Quelle: MEW 1 1839 - 1844
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Karl Marx
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. [139]
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Geschrieben März bis August 1843.
Nach der Handschrift.
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[Kritik des Hegelschen Staatsrechts (§§ 261-313)]
"§ 261. Gegen die Sphären des Privatrechts und Privatwohls, der
Familie und der bürgerlichen Gesellschaft, ist der Staat
e i n e r s e i t s eine ä u ß e r l i c h e Notwendigkeit und
ihre höhere Macht, deren Natur ihre Gesetze sowie ihre Interessen
untergeordnet und davon abhängig sind; aber a n d e r e r-
s e i t s ist er ihr i m m a n e n t e r Zweck und hat seine
Stärke in der Einheit seines allgemeinen Endzwecks und des
besonderen Interesses der Individuen, darin, daß sie insofern
P f l i c h t e n gegen ihn haben, als sie zugleich Rechte haben
(§ 155)."
Der vorige Paragraph belehrt uns dahin, daß die k o n k r e t e
F r e i h e i t in der Identität (sein sollenden, zwieschlächti-
gen) des Systems des Sonderinteresses (der Familie und der bür-
gerlichen Gesellschaft) mit dem System des allgemeinen Interesses
(des Staates) bestehe. Das Verhältnis dieser Sphären soll nun nä-
her bestimmt werden.
Einerseits der Staat gegen die Sphäre der Familie und der bürger-
lichen Gesellschaft eine "ä u ß e r l i c h e Notwendigkeit",
eine Macht, wovon ihm "Gesetze" und "Interessen" "untergeordnet
und abhängig" sind. Daß der Staat gegen die Familie und bürgerli-
che Gesellschaft eine "ä u ß e r l i c h e Notwendigkeit" ist,
lag schon teils in der Kategorie des "Übergangs", teils in ihrem
b e w u ß t e n V e r h ä l t n i s zum Staat. Die "Unter-
ordnung" unter den Staat entspricht noch vollständig diesem
Verhältnis der "ä u ß e r l i c h e n Notwendigkeit". Was Hegel
aber unter der "Abhängigkeit" versteht, zeigt folgender Satz der
Anmerkung zu diesem Paragraphen:
"daß den Gedanken der A b h ä n g i g k e i t insbesondere auch
der privatrechtlichen Gesetze von dem bestimmten Charakter des
Staats, und die philosophische Ansicht, den Teil nur in seiner
Beziehung auf das Ganze zu betrachten, - vornehmlich Montesquieu
[...] ins Auge gefaßt" etc.
Hegel spricht also hier von der i n n e r n Abhängigkeit oder
der wesentlichen Bestimmung des Privatrechts etc. vom Staate;
zugleich aber subsumiert er diese Abhängigkeit unter das Verhält-
nis der "ä u ß e r l i c h e n Notwendigkeit"
#204# Karl Marx
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und stellt sie der andern Beziehung, worin sich Familie und bür-
gerliche Gesellschaft zum Staate als ihrem "i m m a n e n t e n
Zweck" verhalten, als die andere Seite entgegen.
Unter der "äußerlichen Notwendigkeit" kann nur verstanden werden,
daß "Gesetze" und "Interessen" der Familie und der Gesellschaft
den "Gesetzen" und "Interessen" des Staats im Kollisionsfall wei-
chen müssen, ihm untergeordnet sind, ihre Existenz von der seini-
gen abhängig ist oder auch sein Wille und seine Gesetze ihrem
"Willen" und ihren "Gesetzen" als eine Notwendigkeit erscheint!
Allein Hegel spricht hier nicht von empirischen Kollisionen; er
spricht vom Verhältnis der "S p h ä r e n des Privatrechts und
Privatwohls, der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft" zum
Staat; es handelt sich vom w e s e n t l i c h e n V e r-
h ä l t n i s dieser Sphären selbst. Nicht nur ihre "Interes-
sen", auch ihre "Gesetze", ihre "wesentlichen Bestimmungen" sind
vom Staat "abhängig" und ihm "untergeordnet". Er verhält sich als
"höhere M a c h t" zu ihren "Gesetzen und Interessen". Ihr
"Interesse" und "Gesetz" verhalten sich als sein "Unterge-
ordneter". Sie leben in der "Abhängigkeit" von ihm. Eben weil
"Unterordnung" und "Abhängigkeit" ä u ß e r e, das selbständige
Wesen einengende und ihm zuwiderlaufende Verhältnisse sind, ist
das Verhältnis der "Familie" und der "bürgerlichen Gesellschaft"
zum Staate das der "ä u ß e r l i c h e n Notwendigkeit", einer
Notwendigkeit, die gegen das innere Wesen der Sache angeht. Dies
selbst, daß "die privatrechtlichen Gesetze von dem bestimmten
Charakter des Staats" abhängen, nach ihm sich modifizieren, wird
daher unter das Verhältnis der "ä u ß e r l i c h e n
N o t w e n d i g k e i t" subsumiert, eben weil "bürgerliche
Gesellschaft und Familie" in ihrer wahren, d.i. in ihrer
selbständigen und vollständigen Entwicklung dem Staat als
besondere "Sphären" vorausgesetzt sind. "U n t e r o r d-
n u n g" und "A b h ä n g i g k e i t" sind die Ausdrücke für
eine "äußerliche", e r z w u n g e n e, scheinbare Identität,
als deren logischen Ausdruck Hegel richtig die "ä u ß e r-
l i c h e N o t w e n d i g k e i t" gebraucht. In der "Unter-
ordnung" und "Abhängigkeit" hat Hegel die eine Seite der
zwiespältigen Identität weiter entwickelt, und zwar die Seite der
Entfremdung innerhalb der Einheit,
"aber andererseits ist er ihr i m m a n e n t e r Zweck und hat
seine Stärke in der Einheit seines a l l g e m e i n e n End-
zwecks und des b e s o n d e r e n I n t e r e s s e s der In-
dividuen, darin, daß sie insofern P f l i c h t e n gegen ihn
haben, als sie zugleich Rechte haben".
Hegel stellt hier eine ungelöste A n t i n o m i e auf.
E i n e r s e i t s äußerliche Notwendigkeit, a n d r e r-
s e i t s immanenter Zweck. Die Einheit des a l l g e m e i-
n e n E n d z w e c k s des Staats und des b e s o n d e r e n
I n t e r e s s e s d e r I n d i v i d u e n soll darin
bestehn, daß ihre P f l i c h t e n gegen den Staat und
i h r e R e c h t e an denselben
#205# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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identisch sind (also z.B. die Pflicht, das Eigentum zu respektie-
ren, mit dem Recht auf Eigentum zusammenfiele).
Diese Identität wird in der Anmerkung [zum § 261] also expli-
ziert:
"Da die P f l i c h t zunächst das Verhalten g e g e n etwas
für mich S u b s t a n t i e l l e s, an und für sich Allgemei-
nes ist, das Recht dagegen das D a s e i n überhaupt dieses
Substantiellen ist, damit die Seite seiner B e s o n d e r-
h e i t und meiner b e s o n d e r n Freiheit ist, so
erscheint beides auf den formellen Stufen an verschiedene Seiten
oder Personen verteilt. Der Staat als Sittliches, als Durch-
dringung des Substantiellen und des Besonderen, enthält, daß
meine Verbindlichkeit gegen das Substantielle zugleich das Dasein
meiner besonderen Freiheit, d.i. in ihm Pflicht und Recht i n
e i n e r u n d d e r s e l b e n B e z i e h u n g v e r-
e i n i g t sind."
§ 262. "Die wirkliche Idee, der Geist, der sich selbst in die
zwei ideellen Sphären seines Begriffe, die Familie und die bür-
gerliche Gesellschaft, als in seine E n d l i c h k e i t
scheidet, um aus ihrer Idealität f ü r s i c h u n e n d-
l i c h e r wirklicher Geist zu sein, teilt somit diesen Sphären
das Material dieser seiner endlichen Wirklichkeit, die Individuen
als die M e n g e zu, so daß diese Zuteilung am Einzelnen durch
die Umstände, die Willkür und eigene Wahl seiner Bestimmung
v e r m i t t e l t erscheint."
Übersetzen wir diesen Satz in Prosa, so folgt:
Die Art und Weise, wie der Staat sich mit der Familie und der
bürgerlichen Gesellschaft vermittelt, sind "die Umstände, die
Willkür und die eigene Wahl der Bestimmung". Die Staatsvernunft
hat also mit der Zerteilung des Staatsmaterials an Familie und
bürgerliche Gesellschaft nichts zu tun. Der Staat geht auf eine
unbewußte und willkürliche Weise aus ihnen hervor. Familie und
bürgerliche Gesellschaft erscheinen als der dunkle Naturgrund,
woraus das Staatslicht sich entzündet. Unter dem Staatsmaterial
sind die G e s c h ä f t e des Staats, Familie und bürgerliche
Gesellschaft verstanden, insofern sie Teile des Staats bilden, am
Staat als solchen teilnehmen.
In doppelter Hinsicht ist diese Entwicklung merkwürdig.
1. Familie und bürgerliche Gesellschaft werden als B e-
g r i f f s s p h ä r e n des Staats gefaßt, und zwar als die
Sphären seiner E n d l i c h k e i t, als s e i n e E n d-
l i c h k e i t. Der Staat ist es, der sich in sie s c h e i-
d e t, der sie v o r a u s s e t z t, und zwar t u t er
dieses, "um aus ihrer Idealität f ü r s i c h u n e n d l i-
c h e r wirklicher Geist zu sein". "Er scheidet sich, um." Er
"t e i l t s o m i t diesen Sphären das Material seiner Wirk-
lichkeit zu, s o d a ß diese Zuteilung etc. vermittelt e r-
s c h e i n t" . Die genannte "wirkliche Idee" (der Geist als
unendlicher, wirklicher) wird so dargestellt, als ob sie nach
einem bestimmten Prinzip und zu bestimmter Absicht handle. Sie
scheidet sich in endliche Sphären, sie tut dies, "um in sich
zurückzukehren, für sich zu sein", und sie tut dies zwar so, daß
das grade ist, wie es wirklich ist.
An dieser Stelle erscheint der logische, pantheistische Mystizis-
mus sehr klar.
#206# Karl Marx
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Das w i r k l i c h e Verhältnis ist: "daß die Zuteilung des
Staatsmaterials am Einzelnen durch die Umstände, die Willkür und
die eigene Wahl seiner Bestimmung vermittelt ist". Diese Tatsa-
che, dies w i r k l i c h e V e r h ä l t n i s wird von der
Spekulation als E r s c h e i n u n g, als P h ä n o m e n
ausgesprochen. Diese Umstände, diese Willkür, diese Wahl der Be-
stimmung, diese w i r k l i c h e V e r m i t t l u n g sind
bloß die E r s c h e i n u n g e i n e r V e r m i t t-
l u n g, welche die wirkliche Idee mit sich selbst vornimmt und
welche hinter der Gardine vorgeht. Die Wirklichkeit wird nicht
als sie selbst, sondern als eine andere Wirklichkeit
ausgesprochen. Die gewöhnliche Empirie hat nicht ihren eigenen
Geist, sondern einen fremden zum Gesetz, wogegen die wirkliche
Idee nicht eine aus ihr selbst entwickelte Wirklichkeit, sondern
die gewöhnliche Empirie zum Dasein hat.
Die Idee wird versubjektiviert und das w i r k l i c h e Ver-
hältnis von Familie und bürgerlicher Gesellschaft zum Staat wird
als ihre i n n e r e i m a g i n ä r e Tätigkeit gefaßt. Fami-
lie und bürgerliche Gesellschaft sind die Voraussetzungen des
Staats; sie sind die eigentlich Tätigen; aber in der Spekulation
wird es umgekehrt. Wenn aber die Idee versubjektiviert wird, wer-
den hier die wirklichen Subjekte, bürgerliche Gesellschaft, Fami-
lie, "Umstände, Willkür etc. zu u n w i r k l i c h e n, an-
deres bedeutenden, objektiven Momenten der Idee.
Die Zuteilung des Staatsmaterials "am Einzelnen durch die Um-
stände, die Willkür und die eigene Wahl seiner Bestimmung" werden
nicht als das Wahrhafte, das Notwendige, das an und für sich Be-
rechtigte schlechthin ausgesprochen; sie werden nicht a l s
s o l c h e für das Vernünftige ausgegeben; aber sie werden es
doch wieder andrerseits, nur so, daß sie für eine s c h e i n-
b a r e Vermittlung ausgegeben, daß sie gelassen werden, wie sie
sind, zugleich aber die Bedeutung einer Bestimmung der Idee
erhalten, eines Resultats, eines Produkts der Idee. Der
Unterschied ruht nicht im Inhalt, sondern in der Betrach-
tungsweise oder in der S p r e c h w e i s e. Es ist eine dop-
pelte Geschichte, eine esoterische und eine exoterische. Der In-
halt liegt im exoterischen Teil. Das Interesse des esoterischen
ist immer das, die Geschichte des logischen Begriffs im Staat
wiederzufinden. An der exoterischen Seite aber ist es, daß die
eigentliche Entwicklung vor sich geht.
R a t i o n e l l hießen die Sätze von Hegel nur:
Die Familie und die bürgerliche Gesellschaft sind Staatsteile.
Das Staatsmaterial ist unter sie verteilt "durch die Umstände,
die Willkür und die eigne Wahl der Bestimmung". Die Staatsbürger
sind Familienglieder und Glieder der bürgerlichen Gesellschaft.
"Die wirkliche Idee, der Geist, der s i c h s e l b s t in die
zwei ideellen Sphären seines Begriffs, die Familie und die bür-
gerliche Gesellschaft, als in s e i n e
#207# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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E n d l i c h k e i t s c h e i d e t" - also die Teilung des
Staats in Familie und bürgerliche Gesellschaft ist i d e e l l,
d.h. notwendig, gehört zum Wesen des Staats; Familie und bürger-
liche Gesellschaft sind wirkliche Staatsteile, wirkliche geistige
Existenzen des Willens, sie sind Daseinsweisen des Staates; Fami-
lie und bürgerliche Gesellschaft machen s i c h s e l b s t
zum Staat. Sie sind das Treibende. Nach Hegel sind sie dagegen
g e t a n von der wirklichen Idee; es ist nicht ihr eigner Le-
benslauf, der sie zum Staat vereint, sondern es ist der Lebens-
lauf der Idee, die sie von sich diszerniert hat; und zwar sind
sie Endlichkeit dieser Idee; sie verdanken ihr Dasein einem ande-
ren Geist als dem ihrigen; sie sind von einem Dritten gesetzte
Bestimmungen, keine Selbstbestimmungen; deswegen werden sie auch
als "Endlichkeit", als die eigene E n d l i c h k e i t der
"wirklichen Idee" bestimmt. Der Zweck ihres Daseins ist nicht
dies Dasein selbst, sondern die Idee scheidet diese Voraussetzun-
gen von sich ab, "um aus ihrer Idealität für sich unendlicher
wirklicher Geist zu sein", d.h., der politische Staat kann nicht
sein ohne die natürliche Basis der Familie und die künstliche Ba-
sis der bürgerlichen Gesellschaft; sie sind für ihn eine conditio
sine qua non 1*); die Bedingung wird aber als das Bedingte, das
Bestimmende wird als das Bestimmte, das Produzierende wird als
das Produkt seines Produkts gesetzt; die wirkliche Idee ernied-
rigt sich nur in die "Endlichkeit" der Familie und der bürgerli-
chen Gesellschaft, um durch ihre Aufhebung seine Unendlichkeit zu
genießen und hervorzubringen; sie "teilt s o m i t" (um seinen
Zweck zu erreichen) "diesen Sphären das Material dieser seiner
endlichen Wirklichkeit" (dieser? welcher? diese Sphären sind ja
seine "endliche Wirklichkeit", sein "Material") "die Individuen
als die Menge zu" (das Material des Staats sind hier "die Indivi-
duen, die Menge", "aus ihnen besteht der Staat", dieses sein Be-
stehn wird hier als eine Tat der Idee, als eine "Verteilung", die
sie mit ihrem eigenen Material vornimmt, ausgesprochen; das Fak-
tum ist, daß der Staat aus der Menge, wie sie als Familienglieder
und Glieder der bürgerlichen Gesellschaft existiere, hervorgehe;
die Spekulation spricht dies Faktum als Tat der Idee aus, nicht
als die Idee der Menge, sondern als Tat einer subjektiven, von
dem Faktum selbst unterschiedenen Idee), "so daß diese Zuteilung
am gesprochen, aber sie ist nicht vernünftig wegen ihrer eigenen
Vernunft,
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1*) unerläßliche Bedingung
#208# Karl Marx
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sondern weil die empirische Tatsache in ihrer empirischen Exi-
stenz eine andre Bedeutung hat als sich selbst. Die Tatsache, von
der ausgegangen wird, wird nicht als solche, sondern als mysti-
sches Resultat gefaßt. Das Wirkliche wird zum Phänomen, aber die
Idee hat keinen andren Inhalt als dieses Phänomen. Auch hat die
Idee keinen andren Zweck als den logischen: "für sich unendlicher
wirklicher Geist zu sein". In diesem Paragraphen ist das ganze
Mysterium der Rechtsphilosophie niedergelegt und der Hegelschen
Philosophie überhaupt.
"§ 263. In diesen Sphären, in denen seine Momente, die Einzeln-
heit und Besonderheit, ihre u n m i t t e l b a r e und r e-
f l e k t i e r t e Realität haben, ist der Geist als ihre in
s i e s c h e i n e n d e objektive Allgemeinheit, als die
Macht des Vernünftigen in der Notwendigkeit [(§ 184)], nämlich
als die im Vorherigen betrachteten I n s t i t u t i o n e n."
"§ 264. Die Individuen der Menge, da s i e s e l b s t gei-
stige Naturen und damit das gedoppelte Moment, nämlich das Extrem
der für sich wissenden und wollenden E i n z e l n h e i t und
das Extrem der das Substantielle wissenden und wollenden
A l l g e m e i n h e i t in sich enthalten und daher zu dem
Rechte dieser beiden Seiten nur gelangen, insofern sie sowohl als
Privat- wie als substantielle Personen wirklich sind; - erreichen
in jenen Sphären teils unmittelbar das Erstere, teils das Andere
so, daß sie in den Institutionen, als dem an sich seienden
A l l g e m e i n e n ihrer besonderen Interessen, ihr wesentli-
ches Selbstbewußtsein haben, teils daß sie ihnen ein auf einen
allgemeinen Zweck gerichtetes Geschäft und Tätigkeit in der Kor-
poration gewähren."
"§ 265. Diese Institutionen machen die V e r f a s s u n g,
d.i. die entwickelte und verwirklichte Vernünftigkeit, i m
B e s o n d e r e n aus und sind darum die feste Basis des
Staats sowie des Zutrauens und der Gesinnung der Individuen für
denselben und die Grundsäulen der öffentlichen Freiheit, da in
ihnen die besondere Freiheit realisiert und vernünftig, damit in
ihnen selbst a n s i c h die Vereinigung der Freiheit und Not-
wendigkeit vorhanden ist."
"§ 266. A l l e i n der Geist ist nicht nur als diese"
(welche?) "Notwendigkeit [...], sondern als die I d e a l i-
t ä t derselben, und als ihr Inneres sich objektiv und wirklich;
so ist diese substantielle Allgemeinheit s i c h s e l b s t
Gegenstand und Zweck, und jene Notwendigkeit hierdurch sich
ebensosehr in G e s t a l t der Freiheit."
Der Übergang der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft in den
politischen Staat ist also der, daß der Geist jener Sphären, der
a n s i c h der Staatsgeist ist, sich nun auch als solcher zu
sich verhält und als ihr Inneres sich w i r k l i c h ist. Der
Übergang wird also nicht aus dem b e s o n d e r n Wesen der
Familie etc. und dem besondern Wesen des Staats, sondern aus dem
a l l g e m e i n e n Verhältnis von N o t w e n d i g k e i t
und F r e i h e i t hergeleitet. Es ist ganz derselbe Übergang,
der in der Logik aus der Sphäre des Wesens in die Sphäre des Be-
griffs bewerkstelligt wird. Derselbe Übergang wird in der Natur-
philosophie aus der unorganischen Natur in das Leben gemacht. Es
#209# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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sind immer dieselben Kategorien, die bald die Seele für diese,
bald für jene Sphäre hergeben. Es kommt nur darauf an, für die
einzelnen konkreten Bestimmungen die entsprechenden abstrakten
aufzufinden.
"§ 267. Die N o t w e n d i g k e i t in der Idealität ist die
E n t w i c k e l u n g der Idee innerhalb ihrer selbst; sie ist
als subjektive Substantialität die p o l i t i s c h e G e-
s i n n u n g, als o b j e k t i v e in Unterscheidung von
jener der O r g a n i s m u s des Staats, der eigentlich p o-
l i t i s c h e Staat und s e i n e V e r f a s s u n g."
S u b j e k t ist hier "die Notwendigkeit in der Idealität", die
"Idee innerhalb ihrer selbst", P r ä d i k a t - die p o l i-
t i s c h e G e s i n n u n g und die p o l i t i s c h e
V e r f a s s u n g. Heißt zu deutsch: Die p o l i t i s c h e
G e s i n n u n g ist die subjektive, die p o l i t i s c h e
V e r f a s s u n g ist die o b j e k t i v e S u b s t a n z
des Staats. Die logische Entwicklung von Familie und bürgerlicher
Gesellschaft zum Staat ist also reiner S c h e i n, denn es ist
nicht entwickelt, wie die Familiengesinnung, die bürgerliche
Gesinnung, die Institution der Familie und die sozialen Insti-
tutionen als solche sich zur politischen Gesinnung und poli-
tischen Verfassung verhalten und mit ihnen zusammenhängen.
Der Übergang, daß der Geist "nicht nur als diese Notwendigkeit
und als ein R e i c h d e r E r s c h e i n u n g" ist, son-
dern als "die Idealität derselben", als die Seele dieses Reichs
für sich wirklich ist und eine besondere Existenz hat, ist gar
kein Übergang, denn die Seele der Familie existiert für sich als
Liebe etc. Die reine Idealität einer wirklichen Sphäre könnte
aber nur als W i s s e n s c h a f t existieren.
Wichtig ist, daß Hegel überall die Idee zum Subjekt macht und das
eigentliche, wirkliche Subjekt, wie die "politische Gesinnung",
zum Prädikat. Die Entwicklung geht aber immer auf Seite des Prä-
dikats vor.
§ 268 enthält eine schöne Exposition über die politische
G e s i n n u n g, den P a t r i o t i s m u s, die mit der
logischen Entwicklung nichts gemein hat, nur daß Hegel sie
"n u r" als "Resultat der im S t a a t e bestehenden Institu-
tionen, als in welchen die Vernünftigkeit w i r k l i c h vor-
handen ist", bestimmt, während umgekehrt diese Institutionen
ebensosehr eine V e r g e g e n s t ä n d l i c h u n g der po-
litischen Gesinnung sind. Cf. die Anmerkung zu diesem Paragra-
phen.
§ 269. "Ihren besonders bestimmten I n h a l t nimmt die Gesin-
nung aus den verschiedenen Seiten des O r g a n i s m u s des
Staats. Dieser O r g a n i s m u s ist die Entwickelung der
Idee zu ihren Unterschieden und zu deren objektiven Wirklichkeit.
Diese unterschiedenen Seiten sind s o die v e r s c h i e-
d e n e n G e w a l t e n und deren Geschäfte und Wirksamkei-
ten, wodurch das A l l g e m e i n e sich fortwährend, und zwar
indem sie durch die N a t u r d e s B e g r i f f e s be-
stimmt sind, auf n o t w e n d i g e Weise h e r v o r-
b r i n g t und, indem es ebenso seiner Produktion vorausgesetzt
ist, sich erhält; - dieser Organismus ist die p o l i t i-
s c h e V e r f a s s u n g."
#210# Karl Marx
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Die politische Verfassung ist der Organismus des Staats, oder der
Organismus des Staats ist die politische Verfassung. Daß die un-
terschiedenen Seiten eines Organismus in einem notwendigen, aus
der Natur des Organismus hervorgehenden Zusammenhang stehn, ist -
reine Tautologie. Daß, wenn die politische Verfassung als Orga-
nismus bestimmt ist, die verschiedenen Seiten der Verfassung, die
verschiedenen Gewalten, sich als organische Bestimmungen verhal-
ten und in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehn, ist
ebenfalls - Tautologie. Es ist ein großer Fortschritt, den poli-
tischen Staat als Organismus, daher die Verschiedenheit der Ge-
walten nicht mehr als organische, sondern als lebendige und ver-
nünftige Unterscheidung zu betrachten. Wie stellt Hegel aber die-
sen Fund dar?
