Quelle: MEW 1 1839 - 1844


       zurück

       #152#
       -----
       Karl Marx
       [Das Verbot der "Leipziger Allgemeinen Zeitung"]
       Das Verbot  der "Leipziger  Allgemeinen Zeitung"  für den preußi-
       schen Staat [107]
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 1 vom 1. Januar 1843]
       *   K ö l n,   31. Dezember. Die deutsche Presse beginnt das neue
       Jahr unter   s c h e i n b a r    trüben  Auspizien.  Das  soeben
       erfolgte Verbot  der   "L e i p z i g e r   A l l g e m e i n e n
       Z e i t u n g"  für die preußischen Staaten widerlegt wohl schla-
       gend genug  alle selbstgefälligen  Träume der Leichtgläubigen von
       den großen   K o n z e s s i o n e n   der Zukunft. Da die "Leip-
       ziger  Allgemeine  Zeitung",  die  unter    s ä c h s i s c h e r
       Z e n s u r   erscheint, wegen  ihrer Besprechung der preußischen
       Angelegenheiten verboten  wird, so  wird damit zugleich die Hoff-
       nung einer   z e n s u r f r e i e n   Besprechung unserer innern
       Angelegenheiten verboten.  Das ist eine faktische Konsequenz, die
       niemand ableugnen wird.
       Die Hauptvorwürfe,  die gegen  die "Leipziger Allgemeine Zeitung"
       verlautbarten, waren ungefähr folgende:
       
       "Sie bringe  Gerücht auf Gerücht, und hinterher erweise sich min-
       destens die  Hälfte als falsch. Zudem halte sie sich nicht an die
       Tatsachen, sondern spähe nach den Triebfedern; und wie falsch ihr
       Urteil hier  oftmals auch sei, immer spreche sie dasselbe mit dem
       Pathos der  Unfehlbarkeit und  oft mit  der gehässigsten  Leiden-
       schaft aus.  Ihr Treiben sei unstät, 'indiskret', 'unfertig', mit
       einem Worte ein schlechtes Treiben."
       
       Angenommen, diese  Anschuldigungen seien sämtlich begründet, sind
       es Anschuldigungen  gegen den   w i l l k ü r l i c h e n  C h a-
       r a k t e r   der "Leipziger  Allgemeinen Zeitung",  oder sind es
       nicht vielmehr  Anschuldigungen gegen  den  n o t w e n d i g e n
       C h a r a k t e r   der eben erst entstehenden jungen  V o l k s-
       p r e s s e?     Handelt  es  sich  nur  um  die  Existenz  einer
       g e w i s s e n   A r t   von Presse  oder handelt es sich um die
       Nichtexistenz  der     w i r k l i c h e n     Presse,  d.h.  der
       V o l k s p r e s s e?
       Die französische, die englische, jede Presse hat in derselben Art
       und
       
       #153# Das Verbot der "Leipziger Allgemeinen Zeitung"
       -----
       Weise begonnen  wie die  deutsche Presse, und jede dieser Pressen
       bat dieselben  Vorwürfe verdient  und erhalten.  Die  Presse  ist
       nichts und  soll nichts  sein als  das  l a u t e,  freilich "oft
       leidenschaftliche und im Ausdruck übertreibende und fehlgreifende
       tägliche Denken und Fühlen eines wirklich als Volk denkenden Vol-
       kes". Daher ist sie wie das Leben, immer werdend, nie fertig. Sie
       steht im  Volke und fühlt all sein Hoffen und sein Fürchten, sein
       Lieben und  sein Rassen,  seine Freuden  und seine Leiden ehrlich
       mit. Was  sie hoffend und fürchtend erlauscht, verkündet sie laut
       und urteilt  darüber heftig, leidenschaftlich, einseitig, wie ihr
       Gemüt und Gedanken im Augenblicke bewegt sind. Das Irrige in Tat-
       sachen und  Urteilen, was  sie heute brachte, wird sie morgen wi-
       derlegen. Sie  ist die  eigentliche "naturwüchsige"  Politik, die
       ihre Gegner ja sonst zu lieben pflegen.
       Die Vorwürfe,  die in  den letzten Tagen in einem Atem der jungen
       "Presse" gemacht  wurden, hoben  sich  wechselseitig  auf.  Seht,
       sagte man,  welche  feste,  gehaltene,  bestimmte  Politik  haben
       e n g l i s c h e  und  f r a n z ö s i s c h e  Blätter. Sie ba-
       sieren auf dem wirklichen Leben, ihre Ansicht ist die Ansicht ei-
       ner   v o r h a n d e n e n   f e r t i g e n  Macht, sie doktri-
       nieren das Volk nicht, sie sind die wirklichen Doktrinen des Vol-
       kes und seiner Parteien. Ihr aber sprecht nicht die Gedanken, die
       Interessen des  Volkes aus, ihr  m a c h t  sie erst oder schiebt
       sie ihm  vielmehr unter.  Ihr schafft  den Parteigeist.  Ihr seid
       nicht seine  Schöpfungen. So  wird es  der Presse zum Vorwurf ge-
       macht, bald, daß  k e i n e  politischen Parteien bestehen, bald,
       daß sie  diesem Mangel   a b h e l f e n  und politische Parteien
       schaffen will.  Aber es  versteht sich  von selbst. Wo die Presse
       j u n g   ist, ist  der Volksgeist  j u n g,  und das  t ä g l i-
       c h e   laute  politische  Denken  eines  eben  erst  erwachenden
       Volksgeistes wird  unfertiger, formloser, übereilter sein als das
       eines Volksgeistes, der in politischen Kämpfen groß und stark und
       selbstgewiß geworden  ist. Vor allem das Volk, dessen politischer
       Sinn erst  erwacht, fragt  weniger nach  der  f a k t i s c h e n
       Richtigkeit  dieser   oder  jener   Begebenheit  als  nach  ihrer
       s i t t l i c h e n   Seele, mit welcher sie wirkt; Tatsache oder
       Fabel, sie  bleibt eine Verkörperung der Gedanken, Befürchtungen,
       Hoffnungen des  Volks, ein   w a h r e s  Märchen. Das Volk sieht
       dies, sein Wesen, in dem Wesen seiner Presse abgespiegelt, und wo
       es dies  nicht sähe,  würde es  sie  als  ein    U n w e s e n t-
       l i c h e s   keiner Teilnahme  würdigen, denn ein Volk läßt sich
       nicht betrügen.  Mag sich  daher die  junge Presse  täglich  kom-
       promittieren, mögen  schlechte Leidenschaften  in sie eindringen,
       das Volk  erblickt in  ihr seinen  eigenen Zustand  und weiß, daß
       trotz  allem   Gift,  was   die  Bosheit   oder  der   Unverstand
       herbeischleppt, ihr Wesen immer wahr und rein bleibt und das Gift
       in ihrem immer bewegten, immer vollen Strome zur Wahrheit und zur
       heilsamen Arznei  wird. Es  weiß, daß  seine Presse  seine Sünden
       trägt, sich
       
       #154# Karl Marx
       -----
       für es  erniedrigt und zu seinem Ruhme, auf Vornehmigkeit, Suffi-
       sance und Unwiderleglichkeit verzichtend, die Rose des sittlichen
       Geistes innerhalb der Dornen der Gegenwart darstellt.
       Wir müssen  also die Vorwürfe, die man der "Leipziger Allgemeinen
       Zeitung" gemacht  hat, als  Vorwürfe gegen die junge Volkspresse,
       also gegen die wirkliche Presse betrachten, denn es versteht sich
       von selbst,  daß die Presse nicht wirklich werden kann, ohne ihre
       notwendigen,  in   ihrem  Wesen  begründeten  Entwicklungsstadien
       durchzumachen. Wir müssen aber die Verwerfung der Volkspresse für
       eine Verwerfung  des politischen  Volksgeistes erklären. Und den-
       noch haben wir im Beginn unseres Artikels die Auspizien der deut-
       schen Presse als  s c h e i n b a r  trübe bezeichnet. Und so ist
       es, denn  der Kampf  gegen ein  Dasein  ist    d i e    e r s t e
       F o r m   seiner  Anerkennung,  seiner  Wirklichkeit  und  seiner
       Macht. Und  nur der Kampf kann sowohl die Regierung als das Volk,
       als die  Presse selbst von der wirklichen und notwendigen Berech-
       tigung der  Presse überzeugen.  Nur er  kann zeigen,  ob sie eine
       Konzession oder eine Notwendigkeit, eine Illusion oder eine Wahr-
       heit ist.
       
