Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989


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       Abrüstung in der Bundesrepublik -
       politische und ökonomische Aspekte
       

STRUKTURELLE ANGRIFFSUNFÄHIGKEIT - ZU ZIELSTELLUNG UND INHALT VON ABRÜSTUNG ZWISCHEN NATO UND WARSCHAUER VERTRAGSORGANISATION (WVO) IN EUROPA

Wolfgang Schwarz Es besteht heute eine sehr breite Übereinstimmung in Ost und West darüber, daß mit dem Beginn nuklearer Abrüstungsschritte im Er- gebnis des sowjetisch-amerikanischen Abkommens von Washington vom 8. Dezember 1987 Fragen der weiteren Entwicklung im Bereich der konventionellen Streitkräfte und Rüstungen der NATO und der WVO einen spürbar höheren Stellenwert bekommen bzw. daß ein schritt- weiser Prozeß umfassender nuklearer Abrüstung der parallelen Flankierung durch entsprechende Maßnahmen im konventionellen Be- reich bedarf. Insbesonders muß man dabei, wie E. Honecker mit al- ler Klarheit feststellte, davon ausgehen, daß es in "der Logik der Dinge liegt ..., daß mit dem Verschwinden der Mittelstrecken- raketen der UdSSR und der USA die konventionelle Abrüstung in den Vordergrund der europäischen Sicherheit rückt". 1) In diesem Zusammenhang stellt sich aus heutiger Sicht als eine kardinale Frage z.B. das Problem, daß verhindert werden muß, mit dem nunmehr einsetzenden Prozeß nuklearer Abrüstung die Illusion - wo auch immer - keimen zu lassen, daß dieser Prozeß eine Rück- kehr in die Vergangenheit brächte - in die Ära der Führbarkeit und Gewinnbarkeit konventioneller Kriege. Der B e g r i f f I l l u s i o n wird dabei bewußt gesetzt, weil eine solche Rückkehr in die Vergangenheit o b j e k t i v, d.h. unter rationalen Gesichtspunkten, bereits ausgeschlossen ist. In Europa hat seit dem Ende des II. Weltkrieges die äußerst rasche und sich weiter beschleunigende Entwicklung der wissen- schaftlich-technischen Revolution sowohl im Bereich der zivilen Produktivkräfte als auch im Militärwesen zu einem ebenso g r u n d l e g e n d e n wie i r r e v e r s i b l e n Um- schwung im Hinblick auf die zu erwartenden Folgen und damit zwangsläufig auf die Führbarkeit eines erneuten raumgreifenden konventionellen Krieges in den Dimensionen der vorangegangenen beiden Weltkriege geführt: Ein derartiger Krieg würde heute die Vernichtung der europäischen Zivilisationen nach sich ziehen. Das wäre wahrscheinlich bereits das Ergebnis der unvermeidlichen Zer- störung von Kernkraftwerken sowie von anderen kerntechnischen Einrichtungen und von großen Chemieanlagen, die in Europa jeweils nach Hunderten zählen und die aus unserem Kontinent eine atomar und chemisch verseuchte Wüste machen könnten, ohne daß überhaupt nukleare und chemische Waffen eingesetzt werden müßten. Ein eher noch gravierenderer Sachverhalt liegt aber auch in der existenti- ellen Abhängigkeit der modernen Industriestaaten in Europa von der Versorgung mit Elektroenergie. Fiele diese in einem Land wie der DDR oder der BRD weitgehend aus, was für den Kriegsfall sehr wahrscheinlich wäre, da es dazu nicht einmal der Zerstörung von Kraftwerken, sondern nur von relativ wenigen zentralen Umspann- stationen der nationalen Fernübertragungssysteme bedürfte, dann wären nicht nur nahezu die gesamte Industrie und Landwirtschaft lahmgelegt, sondern ebenso die Strom-, Trinkwasser- und Fernwär- meversorgung aller an entsprechende Netze angeschlossenen priva- ten Haushalte und gesellschaftlichen wie sozialen Einrichtungen (Gesundheits- und Bildungswesen, administrative Behörden u.a.m.), die nationalen Fernsprech- und sonstigen Nachrichtenverbindungen einschließlich Rundfunk und Fernsehen, der gesamte Luft- und der größte Teil des Schienen- und Straßenverkehrs usw. Die Folge da- von wären ein nationales Chaos und die vollständige Desorganisa- tion der Gesellschaft. Allein dies