Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 15/1989
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ZUSAMMENFASSUNGEN
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 11-54
Jürgen Reusch
Neues Denken und die marxistische Wissenschaft vom Frieden
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Die Umbruchperiode wirft auch für die marxistische Wissenschaft
vom Frieden viele neue theoretische Fragen auf und erfordert die
Überwindung veralteter Denkmuster. Die globalen Probleme und die
Herausbildung eines realen Überlebensinteresses der Menschheit
geben der Koexistenz den Rang eines universalen Prinzips und ei-
ner objektiven Existenzbedingung für alle sozialen Systeme. Das
führt zu Fragen nach den offenbar noch nicht ausgeschöpften Pro-
blemlösungskapazitäten in beiden antagonistischen Systemen, also
nach der Friedens- und Reformfähigkeit des Kapitalismus und nach
dem Verhältnis von Sozialismus und Frieden. In der Umbruchperiode
geht es in erster Linie nicht um Systemüberwindung, sondern um
Reformen zur Lösung der globalen Probleme, also auch um einen
wirksamen marxistischen Beitrag dazu. Abrüstung und Rüstungskon-
version sind insofern Elemente einer Reformalternative, die
zunächst auf eine zivilere, ökologischere, demokratischere und
sozialere Entwicklungsrichtung im Kapitalismus abzielt. Demokra-
tisierung ist dabei der Schlüsselbegriff zur Radikalisierung der
Reformkämpfe bis hin zur sozialistischen Perspektive.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 55-69
Juri Krassin
Das Neue Denken: Der internationale und der innere Aspekt
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Das neue Denken geht von der Einsicht aus, daß die Erhaltung der
Zivilisation zur unbedingten Voraussetzung für die Lösung jegli-
cher anderer, auch klassenbezogener Aufgaben geworden ist. Die
heutige Welt ist, obwohl durch tiefe Gegensätze geprägt, ganz-
heitlich und interdependent. Neues Denken meint daher auch den
Vorrang intersystemarer Kooperation. Ein von dogmatischen und
sektiererischen Wucherungen befreiter Marxismus kann und muß zu
diesem neuen Denken beitragen. Neues Denken bedeutet auch die Ab-
kehr von bisherigen militärischen Sicherheitsvorstellungen und
die Hinwendung zu einem umfassenden System internationaler Si-
cherheit. In bezug auf die revolutionäre Erneuerung der Welt be-
deutet neues Denken, daß zukünftig der Kampf darum geht, welche
sozialen Kräfte und Systeme die besten Beiträge zur Überwindung
der Krise der Zivilisation leisten können. Das erfordert auch die
Abkehr von überholten Schemata, die die Welt nur im Sinne einer
starren Bipolarität interpretieren.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 70-82
Dieter Klein
Beiträge marxistisch-leninistischer Theorieentwicklung
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zur Friedenssicherung
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Die heutige Umbruchperiode stellt den Marxismus vor die Notwen-
digkeit und die Chance, zu einem systemüberschreitenden Vernunft-
denken beizutragen. Die friedensorientierte marxistisch-
leninistische Theorieentwicklung erhält dadurch auf vielen
Feldern neue Impulse. Das ergibt eine tiefgreifende Veränderung
der marxistisch-leninistischen Epochekonzeption, in der der sehr
langfristige Übergang zum Sozialismus mit der Menschheitsaufgabe
kooperativer Koexistenz zur Lösung der globalen Probleme
zusammengedacht werden muß. In der marxistisch-leninistischen
Kapitalismustheorie ergeben sich neue Überlegungen, deren Kern
darin besteht, neben den Grenzen des Kapitalismus auch die
objektiven Möglichkeiten für seine friedensfähige und zumindest
Teillösungen auch anderer globaler Probleme einschließende
Entwicklungsvariante zu erforschen und politisch zu nutzen.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 83-103
Jörg Huffschmid
Friedensfähigkeit des Kapitalismus und Imperialismustheorie
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Eine Überprüfung und Weiterentwicklung der marxistischen Kapita-
