpolitischen Aktionsprogramm der jungen So- wjetmacht, dem "Dekret über den Frieden" 11), die Grundlage der friedensorientierten sozialistischen Außenpolitik. M. Gorbatschow resümierte: "Die prinzipielle Linie unserer Politik hielt unbe- irrt an der generellen Richtung fest, die Lenin ausgearbeitet und gewiesen hat, d.h. sie stand stets im Einklang mit der Natur des Sozialismus, mit seiner prinzipiellen Orientierung auf Frieden." 12) Aber zugleich hemmte die der geschilderten Epocheauffassung eigene Fortschrittskonzeption lange Zeit eine genügend differen- zierte Analyse des Kapitalismus, behinderte die Kooperation "mit jenen Vertretern des bürgerlichen Lagers, die zum Pazifismus nei- gen" 13), erschwerte nach der Auffassung führender Wissenschaft- ler der Sowjetunion die dem Frieden zuträglichste Kombination von Zurückhaltung der UdSSR in manchen Konflikten im Bereich der Ent- wicklungsländer mit der Solidarität für ihre Unabhängigkeitsbewe- gung 14), und begünstigte eine Reihe militärpolitischer Entschei- dungen, die heute in der Sowjetunion kritisch betrachtet werden. 15) So wurde in der sowjetischen Außenpolitik "ihr Zurückbleiben hinter grundlegenden Veränderungen in der Welt zugelassen, und neue Möglichkeiten für eine Verringerung der Spannungen und eine bessere Verständigung der Völker wurden nicht in vollem Maße ge- nutzt." 16) Jedoch - und ich hebe das hervor: eine solche Einsicht rechtfer- tigt nicht eine gleiche Schuldzuweisung für Kriegsgefahr und Hochrüstung an beide Systeme. Ich halte für richtig, in der Kriegsursachen- und Bedrohungsanalyse bei aller Offenheit für notwendigen Wandel auf beiden Seiten eindeutig herauszuheben, daß vor allem anderen eine Ausprägung der Militär-Industrie-Komplexe in kapitalistischen Industrieländern, in denen das Profitinter- esse des monopolistischen Rüstungskapitals wirkt, den Weltfrieden gefährdet, w e n n diese objektive Basis durch die Wahl einer konfrontativen Politik und durch die gewollt oder ungewollt zu- nehmend friedensgefahrdende Abschreckungspolitik subjektiv zu do- minierender Geltung gebracht wird. Viele gefährliche Tatsachen vom Festhalten der USA an SDI bis zu den starken Bestrebungen in der NATO zur Kompensation oder Überkompensation des INF-Vertrages durch die Entwicklung neuer Kernwaffensysteme und quasikonventio- neller Waffen unter Nutzung der hochtechnologischen Überlegenheit des Westens stützen solche Sicht. Das aber bedeutet für unsere Frage nach dem Verhältnis von allge- meinmenschlichen Überlebensinteressen und Klassenkampf, daß der Kampf aller progressiven und realistischen Kräfte gegen die kon- frontative Fraktion des gegenwärtigen Kapitalismus notwendig ist, um das objektiv vorhandene gemeinsame Überlebensinteresse auch in das subjektive Bewußtsein der konservativen Kräfte zu heben und entsprechend realistisches Handeln in der Monopolbourgeoisie selbst und durch Regierungen kapitalistischer Länder zu fördern. Aber in diesem andauernden K a m p f der zunehmend differen- zierten Klassen und sozialen Bewegungen tritt mit ganz neuem Ge- wicht die S u c h e n a c h G e m e i n s a m k e i t e n m i t d e m G e g n e r für positive Antworten auf die glo- balen Menschheitsfragen hervor. Aus der Sicht selbst einer auf weitere revolutionäre Umwälzungen konzentrierten marxistisch-leninistischen Epochekonzeption war die Auffassung des Krieges als Mittel