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Karl Marx
Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel [132]
["Rheinische Zeitung" Nr. 15 vom 15. Januar 1841]
++ V o n d e r M o s e l, im Januar. Die Nr. 346 und Nr. 348
der "Rheinischen Zeitung" enthalten zwei Artikel von mir, wovon
der eine die Holznot an der Mosel, der andere die b e s o n-
d e r e Teilnahme der Mosellaner an der königlichen Kabinetts-
ordre vom 24. Dezember 1841 und der durch sie bewirkten freieren
Bewegung der Presse betrifft. Der letzte Artikel ist in
g r o b e und, wenn man will, r o h e Farben getaucht. Wer un-
mittelbar und häufig die r ü c k s i c h t s l o s e Stimme der
Not in der umgebenden Bevölkerung vernimmt, der verliert leicht
den ästhetischen Takt, welcher in den feinsten und bescheidensten
Bildern zu sprechen weiß, der hält es vielleicht sogar für seine
p o l i t i s c h e Pflicht, auf einen Augenblick öffentlich
jene populäre Sprache der Not zu führen, welche er in seiner Hei-
mat zu verlernen keine Gelegenheit fand. Handelt es sich nun aber
darum, die Wahrheit solcher Worte zu beweisen, so kann wohl
schwerlich der Beweis bis auf den W o r t l a u t gemeint sein,
denn in dieser Rücksicht würde jedes Resümee unwahr sein, und es
wäre überhaupt unmöglich, den Sinn einer Rede wiederzugeben, ohne
die Rede selbst zu wiederholen. Wurde also z.B. behauptet: "Man
hielt den Notschrei der Winzer für f r e c h e s G e-
k r e i s c h", so wird billigerweise nur verlangt werden können,
daß eine ungefähr richtige G l e i c h u n g gezogen sei, d.h.,
daß ein Gegenstand nachgewiesen werde, der die resümierende
Bezeichnung "freches Gekreisch" einigermaßen aufwiegt und zu
einer nicht unpassenden Bezeichnung macht. Ist diese Probe
geliefert, so kann es sich nicht mehr um die W a h r h e i t,
sondern nur mehr um die s p r a c h l i c h e P r ä z i s i o n
handeln, und schwerlich möchte ein mehr als problematisches Ur-
teil über die verschwindend feinen Nuancen des sprachlichen Aus-
drucks gefällt werden können. -
#173# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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Zu vorstehenden Bemerkungen veranlassen mich zwei Reskripte des
Herrn Oberpräsidenten v o n S c h a p e r in Nr. 352 der
"Rheinischen Zeitung", de dato: "Koblenz, 15. Dezember", worin
mir in bezug auf meine beiden oben angeführten Artikel mehrere
Fragen auferlegt werden. Die v e r s p ä t e t e Erscheinung
meiner Antwort ist zunächst durch den Inhalt dieser Fragen selbst
veranlaßt, indem ein Zeitungskorrespondent n a c h b e s t e m
G e w i s s e n die ihm zu Ohren kommende Volksstimme mitteilt,
keineswegs aber auf ihre erschöpfende und motivierte Darstellung
im Detail, in den Veranlassungen und den Quellen derselben vorbe-
reitet sein muß. Abgesehen von dem Zeitverlust, von den vielen
Mitteln, die eine solche Arbeit erfordert, kann sich der Korre-
spondent einer Zeitung nur als ein kleines Glied eines vielver-
zweigten Körpers betrachten, an dem er sich eine Funktion frei
auserwählt, und wenn etwa der eine mehr den unmittelbaren von der
Volksmeinung empfangenen Eindruck eines Notzustandes schildert,
wird der andere, der Historiker ist, dessen Geschichte, der Ge-
mütsmensch die Not selbst, der Staatsökonom die Mittel, sie auf-
zuheben, besprechen, welche e i n e Frage wieder von verschie-
denen Seiten bald mehr lokal, bald mehr im Verhältnis zum Staats-
ganzen etc. gelöst werden kann.
So wird bei lebendiger Preßbewegung die g a n z e W a h r-
h e i t in die Erscheinung treten, denn wenn das Ganze zuerst
auch nur als ein bald absichtlich, bald zufällig nebeneinander
laufendes Hervorheben der verschiedenen einzelnen Gesichtspunkte
zum Vorschein kommt, so hat endlich diese Arbeit der Presse
selbst einem ihrer Glieder das Material bereitet, aus dem er nun
das eine Ganze schaffen wird. So setzt sich die Presse nach und
nach durch die Teilung der Arbeit in den Besitz der ganzen
Wahrheit, nicht indem einer alles, sondern indem viele weniges
tun.
Ein anderer Grund der Verspätung meiner Antwort liegt darin, daß
die Redaktion der "Rheinischen Zeitung" nach dem ersten Bericht,
den ich ihr einsandte, noch mehrere ergänzende Aufschlüsse,
ebenso nach einem zweiten und dritten Berichte noch Zusätze und
diesen Schlußbericht begehrte, endlich teils mich selbst um Mit-
teilung meiner Quellen ersuchte, teils sich bis dahin die Publi-
kation meiner Einsendungen vorbehielt, wo sie selbst auf anderem
Wege die Bestätigung meiner Angaben erlangt habe. *)
Meine Antwort erscheint ferner a n o n y m. Ich folge darin der
Überzeugung, daß zum Wesen der Zeitungspresse A n o n y m i--
t ä t gehört, die eine Zeitung
---
*) Indem wir die obigen Angaben bestätigen, bemerken wir
zugleich, daß die verschiedenen sich wechselseitig interpretie-
renden Briefe eine Zusammenstellung von unserer Seite nötig mach-
ten. Die Red. d. "Rh. Ztg."
#174# Karl Marx
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aus einem Sammelplatz vieler individueller Meinungen zu dem Organ
e i n e s G e i s t e s m a c h t. Der N a m e schlösse
einen Artikel so fest von dem andern ab, wie der Körper die Per-
sonen voneinander abschließt, höbe also seine Bestimmung, nur ein
ergänzendes Glied zu sein, völlig auf. Endlich macht die Anonymi-
tät nicht nur den Sprecher selbst, sondern auch das Publikum un-
befangener und freier, indem es nicht auf den Mann sieht,
w e l c h e r spricht, sondern auf die Sache, d i e er
spricht, indem es von der empirischen Person ungestört die gei-
stige Persönlichkeit allein zum Maß seines Urteils macht.
Wie ich aber meinen Namen verschweige, so werde ich in allen De-
tailangaben Beamten und Gemeinden nur dann nennen, wenn ge-
druckte, im Buchhandel befindliche Dokumente angezogen werden
oder wenn die Nennung des Namens ganz harmlos ist. Die Presse muß
die Z u s t ä n d e, aber sie darf meiner Überzeugung nach
nicht die P e r s o n e n denunzieren, es sei denn, daß einem
öffentlichen Übel nicht anders zu steuern wäre oder daß die Pu-
blizität schon das ganze Staatsleben beherrscht und also der
deutsche Begriff der Denunziation verschwunden ist.
Am Schlusse dieser einleitenden Bemerkungen glaube ich die ge-
rechte Hoffnung aussprechen zu dürfen: daß der Herr Oberpräsident
nach Durchlesung meiner g a n z e n Darstellung sich von der
Reinheit meiner Absicht überzeugen und selbst die möglichen Irr-
tümer aus einer falschen Ansicht, nicht aber aus böswilliger Ge-
sinnung erklären wird. Meine Darstellung selbst muß beweisen, ob
ich die harte Anschuldigung der V e r l e u m d u n g, wie des
Z w e c k s, U n z u f r i e d e n h e i t u n d
M i ß v e r g n ü g e n zu erregen, selbst für den jetzt wirk-
lich eintretenden Fall einer fortgesetzten Anonymität, verdient
habe, Anschuldigungen, die um so schmerzlicher sein müssen, als
sie von einem in der Rheinprovinz vorzugsweise hochverehrten und
geliebten Manne ausgehen.
Zur leichtem Übersicht habe ich meine Antwort in folgende Rubri-
ken geteilt:
A. Die Frage in bezug auf die Holzverteilung.
B. Das Verhältnis der Moselgegend zu der Kabinettsordre vom 24.
Dezember 1841 und der durch dieselbe bewirkten freieren Bewegung
der Presse.
C. Die Krebsschäden der Moselgegend.
D. Die Vampire der Moselgegend.
E. Vorschläge zur Abhülfe.
#175# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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A.
Die Frage in bezug auf die Holzverteilung
In meinem Artikel "Von der Mosel, 12. Dezember", Nr. 358 der
"Rheinischen Zeitung", führe ich folgenden Umstand an:
"Die aus mehreren tausend Seelen bestehende Gemeinde, der ich an-
gehöre, besitzt als Eigentümerin die schönsten Waldungen, weiß
mich nicht zu e r i n n e r n, daß die Gemeindeglieder einen
unmittelbaren Genuß aus ihrem Eigentum durch Holzpartizipation
gezogen hätten."
Der Herr Oberpräsident bemerkt hiezu:
"Ein solches, m i t d e n g e s e t z l i c h e n B e-
s t i m m u n g e n n i c h t i m E i n k l a n g s t e-
h e n d e s V e r f a h r e n würde sich nur durch ganz
besondere Umstände motivieren lassen"
und verlangt zugleich, zur Prüfung des Tatbestandes, die Nennung
des N a m e n s der Gemeinde.
Ich bekenne freimütig: Einerseits glaube ich, daß ein mit den Ge-
setzen n i c h t im Einklang, a l s o im Widerspruch stehen-
des Verfahren sich kaum durch Umstände motivieren lassen, sondern
stets ungesetzlich bleiben dürfte; andererseits kann ich das von
mir geschilderte Verfahren n i c h t ungesetzlich finden.
Die infolge des Gesetzes vom 24. Dezember 1816 und der Aller-
höchsten Kabinettsordre vom 18. August 1835 erlassene, in der
Beilage zum Amtsblatt Nr. 62 der königlichen Regierung zu Koblenz
publizierte Instruktion (de dato: "Koblenz, den 31. August
1839"), über die Verwaltung der Gemeinde- und Institutenwaldungen
in den Regierungsbezirken Koblenz und Trier, bestimmt im § 37
wörtlich folgendes:
"In Beziehung auf die Verwertung des in den Waldungen aufkommen-
den Materials gilt es als Regel, daß soviel veräußert werden
m u ß, als zur Deckung der Waldkosten (Steuern und Verwaltungs-
ausgaben) erforderlich ist."
"Im übrigen hängt es von den Beschlüssen der Gemeinden ab, o b
das Material zur Deckung anderweitiger Gemeindebedürfnisse
m e i s t b i e t e n d v e r ä u ß e r t werden soll o d e r
o b es unter die Gemeindeglieder ganz oder teilweise, unentgelt-
lich oder gegen bestimmte Taxe zu v e r t e i l e n sei. Indes-
sen gilt als Regel, daß das Brenn- und Geschirrholz in natura
verteilt, das Bauholz aber, soweit es nicht zu Gemeindebauten
oder zur Unterstützung einzelner Mitglieder bei Brandschäden usw.
zu verwenden, meistbietend verkauft werde."
#176# Karl Marx
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Diese von einem Vorgänger 1*) des Herrn Oberpräsidenten der
Rheinprovinz erlassene Instruktion scheint mir zu beweisen, daß
die Verteilung des Brennholzes unter die Gemeindeglieder von dem
Gesetze weder geboten noch verboten, sondern lediglich eine Frage
der Zweckmäßigkeit ist, wie ich denn auch in dem quästionierten
Artikel n u r die Zweckmäßigkeit des Verfahrens besprochen
habe. Hiernach möchte der Grund, aus welchem der Herr Oberpräsi-
dent den N a m e n der Gemeinde zu wissen verlangte, wegfallen,
da es sich nicht mehr um die Untersuchung einer Gemeindeverwal-
tung, sondern nur um Modifikation einer Instruktion handeln wird.