lismus- und Imperialismustheorie ist angesichts der Veränderungen
und Herausforderungen unserer Zeit dringend erforderlich. Aus
dieser Sicht ist das Konzept eines im umfassenden Sinne friedens-
und reformfähigen Kapitalismus theoretisch gut begründbar und be-
gründet und drückt eine notwendige Fragestellung aus. Friedensfä-
higkeit meint dabei heute nicht ein gegen die eigentliche Natur
des Kapitalismus durchgesetztes, erzwungenes Stück Antikapitalis-
mus, sondern die Freisetzung einer möglichen Entwicklungsrichtung
im Kapitalismus, das Vorhandensein und die Entfaltung von Frie-
denspotentialen, immer allerdings durch politischen Druck und de-
mokratische Gegenmacht. Dieser realen Möglichkeit liegt das wach-
sende Gewicht des subjektiven Faktors für die Gestaltung und Re-
gulierung der ökonomischen Strukturen und seine Beeinflußbarkeit
zugrunde. Vor dem Hintergrund der veränderten objektiven Interes-
senlage des Kapitalismus zu Rüstung und Krieg kann daher auch
eine zivile Kapitalismusvariante erkämpft werden. Die akuten Pro-
bleme der Gegenwart machen es notwendig, diese Perspektive theo-
retisch weiter auszuarbeiten und zur strategischen Richtschnur
praktischen Handelns zu machen.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 104-115
Horst Heininger
Aggressivität und Friedensfähigkeit des heutigen Kapitalismus
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Die These von der Friedensfähigkeit des Kapitalismus wirft die
Frage nach Gültigkeit und Aktualität der Leninschen Imperialis-
mustheorie auf. Eine Analyse des Zusammenhangs von ökonomischem
Monopol, Gewalt und Aggressivität zeigt, daß das Monopol zwar
stets nach Gewalt, nicht zwangsläufig aber nach militärischer Ge-
walt drängt. Aggressivität kennzeichnet insofern eine konkrete
Politik des Imperialismus, die nicht die einzig mögliche ist. Der
Imperialismus kann ökonomisch auch ohne Militarismus funktionie-
ren; es kommt darauf an, die politischen Bedingungen und Möglich-
keiten zur Zurückdrängung des Militarismus genauer zu erfassen.
Wichtig ist hier die grundsätzlich veränderte Interessenlage des
Kapitalismus. Angesichts der globalen Probleme bilden sich auch
innerhalb dieses Systems keimhaft eigene Überlebensinteressen.
Sie kommen nicht im Selbstlauf zur Geltung, sondern im Klassen-
kampf und durch demokratischen Druck.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 116-132
Rainer Falk
Entwicklungsprobleme der Dritten Welt und internationale
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Solidarität im Zeichen neuen Denkens. Zur Herausbildung eines
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"neuen Internationalismus"
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Ausgehend von neueren Strängen der entwicklungstheoretischen Dis-
kussion wird die aktuelle Krise der Dritten Welt im Kontext der
globalen Probleme und der Erschöpfung des Nachkriegsmodells der
internationalen kapitalistischen Akkumulation analysiert. Vor dem
Hintergrund der die Dritte Welt einbeziehenden Internationalisie-
rungsprozesse und ihrer Rückwirkungen auf die kapitalistischen
Zentren wird die Notwendigkeit eines "neuen Internationalismus"
für die metropolitane Linke begründet. Besondere Bedeutung mißt
der Verfasser in diesem Zusammenhang der Neubewertung der Rolle
der Dritten Welt in Theorie und Praxis der sowjetischen Außenpo-
litik und der Debatte um eine demokratische Alternative zur herr-
schenden "Nord-Süd-Politik" innerhalb der bundesdeutschen Solida-
ritätsbewegung bei.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 133-156
Winfried Schwarz
Strukturwandel und Konzentrationsprozesse
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im militärisch-industriellen Komplex
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In der Rüstungsindustrie verschieben sich die Umsätze zugunsten
der Fluggeräte (MBB) und der militärischen Elektronik (AEG). Bei
den großen Mischkonzernen liegt die Verwertung der Rüstungsunter-
nehmen deutlich höher als diejenige der zivilen Unternehmen, da
