Quelle: MEW 1 1839 - 1844


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       #172#
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       Karl Marx
       Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel [132]
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 15 vom 15. Januar 1841]
       ++   V o n  d e r  M o s e l,  im Januar. Die Nr. 346 und Nr. 348
       der "Rheinischen  Zeitung" enthalten  zwei Artikel von mir, wovon
       der eine  die Holznot  an der  Mosel, der  andere die  b e s o n-
       d e r e   Teilnahme der  Mosellaner an der königlichen Kabinetts-
       ordre vom  24. Dezember 1841 und der durch sie bewirkten freieren
       Bewegung  der   Presse  betrifft.   Der  letzte  Artikel  ist  in
       g r o b e  und, wenn man will,  r o h e  Farben getaucht. Wer un-
       mittelbar und häufig die  r ü c k s i c h t s l o s e  Stimme der
       Not in  der umgebenden  Bevölkerung vernimmt, der verliert leicht
       den ästhetischen Takt, welcher in den feinsten und bescheidensten
       Bildern zu  sprechen weiß, der hält es vielleicht sogar für seine
       p o l i t i s c h e   Pflicht, auf  einen  Augenblick  öffentlich
       jene populäre Sprache der Not zu führen, welche er in seiner Hei-
       mat zu verlernen keine Gelegenheit fand. Handelt es sich nun aber
       darum, die  Wahrheit solcher  Worte zu  beweisen,  so  kann  wohl
       schwerlich der Beweis bis auf den  W o r t l a u t  gemeint sein,
       denn in  dieser Rücksicht würde jedes Resümee unwahr sein, und es
       wäre überhaupt unmöglich, den Sinn einer Rede wiederzugeben, ohne
       die Rede  selbst zu  wiederholen. Wurde also z.B. behauptet: "Man
       hielt  den   Notschrei  der  Winzer  für    f r e c h e s    G e-
       k r e i s c h", so wird billigerweise nur verlangt werden können,
       daß eine ungefähr richtige  G l e i c h u n g  gezogen sei, d.h.,
       daß ein  Gegenstand  nachgewiesen  werde,  der  die  resümierende
       Bezeichnung "freches  Gekreisch"  einigermaßen  aufwiegt  und  zu
       einer  nicht  unpassenden  Bezeichnung  macht.  Ist  diese  Probe
       geliefert, so  kann es  sich nicht  mehr um die  W a h r h e i t,
       sondern nur mehr um die  s p r a c h l i c h e  P r ä z i s i o n
       handeln, und  schwerlich möchte  ein mehr als problematisches Ur-
       teil über  die verschwindend feinen Nuancen des sprachlichen Aus-
       drucks gefällt werden können. -
       
       #173# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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       Zu vorstehenden  Bemerkungen veranlassen  mich zwei Reskripte des
       Herrn Oberpräsidenten   v o n   S c h a p e r   in  Nr.  352  der
       "Rheinischen Zeitung",  de dato:  "Koblenz, 15.  Dezember", worin
       mir in  bezug auf  meine beiden  oben angeführten Artikel mehrere
       Fragen auferlegt  werden. Die   v e r s p ä t e t e   Erscheinung
       meiner Antwort ist zunächst durch den Inhalt dieser Fragen selbst
       veranlaßt, indem  ein Zeitungskorrespondent  n a c h  b e s t e m
       G e w i s s e n   die ihm zu Ohren kommende Volksstimme mitteilt,
       keineswegs aber  auf ihre erschöpfende und motivierte Darstellung
       im Detail, in den Veranlassungen und den Quellen derselben vorbe-
       reitet sein  muß. Abgesehen  von dem  Zeitverlust, von den vielen
       Mitteln, die  eine solche  Arbeit erfordert, kann sich der Korre-
       spondent einer  Zeitung nur  als ein kleines Glied eines vielver-
       zweigten Körpers  betrachten, an  dem er  sich eine Funktion frei
       auserwählt, und wenn etwa der eine mehr den unmittelbaren von der
       Volksmeinung empfangenen  Eindruck eines  Notzustandes schildert,
       wird der  andere, der  Historiker ist, dessen Geschichte, der Ge-
       mütsmensch die  Not selbst, der Staatsökonom die Mittel, sie auf-
       zuheben, besprechen,  welche  e i n e  Frage wieder von verschie-
       denen Seiten bald mehr lokal, bald mehr im Verhältnis zum Staats-
       ganzen etc. gelöst werden kann.
       So wird  bei lebendiger  Preßbewegung die   g a n z e    W a h r-
       h e i t   in die  Erscheinung treten,  denn wenn das Ganze zuerst
       auch nur  als ein  bald absichtlich,  bald zufällig nebeneinander
       laufendes Hervorheben  der verschiedenen einzelnen Gesichtspunkte
       zum Vorschein  kommt, so  hat endlich  diese  Arbeit  der  Presse
       selbst einem  ihrer Glieder das Material bereitet, aus dem er nun
       das eine  Ganze schaffen  wird. So setzt sich die Presse nach und
       nach durch  die Teilung  der Arbeit  in  den  Besitz  der  ganzen
       Wahrheit, nicht  indem einer  alles, sondern  indem viele weniges
       tun.
       Ein anderer  Grund der Verspätung meiner Antwort liegt darin, daß
       die Redaktion  der "Rheinischen Zeitung" nach dem ersten Bericht,
       den ich  ihr  einsandte,  noch  mehrere  ergänzende  Aufschlüsse,
       ebenso nach  einem zweiten  und dritten Berichte noch Zusätze und
       diesen Schlußbericht  begehrte, endlich teils mich selbst um Mit-
       teilung meiner  Quellen ersuchte, teils sich bis dahin die Publi-
       kation meiner  Einsendungen vorbehielt, wo sie selbst auf anderem
       Wege die Bestätigung meiner Angaben erlangt habe. *)
       Meine Antwort erscheint ferner  a n o n y m.  Ich folge darin der
       Überzeugung, daß  zum Wesen  der Zeitungspresse   A n o n y m i--
       t ä t  gehört, die eine Zeitung
       ---
       *)  Indem   wir  die  obigen  Angaben  bestätigen,  bemerken  wir
       zugleich, daß  die verschiedenen  sich wechselseitig interpretie-
       renden Briefe eine Zusammenstellung von unserer Seite nötig mach-
       ten. Die Red. d. "Rh. Ztg."
       
       #174# Karl Marx
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       aus einem Sammelplatz vieler individueller Meinungen zu dem Organ
       e i n e s   G e i s t e s   m a c h t.   Der   N a m e   schlösse
       einen Artikel  so fest von dem andern ab, wie der Körper die Per-
       sonen voneinander abschließt, höbe also seine Bestimmung, nur ein
       ergänzendes Glied zu sein, völlig auf. Endlich macht die Anonymi-
       tät nicht  nur den Sprecher selbst, sondern auch das Publikum un-
       befangener und  freier,  indem  es  nicht  auf  den  Mann  sieht,
       w e l c h e r   spricht, sondern  auf  die  Sache,    d i e    er
       spricht, indem  es von  der empirischen Person ungestört die gei-
       stige Persönlichkeit allein zum Maß seines Urteils macht.
       Wie ich  aber meinen Namen verschweige, so werde ich in allen De-
       tailangaben Beamten  und Gemeinden  nur  dann  nennen,  wenn  ge-
       druckte, im  Buchhandel befindliche  Dokumente  angezogen  werden
       oder wenn die Nennung des Namens ganz harmlos ist. Die Presse muß
       die   Z u s t ä n d e,   aber sie  darf meiner  Überzeugung  nach
       nicht die   P e r s o n e n   denunzieren, es sei denn, daß einem
       öffentlichen Übel  nicht anders  zu steuern wäre oder daß die Pu-
       blizität schon  das ganze  Staatsleben beherrscht  und  also  der
       deutsche Begriff der Denunziation verschwunden ist.
       Am Schlusse  dieser einleitenden  Bemerkungen glaube  ich die ge-
       rechte Hoffnung aussprechen zu dürfen: daß der Herr Oberpräsident
       nach Durchlesung  meiner   g a n z e n   Darstellung sich von der
       Reinheit meiner  Absicht überzeugen und selbst die möglichen Irr-
       tümer aus  einer falschen Ansicht, nicht aber aus böswilliger Ge-
       sinnung erklären  wird. Meine Darstellung selbst muß beweisen, ob
       ich die  harte Anschuldigung der  V e r l e u m d u n g,  wie des
       Z w e c k s,         U n z u f r i e d e n h e i t          u n d
       M i ß v e r g n ü g e n   zu erregen,  selbst für den jetzt wirk-
       lich eintretenden  Fall einer  fortgesetzten Anonymität, verdient
       habe, Anschuldigungen,  die um  so schmerzlicher sein müssen, als
       sie von  einem in der Rheinprovinz vorzugsweise hochverehrten und
       geliebten Manne ausgehen.
       Zur leichtem  Übersicht habe ich meine Antwort in folgende Rubri-
       ken geteilt:
       A. Die Frage in bezug auf die Holzverteilung.
       B. Das  Verhältnis der  Moselgegend zu der Kabinettsordre vom 24.
       Dezember 1841  und der durch dieselbe bewirkten freieren Bewegung
       der Presse.
       C. Die Krebsschäden der Moselgegend.
       D. Die Vampire der Moselgegend.
       E. Vorschläge zur Abhülfe.
       
       #175# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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       A.
       Die Frage in bezug auf die Holzverteilung
       
       In meinem  Artikel "Von  der Mosel,  12. Dezember",  Nr. 358  der
       "Rheinischen Zeitung", führe ich folgenden Umstand an:
       
       "Die aus mehreren tausend Seelen bestehende Gemeinde, der ich an-
       gehöre, besitzt  als Eigentümerin  die schönsten  Waldungen, weiß
       mich nicht  zu   e r i n n e r n,   daß die Gemeindeglieder einen
       unmittelbaren Genuß  aus ihrem  Eigentum durch  Holzpartizipation
       gezogen hätten."
       
       Der Herr Oberpräsident bemerkt hiezu:
       
       "Ein solches,   m i t    d e n    g e s e t z l i c h e n    B e-
       s t i m m u n g e n   n i c h t   i m   E i n k l a n g    s t e-
       h e n d e s    V e r f a h r e n    würde  sich  nur  durch  ganz
       besondere Umstände motivieren lassen"
       
       und verlangt  zugleich, zur Prüfung des Tatbestandes, die Nennung
       des  N a m e n s  der Gemeinde.
       Ich bekenne freimütig: Einerseits glaube ich, daß ein mit den Ge-
       setzen   n i c h t  im Einklang,  a l s o  im Widerspruch stehen-
       des Verfahren sich kaum durch Umstände motivieren lassen, sondern
       stets ungesetzlich  bleiben dürfte; andererseits kann ich das von
       mir geschilderte Verfahren  n i c h t  ungesetzlich finden.
       Die infolge  des Gesetzes  vom 24.  Dezember 1816  und der Aller-
       höchsten Kabinettsordre  vom 18.  August 1835  erlassene, in  der
       Beilage zum Amtsblatt Nr. 62 der königlichen Regierung zu Koblenz
       publizierte  Instruktion  (de  dato:  "Koblenz,  den  31.  August
       1839"), über die Verwaltung der Gemeinde- und Institutenwaldungen
       in den  Regierungsbezirken Koblenz  und Trier,  bestimmt im  § 37
       wörtlich folgendes:
       
       "In Beziehung  auf die Verwertung des in den Waldungen aufkommen-
       den Materials  gilt es  als Regel,  daß soviel  veräußert  werden
       m u ß,   als zur Deckung der Waldkosten (Steuern und Verwaltungs-
       ausgaben) erforderlich ist."
       "Im übrigen  hängt es  von den Beschlüssen der Gemeinden ab,  o b
       das  Material   zur  Deckung   anderweitiger  Gemeindebedürfnisse
       m e i s t b i e t e n d   v e r ä u ß e r t  werden soll  o d e r
       o b  es unter die Gemeindeglieder ganz oder teilweise, unentgelt-
       lich oder gegen bestimmte Taxe zu  v e r t e i l e n  sei. Indes-
       sen gilt  als Regel,  daß das  Brenn- und  Geschirrholz in natura
       verteilt, das  Bauholz aber,  soweit es  nicht zu  Gemeindebauten
       oder zur Unterstützung einzelner Mitglieder bei Brandschäden usw.
       zu verwenden, meistbietend verkauft werde."
       
