Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989
zurück
DAS NEUE DENKEN: DER INTERNATIONALE UND DER INNERE ASPEKT
Juri Krassin
"Das neue politische Denken" - dieser Begriff ist in den letzten
Jahren fest in den Sprachgebrauch der internationalen Politik
eingegangen. Er wird von Politikern, Diplomaten und Wissenschaft-
lern häufig verwendet. Dabei wird aber dieser Begriff bei weitem
nicht einheitlich und eindeutig definiert. Einige fassen seinen
Inhalt sehr eng und begrenzen den Anwendungsbereich des neuen
Denkens nur auf die i n t e r n a t i o n a l e n B e z i e-
h u n g e n; andere dagegen definieren ihn sehr breit und
identifizieren ihn mit der G e s a m t h e i t der Analysen und
Einschätzungen, die der gegenwärtigen, sich dynamisch verän-
dernden Welt entsprechen, und mit dem daraus resultierenden Neuen
in der Politik.
I
Deutlich wird, daß dieses Thema einer tiefgehenden Erörterung be-
darf. Die in diesem Artikel angestellten Überlegungen beziehen
sich auf diejenigen Aspekte des neuen politischen Denkens, die
mit den in der Sowjetunion stattfindenden Veränderungen verbunden
sind und als "Perestroika" (Umgestaltung) bezeichnet werden.
Das politische Bewußtsein ist ein untrennbarer Bestandteil des
gesellschaftlichen Bewußtseins, von dem es der ökonomischen Basis
der Gesellschaft am nächsten steht. Es drückt die im System der
Basisbeziehungen sich herausbildenden Interessen von Klassen und
sozialen Gruppen in konzentrierter Form aus. Das politische Be-
wußtsein setzt diese Interessen in die Machtverhältnisse um, d.h.
in das Verhältnis von Klassen und gesellschaftlichen Kräften zur
Aufteilung und Ausübung der Staatsmacht, was den Grad des realen
Einflusses jeder Klasse auf das gesellschaftliche Leben bestimmt.
Das politische Denken ist eine Funktion des politischen Bewußts-
eins, die in der Erkenntnis der politischen Realitäten, der Be-
stimmung von Zielen und Mitteln der Politik und der Ausarbeitung
einer Linie des politischen Handelns von Klassen, Parteien und
des Staates besteht. Es ist verständlich, daß das politische Den-
ken, da es mit Klasseninteressen zu tun hat, einen Klassencharak-
ter hat. Hinter jeder politischen Theorie und Auffassung stehen
immer vollkommen konkrete klassenmäßige und nationalstaatliche
Interessen. Deshalb besteht das marxistische Grundprinzip des po-
litischen Denkens darin, herauszufinden, welche konkreten Klas-
seninteressen die Politik der einen oder der anderen Partei oder
des Staates bestimmen.
Das Prinzip der klassenmäßigen Herangehensweise an das politische
Denken behält seine Bedeutung auch heute. In diesem Bereich haben
sich aber wesentliche Veränderungen vollzogen: sie wurden dadurch
hervorgerufen, daß die Menschheit eine Stufe ihrer Entwicklung
erreicht hat, von deren Höhe die für alle Menschen gemeinsame Ge-
fahr erkennbar wurde. Das nuklearkosmische Zeitalter brachte die
Gefahr des Untergangs der Gattung Mensch mit sich. Daraus ergibt
sich die unbestreitbare Schlußfolgerung: Die Erhaltung der Zivi-
lisation ist eine notwendige Voraussetzung für die Lösung jegli-
cher nationalen, staatlichen und klassenbezogenen Aufgabe. In der
Politik entstand das Bedürfnis, in allgemeinmenschlichen Katego-
rien zu denken, die das allen Menschen gemeinsame Überlebensin-
teresse ausdrücken. Dieses allgemeinmenschliche Interesse ist
nicht weniger real als diejenigen Klasseninteressen, die sich im
System der Basisbeziehungen herausbilden.
Ungeachtet der tiefen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern
und Klassen sind allgemeine Interessen der Menschheit auch in be-
zug auf die anderen globalen Probleme festzustellen. Nehmen wir
z.B. das Problem der Ökologie. Die beschleunigte Zerstörung der
Umwelt birgt, wie auch die nukleare Gefahr, das Risiko der Unter-
grabung der Grundlagen menschlichen Daseins in sich.
Das gleiche kann man zum Problem der "dritten Welt" sagen. Die
Diskrepanz zwischen den hochentwickelten und den Entwicklungslän-
dern darf sich nicht endlos vergrößern. Die sich heute herausbil-
dende Situation bedroht die gesamte Zivilisation mit krisenhaften
Erschütterungen. Immer deutlicher wird das Bedürfnis nach einer
neuen Weltwirtschaftsordnung, nach der Reorganisation der inter-
nationalen Wirtschaftsbeziehungen. Und das soll und darf nicht
erst in der zukünftigen klassenlosen Gesellschaft erreicht wer-
den, sondern schon heute, bei der Existenz von unterschiedlichen
Gesellschaftssystemen und scharfen Klassenwidersprüchen.
Die sich derzeit vollziehende wissenschaftlich-technische Revolu-
tion ist ihrem Charakter nach global. Sie ist eine Revolution im
Bereich der Produktivkräfte der gesamten, wenn auch in gegensätz-
liche Gesellschaftssysteme geteilten Weltgemeinschaft. In der Tä-
tigkeit der transnationalen Korporationen findet, wenn auch in
einer einseitigen und antagonistischen Form, das herangereifte
Bedürfnis nach einem weltweiten Regulierungsmechanismus für die
Produktivkräfte seinen Ausdruck. Dies betrifft sowohl die
hochentwickelten kapitalistischen Länder als auch die sozialisti-
schen und die Entwicklungsländer. Das Fehlen eines solchen Mecha-
nismus führt zu krisenhaften Erscheinungen bei der Entwicklung
der gesamten modernen Zivilisation. Der Ausweg besteht daher
nicht in der Abwendung vom Industrialismus und der Rückkehr zur
vorindustriellen Gesellschaft, sondern in der bewußten Regulie-
rung der internationalen politischen und wirtschaftlichen Ord-
nung.