genügt, um die Schlußfolgerung zu ziehen, daß moderne Industriegesellschaften im Krieg nicht überlebensfähig, d.h. kriegsuntauglich sind (und bleiben werden!) und daß daher nicht nur der nukleare, sondern auch der konventio- nelle Krieg zwischen NATO und WVO nicht mehr führbar ist. Dennoch sind Befürchtungen im Hinblick auf ein mögliches erneutes Anwachsen der Gefahr eines konventionellen Krieges in Europa im Zuge nuklearer Abrüstung berechtigt, solange konventionelle mili- tärische Potentiale existieren, die - basierend auf Erfahrungen der Kriegsgeschichte, insbesondere des II. Weltkrieges - auf eine raumgreifende offensive Kampfführung im Konfliktfall hin opti- miert sind. Solche Potentiale gibt es derzeit, vor allem in der Zentralregion, auf beiden Seiten; sowohl im Bereich der NATO als auch der WVO. Obwohl heute, wie der SPD-Sicherheitsexperte Kar- sten Voigt aus der BRD zutreffend feststellte, "jede Seite weiß, daß die andere Seite keine Angriffs a b s i c h t e n hegt" 2), sind diese P o t e n t i a l e und die sich aus ihnen ergeben- den O p t i o n e n (im Sinne von Handlungs m ö g l i c h- k e i t e n) eine permanente Quelle gegenseitigen Mißtrauens zwischen beiden Seiten, das auch durch die Herstellung und Gewährleistung eines weitgehenden konventionellen Gleichgewichts zwischen WVO und NATO in der h e u t i g e n Struktur der konventionellen Streitkräfte und Rüstungen allein nicht zu beseitigen wäre. Horst Afheldt entwickelte dazu folgenden, sehr zutreffenden Gedankengang: "Verhinderte militärisches Gleich- gewicht im Sinne von gleichen militärischen Fähigkeiten nach geschichtlicher Erfahrung den Krieg, müßten militärisches Gleichgewicht und Krieg sich in der Geschichte ... ausschließen. Doch das ist absolut nicht der Fall. Wir finden vielmehr militä- risches Gleichgewicht eng verkuppelt mit den längsten, schwersten und diese Welt am entscheidendsten prägenden Kriegen." 3) In ei- ner ganzen Reihe historischer Beispiele findet sich bei Afheldt dann der Verweis auf den I. Weltkrieg: "4 Jahre und 3 Monate Krieg, der in entsetzlichen Materialschlachten Millionen Menschen ... buchstäblich vernichtete, und der Eintritt einer außereuropä- ischen Macht (Amerika) waren nötig, um endlich 1918 eine Ent- scheidung herbeizuführen. Ist ein 'besseres militärisches Gleich- gewicht' als das im jahrelangen Grabenkrieg demonstrierte über- haupt vorstellbar?" 4), fragt Afheldt und gelangt zu folgender, bedenkenswerter Schlußfolgerung: "Besteht ein echtes militäri- sches Gleichgewicht und kommt es zum Kriege, dann sind die Zer- störungen besonders schwer, bis der Krieg endlich beendet werden kann." 5) Um einen entscheidenden Sachverhalt allerdings muß Afheldt meiner Auffassung nach ergänzt werden. In allen historischen Fällen han- delte es sich nämlich um militärische Gleichgewichte in sich a n g r i f f s f ä h i g e r konventioneller Potentiale, wo- durch den jeweiligen politisch-militärischen Führungen die Option der Entscheidung zum Krieg überhaupt erst gegeben wurde. Ge- schichtlich ist diese Entscheidung ja bekanntlich nicht selten sogar aus einer Situation numerischer konventioneller Unterlegen- heit des Angreifers gefällt worden, wie z.B. beim deutschen Über- fall auf die UdSSR 1941. Für den Fortgang des Abrüstungsprozesses im europäischen Raum ist daraus die doppelte Schlußfolgerung zu ziehen, daß e r s t e n s - konventionelle Rüstungsbegrenzung und Abrüstung ein Schlüssel- problem dieses Prozesses sind und z w e i t e n s - Rüstungsbe- grenzung und Abrüstung im konventionellen Bereich auf eine Art und Weise realisiert werden müssen, daß dies zum beiderseitigen Abbau der vorhandenen Offensivpotentiale und -optionen führt. Die Zielprojektion muß Stabilität auf der Basis s t r u k t u- r e l l e r A n g r i f f s u n f ä h i g k e i t sein, wie es in dem kürzlich gemeinsam von SED und SPD unterbreiteten Vorschlag für eine "Zone des Vertrauens und der Sicherheit in Zentraleuropa" formuliert wurde. 