1. "Dieser O r g a n i s m u s ist die Entwicklung der Idee zu
ihren Unterschieden und zu deren objektiven Wirklichkeit." Es
heißt nicht: Dieser Organismus des Staats ist seine Entwicklung
zu Unterschieden und zu deren objektiven Wirklichkeit. Der ei-
gentliche Gedanke ist: Die Entwicklung des Staats oder der poli-
tischen Verfassung zu Unterschieden und deren Wirklichkeit ist
eine o r g a n i s c h e. Die Voraussetzung, das Subjekt sind
die w i r k l i c h e n U n t e r s c h i e d e oder die
v e r s c h i e d n e n S e i t e n d e r p o l i t i-
s c h e n Verfassung. Das Prädikat ist ihre Bestimmung als
o r g a n i s c h. Statt dessen wird die Idee zum Subjekt
gemacht, die Unterschiede und deren Wirklichkeit als ihre
Entwicklung, ihr Resultat gefaßt, während umgekehrt aus den wirk-
lichen Unterschieden die Idee entwickelt werden muß. Das Organi-
sche ist grade die I d e e d e r U n t e r s c h i e d e,
ihre ideelle Bestimmung. Es wird hier aber von der I d e e als
einem Subjekt gesprochen, die sich zu i h r e n Unterschieden
entwickelt. Außer dieser Umkehrung von Subjekt und Prädikat wird
der Schein hervorgebracht, als sei hier von einer andern Idee als
dein Organismus die Rede. Es wird von der abstrakten Idee ausge-
gangen, deren Entwicklung im Staat p o l i t i s c h e V e r-
f a s s u n g ist. Es handelt sich also nicht von der po-
litischen Idee, sondern von der abstrakten Idee im politischen
Element. Dadurch, daß ich sage: "dieser Organismus (sc. des
Staats, die politische Verfassung) ist die Entwicklung der Idee
zu ihren Unterschieden etc.", weiß ich noch gar nichts von der
s p e z i f i s c h e n I d e e der politischen Verfassung;
derselbe Satz kann mit derselben Wahrheit von dem
t i e r i s c h e n Organismus als von dem p o l i t i-
s c h e n ausgesagt werden. Wodurch unterscheidet sich also der
tierische Organismus vom politischen? Aus dieser allgemeinen
Bestimmung geht es nicht hervor. Eine Erklärung, die aber nicht
die differentia specifica 1*) gibt, ist k e i n e Erklärung.
Das einzige Interesse ist, "die Idee" schlechthin, die "logische
Idee" in jedem
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1*) besondere Unterscheidung
#211# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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Element, sei es des Staates, sei es der Natur, wiederzufinden,
und die wirklichen Subjekte, wie hier die "politische Verfas-
sung", werden zu ihren bloßen N a m e n, so daß nur der Schein
eines wirklichen Erkennens vorhanden ist. Sie sind und bleiben
unbegriffene, weil nicht in ihrem spezifischen Wesen begriffene
Bestimmungen.
Diese unterschiedenen Seiten sind so die v e r s c h i e-
d e n e n G e w a l t e n und deren Geschäfte und Wirksamkeit."
Durch das Wörtchen "so" wird der Schein einer Konsequenz, einer
Ableitung und Entwicklung hervorgebracht. Man muß vielmehr fragen
"Wie so?", "daß die verschiedenen Seiten des Organismus des
Staats" die "verschiedenen Gewalten" sind und "deren Geschäfte
und Wirksamkeit", ist eine empirische Tatsache, daß sie Glieder
eines "Organismus" sind, ist das philosophische "Prädikat".
Wir machen hier auf eine stilistische Eigentümlichkeit Hegels
aufmerksam, die sich oft wiederholt und welche ein Produkt des
Mystizismus ist. Der ganze Paragraph lautet:
"Ihren besonders bestimmten Inhalt nimmt die Gesinnung aus den
verschiedenen Seiten des Organismus des Staats. Dieser O r g a-
n i s m u s ist die Entwickelung der Idee zu ihren Unterschieden
und zu deren objektiven Wirklichkeit Diese unterschiedenen Seiten
sind so die v e r s c h i e d e n e n G ew a l t e n und deren
Geschäfte und Wirksamkeiten, wodurch das Allgemeine sich
fortwährend und zwar indem sie durch die N a t u r d e s B e-
g r i f f e s bestimmt sind, auf n o t w e n d i g e W e i-
s e h e r v o r b r i n g t und, indem es ebenso seiner
Produktion vorausgesetzt sich e r h ä l t; - dieser Organismus
ist die p o l i t i s c h e V e r f a s s u n g."
1. "Ihren besonders bestimmten Inhalt nimmt die Gesinnung aus den
verschiedenen Seiten des Organismus Staats."Diese unterschiedenen
sind ... v e r s c h i e d e n e n G e w a l t e n und deren
Geschäfte und Wirksamkeiten."
2. "Ihren besonders bestimmten Inhalt nimmt die Gesinnung a u s
d e n v e r s c h i e d e n e n S e i t e n des O r g a-
n i s m u s des Staats. D i e s e r O r g a n i s m u s ist
die Entwickelung der Idee zu ihren Unterschieden und zu deren
objektiven Wirklichkeit ... wodurch das Allgemeine sich fort-
während, und zwar indem sie durch die N a t u r d e s
B e g r i f f e s bestimmt sind, auf n o t w e n d i g e
W e i s e hervorbringt und, indem es ebenso seiner Produktion
vorausgesetzt ist, sich e r h ä l t. - D i e s e r O r g a-
n i s m u s ist die p o l i t i s c h e V e r f a s s u n g."
Man sieht, Hegel knüpft an zwei Subjekte, an die "verschiedenen
Seiten des Organismus" und an den "Organismus", die weiteren Be-
stimmungen an. Im dritten Satz werden die "unterschiedenen Sei-
ten" als die "verschiedenen Gewalten" bestimmt. Durch das zwi-
schengeschobene Wort "s o" wird der Schein hervorgebracht, als
seien diese "verschiedenen Gewalten" aus
#212# Karl Marx
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dem Zwischensatz über den Organismus als die Entwicklung der Idee
abgeleitet.
Es wird dann fortgesprochen über die "verschiedenen Gewalten".
Die Bestimmung, daß das Allgemeine sich fortwährend "hervor-
bringt" und sich dadurch erhält, ist nichts Neues, denn es liegt
schon in ihrer Bestimmung als "Seiten des Organismus", als
"organische" Seiten. Oder vielmehr diese Bestimmung der "ver-
schiedenen Gewalten" ist nichts als eine Umschreibung davon, daß
der Organismus ist "die Entwicklung der Idee zu ihren Unter-
schieden etc.".
Die Sätze: Dieser Organismus ist "die Entwicklung der Idee zu ih-
ren Unterschieden und zu deren objektiven Wirklichkeit" oder zu
Unterschieden, wodurch "das Allgemeine" (das Allgemeine ist hier
dasselbe wie die Idee) "sich fortwährend, und zwar indem sie
durch die N a t u r d e s B e g r i f f e s bestimmt sind,
erhält, auf n o t w e n d i g e Weise h e r v o r b r i n g t
und, indem es ebenso seiner Produktion vorausgesetzt ist, sich
e r h ä l t", sind identisch. Der letztere ist bloß eine nähere
Explikation über "die Entwicklung der Idee zu ihren Unterschie-
den". Hegel ist dadurch noch keinen Schritt über den allgemeinen
Begriff "der Idee" und höchstens des "Organismus" überhaupt (denn
eigentlich handelt es sich nur von dieser bestimmten Idee) hin-
ausgekommen. Wodurch wird er also zum Schlußsatz berechtigt:
"Dieser Organismus ist die politische Verfassung"? Warum nicht:
"Dieser Organismus ist das Sonnensystem"? Weil er "die verschie-
denen Seiten des Staats" später als die "verschiedenen Gewalten"
bestimmt hat. Der Satz, daß "die verschiedenen Seiten des Staats
die verschiedenen Gewalten sind", ist eine empirische Wahrheit
und kann für keine philosophische Entdeckung ausgegeben werden,
ist auch auf keine Weise als Resultat einer früheren Entwicklung
hervorgegangen. Dadurch, daß aber der Organismus als die
"Entwicklung d e r Idee" bestimmt, von den Unterschieden d e r
Idee gesprochen, dann das Konkretum der "verschiedenen G e-
w a l t e n" eingeschoben wird, kommt der Schein herein, als sei
ein b e s t i m m t e r Inhalt entwickelt worden. An den Satz:
"Ihren besonders bestimmten Inhalt nimmt die Gesinnung aus den
verschiedenen Seiten des O r g a n i s m u s d e s
S t a a t s", dürfte Hegel nicht anknüpfen: "d i e s e r Orga-
nismus , sondern "d e r Organismus ist die Entwicklung der Idee
etc.". Wenigstens gilt das, was er sagt, von jedem Organismus,
und es ist kein Prädikat vorhanden, wodurch das Subjekt
"d i e s e r" gerechtfertigt würde. Das eigentliche Resultat, wo
er hin will, ist zur Bestimmung des O r g a n i s m u s als der
p o l i t i s c h e n V e r f a s s u n g. Es ist aber keine
Brücke geschlagen, w o d u r c h m a n a u s d e r a l l-
g e m e i n e n I d e e d e s O r g a n i s m u s z u d e r
b e s t i m m t e n I d e e d e s S t a a t s o r g a-
n i s m u s o d e r d e r p o l i t i s c h e n V e r-
f a s s u n g käme, und es wird in Ewigkeit keine solche Brücke
geschlagen
#213# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
werden können. In dem Anfangssatz wird gesprochen von "den ver-
schiedenen Seiten des Staatsorganismus", die später als "die ver-
schiedenen Gewalten" bestimmt werden. Es wird also bloß gesagt:
"D i e v e r s c h i e d e n e n G e w a l t e n d e s
S t a a t s o r g a n i s m u s" o d e r "d e r S t a a t s-
o r g a n i s m u s d e r v e r s c h i e d e n e n G e w a l-
t e n" ist - die "p o l i t i s c h e V e r f a s s u n g"
des S t a a t s. Nicht aus dem "Organismus" "d e r Idee",
ihren "Unterschieden" etc., sondern aus dem vorausgesetzten
Begriff "verschiedene Gewalten", "S t a a t s organismus" ist
die Brücke zur "p o l i t i s c h e n Verfassung" geschlagen.
Der Wahrheit nach hat Hegel nichts getan, als die "politische
Verfassung" in die allgemeine abstrakte Idee des "Organismus"
aufgelöst, aber dem Schein und seiner eignen Meinung nach hat er
aus der "allgemeinen Idee" das Bestimmte entwickelt. Er hat zu
einem Produkt, einem Prädikat der Idee gemacht, was ihr Subjekt
ist. Er entwickelt sein Denken nicht aus dem Gegenstand, sondern
den Gegenstand nach einem mit sich fertig und in der abstrakten
Sphäre der Logik mit sich fertig gewordnen Denken. Es handelt
sich nicht darum, die bestimmte Idee der politischen Verfassung
zu entwickeln, sondern es handelt sich darum, der politischen
Verfassung ein Verhältnis zur abstrakten Idee zu geben, sie als
ein Glied ihrer Lebensgeschichte (der Idee) zu rangieren, eine
offenbare Mystifikation.
Eine andre Bestimmung ist, daß die "verschiedenen Gewalten"
"durch die N a t u r d e s B e g r i f f s bestimmt sind" und
darum das Allgemeine sie "auf n o t w e n d i g e Weise hervor-
bringt". Die verschiedenen Gewalten sind also nicht durch ihre
"eigne Natur" bestimmt, sondern durch eine fremde. Ebenso ist die
Notwendigkeit nicht aus ihrem eignen Wesen geschöpft, noch weni-
ger kritisch bewiesen. Ihr Schicksal ist vielmehr prädestiniert
durch die "Natur des Begriffs", versiegelt in der Santa Casa
[140] (der Logik) heiligen Registern. Die Seele der Gegenstände,
hier des Staats, ist fertig, prädestiniert vor ihrem Körper, der
eigentlich nur Schein ist. Der "Begriff" ist der Sohn in der
"Idee", dem Gott Vater, das agens , das determinierende, unter-
scheidende Prinzip. "Idee" und "Begriff" sind hier verselbstän-
digte Abstraktionen.
"§ 270. Daß der Zweck des Staates das allgemeine Interesse als
solches und darin als ihrer Substanz die Erhaltung der besonderen
Interessen ist, ist 1. seine a b s t r a k t e W i r k l i c h-
k e i t oder Substantialität; aber sie ist 2. seine N o t-
w e n d i g k e i t, als sie sich in die Begriffs-
u n t e r s c h i e d e seiner Wirksamkeit dirimiert 1*), welche
durch jene Substantialität ebenso wirkliche f e s t e
Bestimmungen, G e w a l t e n sind; 3. eben diese Substantiali-
tät ist aber der als durch die F o r m d e r B i l d u n g
h i n d u r c h g e g a n g n e sich wissende und wollende
-----
1*) scheidet
#214# Karl Marx
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Geist. Der Staat w e i ß daher, was er will, und weiß es in
seiner A l l g e m e i n h e i t, als G e d a c h t e s; er
wirkt und handelt deswegen nach gewußten Zwecken, gekannten
Grundsätzen und nach Gesetzen, die es nicht n u r a n sich,
sondern fürs Bewußtsein sind; und ebenso, insofern seine Handlun-
gen sich auf vorhandene Umstände und Verhältnisse beziehen, nach
der bestimmten Kenntnis derselben."
(Die Anmerkung zu diesem Paragraphen über das Verhältnis von
Staat und Kirche später.)
Die Anwendung dieser logischen Kategorien verdient ein ganz spe-
zielles Eingehen.
"Daß der Z w e c k des Staates das a l l g e m e i n e I n-
t e r e s s e als solches und darin als ihrer Substanz die
Erhaltung der besonderen Interessen ist, ist 1. seine a b-
s t r a k t e W i r k l i c h k e i t oder Substantialität."
Daß das allgemeine Interesse als solches und als Bestehn der be-
sondern Interessen S t a a t s z w e c k ist, ist - seine Wirk-
lichkeit, sein Bestehn, abstrakt definiert. Der Staat ist nicht
wirklich ohne diesen Zweck. Es ist dies das wesentliche Objekt
seines Wollens, aber zugleich nur eine ganz allgemeine Bestimmung
dieses Objekts. Dieser Zweck als Sein ist das Element des Be-
stehns für den Staat.
"Aber sie" (die abstrakte Wirklichkeit, Substantialität) "ist 2.
seine N o t w e n d i g k e i t, als sie sich in die Be-
griffsu n t e r s c h i e d e seiner Wirksamkeit dirimiert, wel-
che durch jene Substantialität ebenso wirkliche feste Bestimmun-
gen, Gewalten sind."
Sie (die abstrakte Wirklichkeit, die Substantialität) ist seine
(des Staats) N o t w e n d i g k e i t, als seine Wirklichkeit
sich in u n t e r s c h i e d e n e W i r k s a m k e i t e n
teilt, deren Unterschied ein vernünftig bestimmter, die dabei fe-
ste Bestimmungen sind. Die abstrakte Wirklichkeit des Staats, die
Substantialität desselben ist Notwendigkeit, insofern der reine
Staatszweck und das reine Bestehn des Ganzen nur in dem Bestehn
der unterschiedenen Staatsgewalten realisiert ist.
Versteht sich: die erste Bestimmung seiner Wirklichkeit war
a b s t r a k t; der Staat kann nicht als einfache Wirklichkeit,
er muß als Wirksamkeit, als eine unterschiedne Wirksamkeit be-
trachtet werden.
"Seine a b s t r a k t e W i r k l i c h k e i t oder Substan-
tialität [...] ist seine N o t w e n d i g k e i t, als sie
sich in die Begriffsunterschiede seiner Wirksamkeit dirimiert,
welche durch jene S u b s t a n t i a l i t ä t ebenso wirkliche
feste Bestimmungen, Gewalten sind."
Das Substantialitätsverhältnis ist Notwendigkeitsverhältnis; d.h.
die Substanz erscheint geteilt in selbständige, aber wesentlich
bestimmte W i r k l i c h k e i t e n oder W i r k s a m-
k e i t e n. Diese Abstraktionen werde ich auf jede Wirklichkeit
anwenden können. Insofern ich den Staat zuerst unter dem Schema
der "abstrakten", werde ich ihn nachher unter dem Schema der
"konkreten
#215# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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Wirklichkeit", der "Notwendigkeit", des erfüllten Unterschieds
betrachten müssen.
3. "Eben diese Substantialität ist aber der als durch d i e
F o r m d e r B i l d u n g h i n d u r c h g e g a n g e n e
sich wissende und wollende Geist. Der Staat w e i ß daher, was
er will, und weiß es in seiner A l l g e m e i n h e i t, als
G e d a c h t e s; er wirkt und handelt deswegen nach gewußten
Zwecken, gekannten Grundsätzen, und nach Gesetzen, die es nicht
nur a n s i c h, sondern fürs Bewußtsein sind; und ebenso,
insofern seine Handlungen sich auf vorhandene Umstände und Ver-
hältnisse beziehen, nach der bestimmten Kenntnis derselben."
Übersetzen wir nun diesen ganzen Paragraphen zu deutsch. Also:
1. Der sich w i s s e n d e u n d w o l l e n d e G e i s t
ist die Substanz des Staates; (der g e b i l d e t e,
s e l b s t b e w u ß t e Geist ist das Subjekt und das Funda-
ment, ist die Selbständigkeit des Staats).
2. D a s a l l g e m e i n e I n t e r e s s e u n d i n
i h m d i e E r h a l t u n g d e r b e s o n d e r n I n-
t e r e s s e n ist der allgemeine Zweck und Inhalt dieses
Geistes, die seiende Substanz des Staats, die Staatsnatur des
sich wissenden und wollenden Geistes.
3. Die V e r w i r k l i c h u n g dieses abstrakten Inhalts
erreicht der sich wissende und wollende Geist, der selbstbewußte,
gebildete Geist nur als eine unterschiedene W i r k s a m-
k e i t, als das Dasein v e r s c h i e d e n e r G e w a l-
t e n, als eine g e g l i e d e r t e M a c h t.
Über die Hegelsche Darstellung ist zu bemerken:
a) Zu S u b j e k t e n werden gemacht: die a b s t r a k t e
W i r k l i c h k e i t, die N o t w e n d i g k e i t (oder
der substantielle Unterschied), die S u b s t a n t i a-
l i t ä t; also die a b s t r a k t l o g i s c h e n K a t e-
g o r i e n. Zwar werden die "abstrakte Wirklichkeit" und
"Notwendigkeit", als "s e i n e", des Staats, Wirklichkeit und
Notwendigkeit bezeichnet, allein 1. ist "s i e", "die abstrakte
Wirklichkeit" oder "Substantialität", s e i n e Notwendigkeit.
2. S i e ist es, "die sich in die Begriffsunterschiede seiner
Wirksamkeit dirimiert". Die "Begriffsunterschiede" sind "durch
jene Substantialität ebenso wirkliche f e s t e" Bestimmungen,
G e w a l t e n. 3, wird die "Substantialität" nicht mehr als
eine abstrakte Bestimmung des Staats, als "s e i n e" Substan-
tialität genommen; sie wird als solche zum Subjekt gemacht, denn
es heißt schließlich: "eben diese S u b s t a n t i a l i t ä t
ist aber der durch die Form der Bildung hindurchgegangene, sich
wissende und wollende Geist".
b) Es wird auch schließlich nicht gesagt: "der gebildete etc.
Geist ist die Substantialität", sondern umgekehrt: "die Substan-
tialität ist der gebildete etc. Geist". Der Geist wird also zum
Prädikat seines Prädikates.
c) Die Substantialität, nachdem sie 1. als der allgemeine Staats-
zweck, dann 2. als die unterschiedenen Gewalten bestimmt war,
wird 3. als der gebildete, sich wissende und wollende,
w i r k l i c h e Geist bestimmt. Der wahre
#216# Karl Marx
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Ausgangspunkt, der sich wissende und wollende Geist, ohne welchen
der "Staatszweck" und die "Staatsgewalten" haltungslose Einbil-
dungen, essenzlose, sogar unmögliche Existenzen wären, erscheint
nur als das l e t z t e Prädikat der Substantialität, die vor-
her schon als a l l g e m e i n e r Z w e c k und als die
v e r s c h i e d e n e n S t a a t s g e w a l t e n bestimmt
war. Wäre von dem w i r k l i c h e n G e i s t ausgegangen
worden, so war der "allgemeine Zweck" sein Inhalt, die verschie-
denen Gewalten seine Weise, sich zu verwirklichen, sein
r e e l l e s oder m a t e r i e l l e s Dasein, deren Be-
stimmtheit eben aus der Natur seines Zweckes zu entwickeln gewe-
sen wäre. Weil aber von der "Idee" oder der "Substanz" als dem
Subjekt, dem wirklichen Wesen ausgegangen wird, so erscheint das
w i r k l i c h e S u b j e k t nur als l e t z t e s
P r ä d i k a t des abstrakten Prädikates.
Der "Staatszweck" und die "Staatsgewalten" werden mystifiziert,
indem sie als "Daseinsweisen" der "Substanz" dargestellt und ge-
trennt ihrem wirklichen Dasein, dem "sich wissenden und wollenden
Geist, dem gebildeten Geist" erscheinen.
d) Der konkrete Inhalt, die wirkliche Bestimmung, erscheint als
formell; die ganz abstrakte Formbestimmung erscheint als der kon-
krete Inhalt. Das Wesen der staatlichen Bestimmungen ist nicht,
daß sie staatliche Bestimmungen, sondern daß sie in ihrer ab-
straktesten Gestalt als logisch-metaphysische Bestimmungen be-
trachtet werden können. Nicht die Rechtsphilosophie, sondern die
Logik ist das wahre Interesse. Nicht daß das Denken sich in poli-
tischen Bestimmungen verkörpert, sondern daß die vorhandenen po-
litischen Bestimmungen in abstrakte Gedanken verflüchtigt werden,
ist die philosophische Arbeit. Nicht die Logik der Sache, sondern
die Sache der Logik ist das philosophische Moment. Die Logik
dient nicht zum Beweis des Staats, sondern der Staat dient zum
Beweis der Logik.
1. Das allgemeine Interesse und darin die Erhaltung der besonde-
ren Interessen als S t a a t s z w e c k;
2. die verschiedenen Gewalten als V e r w i r k l i c h u n g
dieses Staatszwecks;
3. der gebildete, selbstbewußte, wollende und handelnde Geist als
das S u b j e k t des Zwecks und seiner Verwirklichung.
Diese konkreten Bestimmungen sind äußerlich aufgenommen, hors
d'oeuvres Nebensache; ihr philosophischer Sinn ist, daß der Staat
in ihnen den logischen Sinn hat:
1. als abstrakte Wirklichkeit oder Substantialität;
2. daß das Substantialitätsverhältnis in das Verhältnis der Not-
wendigkeit, der substantiellen Wirklichkeit übergeht;
3. daß die substantielle Wirklichkeit in Wahrheit B e g r i f f,
S u b j e k t i v i t ä t ist.
Mit Auslassung der konkreten Bestimmungen, welche ebensogut für
eine
#217# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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andere Sphäre, z.B. die Physik, mit andern konkreten Bestimmungen
vertauscht werden können, also unwesentlich sind, haben wir ein
K a p i t e l d e r L o g i k vor uns.
Die Substanz muß "sich in Begriffsunterschiede dirimieren, welche
durch jene Substantialität ebenso wirkliche, f e s t e Bestim-
mungen sind". Dieser Satz - das Wesen gehört der Logik und ist
vor der Rechtsphilosophie fertig. Daß diese Begriffsunterschiede
hier Unterschiede "seiner" (des Staats) "Wirksamkeit" und die
"festen Bestimmungen" "Staatsgewalten" sind, diese Parenthese ge-
hört der Rechtsphilosophie, der politischen Empirie. So ist die
ganze Rechtsphilosophie nur Parenthese zur Logik. Die Parenthese
ist, wie sich von selbst versteht, nur hors d'oeuvre der eigent-
lichen Entwicklung. Cf. zum Beispiel p. 347:
"Die Notwendigkeit besteht darin, daß das Ganze in die Begriffs-
unterschiede dirimiert sei und daß dieses Dirimierte eine feste
und aushaltende Bestimmtheit abgehe, die nicht totfest ist, son-
dern in der Auflösung sich immer erzeugt." Cf. auch die Logik.
"§ 271. Die politische Verfassung ist f ü r s e r s t e: die
Organisation des Staates und der Prozeß seines organischen Lebens
i n B e z i e h u n g a u f s i c h s e l b s t, in welcher
er seine Momente innerhalb seiner selbst unterscheidet und sie
zum B e s t e h e n entfaltet.
Z w e i t e n s ist er als eine Individualität a u s-
s c h l i e ß e n d e s Eins, welches sich damit zu Anderen
verhält, seine Unterscheidung also n a c h A u ß e n kehrt und
nach dieser Bestimmung seine bestehenden Unterschiede innerhalb
seiner selbst in ihrer Idealität setzt."
Z u s a t z: "Der innerliche Staat als solcher ist die
Z i v i l g e w a l t, die Richtung nach Außen die M i l i-
t ä r g e w a l t, die aber im Staate eine bestimmte Seite in
ihm selbst ist."