       Die "Kölnische Zeitung" und das Verbot der "Leipziger Allgemeinen
       Zeitung"
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 4 vom 4. Januar 1843]
       *   K ö l n,  3. Januar. Die "Kölnische Zeitung" brachte in ihrer
       Nummer vom  31. Dezember  einen "Leipzig 27." bezeichneten Korre-
       spondenzartikel,  der   beinahe  frohlockend   das   Verbot   der
       "Leipziger Allgemeinen Zeitung" mitteilte, während die Kabinetts-
       ordre, welche  das Verbot jener Zeitung dekretiert und in der ge-
       stern hier  eingetroffenen "Staatszeitung" enthalten ist, vom 28.
       Dezember datiert.  Das Rätsel  löst sich einfach durch die Bemer-
       kung, daß  am 31.  Dezember die  Nachricht von  dem  Verbote  der
       "Leipziger Allgemeinen Zeitung" bei hiesiger Post eintraf und die
       "Kölnische Zeitung" es angemessen fand, nicht nur eine Korrespon-
       denz, sondern  auch einen  Korrespondenten zu schreiben und ihrer
       eigenen Stimme die gute Stadt Leipzig zum Domizil anzuweisen. Die
       "merkantile" Phantasie der "Kölnischen Zeitung" war so "gewandt",
       die Begriffe  zu verwechseln.  Sie  erblickte  die  Residenz  der
       "Kölnischen Zeitung" in Leipzig, weil die Residenz der "Leipziger
       Zeitung" in  Köln eine  Unmöglichkeit geworden. Sollte die Redak-
       tion der  "Kölnischen Zeitung"  auch bei  kälterem Nachdenken das
       Spiel ihrer  Phantasie als  eine trockene  Wahrheit der  Tatsache
       verteidigen wollen, so würden wir uns genötigt sehen,
       
       #155# Das Verbot der "Leipziger Allgemeinen Zeitung"
       -----
       in bezug  auf die  mystische Korrespondenz  aus Leipzig noch eine
       T a t s a c h e  mitzuteilen, die
       
       "alle Schranken  des Anstandes überschreitet und auch bei uns je-
       dem   Gemäßigten   und   Besonnenen   als   eine   unbegreifliche
       I n d i s k r e t i o n"
       
       erscheinen wird.
       Was das  Verbot der  "Leipziger Allgemeinen  Zeitung" selbst  be-
       trifft, so  haben wir  unsere Ansicht  ausgesprochen.  Wir  haben
       nicht die  an der "Leipziger Allgemeinen Zeitung" gerügten Mängel
       als aus  der Luft gegriffen bestritten, aber wir haben behauptet,
       daß  es   Mängel  sind,   welche  aus   dem     W e s e n     der
       V o l k s p r e s s e  selbst hervorgehen, also in ihrem Entwick-
       lungsgang geduldet werden müssen, wenn man ihren Entwicklungsgang
       überhaupt dulden will.
       Die "Leipziger  Allgemeine Zeitung"  ist  nicht  die    g a n z e
       deutsche Volkspresse, aber sie ist ein notwendiger integrierender
       Teil derselben.  Die verschiedenen Elemente, welche die Natur der
       Volkspresse bilden,  müssen bei naturgemäßer Entwickelung dersel-
       ben zunächst  jedes für  sich  seine    e i g e n t ü m l i c h e
       Ausbildung finden.  Der ganze Körper der Volkspresse wird also in
       verschiedene Zeitungen  von verschiedenen,  sich wechselweise er-
       gänzenden Charakteren  zerfallen, und  wenn z.B. in der einen die
       politische Wissenschaft,  wird in  der andern die politische Pra-
       xis, wenn  in der  einen der  neue Gedanke,  wird in  der  andern
       d i e   n e u e   Tatsache das  vorwiegende Interesse bilden. Nur
       dadurch, daß  die Elemente  der  Volkspresse  ihre  ungehinderte,
       selbständige und   e i n s e i t i g e  Entwickelung erhalten und
       sich in  verschiedene Organe  verselbständigen, kann  die  "gute"
       Volkspresse gebildet  werden,  d.h.  die  Volkspresse,  die  alle
       w a h r e n   Momente des  V o l k s g e i s t e s  harmonisch in
       sich vereinigt,  so daß  in jeder Zeitung der wirkliche sittliche
       Geist ebenso ganz gegenwärtig ist wie in jedem Blatt der Rose ihr
       Duft und ihre Seele. Aber damit die Presse ihre Bestimmung errei-
       che, ist  es vor  allem notwendig, ihr keine Bestimmung von außen
       vorzuschreiben und  ihr jene  Anerkennung zu  gewähren,  die  man
       selbst der Pflanze zu gewähren gewohnt ist, die Anerkennung ihrer
       i n n e r n   G e s e t z e,   denen sie  nicht nach Willkür sich
       entziehen darf und kann.
       
       Die gute und die schlechte Presse
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 6 vom 6. Januar 1843]
       *  K ö l n,  5. Januar. Wir haben schon manches in abstracto über
       den Unterschied  der   "g u t e n" und der  "s c h l e c h t e n"
       Presse hören  müssen. Veranschaulichen wir einmal den Unterschied
       an einem Beispiel!
       Die "Elberfelder Zeitung" vom 5. Januar bezeichnet sich selbst in
       einem
       
       #156# Karl Marx
       -----
       von  Elberfeld   datierten  Artikel   als  "gute   Presse".   Die
       "Elberfelder Zeitung" vom 5. Januar bringt folgende Notiz:
       
       "B e r l i n,   30. Dezember. Das Verbot der 'Leipziger Allgemei-
       nen Zeitung'  hat hier im ganzen einen  g e r i n g e n  Eindruck
       gemacht."
       
       Dagegen berichtet  die "Düsseldorfer Zeitung" übereinstimmend mit
       der "Rheinischen Zeitung":
       
       "B e r l i n,   1. Januar.  Das unbedingte  Verbot der 'Leipziger
       Allgemeinen Zeitung'  erregt hier die  g r ö ß t e  Sensation, da
       die Berliner dieselbe sehr gerne lasen etc."
       
       Welche Presse,  die "gute"  oder die  "schlechte" Presse, ist nun
       die   "w a h r e"   Presse! Welche  spricht die  Wirklichkeit und
       welche spricht die  g e w ü n s c h t e  Wirklichkeit aus! Welche
       stellt die  öffentliche Meinung dar, und welche entstellt die öf-
       fentliche Meinung!  Welche verdient  also das  S t a a t s v e r-
       t r a u e n?
       Mit der Erklärung der "Kölnischen Zeitung" sind wir wenig zufrie-
       dengestellt. Sie  beschränkt sich  in ihrer Replik auf unsere Be-
       merkung über  ihre "beinahe frohlockende" Ankündigung des Verbots
       der  "Leipziger   Allgemeinen  Zeitung"   nicht   nur   auf   den
       s t a t i s t i s c h e n   Teil, sondern  auf einen Druckfehler.
       Die "Kölnische  Zeitung" wird wohl selbst wissen, daß in dem Pas-
       sus: "das  Rätsel löst  sich einfach  durch die Bemerkung, daß am
       31. Dezember  die Nachricht von dem Verbote der 'Leipziger Allge-
       meinen Zeitung' bei hiesiger Post eintraf" - stehen mußte und nur
       durch einen  Druckfehler nicht  steht: "am  30. Dezember". Am 30.
       Dezember mittags  erhielt nämlich,  was wir nötigenfalls beweisen
       können, die  "Rheinische", also wohl auch die "Kölnische" Zeitung
       diese Nachricht von der hiesigen Post.
       
       Replik auf den Angriff eines "gemäßigten" Blattes
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 8 vom 8. Januar 1843]
       *   K ö l n,   7. Januar.  Ein   g e m ä ß i g t e s  rheinisches
       Blatt, wie  die "Allgemeine Augsburger Zeitung" in ihrer diploma-
       tischen Sprache  sagt [109],  d.h. ein Blatt von mäßigen Kräften,
       sehr mäßigem  Charakter und  allermäßigstem Verstand,  hat unsere
       Behauptung: "Die 'Leipziger Allgemeine Zeitung' ist ein notwendi-
       ger integrierender  Teil der  deutschen Volkspresse"  1*), in die
       Behauptung umgestellt, die  L ü g e  sei ein notwendiger Teil der
       Presse [110].  Wir wollen  keinen großen Anstoß daran nehmen, daß
       dieses mäßige  Blatt einen  einzelnen Satz aus unserm Räsonnement
       herausreißt und die im quästionierten Artikel wie in einem frühe-
       ren gegebene Auseinandersetzung seiner hohen und
       -----
       1*) siehe vorl. Band, S. 155
       