Kurzum, alles spricht dafür, daß am Ende des 20. Jahrhunderts
eine in vielen wechselseitigen Abhängigkeiten zusammengehörige
und ganzheitliche Welt real existiert. Vielfalt und Widersprüch-
lichkeit dieser Welt sind bei weitem nicht verschwunden und wer-
den auch in der absehbaren Zukunft nicht verschwinden. Die gegen-
einander kämpfenden Klassen und die gegensätzlichen Gesell-
schaftssysteme sind geblieben, ebenso ihre besonderen Interessen,
jedoch im Rahmen einer ganzheitlichen Zivilisation. Dies ist eine
spezifische Veranschaulichung des Gesetzes der Dialektik über die
Einheit der Gegensätze. Nationen, Staaten, Klassen sind Teile ei-
ner Ganzheit und entwickeln sich nicht in einer mechanischen Ge-
geneinanderstellung, sondern im Rahmen einer Weltgemeinschaft,
die immer mehr internationalisiert wird und vor die imperativen
Herausforderungen der Zeit gestellt ist. Alle gesellschaftlichen
Kräfte, auch die gegensätzlichen, sind gezwungen, bei der Suche
nach Antworten auf diese Anforderungen zusammenzuwirken.
Die widersprüchliche Ganzheitlichkeit der Welt ist die Grundlage
des neuen politischen Denkens, die die Priorität der allgemein-
menschlichen Werte vor den klassenmäßigen und nationalstaatlichen
Werten setzt. Die Erkenntnis dieser Priorität und ihre Aufnahme
zum Grundprinzip der Politik schafft die Möglichkeit für das Zu-
sammenwirken von gegensätzlichen gesellschaftlichen Kräften bei
der Lösung der unaufschiebbaren Probleme der Existenz der Zivili-
sation. Dieses Zusammenwirken wird nicht durch die Absage an
klassenmäßige und nationale Interessen erreicht, sondern durch
Kompromisse, die es ermöglichen, den schwierigen Konsensus zu er-
zielen.
Das neue Denken ist durch die Logik der internationalen Beziehun-
gen determiniert. Es projiziert sich aber auch auf die innere
Entwicklung jedes Landes, jedes Staates, weil auch die interna-
tionalen Beziehungen in dieser oder jener Form mit dem nationalen
Bereich verbunden sind oder auf der nationalen Ebene reproduziert
werden. So wird z.B. der dem Kapitalismus eigene Widerspruch zwi-
schen der Arbeit und dem Kapital durch die Internationalisierung
der kapitalistischen Produktion beeinflußt, und die aktive Tätig-
keit der transnationalen Korporationen trägt diesen Widerspruch
über die nationalen Grenzen hinweg.
Das neue Denken mit seinen allgemeinmenschlichen Prioritäten
durchdringt das klassenmäßige und das nationale Bewußtsein. Es
führt zu komplizierten Fragen über das Verhältnis des Allgemein-
menschlichen zum Klassenmäßigen, es erfordert eine kritische
Überprüfung der traditionellen Stereotypen des politischen Be-
wußtseins und des Verhaltens.
Die Prinzipien des neuen Denkens sind dem Marxismus als einer
Ideologie des realen Humanismus verwandt, die sich die humanisti-
schen Ideale der Epoche der Renaissance und der ersten bürgerli-
chen Revolutionen zu eigen gemacht hat. Marx und Engels begannen
die Ausarbeitung ihrer Theorie mit der Betrachtung des Menschen,
der Ursachen seiner Entfremdung. Ihre Arbeit führte sie aufklare
Klassenpositionen. Durch die Formulierung des Mehrwertbegriffes
haben die Begründer des Marxismus das Geheimnis der kapitalisti-
schen Ausbeutung enthüllt und die welthistorische Rolle der Ar-
beiterklasse als Befreierin der Gesellschaft von sozialer Unter-
drückung begründet.
Das Klassenmäßige und das Allgemeinmenschliche sind zwei untrenn-
bar miteinander verbundene Seiten des Marxismus, der die Arbei-
terklasse bekanntlich auf die Lösung der allgemeinmenschlichen
Aufgabe der Befreiung der gesamten Gesellschaft von den Fesseln
der Ausbeutung orientiert.
Das neue Denken ist aber mit dem Marxismus nicht vollkommen iden-
tisch. Es baut auf den gemeinsamen Interessen von verschiedenar-
tigen sozialen und politischen Kräften auf, die unterschiedliche
und sogar gegensätzliche ideologische Auffassungen haben können.
Die wichtigste Voraussetzung für seine Entfaltung besteht in der
realistischen Einschätzung der gegenwärtigen einmaligen Situa-
tion, die die antagonistischen Klassen und gegensätzlichen Ge-
sellschaftssysteme vor die Notwendigkeit stellt, gemeinsam zu
handeln, um zu überleben.
Es ist kennzeichnend, daß die ersten Keime des neuen Denkens
nicht in der Arbeiterbewegung, sondern unter den Vertretern der
humanistischen Intelligenz entstanden sind, die früher als andere
die Gefahren des nuklearen Zeitalters erkannt haben.
Der von dogmatischen und sektiererischen Wucherungen befreite
Marxismus tritt infolge seiner humanistischen Natur als ein Kata-
lysator des neuen politischen Denkens auf, aber er unterwirft es
sich keinesfalls. Die allgemeinmenschlichen Grundlagen des neuen
Denkens machen es auch für andere ideologische Strömungen, die
sehr weit vom Marxismus entfernt sind oder ihm sogar entgegen
stehen, attraktiv. Das neue Denken ist eine offene Tür zum Dialog
aller unterschiedlich Denkenden, die aber die Ausarbeitung einer
gemeinsamen Zielrichtung für die Herausführung der Zivilisation
aus einer krisenhaften Situation anstreben, die aller Existenz in
Frage stellt.
II
Das neue Denken verändert die Vorstellungen über die internatio-
nale Sicherheit. Für die Gewährleistung einer stabilen Friedens-
garantie ist es heute nicht mehr ausreichend, sich von den natio-
nalstaatlichen Interessen nur eines Landes oder einer Gruppe von
Ländern leiten zu lassen. Man braucht eine Kooperation und An-
strengungen von allen Staaten, groß oder klein, ohne Ausnahme,
unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Ordnung.
Die nationalstaatlichen Interessen hören nicht auf zu existieren,
aber in Fragen der Sicherheit verliert es jeden Sinn, sie dem ge-
meinsamen Interesse der Weltgemeinschaft gegenüberzustellen. Denn
eine Verletzung der Stabilität im System der internationalen Be-
ziehungen - und sei es bei nur einem einzigen ihrer Kettenglieder
- kann heute zu einer weltweiten Katastrophe führen, von der es
für niemanden eine Rettung geben wird. Es vollzieht sich ein
Wechsel der Paradigmen der Sicherheitspolitik. Früher bauten die
nationalen Staaten ihre Sicherheit auf der Sorge für ihre eigene
Sicherheit und die Sicherheit ihrer Verbündeten auf. Die Festi-
gung der eigenen Sicherheit heute regt an, über die Sicherheit
des potentiellen Gegners im gleichen Maße wie auch über die ei-
gene nachzudenken. Die Sicherheit aller ist heute zu einem ge-
meinsamen Bündel geknotet.