des Exports der Revolution stets ausgeschlossen. Doch wurde der Ost-West-Konflikt in einer solchen Weise als feindlicher Kampf der Systeme angesehen und ausgetragen, daß auch auf sozialistischer Seite verzerrte Feind- bilder das Handeln mitbestimmten und zu Realitätsverlusten, zu Abstrichen in der Kompromißfähigkeit bei der Verfolgung der Poli- tik der friedlichen Koexistenz führten. Tatsächlich ist der Wettstreit zwischen Sozialismus und Kapita- lismus ein Wettstreit antagonistischer Systeme, in dem auf beiden Seiten die Auffassung existiert, daß dem eigenen System die Zu- kunft gehört. Doch ist der Einschätzung zuzustimmen, die von kom- munistischer und sozialdemokratischer Seite gemeinsam formuliert wurde: "Ebensowenig gefährdet es nach übereinstimmender Einschät- zung Frieden und Sicherheit, wenn die Konfliktseiten an der Auf- fassung festhalten, die jeweils überlegene, höherwertige, der Be- stimmung des Menschen gemäßere Ordnung zu repräsentieren. Auch der Wunsch, das eigene Sozialsystem eines Tages weltweit verbrei- tet zu sehen, kollidiert nicht notwendig mit legitimen Sicher- heitsinteressen Dritter. Welcher der beiden Gesellschaftsentwürfe sich als der letztlich leistungsfähigere und deshalb für die Men- schen anziehendere herausstellen wird, ist eine Frage, deren Ent- scheidung der Zukunft überlassen werden kann." 17) Nach meiner Auffassung fehlt in der internationalen Politikwis- senschaft bisher eine Theorie des Wettstreits und der Wechselwir- kung der Systeme, die ausreichenden wissenschaftlichen Einfluß auf die politische Praxis dieses Wettstreits nehmen könnte. Doch hat die Friedensforschung bereits wichtige Elemente solcher Theo- rie hervorgebracht. Was könnten wichtige m e t h o d o l o- g i s c h e G r u n d l a g e n m a r x i s t i s c h - l e- n i n i s t i s c h e r T h e o r i e e n t w i c k l u n g ü b e r W e t t s t r e i t u n d W e c h s e l w i r k u n g d e r S y s t e m e sowie Systemvergleich sein? 1. Der Ausgangspunkt jeder realistischen Betrachtung des Wett- streits der Systeme sollte sein, daß sie für lange, nicht abseh- bare Zeit miteinander existieren werden. Für die theoretische Be- handlung und politische Orientierung des Wettstreits der Systeme kann das Primat nicht der Beseitigung des anderen Systems zukom- men, sondern in das Zentrum der Systemauseinandersetzung rückt, daß die Zukunftsträchtigkeit jedes der Systeme sich daran erwei- sen wird, welchen Beitrag es zur Lösung der globalen Mensch- heitsprobleme leistet. 2. Das Verbindende des sozialen Fortschritts in unserer Zeit ist, daß es auf jedem seiner Felder um elementare Bedingungen der Ent- faltung der Persönlichkeit des Menschen geht. Zugleich weist die- ses Gemeinsame auf den tiefsten Inhalt des sozialen Fortschritts und damit auf das eigentlich notwendige Maß im Wettstreit der Sy- steme und beim Vergleich der Systeme hin: auf die millionenfache Entfaltung der Persönlichkeit des Menschen. Damit gewinnt die praktische Realisierung der Menschenrechte im Wettstreit und beim Vergleich der Systeme größte Bedeutung - eine Herausforderung für beide Systeme. Sich darauf konstruktiv einzu- stellen, ist ein ganz eigenes Interesse des Sozialismus. Den Wettstreit der Systeme auf die Lösung der Globalprobleme zu konzentrieren und dies theoretisch widerzuspiegeln, führt also nicht von der inneren Ausgestaltung der Systeme