       #157# Das Verbot der "Leipziger Allgemeinen Zeitung"
       -----
       ehrenvollen Berücksichtigung  nicht wert  erachtet hat.  So wenig
       wir an  jemanden die Anforderung stellen, aus seiner eigenen Haut
       herauszuspringen, so  wenig dürfen  wir verlangen, ein Individuum
       oder eine  Partei solle über ihre geistige Haut, über die Schran-
       ken ihres  Verstandeshorizontes einen salto mortale wagen, am we-
       nigsten eine Partei, der ihre Beschränktheit für Heiligkeit gilt.
       Wir erörtern  also nicht, was jene Bewohnerin des intellektuellen
       M i t t e l r e i c h e s   tun mußte,  um uns zu widerlegen, wir
       erörtern nur ihre wirklichen Taten.
       Zunächst werden  die alten Sünden der "Leipziger Allgemeinen Zei-
       tung" aufgezählt,  ihr Verhalten  zu den hannoverschen Angelegen-
       heiten [111],  ihre Parteipolemik  gegen den  Katholizismus (hinc
       illae lacrimae!  [112] würde  unsere Freundin dasselbe Verhalten,
       nur nach  entgegengesetzter Richtung  hin, zu  den Todsünden  der
       "Münchener politischen  Blätter" zählen?)  [113], ihre  Klatsche-
       reien etc.  etc. Es fällt uns hierbei ein Aperçu aus den "Wespen"
       von Alphonse Karr ein. Herr Guizot, heißt es, schildert den Herrn
       Thiers, und Herr Thiers schildert den Herrn Guizot als Landesver-
       räter, und  leider haben  beide recht.  Wenn sämtliche  deutschen
       Zeitungen alten  Stils sich ihre Vergangenheit vorwerfen wollten,
       so könnte  sich der  Prozeß nur um die formelle Frage bewegen, ob
       sie gesündigt haben durch das, was sie taten, oder durch das, was
       sie  n i c h t  taten. Wir würden unserer Freundin gern den harm-
       losen Vorzug  vor der  "Leipziger Allgemeinen Zeitung" einräumen,
       nicht nur  keine schlechte, sondern gar keine Existenz gewesen zu
       sein.
       Indes unser inkriminierter Artikel sprach nicht von dem vergange-
       nen, sondern  von dem   g e g e n w ä r t i g e n   Charakter der
       "Leipziger Allgemeinen  Zeitung",  obgleich  wir,  wie  sich  von
       selbst versteht,  gegen ein Verbot der "Elberfelder Zeitung", des
       "Hamburger Correspondenten"  und  der  zu  Koblenz  erscheinenden
       "Rhein- und  Mosel-Zeitung" nicht minder ernstgemeinte Einwendun-
       gen zu  machen hätten,  denn der  R e c h t s z u s t a n d  wird
       durch den  moralischen Charakter oder gar die politischen und re-
       ligiösen  Meinungen   der   Individuen   nicht   alteriert.   Der
       r e c h t l o s e   Zustand der  Presse ist  vielmehr über  allen
       Zweifel erhaben,  sobald man  ihre   E x i s t e n z   von  ihrer
       G e s i n n u n g  abhängig macht. Bis jetzt gibt es nämlich noch
       keinen Kodex der Gesinnung und keinen Gerichtshof der Gesinnung.
       Der   l e t z t e n   P h a s e   der "Leipziger Allgemeinen Zei-
       tung" wirft  nun das  "gemäßigte" Blatt  die falschen  Tatsachen,
       Entstellungen, Lügen  vor und beschuldigt uns daher mit ehrlicher
       Entrüstung, die    L ü g e    für  ein  notwendiges  Element  der
       V o l k s p r e s s e   zu halten. Und wenn wir diese fürchterli-
       che Folgerung  gelten ließen,  wenn wir behaupteten, die  L ü g e
       sei ein  notwendiges  Element  der  Volkspresse,  namentlich  der
       d e u t s c h e n   Volkspresse? Wir  meinen nicht  die   L ü g e
       d e r   G e s i n n u n g,   die geistige  Lüge, wir  meinen  die
       L ü g e  d e r  T a t s a c h e,
       
       #158# Karl Marx
       -----
       die körperliche  Lüge! Steiniget! Steiniget! würde unsere christ-
       liche Freundin rufen, Steiniget! Steiniget! würde der Chorus ein-
       fallen. Aber  übereilen wir  uns nicht,  nehmen wir die Welt, wie
       sie ist,  seien wir keine Ideologen, und wir geben unserer Freun-
       din das  Zeugnis, kein  Ideologe zu  sein. Das  "gemäßigte" Blatt
       werfe auf  seine eigenen  Spalten einen  prüfenden Blick, und be-
       richtet es  nicht, wie  die "Preußische Staats-Zeitung", wie alle
       deutschen,  wie  alle  Zeitungen  der  Welt,  täglich  Lügen  aus
       P a r i s,   Klatschereien über  bevorstehende Ministerialwechsel
       in Frankreich,  von irgendeinem  Pariser Blatt ausgeheckte Falsa,
       die der  nächste Tag,  die nächste Stunde widerlegt! Und hält die
       "Rhein- und  Mosel-Zeitung" die   f a k t i s c h e  L ü g e  für
       ein notwendiges Element in den Rubriken England, Frankreich, Spa-
       nien, Türkei,  aber für  ein verdammliches, todeswürdiges Verbre-
       chen in  der Rubrik Deutschland oder Preußen? Woher dies doppelte
       Maß und Gewicht? Woher diese doppelte Ansicht von Wahrheit? Warum
       darf dasselbe  Blatt auf der einen Kolumne die frivole Sorglosig-
       keit eines  Neuigkeitsboten, warum  muß es auf der andern Kolumne
       die trockene  Unwiderleglichkeit eines Amtsblattes zur Schau tra-
       gen? Offenbar,  weil es für deutsche Zeitungen eine französische,
       englische, türkische,  spanische Zeit,  aber keine deutsche Zeit,
       sondern nur eine  d e u t s c h e  Z e i t l o s i g k e i t  ge-
       hen soll.  Sind aber  nicht vielmehr die Blätter zu loben und von
       S t a a t s   wegen zu loben, welche die Aufmerksamkeit, das fie-
       berhafte  Interesse,   die  dramatische   Spannung,   die   alles
       W e r d e n d e,   die vor  allem die   w e r d e n d e  Z e i t-
       g e s c h i c h t e  begleiten, dem  A u s l a n d  entreißen und
       dem   V a t e r l a n d   erobern! Nehmt  selbst an, sie erregten
       Unzufriedenheit, Verstimmung!  So  erregen  sie  doch    d e u t-
       s c h e  Unzufriedenheit,  d e u t s c h e  Verstimmung, so haben
       sie  dem   Staate  immer   noch  die   abgewandten  Gemüter   zu-
       rückgeschenkt, wenn auch zunächst aufgeregte, verstimmte Gemüter!
       Und sie  haben nicht nur Unzufriedenheit und Verstimmung, sie ha-
       ben Befürchtungen  und Hoffnungen,  sie haben Freud und Leid, sie
       haben vor  allem eine  wirkliche  T e i l n a h m e  am Staat er-
       regt, sie  haben den  Staat zu  einer   H e r z e n s-,  zu einer
       H a u s a n g e l e g e n h e i t    seiner  Glieder,  sie  haben
       statt Petersburg,  London, Paris:  Berlin, Dresden, Hannover etc.
       zu den  Hauptstädten auf  der Landkarte des politischen deutschen
       Geistes gemacht, eine Tat, die ruhmwürdiger ist als die Verlegung
       der Welthauptstadt von Rom nach Byzanz.
       Wenn aber  die deutschen  und preußischen Zeitungen, die sich das
       Ziel stellten,  Deutschland und  Preußen zum  Hauptinteresse  der
       Deutschen und Preußen zu machen, das mysteriöse priesterliche We-
       sen des  Staates in ein lichtes, allen zugängliches und gehöriges
       Laienwesen, den Staat in das Fleisch und Blut der Staatsbürger zu
       verwandeln, wenn sie an faktischer Wahrheit den französischen und
       englischen Zeitungen nachstehen, wenn sie oft ungeschickt
       
       #159# Das Verbot der "Leipziger Allgemeinen Zeitung"
       -----
       und märchenhaft  sich benehmen, so bedenkt, daß der Deutsche sei-
       nen Staat  nur vom   H ö r e n s a g e n    kennt,  daß    v e r-
       s c h l o s s e n e   T ü r e n   keine  B r i l l e n  sind, daß
       ein   g e h e i m e s   Staatswesen kein  ö f f e n t l i c h e s
       Staatswesen ist,  so macht  nicht zu  einem Fehler der Zeitungen,
       was nur  ein Fehler  des Staats  ist, ein  Fehler, den eben diese
       Zeitungen zu korrigieren suchen.
       Wir wiederholen also nochmals: "D i e  'L e i p z i g e r  A l l-
       g e m e i n e   Z e i t u n g'   i s t   e i n   n o t w e n d i-
       g e r   i n t e g r i e r e n d e r   T e i l   d e r    d e u t-
       s c h e n   V o l k s p r e s s e."   Sie  hat  vorzugsweise  das
       unmittelbare Interesse  an der  p o l i t i s c h e n  T a t s a-
       c h e,   wir haben  vorzugsweise das  Interesse an  dem  p o l i-
       t i s c h e n   G e d a n k e n   befriedigt, wobei  es sich  von
       selbst versteht,  daß weder  die Tatsache  den Gedanken  noch der
       Gedanke die  Tatsache ausschließt,  aber es  handelt sich hier um
       den  v o r h e r r s c h e n d e n  Charakter, um das Unterschei-
       dungsmerkmal.
       