6) Damit stellt sich die in politik- und zunehmend auch in militär- wissenschaftlichen Kreisen in Ost und West mit wachsender Inten- sität diskutierte Frage, wie der Begriff s t r u k t u r e l l e A n g r i f f s u n f ä h i g k e i t zu definieren ist bzw. welche Kriterien ein entsprechendes militärisches Potential zu erfüllen hätte. Im Hinblick auf eine Definition muß meines Erachtens davon ausge- gangen werden, daß in der Militärtheorie im Bereich der WVO wie auch der NATO bezüglich der Ausdehnung und Bewertung von An- griffshandlungen drei Ebenen unterschieden werden - es gibt den s t r a t e g i s c h e n Angriff, den o p e r a t i v e n und den t a k t i s c h e n. Die s t r a t e g i s c h e An- griffsart soll den Krieg entscheiden; sie zielt auf die Zerschla- gung der kriegswichtigen Potentiale des Gegners und die vollstän- dige Eroberung seines Territoriums. Der Angriff der o p e r a t i v e n Größenordnung erfaßt demgegenüber in einem Kriegsgeschehen lediglich einen größeren Teil einer Front. Das gilt, allerdings in sehr viel kleinerem, im Verhältnis zum Ge- samtgeschehen eher marginalen Maßstab, auch für den taktischen Angriff. Diese Klassifizierung gilt im übrigen sowohl für An- griffs- als auch für Gegenangriffsoperationen. Für die Herstel- lung gegenseitiger struktureller Angriffsunfähigkeit von NATO und WVO sind die beiden oberen Ebenen relevant, - weil A n g r i f f s- o d e r G e g e n a n g r i f f s f ä- h i g k e i t i m s t r a t e g i s c h e n B e r e i c h die andere Seite in ihrer Gesamtsubstanz als Militärkoalitionen bedroht bzw. - nach den militärgeschichtlichen Erfahrungen - sie für den Kriegsfall eine Zerschlagung, d.h. Niederlage, zu gewärtigen hätte und - weil durch A n g r i f f s- o d e r G e g e n a n- g r i f f s f ä h i g k e i t i m o p e r a t i v e n B e- r e i c h zwar nicht das gegenüberstehende Bündnis als Ganzes, aber doch dessen "Frontstaaten" einer schwerwiegenden, u.U. exi- stentiellen Gefährdung ausgesetzt sind. Die Bedeutung des zweiten Aspekts tritt besonders scharf am Bei- spiel der DDR hervor. Die NATO behauptet von sich offiziell, auf "die Fähigkeit zur strategischen Offensive und die entsprechenden Planungen" verzichtet zu haben und lediglich "zum taktischen und operativen Gegenangriff fähig" zu sein. 7) Obwohl die Richtigkeit des ersten Teils dieser Aussage angesichts des Umfangs, der Aus- rüstung und der Struktur der NATO-Streitkräfte vor allem in Zen- traleuropa aus Sicht der WVO grundsätzlich in Frage zu stellen ist, muß für die DDR die Feststellung getroffen werden, daß al- lein eine Fähigkeit zum Angriff oder Gegenangriff auf der o p e r a t i v e n Ebene, die heute für Landstreitkräfte eine Tiefe von 80 bis 100 km und für Luftstreitkräfte von einigen hun- dert Kilometern umfaßt, gegenüber der DDR praktisch auf eine In- vasionsfähigkeit und eine s t r a t e g i s c h e Bedrohung für den Fall eines militärischen Konflikts hinausläuft. Wenn die BRD- Regierung für die Bundesrepublik zu recht eine besondere Verwund- barkeit im Kriegsfall reklamiert, weil 30 Prozent der Bevölkerung und 25 Prozent ihres Industriepotentials in einem Streifen von nur 100 km entlang der Grenze zur DDR und CSSR angesiedelt sind 8), so gilt das für die DDR in noch weit größerem Umfang, weil die entsprechenden Angaben für die DDR - angesichts eines um zwei Drittel kleineren Territoriums - noch entschieden höher liegen. Überlegungen, Vorschläge und Maßnahmen für die Herstellung von struktureller Angriffsunfähigkeit von NATO und WVO müssen daher die Unfähigkeit der militärischen G e s a m t potentiale auf beiden Seiten in Europa, vor allem der sich unmittelbar gegen- überstehenden