Quelle: MEW 1 1839 - 1844


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       #201#
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       Karl Marx
       Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. [139]
       
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       Geschrieben März bis August 1843.
       Nach der Handschrift.
       
       #203#
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       [Kritik des Hegelschen Staatsrechts (§§ 261-313)]
       
       "§ 261.  Gegen die  Sphären des Privatrechts und Privatwohls, der
       Familie  und   der  bürgerlichen   Gesellschaft,  ist  der  Staat
       e i n e r s e i t s  eine  ä u ß e r l i c h e  Notwendigkeit und
       ihre höhere Macht, deren Natur ihre Gesetze sowie ihre Interessen
       untergeordnet und  davon  abhängig  sind;  aber    a n d e r e r-
       s e i t s   ist er  ihr  i m m a n e n t e r  Zweck und hat seine
       Stärke in  der  Einheit  seines  allgemeinen  Endzwecks  und  des
       besonderen Interesses  der Individuen,  darin, daß  sie  insofern
       P f l i c h t e n  gegen ihn haben, als sie zugleich Rechte haben
       (§ 155)."
       
       Der vorige  Paragraph belehrt  uns dahin, daß die k o n k r e t e
       F r e i h e i t  in der Identität (sein sollenden, zwieschlächti-
       gen) des  Systems des  Sonderinteresses (der Familie und der bür-
       gerlichen Gesellschaft) mit dem System des allgemeinen Interesses
       (des Staates) bestehe. Das Verhältnis dieser Sphären soll nun nä-
       her bestimmt werden.
       Einerseits der Staat gegen die Sphäre der Familie und der bürger-
       lichen Gesellschaft  eine   "ä u ß e r l i c h e  Notwendigkeit",
       eine Macht,  wovon ihm  "Gesetze" und "Interessen" "untergeordnet
       und abhängig" sind. Daß der Staat gegen die Familie und bürgerli-
       che Gesellschaft  eine  "ä u ß e r l i c h e  Notwendigkeit" ist,
       lag schon  teils in der Kategorie des "Übergangs", teils in ihrem
       b e w u ß t e n   V e r h ä l t n i s   zum  Staat.  Die  "Unter-
       ordnung" unter  den  Staat  entspricht  noch  vollständig  diesem
       Verhältnis der  "ä u ß e r l i c h e n  Notwendigkeit". Was Hegel
       aber unter  der "Abhängigkeit" versteht, zeigt folgender Satz der
       Anmerkung zu diesem Paragraphen:
       
       "daß den Gedanken der  A b h ä n g i g k e i t  insbesondere auch
       der privatrechtlichen  Gesetze von  dem bestimmten  Charakter des
       Staats, und  die philosophische  Ansicht, den  Teil nur in seiner
       Beziehung auf  das Ganze zu betrachten, - vornehmlich Montesquieu
       [...] ins Auge gefaßt" etc.
       
       Hegel spricht  also hier  von der  i n n e r n  Abhängigkeit oder
       der wesentlichen  Bestimmung des  Privatrechts etc.  vom  Staate;
       zugleich aber subsumiert er diese Abhängigkeit unter das Verhält-
       nis der  "ä u ß e r l i c h e n  Notwendigkeit"
       
       #204# Karl Marx
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       und stellt  sie der andern Beziehung, worin sich Familie und bür-
       gerliche Gesellschaft  zum Staate als ihrem  "i m m a n e n t e n
       Zweck" verhalten, als die andere Seite entgegen.
       Unter der "äußerlichen Notwendigkeit" kann nur verstanden werden,
       daß "Gesetze"  und "Interessen"  der Familie und der Gesellschaft
       den "Gesetzen" und "Interessen" des Staats im Kollisionsfall wei-
       chen müssen, ihm untergeordnet sind, ihre Existenz von der seini-
       gen abhängig  ist oder  auch sein  Wille und  seine Gesetze ihrem
       "Willen" und ihren "Gesetzen" als eine Notwendigkeit erscheint!
       Allein Hegel  spricht hier  nicht von empirischen Kollisionen; er
       spricht vom  Verhältnis der  "S p h ä r e n  des Privatrechts und
       Privatwohls, der  Familie und  der bürgerlichen Gesellschaft" zum
       Staat; es  handelt sich  vom    w e s e n t l i c h e n    V e r-
       h ä l t n i s   dieser Sphären  selbst. Nicht  nur ihre "Interes-
       sen", auch  ihre "Gesetze", ihre "wesentlichen Bestimmungen" sind
       vom Staat "abhängig" und ihm "untergeordnet". Er verhält sich als
       "höhere   M a c h t"   zu ihren  "Gesetzen und  Interessen".  Ihr
       "Interesse"  und  "Gesetz"  verhalten  sich  als  sein  "Unterge-
       ordneter". Sie  leben in  der "Abhängigkeit"  von ihm.  Eben weil
       "Unterordnung" und "Abhängigkeit"  ä u ß e r e,  das selbständige
       Wesen einengende  und ihm  zuwiderlaufende Verhältnisse sind, ist
       das Verhältnis  der "Familie" und der "bürgerlichen Gesellschaft"
       zum Staate das der  "ä u ß e r l i c h e n  Notwendigkeit", einer
       Notwendigkeit, die  gegen das innere Wesen der Sache angeht. Dies
       selbst, daß  "die privatrechtlichen  Gesetze von  dem  bestimmten
       Charakter des  Staats" abhängen, nach ihm sich modifizieren, wird
       daher  unter   das   Verhältnis   der      "ä u ß e r l i c h e n
       N o t w e n d i g k e i t"   subsumiert, eben  weil  "bürgerliche
       Gesellschaft  und   Familie"  in  ihrer  wahren,  d.i.  in  ihrer
       selbständigen  und   vollständigen  Entwicklung   dem  Staat  als
       besondere  "Sphären"   vorausgesetzt  sind.     "U n t e r o r d-
       n u n g"   und  "A b h ä n g i g k e i t"  sind die Ausdrücke für
       eine "äußerliche",   e r z w u n g e n e,   scheinbare Identität,
       als deren  logischen Ausdruck  Hegel  richtig  die    "ä u ß e r-
       l i c h e   N o t w e n d i g k e i t"  gebraucht. In der "Unter-
       ordnung"  und   "Abhängigkeit"  hat  Hegel  die  eine  Seite  der
       zwiespältigen Identität weiter entwickelt, und zwar die Seite der
       Entfremdung innerhalb der Einheit,
       
       "aber andererseits ist er ihr  i m m a n e n t e r  Zweck und hat
       seine Stärke  in der  Einheit seines  a l l g e m e i n e n  End-
       zwecks und des  b e s o n d e r e n  I n t e r e s s e s  der In-
       dividuen, darin,  daß sie  insofern  P f l i c h t e n  gegen ihn
       haben, als sie zugleich Rechte haben".
       
       Hegel  stellt  hier  eine  ungelöste    A n t i n o m i e    auf.
       E i n e r s e i t s    äußerliche  Notwendigkeit,    a n d r e r-
       s e i t s    immanenter  Zweck. Die Einheit des  a l l g e m e i-
       n e n  E n d z w e c k s  des Staats und des  b e s o n d e r e n
       I n t e r e s s e s   d e r    I n d i v i d u e n    soll  darin
       bestehn, daß  ihre    P f l i c h t e n    gegen  den  Staat  und
       i h r e  R e c h t e  an denselben
       
       #205# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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       identisch sind (also z.B. die Pflicht, das Eigentum zu respektie-
       ren, mit dem Recht auf Eigentum zusammenfiele).
       Diese Identität  wird in  der Anmerkung  [zum §  261] also expli-
       ziert:
       "Da die   P f l i c h t  zunächst das Verhalten  g e g e n  etwas
       für mich  S u b s t a n t i e l l e s,  an und für sich Allgemei-
       nes ist,  das Recht  dagegen das   D a s e i n   überhaupt dieses
       Substantiellen ist,  damit die  Seite  seiner    B e s o n d e r-
       h e i t    und  meiner    b e s o n d e r n    Freiheit  ist,  so
       erscheint beides  auf den formellen Stufen an verschiedene Seiten
       oder Personen  verteilt. Der  Staat als  Sittliches,  als  Durch-
       dringung des  Substantiellen und  des  Besonderen,  enthält,  daß
       meine Verbindlichkeit gegen das Substantielle zugleich das Dasein
       meiner besonderen  Freiheit, d.i.  in ihm  Pflicht und Recht  i n
       e i n e r   u n d   d e r s e l b e n   B e z i e h u n g  v e r-
       e i n i g t  sind."
       § 262.  "Die wirkliche  Idee, der  Geist, der  sich selbst in die
       zwei ideellen  Sphären seines  Begriffe, die Familie und die bür-
       gerliche  Gesellschaft,   als  in  seine    E n d l i c h k e i t
       scheidet, um  aus ihrer  Idealität   f ü r   s i c h   u n e n d-
       l i c h e r wirklicher  Geist zu sein, teilt somit diesen Sphären
       das Material dieser seiner endlichen Wirklichkeit, die Individuen
       als die  M e n g e  zu, so daß diese Zuteilung am Einzelnen durch
       die Umstände,  die Willkür  und  eigene  Wahl  seiner  Bestimmung
       v e r m i t t e l t  erscheint."
       Übersetzen wir diesen Satz in Prosa, so folgt:
       Die Art  und Weise,  wie der  Staat sich  mit der Familie und der
       bürgerlichen Gesellschaft  vermittelt, sind  "die  Umstände,  die
       Willkür und  die eigene  Wahl der Bestimmung". Die Staatsvernunft
       hat also  mit der  Zerteilung des  Staatsmaterials an Familie und
       bürgerliche Gesellschaft  nichts zu  tun. Der Staat geht auf eine
       unbewußte und  willkürliche Weise  aus ihnen  hervor. Familie und
       bürgerliche Gesellschaft  erscheinen als  der dunkle  Naturgrund,
       woraus das  Staatslicht sich  entzündet. Unter dem Staatsmaterial
       sind die   G e s c h ä f t e  des Staats, Familie und bürgerliche
       Gesellschaft verstanden, insofern sie Teile des Staats bilden, am
       Staat als solchen teilnehmen.
       In doppelter Hinsicht ist diese Entwicklung merkwürdig.
       1. Familie  und   bürgerliche  Gesellschaft   werden  als    B e-
       g r i f f s s p h ä r e n   des Staats  gefaßt, und  zwar als die
       Sphären seiner   E n d l i c h k e i t,   als   s e i n e  E n d-
       l i c h k e i t.   Der Staat  ist es, der sich in sie  s c h e i-
       d e t,   der sie   v o r a u s s e t z t,   und  zwar   t u t  er
       dieses, "um  aus ihrer  Idealität  f ü r  s i c h  u n e n d l i-
       c h e r   wirklicher Geist  zu sein".  "Er scheidet sich, um." Er
       "t e i l t   s o m i t   diesen Sphären das Material seiner Wirk-
       lichkeit zu,   s o   d a ß  diese Zuteilung etc. vermittelt  e r-
       s c h e i n t" .  Die genannte  "wirkliche Idee"  (der Geist  als
       unendlicher, wirklicher)  wird so  dargestellt, als  ob sie  nach
       einem bestimmten  Prinzip und  zu bestimmter  Absicht handle. Sie
       scheidet sich  in endliche  Sphären, sie  tut dies,  "um in  sich
       zurückzukehren, für  sich zu sein", und sie tut dies zwar so, daß
       das grade ist, wie es wirklich ist.
       An dieser Stelle erscheint der logische, pantheistische Mystizis-
       mus sehr klar.
       
       #206# Karl Marx
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       Das   w i r k l i c h e   Verhältnis ist:  "daß die Zuteilung des
       Staatsmaterials am  Einzelnen durch die Umstände, die Willkür und
       die eigene  Wahl seiner  Bestimmung vermittelt ist". Diese Tatsa-
       che, dies   w i r k l i c h e   V e r h ä l t n i s  wird von der
       Spekulation als   E r s c h e i n u n g,   als    P h ä n o m e n
       ausgesprochen. Diese  Umstände, diese Willkür, diese Wahl der Be-
       stimmung, diese   w i r k l i c h e   V e r m i t t l u n g  sind
       bloß  die    E r s c h e i n u n g    e i n e r    V e r m i t t-
       l u n g,   welche die wirkliche Idee mit sich selbst vornimmt und
       welche hinter  der Gardine  vorgeht. Die  Wirklichkeit wird nicht
       als  sie   selbst,   sondern   als   eine   andere   Wirklichkeit
       ausgesprochen. Die  gewöhnliche Empirie  hat nicht  ihren eigenen
       Geist, sondern  einen fremden  zum Gesetz,  wogegen die wirkliche
       Idee nicht  eine aus ihr selbst entwickelte Wirklichkeit, sondern
       die gewöhnliche Empirie zum Dasein hat.
       Die Idee  wird versubjektiviert  und das  w i r k l i c h e  Ver-
       hältnis von  Familie und bürgerlicher Gesellschaft zum Staat wird
       als ihre  i n n e r e  i m a g i n ä r e  Tätigkeit gefaßt. Fami-
       lie und  bürgerliche Gesellschaft  sind die  Voraussetzungen  des
       Staats; sie  sind die eigentlich Tätigen; aber in der Spekulation
       wird es umgekehrt. Wenn aber die Idee versubjektiviert wird, wer-
       den hier die wirklichen Subjekte, bürgerliche Gesellschaft, Fami-
       lie, "Umstände,  Willkür etc.  zu   u n w i r k l i c h e n,  an-
       deres bedeutenden, objektiven Momenten der Idee.
       Die Zuteilung  des Staatsmaterials  "am Einzelnen  durch die  Um-
       stände, die Willkür und die eigene Wahl seiner Bestimmung" werden
       nicht als  das Wahrhafte, das Notwendige, das an und für sich Be-
       rechtigte schlechthin  ausgesprochen; sie  werden  nicht    a l s
       s o l c h e   für das  Vernünftige ausgegeben; aber sie werden es
       doch wieder  andrerseits, nur  so, daß sie für eine  s c h e i n-
       b a r e  Vermittlung ausgegeben, daß sie gelassen werden, wie sie
       sind, zugleich  aber die  Bedeutung  einer  Bestimmung  der  Idee
       erhalten,  eines   Resultats,  eines   Produkts  der   Idee.  Der
       Unterschied  ruht  nicht  im  Inhalt,  sondern  in  der  Betrach-
       tungsweise oder  in der  S p r e c h w e i s e.  Es ist eine dop-
       pelte Geschichte,  eine esoterische und eine exoterische. Der In-
       halt liegt  im exoterischen  Teil. Das Interesse des esoterischen
       ist immer  das, die  Geschichte des  logischen Begriffs  im Staat
       wiederzufinden. An  der exoterischen  Seite aber  ist es, daß die
       eigentliche Entwicklung vor sich geht.
       R a t i o n e l l  hießen die Sätze von Hegel nur:
       Die Familie  und die  bürgerliche Gesellschaft  sind Staatsteile.
       Das Staatsmaterial  ist unter  sie verteilt  "durch die Umstände,
       die Willkür  und die eigne Wahl der Bestimmung". Die Staatsbürger
       sind Familienglieder und Glieder der bürgerlichen Gesellschaft.
       "Die wirkliche Idee, der Geist, der  s i c h  s e l b s t  in die
       zwei ideellen  Sphären seines  Begriffs, die Familie und die bür-
       gerliche Gesellschaft, als in  s e i n e
       
       #207# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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       E n d l i c h k e i t   s c h e i d e t"   - also die Teilung des
       Staats in  Familie und bürgerliche Gesellschaft ist  i d e e l l,
       d.h. notwendig,  gehört zum Wesen des Staats; Familie und bürger-
       liche Gesellschaft sind wirkliche Staatsteile, wirkliche geistige
       Existenzen des Willens, sie sind Daseinsweisen des Staates; Fami-
       lie und  bürgerliche Gesellschaft  machen   s i c h   s e l b s t
       zum Staat.  Sie sind  das Treibende.  Nach Hegel sind sie dagegen
       g e t a n   von der  wirklichen Idee; es ist nicht ihr eigner Le-
       benslauf, der  sie zum  Staat vereint, sondern es ist der Lebens-
       lauf der  Idee, die  sie von  sich diszerniert hat; und zwar sind
       sie Endlichkeit dieser Idee; sie verdanken ihr Dasein einem ande-
       ren Geist  als dem  ihrigen; sie  sind von einem Dritten gesetzte
       Bestimmungen, keine  Selbstbestimmungen; deswegen werden sie auch
       als "Endlichkeit",  als die  eigene   E n d l i c h k e i t   der
       "wirklichen Idee"  bestimmt. Der  Zweck ihres  Daseins ist  nicht
       dies Dasein selbst, sondern die Idee scheidet diese Voraussetzun-
       gen von  sich ab,  "um aus  ihrer Idealität  für sich unendlicher
       wirklicher Geist  zu sein", d.h., der politische Staat kann nicht
       sein ohne die natürliche Basis der Familie und die künstliche Ba-
       sis der bürgerlichen Gesellschaft; sie sind für ihn eine conditio
       sine qua  non 1*);  die Bedingung wird aber als das Bedingte, das
       Bestimmende wird  als das  Bestimmte, das  Produzierende wird als
       das Produkt  seines Produkts  gesetzt; die wirkliche Idee ernied-
       rigt sich  nur in die "Endlichkeit" der Familie und der bürgerli-
       chen Gesellschaft, um durch ihre Aufhebung seine Unendlichkeit zu
       genießen und  hervorzubringen; sie "teilt  s o m i t"  (um seinen
       Zweck zu  erreichen) "diesen  Sphären das  Material dieser seiner
       endlichen Wirklichkeit"  (dieser? welcher?  diese Sphären sind ja
       seine "endliche  Wirklichkeit", sein  "Material") "die Individuen
       als die Menge zu" (das Material des Staats sind hier "die Indivi-
       duen, die  Menge", "aus ihnen besteht der Staat", dieses sein Be-
       stehn wird hier als eine Tat der Idee, als eine "Verteilung", die
       sie mit  ihrem eigenen Material vornimmt, ausgesprochen; das Fak-
       tum ist, daß der Staat aus der Menge, wie sie als Familienglieder
       und Glieder  der bürgerlichen Gesellschaft existiere, hervorgehe;
       die Spekulation  spricht dies  Faktum als Tat der Idee aus, nicht
       als die  Idee der  Menge, sondern  als Tat einer subjektiven, von
       dem Faktum  selbst unterschiedenen Idee), "so daß diese Zuteilung
       am gesprochen,  aber sie ist nicht vernünftig wegen ihrer eigenen
       Vernunft,
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       1*) unerläßliche Bedingung
       
       #208# Karl Marx
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       sondern weil  die empirische  Tatsache in  ihrer empirischen Exi-
       stenz eine andre Bedeutung hat als sich selbst. Die Tatsache, von
       der ausgegangen  wird, wird  nicht als solche, sondern als mysti-
       sches Resultat  gefaßt. Das Wirkliche wird zum Phänomen, aber die
       Idee hat  keinen andren  Inhalt als dieses Phänomen. Auch hat die
       Idee keinen andren Zweck als den logischen: "für sich unendlicher
       wirklicher Geist  zu sein".  In diesem  Paragraphen ist das ganze
       Mysterium der  Rechtsphilosophie niedergelegt  und der Hegelschen
       Philosophie überhaupt.
       
       "§ 263.  In diesen  Sphären, in denen seine Momente, die Einzeln-
       heit und  Besonderheit, ihre   u n m i t t e l b a r e  und  r e-
       f l e k t i e r t e   Realität haben,  ist der  Geist als ihre in
       s i e   s c h e i n e n d e   objektive  Allgemeinheit,  als  die
       Macht des  Vernünftigen in  der Notwendigkeit  [(§ 184)], nämlich
       als die im Vorherigen betrachteten  I n s t i t u t i o n e n."
       "§ 264.  Die Individuen  der Menge,  da  s i e  s e l b s t  gei-
       stige Naturen und damit das gedoppelte Moment, nämlich das Extrem
       der für  sich wissenden und wollenden  E i n z e l n h e i t  und
       das  Extrem   der  das   Substantielle  wissenden  und  wollenden
       A l l g e m e i n h e i t   in sich  enthalten und  daher zu  dem
       Rechte dieser beiden Seiten nur gelangen, insofern sie sowohl als
       Privat- wie als substantielle Personen wirklich sind; - erreichen
       in jenen  Sphären teils unmittelbar das Erstere, teils das Andere
       so, daß  sie in  den Institutionen,  als  dem  an  sich  seienden
       A l l g e m e i n e n  ihrer besonderen Interessen, ihr wesentli-
       ches Selbstbewußtsein  haben, teils  daß sie  ihnen ein auf einen
       allgemeinen Zweck  gerichtetes Geschäft und Tätigkeit in der Kor-
       poration gewähren."
       "§ 265.  Diese Institutionen  machen  die    V e r f a s s u n g,
       d.i. die  entwickelte  und  verwirklichte  Vernünftigkeit,    i m
       B e s o n d e r e n   aus und  sind darum  die  feste  Basis  des
       Staats sowie  des Zutrauens  und der Gesinnung der Individuen für
       denselben und  die Grundsäulen  der öffentlichen  Freiheit, da in
       ihnen die  besondere Freiheit realisiert und vernünftig, damit in
       ihnen selbst  a n  s i c h  die Vereinigung der Freiheit und Not-
       wendigkeit vorhanden ist."
       "§ 266.   A l l e i n    der  Geist  ist  nicht  nur  als  diese"
       (welche?) "Notwendigkeit  [...], sondern  als die    I d e a l i-
       t ä t  derselben, und als ihr Inneres sich objektiv und wirklich;
       so ist  diese substantielle  Allgemeinheit   s i c h  s e l b s t
       Gegenstand und  Zweck,  und  jene  Notwendigkeit  hierdurch  sich
       ebensosehr in  G e s t a l t  der Freiheit."
       
       Der Übergang der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft in den
       politischen Staat  ist also der, daß der Geist jener Sphären, der
       a n   s i c h   der Staatsgeist ist, sich nun auch als solcher zu
       sich verhält  und als ihr Inneres sich  w i r k l i c h  ist. Der
       Übergang wird  also nicht  aus dem   b e s o n d e r n  Wesen der
       Familie etc.  und dem besondern Wesen des Staats, sondern aus dem
       a l l g e m e i n e n   Verhältnis von  N o t w e n d i g k e i t
       und  F r e i h e i t  hergeleitet. Es ist ganz derselbe Übergang,
       der in  der Logik aus der Sphäre des Wesens in die Sphäre des Be-
       griffs bewerkstelligt  wird. Derselbe Übergang wird in der Natur-
       philosophie aus der unorganischen Natur in das Leben gemacht. Es
       
       #209# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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       sind immer  dieselben Kategorien,  die bald  die Seele für diese,
       bald für  jene Sphäre  hergeben. Es  kommt nur darauf an, für die
       einzelnen konkreten  Bestimmungen die  entsprechenden  abstrakten
       aufzufinden.
       
       "§ 267.  Die  N o t w e n d i g k e i t  in der Idealität ist die
       E n t w i c k e l u n g  der Idee innerhalb ihrer selbst; sie ist
       als subjektive  Substantialität die   p o l i t i s c h e    G e-
       s i n n u n g,   als   o b j e k t i v e   in Unterscheidung  von
       jener der   O r g a n i s m u s  des Staats, der eigentlich  p o-
       l i t i s c h e  Staat und  s e i n e  V e r f a s s u n g."
       
       S u b j e k t  ist hier "die Notwendigkeit in der Idealität", die
       "Idee innerhalb  ihrer selbst",  P r ä d i k a t  - die  p o l i-
       t i s c h e   G e s i n n u n g   und  die    p o l i t i s c h e
       V e r f a s s u n g. Heißt  zu deutsch:  Die  p o l i t i s c h e
       G e s i n n u n g   ist die  subjektive, die  p o l i t i s c h e
       V e r f a s s u n g   ist die  o b j e k t i v e  S u b s t a n z
       des Staats. Die logische Entwicklung von Familie und bürgerlicher
       Gesellschaft zum Staat ist also reiner  S c h e i n,  denn es ist
       nicht entwickelt,  wie  die  Familiengesinnung,  die  bürgerliche
       Gesinnung, die  Institution der  Familie und  die sozialen Insti-
       tutionen als  solche sich  zur politischen  Gesinnung  und  poli-
       tischen Verfassung verhalten und mit ihnen zusammenhängen.
       Der Übergang,  daß der  Geist "nicht  nur als diese Notwendigkeit
       und als  ein  R e i c h  d e r  E r s c h e i n u n g"  ist, son-
       dern als  "die Idealität  derselben", als die Seele dieses Reichs
       für sich  wirklich ist  und eine  besondere Existenz hat, ist gar
       kein Übergang,  denn die Seele der Familie existiert für sich als
       Liebe etc.  Die reine  Idealität einer  wirklichen Sphäre  könnte
       aber nur als  W i s s e n s c h a f t  existieren.
       Wichtig ist, daß Hegel überall die Idee zum Subjekt macht und das
       eigentliche, wirkliche  Subjekt, wie  die "politische Gesinnung",
       zum Prädikat.  Die Entwicklung geht aber immer auf Seite des Prä-
       dikats vor.
       §  268   enthält  eine  schöne  Exposition  über  die  politische
       G e s i n n u n g,   den   P a t r i o t i s m u s,   die mit der
       logischen Entwicklung  nichts  gemein  hat,  nur  daß  Hegel  sie
       "n u r"   als "Resultat der im  S t a a t e  bestehenden Institu-
       tionen, als  in welchen die Vernünftigkeit  w i r k l i c h  vor-
       handen ist",  bestimmt,  während  umgekehrt  diese  Institutionen
       ebensosehr eine  V e r g e g e n s t ä n d l i c h u n g  der po-
       litischen Gesinnung  sind. Cf.  die Anmerkung  zu diesem Paragra-
       phen.
       § 269. "Ihren besonders bestimmten  I n h a l t  nimmt die Gesin-
       nung aus  den verschiedenen  Seiten des  O r g a n i s m u s  des
       Staats. Dieser   O r g a n i s m u s   ist  die Entwickelung  der
       Idee zu ihren Unterschieden und zu deren objektiven Wirklichkeit.
       Diese unterschiedenen  Seiten sind  s  o  die    v e r s c h i e-
       d e n e n   G e w a l t e n   und deren Geschäfte und Wirksamkei-
       ten, wodurch das  A l l g e m e i n e  sich fortwährend, und zwar
       indem sie  durch die   N a t u r   d e s   B e g r i f f e s  be-
       stimmt sind,  auf    n o t w e n d i g e    Weise    h e r v o r-
       b r i n g t  und, indem es ebenso seiner Produktion vorausgesetzt
       ist, sich  erhält; -  dieser Organismus  ist  die    p o l i t i-
       s c h e  V e r f a s s u n g."
       
       #210# Karl Marx
       -----
       Die politische Verfassung ist der Organismus des Staats, oder der
       Organismus des  Staats ist die politische Verfassung. Daß die un-
       terschiedenen Seiten  eines Organismus  in einem notwendigen, aus
       der Natur des Organismus hervorgehenden Zusammenhang stehn, ist -
       reine Tautologie.  Daß, wenn  die politische Verfassung als Orga-
       nismus bestimmt ist, die verschiedenen Seiten der Verfassung, die
       verschiedenen Gewalten,  sich als organische Bestimmungen verhal-
       ten und  in einem  vernünftigen Verhältnis  zueinander stehn, ist
       ebenfalls -  Tautologie. Es ist ein großer Fortschritt, den poli-
       tischen Staat  als Organismus,  daher die Verschiedenheit der Ge-
       walten nicht  mehr als organische, sondern als lebendige und ver-
       nünftige Unterscheidung zu betrachten. Wie stellt Hegel aber die-
       sen Fund dar?
       1. "Dieser   O r g a n i s m u s  ist die Entwicklung der Idee zu
       ihren Unterschieden  und zu  deren objektiven  Wirklichkeit."  Es
       heißt nicht:  Dieser Organismus  des Staats ist seine Entwicklung
       zu Unterschieden  und zu  deren objektiven  Wirklichkeit. Der ei-
       gentliche Gedanke  ist: Die Entwicklung des Staats oder der poli-
       tischen Verfassung  zu Unterschieden  und deren  Wirklichkeit ist
       eine   o r g a n i s c h e.   Die Voraussetzung, das Subjekt sind
       die   w i r k l i c h e n    U n t e r s c h i e d e    oder  die
       v e r s c h i e d n e n     S e i t e n     d e r    p o l i t i-
       s c h e n   Verfassung. Das  Prädikat  ist  ihre  Bestimmung  als
       o r g a n i s c h.   Statt  dessen  wird  die  Idee  zum  Subjekt
       gemacht,  die   Unterschiede  und  deren  Wirklichkeit  als  ihre
       Entwicklung, ihr Resultat gefaßt, während umgekehrt aus den wirk-
       lichen Unterschieden  die Idee entwickelt werden muß. Das Organi-
       sche ist  grade die   I d e e   d e r    U n t e r s c h i e d e,
       ihre ideelle  Bestimmung. Es wird hier aber von der  I d e e  als
       einem Subjekt  gesprochen, die  sich zu  i h r e n  Unterschieden
       entwickelt. Außer  dieser Umkehrung von Subjekt und Prädikat wird
       der Schein hervorgebracht, als sei hier von einer andern Idee als
       dein Organismus  die Rede. Es wird von der abstrakten Idee ausge-
       gangen, deren  Entwicklung im  Staat  p o l i t i s c h e  V e r-
       f a s s u n g   ist. Es  handelt sich  also  nicht  von  der  po-
       litischen Idee,  sondern von  der abstrakten  Idee im politischen
       Element. Dadurch,  daß ich  sage:  "dieser  Organismus  (sc.  des
       Staats, die  politische Verfassung)  ist die Entwicklung der Idee
       zu ihren  Unterschieden etc.",  weiß ich  noch gar nichts von der
       s p e z i f i s c h e n   I d e e   der  politischen  Verfassung;
       derselbe   Satz    kann   mit    derselben   Wahrheit   von   dem
       t i e r i s c h e n     Organismus  als  von  dem    p o l i t i-
       s c h e n   ausgesagt werden. Wodurch unterscheidet sich also der
       tierische Organismus  vom  politischen?  Aus  dieser  allgemeinen
       Bestimmung geht  es nicht  hervor. Eine Erklärung, die aber nicht
       die differentia  specifica 1*)  gibt, ist   k e i n e  Erklärung.
       Das einzige  Interesse ist, "die Idee" schlechthin, die "logische
       Idee" in jedem
       -----
       1*) besondere Unterscheidung
       
       #211# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Element, sei  es des  Staates, sei  es der Natur, wiederzufinden,
       und die  wirklichen Subjekte,  wie hier  die "politische  Verfas-
       sung", werden  zu ihren bloßen  N a m e n,  so daß nur der Schein
       eines wirklichen  Erkennens vorhanden  ist. Sie  sind und bleiben
       unbegriffene, weil  nicht in  ihrem spezifischen Wesen begriffene
       Bestimmungen.
       Diese  unterschiedenen  Seiten  sind  so  die    v e r s c h i e-
       d e n e n  G e w a l t e n  und deren Geschäfte und Wirksamkeit."
       Durch das  Wörtchen "so"  wird der Schein einer Konsequenz, einer
       Ableitung und Entwicklung hervorgebracht. Man muß vielmehr fragen
       "Wie so?",  "daß die  verschiedenen  Seiten  des  Organismus  des
       Staats" die  "verschiedenen Gewalten"  sind und  "deren Geschäfte
       und Wirksamkeit",  ist eine  empirische Tatsache, daß sie Glieder
       eines "Organismus" sind, ist das philosophische "Prädikat".
       Wir machen  hier auf  eine stilistische  Eigentümlichkeit  Hegels
       aufmerksam, die  sich oft  wiederholt und  welche ein Produkt des
       Mystizismus ist. Der ganze Paragraph lautet:
       
       "Ihren besonders  bestimmten Inhalt  nimmt die  Gesinnung aus den
       verschiedenen Seiten  des Organismus des Staats. Dieser  O r g a-
       n i s m u s  ist die Entwickelung der Idee zu ihren Unterschieden
       und zu deren objektiven Wirklichkeit Diese unterschiedenen Seiten
       sind so die  v e r s c h i e d e n e n  G ew a l t e n  und deren
       Geschäfte  und   Wirksamkeiten,  wodurch   das  Allgemeine   sich
       fortwährend und zwar indem sie durch die  N a t u r  d e s   B e-
       g r i f f e s   bestimmt sind,  auf  n o t w e n d i g e   W e i-
       s e    h e r v o r b r i n g t    und,  indem  es  ebenso  seiner
       Produktion vorausgesetzt  sich  e r h ä l t;  - dieser Organismus
       ist die  p o l i t i s c h e  V e r f a s s u n g."
       1. "Ihren besonders bestimmten Inhalt nimmt die Gesinnung aus den
       verschiedenen Seiten des Organismus Staats."Diese unterschiedenen
       sind ...   v e r s c h i e d e n e n   G e w a l t e n  und deren
       Geschäfte und Wirksamkeiten."
       2. "Ihren besonders  bestimmten Inhalt nimmt die Gesinnung  a u s
       d e n   v e r s c h i e d e n e n    S e i t e n   des   O r g a-
       n i s m u s   des Staats.   D i e s e r  O r g a n i s m u s  ist
       die Entwickelung  der Idee  zu ihren  Unterschieden und  zu deren
       objektiven Wirklichkeit  ... wodurch  das Allgemeine  sich  fort-
       während,  und  zwar  indem  sie  durch  die    N a t u r    d e s
       B e g r i f f e s     bestimmt  sind,  auf    n o t w e n d i g e
       W e i s e   hervorbringt und,  indem es  ebenso seiner Produktion
       vorausgesetzt ist,  sich   e r h ä l t.  -  D i e s e r  O r g a-
       n i s m u s  ist die  p o l i t i s c h e  V e r f a s s u n g."
       
       Man sieht,  Hegel knüpft  an zwei Subjekte, an die "verschiedenen
       Seiten des  Organismus" und an den "Organismus", die weiteren Be-
       stimmungen an.  Im dritten  Satz werden die "unterschiedenen Sei-
       ten" als  die "verschiedenen  Gewalten" bestimmt.  Durch das zwi-
       schengeschobene Wort   "s o"  wird der Schein hervorgebracht, als
       seien diese "verschiedenen Gewalten" aus
       
       #212# Karl Marx
       -----
       dem Zwischensatz über den Organismus als die Entwicklung der Idee
       abgeleitet.
       Es wird  dann fortgesprochen  über die  "verschiedenen Gewalten".
       Die Bestimmung,  daß das  Allgemeine  sich  fortwährend  "hervor-
       bringt" und  sich dadurch erhält, ist nichts Neues, denn es liegt
       schon in  ihrer  Bestimmung  als  "Seiten  des  Organismus",  als
       "organische" Seiten.  Oder vielmehr  diese Bestimmung  der  "ver-
       schiedenen Gewalten"  ist nichts als eine Umschreibung davon, daß
       der Organismus  ist "die  Entwicklung der  Idee zu  ihren  Unter-
       schieden etc.".
       Die Sätze: Dieser Organismus ist "die Entwicklung der Idee zu ih-
       ren Unterschieden  und zu  deren objektiven Wirklichkeit" oder zu
       Unterschieden, wodurch  "das Allgemeine" (das Allgemeine ist hier
       dasselbe wie  die Idee)  "sich fortwährend,  und zwar  indem  sie
       durch die   N a t u r   d e s   B e g r i f f e s  bestimmt sind,
       erhält, auf   n o t w e n d i g e  Weise  h e r v o r b r i n g t
       und, indem  es ebenso  seiner Produktion  vorausgesetzt ist, sich
       e r h ä l t",   sind identisch. Der letztere ist bloß eine nähere
       Explikation über  "die Entwicklung  der Idee zu ihren Unterschie-
       den". Hegel  ist dadurch noch keinen Schritt über den allgemeinen
       Begriff "der Idee" und höchstens des "Organismus" überhaupt (denn
       eigentlich handelt  es sich  nur von dieser bestimmten Idee) hin-
       ausgekommen. Wodurch  wird er  also  zum  Schlußsatz  berechtigt:
       "Dieser Organismus  ist die  politische Verfassung"? Warum nicht:
       "Dieser Organismus  ist das Sonnensystem"? Weil er "die verschie-
       denen Seiten  des Staats" später als die "verschiedenen Gewalten"
       bestimmt hat.  Der Satz, daß "die verschiedenen Seiten des Staats
       die verschiedenen  Gewalten sind",  ist eine  empirische Wahrheit
       und kann  für keine  philosophische Entdeckung ausgegeben werden,
       ist auch  auf keine Weise als Resultat einer früheren Entwicklung
       hervorgegangen.  Dadurch,   daß  aber   der  Organismus  als  die
       "Entwicklung  d e r  Idee" bestimmt, von den Unterschieden  d e r
       Idee gesprochen,  dann das  Konkretum der  "verschiedenen    G e-
       w a l t e n"  eingeschoben wird, kommt der Schein herein, als sei
       ein   b e s t i m m t e r  Inhalt entwickelt worden. An den Satz:
       "Ihren besonders  bestimmten Inhalt  nimmt die  Gesinnung aus den
       verschiedenen   Seiten    des      O r g a n i s m u s      d e s
       S t a a t s",  dürfte Hegel nicht anknüpfen:  "d i e s e r  Orga-
       nismus , sondern  "d e r  Organismus ist die Entwicklung der Idee
       etc.". Wenigstens  gilt das,  was er  sagt, von jedem Organismus,
       und  es   ist  kein   Prädikat  vorhanden,  wodurch  das  Subjekt
       "d i e s e r"  gerechtfertigt würde. Das eigentliche Resultat, wo
       er hin will, ist zur Bestimmung des  O r g a n i s m u s  als der
       p o l i t i s c h e n   V e r f a s s u n g.   Es ist  aber keine
       Brücke geschlagen,   w o d u r c h   m a n   a u s  d e r  a l l-
       g e m e i n e n   I d e e  d e s  O r g a n i s m u s  z u  d e r
       b e s t i m m t e n     I d e e     d e s    S t a a t s o r g a-
       n i s m u s   o d e r    d e r    p o l i t i s c h e n    V e r-
       f a s s u n g   käme, und es wird in Ewigkeit keine solche Brücke
       geschlagen
       
       #213# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       werden können.  In dem  Anfangssatz wird gesprochen von "den ver-
       schiedenen Seiten des Staatsorganismus", die später als "die ver-
       schiedenen Gewalten"  bestimmt werden.  Es wird also bloß gesagt:
       "D i e     v e r s c h i e d e n e n     G e w a l t e n    d e s
       S t a a t s o r g a n i s m u s"   o d e r   "d e r  S t a a t s-
       o r g a n i s m u s  d e r  v e r s c h i e d e n e n  G e w a l-
       t e n"   ist -  die   "p o l i t i s c h e   V e r f a s s u n g"
       des   S t a a t s.   Nicht aus  dem "Organismus"   "d e r  Idee",
       ihren  "Unterschieden"  etc.,  sondern  aus  dem  vorausgesetzten
       Begriff "verschiedene  Gewalten",   "S t a a t s organismus"  ist
       die Brücke zur  "p o l i t i s c h e n  Verfassung" geschlagen.
       Der Wahrheit  nach hat  Hegel nichts  getan, als  die "politische
       Verfassung" in  die allgemeine  abstrakte Idee  des  "Organismus"
       aufgelöst, aber  dem Schein und seiner eignen Meinung nach hat er
       aus der  "allgemeinen Idee"  das Bestimmte  entwickelt. Er hat zu
       einem Produkt,  einem Prädikat  der Idee gemacht, was ihr Subjekt
       ist. Er  entwickelt sein Denken nicht aus dem Gegenstand, sondern
       den Gegenstand  nach einem  mit sich fertig und in der abstrakten
       Sphäre der  Logik mit  sich fertig  gewordnen Denken.  Es handelt
       sich nicht  darum, die  bestimmte Idee der politischen Verfassung
       zu entwickeln,  sondern es  handelt sich  darum, der  politischen
       Verfassung ein  Verhältnis zur  abstrakten Idee zu geben, sie als
       ein Glied  ihrer Lebensgeschichte  (der Idee)  zu rangieren, eine
       offenbare Mystifikation.
       Eine andre  Bestimmung  ist,  daß  die  "verschiedenen  Gewalten"
       "durch die  N a t u r  d e s  B e g r i f f s  bestimmt sind" und
       darum das Allgemeine sie "auf  n o t w e n d i g e  Weise hervor-
       bringt". Die  verschiedenen Gewalten  sind also  nicht durch ihre
       "eigne Natur" bestimmt, sondern durch eine fremde. Ebenso ist die
       Notwendigkeit nicht  aus ihrem eignen Wesen geschöpft, noch weni-
       ger kritisch  bewiesen. Ihr  Schicksal ist vielmehr prädestiniert
       durch die  "Natur des  Begriffs", versiegelt  in der  Santa  Casa
       [140] (der  Logik) heiligen Registern. Die Seele der Gegenstände,
       hier des  Staats, ist fertig, prädestiniert vor ihrem Körper, der
       eigentlich nur  Schein ist.  Der "Begriff"  ist der  Sohn in  der
       "Idee", dem  Gott Vater,  das agens , das determinierende, unter-
       scheidende Prinzip.  "Idee" und  "Begriff" sind hier verselbstän-
       digte Abstraktionen.
       
       "§ 270.  Daß der  Zweck des  Staates das allgemeine Interesse als
       solches und darin als ihrer Substanz die Erhaltung der besonderen
       Interessen ist, ist 1. seine  a b s t r a k t e  W i r k l i c h-
       k e i t   oder Substantialität;  aber sie  ist 2.  seine   N o t-
       w e n d i g k e i t,     als  sie   sich  in   die      Begriffs-
       u n t e r s c h i e d e  seiner Wirksamkeit dirimiert 1*), welche
       durch  jene   Substantialität   ebenso   wirkliche      f e s t e
       Bestimmungen,  G e w a l t e n  sind; 3. eben diese Substantiali-
       tät ist  aber der  als durch  die   F o r m  d e r  B i l d u n g
       h i n d u r c h g e g a n g n e  sich wissende und wollende
       -----
       1*) scheidet
       
       #214# Karl Marx
       -----
       Geist. Der  Staat   w e i ß   daher, was  er will, und weiß es in
       seiner   A l l g e m e i n h e i t,   als  G e d a c h t e s;  er
       wirkt und  handelt  deswegen  nach  gewußten  Zwecken,  gekannten
       Grundsätzen und  nach Gesetzen,  die es  nicht  n u r  a n  sich,
       sondern fürs Bewußtsein sind; und ebenso, insofern seine Handlun-
       gen sich  auf vorhandene Umstände und Verhältnisse beziehen, nach
       der bestimmten Kenntnis derselben."
       
       (Die Anmerkung  zu diesem  Paragraphen über  das  Verhältnis  von
       Staat und Kirche später.)
       Die Anwendung  dieser logischen Kategorien verdient ein ganz spe-
       zielles Eingehen.
       
       "Daß der   Z w e c k   des Staates das  a l l g e m e i n e  I n-
       t e r e s s e   als solches  und darin  als  ihrer  Substanz  die
       Erhaltung der  besonderen Interessen  ist, ist  1.  seine    a b-
       s t r a k t e  W i r k l i c h k e i t  oder Substantialität."
       
       Daß das  allgemeine Interesse als solches und als Bestehn der be-
       sondern Interessen  S t a a t s z w e c k  ist, ist - seine Wirk-
       lichkeit, sein  Bestehn, abstrakt  definiert. Der Staat ist nicht
       wirklich ohne  diesen Zweck.  Es ist  dies das wesentliche Objekt
       seines Wollens, aber zugleich nur eine ganz allgemeine Bestimmung
       dieses Objekts.  Dieser Zweck  als Sein  ist das  Element des Be-
       stehns für den Staat.
       
       "Aber sie"  (die abstrakte Wirklichkeit, Substantialität) "ist 2.
       seine   N o t w e n d i g k e i t,   als sie  sich in  die    Be-
       griffsu n t e r s c h i e d e  seiner Wirksamkeit dirimiert, wel-
       che durch  jene Substantialität ebenso wirkliche feste Bestimmun-
       gen, Gewalten sind."
       
       Sie (die  abstrakte Wirklichkeit,  die Substantialität) ist seine
       (des Staats)   N o t w e n d i g k e i t,  als seine Wirklichkeit
       sich in   u n t e r s c h i e d e n e   W i r k s a m k e i t e n
       teilt, deren Unterschied ein vernünftig bestimmter, die dabei fe-
       ste Bestimmungen sind. Die abstrakte Wirklichkeit des Staats, die
       Substantialität desselben  ist Notwendigkeit,  insofern der reine
       Staatszweck und  das reine  Bestehn des Ganzen nur in dem Bestehn
       der unterschiedenen Staatsgewalten realisiert ist.
       Versteht sich:  die  erste  Bestimmung  seiner  Wirklichkeit  war
       a b s t r a k t;  der Staat kann nicht als einfache Wirklichkeit,
       er muß  als Wirksamkeit,  als eine  unterschiedne Wirksamkeit be-
       trachtet werden.
       
       "Seine  a b s t r a k t e  W i r k l i c h k e i t  oder Substan-
       tialität [...]  ist seine   N o t w e n d i g k e i t,   als  sie
       sich in  die Begriffsunterschiede  seiner Wirksamkeit  dirimiert,
       welche durch jene  S u b s t a n t i a l i t ä t ebenso wirkliche
       feste Bestimmungen, Gewalten sind."
       
       Das Substantialitätsverhältnis ist Notwendigkeitsverhältnis; d.h.
       die Substanz  erscheint geteilt  in selbständige, aber wesentlich
       bestimmte   W i r k l i c h k e i t e n    oder    W i r k s a m-
       k e i t e n.  Diese Abstraktionen werde ich auf jede Wirklichkeit
       anwenden können.  Insofern ich  den Staat zuerst unter dem Schema
       der "abstrakten",  werde ich  ihn nachher  unter dem  Schema  der
       "konkreten
       
       #215# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Wirklichkeit", der  "Notwendigkeit", des  erfüllten  Unterschieds
       betrachten müssen.
       
       3. "Eben diese  Substantialität ist  aber der  als durch    d i e
       F o r m   d e r  B i l d u n g  h i n d u r c h g e g a n g e n e
       sich wissende  und wollende Geist. Der Staat  w e i ß  daher, was
       er will,  und weiß  es in seiner  A l l g e m e i n h e i t,  als
       G e d a c h t e s;   er wirkt  und handelt deswegen nach gewußten
       Zwecken, gekannten  Grundsätzen, und  nach Gesetzen, die es nicht
       nur   a n   s i c h,   sondern fürs  Bewußtsein sind; und ebenso,
       insofern seine  Handlungen sich  auf vorhandene Umstände und Ver-
       hältnisse beziehen, nach der bestimmten Kenntnis derselben."
       
       Übersetzen wir nun diesen ganzen Paragraphen zu deutsch. Also:
       1. Der sich   w i s s e n d e   u n d  w o l l e n d e  G e i s t
       ist  die   Substanz  des   Staates;  (der      g e b i l d e t e,
       s e l b s t b e w u ß t e   Geist ist  das Subjekt und das Funda-
       ment, ist die Selbständigkeit des Staats).
       2.  D a s   a l l g e m e i n e   I n t e r e s s e   u n d   i n
       i h m   d i e   E r h a l t u n g  d e r  b e s o n d e r n  I n-
       t e r e s s e n   ist der  allgemeine  Zweck  und  Inhalt  dieses
       Geistes, die  seiende Substanz  des Staats,  die Staatsnatur  des
       sich wissenden und wollenden Geistes.
       3. Die   V e r w i r k l i c h u n g   dieses abstrakten  Inhalts
       erreicht der sich wissende und wollende Geist, der selbstbewußte,
       gebildete Geist  nur  als  eine  unterschiedene    W i r k s a m-
       k e i t,   als das  Dasein  v e r s c h i e d e n e r  G e w a l-
       t e n,  als eine  g e g l i e d e r t e  M a c h t.
       Über die Hegelsche Darstellung ist zu bemerken:
       a) Zu   S u b j e k t e n  werden gemacht: die  a b s t r a k t e
       W i r k l i c h k e i t,   die   N o t w e n d i g k e i t  (oder
       der  substantielle   Unterschied),  die      S u b s t a n t i a-
       l i t ä t;  also die  a b s t r a k t l o g i s c h e n  K a t e-
       g o r i e n.    Zwar  werden  die  "abstrakte  Wirklichkeit"  und
       "Notwendigkeit", als   "s e i n e",  des Staats, Wirklichkeit und
       Notwendigkeit bezeichnet, allein 1. ist  "s i e",  "die abstrakte
       Wirklichkeit" oder  "Substantialität",  s e i n e  Notwendigkeit.
       2.   S i e   ist es, "die sich in die Begriffsunterschiede seiner
       Wirksamkeit dirimiert".  Die "Begriffsunterschiede"  sind  "durch
       jene Substantialität  ebenso wirkliche  f e s t e"  Bestimmungen,
       G e w a l t e n.   3, wird  die "Substantialität"  nicht mehr als
       eine abstrakte  Bestimmung des Staats, als  "s e i n e"  Substan-
       tialität genommen;  sie wird als solche zum Subjekt gemacht, denn
       es heißt  schließlich: "eben diese  S u b s t a n t i a l i t ä t
       ist aber  der durch  die Form der Bildung hindurchgegangene, sich
       wissende und wollende Geist".
       b) Es wird  auch schließlich  nicht gesagt:  "der gebildete  etc.
       Geist ist  die Substantialität", sondern umgekehrt: "die Substan-
       tialität ist  der gebildete  etc. Geist". Der Geist wird also zum
       Prädikat seines Prädikates.
       c) Die Substantialität, nachdem sie 1. als der allgemeine Staats-
       zweck, dann  2. als  die unterschiedenen  Gewalten bestimmt  war,
       wird  3.   als  der   gebildete,  sich   wissende  und  wollende,
       w i r k l i c h e  Geist bestimmt. Der wahre
       
       #216# Karl Marx
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       Ausgangspunkt, der sich wissende und wollende Geist, ohne welchen
       der "Staatszweck"  und die  "Staatsgewalten" haltungslose Einbil-
       dungen, essenzlose,  sogar unmögliche Existenzen wären, erscheint
       nur als  das  l e t z t e  Prädikat der Substantialität, die vor-
       her schon  als   a l l g e m e i n e r   Z w e c k   und als  die
       v e r s c h i e d e n e n   S t a a t s g e w a l t e n  bestimmt
       war. Wäre  von dem   w i r k l i c h e n   G e i s t  ausgegangen
       worden, so  war der "allgemeine Zweck" sein Inhalt, die verschie-
       denen  Gewalten   seine  Weise,   sich  zu   verwirklichen,  sein
       r e e l l e s   oder   m a t e r i e l l e s   Dasein, deren  Be-
       stimmtheit eben  aus der Natur seines Zweckes zu entwickeln gewe-
       sen wäre.  Weil aber  von der  "Idee" oder der "Substanz" als dem
       Subjekt, dem  wirklichen Wesen ausgegangen wird, so erscheint das
       w i r k l i c h e     S u b j e k t     nur  als    l e t z t e s
       P r ä d i k a t  des abstrakten Prädikates.
       Der "Staatszweck"  und die  "Staatsgewalten" werden mystifiziert,
       indem sie  als "Daseinsweisen" der "Substanz" dargestellt und ge-
       trennt ihrem wirklichen Dasein, dem "sich wissenden und wollenden
       Geist, dem gebildeten Geist" erscheinen.
       d) Der konkrete  Inhalt, die  wirkliche Bestimmung, erscheint als
       formell; die ganz abstrakte Formbestimmung erscheint als der kon-
       krete Inhalt.  Das Wesen  der staatlichen Bestimmungen ist nicht,
       daß sie  staatliche Bestimmungen,  sondern daß  sie in  ihrer ab-
       straktesten Gestalt  als logisch-metaphysische  Bestimmungen  be-
       trachtet werden  können. Nicht die Rechtsphilosophie, sondern die
       Logik ist das wahre Interesse. Nicht daß das Denken sich in poli-
       tischen Bestimmungen  verkörpert, sondern daß die vorhandenen po-
       litischen Bestimmungen in abstrakte Gedanken verflüchtigt werden,
       ist die philosophische Arbeit. Nicht die Logik der Sache, sondern
       die Sache  der Logik  ist das  philosophische Moment.  Die  Logik
       dient nicht  zum Beweis  des Staats,  sondern der Staat dient zum
       Beweis der Logik.
       1. Das allgemeine  Interesse und darin die Erhaltung der besonde-
       ren Interessen als  S t a a t s z w e c k;
       2. die verschiedenen  Gewalten als    V e r w i r k l i c h u n g
       dieses Staatszwecks;
       3. der gebildete, selbstbewußte, wollende und handelnde Geist als
       das  S u b j e k t  des Zwecks und seiner Verwirklichung.
       Diese konkreten  Bestimmungen sind  äußerlich  aufgenommen,  hors
       d'oeuvres Nebensache; ihr philosophischer Sinn ist, daß der Staat
       in ihnen den logischen Sinn hat:
       1. als abstrakte Wirklichkeit oder Substantialität;
       2. daß das  Substantialitätsverhältnis in das Verhältnis der Not-
       wendigkeit, der substantiellen Wirklichkeit übergeht;
       3. daß die substantielle Wirklichkeit in Wahrheit  B e g r i f f,
       S u b j e k t i v i t ä t  ist.
       Mit Auslassung  der konkreten  Bestimmungen, welche ebensogut für
       eine
       
       #217# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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       andere Sphäre, z.B. die Physik, mit andern konkreten Bestimmungen
       vertauscht werden  können, also  unwesentlich sind, haben wir ein
       K a p i t e l  d e r  L o g i k  vor uns.
       Die Substanz muß "sich in Begriffsunterschiede dirimieren, welche
       durch jene  Substantialität ebenso wirkliche,  f e s t e  Bestim-
       mungen sind".  Dieser Satz  - das  Wesen gehört der Logik und ist
       vor der  Rechtsphilosophie fertig. Daß diese Begriffsunterschiede
       hier Unterschiede  "seiner" (des  Staats) "Wirksamkeit"  und  die
       "festen Bestimmungen" "Staatsgewalten" sind, diese Parenthese ge-
       hört der  Rechtsphilosophie, der  politischen Empirie. So ist die
       ganze Rechtsphilosophie  nur Parenthese zur Logik. Die Parenthese
       ist, wie  sich von selbst versteht, nur hors d'oeuvre der eigent-
       lichen Entwicklung. Cf. zum Beispiel p. 347:
       
       "Die Notwendigkeit  besteht darin, daß das Ganze in die Begriffs-
       unterschiede dirimiert  sei und  daß dieses Dirimierte eine feste
       und aushaltende  Bestimmtheit abgehe, die nicht totfest ist, son-
       dern in der Auflösung sich immer erzeugt." Cf. auch die Logik.
       
       "§ 271.  Die politische  Verfassung ist  f ü r s  e r s t e:  die
       Organisation des Staates und der Prozeß seines organischen Lebens
       i n   B e z i e h u n g  a u f  s i c h  s e l b s t,  in welcher
       er seine  Momente innerhalb  seiner selbst  unterscheidet und sie
       zum B e s t e h e n  entfaltet.
       Z w e i t e n s  ist   er  als   eine  Individualität      a u s-
       s c h l i e ß e n d e s   Eins, welches  sich  damit  zu  Anderen
       verhält, seine Unterscheidung also  n a c h  A u ß e n  kehrt und
       nach dieser  Bestimmung seine  bestehenden Unterschiede innerhalb
       seiner selbst in ihrer Idealität setzt."
       Z u s a t z:     "Der  innerliche   Staat  als  solcher  ist  die
       Z i v i l g e w a l t,   die Richtung  nach Außen  die   M i l i-
       t ä r g e w a l t,   die aber  im Staate  eine bestimmte Seite in
       ihm selbst ist."
       
       I. Innere Verfassung für sich
       
       "§ 272.  Die Verfassung  ist vernünftig, insofern der Staat seine
       Wirksamkeit   n a c h   d e r   N a t u r  d e s  B e g r i f f s
       in sich  unterscheidet und  bestimmt, und  zwar so,  daß  j e d e
       dieser   G e w a l t e n   selbst in  sich die  T o t a l i t ä t
       dadurch ist,  daß sie die anderen Momente in sich wirksam hat und
       enthält, und  daß sie, weil sie den Unterschied des Begriffs aus-
       drücken, schlechthin  in seiner  Idealität bleiben und nur  E i n
       i n d i v i d u e l l e s  Ganzes ausmachen."
       
       Die Verfassung ist also vernünftig, insofern seine Momente in die
       abstrakt logischen  aufgelöst werden  können. Der Staat hat seine
       Wirksamkeit nicht nach seiner spezifischen Natur zu unterscheiden
       und zu  bestimmen, sondern  nach der  Natur des Begriffs, welcher
       das mystifizierte  Mobile des  abstrakten Gedankens ist. Die Ver-
       nunft der Verfassung ist also die abstrakte Logik und
       
       #218# Karl Marx
       -----
       nicht der Staatsbegriff. Statt des Begriffs der Verfassung erhal-
       ten wir  die Verfassung  des Begriffs.  Der Gedanke  richtet sich
       nicht nach  der Natur  des Staats,  sondern der  Staat nach einem
       fertigen Gedanken.
       
       "§ 273.  Der politische  Staat dirimiert sich somit" (wieso?) "in
       die substantiellen Unterschiede;
       a) die Gewalt,  das Allgemeine zu bestimmen und festzusetzen, die
       g e s e t z g e b e n d e  Gewalt;
       b) der Subsumtion der  b e s o n d e r e n  Sphären und einzelnen
       Fälle  unter  das  Allgemeine  -  die    R e g i e r u n g s g e-
       w a l t;
       c) der   S u b j e k t i v i t ä t   als der  letzten Willensent-
       scheidung, die   f ü r s t l i c h e   G e w a l t  -, in der die
       unterschiedenen Gewalten zur individuellen Einheit zusammengefaßt
       sind, die  also die  Spitze und  der Anfang  des  Ganzen  -,  der
       k o n s t i t u t i o n e l l e n  M o n a r c h i e,  ist."
       
       Wir werden  auf diese  Einteilung zurückkommen,  nachdem wir ihre
       Ausführung im besonderen geprüft.
       
       "§ 274. Da der  G e i s t  nur als das  w i r k l i c h  ist, als
       was er  sich weiß,  und der Staat als Geist eines Volkes zugleich
       das   a l l e   s e i n e   V e r h ä l t n i s s e    d u r c h-
       d r i n g e n d e   Gesetz, die  Sitte und  das Bewußtsein seiner
       Individuen ist,  so hängt  die Verfassung eines bestimmten Volkes
       überhaupt von  der   W e i s e    u n d    B i l d u n g    d e s
       S e l b s t b e w u ß t s e i n s   d e s s e l b e n   a b;   in
       diesem  liegt   seine   subjektive   Freiheit   und   damit   die
       W i r k l i c h k e i t   d e r   V e r f a s s u n g...    Jedes
       Volk hat  deswegen die Verfassung, die ihm angemessen ist und für
       dasselbe gehört."
       Aus Hegels Räsonnement folgt nur, daß der Staat, worin "Weise und
       Bildung des  Selbstbewußtseins" und  "Verfassung" sich widerspre-
       chen, kein  wahrer Staat ist. Daß die Verfassung, welche das Pro-
       dukt eines  vergangnen Bewußtseins war, zur drückenden Fessel für
       ein fortgeschrittnes werden kann etc. etc., sind wohl Trivialitä-
       ten. Es  würde vielmehr  nur die  Forderung einer Verfassung fol-
       gern, die  in sich selbst die Bestimmung und das Prinzip hat, mit
       dem Bewußtsein  fortzuschreiten; fortzuschreiten  mit dem wirkli-
       chen Menschen,  was erst  möglich ist,  sobald der  "Mensch"  zum
       Prinzip der Verfassung geworden ist. Hegel hier  S o p h i s t.
       
       a) Die fürstliche Gewalt
       
       "§ 275. Die fürstliche Gewalt enthält selbst die drei Momente der
       Totalität in  sich, die  Allgemeinheit der Verfassung und der Ge-
       setze, die  Beratung als  Beziehung des  Besondern auf das Allge-
       meine und  das Moment  der letzten Entscheidung als der Selbstbe-
       stimmung, in  welche alles Übrige zurückgeht und wovon es den An-
       fang der  Wirklichkeit  nimmt.  Dieses  absolute  Selbstbestimmen
       macht das unterscheidende Prinzip der fürstlichen Gewalt als sol-
       cher aus, welches zuerst zu entwickeln ist."
       
       #219#
       -----
       Seite aus Marx' Handschrift "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphi-
       losophie"
       
       #220#
       -----
       
       #221# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Der Anfang  dieses Paragraphen  heißt zunächst  nichts als:  "die
       Allgemeinheit  der   Verfassung  und  der  Gesetze"  sind  -  die
       f ü r s t l i c h e  G e w a l t;  die  B e r a t u n g  oder die
       Beziehung des   B e s o n d e r n   auf  das Allgemeine ist - die
       f ü r s t l i c h e   G e w a l t.   Die fürstliche  Gewalt steht
       nicht außerhalb der Allgemeinheit der Verfassung und der Gesetze,
       sobald  unter   der  fürstlichen   Gewalt   die   des   Monarchen
       (konstitutionellen) verstanden ist.
       Was  Hegel   aber  eigentlich   will,  ist  nichts  als  daß  die
       "Allgemeinheit der  Verfassung und  der Gesetze" - die fürstliche
       Gewalt, die Souveränität des Staats ist. Es ist dann unrecht, die
       f ü r s t l i c h e   G e w a l t   zum  S u b j e k t  zu machen
       und, da unter fürstlicher Gewalt auch die Gewalt des Fürsten ver-
       standen werden  kann, den Schein hervorzubringen, als sei er Herr
       dieses Moments;  das  Subjekt  desselben.  Doch  wenden  wir  uns
       zunächst  zu  dem,  was  Hegel  als  "das    u n t e r s c h e i-
       d e n d e     P r i n z i p      d e r      f ü r s t l i c h e n
       G e w a l t   a l s   s o l c h e r"   ausgibt, so  ist es:  "das
       Moment  der  letzten  Entscheidung,  als  der    S e l b s t b e-
       s t i m m u n g,   in welche alles Übrige zurückgeht und wovon es
       den Anfang  der Wirklichkeit  nimmt", dieses:  "absolute  Selbst-
       bestimmen".
       Hegel sagt hier nichts als: der  w i r k l i c h e,  d.h. indivi-
       duelle Wille ist die  f ü r s t l i c h e  G e w a l t.  So heißt
       es § 12:
       "Daß der  Wille sich  ... die Form der  E i n z e l h e i t  gibt
       [...] ist  er beschließend,  und  nur  als  beschließender  Wille
       [überhaupt] ist er  w i r k l i c h e r  Wille."
       Insofern  dies   Moment  der   "letzten  Entscheidung"  oder  der
       "absoluten Selbstbestimmung" getrennt ist von der "Allgemeinheit"
       des Inhalts  und  der  Besonderheit  der  Beratung,  ist  es  der
       w i r k l i c h e  W i l l e  als  W i l l k ü r.  Oder:
       "Die   W i l l k ü r   ist die  fürstliche  Gewalt",  oder:  "Die
       fürstliche Gewalt ist die Willkür".
       