I. Innere Verfassung für sich
"§ 272. Die Verfassung ist vernünftig, insofern der Staat seine
Wirksamkeit n a c h d e r N a t u r d e s B e g r i f f s
in sich unterscheidet und bestimmt, und zwar so, daß j e d e
dieser G e w a l t e n selbst in sich die T o t a l i t ä t
dadurch ist, daß sie die anderen Momente in sich wirksam hat und
enthält, und daß sie, weil sie den Unterschied des Begriffs aus-
drücken, schlechthin in seiner Idealität bleiben und nur E i n
i n d i v i d u e l l e s Ganzes ausmachen."
Die Verfassung ist also vernünftig, insofern seine Momente in die
abstrakt logischen aufgelöst werden können. Der Staat hat seine
Wirksamkeit nicht nach seiner spezifischen Natur zu unterscheiden
und zu bestimmen, sondern nach der Natur des Begriffs, welcher
das mystifizierte Mobile des abstrakten Gedankens ist. Die Ver-
nunft der Verfassung ist also die abstrakte Logik und
#218# Karl Marx
-----
nicht der Staatsbegriff. Statt des Begriffs der Verfassung erhal-
ten wir die Verfassung des Begriffs. Der Gedanke richtet sich
nicht nach der Natur des Staats, sondern der Staat nach einem
fertigen Gedanken.
"§ 273. Der politische Staat dirimiert sich somit" (wieso?) "in
die substantiellen Unterschiede;
a) die Gewalt, das Allgemeine zu bestimmen und festzusetzen, die
g e s e t z g e b e n d e Gewalt;
b) der Subsumtion der b e s o n d e r e n Sphären und einzelnen
Fälle unter das Allgemeine - die R e g i e r u n g s g e-
w a l t;
c) der S u b j e k t i v i t ä t als der letzten Willensent-
scheidung, die f ü r s t l i c h e G e w a l t -, in der die
unterschiedenen Gewalten zur individuellen Einheit zusammengefaßt
sind, die also die Spitze und der Anfang des Ganzen -, der
k o n s t i t u t i o n e l l e n M o n a r c h i e, ist."
Wir werden auf diese Einteilung zurückkommen, nachdem wir ihre
Ausführung im besonderen geprüft.
"§ 274. Da der G e i s t nur als das w i r k l i c h ist, als
was er sich weiß, und der Staat als Geist eines Volkes zugleich
das a l l e s e i n e V e r h ä l t n i s s e d u r c h-
d r i n g e n d e Gesetz, die Sitte und das Bewußtsein seiner
Individuen ist, so hängt die Verfassung eines bestimmten Volkes
überhaupt von der W e i s e u n d B i l d u n g d e s
S e l b s t b e w u ß t s e i n s d e s s e l b e n a b; in
diesem liegt seine subjektive Freiheit und damit die
W i r k l i c h k e i t d e r V e r f a s s u n g... Jedes
Volk hat deswegen die Verfassung, die ihm angemessen ist und für
dasselbe gehört."
Aus Hegels Räsonnement folgt nur, daß der Staat, worin "Weise und
Bildung des Selbstbewußtseins" und "Verfassung" sich widerspre-
chen, kein wahrer Staat ist. Daß die Verfassung, welche das Pro-
dukt eines vergangnen Bewußtseins war, zur drückenden Fessel für
ein fortgeschrittnes werden kann etc. etc., sind wohl Trivialitä-
ten. Es würde vielmehr nur die Forderung einer Verfassung fol-
gern, die in sich selbst die Bestimmung und das Prinzip hat, mit
dem Bewußtsein fortzuschreiten; fortzuschreiten mit dem wirkli-
chen Menschen, was erst möglich ist, sobald der "Mensch" zum
Prinzip der Verfassung geworden ist. Hegel hier S o p h i s t.
a) Die fürstliche Gewalt
"§ 275. Die fürstliche Gewalt enthält selbst die drei Momente der
Totalität in sich, die Allgemeinheit der Verfassung und der Ge-
setze, die Beratung als Beziehung des Besondern auf das Allge-
meine und das Moment der letzten Entscheidung als der Selbstbe-
stimmung, in welche alles Übrige zurückgeht und wovon es den An-
fang der Wirklichkeit nimmt. Dieses absolute Selbstbestimmen
macht das unterscheidende Prinzip der fürstlichen Gewalt als sol-
cher aus, welches zuerst zu entwickeln ist."
#219#
-----
Seite aus Marx' Handschrift "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphi-
losophie"
#220#
-----
#221# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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Der Anfang dieses Paragraphen heißt zunächst nichts als: "die
Allgemeinheit der Verfassung und der Gesetze" sind - die
f ü r s t l i c h e G e w a l t; die B e r a t u n g oder die
Beziehung des B e s o n d e r n auf das Allgemeine ist - die
f ü r s t l i c h e G e w a l t. Die fürstliche Gewalt steht
nicht außerhalb der Allgemeinheit der Verfassung und der Gesetze,
sobald unter der fürstlichen Gewalt die des Monarchen
(konstitutionellen) verstanden ist.
Was Hegel aber eigentlich will, ist nichts als daß die
"Allgemeinheit der Verfassung und der Gesetze" - die fürstliche
Gewalt, die Souveränität des Staats ist. Es ist dann unrecht, die
f ü r s t l i c h e G e w a l t zum S u b j e k t zu machen
und, da unter fürstlicher Gewalt auch die Gewalt des Fürsten ver-
standen werden kann, den Schein hervorzubringen, als sei er Herr
dieses Moments; das Subjekt desselben. Doch wenden wir uns
zunächst zu dem, was Hegel als "das u n t e r s c h e i-
d e n d e P r i n z i p d e r f ü r s t l i c h e n
G e w a l t a l s s o l c h e r" ausgibt, so ist es: "das
Moment der letzten Entscheidung, als der S e l b s t b e-
s t i m m u n g, in welche alles Übrige zurückgeht und wovon es
den Anfang der Wirklichkeit nimmt", dieses: "absolute Selbst-
bestimmen".
Hegel sagt hier nichts als: der w i r k l i c h e, d.h. indivi-
duelle Wille ist die f ü r s t l i c h e G e w a l t. So heißt
es § 12:
"Daß der Wille sich ... die Form der E i n z e l h e i t gibt
[...] ist er beschließend, und nur als beschließender Wille
[überhaupt] ist er w i r k l i c h e r Wille."
Insofern dies Moment der "letzten Entscheidung" oder der
"absoluten Selbstbestimmung" getrennt ist von der "Allgemeinheit"
des Inhalts und der Besonderheit der Beratung, ist es der
w i r k l i c h e W i l l e als W i l l k ü r. Oder:
"Die W i l l k ü r ist die fürstliche Gewalt", oder: "Die
fürstliche Gewalt ist die Willkür".
"§ 276. Die Grundbestimmung des politischen Staats ist die sub-
stantielle Einheit als I d e a l i t ä t seiner Momente, in
welcher:
alpha) die besonderen Gewalten und Geschäfte desselben ebenso
aufgelöst als erhalten und nur so erhalten sind, als sie keine
unabhängige, sondern allein eine solche und so weit gehende Be-
rechtigung haben, als i n d e r I d e e d e s G a n z e n
bestimmt ist, v o n s e i n e r M a c h t ausgehen und flüs-
sige Glieder desselben als ihres einfachen Selbsts sind."
Z u s a t z: "Mit dieser Idealität der Momente ist es wie mit
dem Leben im organischen Körper."
Versteht sich: Hegel spricht nur von der Idee "der besondern Ge-
walten und Geschäfte"... Sie sollen nur eine so weit gehende Be-
rechtigung haben, als in der Idee des Ganzen bestimmt ist; sie
sollen nur "von seiner Macht ausgehen". Daß dies so sein soll,
liegt in der Idee d e s O r g a n i s m u s. Es wäre aber eben
zu entwickeln gewesen, wie dies zu bewerkstelligen ist. Denn im
Staat
#222# Karl Marx
-----
muß b e w u ß t e V e r n u n f t herrschen; die s u b-
s t a n t i e l l e bloß innere und darum bloß äußere Not-
wendigkeit, die zufällige [...] 1*) der "Gewalten und Geschäfte"
kann nicht für das Vernünftige ausgegeben werden.
"§ 277. beta) "Die besonderen Geschäfte und Wirksamkeiten des
Staats sind als die wesentlichen Momente desselben i h m eigen
und an die I n d i v i d u e n, durch welche sie gehandhabt und
betätigt werden, nicht nach deren unmittelbaren Persönlichkeit,
sondern nur nach ihren allgemeinen und objektiven Qualitäten ge-
knüpft und daher mit der besonderen Persönlichkeit als solcher
äußerlicher- und zufälligerweise verbunden. Die Staatsgeschäfte
und Gewalten können daher nicht P r i v a t e i g e n t u m
sein."
Es versteht sich von selbst, daß, wenn b e s o n d e r e Ge-
schäfte und Wirksamkeiten als Geschäfte und Wirksamkeit d e s
S t a a t s, als S t a a t s g e s c h ä f t e und
S t a a t s g e w a l t bezeichnet werden, sie nicht P r i-
v a t e i g e n t u m, sondern S t a a t s e i g e n t u m
sind. Das ist eine Tautologie.
Die Geschäfte und Wirksamkeiten des Staats sind an Individuen ge-
knüpft (der Staat ist nur wirksam durch Individuen), aber nicht
an das Individuum als p h y s i s c h e s, sondern als
s t a a t l i c h e s, an die S t a a t s q u a l i t ä t des
Individuums. Es ist daher lächerlich, wenn Hegel sagt, sie seien
"mit der besonderen Persönlichkeit a l s s o l c h e r
ä u ß e r l i c h e r- u n d z u f ä l l i g e r w e i s e
verbunden". Sie sind vielmehr durch ein v i n c u l u m s u b-
s t a n t i a l e 2*), durch eine wesentliche Qualität
desselben, mit ihm verbunden. Sie sind die natürliche Aktion sei-
ner wesentlichen Qualität. Es kömmt dieser Unsinn dadurch herein,
daß Hegel die Staatsgeschäfte und Wirksamkeiten abstrakt für sich
und im Gegensatz dazu die besondere Individualität faßt; aber er
vergißt, daß die besondere Individualität eine menschliche und
die Staatsgeschäfte und Wirksamkeiten menschliche Funktionen
sind; er vergißt, daß das Wesen der "besonderen Persönlichkeit"
nicht ihr Bart, ihr Blut, ihre abstrakte Physis, sondern ihre
s o z i a l e Q u a l i t ä t ist, und daß die Staatsgeschäfte
etc. nichts als Daseins- und Wirkungsweisen der sozialen Qualitä-
ten des Menschen sind. Es versteht sich also, daß die Individuen,
insofern sie die Träger der Staatsgeschäfte und Gewalten sind,
ihrer sozialen und nicht ihrer privaten Qualität nach betrachtet
werden.
"§ 278. Diese beiden Bestimmungen, daß die besonderen Geschäfte
und Gewalten des Staats weder für sich noch in dem besonderen
Willen von Individuen selbständig und fest sind, sondern in der
E i n h e i t d e s S t a a t s als ihrem e i n f a c h e n
S e l b s t ihre letzte Wurzel haben, macht die S o u v e-
r ä n i t ä t d e s S t a a t s aus."
-----
1*) Undeutliches Wort, etwa: Verschränkung, oder Verschlingung -
2*) eine wesentliche Verbindung
#223# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
"Der Despotismus bezeichnet überhaupt den Zustand der Gesetzlo-
sigkeit, wo der besondere Wille als solcher, es sei nun eines
Monarchen oder eines Volks [...] als Gesetz oder vielmehr statt
des Gesetzes gilt, da hingegen die Souveränität gerade im gesetz-
lichen, konstitutionellen Zustande das Moment der Idealität der
besondern Sphären und Geschäfte ausmacht, daß nämlich eine solche
Sphäre nicht ein Unabhängiges, in ihren Zwecken und Wirkungswei-
sen Selbständiges und sich nur in sich Vertiefendes, sondern in
diesen Zwecken und Wirkungsweisen vom Z w e c k e des
G a n z e n (den man im allgemeinen mit einem unbestimmteren
Ausdrucke das W o h l d e s S t a a t s genannt hat) bestimmt
und abhängig sei. Diese Idealität kommt auf die gedoppelte Weise
zur Erscheinung. - Im f r i e d l i c h e n Zustande gehen die
besonderen Sphären und Geschäfte den Gang der Befriedigung ihrer
besonderen Geschäfte [...] fort, und es ist teils nur die Weise
der bewußtlosen N o t w e n d i g k e i t der Sache, nach wel-
cher ihre Selbstsucht in den Beitrag zur gegenseitigen Erhaltung
und zur Erhaltung des Ganzen u m s c h l ä g t [...], teils
aber ist es die d i r e k t e E i n w i r k u n g von oben,
wodurch sie sowohl zu dem Zwecke des Ganzen fortdauernd zurückge-
führt und darnach beschränkt [...] als angehalten werden, zu die-
ser Erhaltung direkte Leistungen zu machen; - i m
Z u s t a n d e d e r N o t aber, es sei innerer oder äußerli-
cher, ist es die Souveränität, in deren einfachen Begriff der
dort in seinen Besonderheiten bestehende Organismus zusammengeht
und welcher die Rettung des Staats mit Aufopferung dieses sonst
Berechtigten anvertraut ist, wo denn jener I d e a l i s m u s
zu seiner e i g e n t ü m l i c h e n Wirklichkeit kommt."
Dieser Idealismus ist also nicht entwickelt zu einem gewußten,
vernünftigen System. Er erscheint im f r i e d l i c h e n Zu-
stande entweder nur als ein äußerlicher Zwang, der der herrschen-
den Macht, dem Privatleben durch "direkte Einwirkung von oben"
angetan wird, oder als blindes ungewußtes Resultat der Selbst-
sucht. Seine "eigentümliche Wirklichkeit" hat dieser Idealismus
nur im "Kriegs- oder Notzustand" des Staats, so daß sich hier
sein Wesen als "Kriegs- und Notzustand" des wirklichen bestehen-
den Staats ausspricht, während sein "f r i e d l i c h e r" Zu-
stand eben der Krieg und die Not der Selbstsucht ist.
Die S o u v e r ä n i t ä t, der Idealismus des Staats, exi-
stiert daher nur als i n n e r e Notwendigkeit: als I d e e.
Auch damit ist Hegel zufrieden, denn es handelt sich nur um die
Idee. Die Souveränität existiert also einerseits nur als
b e w u ß t l o s e, b l i n d e S u b s t a n z. Wir werden
sogleich ihre andere Wirklichkeit kennenlernen.
"§ 279. Die Souveränität, zunächst nur der a l l g e m e i n e
Gedanke dieser Idealität, e x i s t i e r t nur als die ihrer
selbst gewisse S u b j e k t i v i t ä t und als die abstrakte,
insofern grundlose S e l b s t b e s t i m m u n g des Willens,
in welcher das Letzte der Entscheidung liegt. Es ist dies das In-
dividuelle des Staats als solches, der selbst nur darin
E i n e r ist. Die Subjektivität aber ist in ihrer Wahrheit nur
als S u b j e k t, die Persönlichkeit nur als P e r s o n,
und in der zur reellen Vernünftigkeit gediehenen Verfassung hat
jedes der drei Momente des Begriffes seine f ü r s i c h
w i r k l i c h e ausgesonderte Gestaltung. Dies absolut ent-
scheidende Moment des Ganzen ist daher nicht die Individualität
überhaupt, sondern Ein Individuum, der M o n a r c h."
1. "Die Souveränität, zunächst nur der allgemeine Gedanke dieser
Idealität, existiert nur als die ihrer s e l b s t g e w i s-
s e S u b j e k t i v i t ä t [...] Die Subjektivität ist in
ihrer Wahrheit nur als S u b j e k t, die P e r s ö n-
l i c h k e i t nur als P e r s o n. In der
#224# Karl Marx
-----
zur reellen Vernünftigkeit gediehenen Verfassung hat jedes der
drei Momente des Begriffes [...] für sich wirkliche ausgesonderte
Gestaltung."
2. Die Souveränität "existiert nur [...] als die abstrakte. Inso-
fern grundlose S e l b s t b e s t i m m u n g des Willens, in
welcher das Letzte der Entscheidung liegt. Es ist dies das Indi-
viduelle des Staats als solches, der selbst darin nur E i n e r
ist [...] (und in der zur reellen Vernünftigkeit gediehenen Ver-
fassung hat jedes der drei Momente des Begriffes seine f ü r
s i c h w i r k l i c h e ausgesonderte Gestaltung). Dies abso-
lut entscheidende Moment des Ganzen ist daher nicht die Indivi-
dualität überhaupt, sondern Ein Individuum, der M o n a r c h."
Der erste Satz heißt nichts, als daß der allgemeine Gedanke die-
ser Idealität, dessen traurige Existenz wir eben gesehn haben,
das selbstbewußte Werk der Subjekte sein und als solches für sie
und in ihnen existieren müßte.
Wäre Hegel von den wirklichen Subjekten als den Basen des Staats
ausgegangen, so hätte er nicht nötig, auf eine mystische Weise
den Staat sich versubjektivieren zu lassen. "Die Subjektivität",
sagt Hegel, "aber ist in ihrer Wahrheit nur als S u b j e k t,
die Persönlichkeit nur als P e r s o n." Auch dies ist eine My-
stifikation. Die Subjektivität ist eine Bestimmung des Subjekts,
die Persönlichkeit eine Bestimmung der Person. Statt sie nun als
Prädikate ihrer Subjekte zu fassen, verselbständigt Hegel die
Prädikate und läßt sie hinterher auf eine mystische Weise in ihre
Subjekte sich verwandeln.
Die Existenz der Prädikate ist das Subjekt: also das Subjekt die
Existenz der Subjektivität etc. Hegel verselbständigt die Prädi-
kate, die Objekte, aber er verselbständigt sie getrennt von ihrer
wirklichen Selbständigkeit, ihrem Subjekt. Nachher erscheint dann
das wirkliche Subjekt als Resultat, während vom wirklichen Sub-
jekt auszugehn und seine Objektivation zu betrachten ist. Zum
wirklichen Subjekt wird daher die mystische Substanz, und das re-
elle Subjekt erscheint als ein andres, als ein Moment der mysti-
schen Substanz. Eben weil Hegel von den Prädikaten der allgemei-
nen Bestimmung statt von dem reellen Ens (??????????? Subjekt)
ausgeht und doch ein Träger dieser Bestimmung da sein muß, wird
die mystische Idee dieser Träger. Es ist dies der Dualismus, daß
Hegel das Allgemeine nicht als das wirkliche Wesen
#225# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
des Wirklich-Endlichen, d. i. Existierenden, Bestimmten betrach-
tet oder das wirkliche Ens nicht als das w a h r e
S u b j e k t des Unendlichen.
So wird hier die Souveränität, das Wesen des Staats, zuerst als
ein selbständiges Wesen betrachtet, vergegenständlicht. Dann,
versteht sich, muß dies Objektive wieder Subjekt werden. Dies
Subjekt erscheint aber dann als eine Selbstverkörperung der Sou-
veränität, während die Souveränität nichts anders ist als der
vergegenständlichte Geist der Staatssubjekte.
Abgesehn von diesem Grundmangel der Entwicklung, betrachten wir
diesen ersten Satz des Paragraphen. Wie er daliegt, so heißt er
nichts als: die Souveränität, der Idealismus des Staats als Per-
son, als "Subjekt" existiert, versteht sich, als viele Personen,
viele Subjekte, da keine einzelne Person die Sphäre der Persön-
lichkeit, kein einzelnes Subjekt die Sphäre der Subjektivität im
sich absorbiert. Was sollte das auch für ein Staatsidealismus
sein, der, statt als das wirkliche Selbstbewußtsein der Staats-
bürger, als die gemeinsame Seele du Staats, e i n e Person,
e i n Subjekt wäre. Mehr hat Hegel auch nicht an diesem Sitz
entwickelt. Aber betrachten wir nun den mit diesem Satz ver-
schränkten zweiten Satz. Es ist Hegel darum zu tun, den Monarchen
als den wirklichen "Gottmenschen", als die w i r k l i c h e
V e r k ö r p e r u n g der Idee darzustellen.
"Die Souveränität ... e x i s t i e r t nur ... als die ab-
strakte, insofern grundlose S e l b s t b e s t i m m u n g des
Willens, in welcher das Letzte der Entscheidung liegt. Es ist
dies das I n d i v i d u e l l e des Staats als solches, der
selbst nur darin E i n e r ist ... in der zur reellen Vernünf-
tigkeit gediehenen Verfassung hat jedes der drei Momente des Be-
griffes seine f ü r s i c h w i r k l i c h e ausgesonderte
Gestaltung. Dies absolut entscheidende Moment des Ganzen ist
d a h e r nicht die Individualität überhaupt, sondern Ein Indi-
viduum, der M o n a r c h."
Wir haben vorher schon auf den Satz aufmerksam gemacht. Das Mo-
ment des Beschließens, der willkürlichen, weil bestimmten Ent-
scheidung ist die f ü r s t l i c h e G e w a l t des
W i l l e n s überhaupt. Die Idee der f ü r s t l i c h e n
G e w a l t, wie sie Hegel entwickelt, ist nichts anders, als
die I d e e des W i l l k ü r l i c h e n, der E n t-
s c h e i d u n g des Willens.
Während Hegel aber eben die Souveränität als den Idealismus des
Staats, als die wirkliche Bestimmung der Teile durch die Idee des
Ganzen auffaßt, macht er sie jetzt zur "abstrakten, insofern
g r u n d l o s e n Selbstbestimmung des Willens, in welcher das
Letzte der Entscheidung ist. Es ist dies das
I n d i v i d u e l l e des Staats als solches." Vorhin war von
der Subjektivität, jetzt ist von der Individualität die Rede. Der
Staat als souveräner muß E i n e r, E i n I n d i v i d u u m,
sein, Individualität besitzen. Der Staat ist "nicht nur" darin,
in dieser Individualität E i n e r; die Individualität ist nur
das n a t ü r l i c h e Moment seiner Einheit die
N a t u r b e s t i m m u n g des Staats. "Dies absolut ent-
scheidende Moment
#226# Karl Marx
-----
ist d a h e r nicht die Individualität überhaupt, sondern Ein
Individuum, der M o n a r c h." Woher? Weil "jedes der drei Mo-
mente des Begriffes in der zur reellen Vernünftigkeit gediehenen
Verfassung s e i n e f ü r s i c h w i r k l i c h e, ausge-
sonderte Gestaltung" hat. Ein Moment des Begriffes ist die
"Einzelnheit", allein dies ist noch nicht E i n
I n d i v i d u u m. Und was sollte das auch für eine Verfassung
sein, wo die Allgemeinheit, die Besonderheit, die Einzelnheit,
jede "seine f ü r s i c h w i r k l i c h e, ausgesonderte
Gestaltung" hätte? Da es sich überhaupt von keinem Abstraktum,
sondern vom Staat, von der Gesellschaft handelt, so kann man
selbst die Klassifikation Hegels annehmen. Was folgte daraus? Der
Staatsbürger als das Allgemeine bestimmend ist Gesetzgeber, als
das Einzelne entscheidend, als w i r k l i c h wollend, ist
Fürst; was sollte das heißen: D i e I n d i v i d u a l i t ä t
d e s S t a a t s w i l l e n s ist "ein. I n d i v i-
d u u m", ein besonderes, von allen unterschiedenes Individuum?
Auch die A l l g e m e i n h e i t, die Gesetzgebung hat eine
"für sich wirkliche, ausgesonderte Gestaltung". Könnte man daher
schließen: "Die Gesetzgebung sind diese besonderen Individuen."
D e r g e m e i n e M a n n:
2. Der Monarch hat die souveräne Gewalt, die Souveränität.
3. Die Souveränität tut, was sie will.
H e g e l:
2. Die S o u v e r ä n i t ä t des Staats ist der Monarch.
3. Die Souveränität ist "die abstrakte, insofern grundlose
S e l b s t b e s t i m m u n g des Willens, in welcher das
Letzte der Entscheidung liegt".
Alle Attribute des konstitutionellen Monarchen im jetzigen Europa
macht Hegel zu absoluten Selbstbestimmungen des W i l l e n s.
Er sagt nicht: Der Wille des Monarchen ist die letzte Entschei-
dung, sondern: Die letzte Entscheidung des Willens ist - der Mon-
arch. Der erste Satz ist empirisch, Der zweite verdreht die empi-
rische Tatsache in ein metaphysisches Axiom.
Hegel verschränkt die beiden Subjekte, die Souveränität "als die
ihrer selbst gewisse Subjektivität" u n d die Souveränität "als
die g r u n d l o s e Selbstbestimmung des Willens, als den in-
dividuellen Willen" durcheinander, um die "Idee" als "E i n In-
dividuum" herauszukonstruieren.