Der kategorische Imperativ von Kant: Behandle andere so, wie Du
von ihnen selbst behandelt werden willst, - gewinnt zum ersten
Mal im Bereich der internationalen Beziehungen an realer Bedeu-
tung. Die Interessen der nationalen Sicherheit der USA erfordern
von ihnen, in gleichem Maße die Sicherheitsinteressen der UdSSR
zu berücksichtigen, und umgekehrt: die UdSSR ist, bei aller Ge-
gensätzlichkeit der Gesellschaftssysteme, an der Sicherheit der
USA interessiert. Eine Sicherheitsgarantie für die Länder Westeu-
ropas ist unmöglich, wenn die Sicherheit der Länder Osteuropas
nicht gewährleistet ist, und umgekehrt.
Die Menschheit wird nur dann überleben können, wenn sie es schaf-
fen wird, von einem Sicherheitssystem, das in einer unstabilen,
sich ständig verändernden und dadurch konfliktreichen Welt auf
dem Gleichgewicht der Kräfte aufgebaut ist, zu einem System der
allgemeinen Sicherheit überzugehen, das auf dem Prinzip der Be-
rücksichtigung und der Würdigung der Sicherheitsinteressen aller
Staaten basiert. Solch ein Übergang ist nicht lediglich ein guter
Wunsch, ein Appell an die Prinzipien der höheren Gerechtigkeit
oder an die demokratischen Normen des Völkerrechts, sondern ein
objektives Bedürfnis der Weltentwicklung. Dank eben dieses Um-
stands gewinnen im Bereich der internationalen Politik die Moral
und das Recht immer mehr an realer Bedeutung. Diese wurden früher
nur für die Rechtfertigung und Verschleierung von egoistischen
nationalstaatlichen Interessen verwendet. Sie veränderten ihren
Ausdruck jedes Mal bei einer Wende in der nationalen Politik des
einen oder des anderen Staates.
Das traditionelle System der internationalen Sicherheit basierte
auf dem Prinzip des Anwachsens von militärischer Gewalt. Dies
fand seinen Ausdruck in dem bekannten Aphorismus: Wenn du Frieden
willst, bereite dich auf den Krieg vor. Auch heute noch sind
viele Politiker nicht dazu bereit, sich von der Politik der Ge-
walt abzuwenden, und legen große Hoffnungen auf deren
"wundervollbringende" Möglichkeiten. Das ist aber eine veraltete
Politik, die das Wettrüsten anpeitscht, die Spannung verstärkt
und die Gefahr einer militärischen Konfrontation zwischen den
Staaten vergrößert.
Nicht leicht verläuft der Erkenntnisprozeß, daß allgemeine Si-
cherheit keine Gewalt, sondern mehr Vertrauen braucht, um das
Streben nach Absage an Konfrontation und an eine Politik der Ge-
walt stimulieren und durch erreichte Ergebnisse neue Impulse da-
für erhalten zu können. Dieses Vertrauen erfordert, die Streit-
kräfte von Staaten bis auf ein solches Niveau der vernünftigen
Effizienz zu reduzieren, das ihre Anwendungsmöglichkeit für alle
anderen Zwecke als für die Verteidigung völlig ausschließen
würde. Das kann man nicht auf dem Wege des Wettrüstens, sondern
nur durch Abrüstung erreichen - im Bereich der nuklearen Waffen
ebenso wie bei konventionellen Rüstungen und Streitkräften. Die
Vorschläge der sozialistischen Staaten für diesen Bereich liegen
schon seit langem auf dem Verhandlungstisch.
Es entsteht aber eine prinzipielle Frage: Ist denn das Voran-
schreiten auf dem Wege der Abrüstung real möglich? Die Marxisten
haben doch ständig behauptet, daß dem Imperialismus aggressive
Tendenzen eigen sind. Auf dem Boden des kapitalistischen Systems
erwächst doch der Militärisch-industrielle Komplex - die Haupt-
quelle der Kriegsgefahr.
Der Kapitalismus existiert aber nicht in einem sozialen Vakuum,
sondern in einem sich ständig internationalisierenden Umfeld der
ganzheitlichen Welt. Dieses Umfeld beeinflußt in einem immer
stärkeren Maße den Kapitalismus, modifiziert die Wirkung seiner
Entwicklungsgesetze, verändert ihre Erscheinungsformen. Dank des-
sen können die dem Kapitalismus eigenen aggressiven Tendenzen,
wenn auch nicht völlig blockiert, so doch auf jeden Fall begrenzt
und gezügelt werden.
Der Imperialismus bleibt auch heute seiner Natur nach aggressiv,
was seinen Ausdruck in den ihm eigenen expansionistischen Bestre-
bungen findet, die ihn zur Einmischung in die inneren Angelegen-
heiten anderer Länder bewegen. Die Klassenfeindschaft zum revolu-
tionären Weltprozeß, zum Sozialismus, tritt bisweilen in den Ver-
suchen, die ideologischen Widersprüche auf die zwischenstaatli-
chen Beziehungen zu übertragen, in Aufrufen zu Kreuzzügen gegen
die sozialistischen Länder zum Vorschein. In der wechselseitig
abhängigen menschlichen Gemeinschaft gibt es aber auch mächtige
entgegenwirkende Faktoren. Das ist die friedenschaffende Energie
des Sozialismus, die im Laufe seiner Erneuerung und der weiteren
Entfaltung seiner Potenzen immer mehr zunehmen wird. Immer akti-
ver beteiligen sich an dem Kampf für die Aufrechterhaltung des
Friedens die Arbeiterklasse und ihre gewerkschaftlichen und poli-
tischen Organisationen. Es steigt die Autorität der Bewegung der
nichtpaktgebundenen Staaten, die zu einem wichtigen Faktor der
internationalen Politik geworden ist, es wächst die Aktivität der
Friedensbewegung. Das alles sind Merkmale tiefgreifender Verände-
rungen in der Stimmung und im Bewußtsein der Weltöffentlichkeit
zugunsten des Friedens. Es sind Elemente des anwachsenden Frie-
denspotentials, das der aggressiven Politik des Imperialismus ge-
genüber steht, dem freien Lauf der militaristischen Tendenzen
entgegenwirkt und den Kapitalismus dazu zwingt, sich der Situa-
tion anzupassen, zu manövrieren, auf Kompromisse und Vereinbarun-
gen einzugehen.
Auch die Vertreter der herrschenden Klassen in den kapitalisti-
schen Ländern, einschließlich der Regierungskreise, spüren den
Einfluß des sich in der öffentlichen Meinung widerspiegelnden
tiefgreifenden Prozesses, die Gemeinsamkeit des Schicksals der
Gattung Mensch im nuklearen Zeitalter zu erkennen, und können dem
Einfluß des neuen politischen Denkens nicht ausweichen.