       "§ 276.  Die Grundbestimmung  des politischen Staats ist die sub-
       stantielle Einheit  als   I d e a l i t ä t   seiner Momente,  in
       welcher:
       alpha) die besonderen  Gewalten und  Geschäfte  desselben  ebenso
       aufgelöst als  erhalten und  nur so  erhalten sind, als sie keine
       unabhängige, sondern  allein eine  solche und so weit gehende Be-
       rechtigung haben,  als   i n   d e r  I d e e  d e s  G a n z e n
       bestimmt ist,   v o n  s e i n e r  M a c h t  ausgehen und flüs-
       sige Glieder desselben als ihres einfachen Selbsts sind."
       Z u s a t z:   "Mit dieser  Idealität der  Momente ist es wie mit
       dem Leben im organischen Körper."
       
       Versteht sich:  Hegel spricht nur von der Idee "der besondern Ge-
       walten und  Geschäfte"... Sie sollen nur eine so weit gehende Be-
       rechtigung haben,  als in  der Idee  des Ganzen bestimmt ist; sie
       sollen nur  "von seiner  Macht ausgehen".  Daß dies so sein soll,
       liegt in der Idee  d e s  O r g a n i s m u s.  Es wäre aber eben
       zu entwickeln  gewesen, wie  dies zu bewerkstelligen ist. Denn im
       Staat
       
       #222# Karl Marx
       -----
       muß   b e w u ß t e   V e r n u n f t   herrschen;  die    s u b-
       s t a n t i e l l e   bloß innere  und  darum  bloß  äußere  Not-
       wendigkeit, die  zufällige [...] 1*) der "Gewalten und Geschäfte"
       kann nicht für das Vernünftige ausgegeben werden.
       
       "§ 277.  beta) "Die  besonderen Geschäfte  und Wirksamkeiten  des
       Staats sind  als die wesentlichen Momente desselben  i h m  eigen
       und an die  I n d i v i d u e n,  durch welche sie gehandhabt und
       betätigt werden,  nicht nach  deren unmittelbaren Persönlichkeit,
       sondern nur  nach ihren allgemeinen und objektiven Qualitäten ge-
       knüpft und  daher mit  der besonderen  Persönlichkeit als solcher
       äußerlicher- und  zufälligerweise verbunden.  Die Staatsgeschäfte
       und Gewalten  können  daher  nicht    P r i v a t e i g e n t u m
       sein."
       
       Es versteht  sich von  selbst, daß,  wenn  b e s o n d e r e  Ge-
       schäfte und  Wirksamkeiten als  Geschäfte und  Wirksamkeit  d e s
       S t a a t s,      als      S t a a t s g e s c h ä f t e      und
       S t a a t s g e w a l t   bezeichnet werden,  sie nicht    P r i-
       v a t e i g e n t u m,     sondern    S t a a t s e i g e n t u m
       sind. Das ist eine Tautologie.
       Die Geschäfte und Wirksamkeiten des Staats sind an Individuen ge-
       knüpft (der  Staat ist  nur wirksam durch Individuen), aber nicht
       an  das   Individuum  als    p h y s i s c h e s,    sondern  als
       s t a a t l i c h e s,   an die  S t a a t s q u a l i t ä t  des
       Individuums. Es  ist daher lächerlich, wenn Hegel sagt, sie seien
       "mit  der   besonderen  Persönlichkeit     a l s    s o l c h e r
       ä u ß e r l i c h e r-     u n d    z u f ä l l i g e r w e i s e
       verbunden". Sie  sind vielmehr durch ein  v i n c u l u m  s u b-
       s t a n t i a l e     2*),  durch   eine   wesentliche   Qualität
       desselben, mit ihm verbunden. Sie sind die natürliche Aktion sei-
       ner wesentlichen Qualität. Es kömmt dieser Unsinn dadurch herein,
       daß Hegel die Staatsgeschäfte und Wirksamkeiten abstrakt für sich
       und im  Gegensatz dazu die besondere Individualität faßt; aber er
       vergißt, daß  die besondere  Individualität eine  menschliche und
       die  Staatsgeschäfte  und  Wirksamkeiten  menschliche  Funktionen
       sind; er  vergißt, daß  das Wesen der "besonderen Persönlichkeit"
       nicht ihr  Bart, ihr  Blut, ihre  abstrakte Physis,  sondern ihre
       s o z i a l e   Q u a l i t ä t  ist, und daß die Staatsgeschäfte
       etc. nichts als Daseins- und Wirkungsweisen der sozialen Qualitä-
       ten des Menschen sind. Es versteht sich also, daß die Individuen,
       insofern sie  die Träger  der Staatsgeschäfte  und Gewalten sind,
       ihrer sozialen  und nicht ihrer privaten Qualität nach betrachtet
       werden.
       "§ 278.  Diese beiden  Bestimmungen, daß die besonderen Geschäfte
       und Gewalten  des Staats  weder für  sich noch  in dem besonderen
       Willen von  Individuen selbständig  und fest sind, sondern in der
       E i n h e i t   d e s   S t a a t s  als ihrem  e i n f a c h e n
       S e l b s t   ihre letzte  Wurzel haben,  macht die    S o u v e-
       r ä n i t ä t  d e s  S t a a t s  aus."
       -----
       1*) Undeutliches  Wort, etwa: Verschränkung, oder Verschlingung -
       2*) eine wesentliche Verbindung
       
       #223# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       "Der Despotismus  bezeichnet überhaupt  den Zustand der Gesetzlo-
       sigkeit, wo  der besondere  Wille als  solcher, es  sei nun eines
       Monarchen oder  eines Volks  [...] als Gesetz oder vielmehr statt
       des Gesetzes gilt, da hingegen die Souveränität gerade im gesetz-
       lichen, konstitutionellen  Zustande das  Moment der Idealität der
       besondern Sphären und Geschäfte ausmacht, daß nämlich eine solche
       Sphäre nicht  ein Unabhängiges, in ihren Zwecken und Wirkungswei-
       sen Selbständiges  und sich  nur in sich Vertiefendes, sondern in
       diesen  Zwecken   und  Wirkungsweisen   vom    Z w e c k e    des
       G a n z e n   (den man  im allgemeinen  mit einem  unbestimmteren
       Ausdrucke das  W o h l  d e s  S t a a t s  genannt hat) bestimmt
       und abhängig  sei. Diese Idealität kommt auf die gedoppelte Weise
       zur Erscheinung.  - Im  f r i e d l i c h e n  Zustande gehen die
       besonderen Sphären  und Geschäfte den Gang der Befriedigung ihrer
       besonderen Geschäfte  [...] fort,  und es ist teils nur die Weise
       der bewußtlosen   N o t w e n d i g k e i t  der Sache, nach wel-
       cher ihre  Selbstsucht in den Beitrag zur gegenseitigen Erhaltung
       und zur  Erhaltung des  Ganzen   u m s c h l ä g t   [...], teils
       aber ist  es die   d i r e k t e   E i n w i r k u n g  von oben,
       wodurch sie sowohl zu dem Zwecke des Ganzen fortdauernd zurückge-
       führt und darnach beschränkt [...] als angehalten werden, zu die-
       ser  Erhaltung   direkte   Leistungen   zu   machen;   -      i m
       Z u s t a n d e  d e r  N o t  aber, es sei innerer oder äußerli-
       cher, ist  es die  Souveränität, in  deren einfachen  Begriff der
       dort in  seinen Besonderheiten bestehende Organismus zusammengeht
       und welcher  die Rettung  des Staats mit Aufopferung dieses sonst
       Berechtigten anvertraut  ist, wo  denn jener  I d e a l i s m u s
       zu seiner  e i g e n t ü m l i c h e n  Wirklichkeit kommt."
       
       Dieser Idealismus  ist also  nicht entwickelt  zu einem gewußten,
       vernünftigen System.  Er erscheint im  f r i e d l i c h e n  Zu-
       stande entweder nur als ein äußerlicher Zwang, der der herrschen-
       den Macht,  dem Privatleben  durch "direkte  Einwirkung von oben"
       angetan wird,  oder als  blindes ungewußtes  Resultat der Selbst-
       sucht. Seine  "eigentümliche Wirklichkeit"  hat dieser Idealismus
       nur im  "Kriegs- oder  Notzustand" des  Staats, so  daß sich hier
       sein Wesen  als "Kriegs- und Notzustand" des wirklichen bestehen-
       den Staats ausspricht, während sein  "f r i e d l i c h e r"  Zu-
       stand eben der Krieg und die Not der Selbstsucht ist.
       Die   S o u v e r ä n i t ä t,   der Idealismus  des Staats, exi-
       stiert daher  nur als   i n n e r e  Notwendigkeit: als  I d e e.
       Auch damit  ist Hegel  zufrieden, denn es handelt sich nur um die
       Idee.  Die   Souveränität  existiert   also  einerseits  nur  als
       b e w u ß t l o s e,   b l i n d e   S u b s t a n z.  Wir werden
       sogleich ihre andere Wirklichkeit kennenlernen.
       
       "§ 279.  Die Souveränität,  zunächst nur der  a l l g e m e i n e
       Gedanke dieser  Idealität,   e x i s t i e r t  nur als die ihrer
       selbst gewisse  S u b j e k t i v i t ä t  und als die abstrakte,
       insofern grundlose  S e l b s t b e s t i m m u n g  des Willens,
       in welcher das Letzte der Entscheidung liegt. Es ist dies das In-
       dividuelle  des   Staats  als   solches,  der  selbst  nur  darin
       E i n e r   ist. Die Subjektivität aber ist in ihrer Wahrheit nur
       als   S u b j e k t,   die Persönlichkeit  nur als   P e r s o n,
       und in  der zur  reellen Vernünftigkeit gediehenen Verfassung hat
       jedes der  drei Momente  des Begriffes  seine   f ü r    s i c h
       w i r k l i c h e   ausgesonderte Gestaltung.  Dies absolut  ent-
       scheidende Moment  des Ganzen  ist daher nicht die Individualität
       überhaupt, sondern Ein Individuum, der  M o n a r c h."
       1. "Die Souveränität,  zunächst nur der allgemeine Gedanke dieser
       Idealität, existiert  nur als  die ihrer  s e l b s t  g e w i s-
       s e   S u b j e k t i v i t ä t   [...] Die  Subjektivität ist in
       ihrer Wahrheit  nur  als    S u b j e k t,    die    P e r s ö n-
       l i c h k e i t  nur als  P e r s o n.  In der
       
       #224# Karl Marx
       -----
       zur reellen  Vernünftigkeit gediehenen  Verfassung hat  jedes der
       drei Momente des Begriffes [...] für sich wirkliche ausgesonderte
       Gestaltung."
       2. Die Souveränität "existiert nur [...] als die abstrakte. Inso-
       fern grundlose   S e l b s t b e s t i m m u n g  des Willens, in
       welcher das  Letzte der Entscheidung liegt. Es ist dies das Indi-
       viduelle des  Staats als solches, der selbst darin nur  E i n e r
       ist [...]  (und in der zur reellen Vernünftigkeit gediehenen Ver-
       fassung hat  jedes der  drei Momente  des Begriffes  seine  f ü r
       s i c h  w i r k l i c h e  ausgesonderte Gestaltung). Dies abso-
       lut entscheidende  Moment des  Ganzen ist daher nicht die Indivi-
       dualität überhaupt, sondern Ein Individuum, der  M o n a r c h."
       
       Der erste  Satz heißt nichts, als daß der allgemeine Gedanke die-
       ser Idealität,  dessen traurige  Existenz wir  eben gesehn haben,
       das selbstbewußte  Werk der Subjekte sein und als solches für sie
       und in ihnen existieren müßte.
       Wäre Hegel  von den wirklichen Subjekten als den Basen des Staats
       ausgegangen, so  hätte er  nicht nötig,  auf eine mystische Weise
       den Staat  sich versubjektivieren zu lassen. "Die Subjektivität",
       sagt Hegel,  "aber ist  in ihrer Wahrheit nur als  S u b j e k t,
       die Persönlichkeit  nur als  P e r s o n." Auch dies ist eine My-
       stifikation. Die  Subjektivität ist eine Bestimmung des Subjekts,
       die Persönlichkeit  eine Bestimmung der Person. Statt sie nun als
       Prädikate ihrer  Subjekte zu  fassen, verselbständigt  Hegel  die
       Prädikate und läßt sie hinterher auf eine mystische Weise in ihre
       Subjekte sich verwandeln.
       Die Existenz  der Prädikate ist das Subjekt: also das Subjekt die
       Existenz der  Subjektivität etc. Hegel verselbständigt die Prädi-
       kate, die Objekte, aber er verselbständigt sie getrennt von ihrer
       wirklichen Selbständigkeit, ihrem Subjekt. Nachher erscheint dann
       das wirkliche  Subjekt als  Resultat, während vom wirklichen Sub-
       jekt auszugehn  und seine  Objektivation zu  betrachten ist.  Zum
       wirklichen Subjekt wird daher die mystische Substanz, und das re-
       elle Subjekt  erscheint als ein andres, als ein Moment der mysti-
       schen Substanz.  Eben weil Hegel von den Prädikaten der allgemei-
       nen Bestimmung  statt von  dem reellen  Ens (??????????? Subjekt)
       ausgeht und  doch ein  Träger dieser Bestimmung da sein muß, wird
       die mystische  Idee dieser Träger. Es ist dies der Dualismus, daß
       Hegel das Allgemeine nicht als das wirkliche Wesen
       
       #225# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       des Wirklich-Endlichen,  d. i. Existierenden, Bestimmten betrach-
       tet  oder   das  wirkliche   Ens  nicht   als  das      w a h r e
       S u b j e k t  des Unendlichen.
       So wird  hier die  Souveränität, das Wesen des Staats, zuerst als
       ein selbständiges  Wesen  betrachtet,  vergegenständlicht.  Dann,
       versteht sich,  muß dies  Objektive wieder  Subjekt werden.  Dies
       Subjekt erscheint  aber dann als eine Selbstverkörperung der Sou-
       veränität, während  die Souveränität  nichts anders  ist als  der
       vergegenständlichte Geist der Staatssubjekte.
       Abgesehn von  diesem Grundmangel  der Entwicklung, betrachten wir
       diesen ersten  Satz des  Paragraphen. Wie er daliegt, so heißt er
       nichts als:  die Souveränität, der Idealismus des Staats als Per-
       son, als  "Subjekt" existiert, versteht sich, als viele Personen,
       viele Subjekte,  da keine  einzelne Person die Sphäre der Persön-
       lichkeit, kein  einzelnes Subjekt die Sphäre der Subjektivität im
       sich absorbiert.  Was sollte  das auch  für ein  Staatsidealismus
       sein, der,  statt als  das wirkliche Selbstbewußtsein der Staats-
       bürger, als  die gemeinsame  Seele du  Staats,   e i n e  Person,
       e i n   Subjekt wäre.  Mehr hat  Hegel auch  nicht an diesem Sitz
       entwickelt. Aber  betrachten wir  nun den  mit diesem  Satz  ver-
       schränkten zweiten Satz. Es ist Hegel darum zu tun, den Monarchen
       als den  wirklichen "Gottmenschen",  als die    w i r k l i c h e
       V e r k ö r p e r u n g  der Idee darzustellen.
       
       "Die Souveränität  ...   e x i s t i e r t   nur ...  als die ab-
       strakte, insofern grundlose  S e l b s t b e s t i m m u n g  des
       Willens, in  welcher das  Letzte der  Entscheidung liegt.  Es ist
       dies das   I n d i v i d u e l l e   des  Staats als solches, der
       selbst nur  darin  E i n e r  ist ... in der zur reellen Vernünf-
       tigkeit gediehenen  Verfassung hat jedes der drei Momente des Be-
       griffes seine   f ü r   s i c h  w i r k l i c h e  ausgesonderte
       Gestaltung. Dies  absolut entscheidende  Moment  des  Ganzen  ist
       d a h e r   nicht die Individualität überhaupt, sondern Ein Indi-
       viduum, der  M o n a r c h."
       
       Wir haben  vorher schon  auf den Satz aufmerksam gemacht. Das Mo-
       ment des  Beschließens, der  willkürlichen, weil  bestimmten Ent-
       scheidung  ist   die    f ü r s t l i c h e    G e w a l t    des
       W i l l e n s   überhaupt. Die  Idee der    f ü r s t l i c h e n
       G e w a l t,   wie sie  Hegel entwickelt,  ist nichts anders, als
       die   I d e e   des   W i l l k ü r l i c h e n,    der    E n t-
       s c h e i d u n g  des Willens.
       Während Hegel  aber eben  die Souveränität als den Idealismus des
       Staats, als die wirkliche Bestimmung der Teile durch die Idee des
       Ganzen auffaßt,  macht er  sie jetzt  zur  "abstrakten,  insofern
       g r u n d l o s e n  Selbstbestimmung des Willens, in welcher das
       Letzte    der    Entscheidung    ist.    Es    ist    dies    das
       I n d i v i d u e l l e   des Staats als solches." Vorhin war von
       der Subjektivität, jetzt ist von der Individualität die Rede. Der
       Staat als souveräner muß  E i n e r,  E i n  I n d i v i d u u m,
       sein, Individualität  besitzen. Der  Staat ist "nicht nur" darin,
       in dieser  Individualität  E i n e r;  die Individualität ist nur
       das      n a t ü r l i c h e      Moment   seiner   Einheit   die
       N a t u r b e s t i m m u n g   des Staats.  "Dies  absolut  ent-
       scheidende Moment
       
       #226# Karl Marx
       -----
       ist   d a h e r   nicht die Individualität überhaupt, sondern Ein
       Individuum, der  M o n a r c h."  Woher? Weil "jedes der drei Mo-
       mente des  Begriffes in der zur reellen Vernünftigkeit gediehenen
       Verfassung  s e i n e  f ü r  s i c h  w i r k l i c h e,  ausge-
       sonderte Gestaltung"  hat.  Ein  Moment  des  Begriffes  ist  die
       "Einzelnheit",   allein    dies   ist    noch   nicht       E i n
       I n d i v i d u u m.  Und was sollte das auch für eine Verfassung
       sein, wo  die Allgemeinheit,  die Besonderheit,  die Einzelnheit,
       jede "seine   f ü r   s i c h   w i r k l i c h e,  ausgesonderte
       Gestaltung" hätte?  Da es  sich überhaupt  von keinem Abstraktum,
       sondern vom  Staat, von  der Gesellschaft  handelt, so  kann  man
       selbst die Klassifikation Hegels annehmen. Was folgte daraus? Der
       Staatsbürger als  das Allgemeine  bestimmend ist Gesetzgeber, als
       das Einzelne  entscheidend, als   w i r k l i c h   wollend,  ist
       Fürst; was sollte das heißen:  D i e  I n d i v i d u a l i t ä t
       d e s     S t a a t s w i l l e n s    ist  "ein.    I n d i v i-
       d u u m",   ein besonderes, von allen unterschiedenes Individuum?
       Auch die   A l l g e m e i n h e i t,   die Gesetzgebung hat eine
       "für sich  wirkliche, ausgesonderte Gestaltung". Könnte man daher
       schließen: "Die Gesetzgebung sind diese besonderen Individuen."
       
       D e r  g e m e i n e  M a n n:
       2. Der Monarch hat die souveräne Gewalt, die Souveränität.
       3. Die Souveränität tut, was sie will.
       
       H e g e l:
       2. Die  S o u v e r ä n i t ä t  des Staats ist der Monarch.
       3. Die  Souveränität   ist  "die  abstrakte,  insofern  grundlose
       S e l b s t b e s t i m m u n g   des  Willens,  in  welcher  das
       Letzte der Entscheidung liegt".
       
       Alle Attribute des konstitutionellen Monarchen im jetzigen Europa
       macht Hegel  zu absoluten  Selbstbestimmungen des  W i l l e n s.
       Er sagt  nicht: Der  Wille des Monarchen ist die letzte Entschei-
       dung, sondern: Die letzte Entscheidung des Willens ist - der Mon-
       arch. Der erste Satz ist empirisch, Der zweite verdreht die empi-
       rische Tatsache in ein metaphysisches Axiom.
       Hegel verschränkt  die beiden Subjekte, die Souveränität "als die
       ihrer selbst gewisse Subjektivität"  u n d  die Souveränität "als
       die  g r u n d l o s e  Selbstbestimmung des Willens, als den in-
       dividuellen Willen" durcheinander, um die "Idee" als  "E i n  In-
       dividuum" herauszukonstruieren.
       Es  versteht  sich,  daß  die  selbstgewisse  Subjektivität  auch
       w i r k l i c h   wollen, auch als Einheit, als Individuum wollen
       muß. Wer hat aber auch je bezweifelt, daß der Staat durch Indivi-
       duen handelt?  Wollte Hegel entwickeln; Der Staat muß  e i n  In-
       dividuum als  Repräsentanten seiner  individuellen Einheit haben,
       so brachte  er den   M o n a r c h e n   nicht heraus. Wir halten
       als  p o s i t i v e s  Resultat dieses Paragraphen nur fest:
       
       #227# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Der     M o n a r c h      ist   im   Staate   das   Moment   des
       i n d i v i d u e l l e n  W i l l e n s,  der grundlosen Selbst-
       bestimmung, der Willkür.
       Die Anmerkung Hegels zu diesem Paragraphen ist so merkwürdig, daß
       wir sie näher beleuchten müssen.
       
       "Die immanente  Entwickelung einer  Wissenschaft, die  A b l e i-
       t u n g  i h r e s  g a n z e n  I n h a l t s  aus dem einfachen
       B e g r i f f e   ... zeigt  das Eigentümliche,  daß der eine und
       derselbe Begriff,  hier der  W i l l e,  der anfangs, weil es der
       Anfang ist,  abstrakt ist,  sich erhält,  aber seine Bestimmungen
       und zwar  ebenso nur  durch sich  selbst verdichtet und auf diese
       Weise einen  konkreten Inhalt  gewinnt. So ist es das Grundmoment
       der zuerst  im unmittelbaren  Rechte  abstrakten  Persönlichkeit,
       welches sich  durch seine  verschiedenen Formen von Subjektivität
       fortgebildet hat  und hier  im absoluten Rechte, dem Staate, dir,
       vollkommen konkreten  Objektivität des Willens, die  P e r s ö n-
       l i c h k e i t   d e s   S t a a t s   ist,  seine    G e w i ß-
       h e i t   s e i n e r   s e l b s t   - dieses  Letzte, was  alle
       Besonderheiten in  dem einfachen  Selbst aufhebt, das Abwägen der
       Gründe und  Gegengründe, zwischen  denen sich  immer herüber  und
       hinüber schwanken  läßt, abbricht  und  sie  durch  das:    I c h
       w i l l,   b e s c h l i e ß t,   und alle Handlung und Wirklich-
       keit anfängt."
       
       Zunächst ist  es nicht  die "Eigentümlichkeit  der Wissenschaft",
       daß der Fundamentalbegriff der Sache immer wiederkehrt.
       Dann hat  aber auch  kein   F o r t s c h r i t t  stattgefunden.
       Die  a b s t r a k t e  P e r s ö n l i c h k e i t  war das Sub-
       jekt des abstrakten Rechts; sie hat sich nicht verändert; sie ist
       wieder als   a b s t r a k t e   P e r s ö n l i c h k e i t  die
       P e r s ö n l i c h k e i t   d e s   S t a a t s.   Hegel  bitte
       sich nicht  darüber verwundern sollen, daß die  w i r k l i c h e
       Person - und die Personen machen den Staat - überall als sein We-
       sen wiederkehrt. Er hätte sich über das Gegenteil wundern müssen,
       noch mehr  aber darüber,  daß die Person als Staatsperson in der-
       selben dürftigen  Abstraktion wiederkehrt wie die Person des Pri-
       vatrechts.
       Hegel definiert  hier den  Monarchen als  "die Persönlichkeit des
       Staats, seine  Gewißheit seiner  selbst".  Der  Monarch  ist  die
       "personifizierte Souveränität",  die "menschgewordene  Souveräni-
       tät", das  leibliche Staatsbewußtsein,  wodurch also  alle andern
       von dieser  Souveränität  und  von  der  Persönlichkeit  und  vom
       Staatsbewußtsein ausgeschlossen  sind. Zugleich  weiß aber  Hegel
       dieser "Souverainité  Personne" 1*) keinen andern Inhalt zu geben
       als das  "Ich will",  das  Moment  der  Willkür  im  Willen.  Die
       "Staatsvernunft" und  das. "Staatsbewußtsein"  ist eine  "einzige
       empirische Person  mit Ausschluß aller anderen, aber diese perso-
       nifizierte Vernunft hat keinen anderen Inhalt als die Abstraktion
       des "Ich will". L'Etat c'est moi. 2*)
       
       "Die Persönlichkeit  und die  Subjektivität  überhaupt  hat  aber
       f e r n e r,     als  unendliches   sich  auf  sich  Beziehendes,
       schlechthin nur  W a h r h e i t,  und zwar seine nächste
       -----
       1*) "personifizierten Souveränität" - 2*) Der Staat bin ich.
       
       #228# Karl Marx
       -----
       unmittelbare Wahrheit  als Person, für sich seiendes Subjekt, und
       das für sich Seiende ist ebenso schlechthin  E i n e s."
       
       Es versteht  sich von selbst, da Persönlichkeit und Subjektivität
       nur Prädikate der Person und des Subjekts sind, so existieren sie
       nur als  Person und  Subjekt, und  zwar ist  die Person  E i n s.
       Aber, mußte  Hegel fortfahren,  das  E i n s  hat schlechthin nur
       Wahrheit als   v i e l e   E i n s.   Das Prädikat, das Wesen er-
       schöpft die  Sphären seiner  Existenz nie in  e i n e m  E i n s,
       sondern  i n  d e n  v i e l e n  E i n s.
       Statt dessen schließt Hegel:
       
       "Die Persönlichkeit  des Staates  ist nur  als eine  P e r s o n,
       der  M o n a r c h,  wirklich."
       
       Also weil  die Subjektivität  nur als Subjekt und das Subjekt nur
       als Eins,  ist die  Persönlichkeit des Staats nur als eine Person
       wirklich. Ein  schöner Schluß.  Hegel könnte ebensogut schließen:
       Weil der  einzelne Mensch  ein Eins  ist, ist die Menschengattung
       nur ein einziger Mensch.
       
       "Persönlichkeit drückt  den Begriff  als solchen  aus, die Person
       enthält  z u g l e i c h  die Wirklichkeit desselben, und der Be-
       griff ist nur mit dieser Bestimmung  I d e e,  Wahrheit."
       
       Die   P e r s ö n l i c h k e i t   ist allerdings  nur eine  Ab-
       straktion  ohne   die  Person,   aber  die  Person  ist  nur  die
       w i r k l i c h e   Idee der  Persönlichkeit in ihrem Gattungsda-
       sein,  a l s  d i e  P e r s o n e n.
       
       "Eine sogenannte   m o r a l i s c h e  Person, Gesellschaft, Ge-
       meinde, Familie,  so konkret sie in sich ist, hat die Persönlich-
       keit nur  als Moment,  abstrakt in  ihr; sie  ist darin nicht zur
       Wahrheit ihrer  Existenz gekommen,  der Staat aber ist eben diese
       Totalität, in  welcher die  Momente des Begriffs zur Wirklichkeit
       nach ihrer eigentümlichen Wahrheit gelangen."
       
       Es  herrscht   eine  große   Konfusion  in   diesem   Satz.   Die
       m o r a l i s c h e   Person, Gesellschaft etc. wird abstrakt ge-
       nannt,  also   eben  die  Gattungsgestaltungen,  in  welchen  die
       w i r k l i c h e   Person ihren  wirklichen  Inhalt  zum  Dasein
       bringt, sich  verobjektiviert und  die  Abstraktion  der  "Person
       quand même" 1*) aufgibt. Statt diese  V e r w i r k l i c h u n g
       der Person  als das  Konkreteste anzuerkennen, soll der Staat den
       Vorzug haben, daß "das Moment des Begriffs", die "Einzelnheit" zu
       einem mystischen  "Dasein" gelangt. Das Vernünftige besteht nicht
       darin, daß die Vernunft der wirklichen Person, sondern darin, daß
       die Momente des abstrakten Begriffs zur Wirklichkeit gelangen.
       
       "Der Begriff des Monarchen ist deswegen der schwerste Begriff für
       das Räsonnement,  d.h. für  die reflektierende Verstandesbetrach-
       tung, weil es in den vereinzelten
       -----
       1*) als solcher
       
       #229# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Bestimmungen stehenbleibt  und darum dann auch nur Gründe, endli-
       che Gesichtspunkte  und das   A b l e i t e n  aus Gründen kennt.
       So stellt es dann die Würde des Monarchen als etwas nicht nur der
       Form, sondern  ihrer Bestimmung  nach Abgeleitetes  dar; vielmehr
       ist  sein   Begriff,  nicht  ein  Abgeleitetes,  sondern    d a s
       s c h l e c h t h i n   a u s   s i c h   A n f a n g e n d e  zu
       sein. Am nächsten" (freilich!) "trifft daher hiermit die Vorstel-
       lung zu,  das Recht des Monarchen als auf göttliche Autorität ge-
       gründet zu  betrachten, denn  darin ist  das Unbedingte desselben
       enthalten."
       
       "Schlechthin aus  sich anfangend" ist in gewissem Sinn jedes not-
       wendige Dasein;  in dieser Hinsicht die Laus des Monarchen so gut
       als der  Monarch. Hegel hatte damit also nicht Besondres über den
       Monarchen gesagt.  Soll aber etwas von allen übrigen Objekten der
       Wissenschaft und  der Rechtsphilosophie  spezifisch Verschiedenes
       vom Monarchen  gelten, so  ist das  eine wirkliche Narrheit; bloß
       insofern richtig, als die "e i n e  Person-Idee" allerdings etwas
       nur aus der Imagination und nicht aus dem Verstande Abzuleitendes
       ist.
       
       "V o l k s s o u v e r ä n i t ä t   kann in dem Sinn gesagt wer-
       den, daß  ein Volk überhaupt  n a c h  A u ß e n  ein Selbständi-
       ges sei und einen eigenen Staat ausmache" etc.
       
       Das ist  eine Trivialität.  Wenn der Fürst die "wirkliche Staats-
       souveränität ist,  so müßte auch nach außen "der Fürst" für einen
       "selbständigen Staat"  gelten können,  auch ohne das Volk. Ist er
       aber souverän, insofern er die Volkseinheit repräsentiert, so ist
       er also  selbst nur  Repräsentant, Symbol  der Volkssouveränität.
       Die Volkssouveränität  ist nicht  durch ihn, sondern umgekehrt er
       durch sie.
       
       "Man kann  so auch  von der    S o u v e r ä n i t ä t    n a c h
       I n n e n   sagen, daß sie im Volke residiere, wenn man nur über-
       haupt vom   G a n z e n  spricht, ganz so wie vorhin (§ 277, 278)
       gezeigt ist, daß dem  S t a a t e  Souveränität zukomme."
       
       Als wäre  nicht das  Volk der  wirkliche Staat. Der Staat ist ein
       Abstraktum. Das  Volk allein  ist das Konkretum. Und es ist merk-
       würdig, daß  Hegel, der ohne Bedenken dem Abstraktum, nur mit Be-
       denken und Klauseln dem Konkretum eine lebendige Qualität wie die
       der Souveränität beilegt.
       
       "Aber Volkssouveränität,  als im   G e g e n s a t z e  g e g e n
       d i e   i m   M o n a r c h e n   e x i s t i e r e n d e  S o u-
       v e r ä n i t ä t  genommen, ist der gewöhnliche Sinn, in welchem
       man  in   neueren  Zeiten   von  Volkssouveränität   zu  sprechen
       angefangen hat -, in diesem Gegensatze gehört die Volkssouveräni-
       tät zu  den verworrenen  Gedanken, denen die  w ü s t e  Vorstel-
       lung des  V o l k e s  zugrunde liegt."
       
       Die "verworrenen  Gedanken" und die  "w ü s t e  Vorstellung" be-
       findet sich  hier allein  auf der  Seite Hegels. Allerdings: wenn
       die Souveränität im Monarchen  e x i s t i e r t,  so ist es eine
       Narrheit, von einer gegensätzlichen Souveränität
       
       #230# Karl Marx
       -----
       im Volke  zu sprechen; denn es liegt im Begriff der Souveränität,
       daß sie  keine doppelte  und gar  entgegengesetzte Existenz haben
       kann. Aber:
       1. ist grade  die Frage:  Ist die  Souveränität, die im Monarchen
       absorbiert ist,  nicht eine  Illusion? Souveränität des Monarchen
       oder des Volkes, das ist die question.
       2. kann auch  von einer  Souveränität des Volkes  i m  G e g e n-
       s a t z   g e g e n   d i e    i m    M o n a r c h e n    e x i-
       s t i e r e n d e   S o u v e r ä n i t ä t   gesprochen  werden.
       Aber  dann   handelt  es   sich  nicht   um     e i n e     u n d
       d i e s e l b e   S o u v e r ä n i t ä t,   die auf  zwei Seiten
       entstanden,  sondern   es  handelt   sich  um   zwei      g a n z
       e n t g e g e n g e s e t z t e       B e g r i f f e       d e r
       S o u v e r ä n i t ä t,  von denen die eine eine solche ist, die
       in einem   M o n a r c h e n,   die andre eine solche, die nur in
       einem   V o l k e   zur Existenz  kommen kann. Ebenso wie es sich
       fragt: Ist  Gott der  Souverän, oder ist der Mensch der Souverän?
       Eine von  beiden ist eine Unwahrheit, wenn auch eine existierende
       Unwahrheit.
       
       "Das Volk,   o h n e   seinen  Monarchen und  die eben  d a m i t
       n o t w e n d i g  und unmittelbar zusammenhängende  G e g l i e-
       d e r u n g   des Ganzen  genommen, ist  die formlose  Masse, die
       kein Staat mehr ist und der  k e i n e  der Bestimmungen, die nur
       in dem  i n  s i c h  g e f o r m t e n  Ganzen vorhanden sind, -
       Souveränität, Regierung,  Gerichte, Obrigkeit,  Stände und was es
       sei, mehr  zukommt. Damit,  daß solche auf eine Organisation, das
       Staatsleben, sich beziehende Momente in einem Volke hervortreten,
       hört es auf, dies unbestimmte Abstraktum zu sein, das in der bloß
       allgemeinen Vorstellung Volk heißt."
       
       Dies Ganze  eine Tautologie.  Wenn ein  Volk einen  Monarchen und
       eine mit  ihm notwendig  und unmittelbar zusammenhängende Gliede-
       rung hat,  d.h., wenn  es als Monarchie gegliedert ist, so ist es
       allerdings, aus  dieser Gliederung  herausgenommen, eine formlose
       Masse und bloß allgemeine Vorstellung.
       
       "Wird unter  der Volkssouveränität  die Form der  R e p u b l i k
       und zwar  bestimmter der Demokratie verstanden, so kann gegen die
       entwickelte Idee  nicht mehr  von solcher  Vorstellung  die  Rede
       sein."
       Das ist  allerdings richtig,  wenn man  nur eine "solche Vorstel-
       lung" und keine "entwickelte Idee" von der Demokratie hat.
       Die Demokratie  ist die Wahrheit der Monarchie, die Monarchie ist
       nicht die  Wahrheit der  Demokratie. Die  Monarchie ist notwendig
       Demokratie als  Inkonsequenz gegen  sich selbst, das monarchische
       Moment ist  keine Inkonsequenz  in der  Demokratie. Die Monarchie
       kann nicht, die Demokratie kann aus sich selbst begriffen werden.
       In der  Demokratie erlangt  keines der Momente eine andere Bedeu-
       tung, als  ihm zukommt.  Jedes ist wirklich nur Moment des ganzen
       Demos. In  der Monarchie bestimmt ein Teil den Charakter des Gan-
       zen. Die  ganze Verfassung muß sich nach dem festen Punkt modifi-
       zieren. Die  Demokratie ist die Verfassungsgattung. Die Monarchie
       ist eine
       
       #231# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Art, und  zwar eine  schlechte Art. Die Demokratie ist Inhalt und
       Form. Die  Monarchie  s o l l  nur Form sein, aber sie verfälscht
       den Inhalt.
       In der  Monarchie ist  das Ganze, das Volk, unter eine seiner Da-
       seinsweisen, die  politische Verfassung, subsumiert; in der Demo-
       kratie erscheint  die   V e r f a s s u n g  s e l b s t  nur als
       e i n e   Bestimmung, und zwar Selbstbestimmung des Volks. In der
       Monarchie haben  wir das  Volk der  Verfassung; in der Demokratie
       die Verfassung  des Volks.  Die  Demokratie  ist  das  aufgelöste
       R ä t s e l   aller Verfassungen.  Hier ist  die Verfassung nicht
       nur   a n   s i c h,   dem Wesen  nach, sondern der Existenz, der
       Wirklichkeit nach  in  ihren  wirklichen  Grund,  den    w i r k-
       l i c h e n   M e n s c h e n,   das  w i r k l i c h e  V o l k,
       stets zurückgeführt  und als  sein   e i g e n e s  Werk gesetzt.
       Die Verfassung erscheint als das, was sie ist, freies Produkt des
       Menschen; man  könnte sagen,  daß dies in gewisser Beziehung auch
       von der konstitutionellen Monarchie gelte, allein der spezifische
       Unterschied der Demokratie ist, daß hier die  V e r f a s s u n g
       überhaupt nur   e i n   Daseinsmoment  des Volkes,  daß nicht die
       p o l i t i s c h e   V e r f a s s u n g   für  sich  den  Staat
       bildet.
       Hegel geht  vom Staat aus und macht den Menschen zum versubjekti-
       vierten Staat; die Demokratie geht vom Menschen aus und macht den
       Staat zum  verobjektivierten Menschen. Wie die Religion nicht den
       Menschen, sondern wie der Mensch die Religion schafft, so schafft
       nicht die  Verfassung das  Volk, sondern das Volk die Verfassung.
       Die Demokratie verhält sich in gewisser Hinsicht zu allen übrigen
       Staatsformen wie das Christentum sich zu allen übrigen Religionen
       verhält. Das  Christentum ist  die Religion  ??? ??????  1*), das
       W e s e n   d e r   R e l i g i o n,   der deifizierte Mensch als
       eine   b e s o n d r e   Religion.  So  ist  die  Demokratie  das
       W e s e n   a l l e r   S t a a t s v e r f a s s u n g,  der so-
       zialisierte Mensch,  als eine  b e s o n d r e  Staatsverfassung;
       sie verhält  sich zu  den übrigen  Verfassungen, wie  die Gattung
       sich zu  ihren Arten verhält, nur daß hier die Gattung selbst als
       Existenz, darum gegenüber den dem Wesen nicht entsprechenden Exi-
       stenzen selbst  als eine  b e s o n d r e  Art erscheint. Die De-
       mokratie verhält sich zu allen übrigen Staatsformen als ihrem al-
       ten Testament. Der Mensch ist nicht des Gesetzes, sondern das Ge-
       setz ist  des Menschen  wegen da, es ist  m e n s c h l i c h e s
       D a s e i n,   während  in  den  andern  der  Mensch  das    g e-
       s e t z l i c h e   D a s e i n   ist. Das ist die Grunddifferenz
       der Demokratie.
       Alle übrigen   S t a a t s b i l d u n g e n   sind eine gewisse,
       bestimmte,  b e s o n d e r e  S t a a t s f o r m.  In der Demo-
       kratie  ist   das     f o r m e l l e     Prinzip  zugleich   das
       m a t e r i e l l e   Prinzip. Sie  ist daher erst die wahre Ein-
       heit des Allgemeinen und Besondern. In der Monarchie z.B., in der
       Republik als einer nur besondern
       -----
       1*) vorzugsweise
       
       #232# Karl Marx
       -----
       Staatsform, hat  der politische Mensch sein besonderes Dasein ne-
       ben dem unpolitischen, dem Privatmenschen. Das Eigentum, der Ver-
       trag, die  Ehe, die bürgerliche Gesellschaft erscheinen hier (wie
       dies Hegel  für diese   a b s t r a k t e n    Staatsformen  ganz
       richtig entwickelt,  nur daß er die Idee des Staats zu entwickeln
       m e i n t)    als    b e s o n d r e    Daseinsweisen  neben  dem
       p o l i t i s c h e n   Staat, als der  I n h a l t,  zu dem sich
       der   p o l i t i s c h e  S t a a t  als die  o r g a n i s i e-
       r e n d e   F o r m  verhält, eigentlich nur als der bestimmende,
       beschränkende, bald  bejahende, bald  verneinende, in sich selbst
       inhaltslose Verstand. In der Demokratie ist der politische Staat,
       so  wie   er  sich   neben  diesen  Inhalt  stellt  und  von  ihm
       unterscheidet, selbst  nur ein   b e s o n d r e r   Inhalt,  wie
       eine besondre   D a s e i n s f o r m   des  Volkes. In  der Mon-
       archie z.B. hat dies Besondre, die politische Verfassung, die Be-
       deutung  des  alles  Besondern  beherrschenden  und  bestimmenden
       A l l g e m e i n e n.   In der  Demokratie ist der Staat als Be-
       sondres   n u r   Besondres, als Allgemeines das wirkliche Allge-
       meine, d.h.  keine Bestimmtheit  im Unterschied zu dem andern In-
       halt. Die  neueren Franzosen  haben dies so aufgefaßt, daß in der
       wahren  Demokratie     d e r     p o l i t i s c h e    S t a a t
       u n t e r g e h e.  Dies ist insofern richtig, als er qua politi-
       scher Staat, als Verfassung, nicht mehr für das Ganze gilt.
       In allen  von  der  Demokratie  unterschiednen  Staaten  ist  der
       S t a a t,   das   G e s e t z,   die   V e r f a s s u n g   das
       Herrschende, ohne  daß er wirklich herrschte, d.h. den Inhalt der
       übrigen nicht  politischen Sphären  materiell durchdringe. In der
       Demokratie ist  die Verfassung,  das Gesetz, der Staat selbst nur
       eine Selbstbestimmung des Volks und ein bestimmter Inhalt dessel-
       ben, soweit er politische Verfassung ist.
       Es versteht  sich übrigens von selbst, daß alle Staatsformen  z u
       ihrer Wahrheit  die Demokratie  haben und  daher eben, soweit sie
       nicht die Demokratie sind, unwahr sind.
       In den alten Staaten bildet der politische Staat den Staatsinhalt
       mit Ausschließung  der andern Sphären; der moderne Staat ist eine
       Akkommodation zwischen  dem  politischen  und  dem  unpolitischen
       Staat.
       In der  Demokratie hat  der   a b s t r a k t e  Staat aufgehört,
       das herrschende Moment zu sein. Der Streit zwischen Monarchie und
       Republik ist  selbst noch  ein Streit  innerhalb  des  abstrakten
       Staats. Die  p o l i t i s c h e  Republik ist die Demokratie in-
       nerhalb der  abstrakten Staatsform.  Die abstrakte Staatsform der
       Demokratie ist  daher die  Republik; sie  hört hier aber auf, die
       n u r  p o l i t i s c h e  Verfassung zu sein.
       Das Eigentum  etc., kurz  der ganze  Inhalt des  Rechts  und  des
       Staats, ist  mit wenigen  Modifikationen in  Nordamerika dasselbe
       wie in  Preußen. Dort  ist also  die  R e p u b l i k  eine bloße
       Staats f o r m  wie hier die Monarchie. Der Inhalt
       
       #233# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       des Staats  liegt außerhalb  dieser Verfassungen. Hegel hat daher
       recht, wenn  er sagt:  Der politische  Staat ist  die Verfassung,
       d.h., der  materielle Staat  ist nicht  politisch. Es findet hier
       nur eine  äußere Identität, eine Wechselbestimmung statt. Von den
       verschiedenen Momenten  des Volkslebens war es am schwersten, den
       politischen Staat,  die Verfassung,  herauszubilden. Sie  entwic-
       kelte sich als die allgemeine Vernunft gegenüber den andern Sphä-
       ren, als  ein Jenseitiges  derselben. Die  geschichtliche Aufgabe
       bestand dann  in ihrer  Revindikation, aber die besondern Sphären
       haben dabei  nicht das Bewußtsein, daß ihr privates Wesen mit dem
       jenseitigen Wesen  der Verfassung  oder des  politischen  Staates
       fällt, und  daß sein jenseitiges Dasein nichts andres als der Af-
       firmativ ihrer  eignen Entfremdung  ist. Die  p o l i t i s c h e
       V e r f a s s u n g     war   bisher   die      r e l i g i ö s e
       S p h ä r e,   die   R e l i g i o n  des Volkslebens, der Himmel
       seiner Allgemeinheit  gegenüber  dem    i r d i s c h e n    D a-
       s e i n   seiner Wirklichkeit.  Die  politische  Sphäre  war  die
       einzige Staatssphäre  im Staat, die einzige Sphäre, worin der In-
       halt wie  die Form  Gattungsinhalt, das  wahrhaft Allgemeine war,
       aber zugleich  so, daß,  weil diese  Sphäre den andern gegenüber-
       stand, auch  ihr Inhalt  zu einem  formellen und besondern wurde.
       Das   p o l i t i s c h e   L e b e n   im modernen  Sinn ist der
       S c h o l a s t i z i s m u s   des Volkslebens.  Die  M o n a r-
       c h i e   ist der  vollendete Ausdruck  dieser  Entfremdung.  Die
       R e p u b l i k   ist  die  Negation  derselben  innerhalb  ihrer
       eignen Sphäre.  Es versteht  sich, daß  da  erst  die  politische
       Verfassung als  solche ausgebildet ist, wo die Privatsphären eine
       selbständige Existenz  erlangt haben. Wo Handel und Grundeigentum
       unfrei, noch  nicht verselbständigt  sind, ist es auch noch nicht
       die   politische    Verfassung.   Das    Mittelalter   war    die
       D e m o k r a t i e  d e r  U n f r e i h e i t.
       Die Abstraktion  des   S t a a t s   a l s  s o l c h e n  gehört
       erst der  modernen Zeit,  weil die  Abstraktion des  Privatlebens
       erst der  modernen Zeit gehört. Die Abstraktion des  p o l i t i-
       s c h e n  S t a a t s  ist ein modernes Produkt.
       Im Mittelalter  gab es Leibeigene, Feudalgut, Gewerbekorporation,
       Gelehrtenkorporation etc.,  d.h., im  Mittelalter  ist  Eigentum,
       Handel, Sozietät,  Mensch politisch;  der materielle  Inhalt  des
       Staates ist durch seine Form gesetzt; jede Privatsphäre hat einen
       politischen Charakter  oder ist  eine politische Sphäre, oder die
       Politik ist  auch der Charakter der Privatsphären. Im Mittelalter
       ist die politische Verfassung die Verfassung des Privateigentums,
       aber nur, weil die Verfassung des Privateigentums politische Ver-
       fassung ist.  Im Mittelalter ist Volksleben und Staatsleben iden-
       tisch. Der  Mensch ist das wirkliche Prinzip des Staats, aber der
       u n f r e i e   Mensch. Er  ist  also  die    D e m o k r a t i e
       d e r   U n f r e i h e i t,   die durchgeführte Entfremdung. Der
       abstrakte reflektierte  Gegensatz gehört  erst der modernen Welt.
       Das Mittelalter ist der  w i r k l i c h e,  die moderne Zeit ist
       a b s t r a k t e r  Dualismus.
       
       #234# Karl Marx
       -----
       "Auf der  vorhin bemerkten  Stufe, auf welcher die Einteilung der
       Verfassungen in  Demokratie. Aristokratie  und Monarchie  gemacht
       worden ist,  dem Standpunkte  der noch   i n   s i c h   b l e i-
       b e n d e n   s u b s t a n t i e l l e n   E i n h e i t,  d i e
       n o c h    n i c h t    z u    i h r e r    u n e n d l i c h e n
       U n t e r s c h e i d u n g   u n d    V e r t i e f u n g    i n
       s i c h   gekommen ist,  tritt  das  Moment  der    l e t z t e n
       s i c h   s e l b s t   b e s t i m m e n d e n    W i l l e n s-
       e n t s c h e i d u n g      nicht   als      i m m a n e n t e s
       organisches Moment  des Staates  für sich  in    e i g e n t ü m-
       l i c h e  W i r k l i c h k e i t  heraus."
       
       In der  unmittelbaren Monarchie, Demokratie, Aristokratie gibt es
       noch keine  politische Verfassung  im Unterschied  zu dem wirkli-
       chen, materiellen  Staat oder dem übrigen Inhalt des Volkslebens.
       Der politische  Staat erscheint  noch nicht als die  F o r m  des
       materiellen Staates.  Entweder ist,  wie in Griechenland, die res
       publica 1*)  die wirkliche Privatangelegenheit, der wirkliche In-
       halt der  Bürger, und der Privatmensch ist Sklave; der politische
       Staat als  politischer ist  der wahre einzige Inhalt ihres Lebens
       und Wollens,  oder, wie  in der asiatischen Despotie, der politi-
       sche Staat ist nichts als die Privatwillkür eines einzelnen Indi-
       viduums oder  der  politische  Staat,  wie  der  materielle,  ist
       Sklave. Der  Unterschied des  modernen Staats  von diesen Staaten
       der substantiellen  Einheit zwischen Volk und Staat besteht nicht
       darin,  daß   die  verschiedenen   Momente  der   Verfassung   zu
       b e s o n d e r e r   Wirklichkeit ausgebildet  sind,  wie  Hegel
       will,  sondern   darin,  daß   die  Verfassung  selbst  zu  einer
       b e s o n d e r n   Wirklichkeit neben  dem wirklichen Volksleben
       ausgebildet ist,  daß der  politische  Staat  zur    V e r f a s-
       s u n g  des übrigen Staats geworden ist.
       
       "§ 280. Dieses letzte Selbst des Staatswillens ist in dieser sei-
       ner Abstraktion  einfach und daher  u n m i t t e l b a r e  Ein-
       zelnheit; in  seinem Begriffe selbst liegt hiermit die Bestimmung
       der  N a t ü r l i c h k e i t;  der Monarch ist daher wesentlich
       als   d i e s e s   Individuum, abstrahiert von allem anderen In-
       halte, und  dieses Individuum  auf unmittelbare natürliche Weise,
       durch die  natürliche   G e b u r t,  zur Würde des Monarchen be-
       stimmt."
       
       Wir haben  schon gehört,  daß die  Subjektivität Subjekt  und das
       Subjekt notwendig  empirisches Individuum,  E i n s  ist. Wir er-
       fahren jetzt, daß im Begriff der  u n m i t t e l b a r e n  Ein-
       zelnheit die  Bestimmung der    N a t ü r l i c h k e i t,    der
       Leiblichkeit liegt. Hegel hat nichts bewiesen, als was von selbst
       spricht, daß  die Subjektivität nur als  l e i b l i c h e s  In-
       dividuum   e x i s t i e r t,  und, versteht sich, zum leiblichen
       Individuum gehört die  n a t ü r l i c h e  G e b u r t.
       Hegel meint,  bewiesen zu haben, daß die Staatssubjektivität, die
       Souveränität, der  Monarch "wesentlich"  ist, "als dieses Indivi-
       duum, abstrahiert  von allem andern Inhalte und  d i e s e s  In-
       dividuum, auf unmittelbare natürliche Weise, durch die natürliche
       G e b u r t,  zur Würde des Monarchen bestimmt".
       -----
       1*) das Gemeinwesen
       
       #235# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Die Souveränität, die monarchische Würde, würde also geboren. Der
       L e i b   des Monarchen  bestimmte seine  Würde. Auf der höchsten
       Spitze des  Staats entschiede  also statt  der Vernunft die bloße
       P h y s i s.   Die Geburt  bestimmte die  Qualität des Monarchen,
       wie sie die Qualität des Viehs bestimmt.
       Hegel hat  bewiesen, daß  der Monarch  geboren werden  muß, woran
       niemand zweifelt,  aber er hat nicht bewiesen, daß die Geburt zum
       Monarchen macht.
       Die Geburt  des Menschen  zum Monarchen  läßt sich ebensowenig zu
       einer metaphysischen Wahrheit machen wie die unbefleckte Empfäng-
       nis der  Mutter Maria. So gut sich aber die letztere Vorstellung,
       dies Faktum  des Bewußtseins,  so gut  läßt sich jenes Faktum der
       Empirie aus  der menschlichen  Illusion und den Verhältnissen be-
       greifen.
       In der  Anmerkung, die  wir näher betrachten, überläßt sich Hegel
       dem Vergnügen,  das Unvernünftige  als absolut  vernünftig demon-
       striert zu haben.
       "Dieser Übergang  vom Begriff  der reinen Selbstbestimmung in die
       Unmittelbarkeit des Seins und damit in die Natürlichkeit ist rein
       spekulativer Natur,  seine Erkenntnis  gehört daher der logischen
       Philosophie an."
       Allerdings ist  das rein  spekulativ, nicht  daß aus  der  reinen
       Selbstbestimmung, einer  Abstraktion, in  die   r e i n e  Natür-
       lichkeit (den  Zufall der  Geburt), in  das andere Extrem überge-
       sprungen wird,  car les extrêmes se touchent 1*). Das Spekulative
       besteht darin,  daß dies  ein "Übergang des Begriffs" genannt und
       der vollkommne  Widerspruch als  Identität, die  höchste Inkonse-
       quenz für Konsequenz ausgegeben wird.
       Als positives Bekenntnis Hegels kann angesehn werden, daß mit dem
       erblichen Monarchen  an die  Stelle der  sich selbst bestimmenden
       Vernunft die  abstrakte Naturbestimmtheit  nicht als das, was sie
       ist, als  Naturbestimmtheit, sondern  als höchste  Bestimmung des
       Staats tritt,  daß dies  der   p o s i t i v e  Punkt ist, wo die
       Monarchie den Schein nicht mehr retten kann, die Organisation des
       vernünftigen Willens zu sein.
       "Es  ist   übrigens  im    G a n z e n    d e r s e l b e"    (?)
       "Übergang, welcher  als die   N a t u r    d e s    W i l l e n s
       ü b e r h a u p t   bekannt und  der Prozeß ist, einen Inhalt aus
       der Subjektivität  (als vorgestellten  Zweck) in  das  Dasein  zu
       übersetzen [...].  Aber die   e i g e n t ü m l i c h e  Form der
       Idee und  des Überganges,  der  hier  betrachtet  wird,  ist  das
       u n m i t t e l b a r e   U m s c h l a g e n   der   r e i n e n
       S e l b s t b e s t i m m u n g   d e s   W i l l e n s    (d e s
       e i n f a c h e n    B e g r i f f e s    s e l b s t)    in  ein
       D i e s e s   und natürliches Dasein, ohne die Vermittelung durch
       einen  b e s o n d e r n  Inhalt (einen Zweck im Handeln)."
       
       Hegel sagt, daß das Umschlagen der Souveränität des Staats (einer
       Selbstbestimmung
       -----
       1*) denn Gegensätze ziehen sich an
       
       #236# Karl Marx
       -----
       des Willens) in den Körper des gebornen Monarchen (in das Dasein)
       i m  G a n z e n  der Übergang des Inhalts überhaupt ist, den der
       Wille  macht,   um   einen      g e d a c h t e n      Zweck   zu
       v e r w i r k l i c h e n,   ins Dasein zu übersetzen. Aber Hegel
       sagt: im Ganzen. Der  e i g e n t ü m l i c h e  Unterschied, den
       er angibt, ist so eigentümlich, alle Analogie aufzuheben, und die
       M a g i e   an die  Stelle der  "Natur des  Willens überhaupt" zu
       setzen.
       Erstens ist das  U m s c h l a g e n  des vorgestellten Zwecks in
       das Dasein hier  u n m i t t e l b a r,  m a g i s c h.  Zweitens
       ist  hier   das  Subjekt:   die     r e i n e    S e l b s t b e-
       s t i m m u n g  des Willens, der  e i n f a c h e  B e g r i f f
       s e l b s t;   es ist  das Wesen  des Willens, was als mystisches
       Subjekt bestimmt; es ist kein wirkliches, individuelles, bewußtes
       Wollen,  es   ist  die   Abstraktion  des  Willens,  die  in  ein
       natürliches Dasein  um schlägt,  die reine Idee, die sich als ein
       Individuum verkörpert.
       Drittens, wie  die Verwirklichung  des Wollens in natürliches Da-
       sein  u n m i t t e l b a r,  d.h. ohne  M i t t e l,  geschieht,
       die sonst  der Wille  bedarf, um  sich zu vergegenständlichen, so
       fehlt sogar  ein   b e s o n d r e r,   d.i. bestimmter Zweck, es
       findet nicht  statt "die  Vermittlung  durch  einen    b e s o n-
       d e r n   Inhalt, einen Zweck im Handeln," versteht sich, denn es
       ist  kein    h a n d e l n d e s    Subjekt  vorhanden,  und  die
       Abstraktion, die  reine Idee  des Willens, um zu handeln, muß sie
       mystisch handeln.  Ein Zweck,  der kein   b e s o n d r e r  ist,
       ist kein  Zweck, wie  ein  Handeln  ohne  Zweck  ein  zweckloses,
       sinnloses Handeln  ist. Die ganze Vergleichung mit dem teleologi-
       schen Akt des Willens gesteht sich also zu guter Letzt selbst als
       eine Mystifikation ein. Ein  i n h a l t s l o s e s  Handeln der
       Idee.
       Das Mittel  ist der  absolute Wille und das Wort des Philosophen,
       der besondre  Zweck ist  wieder der  Zweck des  philosophierenden
       Subjekts, den  e r b l i c h e n  M o n a r c h e n  aus der rei-
       nen Idee  zu konstruieren.  Die Verwirklichung des Zwecks ist die
       einfache  V e r s i c h e r u n g  Hegels.
       
       "Im sogenannten   o n t o l o g i s c h e n   B e w e i s e   vom
       Dasein Gottes ist es dasselbe Umschlagen des" absoluten Begriffes
       in das Sein" (dieselbe Mystifikation), "was die Tiefe der Idee in
       der neuern Zeit ausgemacht hat, was aber in der neuesten Zeit für
       das  U n b e g r e i f l i c h e"  (mit Recht) "ausgegeben worden
       ist." "Aber indem die Vorstellung des Monarchen eis dem gewöhnli-
       chen" (sc. dem verständigen) "Bewußtsein ganz anheimfallend ange-
       sehen wird,  so bleibt  hier um  so mehr  der Verstand bei seiner
       Trennung und den daraus fließenden Ergebnissen seiner räsonieren-
       den Gescheutheit  stehen und  leugnet dann,  daß das  Moment  der
       letzten Entscheidung  im Staate   a n  u n d  f ü r  s i c h  (d.
       i. im  Vernunftbegriff) mit  der unmittelbaren Natürlichkeit ver-
       bunden sei."
       
       Man  leugnet,  daß  die    l e t z t e    E n t s c h e i d u n g
       g e b o r e n   w erde, und  Hegel behauptet, daß der Monarch die
       geborene letzte Entscheidung sei; aber wer hat je gezweifelt, daß
       die letzte Entscheidung im Staate an wirkliche  l e i b l i c h e
       
       #237# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Individuen geknüpft  sei, also  "mit der unmittelbaren Natürlich-
       keit verbunden sei"?
       
       "§ 281.  Beide Momente  in ihrer ungetrennten Einheit, das letzte
       grundlose Selbst  des Willens und die damit ebenso grundlose Exi-
       stenz, als  der   N a t u r   anheimgestellte Bestimmung  - diese
       Idee  des  von  der  Willkür    U n b e w e g t e n    macht  die
       M a j e s t ä t   des Monarchen  aus, In dieser Einheit liegt die
       w i r k l i c h e   E i n h e i t   des Staats,  welche nur durch
       diese ihre innere und  ä u ß e r e  U n m i t t e l b a r k e i t
       der Möglichkeit, in die Sphäre der  B e s o n d e r h e i t,  de-
       ren Willkür,  Zwecke und  Ansichten herabgezogen  zu werden,  dem
       Kampf der  Faktionen  gegen  Faktionen  um  den  Thron,  und  der
       Schwächung und Zertrümmerung der Staatsgewalt entnommen ist."
       
       Die beiden  Momente sind: der  Z u f a l l  d e s  W i l l e n s,
       die Willkür, und der  Z u f a l l  d e r  N a t u r,  die Geburt,
       also  S e i n e  M a j e s t ä t  d e r  Z u f a l l.  Der Zufall
       ist also die  w i r k l i c h e  E i n h e i t  des Staats.
       Inwiefern eine  "innere und äußere Unmittelbarkeit" der Kollision
       etc. entnommen  sein soll,  ist von Hegel eine unbegreifliche Be-
       hauptung, da grade sie das Preisgegebne ist.
       Was Hegel vom Wahlreich behauptet, gilt in noch höherem Grade vom
       erblichen Monarchen:
       
       "Die Verfassung  wird nämlich  in einem Wahlreich durch die Natur
       des Verhältnisses,  daß in  ihm der  p a r t i k u l ä r e  Wille
       zum   letzten    Entscheidenden    gemacht    ist,    zu    einer
       Wahl - K a p i t u l a t i o n"  etc. etc. "zu einer Ergebung der
       Staatsgewalt auf  die Diskretion des partikulären Willens, woraus
       die Verwandlung  der besonderen  S t a a t s g e w a l t e n  i n
       P r i v a t e i g e n t u m"  etc. "hervorgeht."
       "§  282.   Aus  der   Souveränität  des   Monarchen  fließt   das
       B e g n a d i g u n g s r e c h t   der Verbrecher,  denn ihr nur
       kommt die Verwirklichung der Macht des Geistes zu, das Geschehene
       ungeschehen zu  machen, und im Vergehen und Vergessen das Verbre-
       chen zu vernichten."
       
       Das  Begnadigungsrecht  ist  das  Recht  der    G n a d e,    Die
       G n a d e   ist der  höchste Ausdruck  der    z u f ä l l i g e n
       W i l l k ü r,   die Hegel sinnvoll zum eigentlichen Attribut des
       Monarchen macht.  Hegel bestimmt  im Zusatz  selbst als ihren Ur-
       sprung  "d i e  g r u n d l o s e  E n t s c h e i d u n g".
       
       "§ 283. Das  z w e i t e  in der Fürstengewalt Enthaltene ist das
       Moment der   B e s o n d e r h e i t  oder des bestimmten Inhalts
       und der  Subsumtion desselben  unter das  Allgemeine. Insofern es
       eine besondere Existenz erhält, sind es oberste beratende Stellen
       und Individuen,  die den Inhalt der vorkommenden Staatsangelegen-
       heiten oder  der aus vorhandenen Bedürfnissen nötig werdenden ge-
       setzlichen Bestimmungen,  mit ihren  o b j e k t i v e n  Seiten,
       den Entscheidungsgründen,  darauf sich  beziehenden Gesetzen, Um-
       ständen usf.  zur Entscheidung  vor den  M o n a r c h e n  brin-
       gen. Die  Erwählung der  I n d i v i d u e n  zu diesem Geschäfte
       wie deren  Entfernung fällt, da sie es mit der unmittelbaren Per-
       son  des   Monarchen  zu   tun  haben,   in   seine      u n b e-
       s c h r ä n k t e  W i l l k ü r."
       
