Quelle: MEW 1 1839 - 1844
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Karl Marx
Der Kommunismus und die Augsburger "Allgemeine Zeitung"
["Rheinische Zeitung" Nr. 289 vom 16. Oktober 1842]
*** K ö l n, 15. Oktober. Die Nr. 284 der A u g s b u r g e r
Z e i t u n g ist so ungeschickt, in der "R h e i n i s c h e n
Z e i t u n g" eine preußische K o m m u n i s t i n zu ent-
decken, zwar keine wirkliche Kommunistin, aber doch immer eine
Person, die mit dem Kommunismus phantastisch kokettiert und pla-
tonisch liebäugelt.
Ob diese unartige Phantasterei der Augsburgerin uneigennützig, ob
diese müßige Gaukelei ihrer aufgeregten Einbildungskraft mit Spe-
kulationen und diplomatischen Geschäften zusammenhängt, mag der
Leser entscheiden - nachdem wir das angebliche corpus delicti
vorgeführt haben.
Die "Rheinische Zeitung", erzählt man, habe einen kommunistischen
Aufsatz über die Berliner Familienhäuser [81] in ihr Feuilleton
aufgenommen und mit folgender Bemerkung begleitet: Diese Mittei-
lungen "d ü r f t e n f ü r d i e G e s c h i c h t e d i e-
s e r w i c h t i g e n Z e i t f r a g e n i c h t o h n e
I n t e r e s s e s e i n"; folgt daher nach der Augsburger
Logik, daß die "Rheinische Zeitung" "d e r g l e i c h e n u n-
g e w a s c h e n e s Z e u g e m p f e h l e n d a u f g e-
t i s c h t". Also wenn ich z.B. sage: "folgende Mitteilungen
des 'Mefistofeles' [82] über den innern Haushalt der Augsburger
Zeitung dürften n i c h t o h n e I n t e r e s s e für die
Geschichte dieser wichtigtuenden Dame sein", so empfehle ich die
s c h m u t z i g e n "Z e u g e", aus denen die Augsburgerin
ihre bunte Garderobe zusammenschneidet? Oder sollten wir den
Kommunismus schon deshalb für keine wichtige Zeitfrage halten,
weil er keine courfähige Zeitfrage ist, weil er schmutzige Wäsche
trägt und nicht nach Rosenwasser duftet?
Allein mit Recht grollt die Augsburgerin unserm Mißverstand. Die
Wichtigkeit des Kommunismus besteht nicht darin, daß er eine
Zeitfrage von höchstem Ernst für Frankreich und England bildet.
Der Kommunismus besitzt die e u r o p ä i s c h e W i c h-
t i g k e i t, von der Augsburger Zeitung zu einer Phrase
benutzt worden zu sein. Einer ihrer Pariser Korrespondenten, ein
Konvertit, der die Geschichte behandelt wie ein Konditor die
Botanik, hat jüngst einmal
#106# Karl Marx
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den Einfall gehabt: die Monarchie müsse die sozialistisch-kommu-
nistischen Ideen in ihrer Weise sich anzueignen suchen. Versteht
ihr nun den Unmut der Augsburgerin, die uns nie verzeihen wird,
daß wir den Kommunismus in seiner u n g e w a s c h e n e n
Nacktheit dem Publikum bloßgestellt; versteht ihr die verbissene
Ironie, die uns zuruft: so e m p f e h l t ihr den Kommunismus,
der schon einmal die glückliche Eleganz besaß, eine Phrase der
Augsburger Zeitung zu bilden!