der Staat langfristig Produktion und Absatz garantiert. Die Kon-
zentrationen an der Spitze der Rüstungsindustrie, insbesondere
die Fusionen von Daimler, dienen der rüstungswirtschaftlichen
Stärkung des bundesdeutschen Partners für westeuropäische Rü-
stungsprojekte: Eine den überlegenen Franzosen und Briten gleich-
wertige Macht ist Voraussetzung effektiverer westeuropäischer Rü-
stungskooperation gegenüber der militärtechnologischen US-Vor-
herrschaft. Gegen diesen imperialistischen Westeuropakurs erfor-
dern die wirklichen Sicherheitsinteressen Abrüstung und den Ver-
zicht auf militärische Gemeinschaftsprojekte. Eine Schlüsselrolle
spielt der Kampf gegen den Jäger 90. Er hat - flankiert durch
entsprechende staatliche Konversionsforderung - durchaus Erfolg-
schancen.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 157-171
Ulrich Dolata
Neue Technik - Modernisierungspolitik - Staatsmonopolistische
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Komplexe
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Staatsmonopolistische Komplexe sind nicht erst Produkt des wis-
senschaftlich-technischen Umbruchs unserer Tage. Ihre Herausbil-
dung - zumeist in den 50er und 60er Jahren - stellt k e i n e n
verallgemeinerbaren Trend in Richtung einer neuen Stufe kapitali-
stischer Vergesellschaftung dar, etwa als vergleichbarer Prozeß
mit der Herausbildung des Monopols. Vielmehr ist der staatsmono-
polistische Komplex weder die e i n z i g e noch die
h a u p t s ä c h l i c h e Form, in der sich der wissenschaft-
lichtechnische Umbruch durchsetzt, noch besitzen solche Komplexe
in unterschiedlichen Produktionszweigen und unterschiedlichen
Staaten gleiche Ausprägungen und Geschichte. Im Spannungfeld ra-
santer Internationalisierung der Produktions- und Verwertungsbe-
dingungen einerseits und versuchtem Festhalten an exponierten na-
tionalen Marktpositionen ist privatmonopolistische Rückbin-
dung/Entflechtung ebensowenig ausgeschlossen wie die Straf-
fung/Effektivierung bestehender Komplexe.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 172-194
Rainer Rilling
"Die Wissenschaft als Dienerin des Krieges"
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Die Militarisierung der Wissenschaft war eine zentrale, zeitweise
sogar dominierende Entwicklungsform der großen Prozesse eingrei-
fender Strukturveränderungen der Wissenschaft seit Ende des 19.
Jahrhunderts. Bis Mitte der 60er Jahre dominierte nach dem Krieg
weltweit die militärische Forschung die Wissenschaftspolitik, be-
vor sich das Spektrum forschungspolitischer Staatsintervention
auffächerte, allerdings nur für wenige Jahre mit größerer Priori-
tätensetzung auf infrastrukturelle und zivilindustrielle Berei-
che. Die massive Remilitarisierung der US-Forschungspolitik seit
Mitte der 70er Jahre reflektierte aber nicht mehr den Aufstieg
der USA zum ökonomischen Hegemon.
Entgegen der "Entdifferenzierungstheorie" werden auch heute we-
sentliche Unterschiede zwischen militärischer, pseudoziviler und
ziviler Forschung deutlich, wenn allgemeine, gesamtgesellschaft-
liche Sachverhalte und nicht nur der einzelne Forschungsprozeß
betrachtet werden. - Während die Anwendungsspezifik der militäri-
schen und quasizivilen Produkte mit steigender Produkthierarchie
(bis zum hochintegrierten technischen Supersystem) zunimmt, nä-
hern sich die Methoden der Produktion bzw. Organisation dieser
Systeme an. Übergänge von quasiziviler Entwicklung militärischer
Systeme zur Entwicklung/Produktion von Waren für zivile Massen-
märkte sind wegen der spezifischen Forschungs- und Produktionsbe-
dingungen feststellbar. Auch kann die strukturell ressourcen- und
kapitalintensive Rüstungstechnologie nicht bedenkenlos als Muster
in die Welt ziviler Technologie transferiert werden.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 195-211
Jürgen Wayand
Internationalisierung der Rüstungsproduktion oder wachsender
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Konkurrenzkampf zwischen den kapitalistischen Rüstungszentren?