Ich nehme aber keinen Anstand, die Redaktion der "Rheinischen
Zeitung" zur Namhaftmachung der Gemeinde, in der mir keine Holz-
verteilung e r i n n e r l i c h ist, auf besonderes Verlangen
des Herrn Oberpräsidenten, zu ermächtigen, indem der Gemeindevor-
stand dadurch nicht denunziert, das Wohl der Gemeinde aber nur
gefördert werden kann.
["Rheinische Zeitung" Nr. 17 vom 17. Januar 1843]
B.
Das Verhältnis der Moselgegend zur Kabinettsordre vom 24. Dezem-
ber 1841 und der durch dieselbe bewirkten freieren Bewegung der
Presse
Der Herr Oberpräsident bemerkt in bezug auf meinen Artikel
"Bernkastel, vom 10. Dezember in Nr. 346 der 'Rheinischen Zei-
tung'" worin ich die Behauptung aufstelle, daß der Mosellaner die
durch die Allerhöchste Kabinettsordre vom 24. Dezember vorigen
Jahres der Presse zuteil gewordene größere Freiheit seiner beson-
ders bedrängten Lage wegen vor allen enthusiastisch begrüßt habe,
folgendes:
"Soll dieser Artikel einen Sinn haben, so muß es dem Mosellaner
seither versagt gewesen sein, seinen Notstand, die Ursachen des-
selben sowie die Mittel zu seiner Abhülfe öffentlich freimütig zu
besprechen. Ich bezweifle, daß dem so ist. Denn bei dem Bestreben
der Behörden, dem anerkannten Notstands der Weinbauern Abhülfe zu
verschaffen, hat ihnen nichts erwünschter kommen können als die
möglichst offene und freimütige Besprechung der dort herrschenden
Zustände." "Der Herr Verfasser des obigen Artikels würde mich da-
her sehr verpflichten, wenn er die Fälle speziell nachzuweisen
die Güte haben wollte, wo auch vor dem Erscheinen der Aller-
höchsten Kabinettsordre vom 24. Dezember vorigen Jahres eine
freimütige öffentliche Besprechung des Notstandes der Moselbewoh-
ner von der Behörde verhindert worden ist."
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1*) Ernst von Bodelschwingh
#177# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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Weiter unten bemerkt der Herr Oberpräsident:
"Daß übrigens, wie der eingangs gedachte Artikel sagt, das Notge-
schrei der Winzer höheren Orts lange Zeit für f r e c h e s
G e k r e i s c h gehalten sei, glaube ich zwar schon von vorn-
herein für eine Unwahrheit erklären zu können."
Meine Antwort auf diese Fragen wird folgenden Gang nehmen. Ich
werde zu beweisen suchen:
1. daß zunächst, gänzlich a b g e s e h e n von den Befugnissen
der Presse vor der Allerhöchsten Kabinettsordre vom 24. Dezember
1841, aus der eigentümlichen Natur des Notzustandes an der Mosel
das Bedürfnis einer freien Presse notwendig hervorgeht;
2. daß, selbst wenn k e i n e s p e z i e l l e n Verhinderun-
gen der "freimütigen und öffentlichen Besprechung" vor dem Er-
scheinen der beregten Kabinettsordre stattgefunden haben, meine
Behauptung nichts von ihrer Richtigkeit einbüßt und die vorzugs-
weise Teilnahme der Mosellaner an der Allerhöchsten Kabinettsor-
dre und der durch sie bewirkten freieren Bewegung der Presse
gleich verständlich bleibt;
3. d a ß w i r k l i c h s p e z i e l l e Umstände eine
"freimütige und öffentliche" Besprechung verhinderten.
Innerhalb des ganzen Zusammenhangs wird sich dann ergeben, inwie-
fern meine Behauptung: "Der d e s o l a t e Zustand der Winzer
war höheren Orts lange Zeit in Zweifel gezogen und ihr Notge-
schrei für freches Gekreisch gehalten worden", eine Wahrheit oder
eine Unwahrheit ist.
ad 1. Bei der Untersuchung s t a a t l i c h e r Zustände ist
man allzu leicht versucht, d i e s a c h l i c h e N a t u r
d e r V e r h ä l t n i s s e zu übersehen und alles aus dem
W i l l e n der handelnden Personen zu erklären. Es gibt aber
V e r h ä l t n i s s e, welche sowohl die Handlungen der Pri-
vatleute als der einzelnen Behörden bestimmen und so unabhängig
von ihnen sind als die Methode des Atemholens. Stellt man sich
von vornherein auf diesen sachlichen Standpunkt, so wird den
guten oder den bösen Willen weder auf der einen noch auf der an-
dern Seite ausnahmsweise voraussetzen, sondern Verhältnisse wir-
ken sehen, wo auf den ersten Anblick nur Personen zu wirken
scheinen. Sobald nachgewiesen ist, daß eine Sache durch die Ver-
hältnisse n o t w e n d i g gemacht wird, wird es nicht mehr
schwierig sein, auszumitteln, unter welchen ä u ß e r n Umstän-
den sie nun w i r k l i c h ins Leben treten mußte und unter
welchen sie nicht ins Leben treten konnte, obgleich ihr Bedürfnis
schon vorhanden war. Man wird dies ungefähr mit derselben Sicher-
heit bestimmen können, mit welcher der Chemiker bestimmt, unter
welchen ä u ß e r n Umständen verwandte Körperstoffe eine Ver-
bindung eingehen müssen. Wir glauben daher durch
#178# Karl Marx
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den Beweis: "Daß aus der E i g e n t ü m l i c h k e i t des
Notzustandes an der Mosel die N o t w e n d i g k e i t einer
freien Presse folgt", unserer Darstellung eine Basis zu geben,
die über alles Persönliche hinausragt.
Der N o t z u s t a n d der Moselgegend kann nicht als ein
e i n f a c h e r Zustand betrachtet werden. Man wird mindestens
immer z w e i Seiten unterscheiden müssen, den Privatzustand
und den Staatszustand, denn so wenig die Moselgegend außerhalb
des Staats, so wenig liegt ihr Notzustand außer der Staatsverwal-
tung. Die B e z i e h u n g beider Seiten aufeinander bildet
erst den w i r k l i c h e n Zustand der Moselgegend. Um nun
die Art und Weise dieser Beziehung zu ermitteln, teilen wir ein
authentisches und aktenmäßiges Gespräch zwischen den wechselsei-
tigen O r g a n e n der beiden Seiten mit.
In dem vierten Hefte der "Mitteilungen des V e r e i n s zur
Förderung der Weinkultur an der Mosel und Saar zu T r i e r"
findet sich eine Verhandlung zwischen dem Finanzministerium, der
Regierung zu Trier und der Direktion des angegebenen Vereins.
[134] Der Verein hatte in einer Vorstellung an das Finanzministe-
rium u. a. auch eine Berechnung des Ertrages der Weinberge aufge-
stellt. Die Regierung zu Trier beauftragte mit der Begutachtung
des auch hier zugegangenen Schreibens den Vorsteher des trie-
rischen Katasterbüros, Steuerinspektor v. Z u c c a l m a g-
l i o, der hierzu, wie die Regierung selbst in einem Schreiben
sagt, um so geeigneter schien, als er "zur Zeit der Ermittelung
der Katastralerträge der Weinberge an der Mosel tätigen Anteil
genommen". Wir stellen nun einfach das a m t l i c h e
Gutachten des Herrn v. Zuccalmaglio und die R e p l i k der
Direktion des Vereins zur Förderung der Weinkultur in ihren
schlagendsten Stellen sich gegenüber.
D e r a m t l i c h e B e r i c h t e r s t a t t e r:
Der in der Eingabe aufgestellten Berechnung des Bruttoertrags ei-
nes Morgen Weinberges während der letzten zehn Jahre von 1829-
1838 aus den zu der dritten W e i n s t e u e r k l a s s e ge-
hörenden Gemeinden liegt:
1. die Kreszenz auf einem Morgen,
2. der Preis, wofür ein Fuder Wein i m H e r b s t e verkauft
worden, zugrunde.
Die Berechnung entbehre aber aller als genau nachgewiesenen Prä-
missen, denn:
"Ohne a m t l i c h e Einwirkung und Kontrolle ist es weder ei-
nem einzelnen nach auch einem Verein möglich, zuverlässige Nach-
richten auf dem Privatwege über den Weingewinn aller einzelnen
Eigentümer während einem Zeitraum in einer großen Anzahl von Ge-
meinden zu erlangen, w e i l e s g e r a d e i m I n-
t e r e s s e v i e l e r E i g e n t ü m e r l i e g e n
k a n n, hierin die W a h r h e i t m ö g l i c h s t z u
v e r h e i m l i c h e n."
#179# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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D i e R e p l i k d e r V e r e i n s d i r e k t i o n:
"Daß das Katasterbüro das Katastralverfahren nach Kräften in
Schutz nimmt, befremdet uns nicht: dennoch aber bleibt das nun
folgende Räsonnement schwer begreiflich" etc.
"Der Herr Katastervorsteher sucht mit Ziffern darzutun, daß die
Katastralerträge überall die richtigen sind: sagt auch, daß die
von uns angenommene zehnjährige Periode hier nichts beweisen
könne" etc. etc. "Auf Ziffern lassen wir uns nicht ein, indem,
wie er am Eingange seiner Bemerkungen sehr weislich voraus-
schickt, uns dazu die amtlichen Mitteilungen fehlen; wir halten
es auch nicht nötig, da seine ganze auf A m t l i c h k e i t
gestützte Rechnung und sein Räsonnement gegen die von uns aufge-
stellten Tatsachen nichts beweisen können." "Wenn wir sogar zuge-
stehen, daß die Katastralerträge im Augenblicke ihrer Ermittlung
ganz richtig, daß sie sogar zu niedrig gewesen, so kann uns mit
Erfolg nicht in Abrede gestellt werden, daß sie bei der gegenwär-
tigen j a m m e r v o l l e n Umgestaltung der Dinge als
B a s i s nicht mehr dienen können."
D e r a m t l i c h e B e r i c h t e r s t a t t e r:
"Es zeigt sich demnach nirgend ein Faktum, das zu der Annahme be-
rechtigt, daß die Katastralerträge der in der letzten Zeit abge-
schätzten Weinberge zu hoch seien, wohl aber ließe sich leicht
nachweisen, daß die in früherer Zeit abgeschätzten Weinberge der
Land- und Stadtkreise Trier und des Kreises Saarburg sowohl an
und für sich als gegen die übrigen Kulturen z u g e r i n g
stehen."
D i e R e p l i k d e r V e r e i n s d i r e k t i o n:
"Der um Hülfe Flehende fühlt sich schmerzlich berührt, wenn ihm
auf seine gegründete Klage erwidert wird, daß bei einer Ermitte-
lung die Katastererträge eher höher als niedriger gestellt werden
dürften."
"Übrigens" - bemerkt die Replik - "hat auch der Herr Berichter-
statter bei allem Absprechen unserer Angabe bei der
E i n n a h m e fast nichts widerlegen oder anders stellen kön-
nen, daher nur gesucht, bei der A u s g a b e andere Resultate
herbeizuführen."
Wir wollen nun hinsichtlich der A u s g a b e b e r e c h-
n u n g einige der schlagendsten Kontroversen zwischen dem Herrn
Berichterstatter und der Direktion des Vereins gegenüberstellen.
D e r a m t l i c h e B e r i c h t e r s t a t t e r:
"ad Position 8 muß besonders bemerkt werden, daß das
A u s b r e c h e n der üblichen Lotten oder das sogenannte
Geitzen eine Operation ist, die nur von wenigen Weingutsbesitzern
in neuerer Zeit eingeführt worden, nirgend aber, weder an der Mo-
sel, noch an der Saar, als zu der landesüblichen Bauart gehörig
angesehen werden kann."
