Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


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       Abrüstung in der Bundesrepublik -
       politische und ökonomische Aspekte
       

ALTERNATIVEN ZUM JÄGER-90 HIER UND JETZT!

Winfried Schwarz Ich stimme Fred Schmid zu, daß von der Daimler/MBB-Fusion große politische Gefahren ausgehen, zumal Daimler staatlich garantierte Profite aus der Rüstung ziehen will, die höher als diejenigen aus dem Airbus liegen - auch wenn beides High-Tech-Bereiche sind. Al- lerdings sollten wir uns vor zweierlei Reaktionen auf den Macht- zuwachs des MIK infolge des Einstiegs Daimlers und der Deutschen Bank hüten: Vor der resignativen Haltung, daß nun gar nichts mehr zu machen sei. Aber auch vor der radikal klingenden Position, daß jetzt nichts mehr helfe, als die Eigentumsfrage zu stellen. Beide sind für mich Reaktionen der praktischen Hilflosigkeit - eine nicht wirkungsvoller als die andere. Was also tun? Zunächst sollten wir nicht vergessen, daß Rüstung ein hochgradig politisch vermitteltes Geschäft ist. Daimlers "Deutsche Aerospace" will zwar durch Staatsaufträge fette Gewinne machen. Aber der Staat, das ist mehr als die Rüstungsvergabe in- nerhalb des MIK. Der Staat ist in erster Linie Organ zur Siche- rung des Gesamtsystems. Als solches muß er auch die Interessen des zivil orientierten Monopolkapitals berücksichtigen (übrigens die große Mehrheit), die sich mit Aufrüstungszielen keineswegs immer decken - und gegenwärtig noch weniger als noch vor einigen Jahren (siehe Rüstungshaushalt). Und außer dem zivil orientierten Monopolkapital muß der Staat auch Kompromisse mit der Arbeiter- und Friedensbewegung machen, sobald sich diese als politische Massenkraft entfaltet. Daimlers Staatsabhängigkeit im Maße seiner Rüstungsabhängigkeit hat auch diese Kehrseite, daß nämlich hier ein "Einfallstor" für Abrüstungsinteressen geöffnet werden könnte. Ich will an dieser Stelle nichts zu der westeuropäischen Dimen- sion der bundesdeutschen Rüstungskonzentration ausführen, außer daß meiner Meinung nach die Stärkung des westeuropäischen NATO- Blocks einen leistungsfähigen bundesdeutschen Kooperationspartner für die starken französischen und britischen Rüstungskonzerne braucht, um langfristig von US-Rüstungstechnologie unabhängig zu werden. Dieser Partner aus der Bundesrepublik soll von Daimler geführt werden. Der zweite Punkt betrifft das, was Armin Cullmann angesprochen hat, nämlich die Rüstungskonversion. Ich kenne die Vorschläge und ausgezeichneten Aktionen zur Konversion bei Krauss-Maffei, die von der Münchener DKP, von Fred Schmid und Armin Cullmann entwic- kelt und getragen wurden. Ich finde diese Ansätze beispielhaft für die Bundesrepublik, besonders wo von konkreten Alternativen an Ort und Stelle, im Betrieb und in der Kommune die Rede ist. Allerdings kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, daß die Forderung nach Abrüstung und Konversion mitunter ausschließlich Bewußtsein bilden soll, ausschließlich der kritischen Einsicht in die Monopolwurzeln von Rüstung dienen soll. Nach dem Motto: Was könnten wir alles so Schönes haben, wenn wir den Kapitalismus los wären! Nichts gegen die Notwendigkeit marxistischer Aufklärung! Aber ich denke, die Abrüstung ist die drängendste p r a k t i s c h e Frage der Gegenwart, die uns nicht die Zeit läßt, mit ihr real erst nach der Abschaffung des Kapitalismus anzufangen. Was das heißt? Es heißt, alle möglichen gesellschaftlichen Kräfte auf dieses Ziel hin zu orientieren, und zwar gegen das Rüstungs- projekt, dem eine Schlüsselrolle für Auf- oder Abrüstung zukommt: gegen den Jäger-90. Die Hauptprofiteure des Jägerbaus sind MBB, Dornier, AEG und MTU, also gerade die Vier, die sich Daimler gek- auft hat. Halten wir uns die Anti-Daimler-Stimmung der letzten Monate vor Augen, so bestehen Chancen, aus dieser amorphen Ableh- nungsfront ein starkes Anti-Jäger-Bündnis zu schaffen. Hierbei sollten die Friedenskräfte durchaus auch unkonventionell vorgehen. Wir sollten nicht nur immer anklägerisch aufweisen, wieviele Schulen und Kindergärten von einem Militärflugzeug ge- fressen werden, sondern einmal überlegen, ob wir Daimler nicht attraktive Produktalternativen anbieten sollten, die er mit Ge- winn produzieren kann - mit der entscheidenden Auflage: das Pro- dukt darf nicht der Jäger-90, sondern muß, sagen wir: zivil und ökologisch sinnvoll sein. Und zwar durchaus hochkomplex und tech- nisch anspruchsvoll. Warum sollte MTU-München nicht den Wasserstoffantrieb für Flug- zeuge zur Serienreife bringen, der die Umweltbelastung durch das Kerosin beendet? Das Schwergewicht der Konversionsforderung sollte m.E. nicht die Abschaffung des Profitmotivs, sondern die Abschaffung der Waffensysteme sein. Bei der Konversion kann es natürlich nicht darum gehen, daß das von der Bevölkerung unseres Landes abgehobene Bundeswehrbeschaf- fungsamt statt Rüstungsaufträgen nunmehr irgendwelche Ökologie- aufträge vergibt. Was anstelle von Rüstung produziert werden soll, muß Ergebnis eines breiten demokratischen Prozesses sein - angefangen vom Betrieb über die Regionen bis zu den Entschei- dungsstellen über die Staatsfinanzen. Unter diesen Voraussetzun- gen trägt Abrüstung durch Konversion durchaus antikapitalistische Züge, so-daß niemand Angst zu haben braucht, hier würde der Ab- schied von der Eigentumsfrage verkündet. Im Gegenteil. zurück