       #238# Karl Marx
       -----
       "§ 284.  Insofern das   O b j e k t i v e   der Entscheidung, die
       Kenntnis des  Inhalts und  der Umstände, die gesetzlichen und an-
       dere Bestimmungsgründe,  allein der    V e r a n t w o r t u n g,
       d. i. des Beweises der Objektivität fähig ist und daher einer von
       dem persönlichen Willen des Monarchen als solchem unterschiedenen
       Beratung zukommen  kann, sind diese beratenden Stellen oder Indi-
       viduen allein  der   V e r a n t w o r t u n g   unterworfen, die
       eigentümliche Majestät  des Monarchen,  als die  letzte entschei-
       dende Subjektivität,  ist aber  über alle  Verantwortlichkeit für
       die Regierungshandlungen erhoben."
       
       Hegel  beschreibt  hier  ganz  empirisch  die    M i n i s t e r-
       g e w a l t,   wie  sie  in  konstitutionellen  Staaten  meistens
       bestimmt ist. Das einzige, was die Philosophie hinzutut, ist, daß
       sie dieses  "empirische Faktum"  zur Existenz,  zum Prädikat  des
       "Momentes  der    B e s o n d e r h e i t    in  der  fürstlichen
       Gewalt" macht.
       (Die Minister  repräsentieren die vernünftige objektive Seite des
       souveränen Willens. Ihnen kommt daher auch die  E h r e  der Ver-
       antwortung zu,  während der Monarch mit der eigentümlichen Imagi-
       nation der  "Majestät" abgefunden  wird.) Das  spekulative Moment
       ist also  sehr dürftig.  Dagegen beruht die Entwicklung im beson-
       dern  auf  ganz  empirischen,  und  zwar  sehr  abstrakten,  sehr
       schlechten empirischen Gründen.
       So ist  z.B. die Wahl der Minister in "die unbeschränkte Willkür"
       des Monarchen  gestellt, "da  sie es mit der unmittelbaren Person
       des Monarchen  zu tun  haben", d, h. da sie Minister sind. Ebenso
       kann die  "unbeschränkte Wahl" des  K a m m e r d i e n e r s des
       Monarchen aus der absoluten Idee entwickelt werden.
       Besser  ist   schon  der  Grund  für  die    V e r a n t w o r t-
       l i c h k e i t   der Minister,  "insofern das  O b j e k t i v e
       der Entscheidung,  die Kenntnis des Inhalts und der Umstände, die
       gesetzlichen   und    anderen   Bestimmungsgründe    allein   der
       V e r a n t w o r t u n g,   d.i.   d e s  B e w e i s e s  d e r
       O b j e k t i v i t ä t,   fähig ist". Versteht sich, "die letzte
       entscheidende Subjektivität",  die reine Subjektivität, die reine
       Willkür  ist  nicht  objektiv,  also  auch  keines  Beweises  der
       Objektivität,  also   keiner  Verantwortung   fähig,  sobald  ein
       Individuum die   g e h e i l i g t e,   s a n k t i o n i e r t e
       E x i s t e n z   der Willkür  ist. Hegels  Beweis ist schlagend,
       wenn man  von den konstitutionellen Voraussetzungen ausgeht, aber
       Hegel hat  diese Voraussetzungen damit nicht bewiesen, daß er sie
       in ihrer Grundvorstellung  a n a l y s i e r t.  I n  d i e s e r
       V e r w e c h s l u n g       l i e g t      d i e      g a n z e
       U n k r i t i k  der Hegelschen Rechtsphilosophie.
       
       "§ 285.  Das  d r i t t e  Moment der fürstlichen Gewalt betrifft
       das an  und für sich Allgemeine, welches in subjektiver Rücksicht
       in dem  G e w i s s e n  d e s  M o n a r c h e n,  in objektiver
       Rücksicht   i m   G a n z e n  d e r  V e r f a s s u n g  und in
       den   G e s e t z e n   besteht; die fürstliche Gewalt  s e t z t
       insofern die  anderen Momente   v o r a u s,   w i e    j e d e s
       v o n  d i e s e n  s i e  v o r a u s s e t z t."
       
       #239# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       "§ 286.  Die  o b j e k t i v e  G a r a n t i e  der fürstlichen
       Gewalt, der rechtlichen Sukzession nach der Erblichkeit des Thro-
       nes usf. liegt darin, daß, ,wie diese Sphäre ihre von den anderen
       durch die  Vernunft  bestimmten  Momenten    a u s g e s c h i e-
       d e n e   Wirklichkeit hat,  ebenso  die  anderen  für  sich  die
       eigentümlichen Rechte und Pflichten ihrer Bestimmung haben; jedes
       Glied, indem  es sich  für sich  erhält, erhält  im  vernünftigen
       Organismus eben damit die anderen in ihrer Eigentümlichkeit."
       
       Hegel sieht  nicht, daß er mit diesem dritten Moment, dem "an und
       für sich Allgemeinen", die beiden ersten in die Luft sprengt oder
       umgekehrt. "Die  fürstliche Gewalt setzt insofern die anderen Mo-
       mente voraus,  wie jedes von diesen sie voraussetzt." Wird dieses
       Setzen nicht  mystisch, sondern  realiter genommen,  so  ist  die
       fürstliche Gewalt  nicht durch  die Geburt, sondern durch die an-
       dern Momente  gesetzt, also nicht erblich, sondern fließend, d.h.
       eine Bestimmung  des Staats,  die abwechselnd an Staatsindividuen
       nach dem  Organismus der  andern Momente  verteilt wird. In einem
       vernünftigen Organismus  kann nicht  der Kopf  von Eisen  und der
       Körper von  Fleisch sein. Damit die Glieder sich erhalten, müssen
       sie   e b e n b ü r t i g,  von einem Fleisch uni Blut sein. Aber
       der erbliche  Monarch ist  nicht ebenbürtig,  er ist  aus  anderm
       Stoff. Der Prosa des rationalistischen Willens der andern Staats-
       glieder tritt  hier die Magie der Natur gegenüber. Zudem, Glieder
       können sich  nur insofern  wechselseitig erhalten,  als der ganze
       Organismus flüssig und jedes derselben in dieser Flüssigkeit auf-
       gehoben,  also  keines,  wie  hier  der  Staatskopf,  "unbewegt",
       "inalterabel" ist.  Hegel hebt  durch diese  Bestimmung also  die
       "geborene Souveränität" auf.
       Zweitens die  Unverantwortlichkeit. Wenn der Fürst das "Ganze der
       Verfassung", die  "Gesetze", verletzt,  hört seine  Unverantwort-
       lichkeit, weil  sein verfassungsmäßiges  Dasein, auf;  aber  eben
       diese Gesetze, diese Verfassung, machen ihn unverantwortlich. Sie
       widersprechen also  sich selbst,  und diese eine Klausel hebt Ge-
       setz und  Verfassung auf.  Die Verfassung  der  konstitutionellen
       Monarchie ist die  U n v e r a n t w o r t l i c h k e i t.
       Begnügt sich  Hegel aber  damit, "daß,  wie diese Sphäre ihre von
       den anderen  durch die  Vernunft bestimmten  Momenten  a u s g e-
       s c h i e d e n e   Wirklichkeit, ebenso die anderen für sich die
       e i g e n t ü m l i c h e n   Rechte und  Pflichten ihrer Bestim-
       mung haben",  so müßte  er die  Verfassung des  Mittelalters eine
       Organisation nennen;  so hat  er bloß  mehr eine Masse besonderer
       Sphären, die  in  dem  Zusammenhang  einer  äußern  Notwendigkeit
       zusammenstehn, und  allerdings paßt  auch nur hierhin ein leibli-
       cher Monarch.  In einem  Staate, worin  jede  Bestimmung    f ü r
       s i c h   existiert, muß auch die  S o u v e r ä n i t ä t  d e s
       S t a a t s   als ein   b e s o n d r e s   Individuum  befestigt
       sein.
       
       #240# Karl Marx
       -----
       Resumé über  Hegels Entwicklung  der fürstlichen  Gewalt oder der
       Idee der Staatssouveränität.
       
       § 279. Anmerkung 5. 367 heißt es:
       
       "V o l k s s o u v e r ä n i t ä t   kann in dem Sinn gesagt wer-
       den, daß  ein Volk überhaupt  n a c h  A u ß e n  ein Selbständi-
       ges sei  und einen eigenen Staat ausmache, wie das Volk von Groß-
       britannien, aber  das Volk  von England  oder Schottland,  Irland
       oder von  Venedig, Genua,  Ceylon usf.  kein souveränes Volk mehr
       sei, seitdem  sie aufgehört  haben,   e i g e n e   F ü r s t e n
       oder oberste Regierungen für sich zu haben."
       
       Die     V o l k s s o u v e r ä n i t ä t    ist  also  hier  die
       N a t i o n a l i t ä t,   die Souveränität  des Fürsten  ist die
       N a t i o n a l i t ä t,   oder das  Prinzip des  Fürstentums ist
       die   N a t i o n a l i t ä t,   die für  sich und ausschließlich
       die  Souveränität   eines  Volkes   bildet.  Ein   Volk,   dessen
       S o u v e r ä n i t ä t   n u r  in der Nationalität besteht, hat
       einen   M o n a r c h e n.  Die verschiedne Nationalität der Völ-
       ker kann  sich nicht  besser befestigen  und ausdrucken als durch
       verschiedne   M o n a r c h e n.   Die Kluft,  die zwischen einem
       absoluten Individuum und dem andern, ist zwischen diesen Nationa-
       litäten.
       Die Griechen  (und Römer) waren  n a t i o n a l,  weil und inso-
       fern sie  das   s o u v e r ä n e   Volk waren. Die Germanen sind
       s o u v e r ä n,  weil und insofern sie national sind.
       
       "Eine sogenannte   m o r a l i s c h e   Person", heißt es ferner
       in derselben Anmerkung, "Gesellschaft, Gemeinde, Familie, so kon-
       kret sie  in sich  ist, hat  die Persönlichkeit  nur als  Moment,
       a b s t r a k t   i n   i h r;  sie ist darin nicht zur  W a h r-
       h e i t  i h r e r  E x i s t e n z  gekommen, der Staat aber ist
       eben diese  Totalität, in  welcher die  Momente des  Begriffs zur
       Wirklichkeit nach  ihrer   e i g e n t ü m l i c h e n   Wahrheit
       gelangen."
       
       Die moralische Person, Gesellschaft, Familie etc. hat die Persön-
       lichkeit nur  abstrakt in  ihr;  dagegen  im  Monarchen  hat  die
       P e r s o n  d e n  S t a a t  i n  s i c h.
       In Wahrheit  hat die  a b s t r a k t e  P e r s o n  erst in der
       m o r a l i s c h e n   P e r s o n,   Gesellschaft, Familie etc.
       ihre   P e r s ö n l i c h k e i t   zu einer wahren Existenz ge-
       bracht. Aber Hegel faßt Gesellschaft, Familie etc., überhaupt die
       m o r a l i s c h e   P e r s o n,   nicht als die Verwirklichung
       der wirklichen,  empirischen Person,  sondern als    w i r k l i-
       c h e   Person, die  aber  das  Moment  der  Persönlichkeit  erst
       abstrakt in ihr hat. Daher kommt bei ihm auch nicht die wirkliche
       Person zum  Staat, sondern  der Staat  muß  erst  zur  wirklichen
       Person  kommen.  Statt  daß  daher  der  Staat  als  die  höchste
       Wirklichkeit der Person, als die höchste soziale Wirklichkeit des
       Menschen, wird   e i n   e i n z e l n e r   empirischer  Mensch,
       wird die  empirische Person  als  die  höchste  Wirklichkeit  des
       Staats hervorgebracht.  Diese Verkehrung  des Subjektiven  in das
       Objektive und  des Objektiven in das Subjektive (die daher rührt,
       daß Hegel die Lebensgeschichte der abstrakten Substanz,
       
       #241# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       der Idee, schreiben will, daß also die menschliche Tätigkeit etc.
       als Tätigkeit und Resultat eines andern erscheinen muß, daß Hegel
       das Wesen  des Menschen für sich, als eine imaginäre Einzelnheit,
       statt in  seiner   w i r k l i c h e n,   m e n s c h l i c h e n
       Existenz wirken  lassen will)  hat notwendig  das  Resultat,  daß
       u n k r i t i s c h e r w e i s e     eine    e m p i r i s c h e
       Existenz als  die wirkliche Wahrheit der Idee genommen wird; denn
       es handelt  sich nicht  davon, die  empirische Existenz  zu ihrer
       Wahrheit, sondern  die Wahrheit  zu einer empirischen Existenz zu
       bringen,  und   da  wird   denn  die   zunächstliegende  als  ein
       r e a l e s   Moment der Idee entwickelt. (Über dieses notwendige
       Umschlagen von  Empirie in Spekulation und von Spekulation in Em-
       pirie später mehr.)
       Auf diese  Weise wird  denn auch  der Eindruck  des    M y s t i-
       s c h e n   und  T i e f e n  hervorgebracht. Es ist sehr vulgär,
       daß der  Mensch geboren  worden  ist;  und  daß  dies  durch  die
       physische Geburt  gesetzte Dasein zum sozialen Menschen etc. wird
       bis zum  Staatsbürger herauf;  der Mensch wird durch seine Geburt
       alles, was  er wird.  Aber es ist sehr tief, es ist frappant, daß
       die Staatsidee  unmittelbar  geboren  wird,  in  der  Geburt  des
       Fürsten sich  selbst zum empirischen Dasein herausgeboren hat. Es
       ist auf  diese  Weise  kein  Inhalt  gewonnen,  sondern  nur  die
       F o r m   des alten Inhalts verändert. Er hat eine philosophische
       F o r m  erhalten, ein philosophisches Attest.
       Eine andere Konsequenz dieser mystischen Spekulation ist, daß ein
       b e s o n d r e s   empirisches Dasein, ein einzelnes empirisches
       Dasein im  Unterschied von  den andern  als das  D a s e i n  der
       I d e e   gefaßt wird.  Es macht  wieder einen  tiefen mystischen
       Eindruck, ein  b e s o n d r e s  empirisches Dasein von der Idee
       gesetzt zu sehen und so auf allen Stufen einer Menschwerdung Got-
       tes zu begegnen.
       Würden z.B. bei der Entwicklung von Familie, bürgerlicher Gesell-
       schaft, Staat  etc. diese sozialen Existentialweisen des Menschen
       als Verwirklichung,  Verobjektivierung seines  Wesens betrachtet,
       so erscheinen  Familie etc.  als einem Subjekt inhärente Qualitä-
       ten. Der  Mensch bleibt  immer das Wesen aller dieser Wesen, aber
       diese Wesen  erscheinen auch als seine  w i r k l i c h e  Allge-
       meinheit, daher  auch als das  G e m e i n s a m e.  Sind dagegen
       Familie, bürgerliche  Gesellschaft, Staat  etc. Bestimmungen  der
       Idee, der  Substanz als  Subjekt, so  müssen sie  eine empirische
       Wirklichkeit erhalten und die Menschenmasse, in der sich die Idee
       der bürgerlichen  Gesellschaft entwickelt, ist Bürger, die andere
       Staatsbürger. Da  es eigentlich  nur um  eine  A l l e g o r i e,
       nur darum  zu  tun  ist,  irgendeiner  empirischen  Existenz  die
       B e d e u t u n g   der verwirklichten  Idee beizulegen,  so ver-
       steht es  sich, daß  diese Gefäße  ihre Bestimmung erfüllt haben,
       sobald sie zu einer bestimmten Inkorporation eines Lebensmomentes
       der Idee geworden sind. Das Allgemeine erscheint daher überall
       
       #242# Karl Marx
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       als ein Bestimmtes, Besonderes, wie das Einzelne nirgends zu sei-
       ner wahren Allgemeinheit kommt.
       Am tiefsten,  spekulativsten erscheint  es daher  notwendig, wenn
       die abstraktesten,  noch durchaus  zu keiner wahren sozialen Ver-
       wirklichung gereiften  Bestimmungen, die  Naturbasen des  Staats,
       wie die  Geburt (beim  Fürsten) oder das Privateigentum (im Majo-
       rat) als  die höchsten,  unmittelbar Mensch  gewordenen Ideen er-
       scheinen.
       Und es  versteht sich von selbst. Der wahre Weg wird auf den Kopf
       gestellt. Das  Einfachste ist  das Verwickeltste  und das Verwic-
       keltste das  Einfachste. Was Ausgang sein sollte, wird zum mysti-
       schen Resultat,  und was  rationelles Resultat  sein sollte, wird
       zum mystischen Ausgangspunkt.
       Wenn aber  der Fürst  die abstrakte   P e r s o n   ist,  die den
       S t a a t   i n  s i c h  hat, so heißt das überhaupt nichts, als
       daß das  Wesen  des  Staats  die  abstrakte,  die    P r i v a t-
       p e r s o n   ist. Bloß in seiner Blüte spricht er sein Geheimnis
       aus. Der  Fürst ist  die einzige  Privatperson, in  der sich  das
       Verhältnis der Privatperson überhaupt zum Staat verwirklicht.
       Die Erblichkeit  des Fürsten  ergibt sich  aus seinem Begriff. Er
       soll die spezifisch von der ganzen Gattung, von allen andern Per-
       sonen unterschiedene  Person sein. Welches ist nun der letzte fe-
       ste Unterschied einer Person von allen andern? Der  L e i b.  Die
       höchste Funktion  des  Leibes  ist  die    G e s c h l e c h t s-
       t ä t i g k e i t.   Der höchste  konstitutionelle Akt des Königs
       ist daher seine Geschlechtstätigkeit, denn durch diese  m a c h t
       er einen König und setzt seinen Leib fort. Der Leib seines Sohnes
       ist die  Reproduktion seines  eigenen Leibes, die Schöpfung eines
       königlichen Leibes.
       
       b)  D i e  R e g i e r u n g s g e w a l t
       
       "§ 287.  Von der   E n t s c h e i d u n g  ist die  A u s f ü h-
       r u n g   und  A n w e n d u n g  der fürstlichen Entscheidungen,
       überhaupt  das  Fortführen  und  Im-Stande-Erhalten  des  bereits
       Entschiedenen, der  vorhandenen Gesetze, Einrichtungen, Anstalten
       für gemeinschaftliche  Zwecke und dergleichen unterschieden. Dies
       Geschäft der   S u b s u m t i o n   [...]  begreift  die    R e-
       g i e r u n g s g e w a l t     in  sich,   worunter  ebenso  die
       r i c h t e r l i c h e n   u n d  p o l i z e i l i c h e n  Ge-
       walten begriffen sind, welche unmittelbarer auf das Besondere der
       bürgerlichen Gesellschaft  Beziehung  haben  und  das  allgemeine
       Interesse in diesen Zwecken geltend machen."
       
       Die  gewöhnliche   Erklärung  der   Regierungsgewalt.  Als  Hegel
       e i g e n t ü m l i c h   kann nur angegeben werden, daß er  R e-
       g i e r u n g s g e w a l t,   polizeiliche Gewalt  und  r i c h-
       t e r l i c h e   G e w a l t   k o o r d i n i e r t,    während
       sonst  administrative  und  richterliche  Gewalt  als  Gegensätze
       behandelt werden.
       
       #243# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       "§ 288.  Die gemeinschaftlichen besonderen Interessen, die in die
       bürgerliche Gesellschaft  fallen   u n d   a u ß e r   dem    a n
       u n d   f ü r   s i c h   s e i e n d e n   A l l g e m e i n e n
       des   S t a a t s   s e l b s t  l i e g e n  (§ 256). haben ihre
       Verwaltung in den  K o r p o r a t i o n e n  (§ 251) der Gemein-
       den und  sonstiger Gewerbe und Stände und deren Obrigkeiten, Vor-
       steher, Verwalter  und dergleichen.  Insofern diese Angelegenhei-
       ten, die  sie besorgen,  einerseits das    P r i v a t e i g e n-
       t u m  und  I n t e r e s s e  dieser  b e s o n d e r n  Sphären
       sind und  nach dieser  Seite ihre  Autorität mit auf dem Zutrauen
       ihrer Standesgenossen  und  Bürgerschaften  beruht,  andererseits
       diese Kreise den höheren Interessen des Staats untergeordnet sein
       müssen, wird sich für die Besetzung dieser Stellen im allgemeinen
       eine Mischung  von gemeiner  Wahl dieser  Interessenten  und  von
       einer höheren Bestätigung und Bestimmung ergeben."
       Einfache Beschreibung  des empirischen  Zustandes in einigen Län-
       dern.
       
       "§ 289.  Die   F e s t h a l t u n g   des  a l l g e m e i n e n
       S t a a t s i n t e r e s s e s  und des  G e s e t z l i c h e n
       in diesen  besonderen Rechten und die Zurückführung derselben auf
       jenes erfordert  eine Besorgung durch  A b g e o r d n e t e  der
       Regierungsgewalt,  die    e x e k u t i v e n    S t a a t s b e-
       a m t e n   und die  höheren beratenden,  insofern  kollegialisch
       konstituierten Behörden,  welche in  den obersten,  den Monarchen
       berührenden Spitzen zusammenlaufen."
       
       Hegel hat  die   R e g i e r u n g s g e w a l t   nicht   e n t-
       w i c k e l t.   Aber, selbst  dies unterstellt,  so hat er nicht
       bewiesen, daß  sie mehr  als   e i n e   F u n k t i o n,    eine
       B e s t i m m u n g   des Staatsbürgers überhaupt ist, er hat sie
       als eine  b e s o n d e r e,  s e p a r i e r t e  Gewalt nur da-
       durch deduziert,  daß er die "besonderen Interessen der bürgerli-
       chen Gesellschaft"  als solche  betrachtet, die "außer dem an und
       für sich seienden Allgemeinen des Staats liegen".
       
       "Wie die   b ü r g e r l i c h e   G e s e l l s c h a f t  d e r
       K a m p f p l a t z   d e s   i n d i v i d u e l l e n    P r i-
       v a t i n t e r e s s e s   A l l e r  g e g e n  A l l e  i s t,
       s o   h a t   h i e r   d e r  K o n f l i k t  d e s s e l b e n
       g e g e n  d i e  g e m e i n s c h a f t l i c h e n  b e s o n-
       d e r e n   A n g e l e g e n h e i t e n    u n d    d i e s e r
       z u s a m m e n   mit jenem  gegen die höheren Gesichtspunkte und
       Anordnungen des  Staats seinen  Sitz. Der  Korporationsgeist, der
       sich in  der Berechtigung  der besondern Sphären erzeugt, schlägt
       in sich  selbst zugleich  in den Geist des Staats um, indem er an
       dem Staate  das Mittel  der Erhaltung  der besonderen Zwecke hat.
       Dies ist das  G e h e i m n i s  des Patriotismus der Bürger nach
       dieser Seite,  daß  sie  den  Staat  als  ihre  Substanz  wissen,
       w e i l   er ihre besondern Sphären, deren Berechtigung und Auto-
       rität wie deren Wohlfahrt erhält. In dem Korporationsgeist, da er
       die   E i n w u r z e l u n g   des    B e s o n d e r e n    i n
       d a s   A l l g e m e i n e   u n m i t t e l b a r  enthält, ist
       insofern die  Tiefe und  die Stärke  des Staates,  die er  in der
       G e s i n n u n g  hat."
       
       Merkwürdig
       1. wegen der  Definition der  bürgerlichen Gesellschaft  als  des
       bellum omnium contra omnes 1*);
       -----
       1*) Krieges aller gegen alle
       
       #244# Karl Marx
       -----
       2. weil  der     P r i v a t e g o i s m u s    als  das    "G e-
       h e i m n i s   d e s   P a t r i o t i s m u s   d e r    B ü r-
       g e r"  verraten wird und als die "Tiefe und Stärke des Staats in
       der Gesinnung";
       3. weil der  "Bürger", der  Mann des besonderen Interesses im Ge-
       gensatz zum  Allgemeinen, das  Mitglied der  bürgerlichen Gesell-
       schaft als "fixes Individuum" betrachtet wird, wogegen ebenso der
       Staat in "fixen Individuen" den "Bürgern" gegenübertritt.
       Hegel, sollte  man meinen,  mußte die  "bürgerliche Gesellschaft"
       wie die  "Familie" als  Bestimmung jedes  Staatsindividuums, also
       auch die  späteren "Staatsqualitäten"  ebenso als  Bestimmung des
       Staatsindividuums überhaupt bestimmen. Aber es ist nicht dasselbe
       Individuum, welches  eine neue  Bestimmung seines sozialen Wesens
       entwickelt. Es  ist das  Wesen des Willens, welches seine Bestim-
       mungen angeblich aus sich selbst entwickelt. Die bestehenden ver-
       schiedenen und  getrennten, empirischen  Existenzen  des  Staates
       werden als  unmittelbare Verkörperungen einer dieser Bestimmungen
       betrachtet.
       Wie das  Allgemeine als solches verselbständigt wird, wird es un-
       mittelbar mit  der empirischen Existenz konfundiert, wird das Be-
       schränkte unkritischerweise  sofort für den Ausdruck der Idee ge-
       nommen.
       Mit sich selbst gerät Hegel hier nur insofern in Widerspruch, als
       er den  "Familienmenschen" nicht  gleichmäßig wie  den Bürger als
       eine fixe,  von den  übrigen Qualitäten ausgeschlossene Rasse be-
       trachtet.
       
       "§ 290. In dem  G e s c h ä f t e  d e r  R e g i e r u n g  fin-
       det sich  gleichfalls die   T e i l u n g    d e r    A r b e i t
       [...] ein.  Die Organisation  der Behörden  hat insofern die for-
       melle, aber schwierige Aufgabe, daß von unten, wo das bürgerliche
       Leben   k o n k r e t   ist, dasselbe  auf konkrete Weise regiert
       werde, daß dies Geschäft aber in seine  a b s t r a k t e  Zweige
       geteilt sei,  die von eigentümlichen Behörden als unterschiedenen
       Mittelpunkten behandelt  werden, deren Wirksamkeit nach unten so-
       wie in  der obersten  Regierungsgewalt in eine konkrete Übersicht
       wieder zusammenlaufe."
       
       Der  Z u s a t z  hierzu später zu betrachten.
       
       "§ 291.  Die Regierungsgeschäfte  sind objektiver, für sich ihrer
       Substanz nach  bereits entschiedener  Natur  (§  287)  und  durch
       I n d i v i d u e n  zu vollführen und zu verwirklichen. Zwischen
       beiden liegt  keine unmittelbare   n a t ü r l i c h e   Verknüp-
       fung; die  Individuen sind  daher nicht durch dir natürliche Per-
       sönlichkeit und  die Geburt dazu bestimmt. Für ihre Bestimmung zu
       demselben ist  das objektive Moment die Erkenntnis und der Erweis
       ihrer Befähigung -, ein Erweis, der dem Staate sein Bedürfnis und
       als die  einzige Bedingung  zugleich jedem  Bürger  die    M ö g-
       l i c h k e i t,     sich  dem   allgemeinen  Stande  zu  widmen,
       sichert."
       "§ 292.  Die subjektive  Seite, daß   d i e s e s  Individuum aus
       Mehreren, deren es, da hier das Objektive nicht (wie z.B. bei der
       Kunst) in  Genialität liegt,  notwendig unbestimmt  M e h r e r e
       gibt, unter denen der Vorzug nichts absolut Bestimmbares ist,
       
       #245# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       zu einer Stelle gewählt und ernannt und zur Führung des öffentli-
       chen Geschäftes  bevollmächtigt wird, diese Verknüpfung des Indi-
       viduums und  des Amtes,  als zweier  für sich gegeneinander immer
       zufälligen Seiten,  kommt der fürstlichen als der entscheiden der
       und souveränen Staatsgewalt zu."
       "§ 293.  Die besonderen  Staatsgeschäfte, welche  die  M o n a r-
       c h i e     den  Behörden   übergibt,  machen   einen  Teil   der
       o b j e k t i v e n  Seite der dem Monarchen innewohnenden Souve-
       ränität aus;  ihr bestimmter   U n t e r s c h i e d   ist ebenso
       durch die  Natur der Sache gegeben; und wie die Tätigkeit der Be-
       hörden eine  Pflichterfüllung, so  ist ihr  Geschäft auch ein der
       Zufälligkeit entnommenes Recht."
       
       Nur aufzumerken auf die  "o b j e k t i v e  Seite der dem Monar-
       chen  i n n e w o h n e n d e n  Souveränität".
       
       "§ 294.  Das Individuum, das durch den souveränen Akt (§ 292) ei-
       nem amtlichen  Berufe verknüpft  ist, ist auf seine Pflichterfül-
       lung, das  Substantielle seines Verhältnisses, als Bedingung die-
       ser Verknüpfung angewiesen, in welcher es  a l s  F o l g e  die-
       ses substantiellen  Verhältnisses das Vermögen und die gesicherte
       Befriedigung seiner Besonderheit (§ 264) und Befreiung seiner äu-
       ßern Lage  und Amtstätigkeit  von sonstiger subjektiver Abhängig-
       keit und Einfluß findet."
       "Der Staatsdienst", heißt es in der Anmerkung, "fordert [...] die
       Aufopferung selbständiger und beliebiger Befriedigung subjektiver
       Zwecke und  gibt eben  damit das Recht, sie in der pflichtmäßigen
       Leistung, aber  nur in  ihr zu  finden. Hierin  liegt nach dieser
       Seite die  Verknüpfung des allgemeinen und besonderen Interesses,
       welche den  Begriff und die innere Festigkeit des Staats ausmacht
       (§ 260)."  "Durch die  gesicherte Befriedigung des besonderen Be-
       dürfnisses ist die äußere Not gehoben, welche die Mittel dazu auf
       Kasten der  Amtstätigkeit und Pflicht zu suchen veranlassen kann.
       In der  allgemeinen Staatsgewalt finden die mit seinen Geschäften
       Beauftragten Schutz  gegen die  andere subjektive Seite gegen die
       Privatleidenschaften der  Regierten, deren  Privatinteresse  usf.
       durch das Geltendmachen des Allgemeinen dagegen beleidigt wird."
       "§ 295. Die Sicherung des Staats und der Regierten gegen den Miß-
       brauch der Gewalt von seiten der Behörden und ihrer Beamten liegt
       einerseits unmittelbar  in ihrer  Hierarchie und  Verantwortlich-
       keit, andererseits in der Berechtigung der Gemeinden, Korporatio-
       nen, als  wodurch die  Einmischung subjektiver Willkür in die den
       Beamten anvertraute  Gewalt für  sich gehemmt und die in das ein-
       zelne Benehmen  nicht reichende Kontrolle von Oben, von Unten er-
       gänzt wird."
       "§ 296.  Daß aber  die Leidenschaftlosigkeit,  Rechtlichkeit  und
       Milde des  Benehmens Sitte  werde, hängt  teils mit  der direkten
       s i t t l i c h e n   und   G e d a n k e n b i l d u n g  zusam-
       men, welche dem, was die Erlernung der sogenannten Wissenschaften
       der Gegenstände  dieser Sphären,  die erforderliche Geschäftsein-
       übung, die  wirkliche Arbeit usf. von Mechanismus und dergleichen
       in sich  hat, das  geistige Gleichgewicht  hält;  teils  ist  die
       G r ö ß e  des Staats ein Hauptmoment, wodurch sowohl das Gewicht
       von Familien- und anderen Privatverbindungen geschwächt, als auch
       Rache, Haß  und andere solche Leidenschaften ohnmächtiger und da-
       mit stumpfer werden; in der Beschäftigung mit den [in dem] großen
       Staate vorhandenen großen Interessen gehen für sich diese subjek-
       tiven
       
       #246# Karl Marx
       -----
       Seiten unter und erzeugt sich die Gewohnheit allgemeiner Interes-
       sen, Ansichten und Geschäfte."
       "§ 297. Die Mitglieder der Regierung und die Staatsbeamten machen
       den Hauptteil des  M i t t e l s t a n d e s  aus, in welchen die
       gebildete Intelligenz und das rechtliche Bewußtsein der Masse ei-
       nes Volkes  fällt. Daß er nicht die isolierte Stellung einer Ari-
       stokratie nehme  und Bildung  und Geschicklichkeit nicht zu einem
       Mittel der  Willkür und  einer Herrenschaft werde, wird durch die
       I n s t i t u t i o n e n   d e r   S o u v e r ä n i t ä t   von
       oben herab  und der  K o r p o r a t i o n s r e c h t e  von un-
       ten herauf bewirkt."
       "Z u s a t z.   In dem Mittelstande, zu dem die Staatsbeamten ge-
       hören, ist  das Bewußtsein  des Staates und die hervorstechendste
       Bildung. Deswegen  macht er  auch die Grundsäule desselben in Be-
       ziehung auf  Rechtlichkeit und Intelligenz aus." "Daß dieser Mit-
       telstand gebildet werde, ist ein Hauptinteresse des Staates, aber
       dies kann  nur in einer Organisation, wie die ist, welche wir ge-
       sehen haben, geschehen, nämlich durch die Berechtigung besonderer
       Kreise, die  relativ unabhängig  sind, und  durch eine   B e a m-
       t e n w e l t,    deren  Willkür  sich  an  solchen  Berechtigten
       bricht. Das  Handeln nach  allgemeinem Rechte  und die Gewohnheit
       dieses Handelns  ist eine Folge des Gegensatzes, den die für sich
       selbständigen Kreise bilden."
       
       Was Hegel  über die  "Regierungsgewalt" sagt,  verdient nicht den
       Namen einer  philosophischen Entwicklung. Die meisten Paragraphen
       könnten wörtlich  im preußischen  Landrecht [67]  stehn, und doch
       ist die  eigentliche Administration  der schwierigste  Punkt  der
       Entwicklung.
       Da Hegel  die "polizeiliche"  und die "richterliche" Gewalt schon
       der Sphäre  der  b ü r g e r l i c h e n  G e s e l l s c h a f t
       vindiziert  hat,  so  ist  die    R e g i e r u n g s g e w a l t
       nichts anderes  als die  Administration, die  er  als  Bürokratie
       e n t w i c k e l t.
       Der Bürokratie  sind zunächst  vorausgesetzt die    "S e l b s t-
       v e r w a l t u n g"   der bürgerlichen  Gesellschaft in  "K o r-
       p o r a t i o n e n".   Die einzige  Bestimmung, die  hinzukommt,
       ist, daß  die Wahl der Verwalter, Obrigkeiten derselben etc. eine
       g e m i s c h t e   ist, ausgehend von den Bürgern, bestätigt von
       der eigentlichen  Regierungsgewalt;  ("h ö h e r e  Bestätigung",
       wie Hegel sagt).
       Über dieser  Sphäre zur "Festhaltung des allgemeinen Staatsinter-
       esses und  des Gesetzlichen" stehn "Abgeordnete der Regierungsge-
       walt", die  "exekutiven Staatsbeamten"  und die  "kollegialischen
       Behörden", welche im "Monarchen" zusammenlaufen.
       In dem  "Geschäfte der  Regierung" findet  "Teilung  der  Arbeit"
       statt. Die Individuen müssen ihre Fähigkeit zu Regierungsgeschäf-
       ten beweisen,  d.h. Examina  ablegen. Die Wahl der b e s t i m m-
       t e n   Individuen zu  Staatsämtern kommt der fürstlichen Staats-
       gewalt zu.  Die Einteilung  dieser Geschäfte ist "durch die Natur
       der  Sache  gegeben".  Das  Amtsgeschäft  ist  die  Pflicht,  der
       Lebensberuf der  Staatsbeamten. Sie müssen daher  b e s o l d e t
       werden vom Staat. Die Garantie gegen den Mißbrauch der Bürokratie
       ist teils ihre Hierarchie
       
       #247# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       und Verantwortlichkeit,  andrerseits die Berechtigung der Gemein-
       den, Korporationen;  ihre Humanität hängt teils mit der "direkten
       sittlichen und Gedankenbildung", teils mit der "Größe des Staats"
       zusammen. Die  Beamten bilden  den "Hauptteil des Mittelstandes".
       Gegen ihn  als "Aristokratie und Herrenschaft" schützen teils die
       "Institutionen der  Souveränität von  oben herab", teils "die der
       Korporationsrechte von  unten herauf".  Der "Mittelstand" ist der
       Stand der  "Bildung". Voilà tout 1*). Hegel gibt uns eine empiri-
       sche Beschreibung  der Bürokratie,  teils wie  sie wirklich  ist,
       teils der  Meinung, die  sie selbst von ihrem Sein hat. Und damit
       ist das schwierige Kapitel von der "Regierungsgewalt" erledigt.
       Hegel geht  von der  Trennung des "Staats" und der "bürgerlichen"
       Gesellschaft, den "besondren Interessen" und dem "an und für sich
       seienden Allgemeinen  aus, und  allerdings basiert die Bürokratie
       auf  d i e s e r  T r e n n u n g.  Hegel geht von der Vorausset-
       zung der "Korporationen" aus, und allerdings setzt die Bürokratie
       die   K o r p o r a t i o n e n   voraus, wenigstens  den "Korpo-
       rationsgeist". Hegel  entwickelt keinen   I n h a l t   der Büro-
       kratie,  sondern   nur  einige   allgemeine  Bestimmungen   ihrer
       "f o r m e l l e n"   Organisation, und  allerdings ist die Büro-
       kratie nur der "Formalismus" eines Inhalts, der außerhalb dersel-
       ben liegt.
       Die   K o r p o r a t i o n e n  sind der Materialismus der Büro-
       kratie, und die Bürokratie ist der Spiritualismus der Korporatio-
       nen. Die  Korporation ist die Bürokratie der bürgerlichen Gesell-
       schaft; die  Bürokratie ist  die Korporation  des Staats.  In der
       Wirklichkeit tritt  sie daher  als die  "bürgerliche Gesellschaft
       des Staats" dem "Staat der bürgerlichen Gesellschaft", den Korpo-
       rationen gegenüber. Wo die "Bürokratie" neues Prinzip ist, wo das
       allgemeine Staatsinteresse anfängt, für sich ein "apartes", damit
       ein "wirkliches" Interesse zu werden, kämpft sie gegen die Korpo-
       rationen, wie jede Konsequenz gegen die Existenz ihrer Vorausset-
       zungen kämpft.  Sobald dagegen  das wirkliche Staatsleben erwacht
       und die  bürgerliche Gesellschaft  sich von den Korporationen aus
       eignem Vernunfttrieb befreit, sucht die Bürokratie sie zu restau-
       rieren; denn  sobald der  "Staat der  bürgerlichen  Gesellschaft"
       fällt, fällt  die "bürgerliche Gesellschaft des Staats". Der Spi-
       ritualismus verschwindet  mit dem ihm gegenüberstehenden Materia-
       lismus. Die  Konsequenz kämpft  für die Existenz ihrer Vorausset-
       zungen,  sobald  ein  neues  Prinzip  nicht  gegen  die    E x i-
       s t e n z,   sondern gegen  das   P r i n z i p   dieser Existenz
       kämpft. Derselbe  Geist, der in der Gesellschaft die Korporation,
       schafft  im  Staat  die  Bürokratie.  Sobald  also  der  Korpora-
       tionsgeist, wird der Geist der Bürokratie
       -----
       1*) Das ist alles.
       
       #248# Karl Marx
       -----
       angegriffen, und  wenn sie  früher die Existenz der Korporationen
       bekämpfte, um  ihrer eignen  Existenz Raum  zu schaffen, so sucht
       sie jetzt  gewaltsam die Existenz der Korporationen zu halten, um
       den Korporationsgeist, ihren eigenen Geist zu retten.
       Die "Bürokratie"  ist  der    "S t a a t s f o r m a l i s m u s"
       der bürgerlichen  Gesellschaft. Sie  ist das  "Staatsbewußtsein",
       der "Staatswille",  die "Staatsmacht",  als   e i n e  K o r p o-
       r a t i o n   (das "allgemeine Interesse" kann sich dem Besondern
       gegenüber nur  als ein  "Besonderes"  halten,  solange  sich  das
       Besondere dem  Allgemeinen gegenüber  als ein "Allgemeines" hält.
       Die Bürokratie muß also die  i m a g i n ä r e  Allgemeinheit des
       besondren Interesses,  den Korporationsgeist,  beschützen, um die
       i m a g i n ä r e  Besonderheit des allgemeinen Interesses, ihren
       eigenen Geist,  zu beschützen.  Der Staat  muß Korporation  sein,
       solange die  Korporation Staat  sein will), also eine  b e s o n-
       d e r e,   g e s c h l o s s e n e   Gesellschaft im  Staat.  Die
       Bürokratie will  aber die Korporation als eine  i m a g i n ä r e
       Macht. Allerdings hat auch die einzelne Korporation diesen Willen
       für ihr   b e s o n d e r e s   Interesse  gegen die  Bürokratie,
       aber sie   w i l l   die Bürokratie gegen die andere Korporation,
       gegen das  andere besondere  Interesse. Die  Bürokratie  als  die
       v o l l e n d e t e   K o r p o r a t i o n  trägt daher den Sieg
       davon über  die   K o r p o r a t i o n    als  die  unvollendete
       Bürokratie. Sie setzt dieselbe zum Schein herab oder will sie zum
       Schein herabsetzen,  aber sie  will, daß  dieser Schein existiere
       und an  seine eigene  Existenz glaube.  Die Korporation  ist  der
       Versuch der  bürgerlichen Gesellschaft, Staat zu werden; aber die
       Bürokratie ist  der Staat,  der sich  wirklich  zur  bürgerlichen
       Gesellschaft gemacht hat.
       Der "Staatsformalismus",  der die  Bürokratie ist, ist der "Staat
       als Formalismus",  und als  solchen Formalismus hat sie Hegel be-
       schrieben. Da dieser "Staatsformalismus" sich als wirkliche Macht
       konstituiert  und   sich  selbst   zu  einem   eignen    m a t e-
       r i e l l e n   Inhalt wird,  so versteht es sich von selbst, daß
       die  "Bürokratie"   ein   Gewebe   von      p r a k t i s c h e n
       Illusionen oder  die "Illusion des Staats" ist. Der bürokratische
       Geist ist  ein durch und durch jesuitischer, theologischer Geist.
       Die Bürokraten  sind die  Staatsjesuiten und Staatstheologen. Die
       Bürokratie ist la république prêtre 1*).
       Da die  Bürokratie der  "Staat als  Formalismus" ihrem  W e s e n
       nach ist,  so ist sie es auch ihrem  Z w e c k  nach. Der wirkli-
       che Staatszweck  erscheint also  der  Bürokratie  als  ein  Zweck
       w i d e r   den Staat. Der Geist der Bürokratie ist der "formelle
       Staatsgeist". Sie  macht daher  den "formellen  Staatsgeist" oder
       die   w i r k l i c h e   Geistlosigkeit des Staats zum kategori-
       schen Imperativ.  Die Bürokratie  gilt sich selbst als der letzte
       Endzweck des Staats. Da die Bürokratie
       -----
       1*) die Pfaffenrepublik
       
       #249# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       ihre "formellen" Zwecke zu ihrem Inhalt macht, so gerät sie über-
       all in  Konflikt mit  den "reellen"  Zwecken. Sie ist daher genö-
       tigt, das Formelle für den Inhalt und den Inhalt für das Formelle
       auszugeben. Die  Staatszwecke verwandeln  sich in Bürozwecke oder
       die Bürozwecke in Staatszwecke. Die Bürokratie ist ein Kreis, aus
       dem  niemand   herausspringen  kann.  Ihre  Hierarchie  ist  eine
       H i e r a r c h i e   d e s   W i s s e n s.  Die Spitze vertraut
       den untern  Kreisen die Einsicht ins Einzelne zu, wogegen die un-
       tern Kreise  der Spitze  die Einsicht in das Allgemeine zutrauen,
       und so täuschen sie sich wechselseitig.
       Die Bürokratie  ist der  imaginäre Staat neben dem reellen Staat,
       der Spiritualismus des Staats. Jedes Ding hat daher eine doppelte
       Bedeutung, eine reelle und eine bürokratische, wie das Wissen ein
       doppeltes ist,  ein reelles  und ein  bürokratisches (so auch der
       Wille). Das reelle Wesen wird aber behandelt nach seinem bürokra-
       tischen Wesen,  nach seinem  jenseitigen, spirituellen Wesen. Die
       Bürokratie hat das Staatswesen, das spirituelle Wesen der Gesell-
       schaft in ihrem Besitze, es ist ihr  P r i v a t e i g e n t u m.
       Der allgemeine  Geist der  Bürokratie ist das  G e h e i m n i s,
       das Mysterium,  innerhalb ihrer selbst durch die Hierarchie, nach
       außen als geschlossene Korporation bewahrt. Der offenbare Staats-
       geist, auch  die Staatsgesinnung, erscheinen daher der Bürokratie
       als ein   V e r r a t  an ihrem Mysterium. Die  A u t o r i t ä t
       ist daher das Prinzip ihres Wissens, und die Vergötterung der Au-
       torität ist ihre  G e s i n n u n g.  Innerhalb ihrer selbst aber
       wird der   S p i r i t u a l i s m u s   zu  einem  k r a s s e n
       M a t e r i a l i s m u s,  dem Materialismus des passiven Gehor-
       sams, des  Autoritätsglaubens, des   M e c h a n i s m u s  eines
       fixen formellen  Handelns, fixer  Grundsätze, Anschauungen, Über-
       lieferungen. Was  den einzelnen  Bürokraten betrifft, so wird der
       Staatszweck zu  seinem Privatzweck,  zu einem  J a g e n  n a c h
       h ö h e r e n   P o s t e n,    zu  einem    M a c h e n    v o n
       K a r r i e r e.   Erstens betrachtet  er das wirkliche Leben als
       ein   m a t e r i e l l e s,  denn  d e r  G e i s t  d i e s e s
       L e b e n s    h a t    s e i n e    f ü r    s i c h    a b g e-
       s o n d e r t e     E x i s t e n z     in  der  Bürokratie.  Die
       Bürokratie muß  daher dahin gehn, das Leben so materiell wie mög-
       lich zu  machen. Zweitens  ist es  für ihn selbst, d.h. soweit es
       zum Gegenstand  der bürokratischen  Behandlung  wird,  materiell,
       denn sein  Geist ist  ihm vorgeschrieben,  sein Zweck liegt außer
       ihm, sein  Dasein ist  das Dasein  des Büros. Der Staat existiert
       nur mehr  als verschiedene  fixe Bürogeister,  deren Zusammenhang
       die   Subordination   und   der   passive   Gehorsam   ist,   Die
       w i r k l i c h e  Wissenschaft erscheint als inhaltslos, wie das
       wirkliche Leben als tot, denn dies imaginäre Wissen und dies ima-
       ginäre Leben  gelten für das Wesen. Der Bürokrat muß daher jesui-
       tisch mit  dem wirklichen Staat verfahren, sei dieser Jesuitismus
       nun ein bewußter oder bewußtloser. Es ist aber notwendig, daß er,
       sobald sein  Gegensatz Wissen ist, ebenfalls zum Selbstbewußtsein
       gelangt und nun absichtlicher Jesuitismus wird.
       
       #250# Karl Marx
       -----
       Während die  Bürokratie einerseits  dieser  krasse  Materialismus
       ist,  zeigt  sich  ihr  krasser  Spiritualismus  darin,  daß  sie
       A l l e s  m a c h e n  will, d.h., daß sie den  W i l l e n  zur
       causa prima  1*) macht,  weil sie bloß  t ä t i g e s  Dasein ist
       und ihren Inhalt von außen empfängt, ihre Existenz also nur durch
       Formieren, Beschränken dieses Inhalts beweisen kann. Der Bürokrat
       hat in der Welt ein bloßes Objekt seiner Behandlung.
       Wenn Hegel die Regierungsgewalt die  o b j e k t i v e  Seite der
       dem Monarchen  innewohnenden Souveränität nennt, so ist das rich-
       tig  in   demselben  Sinn,   wie  die   katholische  Kirche   das
       r e e l l e   D a s e i n  der Souveränität, des Inhalts und Gei-
       stes der  heiligen Dreieinigkeit  war. In  der Bürokratie ist die
       Identität des Staatsinteresses und des besonderen Privatzwecks so
       gesetzt, daß  das Staatsinteresse  zu  einem    b e s o n d r e n
       Privatzweck gegenüber den anderen Privatzwecken wird.
       Die Aufhebung  der Bürokratie  kann nur  sein, daß das allgemeine
       Interesse  w i r k l i c h  und nicht, wie bei Hegel, bloß im Ge-
       danken, in  der   A b s t r a k t i o n   zum besondren Interesse
       wird, was  nur dadurch  möglich ist,  daß das   b e s o n d e r e
       Interesse wirklich  zum   a l l g e m e i n e n  wird. Hegel geht
       von einem  unwirklichen Gegensatz  aus und bringt es daher nur zu
       einer imaginären, in Wahrheit selbst wieder gegensätzlichen Iden-
       tität. Eine solche Identität ist die Bürokratie.
       Verfolgen wir nun im einzelnen seine Entwicklung.
       Die  einzige   philosophische  Bestimmung,  die  Hegel  über  die
       R e g i e r u n g s g e w a l t   gibt,  ist  die  der    "S u b-
       s u m t i o n"  des Einzelnen und Besonderen unter das Allgemeine
       etc.
       Hegel  begnügt   sich  damit.  Auf  der  einen  Seite:  Kategorie
       "Subsumtion" des  Besondern etc. Die muß verwirklicht werden. Nun
       nimmt er  irgendeine der  empirischen Existenzen  des preußischen
       oder modernen  Staats (wie sie ist mit Haut und Haar), welche un-
       ter anderm  auch diese  Kategorie verwirklicht, obgleich mit der-
       selben nicht  ihr spezifisches  Wesen ausgedrückt  ist. Die ange-
       wandte Mathematik ist auch Subsumtion etc. Hegel fragt nicht, ist
       dies die  vernünftige, die adäquate Weise der Subsumtion? Er hält
       nur die   e i n e   Kategorie  fest und  begnügt sich damit, eine
       entsprechende Existenz für sie zu finden. Hegel gibt  s e i n e r
       L o g i k   e i n e n   p o l i t i s c h e n   K ö r p e r;   er
       gibt  nicht   die     L o g i k    d e s    p o l i t i s c h e n
       K ö r p e r s  (§ 287).
       Über das Verhältnis der Korporationen, Gemeinden zu der Regierung
       erfahren wir zunächst, daß ihre  V e r w a l t u n g  (die Beset-
       zung ihrer  Magistratur) "im allgemeinen eine Mischung von gemei-
       ner Wahl dieser Interessenten
       -----
       1*) Hauptursache
       
       #251# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       und von  einer  h ö h e r e n  B e s t ä t i g u n g  und Bestim-
       mung" erheischt.  Die   g e m i s c h t e  W a h l  der Gemeinde-
       und   Korporationsvorsteher    wäre   also    das       e r s t e
       V e r h ä l t n i s  zwischen bürgerlicher Gesellschaft und Staat
       oder Regierungsgewalt,  ihre   e r s t e   I d e n t i t ä t   (§
       288). Diese  Identität ist  nach Hegel selbst sehr oberflächlich,
       ein mixtum compositum, eine  "M i s c h u n g".  So oberflächlich
       diese Identität ist, so scharf ist der Gegensatz. "Insofern diese
       Angelegenheiten" (sc. der Korporation, Gemeinde etc.) "einerseits
       P r i v a t e i g e n t u m    und    I n t e r e s s e    dieser
       b e s o n d e r n   Sphären sind und nach dieser Seite ihre Auto-
       rität mit  auf dem  Vertrauen ihrer  Standesgenossen und  Bürger-
       schaften beruht,  andererseits diese  Kreise dem    h ö h e r e n
       I n t e r e s s e   d e s   S t a a t s   untergeordnet sein müs-
       sen", ergibt sich die bezeichnete  "g e m i s c h t e  W a h l".
       Die Verwaltung der Korporation hat also den Gegensatz:
       P r i v a t e i g e n t u m   u n d    I n t e r e s s e    d e r
       b e s o n d r e n   S p h ä r e n   g e g e n  d a s  h ö h e r e
       I n t e r e s s e  d e s  S t a a t s:  G e g e n s a t z  z w i-
       s c h e n  P r i v a t e i g e n t u m  u n d  S t a a t.
       Es braucht  nicht bemerkt zu werden, daß die Auflösung dieses Ge-
       gensatzes in  der   g e m i s c h t e n    W a h l    eine  bloße
       A k k o m m o d a t i o n,  ein Traktat, ein  G e s t ä n d n i s
       des  unaufgelösten  Dualismus,  selbst  ein    D u a l i s m u s,
       "M i s c h u n g" ist.  Die besonderen Interessen der Korporation
       und Gemeinden  haben innerhalb   i h r e r   e i g n e n   Sphäre
       einen Dualismus,  der ebensosehr  den  Charakter  ihrer    V e r-
       w a l t u n g  bildet.
       Der entschiedene Gegensatz tritt aber erst hervor in dem Verhält-
       nis  dieser    "g e m e i n s c h a f t l i c h e n    b e s o n-
       d e r n   Interessen" etc.,  die  "außer  dem  an  und  für  sich
       seienden Allgemeinen des  S t a a t e s  liegen" und diesem  "a n
       u n d   f ü r   s i c h   s e i e n d e n   A l l g e m e i n e n
       d e s  S t a a t s".  Zunächst wieder innerhalb dieser Sphäre.
       
       "Die Festhaltung des allgemeinen Staatsinteresses und des Gesetz-
       lichen in diesen besonderen Rechten und die Zurückführung dersel-
       ben auf  jenes  erfordert  eine    B e s o r g u n g    d u r c h
       A b g e o r d n e t e   d e r    R e g i e r u n g s g e w a l t,
       die   e x e k u t i v e n  S t a a t s b e a m t e n  und die hö-
       heren beratenden,  insofern  k o l l e g i a l i s c h  konstitu-
       ierten Behörden,  welche in den obersten, den Monarchen berühren-
       den Spitzen zusammenlaufen." (§ 289.)
       Beiläufig machen  wir aufmerksam auf die Konstruktion der  Regie-
       rungs k o l l e g i e n,  die man z.B. in Frankreich nicht kennt.
       "I n s o f e r n"   Hegel diese Behörden als  "b e r a t e n d e"
       anführt,   "i n s o f e r n"   versteht es  sich  allerdings  von
       selbst, daß sie "kollegialisch konstituiert" sind.
       Hegel  läßt   den  "Staat  selbst",  die  "Regierungsgewalt"  zur
       "Besorgung" des  "allgemeinen Staatsinteresses  und des Gesetzli-
       chen  etc."   innerhalb   der   bürgerlichen   Gesellschaft   per
       "Abgeordnete" hineintreten, und nach ihm
       
       #252# Karl Marx
       -----
       sind eigentlich  diese "Regierungsabgeordneten",  die "exekutiven
       Staatsbeamten", die    w a h r e    "S t a a t s r e p r ä s e n-
       t a t i o n",   nicht  "der",  sondern  "gegen  die  "bürgerliche
       Gesellschaft".  Der   Gegensatz  von   Staat   und   bürgerlicher
       Gesellschaft ist  also fixiert;  der Staat  residiert  nicht  in,
       sondern außerhalb  der bürgerlichen  Gesellschaft; er berührt sie
       nur  durch   seine     "A b g e o r d n e t e n",     denen   die
       "B e s o r g u n g  d e s  S t a a t s"  innerhalb dieser Sphären
       anvertraut ist.  Durch diese  "Abgeordneten"  ist  der  Gegensatz
       nicht  aufgehoben,   sondern  zu  einem  "gesetzlichen",  "fixen"
       Gegensatz geworden.  Der "Staat"  wird als ein dem Wesen der bür-
       gerlichen Gesellschaft  Fremdes und  Jenseitiges von  Deputierten
       dieses Wesens gegen die bürgerliche Gesellschaft geltend gemacht.
       Die "Polizei"  und das  "Gericht" und  die "Administration"  sind
       nicht Deputierte der bürgerlichen Gesellschaft selbst, die in ih-
       nen und durch sie ihr  e i g n e s  allgemeines Interesse verwal-
       tet, sondern  Abgeordnete des Staats, um den Staat gegen die bür-
       gerliche  Gesellschaft  zu  verwalten.  Hegel  expliziert  diesen
       G e g e n s a t z  weiter in der mehr oben betrachteten offenher-
       zigen Anmerkung.
       
       "Die Regierungsgeschäfte  sind   o b j e k t i v e r,   für  sich
       [...] bereits entschiedener Natur." (§ 291.)
       
       Schließt Hegel  daraus, daß  sie deswegen  um so  leichter  keine
       "Hierarchie des  Wissens" erfordern,  daß sie vollständig von der
       "bürgerlichen Gesellschaft  selbst" exekutiert  werden können? Im
       Gegenteil.
       Er macht die tiefsinnige Anmerkung, daß sie durch "Individuen" zu
       vollführen sind  und daß  zwischen "ihnen  und diesen  Individuen
       keine unmittelbare   n a t ü r l i c h e  Verknüpfung liegt". An-
       spielung auf  die Fürstengewalt, welche nichts anders ist als die
       "n a t ü r l i c h e   G e w a l t   d e r  W i l l k ü r",  also
       "g e b o r e n"   werden kann. Die "fürstliche Gewalt" ist nichts
       als der  Repräsentant des Naturmoments im Willen, der "Herrschaft
       der  p h y s i s c h e n  N a t u r  i m  S t a a t".
       Die "exekutiven  Staatsbeamten" unterscheiden  sich in der Erwer-
       bung ihrer Ämter daher wesentlich vom "Fürsten".
       
       "Für ihre  Bestimmung zu demselben" (se. dem Staatsgeschäft) "ist
       das  o b j e k t i v e  M o m e n t  die Erkenntnis" (die subjek-
       tive Willkür entbehrt dieses Moments) "und der Erweis ihrer Befä-
       higung -,  ein Erweis,  der dem Staate sein Bedürfnis und als die
       einzige  Bedingung  zugleich    j e d e m    B ü r g e r    d i e
       M ö g l i c h k e i t,   sich dem   a l l g e m e i n e n  Stande
       zu widmen, sichert."
       
       Diese   M ö g l i c h k e i t   jedes Bürgers,  Staatsbeamter  zu
       werden, ist  also das zweite affirmative Verhältnis zwischen bür-
       gerlicher   Gesellschaft    und   Staat,    die       z w e i t e
       I d e n t i t ä t.   Sie ist  von sehr oberflächlicher und duali-
       stischer Natur.
       
       #253# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Jeder Katholik hat die Möglichkeit, Priester zu werden (d.h. sich
       von den  Laien wie  der Welt zu trennen). Steht darum weniger das
       Pfaffentum dem  Katholiken als  eine jenseitige  Macht gegenüber?
       Daß jeder  die Möglichkeit  hat, das  Recht  einer    a n d e r n
       Sphäre zu  erwerben, beweist  nur,  daß    s e i n e    e i g n e
       Sphäre nicht die Wirklichkeit dieses Rechts ist.
       Im wahren  Staat handelt  es sich  nicht um die Möglichkeit jedes
       Bürgers, sich  dem allgemeinen  als einem besondern Stand zu wid-
       men, sondern  um die  Fähigkeit des  allgemeinen Standes wirklich
       allgemein, d.h.  der Stand jedes Bürgers zu sein. Aber Hegel geht
       von der Voraussetzung des pseudoallgemeinen, des illusorisch-all-
       gemeinen Standes, der besonderen ständigen Allgemeinheit aus.
       Die Identität,  die er  zwischen  bürgerlicher  Gesellschaft  und
       Staat konstruiert hat, ist die Identität  z w e i e r  f e i n d-
       l i c h e r   H e e r e,   wo jeder Soldat die "Möglichkeit" hat,
       durch "Desertion"  Mitglied des  "feindlichen" Heeres  zu werden,
       und  allerdings  beschreibt  Hegel  damit  richtig  den  jetzigen
       empirischen Zustand.
       Ebenso verhält  es sich mit seiner Konstruktion der "Examina". In
       einem vernünftigen Staat gehört eher ein Examen dazu, Schuster zu
       werden, als  exekutiver Staatsbeamter;  denn die  Schusterei  ist
       eine Fertigkeit,  ohne die  man ein guter Staatsbürger, ein sozi-
       aler Mensch  sein kann;  aber das  nötige "Staatswissen" ist eine
       Bedingung, ohne  die man  im Staat außer dem Staat lebt, von sich
       selbst, von  der Luft  abgeschnitten ist. Das "Examen" ist nichts
       als eine  Freimaurereiformel,  die  gesetzliche  Anerkennung  des
       staatsbürgerlichen Wissens als eines Privilegiums.
       Die "Verknüpfung"  des "Staatsamts" und des "Individuums", dieses
       objektive Band zwischen dein Wissen der bürgerlichen Gesellschaft
       und dem  Wissen des  Staats, das   E x a m e n  ist nichts anders
       als die   b ü r o k r a t i s c h e   T a u f e   d e s    W i s-
       s e n s,    die  offizielle  Anerkenntnis  von  der    T r a n s-
       s u b s t a n t i a t i o n   des profanen Wissens in das heilige
       (es versteht sich bei jedem Examen von selbst, daß der Examinator
       alles weiß).  Man hört nicht, daß die griechischen oder römischen
       Staatsleute Examina  abgelegt. Aber  allerdings, was ist auch ein
       römischer Staatsmann contra einen preußischen Regierungsmann!
       Neben dem   o b j e k t i v e n   Band  des Individuums  mit  dem
       Staatsamt, neben dem Examen, findet sich ein andres Band -  d i e
       f ü r s t l i c h e  W i l l k ü r.
       
       "Die subjektive  Seite, daß dieses Individuum aus Mehreren, deren
       es, da  hier das  Objektive nicht (wie z.B. bei der Kunst) in Ge-
       nialität liegt,  notwendig unbestimmt  M e h r e r e  gibt, unter
       denen der Vorzug nichts absolut Bestimmbares ist, zu einer Stelle
       gewählt und  ernannt und  zur Führung  des öffentlichen Geschäfts
       bevollmächtigt wird,
       
       #254# Karl Marx
       -----
       diese Verknüpfung  des Individuums und des Amtes, als zweier sich
       gegeneinander immer  zufälligen Seiten, kommt der fürstlichen als
       der entscheidenden und souveränen Staatsgewalt zu."
       