       #176# Karl Marx
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       Diese von  einem Vorgänger  1*)  des  Herrn  Oberpräsidenten  der
       Rheinprovinz erlassene  Instruktion scheint  mir zu beweisen, daß
       die Verteilung  des Brennholzes unter die Gemeindeglieder von dem
       Gesetze weder geboten noch verboten, sondern lediglich eine Frage
       der Zweckmäßigkeit  ist, wie  ich denn auch in dem quästionierten
       Artikel   n u r   die Zweckmäßigkeit  des  Verfahrens  besprochen
       habe. Hiernach  möchte der Grund, aus welchem der Herr Oberpräsi-
       dent den  N a m e n  der Gemeinde zu wissen verlangte, wegfallen,
       da es  sich nicht  mehr um die Untersuchung einer Gemeindeverwal-
       tung, sondern nur um Modifikation einer Instruktion handeln wird.
       Ich nehme  aber keinen  Anstand, die  Redaktion der  "Rheinischen
       Zeitung" zur  Namhaftmachung der Gemeinde, in der mir keine Holz-
       verteilung   e r i n n e r l i c h  ist, auf besonderes Verlangen
       des Herrn Oberpräsidenten, zu ermächtigen, indem der Gemeindevor-
       stand dadurch  nicht denunziert,  das Wohl  der Gemeinde aber nur
       gefördert werden kann.
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 17 vom 17. Januar 1843]
       B.
       Das Verhältnis  der Moselgegend zur Kabinettsordre vom 24. Dezem-
       ber 1841  und der  durch dieselbe bewirkten freieren Bewegung der
       Presse
       
       Der Herr  Oberpräsident  bemerkt  in  bezug  auf  meinen  Artikel
       "Bernkastel, vom  10. Dezember  in Nr.  346 der 'Rheinischen Zei-
       tung'" worin ich die Behauptung aufstelle, daß der Mosellaner die
       durch die  Allerhöchste Kabinettsordre  vom 24.  Dezember vorigen
       Jahres der Presse zuteil gewordene größere Freiheit seiner beson-
       ders bedrängten Lage wegen vor allen enthusiastisch begrüßt habe,
       folgendes:
       
       "Soll dieser  Artikel einen  Sinn haben, so muß es dem Mosellaner
       seither versagt  gewesen sein, seinen Notstand, die Ursachen des-
       selben sowie die Mittel zu seiner Abhülfe öffentlich freimütig zu
       besprechen. Ich bezweifle, daß dem so ist. Denn bei dem Bestreben
       der Behörden, dem anerkannten Notstands der Weinbauern Abhülfe zu
       verschaffen, hat  ihnen nichts  erwünschter kommen können als die
       möglichst offene und freimütige Besprechung der dort herrschenden
       Zustände." "Der Herr Verfasser des obigen Artikels würde mich da-
       her sehr  verpflichten, wenn  er die  Fälle speziell nachzuweisen
       die Güte  haben wollte,  wo auch  vor dem  Erscheinen der  Aller-
       höchsten Kabinettsordre  vom 24.  Dezember  vorigen  Jahres  eine
       freimütige öffentliche Besprechung des Notstandes der Moselbewoh-
       ner von der Behörde verhindert worden ist."
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       1*) Ernst von Bodelschwingh
       
       #177# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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       Weiter unten bemerkt der Herr Oberpräsident:
       
       "Daß übrigens, wie der eingangs gedachte Artikel sagt, das Notge-
       schrei der  Winzer höheren  Orts lange  Zeit für    f r e c h e s
       G e k r e i s c h   gehalten sei, glaube ich zwar schon von vorn-
       herein für eine Unwahrheit erklären zu können."
       
       Meine Antwort  auf diese  Fragen wird  folgenden Gang nehmen. Ich
       werde zu beweisen suchen:
       1. daß zunächst, gänzlich  a b g e s e h e n  von den Befugnissen
       der Presse  vor der Allerhöchsten Kabinettsordre vom 24. Dezember
       1841, aus  der eigentümlichen Natur des Notzustandes an der Mosel
       das Bedürfnis einer freien Presse notwendig hervorgeht;
       2. daß, selbst wenn  k e i n e  s p e z i e l l e n  Verhinderun-
       gen der  "freimütigen und  öffentlichen Besprechung"  vor dem Er-
       scheinen der  beregten Kabinettsordre  stattgefunden haben, meine
       Behauptung nichts  von ihrer Richtigkeit einbüßt und die vorzugs-
       weise Teilnahme  der Mosellaner an der Allerhöchsten Kabinettsor-
       dre und  der durch  sie bewirkten  freieren Bewegung  der  Presse
       gleich verständlich bleibt;
       3.  d a ß   w i r k l i c h   s p e z i e l l e    Umstände  eine
       "freimütige und öffentliche" Besprechung verhinderten.
       Innerhalb des ganzen Zusammenhangs wird sich dann ergeben, inwie-
       fern meine  Behauptung: "Der  d e s o l a t e  Zustand der Winzer
       war höheren  Orts lange  Zeit in  Zweifel gezogen  und ihr Notge-
       schrei für freches Gekreisch gehalten worden", eine Wahrheit oder
       eine Unwahrheit ist.
       ad 1.  Bei der  Untersuchung  s t a a t l i c h e r  Zustände ist
       man allzu  leicht versucht,   d i e  s a c h l i c h e  N a t u r
       d e r   V e r h ä l t n i s s e   zu übersehen  und alles aus dem
       W i l l e n   der handelnden  Personen zu  erklären. Es gibt aber
       V e r h ä l t n i s s e,   welche sowohl  die Handlungen der Pri-
       vatleute als  der einzelnen  Behörden bestimmen und so unabhängig
       von ihnen  sind als  die Methode  des Atemholens. Stellt man sich
       von vornherein  auf diesen  sachlichen Standpunkt,  so  wird  den
       guten oder  den bösen Willen weder auf der einen noch auf der an-
       dern Seite  ausnahmsweise voraussetzen, sondern Verhältnisse wir-
       ken sehen,  wo auf  den ersten  Anblick nur  Personen  zu  wirken
       scheinen. Sobald  nachgewiesen ist, daß eine Sache durch die Ver-
       hältnisse   n o t w e n d i g   gemacht wird,  wird es nicht mehr
       schwierig sein, auszumitteln, unter welchen  ä u ß e r n  Umstän-
       den sie  nun   w i r k l i c h   ins Leben treten mußte und unter
       welchen sie nicht ins Leben treten konnte, obgleich ihr Bedürfnis
       schon vorhanden war. Man wird dies ungefähr mit derselben Sicher-
       heit bestimmen  können, mit  welcher der Chemiker bestimmt, unter
       welchen   ä u ß e r n  Umständen verwandte Körperstoffe eine Ver-
       bindung eingehen müssen. Wir glauben daher durch
       
       #178# Karl Marx
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       den Beweis:  "Daß aus  der   E i g e n t ü m l i c h k e i t  des
       Notzustandes an  der Mosel  die  N o t w e n d i g k e i t  einer
       freien Presse  folgt", unserer  Darstellung eine  Basis zu geben,
       die über alles Persönliche hinausragt.
       Der   N o t z u s t a n d   der Moselgegend  kann nicht  als  ein
       e i n f a c h e r  Zustand betrachtet werden. Man wird mindestens
       immer   z w e i   Seiten unterscheiden  müssen, den Privatzustand
       und den  Staatszustand, denn  so wenig  die Moselgegend außerhalb
       des Staats, so wenig liegt ihr Notzustand außer der Staatsverwal-
       tung. Die   B e z i e h u n g   beider  Seiten aufeinander bildet
       erst den   w i r k l i c h e n   Zustand  der Moselgegend. Um nun
       die Art  und Weise  dieser Beziehung zu ermitteln, teilen wir ein
       authentisches und  aktenmäßiges Gespräch zwischen den wechselsei-
       tigen  O r g a n e n  der beiden Seiten mit.
       In dem  vierten Hefte  der "Mitteilungen  des  V e r e i n s  zur
       Förderung der  Weinkultur an  der Mosel  und Saar  zu  T r i e r"
       findet sich  eine Verhandlung zwischen dem Finanzministerium, der
       Regierung zu  Trier und  der Direktion  des angegebenen  Vereins.
       [134] Der Verein hatte in einer Vorstellung an das Finanzministe-
       rium u. a. auch eine Berechnung des Ertrages der Weinberge aufge-
       stellt. Die  Regierung zu  Trier beauftragte mit der Begutachtung
       des auch  hier zugegangenen  Schreibens den  Vorsteher des  trie-
       rischen Katasterbüros,  Steuerinspektor   v.   Z u c c a l m a g-
       l i o,   der hierzu,  wie die Regierung selbst in einem Schreiben
       sagt, um  so geeigneter  schien, als er "zur Zeit der Ermittelung
       der Katastralerträge  der Weinberge  an der  Mosel tätigen Anteil
       genommen".  Wir   stellen  nun   einfach  das     a m t l i c h e
       Gutachten des  Herrn v.  Zuccalmaglio und  die   R e p l i k  der
       Direktion des  Vereins zur  Förderung  der  Weinkultur  in  ihren
       schlagendsten Stellen sich gegenüber.
       D e r  a m t l i c h e  B e r i c h t e r s t a t t e r:
       Der in der Eingabe aufgestellten Berechnung des Bruttoertrags ei-
       nes Morgen  Weinberges während  der letzten  zehn Jahre von 1829-
       1838 aus den zu der dritten  W e i n s t e u e r k l a s s e  ge-
       hörenden Gemeinden liegt:
       1. die Kreszenz auf einem Morgen,
       2. der Preis,  wofür ein Fuder Wein  i m  H e r b s t e  verkauft
       worden, zugrunde.
       Die Berechnung  entbehre aber aller als genau nachgewiesenen Prä-
       missen, denn:
       
       "Ohne  a m t l i c h e  Einwirkung und Kontrolle ist es weder ei-
       nem einzelnen  nach auch einem Verein möglich, zuverlässige Nach-
       richten auf  dem Privatwege  über den  Weingewinn aller einzelnen
       Eigentümer während  einem Zeitraum in einer großen Anzahl von Ge-
       meinden zu  erlangen,   w e i l   e s   g e r a d e   i m    I n-
       t e r e s s e   v i e l e r    E i g e n t ü m e r    l i e g e n
       k a n n,   hierin die   W a h r h e i t   m ö g l i c h s t   z u
       v e r h e i m l i c h e n."
       
       #179# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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       D i e  R e p l i k  d e r  V e r e i n s d i r e k t i o n:
       
       "Daß das  Katasterbüro das  Katastralverfahren  nach  Kräften  in
       Schutz nimmt,  befremdet uns  nicht: dennoch  aber bleibt das nun
       folgende Räsonnement schwer begreiflich" etc.
       "Der Herr  Katastervorsteher sucht  mit Ziffern darzutun, daß die
       Katastralerträge überall  die richtigen  sind: sagt auch, daß die
       von uns  angenommene zehnjährige  Periode  hier  nichts  beweisen
       könne" etc.  etc. "Auf  Ziffern lassen  wir uns nicht ein, indem,
       wie er  am Eingange  seiner  Bemerkungen  sehr  weislich  voraus-
       schickt, uns  dazu die  amtlichen Mitteilungen fehlen; wir halten
       es auch  nicht nötig,  da seine  ganze auf  A m t l i c h k e i t
       gestützte Rechnung  und sein Räsonnement gegen die von uns aufge-
       stellten Tatsachen nichts beweisen können." "Wenn wir sogar zuge-
       stehen, daß  die Katastralerträge im Augenblicke ihrer Ermittlung
       ganz richtig,  daß sie  sogar zu niedrig gewesen, so kann uns mit
       Erfolg nicht in Abrede gestellt werden, daß sie bei der gegenwär-
       tigen    j a m m e r v o l l e n    Umgestaltung  der  Dinge  als
       B a s i s  nicht mehr dienen können."
       
       D e r  a m t l i c h e  B e r i c h t e r s t a t t e r:
       
       "Es zeigt sich demnach nirgend ein Faktum, das zu der Annahme be-
       rechtigt, daß  die Katastralerträge der in der letzten Zeit abge-
       schätzten Weinberge  zu hoch  seien, wohl  aber ließe sich leicht
       nachweisen, daß  die in früherer Zeit abgeschätzten Weinberge der
       Land- und  Stadtkreise Trier  und des  Kreises Saarburg sowohl an
       und für  sich als  gegen die  übrigen Kulturen   z u  g e r i n g
       stehen."
       
       D i e  R e p l i k  d e r  V e r e i n s d i r e k t i o n:
       
       "Der um  Hülfe Flehende  fühlt sich schmerzlich berührt, wenn ihm
       auf seine  gegründete Klage erwidert wird, daß bei einer Ermitte-
       lung die Katastererträge eher höher als niedriger gestellt werden
       dürften."
       "Übrigens" -  bemerkt die  Replik - "hat auch der Herr Berichter-
       statter   bei   allem   Absprechen   unserer   Angabe   bei   der
       E i n n a h m e   fast nichts widerlegen oder anders stellen kön-
       nen, daher  nur gesucht, bei der  A u s g a b e  andere Resultate
       herbeizuführen."
       Wir  wollen  nun  hinsichtlich  der    A u s g a b e b e r e c h-
       n u n g  einige der schlagendsten Kontroversen zwischen dem Herrn
       Berichterstatter und der Direktion des Vereins gegenüberstellen.
       
       D e r  a m t l i c h e  B e r i c h t e r s t a t t e r:
       
       "ad  Position   8  muß   besonders  bemerkt   werden,   daß   das
       A u s b r e c h e n   der üblichen  Lotten  oder  das  sogenannte
       Geitzen eine Operation ist, die nur von wenigen Weingutsbesitzern
       in neuerer Zeit eingeführt worden, nirgend aber, weder an der Mo-
       sel, noch  an der  Saar, als zu der landesüblichen Bauart gehörig
       angesehen werden kann."
       
