Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989

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DIE "INTERDISZIPLINÄRE ARBEITSGRUPPE: NATURWISSENSCHAFT, TECHNIK UND SICHERHEITSPOLITIK (IANUS)" AN DER TECHNISCHEN HOCHSCHULE DARMSTADT

Jürgen Scheffran *) In der Forschung zu sicherheitspolitischen Fragen ist in der Bun- desrepublik Deutschland der Beitrag der naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen bisher gering geblieben. Es bestehen große Unsicherheiten und Meinungsverschiedenheiten darüber, wie die jetzigen und zukünftigen Leistungen und Anwendungsmöglichkei- ten neuer Technologien einzuschätzen sind; ihre Auswirkungen auf die Entwicklungen der sicherheitspolitischen Gesamtlage werden in der Regel erst im Nachhinein und dann noch unzureichend erfaßt. Die Beurteilung bleibt häufig auch bei solchen Problemen, die die europäische Sicherheit unmittelbar berühren, auf den Informati- onsfluß aus den USA angewiesen. Dort ist die Bedeutung der inter- disziplinären Zusammenführung naturwissenschaftlicher und ingeni- eurwissenschaftlicher Expertise und sozialwissenschaftlichen Fachwissens frühzeitig erkannt worden. Sie zeigt sich bei halbamtlichen Einrichtungen genauso wie bei privaten "Think Tanks", bei den Universitäten wie bei "Public Interest Groups". In der Bundesrepublik ist dieser Verbund die Ausnahme. An der Technischen Hochschule Darmstadt hat sich seit Ende 1987 eine Gruppe von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zusam- mengefunden, schwerpunktmäßig aus dem natur- und ingenieurwissen- schaftlichen Bereich unter Beteiligung von Gesellschaftswissen- schaftlern, um diesem Defizit entgegenzuwirken. Bisher beteiligt sind Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus folgenden Bereichen: Institut für Kernphysik, Fachbereich Praktische Informatik, In- stitut für Mikrobiologie, Fachbereich Mathematik, Institut für Politikwissenschaft, Fachgebiet Politische Ökonomie, Fachgebiet Ethik und Theologie. Der größte Teil der Finanzierung der Gruppe, u.a. mit drei hauptamtlichen Stellen, ist von April 1988 ab für zunächst drei Jahre von der Stiftung Volkswagenwerk übernommen worden. Der Rest der Finanzierung erfolgt aus Mitteln der Hoch- schule, unter anderem aus Mitteln des neugegründeten "Zentrums für Interdisziplinäre Technikforschung" (ZIT). Thematischer Kernpunkt der Forschungsgruppe ist die Früherkennung neuer naturwissenschaftlich-technischer Entwicklungen mit militä- rischer Bedeutung, um mit geeigneten Rüstungskontroll-Vorschlägen frühzeitig in destabilisierende Entwicklungen politisch eingrei- fen zu können. Der Projektverbund will zur Integration naturwis- senschaftlicher und ingenieurwissenschaftlicher Expertise einer- seits und gesellschaftswissenschaftlichen Fachwissens anderer- seits in der friedens- und sicherheitspolitischen Forschung bei- tragen. Er will die Qualifikation von Natur- und Ingenieurwissen- schaftlern für Problemstellungen innerhalb von Friedensforschung und Sicherheitspolitik in enger Zusammenarbeit mit den anderen beteiligten Disziplinen verbessern und die Fähigkeit der in der Bundesrepublik mit diesen Fragen befaßten Experten zur Früherken- nung der sicherheitspolitischen Bedeutung wissenschaftlicher, insbesondere rüstungstechnologischer Entwicklungen ausbauen. Neben Kontakten zu den beiden anderen primär naturwissenschaft- lich orientierten Gruppen in Bochum und Hamburg besteht eine Zu- sammenarbeit mit der Hessischen Stiftung Friedens- und Konflikt- forschung (HSFK) sowie, vermittels einer Gastprofessur von Pro- fessor Ulrich Albrecht, zur Berghof-Stiftung in Berlin. Darüber hinaus ergeben sich im konkreten Fall und auf der Projektebene weitere Verbindungen zu anderen Einrichtungen im In- und Ausland. Folgende Aufgaben sollen von der Gruppe wahrgenommen werden: - Beobachtung aktueller naturwissenschaftlich-technischer Ent- wicklungen mit möglicher rüstungstechnologischer Relevanz, Sam- meln entsprechender Informationen und Abschätzung möglicher Wei- terentwicklungen; - Abschätzung jetziger und zukünftiger militärischer und nichtmi- litärischer Anwendungsmöglichkeiten; - Abschätzung der Auswirkungen solcher Entwicklungen auf die Si- cherheitspolitik, insbesondere