D i e R e p l i k d e r V e r e i n s d i r e k t i o n:
"Das A u s b r e c h e n und R ü h r e n, meinte der Herr Ka-
tastervorsteher, sei erst in neuerer Zeit von wenigen Gutsbesit-
zern eingeführt worden" etc. Dem ist jedoch nicht so. "Der
#180# Karl Marx
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Winzer habe erkannt, daß, will man nicht ganz untersinken, man
nichts unversucht lassen darf, was die Qualität des Weines eini-
germaßen heben kann. Diesen Geist soll man zum Gedeihen des Lan-
des sorgsam heben, statt ihn zu unterdrücken."
"Und wem würde es einfallen, die Kulturkasten der Kartoffeln des-
halb herunterzusetzen, weil es Ackersleute gibt, welche dieselben
ihrem Schicksale und der Güte Gottes überlassen."
D e r a m t l i c h e B e r i c h t e r s t a t t e r:
"Die bei Position 14 aufgeführten Kosten für das F a ß können
hier gar nicht in Ansatz kommen, da, wie schon bemerkt worden, in
den aufgeführten Weinpreisen die Kosten für das Gebinde oder das
Faß n i c h t einbegriffen sind. Wird nun beim Verkaufe des
Weines das Faß mit verkauft, wie Regel ist, so wird auch dem
Weinpreise der Kostenpreis hierfür noch zugesetzt, wodurch die
Fässer wieder vergütet werden."
D i e R e p l i k d e r V e r e i n s d i r e k t i o n:
"Wo Wein verkauft wird, geht das Faß mit fort, ohne daß von des-
sen Vergütung auch nur im entferntesten die Rede wäre oder auch
nur sein könnte. Die wenigen Fälle, wo Wirte hiesiger Stadt ohne
Faß kaufen, können auf das Ganze nicht in Anschlag kommen." "Es
ist nicht mit dem Weine wie mit andern Waren, die bis zum Ver-
kaufe im Magazine liegen, dann aber auf Kosten des Empfängers
verpackt und versendet werden, da also der Weinkauf das Faß
stillschweigend nach sich zieht, so ist es einleuchtend, daß des-
sen Preis zu den Produktionskosten mit angerechnet werden muß."
D e r a m t l i c h e B e r i c h t e r s t a t t e r:
"Wird die in der Anlage angegebene Kreszenz nach den amtlichen
Nachweisungen hierüber berichtigt, dagegen die Kostenberechnung
sogar in allen Teilen als richtig angenommen und n u r aus der-
selben die Grund- und M o s t steuer und die Kosten für das
F a ß oder die Positionen 13, 14 und 17 weggelassen, so ergibt
sich folgendes:
Der Brutto-Ertrag beträgt 53 Taler 21 Silbergroschen 6 Pfennig
Die Kosten ohne 13, 14
und 17 39 Taler 05 Silbergroschen 0 Pfennig
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Mithin Reinertrag 14 Taler 16 Silbergroschen 6 Pfennig."
D i e R e p l i k d e r V e r e i n s d i r e k t i o n:
"Die Rechnung als solche ist richtig, nicht aber so das Resultat.
Wir haben nicht mit unterstellten, sondern mit solchen Zahlen ge-
rechnet, die wirkliche Beträge repräsentieren, und gefunden, daß,
wenn man von 53 Talern wirklicher Auslage 48 Taler wirklicher und
alleiniger Einnahme abzieht, 5 Taler Zubuße bleiben."
D e r a m t l i c h e B e r i c h t e r s t a t t e r:
"Ist aber nun dennoch nicht zu verkennen, daß der Notstand an der
Mosel gegen die Periode vor dem Entstehen des Zollverbandes be-
deutend zugenommen, daß sogar
#181# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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teilweise eine w i r k l i c h e V e r a r m u n g zu
b e f ü r c h t e n steht, so ist der Grund hievon - lediglich
in dem frühern, zu hohen Ertrage derselben zu suchen."
"Durch das an der Mosel und Saar bestehende frühere Quasi-Monopol
im Weinhandel und die schnell aufeinander gefolgten günstigen
Weinjahre 1819, 1822, 1825, 1826, 1827,1828 hatte sich dort ein
n i e g e k a n n t e r L u x u s gebildet. Die großen Summen
Geldes in den Händen des Winzers verleiteten ihn zum Ankauf von
Weinbergen zu ungeheuren Preisen, zur Anlage von neuen Weinbergen
mit übermäßigen Kosten in Distrikten, die sich zum Weinbau nicht
mehr eigneten. Jeder wollte Eigentümer werden, und so wurden
Schulden kontrahiert, die früher von einem guten Jahre leicht
gedeckt werden konnten, die aber jetzt bei den eingetretenen
nachteiligen Konjunkturen den in die Hände der Wucherer
gefallenen Winzer notwendig ganz zu Boden drücken müssen."
"Eine Folge wird sein, daß die Weinkultur sich auf die besseren
Lagen beschränken und wieder, wie früher, mehr in die Hände von
reichen Gutsbesitzern übergehen wird, wozu sie auch wegen den da-
mit verbundenen großen Vorlagen sich hauptsächlich eignet, die
leichter imstande sind, nachteilige Jahre zu überstehen, und den-
noch Mittel genug haben, die Kultur zu verbessern und ein Produkt
zu erzielen, welches mit dem aus den nun geöffneten Zollvereins-
ländern die Konkurrenz bestehen kann. A l l e r d i n g s
w i r d d i e s n i c h t o h n e g r o ß e K a l a m i-
t ä t e n b e i d e r ä r m e r e n W i n z e r k l a s s e,
die aber auch wohl größtenteils in der vorhergegangenen günstigen
Zeit Eigentümer geworden sind, in den ersten Jahren geschehen
können; indessen bleibt dabei immer zu berücksichtigen, daß der
frühere Zustand ein u n n a t ü r l i c h e r war, d e r
s i c h j e t z t a n d e m U n v o r s i c h t i g e n
r ä c h t. D e r S t a a t... w i r d s i c h l e d i g-
l i c h d a r a u f b e s c h r ä n k e n k ö n n e n, durch
dazu geeignete Mittel der gegenwärtigen Bevölkerung den Übergang
möglichst zu e r l e i c h t e r n."
D i e R e p l i k d e r V e r e i n s d i r e k t i o n:
"Wahrlich, wer die Armut an der Mosel erst befürchtet, hat sie,
die in ihrer g r ä ß l i c h s t e n Gestalt unter der mora-
lisch guten, unermüdet regsamen Bevölkerung dieses Landesteils
bereits ganz eingebürgert ist und täglich mehr und mehr um sich
greift, noch nicht g e s e h e n, und daß man hier nicht sage,
wie es der Herr Katastervorsteher tut, es sei die eigene Schuld
des Verarmten; nein, der vorsichtige wie der nichtachtende, der
fleißige wie der gleichgültige, der bemittelte wie der unbemit-
telte Winzer, alle liegen mehr oder weniger darnieder, und wenn
es einmal dahin gekommen ist, daß selbst die vermögenden, fleißi-
gen und sparsamen Winzer sagen müssen, wir können uns nicht mehr
nähren, dann muß doch wohl die Ursache außer ihnen gesucht wer-
den."
"Wahr ist es, daß die Winzer in den günstigen Zeiten zu höhern
Preisen als sonsten Güter angeschafft und - darauf rechnend, daß
ihre Mittel, wie selbe sich ihnen zeigten, zureichen würden, al-
les nach und nach zu berichtigen - Schulden kontrahiert hatten;
allein wie man dieses, was als Beweis der Tätigkeit und Gewerb-
samkeit dieser Leute dient, L u x u s nennen und sagen kann,
daß der gegenwärtige Zustand der Winzer davon herrühre, daß der
frühere ein unnatürlicher gewesen, der sich jetzt an den Unvor-
sichtigen räche, bleibt unbegreiflich."
#182# Karl Marx
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"Der Herr Katastervorsteher stellt auf, daß, durch die ungewöhn-
lich günstigen Zeiten verlockt, die Leute, welche nach ihm früher
nicht einmal Eigentümer gewesen!! die Masse der Weinberge unver-
hältnismäßig vermehrt hätten und daß jetzt n u r in der Vermin-
derung der Weinberge Heil zu suchen sei."
"Allein wie unbedeutend ist die Zahl derjenigen Weinberge, die
zum Anbaue von Frucht und Gemüse verordnet werden könnten, gegen
die Masse derer, die außer dem Weine nur Hecken und Gesträuche
hervorbringen können! und soll die gewiß höchst achtbare, wegen
dem Weinbaue auf eine so verhältnismäßig kleine Bodenfläche zu-
sammengedrängte Bevölkerung, die dem Unglücke so männlich entge-
genkämpfte, n i c h t e i n m a l d e s V e r s u c h e s
w e r t s e i n, ob ihre Existenz durch Erleichterungen nicht
gefristet werden könne, bis günstigere Verhältnisse es ihr mög-
lich machen, sich wieder zu erheben und dem Staate wieder zu wer-
den, was sie ihm früher waren; nämlich eine Quelle des Einkom-
mens, wie nicht leicht eine zweite auf gleicher Bodenfläche, ohne
Zurechnung von Städten, zu treffen sein wird."
D e r a m t l i c h e B e r i c h t e r s t a t t e r:
"Daß aber diese Not der ärmern Winzer nun auch von den reichem
Gutsbesitzern b e n u t z t wird, um durch g r e l l e Dar-
stellung des frühern glücklichen Zustandes im Gegensatz mit dem
jetzigen weniger günstigen, aber doch noch immer
l o h n e n d e n, sich alle möglichen Erleichterungen und Vor-
teile zu verschaffen, ist wohl sehr begreiflich."
["Rheinische Zeitung" Nr. 18 vom 18. Januar 1843]
D i e R e p l i k d e r V e r e i n s d i r e k t i o n:
"Wir sind unserer Ehre und unserm innern Bewußtsein schuldig, uns
gegen die A n s c h u l d i g u n g zu verwahren, daß wir die
Not der ärmeren Winzer benutzen, um uns durch g r e l l e
D a r s t e l l u n g e n alle möglichen Vorteile und Erleichte-
rungen zu verschaffen."
"Nein, wir beteuren es, und das wird, so hoffen wir, zu unserem
Rechtfertigung genügen, daß jede selbstsüchtige Absicht uns fremd
war und daß wir bei dem ganzen Schritte nichts vor Augen hatten,
als durch eine o f f e n e u n d w a h r e D a r s t e l-
l u n g der Verhältnisse der armen Winzer den Staat auf das
aufmerksam zu machen, was bei weiterm Umsichgreifen für ihn
selbst gefährlich werden muß! Wem die Umgestaltung kennt, welche
die gegenwärtige traurige Lage der Winzer in ihren häuslichen und
industriellen Beziehungen, selbst hinsichtlich dem Moralität, in
progressivem Fortschritte schon bis jetzt hervorgebracht hatte,
dem muß, denkt er an ein Fortbestehen oder gar Zunehmen solchem
Not, vor der Zukunft grauen."
Zunächst wird man zugeben müssen, daß die Regierung nicht ent-
schieden sein, sondern schwanken mußte zwischen der Ansicht ihres
Berichterstatters und der gegnerischen Ansicht der Weinbautrei-
benden. Bedenkt man ferner, daß das Referat des Herrn v. Zuccal-
maglio vom 12. Dezember 1839 und die Antwort des Vereins vom 15.
Juli 1840 datiert, so folgt, daß bis zu dieser Zeit die Ansicht
des Herrn Berichterstatters, wenn auch nicht die e i n z i g e,
doch
#183# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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immer die h e r r s c h e n d e Ansicht des Regierungskollegi-
ums gewesen sein muß. Wenigstens tritt sie noch im Jahre 1839 als
Regierungsgutachten, also gleichsam als Resümee der Regierungsan-
sicht dem Memoire des Vereins gegenüber, denn bei einer konse-
quenten Regierung darf man wohl ihre letzte Ansicht als die Summe
ihrer frühern Ansichten und Erfahrungen betrachten. In dem Be-
richt wird nun nicht nur der Notzustand nicht als a l l g e-
m e i n e r anerkannt, sondern auch dem a n e r k a n n t e n
Notstand soll nicht a b g e h o l f e n werden, denn es heißt:
"Der Staat wird sich nur l e d i g l i c h darauf beschränken
können, durch dazu geeignete Mittel der gegenwärtigen Bevölkerung
den Ü b e r g a n g möglichst zu e r l e i c h t e r n."