       Replik auf  die   D e n u n z i a t i o n   eines  "benachbarten"
       Blattes
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 10 vom 10. Januar 1843]
       *   K ö l n,  9. Januar. Es wäre wider alle Ordnung gewesen, wenn
       die  "g u t e"  Presse jetzt nicht von allen Seiten her ihre Rit-
       tersporen an uns zu verdienen suchte, an ihrer Spitze die Prophe-
       tin   H u l d a  aus Augsburg, der wir nächstens auf ihre aberma-
       lige Herausforderung  [114] zum Tanz aufspielen werden. Heute ha-
       ben wir es mit unserer invaliden Nachbarin zu tun, mit der höchst
       ehrenwerten "Kölnischen Zeitung"! Toujours perdrix! 1*)
       Zunächst: "Etwas  Vorläufiges" oder  ein "Vorläufiges Etwas", ein
       Denkzettel,  den  wir  ihrer  heutigen    D e n u n z i a t i o n
       [115] zur  Verständigung vorausschicken wollen, ein allerliebstes
       Histörchen von  der Art  und Weise,  wie die  "Kölnische Zeitung"
       sich   "A c h t u n g"   bei der  Regierung zu verschaffen sucht,
       die "wahre Freiheit" im Gegensatz zur "Willkür" geltend macht und
       sich von  innen "Schranken"  zu setzen  weiß. Der  geneigte Leser
       wird sich  erinnern, wie  in Nr.  4 der "Rheinischen Zeitung" die
       "Kölnische Zeitung" geradezu beschuldigt ward, ihre Korrespondenz
       aus Leipzig,  welche beinahe frohlockend das vielfach besprochene
       Verbot ankündigte, selbst  f a b r i z i e r t  zu haben, wie ihr
       zugleich von  einer ernstlichen  Verteidigung der  Echtheit jenes
       Dokuments wohlmeinend  abgeraten ward unter der bestimmten Andro-
       hung, daß  wir widrigenfalls  "in bezug  auf die mystische Korre-
       spondenz aus  Leipzig" noch  eine  unangenehme    T a t s a c h e
       veröffentlichen müßten.  2*) Der  gütige Leser wird sich der zah-
       men, ausweichenden  Replik der "Kölnischen Zeitung" vom 5. Januar
       erinnern, unserer  berichtigenden Duplik  in Nr.  6   3*) und der
       "leidenden
       -----
       1*) Immer dasselbe - 2*) siehe vorl. Band, S. 154/155 - 3*) siehe
       vorl. Band, S. 156
       
       #160# Karl Marx
       -----
       Stille", welche die "Kölnische Zeitung" hierauf zu beobachten für
       gut fand.  Die fragliche  Tatsache ist diese: Die "Kölnische Zei-
       tung" fand  das Verbot  der "Leipziger Allgemeinen Zeitung" durch
       eine Mitteilung gerechtfertigt, die
       
       "alle Schranken  des Anstandes überschreitet und auch bei uns je-
       dem Gemäßigten und Besonnenen als eine unbegreifliche  I n d i s-
       k r e t i o n  erscheinen muß".
       
       Es war  hiermit offenbar  die  Publikation  des    H e r w e g h-
       s c h e n   Briefes [116]  gemeint. Man  konnte vielleicht  diese
       Ansicht der  "Kölnischen Zeitung"  teilen, wenn  die  "K ö l n i-
       s c h e   Z e i t u n g"  nur nicht selbst wenige Tage vorher den
       H e r w e g h s c h e n    Brief  dem  Publikum  hätte  mitteilen
       w o l l e n   und nur  "von  a u ß e n"  auf "Schranken" gestoßen
       wäre, die ihre gute Absicht vereitelten.
       Wir wollen  damit keineswegs  der "Kölnischen  Zeitung"  ein  il-
       loyales Gelüste  vorwerfen, aber  wir müssen dem Publikum anheim-
       stellen, ob es eine  b e g r e i f l i c h e  D i s k r e t i o n
       ist, ob  es nicht  alle Grenzen  des   A n s t a n d e s  und der
       ö f f e n t l i c h e n   M o r a l   verletzen heißt,  wenn  man
       dieselbe Tat  seinem Nächsten  als todeswürdiges  Verbrechen vor-
       wirft, die  man eben  im Begriffe  stand, selbst auszuführen, die
       nur ein   ä u ß e r e s   Hindernis nicht zur  e i g e n e n  Tat
       werden ließ. Man wird es nach dieser Aufklärung verständlich fin-
       den, wenn  das böse  Gewissen der  "Kölnischen Zeitung" uns heute
       mit einer  D e n u n z i a t i o n  antwortet. Sie sagt:
       
       "Es wird dort" (in der "Rheinischen Zeitung") "behauptet, daß der
       ungewöhnlich scharfe,  fast schneidende,  jedenfalls  unangenehme
       Ton,  den   die  Presse   gegen  Preußen  annehme,    k e i n e n
       a n d e r n   Grund habe  als den, sich dadurch der Regierung be-
       merklich zu  machen und  sie wecken  zu wollen. Denn das Volk sei
       über die vorhandenen Staatsformen schon weit hinaus, diese litten
       an eigentümlicher  Hohlheit;  das  Volk  wie  die  Presse  hätten
       k e i n   Vertrauen zu  diesen Institutionen  und noch weniger zu
       einer Entwicklung von innen heraus."
       
       Die "Kölnische  Zeitung" begleitet diese Worte mit folgendem Aus-
       ruf:
       
       "Muß man  nicht staunen,  daß neben solchen Äußerungen noch immer
       Klagen über  mangelhafte Preßfreiheit  erschallen? Kann  man mehr
       verlangen als  die Freiheit,  der Regierung ins Gesicht zu sagen,
       daß alle Staatsinstitutionen Plunder seien, nicht einmal gut, den
       Übergang zu etwas Besserem zu bilden."
       
       Zunächst müssen wir uns über die Art und Weise des Zitierens ver-
       ständigen. Der  Verfasser des quästionierten Artikels [117] wirft
       sich die  Frage auf,  woher der  scharfe Ton der Presse gerade in
       bezug auf Preußen komme? Er antwortet:  "i c h  g l a u b e,  den
       Grund hauptsächlich  in folgendem finden zu müssen". Er behauptet
       nicht, was  ihm die "Kölnische Zeitung"  u n t e r s c h i e b t,
       daß   k e i n   a n d e r e r  Grund vorhanden sei, er gibt seine
       Ansicht vielmehr nur als
       
       #161# Das Verbot der "Leipziger Allgemeinen Zeitung"
       -----
       s e i n e n   Glauben, als  seine   i n d i v i d u e l l e  Mei-
       nung. Der Verfasser räumt ferner ein, was die "Kölnische Zeitung"
       verschweigt, daß  "der Aufschwung  von 1840  sich zum Teil in die
       Staatsformen hineingeworfen,  ihnen Fülle und Leben zu geben ver-
       sucht" habe. Dennoch fühle man, "daß der Volksgeist eigentlich an
       ihnen vorbeigehe, sie kaum streift und fast auch als Durchgang zu
       einer weitern  Entwickelung   n o c h  n i c h t  z u  e r k e n-
       n e n   oder doch nicht  z u  a c h t e n  v e r s t e h t".  Der
       Verfasser fährt  fort: "Ob  dieselben ein Recht haben oder nicht,
       lassen wir  dahingestellt sein:  genug, das Volk sowie die Presse
       haben kein   v o l l e s   Vertrauen  zu den  Institutionen, noch
       weniger zu  der Möglichkeit  einer   E n t w i c k l u n g  a u s
       i h n e n   h e r a u s   u n d   v o n  u n t e n  h e r a u f."
       Die "Kölnische Zeitung" verwandelt "kein  v o l l e s  Vertrauen"
       in   k e i n   Vertrauen und  läßt  von  dem  letzten  Teile  des
       angeführten Satzes die Worte aus: "und von unten herauf", wodurch
       der Sinn wesentlich modifiziert wird.
       Die Presse,  fährt unser  Verfasser fort,  wandte sich  d a h e r
       beständig an  die   R e g i e r u n g,  weil es "sich noch um die
       Formen selbst  zu handeln schien, innerhalb deren der berechtigte
       sittliche Willen,  die heißen Wünsche, die Bedürfnisse des Volkes
       eine freie  offene, gewichtige  Sprache der  Regierung gegenüber"
       führen könnten.  Fassen wir nun diese Stellen zusammen, behauptet
       der quästionierte  Artikel, was  die "Kölnische Zeitung" ihn "der
       Regierung ins  Gesicht" sagen läßt: "daß alle Staatsinstitutionen
       Plunder seien,  nicht einmal  gut, den Übergang zu etwas Besserem
       zu bilden"?
       Handelt es sich hier um  a l l e  Staatsinstitutionen? Es handelt
       sich nur  um die  Staatsformen, in  denen sich  "der  Volkswille"
       "frei, offen  und gewichtig" aussprechen könne. Und welches waren
       bis vor  kurzem diese  S t a a t s f o r m e n?  Offenbar nur die
       P r o v i n z i a l s t ä n d e.  [17] Hat das Volk den Provinzi-
       alständen besonderes  Vertrauen  geschenkt?  Hat  es  eine  große
       volkstümliche Entwickelung  aus ihnen  heraus erwartet?  Hat  der
       loyale Bülow-Cummerow  sie für  einen   w a h r e n  Ausdruck des
       Volkswillens gehalten?  [118] Aber  nicht nur  das Volk  und  die
       Presse, die   R e g i e r u n g   hat anerkannt, daß Staatsformen
       selbst noch   f e h l t e n,   oder hätte sie ohne diese Anerken-
       nung auch  nur Anlaß  gehabt, eine    n e u e    Staatsform,  die
       "Ausschüsse" [119]  zu schaffen?  Daß aber auch die Ausschüsse in
       ihrer jetzigen Gestalt nicht ausreichten, das haben nicht nur wir
       behauptet 1*),  das ist  in der  "Kölnischen Zeitung"  von  einem
       A u s s c h u ß m i t g l i e d  behauptet worden. [120]
       Die fernere  Behauptung, daß  die   S t a a t s f o r m e n  eben
       noch als   F o r m e n  dem Inhalt gegenüberstehen und der Volks-
       geist sich nicht in ihnen als  s e i n e n
       -----
       1*) Karl  Marx: "Die  Beilage zu  Nr. 335  und 336 der Augsburger
       'Allgemeinen Zeitung' über die ständischen Ausschüsse in Preußen"
       (siehe Ergänzungsband, Teil 1, unserer Ausgabe, S. 405-419)
       