       Der Fürst ist überall der Repräsentant des Zufalls. Außer dem ob-
       jektiven   Moment    des   bürokratischen   Glaubensbekenntnisses
       (Examens) gehört  noch das  subjektive der fürstlichen  G n a d e
       hinzu, damit der Glaube Früchte trage.
       "Die besonderen  Staatsgeschäfte, welche  die   M o n a r c h i e
       den Behörden  übergibt" (die Monarchie verteilt, übergibt die be-
       sonderen Staatstätigkeiten  als  G e s c h ä f t e  an die Behör-
       den,   v e r t e i l t   d e n    S t a a t    u n t e r    d i e
       B ü r o k r a t e n;   sie übergibt das, wie die heilige römische
       Kirche die  Weihen; die  Monarchie ist  ein System der Emanation;
       die Monarchie  verpachtet die  Staatsfunktionen),  "machen  einen
       Teil der   o b j e k t i v e n   Seite der dem Monarchen innewoh-
       nenden Souveränität  aus". Hegel  unterscheidet hier  zuerst  die
       o b j e k t i v e  Seite der dem Monarchen innewohnenden Souverä-
       nität von  der   s u b j e k t i v e n.  Früher warf er beide zu-
       sammen. Die  dem Monarchen  innewohnende Souveränität  wird  hier
       förmlich mystisch genommen, so wie die Theologen den persönlichen
       Gott in  der Natur finden. [Früher] hieß es noch, der Monarch ist
       die subjektive Seite der dem  S t a a t e  innewohnenden Souverä-
       nität. (§ 293.)
       Im § 294 entwickelt Hegel die  B e s o l d u n g  der Beamten aus
       der Idee.  Hier in  der  B e s o l d u n g  der Beamten, oder daß
       der Staatsdienst zugleich die Sicherheit der empirischen Existenz
       garantiert, ist  die   w i r k l i c h e   I d e n t i t ä t  der
       bürgerlichen Gesellschaft  und des  Staats gesetzt.  Der  S o l d
       des Beamten  ist die  höchste Identität,  welche Hegel herauskon-
       struiert. Die  Verwandlung der  S t a a t s t ä t i g k e i t e n
       in Ämter,  die Trennung des Staats von der Gesellschaft vorausge-
       setzt. Wenn Hegel sagt:
       
       "Der Staatsdienst fordert [...] die Aufopferung selbständiger und
       beliebiger Befriedigung subjektiver Zwecke", so erfordert das je-
       der Dienst  "und gibt damit eben das Recht, sie in der pflichtmä-
       ßigen Leistung, aber nur in ihr zu finden. Hierin liegt nach die-
       ser Seite die Verknüpfung des allgemeinen und besonderen Interes-
       ses, welche den Begriff und die innere Festigkeit des Staats aus-
       macht",
       
       so gilt  das 1.  von jedem  Bedienten, 2. ist es richtig, daß die
       B e s o l d u n g   der Beamten  die innere Festigkeit der tiefen
       modernen Monarchien  ausmacht. Nur  die Existenz  der Beamten ist
       g a r a n t i e r t,   im Gegensatz zu dem Mitglied der bürgerli-
       chen Gesellschaft.
       Es kann  Hegel nun nicht entgehn, daß er die Regierungsgewalt als
       einen  G e g e n s a t z  zur bürgerlichen Gesellschaft, und zwar
       als ein  herrschendes Extrem  konstruiert hat.  Wie stellt er nun
       ein identisches Verhältnis her?
       
       #255# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Nach § 29 liegt "die Sicherung des Staats und der Regierten gegen
       den   M i ß b r a u c h   der Gewalt  von seiten der Behörden und
       ihrer Beamten"  teils in  ihrer "Hierarchie"  (als wenn nicht die
       Hierarchie der   H a u p t m i ß b r a u c h   wäre  und die paar
       persönlichen   Sünden   der   Beamten   gar   nicht   mit   ihren
       n o t w e n d i g e n   hierarchischen Sünden  zu vergleichen wä-
       ren; die  Hierarchie straft  den Beamten,  insoweit er  gegen die
       Hierarchie sündigt  oder eine  der Hierarchie  überflüssige Sünde
       begeht; aber  sie nimmt  ihn in  Schutz, sobald die Hierarchie in
       ihm sündigt;  zudem überzeugt  sich die Hierarchie schwer von den
       Sünden ihrer  Glieder) und  "in der  Berechtigung der  Gemeinden,
       Korporationen, als wodurch die Einmischung subjektiver Willkür in
       die den  Beamten anvertraute  Gewalt für  sich gehemmt und die in
       das einzelne  Benehmen nicht reichende Kontrolle" (als wenn diese
       Kontrolle nicht  aus dem  Gesichtspunkt der Bürokratie-Hierarchie
       geschähe) "von oben, von unten ergänzt wird."
       Die zweite  Garantie gegen  die Willkür  der Bürokratie sind also
       die Korporationsprivilegien.
       Fragen wir  also Hegel,  was ist  der Schutz der bürgerlichen Ge-
       sellschaft gegen die Bürokratie, so antwortet er:
       1. Die   "H i e r a r c h i e"    der  Bürokratie.  Die    K o n-
       t r o l l e.   Dies, daß  der Gegner  selbst an  Händen und Füßen
       gebunden wird,  und wenn  er nach  unten Hammer,  nach oben Amboß
       ist. Wo  ist nun  der Schutz gegen die "Hierarchie"? Das kleinere
       Übel wird  durch das  größere allerdings insofern aufgehoben, als
       es dagegen verschwindet.
       2. Der   K o n f l i k t,  der unaufgelöste Konflikt zwischen Bü-
       rokratie   und    Korporation.   Der        K a m p f,        die
       M ö g l i c h k e i t   des Kampfes,  ist die  Garantie gegen das
       Unterliegen. Später  (§ 297) fügt Hegel als Garantie noch die In-
       stitutionen der Souveränität von oben herab" hinzu, worunter wie-
       der die Hierarchie verstanden ist.
       Aber Hegel bringt noch zwei Momente bei (§ 296).
       I n  d e m  B e a m t e n  s e l b s t  - und dies soll ihn huma-
       nisieren, die "Leidenschaftlosigkeit, Rechtlichkeit und Milde des
       Benehmens" zur "Sitte" machen - sollen die "direkte sittliche und
       Gedankenbildung" dem   M e c h a n i s m u s   seines Wissens und
       seiner "wirklichen  Arbeit" "das  geistige Gleichgewicht" halten.
       Als wenn  nicht der "Mechanismus" seines "bürokratischen" Wissens
       und seiner  "wirklichen Arbeit"  seiner "sittlichen und Gedanken-
       bildung" das  Gleichgewicht" hielte?  Und wird nicht sein wirkli-
       cher Geist und seine wirkliche Arbeit als Substanz über das Akzi-
       dens seiner  sonstigen Begabung  siegen? Sein  "Amt" ist  ja sein
       "substantielles" Verhältnis und sein "Brot". Schön nur, daß Hegel
       die "direkte sittliche und Gedankenbildung" dem
       
       #256# Karl Marx
       -----
       "Mechanismus des  bürokratischen Wissens und Arbeitens" entgegen-
       stellt! Der  Mensch im Beamten soll den Beamten gegen sich selbst
       sichern.    Aber     welche    Einheit!         G e i s t i g e s
       G l e i c h g e w i c h t.  Welche dualistische Kategorie!
       Hegel führt  noch die  "Größe des  Staats" an,  welche in Rußland
       nicht gegen  die Willkür  der "exekutiven  Staatsbeamten"  garan-
       tiert,  jedenfalls  ein  Umstand  ist,  der    "a u ß e r"    dem
       "W e s e n" der Bürokratie liegt.
       Hegel hat die "Regierungsgewalt" als "Staatsbediententum" entwic-
       kelt.
       Hier in  der Sphäre des "an und für sich seienden Allgemeinen des
       Staates selbst"  finden wir  nichts als  unaufgelöste  Konflikte.
       E x a m e n   und   B r o t  der Beamten sind die letzten Synthe-
       sen.
       Die Ohnmacht  der Bürokratie,  ihren Konflikt mit der Korporation
       führt Hegel als letzte Weihe derselben an.
       In §  297 wird  eine Identität  gesetzt, insofern "die Mitglieder
       der  Regierung   und  die   Staatsbeamten   den   Hauptteil   des
       M i t t e l s t a n d e s"  ausmachen. Diesen "Mittelstand" rühmt
       Hegel als  die "Grundsäule"  des Staats  "in Beziehung auf Recht-
       lichkeit und Intelligenz". (Zusatz zum zitierten Paragraphen.)
       
       "Daß dieser  Mittelstand gebildet  werde, ist  ein Hauptinteresse
       des Staates,  aber dies  kann nur  in einer Organisation, wie die
       ist, welche  wir gesehen  haben, geschehen, nämlich durch die Be-
       rechtigung besonderer  Kreise, die  relativ unabhängig  sind, und
       durch eine  B e a m t e n w e l t,  deren Willkür sich an solchen
       Berechtigten bricht."
       
       Allerdings kann  nur in  einer solchen  Organisation das Volk als
       e i n   Stand, der   M i t t e l s t a n d,  erscheinen, aber ist
       das eine  Organisation, die  durch das Gleichgewicht der Privile-
       gien sich in Gang hält? Die Regierungsgewalt ist am schwersten zu
       entwickeln. Sie  gehört noch in viel höherem Grad als die gesetz-
       gebende dem ganzen Volk.
       Hegel spricht später (§ 308 Anmerkung) den eigentlichen Geist der
       Bürokratie aus,  wenn  er  ihn  als  "Geschäftsroutine"  und  den
       "Horizont einer beschränkten Sphäre" bezeichnet.
       
       "c)  D i e  g e s e t z g e b e n d e  G e w a l t
       
       "§ 298. Die gesetzgebende Gewalt betrifft die Gesetze als solche,
       insofern sie  weiterer Fortbestimmung bedürfen, und die ihrem In-
       halte nach   g a n z   a l l g e m e i n en"   (sehr  allgemeiner
       Ausdruck)   "i n n e r e n   Angelegenheiten.  Diese  Gewalt  ist
       selbst ein  T e i l  d e r  V e r f a s s u n g,  welche ihr vor-
       ausgesetzt ist  und insofern an und für sich außer deren direkten
       Bestimmung liegt,  aber in der Fortbildung der Gesetze und in dem
       fortschreitenden Charakter  der allgemeinen  Regierungsangelegen-
       heiten ihre weitere Entwickelung erhält."
       
       #257# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Zunächst fällt  es auf,  daß Hegel  hervorhebt, wie "diese Gewalt
       selbst ein  Teil der  Verfassung" ist,  "welche ihr vorausgesetzt
       ist und  an und  für sich außer deren direkter Bestimmung liegt",
       da Hegel  diese Bemerkung  weder bei der fürstlichen noch der Re-
       gierungsgewalt, wo  sie ebenso  wahr ist,  angebracht hatte. Dann
       aber konstruiert  Hegel erst das Ganze der Verfassung und kann es
       insofern nicht  voraussetzen; allein  darin eben erkennen wir die
       Tiefe bei ihm, daß er überall mit dem  G e g e n s a t z  der Be-
       stimmungen (wie  sie in  unsren Staaten sind) beginnt und den Ak-
       zent darauf legt.
       Die "gesetzgebende  Gewalt ist  selbst ein Teil der  V e r f a s-
       s u n g",   welche "an  und für  sich außer  deren  direkter  Be-
       stimmung liegt". Aber die Verfassung hat sich doch auch nicht von
       selbst  gemacht.   Die  Gesetze,   die  "weiterer  Fortbestimmung
       bedürfen", müssen  doch formiert  worden sein.  Es muß  eine  ge-
       setzgebende Gewalt vor der Verfassung und  a u ß e r  der Verfas-
       sung bestehen oder bestanden haben. Es muß eine gesetzgebende Ge-
       walt  bestehn   außer  der  wirklichen,    e m p i r i s c h e n,
       g e s e t z t e n   gesetzgebenden Gewalt.  Aber, wird Hegel ant-
       worten: Wir  setzen einen   b e s t e h e n d e n   Staat voraus.
       Allein Hegel  ist Rechtsphilosoph  und entwickelt  die Staatsgat-
       tung. Er  darf nicht  die Idee  am Bestehenden, er muß das Beste-
       hende an der Idee messen.
       Die  Kollision   ist  einfach.   Die    g e s e t z g e b e n d e
       G e w a l t   ist die Gewalt, das Allgemeine zu organisieren. Sie
       ist die  Gewalt der  Verfassung. Sie greift über über die Verfas-
       sung.
       Allein anderseits  ist die gesetzgebende Gewalt eine verfassungs-
       mäßige Gewalt.  Sie ist also unter die Verfassung subsumiert. Die
       Verfassung ist   G e s e t z   für  die gesetzgebende Gewalt. Sie
       h a t  der gesetzgebenden Gewalt Gesetze gegeben und gibt sie ihr
       beständig. Die  gesetzgebende Gewalt ist nur gesetzgebende Gewalt
       innerhalb der  Verfassung, und  die Verfassung stände hors de loi
       1*) wenn sie außerhalb der gesetzgebenden Gewalt stände. Voilà la
       collision! 2*)  Innerhalb der  jüngsten französischen  Geschichte
       ist mancherlei herumgeknuspert worden.
       Wie löst Hegel diese Antinomie?
       Zunächst heißt es:
       Die     V e r f a s s u n g     ist  der   gesetzgebenden  Gewalt
       "v o r a u s g e s e t z t";  sie liegt  "i n s o f e r n  an und
       für sich  a u ß e r  d e r e n  direkten Bestimmung".
       "A b e r"   - aber  "in der  Fortbildung der Gesetze" "und in dem
       fortschreitenden Charakter  der allgemeinen  Regierungsangelegen-
       heiten" "erhält" sie ihre weitere Entwicklung".
       D.h. also: Direkt liegt die Verfassung außerhalb dem Bereich der
       -----
       1*) außerhalb des Gesetzes - 2*) Darin besteht der Widerspruch!
       
       #258# Karl Marx
       -----
       gesetzgebenden Gewalt;  aber indirekt verändert die gesetzgebende
       Gewalt die  Verfassung. Sie tut auf einem Wege, was sie nicht auf
       gradem Wege tun kann und darf. Sie zerpflückt sie en détail, weil
       sie dieselbe  nicht en gros verändern kann. Sie tut durch die Na-
       tur der  Dinge und  der Verhältnisse,  was sie nach der Natur der
       Verfassung  nicht   tun  sollte.   Sie  tut    m a t e r i e l l,
       f a k t i s c h,   was sie  nicht   f o r m e l l,   g e s e t z-
       l i c h,  verfassungsmäßig tut.
       Hegel hat  damit die  Antinomie nicht gehoben, er hat sie in eine
       andre Antinomie  verwandelt; er hat das  W i r k e n  der gesetz-
       gebenden Gewalt, ihr  v e r f a s s u n g s m ä ß i g e s  Wirken
       in  Widerspruch  gestellt  mit  ihrer  verfassungsmäßigen    B e-
       s t i m m u n g.     Es  bleibt   der  Gegensatz   zwischen   der
       V e r f a s s u n g   u n d   d e r   g e s e t z g e b e n d e n
       G e w a l t.     Hegel  hat  das    f a k t i s c h e    und  das
       l e g a l e   Tun der gesetzgebenden Gewalt als Widerspruch defi-
       niert oder  auch den  Widerspruch zwischen dem, was die gesetzge-
       bende Gewalt  sein soll,  und dem, was sie wirklich ist, zwischen
       dem, was sie zu tun meint, und dem, was sie wirklich tut.
       Wie kann  Hegel diesen  Widerspruch für  das Wahre ausgehen? "Der
       fortschreitende Charakter der allgemeinen Regierungsangelegenhei-
       ten erklärt ebensowenig, denn eben dieser fortschreitende Charak-
       ter soll erklärt werden.
       In dem  Zusatz trägt  Hegel zwar nichts zur Lösung der Schwierig-
       keiten bei. Wohl aber stellt er sie noch klarer heraus.
       
       "Die Verfassung  muß an  und für  sich der  feste geltende  Boden
       sein, auf  dem die gesetzgebende Gewalt steht, und sie muß deswe-
       gen nicht  erst gemacht werden. Die Verfassung  i s t  also, aber
       ebenso wesentlich   w i r d  sie, das heißt, sie schreitet in der
       Bildung  fort.   Dieses  Fortschreiten   ist  eine     V e r ä n-
       d e r u n g,   die   u n s c h e i n b a r   ist  und  nicht  die
       F o r m  d e r  V e r ä n d e r u n g  hat."
       
       Das heißt, die Verfassung  i s t  dem Gesetz (der Illusion) nach,
       aber sie   w i r d  der Wirklichkeit (der Wahrheit) nach. Sie ist
       ihrer Bestimmung  nach unveränderlich,  aber sie  verändert  sich
       wirklich, nur  ist diese  Veränderung unbewußt, sie hat nicht die
       Form  der   Veränderung.  Der    S c h e i n    widerspricht  dem
       W e s e n.   Der Schein  ist das  b e w u ß t e  G e s e t z  der
       Verfassung, und  das Wesen  ist ihr   b e w u ß t l o s e s,  dem
       ersten widersprechendes  Gesetz. Es  ist nicht  im Gesetz, was in
       der Natur der Sache ist. Es ist vielmehr das Gegenteil im Gesetz.
       Ist das  nun das Wahre, daß im Staat, nach Hegel dem höchsten Da-
       sein der   F r e i h e i t,   dem  Dasein der selbstbewußten Ver-
       nunft, nicht  das Gesetz,  das Dasein  der Freiheit,  sondern die
       blinde Naturnotwendigkeit  herrscht? Und  wenn nun das Gesetz der
       Sache als  widersprechend  der  gesetzlichen  Definition  erkannt
       wird, warum nicht das Gesetz der Sache, der Vernunft auch
       
       #259# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       das Staatsgesetz anerkennen, wie nun den Dualismus mit Bewußtsein
       festhalten? Hegel  will überall  den Staat als die Verwirklichung
       des freien  Geistes darstellen,  aber re  vera 1*)  löst er  alle
       schwierigen Kollisionen durch eine Naturnotwendigkeit, die im Ge-
       gensatz zur  Freiheit steht.  So ist auch der Übergang des Sonde-
       rinteresses in das Allgemeine kein bewußtes Staatsgesetz, sondern
       per Zufall  vermittelt,   w i d e r das  Bewußtsein sich vollzie-
       hend, und  Hegel will überall im Staat die Realisation des freien
       Willens!  (Hierin   zeigt  sich  der    s u b s t a n t i e l l e
       Standpunkt Hegels.)
       Die Beispiele,  die Hegel über die  a l l m ä h l i c h e  Verän-
       derung der  Verfassung anfuhrt  sind unglücklich gewählt. So, daß
       das Vermögen der deutschen Fürsten und ihrer Familien aus Privat-
       gut in  Staatsdomäne, das persönliche Rechtsprechen der deutschen
       Kaiser in  Rechtsprechen durch  Abgeordnete sich  verwandelt hat.
       Der erste  Übergang hat  sich nur so gemacht, daß alles Staatsei-
       gentum sich in fürstliches Privateigentum umsetzte.
       Dabei sind diese Veränderungen partikular. Ganze Staatsverfassun-
       gen haben  sich allerdings  so verändert,  daß nach und nach neue
       Bedürfnisse entstanden,  daß das  Alte zerfiel  etc.; aber zu der
       n e u e n   Verfassung hat  es immer  einer förmlichen Revolution
       bedurft.
       
       "So ist  also die  Fortbildung eines  Zustandes", schließt Hegel,
       "eine  s c h e i n b a r  ruhige und unbemerkte. Nach langer Zeit
       kommt auf  diese Weise  eine Verfassung zu einem ganz anderen Zu-
       stande als vorher."
       
       Die Kategorie  des   a l l m ä h l i c h e n   Überganges ist er-
       stens historisch falsch, und zweitens erklärt sie nichts.
       Damit der  Verfassung nicht nur die Veränderung angetan wird, da-
       mit also  dieser illusorische Schein nicht zuletzt gewaltsam zer-
       trümmert wird,  damit der Mensch mit Bewußtsein tut, was er sonst
       ohne Bewußtsein  durch die Natur der Sache gezwungen wird zu tun,
       ist es  notwendig, daß  die  Bewegung  der  Verfassung,  daß  der
       F o r t s c h r i t t   z u m  P r i n z i p  d e r  V e r f a s-
       s u n g    gemacht  wird,  daß  also  der  wirkliche  Träger  der
       Verfassung, das  Volk, zum  Prinzip der  Verfassung gemacht wird.
       Der Fortschritt selbst ist dann die Verfassung.
       Soll  also   die  "Verfassung"   selbst  in   den   Bereich   der
       "gesetzgebenden Gewalt" gehören? Diese Frage kann nur aufgeworfen
       werden, 1.  wenn der  politische Staat als bloßer Formalismus des
       wirklichen Staats  existiert,  wenn  der  politische  Staat  eine
       aparte Domäne  ist, wenn  der politische  Staat als  "Verfassung"
       existiert; 2. wenn die gesetzgebende Gewalt anderen Ursprungs ist
       als die Regierungsgewalt etc.
       -----
       1*) in Wirklichkeit
       
       #260# Karl Marx
       -----
       Die gesetzgebende Gewalt hat die französische Revolution gemacht;
       sie hat  überhaupt, wo  sie in  ihrer Besonderheit  als das Herr-
       schende auftrat,  die großen organischen allgemeinen Revolutionen
       gemacht; sie  hat nicht die Verfassung, sondern eine besondre an-
       tiquierte Verfassung bekämpft, eben weil die gesetzgebende Gewalt
       der Repräsentant  des Volkes, des Gattungswillens war. Die Regie-
       rungsgewalt dagegen hat die kleinen Revolutionen, die retrograden
       Revolutionen, die Reaktionen gemacht; sie hat nicht für eine neue
       Verfassung gegen  eine alte, sondern gegen die Verfassung revolu-
       tioniert, eben weil die Regierungsgewalt der Repräsentant des be-
       sonderen Willens,  der subjektiven  Willkür, des  magischen Teils
       des Willens war.
       Wird die  Frage richtig  gestellt, so heißt sie nur: Hat das Volk
       das Recht,  sich eine neue Verfassung zu geben? Was unbedingt be-
       jaht werden  muß, indem die Verfassung, sobald sie aufgehört hat,
       wirklicher Ausdruck des Volkswillens zu sein, eine praktische Il-
       lusion geworden ist.
       Die Kollision  zwischen der Verfassung und der gesetzgebenden Ge-
       walt  ist  nichts  als  ein    K o n f l i k t    d e r    V e r-
       f a s s u n g   m i t   s i c h  s e l b s t,  ein Widerspruch im
       Begriff der Verfassung.
       Die Verfassung ist nichts als eine Akkommodation zwischen dem po-
       litischen und  unpolitischen Staat;  sie ist  daher notwendig  in
       sich selbst ein Traktat wesentlich heterogener Gewalten. Hier ist
       es also  dem Gesetz unmöglich, auszusprechen, daß eine dieser Ge-
       walten, ein  Teil der Verfassung, das Recht haben solle, die Ver-
       fassung selbst, das Ganze, zu modifizieren.
       Soll von der Verfassung als einem Besondern gesprochen werden, so
       muß sie vielmehr als ein Teil des Ganzen betrachtet werden.
       Wurden unter  der Verfassung  die allgemeinen  Bestimmungen,  die
       Fundamentalbestimmungen des  vernünftigen Willens, verstanden, so
       versteht sich,  daß jedes  Volk (Staat) dies zu seiner Vorausset-
       zung hat  und daß  sie sein  politisches Credo bilden müssen. Das
       ist eigentlich Sache des Wissens und nicht des Willens. Der Wille
       eines Volks kann ebensowenig über die Gesetze der Vernunft hinaus
       als der  Wille eines  Individuums. Bei  einem unvernünftigen Volk
       kann überhaupt  nicht von  einer vernünftigen  Staatsorganisation
       die Rede sein. Hier in der Rechtsphilosophie ist überdem der Gat-
       tungswille unser Gegenstand.
       Die gesetzgebende Gewalt macht das Gesetz nicht, sie entdeckt und
       formuliert es nur.
       Man hat diese Kollision zu lösen gesucht durch die Unterscheidung
       zwischen assemblée constituante und assemblée constituée 1*).
       -----
       1*) konstituierende Versammlung und konstituierte Versammlung
       
       #261# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       "§ 299.  Diese Gegenstände"  (die Gegenstände  der gesetzgebenden
       Gewalt) "bestimmen  sich in  Beziehung auf  die Individuen  näher
       nach den  zwei Seiten:  a) was durch den Staat ihnen zugute kommt
       und sie  zu genießen  und b)  was sie demselben zu leisten haben.
       Unter jenem  sind die  privatrechtlichen Gesetze  überhaupt,  die
       Rechte der Gemeinden und Korporationen und ganz allgemeine Veran-
       staltungen und  indirekt (§ 298) das Ganze der Verfassung begrif-
       fen. Das  zu Leistende aber kann nur, indem es auf  G e l d,  als
       den existierenden  allgemeinen   W e r t   der Dinge und der Lei-
       stungen, reduziert wird, auf eine gerechte Weise und zugleich auf
       eine Art  bestimmt werden, daß die  b e s o n d e r e n  Arbeiten
       und Dienste,  die der  Einzelne leisten kann, durch seine Willkür
       vermittelt werden."
       
       Über diese  Bestimmung der  Gegenstände der gesetzgebenden Gewalt
       bemerkt Hegel selbst in der Anmerkung zu diesem Paragraphen:
       
       "Was Gegenstand  der allgemeinen Gesetzgebung und was der Bestim-
       mung der  Administrativbehörden und der Regulierung der Regierung
       überhaupt anheimzustellen  sei, läßt  sich zwar im Allgemeinen so
       unterscheiden, daß  in jene  nur das  dem Inhalte  nach   g a n z
       A l l g e m e i n e  die gesetzlichen Bestimmungen, in diese aber
       das     B e s o n d e r e     und   die   Art   und   Weise   der
       E x e k u t i o n   falle. Aber  völlig bestimmt ist diese Unter-
       scheidung schon  dadurch nicht,  daß das Gesetz, damit es Gesetz,
       nicht ein  bloßes Gebot  überhaupt sei (wie: "du sollst nicht tö-
       ten" [....]),  in sich   b e s t i m m t  sein muß; je bestimmter
       es aber ist, desto mehr nähert sich sein Inhalt der Fähigkeit, es
       ist, ausgeführt  zu werden.  Zugleich aber  würde die so weit ge-
       hende Bestimmung den Gesetzen eine empirische Seite geben, welche
       in der  wirklichen  Ausführung  Abänderungen  unterworfen  werden
       müßte, was  dem  Charakter  von  Gesetzen  Abbruch  täte  In  der
       o r g a n i s c h e n  E i n h e i t  der Staatsgewalten liegt es
       selbst, daß  es Ein  Geist ist, der das Allgemeine festsetzt, und
       der es zu seiner bestimmten Wirklichkeit bringt und ausführt."
       
       Aber eben  diese   o r g a n i s c h e  Einheit ist es, die Hegel
       nicht konstruiert  hat. Die verschiedenen Gewalten haben ein ver-
       schiedenes Prinzip.  Sie sind dabei feste Wirklichkeit. Von ihrem
       wirklichen Konflikt  an die   i m a g i n ä r e  "organische Ein-
       heit" sich flüchten, statt sie als Momente einer organischen Ein-
       heit entwickelt  zu haben,  ist daher  eine leere  mystische Aus-
       flucht.
       Die erste  ungelöste Kollision  war die zwischen der  g a n z e n
       V e r f a s s u n g   und der   g e s e t z g e b e n d e n  G e-
       w a l t.     Die  zweite  ist  die  zwischen  der    g e s e t z-
       g e b e n d e n   und der  R e g i e r u n g s g e w a l t,  zwi-
       schen dem Gesetz und der Exekution.
       Die zweite  Bestimmung des  Paragraphen ist, daß die einzige Lei-
       stung, die  der Staat  von den  Individuen fordert,  das  G e l d
       ist.
       Die Gründe, die Hegel dafür anführt, sind:
       1. das Geld  ist der  existierende allgemeine  W e r t  der Dinge
       und der Leistungen;
       2. das zu  Leistende kann  nur durch  diese  Reduktion  auf  eine
       g e r e c h t e  Art bestimmt werden;
       
       #262# Karl Marx
       -----
       3. nur dadurch  kann die  Leistung auf  eine solche  Art bestimmt
       werden, daß  die   b e s o n d e r e n  Arbeiten und Dienste, die
       der Einzelne leisten kann, durch seine Willkür vermittelt werden.
       Hegel bemerkt in der Anmerkung:
       
       ad 1.  "Es kann  im Staate zunächst auffallen, daß von den vielen
       Geschicklichkeiten, Besitztümern, Tätigkeiten, Talenten und darin
       liegenden unendlich  mannigfaltigen lebendigen   V e r m ö g e n,
       die zugleich  mit Gesinnung  verbunden sind,  der Staat keine di-
       rekte Leistung fordert, sondern nur das  e i n e  Vermögen in An-
       spruch nimmt,  das als  G e l d  erscheint. - Die Leistungen, die
       sich auf die Verteidigung des Staats gegen Feinde beziehen, gehö-
       ren erst  zu der Pflicht der folgenden Abteilung" (nicht der fol-
       genden Abteilung,  aber anderer Gründe wegen werden wir erst spä-
       ter auf die persönliche Pflicht zum Militärdienst kommen).
       "In der Tat ist das Geld aber nicht ein besonderes Vermögen neben
       den übrigen,  sondern es  ist das  Allgemeine derselben, insofern
       sie sich zu der Äußerlichkeit des Daseins produzieren, in der sie
       als eine   S a c h e   gefaßt werden können." "Bei uns", heißt es
       weiter in  dem   Z u s a t z,   "k a u f t   der  Staat,  was  er
       braucht."
       ad. 2.  "Nur an  dieser  äußerlichsten  Spitze"  (sc.  worin  die
       V e r m ö g e n   sich zu der Äußerlichkeit des Daseins produzie-
       ren, in  der sie  als eine  S a c h e  gefaßt werden können) "ist
       die   q u a n t i t a t i v e  Bestimmtheit und damit die Gerech-
       tigkeit und   G l e i c h h e i t    d e r    L e i s t u n g e n
       möglich." Im   Z u s a t z   heißt  es: "Durch Geld kann aber die
       G e r e c h t i g k e i t   d e r  G l e i c h h e i t  weit bes-
       ser durchgeführt  werden." "Der  Talentvolle würde sonst mehr be-
       steuert sein  als der Talentlose, wenn es auf die konkrete Fähig-
       keit ankäme."
       ad. 3.   "P l a t o  läßt in seinem Staate die Individuen den be-
       sonderen  Ständen   durch  die  Obern  zuteilen  und  ihnen  ihre
       b e s o n d e r e n   Leistungen auflegen; in der Feudalmonarchie
       hatten Vasallen  ebenso unbestimmte  Dienste, aber  auch in ihrer
       B e s o n d e r h e i t,   z.B. das  Richteramt usf.  zu leisten;
       die Leistungen im Orient, Ägypten für die unermeßlichen Architek-
       turen usf. sind ebenso von  b e s o n d e r e r  Qualität usf. In
       diesen  Verhältnissen  mangelt  das  Prinzip  der    s u b j e k-
       t i v e n   F r e i h e i t,    daß  das  substantielle  Tun  des
       Individuums, das  in solchen  Leistungen ohnehin  seinem  Inhalte
       nach  ein  Besonderes  ist,  durch  seinen    b e s o n d e r e n
       W i l l e n   vermittelt sei;  - ein  Recht, das allein durch die
       Forderung der  Leistungen in der Form des allgemeinen Wertes mög-
       lich und  das der Grund ist, der diese Verwandelung herbeigeführt
       hat." Im  Zusatz heißt es: "Bei uns  k a u f t  der Staat, was er
       braucht, und  dies kann  zunächst als  abstrakt, tot und gemütlos
       erscheinen, und es kann auch aussehen, als wenn der Staat dadurch
       heruntergesunken wäre,  daß er sich mit abstrakten Leistungen be-
       friedigt. Aber  es liegt in dem Prinzip" des neueren Staates, das
       Alles, was  das Individuum  tut, durch  seinen Willen  vermittelt
       sei."... "Nun  aber wird eben dadurch Respekt vor der subjektiven
       Freiheit an den Tag gelegt, daß man jemanden nur an dem ergreift,
       an welchem er ergriffen werden kann."
       
       Tut, was ihr wollt. Bezahlt, was ihr sollt.
       
       #263# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Der Eingang des Zusatzes lautet:
       
       "Die zwei  Seiten der Verfassung beziehen sich auf die Rechte und
       Leistungen der  Individuen. Was  nun die  Leistungen betrifft, so
       reduzieren sie  sich jetzt fast alle auf Geld. Die Militärpflicht
       ist jetzt fast nur die einzige persönliche Leistung."
       "§ 300. In der gesetzgebenden Gewalt als  T o t a l i t ä t  sind
       zunächst  die  zwei  andern  Momente  wirksam,  das    m o n a r-
       c h i s c h e,   als dem  die  höchste  Entscheidung  zukommt  -,
       d i e  R e g i e r u n g s g e w a l t  als das mit der konkreten
       Kenntnis und Übersicht des Ganzen in seinen vielfachen Seiten und
       den darin   f e s t g e w o r d e n e n   wirklichen  Grundsätzen
       sowie  mit   der  Kenntnis   der  Bedürfnisse   der  Staatsgewalt
       insbesondere, beratende  Moment  -,  endlich  das    s t ä n d i-
       s c h e  Element."
       
       Die monarchische  Gewalt und die Regierungsgewalt sind... gesetz-
       gebende  Gewalt.   Wenn  aber   die  gesetzgebende   Gewalt   die
       T o t a l i t ä t   ist, müßten  vielmehr monarchische Gewalt und
       Regierungsgewalt Momente der gesetzgebenden Gewalt sein. Das hin-
       zutretende   s t ä n d i s c h e   Element ist   n u r  gesetzge-
       bende  Gewalt  oder  die  gesetzgebende  Gewalt  im    U n t e r-
       s c h i e d  zu der monarchischen und Regierungsgewalt.
       
       "§ 301. Das  s t ä n d i s c h e  Element hat die Bestimmung, daß
       die allgemeine  Angelegenheit nicht nur an sich, sondern auch für
       s i c h,  d. i. daß das Moment der subjektiven  f o r m e l l e n
       F r e i h e i t,   das öffentliche  Bewußtsein als   e m p i r i-
       s c h e   A l l g e m e i n h e i t   der Ansichten  und Gedanken
       der  V i e l e n,  darin zur Existenz komme."
       
       Das ständische  Element ist  eine Deputation der bürgerlichen Ge-
       sellschaft an den Staat, dem sie als die "Vielen" gegenüberstehn.
       Die Vielen  sollen einen Augenblick die allgemeinen Angelegenhei-
       ten   m i t  B e w u ß t s e i n  als ihre eigenen behandeln, als
       Gegenstände des   ö f f e n t l i c h e n  B e w u ß t s e i n s,
       welches nach  Hegel nichts  ist  als  die    "e m p i r i s c h e
       A l l g e m e i n h e i t     der  Ansichten   und  Gedanken  der
       V i e l e n"   (und in  Wahrheit ist es in den modernen, auch den
       konstitutionellen, Monarchien nichts anders). Es ist bezeichnend,
       daß Hegel, der so großen Respekt vor dem Staatsgeist, dem sittli-
       chen Geist, dem Staatsbewußtsein hat, es da, wo es ihm in wirkli-
       cher empirischer Gestalt gegenübertritt, förmlich verachtet.
       Dies ist  das Rätsel  des Mystizismus. Dieselbe phantastische Ab-
       straktion, die das  S t a a t s b e w u ß t s e i n  in der unan-
       gemeßnen Form  der   B ü r o k r a t i e,   einer Hierarchie  des
       Wissens, wiederfindet  und diese  unangemeßne Existenz unkritisch
       für die  wirkliche Existenz  hinnimmt als    v o l l g ü l t i g,
       dieselbe mystische Abstraktion gesteht ebenso unbefangen, daß der
       wirkliche   e m p i r i s c h e   Staatsgeist, das   ö f f e n t-
       l i c h e     B e w u ß t s e i n,    ein  bloßes  Potpourri  von
       "Gedanken und  Ansichten der  Vielen" sei. Wie sie der Bürokratie
       ein fremdes  Wesen unterschiebt, so läßt sie dem wahren Wesen die
       unangemeßne Form  der Erscheinung.  Hegel idealisiert  die  Büro-
       kratie und empirisiert das öffentliche
       
       #264# Karl Marx
       -----
       Bewußtsein. Hegel  kann das wirkliche öffentliche Bewußtsein sehr
       à part  behandeln, eben weil er das à part Bewußtsein als das öf-
       fentliche behandelt  hat. Er  braucht sich  um so  weniger um die
       wirkliche Existenz  des Staatsgeistes zu kümmern, als er schon in
       seinen soi-disant  1*) Existenzen ihn gehörig realisiert zu haben
       meint. Solange  der Staatsgeist mystisch im Vorhof spukte, wurden
       ihm viel  Reverenzen gemacht.  Hier, wo  wir ihn [in] persona ge-
       hascht, wird er kaum angesehn.
       "Das ständische  Element hat  die Bestimmung,  daß die allgemeine
       Angelegenheit nicht  nur an    s i c h,    sondern  auch    f ü r
       s i c h   darin zur  Existenz komme." Und zwar kommt sie für sich
       zur Existenz  als das  "öffentliche Bewußtsein",  als   "e m p i-
       r i s c h e     A l l g e m e i n h e i t     der  Ansichten  und
       Gedanken der  V i e l e n".
       Das Subjektwerden  der "allgemeinen Angelegenheit", die auf diese
       Weise verselbständigt  wird, wird hier als ein Moment des Lebens-
       prozesses der  "allgemeinen Angelegenheit" dargestellt. Statt daß
       die Subjekte  sich in  der "allgemeinen  Angelegenheit" vergegen-
       ständlichten,  läßt  Hegel  die  "allgemeine  Angelegenheit"  zum
       "Subjekt" kommen.  Die Subjekte  bedürfen nicht  der "allgemeinen
       Angelegenheit" als ihrer wahren Angelegenheit, sondern die allge-
       meine  Angelegenheit   bedarf  der  Subjekte  zu  ihrer    f o r-
       m e l l e n  Existenz. Es ist eine Angelegenheit der "allgemeinen
       Angelegenheit", daß sie auch als Subjekt existiere.
       Es   ist    hier   besonders   der   Unterschied   zwischen   dem
       "A n s i c h s e i n"  und dem  "F ü r s i c h s e i n"  der all-
       gemeinen Angelegenheit ins Auge zu fassen.
       Die   "a l l g e m e i n e  A n g e l e g e n h e i t"  existiert
       schon   "a n   s i c h"  als das Geschäft der Regierung etc.; sie
       existiert, ohne  w i r k l i c h  die  a l l g e m e i n e  Ange-
       legenheit zu  sein; sie ist nichts weniger als dies, denn sie ist
       nicht die  Angelegenheit  der    "b ü r g e r l i c h e n    G e-
       s e l l s c h a f t".   Sie hat schon ihre  w e s e n t l i c h e
       an sich  seiende Existenz  gefunden. Daß  sie nun  auch  wirklich
       "öffentliches Bewußtsein",  "empirische Allgemeinheit"  wird, ist
       rein formell  und kommt  gleichsam nur   s y m b o l i s c h  zur
       Wirklichkeit.  Die  "formelle"  Existenz  oder  die  "empirische"
       Existenz der  allgemeinen Angelegenheit  ist getrennt  von  ihrer
       s u b s t a n t i e l l e n  E x i s t e n z.  Die Wahrheit davon
       ist: Die  a n  s i c h  s e i e n d e  "allgemeine Angelegenheit"
       ist nicht  w i r k l i c h  a l l g e m e i n,  und die wirkliche
       e m p i r i s c h e   allgemeine Angelegenheit  ist nur    f o r-
       m e l l.
       Hegel trennt   I n h a l t   und   F o r m,   A n s i c h s e i n
       und   F ü r s i c h s e i n    und  läßt  das  letztere  als  ein
       f o r m e l l e s   Moment äußerlich  hinzutreten. Der Inhalt ist
       fertig und  existiert in vielen Formen, die nicht die Formen die-
       ses Inhaltes sind;
       -----
       1*) sogenannten
       
       #265# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       wogegen es sich von selbst versteht daß die Form, die nun für die
       wirkliche Form  des Inhalts gelten soll, nicht den wirklichen In-
       halt zu ihrem Inhalt hat.
       Die   a l l g e m e i n e  A n g e l e g e n h e i t  ist fertig,
       ohne daß  sie wirkliche Angelegenheit des Volks wäre. Die wirkli-
       che Volkssache  ist ohne  Tun des  Volks zustande  gekommen.  Das
       ständische Element  ist  die    i l l u s o r i s c h e    E x i-
       s t e n z   der Staatsangelegenheiten  als einer  Volkssache. Die
       Illusion, daß die  a l l g e m e i n e  A n g e l e g e n h e i t
       allgemeine Angelegenheit, öffentliche Angelegenheit sei, oder die
       I l l u s i o n,     daß   die   Sache   des   Volks   allgemeine
       Angelegenheit sei.  So weit  ist es sowohl in unseren Staaten als
       in der  Hegelschen Rechtsphilosophie  gekommen,  daß  der  tauto-
       logische Satz:  "Die allgemeine  Angelegenheit ist die allgemeine
       Angelegenheit", nur  als eine   I l l u s i o n   d e s  p r a k-
       t i s c h e n     B e w u ß t s e i n s    erscheinen  kann.  Das
       s t ä n d i s c h e   E l e m e n t  ist die  p o l i t i s c h e
       I l l u s i o n   d e r   b ü r g e r l i c h e n    G e s e l l-
       s c h a f t.   Die   s u b j e k t i v e   Freiheit erscheint bei
       Hegel als   f o r m e l l e  Freiheit (es ist allerdings wichtig,
       daß das  Freie auch  frei getan  werde daß die Freiheit nicht als
       bewußtloser Naturinstinkt der Gesellschaft herrsche) eben weil er
       die objektive  Freiheit nicht als Verwirklichung, als Bestätigung
       der subjektiven  hingestellt hat.  Weil er  dem präsumtiven  oder
       wirklichen Inhalt  der Freiheit  einen mystischen  Träger gegeben
       hat, so  bekommt das wirkliche Subjekt der Freiheit eine formelle
       Bedeutung.
       Die Trennung  des   A n s i c h s  und des  F ü r s i c h s,  der
       Substanz und des Subjekts ist abstrakter Mystizismus.
       Hegel setzt  in der Anmerkung das "ständische Element" recht sehr
       als ein "Formelles", " Illusorisches" auseinander.
       Sowohl das   W i s s e n   als  der   W i l l e  des "ständischen
       Elementes" sind  teils unbedeutend,  teils verdächtig;  d.h., das
       ständische Element  ist kein   i n h a l t s v o l l e s   K o m-
       p l e m e n t.
       
       "Die Vorstellung, die das gewöhnliche Bewußtsein über die Notwen-
       digkeit oder Nützlichkeit der Konkurrenz von Ständen zunächst vor
       sich zu  haben pflegt, ist vornehmlich etwa, daß die Abgeordneten
       aus  dem   Volk  oder   gar  das   Volk  es    a m    b e s t e n
       v e r s t e h e n   m ü s s e,   was zu  seinem Besten diene, und
       daß es  den ungezweifelt besten Willen für dieses Beste habe. Was
       das erstere  betrifft, so  ist vielmehr  der Fall,  daß das Volk,
       insofern mit  diesem Worte ein besonderer Teil der Mitglieder ei-
       nes Staats  bezeichnet ist,  den Teil  ausdrückt, der   n i c h t
       w e i ß,  w a s  e r  w i l l.  Zu wissen, was man will, und noch
       mehr, was  der an und für sich seiende Wille, die Vernunft, will,
       ist die  Frucht tiefer Erkenntnis" (die wohl in den Büros steckt)
       "und Einsicht. welche eben nicht die Sache des Volks ist."
       
       Mehr unten heißt es in bezug auf die Stände selbst:
       
       "Die höchsten Staatsbeamten haben notwendig tiefere und umfassen-
       dere Einsicht  in die Natur der Einrichtungen und Bedürfnisse des
       Staats sowie die größere
       
       #266# Karl Marx
       -----
       Geschicklichkeit und Gewohnheit dieser Geschäfte und  k ö n n e n
       ohne Stände das Beste tun, wie sie auch fortwährend bei den stän-
       dischen Versammlungen das Beste tun müssen."
       
       Und es  versteht sich, daß bei der von Hegel beschriebnen Organi-
       sation dies vollständig wahr ist.
       
       2. "Was aber  den vorzüglich   g u t e n  W i l l e n  der Stände
       für das  allgemeine Beste  betrifft, so  ist schon oben [...] be-
       merkt worden,  daß es  zu der Ansicht des Pöbels, dem Standpunkte
       des Negativen  überhaupt gehört,  bei der  Regierung einen  bösen
       oder weniger  guten Willen  vorauszusetzen; - eine Voraussetzung,
       die zunächst,  wenn in  gleicher Form  geantwortet werden sollte,
       die Rekrimination zur Folge hätte, daß die Stände, da sie von der
       Einzelnheit, dem  Privatstandpunkt und  den besonderen Interessen
       herkommen, für  diese auf  Kosten des allgemeinen Interesses ihre
       Wirksamkeit zu  gebrauchen geneigt  seien, dahingegen die anderen
       Momente der  Staatsgewalt schon  für sich  auf den Standpunkt des
       Staates gestellt und dem allgemeinen Zwecke gewidmet sind."
       
       Also   W i s s e n  und  W i l l e n  der Stände sind teils über-
       flüssig, teils  verdächtig. Das Volk weiß nicht, was es will. Die
       Stände besitzen nicht die Staatswissenschaft im Maße der Beamten,
       deren Monopol  sie ist. Die Stände sind überflüssig zum Vollbrin-
       gen der  "allgemeinen Angelegenheit". Die Beamten können sie ohne
       Stände vollbringen, ja sie  m ü s s e n  trotz der Stände das Be-
       ste tun.  Was also den Inhalt betrifft, so sind die Stände reiner
       Luxus. Ihr  Dasein ist  daher im  wörtlichsten Sinne  eine  bloße
       F o r m.
       Was ferner  die Gesinnung, den  W i l l e n  der Stände betrifft,
       so ist  er verdächtig,  denn sie  kommen vom Privatstandpunkt und
       den Privatinteressen  her. In  Wahrheit ist  das  Privatinteresse
       ihre allgemeine Angelegenheit und nicht die allgemeine Angelegen-
       heit ihr Privatinteresse. Aber welche Manier der "allgemeinen An-
       gelegenheit",   F o r m  zu gewinnen als allgemeine Angelegenheit
       in einem  Willen, der  nicht weiß,  was er will, wenigstens nicht
       ein besondres  Wissen des  Allgemeinen besitzt, und in einem Wil-
       len, dessen  eigentlicher Inhalt  ein entgegenstehendes Interesse
       ist!
       In den modernen Staaten, wie in Hegels Rechtsphilosophie, ist die
       bewußte, die  w a h r e  W i r k l i c h k e i t  der  a l l g e-
       m e i n e n   A n g e l e g e n h e i t   n u r    f o r m e l l,
       oder   n u r   d a s   F o r m e l l e   i s t  w i r k l i c h e
       a l l g e m e i n e  A n g e l e g e n h e i t.
       Hegel ist  nicht zu tadeln, weil er das Wesen des modernen Staats
       schildert, wie  es ist,  sondern weil  er das,  was ist,  für das
       W e s e n  d e s  S t a a t s  ausgibt. Daß das Vernünftige wirk-
       lich ist, beweist sich eben im  W i d e r s p r u c h  der unver-
       nünftigen   W i r k l i c h k e i t,   die an allen Ecken das Ge-
       genteil von  dem ist,  was sie aussagt, und das Gegenteil von dem
       aussagt, was sie ist.
       Statt daß  Hegel zeigte,  wie die  "allgemeine Angelegenheit" für
       sich
       
       #267# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       "subjektiv, daher  wirklich als  solche existiere",  daß sie auch
       die Form der allgemeinen Angelegenheit hat, zeigt er nur, daß die
       F o r m l o s i g k e i t   ihre Subjektivität ist, und eine Form
       ohne Inhalt muß formlos sein. Die Form, welche die allgemeine An-
       gelegenheit in  einem Staat gewinnt, der nicht der Staat der all-
       gemeinen Angelegenheit  ist, kann  nur  eine  Unform,  eine  sich
       selbst täuschende,  eine sich  selbst widersprechende  Form Sein,
       eine   S c h e i n f o r m,  die sich als dieser Schein ausweisen
       wird.
       Hegel will  den Luxus  des ständischen Elements nur der Logik zu-
       lieb. Das   F ü r s i c h s e i n   der allgemeinen Angelegenheit
       als empirische  Allgemeinheit soll  ein Dasein haben. Hegel sucht
       nicht nach  einer adäquaten  Verwirklichung des "Fürsichseins der
       allgemeinen Angelegenheit", er begnügt sich, eine empirische Exi-
       stenz zu finden, die in diese logische Kategorie aufgelöst werden
       kann,. das  ist dann  das ständische Element: wobei er nicht ver-
       fehlt, selbst  anzumerken, wie  erbärmlich  und  widerspruchsvoll
       diese Existenz  ist. Und  dann wirft er noch dem gewöhnlichen Be-
       wußtsein vor, daß es sich mit dieser logischen Satisfaktion nicht
       begnügt, daß  es sich  nicht die  Wirklichkeit  durch    w i l l-
       k ü r l i c h e   Abstraktion in  Logik  aufgelöst,  sondern  die
       Logik in wahre Gegenständlichkeit verwandelt sehn will.
       Ich sage:   w i l l k ü r l i c h e  Abstraktion. Denn da die Re-
       gierungsgewalt  die     a l l g e m e i n e    A n g e l e g e n-
       h e i t   will, weiß,  verwirklicht, aus  dem Volk hervorgeht und
       eine empirische  Vielheit ist  (daß  es  sich  nicht  um  Allheit
       handelt,  belehrt   uns  Hegel   ja  selbst),  warum  sollte  die
       Regierungsgewalt nicht als das "Fürsichsein der allgemeinen Ange-
       legenheit" bestimmt  werden können? Oder warum nicht die ,Stände"
       als ihr  A n s i c h s e i n,  da die Sache erst in der Regierung
       Licht und  Bestimmtheit und  Ausführung und  Selbständigkeit  ge-
       winnt?
       Aber der  wahre Gegensatz ist: "Die allgemeine Angelegenheit" muß
       doch irgendwo  im Staat  als "wirkliche", also "empirische allge-
       meine Angelegenheit"   r e p r ä s e n t i e r t   sein;  sie muß
       irgendwo in  der Krone  und dem Talar des Allgemeinen erscheinen,
       wodurch es von selbst zu einer Rolle, einer Illusion wird.
       Es handelt  sich hier  um den  Gegensatz  des  "Allgemeinen"  als
       "F o r m",  in der "Form der Allgemeinheit", und des "Allgemeinen
       als Inhalt".
       Z.B. in  der Wissenschaft kann ein "Einzelner" die allgemeine An-
       gelegenheit vollbringen,  und es  sind immer  Einzelne,  die  sie
       vollbringen. Aber  wirklich allgemein  wird sie  erst,  wenn  sie
       nicht mehr  die Sache des Einzelnen, sondern die der Gesellschaft
       ist. Das  verändert nicht  nur die Form, sondern auch den Inhalt.
       Hier aber  handelt es  sich um  den Staat, wo das Volk selbst die
       allgemeine Angelegenheit ist; hier handelt es sich um den
       
       #268# Karl Marx
       -----
       Willen, der sein wahres Dasein als Gattungswille nur im selbstbe-
       wußten Willen  des Volkes  hat. Und  hier handelt es sich überdem
       von der Idee des Staats.
       Der moderne  Staat, in dem die "allgemeine Angelegenheit" wie die
       Beschäftigung mit derselben ein Monopol ist und dagegen die Mono-
       pole die  wirklichen allgemeinen  Angelegenheiten sind,  hat  die
       sonderbare Erfindung  gemacht, die "allgemeine Angelegenheit" als
       eine   b l o ß e   F o r m   sich anzueignen. (Das Wahre ist, daß
       nur die  F o r m  allgemeine Angelegenheit ist.) Er hat damit die
       entsprechende Form  für seinen Inhalt gefunden, der nur scheinbar
       die wirkliche allgemeine Angelegenheit ist.
       Der konstitutionelle Staat ist der Staat, in dem das Staatsinter-
       esse als  wirkliches Interesse  des Volkes   n u r  formell, aber
       als eine   b e s t i m m t e  F o r m  neben dem wirklichen Staat
       vorhanden ist;  das Staatsinteresse hat hier  f o r m e l l  wie-
       der Wirklichkeit  erhalten als  Volksinteresse, aber es soll auch
       nur diese   f o r m e l l e   W i r k l i c h k e i t   haben. Es
       ist zu  einer   F o r m a l i t ä t,   zu dem  haut goût  1*) des
       Volkslebens geworden, eine  Z e r e m o n i e.  Das  s t ä n d i-
       s c h e   Element  ist  die    s a n k t i o n i e r t e,    g e-
       s e t z l i c h e   L ü g e   der konstitutionellen  Staaten, daß
       der   S t a a t   das   I n t e r e s s e  d e s  V o l k s  oder
       daß das   V o l k   das   S t a a t s i n t e r e s s e   ist. Im
       I n h a l t   wird sich  diese Lüge  enthüllen. Als  g e s e t z-
       g e b e n d e   Gewalt hat  sie sich  etabliert,  eben  weil  die
       gesetzgebende Gewalt  das Allgemeine  zu ihrem  Inhalt hat,  mehr
       Sache des Wissens als des Willens, die  m e t a p h y s i s c h e
       Staatsgewalt ist, während dieselbe Lüge als Regierungsgewalt etc.
       entweder sich  sofort auflösen  oder in  eine Wahrheit verwandeln
       müßte. Die  metaphysische Staatsgewalt  war der  geeignetste Sitz
       der metaphysischen, allgemeinen Staatsillusion.
       
       "Die Gewährleistung, die für das allgemeine Beste und die öffent-
       liche Freiheit  in den  Ständen liegt,  findet sich  bei  einigem
       Nachdenken nicht  in der besonderen Einsicht derselben [...] son-
       dern sie  liegt teils wohl in einer  Z u t a t  (!!) von Einsicht
       der Abgeordneten,  vornehmlich in  das Treiben  der den Augen der
       höheren Stellen  ferner stehenden  Beamten, und  insbesondere  in
       dringendere und  speziellere Bedürfnisse und Mängel, die [sie] in
       konkreter Anschauung  vor sich  haben, teils  aber in  derjenigen
       Wirkung, welche die zu erwartende Zensur Vieler und zwar eine öf-
       fentliche Zensur  mit sich  führt, schon im voraus die beste Ein-
       sicht auf  die Geschäfte  und vorzulegenden Entwürfe zu verwenden
       und sie  nur den reinsten Motiven gemäß einzurichten - eine Nöti-
       gung, die  ebenso für  die Mitglieder  der Stände  selbst wirksam
       ist."
       "Was hiermit die Garantie überhaupt betrifft, welche besonders in
       den Ständen  liegen soll,  so teilt  auch   j e d e   a n d e r e
       d e r   S t a a t s i n s t i t u t i o n e n   dies  mit  ihnen,
       eine Garantie  des öffentlichen  Wohls und der vernünftigen Frei-
       heit zu sein, und es
       -----
       1*) der Würze
       
       #269# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       gibt darunter  Institutionen, wie die Souveränität des Monarchen,
       die Erblichkeit  der Thronfolge, Gerichtsverfassung usf., in wel-
       chen diese  Garantie noch  in viel  stärkerem  Grade  liegt.  Die
       e i g e n t ü m l i c h e  Begriffsbestimmung der Stände ist des-
       halb darin zu suchen, daß in ihnen das subjektive Moment der all-
       gemeinen Freiheit,  die eigene  Einsicht und der eigene Wille der
       Sphäre, die  in dieser  Darstellung bürgerliche  Gesellschaft ge-
       nannt  worden  ist,    i n    B e z i e h u n g    a u f    d e n
       S t a a t   z u r   E x i s t e n z   kommt. D ß dies Moment eine
       Bestimmung der  zur Totalität entwickelten Idee ist, diese innere
       Notwendigkeit, welche  nicht mit    ä u ß e r e n    N o t w e n-
       d i g k e i t e n   und   N ü t z l i c h k e i t e n    zu  ver-
       wechseln  ist,   folgt,  wie  überall,  aus  dem  philosophischen
       Gesichtspunkt."
       
       Die öffentliche,  allgemeine Freiheit    i s t    in  den  andern
       Staatsinstitutionen angeblich  garantiert; die  Stände sind  ihre
       angebliche Selbstgarantierung.  Daß das  Volk auf  die Stände, in
       denen es  selbst sich zu versichern glaubt, mehr Gewicht legt als
       auf die  Institutionen, die ohne sein Tun die Assekuranzen seiner
       Freiheit sein soll[en], Bestätigungen seiner Freiheit, ohne Betä-
       tigungen seiner  Freiheit zu sein. Die Koordination, welche Hegel
       den Ständen  neben den andern Institutionen anweist, widerspricht
       ihrem Wesen.
       Hegel löst das Rätsel, wenn er die "eigentümliche Begriffsbestim-
       mung der  Stände" darin findet, daß in ihnen "die eigene Einsicht
       und der  eigene Wille  der bürgerlichen  Gesellschaft   i n  B e-
       z i e h u n g   a u f   d e n   S t a a t  z u r  E x i s t e n z
       kommt". Es  ist die    R e f l e x i o n    d e r    b ü r g e r-
       l i c h e n   G e s e l l s c h a f t   a u f   d e n  S t a a t.
       Wie die Bürokraten  A b g e o r d n e t e  d e s  S t a a t s  an
       die bürgerliche  Gesellschaft,  so  sind  die  Stände    A b g e-
       o r d n e t e    d e r    b ü r g e r l i c h e n    G e s e l l-
       s c h a f t   an den  Staat.  Es  sind  also  immer    T r a n s-
       a k t i o n e n   zweier   g e g e n s ä t z l i c h e r   W i l-
       l e n.
       Im  Z u s a t z  zu diesem Paragraphen heißt es:
       
       "Die  Stellung   der  Regierung   zu  den   Ständen  soll   keine
       w e s e n t l i c h   feindliche sein, und der Glaube an die Not-
       wendigkeit dieses  feindseligen Verhältnisses  ist ein  trauriger
       Irrtum",
       
       ist eine "traurige Wahrheit".
       
       "Die Regierung ist keine Partei, der eine andere gegenübersteht."
       
       Umgekehrt.
       
       "Die Steuern,  die die  Stände bewilligen,  sind ferner nicht wie
       ein   G e s c h e n k   anzusehen, das  dem Staate  gegeben wird,
       sondern sie  werden zum  Besten der  Bewilligenden selbst  bewil-
       ligt."
       
       Die  Steuerbewilligung   ist  im   konstitutionellen  Staat   der
       M e i n u n g  nach notwendig ein  G e s c h e n k.
       
       "Was die  eigentliche Bedeutung der Stände ausmacht, ist, daß der
       S t a a t     dadurch     i n      d a s      s u b j e k t i v e
       B e w u ß t s e i n   d e s  V o l k s  t r i t t,  und daß es an
       demselben teilzuhaben anfängt."
       
       #270# Karl Marx
       -----
       Das letztere ist ganz richtig. Das Volk in den Ständen  f ä n g t
       a n,   teilzuhaben am  Staat, ebenso tritt er als ein jenseitiger
       in  sein   subjektives  Bewußtsein.   Wie   kann   Hegel   diesen
       A n f a n g  aber für die volle  R e a l i t ä t  ausgeben?
       
       "§ 302.  Als  v e r m i t t e l n d e s  Organ betrachtet, stehen
       die Stände  zwischen der  Regierung überhaupt einerseits, und dem
       in die  besonderen Sphären und Individuen aufgelösten Volke ande-
       rerseits. Ihre Bestimmung fordert an sie so sehr den  S i n n und
       die   G e s i n n u n g   des   S t a a t s   und der  R e g i e-
       r u n g,   als der  I n t e r e s s e n  der  b e s o n d e r e n
       Kreise und  der   E i n z e l n e n.  Zugleich hat diese Stellung
       die  Bedeutung   einer  mit  der  organisierten  Regierungsgewalt
       gemeinschaftlichen Vermittelung,  daß weder die fürstliche Gewalt
       als   E x t r e m  isoliert und dadurch als bloße Herrschergewalt
       und Willkür  erscheine, noch  daß die  besonderen Interessen  der
       Gemeinden, Korporationen  und der Individuen sich isolieren, oder
       noch  mehr,   daß  die  Einzelnen  nicht  zur  Darstellung  einer
       M e n g e   und eines   H a u f e n s,    zu  einem  somit  unor-
       ganischen Meinen  und Wollen  und zur  bloß  massenhaften  Gewalt
       gegen den organischen Staat kommen."
       
       Staat und  Regierung werden  immer als  identisch  auf  die  eine
       Seite, das  in die  besondren Sphären  und Individuen  aufgelöste
       Volk  auf   die  andere  Seite  gesetzt.  Die  Stände  stehn  als
       v e r m i t t e l n d e s  Organ zwischen beiden. Die Stände sind
       die Mitte,  worin "Sinn  und Gesinnung  des Staats und der Regie-
       rung" zusammentreffen, vereinigt sein sollen mit "Sinn und Gesin-
       nung der besonderen Kreise und der Einzelnen". Die Identität die-
       ser beiden  entgegengesetzten Sinne  und  Gesinnungen,  in  deren
       Identität  eigentlich   der  Staat  liegen  sollte,  erhält  eine
       s y m b o l i s c h e   Darstellung in  den   S t ä n d e n.  Die
       Transaktion zwischen  Staat  und  bürgerlicher  Gesellschaft  er-
       scheint als  eine   b e s o n d r e   Sphäre. Die Stände sind die
       S y n t h e s e   z w i s c h e n    S t a a t    u n d    b ü r-
       g e r l i c h e r   G e s e l l s c h a f t.   Wie die  Stände es
       aber anfangen sollen, zwei widersprechende Gesinnungen in sich zu
       vereinen, ist  nicht  angegeben.  Die    S t ä n d e    sind  der
       g e s e t z t e   W i d e r s p r u c h  des Staates und der bür-
       gerlichen  Gesellschaft   im  Staate.   Zugleich  sind   sie  die
       F o r d e r u n g  der  A u f l ö s u n g  dieses Widerspruches.
       
       "Zugleich  hat   diese  Stellung  die  Bedeutung  einer  mit  der
       o r g a n i s i e r t e n    Regierungsgewalt  gemeinschaftlichen
       Vermittelung etc."
       