Unter dem Übergang ist unter diesen Umständen aber der allmähli-
che U n t e r g a n g zu verstehen. Der Untergang der ärmeren
Winzer wird gleichsam als ein Naturereignis betrachtet, wobei der
Mensch im voraus resigniert und nur das Unausbleibliche zu mil-
dern sucht. "Allerdings", heißt es, "wird dies nicht ohne große
Kalamitäten abgehen." Der Verein wirft daher auch die Frage auf,
ob der Moselwinzer nicht einmal "e i n e s V e r s u c h e s"
wert sei? Hätte die Regierung eine entschieden gegnerische An-
sicht gehabt, so würde sie den Bericht von vornherein modifiziert
haben, da er eine so wichtige Sache, wie die A u f g a b e
u n d d e n E n t s c h l u ß des Staats in dieser Angelegen-
heit, bestimmt angibt. Man sieht hieraus, daß der N o t-
s t a n d der Winzer a n e r k a n n t sein konnte, ohne daß
das Bestreben vorhanden war, ihm abzuhelfen.
Wir führen nun noch ein Beispiel davon an, wie den Behörden über
den Moselzustand referiert ward. Im Jahre 1838 bereist ein hoch-
gestellter administrativer Beamter die Moselgegend. In einer zu
Piesport gehaltenen Konferenz mit zwei Landräten frug er einen
derselben, wie es mit den Vermögensverhältnissen der Winzer auss-
ehe, und erhielt zur Antwort:
"Die Winzer lebten zu luxuriös, und schon deshalb könnten ihre
Sachen nicht schlecht stehen."
Dennoch war der Luxus schon zu einer Sage früherer Tage geworden.
Wie wenig diese mit dem Regierungsreferate übereinstimmende An-
sicht allgemein aufgegeben ist, darauf machen wir nur beiläufig
aufmerksam. Wir erinnern an die Stimme, welche sich in der Bei-
lage I des "Frankfurter Journals" Nr. 349 (1842) aus Koblenz ver-
nehmen ließ und von dem a n g e b l i c h e n Notstande der
Weinbauern an der Mosel spricht.
Ebenso spiegelt sich höhern Orts die eben vernommene amtliche An-
sicht als ein Bezweifeln "der desolaten" Zustände und der
a l l g e m e i n e n Wirkungen der Not, also auch ihrer
a l l g e m e i n e n U r s a c h e n wider. Die angezogenen
Mitteilungen des Vereins enthalten u. a. folgende Erwiderungen
des F i n a n z m i n i s t e r i u m s auf verschiedene Einga-
ben:
#184# Karl Marx
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"Wenngleich, wie die marktgängigen Weinpreise ergeben, die Besit-
zer der in die erste und zweite Steuerklasse eingeschätzten Wein-
berge an der Mosel und Saar keine Veranlassung zur U n z u-
f r i e d e n h e i t haben, so wird doch nicht verkannt, daß
die Weinbauern, deren Erzeugnis von minder guter Art ist, sich
nicht in einem g l e i c h g ü n s t i g e n Verhältnisse
befinden."
So heißt es in einer Antwort auf ein Gesuch um Steuererlaß für
1838:
"Auf Ihre hierher gerichtete Vorstellung vom 10. Oktober vorigen
Jahres wird Ihnen eröffnet, daß auf den in Antrag gebrachten all-
gemeinen Erlaß der ganzen Weinsteuer für 1838 nicht eingegangen
werden kann, da Sie selbst keineswegs zu derjenigen Klasse gehö-
ren, welche der meisten Berücksichtigung bedarf und deren
N o t s t a n d etc., in g a n z a n d e r n als den
s t e u e r l i c h e n Verhältnissen zu s u c h e n ist."
Wie wir in dieser ganzen Darstellung nur auf F a k t i s c h e s
zu bauen wünschen und uns bestreben, soviel an uns, nur Tatsachen
in eine allgemeine Form zu erheben, so werden wir zunächst den
Dialog zwischen dem trierischen Verein zur Förderung der Weinkul-
tur und dem Berichterstatter der Regierung in seine allgemeinen
Grundgedanken übersetzen.
Die Regierung muß einen Beamten zur Begutachtung des Memoires er-
nennen. Sie ernennt natürlich einen möglichst sachkundigen Beam-
ten, am liebsten also einen Beamten, der an der Regulierung der
Moselverhältnisse selbst Anteil nahm. Dieser Beamte ist nicht ab-
geneigt, in der fraglichen Beschwerdeschrift A n g r i f f e
auf seine amtliche Einsicht und sein früheres amtliches Wirken zu
entdecken. Er ist sich seiner gewissenhaften Pflichterfüllung und
der offiziellen Detailkenntnisse, die ihm zu Gebote stehen, be-
wußt; er findet plötzlich eine entgegengesetzte Ansicht, und was
ist natürlicher, als daß er P a r t e i gegen die Bittsteller
ergreift, daß ihre A b s i c h t e n, die doch immer mit
P r i v a t i n t e r e s s e n zusammenhängen können, ihm ver-
dächtig erscheinen, daß er sie also verdächtigt. Statt ihre Dar-
stellung zu benutzen, sucht er sie zu widerlegen. Es kömmt hinzu,
daß der augenscheinlich arme Winzer weder Zeit noch Bildung zur
Schilderung seiner Zustände besitzt, daß also der arme Winzer
nicht sprechen kann, während der Weinbautreibende, der sprechen
kann, nicht augenscheinlich arm ist, also ohne Grund zu sprechen
scheint. Wenn aber selbst der gebildete Weinbautreibende auf den
Mangel an amtlicher Einsicht verwiesen wird, wie sollte der unge-
bildete Winzer vor dieser amtlichen Einsicht bestehen können!
Die Privaten ihrerseits, die das wirkliche Elend an andern in
seiner vollen Ausbildung erblickt haben, die es an sich selbst
heranschleichen sehen und überdem sich bewußt sind, daß das Pri-
vatinteresse, was sie beschützen, ebensosehr Staatsinteresse ist
und als Staatsinteresse von ihnen bevorwortet wurde, fühlen not-
wendig nicht nur ihre eigene Ehre verletzt, sondern glauben
#185# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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auch die W i r k l i c h k e i t von einem einseitig und will-
kürlich zurechtgemachten Standpunkte aus entstellt. Sie opponie-
ren also gegen die sich überhebende Amtlichkeit, sie weisen die
Widersprüche zwischen der wirklichen Gestalt der Welt und jener
Gestalt auf, die sie in den Büros annimmt, sie stellen den offi-
ziellen Belegen die praktischen Belege gegenüber, sie können end-
lich nicht umhin, in der gänzlichen Verkennung ihrer überzeu-
gungssicheren und faktisch klaren Sachentwicklung eine selbst-
süchtige Absicht zu vermuten, etwa die Absicht, den Beamtenver-
stand gegen die Bürgerintelligenz geltend zu machen. Der Private
schließt also ebenfalls, daß der sachkundige, mit seinen Verhält-
nissen in Berührung getretene Beamte sie nicht vorurteilsfrei
darstellen werde, eben weil sie teilweise sein Werk sind, während
der vorurteilsfreie Beamte, der die hinlängliche Unparteilichkeit
zur Begutachtung besäße, nicht sachkundig sei. Wenn aber der Be-
amte dem Privaten vorwirft, daß er seine Privatangelegenheit zu
einem Staatsinteresse hinaufschraube, so wirft der Private dem
Beamten vor, daß er das Staatsinteresse zu seiner Privatangele-
genheit herunterschraube, zu einem Interesse, von dem alle andern
als Laien ausgeschlossen seien, so daß selbst die sonnenklarste
Wirklichkeit gegen die in den Akten, also amtlich, also staatlich
vorliegende Wirklichkeit und die auf sie fußende Intelligenz ihm
als illusorisch, so daß nur der Wirkungskreis der Behörde ihm als
Staat, dagegen die außer diesem Wirkungskreis der Behörde lie-
gende Welt als Staatsgegenstand erscheine, der aller staatlichen
G e s i n n u n g und E i n s i c h t bar sei. Wenn endlich
der Beamte bei einem notorischen Mißstand das meiste auf die Pri-
vaten schiebt, die ihren Zustand s e l b s t verschuldet hät-
ten, dagegen die Vortrefflichkeit der Verwaltungsmaximen und In-
stitutionen, die selbst amtliche Schöpfungen sind, nicht antasten
läßt, auch von ihnen nichts aufgeben will, so verlangt umgekehrt
der Private, der sich seines Fleißes, seiner Sparsamkeit, seines
harten Kampfes mit der Natur und den sozialen Verhältnissen be-
wußt ist, daß der Beamte, der allein staatsschöpferische Macht
besitze, nun auch seine Not wegschaffe und, Wenn er alles gut zu
machen behaupte, nun auch beweise, daß er die bösen Zustände
durch seine Operationen gutmachen könne oder zum wenigsten Ein-
richtungen, die für eine Zeit passend waren, als unpassend für
eine gänzlich verwandelte Zeit erkenne.
Derselbe Gesichtspunkt des h ö h e r n amtlichen Wissens und
derselbe Gegensatz der Verwaltung und ihres Gegenstandes wieder-
holt sich innerhalb der Beamtenwelt selbst, und wie wir sehen,
daß das Katasterbüro bei Begutachtung der Moselgegend hauptsäch-
lich die Unfehlbarkeit des Katasters geltend macht, wie das Fi-
nanzministerium behauptet, das Übel liege "in ganz andern" als
den "steuerlichen" Ursachen, so wird die Verwaltung
#186# Karl Marx
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überhaupt nicht i n s i c h, sondern a u ß e r s i c h den
Grund der Not finden. Der einzelne, dem Winzer zunächst stehende
Beamte sieht n i c h t a b s i c h t l i c h, sondern
n o t w e n d i g die Zustände besser oder anders an, als sie
sind. Er glaubt, die Frage, ob sich seine Gegend wohl befinde,
sei die Frage, ob e r sie wohl verwalte. Oh die Verwaltungsma-
ximen und Institutionen überhaupt gut sind, ist eine Frage, die
außerhalb seiner Sphäre liegt, denn darüber kann nur von
h ö h e r n Stellen geurteilt werden, wo ein weiteres und tie-
feres W i s s e n über die a m t l i c h e Natur der Dinge,
d.h. über ihren Zusammenhang mit dem ganzen Staate, herrscht. Daß
e r s e l b s t gut verwaltet, davon kann er die gewissenhafte-
ste Überzeugung haben. So wird er einerseits den Zustand nicht so
ganz desolat finden, und andererseits, wenn er ihn desolat fin-
det, wird er den Grund a u ß e r h a l b der Verwaltung suchen,
teils in der Natur, die vom Menschen unabhängig, teils im Privat-
leben, das von der Verwaltung unabhängig, teils in Zufällen, die
von niemand abhängig.
Die höhere kollegialische Behörde nun muß offenbar i h r e n
Beamten höheres Vertrauen schenken als den Verwalteten, von wel-
chen die gleiche, amtliche Einsicht nicht zu präsumieren ist.
