Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


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"DIE WISSENSCHAFT ALS DIENERIN DES KRIEGES" 1)

Rainer Rilling 1. Das klassische Muster der militärischen Forschung - 2. Die Nachkriegsentwicklung - 3. Die Funktionen der militärischen For- schung - 4. Was ist militärische Forschung? - 4.1 Definitionen - 4.2. Die Entdifferenzierungsthese: ein Plädoyer für Verantwor- tungslosigkeit - 5. Zur Charakterisierung militärischer Forschung - 6. "Pseudozivile" Forschung - 7. Welche Konvergenz gibt es? - 8. Forschungspolitiken 1. Das klassische Muster der militärischen Forschung ---------------------------------------------------- Militär- und rüstungspolitische Ziele haben immer eine Schlüssel- rolle für die Entwicklung der Wissenschaft gespielt. Wissen- schaftsgeschichte war immer auch - ja zuweilen sogar vor allem! - Militärgeschichte. Die akademische Disziplin "Militärgeschichte" hat geradezu mit Akribie die Beiträge der Wissenschaft zum Auf- blühen des Militärwesens ausgebreitet, wogegen die Wissenschafts- geschichte bis in die achtziger Jahre hinein die Beiträge des Mi- litärs als Finanzier, Problemsteller und Abnehmer für das Aufblü- hen der Wissenschaft fast völlig ignorierte. 2) Wer daher den Be- ginn der Verbindung von Wissenschaft und Krieg auf die Entstehung der militärischen Atomforschung im Amerika der 40er Jahre da- tiert, sieht davon ab, daß die Herausbildung des Unternehmens Wissenschaft - erst recht in seiner bürgerlichen Gestalt - von Beginn an genuin mit einer militärischen Komponente verknüpft war, deren Natur und Rolle sich allerdings im Zeitablauf qualita- tiv gewandelt hat. Die Militarisierung der Wissenschaft war immer wieder gleichsam K a t a l y s a t o r, sie war eine z e n- t r a l e, z e i t w e i s e s o g a r d o m i n i e r e n d e E n t w i c k l u n g s f o r m der großen Prozesse eingrei- fender Strukturveränderungen der Wissenschaft seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gewesen: der Politisierung, der Ökonomisierung (bzw. Kapitalisierung), der Industrialisierung und der Vergesell- schaftung der Wissenschaft. Auch wenn daher etwa der erste Weltkrieg noch ein durch die zeitgenössische Wissenschaft und Technik relativ wenig beeinflußter P r o d u k t i o n s krieg war, so stützte sich doch die Wissenschaftspolitik des Wilhelmi- nischen Deutschlands ganz wesentlich auf das Militär. Das deutsche Reich hat zwischen 1870 und 1914 nie weniger als ein Fünftel, zeitweise aber sogar zwei Drittel seiner Wissen- schaftsausgaben in den militärischen Bereich gelenkt. In rund einem Viertel der über 100 Forschungseinrichtungen, die damals vom Staat finanziert wurden (darunter vor allem die Einrichtungen der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft) fand Rüstungsforschung statt. Dieser Anteil ist in D e u t s c h l a n d mit Ausnahme der Anfangsperiode der Weimarer Republik nicht mehr unterschritten worden. 3) Ähnliches gilt für E n g l a n d, wie Bernais für die unmittelbare Vorkriegszeit geltender Hinweis zeigt, daß "mindestens ein Drittel, wenn nicht die Hälfte der Gelder, die in Großbritannien für wissenschaftliche Forschung ausgegeben werden, direkt oder indirekt auf die militärische Forschung entfallen" 4). Die dramatische Tiefe und Geschwindigkeit der a m e r i- k a n i s c h e n Entwicklung seit 1940/41 hat daher auch mit der atypisch geringen Rolle zu tun, die der militärische Faktor in der amerikanischen Wissenschaft bis dato spielte. Innerhalb weniger Jahre entstand nun ein n e u e s M u s t e r d e r R e g u l i e r u n g u n d V e r t e i l u n g der Wissenschaftsressourcen, in dem militärische Einrichtungen die führende Rolle spielten. Dieses Muster breitete sich nach 1945 über das internationale Wissenschaftssystem aus und blieb über Jahrzehnte stabil. Das Bild der Wissenschaft, ihre Struktur und Funktion veränderte sich. Die Kriegsforschung wurde zum Big Bu- siness, zur Wachstumsindustrie, deren Produkt, der unaufhörliche Strom der Ideen und Vorschläge zur Perfektionierung der Technolo- gien des Krieges die Welt zu einem weit gefährlicheren Platz ge- macht hat, als sie es einst war. Was waren die Hauptelemente dieses Musters? * Als p o l i t i s i e r t e Wissenschaft wurde sie weitgehend auf militärische Ziele ausgerichtet. Innerhalb eines Jahrfünfts stiegen die Ausgaben für militärische Forschung und Entwicklung (FuE) auf das mehr als 70fache, mehr als die Hälfte dieser Ausga- ben galten der Entwicklung der Atombombe. 5) Am Ende des Krieges waren 90% der akademischen Community der USA für die Kriegsfor- schung mobilisiert. 6) * Diese Tendenz zum ununterbrochenen A n s t i e g der Ausgaben für Rüstungsforschung hält seitdem - nunmehr über vier Jahrzehnte hin - an, sieht man von geringfügigen Stagnationstendenzen unmit- telbar nach Kriegsende sowie Anfang der 60er bzw. 70er Jahre ab. * Es entstanden auf z e n t r a l s t a a t l i c h e r Ebene einflußreiche militärische Einrichtungen zur Wissenschaftssteue- rung und -regulierung. * Die Rolle der staatlichen G e h e i m forschung, die zunächst noch auf das faschistische Deutschland beschränkt war, dehnte sich vor und während des Zweiten Weltkrieges rasch aus. Seit dem Beginn des Kalten Krieges "hat die Geheimniskrämerei ihren Ein- fluß weit über das Gebiet der militärischen Wissenschaft hinaus ausgedehnt" 7). Ganz entgegen der nach Kriegsende restaurierten liberalakademischen Wissenschaftsideologie des Internationalismus und der Wissenschaftsfreiheit blieb die Geheimhaltung nicht nur in den Wissenschaftssystemen der sozialistischen Länder, sondern auch in vitalen Teilen der westlich-kapitalistischen Wissenschaft ein wesentliches Strukturmerkmal. 8) * Das Manhatten District Project beschäftigte zeitweise bis zu 125 000 Personen und gilt als Geburtsstunde der h o c h v e r- g e s e l l s c h a f t e t e n G r o ß- u n d P r o j e k t- f o r s c h u n g, i n d e r z i e l g e r i c h t e t, z e n t r a l f i n a n z i e r t u n d g e s t e u e r t i n g r o ß e m M a ß s t a b p r i v a t u n d ö f f e n t- l i c h o r g a n i s i e r t e F u E - P r o z e s s e ü b e r a l l e F o r s c h u n g s s t u f e n h i n w e g z u s a m m e n g e s c h l o s s e n w u r d e n. * Parallel dazu entstand mit der K o n t r a k t f o r- s c h u n g ein neues Instrument der Wissenschaftssteuerung; mit der traditionellen Praxis des Militärs, Rüstungsforschung in staatlichen Laboratorien durchzuführen, wurde gebrochen. * Auch folgte die Verteilung der Aufträge nicht mehr dem herge- brachten Muster d e z e n t r a l e r g e o g r a p h i- s c h e r Ausgewogenheit: die Aufträge konzentrierten sich auf knapp zwei Dutzend Hochschulen und eine Handvoll großindustriel- ler Kontraktoren. In dieser Konzentration des militärischen Forschungspotentials reflektierte sich zugleich eine P r i v a- t i s i e r u n g, die bis in die Gegenwart anhält: in den USA, England, Frankreich und in der BRD, die zusammen mit der UdSSR und der VR China heute über 90% der Ressourcen militärischer Forschung verausgaben, gehen vier von fünf Dollars, die dafür ausgegeben werden, in die private Industrie sowie in privat oder halbstaatlich organisierte Labors. * Durch die kriegsbedingte Expansion der staatlichen Forschungs- programme tritt erstmals seit der Jahrhundertwende wieder massiv s t a a t l i c h e s neben das private Forschungskapital. Die L e g i t i m a t i o n und B e w e r t u n g der Forschungs- arbeit in diesem Bereich geschieht n i c h t p r i m ä r da- nach, ob sie privaten G e w i n n erbringt und sich e x- t e r n auf dem M a r k t bewährt. Ebensowenig geschieht sie durch die i n t e r n e Bewertung als "w a h r" oder "n e u" der S c i e n t i f i c C o m m u n i t y. Vielmehr vollzieht sie sich nach Maßgabe interessengeleiteter p o l i t i s c h e r Zielsetzungen, Nützlichkeit und Opportunität. 2. Die Nachkriegsentwicklung ---------------------------- Dieses Muster, das vor einem halben Jahrhundert entstanden ist, existiert noch heute. Während der unmittelbaren Nachkriegsphase dehnten solche Länder ihre militärische Forschung aus, die bereits während des zweiten Weltkrieges ein entsprechendes Potential aufgebaut hatten (USA, UdSSR, England, Kanada, Schweden). Mit der Nuklearforschung und - in den späten 50er Jahren - der Weltraumforschung entsteht ein mächtiger Sektor q u a s i z i v i l e r 9) Forschung, der sich ausgehend von den USA rasch auf andere westliche Staaten aus- dehnt. In einer zweiten Expansionswelle seit Ende der 50er Jahre gelangen Frankreich, die VR China und zunehmend auch die BRD in die Führungsgruppe der militärische Forschung treibenden Länder. Einige wenige Entwicklungsländer wie Indien beginnen, dieses Mu- ster zu adaptieren. Bis Mitte der 60er Jahre dominiert die militärische Forschung weltweit die Wissenschaftspolitik. D a n n f ä c h e r t s i c h d a s S p e k t r u m f o r s c h u n g s p o l i- t i s c h e r S t a a t s i n t e r v e n t i o n a u f. Die Förderung i n f r a s t r u k t u r e l l e r und z i v i l- i n d u s t r i e l l e r Bereiche tritt an die Spitze der Forschungsprioritäten. Diese vor allem in der BRD ausgeprägte Prioritätenverschiebung dauert knapp ein Jahrzehnt. Sie wird in den USA durch den Vietnamkrieg abgeschwächt bzw. zeitlich ver- schoben und damit zugleich abgekürzt, denn schon Mitte der 70er Jahre (1974/1977) setzt der Übergang in eine dritte Entwicklungs- phase ein, die wiederum gut ein Jahrzehnt dauert. Erneut kommt es mit hoher Dynamik und zu Lasten der sozialstaat- lich und zivilindustriell orientierten Forschung zu einer Umver- teilung der Forschungsressourcen zugunsten der militärischen For- schung. Im Ergebnis ist in den USA und in England die Rüstungs- forschung zum (noch stärker) dominierenden Sektor geworden, 10) Frankreich und - mit Abstand und Verzögerung - die BRD folgen dieser Tendenz. Die internationale Rüstungs- und Wissenschafts- statistik notiert übereinstimmend, daß seit Mitte der 70er Jahre der Anteil der militärischen Forschung an den Bundesausgaben fast aller Länder der OECD bzw. der EG zum Teil beträchtlich gewachsen ist. 11) Unter den 22 Ländern, zu denen für die letzte Dekade recht zuverlässige Daten vorliegen und welche im wesentlichen die militärische Forschung in den westlichen Ländern auf sich konzen- trieren, haben nur drei Länder (Australien, Belgien und die Schweiz) ihre Ausgaben nicht gesteigert. Die Rüstungsforschung in der UdSSR, der VR China und Dritten Welt (z.B. Brasilien und Pa- kistan) expandiert gleichfalls. Freilich ist es gegenwärtig nicht möglich, präzise Angaben zum globalen Umfang der Rüstungsfor- schung zu treffen. Weder die Sowjetunion noch die Volksrepublik China - die weltweit zu den sechs wichtigsten Geldgebern gehören - publizieren irgendwelche Daten; die Budgetangaben der anderen Staaten sind fast immer zu niedrig angesetzt. Schätzungen der UNO 12) und des SIPRI 13) gehen von ca. 25% der Weltausgaben für FuE aus. Berücksichtigt man, daß diese Studien privatindustrielle Mittel 14) und die in anderen Budgets etatisierten Mittel nur teilweise 15) miteinbeziehen, dann läßt sich schätzen, daß die W e l t a u s g a b e n für militärische Forschung und Entwick- lung 1 9 8 8 bei 1 4 0 - 1 6 0 M r d. $ (35-40% der Welt- ausgaben für Forschung und Entwicklung) liegen und daß über eine M i l l i o n Wissenschaftler und Ingenieure in der Rüstungsfor- schung arbeiten. D a s i s t d a s "M a ß d a f ü r , w a s d e r K r i e g d i e W i s s e n s c h a f t b e r e i t s i n F r i e- d e n s z e i t e n k o s t e t" 16). 