       #162# Karl Marx
       -----
       e i g e n e n   Formen "heimisch" fühle, sie nicht als die Formen
       seines eignen  Lebens wisse, diese Behauptung wiederholt nur, was
       von vielen preußischen und auswärtigen Zeitungen, am meisten aber
       von   k o n s e r v a t i v e n    Schriftstellern  ausgesprochen
       wurde, nämlich,  daß die   B ü r o k r a t i e   noch  zu mächtig
       sei, daß  weniger der  ganze Staat  als ein Teil des Staates, die
       "Regierung", ein  eigentliches Staatsleben  führe. Inwiefern  die
       jetzigen Staatsformen  geeignet seien,  teils sich selbst mit le-
       bendigem Inhalt  zu füllen,  teils die  ergänzenden  Staatsformen
       sich  anzureihen,   die  Beantwortung   dieser  Frage  mußte  die
       "Kölnische Zeitung"  da suchen,  wo wir  die Provinzialstände und
       Provinzialausschüsse in bezug auf unsere ganze Staatsorganisation
       betrachten, und sie hätte dort die sogar ihrer Weisheit verständ-
       liche Auskunft  gefunden. "Wir  verlangen nicht,  daß man bei der
       Volksvertretung von  den wirklich  vorhandenen Unterschieden  ab-
       strahiere, wir  verlangen vielmehr,  daß man  an die  wirklichen,
       durch die innere Konstruktion des Staats geschaffenen und beding-
       ten  Unterschiede  anknüpft."  "Wir  verlangen  nur    k o n s e-
       q u e n t e   u n d  a l l s e i t i g e  D u r c h b i l d u n g
       d e r   p r e u ß i s c h e n    F u n d a m e n t a l i n s t i-
       t u t i o n e n,   wir verlangen,  daß man  nicht  plötzlich  das
       wirkliche und organische Staatsleben verlasse, um in unwirkliche,
       mechanische, untergeordnete,  unstaatliche Lebenssphären  zurück-
       zusinken." ("Rheinische  Zeitung", Jahrgang  1842, Nr.  345.) 1*)
       Und was läßt uns die ehrenwerte "Kölnische Zeitung" sagen? - "daß
       alle     S t a a t s i n s t i t u t i o n e n      P l u n d e r
       seien, nicht  einmal gut,  den  Übergang  zu  etwas  Besserem  zu
       bilden"! Es  scheint beinahe,  als glaube die "Kölnische Zeitung"
       den Mangel  an  e i g n e r  K ü h n h e i t  dadurch ersetzen zu
       können, daß sie andern die frechen Ausgeburten ihrer feigen, aber
       mutwilligen Phantasie unterschiebt.
       
       Die Denunziation der "Kölnischen" und die Polemik der "Rhein- und
       Mosel-Zeitung"
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 13 vom 13. Januar 1843]
       *  K ö l n,  11. Januar.
       
       "Votre front à mes yeux montre peu d'allégresse!
       Serait-ce ma présence, Eraste, qui vous blesse?
       Qu'est-ce donc? qu'avez-vous? et sur quels déplaisirs,
       Lorsque vous me voyez, poussez-vous des soupirs?" [121]
       -----
       1*) Karl  Marx: "Die  Beilage zu  Nr. 335  und 336 der Augsburger
       'Allgemeinen Zeitung' über die ständischen Ausschüsse in Preußen"
       (siehe Ergänzungsband, Teil 1, unserer Ausgabe, S. 405-419)
       
       #163# Das Verbot der "Leipziger Allgemeinen Zeitung"
       -----
       Diese Worte  zunächst der  benachbarten   "K ö l n e r i n"!  Die
       "Kölnische   Zeitung"    verbreitet   sich    nicht   über   ihre
       "a n g e b l i c h e   D e n u n z i a t i o n",  sie läßt diesen
       H a u p t p u n k t   fallen und  beschwert sich nur, daß man die
       "Redaktion" bei dieser Gelegenheit nicht eben auf die angenehmste
       Weise in den Kampf verwickelt habe. Allein, beste Nachbarin, wenn
       ein Korrespondent  der "Kölnischen Zeitung" eine unserer Berliner
       Korrespondenzen  mit  der  "Rheinischen  Zeitung"  identifiziert,
       warum sollte die "Rheinische Zeitung" die erwidernde Rhein-Korre-
       spondenz der  "Kölnischen Zeitung" nicht mit der "Kölnischen Zei-
       tung" identifizieren dürfen? Nun ad vocem  T a t s a c h e:
       
       "Sie"  (die   "Rheinische  Zeitung")   "wirft     u n s     keine
       T a t s a c h e,  sondern eine  A b s i c h t  vor!"
       
       Wir werfen  der "Kölnischen Zeitung" nicht nur eine Absicht, son-
       dern  T a t s a c h e  d i e s e r  A b s i c h t  vor. Eine Tat-
       sache,  die   Aufnahme  des   Herweghschen  Briefes,   wurde  der
       "Kölnischen Zeitung"  durch   ä u ß e r e  Z u f ä l l e  in eine
       Absicht verwandelt, obgleich sich ihre Absicht schon in eine Tat-
       sache verwandelt hatte. Jede vereitelte Tatsache sinkt zur bloßen
       Absicht zurück, gehört sie darum weniger vor die Gerichte? Jeden-
       falls wäre  es eine  sonderbare Tugend, welche die Rechtfertigung
       ihrer Taten  in dem Zufall fände, der diese Taten vereitelte, sie
       zu   k e i n e r   Tat, sondern zur bloßen Absicht der Tat werden
       ließ. Aber  unsere loyale  Nachbarin wirft  die Frage  auf,  zwar
       nicht an  die "Rheinische  Zeitung", die bei ihr in dem mißlichen
       Verdacht steht,  von ihrer  "Redlichkeit und  Gewissenhaftigkeit"
       nicht so  leicht um  eine Antwort  "in Verlegenheit"  gelassen zu
       werden, sondern  an "jenen  geringen Teil des Publikums, der etwa
       noch nicht  ganz im  klaren  darüber  ist,  welchen  Glauben  die
       V e r d ä c h t i g u n g e n"   (soll wohl heißen: die Verteidi-
       gungen gegen  Verdächtigungen) "dieses  Blattes verdienen"; aber,
       fragt sie, woher weiß die "Rheinische Zeitung", "daß wir mit die-
       ser Absicht" (sc. der Mitteilung des Herweghschen Briefes) "nicht
       auch die  andere" (signo haud probato) *) "Absicht verbanden, die
       Zurechtweisung hinzuzufügen, die der kindische Mutwillen des Ver-
       fassers verdient hatte?" Aber woher weiß die "Kölnische Zeitung",
       welche  A b s i c h t  die Veröffentlichung der "Leipziger Allge-
       meinen Zeitung"  hatte? Warum  nicht etwa  die harmlose  Absicht,
       eine Neuigkeit  zuerst mitzuteilen?  Warum nicht  etwa die loyale
       Absicht, jenen  Brief einfach  vor den Richterstuhl der öffentli-
       chen Meinung  zu stellen? Wir wollen unserer Nachbarin eine Anek-
       dote erzählen. In Rom ist der Druck des Korans verboten. Ein ver-
       schmitzter  Italiener   wußte  sich   zu  helfen.   Er  gab  eine
       W i d e r l e g u n g  des Korans heraus, d.h. ein Buch,
       ---
       *) Durch keinen Beweis konstatiert
       
       #164# Karl Marx
       -----
       welches auf dem Titelblatt sich "Widerlegung des Korans" benennt,
       aber hinter  dem Titelblatt ein einfacher Abdruck des Korans ist.
       Und haben  nicht alle  Ketzer diese  Finte zu spielen gewußt. Ist
       nicht Vanini  verbrannt worden,  obgleich er  in seinem  Theatrum
       mundi [123],  bei  Verkündigung  des  Atheismus,  sorgfältig  und
       prunkend alle  Gegengründe wider  denselben  geltend  macht.  Hat
       nicht selbst  Voltaire in  seiner "Bible enfin expliquée" im Text
       den Unglauben  und in  den Noten den Glauben gelehrt, und hat man
       an die purifizierende Kraft dieser Noten geglaubt?
       