weg. Im Gegen- teil: Statt einen großen Teil der eigenen Potenzen auf die Be- kämpfung des anderen Systems zu konzentrieren, ist eine Konzen- tration auf die innere Ausschöpfung der eigenen Systempotenzen erforderlich, weil die objektive Verknüpfung der inneren Gesell- schaftsentwicklung mit den Globalproblemen einen kooperativen Weg verlangt, der wiederum das Einbringen eigener Potenzen notwendig macht, um sich zu behaupten. Das Zusammenfallen der Umsetzung eines neuen, dem nuklearen Zeit- alter gemäßen außen-, sicherheits- und militärpolitischen Denkens in der Sowjetunion, der DDR und den anderen Staaten des War- schauer Vertrages in offizielle Staatspolitik - das in den ent- scheidenden NATO-Staaten noch aussteht - mit einer tiefgreifenden inneren Umgestaltung des Sozialismus ist ganz sicher kein Zufall. 3. Im Angesicht der widersprüchlichen Ganzheit der Menschheit müssen Theorie und Praxis des Systemwettstreits die dieser Lage gemäße Dialektik beachten. Sie schließt die antagonistische Aus- einandersetzung der Systeme und ihre Kooperation miteinander ein. Sie impliziert auch, Erfolge des anderen Systems bei der Lösung globaler Probleme durch eigene innere Entwicklungen als im eige- nen Interesse liegend zu betrachten und insofern die Position zu überwinden: "Je schlechter für den Gegner, desto besser für mich." 4. Ein weiteres methodologisches Grundprinzip ist eine dynamische Betrachtung des Wettstreits der Systeme. Dafür ist eine realisti- sche Analyse seines bisherigen Verlaufs und Standes notwendige Voraussetzung. Doch die Schwierigkeit für die Herausbildung einer Theorie des Wettstreits und der Wechselwirkung der Systeme be- steht darin, daß sich in beiden Systemen gegenwärtig Umbrüche und Wandlungen vollziehen oder bevorstehen. Eine konstruktive Behand- lung des Wettstreits der Systeme erfordert die Anerkennung der Reformoffenheit beider Systeme und das Ausloten real sich ab- zeichnender oder künftig möglicher Entwicklungstendenzen. 5. Der Wettstreit der Systeme kann nicht als die Auseinanderset- zung zwischen monolithischen Ganzheiten betrachtet werden, son- dern wir haben die wachsende Variantenvielfalt auf beiden Seiten in Rechnung zu setzen. 6. Eine Theorie des Wettstreits und der Wechselwirkung der Sy- steme darf auf keinen Fall auf die Beziehungen zwischen den kapi- talistischen und den sozialistischen Industrieländern reduziert werden. Für den kommenden Geschichtsabschnitt der Menschheit ge- winnt erstrangige Bedeutung, welche Wirkung Sozialismus und Kapi- talismus auf Abwendung oder Reproduktion der Unterentwicklung in den Entwicklungsländern haben, in denen im Jahre 2000 80 Prozent aller Menschen leben werden. Aber rein entscheidendes Kriterium dieser Wirkung ist zunehmend, wie solche Bedingungen begünstigt und gefördert werden können, unter denen die Entwicklungsländer selbst die Besonderheiten ihrer eigenen Existenzbedingungen in eigenen adäquaten Entwicklungsstrategien zur Geltung bringen. 