3. Die Funktionen der militärischen Forschung --------------------------------------------- Fragt man nach den Perioden der militärischen Wissenschaftsge- schichte der Nachkriegszeit, dann wird man den Blick über die b l o ß f i s k a l i s c h e Dimension hinaus auf weitere m i l i t ä r i s c h e, w i r t s c h a f t s- und w i s- s e n s c h a f t s p o l i t i s c h e Zielsetzungen richten müssen, welche in die Gestaltung der militärischen Wissen- schaftspolitik eingehen und sie in unterschiedlicher Weise prägen. Die militärische Wissenschaftsgeschichte ist durch die - durchaus ungleichmäßige - Ausbildung verschiedener Funktionen eines sich sukzessiv komplettierenden Forschungssystems charakterisiert, das Eigengewicht und Eigendetermination und damit zunehmende Uner- setzbarkeit erhält. Neben der Verwirklichung übergeordneter allgemeiner militär- und sicherheitspolitischer Zielsetzungen waren die westlichen Staaten t e c h n o l o g i e p o l i t i s c h bestrebt, das während des 2. Weltkriegs in den USA entstandene militärtechnologische Paradigma zu adaptieren und auf dieser Grundlage eine zunehmend autonome Technologiepolitik zu entwickeln, welche die Existenz eines zumeist über den privaten Rüstungsexport abgesicherten grö- ßeren Marktes voraussetzt. Rüstungsforschungspolitik ist zugleich auch immer als Bestandteil a l l g e m e i n e r W i s s e n s c h a f t s f ö r d e- r u n g aufgefaßt worden; militärische Staatsapparate und Rü- stungsunternehmen hatten eine wissenschaftspolitische Führungs- funktion, die zum Beispiel in der Bundesrepublik Deutschland erst in der zweiten Hälfte der 60er Jahre verlorenging, als die Auf- lage neuer großer ziviler Forschungsprogramme des Bundes einher- ging mit dem Aufbau des Bundesministeriums für Forschung und Technologie als neuem, auf zivile und quasizivile Technologieent- wicklung orientiertem Staatsapparat. Bis dahin hatte das Vertei- digungs-ministerium die Gestaltung ziviler Programme beeinflußt, die Anfangs- und Grundfinanzierung von Großforschungseinrichtun- gen ermöglicht und die Entwicklung einzelner Disziplinen wie der Informatik oder der Luftfahrtforschung stark geprägt. Wo, wie in den USA oder England, die Rüstungsforschung dominiert, sind auch keine auf nationaler Ebene mit den militärischen Appa- raten konkurrierende zivile wissenschaftssteuernde Einrichtungen (zivile Wissenschafts- oder Forschungsministerien) aufgebaut wor- den. Während sich das b e s o n d e r e wirtschaftspolitische Ziel der Förderung einzelner B r a n c h e n (etwa: Luft- und Raumfahrtindustrie, Werftenindustrie, Munitions- und Waffenindu- strie) seit jeher im Funktionsmuster der Militärforschungspolitik aller entwickelten westlichen Staaten vorfindet, kann offenbar nur eine das nationale Produktivkraftsystem weitgehend dominie- rende, mächtige Rüstungsforschung sich das a l l g e m e i n e i n d u s t r i e p o l i t i s c h e Ziel zu eigen machen, über die ziviltechnologische Sekundärnutzung der Rüstungstechnologie ("spin-off") die allgemeine Produktivität der Volkswirtschaft zu steigern und damit zum strategischen Leitsektor der gesamtwirt- schaftlichen Entwicklung zu avancieren, wie dies in den USA spä- testens seit Anfang der 50er Jahre der Fall war. 17) Die Übernahme der Rolle des "Weltpolizisten" (Kissinger) nach 1945 reflektierte den Aufstieg der USA zur ökonomischen Hegemoni- almacht und gab dem militärischen Faktor jene Schlüsselrolle, aus der dann die Kontinuierung eines kriegswirtschaftlich mobilisier- ten Wissenschaftssystems in die "Friedenswirtschaft" des Kaltens Krieges entsprang, das noch in den 40er Jahren über den Aufbau der quasizivilen Nuklear Forschung, ein Jahrzehnt später über das Programm der bemannten Raumfahrt zusätzlich expandierte. Rüstung, Atom und Weltraum - um diese Triade dreht sich seitdem die vom amerikanischen Entwicklungsmuster geprägte globale For- schungspolitik, auch wenn das Gewicht der einzelnen Bestandteile dieser Triade in den einzelnen westlichen Staaten variiert. Die Entwicklungschancen dieses Musters sind jedoch schlecht. Die Atom- und Raumfahrtpolitik der USA geriet Anfang der 70er Jahre in eine politische Krise, die sich im ersten Falle als ausweglos erweisen sollte, im zweiten Falle nur durch die erneute Ausprä- gung der militärischen Komponente (SDI) zeitweilig abgefedert werden konnte. Soweit sie wirtschaftspolitisch motiviert war, re- flektiert die massive Remilitarisierung der amerikanischen For- schungspolitik seit Mitte der 70er Jahre, (die in einen Anstieg des Anteils der Bundesausgaben für militärische Forschung und Entwicklung am Bundesbudget Forschung von rund 50% auf etwa 70% in der ersten Hälfte der 80er Jahre einmündete) nicht mehr den Aufstieg der USA zum ökonomischen Hegemon, sondern gerade im Ge- genteil eine Neuverteilung ökonomischer Macht, ein "America in Decline", das versucht, auf die zunehmend suboptimalen 18) Ergeb- nisse eines militarisierten Entwicklungsmusters nicht durch den Übergang zu einem anderen, produktiveren, zivilindustriell oder technologisch angelegten Muster zu reagieren, sondern durch die Implementierung dieses - von ihm immer noch kontrollierten - stark rüstungsindustriell geprägten Modells in anderen konkurrie- renden Staaten (Japan, Westeuropa), um diese auf ein von den USA dominiertes Feld zu zwingen. Die Internationalisierung des SDI- Programms ist dafür ein Beispiel. Tatsächlich haben sich seit Ende der 70er Jahre die Fixpunkte der Forschungsförderung beträchtlich in Richtung auf Militär- und Weltraumforschung verschoben: Japan verdreifachte, die BRD ver- doppelte ihre Ausgaben für Rüstungsforschung; 19) Japan, Frankreich, England und die BRD investieren seit Mitte der 80er Jahre massiv in den Aufbau einer bemannten Raumfahrt - zum Teil auf der Basis quasiziviler Technologien, welche die USA in den 60ern entwickelte. Im Ergebnis des letzten weltweiten Wachstums- zyklus der Rüstungsforschung seit Mitte der 70er Jahre haben da- her im globalen Maßstab konkurrierende, d.h. auf zivilindustriell angelegte Kapitalakkumulation (BRD, Japan) bzw. Hochtechnikorien- tierung (Japan) abzielende Entwicklungsmuster nationaler For- schungs- und Technologiepolitik wesentlich an Gewicht verloren. Die Basis dieser gleichsam erzwungenen und auch keineswegs voll realisierten Homogenisierung der nationalen forschungspolitischen Muster ist jedoch brüchig. 4. Was ist militärische Forschung? ---------------------------------- 4.1. Definitionen ----------------- Mit der Expansion der Rüstungsforschung einher geht ein erneuter Disput um die Frage, wie diese denn eigentlich zu charakterisie- ren sei. Eine Definition der militärischen Forschung sei, so heißt es schon in Bernal's "Social Function", "heute zu einer fast unlösbaren Aufgabe geworden" 20). Da "anscheinend ganz zi- vile Forschung auch militärischen Zwecken dienen kann", sei "jede nationale industrielle Forschung potentiell militärische For- schung" geworden 21). Zieht man die gegenwärtig verbreiteten Klassifikationen der Wissenschaftsstatistik heran, spielen vier Sachverhalte immer wieder eine Rolle: 1. Die Natur der auftraggebenden und/oder finanzierenden E i n- r i c h t u n g u n d / o d e r i h r e N u t z u n g s a b- s i c h t e n 2. Der Status der d u r c h f ü h r e n d e n Institution oder Person 3. Die Natur des wissenschaftlichen/technischen P r o j e k t s (z.B. seine Anwendungsnähe) 4. Die tatsächliche N u t z u n g s m ö g l i c h k e i t des erbrachten Ergebnisses bzw. seine V e r w e n d u n g s w e i- s e (z.B. die Beschränkung seiner Verbreitung durch Geheimhal- tung). Dementsprechend lassen sich die Definitionen militärischer For- schung in der Literatur in d r e i G r u p p e n zusammenfas- sen: a) Forschung, die mit militärischer A n w e n d u n g s a b- s i c h t von m i l i t ä r i s c h e n Einrichtungen finan- ziert und organisiert wird; b) Forschung, die in der Absicht z i v i l e r u n d m i- l i t ä r i s c h e r Anwendung von m i l i t ä r i s c h e n o d e r z i v i l e n I n s t i t u t i o n e n finanziert und organisiert wird; c) Forschung, die o h n e solche Anwendungsabsicht von z i- v i l e n Einrichtungen gefördert wird, jedoch für militärische Anwendungen g e n u t z t werden kann. 22) Wohl am wenigsten umstritten ist ein Verständnis, wonach jede von militärischen Einrichtungen in militärischer Nutzungsabsicht fi- nanzierte Forschung ungeachtet ihrer kognitiven Natur und tatsächlichen Nutzbarkeit Militärforschung ist. Das Problem die- ses, für den aus der Wissenschaftsstatistik kommenden Diskurs ty- pischen Zugangs ist die Orientierung auf den individuellen For- schungsprozess, dessen Ort, Träger, Finanzierung, Inhalt und Re- sultat auf Besonderheiten untersucht werden. Auf der Ebene i n d i v i d u e l l e r Arbeitsprozesse lassen sich solche differentia specifica jedoch nur schwer fixieren: Mi- litär und damit auch militärische Forschung meinen allgemeine, g e s a m t g e s e l l s c h a f t l i c h e Sachverhalte, de- ren Merkmale sich im einzelnen Forschungsprozess nur unvollstän- dig, einseitig oder bloß in schwachen Ansätzen ausprägen. Eine (politische) Soziologie militärischer Forschung wird dagegen versuchen, die ökonomischen (auch finanziellen), institutionellen (auch regulativen und Macht-), legitimatorischen und sozialen Di- mensionen der Rüstungsforschung als einem Kernbestandteil supra- wie nationalstaatlich operierender Forschungs-, Technologie- wie Militärpolitiken zu erfassen. Hier nun lassen sich aber durchaus typische Merkmalsausprägungen festmachen, d i e e i n e n w e- s e n t l i c h e n U n t e r s c h i e d m a c h e n z w i- s c h e n m i l i t ä r i s c h e r u n d z i v i l e r F o r s c h u n g. 4.2. Die Entdifferenzierungsthese: ---------------------------------- ein Plädoyer für Verantwortungslosigkeit ---------------------------------------- Diesen zu bestreiten, ist vor allem seit Mitte der 70er Jahre die Essenz eines zunehmend akzeptierten, gleichsam technikhistorisch argumentierenden Konzepts, dessen politische Ursprünge in einem Bericht des dem US-Verteidigungsministerium zugeordneten "Defense Science Board" (DSB) von 1976 (Bucy-Report) zu sehen sind. Hier wurde erstens die These entwickelt, daß die Verwissenschaft- lichung der Kriegsvorbereitung und -führung eine neue Stufe er- reicht habe: Militärtechnik und "High Tech" würden immer mehr Synonyme. Für militärische Hochtechnologie gelte, was für die Hochtechnologie insgesamt typisch sei: der m i l i t ä r i- s c h e I n n o v a t i o n s z y k l u s v e r k ü r z e s i c h, die Spanne zwischen Grundlagenforschung und militäri- scher Anwendung schrumpfe, militärische Technik sei auf zahl- reichen Gebieten "nahezu unmittelbare Umsetzung von Grundlagen- wissen" 23). Diese "v e r t i k a l e" E n t d i f f e r e n- z i e r u n g führe dazu, daß Grundlagenforschung in ganz anderer Weise militärisch relevant werde als noch vor zwei oder drei Jahrzehnten. Die zweite, ebenso bedeutsame Komponente der Konzeption des DSB erklärt, daß sich die wachsende Einbeziehung von Wissenschaft und Forschung in die gesellschaftliche Praxis a u f g l i e d e r e: auf der einen Seite die ausschließlich oder vorwiegend zivile Forschung, auf der anderen Seite die eindeutig militärische For- schung und dazwischen ein rasch wachsender Sektor "sensitiver", "militärisch relevanter", "kritischer" "doppelt-verwendbarer" (dual-use) Technologien, der durch die K o n v e r g e n z zi- viler und militärischer Forschung und Technik entstehe. 24) Diese Vorstellung einer "h o r i z o n t a l e n" E n t d i f- f e r e n z i e r u n g hat eine d o p p e l t e f o r- s c h u n g s s t r a t e g i s c h e K o n s e q u e n z. Auf der einen Seite ergibt sich aus dem Zusammenkommen ziviler und militärischer Technologie, daß der "s p i n o f f" der Rü- stungstechnik für die zivile Technologie und Industrie steigt. Weit folgenreicher als diese konzeptionelle Revitalisierung einer zweifellos zum Traditionsbestand des rüstungstechnologiepoliti- schen Legitimationsdiskurses gehörenden These ist die "s p i n - i n" - Annahme, wonach zivile Technologie aufgrund ihrer mili- tärischen Anwendbarkeit nunmehr militärisch relevant werde und, so die politische Konsequenz, u n t e r d i e K o n t r o l- l e m i l i t ä r i s c h e r I n s t a n z e n z u k o m- m e n h a b e. In einem DSB-Bericht von 1982 heißt es: "Mili- tärische Macht ist jetzt in hohem Maß abhängig von fort- geschrittener zivilkommerzieller Technologie ... Mit wenigen Aus- nahmen hat die Entwicklung von Hochtechnologie, wo sie auch her- komme, militärischen Einfluß." 25) Folgerichtig ist insbesondere in den USA vor allem seit Anfang der 80er Jahre eine Forschungs- und Technologiepolitik entstan- den, die systematisch versuchte, explizit nicht geheime, zivile Forschung staatlicher (militärischer) Kontrolle zu unterwerfen und die Verbreitung ihrer Ergebnisse zu verhindern; zugleich wurde die industriepolitische Wirksamkeit der Rüstungspolitik vor allem auf dem Hochtechniksektor hervorgehoben. 26) Die Konzeption einer doppelten Entdifferenzierung der Wissen- schafts- und Technikentwicklung gipfelt in der Mutmaßung, daß die Konvergenz ziviler und militärischer (Hoch-)Technologien am Ende in die U n u n t e r s c h e i d b a r k e i t beider einmünde, s o d a ß j e d e T e c h n i k f ü r z i v i l e w i e m i l i t ä r i s c h e Z w e c k e e i n g e s e t z t w e r- d e n k ö n n e. Die politische Ratio einer solchen Argu- mentation liegt auf der Hand: wenn jede zivile Forschung und dar- aus resultierende Technologie auch militärische Konsequenzen ha- ben kann und auch kein strenger Zusammenhang zwischen Forschung und Praxis mehr existiert, d a n n k a n n a u c h e i n e i n z e l n e r W i s s e n s c h a f t l e r p r i n z i- p i e l l n i c h t m e h r v e r h i n d e r n , d a ß s e i n e F o r s c h u n g s e r g e b n i s s e m i l i t ä- r i s c h g e n u t z t w e r d e n. Der zentrale Bezugspunkt dieses Konzepts ist die mit der Verdich- tung des Innovationszyklus einhergehende A n w e n d u n g s- o f f e n h e i t wissenschaftlich-technischen Wissens. Im Mit- telpunkt steht die Betrachtung der Distributionsmuster der einzelnen Ergebnisse wissenschaftlich-technischer Arbeitsprozesse - ein verengter Zugang, der sich zudem in erster Linie auf die moderne (Mikro-)Elektronik bzw. Computertechnik stützt und andere Techniksektoren weitgehend ignoriert. Auch dort, wo das Argument am stärksten ist (Elektronik) , ist es undifferenziert und igno- riert die große Vielfalt der Militärtechnologien. Gleichwohl wird hier richtig festgestellt, daß es Prozesse der Entdifferenzie- rung, der Verflechtung und Vergesellschaftung gibt, mit denen sich jeder Versuch, zivile und militärische FuT zu unterscheiden, auseinandersetzen muß. Die hier verfolgte Interpretation dieser Prozesse kommt freilich zu durchaus anderen Schlußfolgerungen. 5. Zur Charakterisierung militärischer Forschung ------------------------------------------------ Es gibt einen identifizierbaren Typus "militärischer Forschung" mit besonderen Merkmalsausprägungen, die ihn von ziviler For- schung unterscheiden. Vorweg unterscheidet ein zentrales Merkmal "diese Forschung von aller anderen Wissenschaft": sie ist "bewußt auf einen gesellschaftlichen Zweck gerichtet, nämlich die schnellsten, effektivsten und schrecklichsten Mittel zur Tötung und Zerstörung" 27). Mit dieser Z w e c k s e t z u n g hängt eine weitere Eigenart zusammen: keine Forschung ist potentiell wie aktuell s o f o l g e n r e i c h, und keine spezielle Wissenschaftskultur hat so massive Formen der V e r h a r m- l o s u n g, I g n o r a n z oder gar gleichsam aggressiven A k z e p t a n z dieser Folgen hervorgebracht wie die militärische Forschung - wofür die äußerst elaborierte Tech- nologiefolgenbewertung im militärischen Bereich kein Gegenargu- ment ist: sie ist verkürzt auf die Analyse der militärisch rele- vanten Folgen der Technologieentwicklung. 28) Im Unterschied zur zivilen Forschung wird militärische überwie- gend s t a a t l i c h finanziert und d e r F o r- s c h u n g s a n t e i l a n d e n P r o d u k t i o n s- k o s t e n i s t ü b e r d u r c h s c h n i t t l i c h. Die Industrie und wenige staatliche Laboratorien sind der primäre Ort der Rüstungsforschung, H o c h s c h u l e n s p i e l e n k a u m e i n e R o l l e. 29) Die r e g i o n a l e 30) und d i s z i p l i n ä r e 31) (auf einige naturwissenschaftlich- technische bzw. ingenieurwissenschaftliche Gebiete bzw. die In- formatik beschränkte) Potentialkonzentration ist ü b e r- d u r c h s c h n i t t l i c h, der Anteil der G r u n d l a- g e n f o r s c h u n g zugunsten der Entwicklungs-, Erprobungs- und Testphase weit geringer als in der zivilen Forschung. 32) Das t e c h n i s c h e Spektrum ist stark verengt. 33) Die R e g u l i e r u n g des Forschungsprozesses wird p o l i- t i s c h dominiert; der Entscheidungsprozeß ist h o c h v e r- m a c h t e t (Militär-Industrie-Komplex). Forschung wird durch- gängig und dauerhaft i n s t r u m e n t e l l begriffen und legitimiert als Mittel zur E r r e i c h u n g p o l i t i- s c h e r Ziele (nationale Sicherheit, Krieg). Der militärische I n n o v a t i o n s- u n d P r o d u k t z y k l u s dauert auch bei kleiner dimensionierten Systemen (z.B. Gewehrtypen, Fahrzeugen) in der Regel w e i t l ä n g e r als in der Welt ziviler Technologie und kann 40 bis 50 Jahre dauern. Sein Rhythmus ist bestimmt vom F o l l o w - o n - I m p e r a t i v. 34) Der militärische Innovationsprozeß ist nicht prozeß-, sondern p r o d u k t- u n d g e b r a u c h s w e r t o r i e n- t i e r t; seine K o s t e n e f f e k t i v i t ä t ist sy- stematisch gering, die P r o d u k t i o n s l i n i e n sind bei großtechnischen Systemen, die bei weitem den Hauptteil der Ressourcen für militärische FuT verbrauchen, s e h r k l e i n, economics of scale werden nicht realisiert. 35) Die Märkte auch solcher Rüstungsgüter, die in Massenproduktion hergestellt werden, sind weit überwiegend durch m o n o p o l i s t i- s c h e s t a a t l i c h e Nachfrage konstituiert. Die P r o f i t b e d i n g u n g e n im Sektor militärischer For- schung und Technologie sind offenbar überdurchschnittlich. 36) Militärische Forschung zielt auf die G e n e r i e r u n g, nicht auf das L ö s e n von Problemen ab und ist daher hochgradig e i g e n g e s t e u e r t: ihr ständiges Stimulanz ist ein auf dem Wege der Projektion ununterbrochen neu entstehendes W o r s t - C a s e - D e n k e n über das poten- tielle Entwerten der eigenen Forschungsergebnisse durch die wissenschaftliche Bemühung des militärischen "Feindes". Diese M a ß l o s i g k e i t d e r T e c h n o l o g i e e n t- w i c k l u n g hat ihren Grund - zumindest im Zeitalter der Nuklearwaffen, zumindest in Europa - in dem Fakt, d a ß d i e F r a g e "W i e v i e l i s t g e n u g?" n i c h t b e- a n t w o r t e t w e r d e n k a n n, w e n n d e r T e s t d u r c h d e n K r i e g a u s b l e i b t. Während zivil- kommerzielle Forschung auf die D i v e r s i f i z i e r u n g ihrer Resultate abstellt, sind militärische Forschung und Technologie auf U n i f o r m i t ä t u n d A u s t a u s c h- b a r k e i t aus; 37) zumindest in jüngerer Zeit hat dies mit gegenläufigen Diffusionsmustern zu tun: die wachsende Geheim- haltung im militärischen Bereich erschwert T r a n s f e r- u n d D i f f u s i o n s v o r g ä n g e sogar innerhalb militärischer Einrichtungen. 38) Nicht zuletzt dadurch sind die Verknüpfungen dieses Forschungstypus mit der A u s b i l d u n g (Lehre) sehr gering; die i n d i r e k t e n Effekte auf die Ökonomie sind s c h m a l, die d i r e k t e n n e g a t i v: Rüstungswaren sind nicht-reproduktive Waren. 39) 6. "Pseudozivile" Forschung --------------------------- Was in der skizzierten Konzeption vor allem anhand der Elektronik als Entstehung eines neuen zentralen dritten Feldes "militärisch r e l e v a n t e r" Technik interpretiert wird, b i l d e t k e i n e n e u a r t i g e n K o n v e r g e n z p r o z e s- s e a b, s o n d e r n e i n M u s t e r "q u a s i z i v i- l e r" F o r s c h u n g, d a s a u f d e r S y s t e m- e b e n e b e s o n d e r e M e r k m a l s a u s p r ä g u n- g e n b e s i t z t. Im wesentlichen seit dem Ende des zweiten Weltkriegs ist es zu einer allmählichen Ausdehnung eines unter militärischen Vorzeichen entstandenen Forschungstypus in zwei zusätzliche Bereiche gekommen: Weltraum- und Atomforschung. 