       D i e  R e p l i k  d e r  V e r e i n s d i r e k t i o n:
       
       "Das  A u s b r e c h e n  und  R ü h r e n,  meinte der Herr Ka-
       tastervorsteher, sei  erst in neuerer Zeit von wenigen Gutsbesit-
       zern eingeführt worden" etc. Dem ist jedoch nicht so. "Der
       
       #180# Karl Marx
       -----
       Winzer habe  erkannt, daß,  will man  nicht ganz untersinken, man
       nichts unversucht  lassen darf, was die Qualität des Weines eini-
       germaßen heben  kann. Diesen Geist soll man zum Gedeihen des Lan-
       des sorgsam heben, statt ihn zu unterdrücken."
       "Und wem würde es einfallen, die Kulturkasten der Kartoffeln des-
       halb herunterzusetzen, weil es Ackersleute gibt, welche dieselben
       ihrem Schicksale und der Güte Gottes überlassen."
       
       D e r  a m t l i c h e  B e r i c h t e r s t a t t e r:
       
       "Die bei  Position 14  aufgeführten Kosten für das  F a ß  können
       hier gar nicht in Ansatz kommen, da, wie schon bemerkt worden, in
       den aufgeführten  Weinpreisen die Kosten für das Gebinde oder das
       Faß   n i c h t   einbegriffen sind.  Wird nun  beim Verkaufe des
       Weines das  Faß mit  verkauft, wie  Regel ist,  so wird  auch dem
       Weinpreise der  Kostenpreis hierfür  noch zugesetzt,  wodurch die
       Fässer wieder vergütet werden."
       
       D i e  R e p l i k  d e r  V e r e i n s d i r e k t i o n:
       
       "Wo Wein  verkauft wird, geht das Faß mit fort, ohne daß von des-
       sen Vergütung  auch nur  im entferntesten die Rede wäre oder auch
       nur sein  könnte. Die wenigen Fälle, wo Wirte hiesiger Stadt ohne
       Faß kaufen,  können auf  das Ganze nicht in Anschlag kommen." "Es
       ist nicht  mit dem  Weine wie  mit andern Waren, die bis zum Ver-
       kaufe im  Magazine liegen,  dann aber  auf Kosten  des Empfängers
       verpackt und  versendet werden,  da also  der  Weinkauf  das  Faß
       stillschweigend nach sich zieht, so ist es einleuchtend, daß des-
       sen Preis zu den Produktionskosten mit angerechnet werden muß."
       
       D e r  a m t l i c h e  B e r i c h t e r s t a t t e r:
       
       "Wird die  in der  Anlage angegebene  Kreszenz nach den amtlichen
       Nachweisungen hierüber  berichtigt, dagegen  die Kostenberechnung
       sogar in allen Teilen als richtig angenommen und  n u r  aus der-
       selben die  Grund- und   M o s t steuer   und  die Kosten für das
       F a ß   oder die  Positionen 13, 14 und 17 weggelassen, so ergibt
       sich folgendes:
       
       Der Brutto-Ertrag beträgt  53 Taler 21 Silbergroschen 6 Pfennig
       Die Kosten ohne 13, 14
       und 17                     39 Taler 05 Silbergroschen 0 Pfennig
                                  ------------------------------------
       Mithin Reinertrag          14 Taler 16 Silbergroschen 6 Pfennig."
       
       D i e  R e p l i k  d e r  V e r e i n s d i r e k t i o n:
       
       "Die Rechnung als solche ist richtig, nicht aber so das Resultat.
       Wir haben nicht mit unterstellten, sondern mit solchen Zahlen ge-
       rechnet, die wirkliche Beträge repräsentieren, und gefunden, daß,
       wenn man von 53 Talern wirklicher Auslage 48 Taler wirklicher und
       alleiniger Einnahme abzieht, 5 Taler Zubuße bleiben."
       
       D e r  a m t l i c h e  B e r i c h t e r s t a t t e r:
       
       "Ist aber nun dennoch nicht zu verkennen, daß der Notstand an der
       Mosel gegen  die Periode  vor dem Entstehen des Zollverbandes be-
       deutend zugenommen, daß sogar
       
       #181# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
       -----
       teilweise  eine     w i r k l i c h e     V e r a r m u n g    zu
       b e f ü r c h t e n   steht, so  ist der Grund hievon - lediglich
       in dem frühern, zu hohen Ertrage derselben zu suchen."
       "Durch das an der Mosel und Saar bestehende frühere Quasi-Monopol
       im Weinhandel  und die  schnell aufeinander  gefolgten  günstigen
       Weinjahre 1819,  1822, 1825,  1826, 1827,1828 hatte sich dort ein
       n i e   g e k a n n t e r  L u x u s  gebildet. Die großen Summen
       Geldes in  den Händen  des Winzers verleiteten ihn zum Ankauf von
       Weinbergen zu ungeheuren Preisen, zur Anlage von neuen Weinbergen
       mit übermäßigen  Kosten in Distrikten, die sich zum Weinbau nicht
       mehr eigneten.  Jeder wollte  Eigentümer werden,  und  so  wurden
       Schulden kontrahiert,  die früher  von einem  guten Jahre  leicht
       gedeckt werden  konnten, die  aber jetzt  bei  den  eingetretenen
       nachteiligen  Konjunkturen   den  in   die  Hände   der  Wucherer
       gefallenen Winzer notwendig ganz zu Boden drücken müssen."
       "Eine Folge  wird sein,  daß die Weinkultur sich auf die besseren
       Lagen beschränken  und wieder,  wie früher, mehr in die Hände von
       reichen Gutsbesitzern übergehen wird, wozu sie auch wegen den da-
       mit verbundenen  großen Vorlagen  sich hauptsächlich  eignet, die
       leichter imstande sind, nachteilige Jahre zu überstehen, und den-
       noch Mittel genug haben, die Kultur zu verbessern und ein Produkt
       zu erzielen,  welches mit dem aus den nun geöffneten Zollvereins-
       ländern  die   Konkurrenz  bestehen  kann.    A l l e r d i n g s
       w i r d   d i e s   n i c h t   o h n e   g r o ß e  K a l a m i-
       t ä t e n   b e i  d e r  ä r m e r e n  W i n z e r k l a s s e,
       die aber auch wohl größtenteils in der vorhergegangenen günstigen
       Zeit Eigentümer  geworden sind,  in den  ersten Jahren  geschehen
       können; indessen  bleibt dabei  immer zu berücksichtigen, daß der
       frühere Zustand  ein   u n n a t ü r l i c h e r    war,    d e r
       s i c h   j e t z t   a n    d e m    U n v o r s i c h t i g e n
       r ä c h t.   D e r   S t a a t...   w i r d   s i c h  l e d i g-
       l i c h   d a r a u f  b e s c h r ä n k e n  k ö n n e n,  durch
       dazu geeignete  Mittel der gegenwärtigen Bevölkerung den Übergang
       möglichst zu  e r l e i c h t e r n."
       
       D i e  R e p l i k  d e r  V e r e i n s d i r e k t i o n:
       
       "Wahrlich, wer  die Armut  an der Mosel erst befürchtet, hat sie,
       die in  ihrer   g r ä ß l i c h s t e n   Gestalt unter der mora-
       lisch guten,  unermüdet regsamen  Bevölkerung dieses  Landesteils
       bereits ganz  eingebürgert ist  und täglich mehr und mehr um sich
       greift, noch  nicht  g e s e h e n,  und daß man hier nicht sage,
       wie es  der Herr  Katastervorsteher tut, es sei die eigene Schuld
       des Verarmten;  nein, der  vorsichtige wie der nichtachtende, der
       fleißige wie  der gleichgültige,  der bemittelte wie der unbemit-
       telte Winzer,  alle liegen  mehr oder weniger darnieder, und wenn
       es einmal dahin gekommen ist, daß selbst die vermögenden, fleißi-
       gen und  sparsamen Winzer sagen müssen, wir können uns nicht mehr
       nähren, dann  muß doch  wohl die Ursache außer ihnen gesucht wer-
       den."
       "Wahr ist  es, daß  die Winzer  in den günstigen Zeiten zu höhern
       Preisen als  sonsten Güter angeschafft und - darauf rechnend, daß
       ihre Mittel,  wie selbe sich ihnen zeigten, zureichen würden, al-
       les nach  und nach  zu berichtigen - Schulden kontrahiert hatten;
       allein wie  man dieses,  was als Beweis der Tätigkeit und Gewerb-
       samkeit dieser  Leute dient,   L u x u s   nennen und sagen kann,
       daß der  gegenwärtige Zustand  der Winzer davon herrühre, daß der
       frühere ein  unnatürlicher gewesen,  der sich jetzt an den Unvor-
       sichtigen räche, bleibt unbegreiflich."
       
       #182# Karl Marx
       -----
       "Der Herr  Katastervorsteher stellt auf, daß, durch die ungewöhn-
       lich günstigen Zeiten verlockt, die Leute, welche nach ihm früher
       nicht einmal  Eigentümer gewesen!! die Masse der Weinberge unver-
       hältnismäßig vermehrt hätten und daß jetzt  n u r  in der Vermin-
       derung der Weinberge Heil zu suchen sei."
       "Allein wie  unbedeutend ist  die Zahl  derjenigen Weinberge, die
       zum Anbaue  von Frucht und Gemüse verordnet werden könnten, gegen
       die Masse  derer, die  außer dem  Weine nur Hecken und Gesträuche
       hervorbringen können!  und soll  die gewiß höchst achtbare, wegen
       dem Weinbaue  auf eine  so verhältnismäßig kleine Bodenfläche zu-
       sammengedrängte Bevölkerung,  die dem Unglücke so männlich entge-
       genkämpfte,   n i c h t   e i n m a l   d e s   V e r s u c h e s
       w e r t   s e i n,   ob ihre Existenz durch Erleichterungen nicht
       gefristet werden  könne, bis  günstigere Verhältnisse es ihr mög-
       lich machen, sich wieder zu erheben und dem Staate wieder zu wer-
       den, was  sie ihm  früher waren;  nämlich eine Quelle des Einkom-
       mens, wie nicht leicht eine zweite auf gleicher Bodenfläche, ohne
       Zurechnung von Städten, zu treffen sein wird."
       
       D e r  a m t l i c h e  B e r i c h t e r s t a t t e r:
       
       "Daß aber  diese Not  der ärmern  Winzer nun auch von den reichem
       Gutsbesitzern   b e n u t z t   wird, um durch  g r e l l e  Dar-
       stellung des  frühern glücklichen  Zustandes im Gegensatz mit dem
       jetzigen   weniger    günstigen,    aber    doch    noch    immer
       l o h n e n d e n,   sich alle möglichen Erleichterungen und Vor-
       teile zu verschaffen, ist wohl sehr begreiflich."
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 18 vom 18. Januar 1843]
       D i e  R e p l i k  d e r  V e r e i n s d i r e k t i o n:
       
       "Wir sind unserer Ehre und unserm innern Bewußtsein schuldig, uns
       gegen die   A n s c h u l d i g u n g   zu verwahren, daß wir die
       Not der  ärmeren Winzer  benutzen,  um  uns  durch    g r e l l e
       D a r s t e l l u n g e n  alle möglichen Vorteile und Erleichte-
       rungen zu verschaffen."
       "Nein, wir  beteuren es,  und das wird, so hoffen wir, zu unserem
       Rechtfertigung genügen, daß jede selbstsüchtige Absicht uns fremd
       war und  daß wir bei dem ganzen Schritte nichts vor Augen hatten,
       als durch  eine   o f f e n e   u n d   w a h r e  D a r s t e l-
       l u n g   der Verhältnisse  der armen  Winzer den  Staat auf  das
       aufmerksam zu  machen, was  bei  weiterm  Umsichgreifen  für  ihn
       selbst gefährlich  werden muß! Wem die Umgestaltung kennt, welche
       die gegenwärtige traurige Lage der Winzer in ihren häuslichen und
       industriellen Beziehungen,  selbst hinsichtlich dem Moralität, in
       progressivem Fortschritte  schon bis  jetzt hervorgebracht hatte,
       dem muß,  denkt er  an ein Fortbestehen oder gar Zunehmen solchem
       Not, vor der Zukunft grauen."
       
       Zunächst wird  man zugeben  müssen, daß  die Regierung nicht ent-
       schieden sein, sondern schwanken mußte zwischen der Ansicht ihres
       Berichterstatters und  der gegnerischen  Ansicht der Weinbautrei-
       benden. Bedenkt  man ferner, daß das Referat des Herrn v. Zuccal-
       maglio vom  12. Dezember 1839 und die Antwort des Vereins vom 15.
       Juli 1840  datiert, so  folgt, daß bis zu dieser Zeit die Ansicht
       des Herrn  Berichterstatters, wenn auch nicht die  e i n z i g e,
       doch
       
       #183# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
       -----
       immer die   h e r r s c h e n d e  Ansicht des Regierungskollegi-
       ums gewesen sein muß. Wenigstens tritt sie noch im Jahre 1839 als
       Regierungsgutachten, also gleichsam als Resümee der Regierungsan-
       sicht dem  Memoire des  Vereins gegenüber,  denn bei einer konse-
       quenten Regierung darf man wohl ihre letzte Ansicht als die Summe
       ihrer frühern  Ansichten und  Erfahrungen betrachten.  In dem Be-
       richt wird  nun nicht  nur der  Notzustand nicht  als  a l l g e-
       m e i n e r   anerkannt, sondern  auch dem  a n e r k a n n t e n
       Notstand soll nicht  a b g e h o l f e n  werden, denn es heißt:
       
       "Der Staat  wird sich  nur  l e d i g l i c h  darauf beschränken
       können, durch dazu geeignete Mittel der gegenwärtigen Bevölkerung
       den  Ü b e r g a n g  möglichst zu  e r l e i c h t e r n."
       