Es versteht sich, daß die selbstgewisse Subjektivität auch
w i r k l i c h wollen, auch als Einheit, als Individuum wollen
muß. Wer hat aber auch je bezweifelt, daß der Staat durch Indivi-
duen handelt? Wollte Hegel entwickeln; Der Staat muß e i n In-
dividuum als Repräsentanten seiner individuellen Einheit haben,
so brachte er den M o n a r c h e n nicht heraus. Wir halten
als p o s i t i v e s Resultat dieses Paragraphen nur fest:
#227# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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Der M o n a r c h ist im Staate das Moment des
i n d i v i d u e l l e n W i l l e n s, der grundlosen Selbst-
bestimmung, der Willkür.
Die Anmerkung Hegels zu diesem Paragraphen ist so merkwürdig, daß
wir sie näher beleuchten müssen.
"Die immanente Entwickelung einer Wissenschaft, die A b l e i-
t u n g i h r e s g a n z e n I n h a l t s aus dem einfachen
B e g r i f f e ... zeigt das Eigentümliche, daß der eine und
derselbe Begriff, hier der W i l l e, der anfangs, weil es der
Anfang ist, abstrakt ist, sich erhält, aber seine Bestimmungen
und zwar ebenso nur durch sich selbst verdichtet und auf diese
Weise einen konkreten Inhalt gewinnt. So ist es das Grundmoment
der zuerst im unmittelbaren Rechte abstrakten Persönlichkeit,
welches sich durch seine verschiedenen Formen von Subjektivität
fortgebildet hat und hier im absoluten Rechte, dem Staate, dir,
vollkommen konkreten Objektivität des Willens, die P e r s ö n-
l i c h k e i t d e s S t a a t s ist, seine G e w i ß-
h e i t s e i n e r s e l b s t - dieses Letzte, was alle
Besonderheiten in dem einfachen Selbst aufhebt, das Abwägen der
Gründe und Gegengründe, zwischen denen sich immer herüber und
hinüber schwanken läßt, abbricht und sie durch das: I c h
w i l l, b e s c h l i e ß t, und alle Handlung und Wirklich-
keit anfängt."
Zunächst ist es nicht die "Eigentümlichkeit der Wissenschaft",
daß der Fundamentalbegriff der Sache immer wiederkehrt.
Dann hat aber auch kein F o r t s c h r i t t stattgefunden.
Die a b s t r a k t e P e r s ö n l i c h k e i t war das Sub-
jekt des abstrakten Rechts; sie hat sich nicht verändert; sie ist
wieder als a b s t r a k t e P e r s ö n l i c h k e i t die
P e r s ö n l i c h k e i t d e s S t a a t s. Hegel bitte
sich nicht darüber verwundern sollen, daß die w i r k l i c h e
Person - und die Personen machen den Staat - überall als sein We-
sen wiederkehrt. Er hätte sich über das Gegenteil wundern müssen,
noch mehr aber darüber, daß die Person als Staatsperson in der-
selben dürftigen Abstraktion wiederkehrt wie die Person des Pri-
vatrechts.
Hegel definiert hier den Monarchen als "die Persönlichkeit des
Staats, seine Gewißheit seiner selbst". Der Monarch ist die
"personifizierte Souveränität", die "menschgewordene Souveräni-
tät", das leibliche Staatsbewußtsein, wodurch also alle andern
von dieser Souveränität und von der Persönlichkeit und vom
Staatsbewußtsein ausgeschlossen sind. Zugleich weiß aber Hegel
dieser "Souverainité Personne" 1*) keinen andern Inhalt zu geben
als das "Ich will", das Moment der Willkür im Willen. Die
"Staatsvernunft" und das. "Staatsbewußtsein" ist eine "einzige
empirische Person mit Ausschluß aller anderen, aber diese perso-
nifizierte Vernunft hat keinen anderen Inhalt als die Abstraktion
des "Ich will". L'Etat c'est moi. 2*)
"Die Persönlichkeit und die Subjektivität überhaupt hat aber
f e r n e r, als unendliches sich auf sich Beziehendes,
schlechthin nur W a h r h e i t, und zwar seine nächste
-----
1*) "personifizierten Souveränität" - 2*) Der Staat bin ich.
#228# Karl Marx
-----
unmittelbare Wahrheit als Person, für sich seiendes Subjekt, und
das für sich Seiende ist ebenso schlechthin E i n e s."
Es versteht sich von selbst, da Persönlichkeit und Subjektivität
nur Prädikate der Person und des Subjekts sind, so existieren sie
nur als Person und Subjekt, und zwar ist die Person E i n s.
Aber, mußte Hegel fortfahren, das E i n s hat schlechthin nur
Wahrheit als v i e l e E i n s. Das Prädikat, das Wesen er-
schöpft die Sphären seiner Existenz nie in e i n e m E i n s,
sondern i n d e n v i e l e n E i n s.
Statt dessen schließt Hegel:
"Die Persönlichkeit des Staates ist nur als eine P e r s o n,
der M o n a r c h, wirklich."
Also weil die Subjektivität nur als Subjekt und das Subjekt nur
als Eins, ist die Persönlichkeit des Staats nur als eine Person
wirklich. Ein schöner Schluß. Hegel könnte ebensogut schließen:
Weil der einzelne Mensch ein Eins ist, ist die Menschengattung
nur ein einziger Mensch.
"Persönlichkeit drückt den Begriff als solchen aus, die Person
enthält z u g l e i c h die Wirklichkeit desselben, und der Be-
griff ist nur mit dieser Bestimmung I d e e, Wahrheit."
Die P e r s ö n l i c h k e i t ist allerdings nur eine Ab-
straktion ohne die Person, aber die Person ist nur die
w i r k l i c h e Idee der Persönlichkeit in ihrem Gattungsda-
sein, a l s d i e P e r s o n e n.
"Eine sogenannte m o r a l i s c h e Person, Gesellschaft, Ge-
meinde, Familie, so konkret sie in sich ist, hat die Persönlich-
keit nur als Moment, abstrakt in ihr; sie ist darin nicht zur
Wahrheit ihrer Existenz gekommen, der Staat aber ist eben diese
Totalität, in welcher die Momente des Begriffs zur Wirklichkeit
nach ihrer eigentümlichen Wahrheit gelangen."
Es herrscht eine große Konfusion in diesem Satz. Die
m o r a l i s c h e Person, Gesellschaft etc. wird abstrakt ge-
nannt, also eben die Gattungsgestaltungen, in welchen die
w i r k l i c h e Person ihren wirklichen Inhalt zum Dasein
bringt, sich verobjektiviert und die Abstraktion der "Person
quand même" 1*) aufgibt. Statt diese V e r w i r k l i c h u n g
der Person als das Konkreteste anzuerkennen, soll der Staat den
Vorzug haben, daß "das Moment des Begriffs", die "Einzelnheit" zu
einem mystischen "Dasein" gelangt. Das Vernünftige besteht nicht
darin, daß die Vernunft der wirklichen Person, sondern darin, daß
die Momente des abstrakten Begriffs zur Wirklichkeit gelangen.
"Der Begriff des Monarchen ist deswegen der schwerste Begriff für
das Räsonnement, d.h. für die reflektierende Verstandesbetrach-
tung, weil es in den vereinzelten
-----
1*) als solcher
#229# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
Bestimmungen stehenbleibt und darum dann auch nur Gründe, endli-
che Gesichtspunkte und das A b l e i t e n aus Gründen kennt.
So stellt es dann die Würde des Monarchen als etwas nicht nur der
Form, sondern ihrer Bestimmung nach Abgeleitetes dar; vielmehr
ist sein Begriff, nicht ein Abgeleitetes, sondern d a s
s c h l e c h t h i n a u s s i c h A n f a n g e n d e zu
sein. Am nächsten" (freilich!) "trifft daher hiermit die Vorstel-
lung zu, das Recht des Monarchen als auf göttliche Autorität ge-
gründet zu betrachten, denn darin ist das Unbedingte desselben
enthalten."
"Schlechthin aus sich anfangend" ist in gewissem Sinn jedes not-
wendige Dasein; in dieser Hinsicht die Laus des Monarchen so gut
als der Monarch. Hegel hatte damit also nicht Besondres über den
Monarchen gesagt. Soll aber etwas von allen übrigen Objekten der
Wissenschaft und der Rechtsphilosophie spezifisch Verschiedenes
vom Monarchen gelten, so ist das eine wirkliche Narrheit; bloß
insofern richtig, als die "e i n e Person-Idee" allerdings etwas
nur aus der Imagination und nicht aus dem Verstande Abzuleitendes
ist.
"V o l k s s o u v e r ä n i t ä t kann in dem Sinn gesagt wer-
den, daß ein Volk überhaupt n a c h A u ß e n ein Selbständi-
ges sei und einen eigenen Staat ausmache" etc.
Das ist eine Trivialität. Wenn der Fürst die "wirkliche Staats-
souveränität ist, so müßte auch nach außen "der Fürst" für einen
"selbständigen Staat" gelten können, auch ohne das Volk. Ist er
aber souverän, insofern er die Volkseinheit repräsentiert, so ist
er also selbst nur Repräsentant, Symbol der Volkssouveränität.
Die Volkssouveränität ist nicht durch ihn, sondern umgekehrt er
durch sie.
"Man kann so auch von der S o u v e r ä n i t ä t n a c h
I n n e n sagen, daß sie im Volke residiere, wenn man nur über-
haupt vom G a n z e n spricht, ganz so wie vorhin (§ 277, 278)
gezeigt ist, daß dem S t a a t e Souveränität zukomme."
Als wäre nicht das Volk der wirkliche Staat. Der Staat ist ein
Abstraktum. Das Volk allein ist das Konkretum. Und es ist merk-
würdig, daß Hegel, der ohne Bedenken dem Abstraktum, nur mit Be-
denken und Klauseln dem Konkretum eine lebendige Qualität wie die
der Souveränität beilegt.
"Aber Volkssouveränität, als im G e g e n s a t z e g e g e n
d i e i m M o n a r c h e n e x i s t i e r e n d e S o u-
v e r ä n i t ä t genommen, ist der gewöhnliche Sinn, in welchem
man in neueren Zeiten von Volkssouveränität zu sprechen
angefangen hat -, in diesem Gegensatze gehört die Volkssouveräni-
tät zu den verworrenen Gedanken, denen die w ü s t e Vorstel-
lung des V o l k e s zugrunde liegt."
Die "verworrenen Gedanken" und die "w ü s t e Vorstellung" be-
findet sich hier allein auf der Seite Hegels. Allerdings: wenn
die Souveränität im Monarchen e x i s t i e r t, so ist es eine
Narrheit, von einer gegensätzlichen Souveränität
#230# Karl Marx
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im Volke zu sprechen; denn es liegt im Begriff der Souveränität,
daß sie keine doppelte und gar entgegengesetzte Existenz haben
kann. Aber:
1. ist grade die Frage: Ist die Souveränität, die im Monarchen
absorbiert ist, nicht eine Illusion? Souveränität des Monarchen
oder des Volkes, das ist die question.
2. kann auch von einer Souveränität des Volkes i m G e g e n-
s a t z g e g e n d i e i m M o n a r c h e n e x i-
s t i e r e n d e S o u v e r ä n i t ä t gesprochen werden.
Aber dann handelt es sich nicht um e i n e u n d
d i e s e l b e S o u v e r ä n i t ä t, die auf zwei Seiten
entstanden, sondern es handelt sich um zwei g a n z
e n t g e g e n g e s e t z t e B e g r i f f e d e r
S o u v e r ä n i t ä t, von denen die eine eine solche ist, die
in einem M o n a r c h e n, die andre eine solche, die nur in
einem V o l k e zur Existenz kommen kann. Ebenso wie es sich
fragt: Ist Gott der Souverän, oder ist der Mensch der Souverän?
Eine von beiden ist eine Unwahrheit, wenn auch eine existierende
Unwahrheit.
"Das Volk, o h n e seinen Monarchen und die eben d a m i t
n o t w e n d i g und unmittelbar zusammenhängende G e g l i e-
d e r u n g des Ganzen genommen, ist die formlose Masse, die
kein Staat mehr ist und der k e i n e der Bestimmungen, die nur
in dem i n s i c h g e f o r m t e n Ganzen vorhanden sind, -
Souveränität, Regierung, Gerichte, Obrigkeit, Stände und was es
sei, mehr zukommt. Damit, daß solche auf eine Organisation, das
Staatsleben, sich beziehende Momente in einem Volke hervortreten,
hört es auf, dies unbestimmte Abstraktum zu sein, das in der bloß
allgemeinen Vorstellung Volk heißt."
Dies Ganze eine Tautologie. Wenn ein Volk einen Monarchen und
eine mit ihm notwendig und unmittelbar zusammenhängende Gliede-
rung hat, d.h., wenn es als Monarchie gegliedert ist, so ist es
allerdings, aus dieser Gliederung herausgenommen, eine formlose
Masse und bloß allgemeine Vorstellung.
"Wird unter der Volkssouveränität die Form der R e p u b l i k
und zwar bestimmter der Demokratie verstanden, so kann gegen die
entwickelte Idee nicht mehr von solcher Vorstellung die Rede
sein."
Das ist allerdings richtig, wenn man nur eine "solche Vorstel-
lung" und keine "entwickelte Idee" von der Demokratie hat.
Die Demokratie ist die Wahrheit der Monarchie, die Monarchie ist
nicht die Wahrheit der Demokratie. Die Monarchie ist notwendig
Demokratie als Inkonsequenz gegen sich selbst, das monarchische
Moment ist keine Inkonsequenz in der Demokratie. Die Monarchie
kann nicht, die Demokratie kann aus sich selbst begriffen werden.
In der Demokratie erlangt keines der Momente eine andere Bedeu-
tung, als ihm zukommt. Jedes ist wirklich nur Moment des ganzen
Demos. In der Monarchie bestimmt ein Teil den Charakter des Gan-
zen. Die ganze Verfassung muß sich nach dem festen Punkt modifi-
zieren. Die Demokratie ist die Verfassungsgattung. Die Monarchie
ist eine
#231# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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Art, und zwar eine schlechte Art. Die Demokratie ist Inhalt und
Form. Die Monarchie s o l l nur Form sein, aber sie verfälscht
den Inhalt.
In der Monarchie ist das Ganze, das Volk, unter eine seiner Da-
seinsweisen, die politische Verfassung, subsumiert; in der Demo-
kratie erscheint die V e r f a s s u n g s e l b s t nur als
e i n e Bestimmung, und zwar Selbstbestimmung des Volks. In der
Monarchie haben wir das Volk der Verfassung; in der Demokratie
die Verfassung des Volks. Die Demokratie ist das aufgelöste
R ä t s e l aller Verfassungen. Hier ist die Verfassung nicht
nur a n s i c h, dem Wesen nach, sondern der Existenz, der
Wirklichkeit nach in ihren wirklichen Grund, den w i r k-
l i c h e n M e n s c h e n, das w i r k l i c h e V o l k,
stets zurückgeführt und als sein e i g e n e s Werk gesetzt.
Die Verfassung erscheint als das, was sie ist, freies Produkt des
Menschen; man könnte sagen, daß dies in gewisser Beziehung auch
von der konstitutionellen Monarchie gelte, allein der spezifische
Unterschied der Demokratie ist, daß hier die V e r f a s s u n g
überhaupt nur e i n Daseinsmoment des Volkes, daß nicht die
p o l i t i s c h e V e r f a s s u n g für sich den Staat
bildet.
Hegel geht vom Staat aus und macht den Menschen zum versubjekti-
vierten Staat; die Demokratie geht vom Menschen aus und macht den
Staat zum verobjektivierten Menschen. Wie die Religion nicht den
Menschen, sondern wie der Mensch die Religion schafft, so schafft
nicht die Verfassung das Volk, sondern das Volk die Verfassung.
Die Demokratie verhält sich in gewisser Hinsicht zu allen übrigen
Staatsformen wie das Christentum sich zu allen übrigen Religionen
verhält. Das Christentum ist die Religion ??? ?????? 1*), das
W e s e n d e r R e l i g i o n, der deifizierte Mensch als
eine b e s o n d r e Religion. So ist die Demokratie das
W e s e n a l l e r S t a a t s v e r f a s s u n g, der so-
zialisierte Mensch, als eine b e s o n d r e Staatsverfassung;
sie verhält sich zu den übrigen Verfassungen, wie die Gattung
sich zu ihren Arten verhält, nur daß hier die Gattung selbst als
Existenz, darum gegenüber den dem Wesen nicht entsprechenden Exi-
stenzen selbst als eine b e s o n d r e Art erscheint. Die De-
mokratie verhält sich zu allen übrigen Staatsformen als ihrem al-
ten Testament. Der Mensch ist nicht des Gesetzes, sondern das Ge-
setz ist des Menschen wegen da, es ist m e n s c h l i c h e s
D a s e i n, während in den andern der Mensch das g e-
s e t z l i c h e D a s e i n ist. Das ist die Grunddifferenz
der Demokratie.
Alle übrigen S t a a t s b i l d u n g e n sind eine gewisse,
bestimmte, b e s o n d e r e S t a a t s f o r m. In der Demo-
kratie ist das f o r m e l l e Prinzip zugleich das
m a t e r i e l l e Prinzip. Sie ist daher erst die wahre Ein-
heit des Allgemeinen und Besondern. In der Monarchie z.B., in der
Republik als einer nur besondern
-----
1*) vorzugsweise
#232# Karl Marx
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Staatsform, hat der politische Mensch sein besonderes Dasein ne-
ben dem unpolitischen, dem Privatmenschen. Das Eigentum, der Ver-
trag, die Ehe, die bürgerliche Gesellschaft erscheinen hier (wie
dies Hegel für diese a b s t r a k t e n Staatsformen ganz
richtig entwickelt, nur daß er die Idee des Staats zu entwickeln
m e i n t) als b e s o n d r e Daseinsweisen neben dem
p o l i t i s c h e n Staat, als der I n h a l t, zu dem sich
der p o l i t i s c h e S t a a t als die o r g a n i s i e-
r e n d e F o r m verhält, eigentlich nur als der bestimmende,
beschränkende, bald bejahende, bald verneinende, in sich selbst
inhaltslose Verstand. In der Demokratie ist der politische Staat,
so wie er sich neben diesen Inhalt stellt und von ihm
unterscheidet, selbst nur ein b e s o n d r e r Inhalt, wie
eine besondre D a s e i n s f o r m des Volkes. In der Mon-
archie z.B. hat dies Besondre, die politische Verfassung, die Be-
deutung des alles Besondern beherrschenden und bestimmenden
A l l g e m e i n e n. In der Demokratie ist der Staat als Be-
sondres n u r Besondres, als Allgemeines das wirkliche Allge-
meine, d.h. keine Bestimmtheit im Unterschied zu dem andern In-
halt. Die neueren Franzosen haben dies so aufgefaßt, daß in der
wahren Demokratie d e r p o l i t i s c h e S t a a t
u n t e r g e h e. Dies ist insofern richtig, als er qua politi-
scher Staat, als Verfassung, nicht mehr für das Ganze gilt.
In allen von der Demokratie unterschiednen Staaten ist der
S t a a t, das G e s e t z, die V e r f a s s u n g das
Herrschende, ohne daß er wirklich herrschte, d.h. den Inhalt der
übrigen nicht politischen Sphären materiell durchdringe. In der
Demokratie ist die Verfassung, das Gesetz, der Staat selbst nur
eine Selbstbestimmung des Volks und ein bestimmter Inhalt dessel-
ben, soweit er politische Verfassung ist.
Es versteht sich übrigens von selbst, daß alle Staatsformen z u
ihrer Wahrheit die Demokratie haben und daher eben, soweit sie
nicht die Demokratie sind, unwahr sind.
In den alten Staaten bildet der politische Staat den Staatsinhalt
mit Ausschließung der andern Sphären; der moderne Staat ist eine
Akkommodation zwischen dem politischen und dem unpolitischen
Staat.
In der Demokratie hat der a b s t r a k t e Staat aufgehört,
das herrschende Moment zu sein. Der Streit zwischen Monarchie und
Republik ist selbst noch ein Streit innerhalb des abstrakten
Staats. Die p o l i t i s c h e Republik ist die Demokratie in-
nerhalb der abstrakten Staatsform. Die abstrakte Staatsform der
Demokratie ist daher die Republik; sie hört hier aber auf, die
n u r p o l i t i s c h e Verfassung zu sein.
Das Eigentum etc., kurz der ganze Inhalt des Rechts und des
Staats, ist mit wenigen Modifikationen in Nordamerika dasselbe
wie in Preußen. Dort ist also die R e p u b l i k eine bloße
Staats f o r m wie hier die Monarchie. Der Inhalt
#233# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
des Staats liegt außerhalb dieser Verfassungen. Hegel hat daher
recht, wenn er sagt: Der politische Staat ist die Verfassung,
d.h., der materielle Staat ist nicht politisch. Es findet hier
nur eine äußere Identität, eine Wechselbestimmung statt. Von den
verschiedenen Momenten des Volkslebens war es am schwersten, den
politischen Staat, die Verfassung, herauszubilden. Sie entwic-
kelte sich als die allgemeine Vernunft gegenüber den andern Sphä-
ren, als ein Jenseitiges derselben. Die geschichtliche Aufgabe
bestand dann in ihrer Revindikation, aber die besondern Sphären
haben dabei nicht das Bewußtsein, daß ihr privates Wesen mit dem
jenseitigen Wesen der Verfassung oder des politischen Staates
fällt, und daß sein jenseitiges Dasein nichts andres als der Af-
firmativ ihrer eignen Entfremdung ist. Die p o l i t i s c h e
V e r f a s s u n g war bisher die r e l i g i ö s e
S p h ä r e, die R e l i g i o n des Volkslebens, der Himmel
seiner Allgemeinheit gegenüber dem i r d i s c h e n D a-
s e i n seiner Wirklichkeit. Die politische Sphäre war die
einzige Staatssphäre im Staat, die einzige Sphäre, worin der In-
halt wie die Form Gattungsinhalt, das wahrhaft Allgemeine war,
aber zugleich so, daß, weil diese Sphäre den andern gegenüber-
stand, auch ihr Inhalt zu einem formellen und besondern wurde.
Das p o l i t i s c h e L e b e n im modernen Sinn ist der
S c h o l a s t i z i s m u s des Volkslebens. Die M o n a r-
c h i e ist der vollendete Ausdruck dieser Entfremdung. Die
R e p u b l i k ist die Negation derselben innerhalb ihrer
eignen Sphäre. Es versteht sich, daß da erst die politische
Verfassung als solche ausgebildet ist, wo die Privatsphären eine
selbständige Existenz erlangt haben. Wo Handel und Grundeigentum
unfrei, noch nicht verselbständigt sind, ist es auch noch nicht
die politische Verfassung. Das Mittelalter war die
D e m o k r a t i e d e r U n f r e i h e i t.
Die Abstraktion des S t a a t s a l s s o l c h e n gehört
erst der modernen Zeit, weil die Abstraktion des Privatlebens
erst der modernen Zeit gehört. Die Abstraktion des p o l i t i-
s c h e n S t a a t s ist ein modernes Produkt.
Im Mittelalter gab es Leibeigene, Feudalgut, Gewerbekorporation,
Gelehrtenkorporation etc., d.h., im Mittelalter ist Eigentum,
Handel, Sozietät, Mensch politisch; der materielle Inhalt des
Staates ist durch seine Form gesetzt; jede Privatsphäre hat einen
politischen Charakter oder ist eine politische Sphäre, oder die
Politik ist auch der Charakter der Privatsphären. Im Mittelalter
ist die politische Verfassung die Verfassung des Privateigentums,
aber nur, weil die Verfassung des Privateigentums politische Ver-
fassung ist. Im Mittelalter ist Volksleben und Staatsleben iden-
tisch. Der Mensch ist das wirkliche Prinzip des Staats, aber der
u n f r e i e Mensch. Er ist also die D e m o k r a t i e
d e r U n f r e i h e i t, die durchgeführte Entfremdung. Der
abstrakte reflektierte Gegensatz gehört erst der modernen Welt.
Das Mittelalter ist der w i r k l i c h e, die moderne Zeit ist
a b s t r a k t e r Dualismus.
#234# Karl Marx
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"Auf der vorhin bemerkten Stufe, auf welcher die Einteilung der
Verfassungen in Demokratie. Aristokratie und Monarchie gemacht
worden ist, dem Standpunkte der noch i n s i c h b l e i-
b e n d e n s u b s t a n t i e l l e n E i n h e i t, d i e
n o c h n i c h t z u i h r e r u n e n d l i c h e n
U n t e r s c h e i d u n g u n d V e r t i e f u n g i n
s i c h gekommen ist, tritt das Moment der l e t z t e n
s i c h s e l b s t b e s t i m m e n d e n W i l l e n s-
e n t s c h e i d u n g nicht als i m m a n e n t e s
organisches Moment des Staates für sich in e i g e n t ü m-
l i c h e W i r k l i c h k e i t heraus."
In der unmittelbaren Monarchie, Demokratie, Aristokratie gibt es
noch keine politische Verfassung im Unterschied zu dem wirkli-
chen, materiellen Staat oder dem übrigen Inhalt des Volkslebens.