40) Seit den fünfziger Jahren dominieren sie die nicht-militärische Forschungspolitik der hochentwickelten kapitalistischen Staaten. Obwohl historisch aus der militärischen Forschung entstanden, u n t e r s c h e i d e n sie sich zumindest in d r e i e r- l e i Hinsicht von der Rüstungsforschung: ihre Produkte haben keinen unmittelbaren m i l i t ä r i s c h e n Gebrauchswert, ihre (Groß-)Projekte werden nicht mit dem immer gleichen Hinweis auf die Erfordernisse nationaler Sicherheit und militärischer Verteidigung l e g i t i m i e r t; vielmehr finden sich vari- ierende, zahlreiche, gleichsam zufällige und auf die zivile Öffentlichkeit abzielende Legitimationsmuster. 41) Schließlich ist d i e, p r a k t i s c h e N u t z u n g der Technologie (mitsamt dem Innovations-Feedback) m ö g l i c h und muß nicht - wie bei einem Großteil der militärischen Technologie - durch Simulation fingiert oder stellvertreterhaft gleichsam klein- dimensioniert auf "Ersatzkriegsplätzen", unter unvollkommenen Bedingungen getestet werden. 42) G l e i c h w o h l g i b t e s e n t s c h e i d e n d e s t r u k t u r e l l e M e r k m a l e d i e s e s F o r- s c h u n g s t y p u s, d i e n ä h e r b e i d e r m i l i t ä r i s c h e n F o r s c h u n g a l s b e i d e r z i v i l k o m m e r z i e l l e n (i n d u s t r i e l l e n) b z w. a k a d e m i s c h e n F o r s c h u n g l i e g e n. 43) Nuklear- wie Weltraumforschung operieren im Prinzip wie die mili- tärische Forschung, denn anders als bei der zivilen Forschung, die bis zum zweiten Weltkrieg dominierte, geschieht hier die B e w e r t u n g der von den Wissenschaftlerinnen bzw. Kollek- tiven erbrachten wissenschaftlich-technischen Leistungen weder durch die Scientific Community noch durch den Markt. An die Stelle der w i s s e n s c h a f t l i c h e n und ö k o n o- m i s c h e n Leistungsbewährung und -bewertung ist die Beur- teilung nach p r i m ä r p o l i t i s c h e n Kriterien getreten. N i c h t ö k o n o m i s c h e r P r o f i t o d e r w i s s e n s c h a f t l i c h e W a h r h e i t, s o n d e r n p o l i t i s c h e B e d ü r f n i s s e r e- g u l i e r e n u n d s t e u e r n h i e r p r i m ä r d e n F o r s c h u n g s p r o z e s s. Die M ä r k t e der hier produzierten Großtechnologien (Kernreaktoren, Wiederaufbe- reitungsanlagen, Raketen, die Mehrheit der Satelliten, Weltraum- stationen usw.) sind - wie im militärischen Bereich - durch ex- klusive s t a a t l i c h e Nachfrage entstanden, eine Situa- tion, aus der die oftmals vermerkte geringe Relevanz der K o s t e n e f f e k t i v i t ä t resultiert. Pseudozivile Forschung unterscheidet sich auch nicht hinsichtlich ihrer i n s t i t u t i o n e l l e n Basis (Industrieforschung, we- nige staatliche Großlaboratorien), des relativ geringen G r u n d l a g e n f o r s c h u n g s a n t e i l s, des lan- gen, v o m f o l l o w - o n - I m p e r a t i v gesteuerten Lebenszyklus, des - tendenziell globalen - K a t a s t r o- p h e n p o t e n t i a l s der entwickelten Technik, 44) dem Grad der G e h e i m h a l t u n g - man denke an die "born- classified"-Regelung im Bereich der Nuklearforschung - oder der z e n t r a l i s t i s c h - z e n t r a l i s t i s c h - h i e r a r c h i s c h e n Organisation der Forschung von der militärischen Forschung: die Sicherung der Ergebnisse der Nuklearforschung - aber auch der Gentechnologie - ist schon lange ein militärisches Problem geworden. Endlich wird man vergebens grundlegende Unterschiede im D e s i g n sowie in den T e c h- n i k e n der P r o d u k t i o n, I n s t a l l a t i o n u n d M a i n t e n a n c e (z.B. Energieversorgung) quasizivi- ler und militärischer Groß Systeme suchen. 45) 7. Welche Konvergenz gibt es? ----------------------------- Eine Analyse der D i s t r i b u t i o n s m u s t e r - die dann auch Aussagen über K o n v e r g e n z p r o z e s s e ma- chen könnte - muß ansetzen mit einer präziseren Beschreibung der H i e r a r c h i e m i l i t ä r i s c h e r T e c h n i k e n u n d S y s t e m e. Sie reichen von Chips im Werte einiger Pfennige bis zu militärischen Supersystemen, deren Kosten in die Milliarden gehen. Im Anschluß an die von Walker u.a. entwickelte Taxonomie 46) lassen sich die militärischen Produkte in eine 8 - s t u f i g e H i e r a r c h i e gliedern, beginnend mit der Produktklasse der M a t e r i a l i e n (z.B. Halbleiter) über K o m p o n e n t e n (integrierte Schaltkreise), E l e- m e n t e (Visiere), T e i l s y s t e m e (Gyroskope, Termi- nals), k o m p l e t t e W a f f e n u n d K o m m u n i- k a t i o n s g e r ä t e (Torpedos, Radios), m i l i t ä r i- s c h e S y s t e m e (Trägersysteme wie z.B. Tornado) und i n t e g r i e r t e S y s t e m e (Luftverteidigungssysteme; Flugzeugträgereinheiten) sowie t e c h n i s c h e S u p e r- s y s t e m e. 47) Je höher man in dieser Hierarchie gelangt, desto k o m- p l e x e r und g r ö ß e r d i m e n s i o n i e r t werden die Produkte, s i e e r h a l t e n S y s t e m c h a r a k- t e r, ihre Anzahl nimmt ab. Ebenso verändert sich die P r o- d u k t i o n s t e c h n i k: mit aufsteigender Hierarchie traten an die Stelle der M a s s e n p r o d u k t i o n (Ge- wehre) die Produktion kleinerer S e r i e n (Tanks) und L o s g r ö ß e n, endlich die S t ü c k p r o d u k t i o n (Interkontinentalraketen, Satelliten) bzw. die I n t e g r a- t i o n d i s p a r a t e r t e c h n o l o g i s c h e r S y- s t e m e. 48) Dementsprechend nehmen die Komplexität und Groß- dimensioniertheit der Produktionsorganisation zu, je näher man zur Spitze der Pyramide gelangt. Auch wenn technische Veränderungen natürlich auf jeder Ebene initiiert werden können, so scheinen doch Entscheidungen auf der S y s t e m e b e n e - z.B. einzelne Träger oder Waffensysteme (z.B. das Tornado- Flugzeug oder Panzer) zu entwickeln und zu bauen - die Zusammensetzung und Entwicklungsrichtung der gesamten nach- geordneten Produktklassen zu strukturieren. 49) Ihre Wirkung geht auch in die Tiefe: die technologische Prägung - kurz: d i e s t o f f l i c h e F o r m b e s t i m m u n g d e r v o r- g e l a g e r t e n S t u f e n d e r H a l b f a b r i- k a t e u n d V o r p r o d u k t e d u r c h d a s F i n a l p r o d u k t n i m m t i n d e m M a ß e z u, w i e d i e s e s E n d p r o d u k t S y s t e m c h a- r a k t e r a n n i m m t; die Dimension dieser vorgelagerten Prozesse ist beträchtlich: die Prototypen mancher SDI-Waffensy- steme sind bis zu 200 m lang und wiegen bis zu 300 Tonnen, ein- zelne Teststätten und Großexperimente des SDI-Programms kosten über 1 Mrd. $. Diese Systeme wirken zugleich auf übergeordnete Doktrinen und Strategien ein, deren Veränderungen wiederum für die Entwicklung ganz anderer Produktklassen bedeutungsvoll sein können. Die Tiefenwirkung geht auch in eine andere Richtung: mi- litärische Produkte erfordern eine eigene L o g i s t i k. 50) Betrachtet man die einzelnen Produkte, so läßt sich generell die Unterscheidung treffen in (wenige) Produkte, die s t o f f- l i c h bedingt für militärische Märkte spezifisch sind (z.B. Nuklearwaffen, die "Stealth"-Technologie oder das Projekt eines "National Aerospace Plane") bzw. deren Distribution mittels s t a a t l i c h e n Zwangs - also politisch - auf den militärischen Bereich (Markt) begrenzt wird (Waffen/Munition); in Produkte, die es a u f z i v i l e n w i e m i l i t ä- r i s c h e n Märkten gibt, die ihnen aber a n g e p a ß t werden (z.B. Flugzeugturbinen); schließlich sog. handelsübliche Produkte, die auf (o h n e S p e z i f i z i e r u n g e n) beiden Märkten vorkommen (z.B. Chips oder Transportfahrzeuge). Militärisch angepaßte Technologie reflektiert das spezifische Anforderungsprofil von Militärtechnologien: etwa hinsichtlich Geräuschverhalten, Abstrahlsicherheit, Erfaßbarkeit (z.B. Infra- rotsicherheit), Schutz vor Strahlung oder mechanische Schock- und Schwingungsfestigkeit als Anforderungen an Materialien, Kom- ponenten, Elemente oder Teilsysteme. 51) Generelle Anforderungen wie Wartungsfreiheit und geringe Störanfälligkeit bzw. allgemeine Überlebensfähigkeit der Produkte sind synthetische Eigenschaften der militärischen Systeme höherer Produktklassen. Geht man die Hierarchie der Produktklassen "nach oben" zur Pyramidenspitze, gibt es einen U m s c h l a g s p u n k t, für den ein Wechsel der Terminologie steht: es ist nicht mehr die Rede von P r o d u k t e n oder T e c h n o l o g i e n, sondern von P r o j e k t e n und P r o g r a m m e n. Von diesen Ebenen an wird die Verwendung des S y s t e m b e g r i f f s sinn- voll. Ein qualitativer Wandel im Verhältnis ziviler und militärischer Produkte geschieht auf diesen Ebenen der W a f- f e n (Raketen, Torpedos), W a f f e n p l a t t f o r m e n (Schiffe, Flugzeuge) und K o m m u n i k a t i o n s s y s t e- m e (Radar, Satelliten): die Ähnlichkeit der militärischen Konstrukte mit Produkten aus der zivilen Produktion, die auf den niedrigeren Ebenen (Komponenten, Sub-Systeme etc.) zu finden war, nimmt ab. Sicher gibt es noch Überlappungen: kaum bei den Waffen, stärker bei den Trägern (auch wenn die Endprodukte sicherlich einmalig sind - mit Nuklearwaffen bestückte U-Boote, Kampfflug- zeuge oder Flugzeugträger sind Unikate der Militärtechnologie und haben keine zivilen Äquivalente), am meisten bei den Kommunika- tionssystemen. A u f d e n l e t z t e n E b e n e n d e r t e c h n i s c h e n (S u p e r -) S y s t e m e g i b t e s k e i n e ä q u i v a l e n t e n z i v i l t e c h n o l o- g i s c h e n S y s t e m e m e h r: E i n z i g a r t i g- k e i t i s t z u r N o r m g e w o r d e n. Damit wird zugleich ein paradox erscheinender Sachverhalt sicht- bar: j e h ö h e r w i r i n d e r P r o d u k t h i e- r a r c h i e g e r a t e n, d e s t o m e h r w ä c h s t d i e A n w e n d u n g s s p e z i f i k d e r P r o-- d u k t e u n d s i n k t d a m i t i h r T r a n s f e r- p o t e n t i a l - z u g l e i c h a b e r n ä h e r n s i c h d i e M e t h o d e n d e r P r o d u k t i o n b z w. O r g a n i s a t i o n d e r S y s t e m e a n! Fir- men, die großtechnische militärische Systeme entwickeln und produzieren, sind daher imstande, zwischen unterschiedlichen Klassen (Typen) militärischer Systeme - z.B. Raketen und Raketenabwehrwaffen 52) - zu wechseln und häufig auch auf den Märkten ziviler großtechnischer Systeme zu operieren. Verän- derungen in der privaten oder öffentlichen Kapitalallokation bestehen deshalb oftmals im Übergang von quasiziviler zur