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Die objektive Tendenz zur Internationalisierung der Rüstungspro-
duktion im westeuropäischen und transatlantischen Rahmen führte
nicht zur Abschwächung des Konkurrenzkampfes zwischen den kapita-
listischen Rüstungszentren. Die besonders enge Verbindung von Rü-
stungskapitalen und Nationalstaaten ließ die Internationalisie-
rung nur als Transnationalisierungstendenz zum Ausdruck kommen,
und zwar nur in solchen Formen, die die vom Staat protektionierte
nationale Verankerung der Rüstungsindustrie bewahrte. Eine Ver-
schmelzung der Rüstungskapitale zu multinationalen Konzernen
konnte so ebensowenig stattfinden wie eine Übertragung nationaler
Kompetenzen an eine multinationale Beschaffungsbehörde. Vor die-
sem Hintergrund kann auch nicht von der Existenz eines westeuro-
päischen Militär-Industrie-Komplexes ausgegangen werden.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 212-223
Klaus-Peter Weiner
Die "Europäisierung" der Sicherheitspolitik - Tendenzen,
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Probleme, Perspektiven
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Die Motive, die zur Gründung der NATO geführt haben, verlieren
zunehmend ihre Bindekraft. Während die USA versuchen, ihre welt-
politischen Handlungsmöglichkeiten durch eine Reduzierung ihrer
militärischen Bindungen an Westeuropa wieder zu vergrößern, ver-
suchen die westeuropäischen Staaten ihre Interessen durch eine
engere sicherheitspolitische Kooperation zu wahren. Bisher in die
NATO eingebundene Interessenunterschiede zwischen den westeuropä-
ischen Staaten stehen jedoch einem "Sprung" in eine "Europäische
Sicherheitsunion" entgegen. Muster nationaler Machtpolitik, die
auch in der Bundesrepublik an Bedeutung gewinnen, können aber nur
über die westeuropäische Integration verfolgt werden. Die
"Europäisierung" zieht nicht zwangsläufig weitere Rüstungsschübe
nach sich. Ressourcenprobleme, das Interesse an Selbsterhaltung
und die Politik der UdSSR können der Abrüstung in Europa neue
Perspektiven eröffnen.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 224-247
Gerd Matzke
Ende der Eiszeit? Chancen und Probleme für Abrüstung in Europa
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Vor dem Hintergrund eines umfassenden Umbruchs in den internatio-
nalen Beziehungen muß die Rolle des militärischen Faktors neu be-
wertet werden. Objektiv - d.h. unabhängig von den aktuellen stra-
tegischen und politischen Präferenzen - ist eine Entwertung des
militärischen Faktors als Mittel zur internationalen Konfliktbe-
wältigung oder gar Interessendurchsetzung festzustellen. Dies be-
trifft nicht nur das Verhältnis zwischen kapitalistischen Staaten
oder zwischen Kapitalismus und Sozialismus, sondern auch das Ver-
hältnis zu und zwischen den Ländern der 3. Welt.
Abrüstung in Europa muß in ein globales Entmilitarisierungskon-
zept eingebettet werden, woraus durchaus spezifische Aufgaben-
stellungen entstehen. Relativ eigenständig müssen Durchbrüche auf
wissenschaftlich-technischer, militärstrategisch-militärdoktri-
närer und auf politisch-ökonomischer Ebene erzielt werden, deren
Voraussetzungen im Artikel untersucht werden. Darauf aufbauend
werden erste Konturen eines - real möglichen - Abrüstungsprozes-
ses in den 90er Jahren und Möglichkeiten zur Durchsetzung einer
friedensorientierten Reformalternative sichtbar.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 248-267
Max Schmidt/Wolfgang Schwarz
Herausforderungen und Perspektiven für Gemeinsame Sicherheit
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und das gemeinsame Haus Europa
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Geographie, gesamteuropäische Erfahrungen mit Krieg und Frieden,
ein historisch gewachsener Wirtschaftsraum, Kulturgeschichte und
gemeinsame ideengeschichtliche Entwicklung sind elementare, ge-
wachsene Aspekte einer europäischen Identität, zu der in den
letzten Jahrzehnten einige grundlegende Herausforderungen
(europäische Ausprägung von übergreifenden Überlebens- und ande-
ren globalen Problemen) hinzukamen. Die heutige Spaltung Europas
liegt nicht im Nebeneinander unterschiedlicher sozialer Systeme,
sondern in jahrzehntelanger Fixierung auf unversöhnliche Feind-
schaft zwischen diesen begründet.