Eine kollegialische Behörde hat überdem ihre Überlieferungen. Sie
hat also auch in bezug auf die Moselgegend ihre einmal festste-
henden Grundsätze, sie besitzt in dem Kataster die amtliche Ge-
stalt des Landes, sie hat amtliche Festsetzungen über Einnahmen
und Ausgaben, sie hat überall neben der reellen Wirklichkeit eine
b ü r o k r a t i s c h e Wirklichkeit, die ihre Autorität be-
hält, so sehr die Zeit wechseln mag. Es kömmt hinzu, daß die bei-
den Umstände, das Gesetz der Beamtenhierarchie und der Grundsatz
von einem doppelten Staatsbürgertum, dem aktiven, wissenden
Staatsbürgertum der Verwaltung und dem passiven, unbewußten der
Verwalteten, sich wechselseitig ergänzen. Nach der Maxime, wonach
der Staat sein bewußtes und tätiges Dasein in der Verwaltung be-
sitzt, wird jede Regierung den Zustand einer Gegend, soweit es
sich um die Staatsseite handelt, für das Werk ihres Vorgängers
halten. Nach dem Gesetz der Hierarchie wird dieser Vorgänger mei-
stens schon eine höhere Stellung, oft die unmittelbar höhere
Stellung einnehmen. Endlich hat jede Regierung einerseits das
wirkliche Staatsbewußtsein, daß der Staat Gesetze hat, die er
trotz aller Privatinteressen durchsetzen muß; andererseits hat
sie als einzelne Verwaltungsbehörde nicht die Institutionen und
Gesetze zu machen, sondern sie anzuwenden. Sie kann daher nicht
die Verwaltung selbst, sondern nur den Gegenstand der Verwaltung
zu reformieren suchen. Sie kann ihre Gesetze nicht nach der Mo-
selgegend einrichten, sie kann nur i n n e r h a l b ihrer
feststehenden Verwaltungsgesetze das Wohl der Moselgegend zu be-
fördern suchen. J e e i f r i g e r und r e d l i c h e r
daher eine Regierung strebt, innerhalb der
#187# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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einmal angenommenen und sie selbst beherrschenden Verwaltungsma-
ximen und Einrichtungen einen a u f f a l l e n d e n, gar eine
ganze L a n d s t r e c k e umfassenden N o t s t a n d zu
heben, je h a r t n ä c k i g e r das Übel widersteht und trotz
der g u t e n Verwaltung zunimmt, um so i n n i g e r,
a u f r i c h t i g e r, e n t s c h i e d e n e r w i r d
i h r e Ü b e r z e u g u n g, daß dies ein inkurabler Notzu-
stand sei, an dem die Verwaltung, d.h. der Staat nichts ändern
könne, der vielmehr eine Veränderung von seiten der Verwalteten
nötig mache.
Wenn aber die untern Verwaltungsbehörden der höherstehenden amt-
lichen Einsicht vertrauen, daß die Maximen der Verwaltung gut
sind, und selbst für ihre pflichtgetreue Ausführung im einzelnen
einstehen, so stehen sich die höhern Verwaltungsbehörden für die
Richtigkeit der allgemeinen Maximen und trauen ihren untergeord-
neten Gliedern die richtige amtliche Beurteilung des einzelnen
zu, von der sie übrigens überdem amtliche offizielle Belege ha-
ben.
So kann eine Regierung b e i d e m b e s t e n W i l l e n
zu dem von dem Regierungsreferenten zu Trier über die Moselgegend
ausgesprochenen Grundsatz kommen:
"D e r S t a a t w i r d s i c h n u r l e d i g l i c h
d a r a u f b e s c h r ä n k e n k ö n n e n, d u r c h
d a z u g e e i g n e t e M i t t e l d e r g e g e n-
w ä r t i g e n B e v ö l k e r u n g d e n Ü b e r g a n g
z u e r l e i c h t e r n."
Betrachten wir nun einige der bekanntgewordenen Mittel, welche
die Regierung zur Milderung des Notstandes der Mosel anwandte, so
wird sich unser Räsonnement wenigstens durch die offen daliegende
Verwaltungsgeschichte bestätigt finden, und nach der geheimen Ge-
schichte können wir natürlich unser Urteil nicht formulieren. Wir
zählen zu diesen Mitteln: die S t e u e r e r l a s s e i n
s c h l e c h t e n W e i n j a h r e n, d e n R a t, z u
e i n e r a n d e r n K u l t u r a r t, e t w a d e m
S e i d e n b a u, ü b e r z u g e h e n, und endlich die Mo-
tion, die P a r z e l l i e r u n g d e s G r u n d b e-
s i t z e s zu beschränken. Das e r s t e Mittel soll offenbar
nur erleichtern, nicht abhelfen. Es ist ein m o m e n t a n e s
Mittel, in welchem der Staat eine A u s n a h m e von seiner
Regel macht, und eine Ausnahme, die nicht kostspielig ist. Es ist
auch nicht der k o n s t a n t e Notstand, es ist ebenfalls
eine ausnahmsweise Erscheinung desselben, die erleichtert wird;
es ist nicht die chronische Krankheit, an die man sich gewöhnt
hat, es ist eine akute Krankheit, von der man überrascht wird.
Mit den beiden andern Mitteln tritt die Verwaltung aus ihrem ei-
genen Kreise heraus. Die positive Tätigkeit, die sie nun entwic-
kelt, besteht darin, daß sie teils den Mosellaner belehrt, wie er
s i c h s e l b s t helfen könne, teils ihm eine - Beschränkung
und Entsagung eines bisherigen Rechts vorschlägt. Hier wird also
der oben entwickelte Gedankengang verwirklicht. Die Verwaltung,
die den Notstand der Mosel inkurabel und in Umständen, die außer-
halb ihrer
#188# Karl Marx
-----
Maximen und ihrer Tätigkeit liegen, begründet gefunden hat,
stellt an den Mosellaner den Rat, seinen Zustand so einzurichten,
daß er in die jetzigen Verwaltungsinstitutionen hineinpasse und
innerhalb derselben erträglich existieren könne. Der Winzer
selbst fühlt sich durch dergleichen Vorschläge, wenn sie auch nur
gerüchtweise zu ihm dringen, schmerzlich berührt. Er wird es mit
Dank anerkennen, wenn die Regierung Experimente auf eigene Kosten
anstellt; aber er fühlt, daß die Anweisung, an sich selbst Expe-
rimente vorzunehmen, eine Resignation der Regierung ist, durch
eigene Tätigkeit zu helfen. Er begehrt Hülfe und nicht Rat. So
sehr er dem a m t l i c h e n Wissen in der ihm angehörigen
Sphäre vertraut und sich vertrauungsvoll an dasselbe wendet,
ebensosehr traut er in seiner Sphäre sich selbst die nötige Ein-
sicht zu. Eine Beschränkung der Parzellierung des Grundbesitzes
aber widerstreitet seinem angeerbten Rechtsbewußtsein; er
erblickt darin den Vorschlag, seiner physischen Armut noch die
rechtliche Armut hinzuzufügen, denn in jeder Verletzung der ge-
setzlichen Gleichheit erblickt er einen Notzustand des Rechts. Er
fühlt es bald bewußter, bald unbewußter, daß die Verwaltung des
Landes und nicht das Land der Verwaltung wegen da ist, daß aber
das Verhältnis umgekehrt wird, sobald das Land seine Sitten,
Rechte, die Art seiner Arbeit und seines Eigentums umwandeln
soll, um in die Verwaltung zu passen. Der Mosellaner verlangt
also, daß, wenn er die ihm durch die Natur und die Sitte angewie-
sene Arbeit vollbringt, der Staat ihm die Atmosphäre verschaffe,
in welcher er wachsen, gedeihen, leben kann. Dergleichen negative
Erfindungen prallen daher erfolglos an der Wirklichkeit nicht nur
der Zustände, sondern auch des bürgerlichen Bewußtseins ab.
["Rheinische Zeitung" Nr. 19 vom 19. Januar 1843]
Welches ist also die Beziehung der Verwaltung zum Notzustand der
Mosel? Der N o t z u s t a n d d e r M o s e l ist zugleich
ein N o t z u s t a n d d e r V e r w a l t u n g. Der
k o n s t a n t e Notstand eines Staatsteiles (und ein Notstand,
der, seit länger als einem Dezennium fast unbemerkt eintretend,
erst allmählich, dann unaufhaltsam zum Kulminationspunkt sich
entwickelt und in immer bedrohlicherem Wachstum begriffen ist,
kann wohl k o n s t a n t genannt werden), ein solcher konstan-
ter Notstand ist ein W i d e r s p r u c h d e r W i r k-
l i c h k e i t m i t d e n V e r w a l t u n g s m a-
x i m e n, wie ja andererseits nicht nur das Volk, sondern auch
die Regierung den W o h l s t a n d einer Landesgegend als eine
faktische Bestätigung der Verwaltung betrachtet. Die Verwaltung
aber k a n n ihrem bürokratischen Wesen nach die Gründe der Not
nicht in der v e r w a l t e t e n Gegend, sondern nur in der
n a t ü r l i c h e n und p r i v a t b ü r g e r l i c h e n
Gegend, die außer der
#189# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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verwalteten Gegend liegt, erblicken. Die Verwaltungsbehörden
k ö n n e n b e i d e m b e s t e n W i l l e n, bei der
eifrigsten Humanität und der stärksten Intelligenz mehr als au-
genblickliche und vorübergehende Kollisionen, eine konstante Kol-
lision zwischen der Wirklichkeit und den Verwaltungsmaximen nicht
lösen, denn weder liegt es in der Aufgabe ihrer Stellung, noch
vermag der beste Wille ein w e s e n t l i c h e s V e r-
h ä l t n i s oder V e r h ä n g n i s, wenn man will, zu
durchbrechen. Dies w e s e n t l i c h e V e r h ä l t n i s
ist das b ü r o k r a t i s c h e, sowohl innerhalb des Verwal-
tungskörpers selbst als in seinen B e z ü g e n z u d e m
v e r w a l t e t e n K ö r p e r.
Andrerseits kann ebensowenig der weinbauende Private verkennen,
daß s e i n Votum absichtlich oder unabsichtlich durch das
P r i v a t i n t e r e s s e getrübt sein, also die Wahrheit
desselben nicht unbedingt präsumiert werden kann. Er wird auch
einsehen, daß es viele leidende Privatinteressen im Staat gibt,
deren Hebung allgemeine Verwaltungsmaximen nicht verlassen oder
modifiziert werden können. Wird ferner der a l l g e m e i n e
Charakter eines Notstandes behauptet, wird behauptet, der Wohl-
stand sei in der Weise und dem Umfang gefährdet, daß das Privat-
leiden zum Staatsleiden und seine Wegräumung zu einer Pflicht des
Staates gegen s i c h s e l b s t werde, so scheint diese Be-
hauptung der Verwalteten der Verwaltung gegenüber unpassend zu
sein, da die Verwaltung wohl am besten beurteilen wird, inwiefern
das Staatswohl gefährdet und von ihr eine tiefere Einsicht in das
Verhältnis des Ganzen und seiner Teile präsumiert werden muß als
von diesen Teilen selbst, Es kömmt hinzu, daß der einzelne und
selbst viele einzelne ihre Stimme nicht für die Volksstimme aus-
geben können; vielmehr ihre Darstellung immer den Charakter der
p r i v a t e n Beschwerdeschrift beibehalten wird. Wäre endlich
selbst die Überzeugung der beschwerdeführenden Privaten die Über-
zeugung der ganzen Moselgegend, so nimmt die Moselgegend selbst,
als ein einzelner Verwaltungsteil und als einzelner Landesteil,
ihrer eigenen Provinz wie dem Staate gegenüber die Stellung eines
Privatmannes ein, dessen Überzeugungen und Wünsche erst an der
allgemeinen Überzeugung und dem allgemeinen Wunsche zu messen
sind.
Die Verwaltung und die Verwalteten bedürfen zur Lösung der
Schwierigkeit also gleichmäßig eines d r i t t e n Elements,
welches p o l i t i s c h ist, ohne amtlich zu sein, also nicht
von bürokratischen Voraussetzungen ausgeht, welches ebenso
b ü r g e r l i c h ist, ohne unmittelbar in die Privatinteres-
sen und ihre Notdurft verwickelt zu sein. Dieses ergänzende Ele-
ment von s t a a t s b ü r g e r l i c h e m K o p f und von
b ü r g e r l i c h e m H e r z e n ist die f r e i e
P r e s s e. Im Bereich der Presse können die Verwaltung und die
Verwalteten gleichmäßig ihre Grundsätze und Forderungen kritisie-
ren, aber nicht mehr innerhalb eines Subordinationsverhältnisses,
#190# Karl Marx
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sondern in gleicher s t a a t s b ü r g e r l i c h e r Gel-
tung, nicht mehr als P e r s o n e n, sondern als i n t e l-
l e k t u e l l e M ä c h t e, als Verstandesgründe. Die "freie
Presse", wie sie das Produkt der öffentlichen Meinung ist, so
produziert sie auch die öffentliche Meinung und vermag allein ein
besonderes Interesse zum allgemeinen Interesse, vermag allein den
N o t s t a n d der Moselgegend zum Gegenstand der allgemeinen
Aufmerksamkeit und der allgemeinen Sympathie des Vaterlandes zu
machen, vermag allein die Not schon dadurch zu mildern, daß sie
die Empfindung der Not unter alle verteilt.