militä- rischen Produktion großtechnischer Systeme (von zivilen zu mili- tärischen Reaktoren) oder im Wechsel zwischen Produktklassen (von luft- zu raumgestützter Ballistic Missile Defence) oder Elementen innerhalb dieser Klassen (Raketen/Satelliten), nicht aber in der Ablösung der Entwicklung militärischer Systeme durch die Er- forschung, Entwicklung und Produktion von Waren für zivile Mas- senmärkte. Und auch die Existenz eines solcherart limitierten Transferpotentials kann nicht von vornherein positiv bewertet werden, ruft man sich den generellen Sachverhalt ins Gedächtnis, wonach an die Funktions- und Leistungsfähigkeit sowie Verläßlich- keit militärischer Produkte extreme Anforderungen gestellt wer- den, die oftmals weit über gängigen ziviltechnologischen Durch- schnittstandards liegen, die zum Beispiel erheblich höhere Störanfälligkeit zulassen. R ü s t u n g s t e c h n i k h a t d a h e r Z ü g e e i n e s t e c h n o l o g i s c h e n T r i u m p h a l i s m u s: s i e b e a n t w o r t e t F r a g e n, d i e i m z i v i l e n B e r e i c h k e i- n e r g e s t e l l t h a t, u n d l ö s t P r o b l e m e, d i e n i e m a n d h a t t e . S i e s e t z t o f t- m a l s u n g e h e u r e M i t t e l e i n, u m n u r g e r i n g f ü g i g e V e r b e s s e r u n g e n v o n m i l i t ä r i s c h e n G e b r a u c h s w e r t e i g e n- s c h a f t e n u n d Z i e l w e r t e n z u e r r e i- c h e n , n a c h d e n e n i m z i v i l e n B e r e i c h e b e n f a l l s n i e m a n d r u f e n w ü r d e , d a h i e r v e r g l e i c h b a r e R a t i o n a l i t ä t s- u n d B e w e r t u n g s t y p e n - u n d s o m i t A k- z e p t a n z e n - k a u m e x i s t i e r e n. 53) Hier geht es auch um die spezifische Art, wie militärische, wie quasi- zivile Technologien sozial konstruiert werden: offenbar führt, wie etwa das Beispiel der US-Raumfähre zeigt, die aus der Interessenvielfalt der beteiligten Klientel resultierende An- spruchsmenge an die Funktionsweise technologischer Großsysteme regelmäßig zu ü b e r k o m p l i z i e r t e n Entwürfen. D i e t e c h n i s c h e n G e r ä t e s o l l e n a l l e s k ö n n e n - a u c h w e n n m a n e s n i c h t b r a u c h t. Technische Konfiguration und Design sind gleich- sam funktionell übersteigert. Wir haben es mit S t r e s s- t e c h n o l o g i e n zu tun. Eingebaut sind dabei Ketten immer aufwendiger werdender Problemlösungen, weshalb derlei Technologien ständig an der Grenze zum Systemzusammenbruch strukturiert werden - es sind nicht mit Sicherheit kontrollier- bare K a r t e n h a u s- o d e r D o m i n o t e c h n o- l o g i e n. Ein definiertes Folgeverhalten auch beim Zusam- menbruch einzelner Funktionen, das Sicherheit gewährleistet, kann nicht erreicht werden. Versagt ein Dichtungsring, explodiert die ganze Raumfähre und die Menschen sterben. 54) Die Militärtechnik hat diese Eigenschaft seit dem 2. Weltkrieg weit deutlicher als zuvor ausgeprägt, weil sie eine Technik der Abschreckung war: ihr Test, ein Krieg in Europa, blieb aus. Sie hat deshalb zugleich einen eigentümlich konservativen Zug: ihr Modell des Krieges blieb - sieht man von der nuklearen Komponente ab - der 2. Weltkrieg, nach dessen Muster das Kriegsgerät techno- logisch perfektioniert wurde. Rüstungstechnik ist daher struktu- rell ressourcenintensiv 55) und extrem kapitalaufwendig. Der Transfer solcher problematischer Muster aus dem Rüstungsbereich in die Welt quasiziviler oder ziviler Technologie durch die Sy- stementwickler kann daher kaum - etwa unter dem positiven "Spin- Off"-Signum - als positiver Beitrag gewertet werden. Quer zu dieser Klassifikation scheint sich im übrigen die elek- tronische (informationsverarbeitende) Technologie zu entwickeln: die skizzierte Gegenläufigkeit (Spezifizierung der Systeme/ Transferpotential der Methoden) existiert hier nur in Ansätzen - dies gilt auch für die neuere Entwicklung in der Militä- relektronik. 56) Für die 80er Jahre gleichfalls bedeutungsvoll aber ist das spürbare Hervortreten militärischer Merkmale bei quasizivilen Großtechniken, wie die gegenüber der Stagnation der zivilkommerziellen Atomenergie fast ungebrochene Dynamik der mi- litärischen Atomforschungs- und -technikprogramme in den USA bzw. die Marginalisierung der zivilen Dimensionen der Raumfahrt 57) zeigen. Wenn überhaupt, dann ließen sich hier Konvergenzen ver- merken. 8. Forschungspolitiken ---------------------- Für die Nachkriegsgeschichte der staatlichen Forschungspolitik ist daher das O s z i l l i e r e n z w i s c h e n d o m i- n a n t m i l i t ä r i s c h e n u n d d o m i n a n t q u a s i z i v i l e n E n t w i c k l u n g s m u s t e r n typisch. Strategien, die auf ein z i v i l i n d u s t r i e l l bzw. z i v i l w i s s e n s c h a f t l i c h - t e c h n o l o g i s c h e s Entwicklungsparadigma ausgerichtet waren, sind demge- genüber in den westlichen Staaten nirgends außer in Japan und zeitweise in der BRD von zentraler Bedeutung gewesen. Innovatio- nen und wissenschaftliche Durchbrüche werden im Rahmen dieser Mu- ster verarbeitet, wie z.B. der massive Einstieg des DoD in die Supraleiter- und die Supercomputerforschung zeigt. 58) In allen Fällen freilich spielen High-Tech-Programme eine Schlüsselrolle. 59) Schwer abzuschätzen ist, wie stark die einzelnen Muster aus- gebildet sein müssen, um tatsächlich als konkurrierendes Modell auftreten zu können. Nicht selten sind Vorhaben und Mittel der Rüstungsforschung einfache, aber willkommene Zusatzressourcen für ein dominant zivil oder quasizivil operierendes Entwicklungsmu- ster. Die Untersuchung von Lichtenberg spricht allerdings dafür, daß die Ausdehnung der militärischen Forschungsressourcen in den USA zu einem "crowding out" der zivilen Forschung geführt hat. 60) I n k e i n e m L a n d n u n a l l e r d i n g s f i n- d e t s i c h e i n e d u r c h a u s d e n k b a r e a l- t e r n a t i v e f o r s c h u n g s p o l i t i s c h e S t r a t e g i e, d i e s o z i a l s t a a t l i c h - ö k o- l o g i s c h e Zielsetzungen ins Zentrum rücken würde. 61) Dieser Politikansatz ist in den letzten Jahren vielmehr geschwächt worden. In den USA kontrollierte die militärische Wissenschaftspolitik Ende der 80er Jahre über die Hälfte der nationalen und rund drei Viertel der bundesstaatlichen Wissenschaftsressourcen. Die Bun- desausgaben für Rüstungsforschung dürften die Mittel für sozial- staatlich angelegte Forschungen (Health and Human Services, Edu- cation, Labor) und Umweltforschung um rund das 50fache übertref- fen. Nach der Amtsübernahme R. Reagans ist das Energieministerium ein zweites Ministerium für militärische Forschung geworden, da seine Ausgaben im Bereich der militärischen Atomforschung und -technik von 3,6 Mrd. $ (1981) auf 8,1 Mrd. $ (Haushaltsentwurf 1988) anstiegen und jetzt 65% des Haushalts dieses Ministeriums ausmachen (1981: 38%). Die Ausgaben für Solarenergie und regene- rative Energien sind 1988 um 81% niedriger als 1981. 62) Allein das SDI-Projekt bestritt von den FuE-Ausgaben des Bundes bzw. des DoD 1987 5.8 v.H. bzw. 8.5 v.H.; sein Budget entsprach damit ei- nem Fünftel der gesamten Bundesausgaben für die zivile Forschung. In der BRD gab der Bund 1988 rund 10mal soviel für militärische Forschung aus wie für Umweltforschung oder für die Erforschung regenerativer Energiequellen, 20mal soviel wie für die Forschun- gen zur Humanisierung der Arbeit und 1000mal soviel wie für Frie- densforschung. 63) Ein s o z i a l s t a a t l i c h - ö k o l o g i s c h e s P a r a d i g m a in der Forschungs- und Technologiepolitik wird sich von den skizzierten Entwicklungsmustern wesentlich unter- scheiden, wie die bereits existierenden B a u s t e i n e einer solchen Politik zeigen: seine Z w e c k e formulieren sich nicht aus Aspekten militärischer Macht, ökonomischen Gewinns oder wissenschafts- bzw. technikinterner Maßstäbe, sondern nach dem Maß gesellschaftlicher und ökologischer B e d ü r f n i s s e, die zugleich in der Regel ihren primären B e w e r t u n g s- und L e g i t i m a t i o n s r a h m e n konstituieren; sie ist a u f p r a k t i s c h e Nutzung aus, was eine d e- m o k r a t i s c h organisierte (nicht nur Kosten-) E f- f e k t i v i t ä t s kontrolle des Wissenschaftsprozesses er- fordert; sie wird der i n t e r d i s z i p l i n ä r e n G r u n d l a g e n f o r s c h u n g großen Raum geben müssen und begleitet sein von W i s s e n s c h a f t s- u n d T e c h n i k f o l g e n f o r s c h u n g, die - zusammen mit einer d e m o k r a t i s c h (nicht notwendig bloß dezentra- len) geordneten Wissenschaftspolitik - die mit der Umwandlung der Gesellschaft in ein Labor (Krohn/Weyer) gesteigerte R i s i- k o t r ä c h t i g k e i t des Unternehmens Wissenschaft nicht rückgängig, aber vielleicht k o n t r o l l i e r b a r machen kann. Eine Alternative zu diesem Versuch gibt es nicht. Ihn zu wagen und damit zugleich die weiterweisende Perspektive grundlegend alternativer Entwicklungwege zu eröffnen, ist heute die zentrale Aufgabe demokratischer Wissenschaftspolitik. _____ 1) Bernal, J.D., Cornforth, M., Die Wissenschaft im Kampf um Frieden und Sozialismus, Berlin/DDR 1950, S. 40. 2) Der Wissenschaftshistoriker Bernal ("Die Wissenschaft in der Geschichte", Berlin/DDR 1967, S. 532 ff.) macht hier die wichtig- ste frühe Ausnahme. Merritt Roe Smith, Introduction, in: ders. (ed.), Military Enterprise and Technological Chance. Perspectives on the American Experience, Cambridge, London 1985, S. 1 ff. und Roland, A., Technology and War: A Bibliographie Essay, ebd., S. 347 ff. sowie ders.: Science and War, in: Osiris, 1/1985, S. 247- 272 stellen die historischen Arbeiten zur Militärtechnik zusam- men. 3) Vgl. Pfetsch, ER., Zur Entwicklung der Wissenschaftspolitik in Deutschland 1750-1914, Berlin/DDR 1974. 4) J.D. Bernal, Die soziale Funktion der Wissenschaft (London 1939), Köln 1986, S. 186. Im folgenden zit. als "Social Func- tion". 5) Von 23 Mio. $ im Haushaltsjahr 1938 auf 1,6 Mrd. $ im Haus- haltsjahr 1945, vgl. Forman, R, Behind quantum electronics: Na- tional security as basis for physical research in the United Sta- tes, 1940-1960, in: Historical Studies in the Physical and Biolo- gical Sciences 1/1985, S. 152; Rhodes, R., The Making of the Ato- mic Bomb, New York 1986. 6) Kline, R., R&D: organizing for war, in: IEEE Spectrum 11/1987, S. 54. 7) Bernal, Cornforth, Wissenschaft, S. 41. 8) Vgl. Rilling, R., Militärische Wissenschaftspolitik und Ge- heimhaltung in den USA seit Anfang der 80er Jahre, in: Technik und Gesellschaft, Jahrbuch 4, Frankfurt 1987, S. 233 ff.; ders., The arms build-up and freedom of science in the USA, Teil I-III, in: Scientific World 2-4/1986. 