       Unter dem  Übergang ist unter diesen Umständen aber der allmähli-
       che   U n t e r g a n g   zu verstehen. Der Untergang der ärmeren
       Winzer wird gleichsam als ein Naturereignis betrachtet, wobei der
       Mensch im  voraus resigniert  und nur das Unausbleibliche zu mil-
       dern sucht.  "Allerdings", heißt  es, "wird dies nicht ohne große
       Kalamitäten abgehen."  Der Verein wirft daher auch die Frage auf,
       ob der  Moselwinzer nicht  einmal  "e i n e s  V e r s u c h e s"
       wert sei?  Hätte die  Regierung eine  entschieden gegnerische An-
       sicht gehabt, so würde sie den Bericht von vornherein modifiziert
       haben, da  er eine  so wichtige  Sache, wie  die    A u f g a b e
       u n d   d e n  E n t s c h l u ß  des Staats in dieser Angelegen-
       heit, bestimmt  angibt.  Man  sieht  hieraus,  daß  der    N o t-
       s t a n d   der Winzer   a n e r k a n n t  sein konnte, ohne daß
       das Bestreben vorhanden war, ihm abzuhelfen.
       Wir führen  nun noch ein Beispiel davon an, wie den Behörden über
       den Moselzustand  referiert ward. Im Jahre 1838 bereist ein hoch-
       gestellter administrativer  Beamter die  Moselgegend. In einer zu
       Piesport gehaltenen  Konferenz mit  zwei Landräten  frug er einen
       derselben, wie es mit den Vermögensverhältnissen der Winzer auss-
       ehe, und erhielt zur Antwort:
       
       "Die Winzer  lebten zu  luxuriös, und  schon deshalb könnten ihre
       Sachen nicht schlecht stehen."
       
       Dennoch war der Luxus schon zu einer Sage früherer Tage geworden.
       Wie wenig  diese mit  dem Regierungsreferate übereinstimmende An-
       sicht allgemein  aufgegeben ist,  darauf machen wir nur beiläufig
       aufmerksam. Wir  erinnern an  die Stimme, welche sich in der Bei-
       lage I des "Frankfurter Journals" Nr. 349 (1842) aus Koblenz ver-
       nehmen ließ  und von  dem   a n g e b l i c h e n   Notstande der
       Weinbauern an der Mosel spricht.
       Ebenso spiegelt sich höhern Orts die eben vernommene amtliche An-
       sicht  als  ein  Bezweifeln  "der  desolaten"  Zustände  und  der
       a l l g e m e i n e n     Wirkungen  der  Not,  also  auch  ihrer
       a l l g e m e i n e n   U r s a c h e n   wider. Die  angezogenen
       Mitteilungen des  Vereins enthalten  u. a.  folgende Erwiderungen
       des  F i n a n z m i n i s t e r i u m s  auf verschiedene Einga-
       ben:
       
       #184# Karl Marx
       -----
       "Wenngleich, wie die marktgängigen Weinpreise ergeben, die Besit-
       zer der in die erste und zweite Steuerklasse eingeschätzten Wein-
       berge an  der Mosel  und Saar  keine Veranlassung  zur   U n z u-
       f r i e d e n h e i t   haben, so  wird doch  nicht verkannt, daß
       die Weinbauern,  deren Erzeugnis  von minder  guter Art ist, sich
       nicht in  einem   g l e i c h   g ü n s t i g e n    Verhältnisse
       befinden."
       
       So heißt  es in  einer Antwort  auf ein Gesuch um Steuererlaß für
       1838:
       
       "Auf Ihre  hierher gerichtete Vorstellung vom 10. Oktober vorigen
       Jahres wird Ihnen eröffnet, daß auf den in Antrag gebrachten all-
       gemeinen Erlaß  der ganzen  Weinsteuer für 1838 nicht eingegangen
       werden kann,  da Sie selbst keineswegs zu derjenigen Klasse gehö-
       ren,  welche   der  meisten  Berücksichtigung  bedarf  und  deren
       N o t s t a n d   etc.,  in    g a n z    a n d e r n    als  den
       s t e u e r l i c h e n  Verhältnissen zu  s u c h e n  ist."
       
       Wie wir in dieser ganzen Darstellung nur auf  F a k t i s c h e s
       zu bauen wünschen und uns bestreben, soviel an uns, nur Tatsachen
       in eine  allgemeine Form  zu erheben,  so werden wir zunächst den
       Dialog zwischen dem trierischen Verein zur Förderung der Weinkul-
       tur und  dem Berichterstatter  der Regierung in seine allgemeinen
       Grundgedanken übersetzen.
       Die Regierung muß einen Beamten zur Begutachtung des Memoires er-
       nennen. Sie  ernennt natürlich einen möglichst sachkundigen Beam-
       ten, am  liebsten also  einen Beamten, der an der Regulierung der
       Moselverhältnisse selbst Anteil nahm. Dieser Beamte ist nicht ab-
       geneigt, in  der fraglichen  Beschwerdeschrift    A n g r i f f e
       auf seine amtliche Einsicht und sein früheres amtliches Wirken zu
       entdecken. Er ist sich seiner gewissenhaften Pflichterfüllung und
       der offiziellen  Detailkenntnisse, die  ihm zu Gebote stehen, be-
       wußt; er  findet plötzlich eine entgegengesetzte Ansicht, und was
       ist natürlicher,  als daß  er  P a r t e i  gegen die Bittsteller
       ergreift, daß  ihre   A b s i c h t e n,    die  doch  immer  mit
       P r i v a t i n t e r e s s e n   zusammenhängen können, ihm ver-
       dächtig erscheinen,  daß er sie also verdächtigt. Statt ihre Dar-
       stellung zu benutzen, sucht er sie zu widerlegen. Es kömmt hinzu,
       daß der  augenscheinlich arme  Winzer weder Zeit noch Bildung zur
       Schilderung seiner  Zustände besitzt,  daß also  der arme  Winzer
       nicht sprechen  kann, während  der Weinbautreibende, der sprechen
       kann, nicht  augenscheinlich arm ist, also ohne Grund zu sprechen
       scheint. Wenn  aber selbst der gebildete Weinbautreibende auf den
       Mangel an amtlicher Einsicht verwiesen wird, wie sollte der unge-
       bildete Winzer vor dieser amtlichen Einsicht bestehen können!
       Die Privaten  ihrerseits, die  das wirkliche  Elend an  andern in
       seiner vollen  Ausbildung erblickt  haben, die  es an sich selbst
       heranschleichen sehen  und überdem sich bewußt sind, daß das Pri-
       vatinteresse, was  sie beschützen, ebensosehr Staatsinteresse ist
       und als  Staatsinteresse von ihnen bevorwortet wurde, fühlen not-
       wendig nicht nur ihre eigene Ehre verletzt, sondern glauben
       
       #185# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
       -----
       auch die   W i r k l i c h k e i t  von einem einseitig und will-
       kürlich zurechtgemachten  Standpunkte aus entstellt. Sie opponie-
       ren also  gegen die  sich überhebende Amtlichkeit, sie weisen die
       Widersprüche zwischen  der wirklichen  Gestalt der Welt und jener
       Gestalt auf,  die sie in den Büros annimmt, sie stellen den offi-
       ziellen Belegen die praktischen Belege gegenüber, sie können end-
       lich nicht  umhin, in  der gänzlichen  Verkennung ihrer  überzeu-
       gungssicheren und  faktisch klaren  Sachentwicklung eine  selbst-
       süchtige Absicht  zu vermuten,  etwa die Absicht, den Beamtenver-
       stand gegen  die Bürgerintelligenz geltend zu machen. Der Private
       schließt also ebenfalls, daß der sachkundige, mit seinen Verhält-
       nissen in  Berührung getretene  Beamte sie  nicht  vorurteilsfrei
       darstellen werde, eben weil sie teilweise sein Werk sind, während
       der vorurteilsfreie Beamte, der die hinlängliche Unparteilichkeit
       zur Begutachtung  besäße, nicht sachkundig sei. Wenn aber der Be-
       amte dem  Privaten vorwirft,  daß er seine Privatangelegenheit zu
       einem Staatsinteresse  hinaufschraube, so  wirft der  Private dem
       Beamten vor,  daß er  das Staatsinteresse zu seiner Privatangele-
       genheit herunterschraube, zu einem Interesse, von dem alle andern
       als Laien  ausgeschlossen seien,  so daß selbst die sonnenklarste
       Wirklichkeit gegen die in den Akten, also amtlich, also staatlich
       vorliegende Wirklichkeit  und die auf sie fußende Intelligenz ihm
       als illusorisch, so daß nur der Wirkungskreis der Behörde ihm als
       Staat, dagegen  die außer  diesem Wirkungskreis  der Behörde lie-
       gende Welt  als Staatsgegenstand erscheine, der aller staatlichen
       G e s i n n u n g   und   E i n s i c h t   bar sei. Wenn endlich
       der Beamte bei einem notorischen Mißstand das meiste auf die Pri-
       vaten schiebt,  die ihren  Zustand  s e l b s t  verschuldet hät-
       ten, dagegen  die Vortrefflichkeit der Verwaltungsmaximen und In-
       stitutionen, die selbst amtliche Schöpfungen sind, nicht antasten
       läßt, auch  von ihnen nichts aufgeben will, so verlangt umgekehrt
       der Private,  der sich seines Fleißes, seiner Sparsamkeit, seines
       harten Kampfes  mit der  Natur und den sozialen Verhältnissen be-
       wußt ist,  daß der  Beamte, der  allein staatsschöpferische Macht
       besitze, nun  auch seine Not wegschaffe und, Wenn er alles gut zu
       machen behaupte,  nun auch  beweise, daß  er die  bösen  Zustände
       durch seine  Operationen gutmachen  könne oder zum wenigsten Ein-
       richtungen, die  für eine  Zeit passend  waren, als unpassend für
       eine gänzlich verwandelte Zeit erkenne.
       Derselbe Gesichtspunkt  des   h ö h e r n   amtlichen Wissens und
       derselbe Gegensatz  der Verwaltung und ihres Gegenstandes wieder-
       holt sich  innerhalb der  Beamtenwelt selbst,  und wie wir sehen,
       daß das  Katasterbüro bei Begutachtung der Moselgegend hauptsäch-
       lich die  Unfehlbarkeit des  Katasters geltend macht, wie das Fi-
       nanzministerium behauptet,  das Übel  liege "in  ganz andern" als
       den "steuerlichen" Ursachen, so wird die Verwaltung
       
       #186# Karl Marx
       -----
       überhaupt nicht   i n  s i c h,  sondern  a u ß e r  s i c h  den
       Grund der  Not finden. Der einzelne, dem Winzer zunächst stehende
       Beamte  sieht     n i c h t     a b s i c h t l i c h,    sondern
       n o t w e n d i g   die Zustände  besser oder  anders an, als sie
       sind. Er  glaubt, die  Frage, ob  sich seine Gegend wohl befinde,
       sei die  Frage, ob  e r  sie wohl verwalte. Oh die Verwaltungsma-
       ximen und  Institutionen überhaupt  gut sind, ist eine Frage, die
       außerhalb  seiner   Sphäre  liegt,  denn  darüber  kann  nur  von
       h ö h e r n   Stellen geurteilt  werden, wo ein weiteres und tie-
       feres   W i s s e n   über die  a m t l i c h e  Natur der Dinge,
       d.h. über ihren Zusammenhang mit dem ganzen Staate, herrscht. Daß
       e r  s e l b s t  gut verwaltet, davon kann er die gewissenhafte-
       ste Überzeugung haben. So wird er einerseits den Zustand nicht so
       ganz desolat  finden, und  andererseits, wenn er ihn desolat fin-
       det, wird er den Grund  a u ß e r h a l b  der Verwaltung suchen,
       teils in der Natur, die vom Menschen unabhängig, teils im Privat-
       leben, das  von der Verwaltung unabhängig, teils in Zufällen, die
       von niemand abhängig.
       Die höhere  kollegialische Behörde  nun muß  offenbar   i h r e n
       Beamten höheres  Vertrauen schenken als den Verwalteten, von wel-
       chen die  gleiche, amtliche  Einsicht nicht  zu präsumieren  ist.
       Eine kollegialische Behörde hat überdem ihre Überlieferungen. Sie
       hat also  auch in  bezug auf die Moselgegend ihre einmal festste-
       henden Grundsätze,  sie besitzt  in dem Kataster die amtliche Ge-
       stalt des  Landes, sie  hat amtliche Festsetzungen über Einnahmen
       und Ausgaben, sie hat überall neben der reellen Wirklichkeit eine
       b ü r o k r a t i s c h e   Wirklichkeit, die  ihre Autorität be-
       hält, so sehr die Zeit wechseln mag. Es kömmt hinzu, daß die bei-
       den Umstände,  das Gesetz der Beamtenhierarchie und der Grundsatz
       von  einem  doppelten  Staatsbürgertum,  dem  aktiven,  wissenden
       Staatsbürgertum der  Verwaltung und  dem passiven, unbewußten der
       Verwalteten, sich wechselseitig ergänzen. Nach der Maxime, wonach
       der Staat  sein bewußtes und tätiges Dasein in der Verwaltung be-
       sitzt, wird  jede Regierung  den Zustand  einer Gegend, soweit es
       sich um  die Staatsseite  handelt, für  das Werk ihres Vorgängers
       halten. Nach dem Gesetz der Hierarchie wird dieser Vorgänger mei-
       stens schon  eine höhere  Stellung, oft  die  unmittelbar  höhere
       Stellung einnehmen.  Endlich hat  jede Regierung  einerseits  das
       wirkliche Staatsbewußtsein,  daß der  Staat Gesetze  hat, die  er
       trotz aller  Privatinteressen durchsetzen  muß; andererseits  hat
       sie als  einzelne Verwaltungsbehörde  nicht die Institutionen und
       Gesetze zu  machen, sondern  sie anzuwenden. Sie kann daher nicht
       die Verwaltung  selbst, sondern nur den Gegenstand der Verwaltung
       zu reformieren  suchen. Sie  kann ihre Gesetze nicht nach der Mo-
       selgegend einrichten,  sie kann  nur   i n n e r h a l b    ihrer
       feststehenden Verwaltungsgesetze  das Wohl der Moselgegend zu be-
       fördern suchen.   J e   e i f r i g e r   und   r e d l i c h e r
       daher eine Regierung strebt, innerhalb der
       