       Die Stände   v e r m i t t e l n   nicht  nur Volk und Regierung.
       Sie   verhindern   die   "fürstliche   Gewalt"   als   isoliertes
       "E x t r e m",  die damit als "bloße Herrschergewalt und Willkür"
       erscheinen würde, ebenso die "Isolierung" der "besonderen" Inter-
       essen etc.,  ebenso die "Darstellung der Einzelnen als  M e n g e
       und   H a u f e n".   Diese Vermittelung  ist den Ständen mit der
       organisierten Regierungsgewalt  gemeinschaftlich. In einem Staat,
       worin die  "Stellung" der "Stände" verhindert, "daß die Einzelnen
       nicht zur  Darstellung einer   M e n g e    oder  eines    H a u-
       f e n s,  zu einem somit unorganischen Meinen und Wollen,
       
       #271# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       zur bloß massenhaften Gewalt gegen den organischen Staat kommen",
       existiert der  "o r g a n i s c h e  Staat" außer der "Menge" und
       dem "Haufen", oder da gehört die "Menge" und der "Haufen" zur Or-
       ganisation des  Staats; bloß  soll sein "unorganisches Meinen und
       Wollen" nicht  zum "Meinen  und Wollen  gegen den  Staat" kommen,
       durch  welche      b e s t i m m t e      R i c h t u n g      es
       "organisches"  Meinen   und  Wollen   würde.  Ebenso  soll  diese
       "massenhafte Gewalt nur "massenhaft" bleiben, so daß der Verstand
       außer der  Masse ist  und sie daher nicht sich selbst in Bewegung
       setzen, sondern  nur von  den Monopolisten des "organischen Staa-
       tes" in  Bewegung gesetzt  und als massenhafte Gewalt exploitiert
       werden kann.  Wo nicht  "die besondern  Interessen der Gemeinden,
       Korporationen und  der Einzelnen" sich gegen den Staat isolieren,
       sondern die  "Einzelnen zur Darstellung einer  M e n g e  und ei-
       nes   H a u f e n s  zu einem somit unorganischen Meinen und Wol-
       len und  zur bloß massenhaften Gewalt gegen den Staat kommen", da
       zeigt es sich eben, daß kein "besonderes Interesse" dem Staat wi-
       derspricht, sondern  daß der "wirkliche organische allgemeine Ge-
       danke der  Menge und  des Haufens"  nicht der Gedanke des organi-
       schen Staats" ist, der nicht in ihm seine Realisation findet. Wo-
       durch erscheinen  nun die  Stände als Vermittelung gegen dies Ex-
       trem? Nur  dadurch, "daß die besonderen Interessen der Gemeinden,
       Korporationen und  der Individuen  sich isolieren", oder dadurch,
       daß ihre  isolierten Interessen   i h r e  R e c h n u n g  m i t
       d e m  S t a a t  d u r c h  d i e  S t ä n d e  a b s c h l i e-
       ß e n,  zugleich dadurch, daß das "unorganische Meinen und Wollen
       der Menge  und des  Haufens" in  der Schöpfung  der Stände seinen
       W i l l e n    (seine  Tätigkeit)  und  in  der  Beurteilung  der
       Tätigkeit der  Stände sein "Meinen" beschäftigt und die Täuschung
       seiner   Vergegenständlichung    genossen   hat.    Die   "Stande
       präservieren den Staat vor dem unorganischen Haufen nur durch die
       Desorganisation dieses Haufens.
       Zugleich aber  sollen die   S t ä n d e  dagegen vermitteln, "daß
       die besonderen  Interessen der  Gemeinden, Korporationen  und der
       Individuen sich" nicht isolieren". Sie vermitteln dagegen, 1. in-
       dem sie  mit dem  "Staatsinteresse" transigieren,  2.  indem  sie
       selbst die   "p o l i t i s c h e   Isolierung"  dieser besondern
       Interessen sind;  diese   I s o l i e r u n g   a l s    p o l i-
       t i s c h e r   A k t,  indem durch sie diese isolierten Interes-
       sen" den Rang des "Allgemeinen" erhalten.
       Endlich sollen  die Stände  gegen die  "I s o l i e r u n g"  der
       fürstlichen Gewalt  als eines  "E x t r e m s"  (die "dadurch als
       bloße Herrschergewalt  und Willkür   e r s c h i e n e)   vermit-
       teln. Dies  ist insofern  richtig, als  das   P r i n z i p   der
       f ü r s t l i c h e n   G e w a l t   (die Willkür) durch sie be-
       grenzt ist,  wenigstens nur  in Fesseln  sich wegen kann, und als
       sie selbst  Teilnehmer, Mitschuldige  der fürstlichen Gewalt wer-
       den.
       
       #272# Karl Marx
       -----
       Die fürstliche Gewalt hört entweder wirklich dadurch auf, das Ex-
       trem der  fürstlichen Gewalt  zu sein  (und die fürstliche Gewalt
       existiert nur  als ein  Extrem, als  eine Einseitigkeit, weil sie
       kein organisches  Prinzip ist),  sie wird  zu einer  S c h e i n-
       g e w a l t,     einem  Symbol,   oder  sie   verliert  nur   den
       S c h e i n   der Willkür und bloßer Herrschergewalt. Sie vermit-
       teln gegen die "Isolierung" der Sonderinteressen, indem sie diese
       Isolierung  als    p o l i t i s c h e n    Akt  vorstellen.  Sie
       v e r m i t t e l n   gegen die Isolierung der fürstlichen Gewalt
       als eines  Extrems, teils  indem sie  selbst zu  einem  Teil  der
       fürstlichen Gewalt  werden, teils  indem sie die Regierungsgewalt
       zu einem  E x t r e m  machen.
       In den  "Ständen" laufen alle Widersprüche der modernen Staatsor-
       ganisationen zusammen.  Sie sind  die "Mittler" nach allen Seiten
       hin, weil sie nach allen Seiten hin "Mitteldinge" sind.
       Zu bemerken ist, daß Hegel weniger den Inhalt der ständischen Tä-
       tigkeit, die  gesetzgebende Gewalt, als die  S t e l l u n g  der
       Stände, ihren politischen Rang entwickelt.
       Zu bemerken  ist noch,  daß,  während  nach  Hegel  zunächst  die
       S t ä n d e   "zwischen der  R e g i e r u n g  ü b e r h a u p t
       e i n e r s e i t s   und dem in die besonderen Sphären und Indi-
       viduen aufgelösten   V o l k  a n d r e r s e i t s"  stehn, ihre
       Stellung, wie  sie oben  entwickelt "die  Bedeutung einer mit der
       organisierten  Regierungsgewalt      g e m e i n s c h a f t l i-
       c h e n  Vermittelung hat".
       Was die  erste Stellung  betrifft, so  sind die  S t ä n d e  das
       Volk gegen  die Regierung,  aber das   V o l k   e n   m i n i a-
       t u r e.  Das ist ihre oppositionelle Stellung.
       Was die  zweite betrifft,  so sind  sie die  Regierung gegen  das
       Volk, aber die amplifizierte Regierung. Das ist ihre konservative
       Stellung. Sie sind selbst ein Teil der Regierungsgewalt gegen das
       Volk, aber so, daß sie zugleich die Bedeutung haben, das Volk ge-
       gen die Regierung zu sein.
       Hegel hat  oben die  "gesetzgebende Gewalt als Totalität" (§ 300)
       bezeichnet, die   S t ä n d e   sind  wirklich  diese    T o t a-
       l i t ä t,   der Staat  im Staate,  aber  eben  in  ihnen    e r-
       s c h e i n t  es, daß der Staat nicht die Totalität, sondern ein
       Dualismus ist. Die Stände stellen den Staat in einer Gesellschaft
       vor, die   k e i n   Staat  i s t.  Der Staat ist eine  b l o ß e
       V o r s t e l l u n g.
       In der Anmerkung sagt Hegel:
       
       "Es gehört  zu den  wichtigsten logischen Einsichten, daß ein be-
       stimmtes Moment, das als im Gegensatze stehend die Stellung eines
       Extrems  bat,   es  dadurch  zu  sein  auf  hört  und    o r g a-
       n i s c h e s  Moment ist, daß es zugleich  M i t t e  ist."
       
       (So ist  das ständische Element 1. das Extrem des Volks gegen die
       Regierung, aber  2. zugleich  Mitte zwischen  Volk und Regierung,
       oder es ist der
       
       #273# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       G e g e n s a t z  i m  V o l k  selbst, Der Gegensatz von Regie-
       rung und  Volk  vermittelt  sich  durch  den  Gegensatz  zwischen
       S t ä n d e n  und  V o l k.  Die Stände haben nach der Seite der
       Regierung hin  die Stellung  des Volks,  aber nach  der Seite des
       Volks  hin  die  Stellung  der  Regierung.  Indem  das  Volk  als
       V o r s t e l l u n g,   als  Phantasie,  Illusion,    R e p r ä-
       s e n t a t i o n   zustande kommt - das  v o r g e s t e l l t e
       Volk  oder  die  Stände,  das  sich  als  eine    b e s o n d r e
       G e w a l t    sogleich  in  der  Trennung  vom  wirklichen  Volk
       befindet -  hebt [es]  den wirklichen Gegensatz zwischen Volk und
       Regierung auf.  Das Volk  ist hier schon so zubereitet, wie es in
       dem  betrachteten  Organismus  zubereitet  sein  muß,  um  keinen
       entschiedenen Charakter zu haben.)
       
       "Bei dem  hier betrachteten  Gegenstand ist  es um  so wichtiger,
       diese Seite  herauszuheben, weil  es zu den häufigen, aber höchst
       gefährlichen Vorurteilen  gehört,  Stände  hauptsächlich  im  Ge-
       sichtspunkte des  G e g e n s a t z e s  gegen die Regierung, als
       oh dies  ihre wesentliche Stellung wäre, vorzustellen. Organisch,
       d.  i.   in  die   Totalität  aufgenommen,   beweist   sich   das
       s t ä n d i s c h e   E l e m e n t   n u r    d u r c h    d i e
       F u n k t i o n   d e r   V e r m i t t e l u n g.  Damit ist der
       G e g e n s a t z   selbst zu einem Schein herabgesetzt, Wenn er,
       insofern er  seine Erscheinung hat, nicht bloß die Oberfläche be-
       träfe,  sondern     w i r k l i c h     e i n      s u b s t a n-
       t i e l l e r   G e g e n s a t z   würde, so  wäre der  Staat in
       seinem Untergange  begriffen, Das  Zeichen, daß  der  Widerstreit
       nicht dieser  Art ist,  ergibt sich  der  Natur  der  Sache  nach
       dadurch, wenn  die Gegenstände  desselben nicht  die wesentlichen
       Elemente   des    Staatsorganismus,   sondern   speziellere   und
       gleichgültigere Dinge  betreffen, und  die Leidenschaft, die sich
       doch an diesen Inhalt knüpft, zur Parteisucht um ein bloß subjek-
       tives Interesse, etwa um die höheren Staatsstellen, wird."
       
       Im  Z u s a t z  heißt es:
       
       "D i e   V e r f a s s u n g   i s t   w e s e n t l i c h  e i n
       S y s t e m  d e r  V e r m i t t e l u n g."
       "§ 303. Der  a l l g e m e i n e,  näher  d e m  D i e n s t  der
       R e g i e r u n g   sich widmende Stand hat unmittelbar in seiner
       Bestimmung, das  Allgemeine zum Zwecke seiner wesentlichen Tätig-
       keit zu  haben; in  dem   s t ä n d i s c h e n  Elemente der ge-
       setzgebenden Gewalt  kommt der   P r i v a t s t a n d   zu einer
       p o l i t i s c h e n   B e d e u t u n g   und Wirksamkeit. Der-
       selbe kann nun dabei weder als bloße ungeschiedene Masse noch als
       eine in  ihre Atome aufgelöste Menge erscheinen, sondern als das,
       w a s   er   b e r e i t s   i s t,  nämlich unterschieden in den
       auf das  substantielle Verhältnis  und in  den auf die besonderen
       Bedürfnisse und die sie vermittelnde Arbeit sich gründenden Stand
       [...]. Nur  so knüpft  sich in dieser Rücksicht wahrhaft das  i m
       Staate wirkliche  B e s o n d e r e  an das Allgemeine an.
       
       Hier haben  wir die  Lösung des Rätsels. "In dem ständischen Ele-
       mente der  gesetzgebenden Gewalt kommt der  P r i v a t s t a n d
       zu einer   p o l i t i s c h e n   B e d e u t u n g."   Versteht
       sich, daß  der  P r i v a t s t a n d  nach dem, was er ist, nach
       seiner   G l i e d e r u n g  i n  d e r  b ü r g e r l i c h e n
       G e s e l l s c h a f t   (den allgemeinen  Stand hat Hegel schon
       als den der Regierung sich widmenden bezeichnet; der allgemeine
       
       #274# Karl Marx
       -----
       Stand ist  also durch  die Regierungsgewalt in der gesetzgebenden
       Gewalt vertreten) zu dieser Bedeutung kommt.
       Das  ständische   Element  ist     d i e      p o l i t i s c h e
       B e d e u t u n g  d e s  P r i v a t s t a n d e s,  des unpoli-
       tischen Standes,  eine contradictio  in adjecto  1*). Oder in dem
       von Hegel  beschriebenen Stand  hat  der    P r i v a t s t a n d
       (weiter  überhaupt   der  Unterschied   des  Privatstandes)  eine
       p o l i t i s c h e   Bedeutung. Der   P r i v a t s t a n d  ge-
       hört zum  Wesen, zur  Politik dieses  Staates. Er  gibt ihm daher
       auch eine  p o l i t i s c h e  B e d e u t u n g,  d.h. eine an-
       dere Bedeutung als seine wirkliche Bedeutung.
       In der Anmerkung heißt es:
       
       "Dies gehet  gegen eine  andere gangbare  Vorstellung, daß, indem
       der Privatstand  zur  T e i l n a h m e  an der allgemeinen Sache
       in der  gesetzgebenden Gewalt  erhoben wird, er dabei in Form der
       E i n z e l n e n  erscheinen müsse, sei es, daß sie Stellvertre-
       ter für  diese Funktion  wählen, oder  daß gar  selbst jeder eine
       Stimme dabei  exerzieren solle. Diese atomistische, abstrakte An-
       sicht verschwindet  schon in  der Familie wie in der bürgerlichen
       Gesellschaft, wo  der Einzelne nur als Mitglied eines Allgemeinen
       zur Erscheinung kommt. Der Staat aber ist wesentlich eine Organi-
       sation von  solchen Gliedern,  die   f ü r  s i c h  Kreise sind,
       und in ihm soll sich kein Moment als eine unorganische Menge zei-
       gen. Die   V i e l e n   als  Einzelne, was  man gerne unter Volk
       versteht, sind  wohl ein   Z u s a m m e n,   aber  nur  als  die
       M e n g e,   - eine  formlose Masse,  deren Bewegung und Tun eben
       damit  nur  elementarisch,  vernunftlos,  wild  und  fürchterlich
       wäre."
       
       "Die Vorstellung,  welche die  in jenen Kreisen schon vorhandenen
       Gemeinwesen, wo  sie ins  Politische, d.i.  in den Standpunkt der
       h ö c h s t e n    k o n k r e t e n    A l l g e m e i n h e i t
       eintreten, wieder in eine Menge von Individuen auflöst, hält eben
       damit   d a s   b ü r g e r l i c h e  u n d  d a s  p o l i t i-
       s c h e   L e b e n   v o n e i n a n d e r  g e t r e n n t  und
       stellt dieses  sozusagen in  die Luft,  da seine  Basis  nur  die
       abstrakte  Einzelnheit   der  Willkür   und  Meinung,  somit  das
       Zufällige,  nicht   eine  an   und  für  sich    f e s t e    und
       b e r e c h t i g t e  Grundlage sein würde."
       "Obgleich  in   den  Vorstellungen   sogenannter   Theorien   die
       S t ä n d e      d e r    b ü r g e r l i c h e n    G e s e l l-
       s c h a f t   überhaupt und  die Stände  in politischer Bedeutung
       weit auseinander  liegen, so  hat doch  die  Sprache  noch  diese
       Vereinigung erhalten,  die   f r ü h e r   ohnehin   v o r h a n-
       d e n  w a r.
       
       "Der   a l l g e m e i n e,   näher   d e m   D i e n s t   d e r
       R e g i e r u n g  sich widmende Stand."
       Hegel geht von der Voraussetzung aus, daß der allgemeine Stand im
       "Dienst der  Regierung" steht.  Er unterstellt die allgemeine In-
       telligenz als "ständisch und ständig".
       "In dem   s t ä n d i s c h e n   Elemente  etc." Die "politische
       Bedeutung und  Wirksamkeit" des   P r i v a t s t a n d e s   ist
       eine  b e s o n d e r e  Bedeutung und Wirksamkeit desselben. Der
       Privatstand verwandelt  sich nicht  in den  p o l i t i s c h e n
       S t a n d,  sondern
       -----
       1*) ein Widerspruch in der Begriffsbestimmung
       
       #275# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       als  P r i v a t s t a n d  tritt er in seine politische Wirksam-
       keit und  Bedeutung. Er  hat nicht politische Wirksamkeit und Be-
       deutung schlechthin.  Seine politische  Wirksamkeit und Bedeutung
       ist  die    p o l i t i s c h e    W i r k s a m k e i t    u n d
       B e d e u t u n g   des  P r i v a t s t a n d e s  a l s  P r i-
       v a t s t a n d.     Der  Privatstand  kann  also  nur  nach  dem
       S t ä n d e u n t e r s c h i e d  d e r  b ü r g e r l i c h e n
       G e s e l l s c h a f t   in die  politische Sphäre  treten.  Der
       S t ä n d e u n t e r s c h i e d   der bürgerlichen Gesellschaft
       wird zu einem politischen Unterschied.
       Schon die   S p r a c h e,   sagt  Hegel,  drückt  die  Identität
       d e r   S t ä n d e   d e r   b ü r g e r l i c h    G e s e l l-
       s c h a f t   und der   S t ä n d e   i n   p o l i t i s c h e r
       B e d e u t u n g   aus, eine  "Vereinigung", "die    f r ü h e r
       ohnehin   v o r h a n d e n  w a r",  also, sollte man schließen,
       jetzt nicht mehr vorhanden ist.
       Hegel findet,  daß "sich  in dieser  Rücksicht wahrhaft  das  i m
       Staate wirklich   B e s o n d e r e  an das Allgemeine anknüpft".
       Die   T r e n n u n g   d e s   "b ü r g e r l i c h e n    u n d
       d e s   p o l i t i s c h e n    L e b e n s"    s o l l    a u f
       d i e s e    W e i s e    a u f g e h o b e n    u n d    i h r e
       "I d e n t i t ä t"  g e s e t z t  s e i n.
       Hegel stützt sich darauf:
       "In jenen  Kreisen" (Familie  und bürgerliche Gesellschaft) "sind
       schon   G e m e i n w e s e n  vorhanden." Wie kann man diese da,
       "wo  sie   ins   Politische,   d.i.   in   den   Standpunkt   der
       h ö c h s t e n    k o n k r e t e n    A l l g e m e i n h e i t
       eintreten", "wieder  in eine  Menge von Individuen auflösen" wol-
       len?
       Es ist wichtig, diese Entwicklung genau zu verfolgen.
       Die Spitze  der Hegelschen  Identität war, wie er selbst gesteht,
       das   M i t t e l a l t e r.   Hier waren die  S t ä n d e  d e r
       b ü r g e r l i c h e n   G e s e l l s c h a f t   überhaupt und
       die   S t a n d e   i n  p o l i t i s c h e r  B e d e u t u n g
       identisch. Man  kann den  Geist des  Mittelalters so aussprechen:
       Die Stände  der bürgerlichen Gesellschaft und die Stände in poli-
       tischer Bedeutung  waren identisch,  weil die bürgerliche Gesell-
       schaft die politische Gesellschaft war: weil das organische Prin-
       zip der bürgerlichen Gesellschaft das Prinzip des Staats war.
       Allein Hegel  geht  von  der    T r e n n u n g    der    "b ü r-
       g e r l i c h e n   G e s e l l s c h a f t"   und des  "p o l i-
       t i s c h e n   S t a a t e s"   als  zweier  fester  Gegensätze,
       zweier wirklich  verschiedner Sphären  aus.  Diese  Trennung  ist
       allerdings   w i r k l i c h   im   m o d e r n e n   Staat  vor-
       handen. Die Identität der bürgerlichen und politischen Stände war
       der   A u s d r u c k   der   I d e n t i t ä t  der bürgerlichen
       und politischen  Gesellschaft. Diese  Identität ist verschwunden.
       Hegel setzt  sie als verschwunden voraus. "Die Identität der bür-
       gerlichen und  politischen Stände",  wenn sie  die Wahrheit  aus-
       drückte,     k ö n n t e     also  nur   mehr  ein  Ausdruck  der
       T r e n n u n g   der bürgerlichen  und politischen  Gesellschaft
       sein! oder  vielmehr: nur  die  T r e n n u n g  der bürgerlichen
       und politischen  Gesellschaft drückt  das   w a h r e  Verhältnis
       der bürgerlichen  und politischen   m o d e r n e n  Gesellschaft
       aus.
       
       #276# Karl Marx
       -----
       Zweitens: Hegel  handelt hier von  p o l i t i s c h e n  Ständen
       in einem  ganz anderen  Sinne, als  jene    p o l i t i s c h e n
       Stände des  Mittelalters waren,  von denen  die Identität   m i t
       d e n       S t ä n d e n      d e r      b ü r g e r l i c h e n
       G e s e l l s c h a f t  ausgesagt wird.
       Ihr ganzes  Dasein war  politisch; ihr  Dasein war das Dasein des
       Staats. Ihre  g e s e t z g e b e n d e  T ä t i g k e i t,  ihre
       S t e u e r b e w i l l i g u n g   f ü r   d a s  R e i c h  war
       nur ein   b e s o n d e r e r   Ausfluß  ihrer   a l l g e m e i-
       n e n   politischen Bedeutung  und Wirksamkeit. Ihr Stand war ihr
       Staat.  Das  Verhältnis  zum  Reich  war  nur  ein  Transaktions-
       verhältnis dieser  verschiedenen Staaten  mit der  N a t i o n a-
       l i t ä t,   denn der  politische Staat  im Unterschied  von  der
       bürgerlichen Gesellschaft  war nichts  andres als die  R e p r ä-
       s e n t a t i o n   d e r   N a t i o n a l i t ä t.   Die Natio-
       nalität war  der point  d'honneur, der ???' ?????? 1*) politische
       Sinn dieser  verschiedenen Korporationen  etc., und  nur auf  sie
       bezogen  sich  die  Steuern  etc.  Das  war  das  Verhältnis  der
       gesetzgebenden Stände  zum Reich.  Ähnlich  verhielten  sich  die
       Stände   i n n e r h a l b   d e r   b e s o n d e r e n   F ü r-
       s t e n t ü m e r.   Das   F ü r s t e n t u m,   die  S o u v e-
       r ä n i t ä t   war hier  ein   b e s o n d e r e r   Stand,  der
       gewisse Privilegien  hatte, aber  ebensosehr von  den Privilegien
       der anderen  Stände geniert  wurde. (Bei  den  Griechen  war  die
       bürgerliche Gesellschaft   S k l a v e    der  politischen.)  Die
       allgemeine   g e s e t z g e b e n d e      W i r k s a m k e i t
       der Stände  der bürgerlichen Gesellschaft war keineswegs ein Kom-
       men des    P r i v a t s t a n d e s    zu  einer    p o l i t i-
       s c h e n  Bedeutung und Wirksamkeit, sondern vielmehr ein bloßer
       Ausfluß ihrer   w i r k l i c h e n  u n d  a l l g e m e i n e n
       politischen  Bedeutung   und  Wirksamkeit.   Ihr  Auftreten   als
       gesetzgebende Macht  war bloß ein Komplement ihrer souveränen und
       regierenden (exekutiven) Macht; es war vielmehr ihr Kommen zu der
       ganz allgemeinen  Angelegenheit als einer  P r i v a t s a c h e,
       ihr Kommen  zur Souveränität  als einem    P r i v a t s t a n d.
       Die Stände der bürgerlichen Gesellschaft waren im Mittelalter als
       s o l c h e   Stände zugleich  gesetzgebend, weil  sie  k e i n e
       Privatstände oder  weil die   P r i v a t s t ä n d e  politische
       Stände waren.  Die mittelalterlichen  Stände kamen als politisch-
       ständisches Element  zu keiner neuen Bestimmung. Sie wurden nicht
       politisch-ständisch, weil  sie teil  an der  Gesetzgebung hatten;
       sondern  sie   hatten  teil   an  der   Gesetzgebung,  weil   sie
       p o l i t i s c h - ständisch waren.  Was hat  das nun mit Hegels
       P r i v a t s t a n d   gemein, der  als   g e s e t z g e b e n-
       d e s   Element zu einer politischen Bravourarie, zu einem eksta-
       tischen Zustand,  zu einer  aparten,  frappanten,  ausnahmsweisen
       politischen Bedeutung und Wirksamkeit kommt?
       In dieser  Entwicklung findet  man alle   W i d e r s p r ü c h e
       der Hegelschen Darstellung zusammen.
       1. hat er die  T r e n n u n g  der bürgerlichen Gesellschaft und
       des politischen
       -----
       1*) hauptsächliche
       
       #277# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Staats (einen  modernen Zustand)  vorausgesetzt und  als   n o t-
       w e n d i g e s   M o m e n t   d e r   I d e e   entwickelt, als
       absolute Vernunftwahrheit. Er hat den politischen Staat in seiner
       m o d e r n e n   Gestalt der  T r e n n u n g  der verschiedenen
       Gewalten dargestellt.  Er hat dem wirklichen  h a n d e l n d e n
       Staat die  Bürokratie zu  seinem Leib  gegeben und  sie  als  den
       wissenden Geist  dem Materialismus  der bürgerlichen Gesellschaft
       supraordiniert. Er hat das an und für sich seiende Allgemeine des
       Staats  dem   besonderen  Interesse   und   dem   Bedürfnis   der
       bürgerlichen Gesellschaft  gegenübergestellt. Mit  einem Wort: Er
       stellt überall  den   K o n f l i k t   der bürgerlichen  Gesell-
       schaft und des Staates dar.
       2. Hegel    stellt     die    bürgerliche     Gesellschaft    als
       P r i v a t s t a n d  dem politischen Staat gegenüber.
       3. Er bezeichnet  das  s t ä n d i s c h e  Element der gesetzge-
       benden Gewalt  als  bloßen    p o l i t i s c h e n    F o r m a-
       l i s m u s   der bürgerlichen Gesellschaft. Er bezeichnet es als
       ein  R e f l e x i o n s v e r h ä l t n i s  d e r  b ü r g e r-
       l i c h e n   G e s e l l s c h a f t   a u f   d e n   S t a a t
       und als ein Reflexionsverhältnis, was das Wesen des Staates nicht
       alteriert.  Ein   Reflexionsverhältnis  ist   auch  die   höchste
       Identität zwischen wesentlich Verschiedenen.
       Andrerseits will Hegel:
       1. die bürgerliche  Gesellschaft bei  ihrer  Selbstkonstituierung
       als gesetzgebendes  Element weder als bloße, ungeschiedene Masse,
       noch als  eine in  ihre Atome aufgelöste Menge erscheinen lassen.
       Er will   k e i n e  Trennung des  b ü r g e r l i c h e n  u n d
       p o l i t i s c h e n  L e b e n s.
       2. Er vergißt,  daß es  sich um ein Reflexionsverhältnis handelt,
       und macht die bürgerlichen Stände als solche zu politischen Stän-
       den, aber  wieder nur  nach der  Seite der  gesetzgebenden Gewalt
       hin, so daß ihre Wirksamkeit selbst der Beweis der Trennung ist.
       Er macht  das   s t ä n d i s c h e   E l e m e n t  zum Ausdruck
       der  T r e n n u n g,  aber zugleich soll es der Repräsentant ei-
       ner Identität sein, die nicht vorhanden ist. Hegel weiß die Tren-
       nung der  bürgerlichen Gesellschaft  und des  politischen Staats,
       aber er will, daß innerhalb des Staats die Einheit desselben aus-
       rückt sei,  und zwar  soll dies dergestalt bewerkstelligt werden,
       daß die  Stände der bürgerlichen Gesellschaft zugleich als solche
       das  s t ä n d i s c h e  Element der gesetzgebenden Gesellschaft
       bilden. (Cf. XIV, X. [141])
       
       "§ 304.  Den in  den früheren  Sphären bereits vorhandenen Unter-
       schied  der   Stände  enthält  das  politisch-ständische  Element
       zugleich in  seiner eigenen  Bestimmung. Seine zunächst abstrakte
       Stellung, nämlich  des  E x t r e m s  der  e m p i r i s c h e n
       A l l g e m e i n h e i t   gegen das   f ü r s t l i c h e  oder
       m o n a r c h i s c h e   Prinzip überhaupt  -  in  der  nur  die
       M ö g l i c h k e i t   der   Ü b e r e i n s t i m m u n g   und
       damit ebenso  die   M ö g l i c h k e i t   f e i n d l i c h e r
       Entgegensetzung liegt  -, diese  abstrakte Stellung  wird nur da-
       durch zum vernünftigen Verhältnisse
       
       #278# Karl Marx
       -----
       (zum  Schlusse,   vergleiche  Anmerkung   zu  §  302),  daß  ihre
       V e r m i t t e l u n g   zur Existenz  kommt. Wie von Seiten der
       fürstlichen Gewalt  die Regierungsgewalt  (§ 300) schon diese Be-
       stimmung hat, so muß auch von der Seite der Stände aus ein Moment
       derselben nach  der Bestimmung  gekehrt sein,  wesentlich als das
       Moment der Mitte zu existieren."
       "§ 305. Der eine der Stände der bürgerlichen Gesellschaft enthält
       das Prinzip, das für sich fähig ist, zu dieser politischen Bezie-
       hung konstituiert  zu werden, der Stand der natürlichen Sittlich-
       keit nämlich,  der das  Familienleben und in Rücksicht der Subsi-
       stenz den  Grundbesitz zu seiner Basis, somit in Rücksicht seiner
       Besonderheit ein  auf sich beruhendes Wollen und die Naturbestim-
       mung, welche  das fürstliche Element in sich schließt, mit diesem
       gemein hat."
       "§ 306.  Für die  politische Stellung und Bedeutung wird er näher
       konstituiert,  insofern   sein  Vermögen  ebenso  unabhängig  vom
       Staatsvermögen als  von der  Unsicherheit des Gewerbes, der Sucht
       des Gewinns  und der  Veränderlichkeit des  Besitzes überhaupt -,
       wie von  der Gunst  der Regierungsgewalt,  so von  der Gunst  der
       Menge -, und selbst  g e g e n  d i e  e i g e n e  W i l l k ü r
       dadurch festgestellt  ist, daß die für diese Bestimmung berufenen
       Mitglieder dieses  Standes des  Rechts der  anderen Bürger, teils
       über ihr  ganzes Eigentum  frei zu disponieren, teils es nach der
       Gleichheit der  Liebe zu den Kindern an sie übergehend zu wissen,
       entbehren; das Vermögen wird so ein  unver ä u ß e r l i c h e s,
       mit dem Majorate belastetes  E r b g u t."
       Zusatz. "Dieser  Stand hat  ein mehr für sich bestehendes Wollen,
       Im ganzen wird der Stand der Güterbesitzer sich in den gebildeten
       Teil desselben  und in  den Bauernstand  unterscheiden.  Indessen
       beiden Arten  steht der Stand des Gewerbes, als der vom Bedürfnis
       abhängige und  darauf hingewiesene, und der allgemeine Stand, als
       vom Staat  wesentlich abhängig, gegenüber. Die Sicherheit und Fe-
       stigkeit dieses Standes kann noch durch die Institution des Majo-
       rats vermehrt  werden, welche jedoch nur in politischer Rücksicht
       wünschenswert ist,  denn es  ist damit  ein Opfer für den politi-
       schen Zweck  verbunden, daß  der  Erstgeborene  unabhängig  leben
       könne. Die  Begründung des  Majorats liegt  darin, daß  der Staat
       nicht auf  bloße Möglichkeit  der Gesinnung, sondern auf ein Not-
       wendiges rechnen soll. Nun ist die Gesinnung freilich an ein Ver-
       mögen nicht  gebunden.- aber  der relativ notwendige Zusammenhang
       ist, daß, wer ein selbständiges Vermögen hat, von äußeren Umstän-
       den nicht  beschränkt ist  und so ungehemmt auftreten und für den
       Staat handeln  kann. Wo indessen politische Institutionen fehlen,
       ist die  Gründung und  Begünstigung von Majoraten nichts als eine
       Fessel, die  der Freiheit  des Privatrechts angelegt ist, zu wel-
       cher entweder der politische Sinn hinzutreten muß, oder die ihrer
       Auflösung entgegengeht."
       "§ 307. Das Recht dieses Teils des substantiellen Standes ist auf
       diese Weise  zwar einerseits  auf  das    N a t u r p r i n z i p
       d e r  F a m i l i e  gegründet, dieses aber zugleich durch harte
       Aufopferungen für  den   p o l i t i s c h e n   Z w e c k   ver-
       kehrt, womit  dieser Stand wesentlich an die Tätigkeit für diesen
       Zweck angewiesen und gleichfalls in Folge hiervon ohne die Zufäl-
       ligkeit einer  Wahl durch  die   G e b u r t   dazu  berufen  und
       b e r e c h t i g t   ist. Damit  hat er die feste, substantielle
       Stellung zwischen der subjektiven Willkür oder Zufälligkeit
       
       #279# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       der beiden  Extreme, und  wie er  [...] ein Gleichnis des Moments
       der fürstlichen  Gewalt in  sich trägt,  so teilt er sich mit dem
       anderen Extreme  die im übrigen gleichen Bedürfnisse und gleichen
       Rechte, und  wird so  zugleich Stütze des Thrones und der Gesell-
       schaft."
       
       Hegel hat das Kunststück fertiggebracht, die geborenen Pairs, das
       Erbgut etc. etc., diese "Stütze des Throns und der Gesellschaft",
       aus der absoluten Idee entwickelt.
       Das Tiefere  bei Hegel  liegt darin, daß er die Trennung der bür-
       gerlichen   Gesellschaft    und   der   politischen   als   einen
       W i d e r s p r u c h   empfindet. Aber  das Falsche  ist, daß er
       sich mit  dem Schein dieser Auflösung begnügt und ihn für die Sa-
       che selbst  ausgibt, wogegen  die von  ihm verachteten  "s o g e-
       n a n n t e n   T h e o r i e n"   die   "T r e n n u n g"    der
       bürgerlichen und  politischen Stände fordern, und mit Recht, denn
       sie sprechen eine  K o n s e q u e n z  der modernen Gesellschaft
       aus,  indem  hier  das    p o l i t i s c h - s t ä n d i s c h e
       Element eben  nichts anders  ist als  der faktische  Ausdruck des
       wirklichen Verhältnisses von Staat und bürgerlicher Gesellschaft,
       ihre  T r e n n u n g.
       Hegel hat  die Sache, worum es sich hier handelt, nicht bei ihrem
       bekannten  Namen   genannt.  Es   ist  die  Streitfrage  zwischen
       r e p r ä s e n t a t i v e r   und   s t ä n d i s c h e r  Ver-
       fassung. Die  repräsentative  Verfassung  ist  ein  großer  Fort-
       schritt, weil  sie der   o f f e n e,  u n v e r f ä l s c h t e,
       k o n s e q u e n t e       Ausdruck   des        m o d e r n e n
       S t a a t s z u s t a n d e s  ist. Sie ist der  u n v e r h o h-
       l e n e  W i d e r s p r u c h.
       Ehe wir  auf die  Sache selbst  eingehen, werfen  wir noch einmal
       einen Blick auf die Hegelsche Darstellung.
       
       "In dem  s t ä n d i s c h e n  Element der gesetzgebenden Gewalt
       kommt der  P r i v a t s t a n d  zu einer  p o l i t i s c h e n
       Bedeutung."
       
       Früher (§ 301 Anmerkung) hieß es:
       
       "Die  e i g e n t ü m l i c h e  Begriffsbestimmung der  S t ä n-
       d e   ist deshalb  darin zu  suchen, daß  in ihnen ... die eigene
       Einsicht  und   der  eigene  Wille  der  Sphäre,  die  in  dieser
       Darstellung   b ü r g e r l i c h e  G e s e l l s c h a f t  ge-
       nannt worden  ist, in  B e z i e h u n g  a u f  d e n  S t a a t
       z u r  E x i s t e n z  kommt."
       
       Fassen  wir   diese  Bestimmung   zusammen,  so  folgt:    "D i e
       b ü r g e r l i c h e   G e s e l l s c h a f t   ist der  P r i-
       v a t s t a n d",   o d e r   der  P r i v a t s t a n d  ist der
       unmittelbare,  wesentliche,   konkrete  Stand   der  bürgerlichen
       Gesellschaft. Erst  in dem ständischen Element der gesetzgebenden
       Gewalt erhält  sie "politische Bedeutung und Wirksamkeit". Es ist
       dies etwas  Neues, was zu ihr hinzukommt, eine  b e s o n d e r e
       Funktion, denn  eben ihr  Charakter  als    P r i v a t s t a n d
       drückt ihren   G e g e n s a t z   zur  politischen Bedeutsamkeit
       und Wirksamkeit,  die Privation  des politischen  Charakters aus,
       drückt aus,  daß die  bürgerliche Gesellschaft  an und  für  sich
       o h n e     politische  Bedeutung   und  Wirksamkeit   ist.   Der
       P r i v a t s t a n d
       
       #280# Karl Marx
       -----
       ist der Stand der bürgerlichen Gesellschaft, oder die bürgerliche
       Gesellschaft ist  der  P r i v a t s t a n d.  Hegel schließt da-
       her auch  konsequent den "allgemeinen Stand" von dem "ständischen
       Element der gesetzgebenden Gewalt" aus.
       "D e r   a l l g e m e i n e,   näher   d e m   D i e n s t   der
       R e g i e r u n g   sich widmende Stand hat unmittelbar in seiner
       Bestimmung, das  Allgemeine zum  Zweck seiner wesentlichen Tätig-
       keit zu haben."
       Die bürgerliche  Gesellschaft oder der Privatstand hat dies nicht
       zu seiner  Bestimmung; seine  wesentliche Tätigkeit hat nicht die
       Bestimmung, das Allgemeine zum Zweck zu haben, oder seine wesent-
       liche Tätigkeit  ist keine Bestimmung des Allgemeinen,  k e i n e
       a l l g e m e i n e   Bestimmung. Der  Privatstand ist  der Stand
       der bürgerlichen  Gesellschaft   g e g e n   den Staat. Der Stand
       der bürgerlichen Gesellschaft ist  k e i n  politischer Stand.
       Indem Hegel die bürgerliche Gesellschaft als Privatstand bezeich-
       net, hat  er die Ständeunterschiede der bürgerlichen Gesellschaft
       für   n i c h t politische  Unterschiede erklärt, hat er das bür-
       gerliche Leben  und  das  politische  für  heterogen,  sogar  für
       G e g e n s ä t z e  erklärt. Wie fährt er nun fort?
       
       "Derselbe kann nun dabei weder als bloße ungeschiedene Masse noch
       als eine  in ihre  Atome aufgelöste Menge erscheinen, sondern als
       das,  w a s  e r  b e r e i t s  i s t,  nämlich unterschieden in
       den auf  das substantielle Verhältnis und in den auf die besonde-
       ren Bedürfnisse  und die  sie vermittelnde Arbeit sich gründenden
       S t a n d   (§ 201  ff.). Nur  so knüpft sich in dieser Rücksicht
       wahrhaft das   i m   Staate  wirkliche B e s o n d e r e   an das
       Allgemeine an."
       
       Als eine "bloße ungeschiedene Masse" kann die bürgerliche Gesell-
       schaft (der   P r i v a t s t a n d)   in  ihrer gesetzgeberisch-
       ständischen  Tätigkeit  allerdings  nicht  erscheinen,  weil  die
       "bloße  ungeschiedene   Masse"  nur  in  der  "Vorstellung",  der
       "Phantasie", nicht  aber in  der   W i r k l i c h k e i t   exi-
       stiert. Hier  gibt es  nur größere  und kleinere zufällige Massen
       (Städte,  Flecken   etc.).  Diese   Massen   oder   diese   Masse
       e r s c h e i n t   nicht nur, sondern ist überall realiter "eine
       in ihre  Atome aufgelöste  Menge", und als diese Atomistik  m u ß
       sie in  ihrer politisch-ständischen Tätigkeit erscheinen und auf-
       treten. "Als  das,   w a s  e r  b e r e i t s  i s t",  kann der
       P r i v a t s t a n d,   die bürgerliche Gesellschaft, nicht hier
       erscheinen. Denn  was ist  er  bereits?    P r i v a t s t a n d,
       d.h. Gegensatz und Trennung vom Staat. Um zur "politischen Bedeu-
       tung und  Wirksamkeit" zu  kommen, muß  er sich vielmehr aufgeben
       als das, was er bereits ist, als  P r i v a t s t a n d.  Dadurch
       erhält er  eben erst  seine   "p o l i t i s c h e  Bedeutung und
       Wirksamkeit". Dieser  politische Akt  ist eine  völlige Transsub-
       stantiation. In  ihm muß sich die bürgerliche Gesellschaft völlig
       von sich als bürgerlicher Gesellschaft, als Privatstand lossagen,
       eine Partie seines Wesens geltend
       
       #281# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       machen, die  mit der  wirklichen bürgerlichen Existenz seines We-
       sens nicht  nur keine Gemeinschaft hat, sondern ihr direkt gegen-
       übersteht.
       Am  Einzelnen   erscheint  hier,  was  das    a l l g e m e i n e
       G e s e t z   ist. Bürgerliche  Gesellschaft und  Staat sind  ge-
       trennt. Also  ist auch  der Staatsbürger und der Bürger, das Mit-
       glied der  bürgerlichen Gesellschaft,  getrennt. Er muß also eine
       w e s e n t l i c h e   D i r e m p t i o n   1*) mit sich selbst
       vornehmen. Als   w i r k l i c h e n  B ü r g e r  findet er sich
       in einer doppelten Organisation, der  b ü r o k r a t i s c h e n
       - die ist eine äußere formelle Bestimmung des jenseitigen Staats,
       der Regierungsgewalt, die ihn und seine selbständige Wirklichkeit
       nicht tangiert - der  s o z i a l e n,  der Organisation der bür-
       gerlichen   Gesellschaft.   Aber   in   dieser   steht   er   als
       P r i v a t m a n n   außer dem  Staat; die  tangiert den politi-
       schen Staat als solchen nicht. Die erste ist eine Staatsorganisa-
       tion, zu  der er immer die  M a t e r i e  abgibt. Die zweite ist
       eine   b ü r g e r l i c h e  O r g a n i s a t i o n,  deren Ma-
       terie nicht  der Staat  ist. In der ersten verhält sich der Staat
       als formeller  Gegensatz zu  ihm, in  der zweiten verhält er sich
       selbst  als   materieller  Gegensatz   zum  Staat.  Um  also  als
       w i r k l i c h e r   S t a a t s b ü r g e r  sich zu verhalten,
       politische Bedeutsamkeit  und Wirksamkeit zu erhalten, muß er aus
       seiner bürgerlichen Wirklichkeit heraustreten, von ihr abstrahie-
       ren, von  dieser ganzen Organisation in seine Individualität sich
       zurückziehn; denn  die einzige  Existenz, die er für sein Staats-
       bürgerturn findet,  ist seine  pure, blanke    I n d i v i d u a-
       l i t ä t,   denn die  Existenz des Staats als Regierung ist ohne
       ihn fertig,  und seine  Existenz in der bürgerlichen Gesellschaft
       ist  ohne  den  Staat  fertig.  Nur  im  Widerspruch  mit  diesen
       e i n z i g   v o r h a n d e n e n  G e m e i n s c h a f t e n,
       nur als   I n d i v i d u u m   kann  er  S t a a t s b ü r g e r
       sein. Seine  Existenz als  Staatsbürger ist  eine  Existenz,  die
       außer seinen    g e m e i n s c h a f t l i c h e n    Existenzen
       liegt, die  also rein   i n d i v i d u e l l   ist. Die "gesetz-
       gebende Gewalt"  als "Gewalt"  ist ja  erst die  O r g a n i s a-
       t i o n,    der    G e m e i n k ö r p e r,    den  sie  erhalten
       s o l l.   V o r   der "gesetzgebenden Gewalt" existiert die bür-
       gerliche  Gesellschaft,   der  Privatstand     n i c h t      als
       S t a a t s o r g a n i s a t i o n,  und damit er als solche zur
       Existenz  komme,  muß  seine    w i r k l i c h e    O r g a n i-
       s a t i o n,   das wirkliche  bürgerliche Leben,  als   n i c h t
       v o r h a n d e n   gesetzt werden,  denn das  ständische Element
       der  gesetzgebenden   Gewalt  hat   eben  die   Bestimmung,   den
       P r i v a t s t a n d,   die  b ü r g e r l i c h e  G e s e l l-
       s c h a f t,   als   n i c h t  v o r h a n d e n  zu setzen. Die
       Trennung  der   bürgerlichen  Gesellschaft  und  des  politischen
       Staates erscheint  notwendig als  eine  Trennung  des    p o l i-
       t i s c h e n   Bürgers, des  Staatsbürgers, von der bürgerlichen
       Gesellschaft, von  seiner eignen  wirklichen,  empirischen  Wirk-
       lichkeit, denn  als Staatsidealist  ist er ein  g a n z  a n d e-
       r e s,    von  seiner  Wirklichkeit    v e r s c h i e d e n e s,
       unterschiedenes,
       -----
       1*) Trennung
       
       #282# Karl Marx
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       entgegengesetztes   W e s e n.   Die bürgerliche Gesellschaft be-
       werkstelligt hier  innerhalb  ihrer  selbst  das  Verhältnis  des
       Staats und  der bürgerlichen  Gesellschaft,  welches  andrerseits
       schon als   B ü r o k r a t i e   existiert.  In dem  ständischen
       Element wird  das Allgemeine  wirklich für   s i c h,   was es an
       s i c h  ist, nämlich  G e g e n s a t z  zum  B e s o n d e r n.
       Der Bürger  muß seinen  Stand, die  bürgerliche Gesellschaft, den
       P r i v a t s t a n d,   von sich abtun, um zu politischer Bedeu-
       tung und  Wirksamkeit zu  kommen; denn  eben  dieser    S t a n d
       steht zwischen  dem   I n d i v i d u u m    und  dem    p o l i-
       t i s c h e n  S t a a t.
       Wenn Hegel  schon das  Ganze der  bürgerlichen  Gesellschaft  als
       P r i v a t s t a n d   dem politischen  Staat entgegenstellt, so
       versteht  es   sich  von   selbst,   daß   die   Unterscheidungen
       i n n e r h a l b  des Privatstandes, die verschiedenen bürgerli-
       chen Stände,  nur eine  Privatbedeutung in  bezug auf  den Staat,
       keine politische  Bedeutung haben. Denn die verschiedenen bürger-
       lichen Stände  sind bloß  die Verwirklichung,  die  Existenz  des
       P r i n z i p s,   des Privatstandes als des Prinzips der bürger-
       lichen Gesellschaft. Wenn aber das Prinzip aufgegeben werden muß,
       so versteht es sich von selbst, daß noch  m e h r  die Diremptio-
       nen   i n n e r h a l b  dieses Prinzips nicht vorhanden sind für
       den politischen Staat.
       
       "Nur so",  schließt Hegel den Paragraphen, "knüpft sich in dieser
       Rücksicht das   i m   Staate wirkliche  B e s o n d e r e  an das
       Allgemeine an."
       
       Aber Hegel  verwechselt hier  den Staat als das Ganze des Daseins
       eines Volkes mit dem politischen Staat. Jenes Besondere ist nicht
       das   B e s o n d e r e   i m,  sondern vielmehr  "a u ß e r  dem
       Staate", nämlich  dem politischen  Staate. Es ist nicht nur nicht
       "das  im   Staate  wirkliche   Besondere",   sondern   auch   die
       "U n w i r k l i c h k e i t   des Staates".  Hegel will  entwic-
       keln, daß  die Stände  der bürgerlichen  Gesellschaft die politi-
       schen Stände  sind, und  um dies zu beweisen, unterstellt er, daß
       die Stände der bürgerlichen Gesellschaft die "Besonderung des po-
       litischen Staates",  d. i.,  daß die bürgerliche Gesellschaft die
       politische Gesellschaft  ist. Der  Ausdruck: "Das  Besondere  i m
       Staate" kann  hier nur Sinn haben als: "Die Besonderung des Staa-
       tes". Hegel  wählt aus einem bösen Gewissen den unbestimmten Aus-
       druck. Er  selbst hat  nicht nur das Gegenteil entwickelt, er be-
       stätigt es  noch selbst  in diesem Paragraphen, indem er die bür-
       gerliche Gesellschaft als "Privatstand" bezeichnet. Sehr vorsich-
       tig ist auch die Bestimmung, daß sich das Besondere an das Allge-
       meine   "a n k n ü p f t".   Anknüpfen kann man die heterogensten
       Dinge. Es  handelt sich  hier aber  nicht um  einen  allmählichen
       O b e r g a n g,    sondern  um  eine    T r a n s s u b s t a n-
       t i a t i o n,   und es  nützt nichts,  diese  Kluft,  die  über-
       sprungen und  durch den  Sprung selbst  demonstriert wird,  nicht
       sehn zu wollen.
       Hegel sagt in der Anmerkung:
       "Dies geht gegen eine andere gangbare Vorstellung" etc. Wir haben
       eben
       
       #283# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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       gezeigt, wie  diese gangbare  Vorstellung konsequent,  notwendig,
       eine "notwendige  Vorstellung der  jetzigen Volksentwicklung" und
       wie Hegels  Vorstellung, obgleich  sie auch  in gewissen  Kreisen
       sehr gangbar,  nichtsdestoweniger eine  Unwahrheit ist.  Auf  die
       gangbare Vorstellung zurückkommend, sagt Hegel:
       Diese atomistische,  abstrakte Ansicht  verschwindet schon in der
       Familie etc.  etc. "Der  Staat aber  ist" etc. Abstrakt ist diese
       Ansicht allerdings,  aber sie  ist die  "Abstraktion" des politi-
       schen Staates,  wie ihn  Hegel selbst entwickelt. Atomistisch ist
       sie auch, aber sie ist die Atomistik der Gesellschaft selbst. Die
       "Ansicht" kann  nicht konkret sein, wenn der  G e g e n s t a n d
       der Ansicht  "abstrakt" ist.  Die Atomistik, in die sich die bür-
       gerliche Gesellschaft  in ihrem    p o l i t i s c h e n    A k t
       stürzt, geht  notwendig daraus  hervor, daß  das Gemeinwesen, das
       kommunistische Wesen, worin der Einzelne existiert, die bürgerli-
       che Gesellschaft getrennt vom Staat oder der  p o l i t i s c h e
       S t a a t  e i n e  A b s t r a k t i o n  von ihr ist.
       Diese atomistische  Ansicht, obschon [sie] bereits in der Familie
       und vielleicht  (??) auch  in der  bürgerlichen Gesellschaft ver-
       schwindet, kehrt  im politischen Staate wieder, eben weil er eine
       Abstraktion von  der Familie  und der  bürgerlichen  Gesellschaft
       ist. Ebenso  verhält es  sich umgekehrt.  Dadurch, daß  Hegel das
       B e f r e m d l i c h e   dieser Erscheinung  ausspricht, hat  er
       die  E n t f r e m d u n g  nicht gehoben.
       
       "Die Vorstellung",  heißt es weiter, "welche die in jenen Kreisen
       schon   v o r h a n d e n e n  G e m e i n w e s e n,  wo sie ins
       Politische,  d.i.   in  den   Standpunkt  der     h ö c h s t e n
       k o n k r e t e n   A l l g e m e i n h e i t   eintreten, wieder
       in eine Menge von Individuen auflöst, hält eben damit das bürger-
       liche und  das politische  Leben voneinander  getrennt und stellt
       dieses sozusagen  in die  Luft, da  seine Basis nur die abstrakte
       Einzelnheit der  Willkür und  Meinung, somit das Zufällige, nicht
       eine an  und für  sich   f e s t e   und    b e r e c h t i g t e
       Grundlage sein würde."
       
       Jene Vorstellung   h ä l t   nicht das bürgerliche und politische
       Leben  getrennt;   sie  ist   bloß  die     V o r s t e l l u n g
       e i n e r    w i r k l i c h    v o r h a n d e n e n    T r e n-
       n u n g.
       Jene Vorstellung  stellt nicht  das politische Leben in die Luft,
       sondern das  politische Leben  ist das   L u f t l e b e n,   die
       ätherische Region der bürgerlichen Gesellschaft.
       Wir betrachten  nun das  s t ä n d i s c h e  und das  r e p r ä-
       s e n t a t i v e  System.
       Es ist  ein Fortschritt  der Geschichte,  der die    p o l i t i-
       s c h e n  S t ä n d e  in  s o z i a l e  Stände verwandelt hat,
       so daß, wie die Christen gleich im Himmel, ungleich auf der Erde,
       so die  einzelnen Volksglieder   g l e i c h  in dem Himmel ihrer
       politischen  Welt,   ungleich  in   dem  irdischen   Dasein   der
       S o z i e t ä t   sind. Die eigentliche Verwandlung der  p o l i-
       t i s c h e n   S t ä n d e   in  b ü r g e r l i c h e  ging vor
       sich  in   der     a b s o l u t e n    M o n a r c h i e.    Die
       Bürokratie machte die Idee der Einheit gegen die
       
       #284# Karl Marx
       -----
       verschiedenen Staaten  im Staate  geltend. Indessen  blieb selbst
       neben  der   Bürokratie  der   absoluten   Regierungsgewalt   der
       s o z i a l e  U n t e r s c h i e d  der Stände ein politischer,
       ein p o l i t i s c h e r  i n n e r h a l b  und neben der Büro-
       kratie der  absoluten Regierungsgewalt. Erst die französische Re-
       volution vollendete  die Verwandlung  der   p o l i t i s c h e n
       Stände in  s o z i a l e  oder machte die  S t ä n d e u n t e r-
       s c h i e d e   der bürgerlichen  Gesellschaft zu nur  s o z i a-
       l e n   Unterschieden, zu  Unterschieden des Privatlebens, welche
       in dem  politischen leben  ohne Bedeutung  sind. Die Trennung des
       politischen Lebens  und der  bürgerlichen Gesellschaft  war damit
       vollendet.
       Die Stände  der bürgerlichen Gesellschaft verwandelten sich eben-
       falls damit: die bürgerliche Gesellschaft war durch ihre Trennung
       von der  politischen eine andere geworden.  S t a n d  im mittel-
       altrigen Sinn  blieb nur mehr innerhalb der Bürokratie selbst, wo
       die bürgerliche und die politische Stellung unmittelbar identisch
       sind.  Demgegenüber   steht  die   bürgerliche  Gesellschaft  als
       P r i v a t s t a n d.  Der Ständeunterschied ist hier nicht mehr
       ein Unterschied  des   B e d ü r f n i s s e s   und  der    A r-
       b e i t    als  selbständiger  Körper.  Der  einzige  allgemeine,
       o b e r f l ä c h l i c h e   u n d  f o r m e l l e  Unterschied
       ist hier  nur noch  der von   S t a d t  und  L a n d.  Innerhalb
       der Gesellschaft  selbst aber bildete sich der Unterschied aus in
       beweglichen,   nicht    festen   Kreisen,   deren   Prinzip   die
       W i l l k ü r  ist.  G e l d  und  B i l d u n g  sind die Haupt-
       kriterien. Doch  wir haben dies nicht hier, sondern in der Kritik
       von Hegels  Darstellung der  bürgerlichen Gesellschaft zu entwic-
       keln. Genug.  Der Stand  der bürgerlichen  Gesellschaft hat weder
       das Bedürfnis,  also ein  natürliches Moment, noch die Politik zu
       seinem Prinzip. Es ist eine Teilung von Massen, die sich flüchtig
       bilden, deren  Bildung selbst  eine willkürliche  und   k e i n e
       Organisation ist.
       Das Charakteristische  ist nur,  daß die   B e s i t z l o s i g-
       k e i t   und der   S t a n d   d e r   u n m i t t e l b a r e n
       Arbeit,  der   konkreten  Arbeit,   weniger   einen   Stand   der
       bürgerlichen Gesellschaft  als den  Boden bilden,  auf  dem  ihre
       Kreise  ruhen   und  sich  bewegen.  Der  eigentliche  Stand,  wo
       politische und  bürgerliche Stellung  zusammenfallen, ist nur der
       der  M i t g l i e d e r  d e r  R e g i e r u n g s g e w a l t.
       Der jetzige  Stand der Sozietät zeigt schon dadurch seinen Unter-
       schied von  dem ehemaligen  Stand der  bürgerlichen Gesellschaft,
       daß er  nicht wie  ehemals als  ein Gemeinschaftliches,  als  ein
       Gemeinwesen das  Individuum hält,  sondern daß  es teils  Zufall,
       teils Arbeit  etc. des  Individuums ist,  ob es  sich  in  seinem
       Stande hält  oder nicht,  ein   S t a n d,  der selbst wieder nur
       eine  ä u ß e r l i c h e  Bestimmung des Individuums, denn weder
       ist er  seiner Arbeit  inhärent, noch  verhält er sich zu ihm als
       ein nach  festen Gesetzen organisiertes und in festen Beziehungen
       zu ihm stehendes objektives Gemeinwesen. Er steht vielmehr in gar
       keiner   w i r k l i c h e n   Beziehung zu seinem substantiellen
       Tun, zu seinem  w i r k l i c h e n
       
       #285# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       S t a n d.   Der Arzt  bildet keinen besonderen Stand in der bür-
       gerlichen Gesellschaft.  Der eine  Kaufmann gehört  einem  andern
       Stand  an   als  der   andere,  einer   andren    s o z i a l e n
       S t e l l u n g.   Wie nämlich  die bürgerliche Gesellschaft sich
       von der politischen, so hat sich die bürgerliche Gesellschaft in-
       nerhalb ihrer  selbst  getrennt  in  den    S t a n d    und  die
       s o z i a l e   Stellung, so manche Relationen auch zwischen bei-
       den stattfinden.  Das Prinzip  des bürgerlichen  Standes oder der
       bürgerlichen Gesellschaft ist der  G e n u ß  und die  F ä h i g-
       k e i t   z u   g e n i e ß e n.  In seiner politischen Bedeutung
       macht sich das Glied der bürgerlichen Gesellschaft los von seinem
       Stande, seiner wirklichen Privatstellung; hier ist es allein, daß
       es als    M e n s c h    zur  Bedeutung  kommt,  oder  daß  seine
       Bestimmung  als   Staatsglied,  als  soziales  Wesen,  als  seine
       m e n s c h l i c h e   Bestimmung erscheint. Denn alle seine an-
       deren  Bestimmungen   in  der  bürgerlichen  Gesellschaft    e r-
       s c h e i n e n   als dem  Menschen,  dem  Individuum    u n w e-
       s e n t l i c h,   als    ä u ß e r e    Bestimmungen,  die  zwar
       notwendig sind  zu seiner  Existenz im  Ganzen, d.h. ein Band mit
       dem Ganzen,  ein Band,  das es  aber ebensosehr wieder fortwerfen
       kann. (Die jetzige bürgerliche Gesellschaft ist das durchgeführte
       Prinzip des   I n d i v i d u a l i s m u s;    die  individuelle
       Existenz ist  der letzte  Zweck; Tätigkeit,  Arbeit, Inhalt  etc.
       sind  n u r  Mittel.)
       Die  s t ä n d i s c h e  V e r f a s s u n g,  wo sie nicht eine
       Tradition des Mittelalters ist, ist der Versuch, teils in der po-
       litischen Sphäre selbst den Menschen in die Beschränktheit seiner
       Privatsphäre zurückzustürzen,  seine Besonderheit  zu seinem sub-
       stantiellen Bewußtsein  zu machen  und dadurch, daß politisch der
       Ständeunterschied existiert, ihn auch wieder zu einem sozialen zu
       machen.
       Der   w i r k l i c h e   M e n s c h    ist  der    P r i v a t-
       m e n s c h  der jetzigen Staatsverfassung.
       D e r  S t a n d  hat überhaupt die Bedeutung, daß der U n t e r-
       s c h i e d,   die   T r e n n u n g,   das   B e s t e h n   des
       Einzelnen ist. Die Weise seines Lebens, Tätigkeit etc., statt ihn
       zu einem  Glied, zu  einer Funktion  der Gesellschaft  zu machen,
       macht ihn  zu einer   A u s n a h m e   von der Gesellschaft, ist
       sein Privilegium.  Daß dieser   U n t e r s c h i e d   nicht nur
       ein   i n d i v i d u e l l e r   ist, sondern  sich  als    G e-
       m e i n w e s e n,   Stand, Korporation befestigt, hebt nicht nur
       nicht seine  exklusive Natur  auf, sondern  ist vielmehr  nur ihr
       Ausdruck. Statt  daß die  einzelne Funktion Funktion der Sozietät
       wäre, macht  sie vielmehr die einzelne Funktion zu einer Sozietät
       für sich.
       Nicht nur  basiert der   S t a n d  auf der  T r e n n u n g  der
       Sozietät als  dem herrschenden Gesetz, er trennt den Menschen von
       seinem allgemeinen  Wesen, er macht ihn zu einem Tier, das unmit-
       telbar mit seiner Bestimmtheit zusammenfällt. Das Mittelalter ist
       die  T i e r g e s c h i c h t e  der Menschheit, ihre Zoologie.
       Die moderne Zeit, die  Z i v i l i s a t i o n,  begeht den umge-
       kehrten Fehler.  Sie trennt  das    g e g e n s t ä n d l i c h e
       Wesen des Menschen als ein nur  ä u ß e r l i c h e s,  materiel-
       les
       
       #286# Karl Marx
       -----
       von ihm.  Sie nimmt nicht den Inhalt des Menschen als seine wahre
       Wirklichkeit.
       Das Weitere  hierüber ist  in dem Abschnitt: "bürgerliche Gesell-
       schaft" zu entwickeln. Wir kommen zu
       
       "§ 304.  Den in  den früheren  Sphären bereits vorhandenen Unter-
       schied  der   Stände  enthält  das  politisch-ständische  Element
       zugleich in seiner  e i g e n e n  Bedeutung."
       