die Rüstungsdynamik, das militäri- sche und politische Kräfteverhältnis sowie die Rüstungskontrolle; - Erarbeitung von Handlungsvorschlägen, die der Verbesserung der Sicherheitslage und der Abrüstung sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene dienen; - Erarbeitung eines systematischeren Verständnisses der Zusammen- hänge zwischen technologischen Entwicklungen und sicherheitspoli- tischen Veränderungen; In den verschiedenen Einzelprojekten wird die Problematik von mehreren Aspekten beleuchtet, die nach folgenden Begriffen struk- turiert werden können: - Ambivalenz und Dynamik militärisch relevanter Forschung & Ent- wicklung; - Sicherheit, Stabilität und Komplexität neuartiger Rüstungstech- nologien; - Nukleare Abrüstung, Rüstungskontrolle und Verifikation; - Frühwarnung und Verantwortung. Im einzelnen werden bislang folgende Projekte verfolgt: 1. Im Projekt "Kernwaffen der dritten Generation" sollen anhand grundlegender physikalischer Überlegungen Aussagen über den mög- lichen Aufbau und die Wirkungsweise verschiedener Konzepte von Kernwaffen der dritten Generation gemacht werden, insbesondere von Röntgenlasern, EMP-Waffen, Mikrowellenwaffen und Stoßwaffen mit kinetischer Energie. Die Untersuchung beschäftigt sich mit den verschiedenen Möglichkeiten der Energieumformung bzw. -bünde- lung und mit möglichen militärischen Nutzungen der so erzeugten Wirkungen. Die möglichen Konsequenzen solcher Waffen für die Si- cherheitslage und für Risiken und Chancen der Rüstungssteuerung sollen interdisziplinär erarbeitet werden. 2. Im Projekt "Alternativen zu nachweisbaren unterirdischen Tests für Forschung und Entwicklung von Kernwaffen" geht es darum fest- zustellen, in welchem Maße Forschung und Entwicklung von Kernwaf- fen, insbesondere solcher der dritten Generation, auf nachweis- bare unterirdische Tests angewiesen sind. Damit sollen - in Zu- sammenarbeit mit dem ersten Projekt - die Kriterien für die Ein- schätzung der Leistungsfähigkeit und der Defizite eines umfassen- den Testverbots von Kernsprengsätzen verbessert werden. Anhand des Beispiels "Trägheitseinschlußfusion" sollen Kriterien für eine allgemeine Methodik zur Früherkennung militärisch relevanter Technologien aufgestellt werden. 3. Das Projekt "Komplexität und Stabilität von Rüstungstechnolo- gien" untersucht die Risiken, die von der Verwendung neuer kom- plexer Waffensysteme ausgehen. Der Schwerpunkt des Projekts liegt auf der Struktur, der Zuverlässigkeit und Verwundbarkeit von C3I- Systemen (C3I = Command, Control, Communication and Intelli- gence). Die Auswirkungen von Funktionsstörungen, Unfällen, elek- tronischer Kriegführung und Angriffen, insbesondere die Problema- tik der Mensch-Maschine-Interaktion, sollen mit systemtheoreti- schen Methoden untersucht werden. Daraus sollen Kriterien für die Kontrolle, Begrenzung und Reduzierung komplexer und riskanter Rü- stungstechnologien abgeleitet werden. 4. Das Projekt "Prüfbare Software" widmet sich der Rolle der Da- tenverarbeitung in der Entwicklung der Rüstungstechnik. Insbeson- dere geht es um die Frage, ob die Qualität der eingesetzten Hard- und Softwarekomponenten überhaupt mit der wachsenden Komplexität der Waffensysteme in ihrem militärischen Verbund sowie mit den erweiterten Einsatzmöglichkeiten Schritt halten kann. Geprüft werden soll erstens, wie die Zuverlässigkeit der Datenverarbei- tung verbessert werden kann, so daß unbeabsichtigte Katastrophen vermieden werden können; im interdisziplinären Dialog ist dann zweitens zu klären, welche sicherheitspolitischen Risiken trotz solcher möglichen Verbesserungen bestehen bleiben und daher einer politischen Bearbeitung bedürfen. 5. Im Projekt "Untersuchung der Entwicklung von Forschungsaktivi- täten im Rahmen der militärischen Nutzung der Gentechnologie: Beitrag zum Technologie-Frühwarnsystem" soll die Dynamik der Forschungsaktivitäten auf dem Gebiet der Gentechnologie daraufhin überprüft werden, welche dieser Arbeiten militärisches Interesse erwecken bzw. militärische Relevanz haben könnten. Insbesondere soll geprüft werden, welcher Stellenwert der B-Waffen-Konvention von 1972 (auch im Lichte der Ergebnisse der zweiten Überprüfungs- konferenz von 1986) im Kontext dieser Forschungsaktivitäten noch zukommt. 