Kräfte, zum Angriff bzw. Gegenangriff auf diesen beiden Ebenen - strategisch und operativ - meinen bzw. herzustel- len trachten. Angriffsunfähigkeit, so verstanden, wäre letztlich gegeben, wenn bestehende Streitkräfte weder überraschend noch massiv grenzüberschreitend eingesetzt werden könnten. Drei Krite- rien sind meines Erachtens dafür von besonderer Bedeutung: E r s t e n s - Die Grundvoraussetzung sind militärisch strikt defensive Konzeptionen, die auf Kriegsverhütung und für den Fall, daß es dennoch zu einem militärischen Konflikt kommt, auf das doppelte Ziel einer Abwehr des Gegners u n d einer schnellst- möglichen p o l i t i s c h e n Beendigung des Konfliktes zie- len. Dies muß sich sowohl in der Militär d o k t r i n als auch in der Militär s t r a t e g i e nachweislich und für die an- dere Seite nachvollziehbar niederschlagen. Z w e i t e n s - Im Hinblick auf das militärische Arsenal muß dies seine Entsprechung im weitgehenden Fehlen besonders offen- sivfähiger Komponenten finden, wie sie für strategische und ope- rative Angriffsführung erforderlich sind, sowie in der Dislozie- rung und den Friedensaktivitäten (insbesondere in der Manöverge- staltung und in der Beschränkung von Mobilmachungsübungen) der Streitkräfte. Der Abbau von strategischer und operativer An- griffsfähigkeit erfordert dabei perspektivisch eine vollständige Beseitigung der taktischen Kernwaffen kürzerer und mittlerer Reichweite sowie der chemischen Massenvernichtungsmittel in Eu- ropa. Im Hinblick auf die konventionellen Streitkräfte und Rü- stungen erfordert ein derartiger Abbau nicht unbedingt Null-Lö- sungen für besonders offensivfähige Waffensysteme (wie taktische Angriffsflieger- und Raketenkräfte; Kampfhubschrauber; Panzer- und schwere mechanisierte Verbände; weitreichende Rohr- und Rake- tenartillerie; Pioniereinheiten mit mobilem Brückenlegegerät u.a.m.), obwohl Null-Lösungen das Problem natürlich am gründlich- sten lösen würden. Da die meisten dieser Waffen jedoch zugleich eine erhebliche Rolle in der militärischen Verteidigung spielen (z. B. Panzer und Artillerie) , wäre es auch denkbar, die ent- sprechenden Potentiale auf beiden Seiten soweit zu reduzieren, daß die für strategische und operative Angriffe notwendige "kritische Masse" unterschritten wird. Wo eine solche Grenze läge, wäre im einzelnen von Militärs der WVO und der NATO gemein- sam zu klären. D r i t t e n s - Die beiden zuvor genannten Aspekte müssen für die jeweils andere Seite transparent und, was die militärischen Arsenale anbetrifft, im notwendigen Umfang nachprüfbar sein - in Verdachtställen auch innerhalb kürzester Zeit, etwa nach dem im Abschlußdokument der Stockholmer Konferenz KVAE gefundenen Modus bzw., wie die Mitgliedsländer der WVO kürzlich vorgeschlagen ha- ben, durch "Inspektionen vor Ort ohne das Recht auf Verweige- rung". 9) Die Mitgliedsländer der WVO haben diese Gesamtproblematik bereits vor einiger Zeit zum Gegenstand ihrer praktischen Politik, insbe- sondere ihrer Abrüstungsinitiativen, gemacht - beginnend mit der Veröffentlichung eines Grundsatzdokuments über die Militärdoktrin der WVO im Mai 1987. Deren abrüstungspolitischer Inhalt wurde durch den Drei-Phasen-Plan der WVO zur konventionellen Abrüstung vom Juli 1988 weiter konkretisiert. Und schließlich hat die weit- gehende einseitige Abrüstungsinitiative der UdSSR vom Dezember 1988 ebenfalls nachhaltig unterstrichen, daß die Herstellung ge- genseitiger struktureller Angriffsunfähigkeit von NATO und WVO ein Ziel der sozialistischen Staaten ist. Abschließend sei an dieser Stelle noch auf einige übergreifende Probleme verwiesen. Die Notwendigkeit der Herstellung von struktureller Angriffsunfä- higkeit besteht angesichts des heute gegebenen Umfangs, der Aus- rüstung, Dislozierung sowie der militärstrategischen Grundsätze und operativen