       "Aber", schließt  unsere ehrenwerte  Nachbarin,  "war,  wenn  wir
       diese Absicht  hatten, unsere Aufnahme des ohnedies allgemein be-
       kannten Schreibens  mit der  ursprünglichen  Veröffentlichung  in
       gleiche Reihe zu stellen?"
       Aber, beste  Nachbarin, auch  die "Leipziger  Allgemeine Zeitung"
       veröffentlichte nur ein Schreiben, was in vielen Abschriften zir-
       kulierte. "Fürwahr, Mylord, ihr seid zu tadelsüchtig." [124]
       In dem  päpstlichen Enzyklikum  ex cathedra  vom 15. August 1832,
       Mariä Himmelfahrt, steht zu lesen:
       
       "Wahnsinn (deliramentum) ist es, zu behaupten, jedem Menschen sei
       G e w i s s e n s f r e i h e i t   zuzugestehen; nicht  genug zu
       verabscheuen ist  P r e ß f r e i h e i t." [125]
       
       iese Sentenz  trägt uns  von Köln  nach Koblenz  zu dem "mäßigen"
       Blatt, zu  der   "R h e i n-   u n d  M o s e l - Z e i t u n g",
       deren Wehgeschrei  gegen unser  Verfechten der  Preßfreiheit nach
       jenem Zitat verständlich und gerechtfertigt sein wird, so sonder-
       bar es  hiernach auch  lauten müßte,  wollte sie etwa sich selbst
       "zu den  sehr eifrigen  Freunden  der  Presse"  zählen.  Aus  den
       "mäßigen" Spalten  des Blattes  springen heut zwar nicht zwei Lö-
       wen, wohl  aber ein  Löwenfell und  eine Löwenkutte heraus, denen
       wir die gebührende naturhistorische Aufmerksamkeit widmen wollen.
       Nr. 1 expektoriert sich unter anderm dahin:
       
       "Der Kampf  ist von ihrer Seite" (der "Rheinischen Zeitung") "ein
       so loyaler, daß sie uns gleich von vornherein die Zusicherung er-
       teilt, sogar  gegen ein  Verbot der  'Rhein-  und  Mosel-Zeitung'
       würde  sie   sich  um   des  ihr  so  sehr  am  Herzen  liegenden
       'R e c h t s z u s t a n d e s'   willen aufmachen, eine Zusiche-
       rung, welche  ebenso schmeichelhaft  als beruhigend für uns wäre,
       wenn nur nicht zufällig in demselben Atem eine  S c h m ä h u n g
       gegen die  bekanntermaßen   l ä n g s t   w i r k l i c h   b e i
       u n s   v e r b o t e n e n    'Münchener  historisch-politischen
       Blätter' dem  Ritter für   j e d e   gekränkte  Preßfreiheit ent-
       schlüpfte." [126]
       
       Sonderbar, daß  in demselben  Moment, wo  die   f a k t i s c h e
       Zeitungslüge mit  einem Verdikt  belegt  wird,  faktisch  gelogen
       wird! Die  Stelle, auf  welche angespielt  wird, lautet wörtlich:
       "Zunächst werden die alten Sünden der 'Leipziger Allgemeinen Zei-
       tung' aufgezählt, ihr Verhalten zu den hannoverschen
       
       #165# Das Verbot der "Leipziger Allgemeinen Zeitung"
       -----
       Angelegenheiten, ihre Parteipolemik gegen den Katholizismus (hinc
       illae lacrimae!);  würde unsere  Freundin dasselbe Verhalten, nur
       nach  entgegengesetzter   Richtung  hin,  zu  den  Todsünden  der
       'Münchener politischen  Blätter' zählen?"  1*) In  diesen  Zeilen
       wird von  den  "Münchener  politischen  Blättern"  eine  "Partei-
       polemik" gegen den Protestantismus ausgesagt. Haben wir damit ihr
       Verbot  gerechtfertigt?  Konnten  wir  es  dadurch  rechtfertigen
       wollen, daß  wir   "d a s s e l b e   Verfahren", welches wir bei
       der "Leipziger  Allgemeinen Zeitung"  als   k e i n e  Ursache zu
       einem Verbot  darstellen, "nur  nach  entgegengesetzter  Richtung
       hin" in den "Münchener politischen Blättern" wiederfinden? Im Ge-
       genteil! Wir fragten das Gewissen der "Rhein- und Mosel-Zeitung",
       oh ihr  dasselbe Verfahren  auf der einen Seite ein Verbot recht-
       fertige und  auf der  andern ein  Verbot nicht  rechtfertige! Wir
       fragten sie  also, oh  sie das Verfahren selbst oder oh sie nicht
       vielmehr nur  die Richtung  des Verfahrens  mit einem Verdikt be-
       lege? Und  die "Rhein- und Mosel-Zeitung" hat unsere Frage beant-
       wortet, sie  hat dahin  geantwortet, daß  sie nicht,  wie  w i r,
       die religiöse Parteipolemik, sondern  n u r  d i e  Parteipolemik
       verdammt, die  so verwegen  ist,  p r o t e s t a n t i s c h  zu
       sein. Wenn  wir in demselben Moment, wo wir die "Leipziger Allge-
       meine Zeitung" gegen "das eben erfolgte" Verbot in Schutz nahmen,
       ihrer Parteipolemik  gegen den  Katholizismus  m i t  der "Rhein-
       und Mosel-Zeitung"  erwähnten, durften  wir die Parteipolemik der
       "längst  verbotenen"   "Münchener  politischen   Blätter"   nicht
       o h n e   die "Rhein- und Mosel-Zeitung" erwähnen? Nr. 1 war also
       so  gütig,   die  "geringe   Öffentlichkeit  des   Staats",   die
       "Unfertigkeit" eines  "täglichen", lauten  und ungewohnten "poli-
       tischen Denkens",  den Charakter  der "werdenden Zeitgeschichte",
       lauter Gründe,  womit wir  die   f a k t i s c h e   Zeitungslüge
       entschuldigten, mit einem  n e u e n  Grund zu vermehren, mit der
       faktischen   V e r s t a n d e s s c h w ä c h e    eines  großen
       Teiles der  deutschen Presse.  Die "Rhein- und Mosel-Zeitung" hat
       an sich  selbst den  Beweis geliefert,  wie ein   u n w a h r e s
       Denken notwendig  und unabsichtlich   u n w a h r e    Tatsachen,
       also Entstellungen und Lügen produziert.
       Wir kommen  zu Nr.  2, zu der Löwenkutte, denn die weitern Gründe
       von Nr.  1 machen hier weitläufiger den Prozeß ihrer Verwickelung
       durch. Die  Löwenkutte unterrichtet  zunächst das  Publikum  über
       ihre  wenig   interessanten  Gemütszustände.  -  Sie  habe  einen
       "Zornerguß" erwartet.  Nun brächten  wir eine "anscheinend leicht
       hingeworfene,   v o r n e h m e   A b f e r t i g u n g".   Ihrem
       Danke für diese "unerwartete Schonung" mischt sich der ärgerliche
       Zweifel bei, "ob jene unerwartete Schonung in der Tat als ein Zug
       der Milde oder vielmehr als eine Folge der geistigen Unbehaglich-
       keit und Ermattung anzusehen".
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 157
       
       #166# Karl Marx
       -----
       Wir wollen  unserm frommen  Herrn  nicht  auseinandersetzen,  wie
       g e i s t l i c h e   B e h a g l i c h k e i t  wohl einen Grund
       zu   g e i s t i g e r   U n b e h a g l i c h k e i t    abgeben
       könnte, wir  wollen gleich  zu dem "Inhalt der fraglichen Erwide-
       rung" übergehen. Der fromme Herr gesteht, "leider nicht verhehlen
       zu können", daß seinem "allermäßigstem Verstande" die "Rheinische
       Zeitung" "ihre  Verlegenheit nur hinter leeren Wortfechtereien zu
       verbergen suche",  und um  keinen  Augenblick  den  Schein  einer
       "g e h e u c h e l t e n  Demut oder Bescheidenheit" aufkommen zu
       lassen, belegt  der fromme  Herr seinen "allermäßigsten" Verstand
       sogleich mit den schlagendsten, unwiderleglichsten Proben. Er be-
       ginnt wie folgt:
       
       "'Die alten Sünden der "L[eipziger] A[llgemeinen] Z[eitung]", ihr
       Verhalten zu  den hannoverschen Angelegenheiten, ihre Parteipole-
       mik gegen  den Katholizismus,  ihre Klatschereien'  etc., nun ja,
       die können  nicht geleugnet  werden; aber  -  meint  unsere  vor-
       treffliche Schülerin  des großen  Philosophen Hegel  -  d i e s e
       V e r g e h e n   s i n d    v o l l k o m m e n    d a d u r c h
       e n t s c h u l d i g t,  daß  a u c h  a n d e r e  Blätter sich
       dergleichen haben  zuschulden kommen  lassen -  (gerade wie   j a
       auch ein  Spitzbube   v o r  G e r i c h t  sich nicht glänzender
       rechtfertigen kann, als indem er sich auf die schlechten Streiche
       seiner zahlreichen, noch frei in der Welt umherspazierenden Kame-
       raden beruft)."
       