Der politische Staat erscheint noch nicht als die F o r m des
materiellen Staates. Entweder ist, wie in Griechenland, die res
publica 1*) die wirkliche Privatangelegenheit, der wirkliche In-
halt der Bürger, und der Privatmensch ist Sklave; der politische
Staat als politischer ist der wahre einzige Inhalt ihres Lebens
und Wollens, oder, wie in der asiatischen Despotie, der politi-
sche Staat ist nichts als die Privatwillkür eines einzelnen Indi-
viduums oder der politische Staat, wie der materielle, ist
Sklave. Der Unterschied des modernen Staats von diesen Staaten
der substantiellen Einheit zwischen Volk und Staat besteht nicht
darin, daß die verschiedenen Momente der Verfassung zu
b e s o n d e r e r Wirklichkeit ausgebildet sind, wie Hegel
will, sondern darin, daß die Verfassung selbst zu einer
b e s o n d e r n Wirklichkeit neben dem wirklichen Volksleben
ausgebildet ist, daß der politische Staat zur V e r f a s-
s u n g des übrigen Staats geworden ist.
"§ 280. Dieses letzte Selbst des Staatswillens ist in dieser sei-
ner Abstraktion einfach und daher u n m i t t e l b a r e Ein-
zelnheit; in seinem Begriffe selbst liegt hiermit die Bestimmung
der N a t ü r l i c h k e i t; der Monarch ist daher wesentlich
als d i e s e s Individuum, abstrahiert von allem anderen In-
halte, und dieses Individuum auf unmittelbare natürliche Weise,
durch die natürliche G e b u r t, zur Würde des Monarchen be-
stimmt."
Wir haben schon gehört, daß die Subjektivität Subjekt und das
Subjekt notwendig empirisches Individuum, E i n s ist. Wir er-
fahren jetzt, daß im Begriff der u n m i t t e l b a r e n Ein-
zelnheit die Bestimmung der N a t ü r l i c h k e i t, der
Leiblichkeit liegt. Hegel hat nichts bewiesen, als was von selbst
spricht, daß die Subjektivität nur als l e i b l i c h e s In-
dividuum e x i s t i e r t, und, versteht sich, zum leiblichen
Individuum gehört die n a t ü r l i c h e G e b u r t.
Hegel meint, bewiesen zu haben, daß die Staatssubjektivität, die
Souveränität, der Monarch "wesentlich" ist, "als dieses Indivi-
duum, abstrahiert von allem andern Inhalte und d i e s e s In-
dividuum, auf unmittelbare natürliche Weise, durch die natürliche
G e b u r t, zur Würde des Monarchen bestimmt".
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1*) das Gemeinwesen
#235# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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Die Souveränität, die monarchische Würde, würde also geboren. Der
L e i b des Monarchen bestimmte seine Würde. Auf der höchsten
Spitze des Staats entschiede also statt der Vernunft die bloße
P h y s i s. Die Geburt bestimmte die Qualität des Monarchen,
wie sie die Qualität des Viehs bestimmt.
Hegel hat bewiesen, daß der Monarch geboren werden muß, woran
niemand zweifelt, aber er hat nicht bewiesen, daß die Geburt zum
Monarchen macht.
Die Geburt des Menschen zum Monarchen läßt sich ebensowenig zu
einer metaphysischen Wahrheit machen wie die unbefleckte Empfäng-
nis der Mutter Maria. So gut sich aber die letztere Vorstellung,
dies Faktum des Bewußtseins, so gut läßt sich jenes Faktum der
Empirie aus der menschlichen Illusion und den Verhältnissen be-
greifen.
In der Anmerkung, die wir näher betrachten, überläßt sich Hegel
dem Vergnügen, das Unvernünftige als absolut vernünftig demon-
striert zu haben.
"Dieser Übergang vom Begriff der reinen Selbstbestimmung in die
Unmittelbarkeit des Seins und damit in die Natürlichkeit ist rein
spekulativer Natur, seine Erkenntnis gehört daher der logischen
Philosophie an."
Allerdings ist das rein spekulativ, nicht daß aus der reinen
Selbstbestimmung, einer Abstraktion, in die r e i n e Natür-
lichkeit (den Zufall der Geburt), in das andere Extrem überge-
sprungen wird, car les extrêmes se touchent 1*). Das Spekulative
besteht darin, daß dies ein "Übergang des Begriffs" genannt und
der vollkommne Widerspruch als Identität, die höchste Inkonse-
quenz für Konsequenz ausgegeben wird.
Als positives Bekenntnis Hegels kann angesehn werden, daß mit dem
erblichen Monarchen an die Stelle der sich selbst bestimmenden
Vernunft die abstrakte Naturbestimmtheit nicht als das, was sie
ist, als Naturbestimmtheit, sondern als höchste Bestimmung des
Staats tritt, daß dies der p o s i t i v e Punkt ist, wo die
Monarchie den Schein nicht mehr retten kann, die Organisation des
vernünftigen Willens zu sein.
"Es ist übrigens im G a n z e n d e r s e l b e" (?)
"Übergang, welcher als die N a t u r d e s W i l l e n s
ü b e r h a u p t bekannt und der Prozeß ist, einen Inhalt aus
der Subjektivität (als vorgestellten Zweck) in das Dasein zu
übersetzen [...]. Aber die e i g e n t ü m l i c h e Form der
Idee und des Überganges, der hier betrachtet wird, ist das
u n m i t t e l b a r e U m s c h l a g e n der r e i n e n
S e l b s t b e s t i m m u n g d e s W i l l e n s (d e s
e i n f a c h e n B e g r i f f e s s e l b s t) in ein
D i e s e s und natürliches Dasein, ohne die Vermittelung durch
einen b e s o n d e r n Inhalt (einen Zweck im Handeln)."
Hegel sagt, daß das Umschlagen der Souveränität des Staats (einer
Selbstbestimmung
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1*) denn Gegensätze ziehen sich an
#236# Karl Marx
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des Willens) in den Körper des gebornen Monarchen (in das Dasein)
i m G a n z e n der Übergang des Inhalts überhaupt ist, den der
Wille macht, um einen g e d a c h t e n Zweck zu
v e r w i r k l i c h e n, ins Dasein zu übersetzen. Aber Hegel
sagt: im Ganzen. Der e i g e n t ü m l i c h e Unterschied, den
er angibt, ist so eigentümlich, alle Analogie aufzuheben, und die
M a g i e an die Stelle der "Natur des Willens überhaupt" zu
setzen.
Erstens ist das U m s c h l a g e n des vorgestellten Zwecks in
das Dasein hier u n m i t t e l b a r, m a g i s c h. Zweitens
ist hier das Subjekt: die r e i n e S e l b s t b e-
s t i m m u n g des Willens, der e i n f a c h e B e g r i f f
s e l b s t; es ist das Wesen des Willens, was als mystisches
Subjekt bestimmt; es ist kein wirkliches, individuelles, bewußtes
Wollen, es ist die Abstraktion des Willens, die in ein
natürliches Dasein um schlägt, die reine Idee, die sich als ein
Individuum verkörpert.
Drittens, wie die Verwirklichung des Wollens in natürliches Da-
sein u n m i t t e l b a r, d.h. ohne M i t t e l, geschieht,
die sonst der Wille bedarf, um sich zu vergegenständlichen, so
fehlt sogar ein b e s o n d r e r, d.i. bestimmter Zweck, es
findet nicht statt "die Vermittlung durch einen b e s o n-
d e r n Inhalt, einen Zweck im Handeln," versteht sich, denn es
ist kein h a n d e l n d e s Subjekt vorhanden, und die
Abstraktion, die reine Idee des Willens, um zu handeln, muß sie
mystisch handeln. Ein Zweck, der kein b e s o n d r e r ist,
ist kein Zweck, wie ein Handeln ohne Zweck ein zweckloses,
sinnloses Handeln ist. Die ganze Vergleichung mit dem teleologi-
schen Akt des Willens gesteht sich also zu guter Letzt selbst als
eine Mystifikation ein. Ein i n h a l t s l o s e s Handeln der
Idee.
Das Mittel ist der absolute Wille und das Wort des Philosophen,
der besondre Zweck ist wieder der Zweck des philosophierenden
Subjekts, den e r b l i c h e n M o n a r c h e n aus der rei-
nen Idee zu konstruieren. Die Verwirklichung des Zwecks ist die
einfache V e r s i c h e r u n g Hegels.
"Im sogenannten o n t o l o g i s c h e n B e w e i s e vom
Dasein Gottes ist es dasselbe Umschlagen des" absoluten Begriffes
in das Sein" (dieselbe Mystifikation), "was die Tiefe der Idee in
der neuern Zeit ausgemacht hat, was aber in der neuesten Zeit für
das U n b e g r e i f l i c h e" (mit Recht) "ausgegeben worden
ist." "Aber indem die Vorstellung des Monarchen eis dem gewöhnli-
chen" (sc. dem verständigen) "Bewußtsein ganz anheimfallend ange-
sehen wird, so bleibt hier um so mehr der Verstand bei seiner
Trennung und den daraus fließenden Ergebnissen seiner räsonieren-
den Gescheutheit stehen und leugnet dann, daß das Moment der
letzten Entscheidung im Staate a n u n d f ü r s i c h (d.
i. im Vernunftbegriff) mit der unmittelbaren Natürlichkeit ver-
bunden sei."
Man leugnet, daß die l e t z t e E n t s c h e i d u n g
g e b o r e n w erde, und Hegel behauptet, daß der Monarch die
geborene letzte Entscheidung sei; aber wer hat je gezweifelt, daß
die letzte Entscheidung im Staate an wirkliche l e i b l i c h e
#237# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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Individuen geknüpft sei, also "mit der unmittelbaren Natürlich-
keit verbunden sei"?
"§ 281. Beide Momente in ihrer ungetrennten Einheit, das letzte
grundlose Selbst des Willens und die damit ebenso grundlose Exi-
stenz, als der N a t u r anheimgestellte Bestimmung - diese
Idee des von der Willkür U n b e w e g t e n macht die
M a j e s t ä t des Monarchen aus, In dieser Einheit liegt die
w i r k l i c h e E i n h e i t des Staats, welche nur durch
diese ihre innere und ä u ß e r e U n m i t t e l b a r k e i t
der Möglichkeit, in die Sphäre der B e s o n d e r h e i t, de-
ren Willkür, Zwecke und Ansichten herabgezogen zu werden, dem
Kampf der Faktionen gegen Faktionen um den Thron, und der
Schwächung und Zertrümmerung der Staatsgewalt entnommen ist."
Die beiden Momente sind: der Z u f a l l d e s W i l l e n s,
die Willkür, und der Z u f a l l d e r N a t u r, die Geburt,
also S e i n e M a j e s t ä t d e r Z u f a l l. Der Zufall
ist also die w i r k l i c h e E i n h e i t des Staats.
Inwiefern eine "innere und äußere Unmittelbarkeit" der Kollision
etc. entnommen sein soll, ist von Hegel eine unbegreifliche Be-
hauptung, da grade sie das Preisgegebne ist.
Was Hegel vom Wahlreich behauptet, gilt in noch höherem Grade vom
erblichen Monarchen:
"Die Verfassung wird nämlich in einem Wahlreich durch die Natur
des Verhältnisses, daß in ihm der p a r t i k u l ä r e Wille
zum letzten Entscheidenden gemacht ist, zu einer
Wahl - K a p i t u l a t i o n" etc. etc. "zu einer Ergebung der
Staatsgewalt auf die Diskretion des partikulären Willens, woraus
die Verwandlung der besonderen S t a a t s g e w a l t e n i n
P r i v a t e i g e n t u m" etc. "hervorgeht."
"§ 282. Aus der Souveränität des Monarchen fließt das
B e g n a d i g u n g s r e c h t der Verbrecher, denn ihr nur
kommt die Verwirklichung der Macht des Geistes zu, das Geschehene
ungeschehen zu machen, und im Vergehen und Vergessen das Verbre-
chen zu vernichten."
Das Begnadigungsrecht ist das Recht der G n a d e, Die
G n a d e ist der höchste Ausdruck der z u f ä l l i g e n
W i l l k ü r, die Hegel sinnvoll zum eigentlichen Attribut des
Monarchen macht. Hegel bestimmt im Zusatz selbst als ihren Ur-
sprung "d i e g r u n d l o s e E n t s c h e i d u n g".
"§ 283. Das z w e i t e in der Fürstengewalt Enthaltene ist das
Moment der B e s o n d e r h e i t oder des bestimmten Inhalts
und der Subsumtion desselben unter das Allgemeine. Insofern es
eine besondere Existenz erhält, sind es oberste beratende Stellen
und Individuen, die den Inhalt der vorkommenden Staatsangelegen-
heiten oder der aus vorhandenen Bedürfnissen nötig werdenden ge-
setzlichen Bestimmungen, mit ihren o b j e k t i v e n Seiten,
den Entscheidungsgründen, darauf sich beziehenden Gesetzen, Um-
ständen usf. zur Entscheidung vor den M o n a r c h e n brin-
gen. Die Erwählung der I n d i v i d u e n zu diesem Geschäfte
wie deren Entfernung fällt, da sie es mit der unmittelbaren Per-
son des Monarchen zu tun haben, in seine u n b e-
s c h r ä n k t e W i l l k ü r."
#238# Karl Marx
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"§ 284. Insofern das O b j e k t i v e der Entscheidung, die
Kenntnis des Inhalts und der Umstände, die gesetzlichen und an-
dere Bestimmungsgründe, allein der V e r a n t w o r t u n g,
d. i. des Beweises der Objektivität fähig ist und daher einer von
dem persönlichen Willen des Monarchen als solchem unterschiedenen
Beratung zukommen kann, sind diese beratenden Stellen oder Indi-
viduen allein der V e r a n t w o r t u n g unterworfen, die
eigentümliche Majestät des Monarchen, als die letzte entschei-
dende Subjektivität, ist aber über alle Verantwortlichkeit für
die Regierungshandlungen erhoben."
Hegel beschreibt hier ganz empirisch die M i n i s t e r-
g e w a l t, wie sie in konstitutionellen Staaten meistens
bestimmt ist. Das einzige, was die Philosophie hinzutut, ist, daß
sie dieses "empirische Faktum" zur Existenz, zum Prädikat des
"Momentes der B e s o n d e r h e i t in der fürstlichen
Gewalt" macht.
(Die Minister repräsentieren die vernünftige objektive Seite des
souveränen Willens. Ihnen kommt daher auch die E h r e der Ver-
antwortung zu, während der Monarch mit der eigentümlichen Imagi-
nation der "Majestät" abgefunden wird.) Das spekulative Moment
ist also sehr dürftig. Dagegen beruht die Entwicklung im beson-
dern auf ganz empirischen, und zwar sehr abstrakten, sehr
schlechten empirischen Gründen.
So ist z.B. die Wahl der Minister in "die unbeschränkte Willkür"
des Monarchen gestellt, "da sie es mit der unmittelbaren Person
des Monarchen zu tun haben", d, h. da sie Minister sind. Ebenso
kann die "unbeschränkte Wahl" des K a m m e r d i e n e r s des
Monarchen aus der absoluten Idee entwickelt werden.
Besser ist schon der Grund für die V e r a n t w o r t-
l i c h k e i t der Minister, "insofern das O b j e k t i v e
der Entscheidung, die Kenntnis des Inhalts und der Umstände, die
gesetzlichen und anderen Bestimmungsgründe allein der
V e r a n t w o r t u n g, d.i. d e s B e w e i s e s d e r
O b j e k t i v i t ä t, fähig ist". Versteht sich, "die letzte
entscheidende Subjektivität", die reine Subjektivität, die reine
Willkür ist nicht objektiv, also auch keines Beweises der
Objektivität, also keiner Verantwortung fähig, sobald ein
Individuum die g e h e i l i g t e, s a n k t i o n i e r t e
E x i s t e n z der Willkür ist. Hegels Beweis ist schlagend,
wenn man von den konstitutionellen Voraussetzungen ausgeht, aber
Hegel hat diese Voraussetzungen damit nicht bewiesen, daß er sie
in ihrer Grundvorstellung a n a l y s i e r t. I n d i e s e r
V e r w e c h s l u n g l i e g t d i e g a n z e
U n k r i t i k der Hegelschen Rechtsphilosophie.
"§ 285. Das d r i t t e Moment der fürstlichen Gewalt betrifft
das an und für sich Allgemeine, welches in subjektiver Rücksicht
in dem G e w i s s e n d e s M o n a r c h e n, in objektiver
Rücksicht i m G a n z e n d e r V e r f a s s u n g und in
den G e s e t z e n besteht; die fürstliche Gewalt s e t z t
insofern die anderen Momente v o r a u s, w i e j e d e s
v o n d i e s e n s i e v o r a u s s e t z t."
#239# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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"§ 286. Die o b j e k t i v e G a r a n t i e der fürstlichen
Gewalt, der rechtlichen Sukzession nach der Erblichkeit des Thro-
nes usf. liegt darin, daß, ,wie diese Sphäre ihre von den anderen
durch die Vernunft bestimmten Momenten a u s g e s c h i e-
d e n e Wirklichkeit hat, ebenso die anderen für sich die
eigentümlichen Rechte und Pflichten ihrer Bestimmung haben; jedes
Glied, indem es sich für sich erhält, erhält im vernünftigen
Organismus eben damit die anderen in ihrer Eigentümlichkeit."
Hegel sieht nicht, daß er mit diesem dritten Moment, dem "an und
für sich Allgemeinen", die beiden ersten in die Luft sprengt oder
umgekehrt. "Die fürstliche Gewalt setzt insofern die anderen Mo-
mente voraus, wie jedes von diesen sie voraussetzt." Wird dieses
Setzen nicht mystisch, sondern realiter genommen, so ist die
fürstliche Gewalt nicht durch die Geburt, sondern durch die an-
dern Momente gesetzt, also nicht erblich, sondern fließend, d.h.
eine Bestimmung des Staats, die abwechselnd an Staatsindividuen
nach dem Organismus der andern Momente verteilt wird. In einem
vernünftigen Organismus kann nicht der Kopf von Eisen und der
Körper von Fleisch sein. Damit die Glieder sich erhalten, müssen
sie e b e n b ü r t i g, von einem Fleisch uni Blut sein. Aber
der erbliche Monarch ist nicht ebenbürtig, er ist aus anderm
Stoff. Der Prosa des rationalistischen Willens der andern Staats-
glieder tritt hier die Magie der Natur gegenüber. Zudem, Glieder
können sich nur insofern wechselseitig erhalten, als der ganze
Organismus flüssig und jedes derselben in dieser Flüssigkeit auf-
gehoben, also keines, wie hier der Staatskopf, "unbewegt",
"inalterabel" ist. Hegel hebt durch diese Bestimmung also die
"geborene Souveränität" auf.
Zweitens die Unverantwortlichkeit. Wenn der Fürst das "Ganze der
Verfassung", die "Gesetze", verletzt, hört seine Unverantwort-
lichkeit, weil sein verfassungsmäßiges Dasein, auf; aber eben
diese Gesetze, diese Verfassung, machen ihn unverantwortlich. Sie
widersprechen also sich selbst, und diese eine Klausel hebt Ge-
setz und Verfassung auf. Die Verfassung der konstitutionellen
Monarchie ist die U n v e r a n t w o r t l i c h k e i t.
Begnügt sich Hegel aber damit, "daß, wie diese Sphäre ihre von
den anderen durch die Vernunft bestimmten Momenten a u s g e-
s c h i e d e n e Wirklichkeit, ebenso die anderen für sich die
e i g e n t ü m l i c h e n Rechte und Pflichten ihrer Bestim-
mung haben", so müßte er die Verfassung des Mittelalters eine
Organisation nennen; so hat er bloß mehr eine Masse besonderer
Sphären, die in dem Zusammenhang einer äußern Notwendigkeit
zusammenstehn, und allerdings paßt auch nur hierhin ein leibli-
cher Monarch. In einem Staate, worin jede Bestimmung f ü r
s i c h existiert, muß auch die S o u v e r ä n i t ä t d e s
S t a a t s als ein b e s o n d r e s Individuum befestigt
sein.
#240# Karl Marx
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Resumé über Hegels Entwicklung der fürstlichen Gewalt oder der
Idee der Staatssouveränität.
§ 279. Anmerkung 5. 367 heißt es:
"V o l k s s o u v e r ä n i t ä t kann in dem Sinn gesagt wer-
den, daß ein Volk überhaupt n a c h A u ß e n ein Selbständi-
ges sei und einen eigenen Staat ausmache, wie das Volk von Groß-
britannien, aber das Volk von England oder Schottland, Irland
oder von Venedig, Genua, Ceylon usf. kein souveränes Volk mehr
sei, seitdem sie aufgehört haben, e i g e n e F ü r s t e n
oder oberste Regierungen für sich zu haben."
Die V o l k s s o u v e r ä n i t ä t ist also hier die
N a t i o n a l i t ä t, die Souveränität des Fürsten ist die
N a t i o n a l i t ä t, oder das Prinzip des Fürstentums ist
die N a t i o n a l i t ä t, die für sich und ausschließlich
die Souveränität eines Volkes bildet. Ein Volk, dessen
S o u v e r ä n i t ä t n u r in der Nationalität besteht, hat
einen M o n a r c h e n. Die verschiedne Nationalität der Völ-
ker kann sich nicht besser befestigen und ausdrucken als durch
verschiedne M o n a r c h e n. Die Kluft, die zwischen einem
absoluten Individuum und dem andern, ist zwischen diesen Nationa-
litäten.
Die Griechen (und Römer) waren n a t i o n a l, weil und inso-
fern sie das s o u v e r ä n e Volk waren. Die Germanen sind
s o u v e r ä n, weil und insofern sie national sind.
"Eine sogenannte m o r a l i s c h e Person", heißt es ferner
in derselben Anmerkung, "Gesellschaft, Gemeinde, Familie, so kon-
kret sie in sich ist, hat die Persönlichkeit nur als Moment,
a b s t r a k t i n i h r; sie ist darin nicht zur W a h r-
h e i t i h r e r E x i s t e n z gekommen, der Staat aber ist
eben diese Totalität, in welcher die Momente des Begriffs zur
Wirklichkeit nach ihrer e i g e n t ü m l i c h e n Wahrheit
gelangen."
Die moralische Person, Gesellschaft, Familie etc. hat die Persön-
lichkeit nur abstrakt in ihr; dagegen im Monarchen hat die
P e r s o n d e n S t a a t i n s i c h.
In Wahrheit hat die a b s t r a k t e P e r s o n erst in der
m o r a l i s c h e n P e r s o n, Gesellschaft, Familie etc.
ihre P e r s ö n l i c h k e i t zu einer wahren Existenz ge-
bracht. Aber Hegel faßt Gesellschaft, Familie etc., überhaupt die
m o r a l i s c h e P e r s o n, nicht als die Verwirklichung
der wirklichen, empirischen Person, sondern als w i r k l i-
c h e Person, die aber das Moment der Persönlichkeit erst
abstrakt in ihr hat. Daher kommt bei ihm auch nicht die wirkliche
Person zum Staat, sondern der Staat muß erst zur wirklichen
Person kommen. Statt daß daher der Staat als die höchste
Wirklichkeit der Person, als die höchste soziale Wirklichkeit des
Menschen, wird e i n e i n z e l n e r empirischer Mensch,
wird die empirische Person als die höchste Wirklichkeit des
Staats hervorgebracht. Diese Verkehrung des Subjektiven in das
Objektive und des Objektiven in das Subjektive (die daher rührt,
daß Hegel die Lebensgeschichte der abstrakten Substanz,
#241# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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der Idee, schreiben will, daß also die menschliche Tätigkeit etc.
als Tätigkeit und Resultat eines andern erscheinen muß, daß Hegel
das Wesen des Menschen für sich, als eine imaginäre Einzelnheit,
statt in seiner w i r k l i c h e n, m e n s c h l i c h e n
Existenz wirken lassen will) hat notwendig das Resultat, daß
u n k r i t i s c h e r w e i s e eine e m p i r i s c h e
Existenz als die wirkliche Wahrheit der Idee genommen wird; denn
es handelt sich nicht davon, die empirische Existenz zu ihrer
Wahrheit, sondern die Wahrheit zu einer empirischen Existenz zu
bringen, und da wird denn die zunächstliegende als ein
r e a l e s Moment der Idee entwickelt. (Über dieses notwendige
Umschlagen von Empirie in Spekulation und von Spekulation in Em-
pirie später mehr.)
Auf diese Weise wird denn auch der Eindruck des M y s t i-
s c h e n und T i e f e n hervorgebracht. Es ist sehr vulgär,
daß der Mensch geboren worden ist; und daß dies durch die
physische Geburt gesetzte Dasein zum sozialen Menschen etc. wird
bis zum Staatsbürger herauf; der Mensch wird durch seine Geburt
alles, was er wird. Aber es ist sehr tief, es ist frappant, daß
die Staatsidee unmittelbar geboren wird, in der Geburt des
Fürsten sich selbst zum empirischen Dasein herausgeboren hat. Es
ist auf diese Weise kein Inhalt gewonnen, sondern nur die
F o r m des alten Inhalts verändert. Er hat eine philosophische
F o r m erhalten, ein philosophisches Attest.