       #187# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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       einmal angenommenen  und sie selbst beherrschenden Verwaltungsma-
       ximen und Einrichtungen einen  a u f f a l l e n d e n,  gar eine
       ganze   L a n d s t r e c k e   umfassenden   N o t s t a n d  zu
       heben, je  h a r t n ä c k i g e r  das Übel widersteht und trotz
       der   g u t e n    Verwaltung  zunimmt,  um  so    i n n i g e r,
       a u f r i c h t i g e r,     e n t s c h i e d e n e r    w i r d
       i h r e   Ü b e r z e u g u n g,   daß dies ein inkurabler Notzu-
       stand sei,  an dem  die Verwaltung,  d.h. der Staat nichts ändern
       könne, der  vielmehr eine  Veränderung von seiten der Verwalteten
       nötig mache.
       Wenn aber  die untern Verwaltungsbehörden der höherstehenden amt-
       lichen Einsicht  vertrauen, daß  die Maximen  der Verwaltung  gut
       sind, und  selbst für ihre pflichtgetreue Ausführung im einzelnen
       einstehen, so  stehen sich die höhern Verwaltungsbehörden für die
       Richtigkeit der  allgemeinen Maximen und trauen ihren untergeord-
       neten Gliedern  die richtige  amtliche Beurteilung  des einzelnen
       zu, von  der sie  übrigens überdem amtliche offizielle Belege ha-
       ben.
       So kann  eine Regierung   b e i   d e m  b e s t e n  W i l l e n
       zu dem von dem Regierungsreferenten zu Trier über die Moselgegend
       ausgesprochenen Grundsatz kommen:
       "D e r   S t a a t   w i r d   s i c h   n u r  l e d i g l i c h
       d a r a u f    b e s c h r ä n k e n    k ö n n e n,    d u r c h
       d a z u   g e e i g n e t e    M i t t e l    d e r    g e g e n-
       w ä r t i g e n   B e v ö l k e r u n g   d e n   Ü b e r g a n g
       z u  e r l e i c h t e r n."
       Betrachten wir  nun einige  der bekanntgewordenen  Mittel, welche
       die Regierung zur Milderung des Notstandes der Mosel anwandte, so
       wird sich unser Räsonnement wenigstens durch die offen daliegende
       Verwaltungsgeschichte bestätigt finden, und nach der geheimen Ge-
       schichte können wir natürlich unser Urteil nicht formulieren. Wir
       zählen zu  diesen Mitteln:  die   S t e u e r e r l a s s e   i n
       s c h l e c h t e n   W e i n j a h r e n,   d e n   R a t,   z u
       e i n e r   a n d e r n    K u l t u r a r t,    e t w a    d e m
       S e i d e n b a u,   ü b e r z u g e h e n,   und endlich die Mo-
       tion, die    P a r z e l l i e r u n g    d e s    G r u n d b e-
       s i t z e s  zu beschränken. Das  e r s t e  Mittel soll offenbar
       nur erleichtern,  nicht abhelfen. Es ist ein  m o m e n t a n e s
       Mittel, in  welchem der  Staat eine   A u s n a h m e  von seiner
       Regel macht, und eine Ausnahme, die nicht kostspielig ist. Es ist
       auch nicht  der   k o n s t a n t e   Notstand, es  ist ebenfalls
       eine ausnahmsweise  Erscheinung desselben,  die erleichtert wird;
       es ist  nicht die  chronische Krankheit,  an die man sich gewöhnt
       hat, es ist eine akute Krankheit, von der man überrascht wird.
       Mit den  beiden andern Mitteln tritt die Verwaltung aus ihrem ei-
       genen Kreise  heraus. Die positive Tätigkeit, die sie nun entwic-
       kelt, besteht darin, daß sie teils den Mosellaner belehrt, wie er
       s i c h  s e l b s t  helfen könne, teils ihm eine - Beschränkung
       und Entsagung  eines bisherigen Rechts vorschlägt. Hier wird also
       der oben  entwickelte Gedankengang  verwirklicht. Die Verwaltung,
       die den Notstand der Mosel inkurabel und in Umständen, die außer-
       halb ihrer
       
       #188# Karl Marx
       -----
       Maximen und  ihrer  Tätigkeit  liegen,  begründet  gefunden  hat,
       stellt an den Mosellaner den Rat, seinen Zustand so einzurichten,
       daß er  in die  jetzigen Verwaltungsinstitutionen hineinpasse und
       innerhalb  derselben  erträglich  existieren  könne.  Der  Winzer
       selbst fühlt sich durch dergleichen Vorschläge, wenn sie auch nur
       gerüchtweise zu  ihm dringen, schmerzlich berührt. Er wird es mit
       Dank anerkennen, wenn die Regierung Experimente auf eigene Kosten
       anstellt; aber  er fühlt, daß die Anweisung, an sich selbst Expe-
       rimente vorzunehmen,  eine Resignation  der Regierung  ist, durch
       eigene Tätigkeit  zu helfen.  Er begehrt  Hülfe und nicht Rat. So
       sehr er  dem   a m t l i c h e n   Wissen in  der ihm angehörigen
       Sphäre vertraut  und sich  vertrauungsvoll  an  dasselbe  wendet,
       ebensosehr traut  er in seiner Sphäre sich selbst die nötige Ein-
       sicht zu.  Eine Beschränkung  der Parzellierung des Grundbesitzes
       aber  widerstreitet   seinem  angeerbten   Rechtsbewußtsein;   er
       erblickt darin  den Vorschlag,  seiner physischen  Armut noch die
       rechtliche Armut  hinzuzufügen, denn  in jeder Verletzung der ge-
       setzlichen Gleichheit erblickt er einen Notzustand des Rechts. Er
       fühlt es  bald bewußter,  bald unbewußter, daß die Verwaltung des
       Landes und  nicht das  Land der Verwaltung wegen da ist, daß aber
       das Verhältnis  umgekehrt wird,  sobald das  Land  seine  Sitten,
       Rechte, die  Art seiner  Arbeit und  seines  Eigentums  umwandeln
       soll, um  in die  Verwaltung zu  passen. Der  Mosellaner verlangt
       also, daß, wenn er die ihm durch die Natur und die Sitte angewie-
       sene Arbeit  vollbringt, der Staat ihm die Atmosphäre verschaffe,
       in welcher er wachsen, gedeihen, leben kann. Dergleichen negative
       Erfindungen prallen daher erfolglos an der Wirklichkeit nicht nur
       der Zustände, sondern auch des bürgerlichen Bewußtseins ab.
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 19 vom 19. Januar 1843]
       Welches ist  also die Beziehung der Verwaltung zum Notzustand der
       Mosel? Der   N o t z u s t a n d   d e r  M o s e l  ist zugleich
       ein   N o t z u s t a n d    d e r    V e r w a l t u n g.    Der
       k o n s t a n t e  Notstand eines Staatsteiles (und ein Notstand,
       der, seit  länger als  einem Dezennium fast unbemerkt eintretend,
       erst allmählich,  dann unaufhaltsam  zum  Kulminationspunkt  sich
       entwickelt und  in immer  bedrohlicherem Wachstum  begriffen ist,
       kann wohl  k o n s t a n t  genannt werden), ein solcher konstan-
       ter Notstand  ist ein   W i d e r s p r u c h   d e r    W i r k-
       l i c h k e i t     m i t     d e n    V e r w a l t u n g s m a-
       x i m e n,   wie ja andererseits nicht nur das Volk, sondern auch
       die Regierung den  W o h l s t a n d  einer Landesgegend als eine
       faktische Bestätigung  der Verwaltung  betrachtet. Die Verwaltung
       aber  k a n n  ihrem bürokratischen Wesen nach die Gründe der Not
       nicht in  der   v e r w a l t e t e n  Gegend, sondern nur in der
       n a t ü r l i c h e n   und   p r i v a t b ü r g e r l i c h e n
       Gegend, die außer der
       
       #189# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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       verwalteten  Gegend  liegt,  erblicken.  Die  Verwaltungsbehörden
       k ö n n e n   b e i   d e m   b e s t e n   W i l l e n,  bei der
       eifrigsten Humanität  und der  stärksten Intelligenz mehr als au-
       genblickliche und vorübergehende Kollisionen, eine konstante Kol-
       lision zwischen der Wirklichkeit und den Verwaltungsmaximen nicht
       lösen, denn  weder liegt  es in  der Aufgabe ihrer Stellung, noch
       vermag der  beste Wille  ein    w e s e n t l i c h e s    V e r-
       h ä l t n i s   oder   V e r h ä n g n i s,   wenn man  will,  zu
       durchbrechen. Dies   w e s e n t l i c h e    V e r h ä l t n i s
       ist das  b ü r o k r a t i s c h e,  sowohl innerhalb des Verwal-
       tungskörpers selbst  als in  seinen   B e z ü g e n   z u   d e m
       v e r w a l t e t e n  K ö r p e r.
       Andrerseits kann  ebensowenig der  weinbauende Private verkennen,
       daß   s e i n   Votum absichtlich  oder unabsichtlich  durch  das
       P r i v a t i n t e r e s s e   getrübt sein,  also die  Wahrheit
       desselben nicht  unbedingt präsumiert  werden kann.  Er wird auch
       einsehen, daß  es viele  leidende Privatinteressen im Staat gibt,
       deren Hebung  allgemeine Verwaltungsmaximen  nicht verlassen oder
       modifiziert werden  können. Wird  ferner der  a l l g e m e i n e
       Charakter eines  Notstandes behauptet,  wird behauptet, der Wohl-
       stand sei  in der Weise und dem Umfang gefährdet, daß das Privat-
       leiden zum Staatsleiden und seine Wegräumung zu einer Pflicht des
       Staates gegen   s i c h  s e l b s t  werde, so scheint diese Be-
       hauptung der  Verwalteten der  Verwaltung gegenüber  unpassend zu
       sein, da die Verwaltung wohl am besten beurteilen wird, inwiefern
       das Staatswohl gefährdet und von ihr eine tiefere Einsicht in das
       Verhältnis des  Ganzen und seiner Teile präsumiert werden muß als
       von diesen  Teilen selbst,  Es kömmt  hinzu, daß der einzelne und
       selbst viele  einzelne ihre Stimme nicht für die Volksstimme aus-
       geben können;  vielmehr ihre  Darstellung immer den Charakter der
       p r i v a t e n  Beschwerdeschrift beibehalten wird. Wäre endlich
       selbst die Überzeugung der beschwerdeführenden Privaten die Über-
       zeugung der  ganzen Moselgegend, so nimmt die Moselgegend selbst,
       als ein  einzelner Verwaltungsteil  und als einzelner Landesteil,
       ihrer eigenen Provinz wie dem Staate gegenüber die Stellung eines
       Privatmannes ein,  dessen Überzeugungen  und Wünsche  erst an der
       allgemeinen Überzeugung  und dem  allgemeinen Wunsche  zu  messen
       sind.
       Die Verwaltung  und  die  Verwalteten  bedürfen  zur  Lösung  der
       Schwierigkeit also  gleichmäßig eines   d r i t t e n   Elements,
       welches  p o l i t i s c h  ist, ohne amtlich zu sein, also nicht
       von  bürokratischen   Voraussetzungen  ausgeht,   welches  ebenso
       b ü r g e r l i c h   ist, ohne unmittelbar in die Privatinteres-
       sen und  ihre Notdurft verwickelt zu sein. Dieses ergänzende Ele-
       ment von   s t a a t s b ü r g e r l i c h e m   K o p f  und von
       b ü r g e r l i c h e m     H e r z e n     ist  die    f r e i e
       P r e s s e.  Im Bereich der Presse können die Verwaltung und die
       Verwalteten gleichmäßig ihre Grundsätze und Forderungen kritisie-
       ren, aber nicht mehr innerhalb eines Subordinationsverhältnisses,
       