9) Dieser Begriff wurde von Johannes Weyer zur Charakterisierung eines zivil etikettierten und im zivilen Raum der bürgerlichen Gesellschaft operierenden, strukturell wie funktioneil aber in vielerlei Hinsicht der militärischen Forschung verwandten, eben- falls politisch gesteuerten Forschung entwickelt (1988). 10) In den USA haben sich in nur einer Dekade die Gesamtausgaben für militärische Forschung von 16 auf fast 60 Mrd. $ knapp ver- vierfacht; der Anteil der Rüstungsforschung an den Bundesmitteln ist von 50 auf rund 75% gestiegen. In den Vereinigten Staaten werden Mitte der 80er Jahre rund 45% des nationalen FuE-Budgets für Rüstungsforschung ausgegeben; in England sind es 30%, in der BRD etwa 1316%, vgl. Weston, D., Gummet, P., The Economic Impact of Military R&D: Hypotheses, Evidence, and Verification, in; De- fense Analysis 1/1987, S. 63-76; Rilling, R., Military R&D in the Federal Republik of Germany (FRG), Paper prepared for the Society for Social Studies of Science 1987 meeting, Worcester, Mass., No- vember 19-22, 1987, in: Bulletin of Peace Proposals 3-4/1988, S. 317-343. So hat sich hier kaum etwas verändert: zu England ver- merkt Bernal in der "Social Function" (S. 186), daß "mindestens ein Drittel, wenn nicht die Hälfte der Gelder, die in Großbritan- nien für wissenschaftliche Forschung ausgegeben werden, direkt oder indirekt auf die militärische Forschung entfallen." 11) Vgl. Rilling, R., Militärische Forschung in der BRD, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 8/1982, S. 947. 12) Eine UNO-Studie von 1972 schätzte den Anteil der militäri- schen Forschung auf 40%; eine Folgestudie von 1981 spricht von 20-25%. Eine nicht beendete Spezialstudie der UNO von Anfang der 80er Jahre ging von rund 60 Mrd. $ Ausgaben aus, S. Rilling, R., Science Policy and Military R&D, New York 1988, S. 3. 13) Das "1987 Yearbook on World Armaments and Disarmament" des SIPRI schätzte, daß die Weltausgaben für militärische Forschung ungefähr ein Viertel der Weltausgaben für Forschung und Entwick- lung betragen und 1986 bei rund 85-100 Mrd. $ im Jahr lagen. Von den 4 Millionen Wissenschaftlern und Ingenieuren unseres Planeten sind danach wahrscheinlich über eine 3/4 Million in der Militär- forschung beschäftigt. Berücksichtigt man die weiteren Mitarbei- ter, arbeiten vermutlich mindestens 11/2 Millionen Menschen in der Rüstungsforschung. 14) Vgl. Lichtenberg, F.R., The Relationship between Federal Contract R&D and Company R&D, in: American Economic Review 2/1984. 15) Vgl. Rilling, Militärische Forschung, a.a.O.; die American Association for the Advancement of Science hat daraufhingewiesen, daß 1/4 bis 1/3 der Ausgaben der USA für Rüstungsforschung außer- halb des Forschungsbudgets des DoD verausgabt werden, vgl. AAAS (ed.), AAAS-Report VI, Washington 1981, S. 97ff.; s.a. Long, F. A., Reppy, J., The Decision Process für U.S. Military R&D, in: Tsipis, K., Janeway, P. (ed.): Review of U.S. Military Research and Development 1984, Washington 1984, S. 6f. 16) Bernal, Social Function, S. 195. Auch wenn im übrigen 1985/7 dieser Wachstumszyklus abgeflacht ist - eine Umkehr ist nicht in Sicht. 17) Die Übernahme dieser Funktion gehörte zum Legitimationsmuster der Aufbauphase der Rüstungsforschung in der Bundesrepublik seit 1956. Real war der Rüstungssektor der BRD ökonomisch zu schwach und technologisch zu sehr von den USA abhängig, um eine solche Führungsrolle spielen zu können. Zur ökonomischen Funktion der Rüstungsforschung gehört im übrigen auch die so selten themati- sierte ökonomische Kriegsführung. 18) Vgl. Lichtenberg, Relationship, der zeigt, daß im Unterschied zur privat finanzierten die staatlich finanzierte Industriefor- schung wenig oder kaum Wirkungen auf das Produktivitätswachstum hatte. Vgl. auch Lichtenberg. F.R., Crowding out: the Impact of the Strategie Defense Initiative on U.S. Civilian R&D Investment and Industrial Competitiveness, Columbia University, February 1988; Reppy. J., Technology and Trade: Does Military R&D make a Difference? Paper for the NATO Workshop on the Relationship Bet- ween Defence and Civil Technologies, 21 -25.9.1987, Sussex; Kal- dor. M., Sharp, M., Walker. W., Industrial Competitiveness and Britan's Defence, in: Lloyds Bank Review, Oct. 1986, S. 31-49; Kaldor, M., Walker, W., Military Technology and the Loss of Indu- strial Dynamism, (MS) Sussex 1988; Stowsky, J.. Competing with the Pentagon, in: World Policy Journal 4/1986, S. 697 ff.; Fong, G.R., The Potential for Industrial Policy: Lessons from the Very High Speed Integrated Circuit Program, in: Journal of Policy Ana- lysis and Management 2/1986, S. 264 ff.; Reppy, J., Military R&D and Technology Gaps in Trade, in: Lucid T. u.a. (Hg.). The Econo- mic Consequences of Military Spending in the United States and the Soviet Union, New York 1987, S. 52 ff.; Markusen, A.R., The Militarized Economy, in: World Policy Journal 3/1986, S. 500 f.; McNicol, D.L., Defense Spending and the United States Economy, in: Lucid, Consequences, a.a.O., S. 38 ff. 19) Die Verschiebung in Japan ist noch relativ geringfügig, die in der BRD zunehmend dramatisch. Hier sind die Ausgaben für mili- tärische Forschung zwischen 1982 und 1987 von ca. 3 Mrd. DM auf rund 7 Mrd. DM gestiegen (ca. 12% des Gesamtbudgets Forschung, etwa 1/4 der Staats- und rund 1/3 der Bundesausgaben für Forschung und Entwicklung). Allein die vom Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) ausgewiesenen Ausgaben (1988: 2,8 Mrd DM) sind gegenüber 1982 (= 100) auf 166% (1987) gestiegen, die zivilen FuE-Ausgaben des Bundes dagegen nur auf 111%. Da 1982/8 bereits über 31% der zusätzlich zur Verfügung gestellten Forschungsmittel in den militärischen Sektor flössen, stieg der Anteil dieser offiziell ausgewiesenen Ausgaben für militärische Forschung am Bundesbudget Forschung zwischen 1982 und 1988 von 14,5% auf ca. 20,2%. In diesem Zeitraum wurde die Rüstungsforschung zum wichtigsten Förderungsbereich des Bundes. Zugleich entwickelte sich das BMVg zur wichtigsten Quelle der Forschungsmittel des Bundes für die Industrie: sein Anteil an diesen Mitteln stieg von 20% (1982) auf 40% (1988), vgl. Rilling, R., Military R&D S. 7 ff. 20) Bernal, Social Function, S. 186. 21) Bernal, Social Function, S. 187 f. 22) Vgl. Albrecht, U., Was ist das Spezifikum der Rüstungsfor- schung?, in: Buckel, W. u.a. (ed.), Rüstungsforschung, Marburg 1988, S. 5-8; Rilling, R., Militärische Forschung in der BRD, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 8/1982, S. 947. 23) BMFT (Hg.), Bundesbericht Forschung 1984, 10. Dt. Bt., Drs. 10/1543, S. 21. Die Überschätzung der ökonomischen Relevanz der "High Tech" durch das militärische FuT-Management ist beträcht- lich, vgl. Thompson, Ch., Defining High Technology Industry: a Consensus Approach, Prometheus 2/1987, S. 237-262. 24) Nachgezeichnet in: Rilling, R., Konsequenzen der "Strategie Defense Initiative" für die Forschungspolitik, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 6/1985. 25) Office of the Under Secretary of Defense and Engineering: Re- port of the Defense Science Board Task Force on University Re- sponsiveness to National Security Requirements, January 1982, in: Committee on Armed Services, House of Representatives: Hearings on Military Posture and H.R. 5968, DoD Authorization for Appro- priations for Fiscal Year 1983, House, 97th Congr., 2nd Sess., Pt. 5, R&D, Washington 1962, S. 305. 26) "Die USA haben ihre Führung in vielen ausgereiften Technolo- gien, auf denen unsere industrielle Basis und militärische Macht aufgebaut ist, verloren. Die Drohung eines vergleichbaren strate- gischen Verlustes droht nun in der Elektronik-, Computer- und Softwareindustrie. Dies darf nicht passieren ... (es ist) Führung in diesem Feld ausschlaggebend für weitere militärische Überle- genheit und, vielleicht, sogar weltwirtschaftliche Führung", DoD, Software Technology for Adaptable, Reliable Systems (STARS) Pro- gram Strategy, in: ACM Sigsoft Software Engineering Notes, 2/1983, S. VIII, S. 1. Seit Mitte der 70er Jahre wird man sich bei jedem neuen Rüstungsprogramm fragen müssen, welches Motiv wohl dominiert: die militärische Überwältigung der Sowjetunion oder das ökonomische Niederkonkurrieren Japans. Das Ende der 70er Jahre initiierte Programm zur Entwicklung superschneller minia- turisierter Schaltkreise (Very High Speed Integrated Circuits - VHSIC-Programm), wichtige Elemente der "Strategie Computing In- itiative" (1982), das Projekt zum Aufbau eines halbstaatlichen Halbleiterkonsortiums "Sematech" (1986/7) und die "Defense Ma- nufacturing Initiative" (1987) stehen für solche Bestrebungen, mit den Mitteln der Rüstungspolitik industriepolitische Ziele zu erreichen. 27) Bernal, Social Function, S. 195 (Hervorh. R.R.). 28) Zahlreiche Beispiele dazu in Rilling, Militärische Forschung, a.a.O. Das SDI-Programm etwa fragt nur, wie sowjetische Gegenmaß- nahmen gegen SDI mit neuen Offensivmaßnahmen und einer Entwick- lung der (offenbar beträchtlichen) offensiven Fähigkeiten des SDI-Systems begegnet werden kann - "Der Zyklus ist endlos" (Waller, D.C., Bruce, J.T., SDI: Progress and Challenges. Part Two, Washington 1987, S. 13). 29) In der BRD höchstens 3% der Bundesmittel für Forschung. 30) Überraschenderweise sind in den USA, Großbritannien und der BRD die High-Tech-Rüstungsindustrien weit überwiegend im Süden konzentriert. 31) 1985 gingen über 45% der Ausgaben des DoD für Projekte der Grundlagenforschung in fünf Disziplinen. 32) Schon Bernal/Cornforth, Wissenschaft, vermerkten, daß die Ausgaben für militärische Forschung "hauptsächlich der Waffenent- wicklung" (S. 42) dienten. Der Anteil für militärische Grundla- genforschung am FuT-Budget des DoD liegt rund 1/3 bis 1/4 niedri- ger als der Anteil der Grundlagenforschung am nationalen FuT-Bud- get. Für Entwicklungsarbeiten gibt das DoD den zehnfachen Betrag aus, als im zivilen Bereich dafür ausgegeben wird. Zum starken Wachstum der DoD-Mittel für angewandte Forschung an den Hochschu- len seit 1977 vgl. Krinsky, R., Swords and Sheepkins: Militariza- tion of Higher Education in the United States and Prospects of its Conversion, in: Bulletin of Peace Proposals 1/1988, S. 38. Das Verteidigungsministerium der BRD gibt den Anteil seiner Mit- tel für Grundlagenforschung für das Jahr 1986 mit ca. 0,3% an, wogegen der Anteil der Grundlagenforschung am zivilen Bundesbud- get Forschung rund 34% betragen soll, s. BBF VII, S. 60; BBF IX, S. 80. Die englische Regierung erklärt, keine militärische Grund- lagenforschung durchzuführen. Andererseits gehört das DoD mitt- lerweile zu den drei wichtigsten Finanziers der Grundlagenfor- schung. Zum Bedeutungswachstum der militärischen Grundlagenfor- schung s. DoD, Basic Research Program, Washington 1985 sowie Ril- ling, R., Konsequenzen der "Strategie Defense Initiative" für die Forschungspolitik, Blätter für deutsche und internationale Poli- tik 6/1985. 