Konzepte auf b e i d e n Seiten, d.h. sowohl im Bereich der WVO als auch der NATO. Versuche maßgeblicher westli- cher Kreise, den Eindruck zu vermitteln, als sei "die NATO schon jetzt zu raumgreifenden Angriffen ins Gebiet des Gegners außer- stande" 10) und als stelle sich die Frage nach Angriffsunfähig- keit nur für die sozialistische Militärkoalition, stehen in einem eklatanten Widerspruch zur auch von militärischen Experten im NATO-Bereich nachdrücklich bestätigten Realität. So hat z.B. die BRD, um eine Einschätzung zu zitieren, die Franz Uhle-Wettler schon vor Jahren traf, von 1955 an "mit zunehmender Ausschließ- lichkeit ein Heer entwickelt, das am besten für weitreichende An- griffsoperationen in offenem Gelände geeignet wäre". 11) Die Herstellung von gegenseitiger struktureller Angriffsunfähig- keit von NATO und WVO in Europa erfordert einen Abbau vorhandener Asymmetrien in militärischen Teilbereichen, die historisch ent- standen sind, seit langem jedoch Mißtrauen erzeugen bzw. überzo- gene Bedrohtheitsvorstellungen nähren. Dieser Abbau könnte z.B. über die gemeinsame Definition von gleichen Obergrenzen auf nied- rigerem Niveau für konventionelles Großgerät erfolgen. Dazu ist gemeinsam vom Außen- und vom Verteidigungsministerium der BRD eine Position entwickelt worden, die zur gemeinsamen Position der NATO für künftige Verhandlungen mit der WVO über konventionelle Stabilität in Europa gemacht werden soll und die als Richtmaß für derartige Obergrenzen ein Niveau von 95 Prozent des derzeitigen NATO-Standes ansetzt, sich jedoch gleichzeitig auf Landstreit- kräfte beschränkt. 12) Praktisch läuft dies auf die Vorstellung hinaus, im Bereich der NATO nichts zu verändern, von den Staaten der WVO jedoch massive einseitige Abrüstung zu fordern. Das ma- chen vor allem die geradezu grotesk anmutenden Zahlenangaben deutlich, mit denen dies untersetzt wird: "Was aber heißt das in Großwaffensystemen? Der Warschauer Pakt müßte verschrotten: 25000 Kampfpanzer, 11000 Schützenpanzer sowie 22000 Artilleriege- schütze, die NATO hingegen nur 800 Kampfpanzer, 400 Schützenpan- zer und 400 Artilleriestücke." 13) Ein solches Ansinnen kann schwerlich als kompromißorientiert eingestuft werden! Produktiv könnte demgegenüber die Idee sein, auch im konventio- nellen Bereich die Methodologie des sowjetisch-amerikanischen Ab- kommens über die Beseitigung der landgestützten nuklearen Mittel- streckenraketen anzuwenden, die einige wichtige prinzipielle An- sätze wirkungsvoll miteinander verband: - den Abbau einer Disparität, indem derjenige, der über mehr der betreffenden Waffen verfügt, auch mehr abbaut; - zugleich aber tiefe Einschnitte in die betreffende Waffenkate- gorie auf b e i d e n Seiten (gleiche Obergrenzen auf niedrige- rem Niveau - im Idealfall bis Null auf beiden Seiten) und - zeitgleichen Beginn der Waffenreduzierungen auf beiden Seiten. Durch ein derartiges Herangehen kann gesichert werden, daß ent- sprechende Vereinbarungen zum einen die Sicherheit beider Ver- handlungspartner verbessern und daß zum anderen der Asymmetrieab- bau nicht zu unakzeptabler einseitiger Abrüstung degeneriert. Was schließlich einen vorstellbaren Richtwert für gleiche Obergrenzen auf niedrigerem Niveau anbetrifft, so stammt ein interessanter neuerer Vorschlag dazu vom früheren stellvertretenden NATO-Ober- befehlshaber Europa, Gerd Schmückle, und dem Politologen Albrecht von Müller - "deutlich unterhalb der heutigen NATO-Bestände, etwa bei der Hälfte davon". 