7. Die dargestellte weiterentwickelte Epochenauffassung mit Blick auf sozialistische Menschheitshorizonte schließt einen weiteren methodologischen Zugang zum Wettstreit und zur Wechselwirkung der Systeme nachdrücklich ein: die Frage danach, welches die allge- meinen Grundstrukturen einer durch fortgeschrittene Vergesell- schaftungsprozesse geprägten komplexen Gesellschaft sind, die sich in spezifisch kapitalistischen oder spezifisch sozialisti- schen Formen durchsetzen. Die Unterscheidung zwischen allgemeinen Gesetzen mehrerer Gesellschaftsformationen und gesellschaftsspe- zifischen Entwicklungsgesetzen ist seit jeher Bestandteil marxi- stischer Betrachtung gesellschaftlicher Gesetze. Doch unter den Bedingungen erdumspannender, systemübergreifender Handlungszwänge und zwangsläufig intersystemaren Handelns ent- sprechend diesem Druck gewinnen diese allgemeinen Strukturen mo- derner komplexer Gesellschaften eine neuartige Bedeutung für die M ö g l i c h k e i t eines nun mehr kooperativen als feind- schaftlichen Wettstreits der Systeme. Diese Prozesse implizieren nicht Herausbildung einer Konvergenz der Systeme, wohl aber in vieler Hinsicht g l e i c h e H e r a u s f o r d e r u n g e n an die v e r s c h i e d e- n e, s y s t e m s p e z i f i s c h e A u s g e s t a l- t u n g von Basis und Überbau beider Systeme. Das birgt er- hebliche Chancen für einen kooperativen Wettstreit. 3. Neue Tendenzen in der marxistisch-leninistischen --------------------------------------------------- Kapitalismustheorie ------------------- Es gehört zu einem friedensorientierten Dialog, den Partnern die Entwicklung der eigenen theoretischen Meinungsbildung über das andere System deutlich zu machen - weil dies im Angesicht der en- gen Beziehungen von Theorie und Politik wichtig für die Berechen- barkeit dieser Politik ist. Kommunisten halten - wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten in der internationalen Diskussion - auch auf diesem Feld in wesent- lichen Fragen an der Kontinuität ihrer Theorie fest. Das Kapital ist auch heute das die Grundstruktur des gegenwärti- gen Kapitalismus bestimmende gesellschaftliche Verhältnis zwi- schen kapitalistischen Eigentümern der Produktionsmittel und Lohnarbeitern. Die Unternehmer eignen sich weiter Profit als ver- wandelte Form des Mehrwerts an. Das bedeutet Ausbeutung des Men- schen durch den Menschen mit elementaren Konsequenzen. Doch im Rahmen der Betonung solcher Grundpositionen marxistisch- leninistischer Kapitalismuskritik geht es andererseits um die Verdeutlichung wichtiger Tendenzen des Wandels in der Kapitalis- mustheorie. Zunächst: Die realistische Position, daß beide Gesellschaftssy- steme lange Zeit miteinander koexistieren werden, schließt in der marxistischen politischen Ökonomie eine w e s e n t l i c h e V e r ä n d e r u n g i h r e s m e t h o d o l o g i s c h e n H e r a n g e h e n s an die eigene weitere Theorieentwicklung ein. Natürlich sind Kommunisten stets auch für Reformschritte im Rahmen des Kapitalismus eingetreten, um die Lage der Lohnabhängi- gen zu verbessern. War jedoch früher mit Blick auf die Begründung der Notwendigkeit der Revolution die Frage für die marxistische politische Ökonomie vorrangig, welche Grenzen die ökonomischen Gesetze des Kapitalismus der gesellschaftlichen Entwicklung set- zen, so wird jetzt eine D o p p e l s t r u k t u r d e s m e t h o d o l o g i s c h e n H e r a n g e h e n s a n d a s W i r k e n d e r o b j e k t i v e n ö k o n o m i- s c h e n G e s e t z e d e s K a p i t a l i s m u s zur dringlichen Notwendigkeit mit praktischen politischen Konsequen- zen: Zu erforschen sind mit ernstem Interesse an ihrer Ausweitung die M ö g l i c h k e i t e n d e s K a p i t a l i s m u s für e i n e f r i e d e n s f ä h i g e