Selbst die aggressiven Kreise der Monopolbourgeoisie entbehren
des Selbsterhaltungsgefühls nicht, was ihr politisches Handeln
beeinflußt. Sie befinden sich in einer sehr widerspruchsvollen
Lage. Einerseits entspringt ihren Klasseninteressen eine aggres-
sive Politik, eine Gier nach hohen Rüstungsprofiten, ein Streben
nach militärischem Übergewicht über die sozialistischen Länder,
der Wunsch, ihren Willen den Völkern zu diktieren. Andererseits
spüren die Vertreter der militanten Bourgeoisie die in einem nu-
klearen Krieg vorhandene tödliche Gefahr für den Kapitalismus und
damit für die eigene Existenz. Das allgemeine Klima der Abneigung
gegenüber dem Militarismus in der öffentlichen Meinung, die an-
wachsenden Sympathien gegenüber den Friedensinitiativen der so-
zialistischen Länder beeinflussen daher auch ihre Politik. Der
Widerspruch im Bewußtsein und im Verhalten der regierenden Kreise
in den kapitalistischen Ländern erklärt ihre Schwankungen zwi-
schen einer Politik der Gewalt und einer Politik der Verhandlun-
gen, der vernünftigen Kompromisse, die den Prinzipien eines kon-
struktiven Zusammenwirkens von Gesellschaftssystemen entsprechen.
Der sich vertiefende Widerspruch in der Politik der Monopolbour-
geoisie schafft reale Möglichkeiten, um auf sie mit den Mitteln
der Volksdiplomatie von Seiten der Öffentlichkeit, der linken und
aller demokratischen Kräfte Druck auszuüben. Infolge dessen sind
weitere Schritte auf dem Wege der Abrüstung möglich. Davon zeugt
auch das sowjetisch-amerikanische Abkommen über die Abschaffung
von Raketen der mittleren und der kürzeren Reichweite. Seine Re-
alisierung ist ein präzedenzloser Vorgang, der vom Standpunkt der
Gewaltpolitik undenkbar wäre. Aber dieser Schritt wurde getan,
weil die Realitäten der ganzheitlichen und widerspruchsvollen
Welt den Kapitalismus zwingen, sich aus eigenem Überlebenswillen
der Atmosphäre anzupassen, die infolge des unüberwindbaren Be-
strebens der absoluten Mehrheit der Menschheit, den Untergang der
Zivilisation nicht zuzulassen, entstanden ist.
Das neue Denken stellt auch viele andere Probleme der internatio-
nalen Politik auf eine neue Weise zur Diskussion.
Heute betrachtet man die regionalen Konflikte anders als früher.
Ihrem Wesen nach hören sie auf, regional zu sein; sie betreffen
die Lebensinteressen der ganzen Weltgemeinschaft, weil sie in
sich die Gefahr des Hinüberwachsens in einen globalen Konflikt
enthalten. Unter diesen Bedingungen schaffen alle Versuche, re-
gionale Konflikte mit Hilfe von Gewalt zu lösen, immer komplexere
Bündel entgegengesetzer Interessen, die immer schwieriger und
riskanter zu lösen sind. In der wechselseitig abhängigen Welt
werden Gewaltmethoden für die Lösung der regionalen Konflikte im-
mer perspektivloser. Aus der Erkenntnis dieser Realität entstand
der Gedanke der nationalen Versöhnung.
Das neue Denken ist außerordentlich aktuell für die europäische
Politik. Die heutige europäische Realität stellt sich als ein Ge-
genüber von zwei militärpolitischen Blöcken dar. Das gewährlei-
stet aber keine wirkliche Sicherheit. Der Weg zur Sicherheit ist
in der Errichtung eines gesamteuropäischen Hauses möglich. Das
setzt die Entwicklung eines Systems wirtschaftlicher, politischer
und kultureller Beziehungen zwischen allen europäischen Ländern
vom Atlantik bis zum Ural voraus. In diesem Vergleich der Viel-
falt von Traditionen und Kulturen wird das neue politische Denken
seine praktische Überprüfung erleben.
Noch aktueller ist die Frage über die Anwendung des neuen Denkens
für die Lösung der Probleme der Entwicklungsländer. In der ganz-
heitlichen Welt kann man das nur mit der Errichtung einer neuen
Weltwirtschaftsordnung erreichen, die diesen Ländern eine freie
Wahl des eigenen Weges der fortschrittlichen Entwicklung ermögli-
chen und die anwachsenden Spannungen schwächen wird. Die Suche
nach Wegen zur neuen Weltwirtschaftsordnung ist eng mit der Ent-
militarisierung der Welt und mit der Abrüstung verbunden. Abrü-
stung und Entwicklung sind ihrem Wesen nach zwei Seiten einer Me-
daille.
In der gegenwärtigen Etappe ist eine reale Perspektive für die
Zusammenarbeit aller Staaten, ungeachtet der bestehenden politi-
schen und ideologischen Unterschiede, erkennbar. Die zur Zeit
stattfindende wissenschaftlichtechnische Revolution ist ein welt-
weiter Prozeß, sie wirkt sich auf alle Länder aus. Sie schafft
das Bedürfnis nach einer bewußten internationalen Kontrolle über
die Entwicklung der Produktivkräfte, nach internationaler Ar-
beitsteilung, nach Vereinbarungen und Abkommen zwischen den Län-
dern. Diesem Geist der Zeit entspricht die allumfassende Konzep-
tion der internationalen Sicherheit, deren Grundzüge in den Doku-
menten des 27. Parteitages der KPdSU formuliert wurden.
Die Ganzheitlichkeit der Weltgemeinschaft erfordert eine stabile
und bewußt regulierbare Welt, in der die komplizierten und wider-
sprüchlichen Beziehungen zwischen Staaten mit unterschiedlicher
Gesellschaftsordnung in einen zivilisierten Rahmen gestellt sind.
Das entspräche den Interessen aller Länder, den Interessen des
menschlichen Fortschritts insgesamt. Dafür ist ein Mechanismus
zur Regelung der internationalen Beziehungen notwendig. Es han-
delt sich dabei nicht um die Schaffung einer "Weltregierung", die
unter den Bedingungen einer in Klassen gespalteten Gesellschaft
irreal ist. Man muß aber nach Institutionen und Verfahren für die
Abstimmung der verschiedenen nationalen und staatlichen Interes-
sen, für die Erzielung von vernünftigen Kompromissen, für die po-
litische Regelung von entstehenden Widersprüchen und Konflikten
suchen. "Das ist unmöglich in einer so widersprüchlichen Welt",
sagen die Skeptiker. Unmöglich ist es aber nur vom Standpunkt des
alten Denkens. Das neue Denken erschließt viel breitere Horizonte
für die internationale Politik.