       Wo haben wir gesagt, "die alten Sünden der 'Leipziger Allgemeinen
       Zeitung' seien  vollkommen dadurch  e n t s c h u l d i g t,  daß
       a u c h   a n d e r e   Blätter sich dergleichen haben zuschulden
       kommen lassen?"  Wo haben  wir diese  alten Sünden  auch  nur  zu
       "entschuldigen"   v e r s u c h t?  Unser wirkliches Räsonnement,
       welches sehr wohl zu unterscheiden ist von dem Widerschein unsers
       Räsonnements in  dem Spiegel des "allermäßigsten Verstandes", un-
       ser wirkliches  Räsonnement  lautete  also:  Zunächst  zählt  die
       "Rhein- und Mosel-Zeitung" die "alten Sünden" der "Leipziger All-
       gemeinen Zeitung"  auf. Wir spezifizieren darauf diese Sünden und
       fahren dann  fort: "wenn   s ä m t l i c h e   deutsche Zeitungen
       alten Stils  sich ihre Vergangenheit vorwerfen wollten, so könnte
       sich der  Prozeß nur um die formelle Frage bewegen, ob sie gesün-
       digt haben  durch das,  was sie  taten, oder  durch das,  was sie
       n i c h t   taten. Wir  würden unserer  Freundin, der 'Rhein- und
       Mosel-Zeitung', gern den harmlosen Vorzug vor der 'Leipziger All-
       gemeinen Zeitung'  einräumen, nicht  nur keine schlechte, sondern
       gar keine Existenz gewesen zu sein." 1*)
       Wir sagen  also nicht,  daß auch   a n d r e  B l ä t t e r,  wir
       sagen, daß   s ä m t l i c h e  deutsche Zeitungen älteren Stils,
       worunter wir  ausdrücklich die "Rhein- und Mosel-Zeitung" begrei-
       fen, nicht  sich miteinander   v o l l s t ä n d i g  entschuldi-
       gen,
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 157
       
       #167# Das Verbot der "Leipziger Allgemeinen Zeitung"
       -----
       sondern sich  mit   R e c h t   dieselben Vorwürfe machen können.
       Nur könne  die "Rhein- und Mosel-Zeitung" den zweideutigen Vorzug
       in Anspruch  nehmen,  durch  das  gesündigt  zu  haben,  was  sie
       n i c h t   tat, also ihre  U n t e r l a s s u n g s s ü n d e n
       den Begehungssünden  der "Leipziger  Allgemeinen Zeitung"  gegen-
       überstellen. Wir  können der "Rhein- und Mosel-Zeitung" ihre pas-
       sive Schlechtigkeit  an einem  frischen  Beispiel  erklären.  Sie
       kühlt jetzt  an der toten "Leipziger Allgemeinen Zeitung" ihr fa-
       natisches Gelüste, während sie die "Leipziger Allgemeine Zeitung"
       bei Lebzeiten  exzerpierte, statt  sie zu widerlegen. Das Gleich-
       nis, womit der "allermäßigste Verstand" unser Räsonnement sich zu
       verdeutlichen strebt,  bedarf einer  kleinen,  aber  wesentlichen
       Korrektur. Er  hatte nicht  von   e i n e m   Spitzbuben sprechen
       müssen, der  sich   v o r  G e r i c h t  mit den andern frei um-
       herlaufenden Spitzbuben  entschuldigt.  Er  hätte  von    z w e i
       Spitzbuben sprechen  müssen, von  denen der  eine, der sich nicht
       gebessert hat  und nicht eingesperrt wird, über den andern trium-
       phiert, der eingesperrt wird,  o b g l e i c h  er sich gebessert
       hat.
       
       "Zudem", fährt  der "allermäßigste  Verstand" fort,  "zudem 'wird
       der Rechtszustand  durch den  moralischen Charakter  oder gar die
       politischen und  religiösen Meinungen  der Individuen nicht alte-
       riert', und  hat   f o l g l i c h  selbst ein absolut schlechtes
       Blatt eben  dadurch,   d a ß   e s   l e d i g l i c h    e i n e
       s c h l e c h t e   E x i s t e n z  i s t,  auch ein  R e c h t,
       eine solche   s c h l e c h t e  Existenz zu sein (gerade wie al-
       lem übrigen  Schlechten auf  Erden, eben  wegen seiner schlechten
       Existenz, auch  das   R e c h t   zu existieren  nicht bestritten
       werden kann)."
       
       Es scheint, der fromme Herr will uns überzeugen, daß er nicht nur
       nicht bei  keinem "großen",  sondern auch  nicht einmal bei einem
       "kleinen" Philosophen in die Schule gegangen ist.
       Der Passus,  dem unser Freund so wunderlich verzerrte und verwor-
       rene  Zuge   andichtet,  lautete,   ehe  er  in  dem  Medium  des
       "allermäßigsten Verstandes" sich gebrochen hatte, also:
       "Indes unser  inkriminierter Artikel sprach nicht von dem vergan-
       genen, sondern  von dem  g e g e n w ä r t i g e n  Charakter der
       'Leipziger Allgemeinen  Zeitung',  obgleich  wir,  wie  sich  von
       selbst versteht,  gegen ein  Verbot etc.  etc. der zu Koblenz er-
       scheinenden 'Rhein- und Mosel-Zeitung' nicht minder ernstgemeinte
       Einwendungen  zu   machen  hätten,   denn   der      R e c h t s-
       z u s t a n d   wird durch den moralischen Charakter oder gar die
       politischen  und   religiösen  Meinungen   der  Individuen  nicht
       alteriert. Der   r e c h t l o s e   Zustand der Presse ist viel-
       mehr über allen Zweifel erhaben, sobald man ihre  E x i s t e n z
       von ihrer   G e s i n n u n g   abhängig macht.  B i s  j e t z t
       g i b t   e s   n ä m l i c h   n o c h   k e i n e n   K o d e x
       d e r   G e s i n n u n g   u n d   k e i n e n  G e r i c h t s-
       h o f  d e r  G e s i n n u n g." 1*)
       Wir behaupten  also nichts,  als daß ein Mensch nicht eingesperrt
       oder
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 157
       
       #168# Karl Marx
       -----
       seines Eigentums oder irgendeines andern  j u r i s t i s c h e n
       Rechtes verlustig  gehen könne  wegen seines  moralischen Charak-
       ters, wegen  seiner politischen und  r e l i g i ö s e n  Meinun-
       gen, welche  letztere Behauptung unseren religiösen Freund beson-
       ders  zu   alterieren  scheint.  Wir  wollen  den    R e c h t s-
       z u s t a n d   einer  schlechten  Existenz  ungefährdet  wissen,
       nicht weil sie schlecht ist, sondern insoweit ihre Schlechtigkeit
       in der   G e s i n n u n g,   für  die es   k e i n e n      G e-
       r i c h t s h o f   und   k e i n e n   K o d e x  gibt, stecken-
       bleibt.  Wir   stellen  also   die     E x i s t e n z      d e r
       s c h l e c h t e n    G e s i n n u n g,    für  die  es  keinen
       G e r i c h t s h o f   gibt, der  Existenz der    s c h l e c h-
       t e n   H a n d l u n g e n   entgegen, die,  wenn sie   u n g e-
       s e t z m ä ß i g   sind, ihren   G e r i c h t s h o f  und ihre
       strafenden   G e s e t z e   finden. Wir behaupten also, daß eine
       schlechte   Existenz,    obschon   schlecht,   wenn   nur   nicht
       u n g e s e t z m ä ß i g,  ein Recht zu existieren habe. Wir be-
       haupten  nicht,  was  unser  Scheinecho  zurückhallt,  daß  einer
       schlechten Existenz, eben weil sie "lediglich eine schlechte Exi-
       stenz" sei,  "das Recht  zu existieren  nicht  bestritten  werden
       könne". Vielmehr wird sich unser ehrwürdiger Gönner überzeugt ha-
       ben, daß  wir ihm  und der  "Rhein- und Mosel-Zeitung" das Recht,
       eine  s c h l e c h t e  Existenz zu sein, bestreiten und sie da-
       her möglichst  zu   g u t e n   Existenzen umwandeln wollen, ohne
       uns  deswegen   zu  einem  Angriff  auf  den    "R e c h t s z u-
       s t a n d"   der "Rhein-  und Mosel-Zeitung"  und  ihres  Schild-
       knappen  berechtigt   zu  halten.   Noch  eine   Probe  von   dem
       "Verstandesmaß" unseres frommen Eiferers:
       
       "Wenn aber das Organ 'des politischen Gedankens' so weit geht, zu
       behaupten, daß  solche Blätter wie die 'Leipziger Allgemeine Zei-
       tung' (und  ganz vorzüglich  sie, die  'Rheinische', wie sich von
       selbst versteht),  'vielmehr zu  loben und   v o n    S t a a t s
       w e g e n   zu loben'  seien, weil  sie auch  angenommen, daß sie
       U n z u f r i e d e n h e i t   und  Verstimmung  erregten,  doch
       deutsche   U n z u f r i e d e n h e i t   und    d e u t s c h e
       V e r s t i m m u n g   erregten, so können wir doch nicht umhin,
       unsern Zweifel an diesem seltsamen 'Verdienst um das deutsche Va-
       terland' auszusprechen."
       