33) Ein Bericht des Office of Technology Assessment stellt fest: "The class of technologies important for national defense is far too narrow to provide consistent and cost effective support for the nation's commercial industries" (Discover 1/1987, S. 98). 34) Dieser Begriff wurde entwickelt von Kurth, J. A., Why We Buy the Weapons We Do, in: Foreign Policy 11/1973, S. 33-56. 35) Während die Elektronisierung der zivilen Technik kostenspa- rende Effekte hatte, ist die Inflation im militärischen Bereich ungebrochen, vgl. Aviation Week & Space Technology v. 4.7.1988, S. 16f. 36) Vgl. Defense Monitor 3/1987; Bontrup, H.-J., Voß, W., Renta- bilitätsuntersuchungen im Rüstungsbereich und Veränderungsanfor- derungen an das Preisrecht, in: WSI-Mitteilungen 9/1987, S. 543- 551; Bontrup, H.-J., Voß, W., Rüstungsproduktion - ein Bombenge- schäft? in: S+F 5/1987, S. 227-233. Dieselben Unternehmen, welche in den USA die großen Offensivwaffensysteme produzieren, versu- chen mit SDI in das 'völlig neue Geschäft' (Utgoff) der strategi- schen Defensive einzusteigen, das eine riesige Anlagesphäre für das Rüstungskapital in den 90er Jahren eröffnet. Für diesen Markt der defensiven Rüstung gibt es womöglich nicht nur aktuell keine Alternative: es gibt Anhaltspunkte, daß sich die Technologie sol- cher Dinosaurier unter den Offensivwaffensystemen (MX, Trident, Midgetman etc.) erschöpft hat und uns mit SDI in den nächsten Jahrzehnten die technologischen Kolosse der Defensivgroßwaffensy- steme ins Haus stehen. S.a. Kotz, N., Wild Blue Yonder. Money, Politics and the B-1 Bomber, New York 1988. 37) Vgl. MacKenzie, D., Science and Technology Studies and the Question of the Military, in: Social Studies of Science, 2/1986, S. 361-371. 38) Der Haushaltsvoranschlag des DoD für 1989 sah eine Zunahme des "Black Budget" um 28% auf 35 Mrd. $ (1981: 5,5 Mrd. $) vor, so daß damit 25% des Forschungsbudgets des DoD geheim wären. 37% des Forschungsbudgets der amerikanischen Luftwaffe war 1988 geheim (Philadelphia Inquirer v. 23.2.1988, S. 3; AW&ST v. 6.6.1988, S. 83; Rilling, R., SDI und Black Budget, Informa- tionsdienst Wissenschaft und Frieden 2/1987, S. 20-22). Zwischen 1979 und 1983 wurden von 123 228 Reports des Pentagon nur 54% frei verbreitet, 13% dagegen waren geheim und 33% in ihrer Verbreitung beschränkt, vgl. Science v. 4.5.1984. Militärische Instanzen haben im übrigen wenig Interesse am Technologie- transfer: nicht einmal ein halbes Prozent der Wissenschaftler und Ingenieure, die in DoD-eigenen Laboratorien arbeiten, sind mit Technologietransfer befaßt. 39) Rüstung und Militärausgaben produzieren weder Konsumgüter, deren gegenwärtige Vernutzung die menschliche Arbeitskraft wie- derherstellt, noch Produktionsmittel, die zur Akkumulation die- nen, welche künftige Lebensbedingungen sichern kann; ebensowenig tragen sie zur Ausdehnung oder Verbesserung der materiellen oder wissenschaftlichen Infrastruktur bei. Rüstungsprodukte verlassen vielmehr den ökonomischen Kreislauf und vermindern ganz prinzipi- ell die Möglichkeit der Gesellschaft, ihr materielles Lebensni- veau zu verbessern. Sie sind nichtreproduktive Waren, woran da- durch nichts geändert wird, daß die Rüstung unter den Bedingungen einer kapitalistischen Erwerbsgesellschaft als produktiv gilt, sofern sie Kapital profitabel verwertet, vgl. Huffschmid, J., Ka- pitalismus und Rüstung - Die ökonomischen Aspekte bei Marx und die heutigen Probleme, in: IMSF-Jahrbuch, Sb 1, Frankfurt/M. 1982, S. 130 ff. 40) Als Gebiete "militärisch relevanter Forschung" werden beide bezeichnet von Brooks, H., Impact of the Defence Establishment on Science and Education, in: U.S. House of Representatives, Subcom- mittee on Science, Research and Development of the Committee on Science and Astronautics, 91st U.S. Congress, 2nd Sess., National Science Policy, Washington 1970. Zur Frühgeschichte vgl. Rilling, R., Academia Militans. Die neue Militarisierung der amerikani- schen Hochschulen. EASt 3/1985, S. 425 ff. sowie Task Force on Science Policy, Committee on Science and Technologiy U.S. House of Representatives, 99th Congr., 2nd. Sess., Science Support by the Department of Defence, Washington 1987. Zur Delegitimierung der militärischen Atomforschung nach Kriegsende, die ihre Umeti- kettierung einleitete vgl. Boyer, P., By the Bombs Early Light. American Thought and Culture at the Dawn of the Atomic Age, New York 1985. Nach Angaben des US-Bundesrechnungshofes galten be- reits 1983 nur noch 71,8% des NASA-FuE-Budgets ausschließlich zi- vilen Vorhaben, 20,5% dienten ausschließlich militärischen Zwec- ken, weitere 7,7% betrafen sowohl zivile als auch militärische Forschung. Die NASA selbst gab an, daß 66,3% ihrer Mittel zugleich ziviler und militärischer Forschung dienten, vgl. GAO (Ed.), Analysis of NASA's Fiscal Year 1983 Budget Request for Re- search and Development to Determine the Amount that Supports DOD's Programs, MASAD-82-33, Washington 1982. 41) Vgl. Boyer, Bombs, a.a.O., Sylves, R.T., The Nuclear Oracles, Ames 1987. Freilich finden sich auch hier verbreitet Formen der Verharmlosung, Ignorierung und "offensiven" Akzeptanz auch kata- strophaler Folgen, die wir aus der politischen Kultur der Rü- stungsforschung kennen. 42) Praktische Tests der Militärtechnik bewirken Innovationen: der Vietnam-Krieg, die Kriege im Nahen Osten und der Falkland- Krieg haben die Übernahme technischer Innovationen (Herbizide, Lenkwaffen, Aera Destruction Munition) beschleunigt. 43) Das der Ausprägungsgrad dieser Strukturidentität beträchtlich differiert, zeigt ein Vergleich der "militarisierten" Atomindu- strie Frankreichs mit jener der BRD. Zum Schnellen Brüter Super Phönix vermerkte General Jean Thiry, Berater des geschäftsführen- den Direktors der französischen Atomenergiekommission CEA: "France will be able to build atomic weapons of all kinds and within every ränge. At relatively Iow cost, she will be in a po- sition to produce large quantities of such weapons, with fast breeders providing an abundant supply of the plutonium required. Lucky Europe and lucky France - at long last in a position to en- gage in an enlarged deterrent of their own thus guaranteeing their security", zitiert bei de Perrot, M., Commercial Fast Bree- ders: Towards an Integrated European Force, in: Groupe de Belle- rive, European Security. Nuclear and Continental Defence, London 1984, S. 46. Doch auch in der BRD ist die zivile Unwirtschaft- lichkeit der Nuklearenergie horrend, wie der Schnelle Brüter und die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf zeigen - "second thoughts" in Richtung militärische Anwendung lassen grüßen, vgl. U. Schelb (Hb.), Reaktoren und Raketen, Köln 1987. 44) Supersysteme entwickeln sich schrittweise über Jahrzehnte hinweg. Einzelteile haben daher immer differierende technologi- sche Niveaus und passen nicht ineinander, es gibt immer wieder inkompatible Verbindungsglieder zur Umwelt (Energieversorgung, Computerhard- und Software usw.). Daher ist beim Entwurf und erst recht beim tatsächlichen Aufbau solcher Systeme von großer Bedeu- tung zu wissen, wie die einzelnen Systembestandteile miteinander verbunden sind, wieweit sie gereift sind, was sie bewirken, wie sie mit Folgeschritten verknüpft sind - gehen hier doch äußere und innere Gefährdungszonen ineinander über. Vgl. allgemein die ausgezeichnete Studie von Perrow, Ch., Normale Katastrophen. Die unvermeidbaren Risiken der Großtechnik, Frankfurt/New York 1988. 45) Zur Tradition der Durchsetzung nicht nur militärischer, son- dern auch quasiziviler Großtechnologien gehört eine "utopische" Phase, die ausgestattet ist mit Visionen und Versprechungen über die mythischen Fähigkeiten der in Frage stehenden Technologie: da betreten Männer den Mond und erobern das All, Flugzeuge umrunden den Globus in zwei Stunden, Maschinen machen das Land unverwund- bar, gute Technologien heilen die Wirtschaftsgebrechen. Die SDI- Rhetorik war voll solcher beeindruckender, zeitgemäß computersi- mulierter Projektionen, phänomenaler Kill-Ratios, technologischer Sprünge, fabelhafter spin-offs. Die Nation sollte hinter einem neuen großen Aufbruch ("High Frontier") gesammelt werden. Zudem gab die notorische Vagheit solcher Visionen großzügig Raum für die vielen Industrieprojekte. Doch - die unerfreuliche Überra- schung gehört zu diesem Entwicklungsmuster. Das notwendige Ende der rosigen Zeiten ist absehbar. Überambitionierte Zeitpläne wer- den nicht eingehalten, Fehler und Risiken eingestanden, Standards gesenkt, Kosten überschritten, Mythen erschöpfen sich, Ziele wer- den revidiert - kurz: die Einmischung der Realität wird spürbar. Eine Erneuerung der ursprünglichen Vision und des daran geknüpf- ten Konsenses als Ausweg aus der Legitimationskrise ist selten möglich, erreicht werden kann bestenfalls noch Akzeptanz, also Hinnahme ohne Zustimmung. Gegenüber der visionär abgestützten Mo- bilisierungspolitik treten bürokratische Politiken der Mäßigung stärker in den Vordergrund. Zweierlei wird unternommen: "realistische", dem Publikum vertraute Ersatzziele mit reduzier- tem Anspruch werden propagiert (im Falle SDI: "Perfektionierung" statt "Abschaffung" der Abschreckung; SDI als "Versicherung" nicht gegen 300 000, sondern 1-2 Flugkörper, von Atomterroristen oder aus Irrtum abgefeuert). Die alte Zielsetzung wird aufgege- ben. Die Traditionalität der Technologie und ihre Nützlichkeit für sekundäre Ziele - z.B. Luftverteidigung, konventionelle Rü- stungstechnologien - wird betont (so publizierte die SDI-Organi- sation Anfang Mai 1987 einen Bericht über die Spin-Offs von SDI für die konventionelle Rüstung). 46) Walker, W., Graham, M., Harbor, B., From components to inte- grated Systems: technological diversity and interactions between the military and civilian sectors, in: Gummett, P., Reppy, J. (Hg.), The Relations between Defence and Civil Technologies, Ni- jhoff 1988. 