Angesichts friedenspolitischer, ökologischer und ökonomischer
Herausforderungen, die nur Staaten- und systemübergreifend gelöst
werden können, sowie damit verbundener humanitärer Anforderungen
müssen bisher intra-systemare Erfahrungen / Errungenschaften in-
tersystemar produktiv gemacht werden. Neue politische Strukturen
auf gesamteuropäischer Ebene, militärische Angriffsunfähigkeit,
ein europäisches Umweltschutzprogramm mit Schwerpunkt auf Scha-
dens-Prävention, Lösungen für Energie, Verkehr, Information, in-
dustrielle und technologische Arbeitsteilung müssen gefunden wer-
den. Auch im humanitären Bereich sind wesentliche, für den ein-
zelnen Menschen spürbare Fortschritte notwendig, damit die zur
Schaffung eines europäischen Hauses erforderliche Veränderung im
politischen Bewußtsein erreicht wird.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 268-277
Ellen Weber
Vorschläge für ein Friedens-, Abrüstungs- und Sicherheitskonzept
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aus marxistischer Sicht
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Sicherheit kann nicht gegeneinander errüstet werden. Bis diese
Erkenntnis reifte und ausgesprochen werden konnte, wurde ein lan-
ger Weg zurückgelegt. Die Koalition des Realismus und der Ver-
nunft, um die heute weltweit gerungen wird, hat ihre Vorläuferin
in der Antihitlerkoalition. Die Ansätze dieses großen Bündnisses
versandeten in den Strategien des kalten Krieges. Heute existiert
eine qualitativ neue Lage. Hochrüstung und Krieg hören in der
Tendenz auf, dem Gesamtinteresse der Monopolbourgeoisie zu ent-
sprechen.
Auch wenn imperialistische Aggressivität nicht einfach aufhört,
sind doch die Möglichkeiten, breiteste Bündnisse zur Sicherung
von Frieden und Abrüstung herzustellen, größer als jemals zuvor
in der Geschichte. Kommunistische Politik muß sich diesen Heraus-
forderungen stellen. Nichts wird sich im Selbstlauf durchsetzen:
es bedarf der Massenbewegungen, die der neuen Lage entsprechend
handeln.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 278-291
Christoph Butterwegge
Die Opposition auf der Suche nach einer friedenspolitischen
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Konzeption. Sozialdemokratische und grüne Alternativen zur
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Sicherheitspolitik der Bundesregierung
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Nach der Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen bzw.