Die Presse verhält sich als I n t e l l i g e n z zu den Volks-
zuständen, aber sie verhält sich ebensosehr zu ihnen als
G e m ü t; ihre Sprache ist daher nicht nur die kluge Sprache
der Beurteilung, die über den Verhältnissen schwebt, sondern
zugleich die affektvolle Sprache der Verhältnisse selbst, eine
Sprache, die in a m t l i c h e n B e r i c h t e n weder
gefordert werden kann noch darf. Die freie Presse endlich trägt
die Volksnot in ihrer eigenen, durch keine bürokratischen Medien
durchgegangenen Gestalt an die Stufen des Thrones, zu einer
Macht, vor welcher der Unterschied von Verwaltung und Verwalteten
verschwindet und es nur mehr gleich nah und gleich fern stehende
S t a a t s b ü r g e r gibt.
Wenn also die freiere Presse durch den e i g e n t ü m l i-
c h e n Notstand der Mosel n o t w e n d i g gemacht ward,
wenn sie hier heftiges, weil w i r k l i c h e s Bedürfnis war,
so scheint es, daß keine ausnahmsweise Preßhindernisse dazu
gehörten, um dies Bedürfnis hervorzubringen, sondern daß vielmehr
eine ausnahmsweise Preßfreiheit dazu gehört hätte, um das
vorhandene Bedürfnis zu befriedigen.
ad. 2. Die Presse über die Moselangelegenheiten ist jedenfalls
nur ein T e i l d e r p r e u ß i s c h e n p o l i t i-
s c h e n P r e s s e. Um daher ihren Zustand vor der oft
beregten Kabinettsordre zu ermitteln, wird es nötig sein, einen
raschen Blick auf den Zustand der gesamten preußischen Presse vor
dem Jahre 1841 zu werfen. Wir lassen einen Mann von anerkannt
loyaler Gesinnung sprechen:
"Still und ruhig", heißt es in "Preußen und Frankreich" von David
H a n s e m a n n, zweite Auflage, Leipzig 1834, p. 272, "still
und ruhig entwickeln sich die allgemeinen Ideen und die Dinge um
so unbemerkter in Preußen, als die Z e n s u r k e i n e
g r ü n d l i c h e E r ö r t e r u n g der den Staat betref-
fenden p o l i t i s c h e n und s e l b s t s t a a t s-
w i r t s c h a f t l i c h e n Fragen in preußischen Tages-
schriften gestattet, w e n n d i e A b f a s s u n g a u c h
n o c h s o a n s t ä n d i g u n d g e m e s s e n i s t;
unter einer gründlichen Erörterung kann nur eine solche
verstanden werden, wo die Gründe und die Gegengründe vorgetragen
werden dürfen; g r ü n d l i c h kann f a s t k e i n e
s t a a t s w i r t s c h a f t l i c h e Frage erörtert werden,
w e n n n i c h t
#191# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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a u c h die Beziehungen derselben a u f i n n e r e u n d
ä u ß e r e P o l i t i k untersucht werden, denn nur bei weni-
gen, vielleicht bei k e i n e r e i n z i g e n s t a a t s-
w i r t s c h a f t l i c h e n F r a g e finden diese
Beziehungen nicht statt. Oh diese Ausübung der Zensur zweckmäßig
sei, ob die Zensur überhaupt anders als auf solche Weise nach dem
Zustande der Regierung in Preußen ausgeübt werden könne, darauf
kommt es hier nicht an; g e n u g, s o i s t' s."
Bedenkt man ferner, daß schon der § II des Zensuredikts vom 19.
Dezember 1788 [135] lautet:
"Die Absicht der Zensur aber ist keineswegs, eine anständige,
ernsthafte und bescheidene Untersuchung der Wahrheit zu hindern
oder s o n s t den Schriftstellern i r g e n d e i n e n un-
nützen und lästigen Zwang aufzuerlegen";
findet man im Artikel II des Zensuredikts vom 18. Oktober 1819
[4]die Worte wieder:
"Die Zensur wird keine ernsthafte und bescheidene Untersuchung
der Wahrheit hindern noch den Schriftstellern ungebührlichen
Zwang auferlegen";
vergleicht man hiermit die Eingangsworte der Zensurinstruktion
vom 24 Dezember 1841 [3]:
"Um s c h o n j e t z t die Presse von u n s t a t t-
h a f t e n, nicht in der A l l e r h ö c h s t e n
A b s i c h t liegenden Beschränkungen zu befreien, haben Seine
Majestät der König 1*) durch eine an das Königliche
Staatsministerium [...] erlassene Allerhöchste Kabinettsordre
jeden ungebührlichen Zwang der schriftstellerischen Tätigkeit
a u s d r ü c k l i c h zu mißbilligen und [...] uns zu
ermächtigen geruht, die Zensoren zur angemessenen Beachtung des
Artikel II des Zensuredikts vom 18, Oktober 1819 v o n
n e u e m anzuweisen";
erinnert man sich endlich der folgenden Worte:
"Der Zensor kann eine freimütige Besprechung auch d e r
i n n e r e n A n g e l e g e n h e i t e n sehr wohl gestat-
ten. - Die unverkennbare Schwierigkeit, hierfür die richtigen
Grenzen aufzufinden, darf von dem Streben, der w a h r e n
A b s i c h t d e s G e s e t z e s zu genügen, nicht ab-
schmecken noch zu jener Ä n g s t l i c h k e i t verleiten,
w i e s i e n u r z u o f t s c h o n z u
M i ß d e u t u n g e n über die A b s i c h t d e s
G o u v e r n e m e n t s Veranlassung gegeben hat";
so scheint nach allen diesen offiziellen Äußerungen die Frage:
warum bei dem Wunsche von seiten der Behörden, die Moselzustände
möglichst freimütig und öffentlich besprochen zu hören, Zensur-
hindernisse stattgefunden? sich vielmehr in die a l l g e m e i-
n e r e Frage zu verwandeln, warum t r o t z der "A b-
s i c h t d e s G e s e t z e s", der "A b s i c h t d e s
G o u v e r n e m e n t s" und endlich der "A l l e r h ö c h-
s t e n A b s i c h t" die Presse eingestandenermaßen noch im
Jahre 1841 "von
-----
1*) Friedrich Wilhelm IV.
#192# Karl Marx
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u n s t a t t h a f t e n Beschränkungen" zu befreien und die
Zensur im Jahre 1841 an den Artikel II des Edikts von 1819 zu
e r i n n e r n war! In bezug auf die M o s e l g e g e n d
namentlich würde jene Frage sich dahin formulieren, nicht, welche
s p e z i e l l e n P r e ß h i n d e r n i s s e stattgefun-
den, sondern vielmehr, welche s p e z i e l l e n P r e ß b e-
g ü n s t i g u n g e n diese teilweise Besprechung der i n-
n e r n Zustände zu einer m ö g l i c h s t f r e i m ü-
t i g e n u n d ö f f e n t l i c h e n Besprechung a u s-
n a h m s w e i s e begeistet hätten?
Über den innern Gehalt und den Charakter der p o l i-
t i s c h e n L i t e r a t u r und T a g e s p r e s s e vor
der beregten Kabinettsordre verständigen am klarsten wohl
folgende Worte der Zensurinstruktion:
"Auf diesem Wege darf man h o f f e n, daß auch die
p o l i t i s c h e L i t e r a t u r und die T a g e s presse
ihre Bestimmung b e s s e r erkennen, einen w ü r d i-
g e r e n Ton sich aneignen und es k ü n f t i g verschmähen
werden, durch Mitteilungen gehaltloser, aus fremden Zeitungen
entlehnter Korrespondenzen etc. etc. auf die N e u g i e r d e
i h r e r Leser zu s p e k u l i e r e n... Es ist zu e r-
w a r t e n, daß dadurch eine g r ö ß e r e Teilnahme an
v a t e r l ä n d i s c h e n Interessen e r w e c k t und so
das N a t i o n a l g e f ü h l erhöht wird."
Es scheint sich hienach zu ergeben, daß, wenn durchaus keine
s p e z i e l l e n Maßregeln eine freimütige und öffentliche
Besprechung der Moselzustände verhinderten, der a l l g e-
m e i n e Z u s t a n d der preußischen Presse selbst ein
unbesiegbares Hindernis sowohl der Freimütigkeit, als der Öf-
fentlichkeit sein mußte. Fassen wir die angezogenen Stellen der
Zensurinstruktion zusammen, so besagt sie, daß: die Zensur über-
aus ängstlich und eine ä u ß e r e Schranke einer freien Presse
war, daß hiemit Hand in Hand die i n n e r e Beschränktheit der
Presse ging, die den Mut und selbst das Streben aufgegeben hatte,
sich über den Horizont der Neuigkeit zu erheben, daß endlich im
Volke selbst die T e i l n a h m e a n v a t e r l ä n-
d i s c h e n I n t e r e s s e n und das N a t i o n a l-
g e f ü h l verlorengegangen waren, also gerade die Elemente,
welche nicht nur die schöpferischen Mächte einer freimütigen und
öffentlichen Presse, sondern auch die Bedingungen sind, innerhalb
deren allein eine freimütige und öffentliche Presse wirken und
volkstümliche Anerkennung finden kann, eine Anerkennung, welche
die Lebensatmosphäre der Presse bildet, ohne welche sie
rettungslos hinsiecht.
Wenn also Maßregeln der Behörden eine u n f r e i e Presse
schaffen können, so liegt es dagegen a u ß e r h a l b d e r
M a c h t d e r B e h ö r d e n, b e i der Unfreiheit des
allgemeinen Preßzustandes speziellen Fragen eine möglichst frei-
mütige und öffentliche Besprechung zu sichern, indem selbst frei-
mütige Worte, welche über einzelne Gegenstände etwa die Spalten
der Zeitungen füllten, keine a l l g e m e i n e Teilnahme her-
vorzurufen, sich also keine wahrhafte Öffentlichkeit zu verschaf-
fen wüßten.
Es kömmt hinzu, was H a n s e m a n n richtig bemerkt, daß
v i e l l e i c h t b e i
#193# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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k e i n e r e i n z i g e n s t a a t s w i r t s c h a f t-
l i c h e n F r a g e d i e B e z i e h u n g e n a u f
i n n e r e u n d ä u ß e r e P o l i t i k n i c h t
s t a t t f i n d e n. Die Möglichkeit einer freimütigen und
öffentlichen Besprechung der M o s e l z u s t ä n d e setzt
also die M ö g l i c h k e i t einer freimütigen und öffent-
lichen Besprechung der ganzen "i n n e r n u n d ä u ß e r n
P o l i t i k" voraus. Diese darzubieten, lag so wenig in der
Macht einzelner Verwaltungsbehörden, daß vielmehr n u r der
unmittelbar und entschieden ausgesprochene Wille des K ö n i g s
s e l b s t hier bestimmend und nachhaltig eingreifen konnte.