47) Das extremste Konzept eines militärischen Supersystems ist SDI: ein Supersystem, ein Aggregat von Systemen mit Hunderttau- senden von Verbindungselementen, die über riesige geographische Gebiete miteinander verknüpft sind. Dieses technische Supersystem unterscheidet sich von traditionellen technischen Supersystemen (Telekommunikation, Flugkontrollsysteme, Transport, Energie usw.) in vierfacher Hinsicht: (1) Ort und Ausdehnung der Stationierung (Weltraum) wie der durch den Stand der Militärtechnik bzw. die vorgegebene Aufgabenstellung bedingte Zwang zur extrem schnellen Reaktion erfordern, daß SDI hochgradig automatisiert sein muß. (2) Anders als die genannten technischen Supersysteme muß SDI nicht bloß unter u.U. komplizierten Bedingungen funktionieren, sondern (als militärisches System) unter der Bedingung bewußter Attacke überleben. (3) Diese Faktoren erfordern eine um mehrere (!) Größenordnungen höhere technische Leistungsfähigkeit des Sy- stems und seiner Komponenten. Zum Beispiel sollen die Sensoren hinsichtlich der Härtung, Auflösung und Signalverarbeitung minde- stens 100fach bessere Leistungsparameter realisieren als heute, ebenso die Systeme der Datenverarbeitung hinsichtlich ihrer Mi- niaturisierung, Geschwindigkeit, Energieversorgung, Gewicht, Här- tung, Verläßlichkeit usw. (4) Der Unterschied zwischen einem de- fensiven und einem offensiven System ist, wie Newsweek anschau- lich erläuterte, der "zwischen dem Bau eines Maschinengewehrs und dem Bau eines rechnergesteuerten Abwehrsystems, das Soldaten schützen würde, indem es feindliche Maschinengewehrkugeln im Chaos einer umfassenden Schlacht ortet, verfolgt und zerstört." (Newsweek v. 17.6.1985). Da SDI aber offensive wie defensive Auf- gaben wahrnehmen soll, ist es noch weit komplexer als andere mi- litärische Systeme. Als ein globales, Singular komplexes techni- sches Supersystem soll es eine über vier Jahrzehnte installierte, um die Nuklearwaffen zentrierte weltweite militärtechnologische Großstruktur und die dazu gehörende Militärstrategie bzw. -dok- trin umwälzen. Ihm wird aufgelastet, das vier Jahrzehnte alte mi- litärische Schlüsselproblem des Nuklearzeitalters zu lösen: wie unter der historisch beispiellosen Aussicht, nicht allein den Gegner, sondern auch sich selbst zu vernichten, noch (Nuklear-) Kriege unter akzeptablen Bedingungen geführt und dadurch politi- sche Ziele erreicht werden können. SDI soll als "defensive" Ver- teidigung eine tragbare Schadensbegrenzung gewährleisten. Der Zweck von SDI ist nicht, Nuklearwaffen "überflüssig" (Reagan), sondern sie militärisch brauch- und damit politisch handhabbar zu machen. Hier wird ganz in der Tradition eines militärischen Tech- niktriumphalismus eine nichtrealisierbare Anforderung formuliert. Das SDI-Programm operiert daher in der Situation funk-tioneller Überforderung: eine Streßtechnologie. 48) Undurchführbar ist daher die "Einführung von Henry Fords Me- thoden der Massen- und Fließbandproduktion", die von der amerika- nischen SDI-Organisation für ihr Projekt beschworen wird, vgl. Waller, D. u.a., SDI: Progress and Challenges ("Proxmire-Report") Washington 1986, S. 53. 49) Die formelle Forschungsplanung der Bundeswehr definiert den Technologiebedarf nach "Systemvarianten" - genannt Leitkonzepte - von denen es 1987 14 gab (z.B. Kampfpanzer- und fahrzeuge, Starr- flügler, Drehflügler, Überwasserkampfschiffe und -boote, U-Boote, Fernmeldesysteme, Aufklärungssysteme etc.) denen sog. "technolo- gische Elemente" zugeordnet werden. 50) Es "stellt die militärische Logistik ein durchaus eigenstän- diges Feld dar, wie es in solchem Umfang und Aufbau nirgendwo sonst vorkommt", Oesterer, D., Handelsübliches Gerät für die Bun- deswehr, Jahrbuch der Wehrtechnik 16, Koblenz 1986, S. 125. 51) Oesterer skizziert am Beispiel des Rechners MR 80-20 Unter- schiede zwischen der zivilen und der militärischen Version: wäh- rend bei der zivilen Version der Spielraum der Betriebstemperatur von 0 bis +40 Grad reicht, geht er bei der militärischen Version von -40 bis +55 Grad. Die Werte für Schockfestigkeit lieben bei 8 bzw. 30-40, der Preisfaktor bei 1 bzw. 3 (Oesterer, Gerät, S. 129). 52) Vgl. Rilling, R., Zur Politischen Ökonomie des SDI-Programms, in: WSI-Mitteilungen 9/1987. 53) Das neue Kampfflugzeug der Grumman Corp, hat bewegliche Flü- gel, was ihm eine große Beweglichkeit bei Luftkämpfen gibt. Luft- kämpfe im zivilen Flugverkehr sind nun ausgesprochen selten. Auch die Stealth-Technologie, die Flugzeuge unsichtbar macht, scheint hier angesichts der zunehmend extremen Luftverkehrssituation reichlich kontraproduktiv. Röntgenstrahllaser könnten durchaus in der medizinischen Forschung oder zur Produktion von Computerchips verwandt werden; die militärische SDI-Entwicklungsvariante des Lasers freilich wird durch Nuklearexplosionen in Gang gesetzt - welches Krankenhaus wird ständig im Keller Atombomben explodieren lassen? Weitere Beispiele sind Legion. So wurde im Apolloprogramm eine Farbe entwickelt, die so hitzebeständig war, daß sie noch existierte, als das Metall schon geschmolzen war. Die Farbe war so teuer, daß sie zivil nicht genutzt werden konnte. Ein weiteres Beispiel ist DIVAD (Division Air Defense Gun). Hier sollte eine computergesteuerte automatische Kanone auf das Chassis eines Kampfpanzers gepflanzt werden; man sagte den Ingenieuren, daß die Kanone innerhalb von 8 Sekunden Zielerkennung und -Unterscheidung und das Abfeuern eines ersten Feuerstoßes leisten sollte. "Die Ingenieure waren unschwer imstande, eine Waffe zu bauen, die all das in zwölf oder vierzehn Sekunden erledigen konnte, doch die Zeit auf acht Sekunden zu reduzieren, stellte sie vor massive Probleme. 'Wir hörten nichts als acht Sekunden, acht Sekunden, acht Sekunden' sagte der Designer von General Dynamics in einem Interview. 'Ich weiß nicht, wieviele extra Zehn-Millionen diese extra vier Sekunden kosten'. Damit drückte er eine häufige Klage von Ingenieuren aus. So kommentierte ein Sonar-Designer, daß - um die letzten zehn Prozent einer militärischen Anforderung zu re- alisieren - oftmals soviel ausgegeben werde wie für die ersten 90 Prozent." (Coates, J., Kilian, M., Heavy Losses. The Dangerous Decline of American Defense, New York 1985, S. 169 /1970). Ähnli- che Beispiele: Der M-1 Panzer verbrauchte mehr als 4 Gallonen Treibstoff pro Meile und produzierte eine solche Hitze, daß die Truppen nicht hinterhergehen konnten; General Electric entwic- kelte die M-61A1 Vulcan 20-mm-Aerial Canon, die imstande war, fast 6 000 Feuerstöße in der Minute abzugeben - doch es gab kaum Flugzeuge, die genügend Munition transportieren konnten, um län- ger als eine Minute zu feuern, ebd., S. 170, 222. 54) Vgl. McDougall, W.A., The Heavens and the Earth: A Political History of the Space Age, New York 1986; Fallows, J., The Ameri- cans in Space, in: The New York Review v. 18.12.1986, S. 34 f.; Stares, P.B., Space Weapons and US Strategy: Origins and Develop- ment, London & Sydney 1985; Korthals-Altes, S.W., The Aerospace Plane: Technological Feasibility and Policy Implications, Report Nr. 15, MIT, Cambridge 1986, S. 16-50; Zraket, C.A., Uncertain- ties in Building a Strategie Defense, in: Science v. 27. 3. 1987, S. 1600 ff. 55) Diese Praxis hat Tradition: am 3. September 1908 erstand die Regierung der Vereinigten Staaten ihr erstes Flugzeug, das von den berühmten Gebrüder Orville und Wilbur Wright gebaut wurde. Der Auftrag erging - ohne öffentliche Konkurrenz-Ausschreibung - vom U.S. Army Signal Corps. Anders als das erste Flugzeug der Brüder, das bekanntlich vorwiegend aus Fahrradteilen hergestellt worden war und rund 800 $ gekostet hatte, wurde dieses Flugzeug entsprechend den Anforderungen der Army entworfen. Die Kosten - unter Einschluß von 5 000 $ Bonus für die Wrights, damit sie ihr Zeitlimit einhielten - beliefen sich auf 30 000 $. Während des Tests der Maschine gab es einen Schwerverletzten und einen Toten (vgl. Coates, Kilian, Heavy Losses, S. 236). Noch ein aktuelles Beispiel: die Entwicklung der Bundeswehr-Hundehütte, in die An- forderungen der Tierärzte, Sanitäter und Umweltschützer eingin- gen, kostete 35 000,- DM, vgl. Wehrtechnik 5/1987, S. 20. 56) Das zivilindustriell-technologische Entwicklungsparadigma Ja- pans scheint hier eindeutig überlegen: Japan hat nach OECD-Anga- ben zwischen 1965 und 1985 seinen Anteil am Weltmarkt der Elek- tronik von 13% auf 42% (!) gesteigert; im Bereich der Konsumgü- terelektronik stieg sein Anteil von 37% auf über 85%. Da der Elektronikanteil am DoD-Budget schon seit längerer Zeit bei 40- 50% liegt, scheint die zivilindustrielle Relevanz der Militär- elektronik begrenzt zu sein, vgl. AW&ST v. 30. 5. 1988, S. 72. 57) Der Militäranteil an der amerkanischen Luft- und Raumfahrtin- dustrie stieg von 35 v.H. (1979) auf ca. 45 v.H. (1987). Die von der Regierung vor allem nach dem Challenger-Unfall betriebene Privatisierung der Raumfahrtindustrie und -politik hat die Bedeu- tung der amerkanischen Weltraumbehörde NASA geschwächt und die neue Symbiose der US-Raumfahrtindustrie mit dem Militär beschleu- nigt. Als Anfang der 60er Jahre von Kennedy das Apollo-Projekt zur Landung eines Amerikaners auf dem Mond begonnen wurde, lag das militärische Weltraumbudget des Pentagon noch bei einem Drit- tel des NASA-Etats. Zum Amtsantritt Reagans hatte es bereits gleichgezogen, heute übertrifft es mit 15 Mrd. $ den NASA-Etat (7,5 Mrd. $) um das Doppelte. Militärische Programme der NASA selbst gewinnen an Gewicht. Auf der Ebene der Gesamt- wie der Teilstreitkräfte wurden neue zentrale Weltraumkommando- und koor- dinierungsorgane aufgebaut. Mit der SDI-Organisation entstand ein eigener staatlicher Funktionsmechanismus für die Weltraumrüstung, in Colorado Springs entsteht ein riesiges Weltraumrüstungs-Agglo- merat. Zur Entwicklung der Weltraumpolitik insgesamt vgl. Forum Wissenschaft 3/1987. 58) Vgl. Domke, D., Politik, Militär, Industrie, Informatik: Bei- spiel Supercomputer, in: Informationsdienst Wissenschaft und Frieden 2/1988, S. 9-14. 59) In die gegenwärtig bedeutendsten 13 High-Tech-Programme Euro- pas, Japans und der USA werden 1990 etwa 60 - 70 Mrd. $ inve- stiert werden - das entspricht dem Gesamtbudget Forschung der USA des Jahres 1981, s. Pianta, M., High-Technology Programmes: For the Military or for the Economy, in: Bulletin of Peace Proposals 1/1988, S. 56. 60) Vgl. Lichtenberg, ER., Assessing the Impact of Federal Indu- strial R&D Expenditure on Private R&d Activity, Paper for the NATO Advanced Research Workshop on The Relationship Between De- fence and Civil Technologies, Sussex, 21.-25.9.1987. 61) Die seit Ende der 50er Jahre relativ großen Anteile der Medi- zin an den nationalen FuE-Budgets haben mit einer solchen for- schungspolitischen Schwerpunktsetzung wenig zu tun: hier wird großenteils der klinische Normalbetrieb über Forschungsetats fi- nanziert. 62) Krinsky, R., Swords and Sheepkins: Militarization of Higher Education in the United States and Prospects of its Conversion, in: Bulletin of Peace Proposals 1/1988, S. 38. 63) Vgl. Ahrweiler, G., Rilling, R. u.a., Dossier Forschungspoli- tik, in: Forum Wissenschaft 2/1988. zurück