und zumindest Teil- lösungen auch anderer globaler Probleme einschließende V a r i- a n t e s t a a t s m o n o p o l i s t i s c h e r E n t- w i c k l u n g - und zugleich müssen im Unterschied zu tradi- tionellen, integrationistisch-reformistischen Positionen jene (nicht statisch aufzufassenden) G r e n z e n d e s K a p i- t a l i s m u s benannt werden, deren Überwindung auch im Rahmen einer solchen friedens- und reformfähigen Variante gegenwärtig nicht absehbar ist und die deshalb progressive gesellschaftliche Kräfte auf den Plan rufen, die auf weitergehende demokratische Umwälzungen zielen. Mit diesem methodologischen Wandel hängen veränderte Akzente bei der Analyse der ökonomischen Gesetze des Kapitalismus zusammen. Wir definieren die ökonomischen Gesetze als wesentliche, notwen- dige, objektive und relativ stabile Zusammenhänge in den Produk- tionsverhältnissen in deren Wechselwirkung mit den Produktions- verhältnissen. Sie sind eine Einheit objektiver ökonomischer Handlungszwänge und des subjektiven Handelns der Wirtschaftssub- jekte. Denn gesellschaftliche Handlungszwänge setzen sich nicht anders als in Gestalt des massenhaften subjektiven Handelns der Menschen durch. Die Wirkungsbedingungen der ökonomischen und an- derer gesellschaftlicher Gesetze und der subjektive Faktor ihrer Durchsetzung ändern sich nun aber unter den charakterisierten neuen Existenzbedingungen der Menschheit gravierend. Zu beachten sind u.a. - der Druck der Globalprobleme auf ein neues ökonomisches und po- litisches Handeln aller Klassen beider Systeme, - die Erfordernisse des neuen Produktivkrafttyps, - die zunehmende wechselseitige Beeinflussung der eigenen Exi- stenzbedingungen durch das jeweils andere System, - die Entwicklung der neuen sozialen Massenbewegungen und die Be- wegung der Nichtpaktgebundenen, - die veränderten Bedingungen der Kapitalverwertung durch alle diese und andere Umstände. Aus dem Marxschen Verständnis der Gesetze gesellschaftlicher Ent- wicklung als Einheit objektiver Handlungszwänge und subjektiven Handelns, aus den neuen Bedingungen dieses Handelns und aus dem entschieden gewachsenen Gewicht des subjektiven Faktors ein- schließlich der Politik in der Gegenwart folgt, daß das Wirken einundderselben ökonomischen Gesetze des Kapitalismus mehr denn je eine V a r i a n t e n v i e l f a l t k a p i t a l i- s t i s c h e r E n t w i c k l u n g einschließt. In solchen kapitalistischen Industrieländern wie der BRD folgt daraus für die kommunistische Bewegung, daß sie für einen konse- quenten Übergang von einer noch in vieler Hinsicht konfrontativen und innenpolitisch stark konservativen Variante des staatsmonopo- listischen Kapitalismus zu einer friedens- und reformoffenen Va- riante eintritt. Was spricht für die Möglichkeit, die militärische Aggressivität des gegenwärtigen Kapitalismus so zurückzudrängen, daß ein dauer- hafter Weltfriede in Gestalt friedlicher, kooperativer Koexistenz möglich wird? E r s t e n s ist es der Umstand, daß ein neuer großer Krieg auch das Ende der Monopolbourgeoisie und damit jeder Möglichkeit der Verfolgung ihrer Klassenziele wäre. Das ist der Boden für re- alistische Friedenspolitik auch konservativer Kräfte und kapita- listischer Regierungen. Z w e i t e n s: Während bisher selbst in Weltkriegen eine kräf- tige Entwicklung der Produktivkräfte erfolgte und im globalen Maßstab die