Marschflugkörper und dem Abschluß des INF-Abkommens im Dezember
1987 begann für die Friedensbewegung eine Zeit gründlicherer Be-
schäftigung mit Alternativen zur Politik und Logik der Abschrec-
kung. Der Beitrag zieht eine Zwischenbilanz dieses Diskussions-
prozesses, wobei das Hauptaugenmerk auf Positionen und friedens-
politischen Konzeptionen der Oppositionsparteien im Bundestag
liegt. Die SPD hat ein Konzept der Gemeinsamen Sicherheit und
Struktureller Nichtangriffsfähigkeit entwickelt, das innerpartei-
lich wenig umstritten, obwohl nicht frei von Brüchen und Wider-
sprüchen ist. Kontroverser erscheinen die Vorstellungen der GRÜ-
NEN: Einseitige Abrüstung, NATO-Austritt und Soziale Verteidigung
müssen präzisiert und modifiziert werden, damit sie in der Dis-
kussion über friedenspolitische Alternativen bestehen können. Ge-
meinsamer Kristallisationspunkt dieser Überlegungen sollte ein
System der Kollektiven Sicherheit für Europa sein.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 292-304
Peter Dietzel/Hans-Jürgen Kawalun
Die Rolle der Bundesregierung im europäischen Abrüstungsprozeß:
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Handlungsmöglichkeiten der BRD, Ziele und Konzeptionen im
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Regierungslager
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Am Ende der 80er Jahre befindet sich die NATO, und mit ihr die
BRD-Sicherheits- und Militärpolitik, inmitten eines einschneiden-
den Umbruchprozesses. Die Bandbreite unterschiedlicher Vorstel-
lungen über die künftige Strategie und Lastenteilung im Bündnis
ist deutlich größer geworden. Fronten verlaufen zwischen Westeu-
ropa und den USA ebenso, wie zwischen unterschiedlichen Flügeln
und Strömungen innerhalb der imperialistischen Bourgeoisien. In-
nerhalb der die gegenwärtige Bundesregierung dominierenden Uni-
onsparteien sind grob betrachtet drei sicherheits- und militärpo-
litisch relevante Strömungen auszumachen. Der Artikel unternimmt
den Versuch, diese Strömungen näher zu betrachten, bzw. vor dem
Hintergrund realer Differenzen im Kapital- und Regierungslager
aktuelle Handlungsorientierungen für eine friedensorientierte
BRD-Perspektive der 90er Jahre abzuleiten.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 305-315
Lorenz Knorr
Frieden, Abrüstung und die "deutsche Frage"
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Die Grundfrage des Beitrags ist, ob und aufweiche Weise das Fest-
halten der Konservativen an der revanchistischen Wiedervereini-
gungsforderung die anstehende Modernisierung ihrer außen- und si-
cherheitspolitischen Konzeption beeinflußt, und wie es dabei
selbst modifiziert wird. Gegenwärtig findet bei CDU und CSU als
Teil einer umfassenderen Modernisierungs- und Zukunftsdiskussion
eine kontrovers verlaufende Debatte statt, in der es um die An-
passung der traditionellen Wiedervereinigungsforderung an die ak-
tuellen Bedingungen geht. Die Konservativen wollen die "deutsche
Frage" offenhalten, sehen allerdings auch, daß ihre "Lösung"
nicht auf der Tagesordnung der Weltgeschichte steht. Als trei-
bende Kraft des westeuropäischen Integrationsprozesses setzen sie
heute auf die "Europäisierung der deutschen Frage". Diese Posi-
tion bildet ein direktes Hindernis für Abrüstung und Frieden. Die
parlamentarische Opposition bietet in Ansätzen Alternativen,
denen es jedoch an Konsequenz fehlt. Dazu bedarf es des Drucks
der außerparlamentarischen Bewegungen.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 316-327
Berthold Goergens
Die Diskussion über Konversion von Rüstungsproduktion
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in den Gewerkschaften der Bundesrepublik
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Seit Ende der 70er Jahre entwickelt sich in den Gewerkschaften
und in der Friedensbewegung der Bundesrepublik die Diskussion um
den Umbau der Rüstungsproduktion zur Friedensproduktion. Ausge-
hend von dem Konflikt um Rüstungsexporte und Strukturkrisen, vor
allem im Bereich der Küste (Werften), überschreiten die Konzepte
den Bereich des Einzelbetriebs zur Forderung nach einer Einbet-
tung des Umbauprozesses in Regional- und Strukturpolitik, Ent-
wicklung von Beschäftigungsgesellschaften und Qualifizierungspro-
grammen. Begleitet werden die Forderungen von der Auseinanderset-