Wenn die öffentliche Besprechung nicht freimütig war, war die
freimütige Besprechung nicht öffentlich. Sie beschränkte sich auf
d u n k l e Lokalblätter, deren Gesichtskreis natürlich über den
Kreis ihrer Verbreitung nicht hinausging und nach dem vorherigen
nicht hinausgehen konnte. Zur Charakteristik solcher Lokalbespre-
chungen geben wir einige Exzerpte aus verschiedenen Jahrgängen
des Bernkasteler "Gemeinnützigen Wochenblatts". In dem Jahrgang
1835 heißt es:
"Im Herbste 1833 machte eine auswärtige Person in E r d e n 5
Ohm [136] Wein. Um das Fuder voll zu machen, kaufte sie 2 Ohmen
dazu für den Preis von 30 Tlr. Das Faß kostete 9 Tlr., Moststeuer
7 Tlr. 5 Silbergroschen, Einherbsten 4 Tlr., Kellermiete 1 Tlr. 3
Sgr., Kieferlohn 16 Sgr.; folglich, ungerechnet die Baukosten,
eine reine Ausgabe von 51 Tlr. 24 Sgr. Am 10. Mai wurde das Faß
Wein verkauft zu 41 Tlr. Noch ist zu bemerken, daß dieser Wein
gut ist und nicht aus Notdurft verkauft worden, auch in keine wu-
cherische Hände gefallen ist." (p. 87.) "Am 21. November wurden
auf'm Markt zu Bernkastel 3/4 Ohm 1835 Wein zu 14 Sgr. -
v i e r z e h n S i l b e r g r o s c h e n - versteigert und
am 27. ejusdem 4 Ohm s a m t Fuderfaß zu 11 Tlr., wobei noch zu
bemerken ist, daß am verflossenen Michelstag das Fuderfaß zu 11
Taler eingekauft wurde." (p. 267 ibid.)
Unter dem 12. April 1836 eine ähnliche Anzeige.
Noch mögen hier einige Auszüge aus dem Jahrgange 1837 stehen:
"Am 1. dieses Monats ward in K i n h e i m in öffentlicher Ver-
steigerung vor Notar ein junger vierjähriger Wingert von zirka
200 Stöcken, gehörig aufgepfählt, mit gewöhnlichem Zählungszu-
stand der Stock zu 1 1/2 P f e n n i g überlassen. Im Jahre
1828 kostete derselbe Stock dort 5 Silbergroschen." (p. 47.)
"Eine Witwe zu G r a a c h ließ ihren Herbst um die Hälfte des
Ertrages eintuen, und für ihren Anteil wurde ihr ein Ohm Wein
zuteil, w e l c h e s s i e g e g e n 2 P f u n d
B u t t e r, 2 P f u n d B r o t u n d 1 / 2 P f u n d
Z w i e b e l n v e r ä u ß e r t e." (in Nr. 37 ibid.) "Am 20.
dieses Monats wurden hier zwangsweise versteigert: 8 Fuder 365r
Wein von G r a a c h und Bernkastel, teilweise aus den
b e s t e n Lagen, und 1 Fuder 35er Wein von Graach. Es wurden
135 Taler 15 Sgr. im ganzen erlöst (Faß mit), demnach kostet ein
Fuder ins andere zirka 15 Taler. Das Faß mag allein 10-12 Taler
gekostet haben. Was bleibt nun dem armen Winzer für seine
Baukosten übrig? Ist es denn nicht möglich, daß dieser
schrecklichen Not abgeholfen wird?!! (Eingesandt)" (Nr. 4, p.
30.)
#194# Karl Marx
-----
Man findet hier also nur e i n f a c h e Erzählung von Tatsa-
chen, die, manchmal von einem elegischen kurzen Nachwort beglei-
tet, eben durch ihre ungeschminkte Einfachheit erschüttern mögen,
schwerlich aber den Charakter einer freimütigen und öffentlichen
Besprechung der Moselzustände auch nur ansprechen dürften.
Wenn nun ein einzelner und gar der zahlreiche Teil einer Bevölke-
rung von einem auffallenden und erschreckenden Unglücke betroffen
werden, und niemand bespricht das Unglück, niemand behandelt es
als eine d e n k- u n d s p r e c h w ü r d i g e Erschei-
nung, so müssen sie schließen, entweder daß die andern nicht
sprechen d ü r f e n oder daß sie nicht sprechen w o l l e n,
weil sie die der Sache beigelegte Wichtigkeit für illusorisch
halten. Die Anerkennung seines Unglücks, diese geistige Beteili-
gung an demselben, ist aber selbst dem ungebildetsten Winzer ein
Bedürfnis -, schlösse er auch nur, daß, wo alle denken, viele
sprechen, bald auch einige handeln werden. Wäre es wirklich er-
laubt gewesen, frei und offen die Moselzustände zu diskutieren,
so g e s c h a h es doch nicht, und es ist klar, daß das Volk
nur an das W i r k l i c h e glaubt, nicht an die freimütige
Presse, die existieren kann, sondern an die freimütige Presse,
die wirklich existiert. Hatte der Mosellaner also v o r Er-
scheinen der Allerhöchsten Kabinettsordre zwar seine Not empfun-
den, zwar sie bezweifeln gehört, nur nichts von einer öffentli-
chen und freimütigen Presse vernommen, sah er dagegen n a c h
Erscheinen dieser Kabinettsordre diese Presse gleichsam aus dem
Nichts hervorspringen, so scheint sein Schluß, daß die königliche
Kabinettsordre die e i n z i g e Ursache dieser Preßbewegung,
an welcher der Mosellaner nach den früher ausgeführten Gründen
einen vorzugsweisen, weil unmittelbar durch w i r k l i c h e s
Bedürfnis bedingten Anteil nahm, wenigstens ein sehr volkstümli-
cher Schluß gewesen zu sein. Endlich scheint es, daß auch, abge-
sehen von der Volkstümlichkeit dieser Meinung, eine kritische
Prüfung zu demselben Resultate gelangen wird. Die Eingangsworte
der Zensurinstruktion vom 24. Dezember 1841, daß
"S e i n e M a j e s t ä t d e r K ö n i g jeden ungebührli-
chen Zwang der schriftstellerischen Tätigkeit
a u s d r ü c k l i c h z u m i ß b i l l i g e n und
u n t e r A n e r k e n n u n g d e s W e r t s u n d d e s
B e d ü r f n i s s e s einer freimütigen und anständigen Publi-
zität ... geruht etc.",
diese Eingangsworte versichern der Presse eine besondere
k ö n i g l i c h e Anerkennung, also eine S t a a t s-
b e d e u t u n g. Daß e i n königliches Wort so bedeutend zu
wirken vermag und von dem Mosellaner selbst als ein Wort von
magischer Kraft, als ein Universalmittel gegen alle seine Leiden
begrüßt wurde, das scheint nur von der echt royalistischen
Gesinnung der Mosellaner und ihrer nicht abgemessenen, sondern
überströmenden Dankbarkeit zeugen zu können.
#195# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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["Rheinische Zeitung" Nr. 20 vom 20. Januar 1843]
ad 3. Wir haben zu zeigen gesucht, daß das B e d ü r f n i s
einer freien Presse aus der E i g e n t ü m l i c h k e i t der
Moselzustände n o t w e n d i g hervorging. Wir haben ferner
gezeigt, wie die Verwirklichung dieses Bedürfnisses vor dem Er-
scheinen der Allerhöchsten Kabinettsordre, wenn auch nicht durch
s p e z i e l l e Preßerschwerungen, schon durch den
a l l g e m e i n e n Z u s t a n d d e r
p r e u ß i s c h e n T a g e s p r e s s e verhindert worden
wäre. Wir werden endlich zeigen, daß w i r k l i c h
s p e z i e l l e Umstände einer freimütigen und öffentlichen
Besprechung der Moselzustände feindlich entgegentraten. Auch hier
müssen wir zunächst den leitenden Gesichtspunkt unserer Darstel-
lung hervorheben und die Macht der allgemeinen
V e r h ä l t n i s s e in dem W i l l e n der handelnden Per-
sönlichkeiten wiedererkennen. Wir dürfen in den s p e z i e l-
l e n Umständen, welche eine freimütige und öffentliche
Besprechung der Moselzustände verhinderten, nichts erblicken als
die t a t s ä c h l i c h e V e r k ö rp e r u n g und
a u g e n f ä l l i g e E r s c h e i n u n g der oben
entwickelten a l l g e m e i n e n Verhältnisse, nämlich der
e i g e n t ü m l i c h e n Lage der Verwaltung zu der Moselge-
gend, des allgemeinen Zustandes der Tagespresse und der öffentli-
chen Meinung, endlich des herrschenden politischen Geistes und
seines Systems. Waren diese Verhältnisse, wie es denn scheint,
die a l l g e m e i n e n, u n s i c h t b a r e n und
z w i n g e n d e n Mächte jener Zeit, so wird es kaum der An-
deutung bedürfen, daß sie auch als s o l c h e wirken, in Tat-
sachen ausschlagen und als einzelne, dem S c h e i n nach will-
kürliche Handlungen sich ä u ß e r n mußten. Wer diesen sachli-
chen Standpunkt aufgibt, verfängt sich einseitig in bittere Emp-
findungen gegen Persönlichkeiten, in welchen die Härte der Zeit-
verhältnisse ihm gegenübertrat.
Man wird zu den s p e z i e l l e n Preßhindernissen nicht nur
einzelne Z e n s u r s c h w i e r i g k e i t e n, sondern
ebensosehr alle s p e z i e l l e n U m s t ä n d e zählen
müssen, welche die Zensur überflüssig machten, weil sie einen Ge-
genstand der Zensur nicht einmal versuchsweise aufkommen ließen.
Wo die Zensur in auffallende, anhaltende und harte Kollisionen
mit der Presse gerät, da kann man mit ziemlicher Sicherheit
schließen, daß die Presse schon an Lebendigkeit, Charakter und
Selbstgewißheit gewonnen hat, denn nur eine wahrnehmbare Aktion
erzeugt eine wahrnehmbare Reaktion. Wo dagegen die Zensur nicht
da ist, weil die Presse nicht da ist, obgleich das Bedürfnis ei-
ner freien, also z e n s u r f ä h i g e n Presse vorhanden, da
muß man die V o r z e n s u r in Umständen suchen, welche den
Gedanken schon in seinen anspruchsloseren Formen zurückgeschreckt
haben.
Es kann nicht unser Zweck sein, eine vollständige Darstellung
dieser s p e z i e l l e n U m s t ä n d e auch nur annähernd
zu geben; das hieße die Zeitgeschichte
#196# Karl Marx
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seit 1830, soweit sie die Moselgegend berührt, schildern wollen.
Wir glauben unsere Aufgabe gelöst zu haben, wenn wir nachweisen,
daß das freimütige und öffentliche Wort i n a l l e n
F o r m e n, in der Form der m ü n d l i c h e n R e d e, in
der Form der S c h r i f t, in der Form des D r u c k s,
sowohl des n o c h n i c h t z e n s i e r t e n als auch des
schon z e n s i e r t e n Drucks, mit s p e z i e l l e n
Hindernissen in Konflikt geriet.
Die Verstimmung und die Mutlosigkeit, welche ohnehin jene morali-
sche Kraft, die zur öffentlichen und freimütigen Besprechung ge-
hört, bei einer notleidenden Bevölkerung brechen, wurden nament-
lich genährt durch die auf vielfache D e n u n z i a t i o n e n
notwendig gewordenen gerichtlichen Verurteilungen "wegen B e-
l e i d i g u n g e i n e s B e a m t e n i m D i e n s t e
o d e r i n b e z u g a u f s e i n e n D i e n s t".
Eine derartige Prozedur lebt noch im frischen Andenken vieler Mo-
selwinzer. Ein wegen seiner Gutmütigkeit besonders beliebter Bür-
ger 1*) äußerte in scherzhafter Weise zu der Magd eines
L a n d r a t s 2*), welcher abends zuvor in fröhlicher Gesell-
schaft bei Gelegenheit der Feier des Königsgeburtstages fleißig
dem Becher zugesprochen hatte: "E u e r H e r r w a r
g e s t e r n a b e n d e t w a s b e s p i t z t." Er ward
wegen dieser unschuldigen Äußerung ö f f e n t l i c h vor das
Zuchtpolizeigericht zu Trier gestellt, jedoch, wie sich von
selbst versteht, f r e i g e s p r o c h e n.