III
Wie kann man vom Standpunkt des neuen Denkens die Perspektiven
für eine revolutionäre Erneuerung der Welt einschätzen?
Lange Zeit war unter den Marxisten ein ziemlich einfaches Schema
verbreitet, dessen Wesen in folgendem bestand: Die Große Soziali-
stische Oktoberrevolution hat den Anfang der Epoche des Übergangs
vom Kapitalismus zum Sozialismus gesetzt, einer Epoche während
der sich in der Weltarena zwei antagonistische Systeme gegenüber-
stehen. Das eine von ihnen - der Kapitalismus - stellt die Ver-
gangenheit, das andere - der Sozialismus - die Zukunft dar. Der
Sozialismus ist bestrebt, die Beziehungen zwischen den Systemen
auf eine Basis der friedlichen Koexistenz zu stellen, die aber
als eine Form des Klassenkampfes in der internationalen Arena
auftritt. Der Sozialismus wird durch die Erschließung der Mög-
lichkeiten der neuen Gesellschaftsordnung seine Vorzüge gegenüber
dem Kapitalismus behaupten. Der Klassenkampf in den kapitalisti-
schen Ländern und die nationale Befreiungsbewegung werden zum
Ausscheiden immer neuer Länder aus dem kapitalistischen Lager und
zu ihrem Übergang in das sozialistische Lager beitragen. In der
überschaubaren Perspektive wird dieser Prozeß mit dem weltweiten
Sieg des Sozialismus enden.
Dieses Schema stellt sich als zu vereinfacht heraus. Der Sozia-
lismus hat zwar auf seinem Konto wirkliche Errungenschaften von
welthistorischer Bedeutung zu verzeichnen. Es ist ein neuer Typ
der Gesellschaft geschaffen worden: eine Gesellschaft ohne Aus-
beutung, frei von der Macht des Kapitals und von Arbeitslosig-
keit, eine Gesellschaft der sozialen Geborgenheit, dynamisch und
fähig, wie die heute stattfindende Erneuerung des Sozialismus
zeigt, adäquate Antworten auf die Anforderungen des wissenschaft-
lich-technischen und des kulturellen Fortschritts zu finden.
Gleichzeitig erwies sich aber der praktische Aufbau des Sozialis-
mus als viel komplizierter und widersprüchlicher, als es früher
theoretisch gesehen wurde. Der Aufbau des Sozialismus begann
nicht in den ökonomisch entwickeltsten Ländern, in denen die dazu
notwendigen Voraussetzungen maximal ausgereift waren, sondern an
der Peripherie. Vorhandene Defizite an politischer Kultur, an
wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung verwandelten sich in
der Zeitperiode des Stalinismus in Verluste und Deformationen des
Systems, führten zu Abbremsung und Stagnation.
Dem Sozialismus gelang es nicht, den Kapitalismus in solch wich-
tigen Kennziffern wie der Effektivität der Produktion und der Ar-
beitsproduktivität zu überholen. Auf der Welle der wissenschaft-
lich-technischen Revolution erreichte der Kapitalismus eine hö-
here Windung der gesellschaftlichen Spirale. Dem von ihm heute
erreichten Entwicklungsniveau entspräche ein Sozialismus mit ei-
nem viel höheren Reifegrad als derjenige, der in der Sowjetunion
und anderen Ländern aufgebaut ist. Der Weg zum Sozialismus sieht
daher auch für die hochentwickelten kapitalistischen Länder an-
ders aus, als er auf früheren Entwicklungsstufen beschritten wor-
den ist. Der Sozialismus wird sich vermutlich eher infolge einer
allmählichen, vielleicht durch mehrere Etappen verlaufenden Ver-
drängung des Kapitalismus durch immer tiefergreifende Demokrati-
sierung der sozialökonomischen und der politischen Verhältnisse
entwickeln.
Auch der politische Weg der Entwicklungsländer ist von den inter-
nationalen Veränderungen betroffen. Die Befreiungsrevolutionen in
den Entwicklungsländern stießen nicht zuletzt auf Schwierigkeiten
und kamen ins Stocken, weil sie es heute mit ökonomischen Proble-
men zu tun haben, die auf der nationalen Ebene unlösbar sind und
eine Reorganisation der ganzen Weltordnung erfordern.
Und das Wichtigste: Die "Trennung" vom Kapitalismus im Prozeß des
Übergangs der menschlichen Gesellschaft zum Sozialismus beseitigt
nicht die historisch herausgebildete Ganzheitlichkeit der Welt
mit ihren allgemeinmenschlichen Werten und Problemen. Angesichts
dieser noch anwachsenden Probleme ist der Kampf zwischen den ge-
gensätzlichen Gesellschaftssystemen bei all seiner Wichtigkeit
nicht der bestimmende Faktor der Weltentwicklung. In den Vorder-
grund tritt die Notwendigkeit der Kooperation, von Anstrengungen
der gesamten Menschheit, ungeachtet der existierenden Unter-
schiede, zur Lösung der krisenhaften Knotenpunkte in der Entwick-
lung der industriellen Zivilisation, vor allem mit dem Ziel ihrer
Entmilitarisierung. Die Auseinandersetzung der Systeme bleibt na-
türlich präsent, aber sie findet im Rahmen der internationalen
Zusammenarbeit und durch diese statt.
Der Übergang zum Sozialismus im globalen Maßstab stellt sich
heute als eine ganze historische Epoche mit ihrem Charakter nach
vielfältigen Umwandlungen dar. Sie treten als Elemente eines glo-
balen Prozesses der revolutionären Erneuerung der Zivilisation in
Erscheinung. Diese erhält dabei aber ihre Ganzheitlichkeit und
ihre Lebensgesetze als Weltgemeinschaft aufrecht. Bei der revolu-
tionären Erneuerung der Zivilisation handelt es sich nicht um ein
mechanisches Hinüberziehen der Länder aus einem Gesellschaftssy-
stem in das andere, sondern um einen wechselseitigen Prozeß, in
dem sich unterschiedliche Tendenzen verflechten: die organische
Überwindung des Kapitalismus auf der von ihm selbst geschaffenen
technologischen und ökonomischen Basis, die tiefe revolutionäre
Umgestaltung des Sozialismus in Übereinstimmung mit den Anforde-
rungen der gegenwärtigen Etappe der wissenschaftlich-technischen
Revolution, das Zusammenwirken von zwei Gesellschaftssystemen bei
der Lösung der globalen Probleme der Gegenwart und ihr Wettbewerb
auf eine längere Perspektive, die schwierige Suche der Entwick-
lungsländer nach ihren eigenen Entwicklungswegen, nach ihrer
Stellung in der Weltgemeinschaft und der gemeinsame Kampf aller
revolutionären und demokratischen Kräfte für die Umgestaltung des
Systems der internationalen Wirtschaftsbeziehungen, für die Er-
richtung der neuen Weltwirtschaftsordnung, für die Beseitigung
der neokolonialen Abhängigkeit.