Eine andere Konsequenz dieser mystischen Spekulation ist, daß ein
b e s o n d r e s empirisches Dasein, ein einzelnes empirisches
Dasein im Unterschied von den andern als das D a s e i n der
I d e e gefaßt wird. Es macht wieder einen tiefen mystischen
Eindruck, ein b e s o n d r e s empirisches Dasein von der Idee
gesetzt zu sehen und so auf allen Stufen einer Menschwerdung Got-
tes zu begegnen.
Würden z.B. bei der Entwicklung von Familie, bürgerlicher Gesell-
schaft, Staat etc. diese sozialen Existentialweisen des Menschen
als Verwirklichung, Verobjektivierung seines Wesens betrachtet,
so erscheinen Familie etc. als einem Subjekt inhärente Qualitä-
ten. Der Mensch bleibt immer das Wesen aller dieser Wesen, aber
diese Wesen erscheinen auch als seine w i r k l i c h e Allge-
meinheit, daher auch als das G e m e i n s a m e. Sind dagegen
Familie, bürgerliche Gesellschaft, Staat etc. Bestimmungen der
Idee, der Substanz als Subjekt, so müssen sie eine empirische
Wirklichkeit erhalten und die Menschenmasse, in der sich die Idee
der bürgerlichen Gesellschaft entwickelt, ist Bürger, die andere
Staatsbürger. Da es eigentlich nur um eine A l l e g o r i e,
nur darum zu tun ist, irgendeiner empirischen Existenz die
B e d e u t u n g der verwirklichten Idee beizulegen, so ver-
steht es sich, daß diese Gefäße ihre Bestimmung erfüllt haben,
sobald sie zu einer bestimmten Inkorporation eines Lebensmomentes
der Idee geworden sind. Das Allgemeine erscheint daher überall
#242# Karl Marx
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als ein Bestimmtes, Besonderes, wie das Einzelne nirgends zu sei-
ner wahren Allgemeinheit kommt.
Am tiefsten, spekulativsten erscheint es daher notwendig, wenn
die abstraktesten, noch durchaus zu keiner wahren sozialen Ver-
wirklichung gereiften Bestimmungen, die Naturbasen des Staats,
wie die Geburt (beim Fürsten) oder das Privateigentum (im Majo-
rat) als die höchsten, unmittelbar Mensch gewordenen Ideen er-
scheinen.
Und es versteht sich von selbst. Der wahre Weg wird auf den Kopf
gestellt. Das Einfachste ist das Verwickeltste und das Verwic-
keltste das Einfachste. Was Ausgang sein sollte, wird zum mysti-
schen Resultat, und was rationelles Resultat sein sollte, wird
zum mystischen Ausgangspunkt.
Wenn aber der Fürst die abstrakte P e r s o n ist, die den
S t a a t i n s i c h hat, so heißt das überhaupt nichts, als
daß das Wesen des Staats die abstrakte, die P r i v a t-
p e r s o n ist. Bloß in seiner Blüte spricht er sein Geheimnis
aus. Der Fürst ist die einzige Privatperson, in der sich das
Verhältnis der Privatperson überhaupt zum Staat verwirklicht.
Die Erblichkeit des Fürsten ergibt sich aus seinem Begriff. Er
soll die spezifisch von der ganzen Gattung, von allen andern Per-
sonen unterschiedene Person sein. Welches ist nun der letzte fe-
ste Unterschied einer Person von allen andern? Der L e i b. Die
höchste Funktion des Leibes ist die G e s c h l e c h t s-
t ä t i g k e i t. Der höchste konstitutionelle Akt des Königs
ist daher seine Geschlechtstätigkeit, denn durch diese m a c h t
er einen König und setzt seinen Leib fort. Der Leib seines Sohnes
ist die Reproduktion seines eigenen Leibes, die Schöpfung eines
königlichen Leibes.
b) D i e R e g i e r u n g s g e w a l t
"§ 287. Von der E n t s c h e i d u n g ist die A u s f ü h-
r u n g und A n w e n d u n g der fürstlichen Entscheidungen,
überhaupt das Fortführen und Im-Stande-Erhalten des bereits
Entschiedenen, der vorhandenen Gesetze, Einrichtungen, Anstalten
für gemeinschaftliche Zwecke und dergleichen unterschieden. Dies
Geschäft der S u b s u m t i o n [...] begreift die R e-
g i e r u n g s g e w a l t in sich, worunter ebenso die
r i c h t e r l i c h e n u n d p o l i z e i l i c h e n Ge-
walten begriffen sind, welche unmittelbarer auf das Besondere der
bürgerlichen Gesellschaft Beziehung haben und das allgemeine
Interesse in diesen Zwecken geltend machen."
Die gewöhnliche Erklärung der Regierungsgewalt. Als Hegel
e i g e n t ü m l i c h kann nur angegeben werden, daß er R e-
g i e r u n g s g e w a l t, polizeiliche Gewalt und r i c h-
t e r l i c h e G e w a l t k o o r d i n i e r t, während
sonst administrative und richterliche Gewalt als Gegensätze
behandelt werden.
#243# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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"§ 288. Die gemeinschaftlichen besonderen Interessen, die in die
bürgerliche Gesellschaft fallen u n d a u ß e r dem a n
u n d f ü r s i c h s e i e n d e n A l l g e m e i n e n
des S t a a t s s e l b s t l i e g e n (§ 256). haben ihre
Verwaltung in den K o r p o r a t i o n e n (§ 251) der Gemein-
den und sonstiger Gewerbe und Stände und deren Obrigkeiten, Vor-
steher, Verwalter und dergleichen. Insofern diese Angelegenhei-
ten, die sie besorgen, einerseits das P r i v a t e i g e n-
t u m und I n t e r e s s e dieser b e s o n d e r n Sphären
sind und nach dieser Seite ihre Autorität mit auf dem Zutrauen
ihrer Standesgenossen und Bürgerschaften beruht, andererseits
diese Kreise den höheren Interessen des Staats untergeordnet sein
müssen, wird sich für die Besetzung dieser Stellen im allgemeinen
eine Mischung von gemeiner Wahl dieser Interessenten und von
einer höheren Bestätigung und Bestimmung ergeben."
Einfache Beschreibung des empirischen Zustandes in einigen Län-
dern.
"§ 289. Die F e s t h a l t u n g des a l l g e m e i n e n
S t a a t s i n t e r e s s e s und des G e s e t z l i c h e n
in diesen besonderen Rechten und die Zurückführung derselben auf
jenes erfordert eine Besorgung durch A b g e o r d n e t e der
Regierungsgewalt, die e x e k u t i v e n S t a a t s b e-
a m t e n und die höheren beratenden, insofern kollegialisch
konstituierten Behörden, welche in den obersten, den Monarchen
berührenden Spitzen zusammenlaufen."
Hegel hat die R e g i e r u n g s g e w a l t nicht e n t-
w i c k e l t. Aber, selbst dies unterstellt, so hat er nicht
bewiesen, daß sie mehr als e i n e F u n k t i o n, eine
B e s t i m m u n g des Staatsbürgers überhaupt ist, er hat sie
als eine b e s o n d e r e, s e p a r i e r t e Gewalt nur da-
durch deduziert, daß er die "besonderen Interessen der bürgerli-
chen Gesellschaft" als solche betrachtet, die "außer dem an und
für sich seienden Allgemeinen des Staats liegen".
"Wie die b ü r g e r l i c h e G e s e l l s c h a f t d e r
K a m p f p l a t z d e s i n d i v i d u e l l e n P r i-
v a t i n t e r e s s e s A l l e r g e g e n A l l e i s t,
s o h a t h i e r d e r K o n f l i k t d e s s e l b e n
g e g e n d i e g e m e i n s c h a f t l i c h e n b e s o n-
d e r e n A n g e l e g e n h e i t e n u n d d i e s e r
z u s a m m e n mit jenem gegen die höheren Gesichtspunkte und
Anordnungen des Staats seinen Sitz. Der Korporationsgeist, der
sich in der Berechtigung der besondern Sphären erzeugt, schlägt
in sich selbst zugleich in den Geist des Staats um, indem er an
dem Staate das Mittel der Erhaltung der besonderen Zwecke hat.
Dies ist das G e h e i m n i s des Patriotismus der Bürger nach
dieser Seite, daß sie den Staat als ihre Substanz wissen,
w e i l er ihre besondern Sphären, deren Berechtigung und Auto-
rität wie deren Wohlfahrt erhält. In dem Korporationsgeist, da er
die E i n w u r z e l u n g des B e s o n d e r e n i n
d a s A l l g e m e i n e u n m i t t e l b a r enthält, ist
insofern die Tiefe und die Stärke des Staates, die er in der
G e s i n n u n g hat."
Merkwürdig
1. wegen der Definition der bürgerlichen Gesellschaft als des
bellum omnium contra omnes 1*);
-----
1*) Krieges aller gegen alle
#244# Karl Marx
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2. weil der P r i v a t e g o i s m u s als das "G e-
h e i m n i s d e s P a t r i o t i s m u s d e r B ü r-
g e r" verraten wird und als die "Tiefe und Stärke des Staats in
der Gesinnung";
3. weil der "Bürger", der Mann des besonderen Interesses im Ge-
gensatz zum Allgemeinen, das Mitglied der bürgerlichen Gesell-
schaft als "fixes Individuum" betrachtet wird, wogegen ebenso der
Staat in "fixen Individuen" den "Bürgern" gegenübertritt.
Hegel, sollte man meinen, mußte die "bürgerliche Gesellschaft"
wie die "Familie" als Bestimmung jedes Staatsindividuums, also
auch die späteren "Staatsqualitäten" ebenso als Bestimmung des
Staatsindividuums überhaupt bestimmen. Aber es ist nicht dasselbe
Individuum, welches eine neue Bestimmung seines sozialen Wesens
entwickelt. Es ist das Wesen des Willens, welches seine Bestim-
mungen angeblich aus sich selbst entwickelt. Die bestehenden ver-
schiedenen und getrennten, empirischen Existenzen des Staates
werden als unmittelbare Verkörperungen einer dieser Bestimmungen
betrachtet.
Wie das Allgemeine als solches verselbständigt wird, wird es un-
mittelbar mit der empirischen Existenz konfundiert, wird das Be-
schränkte unkritischerweise sofort für den Ausdruck der Idee ge-
nommen.
Mit sich selbst gerät Hegel hier nur insofern in Widerspruch, als
er den "Familienmenschen" nicht gleichmäßig wie den Bürger als
eine fixe, von den übrigen Qualitäten ausgeschlossene Rasse be-
trachtet.
"§ 290. In dem G e s c h ä f t e d e r R e g i e r u n g fin-
det sich gleichfalls die T e i l u n g d e r A r b e i t
[...] ein. Die Organisation der Behörden hat insofern die for-
melle, aber schwierige Aufgabe, daß von unten, wo das bürgerliche
Leben k o n k r e t ist, dasselbe auf konkrete Weise regiert
werde, daß dies Geschäft aber in seine a b s t r a k t e Zweige
geteilt sei, die von eigentümlichen Behörden als unterschiedenen
Mittelpunkten behandelt werden, deren Wirksamkeit nach unten so-
wie in der obersten Regierungsgewalt in eine konkrete Übersicht
wieder zusammenlaufe."
Der Z u s a t z hierzu später zu betrachten.
"§ 291. Die Regierungsgeschäfte sind objektiver, für sich ihrer
Substanz nach bereits entschiedener Natur (§ 287) und durch
I n d i v i d u e n zu vollführen und zu verwirklichen. Zwischen
beiden liegt keine unmittelbare n a t ü r l i c h e Verknüp-
fung; die Individuen sind daher nicht durch dir natürliche Per-
sönlichkeit und die Geburt dazu bestimmt. Für ihre Bestimmung zu
demselben ist das objektive Moment die Erkenntnis und der Erweis
ihrer Befähigung -, ein Erweis, der dem Staate sein Bedürfnis und
als die einzige Bedingung zugleich jedem Bürger die M ö g-
l i c h k e i t, sich dem allgemeinen Stande zu widmen,
sichert."
"§ 292. Die subjektive Seite, daß d i e s e s Individuum aus
Mehreren, deren es, da hier das Objektive nicht (wie z.B. bei der
Kunst) in Genialität liegt, notwendig unbestimmt M e h r e r e
gibt, unter denen der Vorzug nichts absolut Bestimmbares ist,
#245# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
zu einer Stelle gewählt und ernannt und zur Führung des öffentli-
chen Geschäftes bevollmächtigt wird, diese Verknüpfung des Indi-
viduums und des Amtes, als zweier für sich gegeneinander immer
zufälligen Seiten, kommt der fürstlichen als der entscheiden der
und souveränen Staatsgewalt zu."
"§ 293. Die besonderen Staatsgeschäfte, welche die M o n a r-
c h i e den Behörden übergibt, machen einen Teil der
o b j e k t i v e n Seite der dem Monarchen innewohnenden Souve-
ränität aus; ihr bestimmter U n t e r s c h i e d ist ebenso
durch die Natur der Sache gegeben; und wie die Tätigkeit der Be-
hörden eine Pflichterfüllung, so ist ihr Geschäft auch ein der
Zufälligkeit entnommenes Recht."
Nur aufzumerken auf die "o b j e k t i v e Seite der dem Monar-
chen i n n e w o h n e n d e n Souveränität".
"§ 294. Das Individuum, das durch den souveränen Akt (§ 292) ei-
nem amtlichen Berufe verknüpft ist, ist auf seine Pflichterfül-
lung, das Substantielle seines Verhältnisses, als Bedingung die-
ser Verknüpfung angewiesen, in welcher es a l s F o l g e die-
ses substantiellen Verhältnisses das Vermögen und die gesicherte
Befriedigung seiner Besonderheit (§ 264) und Befreiung seiner äu-
ßern Lage und Amtstätigkeit von sonstiger subjektiver Abhängig-
keit und Einfluß findet."
"Der Staatsdienst", heißt es in der Anmerkung, "fordert [...] die
Aufopferung selbständiger und beliebiger Befriedigung subjektiver
Zwecke und gibt eben damit das Recht, sie in der pflichtmäßigen
Leistung, aber nur in ihr zu finden. Hierin liegt nach dieser
Seite die Verknüpfung des allgemeinen und besonderen Interesses,
welche den Begriff und die innere Festigkeit des Staats ausmacht
(§ 260)." "Durch die gesicherte Befriedigung des besonderen Be-
dürfnisses ist die äußere Not gehoben, welche die Mittel dazu auf
Kasten der Amtstätigkeit und Pflicht zu suchen veranlassen kann.
In der allgemeinen Staatsgewalt finden die mit seinen Geschäften
Beauftragten Schutz gegen die andere subjektive Seite gegen die
Privatleidenschaften der Regierten, deren Privatinteresse usf.
durch das Geltendmachen des Allgemeinen dagegen beleidigt wird."
"§ 295. Die Sicherung des Staats und der Regierten gegen den Miß-
brauch der Gewalt von seiten der Behörden und ihrer Beamten liegt
einerseits unmittelbar in ihrer Hierarchie und Verantwortlich-
keit, andererseits in der Berechtigung der Gemeinden, Korporatio-
nen, als wodurch die Einmischung subjektiver Willkür in die den
Beamten anvertraute Gewalt für sich gehemmt und die in das ein-
zelne Benehmen nicht reichende Kontrolle von Oben, von Unten er-
gänzt wird."
"§ 296. Daß aber die Leidenschaftlosigkeit, Rechtlichkeit und
Milde des Benehmens Sitte werde, hängt teils mit der direkten
s i t t l i c h e n und G e d a n k e n b i l d u n g zusam-
men, welche dem, was die Erlernung der sogenannten Wissenschaften
der Gegenstände dieser Sphären, die erforderliche Geschäftsein-
übung, die wirkliche Arbeit usf. von Mechanismus und dergleichen
in sich hat, das geistige Gleichgewicht hält; teils ist die
G r ö ß e des Staats ein Hauptmoment, wodurch sowohl das Gewicht
von Familien- und anderen Privatverbindungen geschwächt, als auch
Rache, Haß und andere solche Leidenschaften ohnmächtiger und da-
mit stumpfer werden; in der Beschäftigung mit den [in dem] großen
Staate vorhandenen großen Interessen gehen für sich diese subjek-
tiven
#246# Karl Marx
-----
Seiten unter und erzeugt sich die Gewohnheit allgemeiner Interes-
sen, Ansichten und Geschäfte."
"§ 297. Die Mitglieder der Regierung und die Staatsbeamten machen
den Hauptteil des M i t t e l s t a n d e s aus, in welchen die
gebildete Intelligenz und das rechtliche Bewußtsein der Masse ei-
nes Volkes fällt. Daß er nicht die isolierte Stellung einer Ari-
stokratie nehme und Bildung und Geschicklichkeit nicht zu einem
Mittel der Willkür und einer Herrenschaft werde, wird durch die
I n s t i t u t i o n e n d e r S o u v e r ä n i t ä t von
oben herab und der K o r p o r a t i o n s r e c h t e von un-
ten herauf bewirkt."
"Z u s a t z. In dem Mittelstande, zu dem die Staatsbeamten ge-
hören, ist das Bewußtsein des Staates und die hervorstechendste
Bildung. Deswegen macht er auch die Grundsäule desselben in Be-
ziehung auf Rechtlichkeit und Intelligenz aus." "Daß dieser Mit-
telstand gebildet werde, ist ein Hauptinteresse des Staates, aber
dies kann nur in einer Organisation, wie die ist, welche wir ge-
sehen haben, geschehen, nämlich durch die Berechtigung besonderer
Kreise, die relativ unabhängig sind, und durch eine B e a m-
t e n w e l t, deren Willkür sich an solchen Berechtigten
bricht. Das Handeln nach allgemeinem Rechte und die Gewohnheit
dieses Handelns ist eine Folge des Gegensatzes, den die für sich
selbständigen Kreise bilden."
Was Hegel über die "Regierungsgewalt" sagt, verdient nicht den
Namen einer philosophischen Entwicklung. Die meisten Paragraphen
könnten wörtlich im preußischen Landrecht [67] stehn, und doch
ist die eigentliche Administration der schwierigste Punkt der
Entwicklung.
Da Hegel die "polizeiliche" und die "richterliche" Gewalt schon
der Sphäre der b ü r g e r l i c h e n G e s e l l s c h a f t
vindiziert hat, so ist die R e g i e r u n g s g e w a l t
nichts anderes als die Administration, die er als Bürokratie
e n t w i c k e l t.
Der Bürokratie sind zunächst vorausgesetzt die "S e l b s t-
v e r w a l t u n g" der bürgerlichen Gesellschaft in "K o r-
p o r a t i o n e n". Die einzige Bestimmung, die hinzukommt,
ist, daß die Wahl der Verwalter, Obrigkeiten derselben etc. eine
g e m i s c h t e ist, ausgehend von den Bürgern, bestätigt von
der eigentlichen Regierungsgewalt; ("h ö h e r e Bestätigung",
wie Hegel sagt).
Über dieser Sphäre zur "Festhaltung des allgemeinen Staatsinter-
esses und des Gesetzlichen" stehn "Abgeordnete der Regierungsge-
walt", die "exekutiven Staatsbeamten" und die "kollegialischen
Behörden", welche im "Monarchen" zusammenlaufen.
In dem "Geschäfte der Regierung" findet "Teilung der Arbeit"
statt. Die Individuen müssen ihre Fähigkeit zu Regierungsgeschäf-
ten beweisen, d.h. Examina ablegen. Die Wahl der b e s t i m m-
t e n Individuen zu Staatsämtern kommt der fürstlichen Staats-
gewalt zu. Die Einteilung dieser Geschäfte ist "durch die Natur
der Sache gegeben". Das Amtsgeschäft ist die Pflicht, der
Lebensberuf der Staatsbeamten. Sie müssen daher b e s o l d e t
werden vom Staat. Die Garantie gegen den Mißbrauch der Bürokratie
ist teils ihre Hierarchie
#247# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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und Verantwortlichkeit, andrerseits die Berechtigung der Gemein-
den, Korporationen; ihre Humanität hängt teils mit der "direkten
sittlichen und Gedankenbildung", teils mit der "Größe des Staats"
zusammen. Die Beamten bilden den "Hauptteil des Mittelstandes".
Gegen ihn als "Aristokratie und Herrenschaft" schützen teils die
"Institutionen der Souveränität von oben herab", teils "die der
Korporationsrechte von unten herauf". Der "Mittelstand" ist der
Stand der "Bildung". Voilà tout 1*). Hegel gibt uns eine empiri-
sche Beschreibung der Bürokratie, teils wie sie wirklich ist,
teils der Meinung, die sie selbst von ihrem Sein hat. Und damit
ist das schwierige Kapitel von der "Regierungsgewalt" erledigt.
Hegel geht von der Trennung des "Staats" und der "bürgerlichen"
Gesellschaft, den "besondren Interessen" und dem "an und für sich
seienden Allgemeinen aus, und allerdings basiert die Bürokratie
auf d i e s e r T r e n n u n g. Hegel geht von der Vorausset-
zung der "Korporationen" aus, und allerdings setzt die Bürokratie
die K o r p o r a t i o n e n voraus, wenigstens den "Korpo-
rationsgeist". Hegel entwickelt keinen I n h a l t der Büro-
kratie, sondern nur einige allgemeine Bestimmungen ihrer
"f o r m e l l e n" Organisation, und allerdings ist die Büro-
kratie nur der "Formalismus" eines Inhalts, der außerhalb dersel-
ben liegt.
Die K o r p o r a t i o n e n sind der Materialismus der Büro-
kratie, und die Bürokratie ist der Spiritualismus der Korporatio-
nen. Die Korporation ist die Bürokratie der bürgerlichen Gesell-
schaft; die Bürokratie ist die Korporation des Staats. In der
Wirklichkeit tritt sie daher als die "bürgerliche Gesellschaft
des Staats" dem "Staat der bürgerlichen Gesellschaft", den Korpo-
rationen gegenüber. Wo die "Bürokratie" neues Prinzip ist, wo das
allgemeine Staatsinteresse anfängt, für sich ein "apartes", damit
ein "wirkliches" Interesse zu werden, kämpft sie gegen die Korpo-
rationen, wie jede Konsequenz gegen die Existenz ihrer Vorausset-
zungen kämpft. Sobald dagegen das wirkliche Staatsleben erwacht
und die bürgerliche Gesellschaft sich von den Korporationen aus
eignem Vernunfttrieb befreit, sucht die Bürokratie sie zu restau-
rieren; denn sobald der "Staat der bürgerlichen Gesellschaft"
fällt, fällt die "bürgerliche Gesellschaft des Staats". Der Spi-
ritualismus verschwindet mit dem ihm gegenüberstehenden Materia-
lismus. Die Konsequenz kämpft für die Existenz ihrer Vorausset-
zungen, sobald ein neues Prinzip nicht gegen die E x i-
s t e n z, sondern gegen das P r i n z i p dieser Existenz
kämpft. Derselbe Geist, der in der Gesellschaft die Korporation,
schafft im Staat die Bürokratie. Sobald also der Korpora-
tionsgeist, wird der Geist der Bürokratie
-----
1*) Das ist alles.
#248# Karl Marx
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angegriffen, und wenn sie früher die Existenz der Korporationen
bekämpfte, um ihrer eignen Existenz Raum zu schaffen, so sucht
sie jetzt gewaltsam die Existenz der Korporationen zu halten, um
den Korporationsgeist, ihren eigenen Geist zu retten.
Die "Bürokratie" ist der "S t a a t s f o r m a l i s m u s"
der bürgerlichen Gesellschaft. Sie ist das "Staatsbewußtsein",
der "Staatswille", die "Staatsmacht", als e i n e K o r p o-
r a t i o n (das "allgemeine Interesse" kann sich dem Besondern
gegenüber nur als ein "Besonderes" halten, solange sich das
Besondere dem Allgemeinen gegenüber als ein "Allgemeines" hält.
Die Bürokratie muß also die i m a g i n ä r e Allgemeinheit des
besondren Interesses, den Korporationsgeist, beschützen, um die
i m a g i n ä r e Besonderheit des allgemeinen Interesses, ihren
eigenen Geist, zu beschützen. Der Staat muß Korporation sein,
solange die Korporation Staat sein will), also eine b e s o n-
d e r e, g e s c h l o s s e n e Gesellschaft im Staat. Die
Bürokratie will aber die Korporation als eine i m a g i n ä r e
Macht. Allerdings hat auch die einzelne Korporation diesen Willen
für ihr b e s o n d e r e s Interesse gegen die Bürokratie,
aber sie w i l l die Bürokratie gegen die andere Korporation,
gegen das andere besondere Interesse. Die Bürokratie als die
v o l l e n d e t e K o r p o r a t i o n trägt daher den Sieg
davon über die K o r p o r a t i o n als die unvollendete
Bürokratie. Sie setzt dieselbe zum Schein herab oder will sie zum
Schein herabsetzen, aber sie will, daß dieser Schein existiere
und an seine eigene Existenz glaube. Die Korporation ist der
Versuch der bürgerlichen Gesellschaft, Staat zu werden; aber die
Bürokratie ist der Staat, der sich wirklich zur bürgerlichen
Gesellschaft gemacht hat.