Reproduktion des ökologischen Gleichgewichts im Selbstlauf stattfand, erforderte der neue, überaus wissenschaft- sintensive Produktivkrafttyp zwingend friedensorientierte (durch Abrüstung einzulösende), umweltschützende und besonders für die Entwicklungsländer lebensrettende globale ökonomische Proportio- nen. Dieser Produktivkrafttyp setzt durch seine Fortschritts- und Vernichtungspotenzen die Alternative: Untergang der Menschheit oder kooperative, friedliche Koexistenz bei der Lösung der glo- balen Probleme. D r i t t e n s: Die Kapitalbewegung reagiert jedoch nicht un- vermittelt und nicht allein kraft Einsicht ihrer Repräsentanten auf objektive Erfordernisse der Produktivkraftentwicklung. Im Rahmen des Kapitalismus wirken der K l a s s e n k a m p f der Arbeiterbewegung, der Gewerkschaften besonders, und die Verbin- dung dieses Kampfes mit den Friedens-, Öko-, Drittewelt-, Frauen-, Jugend- und Wissenschaftlerbewegungen, mit denen der Kulturschaffenden sowie mit dem Friedensengagement der Nichtpakt- gebundenen auf die D u r c h s e t z u n g a l l g e m e i- n e r M e n s c h h e i t s i n t e r e s s e n hin. Diese pro- gressiven Bewegungen bringen den Druck der neuen objektiven Existenzbedingungen der Menschheit zur Geltung und fördern Vernunft und Realismus auch in der Monopolbourgeoisie und in der Regierungspraxis vieler kapitalistischer Staaten. V i e r t e n s: Könnte jedoch die so geförderte Friedensfähig- keit des Kapitalismus zu einem dauerhaften Weltfrieden beitragen, wenn sie dem Kapitalismus gegen sein gesamtes innerstes Wesen aufgezwungen werden müßte? Ganz sicher nicht. Die veränderten Verwertungsbedingungen führen dazu, daß zwar die i n d e r ö k o n o m i s c h e n S t r u k t u r des gegen- wärtigen Kapitalismus a n g e l e g t e T e n d e n z z u m i l i t ä r i s c h e r A g g r e s s i v i t ä t solange fortwirkt, wie eine entsprechende Politik noch verfolgt wird, daß aber e b e n f a l l s i n d e n ö k o n o m i s c h e n G e s e t z e n a n g e l e g t e T e n d e n z e n i n d e r R i c h t u n g e i n e s f r i e d e n s o r i e n t i e r- t e n K a p i t a l i s m u s an Gewicht gewinnen können: Die neuen Dimensionen der Rüstung belasten die Profite der absoluten Mehrheit der kapitalistischen Unternehmen - durch die Dämpfung der Massenkaufkraft, durch Wachstumsverluste im Ergebnis militä- rischer Geheimhaltung und geringen Effekts militärischer Extrem- technologien für das zivile Wachstum, durch eine Umweltbelastung, die die Nachfolgekosten hochtreibt, durch weltwirtschaftliche Turbulenzen nicht zuletzt im Gefolge von rüstungsbedingten Haus- haltsdefiziten. Anders ausgedrückt: unter den gegenwärtigen Be- dingungen schließen das Wirken des Profitgesetzes im Bereich der zivilen Produktion und das in das Gesetz des staatsmonopolistisch regulierten Monopolprofits eingebundene Interesse zu langfristig möglichst stabilen Reproduktionsbedingungen für das Gesamtkapital die Friedensfähigkeit des Kapitalismus ein. F ü n f t e n s erfordert jedoch die Einschätzung der Friedens- fähigkeit des Kapitalismus eine aus eurozentristischen Betrach- tungen heraustretende, in erheblichem Maße erst noch zu leistende Analyse der differenzierten Haltungen der Bourgeoisie und ihrer Handlungsbedingungen in den überwiegend auf kapitalistische Ent- wicklung ausgerichteten Entwicklungsländern: Wie ist dort das