Die soziale Revolution im Lichte des neuen Denkens ist ein lang-
fristiger historischer Prozeß, der - das ist mit Sicherheit zu
sagen - weit über die Grenzen des 20. Jahrhunderts hinausreichen
wird. Es ist angebracht, daran zu erinnern, daß die bürgerliche
Revolution sich im Laufe von einigen Jahrhunderten vollzog. Wel-
che Gründe gibt es denn, damit zu rechnen, daß die sozialistische
Revolution, die die tiefgreifendste Umwälzung am Fundament des
gesellschaftlichen Daseins und des gesellschaftlichen Bewußtseins
der Menschheit vollbringt und die das im Laufe von Jahrtausenden
herausgebildete System des Privateigentums beseitigt, diese Um-
wälzung in einem relativ kurzen Zeitabschnitt, sagen wir, in ei-
nem Jahrhundert schaffen wird?
Das neue politische Denken hilft auch, sich von vereinfachten
Vorstellungen über den revolutionären Weltprozeß zu befreien. Die
soziale Revolution unserer Zeit verläuft über eine ganze Reihe
von Zyklen. Global gesehen, stellt sie einen komplizierten Prozeß
der tiefen Transformation und grundlegenden Rekonstruktion der
menschlichen Zivilisation auf den Grundlagen der Gerechtigkeit
und des Humanismus dar, die in den Prinzipien des Sozialismus
ausgedrückt sind.
Die allgemeinmenschlichen Zielstellungen und der Umfang der durch
diese Revolution zu lösenden Aufgaben führen dazu, daß in sie
verschiedenartige gesellschaftlich-politische Kräfte einbezogen
werden, von denen keine den Anspruch auf eine Monopolstellung er-
heben kann. Das Spektrum ihrer Interessen und Bestrebungen ist so
breit, daß man ihre Wechselbeziehungen nicht auf den allgemeinen
Nenner der gewohnten Formel der Einheitsfront bringen kann. Eher
handelt es sich um ein System von Bündnissen, Vereinbarungen, Ko-
alitionen, gemeinsamen und parallelen Aktionen auf unterschiedli-
chen Ebenen, das man als Zusammenwirken von selbständigen und au-
tonomen Kräften bezeichnen kann. Die Arbeiterklasse kann im Rah-
men dieses Zusammenwirkens nur dann ihre führende Rolle erfüllen,
wenn sie es schafft, den Horizont ihrer Klasseninteressen auf die
Erkenntnis der Priorität der allgemeinmenschlichen Interessen,
der Interessen am Überleben der Gattung Mensch, an der Auf-
rechterhaltung der Voraussetzungen für den Fortschritt der Zivi-
lisation zu erweitern.
Unter dem Blickwinkel des neuen Denkens werden auch die Vorstel-
lungen über das, was revolutionär ist, korrigiert. Es entsteht
z.B. das Problem, in welchem Verhältnis dieser Begriff zur Kultur
des Konsensus steht, die dem neuen politischen Denken eigen ist.
Die Idee der gewaltlosen Welt, die Initiativen zur Regelung der
regionalen Konflikte auf der Grundlage der nationalen Versöhnung
stellen die Frage, ob ein zu enges und zu einseitiges Verständnis
des Revolutionären überwunden werden muß. Vermutlich müssen im
nuklear-kosmischen Zeitalter die Formen der revolutionären Tätig-
keit in einzelnen Ländern an die breiteren Aufgaben des Kampfes
für die Rekonstruktion der internationalen Wirklichkeit angepaßt
werden, an der nicht nur die fortschrittlichen gesellschaftlichen
Kräfte, sondern auch in unterschiedlichem Maße alle Klassen und
sozialen Gruppen, alle Länder und Staaten der Weltgemeinschaft
interessiert sind.
Scharfe Diskussion ruft die Frage nach dem Verhältnis zwischen
der Idee einer gewaltfreien Welt und der marxistischen Position
zur Rolle der revolutionären Gewalt hervor. Dieses Thema bedarf
einer selbständigen Behandlung. Hier sei nur angemerkt, daß die
Idee der gewaltfreien Welt die zwischenstaatlichen Beziehungen im
Rahmen der Weltgemeinschaft betrifft. Sie bezieht sich nicht auf
die Verhältnisse innerhalb der Staaten. In denjenigen Ländern, wo
Ausbeutung, soziale und nationale Unterdrückung existieren, blei-
ben auch die Quellen für die Klassengewalt erhalten. Der Kampf
gegen diese Erscheinungen, darunter auch mit den Mitteln der re-
volutionären Gewalt, ist sowohl moralisch als auch politisch
vollkommen gerechtfertigt. Dabei ist es selbstverständlich, daß
das neue Denken zur Verantwortung bei der Wahl der Formen des re-
volutionären Kampfes unter Berücksichtigung der Gesamtheit aller
Realitäten (nationaler, regionaler, internationaler) verpflich-
tet. Man kann sich vorstellen, daß in der Perspektive des histo-
rischen Prozesses der politische Zwang, dessen Grundlage nicht
die physische Gewalt, sondern die objektive Logik der Entwicklung
des Kräfteverhältnisses zugunsten der herangereiften gesell-
schaftlichen Veränderungen sein wird, immer mehr an Bedeutung ge-
winnen wird.
Das neue Denken bedeutet keinesfalls eine ideologische Versöh-
nung. Die Wurzeln des ideologischen Kampfes, die in der Existenz
der antagonistischen Klassen und der gegensätzlichen Gesell-
schaftssysteme liegen, bleiben bestehen, und dadurch wird auch
der Kampf der Ideen, die unterschiedliche Klasseninteressen aus-
drücken, bestimmt. Durch die Ganzheitlichkeit und die wechselsei-
tige Abhängigkeit der Welt wird die ideologische Auseinanderset-
zung sogar noch stärker zugespitzt, weil die Intensität der in-
ternationalen Beziehungen, des Austauschs von Menschen, Meinun-
gen, Informationen sich noch vergrößert.
Das neue Denken setzt aber eine hohe Kultur des ideologischen
Streites voraus, unter anderem die Fähigkeit, in die Logik des
Opponenten einzudringen und ihr überzeugende Argumente entgegen-
zubringen. Wenn der ideologische Streit nur auf das "Feindbild"
orientiert ist, so erhält er alle Merkmale des "psychologischen
Krieges", appelliert nicht an den Verstand, sondern an die Emo-
tionen, kultiviert Feindschaft und Mißtrauen. Dem Fanatismus der
ideologischen Intoleranz setzt das neue Denken die Kultur der To-
leranz entgegen, die keinesfalls dazu verpflichtet, sich mit dem
Andersdenkenden in allem einverstanden zu erklären, die aber dem
Streit eine zivilisierte Form gibt.