zung um eine andere, an Gebrauchswerten orientierte Wissen-
schafts-, Technologie-, Wirtschafts- und Sozialpolitik und ein
anderes
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 328-338
Hans Jürgen Krysmanski
Einige technologiepolitische Voraussetzungen
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der Rüstungskonversion
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Das Problem der Rüstungskonversion wirft grundsätzliche Indu-
strie- und produktionspolitische Fragen, auch einer heutigen so-
zialistischen Perspektive, auf. Die Strategie der Rüstungskonver-
sion ist politisch nicht weit vorangekommen. Das liegt möglicher-
weise an einer verengten, auf traditionelle gewerkschaftliche Be-
triebsarbeit setzenden Konzeption. Notwendig sind eine histori-
sche Analyse kapitalistischer Forschungs- und Entwicklungspraxis,
mehr Aufmerksamkeit für den allgemeinen "Kampf um die Köpfe" der
wissenschaftlich-technischen Intellektuellen, Überwindung der be-
trieblichen Segmentierung der Beschäftigten durch die Einführung
überbetrieblicher Thematiken.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 396-413
Ingo Arend
Zur politischen Geschichte der Friedensforschung in der BRD
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Die Friedensforschung entfaltete sich in der BRD, an verschiedene
Wurzeln und Traditionslinien anknüpfend, im wesentlichen in der
Phase der sozialliberalen Koalition als staatlich (bescheiden)
geförderter Wissenschaftszweig. Ihre wichtigste Förderungs- und
Koordinierungsinstitution war die DGFK, die 1983 auf konservati-
ven Druck aufgelöst wurde. Von Anfang an gab es in der Friedens-
forschung eine pragmatischere, am "negativen Frieden", d.h. an
der Abwesenheit von Krieg orientierte Richtung, und eine kriti-
schere Strömung ("kritische Friedensforschung"), die aus der
prinzipiellen Kritik von Abschreckung und "struktureller Gewalt"
ein am "positiven Frieden" orientiertes soziales Fortschrittsver-
ständnis entwickelte. Die Friedensforschung stand permanent unter
starkem Anpassungsdruck v.a. von staatlicher Seite; deren Inter-
esse zielte auf eine Hilfswissenschaft zur entspannungs- und rü-
stungskontrollpolitisch orientierten Regulierung der Ost-West-
und Nord-Süd-Beziehungen. Diesem Druck gab die Friedensforschung
im wesentlichen nach. Dennoch gingen von ihr auch viele beachtli-
che Impulse aus. Nach 1983 ist die Lage der Friedensforschung zum
einen durch knappe Mittel, fehlende Koordinierungsmöglichkeiten
und pragmatische, weiter verengte staatliche Förderungspraxis ge-
kennzeichnet, andererseits hat sie durch den Aufschwung der Frie-
densbewegung und der Wissenschaftlerbewegung für den Frieden
spürbare neue Impulse im universitären und außeruniversitären
Bereich erfahren.
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 15, 1989, S. 414-430
Corinna Hauswedell
Friedensforschung und Friedenswissenschaft an den Hochschulen
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Die Politik ist in immer höherem Maße auf die Ergebnisse der Pro-
duktivkraft Wissenschaft zur Lösung der globalen Probleme ange-
wiesen. In der gewachsenen Rolle der Wissenschaft kann eine Ursa-
che für die Konsolidierung von Wissenschaftler-Friedensinitiati-
ven und für die stärkere Bereitschaft zur Einmischung in die neu
entstandene politische Situation liegen. Neben einer quantita-
tiven Ausweitung friedenswissenschaftlicher Arbeit an den Hoch-
schulen sind eine thematische Auffächerung und neue Strukturen
(intra- und interdisziplinär) festzustellen. Friedenswissen-
schaftliche Aktivitäten umfassen heute die Felder Ringvorlesun-
gen/Vorlesungsreihen, einzelne Lehrveranstaltungen, umfassende
Forschungsprojekte und wissenschaftspolitische Aktivitäten. Im
Spannungsfeld von angestrebter Institutionalisierung und innova-
tiver, kritischer Aufklärungsfunktion sind neue Erfahrungen aus-
zuwerten. Problematisch ist dennoch die unzureichende Unterstüt-
zung von Aktivitäten gegen Rüstungsforschungs-Projekte durch die
daran Beteiligten. Mehr Transparenz, Demokratie, Interdiszipli-
narität, Erfahrungsaustausch und Kooperation inner- wie außerhalb
der Hochschulen bleiben zentrale Herausforderungen für Hochschul-
Friedenswissenschaft.
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