6. Die Reichweite mathematischer Konfliktmodelle und ihre prakti- sche Nutzanwendung zur Beschreibung rüstungsdynamischer Phänomene sollen in einem weiteren Projekt untersucht werden. Dabei inter- essiert vor allem, inwieweit solche Modelle in der Rüstungskon- trolldiskussion praktisch anwendbar sind, d.h. welche Stabili- tätsbedingungen sich aus solchen Modellen ableiten lassen, wie sich aus den Modellen abgeleitete (theoretische) Konsequenzen mit den (praktischen) Konsequenzen der abgebildeten Wirklichkeit in Bezug setzen lassen und wie flexibel die Modelle hinsichtlich Veränderungen der Ausgangsparameter sind. 7. Das Anfang 1989 begonnene Projekt "Folgenabschätzung einer in- ternationalen Tritiumüberwachung" beschäftigt sich mit den Mög- lichkeiten und Auswirkungen einer Begrenzung des in Kernwaffen verwendeten Tritiums, insbesondere für Abrüstung und Prolifera- tion. Dabei geht es u.a. um die Frage, ob der natürliche Zerfall des Tritiums (Halbwertszeit etwa 12 Jahre) für die Abrüstung ge- nutzt werden kann, indem vorhandene Kernwaffen mit der Zeit "von selbst" unwirksam und militärisch unbrauchbar werden. Um eine vertragliche Vereinbarung zur Kontrolle der bislang begrenzten Vorräte an Tritium (insbesondere der Produktion) zu verifizieren, müßte ein internationales Safeguard-system ähnlich wie beim Nichtweiterverbreitungsvertrag entwickelt werden. Die damit ver- bundenen Fragen sollen in Teilprojekten unter politikwissen- schaftlichen, ökonomischen und physikalisch-technischen Aspekten behandelt werden, die den Charakter von Promotionsstipendien ha- ben. 8. In der weiteren Planung sollen zusätzliche Promotionsstipen- dien aus dem sozial- und gesellschaftswissenschaftlichen Bereich einbezogen werden. Weiterhin wird eine Bibliothek zu naturwissenschaftlich-techni- schen Aspekten von Sicherheitspolitik und Friedensforschung auf- gebaut. Langfristig ist beabsichtigt, ein Literatur-Informations- system "Technologische Entwicklungen und ihre Konsequenzen für die Sicherheitspolitik" aufzubauen. Dabei sollen bereits vorhan- dene Datensätze, die für die Forschungsgruppe insgesamt relevant sind, in das System übernommen und für alle Beteiligten verfügbar gemacht werden (zentrale Literaturverwaltung, Sammlung von in an- deren Instituten laufend erfaßten Datenbeständen). Das gemeinsame Konzept beinhaltet sowohl Forschung als auch Lehre. Die Möglichkeiten, die die Einbindung in die Hochschule bietet, sollen entsprechend genutzt werden. Die Lehrtätigkeit soll Grundlagen naturwissenschaftlich-technischer Probleme von Sicherheitspolitik fächerübergreifend sowohl aus der Sicht der Natur- und Ingenieurwissenschaften als auch der Gesellschaftswis- senschaften vermitteln. Angestrebt ist neben der Behandlung der spezifischen Thematik die Vermittlung einer problemorientierten und interdisziplinären Arbeitsweise. Diese Lehrtätigkeit soll mit einer ständigen Reflexion der Methodik der Gruppe einhergehen und systematisch in den Rahmen des Schwerpunktthemas eingepaßt wer- den. Angesichts der verschiedenen beteiligten Disziplinen und der Vielfalt der vorgestellten Themen dürfte der Erfolg des Gesamt- projekts mit davon abhängen, inwieweit eine Verbindung der pro- jektbezogenen Einzelleistung, die innerhalb der jeweiligen Diszi- plin Anerkennung finden muß, mit der fachübergreifenden Problem- lösung, die nur gemeinsam erfolgen kann, gelingt. Erste Erfahrun- gen mit interdisziplinärer Arbeit wurden bereits gesammelt, ins- besondere mit der in den Einzeldisziplinen sehr unterschiedlichen Sprache, die eine kollektive Klärung zentraler Begriffe erforder- lich machte. Somit stellt die Darmstädter Forschungsgruppe, neben der eigentlichen Aufgabe, die Friedensforschung um naturwissen- schaftlich-technische Aspekte zu bereichern, auch den Versuch dar, die überkommenen Grenzen der Disziplinarität zu überschrei- ten. Die dabei gemachten Erfahrungen könnten einer hierzulande erst in Ansätzen vorhandenen Technologiefolgen-Abschätzung bei nichtmilitärischen Technologien zugute kommen. _____ *) Der Beitrag basiert auf einer Projektskizze von Mitarbeitern des Darmstädter Projekts, die von Jürgen Scheffran für diesen Band überarbeitet wurde. zurück