Im Kontext des neuen Denkens bekommt eine solche Form des ideolo-
gischen Kampfes wie der Dialog eine besondere Bedeutung. Obwohl
er eine Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen, manchmal
vollkommen entgegengesetzten Standpunkten ist, beinhaltet der
Dialog in sich auch eine konstruktive Suche nach Lösungen für ge-
meinsame Probleme.
IV
Die Innenpolitik ist organisch mit der Außenpolitik verbunden -
so sieht die elementarste Wahrheit der politischen Theorie aus.
Daraus folgt, daß das neue Denken nicht nur im Bereich der inter-
nationalen Beziehungen, sondern auch bei der Ausarbeitung der In-
nenpolitik angewendet werden muß.
Das ist am Beispiel der Umgestaltung und der Erneuerung des So-
zialismus in der Sowjetunion deutlich zu sehen. Die Umgestaltung
braucht das neue Denken, weil es ermöglicht, die internationale
Bedeutung der Umgestaltung auszuleuchten und dadurch ihren philo-
sophisch-historischen Inhalt tiefer zu verstehen.
Die Herausbildung des Sozialismus als Ausgangsphase einer neuen
Formation, die den Kapitalismus ersetzen wird, ist untrennbar mit
der Dynamik der Weltgeschichte und ihrer historischen Etappen
verbunden. Das Modell des Sozialismus, das in der UdSSR entstan-
den ist, war Ergebnis des Ausbruchs aus dem kapitalistischen Sy-
stem im Stadium des frühmonopolistischen Kapitalismus am Anfang
des 20. Jahrhunderts. Es scheint berechtigt zu sein, dieses Mo-
dell als "Frühsozialismus" zu bezeichnen. Es wurde aber verabso-
lutiert, in den Werken von marxistischen Wissenschaftlern als das
seinem Wesen nach einzig mögliche Muster für alle Länder erklärt.
Die Jahre des Stalinismus und der Stagnation haben dieses Modell
nicht nur deformiert, sondern es auch in der Form versteifen las-
sen, in der es sich zu Anfang der 30er Jahre herausgebildet hat.
In der Zwischenzeit, in dem stürmischen Strom der internationalen
gesellschaftlichen Entwicklung unseres revolutionären Jahrhun-
derts, erlebte der Kapitalismus wesentliche Veränderungen. Am
Ende des 20. Jahrhunderts ist das schon nicht mehr der frühmono-
polistische, sondern der spätmonopolistische Kapitalismus, der
unter dem Einfluß der Veränderungen in der Weltarena, der tief-
greifenden Revolution in der Entwicklung der Produktivkräfte der
Gesellschaft, der Errungenschaften der demokratischen und der Ar-
beiterbewegung in den kapitalistischen Ländern qualitativ moder-
nisiert wurde. Das Modell des Frühsozialismus entspricht heute
nicht mehr den Bestrebungen der fortschrittlichen Kräfte und den
Erwartungen der Massen in den Ländern des entwickelten Kapitalis-
mus. Der internationale Fortschritt erfordert immer eindringli-
cher ein anderes Modell, ein Modell des reifen Sozialismus, das
dem von der Menschheit erreichten Niveau der technologischen und
der kulturellen Entwicklung entspricht.
Unter den heutigen Bedingungen, da der Kapitalismus eine höhere
Windung der geschichtlichen Spirale erreicht hat, sind in seinem
Inneren die Voraussetzungen für einen Typ des Sozialismus ausge-
reift, der real noch nicht existiert. Damit sind die Schwierig-
keiten aller fortschrittlichen gesellschaftlichen Kräfte in den
hochentwickelten kapitalistischen Ländern, der gesamten revolu-
tionären Weltbewegung verbunden. Manchmal werden diese Schwierig-
keiten als die "Krise" des Sozialismus, der sozialistischen
Ideale dargestellt. In der Wirklichkeit aber ist das eine Krise
der mechanistischen Vorstellungen über den Aufbau und die Ent-
wicklung des Sozialismus.
Es wurde deutlich, daß der weltweite Prozeß des Übergangs zum So-
zialismus dem linearen Schema, nach dem der real existierende So-
zialismus immer und in allen Bereichen den höchsten Entwicklungs-
punkt darstellt und die kapitalistischen Länder, um den gleichen
Stand zu erreichen, durch alle vom Sozialismus zurückgelegten
Etappen gehen müssen, nicht entspricht. Die hochentwickelten ka-
pitalistischen Länder sind objektiv für einen Sozialismus höheren
Niveaus, den die gegenwärtigen sozialistischen Länder noch zu er-
reichen bestrebt sind, ausgereift. Von diesem Standpunkt aus wird
auch die internationale Bedeutung der Umgestaltung in der UdSSR
verständlich. Sie ist dazu berufen, den Übergang zu einem neuen
qualitativen Zustand der sozialistischen Gesellschaft zu gewähr-
leisten. Der welthistorische Inhalt dieses Ziels, das die Sache
des Großen Oktober fortsetzt, besteht darin, ein Modell des rei-
fen Sozialismus durch die Praxis bestätigen zu lassen, ein Modell
also, das den Anforderungen des gegenwärtigen gesellschaftlichen
Fortschritts entspricht und fähig ist, für die sozialistischen
Kräfte in anderen Ländern attraktiv zu sein.
Die Bewegung auf dieses Ziel hin kann nicht auf die Grenzen eines
einzelnen Landes beschränkt werden. Es ist bekannt, daß Lenin den
ganzheitlichen Sozialismus als ein Ergebnis der Erfahrungen aller
Völker aus ihrer praktischen Suche und theoretischen Erkenntnis
betrachtet hat. Die begonnene Erneuerung des Sozialismus hat
schon die Mehrheit der sozialistischen Länder erfaßt. An dem Er-
kundungsprozeß beteiligen sich auch die sozialistischen Kräfte
der kapitalistischen und der Entwicklungsländer, die sich an sol-
chen Vorstellungen über den Sozialismus und die zu ihm führenden
Wege orientieren, wie sie aus den Bedingungen des spätmonopoli-
stischen Kapitalismus folgen.
Der Sozialismus entstand im Verlauf der Weltgeschichte als eine
Fortsetzung und eine Realisierung der von der Menschheit entwic-
kelten humanistischen Ideale. Diese Ideale sind niemals ver-
schwunden, aber sie wurden durch die Deformationen des Sozialis-
mus zum Teil vertuscht. Die Wiederherstellung des Leninschen So-
zialismusbildes ist die Wiederherstellung des humanen Sozialis-
mus, der fähig ist, die besten Errungenschaften der menschlichen
Kultur zu absorbieren und ein großes Ziel für die Weltgeschichte
zu setzen.