14) Gegenseitige strukturelle Angriffsunfähigkeit muß nicht zuletzt im Rahmen der militärischen Gesamtpotentiale von NATO und WVO in und für Europa, d.h. vor allem im Verbund der konventionellen Land- und Luftstreitkräfte sowie der in sie integrierten takti- schen Nuklearwaffen, aber auch der für kontinentale Kriegführung relevanten Komponenten der Seestreitkräfte geschaffen werden. Eine einseitige Konzentration auf einzelne Komponenten der Land- streitkräfte, wie sie die NATO derzeit favorisiert, würde jene Komponente ausklammern, die im Hinblick auf die verbal auch von der NATO verfochtene Zielstellung einer Reduzierung der Gefahr von Überraschungsangriffen von viel entscheidenderer Bedeutung ist - die Luftangriffskräfte. So ist die folgende, z.B. von BRD- Außenminister Hans-Dietrich Genscher vertretene Auffassung höchst unlogisch: "Um die Fähigkeit zu Überraschungsangriffen und raum- greifend angelegter Offensive zu beseitigen, sollten Reduzie- rungsbemühungen zunächst das bodengestützte, kampfentscheidende Großgerät, vor allem Panzer und Artillerie, erfassen." 15) Gerade mit den gegenüber den relativ langsamen Verbänden der Landstreitkräfte sehr schnellen Luftangriffskräften (vor allem mit Bombern, Jagdbombern und taktischen Raketen) wären gegebenen- falls Ü b e r r a s c h u n g s schläge zu führen. Damit sind in der jüngsten Vergangenheit schon kriegsentscheidende Wirkungen in den ersten Stunden eines Konflikts erzielt worden - wie beim israelischen Überfall auf arabische Staaten 1967, der mit einem Überraschungsschlag der Luftwaffe gegen die gegnerischen Luft- streitkräfte eingeleitet wurde. Das schuf eine entscheidende Vor- aussetzung für den nachfolgenden raschen Erfolg der Landstreit- kräfte des Aggressors. Die Herstellung struktureller Angriffsunfähigkeit von NATO und WVO als mögliches Ziel sowie möglicher Inhalt des weiteren Abrü- stungsprozesses in Europa stellt sich also als eine sehr komplexe Problemstellung dar, die zahlreiche grundlegende Fragen aufwirft. Praktikable Antworten darauf werden letzten Endes nur im direkten Dialog zwischen den Kräften in Ost und West, die Träger eines solchen Prozesses sein können, d.h. in zwischenstaatlichen Ver- handlungen auf der Ebene von NATO und WVO zu finden sein. Das Leitmotiv muß dabei meiner Auffassung nach sein, das Beziehungs- verhältnis zwischen den beiden Militärkoalitionen aus einer Quelle internationaler, über Europa hinauswirkender Spannungen, was es in den vergangenen Jahrzehnten war, schrittweise in eine Quelle der Stabilität und des Friedens zu verwandeln. _____ 1) Neues Deutschland, Berlin/DDR, 12./13.12.1987. 2) SPD-Pressedienst, Bonn, 22. 12. 1987 (Hervorhebung - W.S.). 3) H. Afheldt, Atomkrieg. Das Verhängnis einer Politik mit mili- tärischen Mitteln, München - Wien 1984, S. 27. 4) Ebenda, S. 28. 5) Ebenda. 6) Vgl.: Neues Deutschland, a.a.O., 8.7.1988. 7) Weißbuch 1985. Zur Lage und Entwicklung der Bundeswehr (Hg.: Bundesminister der Verteidigung), Bonn 1985, S. 28. 8) Vgl.: Weißbuch 1983. Zur Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland (Hg.: Bundesminister der Verteidigung), Bonn 1983, S. 146. 9) Erklärung der Teilnehmerstaaten des Warschauer Vertrages zu den Verhandlungen über die Reduzierung der Streitkräfte und kon- ventioneller Rüstungen in Europa, in: Neues Deutschland, a.a.O., 18.7.1988. 10) So der seinerzeitige BRD-Verteidigungsminister und jetzige NATO-Generalsekretär M. Wörner in einem Interview, in: Die Welt, Bonn, 18.2.1987. 11) F. Uhle-Wettler, Gefechtsfeld Mitteleuropa. Gefahr der Über- technisierung von Streitkräften, München 1980, S. 75. 12) Siehe z.B.: L. Rühl, Zählbar, meßbar, wiegbar - Rüstungskon- trolle muß sich weiter an die festen Größen halten, in: Die Welt, a.a.O., 16.3.1988. 13) R. Moniac, Moskau müßte 25000 Panzer verschrotten, in: Die Welt a.a.O., 21. 3. 1988. 14) G. Schmückle/A. v. Müller, "Stabile Abhaltung" soll Abschrec- kungsspirale ersetzen, in: Frankfurter Rundschau, Frankfurt/M., 4. 8. 1988. 15) H.-D. Genscher, Chancen für neue Formen einer kooperativen Sicherheitspolitik, in: Bulletin. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bonn, 23/1988, S. 194. zurück