Der zweite Vorwurf, der die "Rheinische Zeitung" trifft, ist der
Schluß eines Referats aus Straßburg über die bei dem dortigen
Kongreß gehaltenen kommunistischen Reden, denn die beiden Stief-
schwestern hatten sich in die Beute so geteilt, daß der
R h e i n l ä n d e r i n die V e r h a n d l u n g e n und
der B a y e r i n die M a h l z e i t e n der Straßburger Ge-
lehrten zufielen. Die inkriminierte Stelle lautet wörtlich also:
"Es ist heute mit dem Mittelstande so wie mit dem Adel im Jahre
1789; damals nahm der Mittelstand die Privilegien des Adels in
Anspruch und erhielt sie, h e u t e v e r l a n g t d e r
S t a n d, d e r n i c h t s b e s i t z t, t e i l z u-
n e h m e n a m R e i c h t u m e d e r M i t t e l-
k l a s s e n, d i e j e t z t a m R u d e r s i n d. Der
Mittelstand hat sich nun heute gegen eine Überrumpelung besser
vorgesehen als der Adel im Jahre 89, und es steht zu erwarten,
daß das Problem auf friedlichem Wege wird gelöst werden." [83]
Daß Sieyès' Prophezeiung eingetroffen und daß der tiers état 1*)
alles geworden ist und alles sein will - Bülow-Cummerow, das ehe-
malige "Berliner politische Wochenblatt", Dr. Kosegarten, sämtli-
che feudalistische Schriftsteller bekennen es mit wehmütigster
Entrüstung. Daß der Stand, der heute nichts besitzt, am Reichtum
der Mittelklassen teilzunehmen v e r l a n g t, das ist ein
Faktum, welches ohne das Straßburger Reden und trotz dem Augsbur-
ger Schweigen in Manchester, Paris und Lyon auf den Straßen jedem
sichtbar umherläuft. Glaubt etwa die Augsburgerin, ihr Unwillen
und ihr Schweigen widerlegten die Tatsachen der Zeit? Die Augs-
burgerin ist i m p e r t i n e n t i m F l i e h e n. Sie
reißt aus vor verfänglichen Zeiterscheinungen und glaubt, der
Staub, den sie beim Ausreißen hinter sich aufwirbelt, sowie die
ängstlichen Schmähworte, welche sie auf der Flucht zwischen den
Zähnen hinmurmelt, blendeten und verwirrten die unbequeme Zeiter-
scheinung wie den bequemen Leser.
Oder grollt die Augsburgerin der Erwartung unseres Korresponden-
ten, die unleugbare Kollision werde sich "auf f r i e d-
l i c h e m Wege" lösen? Oder wirft sie uns vor, daß wir nicht
sofort ein probates Rezept verschrieben und einen sonnenklaren
Bericht über die unmaßgebliche Lösung des Problems dem
überraschten Leser, in die Tasche spielten? Wir besitzen nicht
die Kunst,
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1*) dritte Stand
#107# Der Kommunismus und die Augsburger "Allgemeine Zeitung"
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mit e i n e r Phrase Probleme zu bändigen, an deren Bezwingung
z w e i Völker arbeiten.
Aber liebste, beste Augsburgerin, Sie geben uns bei Gelegenheit
des Kommunismus zu verstehen, daß Deutschland jetzt arm ist an
unabhängigen Existenzen, daß neun Zehntel der gebildeteren Jugend
den Staat anbetteln um Brot für ihre Zukunft, daß unsere Ströme
vernachlässigt, daß die Schiffahrt darniederliegt, daß unsern
ehemals blühenden Handelsstädten der alte Flor fehlt, daß die
freien Institutionen erst auf langsamem Wege in Preußen erstrebt
werden, daß der Überfluß unserer Bevölkerung hilflos umherirrt,
um in fremden Nationalitäten als Deutsche unterzugehen, und für
alle diese Probleme kein einziges Rezept, kein Versuch,
"k l a r e r ü b e r d i e M i t t e l z u r A u s f ü h-
r u n g" der großen Tat zu werden, die uns von all diesen Sünden
erlösen soll! Oder erwarten Sie keine friedliche Lösung? Fast
scheint ein anderer Artikel derselben Nummer, von Karlsruhe
datiert, dahin zu deuten, wo selbst in bezug auf den Zollverein
die verfängliche Frage an Preußen gerichtet wird: "G l a u b t
m a n, e i n e s o l c h e K r i s i s w ü r d e v o r ü-
b e r g e h e n w i e e i n e R a u f e r e i u m d a s
T a b a k r a u c h e n i m T i e r g a r t e n?" Der Grund,
den Sie für Ihren Unglauben debütieren, ist ein k o m m u-
n i s t i s c h e r. "N u n l a s s e m a n e i n e
K r i s i s ü b e r d i e I n d u s t r i e losbrechen,
l a s s e M i l l i o n e n a n K a p i t a l v e r l o-
r e n g e h e n, T a u s e n d e v o n A r b e i t e r n
b r o t l o s w e r d e n." Wie ungelegen kam unsere
"f r i e d l i c h e E r w a r t u n g", da Sie einmal be-
schlossen hatten, eine blutige Krisis l o s b r e c h e n z u
l a s s e n, weshalb wohl in Ihrem Artikel Großbritannien auf
den demagogischen Arzt Dr. M'Douall, der nach Amerika
ausgewandert, weil "m i t d i e s e m k ö n i g s c h e n
G e s c h l e c h t d o c h n i c h t s a n z u f a n g e n
s e i" [85], nach Ihrer eigenen Logik e m p f e h l e n d
nachgewiesen wird.