Von den Positionen des neuen Denkens aus entwickelt sich der So-
zialismus in einem Umfeld der ganzheitlichen Welt und nicht in
einem Gegenüber zur ganzen Welt. Er entwickelt sich nicht in der
Auseinandersetzung, sondern auch im Zusammenwirken mit dem kapi-
talistischen System. Die Erkenntnis der ganzen Bedeutung dieses
Zusammenwirkens wird auch heute noch von den Wucherungen sektie-
rerischer Vorstellungen aus der Stalinschen Periode behindert, in
der die Gegenüberstellung des Kapitalismus und des Sozialismus in
schwarz-weißen Farben dargestellt wurde. Das führte zu einer un-
nötigen Verneinung von allem, was in der kapitalistischen Gesell-
schaft existierte. Wenn zum Beispiel der Kapitalismus auf den
Ware-Geld-Beziehungen basiert, bedeutete das, daß es diese Bezie-
hungen im Sozialismus nicht geben darf. Wenn die bürgerliche De-
mokratie formell ist, so ist demnach für den Sozialismus die Ein-
haltung der demokratischen Formen und Prozeduren nicht obligato-
risch. Wenn drüben der Rechtsstaat existiert, so ist es bei uns
folglich die "revolutionäre Zweckmäßigkeit". Zu welchen tragi-
schen Folgen das alles führte, ist gut bekannt. Die Kybernetik
wurde, da sie in den kapitalistischen Ländern entstand, zu einer
Lügenwissenschaft erklärt. Die These über den Verfall der bürger-
lichen Kunst führte zur Isolierung der sowjetischen Kultur, zum
Abbau von Kontakten mit der Weltkultur, zu Versuchen, die Kunst
in das Prokrustesbett der administrativen Reglementierung des
schöpferischen Prozesses zu zwängen, was ihre lebendige Seele
aushöhlte.
Das neue Denken orientiert, indem es die Ganzheitlichkeit der wi-
derspruchsvollen Welt erklärt, auf die Erkenntnis der gemeinsamen
Zivilisationsgrundlagen der beiden sozialökonomischen Systeme,
auf die Existenz von gemeinsamen Problemen, die eine Kooperation
der Anstrengungen im Interesse jedes einzelnen Systems und,
hauptsächlich, im Interesse der ganzen Menschheit erfordern. Die
gesamte Entwicklungsgeschichte des Sozialismus bestätigt, daß für
seine normale Entfaltung die ständige Aneignung der höchsten Er-
rungenschaften des menschlichen Gedankenguts lebensnotwendig ist,
was das Zusammenwirken und die Zusammenarbeit mit den kapitali-
stischen Ländern im Bereich der Wirtschaft, der Politik, der Kul-
tur erfordert. Es genügt, auf das dringlichste Bedürfnis nach ei-
ner solchen Zusammenarbeit zur Meisterung der modernen Technolo-
gie durch die sozialistischen Länder hinzuweisen.
Das Zusammenwirken und die Zusammenarbeit beseitigen aber die
Auseinandersetzung, den Wettstreit zwischen dem Sozialismus und
dem Kapitalismus nicht. Das ist jedoch kein Gegenüber von feind-
lichen Lagern, sondern ein Wettbewerb bei der Suche und der Aus-
arbeitung von effektiveren Formen des sozialen Fortschritts, die
den Interessen der Gesellschaft und des Menschen entsprechen. Die
Überzeugung der Marxisten von den Vorzügen der sozialistischen
Formen der Organisation der Gesellschaft soll nicht als ein Hin-
dernis, sondern als ein Stimulans zu einer breiten und intensiven
Zusammenarbeit der beiden Systeme dienen, weil sich nur im Rahmen
einer solchen Zusammenarbeit der Wert der vorgeschlagenen prakti-
schen Lösungen vergleichen läßt.
Die Umgestaltung fördert, indem sie das neue Denken braucht, auch
selbst seine weitere Entwicklung. Die schöpferischen Ziele der
Umgestaltung, das Ausmaß der schöpferischen Arbeit bei der Er-
neuerung des Sozialismus, die in der UdSSR begonnen wurde, bedür-
fen eines stabilen Friedens und einer Neuverteilung der Mittel,
die durch das Wettrüsten verschlungen werden, für friedliche In-
vestitionen, für neue Technologien, für die Erweiterung des so-
zialen Bereichs, für die Erhöhung des Wohlstandes und des Kultur-
niveaus der Gesellschaft. Ein Land, das sich mit der friedlichen
schöpferischen Arbeit beschäftigt, kann nicht als Quelle von
Feindschaft und Entfremdung gegenüber anderen Ländern auftreten.
Umgekehrt, es braucht eine Kommunikation, eine Zusammenarbeit,
die Erforschung von Erfahrungen anderer Länder, einen Austausch
von materiellen und geistigen Werten. Der Sozialismus, so wie er
infolge der Umgestaltung aussehen soll, wird keine autokratische,
in sich selbst eingeschlossene Gesellschaft sein, sondern eine
offene Gesellschaft, die organisch an dem Leben der Weltzivilisa-
tion in ihrer ganzen reichhaltigen Vielfalt beteiligt sein wird.
Die Verbindung der Umgestaltung mit dem neuen Denken hat auch
eine tiefere Grundlage. Im Mittelpunkt der Umgestaltung steht der
Mensch mit seinen Bedürfnissen und seinem Bestreben. Die Erneue-
rung des Sozialismus ist auf die Schaffung solcher Bedingungen
für die allseitige Entwicklung des Menschen als Subjekt der ge-
sellschaftlichen Veränderungen, als eines Bürgers, der alle demo-
kratischen Rechte und Freiheiten genießt, orientiert. Die Umge-
staltung stellt diejenigen humanistischen Werte in den Vorder-
grund, die das neue Denken inspirieren und es zu einem notwendi-
gen Bestandteil des gesellschaftlichen Bewußtseins der modernen
Menschheit machen.
Die Umgestaltung des Sozialismus im Zeichen des neuen politischen
Denkens verbindet das sozialistische Ideal mit dem allgemein-
menschlichen Inhalt, der ständig durch die Erfahrungen und die
Suche aller Länder unserer einheitlichen und doch so widersprüch-
lichen Zivilisation bereichert wird.
Das neue Denken bekommt eine immer größere Verbreitung. Es wird
von den Menschen mit unterschiedlichen Ansichten und Überzeugun-
gen aufgenommen. Das erweckt die Hoffnung, daß die Menschheit den
Herausforderungen der Zeit würdig begegnen wird, die von ihr
Weisheit und Verantwortung bei der Wahl von Lösungen für die
herangereiften Probleme erfordern.
zurück