Der "Staatsformalismus", der die Bürokratie ist, ist der "Staat
als Formalismus", und als solchen Formalismus hat sie Hegel be-
schrieben. Da dieser "Staatsformalismus" sich als wirkliche Macht
konstituiert und sich selbst zu einem eignen m a t e-
r i e l l e n Inhalt wird, so versteht es sich von selbst, daß
die "Bürokratie" ein Gewebe von p r a k t i s c h e n
Illusionen oder die "Illusion des Staats" ist. Der bürokratische
Geist ist ein durch und durch jesuitischer, theologischer Geist.
Die Bürokraten sind die Staatsjesuiten und Staatstheologen. Die
Bürokratie ist la république prêtre 1*).
Da die Bürokratie der "Staat als Formalismus" ihrem W e s e n
nach ist, so ist sie es auch ihrem Z w e c k nach. Der wirkli-
che Staatszweck erscheint also der Bürokratie als ein Zweck
w i d e r den Staat. Der Geist der Bürokratie ist der "formelle
Staatsgeist". Sie macht daher den "formellen Staatsgeist" oder
die w i r k l i c h e Geistlosigkeit des Staats zum kategori-
schen Imperativ. Die Bürokratie gilt sich selbst als der letzte
Endzweck des Staats. Da die Bürokratie
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1*) die Pfaffenrepublik
#249# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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ihre "formellen" Zwecke zu ihrem Inhalt macht, so gerät sie über-
all in Konflikt mit den "reellen" Zwecken. Sie ist daher genö-
tigt, das Formelle für den Inhalt und den Inhalt für das Formelle
auszugeben. Die Staatszwecke verwandeln sich in Bürozwecke oder
die Bürozwecke in Staatszwecke. Die Bürokratie ist ein Kreis, aus
dem niemand herausspringen kann. Ihre Hierarchie ist eine
H i e r a r c h i e d e s W i s s e n s. Die Spitze vertraut
den untern Kreisen die Einsicht ins Einzelne zu, wogegen die un-
tern Kreise der Spitze die Einsicht in das Allgemeine zutrauen,
und so täuschen sie sich wechselseitig.
Die Bürokratie ist der imaginäre Staat neben dem reellen Staat,
der Spiritualismus des Staats. Jedes Ding hat daher eine doppelte
Bedeutung, eine reelle und eine bürokratische, wie das Wissen ein
doppeltes ist, ein reelles und ein bürokratisches (so auch der
Wille). Das reelle Wesen wird aber behandelt nach seinem bürokra-
tischen Wesen, nach seinem jenseitigen, spirituellen Wesen. Die
Bürokratie hat das Staatswesen, das spirituelle Wesen der Gesell-
schaft in ihrem Besitze, es ist ihr P r i v a t e i g e n t u m.
Der allgemeine Geist der Bürokratie ist das G e h e i m n i s,
das Mysterium, innerhalb ihrer selbst durch die Hierarchie, nach
außen als geschlossene Korporation bewahrt. Der offenbare Staats-
geist, auch die Staatsgesinnung, erscheinen daher der Bürokratie
als ein V e r r a t an ihrem Mysterium. Die A u t o r i t ä t
ist daher das Prinzip ihres Wissens, und die Vergötterung der Au-
torität ist ihre G e s i n n u n g. Innerhalb ihrer selbst aber
wird der S p i r i t u a l i s m u s zu einem k r a s s e n
M a t e r i a l i s m u s, dem Materialismus des passiven Gehor-
sams, des Autoritätsglaubens, des M e c h a n i s m u s eines
fixen formellen Handelns, fixer Grundsätze, Anschauungen, Über-
lieferungen. Was den einzelnen Bürokraten betrifft, so wird der
Staatszweck zu seinem Privatzweck, zu einem J a g e n n a c h
h ö h e r e n P o s t e n, zu einem M a c h e n v o n
K a r r i e r e. Erstens betrachtet er das wirkliche Leben als
ein m a t e r i e l l e s, denn d e r G e i s t d i e s e s
L e b e n s h a t s e i n e f ü r s i c h a b g e-
s o n d e r t e E x i s t e n z in der Bürokratie. Die
Bürokratie muß daher dahin gehn, das Leben so materiell wie mög-
lich zu machen. Zweitens ist es für ihn selbst, d.h. soweit es
zum Gegenstand der bürokratischen Behandlung wird, materiell,
denn sein Geist ist ihm vorgeschrieben, sein Zweck liegt außer
ihm, sein Dasein ist das Dasein des Büros. Der Staat existiert
nur mehr als verschiedene fixe Bürogeister, deren Zusammenhang
die Subordination und der passive Gehorsam ist, Die
w i r k l i c h e Wissenschaft erscheint als inhaltslos, wie das
wirkliche Leben als tot, denn dies imaginäre Wissen und dies ima-
ginäre Leben gelten für das Wesen. Der Bürokrat muß daher jesui-
tisch mit dem wirklichen Staat verfahren, sei dieser Jesuitismus
nun ein bewußter oder bewußtloser. Es ist aber notwendig, daß er,
sobald sein Gegensatz Wissen ist, ebenfalls zum Selbstbewußtsein
gelangt und nun absichtlicher Jesuitismus wird.
#250# Karl Marx
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Während die Bürokratie einerseits dieser krasse Materialismus
ist, zeigt sich ihr krasser Spiritualismus darin, daß sie
A l l e s m a c h e n will, d.h., daß sie den W i l l e n zur
causa prima 1*) macht, weil sie bloß t ä t i g e s Dasein ist
und ihren Inhalt von außen empfängt, ihre Existenz also nur durch
Formieren, Beschränken dieses Inhalts beweisen kann. Der Bürokrat
hat in der Welt ein bloßes Objekt seiner Behandlung.
Wenn Hegel die Regierungsgewalt die o b j e k t i v e Seite der
dem Monarchen innewohnenden Souveränität nennt, so ist das rich-
tig in demselben Sinn, wie die katholische Kirche das
r e e l l e D a s e i n der Souveränität, des Inhalts und Gei-
stes der heiligen Dreieinigkeit war. In der Bürokratie ist die
Identität des Staatsinteresses und des besonderen Privatzwecks so
gesetzt, daß das Staatsinteresse zu einem b e s o n d r e n
Privatzweck gegenüber den anderen Privatzwecken wird.
Die Aufhebung der Bürokratie kann nur sein, daß das allgemeine
Interesse w i r k l i c h und nicht, wie bei Hegel, bloß im Ge-
danken, in der A b s t r a k t i o n zum besondren Interesse
wird, was nur dadurch möglich ist, daß das b e s o n d e r e
Interesse wirklich zum a l l g e m e i n e n wird. Hegel geht
von einem unwirklichen Gegensatz aus und bringt es daher nur zu
einer imaginären, in Wahrheit selbst wieder gegensätzlichen Iden-
tität. Eine solche Identität ist die Bürokratie.
Verfolgen wir nun im einzelnen seine Entwicklung.
Die einzige philosophische Bestimmung, die Hegel über die
R e g i e r u n g s g e w a l t gibt, ist die der "S u b-
s u m t i o n" des Einzelnen und Besonderen unter das Allgemeine
etc.
Hegel begnügt sich damit. Auf der einen Seite: Kategorie
"Subsumtion" des Besondern etc. Die muß verwirklicht werden. Nun
nimmt er irgendeine der empirischen Existenzen des preußischen
oder modernen Staats (wie sie ist mit Haut und Haar), welche un-
ter anderm auch diese Kategorie verwirklicht, obgleich mit der-
selben nicht ihr spezifisches Wesen ausgedrückt ist. Die ange-
wandte Mathematik ist auch Subsumtion etc. Hegel fragt nicht, ist
dies die vernünftige, die adäquate Weise der Subsumtion? Er hält
nur die e i n e Kategorie fest und begnügt sich damit, eine
entsprechende Existenz für sie zu finden. Hegel gibt s e i n e r
L o g i k e i n e n p o l i t i s c h e n K ö r p e r; er
gibt nicht die L o g i k d e s p o l i t i s c h e n
K ö r p e r s (§ 287).
Über das Verhältnis der Korporationen, Gemeinden zu der Regierung
erfahren wir zunächst, daß ihre V e r w a l t u n g (die Beset-
zung ihrer Magistratur) "im allgemeinen eine Mischung von gemei-
ner Wahl dieser Interessenten
-----
1*) Hauptursache
#251# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
und von einer h ö h e r e n B e s t ä t i g u n g und Bestim-
mung" erheischt. Die g e m i s c h t e W a h l der Gemeinde-
und Korporationsvorsteher wäre also das e r s t e
V e r h ä l t n i s zwischen bürgerlicher Gesellschaft und Staat
oder Regierungsgewalt, ihre e r s t e I d e n t i t ä t (§
288). Diese Identität ist nach Hegel selbst sehr oberflächlich,
ein mixtum compositum, eine "M i s c h u n g". So oberflächlich
diese Identität ist, so scharf ist der Gegensatz. "Insofern diese
Angelegenheiten" (sc. der Korporation, Gemeinde etc.) "einerseits
P r i v a t e i g e n t u m und I n t e r e s s e dieser
b e s o n d e r n Sphären sind und nach dieser Seite ihre Auto-
rität mit auf dem Vertrauen ihrer Standesgenossen und Bürger-
schaften beruht, andererseits diese Kreise dem h ö h e r e n
I n t e r e s s e d e s S t a a t s untergeordnet sein müs-
sen", ergibt sich die bezeichnete "g e m i s c h t e W a h l".
Die Verwaltung der Korporation hat also den Gegensatz:
P r i v a t e i g e n t u m u n d I n t e r e s s e d e r
b e s o n d r e n S p h ä r e n g e g e n d a s h ö h e r e
I n t e r e s s e d e s S t a a t s: G e g e n s a t z z w i-
s c h e n P r i v a t e i g e n t u m u n d S t a a t.
Es braucht nicht bemerkt zu werden, daß die Auflösung dieses Ge-
gensatzes in der g e m i s c h t e n W a h l eine bloße
A k k o m m o d a t i o n, ein Traktat, ein G e s t ä n d n i s
des unaufgelösten Dualismus, selbst ein D u a l i s m u s,
"M i s c h u n g" ist. Die besonderen Interessen der Korporation
und Gemeinden haben innerhalb i h r e r e i g n e n Sphäre
einen Dualismus, der ebensosehr den Charakter ihrer V e r-
w a l t u n g bildet.
Der entschiedene Gegensatz tritt aber erst hervor in dem Verhält-
nis dieser "g e m e i n s c h a f t l i c h e n b e s o n-
d e r n Interessen" etc., die "außer dem an und für sich
seienden Allgemeinen des S t a a t e s liegen" und diesem "a n
u n d f ü r s i c h s e i e n d e n A l l g e m e i n e n
d e s S t a a t s". Zunächst wieder innerhalb dieser Sphäre.
"Die Festhaltung des allgemeinen Staatsinteresses und des Gesetz-
lichen in diesen besonderen Rechten und die Zurückführung dersel-
ben auf jenes erfordert eine B e s o r g u n g d u r c h
A b g e o r d n e t e d e r R e g i e r u n g s g e w a l t,
die e x e k u t i v e n S t a a t s b e a m t e n und die hö-
heren beratenden, insofern k o l l e g i a l i s c h konstitu-
ierten Behörden, welche in den obersten, den Monarchen berühren-
den Spitzen zusammenlaufen." (§ 289.)
Beiläufig machen wir aufmerksam auf die Konstruktion der Regie-
rungs k o l l e g i e n, die man z.B. in Frankreich nicht kennt.
"I n s o f e r n" Hegel diese Behörden als "b e r a t e n d e"
anführt, "i n s o f e r n" versteht es sich allerdings von
selbst, daß sie "kollegialisch konstituiert" sind.
Hegel läßt den "Staat selbst", die "Regierungsgewalt" zur
"Besorgung" des "allgemeinen Staatsinteresses und des Gesetzli-
chen etc." innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft per
"Abgeordnete" hineintreten, und nach ihm
#252# Karl Marx
-----
sind eigentlich diese "Regierungsabgeordneten", die "exekutiven
Staatsbeamten", die w a h r e "S t a a t s r e p r ä s e n-
t a t i o n", nicht "der", sondern "gegen die "bürgerliche
Gesellschaft". Der Gegensatz von Staat und bürgerlicher
Gesellschaft ist also fixiert; der Staat residiert nicht in,
sondern außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft; er berührt sie
nur durch seine "A b g e o r d n e t e n", denen die
"B e s o r g u n g d e s S t a a t s" innerhalb dieser Sphären
anvertraut ist. Durch diese "Abgeordneten" ist der Gegensatz
nicht aufgehoben, sondern zu einem "gesetzlichen", "fixen"
Gegensatz geworden. Der "Staat" wird als ein dem Wesen der bür-
gerlichen Gesellschaft Fremdes und Jenseitiges von Deputierten
dieses Wesens gegen die bürgerliche Gesellschaft geltend gemacht.
Die "Polizei" und das "Gericht" und die "Administration" sind
nicht Deputierte der bürgerlichen Gesellschaft selbst, die in ih-
nen und durch sie ihr e i g n e s allgemeines Interesse verwal-
tet, sondern Abgeordnete des Staats, um den Staat gegen die bür-
gerliche Gesellschaft zu verwalten. Hegel expliziert diesen
G e g e n s a t z weiter in der mehr oben betrachteten offenher-
zigen Anmerkung.
"Die Regierungsgeschäfte sind o b j e k t i v e r, für sich
[...] bereits entschiedener Natur." (§ 291.)
Schließt Hegel daraus, daß sie deswegen um so leichter keine
"Hierarchie des Wissens" erfordern, daß sie vollständig von der
"bürgerlichen Gesellschaft selbst" exekutiert werden können? Im
Gegenteil.
Er macht die tiefsinnige Anmerkung, daß sie durch "Individuen" zu
vollführen sind und daß zwischen "ihnen und diesen Individuen
keine unmittelbare n a t ü r l i c h e Verknüpfung liegt". An-
spielung auf die Fürstengewalt, welche nichts anders ist als die
"n a t ü r l i c h e G e w a l t d e r W i l l k ü r", also
"g e b o r e n" werden kann. Die "fürstliche Gewalt" ist nichts
als der Repräsentant des Naturmoments im Willen, der "Herrschaft
der p h y s i s c h e n N a t u r i m S t a a t".
Die "exekutiven Staatsbeamten" unterscheiden sich in der Erwer-
bung ihrer Ämter daher wesentlich vom "Fürsten".
"Für ihre Bestimmung zu demselben" (se. dem Staatsgeschäft) "ist
das o b j e k t i v e M o m e n t die Erkenntnis" (die subjek-
tive Willkür entbehrt dieses Moments) "und der Erweis ihrer Befä-
higung -, ein Erweis, der dem Staate sein Bedürfnis und als die
einzige Bedingung zugleich j e d e m B ü r g e r d i e
M ö g l i c h k e i t, sich dem a l l g e m e i n e n Stande
zu widmen, sichert."
Diese M ö g l i c h k e i t jedes Bürgers, Staatsbeamter zu
werden, ist also das zweite affirmative Verhältnis zwischen bür-
gerlicher Gesellschaft und Staat, die z w e i t e
I d e n t i t ä t. Sie ist von sehr oberflächlicher und duali-
stischer Natur.
#253# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
Jeder Katholik hat die Möglichkeit, Priester zu werden (d.h. sich
von den Laien wie der Welt zu trennen). Steht darum weniger das
Pfaffentum dem Katholiken als eine jenseitige Macht gegenüber?
Daß jeder die Möglichkeit hat, das Recht einer a n d e r n
Sphäre zu erwerben, beweist nur, daß s e i n e e i g n e
Sphäre nicht die Wirklichkeit dieses Rechts ist.
Im wahren Staat handelt es sich nicht um die Möglichkeit jedes
Bürgers, sich dem allgemeinen als einem besondern Stand zu wid-
men, sondern um die Fähigkeit des allgemeinen Standes wirklich
allgemein, d.h. der Stand jedes Bürgers zu sein. Aber Hegel geht
von der Voraussetzung des pseudoallgemeinen, des illusorisch-all-
gemeinen Standes, der besonderen ständigen Allgemeinheit aus.
Die Identität, die er zwischen bürgerlicher Gesellschaft und
Staat konstruiert hat, ist die Identität z w e i e r f e i n d-
l i c h e r H e e r e, wo jeder Soldat die "Möglichkeit" hat,
durch "Desertion" Mitglied des "feindlichen" Heeres zu werden,
und allerdings beschreibt Hegel damit richtig den jetzigen
empirischen Zustand.
Ebenso verhält es sich mit seiner Konstruktion der "Examina". In
einem vernünftigen Staat gehört eher ein Examen dazu, Schuster zu
werden, als exekutiver Staatsbeamter; denn die Schusterei ist
eine Fertigkeit, ohne die man ein guter Staatsbürger, ein sozi-
aler Mensch sein kann; aber das nötige "Staatswissen" ist eine
Bedingung, ohne die man im Staat außer dem Staat lebt, von sich
selbst, von der Luft abgeschnitten ist. Das "Examen" ist nichts
als eine Freimaurereiformel, die gesetzliche Anerkennung des
staatsbürgerlichen Wissens als eines Privilegiums.
Die "Verknüpfung" des "Staatsamts" und des "Individuums", dieses
objektive Band zwischen dein Wissen der bürgerlichen Gesellschaft
und dem Wissen des Staats, das E x a m e n ist nichts anders
als die b ü r o k r a t i s c h e T a u f e d e s W i s-
s e n s, die offizielle Anerkenntnis von der T r a n s-
s u b s t a n t i a t i o n des profanen Wissens in das heilige
(es versteht sich bei jedem Examen von selbst, daß der Examinator
alles weiß). Man hört nicht, daß die griechischen oder römischen
Staatsleute Examina abgelegt. Aber allerdings, was ist auch ein
römischer Staatsmann contra einen preußischen Regierungsmann!
Neben dem o b j e k t i v e n Band des Individuums mit dem
Staatsamt, neben dem Examen, findet sich ein andres Band - d i e
f ü r s t l i c h e W i l l k ü r.
"Die subjektive Seite, daß dieses Individuum aus Mehreren, deren
es, da hier das Objektive nicht (wie z.B. bei der Kunst) in Ge-
nialität liegt, notwendig unbestimmt M e h r e r e gibt, unter
denen der Vorzug nichts absolut Bestimmbares ist, zu einer Stelle
gewählt und ernannt und zur Führung des öffentlichen Geschäfts
bevollmächtigt wird,
#254# Karl Marx
-----
diese Verknüpfung des Individuums und des Amtes, als zweier sich
gegeneinander immer zufälligen Seiten, kommt der fürstlichen als
der entscheidenden und souveränen Staatsgewalt zu."
Der Fürst ist überall der Repräsentant des Zufalls. Außer dem ob-
jektiven Moment des bürokratischen Glaubensbekenntnisses
(Examens) gehört noch das subjektive der fürstlichen G n a d e
hinzu, damit der Glaube Früchte trage.
"Die besonderen Staatsgeschäfte, welche die M o n a r c h i e
den Behörden übergibt" (die Monarchie verteilt, übergibt die be-
sonderen Staatstätigkeiten als G e s c h ä f t e an die Behör-
den, v e r t e i l t d e n S t a a t u n t e r d i e
B ü r o k r a t e n; sie übergibt das, wie die heilige römische
Kirche die Weihen; die Monarchie ist ein System der Emanation;
die Monarchie verpachtet die Staatsfunktionen), "machen einen
Teil der o b j e k t i v e n Seite der dem Monarchen innewoh-
nenden Souveränität aus". Hegel unterscheidet hier zuerst die
o b j e k t i v e Seite der dem Monarchen innewohnenden Souverä-
nität von der s u b j e k t i v e n. Früher warf er beide zu-
sammen. Die dem Monarchen innewohnende Souveränität wird hier
förmlich mystisch genommen, so wie die Theologen den persönlichen
Gott in der Natur finden. [Früher] hieß es noch, der Monarch ist
die subjektive Seite der dem S t a a t e innewohnenden Souverä-
nität. (§ 293.)
Im § 294 entwickelt Hegel die B e s o l d u n g der Beamten aus
der Idee. Hier in der B e s o l d u n g der Beamten, oder daß
der Staatsdienst zugleich die Sicherheit der empirischen Existenz
garantiert, ist die w i r k l i c h e I d e n t i t ä t der
bürgerlichen Gesellschaft und des Staats gesetzt. Der S o l d
des Beamten ist die höchste Identität, welche Hegel herauskon-
struiert. Die Verwandlung der S t a a t s t ä t i g k e i t e n
in Ämter, die Trennung des Staats von der Gesellschaft vorausge-
setzt. Wenn Hegel sagt:
"Der Staatsdienst fordert [...] die Aufopferung selbständiger und
beliebiger Befriedigung subjektiver Zwecke", so erfordert das je-
der Dienst "und gibt damit eben das Recht, sie in der pflichtmä-
ßigen Leistung, aber nur in ihr zu finden. Hierin liegt nach die-
ser Seite die Verknüpfung des allgemeinen und besonderen Interes-
ses, welche den Begriff und die innere Festigkeit des Staats aus-
macht",
so gilt das 1. von jedem Bedienten, 2. ist es richtig, daß die
B e s o l d u n g der Beamten die innere Festigkeit der tiefen
modernen Monarchien ausmacht. Nur die Existenz der Beamten ist
g a r a n t i e r t, im Gegensatz zu dem Mitglied der bürgerli-
chen Gesellschaft.
Es kann Hegel nun nicht entgehn, daß er die Regierungsgewalt als
einen G e g e n s a t z zur bürgerlichen Gesellschaft, und zwar
als ein herrschendes Extrem konstruiert hat. Wie stellt er nun
ein identisches Verhältnis her?
#255# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
Nach § 29 liegt "die Sicherung des Staats und der Regierten gegen
den M i ß b r a u c h der Gewalt von seiten der Behörden und
ihrer Beamten" teils in ihrer "Hierarchie" (als wenn nicht die
Hierarchie der H a u p t m i ß b r a u c h wäre und die paar
persönlichen Sünden der Beamten gar nicht mit ihren
n o t w e n d i g e n hierarchischen Sünden zu vergleichen wä-
ren; die Hierarchie straft den Beamten, insoweit er gegen die
Hierarchie sündigt oder eine der Hierarchie überflüssige Sünde
begeht; aber sie nimmt ihn in Schutz, sobald die Hierarchie in
ihm sündigt; zudem überzeugt sich die Hierarchie schwer von den
Sünden ihrer Glieder) und "in der Berechtigung der Gemeinden,
Korporationen, als wodurch die Einmischung subjektiver Willkür in
die den Beamten anvertraute Gewalt für sich gehemmt und die in
das einzelne Benehmen nicht reichende Kontrolle" (als wenn diese
Kontrolle nicht aus dem Gesichtspunkt der Bürokratie-Hierarchie
geschähe) "von oben, von unten ergänzt wird."
Die zweite Garantie gegen die Willkür der Bürokratie sind also
die Korporationsprivilegien.
Fragen wir also Hegel, was ist der Schutz der bürgerlichen Ge-
sellschaft gegen die Bürokratie, so antwortet er:
1. Die "H i e r a r c h i e" der Bürokratie. Die K o n-
t r o l l e. Dies, daß der Gegner selbst an Händen und Füßen
gebunden wird, und wenn er nach unten Hammer, nach oben Amboß
ist. Wo ist nun der Schutz gegen die "Hierarchie"? Das kleinere
Übel wird durch das größere allerdings insofern aufgehoben, als
es dagegen verschwindet.
2. Der K o n f l i k t, der unaufgelöste Konflikt zwischen Bü-
rokratie und Korporation. Der K a m p f, die
M ö g l i c h k e i t des Kampfes, ist die Garantie gegen das
Unterliegen. Später (§ 297) fügt Hegel als Garantie noch die In-
stitutionen der Souveränität von oben herab" hinzu, worunter wie-
der die Hierarchie verstanden ist.
Aber Hegel bringt noch zwei Momente bei (§ 296).
I n d e m B e a m t e n s e l b s t - und dies soll ihn huma-
nisieren, die "Leidenschaftlosigkeit, Rechtlichkeit und Milde des
Benehmens" zur "Sitte" machen - sollen die "direkte sittliche und
Gedankenbildung" dem M e c h a n i s m u s seines Wissens und
seiner "wirklichen Arbeit" "das geistige Gleichgewicht" halten.