       Wir haben  bereits gezeigt,  daß der "in den früheren Sphären be-
       reits vorhandene  Unterschied der Stände" gar keine Bedeutung für
       die politische Sphäre oder nur die Bedeutung eines privaten, also
       eines nicht politischen Unterschiedes hat. Allein er hat nach He-
       gel hier auch nicht seine "bereits vorhandene Bedeutung" (die Be-
       deutung, die  er in  der bürgerlichen  Gesellschaft hat), sondern
       das "politisch-ständische  Element" affirmiert, indem es ihn auf-
       nimmt, sein Wesen, und, in die politische Sphäre eingetaucht, er-
       hält  er   eine  "eigene",    d i e s e m    E l e m e n t    und
       n i c h t  ihm angehörige Bedeutung.
       Als noch  die Gliederung  der bürgerlichen Gesellschaft politisch
       und der  politische Staat  die bürgerliche  Gesellschaft war, war
       diese   T r e n n u n g,   die  V e r d o p p l u n g  der Bedeu-
       tung der Stände, nicht vorhanden. Sie  b e d e u t e t e n  nicht
       d i e s e s   in der  bürgerlichen und ein  a n d e r e s  in der
       politischen Welt.  Sie erhielten keine  B e d e u t u n g  in der
       politischen  Welt,   sondern  sie     b e d e u t e t e n    sich
       s e l b s t.  Der Dualismus der bürgerlichen Gesellschaft und des
       politischen Staates,  den die   s t ä n d i s c h e    Verfassung
       durch eine  R e m i n i s z e n z  z u  lösen meint, tritt in ihr
       selbst  so   hervor,  daß   der    U n t e r s c h i e d    d e r
       S t ä n d e (das  Unterschiedensein der bürgerlichen Gesellschaft
       in sich)  in der  p o l i t i s c h e n  Sphäre eine andre Bedeu-
       tung erhält  als in  der bürgerlichen.  Es ist  hier  anscheinend
       Identität,   d a s s e l b e    S u b j e k t,    aber  in  einer
       w e s e n t l i c h   v e r s c h i e d e n e n  Bestimmung, also
       in  Wahrheit   ein     d o p p e l t e s     Subjekt,  und  diese
       i l l u s o r i s c h e   I d e n t i t ä t   (sie ist schon des-
       halb illusorisch,  weil  zwar  das    w i r k l i c h e    S u b-
       j e k t,   der Mensch,  in den  verschiedenen Bestimmungen seines
       Wesens sich  selbst gleichbleibt, seine Identität nicht verliert;
       aber hier  ist nicht  der Mensch  Subjekt, sondern der Mensch ist
       mit einem Prädikat - dem Stand - identifiziert, und zugleich wird
       behauptet,  daß   er  in   dieser     b e s t i m m t e n    B e-
       s t i m m t h e i t  und in einer  a n d e r n  Bestimmtheit, daß
       er   als    dies   bestimmte   ausschließende   Beschränkte   ein
       a n d e r e s  als dieses Beschränkte ist) wird dadurch künstlich
       durch die  Reflexion aufrechterhalten, daß einmal der bürgerliche
       Ständeunterschied als  solcher eine  Bestimmung erhält,  die  ihm
       erst aus  der politischen  Sphäre erwachsen  soll, das andere Mal
       umgekehrt der  Ständeunterschied in  der politischen  Sphäre eine
       Bestimmung erhält,  die nicht aus der politischen Sphäre, sondern
       aus dem  Subjekt der  bürgerlichen hervorgeht.  Um das  eine  be-
       schränkte Subjekt,  den bestimmten  Stand (den Ständeunterschied)
       als das wesentliche Subjekt
       
       #287# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       beider Prädikate  darzustellen, oder um die Identität beider Prä-
       dikate zu  beweisen, werden sie beide mystifiziert und in illuso-
       rischer unbestimmter Doppelgestalt entwickelt.
       Es wird  hier  dasselbe  Subjekt  in  verschiedenen    B e d e u-
       t u n g e n   genommen, aber  die Bedeutung ist nicht die Selbst-
       bestimmung, sondern  eine    a l l e g o r i s c h e,    unterge-
       schobene Bestimmung. Man könnte für dieselbe Bedeutung ein andres
       konkretes Subjekt,  man könnte  für dasselbe  Subjekt eine andere
       Bedeutung  nehmen,  Die  Bedeutung,  die  der  bürgerliche  Stän-
       deunterschied in  der politischen  Sphäre erhält,  geht nicht aus
       ihm, sondern  aus der  politischen Sphäre  hervor, und  er könnte
       hier auch  eine andere  Bedeutung haben, was denn auch historisch
       der Fall  war. Ebenso  umgekehrt, Es  ist dies  die    u n k r i-
       t i s c h e,   die   m y s t i s c h e    Weise,  eine    a l t e
       W e l t a n s c h a u u n g   im Sinne einer neuen zu  i n t e r-
       p r e t i e r e n,   wodurch sie  nichts  als  ein  unglückliches
       Zwitterding  wird,  worin  die  Gestalt  die  Bedeutung  und  die
       Bedeutung die  Gestalt belügt  und weder die Gestalt zu ihrer Be-
       deutung und  zur wirklichen  Gestalt, noch  die Bedeutung zur Ge-
       stalt und  zur wirklichen Bedeutung wird. Diese  U n k r i t i k,
       dieser  M y s t i z i s m u s  ist sowohl das Rätsel der modernen
       Verfassungen (???'  ?????? 1*)  der ständischen) wie auch das My-
       sterium   der    Hegelschen   Philosophie,    vorzugsweise    der
       R e c h t s-  und  R e l i g i o n s p h i l o s o p h i e.
       Am besten  befreit man sich von dieser Illusion, wenn man die Be-
       deutung als  das nimmt,  was  sie  ist,  als  die    e i g e n t-
       l i c h e  B e s t i m m u n g,  sie als solche zum Subjekt macht
       und nun  vergleicht, ob  das ihr   a n g e b l i c h   zugehörige
       Subjekt ihr  w i r k l i c h e s  P r ä d i k a t  ist, ob es ihr
       Wesen und wahre Verwirklichung darstellt.
       
       "Seine" (des  politisch-ständischen Elements) "zunächst abstrakte
       Stellung, nämlich  des Extrems der  e m p i r i s c h e n  A l l-
       g e m e i n h e i t     gegen  das    f ü r s t l i c h e    oder
       m o n a r c h i s c h e   P r i n z i p   überhaupt, - in der nur
       die   M ö g l i c h k e i t   der   Ü b e r e i n s t i m m u n g
       und damit  ebenso die    M ö g l i c h k e i t    f e i n d l i -
       c h e r   Entgegensetzung liegt,  - diese abstrakte Stellung wird
       nur dadurch  zum vernünftigen Verhältnisse (zum  S c h l u s s e,
       vergleiche Anmerkung zu § 302), daß ihre  V e r m i t t e l u n g
       zur Existenz kommt."
       
       Wir haben  schon gesehn,  daß die Stände gemeinschaftlich mit der
       Regierungsgewalt die Mitte zwischen dem monarchischen Prinzip und
       dem Volk  bilden, zwischen  dem Staatswillen,  wie er  als  e i n
       empirischer Wille  und wie  er als   v i e l e  empirische Willen
       existiert, zwischen  der   e m p i r i s c h e n   E i n z e l n-
       h e i t   und der   e m p i r i s c h e n      A l l g e m e i n-
       h e i t.   Hegel  mußte,  wie  er  den  Willen  der  bürgerlichen
       Gesellschaft als  e m p i r i s c h e  A l l g e m e i n h e i t,
       so den  fürstlichen  als    e m p i r i s c h e    E i n z e l n-
       h e i t  bestimmen; aber er spricht den  G e g e n s a t z  nicht
       in seiner ganzen Schärfe aus.
       -----
       1*) hauptsächlich
       
       #288# Karl Marx
       -----
       Hegel fährt fort:
       
       "Wie von  seiten der  fürstlichen Gewalt  die Regierungsgewalt (§
       300) schon  diese Bestimmung  hat, so  muß auch von der Seite der
       Stände aus ein Moment derselben nach der Bestimmung gekehrt sein,
       wesentlich als das Moment der Mitte zu existieren."
       
       Allein die  wahren Gegensätze  sind Fürst und bürgerliche Gesell-
       schaft. Und  wir haben  schon gesehn,  dieselbe Bedeutung, welche
       die Regierungsgewalt  von seiten  des Fürsten, hat das ständische
       Element von  seiten des  Volkes. Wie  jene in  einem  verzweigten
       Kreislauf  e m a n i e r t,  so  k o n d e n s i e r t  sich die-
       ses in  eine Miniaturausgabe, denn die konstitutionelle Monarchie
       kann sich  bloß mit dem  V o l k  e n  m i n i a t u r e  vertra-
       gen. Das  ständische Element  ist ganz    d i e s e l b e    A b-
       s t r a k t i o n   d e s   p o l i t i s c h e n   S t a a t e s
       von seiten  der bürgerlichen Gesellschaft, welche die Regierungs-
       gewalt  von   seiten  des   Fürsten  ist.  Es  scheint  also  die
       Vermittelung vollständig zustande gekommen zu sein. Beide Extreme
       haben von ihrer Sprödigkeit abgelassen, das Feuer ihres besondren
       Wesens  entgegengeschickt,  und  die    g e s e t z g e b e n d e
       G e w a l t,   deren Elemente ebensowohl die Regierungsgewalt als
       die Stände  sind, scheint nicht erst die  V e r m i t t e l u n g
       zur Existenz  kommen lassen  zu müssen,  sondern selbst schon die
       zur   E x i s t e n z  g e k o m m e n e  V e r m i t t e l u n g
       zu  sein.   Auch  hat   Hegel  schon  dies    s t ä n d i s c h e
       E l e m e n t   g e m e i n s c h a f t l i c h    m i t    d e r
       R e g i e r u n g s g e w a l t   als die   M i t t e    zwischen
       Volk und  Fürst (ebenso das ständische Element als die Mitte zwi-
       schen bürgerlicher  Gesellschaft und  Regierung etc.) bezeichnet.
       Das vernünftige  Verhältnis, der  S c h l u ß,  scheint also fer-
       tig zu  sein. Die   g e s e t z g e b e n d e   G e w a l t,  die
       Mitte, ist  ein  m i x t u m  c o m p o s i t u m  der beiden Ex-
       treme, des  fürstlichen Prinzips  und  der  bürgerlichen  Gesell-
       schaft, der  empirischen Einzelnheit  und der  empirischen Allge-
       meinheit, des  Subjekts und  des Prädikats.  Hegel faßt überhaupt
       den   S c h l u ß   als Mitte,  als ein   m i x t u m  c o m p o-
       s i t u m.   Man  kann  sagen,  daß  in  seiner  Entwicklung  des
       Vernunftschlusses  die   ganze  Transzendenz  und  der  mystische
       Dualismus seines Systems zur Erscheinung kommt. Die Mitte ist das
       hölzerne Eisen,  der vertuschte  Gegensatz zwischen Allgemeinheit
       und Einzelnheit.
       Zunächst bemerken  wir über  diese  ganze  Entwicklung,  daß  die
       "Vermittelung", die  Hegel hier zustande bringen will, keine For-
       derung ist,  die er  aus  dem    W e s e n    der    g e s e t z-
       g e b e n d e n   G e w a l t,    aus  ihrer  eignen  Bestimmung,
       sondern vielmehr  aus   R ü c k s i c h t   auf eine  außer ihrer
       wesentlichen Bestimmung  liegende  E x i s t e n z  herleitet. Es
       ist eine  K o n s t r u k t i o n  d e r  R ü c k s i c h t.  Die
       gesetzgebende Gewalt  vorzugsweise wird nur mit Rücksicht auf ein
       Drittes  entwickelt.  Es  ist  daher  vorzugsweise  die    K o n-
       s t r u k t i o n  ihres  f o r m e l l e n  D a s e i n s,  wel-
       che alle  Aufmerksamkeit in  Anspruch  nimmt.  Die  gesetzgebende
       Gewalt wird sehr
       
       #289# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       d i p l o m a t i s c h   konstruiert.  Es  folgt  dies  aus  der
       f a l s c h e n,   illusorischen  ???'  ??????  1*)  p o l i t i-
       s c h e n   Stellung, die  die gesetzgebende  Gewalt im  modernen
       Staat (dessen  Interpret Hegel  ist) hat.  Es  folgt  daraus  von
       selbst, daß  dieser Staat  kein   w a h r e r  Staat ist, weil in
       ihm die   s t a a t l i c h e n   B e s t i m m u n g e n,  deren
       eine die  gesetzgebende Gewalt  ist, nicht an und für sich, nicht
       theoretisch, sondern  praktisch betrachtet  werden müssen,  nicht
       als selbständige,  sondern  als  mit  einem  Gegensatz  behaftete
       Mächte, nicht  aus der  Natur der  Sache, sondern nach den Regeln
       der Konvention.
       Also das  ständische Element  sollte eigentlich "gemeinschaftlich
       mit der Regierungsgewalt" die Mitte zwischen dem Willen der empi-
       rischen Einzelnheit,  dem Fürsten, und dem Willen der empirischen
       Allgemeinheit, der  bürgerlichen Gesellschaft,  sein,  allein  in
       W a h r h e i t,   realiter  ist    "s e i n e    Stellung"  eine
       "zunächst abstrakte  Stellung, nämlich  des  E x t r e m s  d e r
       e m p i r i s c h e n     A l l g e m e i n h e i t    gegen  das
       f ü r s t l i c h e  oder  m o n a r c h i s c h e  P r i n z i p
       überhaupt,  in   der  nur   die    M ö g l i c h k e i t    d e r
       Ü b e r e i n s t i m m u n g   und  damit  ebenso  die    M ö g-
       l i c h k e i t   f e i n d l i c h e r    E n t g e g e n s e t-
       z u n g   liegt", eine,  wie Hegel  richtig  bemerkt,  "abstrakte
       Stellung".
       Zunächst scheint  es nun, daß hier weder das  "E x t r e m  d e r
       e m p i r i s c h e n    A l l g e m e i n h e i t",    noch  das
       "fürstliche oder  monarchische Prinzip",  das Extrem  der empiri-
       schen Einzelnheit,  sich gegenüberstehn. Denn von seiten der bür-
       gerlichen Gesellschaft  sind die  Stände, wie von seiten des Für-
       sten die Regierungsgewalt  d e p u t i e r t.  Wie das fürstliche
       Prinzip in  der deputierten  Regierungsgewalt aufhört, das Extrem
       der empirischen  Einzelnheit zu  sein, und  vielmehr in  ihr  den
       "g r u n d l o s e n"   Willen aufgibt,  sich  zu  der    "E n d-
       l i c h k e i t"   des Wissens und der Verantwortlichkeit und des
       Denkens herabläßt,  so scheint  in dem  ständischen  Element  die
       bürgerliche Gesellschaft  nicht  mehr  empirische  Allgemeinheit,
       sondern ein  sehr bestimmtes  Ganzes zu  sein, das ebensosehr den
       "Sinn und  die Gesinnung  des Staates  und der Regierung, als der
       Interessen der  besonderen Kreise und der Einzelnen" hat (§ 302).
       Die bürgerliche  Gesellschaft hat  in ihrer ständischen Miniatur-
       ausgabe aufgehört, die empirische Allgemeinheit" zu sein. Sie ist
       vielmehr zu  einem Ausschuß, zu einer sehr bestimmten Zahl herab-
       gesunken, und wenn der Fürst in der Regierungsgewalt sich empiri-
       sche Allgemeinheit,  so hat  sich die bürgerliche Gesellschaft in
       den Ständen  empirische  Einzelnheit  oder  Besonderheit  gegeben
       Beide sind zu einer Besonderheit geworden.
       Der einzige  Gegensatz, der  hier noch  möglich ist,  scheint der
       zwischen den  beiden Repräsentanten der beiden Staatswillen, zwi-
       schen den beiden
       -----
       1*) hauptsächlichen
       
       #290# Karl Marx
       -----
       Emanationen, zwischen dem  R e g i e r u n g s e l e m e n t  und
       dem   s t ä n d i s c h e n   Element der  gesetzgebenden Gewalt,
       scheint also  ein   G e g e n s a t z   i n n e r h a l b   d e r
       g e s e t z g e b e n d e n   G e w a l t   s e l b s t  zu sein.
       Die   "g e m e i n s c h a f t l i c h e"   Vermittelung  scheint
       auch recht  geeignet, sich  wechselseitig in die Haare zu fallen.
       In dem  Regierungselement der  gesetzgebenden Gewalt hat sich die
       empirische, unzugängliche  Einzelnheit des  Fürsten    v e r i r-
       d i s c h t   in einer  Zahl beschränkter,  faßbarer, verantwort-
       licher Personalitäten,  und in  dem ständischen  Element hat sich
       die bürgerliche  Gesellschaft  v e r h i m m l i s c h t  in eine
       Zahl politischer  Männer. Beide  Seiten haben  ihre  Unfaßbarkeit
       verloren.  Die   fürstliche  Gewalt   das   unzugängliche,   aus-
       schließliche   e m p i r i s c h e  E i n s,  die bürgerliche Ge-
       sellschaft das unzugängliche, verschwimmende  e m p i r i s c h e
       A l l,   die eine  ihre Sprödigkeit, die andere ihre Flüssigkeit.
       In dem  ständischen Element  einerseits, in dem Regierungselement
       der gesetzgebenden  Gewalt andrerseits, welche zusammen bürgerli-
       che Gesellschaft  und Fürst vermitteln wollten, scheint also erst
       der   G e g e n s a t z   zu einem kampfgerechten Gegensatz, aber
       auch  zu   einem     u n v e r s ö h n l i c h e n     W i d e r-
       s p r u c h  gekommen zu sein.
       Diese  "V e r m i t t e l u n g"  hat es also auch erst recht nö-
       tig, wie  Hegel richtig  entwickelt, "daß   i h r e  V e r m i t-
       t e l u n g   zur    E x i s t e n z    kommt".  Sie  selbst  ist
       vielmehr die Existenz des Widerspruches als der Vermittelung.
       Daß diese  Vermittelung von  seiten  des    s t ä n d i s c h e n
       E l e m e n t e s  bewirkt werde, scheint Hegel ohne Grund zu be-
       haupten. Er sagt:
       
       "Wie von  seiten der  fürstlichen Gewalt  die Regierungsgewalt (§
       300) schon  diese Bestimmung  hat, so  muß auch von der Seite der
       Stände aus ein Moment derselben nach der Bestimmung gekehrt sein,
       wesentlich als das Moment der Mitte zu existieren."
       
       Allein wir haben schon gesehen, Hegel stellt hier willkürlich und
       inkonsequent Fürst und Stände als Extreme gegenüber. Wie von sei-
       ten der  fürstlichen Gewalt die Regierungsgewalt, so hat von sei-
       ten der  bürgerlichen Gesellschaft  das ständische  Element diese
       Bestimmung. Sie  stehn nicht nur mit der Regierungsgewalt gemein-
       schaftlich zwischen  Fürst  und  bürgerlicher  Gesellschaft,  sie
       stehn auch zwischen der Regierung überhaupt und dem Volk (§ 302).
       Sie tun  von seiten  der bürgerlichen  Gesellschaft mehr, als die
       Regierungsgewalt von  seiten der fürstlichen Gewalt tut, da diese
       ja sogar  selbst als  Gegensatz dem Volke gegenübersteht. Sie hat
       also das  Maß der Vermittelung vollgemacht. Warum also diese Esel
       mit noch  mehr Säcken  bepacken? Warum  soll denn  das ständische
       Element überall  die  Eselsbrücke  bilden,  sogar  zwischen  sich
       selbst und  seinem Gegner?  Warum ist  es überall die Aufopferung
       selbst? Soll  es sich  selbst   e i n e   Hand abhauen,  damit es
       nicht mit   b e i d e n  seinem Gegner, dem Regierungselement der
       gesetzgebenden Gewalt, Widerpart halten kann?
       
       #291# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Es kömmt noch hinzu, daß Hegel zuerst die Stände aus den Korpora-
       tionen, Standesunterschieden  etc.  hervorgehn  ließ,  damit  sie
       keine "bloße  empirische Allgemeinheit"  seien, und  daß  er  sie
       jetzt umgekehrt  zur "bloßen empirischen Allgemeinheit" macht, um
       den Standesunterschied  aus ihnen hervorgehn [zu] lassen! Wie der
       Fürst durch  die Regierungsgewalt  als  ihren  Christus  mit  der
       b[ürgerlichen] Gesellschaft,  so vermittelt sich die Gesellschaft
       durch die Stande als ihre Priester mit dem Fürsten.
       Es scheint  nun vielmehr  die Rolle  der Extreme, der fürstlichen
       Gewalt (empirischen  Einzelnheit) und  der  bürgerlichen  Gesell-
       schaft (empirischen  Allgemeinheit) sein  zu müssen,  vermittelnd
       zwischen "ihre  Vermittelungen zu  treten ,um  so mehr, da es "zu
       den wichtigsten  logischen Einsichten  gehört, daß ein bestimmtes
       Moment, das  als im  Gegensatz stehend die Stellung eines Extrems
       hat, es  dadurch zu  sein aufhört und  o r g a n i s c h e s  Mo-
       ment ist, daß es zugleich  M i t t e  ist" (§ 302 Anmerkung). Die
       bürgerliche Gesellschaft  scheint diese Rolle nicht übernehmen zu
       können,  da  sie  in  der  "gesetzgebenden  Gewalt"  als    s i e
       s e l b s t,   als Extrem keinen Sitz hat. Das andere Extrem, das
       sich   a l s   s o l c h e s   inmitten der gesetzgebenden Gewalt
       befindet, das  fürstliche Prinzip,  scheint also den Mittler zwi-
       schen dem ständischen und dem Regierungselement bilden zu müssen.
       Es scheint  auch dazu qualifiziert [zu] sein. Denn einerseits ist
       in ihm  das Ganze  des Staates, also auch die bürgerliche Gesell-
       schaft, repräsentiert,  und speziell  hat es  mit den Ständen die
       "empirische Einzelnheit"  des Willens  gemein, da  die empirische
       Allgemeinheit nur  wirklich ist  als empirische  Einzelnheit.  Es
       steht  ferner   der  bürgerlichen   Gesellschaft  nicht  nur  als
       F o r m e l,   als Staatsbewußtsein gegenüber wie die Regierungs-
       gewalt. Es  i s t  selbst Staat, es hat das  m a t e r i e l l e,
       n a t ü r l i c h e  Moment mit der bürgerlichen Gesellschaft ge-
       mein. Andrerseits  ist der  Fürst die Spitze und der Repräsentant
       der Regierungsgewalt. (Hegel, der alles umkehrt, macht die Regie-
       rungsgewalt zum  Repräsentanten, zur  Emanation des Fürsten. Weil
       er bei  der Idee,  deren Dasein  der Fürst  sein soll,  nicht die
       wirkliche Idee  der Regierungsgewalt,  nicht die Regierungsgewalt
       als Idee,  sondern das  Subjekt der absoluten Idee vor Augen hat,
       die im  Fürsten   k ö r p e r l i c h  existiert, so wird die Re-
       gierungsgewalt zu  einer mystischen  F o r t s e t z u n g  d e r
       i n   seinem Körper  -  d e m  f ü r s t l i c h e n  K ö r p e r
       -  e x i s t i e r e n d e n  S e e l e.)
       Der Fürst  mußte also in der gesetzgebenden Gewalt die Mitte zwi-
       schen der  Regierungsgewalt und  dem ständischen  Element bilden,
       allein die Regierungsgewalt ist ja die Mitte zwischen ihm und der
       ständischen und  die ständische zwischen ihm und der bürgerlichen
       Gesellschaft. Wie  sollte er das untereinander vermitteln, dessen
       er zu seiner Mitte nötig hat, um kein einseitiges
       
       #292# Karl Marx
       -----
       Extrem zu  sein? Hier  tritt das ganze Ungereimte dieser Extreme,
       die abwechselnd  bald die Rolle des Extrems, bald die Mitte spie-
       len, hervor. Es sind Janusköpfe, die sich bald von vorn, bald von
       hinten zeigen  und vom  einen anderen Charakter haben als hinten.
       Das, was  zuerst als Mitte zwischen zwei Extremen bestimmt, tritt
       nun selbst  als Extrem  auf, und  das eine  der zwei Extreme, das
       durch es  mit dem  anderen vermittelt  war, tritt  nun wieder als
       Mitte (weil in  s e i n e r  U n t e r s c h e i d u n g  von dem
       anderen Extrem) zwischen sein Extrem und seine Mitte. Es ist eine
       wechselseitige Bekomplimentierung.  Wie wenn  ein  Mann  zwischen
       zwei Streitende  tritt und  nun wieder einer der Streitenden zwi-
       schen den  vermittelnden Mann und den Streitenden. Es ist die Ge-
       schichte von  dem Mann  und der  Frau, die sich stritten, und von
       dem Arzt,  der als  Vermittler zwischen sie treten wollte, wo nun
       wieder die  Frau den  Arzt mit ihrem Mann und der Mann seine Frau
       mit dem  Arzt vermitteln  mußte. Es  ist wie  der Löwe im Sommer-
       nachtstraum, der  ausruft: "Ich bin Löwe, und ich bin nicht Löwe,
       sondern Schnock." [25] So ist hier jedes Extrem bald der Löwe des
       Gegensatzes, bald der Schnock der Vermittelung. Wenn das eine Ex-
       trem ruft: "jetzt bin ich Mitte", so dürfen es die beiden anderen
       nicht anrühren,  sondern nur  nach dem  andren schlagen, das eben
       Extrem war.  Man sieht, es ist eine Gesellschaft, die kampflustig
       im Herzen  ist, aber  zu sehr die blauen Flecke fürchtet, um sich
       wirklich zu  prügeln, und  die beiden,  die sich schlagen wollen,
       richten es  so ein, daß der Dritte, der dazwischentritt, die Prü-
       gel bekommen soll, aber nun tritt wieder einer der beiden als der
       Dritte auf,  und so  kommen sie vor lauter Behutsamkeit zu keiner
       Entscheidung. Dieses  System der  Vermittelung kommt  auch so zu-
       stande, daß  derselbe Mann,  der seinen  Gegner prügeln will, ihn
       nach den  andren Seiten gegen andre Gegner vor Prügeln beschützen
       muß und so in dieser doppelten Beschäftigung nicht zur Ausführung
       seines Geschäftes  kommt. Es ist merkwürdig, daß Hegel, der diese
       Absurdität der  Vermittelung auf ihren abstrakten, logischen, da-
       her unverfälschten,  untransigierbaren  Ausdruck  reduziert,  sie
       zugleich als  s p e k u l a t i v e s  M y s t e r i u m  der Lo-
       gik, als  das vernünftige  Verhältnis, als den Vernunftschluß be-
       zeichnet. Wirkliche  Extreme können  nicht miteinander vermittelt
       werden, eben  weil sie  wirkliche Extreme sind. Aber sie bedürfen
       auch keiner Vermittelung, denn sie sind entgegengesetzten Wesens.
       Sie haben  nichts  miteinander  gemein,  sie  verlangen  einander
       nicht, sie  ergänzen einander nicht. Das eine hat nicht in seinem
       eigenen Schoß  die Sehnsucht, das Bedürfnis, die Antizipation des
       andern. (Wenn  aber Hegel  Allgemeinheit und Einzelnheit, die ab-
       strakten Momente  des Schlusses,  als wirkliche Gegensätze behan-
       delt, so  ist das  eben der Grunddualismus seiner Logik. Das Wei-
       tere hierüber gehört in die Kritik der Hegelschen Logik.)
       
       #293# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Dem scheint  entgegenzustehn: Les extremes se touchent. 1*) Nord-
       pol und  Südpol ziehen sich an; weibliches Geschlecht und männli-
       ches ziehen sich ebenfalls an, und erst durch die Vereinigung ih-
       rer extremen Unterschiede wird der Mensch.
       Andrerseits. Jedes  Extrem   i s t   sein andres  Extrem. Der ab-
       strakte   S p i r i t u a l i s m u s   ist   a b s t r a k t e r
       M a t e r i a l i s m u s;   der    a b s t r a k t e    M a t e-
       r i a l i s m u s   ist der   a b s t r a k t e  S p i r i t u a-
       l i s m u s  der Materie.
       Was das  erste betrifft, so sind Nordpol und Südpol beide  P o l;
       ihr   W e s e n   ist identisch; ebenso sind  w e i b l i c h e s
       u n d  m ä n n l i c h e s  Geschlecht beide eine  G a t t u n g,
       ein   W e s e n,  menschliches Wesen. Nord und Süd sind entgegen-
       gesetzte Bestimmungen   e i n e s   Wesens; der Unterschied eines
       W e s e n s   auf seiner  h ö c h s t e n  E n t w i c k l u n g.
       Sie sind  das   d i f f e r e n z i e r t e  Wesen. Sie sind, was
       sie sind,   n u r   als  eine  u n t e r s c h i e d n e  Bestim-
       mung, und  zwar als   d i e s e  unterschiedne Bestimmung des We-
       sens.  W a h r e  w i r k l i c h e  Extreme wären Pol und Nicht-
       pol, menschliches  und unmenschliches Geschlecht. Der Unterschied
       ist hier  ein   U n t e r s c h i e d   d e r    E x i s t e n z,
       dort ein Unterschied der  W e s e n,  z w e i e r  Wesen. Was das
       zweite betrifft, so liegt hier die Hauptbestimmung darin, daß ein
       B e g r i f f   (Dasein etc.)   a b s t r a k t  gefaßt wird, daß
       er nicht als selbständig, sondern als eine  A b s t r a k t i o n
       von einem  anderen und  nur als diese  A b s t r a k t i o n  Be-
       deutung hat;  also z.B.  der Geist nur die  A b s t r a k t i o n
       von der  Materie ist.  Es versteht  sich dann  von selbst, daß er
       eben, weil  diese Form seinen Inhalt ausmachen soll, vielmehr das
       a b s t r a k t e  G e g e n t e i l,  der Gegenstand, von dem er
       abstrahiert, in seiner Abstraktion, also hier der abstrakte Mate-
       rialismus, sein  reales Wesen ist. Wäre  d i e  D i f f e r e n z
       innerhalb der  Existenz  e i n e s  Wesens nicht verwechselt wor-
       den  teils   mit  der   v e r s e l b s t ä n d i g t e n    A b-
       s t r a k t i o n    (versteht  sich,  nicht  von  einem  andern,
       sondern eigentlich  von sich  selbst), teils  mit dem    w i r k-
       l i c h e n   Gegensatz sich wechselseitig ausschließender Wesen,
       so wäre ein dreifacher Irrtum verhindert worden: 1. daß, weil nur
       das Extrem  wahr sei, jede Abstraktion und Einseitigkeit sich für
       wahr hält, wodurch ein Prinzip statt als Totalität in sich selbst
       nur als  Abstraktion von  einem  andern  erscheint;  2.  daß  die
       E n t s c h i e d e n h e i t   w i r k l i c h e r   Gegensätze,
       ihre Bildung  zu Extremen, die nichts anderes ist als sowohl ihre
       Selbsterkenntnis  wie   ihre  Entzündung   zur  Entscheidung  des
       Kampfes,  als   etwas  möglicherweise   zu   Verhinderndes   oder
       Schädliches gedacht  wird; 3. daß man ihre Vermittelung versucht.
       Denn so sehr beide Extreme in ihrer Existenz als wirklich auftre-
       ten und  als Extreme, so liegt es doch nur in dem  W e s e n  des
       einen, Extrem  zu sein,  und es  hat  für  das  andre  nicht  die
       B e d e u t u n g  der  w a h r e n  W i r k l i c h k e i t.
       -----
       1*) Gegensätze ziehen sich an
       
       #294# Karl Marx
       -----
       Das eine greift über das andre über. Die Stellung ist keine glei-
       che. Z.B.  Christentum oder  Religion überhaupt  und  Philosophie
       sind Extreme Aber in Wahrheit bildet die Religion zur Philosophie
       keinen  wahren  Gegensatz.  Denn  die  Philosophie  begreift  die
       R e l i g i o n   in ihrer   i l l u s o r i s c h e n  Wirklich-
       keit. Sie  ist also  für die  Philosophie - sofern sie eine Wirk-
       lichkeit sein  will -  in sich  selbst aufgelöst.  Es gibt keinen
       wirklichen Dualismus des  W e s e n s.  Später mehr hierüber.
       Es fragt  sich, wie  kommt Hegel überhaupt zu dem Bedürfnis einer
       neuen   V e r m i t t e l u n g   von seiten des ständischen Ele-
       ments? Oder teilt Hegel mit
       
       "das häufige,  aber höchst  gefährliche Vorurteil,  Stände haupt-
       sächlich im  Gesichtspunkte des  G e g e n s a t z e s  gegen die
       Regierung, als ob dies ihre wesentliche Stellung wäre, vorzustel-
       len"? (§ 302 Anmerk.)
       
       Die Sache  ist einfach  die: Einerseits  haben wir gesehn, daß in
       der "gesetzgebenden  Gewalt"  die  bürgerliche  Gesellschaft  als
       "ständisches"  Element  und  die  fürstliche  Macht  als  "Regie-
       rungselement" sich  erst zum  wirklichen unmittelbar  praktischen
       Gegensatz begeistet haben.
       Andrerseits: Die  gesetzgebende Gewalt  ist Totalität. Wir finden
       in ihr  die Deputation des fürstlichen Prinzips, "die Regierungs-
       gewalt"; 2.  die Deputation  der bürgerlichen  Gesellschaft,  das
       "ständische" Element;  aber außerdem  befindet sich in ihr 3. das
       eine  E x t r e m  a l s  s o l c h e s,  das fürstliche Prinzip,
       während das andere Extrem, die bürgerliche Gesellschaft, als sol-
       ches  sich   nicht  in   ihr  befindet.  Dadurch  wird  erst  das
       "ständische" Element  zu dem  Extrem des  "fürstlichen" Prinzips,
       das eigentlich die bürgerliche Gesellschaft sein sollte. Erst als
       "ständisches" Element organisiert sich, wie wir gesehn haben, die
       bürgerliche Gesellschaft zu einem  p o l i t i s c h e n  Dasein.
       Das "ständische"  Element ist ihr  p o l i t i s c h e s  Dasein,
       ihre   T r a n s s u b s t a n t i a t i o n   in den politischen
       Staat. Die "gesetzgebende Gewalt" ist daher, wie wir gesehn, erst
       der eigentliche   p o l i t i s c h e  S t a a t  in seiner Tota-
       lität. Hier ist also 1. fürstliches Prinzip, 2. Regierungsgewalt,
       3. bürgerliche  Gesellschaft. Das  "ständische" Element  ist "die
       b ü r g e r l i c h e   G e s e l l s c h a f t   d e s  p o l i-
       t i s c h e n   S t a a t e s",  der "gesetzgebenden Gewalt". Das
       Extrem, das  die  bürgerliche  Gesellschaft  zum  Fürsten  bilden
       sollte, ist  daher das  "s t ä n d i s c h e"  Element. (Weil die
       bürgerliche  Gesellschaft   die  Unwirklichkeit  des  politischen
       Daseins, so  ist  das  politische  Dasein  der  bürgerlichen  Ge-
       sellschaft ihre  eigne Auflösung, ihre Trennung von sich selbst.)
       Ebenso bildet es daher einen Gegensatz zur Regierungsgewalt.
       Hegel bezeichnet  daher auch  das "ständische" Element wieder als
       das "Extrem  der empirischen  Allgemeinheit", das  eigentlich die
       bürgerliche Gesellschaft  selbst ist.  (Hegel hat daher unnützer-
       weise das politisch-ständische
       
       #295# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Element aus  den Korporationen und unterschiednen Ständen hervor-
       gehn lassen.  Dies hätte  bloß Sinn,  wenn nun die unterschiednen
       Stände als  solche die  gesetzgebenden Stände wären, also der Un-
       terschied der  bürgerlichen Gesellschaft, die bürgerliche Bestim-
       mung re vera 1*) die politische Bestimmung. Wir hätten dann nicht
       eine   g e s e t z g e b e n d e   G e w a l t  des Staatsganzen,
       sondern die   g e s e t z g e b e n d e   G e w a l t   der  ver-
       schiednen Stände  und Korporationen  und Klassen über das Staats-
       ganze. Die  Stände der  bürgerlichen Gesellschaft empfingen keine
       politische Bestimmung,  sondern sie  bestimmten  den  politischen
       Staat. Sie  machten ihre  B e s o n d e r h e i t  zur bestimmen-
       den Gewalt  des Ganzen.  Sie wären  die Macht des Besonderen über
       das Allgemeine.  Wir hatten auch nicht eine gesetzgebende Gewalt,
       sondern mehrere  gesetzgebende Gewalten,  die unter  sich und mit
       der Regierung  transigierten. Allein Hegel hat die moderne Bedeu-
       tung des  ständischen Elements, die Verwirklichung des Staatsbür-
       gertums, des  bourgeois zu  sein, vor Augen. Er will, daß das "an
       und für  sich Allgemeine",  der politische  Staat, nicht  von der
       bürgerlichen Gesellschaft  bestimmt wird,  sondern umgekehrt  sie
       bestimmt. Während  er also  die Gestalt  des mittelaltrig-ständi-
       schen Elements  aufnimmt, gibt er ihm die entgegengesetzte Bedeu-
       tung, von  dem Wesen  des politischen Staates bestimmt zu werden.
       Die Stände  als Repräsentanten der Korporationen etc. waren nicht
       die "empirische Allgemeinheit", sondern die "empirische Besonder-
       heit", die  "Besonderheit der  Empirie"!) Die  "gesetzgebende Ge-
       walt" bedarf  daher in  sich selbst der  V e r m i t t e l u n g,
       d.h. einer  Vertuschung des  Gegensatzes, und  diese Vermittelung
       muß vom "ständischen Element" ausgehn weil das ständische Element
       innerhalb der gesetzgebenden Gewalt die Bedeutung der Repräsenta-
       tion   der    bürgerlichen   Gesellschaft    verliert   und   zum
       p r i m ä r e n   Element wird,  selbst die  bürgerliche  Gesell-
       schaft der  gesetzgebenden Gewalt ist. Die "gesetzgebende Gewalt"
       ist die  Totalität des  politischen Staates  eben daher  der  zur
       E r s c h e i n u n g  g e t r i e b e n e  W i d e r s p r u c h
       desselben. Sie  ist daher ebensosehr seine  g e s e t z t e  Auf-
       lösung. Ganz  verschiedene Prinzipien  karambolieren in ihr.  E s
       e r s c h e i n t   dies allerdings  als   G e g e n s a t z  der
       Elemente des  fürstlichen Prinzips  und des  Prinzips des ständi-
       schen Elements  etc. In  W a h r h e i t  aber ist es die Antino-
       mie des   p o l i t i s c h e n   S t a a t e s   und der  b ü r-
       g e r l i c h e n   G e s e l l s c h a f t,    der    W i d e r-
       s p r u c h   d e s   a b s t r a k t e n   p o l i t i s c h e n
       S t a a t e s   mit sich selbst. Die gesetzgebende Gewalt ist die
       g e s e t z t e   Revolte. (Hegels Hauptfehler besteht darin, daß
       er   d e n   W i d e r s p r u c h   d e r  E r s c h e i n u n g
       als   E i n h e i t   i m   W e s e n,    i n    d e r    I d e e
       f a ß t,  während er allerdings ein Tieferes zu seinem Wesen hat,
       nämlich einen   w e s e n t l i c h e n    W i d e r s p r u c h,
       wie z.B. hier der Widerspruch
       -----
       1*) in Wirklichkeit
       
       #296# Karl Marx
       -----
       der gesetzgebenden  Gewalt in sich selbst nur der Widerspruch des
       politischen Staats,  also auch  der bürgerlichen Gesellschaft mit
       sich selbst ist.
       Die vulgäre  Kritik verfällt  in einen  entgegengesetzten  d o g-
       m a t i s c h e n   Irrtum.  So  kritisiert  sie  z.B.  die  Kon-
       stitution. Sie  macht auf  die Entgegensetzung  der Gewalten auf-
       merksam etc. Sie findet überall Widersprüche. Das ist selbst noch
       dogmatische Kritik,  die mit  ihrem Gegenstand   k ä m p f t,  so
       wie man  früher etwa  das Dogma  der heiligen Dreieinigkeit durch
       den Widerspruch  von eins  und drei  beseitigte. Die wahre Kritik
       dagegen zeigt  die innere  Genesis der  heiligen Dreieinigkeit im
       menschlichen Gehirn.  Sie beschreibt  ihren Geburtsakt.  So weist
       die wahrhaft  philosophische Kritik der jetzigen Staatsverfassung
       nicht nur  Widersprüche als  bestehend auf,  sie    e r k l ä r t
       sie, sie  begreift ihre Genesis, ihre Notwendigkeit. Sie faßt sie
       in ihrer   e i g e n t ü m l i c h e n   Bedeutung.  Dies    B e-
       g r e i f e n   besteht aber  nicht, wie  Hegel meint, darin, die
       Bestimmungen des  logischen  Begriffs  überall  wiederzuerkennen,
       sondern die  eigentümliche Logik  des eigentümlichen Gegenstandes
       zu fassen.)
       Hegel drückt dies so aus, daß in der Stellung des politisch-stän-
       dischen Elementes zum fürstlichen "nur die  M ö g l i c h k e i t
       d e r    Ü b e r e i n s t i m m u n g    und  damit  ebenso  die
       M ö g l i c h k e i t    f e i n d l i c h e r    Entgegensetzung
       liegt".
       Die Möglichkeit  der Entgegensetzung  liegt überall, wo verschie-
       dene  Willen   zusammentreffen.  Hegel   sagt  selbst,   daß  die
       "Möglichkeit der  Übereinstimmung" die "Möglichkeit der Entgegen-
       setzung" ist.  Er muß  also jetzt  ein Element  bilden,  was  die
       "U n m ö g l i c h k e i t  d e r  E n t g e g e n s e t z u n g"
       und die   "W i r k l i c h k e i t  der Übereinstimmung" ist. Ein
       solches Element  wäre also ihm die Freiheit der Entschließung und
       des Denkens  dem fürstlichen  Willen und der Regierung gegenüber.
       Es gehörte  also nicht  mehr zum "ständisch-politischen" Element.
       Es wäre  vielmehr ein Element des fürstlichen Willens und der Re-
       gierung   und   befände   sich   in   demselben   Gegensatz   zum
       w i r k l i c h e n     ständischen  Element  wie  die  Regierung
       selbst.
       Sehr wird  diese Forderung  schon herabgestimmt  durch den Schluß
       des Paragraphen:
       
       "Wie von  seiten der  fürstlichen Gewalt  die Regierungsgewalt (§
       300) schon  diese Bestimmung  hat, so  muß auch von der Seite der
       Stände aus ein Moment derselben nach der Bestimmung gekehrt sein,
       w e s e n t l i c h   als das  Moment   d e r  M i t t e  zu exi-
       stieren."
       
       Das Moment,  was von  Seite der  Stände abgeschickt wird, muß die
       u m g e k e h r t e   Bestimmung haben,  als die Regierungsgewalt
       von seiten  der Fürsten  hat, da fürstliches und ständisches Ele-
       ment entgegengesetzte Extreme sind. Wie der Fürst sich in der Re-
       gierungsgewalt demokratisiert, so muß sich dies "ständische" Ele-
       ment in  seiner Deputation  m o n a r c h i s i e r e n.  Was He-
       gel also
       
       #297# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       will, ist   e i n   f ü r s t l i c h e s    M o m e n t    v o n
       s e i t e n   d e r   S t ä n d e.   Wie die Regierungsgewalt ein
       ständisches Moment  von seiten  des Fürsten,  so soll es auch ein
       fürstliches Moment von seiten der Stände geben.
       Die "Wirklichkeit der Übereinstimmung" und die "Unmöglichkeit der
       Entgegensetzung" verwandelt sich in folgende Forderung: [Es] "muß
       von  seiten   der  Stände  aus  ein  Moment  derselben  nach  der
       B e s t i m m u n g   gekehrt sein,  w e s e n t l i c h  als das
       M o m e n t  der  M i t t e   zu  e x i s t i e r e n".  Nach der
       B e s t i m m u n g   gekehrt sein! Diese Bestimmung haben nach §
       302  die   Stände   überhaupt.   Es   müßte   hier   nicht   mehr
       "B e s t i m m u n g",  sondern  "B e s t i m m t h e i t"  sein.
       Und was  ist das  überhaupt für  eine Bestimmung, "wesentlich als
       das  Moment   der  Mitte  zu  existieren"?  Seinem  "Wesen"  nach
       "Buridans Esel" sein.
       Die Sache ist einfach die:
       Die Stände sollen "Vermittelung" zwischen Fürst und Regierung ei-
       nerseits und  Volk andrerseits  sein, aber sie sind es nicht, sie
       sind vielmehr  der organisierte   p o l i t i s c h e   Gegensatz
       der bürgerlichen  Gesellschaft. Die "gesetzgebende Gewalt" bedarf
       in sich  selbst der   V e r m i t t e l u n g,  und zwar, wie ge-
       zeigt, einer  Vermittelung von seiten der Stände aus. Die voraus-
       gesetzte  m o r a l i s c h e  Übereinstimmung der beiden Willen,
       von denen  der eine der Staatswille als fürstlicher Wille und der
       andere der  Staatswille als  der Wille  der bürgerlichen  Gesell-
       schaft ist,  reicht nicht  aus. Die gesetzgebende Gewalt ist zwar
       erst der  organisierte,  t o t a l e  politische Staat, aber eben
       in ihr  erscheint, weil  in seiner höchsten Entwicklung, auch der
       unverhüllte Widerspruch des  p o l i t i s c h e n  S t a a t e s
       mit sich  selbst. Es  muß also  der  S c h e i n  einer  w i r k-
       l i c h e n   I d e n t i t ä t   zwischen fürstlichem  und stän-
       dischem  Willen  gesetzt  werden.    D a s    s t ä n d i s c h e
       E l e m e n t   m u ß   a l s   f ü r s t l i c h e r   W i l l e
       o d e r   d e r   f ü r s t l i c h e   W i l l e   m u ß   a l s
       s t ä n d i s c h e s  E l e m e n t  g e s e t z t  w e r d e n.
       Das ständische  Element muß  sich als die Wirklichkeit eines Wil-
       lens setzen,  der nicht  der Wille des ständischen Elementes ist.
       Die   E i n h e i t,   die nicht  im   W e s e n   vorhanden  ist
       (sonst müßte sie sich durch die  W i r k s a m k e i t  und nicht
       durch die  D a s e i n s w e i s e  des ständischen Elementes be-
       weisen), muß  wenigstens als  eine   E x i s t e n z    vorhanden
       sein, oder  eine  E x i s t e n z  der gesetzgebenden Gewalt (des
       ständischen  Elements)  hat  die    B e s t i m m u n g,    diese
       E i n h e i t   d e s  N i c h t v e r e i n t e n  zu sein. Die-
       ses Moment  des ständischen Elements, Pairskammer, Oberhaus etc.,
       ist die  höchste  S y n t h e s e  des politischen Staates in der
       betrachteten Organisation.  Es ist zwar nicht damit erreicht, was
       Hegel  will,  "die  Wirklichkeit  der  Übereinstimmung"  und  die
       "Unmöglichkeit feindlicher  Entgegensetzung", vielmehr  bleibt es
       bei der  "Möglichkeit der  Übereinstimmung". Allein  es  ist  die
       g e s e t z t e   I l l u s i o n   von der  E i n h e i t  d e s
       p o l i t i s c h e n  S t a a t e s  m i t  s i c h  s e l b s t
       (des fürstlichen und ständischen
       
       #298# Karl Marx
       -----
       Willens, weiter  dem Prinzip des politischen Staates und der bür-
       gerlichen Gesellschaft),  von dieser   E i n h e i t   als   m a-
       t e r i e l l e m   Prinzip, d.h.  so, daß  nicht nur  zwei  ent-
       gegengesetzte Prinzipien  sich vereinen,  sondern daß die Einheit
       derselben   N a t u r,   Existentialgrund ist.  Dieses Moment des
       ständischen Elementes  ist die   R o m a n t i k  des politischen
       Staats, die   T r ä u m e   seiner  Wesenhaftigkeit  oder  seiner
       Übereinstimmung mit  sich  selbst.  Es  ist  eine    a l l e g o-
       r i s c h e  Existenz.
       Es hängt nun von dem wirklichen status quo des Verhältnisses zwi-
       schen  ständischem   Element  und   fürstlichem  ab,   ob   diese
       I l l u s i o n     wirksame   Illusion   oder      b e w u ß t e
       S e l b s t t ä u s c h u n g  ist. Solange Stände und fürstliche
       Gewalt   f a k t i s c h  übereinstimmen, sich vertragen, ist die
       I l l u s i o n   ihrer   w e s e n t l i c h e n   Einheit  eine
       w i r k l i c h e,   also   w i r k s a m e   Illusion. Im Gegen-
       fall, wo  sie  ihre  Wahrheit  betätigen  sollte,  wird  sie  zur
       b e w u ß t e n  U n w a h r h e i t  und ridicule 1*).
       
       "§ 305. Der eine der  S t ä n d e  d e r  b ü r g e r l i c h e n
       G e s e l l s c h a f t   enthält das Prinzip, das für sich fähig
       ist, zu  dieser  p o l i t i s c h e n  Beziehung konstituiert zu
       werden, der  Stand der  natürlichen Sittlichkeit nämlich, der das
       Familienleben und  in Rücksicht der Subsistenz den Grundbesitz zu
       seiner Basis, somit in Rücksicht seiner Besonderheit ein auf sich
       beruhendes Wollen  und die Naturbestimmung, welche das fürstliche
       Element in sich schließt, mit diesem gemein hat."
       
       Wir haben  schon die Inkonsequenz Hegels nachgewiesen, 1. das po-
       litisch-ständische Element  in seiner   m o d e r n e n  Abstrak-
       tion von der bürgerlichen Gesellschaft etc. zu fassen, nachdem er
       es aus  den Korporationen hat hervorgehn lassen; 2. es jetzt wie-
       der nach  dem   S t ä n d e u n t e r s c h i e d   d e r  b ü r-
       g e r l i c h e n  G e s e l l s c h a f t  zu bestimmen, nachdem
       er  die  politischen  Stände  als  solche  als  das  "Extrem  der
       empirischen Allgemeinheit" schon bestimmt hat.
       Die   K o n s e q u e n z   wäre nun:  Die  p o l i t i s c h e n
       S t ä n d e   für sich  zu betrachten, als neues Element, und nun
       aus ihnen  jetzt die  § 304 geforderte Vermittelung zu konstruie-
       ren.
       Allein sehn wir nun, wie Hegel den bürgerlichen Ständeunterschied
       wieder hereinzieht  und zugleich  den  Schein  hervorbringt,  daß
       nicht die   W i r k l i c h k e i t   und  das  b e s o n d e r e
       W e s e n  des bürgerlichen Ständeunterschieds die  h ö c h s t e
       p o l i t i s c h e   S p h ä r e,   die gesetzgebende Gewalt be-
       stimmt, sondern  umgekehrt zu einem bloßen  M a t e r i a l  her-
       absinkt, das  die politische  Sphäre nach   i h r e m,   aus  ihr
       selbst hervorgehenden Bedürfnis formiert und konstruiert.
       
       "Der eine  der Stände  der bürgerlichen  Gesellschaft enthält das
       P r i n z i p,   das für  sich fähig ist, zu dieser  p o l i t i-
       s c h e n   B e z i e h u n g  konstituiert zu  w e r d e n,  der
       Stand der   n a t ü r l i c h e n   S i t t l i c h k e i t  näm-
       lich" (Der Bauernstand.)
       -----
       1*) Lächerlichkeit
       
       #299# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Worin besteht  nun diese    p r i n z i p i e l l e    F ä h i g-
       k e i t   oder diese   F ä h i g k e i t   d e s  P r i n z i p s
       des Bauernstandes? Er hat
       
       "das   F a m i l i e n l e b e n  und in Rücksicht der Subsistenz
       den   G r u n d b e s i t z   zu seiner   B a s i s,    somit  in
       R ü c k s i c h t   s e i n e r   B e s o n d e r h e i t   e i n
       a u f   s i c h    beruhendes  Wollen  und  die    N a t u r b e-
       s t i m m u n g,   welche das   f ü r s t l i c h e   Element  in
       sich schließt, mit diesem gemein."
       
       Das "auf sich beruhende Wollen" bezieht sich auf die Subsistenz",
       den "Grundbesitz" die mit dem fürstlichen Element gemeinschaftli-
       che "Naturbestimmung" auf das "Familienleben" als Basis.
       Die Subsistenz  des "Grundbesitzes"  und ein "auf sich beruhendes
       Wollen" sind  zwei verschiedne Dinge. Es müßte vielmehr von einem
       auf "Grund  und Boden  r u h e n d e n  Wollen" die Rede sein. Es
       müßte aber  vielmehr von  einem "auf  der Staatsgesinnung", nicht
       von einem   a u f   s i c h,  sondern von einem  i m  G a n z e n
       ruhenden Willen die Rede sein.
       An die  Stelle der "Gesinnung", des "Besitzes des Staatsgeistes".
       tritt der  "G r u n d besitz".
       Was ferner das  "F a m i l i e n l e b e n"  als Basis angeht, so
       scheint die  "soziale" Sittlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft
       höher zu  stehn als  diese "natürliche  Sittlichkeit". Ferner ist
       das "Familienleben"  die   "n a t ü r l i c h e  S i t t l i c h-
       k e i t"   d e r   a n d e r e n   S t ä n d e   oder des Bürger-
       standes  der   bürgerlichen  Gesellschaft   ebensowohl  als   des
       Bauernstandes. Daß  aber das "Familienleben" bei dem Bauernstande
       nicht nur  das Prinzip  der Familie,  sondern  die  Basis  seines
       sozialen Daseins  überhaupt ist,  scheint ihn  vielmehr  für  die
       höchste politische  Aufgabe unfähig  zu machen, indem er patriar-
       chalische Gesetze auf eine nicht patriarchalische Sphäre anwenden
       wird und  das Kind  oder den  Vater, den  Herrn und den Knecht da
       geltend macht,  wo es  sich um den  p o l i t i s c h e n  Staat,
       um das  S t a a t s b ü r g e r t u m  handelt.
       Was die    N a t u r b e s t i m m u n g    des    f ü r s t l i-
       c h e n   Elements betrifft,  so  hat  Hegel  keinen  patriarcha-
       lischen,  sondern  einen    m o d e r n    k o n s t i t u t i o-
       n e l l e n   König  entwickelt.  Seine  Naturbestimmung  besteht
       darin, daß er der  k ö r p e r l i c h e  R e p r ä s e n t a n t
       des Staates  ist und  als   K ö n i g  geboren, oder das Königtum
       seine   F a m i l i e n e r b s c h a f t   ist, aber was hat das
       mit dem  Familienleben als  der Basis  des Bauernstandes, was hat
       die natürliche  Sittlichkeit mit  der Naturbestimmung  der Geburt
       als solcher  gemein? Der  König teilt das mit dem Pferd, daß, wie
       dieses als Pferd, der König als König geboren wird.
       Hätte Hegel  den von  ihm angenommenen Ständeunterschied als sol-
       chen zum politischen gemacht, so war ja schon der Bauernstand als
       solcher ein selbständiger Teil des ständischen Elements, und wenn
       er als  solcher ein  Moment der  Vermittelung mit  dem Fürstentum
       ist, was bedürfte es dann der
       
       #300# Karl Marx
       -----
       Konstruktion einer   n e u e n   Vermittelung?  Und warum ihn aus
       dem eigentlich  ständischen Moment  herausscheiden, da  dieses ja
       nur durch  die Scheidung  von ihm in die "abstrakte" Stellung zum
       fürstlichen Element gerät? Nachdem Hegel aber eben das politisch-
       ständische Element  als  ein  eigentümliches  Element,  als  eine
       T r a n s s u b s t a n t i a t i o n     d e s      P r i v a t-
       s t a n d e s   i n   d a s   S t a a t s b ü r g e r t u m  ent-
       wickelt hat und eben deswegen der Vermittelung bedürftig gefunden
       hat, wie  darf Hegel nun diesen Organismus wieder auflösen in den
       Unterschied des  Privatstandes, also  in den Privatstand, und aus
       diesem die  Vermittelung des  politischen Staates mit sich selbst
       herholen?
       Überhaupt welche  Anomalie, daß die höchste  S y n t h e s e  des
       politischen Staates nichts andres ist als die Synthese von Grund-
       besitz und Familienleben!
       Mit einem Wort:
       Sobald die bürgerlichen Stände als solche politische Stände sind,
       bedarf es jener Vermittelung nicht, und sobald es jener Vermitte-
       lung bedarf, ist der bürgerliche Stand nicht politisch, also auch
       nicht jene Vermittelung. Der Bauer ist dann nicht als Bauer, son-
       dern als  Staatsbürger ein  Teil des  politisch-ständischen  Ele-
       ments, während  umgekehrt ([wo  er] als   B a u e r  Staatsbürger
       oder  als   Staatsbürger  Bauer  ist)  sein  Staatsbürgertum  das
       B a u e r n t u m,   er nicht als Bauer Staatsbürger, sondern als
       Staatsbürger Bauer ist!
       Es ist  hier also  eine Inkonsequenz  Hegels    i n n e r h a l b
       s e i n e r   e i g n e n  Anschauungsweise,  und eine solche In-
       konsequenz ist  A k k o m m o d a t i o n.  Das politisch-ständi-
       sche Element ist im modernen Sinne, in dem von Hegel entwickelten
       Sinne, die  v o l l z o g e n e  g e s e t z t e  T r e n n u n g
       d e r   b ü r g e r l i c h e n   G e s e l l s c h a f t   v o n
       i h r e m   P r i v a t s t a n d  u n d  s e i n e n  U n t e r-
       s c h i e d e n.  Wie kann Hegel den Privatstand zur  L ö s u n g
       der Antinomien  der   g e s e t z g e b e n d e n  Gewalt in sich
       selbst machen? Hegel will das mittelalterliche ständische System,
       aber in  dem modernen Sinn der gesetzgebenden Gewalt, und er will
       die  moderne   gesetzgebende  Gewalt,  aber  in  dem  Körper  des
       mittelalterlich-ständischen   Systems!   Es   ist   schlechtester
       Synkretismus.
       Anfang § 304 heißt es:
       
       "Den in  den früheren Sphären bereits vorhandenen Unterschied der
       Stände enthält  das politisch-ständische Element zugleich in sei-
       ner eigenen Bestimmung."
       
       Aber in  seiner  e i g e n e n  Bestimmung enthält das politisch-
       ständische Element diesen Unterschied nur dadurch, daß es ihn an-
       nulliert,  daß  es  ihn  in  sich  vernichtigt,    v o n    i h m
       a b s t r a h i e r t.
       Wird der  Bauernstand oder,  wie wir  weiter  hören  werden,  der
       p o t e n z i e r t e   Bauernstand, der  adlige Grundbesitz, als
       solcher auf  die beschriebene  Weise zur Vermittelung des totalen
       p o l i t i s c h e n  Staates, der gesetzgebenden Gewalt
       
       #301# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       in sich  selbst gemacht,  so ist  das allerdings die Vermittelung
       des ständisch-politischen  Elements mit der fürstlichen Gewalt in
       dem Sinn,  als es  die   A u f l ö s u n g  des politisch-ständi-
       schen Elementes  als eines  wirklichen politischen Elementes ist.
       Nicht der  Bauernstand, sondern  der   S t a n d,   der    P r i-
       v a t s t a n d,   die  A n a l y s e  (Reduktion) des politisch-
       ständischen  Elementes   in  den   Privatstand   ist   hier   die
       w i e d e r h e r g e s t e l l t e      E i n h e i t      d e s
       p o l i t i s c h e n   S t a a t s  m i t  s i c h  s e l b s t,
       nicht der   B a u e r n s t a n d    als  solcher  ist  hier  die
       V e r m i t t e l u n g,   sondern seine  Trennung von  dem poli-
       tisch-ständischen     E l e m e n t     in  seiner  Qualität  als
       b ü r g e r l i c h e r   P r i v a t s t a n d;   dies, daß sein
       Privatstand ihm eine gesonderte Stellung in dem politisch-ständi-
       schen Element  gibt, also auch der andre Teil des politisch-stän-
       dischen Elements  die Stellung  eines  b e s o n d r e n  Privat-
       standes erhält,  also   a u f h ö r t,   das Staatsbürgertum  der
       bürgerlichen Gesellschaft  zu repräsentieren.)  Es ist  hier  nun
       nicht  mehr   der    p o l i t i s c h e    Staat  als    z w e i
       e n t g e g e n g e s e t z t e   W i l l e n  vorhanden, sondern
       auf der  einen Seite  steht der  politische Staat  (Regierung und
       Fürst) und  auf der  andern die bürgerliche Gesellschaft in ihrem
       Unterschied vom  politischen Staat.  (Die verschiedenen  Stände.)
       Damit ist  denn auch  der politische Staat als  T o t a l i t ä t
       aufgehoben.
       Der nächste  Sinn der   V e r d o p p e l u n g   des  politisch-
       ständischen Elementes  in sich  selbst als einer Vermittelung mit
       der fürstlichen  Gewalt ist  überhaupt, daß  die  T r e n n u n g
       dieses Elementes  in sich  selbst, sein  eigner Gegensatz in sich
       selbst seine   w i e d e r h e r g e s t e l l t e   Einheit  mit
       der fürstlichen  Gewalt  ist.  Der  Grunddualismus  zwischen  dem
       f ü r s t l i c h e n   und dem ständischen Element der gesetzge-
       benden Gewalt  wird  n e u t r a l i s i e r t  durch den Dualis-
       mus des  ständischen Elementes in sich selbst. Bei Hegel aber ge-
       schieht diese  Neutralisation dadurch,  daß das politisch-ständi-
       sche Element  sich von  seinem   p o l i t i s c h e n    Element
       selbst trennt.
       Was den  G r u n d b e s i t z  als  S u b s i s t e n z,  welche
       der   S o u v e r ä n i t ä t   des Willens,   d e r   f ü r s t-
       l i c h e n   S o u v e r ä n i t ä t,  und das  F a m i l i e n-
       l e b e n   als Basis  des Bauernstandes,  welche der  N a t u r-
       b e s t i m m u n g   der fürstlichen  Gewalt  entsprechen  soll,
       betrifft, so  kommen wir  später darauf zurück. Hier im § 305 ist
       das  "P r i n z i p"  des Bauernstandes entwickelt, "das für sich
       fähig  ist,  zu  dieser  politischen  Beziehung  konstituiert  zu
       werden".
       Im §  306 wird  die "Konstituierung" "für die politische Stellung
       und Bedeutung"  vorgenommen, Sie reduziert sich darauf: "Das Ver-
       mögen wird"  "ein    u n v e r ä u ß e r l i c h e s,    mit  dem
       M a j o r a t  belastetes  E r b g u t".  Das "Majorat" wäre also
       die politische Konstituierung des Bauernstandes.
       
       "Die Begründung  des Majorats", heißt es im Zusatz, "liegt darin,
       daß der  Staat nicht  auf   b l o ß e  M ö g l i c h k e i t  der
       Gesinnung, sondern  auf ein  N o t w e n d i g e s  rechnen soll.
       Nun ist  die Gesinnung  freilich an  ein Vermögen nicht gebunden,
       aber
       
       #302# Karl Marx
       -----
       der   r e l a t i v   n o t w e n d i g e  Zusammenhang ist, daß,
       wer ein  selbständiges Vermögen  hat, von äußeren Umständen nicht
       beschränkt ist  und so ungehemmt auftreten und für den Staat han-
       deln  k a n n."
       
       E r s t e r   S a t z.   Dem Staat  genügt nicht  "die  b l o ß e
       M ö g l i c h k e i t   d e r   G e s i n n u n g",   er soll auf
       ein  "N o t w e n d i g e s"  rechnen.
       Z w e i t e r   S a t z.   "D i e   G e s i n n u n g  i s t  a n
       e i n   V e r m ö g e n   n i c h t   g e b u n d e n",    d. h.,
       d i e    G e s i n n u n g    d e s    V e r m ö g e n s    i s t
       e i n e  "b l o ß e  M ö g l i c h k e i t".
       D r i t t e r   S a t z.   Aber es  findet  ein    "r e l a t i v
       n o t w e n d i g e r   Z u s a m m e n h a n g"  statt, nämlich,
       "daß, wer ein selbständiges Vermögen hat etc., für den Staat han-
       deln   k a n n", d.h.,  das   V e r m ö g e n   gibt die  "M ö g-
       l i c h k e i t"   der Staatsgesinnung,  aber eben  die "Möglich-
       keit" genügt nach dem ersten Satz nicht.
       Zudem hat  Hegel nicht entwickelt, daß der  G r u n d b e s i t z
       das einzige "selbständige Vermögen" ist.
       Die   K o n s t i t u i e r u n g  s e i n e s  V e r m ö g e n s
       z u r   U n a b h ä n g i g k e i t   ist die  Konstituierung des
       Bauernstandes "für  die politische  Stellung und Bedeutung". Oder
       "die Unabhängigkeit  des Vermögens"   i s t    seine  "politische
       Stellung und Bedeutung.
       Diese Unabhängigkeit wird weiter so entwickelt:
       Sein     "V e r m ö g e n"  ist     "u n a b h ä n g i g      vom
       S t a a t s v e r m ö g e n".  Unter Staatsvermögen wird hier of-
       fenbar die   R e g i e r u n g s k a s s e  verstanden. In dieser
       Beziehung steht  "der   a l l g e m e i n e   Stand"  "g e g e n-
       ü b e r"  "als vom  S t a a t  wesentlich abhängig So heißt es in
       der Vorrede p. 13:
       
       "Ohnehin" wird  "bei uns  die   P h i l o s o p h i e   nicht wie
       etwa bei den Griechen als eine private Kunst exerziert", "sondern
       sie" hat  "eine öffentliche,  das Publikum  berührende  Existenz,
       vornehmlich oder  a l l e i n  im  Staats d i e n s t e".
       