Verhältnis der Bourgeoisie zu militärischer Gewalt? Innenpoli- tisch hat bei meist fehlenden demokratischen Traditionen und großen sozialen Problemen die Gewalt als Mittel gesicherter Durchsetzung kapitalistischer Verhältnisse großes Gewicht. Die besonders dramatische Verschärfung solcher globaler Probleme wie auf dem Gebiet der Ernährung, der Umwelt, des Bevölkerungs- wachstums, der Beschäftigung, der Urbanisierung gerade in den Entwicklungsländern führt allerdings dazu, daß die einheimische Bourgeoisie dringlich Frieden zur Entwicklung und Festigung ihrer Machtpositionen braucht. Abrüstung für Entwicklung ist das auch subjektiv erkannte Interesse der überwiegenden Mehrheit der Ent- wicklungsländer auf kapitalistischem Wege, wie sich in der Bewe- gung der Nichtpaktgebundenen zeigt. S e c h s t e n s ist die größte Chance für einen Übergang von dem heute in entscheidenden kapitalistischen Industrieländern von einflußreichen Kräften verfolgten konfrontativen Kurs zur prakti- schen Realisierung der Friedensfähigkeit des Kapitalismus in der Außen-, Sicherheits- und Militärpolitik die friedensstiftende Wirkung des Sozialismus. Die defensive Militärdoktrin der Staaten des Warschauer Vertrages, ihr umfassendes nukleares und konven- tionelles Abrüstungsprogramm, die kompromißbereite, auf Vertrau- ensbildung orientierte Politik der Sowjetunion z.B. bei der Her- beiführung des INF-Vertrages bei gleichzeitiger Sicherung der mi- litärstrategischen Parität geben den friedensfähigen Kräften in der kapitalistischen Welt genügend Spielraum und Anlaß zu ver- nünftiger Abkehr von der Politik der Stärke. Eine solche Sicht auf die prinzipielle Friedensfähigkeit wird verbaut, wenn wir ohne näheres Bedenken weiter pauschal vom ag- gressiven Wesen des Imperialismus sprächen. Das Wesen des Impe- rialismus, "der Kern der ganzen Sache", ist das Monopol. Lange Zeit dominierte in unserem Jahrhundert die mit ihm verbundene Tendenz zu militärischer Aggressivität, und noch heute ist die Menschheit in ihrer Existenz durch eine Hochrüstung bedroht, zu der die Staaten des Warschauer Vertrages bei Beachtung westlicher Sicherheitsinteressen in grundsätzlicher Übereinstimmung mit so- zialdemokratischen und anderen Kräften eine realistische Alterna- tive anbieten. Doch in der Gegenwart reifen Bedingungen heran, unter denen die Expansionstendenzen des heutigen Kapitalismus auf nichtmilitärische Formen beschränkt werden könnten. Zu betonen ist die Dialektik von Basis und Überbau, die große Be- deutung für das Verständnis der realen und möglichen Varianten- vielfalt und Differenziertheit des Kapitalismus im Ergebnis der Wirkungen des politischen Überbaus, des Einflusses von wandelba- ren Kräfteverhältnissen der verschiedenen gesellschaftlichen Klassen und Gruppen, der veränderlichen Strategien des jeweils dominierenden Flügels der herrschenden Klasse, der nationalen Traditionen usw. hat. Der einzige Ausweg aus der Nichtperspektive einer globalen Kata- strophe ist i m Kapitalismus die Zurückdrängung der Krisen und Gebrechen des Systems durch eine von einem starken Druck der Lin- ken vorangetriebene demokratische Reformalternative, die alle im Rahmen des Kapitalismus möglichen progressiven Potentiale durch eine unaufhörliche Stärkung der von Reformbewegungen und Reform- bündnissen getragenen Demokratie radikal gegen die konservativen Kräfte zur Geltung