Eh' wir uns von Ihnen trennen, möchten wir Sie noch vorübergehend
auf Ihre eigene Weisheit aufmerksam machen, da es bei Ihrer Me-
thode der Phrasen nicht wohl zu umgehen ist, harmloserweise hie
und da einen Gedanken zwar nicht zu h a b e n, aber eben des-
halb a u s z u s p r e c h e n. Sie finden, daß die Polemik des
Herrn Hennequin aus Paris gegen die Parzellierung des Grundbesit-
zes denselben mit den Autonomen in eine überraschende Harmonie
bringt! Die Überraschung, sagt Aristoteles, ist der Anfang des
Philosophierens. Sie haben beim Anfang geendet. Würde Ihnen sonst
die überraschende Tatsache entgangen sein, daß kommunistische
Grundsätze in Deutschland nicht von den Liberalen, sondern von
Ihren r e a k t i o n ä r e n Freunden verbreitet werden?
Wer spricht von H a n d w e r k e r k o r p o r a t i o n e n?
Die Reaktionäre. Der Handwerkerstand soll einen Staat im Staat
bilden. Finden Sie es auffallend, daß solche Gedanken, modern
ausgedrückt, also lauten: "Der Staat soll sich in
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den Handwerkerstand verwandeln"? Wenn dem Handwerker sein Stand
der Staat sein soll, wenn aber der moderne Handwerker, wie jeder
moderne Mensch, den Staat nur als die all seinen Mitbürgern ge-
meinsame Sphäre versteht und verstehen kann, wie wollen Sie an-
ders beide Gedanken synthesieren als in einen H a n d w e r-
k e r s t a a t?
Wer polemisiert gegen die P a r z e l l i e r u n g d e s
G r u n d b e s i t z e s? Die Reaktionäre. Man ist in einer
ganz kurz erschienenen feudalistischen Schrift (Kosegarten über
Parzellierung) so weit gegangen, das P r i v a t e i g e n t u m
ein V o r r e c h t zu nennen. [88] Das ist F o u r i e r s
Grundsatz. Sobald man über die Grundsätze einig ist, läßt sich
nicht über die Konsequenzen und die Anwendung streiten?
Die "Rheinische Zeitung", die den kommunistischen Ideen in ihrer
jetzigen Gestalt nicht einmal t h e o r e t i s c h e W i r k-
l i c h k e i t zugestehen, also noch weniger ihre p r a k-
t i s c h e V e r w i r k l i c h u n g wünschen oder auch nur
für möglich halten kann, wird diese Ideen einer gründlichen
Kritik unterwerfen. Daß aber Schriften, wie die von Leroux,
Considérant und vor allen das scharfsinnige Werk Proudhons [89],
nicht durch oberflächliche Einfälle des Augenblicks, sondern nur
nach lang anhaltendem und tief eingehendem Studium kritisiert
werden können, würde die Augsburgerin einsehen, wenn sie mehr
verlangte und mehr vermöchte als Glacéphrasen. Um so ernster
haben wir solche t h e o r e t i s c h e n Arbeiten zu nehmen,
als wir nicht mit der Augsburger übereinstimmen, welche die
"W i r k l i c h k e i t" der kommunistischen G e d a n k e n
nicht bei P l a t o, sondern bei ihrem o b s k u r e n B e-
k a n n t e n [90] findet, der nicht ohne Verdienst in einigen
Richtungen wissenschaftlicher Forschung sein ganzes ihm damals
zur Verfügung stehendes Vermögen hingab und seinen Verbündeten
Teller und Stiefel nach dem Willen des Vaters Enfantin putzte.
Wir haben die feste Überzeugung, daß nicht der p r a k t i-
s c h e V e rs u c h, sondern die t h e o r e t i s c h e
A u s f ü hr u n g der kommunistischen Ideen die eigentliche
G e f a h r bildet, denn auf praktische Versuche, und seien es
V e r s u c h e i n M a s s e, kann man durch K a n o n e n
antworten, sobald sie gefährlich werden, aber I d e e n, die
unsere Intelligenz besiegt, die unsere Gesinnung erobert, an die
der Verstand unser Gewissen geschmiedet hat, das sind Ketten,
denen man sich nicht entreißt, ohne sein Herz zu zerreißen, das
sind Dämonen, welche der Mensch nur besiegen kann, indem er sich
ihnen unterwirft. Doch die Augsburger Zeitung hat die G e-
w i s s e n s a n g s t, welche eine Rebellion der subjektiven
Wünsche des Menschen gegen die objektiven Einsichten seines
eigenen Verstandes hervorruft, wohl nie kennengelernt, d a
s i e w e d e r e i g e n e n V e r s t a n d n o c h
e i g e n e E i n s i c h t e n n o c h a u c h e i n
e i g e n e s G e w i s s e n b e s i t z t.
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