Quelle: MEW 1 1839 - 1844
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Karl Marx
Der Ehescheidungsgesetzentwurf [105]
["Rheinische Zeitung" Nr. 353 vom 19. Dezember 1842]
** K ö l n, 18. Dezember. Die "Rheinische Zeitung" hat in bezug
auf den E h e s c h e i d u n g s g e s e t z e n t w u r f
e i n e g ä n z l i c h i s o l i e r t e Stellung eingenom-
men, deren Unhaltbarkeit ihr bis jetzt von keiner Seite nachge-
wiesen worden ist. Die "Rheinische Zeitung" stimmt mit dem Ent-
wurfe überein, soweit sie die bisherige preußische Ehegesetzge-
bung für unsittlich, die bisherige Unzahl und Frivolität der
Scheidungsgründe für unzulässig, die bisherige Prozedur nicht der
Würde des Gegenstandes angemessen findet, was übrigens von dem
ganzen altpreußischen Gerichtsverfahren gelte. Dagegen machte die
"Rheinische Zeitung" gegen den neuen Entwurf folgende Hauptein-
wendungen: 1. Daß an die Stelle einer R e f o r m eine bloße
R e v i s i o n getreten, also das preußische Landrecht als Fun-
damentalgesetz beibehalten worden, wodurch eine große Halbheit
und Unsicherheit entstanden sei; 2. daß die Ehe nicht als
s i t t l i c h e, sondern als r e l i g i ö s e und
k i r c h l i c h e Institution von der Gesetzgebung behandelt,
also das w e l t l i c h e Wesen der Ehe verkannt worden sei;
3. daß die Prozedur sehr mangelhaft und eine äußerliche Komposi-
tion widersprechender Elemente sei; 4. daß einerseits polizeili-
che, dem Begriff der Ehe widersprechende Härten, andererseits
eine zu große Nachgiebigkeit gegen die sogenannten Billigkeits-
gründe nicht zu verkennen seien; 5. daß die ganze Fassung des
Entwurfes an logischer Konsequenz, Präzision, Klarheit und durch-
greifenden Gesichtspunkten viel zu wünschen übriglasse.
Soweit die Gegner des Entwurfes einen dieser Mängel rügen, stim-
men wir daher mit ihnen überein, können dagegen ihre unbedingte
Apologie des früheren Systems keineswegs billigen. Wir wiederho-
len noch einmal unsern früher ausgesprochenen Satz: "Wenn die Ge-
setzgebung die Sittlichkeit nicht verordnen, so kann sie noch we-
niger die Unsittlichkeit als zu Recht gültig anerkennen." 1*)
Fragen wir, worauf das Räsonnement d i e s e r Gegner (die
nicht
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1*) Karl Marx: Zum Ehescheidungsentwurf. Kritik der Kritik"
(siehe Ergännzungsband, Teil 1, unserer Ausgabe, S. 390)
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Gegner der kirchlichen Auffassung und der andern angegebenen Män-
gel sind) fußt, so sprechen sie uns beständig von dem Unglücke
der wider ihren Willen gebundenen Ehegatten. Sie stellen sich auf
einen eudämonistischen Standpunkt, sie denken nur an die zwei In-
dividuen, sie vergessen die F a m i l i e, sie vergessen, daß
beinahe jede Ehescheidung eine Familienscheidung ist und, selbst
rein juristisch betrachtet, die Kinder und ihr Vermögen nicht von
dem willkürlichen Belieben und seinen Einfällen abhängig gemacht
werden können. Wäre die Ehe nicht die Basis der Familie, so wäre
sie ebensowenig Gegenstand der Gesetzgebung, als es etwa die
Freundschaft ist. Jene berücksichtigen also den individuellen
Willen oder richtiger die W i l l k ü r der Ehegatten, aber be-
rücksichtigen nicht den W i l l e n d e r E h e, die sittli-
che Substanz dieses Verhältnisses. Der Gesetzgeber aber hat sich
wie ein Naturforscher zu betrachten. Er m a c h t die Gesetze
nicht, er erfindet sie nicht, er formuliert sie nur, er spricht
die innern Gesetze geistiger Verhältnisse in bewußten positiven
Gesetzen aus. Wie man es nun als die maßloseste Willkür dem Ge-
setzgeber vorwerfen müßte, sobald er an die Stelle des Wesens der
Sache seine Einfälle treten ließe, so hat doch wohl der Gesetzge-
ber nicht minder das Recht, es als die maßloseste Willkür zu be-
trachten, wenn Privatpersonen ihre Kapricen gegen das Wesen der
Sache durchsetzen wollen. Niemand wird gezwungen, eine Ehe zu
schließen; aber jeder muß gezwungen werden, sobald er eine Ehe
schließt, sich zum Gehorsam gegen die Gesetze der Ehe zu ent-
schließen. Wer eine Ehe schließt, der m a c h t, der
e r f i n d e t die Ehe nicht, so wenig als ein Schwimmer die
Natur und die Gesetze des Wassers und der Schwere erfindet. Die
Ehe kann sich daher nicht seiner Willkür, sondern seine Willkür
muß sich der Ehe fügen. Wer willkürlich die Ehe bricht, der be-
hauptet: die Willkür, d a s G e s e t z l o s e i s t d a s
G e s e t z d e r E h e, denn kein Vernünftiger wird die Anma-
ßung besitzen, seine Handlungen für privilegierte Handlungen, für
Handlungen zu halten, die i h m a l l e i n zustehen, wird sie
vielmehr für gesetzmäßige, a l l e n z u s t e h e n d e Hand-
lungen ausgeben. Wogegen opponiert ihr aber? Gegen Gesetzgebungen
der Willkür, aber ihr werdet doch nicht in demselben Momente die
Willkür zum Gesetze machen wollen, wo ihr den Gesetzgeber der
Willkür anklagt.