       Die angezogne  Stelle lautet  im Original  also: "Sind aber nicht
       vielmehr die  Blätter zu loben und  v o n  S t a a t s  w e g e n
       zu loben,  welche die  Aufmerksamkeit, das fieberhafte Interesse,
       die dramatische  Spannung, die  alles   W e r d e n d e,  die vor
       allem die   w e r d e n d e  Z e i t g e s c h i c h t e  beglei-
       ten, dem   A u s l a n d   entreißen  und dem   V a t e r l a n d
       erobern!  N e h m t  s e l b s t  a n,  sie erregten Unzufrieden-
       heit, Verstimmung!  So erregen  sie doch   d e u t s c h e  Unzu-
       friedenheit,   d e u t s c h e   Verstimmung, so  haben  sie  dem
       Staat immer  noch die  abgewandten Gemüter  zurückgeschenkt, wenn
       auch zunächst aufgeregte, verstimmte Gemüter! Und sie haben nicht
       nur Unzufriedenheit  und Verstimmung  etc., sie  haben vor  allem
       eine wirkliche   T e i l n a h m e   am  Staate erregt, sie haben
       den   Staat    zu   einer       H e r z e n s-,       zu    einer
       H a u s a n g e l e g e n h e i t  etc. gemacht." 1*)
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 158
       
       #169# Das Verbot der "Leipziger Allgemeinen Zeitung"
       -----
       Unser  Ehrwürdiger  läßt  also  die  verbindenden    M i t t e l-
       g l i e d e r  aus. Es ist, als wenn wir ihm sagten: Bester Mann!
       Sein Sie uns dankbar, wir klären Ihren Verstand auf, und wenn wir
       Sie auch ein wenig ärgern, so ist es doch immer  I h r  Verstand,
       der dabei  gewinnt -  und unser  Freund antwortete: Wie! ich soll
       Ihnen dankbar sein,  w e i l  Sie mich ärgern! Nach diesen Proben
       des "allermäßigsten  Verstandes" wird  man die    u n m ä ß i g e
       Phantasie unseres  Verfassers, die  uns schon    k o h o r t e n-
       w e i s e  "sengend und brennend die deutschen Gauen durchziehen"
       läßt, auch ohne tiefere psychologische Studien erklärlich finden.
       Zum Schlusse  wirft unser Freund die Maske weg.  "U l r i c h  v.
       H u t t e n   und seine  Genossen", unter  denen bekanntlich auch
       L u t h e r   zählt, werden  der   L ö w e n k u t t e    in  der
       "Rhein- und  Mosel-Zeitung" ihren  ohnmächtigen Ärger  verzeihen.
       Wir können  nur  über  eine  Übertreibung  erröten,  die  uns  so
       g r o ß e n   Männern anreiht,  und wollen,  weil ein  Dienst des
       andern wert  ist, unseren  Freund mit  dem  H a u p t p a s t o r
       G o e z e  zusammenstellen. Wir rufen ihm also mit Lessing zu:
       
       "Und sonach  meine ritterliche   A b s a g e  nur kurz. Schreiben
       Sie, Herr  Pastor, und lassen Sie schreiben, soviel das Zeug hal-
       ten will;  ich schreibe  auch. Wenn  ich Ihnen  in dem geringsten
       Ding Recht lasse, wo Sie nicht recht haben: dann kann ich die Fe-
       der nicht mehr rühren." [128]
       
       Die "Rhein- und Mosel-Zeitung"
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 16 vom 16. Januar 1843]
       *  K ö l n,  15. Januar. Der Nr. 1 der "Rhein- und Mosel-Zeitung"
       vom 11.  Januar, dem  wir als  Vorreiter des  Löwenartikels  eine
       flüchtige Aufmerksamkeit  vor einigen  Tagen gewidmet  haben 1*),
       sucht heute an einem Beispiel nachzuweisen, wie wenig
       
       "die in  ihrer Dialektik  Überschlagende" (die  "Rheinische  Zei-
       tung") "einen einfachen, klar ausgesprochenen Satz klar aufzufas-
       sen" [129]
       
       vermöge. Er,  Nr. 1,  habe nämlich  gar  nicht  gesagt,  daß  die
       "Rheinische Zeitung"  das Verbot der "Münchener politischen Blät-
       ter" zu rechtfertigen gesucht,
       
       "wohl aber, daß sie in demselben Moment, worin sie zur Verfechte-
       rin unbedingter Preßfreiheit sich aufwirft, keinen Anstand nimmt,
       ein wirklich  verbotenes Blatt zu schmähen, daher die Ritterlich-
       keit, womit  sie selbst  gegen ein  Verbot der 'Rhein- und Mosel-
       Zeitung' in die Schranken treten zu wollen versichert, nicht eben
       weit her zu sein scheine".
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 164/165
       
       #170# Karl Marx
       -----
       Der Vorreiter  Nr. 1 übersieht, daß zwei Gründe seine Unruhe über
       unser ritterliches Betragen bei einem etwaigen Verbot der "Rhein-
       und Mosel-Zeitung"  verursachen konnten  und daß auf beide Gründe
       geantwortet wurde.  Der gute  Vorreiter, mußten wir denken, traut
       entweder unserer  Versicherung nicht,  weil er in der angeblichen
       S c h m ä h u n g   auf die  "Münchener politischen Blätter" eine
       versteckte Rechtfertigung  ihres Verbots sieht. Wir konnten einen
       solchen Gedankengang  bei dem  guten Vorreiter um so mehr voraus-
       setzen, als  der gemeine  Mann die  eigentümliche Schlauheit  be-
       sitzt, aus solchen, wie ihm scheint, unbewußt "entschlüpften" Äu-
       ßerungen die  wahre Meinung  herausdeuten zu  wollen. Für  diesen
       Fall beruhigen wir den guten Vorreiter dadurch, daß wir ihm nach-
       weisen, wie  unmöglich ein Zusammenhang zwischen unserer Äußerung
       über die "Münchener politischen Blätter" und einer Rechtfertigung
       ihres Verbots vorhanden sein könne.
       Oder Nr.  1, war  die zweite Möglichkeit, findet es überhaupt be-
       denklich  und   unritterlich,  daß  wir  einem    w i r k l i c h
       v e r b o t e n e n   B l a t t,   wie den "Münchener politischen
       Blättern", Parteipolemik  gegen den Protestantismus vorwerfen? Er
       erblickt hierin  eine Schmähung. Und für diesen Fall stellten wir
       an den  guten Vorreiter die Frage: "Wenn wir in demselben Moment,
       wo wir  die 'Leipziger  Allgemeine Zeitung'  gegen 'das  eben er-
       folgte' Verbot  in Schutz  nahmen, ihrer  Parteipolemik gegen den
       Katholizismus   m i t   der 'Rhein-  und Mosel-Zeitung' erwähnen,
       durften wir  die Parteipolemik der 'längst verbotenen' 'Münchener
       politischen Blätter'  nicht   o h n e  die 'Rhein- und Mosel-Zei-
       tung'  erwähnen?"  1*)  Das  hieß:  Wir    s c h m ä h e n    die
       "Leipziger Allgemeine  Zeitung" nicht, indem wir ihrer antikatho-
       lischen Parteipolemik mit dem  K o n s e n s  der "Rhein- und Mo-
       sel-Zeitung" erwähnen.  Wird unsere  Behauptung von  der katholi-
       schen Parteipolemik  der "Münchener  politischen Blätter"   z u r
       S c h m ä h u n g  werden, weil sie so unglücklich ist, nicht den
       Konsens der "Rhein- und Mosel-Zeitung" zu besitzen?
       Weiter hat  Nr. 1  doch nichts  getan, als unsere Behauptung eine
       Schmähung genannt,  und seit wann haben wir uns verpflichtet, dem
       Nr. 1  aufs Wort  zu glauben?  Wir sagten: Die "Münchener politi-
       schen Blätter"  sind ein  katholisches Parteiblatt  und in dieser
       Rücksicht eine  umgekehrte "Leipziger  Allgemeine  Zeitung".  Der
       Vorreiter in  der "Rhein-  und Mosel-Zeitung" sagt: Sie sind kein
       Parteiblatt und  keine umgekehrte "Leipziger Allgemeine Zeitung".
       Sie seien keine
       
       "gleiche Niederlage  von Unwahrheiten,  dummen Klatschereien  und
       Verhöhnungen gegen nicht-katholische Bekenntnisse".
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 165
       
       #171# Das Verbot der "Leipziger Allgemeinen Zeitung"
       -----
       Wir sind  weder theologische  Klopffechter der einen noch der an-
       dern Seite, aber man lese nur die psychologische, klatschhaft-ge-
       meine Schilderung   L u t h e r s   in den "Münchener politischen
       Blättern", man  lese nur,  was die "Rhein- und Mosel-Zeitung" von
       "H u t t e n   und seinen  Genossen" sagt,  um zu entscheiden, ob
       das "gemäßigte"  Blatt den  Standpunkt einnimmt,  von dem es ent-
       scheiden könnte,  was   r e l i g i ö s e   Parteipolemik sei und
       was nicht.
       Schließlich verspricht  uns der  gute Vorreiter eine "nähere Cha-
       rakterisierung der  'Rheinischen Zeitung'". Nous verrons. 1*) Die
       kleine Partei zwischen München und Koblenz fand schon einmal, daß
       der  "p o l i t i s c h e"  Sinn der Rheinländer entweder für ge-
       wisse  unstaatliche   Bestrebungen  ausgebeutet   oder  als   ein
       "Ärgernis" unterdrückt  werden müsse. Sollte sie in der schnellen
       Verbreitung der "Rheinischen Zeitung" durch die Rheinprovinz ihre
       gänzliche Bedeutungslosigkeit konstatiert sehen, ohne sich zu är-
       gern? Ist der jetzige Moment ungünstig zum Ärgern? Wir finden das
       alles passabel  gut überlegt und bedauern nur, daß jene Partei in
       Ermangelung eines  bedeutenderen Organs  mit dem  guten Vorreiter
       und seinem  unscheinbaren "gemäßigten"  Blatte vorliebnehmen muß.
       Man mag  aus diesem   O r g a n   auf  die Macht der  P a r t e i
       schließen.
       -----
       1*) Wir werden sehen.

       zurück