       Also auch  die Philosophie  "w e s e n t l i c h"  von der Regie-
       rungskasse abhängig.
       Sein   V e r m ö g e n   ist  u n a b h ä n g i g  "von der Unsi-
       cherheit des  Gewerbes, der  Sucht des  Gewinns und der Veränder-
       lichkeit des  Besitzes überhaupt".  in dieser  Hinsicht steht ihm
       der "Stand  des Gewerbes"  "als der  vom Bedürfnis  abhängige und
       darauf hingewiesene" gegenüber.
       Dies Vermögen  ist so  "wie von  der   G u n s t  der  R e g i e-
       r u n g s g e w a l t,   so von  der G   u n s t  der  M e n g e"
       unabhängig.
       Er ist  endlich selbst   g e g e n   d i e  e i g e n e  W i l l-
       k ü r    dadurch  festgestellt,  daß  die  für  diese  Bestimmung
       berufenen Mitglieder dieses Standes, "des Rechts der anderen Bür-
       ger, teils über ihr ganzes Eigentum frei zu disponieren, teils es
       nach der  Gleichheit der  Liebe zu den Kindern, an sie übergehend
       zu wissen, entbehren."
       
       #303# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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       Die Gegensätze  haben hier eine ganz neue und sehr materielle Ge-
       stalt angenommen, wie wir sie in dem Himmel des politischen Staa-
       tes kaum erwarten durften.
       Der Gegensatz,  wie ihn  Hegel entwickelt,  ist in seiner Schärfe
       ausgesprochen der Gegensatz von  P r i v a t e i g e n t u m  und
       V e r m ö g e n.
       Der   G r u n d b e s i t z  ist das  P r i v a t e i g e n t u m
       ???' ?????? 1*), das  e i g e n t l i c h e  Privateigentum Seine
       exakte Privatnatur  tritt hervor  1. als    "U n a b h ä n g i g-
       k e i t   vom   S t a a t s v e r m ö g e n",   der    "G u n s t
       d e r   R e g i e r u n g s g e w a l t",   dem Eigentum,  wie es
       als "allgemeines  Eigentum des politischen Staats" existiert, ein
       nach der  Konstruktion des  politischen Staates    b e s o n d e-
       r e s     V e r m ö g e n     neben  anderen   Vermögen;  2.  als
       "U n a b h ä n g i g k e i t   vom Bedürfnis"  der Sozietät  oder
       dem  "sozialen   Vermögen",  der   "Gunst  der   Menge".  (Ebenso
       bezeichnend ist, daß der Anteil am Staatsvermögen als  "G u n s t
       der     R e g i e r u n g s g e w a l t",    wie  der  Anteil  am
       sozialen Vermögen als  "G u n s t  der  M e n g e"  gefaßt wird.)
       Das Vermögen  des "allgemeinen  Standes" und des "Gewerbestandes"
       ist kein   e i g e n t l i c h e s   P r i v a t e i g e n t u m,
       weil es  dort   d i r e k t,   hier   i n d i r e k t   durch den
       Zusammenhang mit  dem allgemeinen  Vermögen oder dem Eigentum als
       sozialem Eigentum  bedingt ist,  eine   P a r t i z i p a t i o n
       an demselben  ist,  darum  allerdings  auf  beiden  Seiten  durch
       "Gunst", d.h.  durch den "Zufall des Willens" vermittelt ist. Dem
       gegenüber steht  der   G r u n d b e s i t z   als  das    s o u-
       v e r ä n e   P r i v a t e i g e n t u m,   das noch  nicht  die
       Gestalt des  Vermögens, d.h.  eines durch  den    s o z i a l e n
       W i l l e n  gesetzten Eigentums, erreicht hat.
       Die politische  Verfassung in  ihrer höchsten Spitze ist also die
       V e r f a s s u n g   d e s   P r i v a t e i g e n t u m s.  Die
       höchste   p o l i t i s c h e   G e s i n n u n g   ist die  G e-
       s i n n u n g     d e s     P r i v a t e i g e n t u m s.    Das
       M a j o r a t   ist bloß  die   ä u ß e r e   Erscheinung von der
       i n n e r n   Natur des  G r u n d b e s i t z e s.  Dadurch, daß
       er   u n v e r ä u ß e r l i c h   ist, sind  ihm die  s o z i a-
       l e n   Nerven abgeschnitten  und  s e i n e  I s o l i e r u n g
       v o n   d e r   b ü r g e r l i c h e n   G e s e l l s c h a f t
       gesichert. Dadurch,  daß er  nicht nach der "Gleichheit der Liebe
       zu den  Kindern" übergeht, ist er sogar von der kleinem Sozietät,
       der natürlichen  Sozietät der   F a m i l i e,   ihrem Willen und
       ihren  Gesetzen   losgesagt,   unabhängig,   bewahrt   also   die
       s c h r o f f e   Natur des   P r i v a t e i g e n t u m s  auch
       vor dem Übergang in das  F a m i l i e n v e r m ö g e n.
       Hegel hatte  § 305  den Stand des Grundbesitzes fähig erklärt, zu
       der "politischen  Beziehung" konstituiert  zu  werden,  weil  das
       "Familienleben" seine  ". Basis"  sei. Er  hat  aber  selbst  die
       "Liebe" für  die Basis,  für das Prinzip, für den  G e i s t  des
       Familienlebens erklärt.  In dem  Stand, der  das Familienleben zu
       seiner Basis  hat, fehlt  also  die    B a s i s    d e s    F a-
       m i l i e n l e b e n s,  die Liebe als das
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       1*) hauptsächlich
       
       #304# Karl Marx
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       wirkliche, also  wirksame und determinierende Prinzip. Es ist das
       g e i s t l o s e  Familienleben, die  I l l u s i o n  des Fami-
       lienlebens.  In  seiner  höchsten  Entwicklung  widerspricht  das
       P r i n z i p     d e s     P r i v a t e i g e n t u m s     dem
       P r i n z i p   d e r  F a m i l i e.  Es kommt also im Gegensatz
       zum   S t a n d   d e r   n a t ü r l i c h e n  S i t t l i c h-
       k e i t,   des Familienlebens,  vielmehr erst in der bürgerlichen
       Gesellschaft  das    F a m i l i e n l e b e n    zum  Leben  der
       Familie, zum   L e b e n  der  L i e b e.  Jener ist vielmehr die
       B a r b a r e i  des Privateigentums gegen das Familienleben.
       Das wäre  also die   s o u v e r ä n e    H e r r l i c h k e i t
       d e s   P r i v a t e i g e n t u m s,  des  G r u n d b e s i t-
       z e s,   worüber in  neueren Zeiten  so  viele  Sentimentalitäten
       stattgehabt  haben   und  so  viele  buntfarbige  Krokodilstränen
       vergossen worden sind.
       Es nützt Hegel nichts zu sagen, daß das  M a j o r a t  bloß eine
       F o r d e r u n g   d e r   P o l i t i k    sei  und  in  seiner
       p o l i t i s c h e n    Stellung  und  Bedeutung  gefaßt  werden
       müsse. E s  nützt ihm nichts zu sagen:
       
       "Die Sicherheit und Festigkeit dieses Standes kann noch durch die
       Institution des  Majorats vermehrt  werden, welche  jedoch  n u r
       i n  p o l i t i s c h e r  R ü c k s i c h t  wünschenswert ist,
       denn es  ist damit  ein  Opfer  für  den    p o l i t i s c h e n
       Z w e c k   verbunden, daß  der Erstgeborene  u n a b h ä n g i g
       l e b e n  k ö n n e."
       
       Es ist  bei Hegel  eine gewisse Dezenz, der  A n s t a n d  d e s
       V e r s t a n d e s.   Er will nicht das Majorat an und für sich,
       er will  es nur  in bezug auf ein andres, nicht als Selbstbestim-
       mung, sondern  als Bestimmtheit  eines andren,  nicht als  Zweck,
       sondern als   M i t t e l   zu einem Zweck rechtfertigen und kon-
       struieren. In  Wahrheit  ist  das  Majorat  eine  Konsequenz  des
       e x a k t e n   Grundbesitzes, das  versteinerte  Privateigentum,
       das Privateigentum  (quand même 1*)) in der höchsten Selbständig-
       keit und Schärfe seiner Entwicklung, und was Hegel als den Zweck,
       als das  Bestimmende, als  die prima  causa 2*) des Majorats dar-
       stellt, ist  vielmehr ein  Effekt desselben, eine Konsequenz, die
       Macht des    a b s t r a k t e n    P r i v a t e i g e n t u m s
       über  d e n  p o l i t i s c h e n  S t a a t,  während Hegel das
       Majorat  als   die    M a c h t    d e s    p o l i t i s c h e n
       S t a a t e s   ü b e r  d a s  P r i v a t e i g e n t u m  dar-
       stellt. Er  macht die Ursache zur Wirkung und die Wirkung zur Ur-
       sache, das  Bestimmende zum  Bestimmten und das Bestimmte zum Be-
       stimmenden.
       Allein was  ist der  I n h a l t  der politischen Konstituierung,
       des politischen  Zweckes, was  ist der  Zweck dieses Zweckes? Was
       seine Substanz?  Das   M a j o r a t,   der   S u p e r l a t i v
       d e s   P r i v a t e i g e n t u m s,   das    s o u v e r ä n e
       P r i v a t e i g e n t u m.   Welche Macht  übt  der  politische
       Staat  über   das  Privateigentum  im  Majorat  aus?  Daß  er  es
       i s o l i e r t   von der  Familie und der Sozietät, daß er es zu
       seiner   a b s t r a k t e n    V e r s e l b s t ä n d i g u n g
       bringt. Welches  ist also  die Macht des politischen Staates über
       das  Privateigentum?   Die     e i g n e     M a c h t      d e s
       P r i v a t e i g e n t u m s,  sein
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       1*) unter allen Umständen - 2*) Hauptursache
       
       #305# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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       zur Existenz  gebrachtes Wesen.  Was bleibt dem politischen Staat
       im Gegensatz zu diesem Wesen übrig? Die  I l l u s i o n,  daß er
       bestimmt,  wo   er  bestimmt   wird  Er   bricht  allerdings  den
       W i l l e n  d e r  F a m i l i e  u n d  d e r  S o z i e t ä t,
       aber nur  um dem     W i l l e n   d e s  f a m i l i e n-  u n d
       s o z i e t ä t s l o s e n   P r i v a t e i g e n t u m s   Da-
       sein zu  geben und dieses Dasein als das höchste Dasein des poli-
       tischen Staates, als das höchste  s i t t l i c h e  Dasein anzu-
       erkennen.
       Betrachten wir  die verschiedenen  Elemente, wie sie sich hier in
       der   g e s e t z g e b e n d e n  G e w a l t,  dem totalen, dem
       zur Wirklichkeit  und zur  Konsequenz, zum  Bewußtsein gekommenen
       Staat, dem  w i r k l i c h e n  politischen Staat verhalten, [im
       Zusammenhange] mit  der   i d e e l l e n  oder  s e i n  sollen-
       den, mit  der   l o g i s c h e n   Bestimmung und Gestalt dieser
       Elemente.
       (Das Majorat  ist nicht,  wie Hegel  sagt, "eine  Fessel, die der
       Freiheit des  Privatrechts angelegt  ist", es  ist  vielmehr  die
       "Freiheit des Privatrechts, die sich von allen sozialen und sitt-
       lichen Fesseln  befreit hat".) ("Die höchste politische Konstruk-
       tion ist hier die Konstruktion des abstrakten Privateigentums.")
       Ehe wir  diese Vergleichung anstellen, ist noch ein näherer Blick
       auf eine  Bestimmung des  Paragraphen zu  werfen, nämlich darauf,
       daß durch  das Majorat das Vermögen des Bauernstandes, der Grund-
       besitz, das  Privateigentum selbst  g e g e n  d i e  e i g e n e
       W i l l k ü r   dadurch festgestellt  ist, daß  die für diese Be-
       stimmung berufenen  Mitglieder dieses  Standes des Rechts der an-
       dern Bürger über ihr ganzes Eigentum frei zu disponieren, entbeh-
       ren".
       Wir haben schon hervorgehoben, wie durch die "Unveräußerlichkeit"
       des Grundbesitzes  die sozialen  Nerven des Privateigentums abge-
       schnitten werden.  Das Privateigentum (der Grundbesitz) ist gegen
       die   e i g n e   W i l l k ü r   des Besitzers  dadurch  festge-
       stellt, daß  die Sphäre  seiner Willkür  aus einer allgemein men-
       schlichen zur   s p e z i f i s c h e n    W i l l k ü r    d e s
       P r i v a t e i g e n t u m s   umgeschlagen, das  Privateigentum
       zum  S u b j e k t  des Willens geworden ist; der Wille bloß mehr
       das  P r ä d i k a t  des Privateigentums ist. Das Privateigentum
       ist nicht mehr ein  b e s t i m m t e s  Objekt der Willkür, son-
       dern die Willkür ist das  b e s t i m m t e  Prädikat des Privat-
       eigentums. Doch  vergleichen wir,  was Hegel selbst innerhalb der
       Sphäre des Privatrechts sagt:
       
       "§ 65  Meines Eigentums  kann ich mich  e n t ä u ß e r n,  da es
       das meinige nur ist, insofern ich meinen Willen darin lege [...],
       aber nur  insofern die  Sache   i h r e r   N a t u r   nach  ein
       Ä u ß e r l i c h e s  ist."
       "§ 66   U n v e r ä u ß e r l i c h   sind daher diejenigen Güter
       oder vielmehr substantiellen Bestimmungen, sowie das Recht an sie
       u n v e r j ä h r b a r,   welche meine  eigenste Person  und das
       allgemeine Wesen  meines Selbstbewußtseins  ausmachen, wie  meine
       Persönlichkeit überhaupt, meine allgemeine Willensfreiheit, Sitt-
       lichkeit, Religion."
       
       Im Majorat  wird also der Grundbesitz, das exakte Privateigentum,
       ein
       
       #306# Karl Marx
       -----
       u n v e r ä u ß e r l i c h e s   Gut, also  eine  s u b s t a n-
       t i e l l e   B e s t i m m u n g,   welche die "eigenste Person,
       das allgemeine  Wesen des  Selbstbewußtseins"  des  majoratsherr-
       lichen Standes  ausmachen, seine "Persönlichkeit überhaupt, seine
       allgemeine Willensfreiheit, Sittlichkeit, Religion". Es ist daher
       auch konsequent,  daß, wo  das  Privateigentum,  der  Grundbesitz
       u n v e r ä u ß e r l i c h,   dagegen die  "allgemeine  Willens-
       freiheit" (wozu  auch die freie Disposition über ein Äußerliches,
       wie der Grundbesitz ist, gehört) und die  S i t t l i c h k e i t
       (wozu die   L i e b e   als der wirkliche, auch als das wirkliche
       Gesetz der  Familie sich  ausweisende Geist  gehört) veräußerlich
       sind. Die   "U n v e r ä u ß e r l i c h k e i t"   d e s  P r i-
       v a t e i g e n t u m s   ist in  einem  die    "V e r ä u ß e r-
       l i c h k e i t"   d e r   a l l g e m e i n e n   W i l l e n s-
       f r e i h e i t   u n d   S i t t l i c h k e i t.   Das Eigentum
       ist hier  nicht mehr,  insofern "ich  meinen Willen  darin lege",
       sondern mein  Wille ist,  "insofern er  im Eigentum  liegt". Mein
       Wille besitzt  hier nicht, sondern ist besessen. Das ist eben der
       r o m a n t i s c h e   Kitzel der Majoratsherrlichkeit, daß hier
       das Privateigentum, also die Privatwillkür in ihrer abstraktesten
       Gestalt, daß  der  g a n z  b o r n i e r t e,  unsittliche, rohe
       Willen als  die höchste Synthese des politischen Staates, als die
       höchste Entäußerung  der Willkür, als der härteste, aufopferndste
       Kampf mit  der   m e n s c h l i c h e n   S c h w ä c h e    er-
       scheint, denn  als m e n s c h l i c h e  Schwäche erscheint hier
       die   H u m a n i s i e r u n g,    die    V e r m e n s c h l i-
       c h u n g   des Privateigentums. Das  M a j o r a t  ist das sich
       selbst zur   R e l i g i o n    gewordene,  das  in  sich  selbst
       versunkene, von  seiner Selbständigkeit  und Herrlichkeit  e n t-
       z ü c k t e   P r i v a t e i g e n t u m.   Wie das  Majorat der
       direkten  Veräußerung,  so  ist  es  auch  dem    V e r t r a g e
       entnommen. Hegel  stellt den  Übergang vom Eigenturn zum Vertrage
       folgendermaßen dar:
       
       "§ 71. Das Dasein ist als bestimmtes Sein wesentlich Sein für an-
       deres; [...]  das Eigentum, nach der Seite, daß es ein Dasein als
       äußerliche Sache  ist, ist  für andere Äußerlichkeiten und im Zu-
       sammenhange dieser  Notwendigkeit und  Zufälligkeit. Aber als Da-
       sein des  W i l l e n s  ist es als für anderes nur  f ü r  d e n
       W i l l e n  einer anderen Person. Diese Beziehung von Willen auf
       Willen ist  der eigentümliche und wahrhafte Boden, in welchem die
       Freiheit   D a s e i n  hat. Diese Vermittelung,  E i g e n t u m
       nicht mehr  nur vermittelst   e i n e r  S a c h e  u n d  m e i-
       n e s   s u b j e k t i v e n   Willens zu  haben, sondern ebenso
       vermittelst  eines   anderen  Willens   und  hiermit   in   einem
       g e m e i n s a m e n   Willen zu  haben, macht  die  Sphäre  des
       V e r t r a g s  aus.
       
       (Im Majorat  ist es  zum Staatsgesetz gemacht, das Eigentum nicht
       in   e i n e m   g e m e i n s a m e n  Willen, sondern nur "ver-
       mittelst einer   S a c h e   und  meines    s u b j e k t i v e n
       W i l l e n s   zu haben".)  Während Hegel  hier im  P r i v a t-
       r e c h t   die   V e r ä u ß e r l i c h k e i t  und die Abhän-
       gigkeit des  Privateigentums  von  einem    g e m e i n s a m e n
       Willen als  seinen   w a h r e n   I d e a l i s m u s   auffaßt,
       wird  umgekehrt   im     S t a a t s r e c h t     die  imaginäre
       Herrlichkeit eines  unabhängigen Eigentums  im Gegensatz  zu  der
       "Unsicherheit  des   Gewerbes,  der   Sucht  des   Gewinns,   der
       Veränderlichkeit
       
       #307# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       des Besitzes,  der Abhängigkeit  vom  Staatsvermögen"  gepriesen.
       Welch ein Staat, der nicht einmal den Idealismus des Privatrechts
       ertragen kann?  Welch eine Rechtsphilosophie, wo die Selbständig-
       keit des Privateigentums eine andere Bedeutung im Privatrecht als
       im Staatsrecht hat?
       Gegen die  r o h e  S t u p i d i t ä t  des unabhängigen Privat-
       eigentums ist  die Unsicherheit  des Gewerbes elegisch, die Sucht
       des Gewinns pathetisch (dramatisch), die Veränderlichkeit des Be-
       sitzes ein ernstes Fatum (tragisch), die Abhängigkeit vom Staats-
       vermögen sittlich.  Kurz, in  allen diesen Qualitäten schlägt das
       m e n s c h l i c h e   H e r z  durch das Eigentum durch, es ist
       Abhängigkeit des  Menschen vom  Menschen. Wie sie immerhin an und
       für sich  beschaffen sei,  sie ist menschlich gegenüber dem Skla-
       ven, der  sich frei  dünkt, weil  die Sphäre, die ihn beschränkt,
       nicht die Sozietät, sondern die  S c h o l l e  ist; die Freiheit
       dieses Willens ist seine  L e e r h e i t  von anderem Inhalt als
       dem des  P r i v a t e i g e n t u m s.
       Solche Mißgeburten  wie das  Majorat als eine Bestimmung des Pri-
       vateigentums durch den politischen Staat zu definieren, ist über-
       haupt unumgänglich, wenn man eine alte Weltanschauung im Sinn ei-
       ner neuen  interpretiert, wenn man einer Sache, wie hier dem Pri-
       vateigentum, eine  doppelte Bedeutung, eine andere im Gerichtshof
       des abstrakten  Rechts, eine entgegengesetzte im Himmel des poli-
       tischen Staats gibt.
       Wir kommen zu der oben angedeuteten Vergleichung.
       § 257 heißt es:
       
       "Der Staat ist die Wirklichkeit der sittlichen Idee - der sittli-
       che Geist  als der   o f f e n b a r e,   sich  selbst deutliche,
       substantielle Wille...  An  d e r  S i t t e  hat er seine unmit-
       telbare und  an dem  S e l b s t b e w u ß t s e i n  des Einzel-
       nen... seine vermittelte Existenz, so wie dieses durch die Gesin-
       nung in  ihm, als  seinem Wesen, Zweck und Produkte seiner Tätig-
       keit, seine  s u b s t a n t i e l l e  F r e i h e i t  hat."
       
       § 268 heißt es:
       
       "Die politische  G e s i n n u n g,  der  P a t r i o t i s m u s
       überhaupt, als  die in   W a h r h e i t   stehende Gewißheit und
       das zur   G e w o h n h e i t   gewordene Wollen ist nur Resultat
       der im  Staate bestehenden Institutionen, als in welchem die Ver-
       nünftigkeit  w i r k l i c h  vorhanden ist, so wie sie durch das
       ihnen gemäße  Handeln ihre  Betätigung erhält.  - Diese Gesinnung
       ist überhaupt das  Z u t r a u e n  (das zu mehr oder weniger ge-
       bildeter Einsicht  übergehen kann),  - das  Bewußtsein, daß  mein
       substantielles und  besonderes Interesse, im Interesse und Zwecke
       eines Andern  (hier des Staats) als im Verhältnis zu mir als Ein-
       zelnen bewahrt und enthalten ist -, womit eben dieser unmittelbar
       kein Anderer für mich ist und Ich in diesem Bewußtsein frei bin."
       
       Die   W i r k l i c h k e i t  der sittlichen Idee erscheint hier
       als die   R e l i g i o n   d e s   P r i v a t e i g e n t u m s
       (weil sich im Majorat das Privateigentum zu sich selbst auf
       
       #308# Karl Marx
       -----
       religiöse Weise  verhält, so  kommt es,  daß in  unseren modernen
       Zeiten die Religion überhaupt zu einer dem Grundbesitz inhärenten
       Qualität geworden  ist und alle majoratsherrlichen Schriften voll
       religiöser Salbung  sind. Die  Religion ist  die höchste Denkform
       dieser Brutalität). Der  "o f f e n b a r e,  sich selbst deutli-
       che, substantielle  Wille" verwandelt  sich in  einen dunklen, an
       der Scholle  gebrochenen Willen,  der eben  von der Undurchdring-
       lichkeit des  Elements, an  dem er haftet, berauscht ist. "Die in
       Wahrheit stehende  Gewißheit", welche  die "politische  Gesinnung
       ist", ist  die auf "eigenem Boden" (im wörtlichen Sinne) stehende
       Gewißheit. Das zur "Gewohnheit gewordene" politische "Wollen" ist
       nicht mehr  "nur Resultat" etc., sondern eine außer dem Staat be-
       stehende Institution. Die politische Gesinnung ist nicht mehr das
       "Z u t r a u e n",   sondern vielmehr das "Vertrauen, das Bewußt-
       sein,  daß   mein   substantielles   und   besonderes   Interesse
       u n a b h ä n g i g   vom Interesse  und Zweck eines Andern (hier
       des Staats)  im Verhältnis zu mir als Einzelnen" ist. Das ist das
       Bewußtsein meiner  F r e i h e i t  v o m  S t a a t e.
       Die "Festhaltung des  a l l g e m e i n e n  S t a a t s i n t e-
       r e s s e s"     etc.  war   (§  289)  die  Aufgabe  der  "Regie-
       rungsgewalt". In  ihr residierte  "die gebildete  Intelligenz und
       das rechtliche  Bewußtsein der  Masse eines  Volkes" (§ 297). Sie
       macht "eigentlich die Stände überflüssig", denn sie  "k ö n n e n
       ohne Stände  das Beste  tun, wie  sie auch  fortwährend  bei  den
       ständischen  Versammlungen   das  Beste   tun  müssen"   (§   301
       Anmerkung). Der
       
       "allgemeine, näher  dem Dienst  der Regierung sich widmende Stand
       hat unmittelbar  zu seiner  Bestimmung, das Allgemeine zum Zwecke
       seiner wesentlichen Tätigkeit zu haben".
       
       Und wie  erscheint der  allgemeine  Stand,  die  Regierungsgewalt
       jetzt? "Als  vom Staat  wesentlich abhängig",  als das "Vermögen,
       a b h ä n g i g   v o n   d e r   G u n s t   d e r    R e g i e-
       r u n g s g e w a l t".   Dieselbe Umwandlung ist mit der bürger-
       lichen Gesellschaft  vorgegangen, die  früher in  der Korporation
       ihre Sittlichkeit  erreicht hat.  Sie ist  ein Vermögen, abhängig
       "von der  Unsicherheit des  Gewerbes" etc.,  von "der  Gunst  der
       Menge".
       Welches ist also die angeblich spezifische Qualität des Majorats-
       herrn? Und  worin kann überhaupt die  s i t t l i c h e  Qualität
       eines  u n v e r ä u ß e r l i c h e n  Vermögens bestehn? In der
       U n b e s t e c h l i c h k e i t.     Die     U n b e s t e c h-
       l i c h k e i t  erscheint als die  h ö c h s t e  politische Tu-
       gend, eine  abstrakte Tugend.  Dabei ist die Unbestechlichkeit in
       dem von  Hegel konstruierten  Staat etwas so Apartes, daß sie als
       eine   b e s o n d r e  politische Gewalt konstruiert werden muß,
       also eben dadurch bewußt, daß sie nicht der Geist des politischen
       Staates, nicht  die Regel, sondern die  A u s n a h m e  ist, und
       als  solche  Ausnahme  ist  sie  konstruiert.  Man  besticht  die
       Majoratsherren durch  ihr unabhängiges  Eigentum, um  sie vor der
       Bestechlichkeit  zu  konservieren.  Während  nach  der  Idee  die
       A b h ä n g i g k e i t
       
       #309# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       vom Staat  und das Gefühl dieser Abhängigkeit die höchste politi-
       sche Freiheit sein sollte, weil sie die Empfindung der Privatper-
       son als  einer abstrakten,  abhängigen Person ist und diese viel-
       mehr sich  erst als  Staatsbürger  u n a b h ä n g i g  fühlt und
       fühlen soll,  wird hier  die  u n a b h ä n g i g e  P r i v a t-
       p e r s o n   konstruiert. "Ihr  Vermögen ist [ebenso] unabhängig
       vom Staatsvermögen  als von  der Unsicherheit  des Gewerbes" etc.
       Ihr  steht  gegenüber  "der  Stand  des  Gewerbes,  als  der  vom
       Bedürfnis  abhängige  und  darauf  hingewiesene,  und  allgemeine
       Stand,  als   vom  Staat  wesentlich  abhängig".  Hier  ist  also
       U n a b h ä n g i g k e i t   vom Staat  und der bürgerlichen Ge-
       sellschaft, und  diese verwirklichte  Abstraktion von beiden, die
       realiter die  rohste    A b h ä n g i g k e i t    v o n    d e r
       S c h o l l e   ist, bildet in der gesetzgebenden Gewalt die Ver-
       mittelung und  die Einheit  beider.  Das    u n a b h ä n g i g e
       P r i v a t v e r m ö g e n,   d.h. das  abstrakte Privatvermögen
       und die  ihm entsprechende   P r i v a t p e r s o n,   sind  die
       höchste Konstruktion  des  politischen  Staates.  Die  politische
       "Unabhängigkeit" ist  konstruiert als  das "unabhängige Privatei-
       gentum" und die "Person dieses unabhängigen Privateigentums". Wir
       werden im  nächsten sehn,  wie es  mit der  "Unabhängigkeit"  und
       "Unbestechlichkeit" und der daraus hervorgehenden Staatsgesinnung
       re vera 1*) steht.
       Daß das  M a j o r a t  E r b g u t  ist, spricht von selbst. Das
       Nähere hierüber  später. Daß es, wie Hegel im Zusatz bemerkt, der
       E r s t g e b o r n e  ist, ist rein historisch.
       
       "§ 307. Das Recht dieses Teils des substantiellen Standes ist auf
       diese Weise  zwar einerseits auf das Naturprinzip der Familie ge-
       gründet, dieses  aber zugleich  durch   h a r t e  A u f o p f e-
       r u n g e n  für den  p o l i t i s c h e n  Z w e c k  verkehrt,
       w o m i t   dieser Stand  wesentlich an  die Tätigkeit für diesen
       Zweck angewiesen  und  gleichfalls  in  Folge  hiervon  ohne  die
       Zufälligkeit einer  Wahl durch die  G e b u r t  dazu berufen und
       b e r e c h t i g t  ist."
       
       Inwiefern  das   Recht  dieses  substantiellen  Standes  auf  das
       N a t u r p r i n z i p   der Familie  gegründet ist,  hat  Hegel
       nicht entwickelt, es sei denn, daß er hierunter verstehe, daß der
       Grundbesitz als   E r b g u t   existiert.  Damit ist  kein Recht
       dieses Standes  im politischen  Sinne entwickelt, sondern nur das
       Recht der Majoratsherrn auf den Grundbesitz per Geburt. "Dieses",
       das Naturprinzip der Familie, ist "aber zugleich durch harte Auf-
       opferungen für  den politischen Zweck verkehrt". Wir haben aller-
       dings gesehn,  wie hier  "das Naturprinzip  der Familie verkehrt"
       wird, wie  dies aber "keine harte Aufopferung für den politischen
       Zweck",  sondern   nur  die     v e r w i r k l i c h t e    A b-
       s t r a k t i o n   d e s   P r i v a t e i g e n t u m s    ist.
       Vielmehr  wird   durch  diese      V e r k e h r u n g      d e s
       N a t u r p r i n z i p e s  d e r  F a m i l i e  ebenso der po-
       litische Zweck verkehrt,  "w o m i t  (?) dieser Stand
       -----
       1*) in Wirklichkeit
       
       #310# Karl Marx
       -----
       wesentlich an  die Tätigkeit  für diesen Zweck angewiesen - durch
       die Verselbständigung  des Privateigentums? - "und gleichfalls in
       Folge hiervon  ohne die  Zufälligkeit einer Wahl durch die Geburt
       dazu berufen und berechtigt".
       Hier  ist   also  die    P a r t i z i p a t i o n    an    d e r
       g e s e t z g e b e n d e n   G e w a l t   ein    a n g e b o r-
       n e s   Menschenrecht. Hier  haben wir    g e b o r e n e    G e-
       s e t z g e b e r,  die  g e b o r e n e  V e r m i t t e l u n g
       d e s   p o l i t i s c h e n   S t a a t e s    m i t    s i c h
       s e l b s t.   Man hat  sich, besonders  von seiten der Majorats-
       herrn,  sehr  mokiert  über  die    a n g e b o r n e n    M e n-
       s c h e n r e c h t e.   Ist es nicht komischer, daß einer beson-
       dern Menschenrasse  das Recht  der  höchsten  Würde  der  gesetz-
       gebenden Gewalt  anvertraut ist? Nichts ist lächerlicher, als daß
       Hegel die  Berufung zum Gesetzgeber, zum Repräsentant des Staats-
       bürgertums  durch   die  "Geburt"   der   Berufung   durch   "die
       Zufälligkeit einer  Wahl" entgegenstellt.  Als wenn die  W a h l,
       das bewußte  Produkt des  bürgerlichen Vertrauens, nicht in einem
       ganz andern  notwendigen Zusammenhang  mit dem  politischen Zweck
       stände, als  der physische Zufall der Geburt. Hegel sinkt überall
       von  seinem   politischen  Spiritualismus   in   den   krassesten
       M a t e r i a l i s m u s  herab. Auf den Spitzen des politischen
       Staates ist es überall die Geburt, welche bestimmte Individuen zu
       Inkorporationen der  höchsten Staatsaufgaben  macht. Die höchsten
       Staatstätigkeiten fallen  mit den Individuen durch die Geburt zu-
       sammen, wie  die Stelle  des Tiers,  sein Charakter,  Lebensweise
       etc. unmittelbar ihm angeboren wird. Der Staat in seinen höchsten
       Funktionen erhält  eine  t i e r i s c h e  Wirklichkeit. Die Na-
       tur rächt sich an Hegel wegen der ihr bewiesenen Verachtung. Wenn
       die Materie  nichts für sich mehr sein sollte gegen den menschli-
       chen Willen, so behält hier der menschliche Wille nichts mehr für
       sich außer der Materie.
       Die    f a l s c h e    Identität,  die    f r a g m e n t a r i-
       s c h e,   s t e l l e n w e i s e   Identität zwischen Natur und
       Geist,  Körper  und  Seele,  erscheint  als    I n k o r p o r a-
       t i o n.     Da  die  Geburt  dem  Menschen  nur  das    i n d i-
       v i d u e l l e     Dasein  gibt   und  ihn   zunächst  nur   als
       n a t ü r l i c h e s   Individuum setzt, die staatlichen Bestim-
       mungen wie  die   g e s e t z g e b e n d e    Gewalt  etc.  aber
       s o z i a l e   P r o d u k t e,  Geburten der Sozietät und nicht
       Zeugungen des  natürlichen Individuums  sind, so ist eben die un-
       mittelbare Identität,  das unvermittelte  Zusammenfallen zwischen
       der   G e b u r t   d e s  I n d i v i d u u m s  und dem Indivi-
       duum als   I n d i v i d u a t i o n   e i n e r   b e s t i m m-
       t e n   s o z i a l e n   S t e l l u n g,  F u n k t i o n  etc.
       das Frappante, das  W u n d e r.  Die Natur  m a c h t  in diesem
       System unmittelbar  Könige,  sie  macht  unmittelbar    P a i r s
       etc., wie  sie Augen  und Nasen  macht. Das  Frappante  ist,  als
       unmittelbares Produkt der physischen Gattung zu sehn, was nur das
       Produkt der  selbstbewußten Gattung ist. Mensch bin ich durch die
       Geburt ohne die Übereinstimmung der Gesellschaft, Pair oder König
       wird diese bestimmte Geburt erst durch die allgemeine
       
       #311# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Übereinstimmung. Die Übereinstimmung macht die Geburt dieses Men-
       schen erst  zur Geburt eines Königs: also ist es die Übereinstim-
       mung und  nicht die Geburt, die den König macht. Wenn die Geburt,
       im Unterschied  von den  andern Bestimmungen, dem Menschen unmit-
       telbar eine  Stellung gibt so macht ihn  s e i n  K ö r p e r  zu
       d i e s e m   b e s t i m m t e n   sozialen Funktionär.  S e i n
       K ö r p e r   ist sein   s o z i a l e s  Recht. In diesem System
       erscheint die   k ö r p e r l i c h e   W ü r d e   d e s  M e n-
       s c h e n   oder die   W ü r d e   d e s  m e n s c h l i c h e n
       K ö r p e r s   (was weiter ausgeführt lauten kann: die Würde des
       physischen Naturelements  des Staats) so, daß bestimmte, und zwar
       die höchsten  sozialen Würden  die  Würden    b e s t i m m t e r
       durch   d i e  G e b u r t  p r ä d e s t i n i e r t e r  K ö r-
       p e r   s i n d.   Es ist  daher bei dem Adel natürlich der Stolz
       auf  das   Blut,  die  Abstammung,  kurz  die    L e b e n s g e-
       s c h i c h t e   i h r e s   K ö r p e r s;   es  ist  natürlich
       diese    z o o l o g i s c h e    Anschauungsweise,  die  in  der
       H e r a l d i k   die ihr entsprechende Wissenschaft besitzt. Das
       Geheimnis des Adels ist die  Z o o l o g i e.
       Es sind zwei Momente bei dem erblichen Majorat hervorzuheben:
       1. Das  Bleibende   ist  das    E r b g u t,    der    G r u n d-
       b e s i t z.   Es  ist  das  Beharrende  in  dem  Verhältnis  die
       S u b s t a n z.   Der Majoratsherr, der Besitzer, ist eigentlich
       nur   A k z i d e n s.   Der Grundbesitz   a n t h r o p o m o r-
       p h i s i e r t   sich in  den verschiedenen  Geschlechtern.  Der
       G r u n d b e s i t z   e r b t  gleichsam immer den Erstgebornen
       des Hauses  als das  an es gefesselte Attribut. Jeder Erstgeborne
       in der  Reihe der  Grundbesitzer ist  das   E r b t e i l,    das
       E i g e n t u m  des  u n v e r ä u ß e r l i c h e n  G r u n d-
       b e s i t z e s,     die    p r ä d e s t i n i e r t e    S u b-
       s t a n z   s e i n e s   W i l l e n s   und seiner   T ä t i g-
       k e i t.   Das Subjekt ist die Sache und das Prädikat der Mensch.
       Der Wille wird zum Eigentum des Eigentums.
       2. Die   p o l i t i s c h e  Q u a l i t ä t  des Majoratsherren
       ist die   p o l i t i s c h e   Q u a l i t ä t   seines Erbguts,
       eine diesem  Erbgut inhärente   p o l i t i s c h e    Q u a l i-
       t ä t.  Die politische Qualität erscheint hier also ebenfalls als
       E i g e n t u m   des   G r u n d e i g e n t u m s,    als  eine
       Qualität, die unmittelbar der  r e i n   p h y s i s c h e n  Er-
       de (Natur) zukommt.
       Was das  erste angeht,  so folgt daraus, daß der Majoratsherr der
       L e i b e i g e n e   des   G r u n d e i g e n t u m s   ist und
       daß in  den   L e i b e i g e n e n,   die ihm untertan sind, nur
       die    p r a k t i s c h e    Konsequenz  des    t h e o r e t i-
       s c h e n   Verhältnisses erscheint, in welchem er selbst sich zu
       dem Grundbesitz  befindet. Die  Tiefe  der  germanischen  Subjek-
       tivität  erscheint   überall  als  die  Roheit  einer  geistlosen
       Objektivität.
       Es  ist  hier  auseinanderzusetzen  das  Verhältnis  1.  zwischen
       P r i v a t e i g e n t u m  und  E r b s c h a f t,  2. zwischen
       P r i v a t e i g e n t u m,   Erbschaft und dadurch dem Privile-
       gium gewisser  Geschlechter auf Teilnahme an der politischen Sou-
       veränität,  3.  das    w i r k l i c h e    h i s t o r i s c h e
       V e r h ä l t n i s  oder das  g e r m a n i s c h e  Verhältnis.
       
       #312# Karl Marx
       -----
       Wir  haben   gesehn,  daß   das  Majorat   die  Abstraktion   des
       "u n a b h ä n g i g e n  P r i v a t e i g e n t u m s"  ist. Es
       schließt   sich   eine   zweite   Konsequenz   hieran   an.   Die
       U n a b h ä n g i g k e i t,   die  S e l b s t ä n d i g k e i t
       in dem politischen Staat, dessen Konstruktion wir bisher verfolgt
       haben, ist  das   P r i v a t e i g e n t u m,   was  auf  seiner
       Spitze  als     u n v e r ä u ß e r l i c h e r    G r u n d b e-
       s i t z   erscheint. Die  politische Unabhängigkeit  fließt daher
       nicht ex  proprio sinu  1*) des politischen Staats, sie ist keine
       Gabe des  politischen Staats  an seine Glieder, sie ist nicht der
       ihn beseelende  Geist, sondern die Glieder des politischen Staats
       empfangen ihre  Unabhängigkeit von einem Wesen, welches nicht das
       Wesen des  politischen Staats ist, von einem Wesen des abstrakten
       Privatrechts, vom  abstrakten   P r i v a t e i g e n t u m.  Die
       politische Unabhängigkeit  ist ein  Akzidens des Privateigentums,
       nicht die  Substanz des  politischen Staats. Der politische Staat
       und in  ihm die   g e s e t z g e b e n d e   Gewalt, wie wir ge-
       sehn, ist  das enthüllte  Mysterium von dem  w a h r e n  W e r t
       u n d   W e s e n   der Staatsmomente.  Die  Bedeutung,  die  das
       P r i v a t e i g e n t u m   im politischen Staat hat, ist seine
       w e s e n t l i c h e,  seine wahre Bedeutung; die Bedeutung, die
       der   S t a n d e s u n t e r s c h i e d   im politischen  Staat
       hat, ist die  w e s e n t l i c h e  B e d e u t u n g  des Stan-
       desunterschiedes. Ebenso  kommt das   W e s e n   der fürstlichen
       [Macht] und  der Regierung  in der   "g e s e t z g e b e n d e n
       G e w a l t"   zur Erscheinung.  Hier, in  der Sphäre des politi-
       schen Staates,  ist es,  daß sich  die einzelnen Staatsmomente zu
       sich als  dem Wesen   d e r   G a t t u n g,   als dem "Gattungs-
       wesen" verhalten;  weil der  politische Staat  die  Sphäre  ihrer
       allgemeinen Bestimmung,  ihre    r e l i g i ö s e    S p h ä r e
       ist. Der   p o l i t i s c h e   Staat  ist  der    S p i e g e l
       d e r  W a h r h e i t  für die verschiedenen Momente des  k o n-
        k r e t e n  Staats.
       Wenn also  das "unabhängige Privateigentum" im politischen Staat,
       in  der  gesetzgebenden  Gewalt,  die    B e d e u t u n g    der
       p o l i t i s c h e n     U n a b h ä n g i g k e i t    hat,  so
       i s t   es die   p o l i t i s c h e  U n a b h ä n g i g k e i t
       des Staats.  Das "unabhängige Privateigentum" oder das  "w i r k-
       l i c h e   Privateigentum" ist  dann nicht  nur die  "Stütze der
       Verfassung", sondern die  "V e r f a s s u n g  s e l b s t". Und
       die Stütze  der Verfassung  ist  doch  wohl  die  Verfassung  der
       Verfassungen, die primäre, die wirkliche Verfassung?
       Hegel machte bei Konstruierung des erblichen Monarchen, gleichsam
       selbst überrascht  über "die  immanente Entwicklung einer Wissen-
       schaft, die   A b l e i t u n g   i h r e s   g a n z e n    I n-
       h a l t e s   aus dem  einfachen   B e g r i f f e"   (§ 279  An-
       merkung), die Bemerkung:
       
       "So ist  es das  Grundmoment der  zuerst im  unmittelbaren Rechte
       a b s t r a k t e n   P e r s ö n l i c h k e i t,   welches sich
       durch seine verschiedenen Formen von Subjektivität
       -----
       1*) aus dem eigenen Wesen
       
       #313# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       fortgebildet hat  und hier  im absoluten  Rechte, dem Staate, der
       vollkommen konkreten  Objektivität des Willens, die  P e r s ö n-
       l i c h k e i t   d e s   S t a a t s   ist,  seine    G e w i ß-
       h e i t  s e i n e r  s e l b s t."
       
       D.h., im  politischen Staat  kommt es zur  E r s c h e i n u n g,
       daß die   "a b s t r a k t e   P e r s ö n l i c h k e i t"   die
       h ö c h s t e   p o l i t i s c h e   Persönlichkeit, die politi-
       sche Basis  des ganzen  Staats ist.  Ebenso kommt  im Majorat das
       Recht dieser  abstrakten Persönlichkeit, ihre  O b j e k t i v i-
       t ä t,  das "abstrakte Privateigentum" als die höchste Objektivi-
       tät des  Staates, als  sein   h ö c h s t e s  R e c h t  zum Da-
       sein.
       Der Staat  ist erblicher  Monarch, abstrakte Persönlichkeit heißt
       nichts als  die Persönlichkeit  des Staats  ist abstrakt, oder es
       ist der  Staat der  abstrakten Persönlichkeit,  wie denn auch die
       Römer das  Recht des Monarchen rein innerhalb der Normen des Pri-
       vatrechts oder  das Privatrecht  als die höchste Norm des Staats-
       rechts entwickelt haben.
       Die   R ö m e r   sind die  Rationalisten, die Germanen die  M y-
       s t i k e r  des souveränen Privateigentums.
       Hegel bezeichnet  das Privatrecht  als  das    R e c h t    d e r
       a b s t r a k t e n   P e r s ö n l i c h k e i t   oder als  das
       a b s t r a k t e   R e c h t.   Und in  Wahrheit muß  es als die
       A b s t r a k t i o n   des Rechts  und damit  als das   i l l u-
       s o r i s c h e   R e c h t   d e r   a b s t r a k t e n  P e r-
       s ö n l i c h k e i t   entwickelt  werden,  wie  die  von  Hegel
       entwickelte  Moral  das    i l l u s o r i s c h e    D a s e i n
       d e r  a b s t r a k t e n  S u b j e k t i v i t ä t  ist. Hegel
       entwickelt das  Privatrecht und  die Moral als solche Abstraktio-
       nen, woraus bei ihm nicht folgt, daß der Staat, die Sittlichkeit,
       die sie  zu Voraussetzungen  hat, nichts als die  S o z i e t ä t
       (das soziale  Leben) dieser  Illusionen sein  kann, sondern umge-
       kehrt geschlossen wird, daß sie subalterne Momente dieses sittli-
       chen Lebens  sind. Aber  was ist  das Privatrecht  anders als das
       Recht, und  die Moral anders als die Moral dieser Staatssubjekte?
       Oder vielmehr die Person des Privatrechts und das Subjekt der Mo-
       ral sind  die   P e r s o n   und das  S u b j e k t  des Staats.
       Man hat Hegel vielfach angegriffen über seine Entwicklung der Mo-
       ral. Er  hat nichts  getan als  die Moral des modernen Staats und
       des modernen  Privatrechts entwickelt. Man hat die Moral mehr vom
       Staat trennen,  sie mehr  emanzipieren wollen.  Was hat man damit
       bewiesen? Daß  die Trennung des jetzigen Staats von der Moral mo-
       ralisch ist,  daß die Moral unstaatlich und der Staat unmoralisch
       ist. Es  ist vielmehr  ein großes,  obgleich nach einer Seite hin
       (nämlich nach der Seite hin, daß Hegel den Staat, der eine solche
       Moral zur  Voraussetzung hat, für die reale Idee der Sittlichkeit
       ausgibt) unbewußtes  Verdienst Hegels,  der modernen  Moral  ihre
       wahre Stellung angewiesen zu haben.
       In der  Verfassung, worin  das  M a j o r a t  eine Garantie ist,
       ist das   P r i v a t e i g e n t u m   die  Garantie der politi-
       schen  Verfassung.   Im  Majorat   erscheint  das  so,  daß  eine
       b e s o n d e r e  Art von Privateigentum diese Garantie ist. Das
       M a j o r a t
       
       #314# Karl Marx
       -----
       ist bloß  eine besondere  Existenz des  allgemeinen Verhältnisses
       von   P r i v a t e i g e n t u m   u n d   p o l i t i s c h e m
       S t a a t.   Das Majorat  ist der   p o l i t i s c h e  Sinn des
       Privateigentums, das  Privateigentum in seiner politischen Bedeu-
       tung, d.h.  in seiner  allgemeinen Bedeutung.  Die Verfassung ist
       also hier   V e r f a s s u n g   d e s    P r i v a t e i g e n-
       t u m s.
       Wo wir  das Majorat  in seiner  k l a s s i s c h e n  Ausbildung
       antreffen, bei den germanischen Völkern, finden wir auch die Ver-
       fassung des   P r i v a t e i g e n t u m s.   Das   P r i v a t-
       e i g e n t u m   ist die  allgemeine Kategorie,  das  allgemeine
       Staatsband. Selbst  die  allgemeinen  Funktionen  erscheinen  als
       Privateigentum bald einer Korporation, bald eines Standes.
       Handel und  Gewerbe sind in ihren besondern Nuancen das Privatei-
       gentum besonderer  Korporationen. Hofwürden, Gerichtsbarkeit etc.
       sind das Privateigentum besonderer Stände. Die verschiedenen Pro-
       vinzen sind  das Privateigentum einzelner Fürsten etc. Der Dienst
       für das  Land etc.  ist das  Privateigentum des  Herrschers.  Der
       Geist ist  das Privateigentum der Geistlichkeit. Meine pflichtge-
       mäße Tätigkeit  ist das  Privateigentum eines  andern,  wie  mein
       Recht wieder  ein besondres Privateigentum ist. Die Souveränität,
       hier die   N a t i o n a l i t ä t,   ist  das Privateigentum des
       Kaisers.
       Man hat  oft gesagt,  daß im Mittelalter jede Gestalt des Rechts,
       der Freiheit,  des  sozialen  Daseins  als  ein    P r i v i l e-
       g i u m,  als eine  A u s n a h m e  von der Regel erscheint. Man
       konnte das  empirische Faktum  dabei nicht  übersehn,  daß  diese
       Privilegien alle  in der  Form des  P r i v a t e i g e n t u m s
       erscheinen. Was  ist der allgemeine Grund dieses Zusammenfallens?
       Das   P r i v a t e i g e n t u m   ist das  G a t t u n g s d a-
       s e i n   des   P r i v i l e g i u m s,   des Rechts  als  einer
       A u s n a h m e.
       Wo die  Fürsten, wie  in Frankreich,  die    U n a b h ä n g i g-
       k e i t   des Privateigentums  angriffen,  attentierten  sie  das
       Eigentum der   K o r p o r a t i o n e n,   ehe  sie das Eigentum
       der   I n d i v i d u e n   attentierten. Aber indem sie das Pri-
       vateigentum  der   Korporationen  angriffen,   griffen  sie   das
       Privateigentum als Korporation als das  s o z i a l e  Band an.
       In der   L e h e n s h e r r s c h a f t   erscheint  es gradezu,
       daß die  fürstliche Macht  die Macht des Privateigentums ist, und
       in der   f ü r s t l i c h e n  M a c h t  ist das Mysterium nie-
       dergelegt, was  die   a l l g e m e i n e   M a c h t,   was  die
       M a c h t  a l l e r  S t a a t s k r e i s e  ist.
       (In dem Fürsten als dem Repräsentanten der Staatsmacht ist ausge-
       sprochen,  was   das    M ä c h t i g e    des  Staats  ist.  Der
       k o n s t i t u t i o n e l l e   Fürst drückt daher die Idee des
       konstitutionellen Staates in ihrer schärfsten Abstraktion aus. Er
       ist einerseits die  I d e e  des Staats, die geheiligte Staatsma-
       jestät, und  zwar als   d i e s e   Person.  Zugleich ist er eine
       b l o ß e   Imagination, er  hat als  Person und  als Fürst weder
       wirkliche Macht  noch wirkliche  Tätigkeit. Es ist hier die Tren-
       nung der  politischen und wirklichen, der formellen und materiel-
       len, der
       
       #315# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       allgemeinen und individuellen Person, des Menschen und des sozia-
       len Menschen in ihrem höchsten Widerspruch ausgedrückt.)
       Das  Privateigentum   ist    r ö m i s c h e n    Verstandes  und
       g e r m a n i s c h e n   Gemüts. Es wird an diesem Ort belehrend
       sein, eine  Vergleichung zwischen diesen beiden extremen Entwick-
       lungen desselben anzustellen. Es wird uns dies zur Lösung des be-
       sprochenen politischen Problems behilflich sein.
       Die  Römer   haben  eigentlich   erst  das     R e c h t    d e s
       P r i v a t e i g e n t u m s,   das abstrakte Recht, das Privat-
       recht, das  Recht der abstrakten Person ausgebildet. Das römische
       P r i v a t r e c h t   ist das  P r i v a t r e c h t  in seiner
       k l a s s i s c h e n  A u s b i l d u n g.  Wir finden aber nir-
       gends bei  den Römern, daß das Recht des Privateigentums, wie bei
       den Deutschen,  mystifiziert worden  wäre. Es  wird auch nirgends
       zum  S t a a t s r e c h t.
       Das Recht  des Privateigentums  ist das   j u s  u t e n d i  e t
       a b u t e n d i   1*), das  Recht  W i l l k ü r  über die Sache.
       Das Hauptinteresse  der Römer  besteht darin, die  V e r h ä l t-
       n i s s e   zu entwickeln  und  zu  bestimmen,  welche  sich  als
       a b s t r a k t e   Verhältnisse des Privateigentums ergeben. Der
       eigentliche Grund des Privateigentums, der  B e s i t z,  ist ein
       F a k t u m,   ein    u n e r k l ä r l i c h e s    F a k t u m,
       k e i n  R e c h t.  Erst durch juristische Bestimmungen, die die
       Sozietät dem  faktischen Besitz  gibt erhält  er die Qualität des
       rechtlichen Besitzes, des  P r i v a t e i g e n t u m s.
       Was bei  den Römern den Zusammenhang zwischen politischer Verfas-
       sung und Privateigentum betrifft, so erscheint:
       1. Der   M e n s c h   (als Sklave),  wie bei  den alten  Völkern
       überhaupt, als Gegenstand des Privateigentums.
       Das ist nichts Spezifisches.
       2. Die eroberten  Länder werden als Privateigentum behandelt, das
       jus utendi et abutendi wird in ihnen geltend gemacht.
       3. In ihrer  Geschichte selbst erscheint der Kampf zwischen Armen
       und Reichen (Patriziern und Plebejern) etc.
       Im übrigen  macht sich  das Privateigentum im Ganzen, wie bei den
       alten klassischen Völkern überhaupt, als  ö f f e n t l i c h e s
       E i g e n t u m   geltend, entweder,  e in  den guten Zeiten, als
       Aufwand der  Republik, oder  als   l u x u r i ö s e  u n d  g e-
       m e i n e  W o h l t a t  (Bäder etc.) gegen den Haufen.
       Die Art  und Weise,  wie die  Sklaverei  erklärt  wird,  ist  das
       K r i e g s r e c h t,   das Recht der Okkupation: eben weil ihre
       politische Existenz vernichtet ist, sind sie Sklaven.
       Zwei Verhältnisse  heben wir hauptsächlich im Unterschied von den
       Germanen hervor.
       -----
       1*) Recht der Nutzung und Verfügung
       
       #316# Karl Marx
       -----
       1. Die   k a i s e r l i c h e   Gewalt war  nicht die Gewalt des
       Privateigentums, sondern  die   S o u v e r ä n i t ä t des  e m-
       p i r i s c h e n   W i l l e n s  als solchen, die weit entfernt
       war, das  P r i v a t e i g e n t u m  als Band zwischen sich und
       ihren Untertanen  zu betrachten,  sondern im  Gegenteil  mit  dem
       Privateigentum schaltete,  wie mit allen übrigen sozialen Gütern.
       Die  kaiserliche   Gewalt  war   daher  auch   nicht  anders  als
       f a k t i s c h   e r b l i c h.    Die  höchste  Ausbildung  des
       Rechts des  Privateigentums, des  Privatrechts, fällt zwar in die
       Kaiserzeit, aber sie ist vielmehr eine Konsequenz der politischen
       Auflösung, als  daß die  politische Auflösung eine Konsequenz des
       Privateigentums wäre.  Zudem, als  das  Privatrecht  in  Rom  zur
       vollen Entwicklung  gelangt, ist  das Staatsrecht  aufgehoben, in
       seiner Auflösung  begriffen, während es in Deutschland sich umge-
       kehrt verhielt.
       2. Die Staatswürden  sind niemals  in Rom erblich, d.h., das Pri-
       vateigentum ist nicht die herrschende Staatskategorie.
       3. Im Gegensatz zu dem germanischen Majorat etc. erscheint in Rom
       die   W i l l k ü r   d e s  T e s t i e r e n s  als Ausfluß des
       Privateigentums.  In   diesem  letzteren   Gegensatz  liegt   der
       g a n z e  Unterschied der römischen und germanischen Entwicklung
       des Privateigentums.
       (Im Majorat erscheint dies, daß das Privateigentum das Verhältnis
       zur Staatsfunktion  ist, so,  daß das Staatsdasein eine Inhärenz,
       Akzidens des   u n m i t t e l b a r e n    Privateigentums,  des
       G r u n d b e s i t z e s   ist. Auf  den  höchsten  Spitzen  er-
       scheint so der Staat als Privateigentum, während hier das Privat-
       eigentum als  Staatseigentum erscheinen sollte. Statt das Privat-
       eigentum zu  einer staatsbürgerlichen  Qualität, macht  Hegel das
       Staatsbürgertum und  Staatsdasein und  Staatsgesinnung  zu  einer
       Qualität des Privateigentums.)
       
       "§ 308.  In den  andern Teil  des ständischen  Elements fällt die
       b e w e g l i c h e   Seite der   b ü r g e r l i c h e n    G e-
       s e l l s c h a f t,     die  äußerlich  wegen  der  Menge  ihrer
       Glieder, wesentlich aber wegen der Natur ihrer Bestimmung und Be-
       schäftigung, nur  durch   A b g e o r d n e t e   eintreten kann.
       Insofern diese  von der bürgerlichen Gesellschaft abgeordnet wer-
       den, liegt es unmittelbar nahe, daß dies diese tut  a l s  d a s,
       w a s  s i e  ist -, somit nicht als in die Einzelnen atomistisch
       aufgelöst und nur für einen einzelnen und temporären Akt sich auf
       einen Augenblick ohne weitere Haltung versammelnd, sondern als in
       ihre ohnehin  konstituierten Genossenschaften, Gemeinden und Kor-
       porationen gegliedert,  welche auf  diese Weise einen politischen
       Zusammenhang erhalten. In ihrer  B e r e c h t i g u n g  zu sol-
       cher von  der fürstlichen  Gewalt aufgerufenen  Abordnung, wie in
       der Berechtigung  des ersten Standes zur Erscheinung (§ 307) fin-
       det die  Existenz der Stände und ihrer Versammlung eine konstitu-
       ierte, eigentümliche Garantie."
       