Hegel sagt: A n s i c h, dem Begriffe nach, sei die Ehe un-
trennbar, aber n u r an sich, d.h. nur ihrem Begriffe nach. Es
ist damit nichts E i g e n t ü m l i c h e s über die Ehe ge-
sagt. Alle sittlichen Verhältnisse sind i h r e m B e-
g r i f f e nach unauflöslich, wie man sich leicht überzeugen
kann, wenn man ihre W a h r h e i t voraussetzt. Ein w a h-
r e r Staat, eine w a h r e Ehe, eine w a h r e Freundschaft
sind unauflöslich, aber kein Staat, keine Ehe, keine Freundschaft
entsprechen durchaus ihrem Begriffe, und wie die wirkliche
Freundschaft sogar in der
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Familie, wie der wirkliche Staat in der Weltgeschichte, so ist
die wirkliche Ehe im Staate a u f l ö s b a r. Keine sittliche
E x i s t e n z entspricht, oder m u ß wenigstens nicht ihrem
Wesen entsprechen. Wie nun in der Natur von selbst die Auflösung
und der Tod da erscheint, wo ein Dasein seiner Bestimmung
durchaus nicht mehr entspricht, wie die Weltgeschichte
entscheidet, ob ein Staat so sehr mit der Idee des Staates zer-
fallen ist, daß er nicht weiterzubestehen verdient, so entschei-
det der Staat, unter welchen Bedingungen eine e x i s t i e-
r e n d e Ehe aufgehört hat, eine Ehe zu sein. Die Ehescheidung
ist nichts als die Erklärung: diese Ehe ist eine g e s t o r-
b e n e Ehe, deren Existenz nur Schein und Trug ist. Es versteht
sich von selbst, daß weder die Willkür des Gesetzgebers noch die
Willkür der Privatpersonen, sondern nur das W e s e n d e r
S a c h e entscheiden kann, ob eine Ehe gestorben ist oder
nicht, denn eine T o d e s e r k l ä r u n g hängt bekannter-
maßen vom Tatbestand und nicht von den W ü n s c h e n der
beteiligten Parteien ab. Wenn ihr aber bei dem p h y s i-
s c h e n Tod prägnante unverkennbare Beweise verlangt, sollte
nicht der Gesetzgeber nur nach den untrüglichsten Symptomen einen
s i t t l i c h e n Tod konstatieren dürfen, da das Leben der
sittlichen Verhältnisse zu konservieren nicht nur sein Recht,
sondern auch seine P f l i c h t, die Pflicht seiner Selbst-
erhaltung ist!
Die S i c h e r h e i t, daß die B e d i n g u n g e n, unter
denen die E x i s t e n z eines sittlichen Verhältnisses seinem
W e s e n nicht mehr entspricht, treu, dem Stande der Wissen-
schaft und der allgemeinen Einsicht angemessen, ohne vorgefaßte
Meinungen konstatiert werden, wird allerdings nur dann vorhanden
sein, wenn das Gesetz der bewußte Ausdruck des Volkswillens, also
mit ihm und durch ihn geschaffen ist. Über die Erleichterung oder
Erschwerung der Ehescheidung fügen wir noch ein Wort hinzu: Hal-
tet ihr einen Naturkörper für gesund, für fest, für wahrhaft or-
ganisiert, wenn jeder äußere Anstoß, jede Verletzung ihn aufheben
wird? Würdet ihr euch nicht für beleidigt halten, wenn man als
Axiom aufstellte, eure Freundschaft könne den kleinsten Zufällen
nicht widerstehen und m ü s s e vor jeder Grille sich auflösen?
Der Gesetzgeber kann aber hinsichtlich der Ehe nur bestimmen,
wann sie aufgelöst werden d a r f, also ihrem Wesen nach
a u f g e l ö s t ist. Die richterliche Auflösung kann nur eine
Protokollierung der inneren Auflösung sein. Der Gesichtspunkt des
Gesetzgebers ist der Gesichtspunkt der Notwendigkeit. Der Gesetz-
geber e h r t also die Ehe, erkennt ihr tiefes sittliches Wesen
an, wenn er sie für mächtig genug hält, viele Kollisionen beste-
hen zu können, ohne sich selber einzubüßen. Die Weichheit gegen
die Wünsche der Individuen würde in eine Härte gegen das Wesen
der Individuen, gegen ihre sittliche Vernunft, die sich in sitt-
lichen Verhältnissen verkörpert, umschlagen.
Schließlich können wir es nur eine Übereilung nennen, wenn die
Länder
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der s t r e n g e n E h e s c h e i d u n g, zu denen das
Rheinland s t o l z ist sich zu zählen, von manchen Seiten der
H e u c h e l e i beschuldigt werden. Nur ein Gesichtskreis, der
über die ihn umgebende Sittenverderbnis nicht hinausreicht, kann
dergleichen Anschuldigungen wagen, die man z.B. in der
Rheinprovinz lächerlich findet und höchstens als einen Beweis
hinnimmt, wie selbst die V o r s t e l l u n g sittlicher Ver-
hältnisse verlorengehen und jede sittliche Tatsache als ein
M ä r c h e n und eine Lüge verstanden werden kann; was die un-
mittelbare Konsequenz solcher Gesetze ist, welche nicht die Hoch-
achtung vor dem Menschen diktiert hat, ein Fehler, der dadurch
nicht aufgehoben wird, daß man von der materiellen Verachtung zu
der ideellen Verachtung übergeht und statt der bewußten Unterwer-
fung unter sittlich-natürliche Mächte einen bewußtlosen Gehorsam
gegen eine übersittliche und übernatürliche Autorität verlangt.
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