Wir haben gerade dieses Beispiel gewählt, weil sich eine einfache
Reflexion notwendig an dasselbe anknüpft. Die L a n d r ä t e
sind die Z e n s o r e n in ihren respektiven Kreisstädten. Die
landrätliche Verwaltung wird aber mit Einbegriff der ihr unterge-
ordneten amtlichen Sphären vornehmster, weil nächster Gegenstand
der L o k a l p r e s s e sein. Wenn es nun überhaupt schwer
ist, in eigner Sache zu richten, so müssen Vorfälle der oben er-
wähnten Art, welche eine krankhaft reizbare Vorstellung von der
Unantastbarkeit der amtlichen Stellung dokumentieren, schon die
bloße Existenz der l a n d r ä t l i c h e n Z e n s u r zu
einem hinreichenden Grund für die Nichtexistenz einer freimütigen
Lokalpresse machen.
Sehen wir also die unbefangene und anspruchslose m ü n d l i-
c h e Rede den Weg zum Zuchtpolizeigericht bereiten, so hat die
s c h r i f t l i c h e Form des freien Worts, die P e t i-
t i o n, welche noch weit von der Öffentlichkeit der Presse
entfernt ist, denselben zuchtpolizeilichen Erfolg. Wie dort die
Unantastbarkeit der a m t l i c h e n S t e l l u n g, tritt
hier die Unantastbarkeit der L a n d e s g e s e t z e der
freimütigen Sprache entgegen.
Durch eine "Kabinettsordre" vom 6. Juli 1836, worin es unter an-
derm
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1*) Johann Oberhoven - 2*) Constantin Friedrich von Gaertner
#197# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
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heißt, der König 1*) sende seinen Sohn 2*) in die Rheinprovinz,
am v o n d e r e n Z u s t ä n d e n K e n n t n i s z u
n e h m e n, fühlten sich einige Landleute aus dem Regierungsbe-
zirke Trier veranlaßt, ihren "Landtagsabgeordneten 3*)" zu ersu-
chen, ihnen eine Bittschrift für den Kronprinzen anzufertigen.
Sie gaben zugleich die einzelnen Beschwerdepunkte an. Der Land-
tagsabgeordnete, um die Wichtigkeit der Petition durch eine grö-
ßere Anzahl von Petitionären zu erhöhen, schickte einen Boten in
die Umgegend und veranlaßte dadurch die Unterschriften von 160
Bauern. Die Petition lautete folgendermaßen:
"Da wir unterschriebenen Einwohner des Kreises ..., Regierungsbe-
zirk Trier, unterrichtet, daß unser guter König zu uns Seine Kö-
nigliche Hoheit den Kronprinzen sendet, um unsere Lage zu beher-
zigen, und um Seiner Königlichen Hoheit die Mühe zu ersparen, die
Klagen vieler einzelnen anzuhören, beauftragen wir hiermit unse-
ren Landtagsabgeordneten, Herrn ..., Seiner Königlichen Hoheit,
des besten Königs Sohn, dem Kronprinzen von Preußen, untertänigst
anzutragen, daß:
1.Wenn wir unsere überflüssigen Produkte, besonders an Vieh und
Wein, nicht absetzen können, uns unmöglich ist, die in allen Ver-
hältnissen zu hohen Steuern zu bezahlen, weswegen eine bedeutende
Verminderung derselben gewünscht wird, da wir sonst Hab' und Gut
den Steuerboten belassen, wie Anlage beweiset; (enthält einen
Zahlungsbefehl eines Steuerboten von R. 1-25 Sgr. 5 d.).
2.Daß Seine Königliche Hoheit nicht von unserer Lage urteilen
möge, nach den Demonstrationen von unzähligen, gar zu hoch besol-
deten Angestellten, Pensionierten, Diätaren, Zivil und Militär,
Rentner und Gewerbetreibenden, welche in den Städten einem Luxus
von unseren so im Preise gefallenen Produkten wohlfeil leben, was
hingegen in der armen Hütte des verschuldeten Landmannes nicht
gefunden wird und für ihn ein empörender Kontrast ist. Wo früher
27 angestellt mit 29 000 Talern, jetzt 63 Beamte ohne Pensio-
nierte mit 105 000 Talern besoldet.
3. Daß unsere Kommunalbeamten direkt durch die Gemeinen, wie frü-
her, gewählt erden mögen.
4. Daß die Zollanmeldungsbüros nicht stundenlang während des Ta-
ges geschlossen, sondern jede Stunde offenbleiben, damit der
Landmann, der einige Minuten unverschuldet sich verspätet, nicht
fünf bis sechs Stunden, ja die ganze Nacht auf der Straße erkal-
ten oder am Tage verbrennen muß, da doch der Beamte stets für das
Volk bereit sein soll und muß.
5. Daß, was zufolge § 12 des Gesetzes vom 28. April 1828, erneu-
ert durch Amtsblatt der Königlichen Regierung vom 22. August
letzthin unter Strafe verboten worden, 2 Fuß vom Grabenrande zu
ackern, bei durchführenden Straßen gehoben und den Eigentümern
erlaubt werde, ihr sämtliches Land bis an den Chausseegraben
pflügen zu können, damit dasselbe nicht von den Wegewärtern den
Eigentümern geraubt werde."
Euer Königlichen Hoheit ergebenste Untertanen.
(Folgen nun die Unterschriften.)
-----
1*) Friedrich Wilhelm III. - 2*) Friedrich Wilhelm IV. - 3*) Ni-
kolaus Valdenaire
#198# Karl Marx
-----
Diese Petition, die der Landtagsabgeordnete dem Kronprinzen über-
reichen wollte, wurde von andrer Seite in Empfang genommen mit
dem ausdrücklichen Versprechen, sie Seiner Königlichen Hoheit
übergehen zu wollen. Nie erfolgte eine Antwort, wohl aber wurde
gegen den Landtagsabgeordneten, als den Urheber einer Petition,
worin "f r e c h e r, u n e h r e r b i e t i g e r T a d e l
g e g e n d i e L a n d e s g e s e t ze" ausgesprochen sei,
von seiten der Gerichte eine Verfolgung eingeleitet. Infolge die-
ser Klage wurde der Landtagsabgeordnete in Trier zu
s e c h s m o n a t l i c h e r G e f ä n g n i s s t r a f e
und in die Kosten verurteilt, diese Strafe aber vom Appellhofe
dahin modifiziert, daß nur der Kostenpunkt des fraglichen Urteils
belassen werde, und zwar, weil das Benehmen des Inkriminierten
nicht ganz frei von Unbesonnenheit gewesen sei und er somit zu
dem Prozesse Veranlassung gegeben habe. Der I n h a l t d e r
P e t i t i o n s e l b s t wird dagegen keineswegs für
s t r a f b a r erkannt.
Wenn man erwägt, daß die fragliche Petition teils durch den Zweck
der kronprinzlichen Reise, teils durch die Stellung des Inkrimi-
nierten als Landtagsabgeordneten in der ganzen Umgebung zu einem
besonders wichtigen und entscheidenden Ereignis sich steigern und
die öffentliche Aufmerksamkeit in hohem Grade erregen mußte, so
möchten ihre Konsequenzen eine öffentliche und freimütige Bespre-
chung der Moselzustände nicht eben provoziert noch hierauf bezüg-
liche Wünsche der Behörden wahrscheinlich gemacht haben.
Wir kommen nun zum eigentlichen Preßhindernis, zur
Z e n s u r v e r w e i g e r u n g, welche nach obigen Andeu-
tungen in dem Grade zu den Seltenheiten gehören mußte, als der
Versuch einer zensurfähigen Besprechung der Moselzustände zu den
Seltenheiten gehörte.
Einem S c h ö f f e n r a t s p r o t o k o l l, worin nebst
einigen barocken auch einige freimütige Worte sich befinden,
wurde von der l a n d r ä t l i c h e n Zensur die Druckerlaub-
nis verweigert. Die Beratung fand im S c h ö f f e n r a t
statt, das R a t s p r o t o k o l l aber war von dem Bürger-
meister 1*) abgefaßt. Seine Eingangsworte lauten:
"Meine Herren! Das Land an der Mosel zwischen Trier und Koblenz,
zwischen der Eifel und dem Hundsrücken ist äußerlich ganz arm,
weil dasselbe vom Weinbau allein lebt und diesem durch die Han-
delsverträge mit Deutschland der T o d e s s t o ß gegeben ist;
das gedachte Land ist aber auch g e i s t i g arm etc."
Daß endlich eine öffentliche und freimütige Besprechung, wenn sie
alle angegebenen Hindernisse überwunden und
a u s n a h m s w e i s e in die Zeitungsspalten gelangt war,
als eine A u s n a h m e behandelt und hinterher annihiliert
-----
1*) Jacob Schwan
#199# Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel
-----
wurde, möge ebenfalls eine Tatsache bezeugen. Ein vor mehreren
Jahren von d e m P r o f e s s o r d e r K a m e r a l w i s-
s e n s c h a f t e n K a u f m a n n zu Bonn "über den
Notstand der Winzer an der Mosel etc." in der "Rhein- und Mosel-
Zeitung" abgedruckter Aufsatz wurde, nachdem er während drei
Monaten in verschiedenen öffentlichen Blättern kursiert hatte,
von der Königlichen Regierung v e r b o t e n, welches Verbot
noch jetzt faktisch fortbesteht.
Hiermit glaube ich nun die Frage über das Verhältnis der Moselge-
gend zur Kabinettsordre vom 10. Dezember, der auf sie gegründeten
Z e n s u r i n s t r u k t i o n vom 2 4. Dezember und der
seitherigen freieren Preßbewegung genügend beantwortet zu haben.
Es bleibt noch übrig, meine Behauptung: "Der desolate Zustand der
Winzer war höheren Orts lange in Zweifel gezogen und ihr Notge-
schrei für freches Gekreisch gehalten worden", zu motivieren. Man
wird den quäst[ionierten] Satz in zwei Teile auflösen können:
"Der desolate Zustand der Winzer war höhern Orts lange in Zweifel
gezogen worden" und: "Ihr Notgeschrei war für freches Gekreisch
gehalten worden."
Der erste Satz, glaube ich, wird keines Beweises mehr bedürfen.
Der zweite Satz: "Ihr Notgeschrei war für freches Gekreisch ge-
halten worden", kann nicht geradezu, wie es der Herr Oberpräsi-
dent tut, aus dem ersten Satze interpretiert werden: "Ihr Notge-
schrei war h ö h e r n O r t s für freches Gekreisch gehalten
worden." Indessen auch diese Interpolation kann gelten, sofern
"h o h e m Orts" und "a m t l i c h e n Orts" für gleichbedeu-
tend genommen werden,
Daß von einem "N o t g e s c h r e i" der Winzer nicht nur
f i g ü r l i c h, sondern im e i g e n t l i c h e n Sinne
des Wortes gesprochen werden konnte, wird sich aus den bisherigen
Mitteilungen ergeben haben. Daß diesem Notgeschrei einerseits
sein Mangel an Berechtigung vorgeworfen, die Schilderung der Not
selbst als eine grelle, aus selbstsüchtigen schlechten Motiven
entsprungene Übertreibung betrachtet, andererseits die Klage und
die Bitte dieser Not als "f r e c h e r, unehrerbietiger Tadel
gegen die Landesgesetze" verstanden wurde, diese Prämissen haben
ein R e g i e r u n g s r e f e r a t und ein K r i m i n a l-
v e r f a h r e n bewiesen. Daß ferner ein übertreibendes, die
Sachverhältnisse verkennendes, von schlechten Motiven outriertes,
f r e c h e n Tadel gegen die Landesgesetze involvierendes
S c h r e i e n identisch mit "Gekreisch", und zwar "frechem
Gekreisch", ist, dürfte wenigstens keine fernliegende oder
u n r e d l i c h gesuchte Behauptung sein. Daß also schließlich
an die Stelle der einen Seite die andere gesetzt werden konnte,
scheint sich einfach als logische Konsequenz zu ergeben.
Geschrieben Ende Dezember bis Mitte Januar 1843.
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