bringt und gerade durch diese Entwicklung im Rahmen des Kapitalismus eine Evolution erreicht, die die Tiefe revolutionärer Veränderungen gewinnt. Reformfragen sind und blei- ben Machtfragen. Gerade die von der Arbeiterklasse im Bündnis mit allen anderen Fortschrittskräften getragene Zurückdrängung von Niedergangsprozessen könnte Wege eröffnen, die über den Kapita- lismus hinausweisen. Im Angesicht der Wechselwirkung der Systeme ist eine solche pro- gressive Entwicklung nur vorstellbar, wenn den konservativen Kräften jede Chance genommen wird, durch Berufung auf wesentliche Defizite im Sozialismus einem wachsenden Einfluß der linken Re- formkräfte entgegenzuwirken. Das verweist auf den engen Zusammen- hang von friedensorientierter internationaler Wirkung des Sozia- lismus und seiner inneren Ausgestaltung. Jedenfalls ist marxistisch-leninistische Friedensforschung nicht getrennt von der weiteren Ausarbeitung einer zeitgemäßen Sozia- lismustheorie mit Blick auf den Übergang in das kommende Jahrhun- dert zu betreiben, weil die innere Gestaltung des Sozialismus wie die des Kapitalismus entscheidend durch die Notwendigkeit über- zeugender Beiträge zu kooperativer friedlicher Lösung der Global- probleme bestimmt wird, weil äußerer und innerer Dialog nicht voneinander zu trennen sind. Dieser Dialog, eingeschlossen das Einbringen gegensätzlicher Ent- würfe, sollte in Grundfragen der Friedenssicherung auf Konsens zielen und für offene Probleme intellektuelles Lösungspotential durch neue theoretische Erkenntnisse vergrößern. Er sollte Frie- denspolitik durch Friedenswissenschaft fördern. "Für die Politik Schönes zu ersinnen", so Demokrit, "ist die Gabe eines göttlichen Geistes". Friedensforschung sollte diese Geistesgabe kräftig und realistisch praktizieren. _____ 1) Wolfgang Richter, Zur Vertrauens-Vernunftproblematik, unver- öff. Manuskript, Berlin/DDR 1988. 2) Karl Marx, Zu den Ereignissen in Nordamerika, in: MEW, Bd. 15, S. 552. 3) G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Hamburg 1952, S. 21. 4) Aus: "Wissenschaft im Zitat", Leipzig 1987, S. 24. 5) Friedrich Engels, Dialektik der Natur. Notizen und Fragmente, in: MEW, Bd. 20, S. 482. 6) Wissenschaft im Zitat, a.a.O., S. 22. 7) Karl Marx, Das Kapital, Bd. I, in: MEW, Bd. 23, Berlin/DDR 1982, S. 790/791. 8) Gemeinsame Sicherheit und friedliche Koexistenz. Ein Report des IFSH und des IPW über ihre wissenschaftliche Diskussion, Ber- lin/DDR, 1988, S. 22. 9) Juri Andropow, Rede auf dem Plenum des Zentralkomitees der KPdSU, 15. Juni 1983, in: Ausgewählte Schriften und Reden. Ber- lin/DDR 1983, S. 334. 10) Perestroika, Außenpolitik und XIX. Parteikonferenz (Diskus- sion von Vertretern dieser Zeitschrift und der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der KPdSU), in: Mezduna- rodnaja Zizn, Moskau Nr. 6/1988, S. 14. 11) W.I. Lenin, Werke, Bd. 26, Berlin/DDR, S. 239f. 12) Michail Gorbatschow, Der Oktober und die Umgestaltung: Die Revolution wird fortgesetzt, Neues Deutschland, Berlin/DDR, 3. 11. 1987, S. 6. 13) W.I. Lenin, Werke, Bd. 22, S. 250. 14) Siehe O.G. Obickin, in: Perestroika, Außenpolitik und XIX. Parteikonferenz, a.a.O., S. 14/15. 15) siehe ebenda. 16) Thesen des Zentralkomitees der KPdSU zur XIX. Unionspartei- konferenz, a.a.O., S. 10. 17) Gemeinsame Sicherheit und friedliche Koexistenz. Ein Report des IFSH und des IPW ..., a.a.O., S. 23. zurück