       Wir finden  hier einen  n e u e n  Gegensatz der bürgerlichen Ge-
       sellschaft und  der Stände,  einen   b e w e g l i c h e n,  also
       auch einen   u n b e w e g l i c h e n   Teil  derselben (den des
       Grundbesitzes). Man hat diesen Gegensatz auch als Gegensatz
       
       #317# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       von   R a u m  und  Z e i t  etc. konservativ und progressiv dar-
       gestellt. Darüber den vorigen Paragraphen. Übrigens hat Hegel den
       b e w e g l i c h e n   Teil der  Gesellschaft ebenfalls zu einem
       s t a b i l e n  durch die Korporationen etc. gemacht.
       Der zweite  Gegensatz ist,  daß der  erste, eben entwickelte Teil
       des   s t ä n d i s c h e n   E l e m e n t s,    die    M a j o-
       r a t s h e r r n     als  solche   Gesetzgeber  sind;   daß  die
       gesetzgebende Gewalt  ein Attribut  ihrer empirischen Person ist;
       daß  sie   keine     A b g e o r d n e t e n,    sondern    s i e
       s e l b s t   sind; während  bei dem  Zweiten Stand  W a h l  und
       A b o r d n u n g  stattfindet.
       Hegel gibt  zwei Gründe  an, warum  dieser    b e w e g l i c h e
       Teil der  bürgerlichen Gesellschaft  nur  durch    A b g e o r d-
       n e t e   in den  politischen  Staat,  die  gesetzgebende  Gewalt
       eintreten kann.  Den ersten,  ihre   M e n g e,    bezeichnet  er
       selbst als   ä u ß e r l i c h   und  überhebt uns  daher  dieser
       Replik.
       Der   w e s e n t l i c h e   Grund aber sei die "Natur ihrer Be-
       stimmung  und  Beschäftigung".  Die  "politische  Tätigkeit"  und
       "Beschäftigung ist ein "der Natur ihrer Bestimmung und Beschäfti-
       gung" Fremdes.
       Hegel kommt  nun wieder auf sein altes Lied, auf diese Stände als
       "A b g e o r d n e t e   der  bürgerlichen  Gesellschaft".  Diese
       müsse "dies tun  a l s  d a s,  w a s  s i e  i s t".  Sie muß es
       vielmehr tun  als das,  was sie   n i c h t   ist,  denn sie  ist
       u n p o l i t i s c h e   Gesellschaft, und  sie soll  hier einen
       p o l i t i s c h e n    Akt  als  einen    i h r    w e s e n t-
       l i c h e n,   aus ihr selbst hervorgehenden Akt vollziehn. Damit
       ist sie  in die  "Einzelnen atomistisch  aufgelöst" "und  nur für
       einen einzelnen und temporären Akt sich auf einen Augenblick ohne
       weitere Haltung  versammelnd".  Erstens  ist  ihr    P o l i t i-
       s c h e r  Akt ein  e i n z e l n e r  u n d  t e m p o r ä r e r
       und  kann   daher  in   seiner  Verwirklichung  nur  als  solcher
       erscheinen. Er  ist ein  E k l a t  machender Akt der politischen
       Gesellschaft, eine  E k s t a s e  derselben, und als solcher muß
       er auch   e r s c h e i n e n.  Zweitens. Hegel hat keinen Anstoß
       daran genommen,  es sogar  als  notwendig  konstruiert,  daß  die
       bürgerliche  Gesellschaft    m a t e r i e l l    (nur  als  eine
       z w e i t e,   v o n   i h r  a b g e o r d n e t e  G e s e l l-
       s c h a f t   auftritt) sich  von ihrer bürgerlichen Wirklichkeit
       trennt und das, was sie  n i c h t  ist, als sich setzt, wie kann
       er dies nun  f o r m e l l  verwerfen wollen?
       Hegel meint, dadurch, daß die Gesellschaft in ihren Korporationen
       etc. abordnet,  erhalten "ihre  ohnehin konstituierten  Genossen-
       schaften" etc.,  "auf diese  Weise einen    p o l i t i s c h e n
       Zusammenhang". Sie  erhalten aber  entweder eine  Bedeutung,  die
       n i c h t   ihre Bedeutung ist, oder ihr Zusammenhang als solcher
       i s t   der politische und  "e r h ä l t"  nicht erst die politi-
       sche Teinture 1*), wie oben entwickelt, sondern die "Politik" er-
       hält aus ihm ihren Zusammenhang.
       -----
       1*) Färbung
       
       #318# Karl Marx
       -----
       Dadurch, daß  Hegel nur  diesen Teil des ständischen Elements als
       das des  "Abgeordneten bezeichnet,  hat er unbewußt das Wesen der
       beiden Kammern  (da, wo sie wirklich das von ihm bezeichnete Ver-
       hältnis  zueinander  haben)  bezeichnet.  Abgeordnetenkammer  und
       Pairskammer (oder wie sie sonst heißen) sind hier nicht verschie-
       dene Existenzen  desselben Prinzips, sondern  z w e i  wesentlich
       v e r s c h i e d e n e n   P r i n z i p i e n  und sozialen Zu-
       ständen  angehörig.   Die   Abgeordnetenkammer   ist   hier   die
       p o l i t i s c h e   K o n s t i t u t i o n   der  bürgerlichen
       Gesellschaft im  modernen, die  Pairskammer im  ständischen Sinn.
       Pairskammer und  Abgeordnetenkammer stehn sich hier gegenüber als
       s t ä n d i s c h e  und als  p o l i t i s c h e  Repräsentation
       der  bürgerlichen   Gesellschaft.  Die   eine  ist  das    e x i-
       s t i e r e n d e   ständische Prinzip  der bürgerlichen  Gesell-
       schaft, die  andre ist  die Verwirklichung  ihres  a b s t r a k-
       t e n  p o l i t i s c h e n  Daseins. Es versteht sich daher von
       selbst, daß  die letztere  nicht wieder  als  Repräsentation  von
       Ständen, Korporationen  etc.  d a  s e i n  kann, denn sie reprä-
       sentiert eben nicht das ständische, sondern das politische Dasein
       der bürgerlichen  Gesellschaft. Es versteht sich dann von selbst,
       daß in  der ersten  Kammer nur der  s t ä n d i s c h e  Teil der
       bürgerlichen  Gesellschaft,   der  "souveräne  Grundbesitz",  der
       erbgeseßne Adel  Sitz hat,  denn er ist nicht  e i n  Stand unter
       andern Ständen,  sondern das  ständische Prinzip der bürgerlichen
       Gesellschaft als  wirkliches soziales,  also politisches Prinzip,
       existiert  n u r  m e h r  in ihm. Er ist  d e r  Stand. Die bür-
       gerliche Gesellschaft  hat dann  in  der    s t ä n d i s c h e n
       Kammer den  Repräsentant ihres  mittelaltrigen, in  der  Abgeord-
       netenkammer ihres  p o l i t i s c h e n  (modernen) Daseins. Der
       Fortschritt besteht hier gegen das Mittelalter nur darin, daß die
       s t ä n d i s c h e   P o l i t i k   z u   einer besondern poli-
       tischen Existenz  neben der   s t a a t s b ü r g e r l i c h e n
       Politik herabgesetzt  ist. Die   e m p i r i s c h e   politische
       Existenz, die  Hegel vor  Augen hat   (E n g l a n d),   hat also
       einen ganz anderen Sinn, als er ihr unterschiebt.
       Die französische  Konstitution ist  auch hierin  ein Fortschritt.
       Sie hat zwar die Pairskammer zur reinen Nichtigkeit herabgesetzt,
       aber diese  Kammer,   i n n e r h a l b   d e s   P r i n z i p s
       des konstitutionellen Königstums, wie es Hegel zu entwickeln vor-
       gab, kann  seiner Natur  [nach] nur  eine   N i c h t i g k e i t
       sein, die  F i k t i o n  der Harmonie zwischen Fürst und bürger-
       licher Gesellschaft  oder der   g e s e t z g e b e n d e n  G e-
       w a l t   oder des   p o l i t i s c h e n   S t a a t s    m i t
       s i c h   s e l b s t   als eine besondre und dadurch eben wieder
       g e g e n s ä t z l i c h e  Existenz.
       Die Franzosen haben die  L e b e n s l ä n g l i c h k e i t  der
       Pairs bestehn lassen, um ihre gleiche Unabhängigkeit von der Wahl
       der Regierung  und des  Volks auszudrücken.  Aber sie  haben  den
       m i t t e l a l t r i g e n    Ausdruck  -  die    E r b l i c h-
       k e i t   - abgeschafft.  Ihr Fortschritt  besteht darin, daß sie
       die     P a i r s k a m m e r    ebenfalls  nicht  mehr  aus  der
       w i r k l i c h e n   b ü r g e r l i c h e n   Gesellschaft her-
       vorgehen lassen,
       
       #319# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       sondern ebenfalls in der  A b s t r a k t i o n  von ihr geschaf-
       fen  haben.   Ihre  Wahl  lassen  sie  von  dem    e x i s t i e-
       r e n d e n   politischen Staat,  vom   F ü r s t e n,   ausgehn,
       ohne ihn an eine sonstige bürgerliche Qualität gebunden zu haben.
       Die Pairswürde  ist in  dieser  K o n s t i t u t i o n  wirklich
       ein  S t a n d  i n  d e r  b ü r g e r l i c h e n  G e s e l l-
       s c h a f t,   der rein  politisch ist,  vom Standpunkt  der  Ab-
       straktion des   p o l i t i s c h e n   S t a a t e s    aus  ge-
       schaffen ist;  er erscheint  aber mehr  als   p o l i t i s c h e
       D e k o r a t i o n   wie als  wirklicher, mit  besondern Rechten
       ausgestatteter   S t a n d.   Die Pairskammer unter der Restaura-
       tion war eine Reminiszenz. Die Pairskammer der Julirevolution ist
       ein   w i r k l i c h e s   Geschöpf der konstitutionellen Monar-
       chie.
       Da in  der modernen  Zeit die  Staatsidee nicht anders als in der
       A b s t r a k t i o n  des  "n u r  politischen Staates" oder der
       A b s t r a k t i o n    d e r    b ü r g e r l i c h e n    G e-
       s e l l s c h a f t   v o n   s i c h   s e l b s t,   von  ihrem
       wirklichen Zustande,  erscheinen konnte,  so ist es ein Verdienst
       der Franzosen,  diese  a b s t r a k t e  W i r k l i c h k e i t
       festgehalten,  produziert  und  damit  das    p o l i t i s c h e
       Prinzip selbst produziert zu haben. Was man ihnen als Abstraktion
       vorwirft, ist also wahrhafte Konsequenz und das Produkt der, wenn
       auch erst  in einem  Gegensatz, aber  in einem notwendigen Gegen-
       satz,     w i e d e r g e f u n d n e n    S t a a t s g e s i n-
       n u n g.    Das  Verdienst  der  Franzosen  ist  also  hier,  die
       Pairskammer  als     e i g e n t ü m l i c h e s     Produkt  des
       politischen Staats  gesetzt oder überhaupt das politische Prinzip
       in seiner   E i g e n t ü m l i c h k e i t  zum Bestimmenden und
       Wirksamen gemacht zu haben.
       Hegel bemerkt  noch, daß bei der von ihm konstruierten Abordnung,
       in der  "Berechtigung der  Korporationen etc.  zu solcher  Abord-
       nung", "die   E x i s t e n z   der  Stände und ihrer Versammlung
       eine   konstituierte,   eigentümliche   Garantie   findet".   Die
       G a r a n t i e  d e r  E x i s t e n z  der ständischen Versamm-
       lung, ihre  wahre   p r i m i t i v e   Existenz  wird  also  das
       P r i v i l e g i u m   der Korporationen  etc. Hiermit ist Hegel
       ganz auf  den mittelaltrigen  Standpunkt  herabgesunken  und  hat
       seine "Abstraktion  des politischen  Staats als  der  Sphäre  des
       Staats als Staat, das an und für sich Allgemeine" gänzlich aufge-
       geben.
       Im modernen  Sinn ist  die   E x i s t e n z   der   s t ä n d i-
       s c h e n     V e r s a m m l u n g    die    p o l i t i s c h e
       E x i s t e n z   der bürgerlichen  Gesellschaft, die  G a r a n-
       t i e   ihres politischen  Daseins.  Das  In-Zweifel-ziehn  ihrer
       Existenz ist  also der   Z w e i f e l   a m   D a s e i n  d e s
       S t a a t s.   Wie vorhin  bei Hegel  die "Staatsgesinnung",  das
       Wesen  der   gesetzgebenden  Gewalt,   ihre   Garantie   in   dem
       "unabhängigen Privateigentum",  so findet  ihre   E x i s t e n z
       die Garantie an den "Privilegien der Korporationen".
       Aber das  eine ständische  Element ist vielmehr das  p o l i t i-
       s c h e   P r i v i l e g i u m   der bürgerlichen  Gesellschaft,
       oder ihr   P r i v i l e g i u m,  p o l i t i s c h  zu sein. Es
       kann
       
       #320# Karl Marx
       -----
       also nirgends das Privilegium einer besondern, bürgerlichen Weise
       ihres Daseins sein, noch weniger seine Garantie in ihm finden, da
       es vielmehr die allgemeine Garantie sein  s o l l.
       So sinkt Hegel überall dahin hinab, den "politischen Staat" nicht
       als die  höchste, an und für sich seiende Wirklichkeit des sozia-
       len  Daseins   zu  schildern,   sondern  ihm   eine  prekäre,  in
       B e z i e h u n g   a u f   a n d r e s  a b h ä n g i g e  Wirk-
       lichkeit zu  geben: ihn  nicht als  das wahre  Dasein der  andern
       Sphäre zu  schildern, sondern  ihn vielmehr  in der andern Sphäre
       s e i n   w a h r e s   D a s e i n   finden zu lassen. Er bedarf
       überall der  Garantie der  Sphären, die  außer ihm liegen. Er ist
       nicht die  verwirklichte Macht.  Er ist  die    g e s t ü t z t e
       Ohnmacht, er  ist nicht die Macht über diese Stützen, sondern die
       Macht der Stütze. Die Stütze ist das Mächtige.
       Was ist  das für ein hohes Dasein, dessen Existenz einer Garantie
       außer  sich  selbst  bedarf,  und  dabei  soll  es  das    a l l-
       g e m e i n e   Dasein dieser  Garantie selbst  sein;  also  ihre
       wirkliche  Garantie.   Hegel  sinkt   überhaupt  überall  in  der
       Entwicklung der  gesetzgebenden Gewalt  von  dem  philosophischen
       Standpunkt auf  den andren Standpunkt zurück, der die Sache nicht
       in  b e z u g  a u f  s i c h  s e l b s t  betrachtet.
       Wenn die  Existenz der  Stände einer Garantie bedarf, so sind sie
       k e i n e   w i r k l i c h e,   sondern nur  eine  f i k t i v e
       S t a a t s e x i s t e n z.   Die Garantie  für die Existenz der
       Stände ist  in den  konstitutionellen Staaten  das   G e s e t z.
       Ihr Dasein  ist also  g e s e t z l i c h e s  Dasein, vom allge-
       meinen Wesen  des Staats  und nicht  von der  Macht oder Ohnmacht
       einzelner Korporationen,  Genossenschaften abhängig,  sondern als
       Wirklichkeit   der       G e n o s s e n s c h a f t        d e s
       S t a a t s.   (Die Korporationen  etc., die besondren Kreise der
       bürgerlichen Gesellschaft, sollen ja eben erst hier ihr allgemei-
       nes Dasein erhalten, und nun  a n t i z i p i e r t  Hegel wieder
       dies allgemeine Dasein als Privilegium, als das Dasein dieser Be-
       sonderheiten.)
       Das politische  Recht als  Recht von  Korporationen  etc.  wider-
       spricht ganz  dem politischen  Recht als   p o l i t i s c h e m,
       als Recht  des Staats, des Staatsbürgertums; denn es soll ja eben
       nicht das  Recht dieses Daseins als besondern Daseins sein, nicht
       das Recht als dies besondere Dasein.
       Ehe wir nun die Kategorie der  W a h l  als des politischen Akts,
       wodurch sich  die bürgerliche  Gesellschaft in  einen politischen
       Ausschuß sezerniert,  übergehn, nehmen wir noch einige Bestimmun-
       gen aus der Anmerkung zu diesem Paragraphen hinzu.
       
       "Daß   A l l e  einzeln an der Beratung und Beschließung über die
       allgemeinen Angelegenheiten  des Staats Anteil haben sollen, weil
       diese Alle  Mitglieder des  Staats und dessen Angelegenheiten die
       Angelegenheiten  A l l e r  sind, bei denen sie mit ihrem Wissen
       
       #321# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       und Willen  zu sein  ein   R e c h t  haben -, diese Vorstellung,
       welche das   d e m o k r a t i s c h e  Element  o h n e  a l l e
       v e r n ü n f t i g e   F o r m  in den Staatsorganismus, der nur
       durch solche  Form es  ist, setzen  wollte, liegt  darum so nahe,
       weil sie  bei der   a b s t r a k t e n  Bestimmung, Mitglied des
       Staats zu  sein, stehenbleibt, und das oberflächliche Denken sich
       an Abstraktionen hält."
       
       Zunächst nennt  es Hegel  eine   "a b s t r a k t e   Bestimmung,
       Mitglied des  Staats  zu  sein",  obgleich  es  selbst  nach  der
       I d e e,   der   M e i n u n g   seiner eignen  Entwicklung,  die
       höchste  k o n k r e t e s t e  soziale Bestimmung der Rechtsper-
       son, des  Staatsmitgliedes ist. Bei der "Bestimmung, Mitglied des
       Staats zu sein", stehnbleiben und den Einzelnen in dieser Bestim-
       mung fassen, das scheint her daher nicht eben das "oberflächliche
       Denken zu  sein, das  sich an  Abstraktionen hält".  Daß aber die
       "Bestimmung,  Mitglied   des  Staats   zu  sein,   eine     "a b-
       s t r a k t e"   Bestimmung ist,  das ist nicht die Schuld dieses
       Denkens, sondern  der Hegelschen  Entwicklung und  der wirklichen
       modernen Verhältnisse,  welche die Trennung des wirklichen Lebens
       vom Staatsleben  voraussetzen und  die  Staatsqualität  zu  einer
       "abstrakten Bestimmung" des wirklichen Staatsmitgliedes machen.
       Die unmittelbare  Teilnahme   A l l e r   an der Beratung und Be-
       schließung über  die allgemeinen Staatsangelegenheiten nimmt nach
       Hegel "das   d e m o k r a t i s c h e  Element  o h n e  a l l e
       v e r n ü n f t i g e   F o r m   in  den  Staatsorganismus,  der
       n u r   durch solche Form ist", auf; d.h., das demokratische Ele-
       ment kann  nur als  f o r m e l l e s  Element in einen Staatsor-
       ganismus aufgenommen  werden, der  nur der Formalismus des Staats
       ist. Das demokratische Element muß vielmehr das wirkliche Element
       sein, das  sich in  dem    g a n z e n    Staatsorganismus  seine
       v e r n ü n f t i g e   F o r m   gibt. Tritt  es dagegen als ein
       "b e s o n d r e s"  Element in den Staatsorganismus oder -forma-
       lismus, so  ist unter  der "vernünftigen  Form seines Daseins die
       Dressur, die Akkommodation, eine Form verstanden, in der es nicht
       die Eigentümlichkeit  seines Wesens  herauskehrt, oder daß es nur
       als  f o r m e l l e s  Prinzip hereintritt.
       Wir haben  schon einmal  angedeutet, Hegel  entwickelt nur  einen
       S t a a t s f o r m a l i s m u s.   Das  eigentliche    m a t e-
       r i e l l e   Prinzip ist  ihm  die    I d e e,    die  abstrakte
       Gedanken f o r m   des Staats als ein Subjekt, die absolute Idee,
       die kein  passives, ein   m a t e r i e l l e s   Moment  in sich
       hat. Gegen  die Abstraktion dieser Idee erscheinen die Bestimmun-
       gen des  wirklichen,  empirischen  Staatsformalismus  als    I n-
       h a l t   und daher der  w i r k l i c h e  Inhalt als formloser,
       unorganischer Stoff;  (hier der  wirkliche Mensch,  die wirkliche
       Sozietät etc.).
       Hegel hatte  das Wesen des ständischen Elements darin gelegt, daß
       hierin die  "empirische Allgemeinheit" zum Subjekt des an und für
       sich seienden Allgemeinen wird. Heißt das nun was andres, als daß
       die Angelegenheiten
       
       #322# Karl Marx
       -----
       des Staats  "Angelegenheiten   A l l e r  sind, bei denen sie mit
       ihrem Wissen  und Willen zu sein das  R e c h t  haben", und sol-
       len nicht eben die Stände dies ihr verwirklichtes Recht sein? Und
       ist es  nun wunderbar,  daß die Allen nun auch die "Wirklichkeit"
       dieses ihres Rechts wollen?
       
       "Daß   A l l e  einzeln an der Beratung und Beschließung über die
       allgemeinen Angelegenheiten des Staats Anteil haben sollen."
       
       In einem  wirklich vernünftigen  Staat könnte  man antworten: "Es
       s o l l e n   nicht   A l l e  e i n z e l n  an der Beratung und
       Beschließung über  die allgemeinen Angelegenheiten des Staats An-
       teil haben",  denn die  "Einzelnen" haben als "Alle", d.h. inner-
       halb der Sozietät und als Glieder der Sozietät, Anteil an der Be-
       ratung  und   Beschließung  über   die      a l l g e m e i n e n
       A n g e l e g e n h e i t e n.   Nicht Alle  einzeln, sondern die
       Einzelnen als Alle.
       Hegel stellt  sich selbst  das Dilemma.  Entweder die bürgerliche
       Gesellschaft (die Vielen, die Menge) nimmt durch Abgeordnete teil
       an der Beratung und Beschließung über die allgemeinen Staatsange-
       legenheiten, oder   A l l e   tun  dies [als  die]   E i n z e l-
       n e n.  Es ist dies kein Gegensatz des  W e s e n s,  als welchen
       ihn  Hegel   später  darzustellen  sucht,  sondern  der    E x i-
       s t e n z,   und zwar  der äußerlichsten  Existenz, der  Z a h l,
       womit immer  der Grund, den Hegel selbst als  "ä u ß e r l i c h"
       bezeichnet hat  - die   M e n g e   d e r   G l i e d e r  -, der
       beste Grund  gegen die  unmittelbare Teilnahme  Aller bleibt. Die
       Frage,  ob   die  bürgerliche   Gesellschaft  so   teil  an   der
       gesetzgebenden Gewalt  nehmen  soll,  daß  sie    e n t w e d e r
       durch    A b g e o r d n e t e    eintritt  oder  so,  daß  "Alle
       einzeln" unmittelbar  teilnehmen, ist selbst eine Frage innerhalb
       der     A b s t r a k t i o n     d e s     P o l i t i s c h e n
       S t a a t s   oder innerhalb  des   a b s t r a k t e n  P o l i-
       t i s c h e n   S t a a t s;   es  ist  eine    a b s t r a k t e
       politische Frage.
       Es ist  in beiden  Fällen, wie  Hegel dies selbst entwickelt hat,
       die politische Bedeutung der "empirischen Allgemeinheit".
       Der Gegensatz  in seiner eigentlichen Form ist: Die  E i n z e l-
       n e n   t u n  e s  A l t e,  oder die  E i n z e l n e n  tun es
       als   W e n i g e,   als   N i c h t - A l l e.  In beiden Fällen
       bleibt die  Allheit nur  als   ä u ß e r l i c h e  Vielheit oder
       Totalität der  Einzelnen.  Die  Allheit  ist  keine  wesentliche,
       geistige, wirkliche Qualität des Einzelnen. Die Allheit ist nicht
       etwas, wodurch  er  die  Bestimmung  der  abstrakten  Einzelnheit
       verlöre; sondern  die Allheit  ist nur  die volle   Z a h l   der
       E i n z e l n h e i t.   E i n e   Einzelnheit,   v i e l e  Ein-
       zelnheiten,   a l l e   Einzelnheiten. Das  Eins, Viele,  Alle  -
       keine  dieser   Bestimmungen  verwandelt  das    W e s e n    des
       Subjekts, der Einzelnheit.
       "Alle" sollen  "einzeln" an  der "Beratung  und Beschließung über
       die allgemeinen  Angelegenheiten des  Staats Anteil nehmen"; d.h.
       also:  A l l e  sollen nicht als Alle, sondern als "einzeln" die-
       sen Anteil nehmen.
       
       #323# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Die Frage  scheint in  doppelter Hinsicht in Widerspruch mit sich
       zu stehn.
       Die allgemeinen Angelegenheiten des Staats sind die Staatsangele-
       genheit, der  Staat als   w i r k l i c h e    A n g e l e g e n-
       h e i t.   Die Beratung  und  Beschließung  die    E f f e k t u-
       i e r u n g   des Staats  als wirklicher  Angelegenheit. Daß also
       alle Staatsglieder  ein  V e r h ä l t n i s  zum Staat als ihrer
       w i r k l i c h e n   A n g e l e g e n h e i t   haben,  scheint
       sich von  selbst zu verstehn. Schon in dem Begriff   S t a a t s-
       g l i e d liegt, daß sie ein  G l i e d  des Staats, ein  T e i l
       desselben sind, daß er sie als  s e i n e n  T e i l  nimmt. Wenn
       sie aber  ein   A n t e i l   des Staats,  so ist,  wie sich  von
       selbst versteht,  ihr soziales    D a s e i n    schon    i h r e
       w i r k l i c h e   T e i l n a h m e   an  demselben.  Sie  sind
       nicht nur  Anteil des  Staates, sondern  der  Staat  ist    i h r
       Anteil. Bewußter  Anteil von etwas sein, ist, sich mit Bewußtsein
       einen Teil  von ihm  nehmen, bewußten  Anteil an ihm nehmen. Ohne
       dies Bewußtsein wäre das Staatsglied ein  T i e r.
       Wenn man  sagt: "die  allgemeinen Angelegenheiten des Staats", so
       wird der  Schein hervorgebracht,  daß die "allgemeinen Angelegen-
       heiten" und  der Staat"  etwas   V e r s c h i e d e n e s  sind.
       Aber der  S t a a t  ist die "allgemeine Angelegenheit", also re-
       aliter die "allgemeinen Angelegenheiten".
       Teil an  den allgemeinen  Angelegenheiten des  Staats und teil am
       Staat nehmen,  ist also  identisch. Daß also ein Staatsglied, ein
       Staatsteil teil  am Staat nimmt und daß dieses Teilnehmen nur als
       B e r a t u n g  oder  B e s c h l i e ß u n g  oder in ähnlichen
       Formen  erscheinen  kann,  daß  also  jedes  Staatsglied  an  der
       B e r a t u n g   und  B e s c h l i e ß u n g  (wenn diese Funk-
       tionen als die Funktionen der  w i r k l i c h e n  Teilnahme des
       Staats gefaßt  werden) der allgemeinen Angelegenheiten des Staats
       teilnimmt,  ist   eine    T a u t o l o g i e.    Wenn  also  von
       w i r k l i c h e n   Staatsgliedern die  Rede ist,  so kann  von
       dieser Teilnahme  nicht als einem  S o l l e n  die Rede sein. Es
       wäre  sonst   vielmehr  von   solchen  Subjekten  die  Rede,  die
       S t a a t s g l i e d e r     sein     s o l l e n     und   sein
       w o l l e n,  aber es nicht wirklich  s i n d.
       Andrerseits: wenn  von   b e s t i m m t e n  Angelegenheiten die
       Rede ist, von einem einzelnen Staatsakt, so versteht es sich wie-
       der von  selbst, daß nicht  A l l e  e i n z e l n  ihn vollbrin-
       gen. Der  Einzelne wäre sonst die  w a h r e  Sozietät und machte
       die Sozietät  überflüssig. Der  Einzelne müßte  alles auf  einmal
       tun, während die Sozietät wie ihn für die andern, so auch die an-
       dern für ihn tun läßt.
       Die Frage,  ob   A l l e  e i n z e l n  an der "Beratung und Be-
       schließung der  allgemeinen Angelegenheiten des Staats teilnehmen
       sollen", ist  eine Frage, welche aus der Trennung des politischen
       Staats und der bürgerlichen Gesellschaft hervorgeht.
       Wir haben  gesehn. Der  Staat existiert   n u r   als    p o l i-
       t i s c h e r   S t a a t.   Die Totalität des politischen Staats
       ist die   g e s e t z g e b e n d e   G e w a l t.   Teil  an der
       gesetzgebenden Gewalt  nehmen ist daher teil am politischen Staat
       nehmen, ist sein
       
       #324# Karl Marx
       -----
       D a s e i n    als    G l i e d    d e s    p o l i t i s c h e n
       S t a a t s,  als  S t a a t s g l i e d  beweisen und verwirkli-
       chen. Daß  also   A l l e  e i n z e l n  Anteil an der gesetzge-
       benden Gewalt  nehmen wollen,  ist nichts  als der  Wille  Aller,
       wirkliche (aktive)   S t a a t s g l i e d e r  zu sein oder sich
       ein  p o l i t i s c h e s  D a s e i n  zu geben oder ihr Dasein
       als ein   p o l i t i s c h e s  zu beweisen und zu effektuieren.
       Wir  haben   ferner  gesehn,   das  ständische  Element  ist  die
       b ü r g e r l i c h e  G e s e l l s c h a f t  als gesetzgebende
       Gewalt, ihr   p o l i t i s c h e s   D a s e i n.   Daß also die
       bürgerliche  Gesellschaft     m a s s e n w e i s e,    womöglich
       g a n z,   i n  die  g e s e t z g e b e n d e  Gewalt eindringe,
       daß   sich    die   wirkliche    bürgerliche   Gesellschaft   der
       f i k t i v e n  bürgerlichen Gesellschaft der gesetzgebenden Ge-
       walt substituieren  will, das ist nichts als das Streben der bür-
       gerlichen Gesellschaft,  sich   P o l i t i s c h e s   Dasein zu
       geben oder  das  p o l i t i s c h e  D a s e i n  zu ihrem wirk-
       lichen Dasein zu machen. Das Streben der  b ü r g e r l i c h e n
       G e s e l l s c h a f t,   sich in die politische Gesellschaft zu
       verwandeln  oder  die    p o l i t i s c h e    Gesellschaft  zur
       w i r k l i c h e n   Gesellschaft zu  machen, zeigt sich als das
       Streben der  möglichst   a l l g e m e i n e n   Teilnahme an der
       g e s e t z g e b e n d e n  G e w a l t.
       Die   Z a h l  ist hier nicht ohne Bedeutung. Wenn schon die Ver-
       mehrung des   s t ä n d i s c h e n  E l e m e n t s  eine physi-
       sche  und   intellektuelle  Vermehrung   einer  der    f e i n d-
       l i c h e n   Streitkräfte ist  und wir  haben gesehn,  die  ver-
       schiedenen Elemente  der gesetzgebenden  Gewalt  stehn  sich  als
       feindliche Streitkräfte gegenüber -, so ist dagegen die Frage, ob
       Alle einzeln  Glieder der  gesetzgebenden Gewalt sein oder ob sie
       durch Abgeordnete  eintreten sollen,  die  In-Frage-Stellung  des
       r e p r ä s e n t a t i v e n  Prinzips innerhalb des repräsenta-
       tiven Prinzips,  innerhalb der  Grundvorstellung des  politischen
       Staats, der  seine Existenz  in der  konstitutionellen  Monarchie
       findet. 1.  Ist es  eine Vorstellung  der Abstraktion des politi-
       schen Staats,  daß die   g e s e t z g e b e n d e    G e w a l t
       die   T o t a l i t ä t  des politischen Staates ist. Weil dieser
       e i n e   Akt der einzige  p o l i t i s c h e  Akt der bürgerli-
       chen Gesellschaft  ist, so sollen und wollen  A l l e  auf einmal
       an ihm  teilnehmen. 2.   A l l e    als    E i n z e l n e.    Im
       s t ä n d i s c h e n   E l e m e n t   ist die gesetzgebende Tä-
       tigkeit  nicht  als    s o z i a l e,    als  eine  Funktion  der
       S o z i a l i t ä t  betrachtet, sondern vielmehr als der Akt, wo
       die Einzelnen  erst in  wirklich und   b e w u ß t  s o z i a l e
       Funktion,  d.h.   in  eine   politische  Funktion   treten.   Die
       g e s e t z g e b e n d e   G e w a l t   ist hier  kein Ausfluß,
       keine Funktion  der Sozietät,  sondern erst  ihre  B i l d u n g.
       Die Bildung  zur gesetzgebenden  Gewalt erheischt,  daß   a l l e
       Mitglieder der  bürgerlichen Gesellschaft  als    e i n z e l n e
       sich betrachten,  sie stehn  wirklich als   e i n z e l n  gegen-
       über. Die  Bestimmung, "Mitglieder  des Staats zu sein", ist ihre
       "abstrakte Bestimmung",  eine Bestimmung, die in ihrer lebendigen
       Wirklichkeit nicht verwirklicht ist.
       Entweder findet Trennung des politischen Staats und der bürgerli-
       chen   Gesellschaft   statt,   dann   können   nicht      A l l e
       e i n z e l n  an der gesetzgebenden
       
       #325# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Gewalt teilnehmen.  Der politische Staat ist eine von der bürger-
       lichen Gesellschaft  g e t r e n n t e  Existenz. Die bürgerliche
       Gesellschaft würde einerseits sich selbst aufgeben, wenn alle Ge-
       setzgeber wären, andrerseits kann der ihr gegenüberstehende poli-
       tische  Staat   sie  nur  in  einer  Form  ertragen,  die  seinem
       M a ß s t a b e  angemessen ist. Oder eben die Teilnahme der bür-
       gerlichen Gesellschaft  durch   A b g e o r d n e t e  am politi-
       schen Staat ist eben der  A u s d r u c k  ihrer Trennung und nur
       dualistischen Einheit.
       Oder  umgekehrt.  Die  bürgerliche  Gesellschaft  ist    w i r k-
       l i c h e   politische Gesellschaft.  Dann ist  es  Unsinn,  eine
       Forderung zu stellen, die nur aus der Vorstellung des politischen
       Staates als  der von  der  bürgerlichen  Gesellschaft  getrennten
       Existenz, die nur aus der  t h e o l o g i s c h e n  Vorstellung
       des politischen  Staates hervorgegangen  ist. In  diesem  Zustand
       verschwindet  die   Bedeutung  der    g e s e t z g e b e n d e n
       Gewalt als einer  r e p r ä s e n t a t i v e n  Gewalt gänzlich.
       Die gesetzgebende  Gewalt ist  hier Repräsentation  in dem Sinne,
       wie jede  Funktion repräsentativ  ist,  wie  z.B.  der  Schuster,
       insofern er  ein soziales Bedürfnis verrichtet, mein Repräsentant
       ist, wie  jede bestimmte  soziale Tätigkeit als Gattungstätigkeit
       nur die  Gattung,  d.h.  eine  Bestimmung  meines  eignen  Wesens
       repräsentiert, wie jeder Mensch der Repräsentant des anderen ist.
       Er  ist  hier  Repräsentant  nicht  durch  ein  anderes,  was  er
       vorstellt, sondern durch das, was er  i s t  und  t u t.
       Die  "gesetzgebende"   Gewalt  wird   nicht  wegen  ihres    I n-
       h a l t e s,  sondern wegen ihrer  f o r m e l l e n  politischen
       Bedeutung  angestrebt.   An  und   für  sich   mußte   z.B.   die
       R e g i e r u n g s g e w a l t  viel mehr das Ziel der Volkswün-
       sche sein  als die  gesetzgebende, die  m e t a p h y s i s c h e
       Staatsfunktion. Die   g e s e t z g e b e n d e  Funktion ist der
       Wille, nicht  in seiner  praktischen, sondern in seiner theoreti-
       schen Energie.  Der   W i l l e   soll hier nicht  s t a t t  des
       G e s e t z e s  gelten: sondern es gilt, das wirkliche Gesetz zu
       e n t d e c k e n  und zu  f o r m u l i e r e n.
       Aus dieser  zwiespältigen Natur  der gesetzgebenden  Gewalt,  als
       wirklicher     g e s e t z g e b e n d e r     Funktion  und  als
       r e p r ä s e n t a t i v e r,     a b s t r a k t - p o l i t i-
       s c h e r   Funktion, geht eine Eigentümlichkeit hervor, die sich
       vorzugsweise in  Frankreich, dem  Land der  politischen  Bildung,
       geltend macht.
       (Wir  haben   in  der    R e g i e r u n g s g e w a l t    immer
       z w e i,   das wirkliche Tun und die Staatsräson dieses Tuns, als
       ein andres  wirkliches Bewußtsein,  das in seiner totalen Gliede-
       rung die Bürokratie ist.)
       Der eigentliche  Inhalt der  gesetzgebenden Gewalt  wird  (soweit
       nicht die  herrschenden  Sonder i n t e r e s s e n  in einen be-
       deutenden Konflikt  mit dem objectum quaestionis 1*)geraten) sehr
       à part, als Nebensache behandelt. Besondere
       -----
       1*) Gegenstand der Untersuchung
       
       #326# Karl Marx
       -----
       Aufmerksamkeit erregt  eine Frage  erst,  sobald  sie    p o l i-
       t i s c h   wird, d.h.,  entweder sobald eine Ministerfrage, also
       die Macht  der gesetzgebenden  Gewalt über  die Regierungsgewalt,
       daran angeknüpft  werden kann,  oder sobald  es sich überhaupt um
       Rechte handelt, die mit dem politischen Formalismus in Verbindung
       stehn. Woher  diese Erscheinung?  Weil die  gesetzgebende  Gewalt
       zugleich  die   Repräsentation  des   politischen   Daseins   der
       bürgerlichen Gesellschaft  ist; weil  das politische  Wesen einer
       Frage überhaupt  in ihrem Verhältnis zu den verschiednen Gewalten
       des politischen Staats besteht; weil die gesetzgebende Gewalt das
       politische Bewußtsein repräsentiert und dies sich nur im Konflikt
       mit der  Regierungsgewalt als   p o l i t i s c h  beweisen kann.
       Diese wesentliche  Forderung, daß jedes soziale Bedürfnis, Gesetz
       etc.   p o l i t i s c h,   d.h. als   b e s t i m m t  d u r c h
       d a s   S t a a t s g a n z e,   in seinem  s o z i a l e n  Sinn
       eruiert werde,  nimmt im  Staat der  politischen Abstraktion  die
       Wendung, daß ihr eine  f o r m e l l e  Wendung gegen eine andere
       Macht (Inhalt)  außer ihrem  wirklichen Inhalt gegeben werde. Das
       ist  keine   Abstraktion  der  Franzosen,  sondern  das  ist  die
       notwendige Konsequenz,  weil der  wirkliche  Staat  nur  als  der
       betrachtete   p o l i t i s c h e    S t a a t s f o r m a l i s-
       m u s   existiert. Die  O p p o s i t i o n  innerhalb der reprä-
       sentativen Gewalt  ist das   ???'  ?????? 1*) p o l i t i s c h e
       Dasein  der   repräsentativen  Gewalt.  Innerhalb  dieser  reprä-
       sentativen Verfassung  nimmt indessen  die  eruierte  Frage  eine
       andre Wendung,  als in  welcher Hegel sie betrachtet hat. Es han-
       delt sich  hier nicht,  ob  die  bürgerliche  Gesellschaft  durch
       Abgeordnete oder  Alle einzeln  die gesetzgebende  Gewalt ausüben
       sollen, sondern  es handelt sich um die  A u s d e h n u n g  und
       möglichste   V e r a l l g e m e i n e r u n g    der    W a h l,
       sowohl des  a k t i v e n,  als des  p a s s i v e n  Wahlrechts.
       Das ist der eigentliche Streitpunkt der politischen  R e f o r m,
       sowohl in Frankreich als in England.
       Man betrachtet  die   W a h l  nicht philosophisch, d.h. nicht in
       ihrem eigentümlichen  Wesen, wenn  man sie  sogleich in Beziehung
       auf die   f ü r s t l i c h e    oder    R e g i e r u n g s g e-
       w a l t   faßt. Die   W a h l  ist das  w i r k l i c h e  V e r-
       h ä l t n i s   der  w i r k l i c h e n  b ü r g e r l i c h e n
       G e s e l l s c h a f t    zur    b ü r g e r l i c h e n    G e-
       s e l l s c h a f t    der    g e s e t z g e b e n d e n    G e-
       w a l t,   zu dem   r e p r ä s e n t a t i v e n  E l e m e n t.
       Oder die   W a h l    ist  das    u n m i t t e l b a r e,    das
       d i r e k t e,    das  nicht    b l o ß    v o r s t e h e n d e,
       s o n d e r n  s e i e n d e  Verhältnis der bürgerlichen Gesell-
       schaft zum  politischen Staat. Es versteht sich daher von selbst,
       daß die   W a h l   das  hauptsächliche politische  Interesse der
       wirklichen bürgerlichen  Gesellschaft bildet.  In der    u n b e-
       s c h r ä n k t e n   sowohl aktiven  als passiven   W a h l  hat
       die bürgerliche  Gesellschaft sich  erst  w i r k l i c h  zu der
       Abstraktion  von  sich  selbst,  zu  dem    p o l i t i s c h e n
       Dasein als ihrem wahren allgemeinen
       -----
       1*) hauptsächliche
       
       #327# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       wesentlichen Dasein  erhoben. Aber die Vollendung dieser Abstrak-
       tion ist  zugleich die  Aufhebung der Abstraktion. Indem die bür-
       gerliche Gesellschaft  ihr   p o l i t i s c h e s    D a s e i n
       wirklich als  ihr  w a h r e s  gesetzt hat, hat sie zugleich ihr
       bürgerliches Dasein, in seinem Unterschied von ihrem politischen,
       als  u n w e s e n t l i c h  gesetzt; und mit dem einen Getrenn-
       ten fällt  sein Andres,  sein Gegenteil. Die  W a h l r e f o r m
       ist  also   innerhalb  des    a b s t r a k t e n    p o l i t i-
       s c h e n   S t a a t s  die Forderung seiner  A u f l ö s u n g,
       aber ebenso  der   A u f l ö s u n g    d e r    b ü r g e r l i-
       c h e n  G e s e l l s c h a f t.
       Wir werden  der Frage  der Wahlreform  später unter einer anderen
       Gestalt begegnen, nämlich von der Seite der  I n t e r e s s e n.
       Ebenso werden  wir später  die andren Konflikte erörtern, die aus
       der doppelten  Bestimmung der   g e s e t z g e b e n d e n  G e-
       w a l t   (einmal   A b g e o r d n e t e r,   Mandatar der  bür-
       gerlichen  Gesellschaft,   das  andere   Mal  vielmehr  erst  ihr
       p o l i t i s c h e s    Dasein  und    e i n    e i g e n t ü m-
       l i c h e s   D a s e i n  innerhalb des politischen Staatsforma-
       lismus zu sein) hervorgehn.
       Wir kehren einstweilen zu der Anmerkung zu unserm Paragraphen zu-
       rück.
       
       "Die  vernünftige  Betrachtung,  das  Bewußtsein  der  Idee,  ist
       k o n k r e t   und trifft  insofern mit dem wahrhaften  p r a k-
       t i s c h e n   Sinne, der  selbst nichts  Anderes als  der  ver-
       nünftige Sinn,  der Sinn  der Idee  ist, zusammen." "Der konkrete
       Staat ist  das in   s e i n e    b e s o n d e r n    K r e i s e
       g e g l i e d e r t e   G a n z e;   das Mitglied des Staates ist
       ein   M i t g l i e d  eines solchen  S t a n d e s;  nur in die-
       ser seiner  objektiven Bestimmung  kann es  im Staate in Betracht
       kommen."
       
       Hierüber ist schon oben das Nötige gesagt.
       
       "Seine" (des  Staatsmitgliedes) "allgemeine  Bestimmung überhaupt
       enthält das  gedoppelte Moment,  P r i v a t p e r s o n  und als
       d e n k e n d e s   ebensosehr Bewußtsein  und Wollen des  A l l-
       g e m e i n e n   zu sein;  dieses Bewußtsein und Wollen aber ist
       nur dann  nicht  leer,  sondern    e r f ü l l t    und  wirklich
       l e b e n d i g,   wenn es  mit der  Besonderheit - und diese ist
       der besondere  Stand und Bestimmung - erfüllt ist; oder das Indi-
       viduum ist   G a t t u n g,   hat  aber seine   i m m a n e n t e
       allgemeine   W i r k l i c h k e i t   als   n ä c h s t e   Gat-
       tung."
       
       Alles das,  was Hegel sagt, ist richtig, mit der Beschränkung, 1.
       daß er   b e s o n d r e n   S t a n d   und  B e s t i m m u n g
       als identisch  setzt, 2. daß diese Bestimmung, die Art, die näch-
       ste Gattung  auch   w i r k l i c h,   nicht nur   a n   s i c h,
       sondern   f ü r  s i c h,  als Art.  d e r  a l l g e m e i n e n
       G a t t u n g,  als  i h r e  Besonderung gesetzt sein müßte. He-
       gel aber begnügt sich im Staate, den er als das selbstbewußte Da-
       sein des  sittlichen Geistes  demonstriert, daß  dieser sittliche
       Geist nur   a n    s i c h,    der  allgemeinen  Idee  nach,  das
       B e s t i m m e n d e   ist. Zum wirklichen Bestimmen läßt er die
       Sozietät nicht  kommen, weil  dazu ein  w i r k l i c h e s  Sub-
       jekt   nötig    ist   und    er   nur    ein   abstraktes,   eine
       I m a g i n a t i o n  hat.
       
       "§ 309.  Da die  Abordnung zur Beratung und Beschließung über die
       a l l g e m e i n e n
       
       #328# Karl Marx
       -----
       Angelegenheiten geschieht,  hat sie  den Sinn,  daß durch das Zu-
       trauen solche  Individuen dazu  bestimmt werden,  die sich besser
       auf diese  Angelegenheiten verstehen  als  die  Abordnenden,  wie
       auch, daß  sie nicht das besondere Interesse einer Gemeinde, Kor-
       poration gegen  das allgemeine, sondern wesentlich dieses geltend
       machen. Sie  haben damit  nicht das Verhältnis, kommittierte oder
       Instruktionen überbringende  Mandatarien zu  sein, um  so weniger
       als die  Zusammenkunft die  Bestimmung hat,  eine lebendige, sich
       gegenseitig unterrichtende  und überzeugende, gemeinsam beratende
       Versammlung zu sein."
       
       Die Abgeordneten sollen 1. keine "kommittierte oder Instruktionen
       überbringende Mandatarien sein, weil "sie nicht das besondere In-
       teresse einer Gemeinde, Korporation gegen das allgemeine, sondern
       wesentlich dies  geltend machen"  sollen. Hegel hat die Repräsen-
       tanten erst  als Repräsentanten  der Korporationen  etc. konstru-
       iert, um  dann wieder  die andere politische Bestimmung hereinzu-
       bringen, daß  sie nicht  das   b e s o n d r e  I n t e r e s s e
       der Korporation etc. geltend zu machen haben. Er hebt damit seine
       eigene Bestimmung  auf,  denn  er  trennt  sie  in  ihrer    w e-
       s e n t l i c h e n   Bestimmung als  Repräsentanten gänzlich von
       ihrem  K o r p o r a t i o n s d a s e i n.  Er trennt damit auch
       die Korporation  von sich  als ihrem  wirklichen Inhalt, denn sie
       soll nicht  aus   i h r e m   G e s i c h t s p u n k t,  sondern
       aus dem  S t a a t s g e s i c h t s p u n k t  wählen, d.h., sie
       soll in  ihrem   N i c h t - D a s e i n  als Korporation wählen.
       In der  m a t e r i e l l e n  Bestimmung erkennt er also an, was
       er in  ihrer   f o r m e l l e n   verkehrte, die Abstraktion der
       bürgerlichen Gesellschaft  von sich  selbst in  ihrem politischen
       Akt, und  ihr  p o l i t i s c h e s  D a s e i n  ist nichts als
       d i e s e   A b s t r a k t i o n.  Hegel gibt als Grund an, weil
       sie eben zur Betätigung der "allgemeinen Angelegenheiten" gewählt
       werden;  aber   die  Korporationen   sind  keine  Existenzen  der
       allgemeinen Angelegenheiten.
       2. soll die  "Abordnung den  Sinn" haben, "daß durch das Zutrauen
       solche Individuen dazu bestimmt werden, die sich besser auf diese
       Angelegenheiten verstehen  als die  Abordnenden", woraus abermals
       folgen soll,  daß die  Deputierten also  nicht das Verhältnis der
       "Mandatarien" haben.
       Daß sie  dieses "besser"  verstehn und  nicht "einfach" verstehn,
       kann Hegel  nur durch  ein Sophisma herausbringen. Es könnte dies
       nur dann  geschlossen werden,  wenn die Abordnenden die Wahl hät-
       ten, die allgemeinen Angelegenheiten  s e l b s t  zu beraten und
       zu beschließen   o d e r   bestimmte Individuen zu ihrer Vollzie-
       hung abzuordnen;  d.h., eben  wenn die   A b o r d n u n g,   die
       R e p r ä s e n t a t i o n,   nicht wesentlich zum Charakter der
       g e s e t z g e b e n d e n   G e w a l t   der bürgerlichen  Ge-
       sellschaft gehörte,  was eben  ihr    e i g e n t ü m l i c h e s
       Wesen, wie eben ausgeführt, in dem von Hegel konstruierten Staate
       ausmacht.
       Es ist dies Beispiel sehr bezeichnend dafür, wie Hegel die Sache
       
       #329# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       innerhalb ihrer Eigentümlichkeit halb absichtlich aufgibt und ihr
       in ihrer  bornierten Gestalt  den entgegengesetzten  Sinn  dieser
       Borniertheit unterschiebt.
       Den eigentlichen  Grund gibt  Hegel zuletzt.  Die Deputierten der
       bürgerlichen  Gesellschaft  konstituieren  sich  zu  einer  "Ver-
       sammlung", und  diese Versammlung ist erst das  w i r k l i c h e
       p o l i t i s c h e     D a s e i n     und    W o l l e n    der
       bürgerlichen Gesellschaft.  Die Trennung  des politischen  Staats
       von der  bürgerlichen Gesellschaft erscheint als die Trennung der
       Deputierten von  ihren Mandataren.  Die Gesellschaft  ordnet bloß
       die Elemente zu ihrem politischen Dasein von sich ab.
       Der Widerspruch erscheint doppelt:
       1.  f o r m e l l.   Die Abgeordneten  der  bürgerlichen  Gesell-
       schaft sind  eine Gesellschaft,  die nicht  durch  die  Form  der
       "Instruktion", des Auftrages mit ihren Kommittenten in Verbindung
       stehn. Sie  sind formell  kommittiert, aber  sobald sie  w i r k-
       l i c h   sind, sind  sie   n i c h t  mehr  K o m m i t t i e r-
       t e.   Sie sollen   A b g e o r d n e t e   s e i n   und sind es
       n i c h t.
       2.  m a t e r i e l l.  In bezug auf die Interessen. Darüber her-
       nach. Hier findet das Umgekehrte statt. Sie sind als Repräsentan-
       ten der  a l l g e m e i n e n  Angelegenheiten kommittiert, aber
       sie repräsentieren wirklich  b e s o n d r e  Angelegenheiten.
       Bezeichnend ist,  daß   H e g e l  hier das Zutrauen als die Sub-
       stanz der   A b o r d n u n g   bezeichnet, als das substantielle
       Verhältnis  zwischen   Abordnenden  und   Abgeordneten.      Z u-
       t r a u e n   ist ein  persönliches Verhältnis.  Es heißt darüber
       weiter in dem Zusatz:
       
       "Repräsentation gründet  sich auf Zutrauen, Zutrauen aber ist et-
       was Anderes, als ob ich als dieser meine Stimme gebe. Die Majori-
       tät der  Stimmen ist  ebenso dem Grundsatze zuwider, daß bei dem,
       was mich  verpflichten muß, ich als dieser zugegen sein soll. Man
       hat Zutrauen  zu einem  Menschen, indem  man seine Einsicht dafür
       ansieht, daß  er meine  Sache als seine Sache, nach seinem besten
       Wissen und Gewissen, behandeln wird."
       
       "§ 310. Die  G a r a n t i e  der diesem Zweck entsprechenden Ei-
       genschaften und der Gesinnung - da das unabhängige Vermögen schon
       in dem  ersten Teile der Stände sein Recht verlangt -, zeigt sich
       bei dem zweiten Teile, der aus dem beweglichen und veränderlichen
       Elemente der bürgerlichen Gesellschaft hervorgeht, vornehmlich in
       der durch   w i r k l i c h e   Geschäftsführung  in   o b r i g-
       k e i t l i c h e n   oder   S t a a t s ä m t e r n   erworbenen
       und durch  die   T a t  bewährten Gesinnung, Geschicklichkeit und
       Kenntnis der  Einrichtungen und  Interessen des  Staats  und  der
       bürgerlichen Gesellschaft  und dein  dadurch gebildeten  und  er-
       probten   o b r i g k e i t l i c h e n   S i n n   und   S i n n
       d e s  S t a a t s."
       
       Erst wurde  die erste  Kammer, die   K a m m e r  d e s  u n a b-
       h ä n g i g e n   P r i v a t e i g e n t u m s   für den Fürsten
       und die Regierungsgewalt als  G a r a n t i e  gegen die
       
       #330# Karl Marx
       -----
       Gesinnung der  zweiten  Kammer  als  dem    p o l i t i s c h e n
       D a s e i n  der empirischen Allgemeinheit konstruiert, und jetzt
       verlangt Hegel wieder eine  n e u e  G a r a n t i e,  welche die
       G e s i n n u n g   etc. der  zweiten Kammer  selbst  garantieren
       soll.
       Erst war  das Zutrauen - die Garantie der Abordner - die Garantie
       der Abgeordneten.  Jetzt bedarf  dies Zutrauen  selbst wieder der
       Garantie seiner Tüchtigkeit.
       Hegel hätte  nicht übel  Lust, die  zweite Kammer  zur Kammer der
       p e n s i o n i e r t e n   Staatsbeamten zu  machen. Er verlangt
       nicht nur  "den Sinn des Staats", sondern auch "obrigkeitlichen",
       bürokratischen Sinn.
       Was er  hier wirklich  verlangt, ist,  daß die   g e s e t z g e-
       b e n d e   Gewalt die   w i r k l i c h e    r e g i e r e n d e
       Gewalt sein  soll. Er  drückt dies  so aus, daß er die Bürokratie
       z w e i m a l   verlangt, einmal  als Repräsentation  der Fürsten
       und das andere Mal als Repräsentantin des Volkes.
       Wenn in  konstitutionellen Staaten  auch Beamte zulässig sind als
       Deputierte, so  ist dies nur, weil überhaupt vom  S t a n d,  von
       der   b ü r g e r l i c h e n   Qualität abstrahiert  und die Ab-
       straktion des   S t a a t s b ü r g e r t u m s   das Herrschende
       ist.
       Hegel  vergißt   dabei,  daß   er  die   Repräsentation  von  den
       K o r p o r a t i o n e n  ausgehn ließ und daß diesen direkt die
       Regierungsgewalt gegenübersteht. Er geht in diesem Vergessen, was
       er gleich  in dem  folgenden Paragraphen wieder vergißt, so weit,
       daß er  einen   w e s e n t l i c h e n  Unterschied zwischen den
       Abgeordneten der  Korporation und  den  ständischen  Abgeordneten
       kreiert.
       In der Anmerkung zu diesem Paragraphen heißt es:
       
       "Die subjektive Meinung von sich findet leicht die Forderung sol-
       cher Garantien, wenn sie in Rücksicht auf das sogenannte Volk ge-
       macht wird,  überflüssig, ja  selbst etwa  beleidigend. Der Staat
       hat aber  das Objektive,  nicht eine subjektive Meinung und deren
       S e l b s t z u t r a u e n  zu seiner Bestimmung; die Individuen
       können nur  das für ihn sein, was an ihnen objektiv erkennbar und
       erprobt ist,  und er hat hierauf bei diesem Teile des ständischen
       Elements um  so mehr  zu sehen,  als derselbe seine Wurzel in den
       auf das Besondere gerichteten Interessen und Beschäftigungen hat,
       wo die  Zufälligkeit, Veränderlichkeit und Willkür ihr Recht sich
       zu ergehen hat."
       
       Hier wird  die gedankenlose  Inkonsequenz und  der    "o b r i g-
       k e i t l i c h e"   Sinn Hegels  wirklich   e k e l h a f t.  Am
       Schlusse des Zusatzes zum früheren Paragraphen heißt es:
       
       "Daß dieses"  (sc. ihre  oben beschriebene Aufgabe) "der Abgeord-
       nete vollbringe  und befördere,  dazu bedarf es für die Wählenden
       der Garantie."
       
       Diese Garantie   f ü r   d i e  W ä h l e n d e n  hat sich unter
       der Hand  in eine  G a r a n t i e  g e g e n  die Wählenden, ge-
       gen ihr   "S e l b s t z u t r a u e n"  entwickelt. In dem stän-
       dischen Element  sollte die "empirische Allgemeinheit zum Moment"
       der
       
       #331# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       "subjektiven formellen Freiheit" kommen. "Das öffentliche Bewußt-
       sein"  sollte  in  ihm  "als    e m p i r i s c h e    A l l g e-
       m e i n h e i t  der Ansichten und Gedanken der  V i e l e n  zur
       Existenz" kommen. (§ 301.)
       Jetzt sollen  diese "Ansichten  und Gedanken"    z u v o r    der
       R e g i e r u n g   eine Probe  ablegen, daß sie "ihre" Ansichten
       und Gedanken  sind. Hegel  spricht hier  nämlich dummerweise  vom
       Staat als einer  f e r t i g e n  Existenz, obgleich er eben erst
       daran ist,  im ständischen Element den Staat fertig zu konstruie-
       ren. Er  spricht vom Staat als konkretem Subjekt, das "sich nicht
       an die  subjektive Meinung  und deren  Selbstzutrauen stößt", für
       den die  Individuen erst  sich "erkennbar"  gemacht und "erprobt"
       haben. Es  fehlt nur  noch, daß  Hegel  ein    E x a m e n    der
       S t ä n d e   abzulegen bei der Wohllöblichen Regierung verlangt.
       Hegel geht  hier fast bis zur Servilität. Man sieht ihn durch und
       durch angesteckt  von  dem  elenden  Hochmut  der    p r e u ß i-
       s c h e n  Beamtenwelt, die vornehm in ihrer Büroborniertheit auf
       das "Selbstzutrauen"  der "subjektiven Meinung des Volks zu sich"
       herabsieht. Der  "Staat" ist hier überall für Hegel identisch mit
       der "Regierung".
       Allerdings kann  in einem wirklichen Staate das "bloße Zutrauen",
       die "subjektive  Meinung" nicht  genügen. Aber  in dem  von Hegel
       konstruierten Staate  ist die  p o l i t i s c h e  Gesinnung der
       bürgerlichen Gesellschaft  eine bloße   M e i n u n g,  eben weil
       ihr politisches  Dasein eine   A b s t r a k t i o n   von  ihrem
       wirklichen Dasein  ist; eben  weil das Ganze des Staats nicht die
       O b j e k t i v i e r u n g   d e r   p o l i t i s c h e n  G e-
       s i n n u n g   ist. Wollte  Hegel konsequent  sein, so  müßte er
       vielmehr  alles  aufbieten,  um  das  ständische  Element  seiner
       w e s e n t l i c h e n   B e s t i m m u n g   gemäß (§ 301) als
       das   F ü r s i c h s e i n   d e r  allgemeinen Angelegenheit in
       den Gedanken  etc. der   V i e l e n,   also eben ganz unabhängig
       von den andern Voraussetzungen des politischen Staats zu konstru-
       ieren.
       Ebenso wie  Hegel es  früher als  die Ansicht des Pöbels bezeich-
       nete, den  schlechten Willen  bei der Regierung etc. vorauszuset-
       zen, ebensosehr  und noch mehr ist es die Ansicht des Pöbels, den
       schlechten Willen  beim Volke  vorauszusetzen. Hegel darf es dann
       auch bei den von ihm verachteten Theoretikern weder "überflüssig"
       noch "beleidigend"  finden, wenn  Garantien "in Rücksicht auf den
       s o g e n a n n t e n  Staat, den soi-disant Staat, die Regierung
       verlangt, Garantien  verlangt werden, daß die Gesinnung der Büro-
       kratie die Staatsgesinnung sei.
       
       "§ 311. Die Abordnung, als von der bürgerlichen Gesellschaft aus-
       gehend, hat  ferner den Sinn, daß die Abgeordneten mit deren spe-
       ziellen Bedürfnissen, Hindernissen, besonderen Interessen bekannt
       seien und  ihnen selbst  angehören. Indem  sie nach der Natur der
       bürgerlichen Gesellschaft  von ihren  verschiedenen Korporationen
       ausgeht (§  308) und die einfache Weise dieses Ganges nicht durch
       Abstraktionen und
       
       #332# Karl Marx
       -----
       die atomistischen  Vorstellungen gestört wird, so erfüllt sie da-
       mit unmittelbar  jenen Gesichtspunkt,  und  Wählen  ist  entweder
       überhaupt etwas  Überflüssiges oder reduziert sich auf ein gerin-
       ges Spiel der Meinung und der Willkür."
       
       Zunächst knüpft  Hegel die  Abordnung  in  ihrer  Bestimmung  als
       "gesetzgebende Gewalt" (§ 309, 310) an die Abordnung "als von der
       bürgerlichen Gesellschaft ausgehend", d.h. an ihre repräsentative
       Bestimmung, durch  ein einfaches  "ferner" an. Die ungeheuren Wi-
       dersprüche, die  in diesem "ferner" liegen, spricht er ebenso ge-
       dankenlos aus.
       Nach §  309 sollen die Abordnenden "nicht das besondere Interesse
       einer  Gemeinde,   Korporation  gegen   das  allgemeine,  sondern
       w e s e n t l i c h  dieses geltend machen".
       Nach §  311 gehn  sie von  den Korporationen  aus, repräsentieren
       diese besondern  Interessen und Bedürfnisse und lassen sich nicht
       durch "Abstraktionen" stören, als wenn das "allgemeine Interesse"
       nicht auch  eine solche  Abstraktion wäre,  eine Abstraktion eben
       von  i h r e n  Korporations- etc. Interessen.
       Nach §  310 wird verlangt, "daß sie durch wirkliche Geschäftsfüh-
       rung etc.  sich obrigkeitlichen Sinn und den Sinn des Staats" er-
       worben und bewährt haben. Im § 311 wird Korporations- und bürger-
       licher Sinn verlangt.
       In dem Zusatz zu § 309 heißt es: "Repräsentation gründet sich auf
       Z u t r a u e n."   Nach §  311 ist  "Wählen", diese Realisierung
       des Zutrauens, diese Betätigung, Erscheinung desselben, "entweder
       überhaupt etwas  Überflüssiges oder reduziert sich auf ein gerin-
       ges Spiel der Meinung und der Willkür".
       Das, worauf  sich die Repräsentation gründet, ihr Wesen, ist also
       der Repräsentation  "entweder überhaupt etwas Überflüssiges" etc.
       Hegel stellt  also in  einem Atem die absoluten Widersprüche auf:
       Die Repräsentation  gründet sich  auf Zutrauen, auf das Vertrauen
       des Menschen zum Menschen, und sie gründet sich nicht auf das Zu-
       trauen. Das ist vielmehr eine bloße formelle Spielerei.
       Das besondere Interesse ist nicht das Objekt der Vertretung, son-
       dern der  Mensch und  sein Staatsbürgertum, das allgemeine Inter-
       esse. Andrerseits: Das besondere Interesse ist der Stoff der Ver-
       tretung, der  Geist dieses Interesses ist der Geist des Repräsen-
       tanten.
       In der  Anmerkung zu  diesem Paragraphen, den wir nun betrachten,
       werden diese Widersprüche noch greller durchgeführt. Das eine Mal
       ist die  Repräsentation die  Vertretung des  Menschen, das andere
       Mal des besonderen Interesses, des besonderen Stoffes.
       "Es bietet sich von selbst das Interesse dar, daß unter den Abge-
       ordneten sich für jeden besonderen großen Zweig der Gesellschaft,
       z.B. für den Handel, für die
       
       #333# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
       -----
       Fabriken usf.  Individuen befinden,  die ihn gründlich kennen und
       ihm selbst  angehören; -  in der  Vorstellung eines  losen, unbe-
       stimmten Wählens ist dieser wichtige Umstand nur der Zufälligkeit
       preisgegeben. Jeder solcher Zweig hat aber gegen den andern glei-
       ches Recht,  repräsentiert zu  werden. Wenn  die Abgeordneten als
       R e p r ä s e n t a n t e n  betrachtet werden, so hat dies einen
       organisch   vernünftigen   Sinn   nur   dann,   daß   sie   nicht
       R e p r ä s e n t a n t e n  als von  E i n z e l n e n,  von ei-
       ner Menge  seien, sondern  R e p r ä s e n t a n t e n  einer der
       wesentlichen  S p h ä r e n  der Gesellschaft, Repräsentanten ih-
       rer großen  Interessen. Das  Repräsentieren hat  damit auch nicht
       mehr die  Bedeutung, daß   E i n e r   a n   d e r    S t e l l e
       e i n e s   A n d e r n  sei, sondern das Interesse selbst ist in
       seinem Repräsentanten   w i r k l i c h    g e g e n w ä r t i g,
       so wie  der Repräsentant  für sein  eigenes objektives Element da
       ist.
       Von dem  Wählen durch  die vielen  Einzelnen  kann  noch  bemerkt
       "werden,  daß   notwendig  besonders   in  großen   Staaten   die
       G l e i c h g ü l t i g k e i t   gegen das  Geben seiner Stimme,
       als die in der Menge eine unbedeutende Wirkung hat, eintritt, und
       die Stimmberechtigten,  diese Berechtigung  mag ihnen  als  etwas
       noch so  Hohes angeschlagen  und  vorgestellt  werden,  eben  zum
       Stimmgeben nicht  erscheinen: -  so daß  aus solcher  Institution
       vielmehr das  Gegenteil ihrer  Bestimmung erfolgt und die Wahl in
       die Gewalt Weniger, einer Partei, somit des besondern, zufälligen
       Interesses fällt, das gerade neutralisiert werden sollte."
       
       Die beiden  Paragraphen 312 und 313 sind im früheren erledigt und
       keiner besonderen Besprechung wert. Wir setzen sie daher hierhin:
       
       "§ 312.  Von den  zwei im ständischen Elemente enthaltenen Seiten
       (§ 305, 308) bringt jede in die Beratung eine besondere Modifika-
       tion; und weil überdem das eine Moment die eigentümliche Funktion
       der Vermittelung  innerhalb dieser  Sphäre und zwar zwischen Exi-
       stierenden hat,  so ergibt sich für dasselbe gleichfalls eine ab-
       gesonderte Existenz;  die ständische  Versammlung wird sich somit
       in  z w e i  K a m m e r n  teilen."
       
       O Jerum!
       
       "§ 313. Durch diese Sonderung erhält nicht nur die Reife der Ent-
       schließung vermittelst  einer  Mehrheit  von    I n s t a n z e n
       ihre größere  Sicherung, und wird die Zufälligkeit einer Stimmung
       des Augenblicks,  wie die  Zufälligkeit, welche  die Entscheidung
       durch die  Mehrheit der  Stimmenanzahl annehmen  kann,  entfernt,
       sondern vornehmlich  kommt das  ständische Element weniger in den
       Fall, der Regierung direkt gegenüber zu stehen, oder im Falle das
       vermittelnde Moment  sich gleichfalls  auf der  Seite des zweiten
       Standes befindet, wird das Gewicht seiner Ansicht um so mehr ver-
       stärkt, als  sie so  unparteiischer und  sein Gegensatz neutrali-
       siert erscheint." 1*)
       -----
       1*) Hier bricht die Handschrift ab.

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