       #190# Karl Marx
       -----
       sondern in  gleicher   s t a a t s b ü r g e r l i c h e r   Gel-
       tung, nicht  mehr als   P e r s o n e n,  sondern als  i n t e l-
       l e k t u e l l e  M ä c h t e,  als Verstandesgründe. Die "freie
       Presse", wie  sie das  Produkt der  öffentlichen Meinung  ist, so
       produziert sie auch die öffentliche Meinung und vermag allein ein
       besonderes Interesse zum allgemeinen Interesse, vermag allein den
       N o t s t a n d   der Moselgegend  zum Gegenstand der allgemeinen
       Aufmerksamkeit und  der allgemeinen  Sympathie des Vaterlandes zu
       machen, vermag  allein die  Not schon dadurch zu mildern, daß sie
       die Empfindung der Not unter alle verteilt.
       Die Presse verhält sich als  I n t e l l i g e n z  zu den Volks-
       zuständen,  aber   sie  verhält  sich  ebensosehr  zu  ihnen  als
       G e m ü t;   ihre Sprache  ist daher  nicht nur die kluge Sprache
       der Beurteilung,  die über  den  Verhältnissen  schwebt,  sondern
       zugleich die  affektvolle Sprache  der Verhältnisse  selbst, eine
       Sprache, die  in   a m t l i c h e n   B e r i c h t e n    weder
       gefordert werden  kann noch  darf. Die freie Presse endlich trägt
       die Volksnot  in ihrer eigenen, durch keine bürokratischen Medien
       durchgegangenen Gestalt  an die  Stufen  des  Thrones,  zu  einer
       Macht, vor welcher der Unterschied von Verwaltung und Verwalteten
       verschwindet und  es nur mehr gleich nah und gleich fern stehende
       S t a a t s b ü r g e r  gibt.
       Wenn also  die freiere  Presse durch  den    e i g e n t ü m l i-
       c h e n   Notstand der  Mosel   n o t w e n d i g   gemacht ward,
       wenn sie hier heftiges, weil  w i r k l i c h e s  Bedürfnis war,
       so scheint  es,  daß  keine  ausnahmsweise  Preßhindernisse  dazu
       gehörten, um dies Bedürfnis hervorzubringen, sondern daß vielmehr
       eine  ausnahmsweise   Preßfreiheit  dazu  gehört  hätte,  um  das
       vorhandene Bedürfnis zu befriedigen.
       ad. 2.  Die Presse  über die  Moselangelegenheiten ist jedenfalls
       nur ein   T e i l   d e r   p r e u ß i s c h e n    p o l i t i-
       s c h e n   P r e s s e.   Um daher  ihren Zustand  vor  der  oft
       beregten Kabinettsordre  zu ermitteln,  wird es nötig sein, einen
       raschen Blick auf den Zustand der gesamten preußischen Presse vor
       dem Jahre  1841 zu  werfen. Wir  lassen einen  Mann von anerkannt
       loyaler Gesinnung sprechen:
       
       "Still und ruhig", heißt es in "Preußen und Frankreich" von David
       H a n s e m a n n,   zweite Auflage, Leipzig 1834, p. 272, "still
       und ruhig  entwickeln sich die allgemeinen Ideen und die Dinge um
       so unbemerkter  in Preußen,  als  die    Z e n s u r    k e i n e
       g r ü n d l i c h e   E r ö r t e r u n g   der den Staat betref-
       fenden   p o l i t i s c h e n   und   s e l b s t   s t a a t s-
       w i r t s c h a f t l i c h e n   Fragen  in  preußischen  Tages-
       schriften gestattet,   w e n n  d i e  A b f a s s u n g  a u c h
       n o c h   s o   a n s t ä n d i g  u n d  g e m e s s e n  i s t;
       unter  einer   gründlichen  Erörterung   kann  nur   eine  solche
       verstanden werden,  wo die Gründe und die Gegengründe vorgetragen
       werden dürfen;   g r ü n d l i c h   kann    f a s t    k e i n e
       s t a a t s w i r t s c h a f t l i c h e  Frage erörtert werden,
       w e n n  n i c h t
       
       #191# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
       -----
       a u c h   die Beziehungen  derselben   a u f   i n n e r e  u n d
       ä u ß e r e  P o l i t i k  untersucht werden, denn nur bei weni-
       gen, vielleicht  bei   k e i n e r  e i n z i g e n  s t a a t s-
       w i r t s c h a f t l i c h e n     F r a g e      finden   diese
       Beziehungen nicht  statt. Oh diese Ausübung der Zensur zweckmäßig
       sei, ob die Zensur überhaupt anders als auf solche Weise nach dem
       Zustande der  Regierung in  Preußen ausgeübt werden könne, darauf
       kommt es hier nicht an;  g e n u g,  s o  i s t' s."
       
       Bedenkt man  ferner, daß  schon der § II des Zensuredikts vom 19.
       Dezember 1788 [135] lautet:
       
       "Die Absicht  der Zensur  aber ist  keineswegs, eine  anständige,
       ernsthafte und  bescheidene Untersuchung  der Wahrheit zu hindern
       oder   s o n s t  den Schriftstellern  i r g e n d e i n e n  un-
       nützen und lästigen Zwang aufzuerlegen";
       
       findet man  im Artikel  II des  Zensuredikts vom 18. Oktober 1819
       [4]die Worte wieder:
       
       "Die Zensur  wird keine  ernsthafte und  bescheidene Untersuchung
       der Wahrheit  hindern  noch  den  Schriftstellern  ungebührlichen
       Zwang auferlegen";
       
       vergleicht man  hiermit die  Eingangsworte der  Zensurinstruktion
       vom 24 Dezember 1841 [3]:
       
       "Um   s c h o n   j e t z t    die  Presse  von    u n s t a t t-
       h a f t e n,      nicht   in   der      A l l e r h ö c h s t e n
       A b s i c h t   liegenden Beschränkungen zu befreien, haben Seine
       Majestät  der   König  1*)   durch   eine   an   das   Königliche
       Staatsministerium  [...]  erlassene  Allerhöchste  Kabinettsordre
       jeden ungebührlichen  Zwang  der  schriftstellerischen  Tätigkeit
       a u s d r ü c k l i c h     zu  mißbilligen   und  [...]  uns  zu
       ermächtigen geruht,  die Zensoren  zur angemessenen Beachtung des
       Artikel  II   des  Zensuredikts  vom  18,  Oktober  1819    v o n
       n e u e m  anzuweisen";
       
       erinnert man sich endlich der folgenden Worte:
       
       "Der  Zensor   kann  eine  freimütige  Besprechung  auch    d e r
       i n n e r e n   A n g e l e g e n h e i t e n   sehr wohl gestat-
       ten. -  Die unverkennbare  Schwierigkeit, hierfür  die  richtigen
       Grenzen aufzufinden,  darf von  dem  Streben,  der    w a h r e n
       A b s i c h t   d e s   G e s e t z e s   zu genügen,  nicht  ab-
       schmecken noch  zu jener   Ä n g s t l i c h k e i t   verleiten,
       w i e     s i e     n u r     z u     o f t     s c h o n     z u
       M i ß d e u t u n g e n     über  die     A b s i c h t     d e s
       G o u v e r n e m e n t s  Veranlassung gegeben hat";
       
       so scheint  nach allen  diesen offiziellen  Äußerungen die Frage:
       warum bei  dem Wunsche von seiten der Behörden, die Moselzustände
       möglichst freimütig  und öffentlich  besprochen zu hören, Zensur-
       hindernisse stattgefunden? sich vielmehr in die  a l l g e m e i-
       n e r e   Frage zu  verwandeln, warum   t r o t z    der    "A b-
       s i c h t   d e s   G e s e t z e s",  der  "A b s i c h t  d e s
       G o u v e r n e m e n t s"   und endlich der  "A l l e r h ö c h-
       s t e n   A b s i c h t"   die Presse eingestandenermaßen noch im
       Jahre 1841 "von
       -----
       1*) Friedrich Wilhelm IV.
       
       #192# Karl Marx
       -----
       u n s t a t t h a f t e n   Beschränkungen" zu  befreien und  die
       Zensur im  Jahre 1841  an den  Artikel II  des Edikts von 1819 zu
       e r i n n e r n   war! In  bezug auf  die   M o s e l g e g e n d
       namentlich würde jene Frage sich dahin formulieren, nicht, welche
       s p e z i e l l e n   P r e ß h i n d e r n i s s e   stattgefun-
       den, sondern  vielmehr, welche  s p e z i e l l e n  P r e ß b e-
       g ü n s t i g u n g e n   diese teilweise  Besprechung der   i n-
       n e r n   Zustände zu  einer    m ö g l i c h s t    f r e i m ü-
       t i g e n   u n d   ö f f e n t l i c h e n   Besprechung  a u s-
       n a h m s w e i s e  begeistet hätten?
       Über  den   innern  Gehalt   und  den  Charakter  der    p o l i-
       t i s c h e n  L i t e r a t u r  und  T a g e s p r e s s e  vor
       der  beregten   Kabinettsordre  verständigen   am  klarsten  wohl
       folgende Worte der Zensurinstruktion:
       
       "Auf  diesem   Wege  darf   man    h o f f e n,    daß  auch  die
       p o l i t i s c h e  L i t e r a t u r  und die  T a g e s presse
       ihre  Bestimmung    b e s s e r    erkennen,  einen    w ü r d i-
       g e r e n   Ton sich  aneignen und es  k ü n f t i g  verschmähen
       werden, durch  Mitteilungen gehaltloser,  aus  fremden  Zeitungen
       entlehnter Korrespondenzen  etc. etc.  auf die  N e u g i e r d e
       i h r e r   Leser zu   s p e k u l i e r e n...   Es ist zu  e r-
       w a r t e n,   daß dadurch  eine   g r ö ß e r e    Teilnahme  an
       v a t e r l ä n d i s c h e n   Interessen  e r w e c k t  und so
       das  N a t i o n a l g e f ü h l  erhöht wird."
       
       Es scheint  sich hienach  zu ergeben,  daß, wenn  durchaus  keine
       s p e z i e l l e n   Maßregeln eine  freimütige und  öffentliche
       Besprechung  der  Moselzustände  verhinderten,  der    a l l g e-
       m e i n e   Z u s t a n d   der  preußischen  Presse  selbst  ein
       unbesiegbares Hindernis  sowohl der  Freimütigkeit, als  der  Öf-
       fentlichkeit sein  mußte. Fassen  wir die angezogenen Stellen der
       Zensurinstruktion zusammen,  so besagt sie, daß: die Zensur über-
       aus ängstlich und eine  ä u ß e r e  Schranke einer freien Presse
       war, daß hiemit Hand in Hand die  i n n e r e  Beschränktheit der
       Presse ging, die den Mut und selbst das Streben aufgegeben hatte,
       sich über  den Horizont  der Neuigkeit zu erheben, daß endlich im
       Volke selbst  die    T e i l n a h m e    a n    v a t e r l ä n-
       d i s c h e n   I n t e r e s s e n   und das    N a t i o n a l-
       g e f ü h l   verlorengegangen waren,  also gerade  die Elemente,
       welche nicht  nur die schöpferischen Mächte einer freimütigen und
       öffentlichen Presse, sondern auch die Bedingungen sind, innerhalb
       deren allein  eine freimütige  und öffentliche  Presse wirken und
       volkstümliche Anerkennung  finden kann,  eine Anerkennung, welche
       die  Lebensatmosphäre   der  Presse   bildet,  ohne   welche  sie
       rettungslos hinsiecht.
       Wenn also  Maßregeln der  Behörden eine   u n f r e i e    Presse
       schaffen können,  so liegt  es dagegen   a u ß e r h a l b  d e r
       M a c h t   d e r   B e h ö r d e n,   b e i   der Unfreiheit des
       allgemeinen Preßzustandes  speziellen Fragen eine möglichst frei-
       mütige und öffentliche Besprechung zu sichern, indem selbst frei-
       mütige Worte,  welche über  einzelne Gegenstände etwa die Spalten
       der Zeitungen füllten, keine  a l l g e m e i n e  Teilnahme her-
       vorzurufen, sich also keine wahrhafte Öffentlichkeit zu verschaf-
       fen wüßten.
       Es kömmt  hinzu, was   H a n s e m a n n   richtig  bemerkt,  daß
       v i e l l e i c h t  b e i
       
       #193# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
       -----
       k e i n e r   e i n z i g e n    s t a a t s w i r t s c h a f t-
       l i c h e n   F r a g e   d i e    B e z i e h u n g e n    a u f
       i n n e r e    u n d    ä u ß e r e    P o l i t i k    n i c h t
       s t a t t f i n d e n.   Die Möglichkeit  einer  freimütigen  und
       öffentlichen Besprechung  der   M o s e l z u s t ä n d e   setzt
       also die   M ö g l i c h k e i t   einer  freimütigen und öffent-
       lichen Besprechung  der ganzen   "i n n e r n  u n d  ä u ß e r n
       P o l i t i k"   voraus. Diese  darzubieten, lag  so wenig in der
       Macht einzelner  Verwaltungsbehörden, daß  vielmehr   n u r   der
       unmittelbar und entschieden ausgesprochene Wille des  K ö n i g s
       s e l b s t  hier bestimmend und nachhaltig eingreifen konnte.
       Wenn die  öffentliche Besprechung  nicht freimütig  war, war  die
       freimütige Besprechung nicht öffentlich. Sie beschränkte sich auf
       d u n k l e  Lokalblätter, deren Gesichtskreis natürlich über den
       Kreis ihrer  Verbreitung nicht hinausging und nach dem vorherigen
       nicht hinausgehen konnte. Zur Charakteristik solcher Lokalbespre-
       chungen geben  wir einige  Exzerpte aus  verschiedenen Jahrgängen
       des Bernkasteler  "Gemeinnützigen Wochenblatts".  In dem Jahrgang
       1835 heißt es:
       
       "Im Herbste  1833 machte  eine auswärtige Person in  E r d e n  5
       Ohm [136]  Wein. Um  das Fuder voll zu machen, kaufte sie 2 Ohmen
       dazu für den Preis von 30 Tlr. Das Faß kostete 9 Tlr., Moststeuer
       7 Tlr. 5 Silbergroschen, Einherbsten 4 Tlr., Kellermiete 1 Tlr. 3
       Sgr., Kieferlohn  16 Sgr.;  folglich, ungerechnet  die Baukosten,
       eine reine  Ausgabe von  51 Tlr. 24 Sgr. Am 10. Mai wurde das Faß
       Wein verkauft  zu 41  Tlr. Noch  ist zu bemerken, daß dieser Wein
       gut ist und nicht aus Notdurft verkauft worden, auch in keine wu-
       cherische Hände  gefallen ist."  (p. 87.) "Am 21. November wurden
       auf'm Markt  zu Bernkastel  3/4  Ohm  1835  Wein  zu  14  Sgr.  -
       v i e r z e h n    S i l b e r g r o s c h e n  - versteigert und
       am 27. ejusdem 4 Ohm  s a m t  Fuderfaß zu 11 Tlr., wobei noch zu
       bemerken ist,  daß am  verflossenen Michelstag das Fuderfaß zu 11
       Taler eingekauft wurde." (p. 267 ibid.)
       
       Unter dem 12. April 1836 eine ähnliche Anzeige.
       Noch mögen hier einige Auszüge aus dem Jahrgange 1837 stehen:
       
       "Am 1. dieses Monats ward in  K i n h e i m  in öffentlicher Ver-
       steigerung vor  Notar ein  junger vierjähriger  Wingert von zirka
       200 Stöcken,  gehörig aufgepfählt,  mit gewöhnlichem  Zählungszu-
       stand der  Stock zu  1 1/2   P f e n n i g   überlassen. Im Jahre
       1828 kostete  derselbe Stock  dort 5  Silbergroschen."  (p.  47.)
       "Eine Witwe  zu  G r a a c h  ließ ihren Herbst um die Hälfte des
       Ertrages eintuen,  und für  ihren Anteil  wurde ihr  ein Ohm Wein
       zuteil,     w e l c h e s    s i e    g e g e n    2    P f u n d
       B u t t e r,   2   P f u n d   B r o t   u n d   1 / 2  P f u n d
       Z w i e b e l n  v e r ä u ß e r t e."  (in Nr. 37 ibid.) "Am 20.
       dieses Monats  wurden hier  zwangsweise versteigert: 8 Fuder 365r
       Wein  von    G r a a c h    und  Bernkastel,  teilweise  aus  den
       b e s t e n   Lagen, und  1 Fuder 35er Wein von Graach. Es wurden
       135 Taler  15 Sgr. im ganzen erlöst (Faß mit), demnach kostet ein
       Fuder ins  andere zirka  15 Taler. Das Faß mag allein 10-12 Taler
       gekostet haben.  Was  bleibt  nun  dem  armen  Winzer  für  seine
       Baukosten  übrig?   Ist  es   denn  nicht   möglich,  daß  dieser
       schrecklichen Not  abgeholfen wird?!!  (Eingesandt)" (Nr.  4,  p.
       30.)
       
       #194# Karl Marx
       -----
       Man findet  hier also  nur  e i n f a c h e  Erzählung von Tatsa-
       chen, die,  manchmal von einem elegischen kurzen Nachwort beglei-
       tet, eben durch ihre ungeschminkte Einfachheit erschüttern mögen,
       schwerlich aber  den Charakter einer freimütigen und öffentlichen
       Besprechung der Moselzustände auch nur ansprechen dürften.
       Wenn nun ein einzelner und gar der zahlreiche Teil einer Bevölke-
       rung von einem auffallenden und erschreckenden Unglücke betroffen
       werden, und  niemand bespricht  das Unglück, niemand behandelt es
       als eine   d e n k-   u n d   s p r e c h w ü r d i g e  Erschei-
       nung, so  müssen sie  schließen, entweder  daß die  andern  nicht
       sprechen   d ü r f e n  oder daß sie nicht sprechen  w o l l e n,
       weil sie  die der  Sache beigelegte  Wichtigkeit für  illusorisch
       halten. Die  Anerkennung seines Unglücks, diese geistige Beteili-
       gung an  demselben, ist aber selbst dem ungebildetsten Winzer ein
       Bedürfnis -,  schlösse er  auch nur,  daß, wo  alle denken, viele
       sprechen, bald  auch einige  handeln werden. Wäre es wirklich er-
       laubt gewesen,  frei und  offen die Moselzustände zu diskutieren,
       so   g e s c h a h   es doch nicht, und es ist klar, daß das Volk
       nur an  das   W i r k l i c h e   glaubt, nicht an die freimütige
       Presse, die  existieren kann,  sondern an  die freimütige Presse,
       die wirklich  existiert. Hatte  der Mosellaner  also   v o r  Er-
       scheinen der  Allerhöchsten Kabinettsordre zwar seine Not empfun-
       den, zwar  sie bezweifeln  gehört, nur nichts von einer öffentli-
       chen und  freimütigen Presse  vernommen, sah  er dagegen  n a c h
       Erscheinen dieser  Kabinettsordre diese  Presse gleichsam aus dem
       Nichts hervorspringen, so scheint sein Schluß, daß die königliche
       Kabinettsordre die   e i n z i g e   Ursache dieser Preßbewegung,
       an welcher  der Mosellaner  nach den  früher ausgeführten Gründen
       einen vorzugsweisen,  weil unmittelbar durch  w i r k l i c h e s
       Bedürfnis bedingten  Anteil nahm, wenigstens ein sehr volkstümli-
       cher Schluß  gewesen zu sein. Endlich scheint es, daß auch, abge-
       sehen von  der Volkstümlichkeit  dieser Meinung,  eine  kritische
       Prüfung zu  demselben Resultate  gelangen wird. Die Eingangsworte
       der Zensurinstruktion vom 24. Dezember 1841, daß
       "S e i n e   M a j e s t ä t  d e r  K ö n i g  jeden ungebührli-
       chen      Zwang      der      schriftstellerischen      Tätigkeit
       a u s d r ü c k l i c h     z u     m i ß b i l l i g e n     und
       u n t e r   A n e r k e n n u n g  d e s  W e r t s  u n d  d e s
       B e d ü r f n i s s e s  einer freimütigen und anständigen Publi-
       zität ... geruht etc.",
       diese  Eingangsworte   versichern  der   Presse  eine   besondere
       k ö n i g l i c h e     Anerkennung,  also   eine    S t a a t s-
       b e d e u t u n g.   Daß  e i n  königliches Wort so bedeutend zu
       wirken vermag  und von  dem Mosellaner  selbst als  ein Wort  von
       magischer Kraft,  als ein Universalmittel gegen alle seine Leiden
       begrüßt wurde,  das  scheint  nur  von  der  echt  royalistischen
       Gesinnung der  Mosellaner und  ihrer nicht  abgemessenen, sondern
       überströmenden Dankbarkeit zeugen zu können.
       
       #195# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
       -----
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 20 vom 20. Januar 1843]
       ad 3.  Wir haben  zu zeigen  gesucht, daß  das  B e d ü r f n i s
       einer freien Presse aus der  E i g e n t ü m l i c h k e i t  der
       Moselzustände   n o t w e n d i g   hervorging. Wir  haben ferner
       gezeigt, wie  die Verwirklichung  dieses Bedürfnisses vor dem Er-
       scheinen der  Allerhöchsten Kabinettsordre, wenn auch nicht durch
       s p e z i e l l e       Preßerschwerungen,   schon    durch   den
       a l l g e m e i n e n             Z u s t a n d             d e r
       p r e u ß i s c h e n   T a g e s p r e s s e   verhindert worden
       wäre.  Wir   werden  endlich   zeigen,   daß      w i r k l i c h
       s p e z i e l l e   Umstände einer  freimütigen und  öffentlichen
       Besprechung der Moselzustände feindlich entgegentraten. Auch hier
       müssen wir  zunächst den leitenden Gesichtspunkt unserer Darstel-
       lung    hervorheben     und    die    Macht    der    allgemeinen
       V e r h ä l t n i s s e  in dem  W i l l e n  der handelnden Per-
       sönlichkeiten wiedererkennen.  Wir dürfen  in den  s p e z i e l-
       l e n     Umständen,  welche   eine  freimütige  und  öffentliche
       Besprechung der  Moselzustände verhinderten, nichts erblicken als
       die     t a t s ä c h l i c h e     V e r k ö rp e r u n g    und
       a u g e n f ä l l i g e     E r s c h e i n u n g      der   oben
       entwickelten   a l l g e m e i n e n   Verhältnisse, nämlich  der
       e i g e n t ü m l i c h e n   Lage der Verwaltung zu der Moselge-
       gend, des allgemeinen Zustandes der Tagespresse und der öffentli-
       chen Meinung,  endlich des  herrschenden politischen  Geistes und
       seines Systems.  Waren diese  Verhältnisse, wie  es denn scheint,
       die     a l l g e m e i n e n,     u n s i c h t b a r e n    und
       z w i n g e n d e n   Mächte jener  Zeit, so wird es kaum der An-
       deutung bedürfen,  daß sie auch als  s o l c h e  wirken, in Tat-
       sachen ausschlagen und als einzelne, dem  S c h e i n  nach will-
       kürliche Handlungen sich  ä u ß e r n  mußten. Wer diesen sachli-
       chen Standpunkt  aufgibt, verfängt sich einseitig in bittere Emp-
       findungen gegen  Persönlichkeiten, in welchen die Härte der Zeit-
       verhältnisse ihm gegenübertrat.
       Man wird  zu den  s p e z i e l l e n  Preßhindernissen nicht nur
       einzelne    Z e n s u r s c h w i e r i g k e i t e n,    sondern
       ebensosehr alle   s p e z i e l l e n   U m s t ä n d e    zählen
       müssen, welche die Zensur überflüssig machten, weil sie einen Ge-
       genstand der  Zensur nicht einmal versuchsweise aufkommen ließen.
       Wo die  Zensur in  auffallende, anhaltende  und harte Kollisionen
       mit der  Presse gerät,  da kann  man  mit  ziemlicher  Sicherheit
       schließen, daß  die Presse  schon an  Lebendigkeit, Charakter und
       Selbstgewißheit gewonnen  hat, denn  nur eine wahrnehmbare Aktion
       erzeugt eine  wahrnehmbare Reaktion.  Wo dagegen die Zensur nicht
       da ist,  weil die Presse nicht da ist, obgleich das Bedürfnis ei-
       ner freien, also  z e n s u r f ä h i g e n  Presse vorhanden, da
       muß man  die   V o r z e n s u r  in Umständen suchen, welche den
       Gedanken schon in seinen anspruchsloseren Formen zurückgeschreckt
       haben.
       Es kann  nicht unser  Zweck sein,  eine vollständige  Darstellung
       dieser   s p e z i e l l e n  U m s t ä n d e  auch nur annähernd
       zu geben; das hieße die Zeitgeschichte
       
       #196# Karl Marx
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       seit 1830,  soweit sie die Moselgegend berührt, schildern wollen.
       Wir glauben  unsere Aufgabe gelöst zu haben, wenn wir nachweisen,
       daß  das   freimütige  und  öffentliche  Wort    i n    a l l e n
       F o r m e n,   in der Form der  m ü n d l i c h e n  R e d e,  in
       der Form  der   S c h r i f t,   in der  Form des    D r u c k s,
       sowohl des  n o c h  n i c h t  z e n s i e r t e n  als auch des
       schon   z e n s i e r t e n   Drucks,  mit    s p e z i e l l e n
       Hindernissen in Konflikt geriet.
       Die Verstimmung und die Mutlosigkeit, welche ohnehin jene morali-
       sche Kraft,  die zur öffentlichen und freimütigen Besprechung ge-
       hört, bei  einer notleidenden Bevölkerung brechen, wurden nament-
       lich genährt durch die auf vielfache  D e n u n z i a t i o n e n
       notwendig gewordenen  gerichtlichen Verurteilungen  "wegen   B e-
       l e i d i g u n g   e i n e s   B e a m t e n  i m  D i e n s t e
       o d e r  i n  b e z u g  a u f  s e i n e n  D i e n s t".
       Eine derartige Prozedur lebt noch im frischen Andenken vieler Mo-
       selwinzer. Ein wegen seiner Gutmütigkeit besonders beliebter Bür-
       ger  1*)   äußerte  in  scherzhafter  Weise  zu  der  Magd  eines
       L a n d r a t s   2*), welcher abends zuvor in fröhlicher Gesell-
       schaft bei  Gelegenheit der  Feier des Königsgeburtstages fleißig
       dem  Becher  zugesprochen  hatte:    "E u e r    H e r r    w a r
       g e s t e r n   a b e n d   e t w a s  b e s p i t z t."  Er ward
       wegen dieser  unschuldigen Äußerung  ö f f e n t l i c h  vor das
       Zuchtpolizeigericht zu  Trier  gestellt,  jedoch,  wie  sich  von
       selbst versteht,  f r e i g e s p r o c h e n.
       Wir haben gerade dieses Beispiel gewählt, weil sich eine einfache
       Reflexion notwendig  an dasselbe  anknüpft. Die   L a n d r ä t e
       sind die  Z e n s o r e n  in ihren respektiven Kreisstädten. Die
       landrätliche Verwaltung wird aber mit Einbegriff der ihr unterge-
       ordneten amtlichen  Sphären vornehmster, weil nächster Gegenstand
       der   L o k a l p r e s s e   sein. Wenn  es nun überhaupt schwer
       ist, in  eigner Sache zu richten, so müssen Vorfälle der oben er-
       wähnten Art,  welche eine  krankhaft reizbare Vorstellung von der
       Unantastbarkeit der  amtlichen Stellung  dokumentieren, schon die
       bloße Existenz  der   l a n d r ä t l i c h e n   Z e n s u r  zu
       einem hinreichenden Grund für die Nichtexistenz einer freimütigen
       Lokalpresse machen.
       Sehen wir  also die  unbefangene und  anspruchslose  m ü n d l i-
       c h e   Rede den Weg zum Zuchtpolizeigericht bereiten, so hat die
       s c h r i f t l i c h e   Form des  freien Worts,  die   P e t i-
       t i o n,   welche noch  weit von  der Öffentlichkeit  der  Presse
       entfernt ist,  denselben zuchtpolizeilichen  Erfolg. Wie dort die
       Unantastbarkeit der   a m t l i c h e n   S t e l l u n g,  tritt
       hier die  Unantastbarkeit der    L a n d e s g e s e t z e    der
       freimütigen Sprache entgegen.
       Durch eine  "Kabinettsordre" vom 6. Juli 1836, worin es unter an-
       derm
       -----
       1*) Johann Oberhoven - 2*) Constantin Friedrich von Gaertner
       
       #197# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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       heißt, der  König 1*)  sende seinen Sohn 2*) in die Rheinprovinz,
       am   v o n   d e r e n   Z u s t ä n d e n   K e n n t n i s  z u
       n e h m e n,  fühlten sich einige Landleute aus dem Regierungsbe-
       zirke Trier  veranlaßt, ihren "Landtagsabgeordneten 3*)" zu ersu-
       chen, ihnen  eine Bittschrift  für den  Kronprinzen anzufertigen.
       Sie gaben  zugleich die  einzelnen Beschwerdepunkte an. Der Land-
       tagsabgeordnete, um  die Wichtigkeit der Petition durch eine grö-
       ßere Anzahl  von Petitionären zu erhöhen, schickte einen Boten in
       die Umgegend  und veranlaßte  dadurch die  Unterschriften von 160
       Bauern. Die Petition lautete folgendermaßen:
       
       "Da wir unterschriebenen Einwohner des Kreises ..., Regierungsbe-
       zirk Trier,  unterrichtet, daß unser guter König zu uns Seine Kö-
       nigliche Hoheit  den Kronprinzen sendet, um unsere Lage zu beher-
       zigen, und um Seiner Königlichen Hoheit die Mühe zu ersparen, die
       Klagen vieler  einzelnen anzuhören, beauftragen wir hiermit unse-
       ren Landtagsabgeordneten,  Herrn ...,  Seiner Königlichen Hoheit,
       des besten Königs Sohn, dem Kronprinzen von Preußen, untertänigst
       anzutragen, daß:
       1.Wenn wir  unsere überflüssigen  Produkte, besonders an Vieh und
       Wein, nicht absetzen können, uns unmöglich ist, die in allen Ver-
       hältnissen zu hohen Steuern zu bezahlen, weswegen eine bedeutende
       Verminderung derselben  gewünscht wird, da wir sonst Hab' und Gut
       den Steuerboten  belassen, wie  Anlage beweiset;  (enthält  einen
       Zahlungsbefehl eines Steuerboten von  R. 1-25 Sgr. 5 d.).
       2.Daß Seine  Königliche Hoheit  nicht von  unserer Lage  urteilen
       möge, nach den Demonstrationen von unzähligen, gar zu hoch besol-
       deten Angestellten,  Pensionierten, Diätaren,  Zivil und Militär,
       Rentner und  Gewerbetreibenden, welche in den Städten einem Luxus
       von unseren so im Preise gefallenen Produkten wohlfeil leben, was
       hingegen in  der armen  Hütte des  verschuldeten Landmannes nicht
       gefunden wird  und für ihn ein empörender Kontrast ist. Wo früher
       27 angestellt  mit 29 000  Talern, jetzt  63 Beamte  ohne Pensio-
       nierte mit 105 000 Talern besoldet.
       3. Daß unsere Kommunalbeamten direkt durch die Gemeinen, wie frü-
       her, gewählt erden mögen.
       4. Daß die  Zollanmeldungsbüros nicht stundenlang während des Ta-
       ges geschlossen,  sondern jede  Stunde  offenbleiben,  damit  der
       Landmann, der  einige Minuten unverschuldet sich verspätet, nicht
       fünf bis  sechs Stunden, ja die ganze Nacht auf der Straße erkal-
       ten oder am Tage verbrennen muß, da doch der Beamte stets für das
       Volk bereit sein soll und muß.
       5. Daß, was  zufolge § 12 des Gesetzes vom 28. April 1828, erneu-
       ert durch  Amtsblatt der  Königlichen Regierung  vom  22.  August
       letzthin unter  Strafe verboten  worden, 2 Fuß vom Grabenrande zu
       ackern, bei  durchführenden Straßen  gehoben und  den Eigentümern
       erlaubt werde,  ihr sämtliches  Land bis  an  den  Chausseegraben
       pflügen zu  können, damit  dasselbe nicht von den Wegewärtern den
       Eigentümern geraubt werde."
       Euer Königlichen Hoheit ergebenste Untertanen.
       (Folgen nun die Unterschriften.)
       -----
       1*) Friedrich  Wilhelm III. - 2*) Friedrich Wilhelm IV. - 3*) Ni-
       kolaus Valdenaire
       
       #198# Karl Marx
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       Diese Petition, die der Landtagsabgeordnete dem Kronprinzen über-
       reichen wollte,  wurde von  andrer Seite  in Empfang genommen mit
       dem ausdrücklichen  Versprechen, sie  Seiner  Königlichen  Hoheit
       übergehen zu  wollen. Nie  erfolgte eine Antwort, wohl aber wurde
       gegen den  Landtagsabgeordneten, als  den Urheber einer Petition,
       worin   "f r e c h e r,  u n e h r e r b i e t i g e r  T a d e l
       g e g e n   d i e   L a n d e s g e s e t ze"  ausgesprochen sei,
       von seiten der Gerichte eine Verfolgung eingeleitet. Infolge die-
       ser   Klage   wurde   der   Landtagsabgeordnete   in   Trier   zu
       s e c h s m o n a t l i c h e r     G e f ä n g n i s s t r a f e
       und in  die Kosten  verurteilt, diese  Strafe aber vom Appellhofe
       dahin modifiziert, daß nur der Kostenpunkt des fraglichen Urteils
       belassen werde,  und zwar,  weil das  Benehmen des Inkriminierten
       nicht ganz  frei von  Unbesonnenheit gewesen  sei und er somit zu
       dem Prozesse  Veranlassung gegeben  habe. Der  I n h a l t  d e r
       P e t i t i o n     s e l b s t    wird  dagegen  keineswegs  für
       s t r a f b a r  erkannt.
       Wenn man erwägt, daß die fragliche Petition teils durch den Zweck
       der kronprinzlichen  Reise, teils durch die Stellung des Inkrimi-
       nierten als  Landtagsabgeordneten in der ganzen Umgebung zu einem
       besonders wichtigen und entscheidenden Ereignis sich steigern und
       die öffentliche  Aufmerksamkeit in  hohem Grade erregen mußte, so
       möchten ihre Konsequenzen eine öffentliche und freimütige Bespre-
       chung der Moselzustände nicht eben provoziert noch hierauf bezüg-
       liche Wünsche der Behörden wahrscheinlich gemacht haben.
       Wir   kommen    nun   zum    eigentlichen   Preßhindernis,    zur
       Z e n s u r v e r w e i g e r u n g,   welche nach  obigen Andeu-
       tungen in  dem Grade  zu den  Seltenheiten gehören mußte, als der
       Versuch einer  zensurfähigen Besprechung der Moselzustände zu den
       Seltenheiten gehörte.
       Einem   S c h ö f f e n r a t s p r o t o k o l l,   worin  nebst
       einigen barocken  auch einige  freimütige  Worte  sich  befinden,
       wurde von der  l a n d r ä t l i c h e n  Zensur die Druckerlaub-
       nis verweigert.  Die  Beratung  fand  im    S c h ö f f e n r a t
       statt, das   R a t s p r o t o k o l l   aber war von dem Bürger-
       meister 1*) abgefaßt. Seine Eingangsworte lauten:
       
       "Meine Herren!  Das Land an der Mosel zwischen Trier und Koblenz,
       zwischen der  Eifel und  dem Hundsrücken  ist äußerlich ganz arm,
       weil dasselbe  vom Weinbau  allein lebt und diesem durch die Han-
       delsverträge mit Deutschland der  T o d e s s t o ß  gegeben ist;
       das gedachte Land ist aber auch  g e i s t i g  arm etc."
       
       Daß endlich eine öffentliche und freimütige Besprechung, wenn sie
       alle      angegebenen       Hindernisse      überwunden       und
       a u s n a h m s w e i s e   in die  Zeitungsspalten gelangt  war,
       als eine  A u s n a h m e  behandelt und hinterher annihiliert
       -----
       1*) Jacob Schwan
       
       #199# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
       -----
       wurde, möge  ebenfalls eine  Tatsache bezeugen.  Ein vor mehreren
       Jahren von  d e m  P r o f e s s o r  d e r  K a m e r a l w i s-
       s e n s c h a f t e n     K a u f m a n n    zu  Bonn  "über  den
       Notstand der  Winzer an der Mosel etc." in der "Rhein- und Mosel-
       Zeitung" abgedruckter  Aufsatz wurde,  nachdem  er  während  drei
       Monaten in  verschiedenen öffentlichen  Blättern kursiert  hatte,
       von der  Königlichen Regierung   v e r b o t e n,  welches Verbot
       noch jetzt faktisch fortbesteht.
       Hiermit glaube ich nun die Frage über das Verhältnis der Moselge-
       gend zur Kabinettsordre vom 10. Dezember, der auf sie gegründeten
       Z e n s u r i n s t r u k t i o n   vom   2 4.   Dezember und der
       seitherigen freieren  Preßbewegung genügend beantwortet zu haben.
       Es bleibt noch übrig, meine Behauptung: "Der desolate Zustand der
       Winzer war  höheren Orts  lange in Zweifel gezogen und ihr Notge-
       schrei für freches Gekreisch gehalten worden", zu motivieren. Man
       wird den  quäst[ionierten] Satz  in zwei  Teile auflösen  können:
       "Der desolate Zustand der Winzer war höhern Orts lange in Zweifel
       gezogen worden"  und: "Ihr  Notgeschrei war für freches Gekreisch
       gehalten worden."
       Der erste  Satz, glaube  ich, wird keines Beweises mehr bedürfen.
       Der zweite  Satz: "Ihr  Notgeschrei war für freches Gekreisch ge-
       halten worden",  kann nicht  geradezu, wie es der Herr Oberpräsi-
       dent tut,  aus dem ersten Satze interpretiert werden: "Ihr Notge-
       schrei war   h ö h e r n  O r t s  für freches Gekreisch gehalten
       worden." Indessen  auch diese  Interpolation kann  gelten, sofern
       "h o h e m  Orts" und  "a m t l i c h e n  Orts" für gleichbedeu-
       tend genommen werden,
       Daß von  einem   "N o t g e s c h r e i"   der Winzer  nicht  nur
       f i g ü r l i c h,   sondern im   e i g e n t l i c h e n   Sinne
       des Wortes gesprochen werden konnte, wird sich aus den bisherigen
       Mitteilungen ergeben  haben. Daß  diesem  Notgeschrei  einerseits
       sein Mangel  an Berechtigung vorgeworfen, die Schilderung der Not
       selbst als  eine grelle,  aus selbstsüchtigen  schlechten Motiven
       entsprungene Übertreibung  betrachtet, andererseits die Klage und
       die Bitte  dieser Not als  "f r e c h e r,  unehrerbietiger Tadel
       gegen die  Landesgesetze" verstanden wurde, diese Prämissen haben
       ein  R e g i e r u n g s r e f e r a t  und ein  K r i m i n a l-
       v e r f a h r e n   bewiesen. Daß  ferner ein übertreibendes, die
       Sachverhältnisse verkennendes, von schlechten Motiven outriertes,
       f r e c h e n    Tadel  gegen  die  Landesgesetze  involvierendes
       S c h r e i e n   identisch mit  "Gekreisch", und  zwar  "frechem
       Gekreisch",  ist,   dürfte  wenigstens  keine  fernliegende  oder
       u n r e d l i c h  gesuchte Behauptung sein. Daß also schließlich
       an die  Stelle der  einen Seite die andere gesetzt werden konnte,
       scheint sich einfach als logische Konsequenz zu ergeben.
       
       Geschrieben Ende Dezember bis Mitte Januar 1843.

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