Als wenn nicht der "Mechanismus" seines "bürokratischen" Wissens
und seiner "wirklichen Arbeit" seiner "sittlichen und Gedanken-
bildung" das Gleichgewicht" hielte? Und wird nicht sein wirkli-
cher Geist und seine wirkliche Arbeit als Substanz über das Akzi-
dens seiner sonstigen Begabung siegen? Sein "Amt" ist ja sein
"substantielles" Verhältnis und sein "Brot". Schön nur, daß Hegel
die "direkte sittliche und Gedankenbildung" dem
#256# Karl Marx
-----
"Mechanismus des bürokratischen Wissens und Arbeitens" entgegen-
stellt! Der Mensch im Beamten soll den Beamten gegen sich selbst
sichern. Aber welche Einheit! G e i s t i g e s
G l e i c h g e w i c h t. Welche dualistische Kategorie!
Hegel führt noch die "Größe des Staats" an, welche in Rußland
nicht gegen die Willkür der "exekutiven Staatsbeamten" garan-
tiert, jedenfalls ein Umstand ist, der "a u ß e r" dem
"W e s e n" der Bürokratie liegt.
Hegel hat die "Regierungsgewalt" als "Staatsbediententum" entwic-
kelt.
Hier in der Sphäre des "an und für sich seienden Allgemeinen des
Staates selbst" finden wir nichts als unaufgelöste Konflikte.
E x a m e n und B r o t der Beamten sind die letzten Synthe-
sen.
Die Ohnmacht der Bürokratie, ihren Konflikt mit der Korporation
führt Hegel als letzte Weihe derselben an.
In § 297 wird eine Identität gesetzt, insofern "die Mitglieder
der Regierung und die Staatsbeamten den Hauptteil des
M i t t e l s t a n d e s" ausmachen. Diesen "Mittelstand" rühmt
Hegel als die "Grundsäule" des Staats "in Beziehung auf Recht-
lichkeit und Intelligenz". (Zusatz zum zitierten Paragraphen.)
"Daß dieser Mittelstand gebildet werde, ist ein Hauptinteresse
des Staates, aber dies kann nur in einer Organisation, wie die
ist, welche wir gesehen haben, geschehen, nämlich durch die Be-
rechtigung besonderer Kreise, die relativ unabhängig sind, und
durch eine B e a m t e n w e l t, deren Willkür sich an solchen
Berechtigten bricht."
Allerdings kann nur in einer solchen Organisation das Volk als
e i n Stand, der M i t t e l s t a n d, erscheinen, aber ist
das eine Organisation, die durch das Gleichgewicht der Privile-
gien sich in Gang hält? Die Regierungsgewalt ist am schwersten zu
entwickeln. Sie gehört noch in viel höherem Grad als die gesetz-
gebende dem ganzen Volk.
Hegel spricht später (§ 308 Anmerkung) den eigentlichen Geist der
Bürokratie aus, wenn er ihn als "Geschäftsroutine" und den
"Horizont einer beschränkten Sphäre" bezeichnet.
"c) D i e g e s e t z g e b e n d e G e w a l t
"§ 298. Die gesetzgebende Gewalt betrifft die Gesetze als solche,
insofern sie weiterer Fortbestimmung bedürfen, und die ihrem In-
halte nach g a n z a l l g e m e i n en" (sehr allgemeiner
Ausdruck) "i n n e r e n Angelegenheiten. Diese Gewalt ist
selbst ein T e i l d e r V e r f a s s u n g, welche ihr vor-
ausgesetzt ist und insofern an und für sich außer deren direkten
Bestimmung liegt, aber in der Fortbildung der Gesetze und in dem
fortschreitenden Charakter der allgemeinen Regierungsangelegen-
heiten ihre weitere Entwickelung erhält."
#257# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
Zunächst fällt es auf, daß Hegel hervorhebt, wie "diese Gewalt
selbst ein Teil der Verfassung" ist, "welche ihr vorausgesetzt
ist und an und für sich außer deren direkter Bestimmung liegt",
da Hegel diese Bemerkung weder bei der fürstlichen noch der Re-
gierungsgewalt, wo sie ebenso wahr ist, angebracht hatte. Dann
aber konstruiert Hegel erst das Ganze der Verfassung und kann es
insofern nicht voraussetzen; allein darin eben erkennen wir die
Tiefe bei ihm, daß er überall mit dem G e g e n s a t z der Be-
stimmungen (wie sie in unsren Staaten sind) beginnt und den Ak-
zent darauf legt.
Die "gesetzgebende Gewalt ist selbst ein Teil der V e r f a s-
s u n g", welche "an und für sich außer deren direkter Be-
stimmung liegt". Aber die Verfassung hat sich doch auch nicht von
selbst gemacht. Die Gesetze, die "weiterer Fortbestimmung
bedürfen", müssen doch formiert worden sein. Es muß eine ge-
setzgebende Gewalt vor der Verfassung und a u ß e r der Verfas-
sung bestehen oder bestanden haben. Es muß eine gesetzgebende Ge-
walt bestehn außer der wirklichen, e m p i r i s c h e n,
g e s e t z t e n gesetzgebenden Gewalt. Aber, wird Hegel ant-
worten: Wir setzen einen b e s t e h e n d e n Staat voraus.
Allein Hegel ist Rechtsphilosoph und entwickelt die Staatsgat-
tung. Er darf nicht die Idee am Bestehenden, er muß das Beste-
hende an der Idee messen.
Die Kollision ist einfach. Die g e s e t z g e b e n d e
G e w a l t ist die Gewalt, das Allgemeine zu organisieren. Sie
ist die Gewalt der Verfassung. Sie greift über über die Verfas-
sung.
Allein anderseits ist die gesetzgebende Gewalt eine verfassungs-
mäßige Gewalt. Sie ist also unter die Verfassung subsumiert. Die
Verfassung ist G e s e t z für die gesetzgebende Gewalt. Sie
h a t der gesetzgebenden Gewalt Gesetze gegeben und gibt sie ihr
beständig. Die gesetzgebende Gewalt ist nur gesetzgebende Gewalt
innerhalb der Verfassung, und die Verfassung stände hors de loi
1*) wenn sie außerhalb der gesetzgebenden Gewalt stände. Voilà la
collision! 2*) Innerhalb der jüngsten französischen Geschichte
ist mancherlei herumgeknuspert worden.
Wie löst Hegel diese Antinomie?
Zunächst heißt es:
Die V e r f a s s u n g ist der gesetzgebenden Gewalt
"v o r a u s g e s e t z t"; sie liegt "i n s o f e r n an und
für sich a u ß e r d e r e n direkten Bestimmung".
"A b e r" - aber "in der Fortbildung der Gesetze" "und in dem
fortschreitenden Charakter der allgemeinen Regierungsangelegen-
heiten" "erhält" sie ihre weitere Entwicklung".
D.h. also: Direkt liegt die Verfassung außerhalb dem Bereich der
-----
1*) außerhalb des Gesetzes - 2*) Darin besteht der Widerspruch!
#258# Karl Marx
-----
gesetzgebenden Gewalt; aber indirekt verändert die gesetzgebende
Gewalt die Verfassung. Sie tut auf einem Wege, was sie nicht auf
gradem Wege tun kann und darf. Sie zerpflückt sie en détail, weil
sie dieselbe nicht en gros verändern kann. Sie tut durch die Na-
tur der Dinge und der Verhältnisse, was sie nach der Natur der
Verfassung nicht tun sollte. Sie tut m a t e r i e l l,
f a k t i s c h, was sie nicht f o r m e l l, g e s e t z-
l i c h, verfassungsmäßig tut.
Hegel hat damit die Antinomie nicht gehoben, er hat sie in eine
andre Antinomie verwandelt; er hat das W i r k e n der gesetz-
gebenden Gewalt, ihr v e r f a s s u n g s m ä ß i g e s Wirken
in Widerspruch gestellt mit ihrer verfassungsmäßigen B e-
s t i m m u n g. Es bleibt der Gegensatz zwischen der
V e r f a s s u n g u n d d e r g e s e t z g e b e n d e n
G e w a l t. Hegel hat das f a k t i s c h e und das
l e g a l e Tun der gesetzgebenden Gewalt als Widerspruch defi-
niert oder auch den Widerspruch zwischen dem, was die gesetzge-
bende Gewalt sein soll, und dem, was sie wirklich ist, zwischen
dem, was sie zu tun meint, und dem, was sie wirklich tut.
Wie kann Hegel diesen Widerspruch für das Wahre ausgehen? "Der
fortschreitende Charakter der allgemeinen Regierungsangelegenhei-
ten erklärt ebensowenig, denn eben dieser fortschreitende Charak-
ter soll erklärt werden.
In dem Zusatz trägt Hegel zwar nichts zur Lösung der Schwierig-
keiten bei. Wohl aber stellt er sie noch klarer heraus.
"Die Verfassung muß an und für sich der feste geltende Boden
sein, auf dem die gesetzgebende Gewalt steht, und sie muß deswe-
gen nicht erst gemacht werden. Die Verfassung i s t also, aber
ebenso wesentlich w i r d sie, das heißt, sie schreitet in der
Bildung fort. Dieses Fortschreiten ist eine V e r ä n-
d e r u n g, die u n s c h e i n b a r ist und nicht die
F o r m d e r V e r ä n d e r u n g hat."
Das heißt, die Verfassung i s t dem Gesetz (der Illusion) nach,
aber sie w i r d der Wirklichkeit (der Wahrheit) nach. Sie ist
ihrer Bestimmung nach unveränderlich, aber sie verändert sich
wirklich, nur ist diese Veränderung unbewußt, sie hat nicht die
Form der Veränderung. Der S c h e i n widerspricht dem
W e s e n. Der Schein ist das b e w u ß t e G e s e t z der
Verfassung, und das Wesen ist ihr b e w u ß t l o s e s, dem
ersten widersprechendes Gesetz. Es ist nicht im Gesetz, was in
der Natur der Sache ist. Es ist vielmehr das Gegenteil im Gesetz.
Ist das nun das Wahre, daß im Staat, nach Hegel dem höchsten Da-
sein der F r e i h e i t, dem Dasein der selbstbewußten Ver-
nunft, nicht das Gesetz, das Dasein der Freiheit, sondern die
blinde Naturnotwendigkeit herrscht? Und wenn nun das Gesetz der
Sache als widersprechend der gesetzlichen Definition erkannt
wird, warum nicht das Gesetz der Sache, der Vernunft auch
#259# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
das Staatsgesetz anerkennen, wie nun den Dualismus mit Bewußtsein
festhalten? Hegel will überall den Staat als die Verwirklichung
des freien Geistes darstellen, aber re vera 1*) löst er alle
schwierigen Kollisionen durch eine Naturnotwendigkeit, die im Ge-
gensatz zur Freiheit steht. So ist auch der Übergang des Sonde-
rinteresses in das Allgemeine kein bewußtes Staatsgesetz, sondern
per Zufall vermittelt, w i d e r das Bewußtsein sich vollzie-
hend, und Hegel will überall im Staat die Realisation des freien
Willens! (Hierin zeigt sich der s u b s t a n t i e l l e
Standpunkt Hegels.)
Die Beispiele, die Hegel über die a l l m ä h l i c h e Verän-
derung der Verfassung anfuhrt sind unglücklich gewählt. So, daß
das Vermögen der deutschen Fürsten und ihrer Familien aus Privat-
gut in Staatsdomäne, das persönliche Rechtsprechen der deutschen
Kaiser in Rechtsprechen durch Abgeordnete sich verwandelt hat.
Der erste Übergang hat sich nur so gemacht, daß alles Staatsei-
gentum sich in fürstliches Privateigentum umsetzte.
Dabei sind diese Veränderungen partikular. Ganze Staatsverfassun-
gen haben sich allerdings so verändert, daß nach und nach neue
Bedürfnisse entstanden, daß das Alte zerfiel etc.; aber zu der
n e u e n Verfassung hat es immer einer förmlichen Revolution
bedurft.
"So ist also die Fortbildung eines Zustandes", schließt Hegel,
"eine s c h e i n b a r ruhige und unbemerkte. Nach langer Zeit
kommt auf diese Weise eine Verfassung zu einem ganz anderen Zu-
stande als vorher."
Die Kategorie des a l l m ä h l i c h e n Überganges ist er-
stens historisch falsch, und zweitens erklärt sie nichts.
Damit der Verfassung nicht nur die Veränderung angetan wird, da-
mit also dieser illusorische Schein nicht zuletzt gewaltsam zer-
trümmert wird, damit der Mensch mit Bewußtsein tut, was er sonst
ohne Bewußtsein durch die Natur der Sache gezwungen wird zu tun,
ist es notwendig, daß die Bewegung der Verfassung, daß der
F o r t s c h r i t t z u m P r i n z i p d e r V e r f a s-
s u n g gemacht wird, daß also der wirkliche Träger der
Verfassung, das Volk, zum Prinzip der Verfassung gemacht wird.
Der Fortschritt selbst ist dann die Verfassung.
Soll also die "Verfassung" selbst in den Bereich der
"gesetzgebenden Gewalt" gehören? Diese Frage kann nur aufgeworfen
werden, 1. wenn der politische Staat als bloßer Formalismus des
wirklichen Staats existiert, wenn der politische Staat eine
aparte Domäne ist, wenn der politische Staat als "Verfassung"
existiert; 2. wenn die gesetzgebende Gewalt anderen Ursprungs ist
als die Regierungsgewalt etc.
-----
1*) in Wirklichkeit
#260# Karl Marx
-----
Die gesetzgebende Gewalt hat die französische Revolution gemacht;
sie hat überhaupt, wo sie in ihrer Besonderheit als das Herr-
schende auftrat, die großen organischen allgemeinen Revolutionen
gemacht; sie hat nicht die Verfassung, sondern eine besondre an-
tiquierte Verfassung bekämpft, eben weil die gesetzgebende Gewalt
der Repräsentant des Volkes, des Gattungswillens war. Die Regie-
rungsgewalt dagegen hat die kleinen Revolutionen, die retrograden
Revolutionen, die Reaktionen gemacht; sie hat nicht für eine neue
Verfassung gegen eine alte, sondern gegen die Verfassung revolu-
tioniert, eben weil die Regierungsgewalt der Repräsentant des be-
sonderen Willens, der subjektiven Willkür, des magischen Teils
des Willens war.
Wird die Frage richtig gestellt, so heißt sie nur: Hat das Volk
das Recht, sich eine neue Verfassung zu geben? Was unbedingt be-
jaht werden muß, indem die Verfassung, sobald sie aufgehört hat,
wirklicher Ausdruck des Volkswillens zu sein, eine praktische Il-
lusion geworden ist.
Die Kollision zwischen der Verfassung und der gesetzgebenden Ge-
walt ist nichts als ein K o n f l i k t d e r V e r-
f a s s u n g m i t s i c h s e l b s t, ein Widerspruch im
Begriff der Verfassung.
Die Verfassung ist nichts als eine Akkommodation zwischen dem po-
litischen und unpolitischen Staat; sie ist daher notwendig in
sich selbst ein Traktat wesentlich heterogener Gewalten. Hier ist
es also dem Gesetz unmöglich, auszusprechen, daß eine dieser Ge-
walten, ein Teil der Verfassung, das Recht haben solle, die Ver-
fassung selbst, das Ganze, zu modifizieren.
Soll von der Verfassung als einem Besondern gesprochen werden, so
muß sie vielmehr als ein Teil des Ganzen betrachtet werden.
Wurden unter der Verfassung die allgemeinen Bestimmungen, die
Fundamentalbestimmungen des vernünftigen Willens, verstanden, so
versteht sich, daß jedes Volk (Staat) dies zu seiner Vorausset-
zung hat und daß sie sein politisches Credo bilden müssen. Das
ist eigentlich Sache des Wissens und nicht des Willens. Der Wille
eines Volks kann ebensowenig über die Gesetze der Vernunft hinaus
als der Wille eines Individuums. Bei einem unvernünftigen Volk
kann überhaupt nicht von einer vernünftigen Staatsorganisation
die Rede sein. Hier in der Rechtsphilosophie ist überdem der Gat-
tungswille unser Gegenstand.
Die gesetzgebende Gewalt macht das Gesetz nicht, sie entdeckt und
formuliert es nur.
Man hat diese Kollision zu lösen gesucht durch die Unterscheidung
zwischen assemblée constituante und assemblée constituée 1*).
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1*) konstituierende Versammlung und konstituierte Versammlung
#261# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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"§ 299. Diese Gegenstände" (die Gegenstände der gesetzgebenden
Gewalt) "bestimmen sich in Beziehung auf die Individuen näher
nach den zwei Seiten: a) was durch den Staat ihnen zugute kommt
und sie zu genießen und b) was sie demselben zu leisten haben.
Unter jenem sind die privatrechtlichen Gesetze überhaupt, die
Rechte der Gemeinden und Korporationen und ganz allgemeine Veran-
staltungen und indirekt (§ 298) das Ganze der Verfassung begrif-
fen. Das zu Leistende aber kann nur, indem es auf G e l d, als
den existierenden allgemeinen W e r t der Dinge und der Lei-
stungen, reduziert wird, auf eine gerechte Weise und zugleich auf
eine Art bestimmt werden, daß die b e s o n d e r e n Arbeiten
und Dienste, die der Einzelne leisten kann, durch seine Willkür
vermittelt werden."
Über diese Bestimmung der Gegenstände der gesetzgebenden Gewalt
bemerkt Hegel selbst in der Anmerkung zu diesem Paragraphen:
"Was Gegenstand der allgemeinen Gesetzgebung und was der Bestim-
mung der Administrativbehörden und der Regulierung der Regierung
überhaupt anheimzustellen sei, läßt sich zwar im Allgemeinen so
unterscheiden, daß in jene nur das dem Inhalte nach g a n z
A l l g e m e i n e die gesetzlichen Bestimmungen, in diese aber
das B e s o n d e r e und die Art und Weise der
E x e k u t i o n falle. Aber völlig bestimmt ist diese Unter-
scheidung schon dadurch nicht, daß das Gesetz, damit es Gesetz,
nicht ein bloßes Gebot überhaupt sei (wie: "du sollst nicht tö-
ten" [....]), in sich b e s t i m m t sein muß; je bestimmter
es aber ist, desto mehr nähert sich sein Inhalt der Fähigkeit, es
ist, ausgeführt zu werden. Zugleich aber würde die so weit ge-
hende Bestimmung den Gesetzen eine empirische Seite geben, welche
in der wirklichen Ausführung Abänderungen unterworfen werden
müßte, was dem Charakter von Gesetzen Abbruch täte In der
o r g a n i s c h e n E i n h e i t der Staatsgewalten liegt es
selbst, daß es Ein Geist ist, der das Allgemeine festsetzt, und
der es zu seiner bestimmten Wirklichkeit bringt und ausführt."
Aber eben diese o r g a n i s c h e Einheit ist es, die Hegel
nicht konstruiert hat. Die verschiedenen Gewalten haben ein ver-
schiedenes Prinzip. Sie sind dabei feste Wirklichkeit. Von ihrem
wirklichen Konflikt an die i m a g i n ä r e "organische Ein-
heit" sich flüchten, statt sie als Momente einer organischen Ein-
heit entwickelt zu haben, ist daher eine leere mystische Aus-
flucht.
Die erste ungelöste Kollision war die zwischen der g a n z e n
V e r f a s s u n g und der g e s e t z g e b e n d e n G e-
w a l t. Die zweite ist die zwischen der g e s e t z-
g e b e n d e n und der R e g i e r u n g s g e w a l t, zwi-
schen dem Gesetz und der Exekution.
Die zweite Bestimmung des Paragraphen ist, daß die einzige Lei-
stung, die der Staat von den Individuen fordert, das G e l d
ist.
Die Gründe, die Hegel dafür anführt, sind:
1. das Geld ist der existierende allgemeine W e r t der Dinge
und der Leistungen;
2. das zu Leistende kann nur durch diese Reduktion auf eine
g e r e c h t e Art bestimmt werden;
#262# Karl Marx
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3. nur dadurch kann die Leistung auf eine solche Art bestimmt
werden, daß die b e s o n d e r e n Arbeiten und Dienste, die
der Einzelne leisten kann, durch seine Willkür vermittelt werden.
Hegel bemerkt in der Anmerkung:
ad 1. "Es kann im Staate zunächst auffallen, daß von den vielen
Geschicklichkeiten, Besitztümern, Tätigkeiten, Talenten und darin
liegenden unendlich mannigfaltigen lebendigen V e r m ö g e n,
die zugleich mit Gesinnung verbunden sind, der Staat keine di-
rekte Leistung fordert, sondern nur das e i n e Vermögen in An-
spruch nimmt, das als G e l d erscheint. - Die Leistungen, die
sich auf die Verteidigung des Staats gegen Feinde beziehen, gehö-
ren erst zu der Pflicht der folgenden Abteilung" (nicht der fol-
genden Abteilung, aber anderer Gründe wegen werden wir erst spä-
ter auf die persönliche Pflicht zum Militärdienst kommen).
"In der Tat ist das Geld aber nicht ein besonderes Vermögen neben
den übrigen, sondern es ist das Allgemeine derselben, insofern
sie sich zu der Äußerlichkeit des Daseins produzieren, in der sie
als eine S a c h e gefaßt werden können." "Bei uns", heißt es
weiter in dem Z u s a t z, "k a u f t der Staat, was er
braucht."
ad. 2. "Nur an dieser äußerlichsten Spitze" (sc. worin die
V e r m ö g e n sich zu der Äußerlichkeit des Daseins produzie-
ren, in der sie als eine S a c h e gefaßt werden können) "ist
die q u a n t i t a t i v e Bestimmtheit und damit die Gerech-
tigkeit und G l e i c h h e i t d e r L e i s t u n g e n
möglich." Im Z u s a t z heißt es: "Durch Geld kann aber die
G e r e c h t i g k e i t d e r G l e i c h h e i t weit bes-
ser durchgeführt werden." "Der Talentvolle würde sonst mehr be-
steuert sein als der Talentlose, wenn es auf die konkrete Fähig-
keit ankäme."
ad. 3. "P l a t o läßt in seinem Staate die Individuen den be-
sonderen Ständen durch die Obern zuteilen und ihnen ihre
b e s o n d e r e n Leistungen auflegen; in der Feudalmonarchie
hatten Vasallen ebenso unbestimmte Dienste, aber auch in ihrer
B e s o n d e r h e i t, z.B. das Richteramt usf. zu leisten;
die Leistungen im Orient, Ägypten für die unermeßlichen Architek-
turen usf. sind ebenso von b e s o n d e r e r Qualität usf. In
diesen Verhältnissen mangelt das Prinzip der s u b j e k-
t i v e n F r e i h e i t, daß das substantielle Tun des
Individuums, das in solchen Leistungen ohnehin seinem Inhalte
nach ein Besonderes ist, durch seinen b e s o n d e r e n
W i l l e n vermittelt sei; - ein Recht, das allein durch die
Forderung der Leistungen in der Form des allgemeinen Wertes mög-
lich und das der Grund ist, der diese Verwandelung herbeigeführt
hat." Im Zusatz heißt es: "Bei uns k a u f t der Staat, was er
braucht, und dies kann zunächst als abstrakt, tot und gemütlos
erscheinen, und es kann auch aussehen, als wenn der Staat dadurch
heruntergesunken wäre, daß er sich mit abstrakten Leistungen be-
friedigt. Aber es liegt in dem Prinzip" des neueren Staates, das
Alles, was das Individuum tut, durch seinen Willen vermittelt
sei."... "Nun aber wird eben dadurch Respekt vor der subjektiven
Freiheit an den Tag gelegt, daß man jemanden nur an dem ergreift,
an welchem er ergriffen werden kann."
Tut, was ihr wollt. Bezahlt, was ihr sollt.
#263# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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Der Eingang des Zusatzes lautet:
"Die zwei Seiten der Verfassung beziehen sich auf die Rechte und
Leistungen der Individuen. Was nun die Leistungen betrifft, so
reduzieren sie sich jetzt fast alle auf Geld. Die Militärpflicht
ist jetzt fast nur die einzige persönliche Leistung."
"§ 300. In der gesetzgebenden Gewalt als T o t a l i t ä t sind
zunächst die zwei andern Momente wirksam, das m o n a r-
c h i s c h e, als dem die höchste Entscheidung zukommt -,
d i e R e g i e r u n g s g e w a l t als das mit der konkreten
Kenntnis und Übersicht des Ganzen in seinen vielfachen Seiten und
den darin f e s t g e w o r d e n e n wirklichen Grundsätzen
sowie mit der Kenntnis der Bedürfnisse der Staatsgewalt
insbesondere, beratende Moment -, endlich das s t ä n d i-
s c h e Element."
Die monarchische Gewalt und die Regierungsgewalt sind... gesetz-
gebende Gewalt. Wenn aber die gesetzgebende Gewalt die
T o t a l i t ä t ist, müßten vielmehr monarchische Gewalt und
Regierungsgewalt Momente der gesetzgebenden Gewalt sein. Das hin-
zutretende s t ä n d i s c h e Element ist n u r gesetzge-
bende Gewalt oder die gesetzgebende Gewalt im U n t e r-
s c h i e d zu der monarchischen und Regierungsgewalt.
"§ 301. Das s t ä n d i s c h e Element hat die Bestimmung, daß
die allgemeine Angelegenheit nicht nur an sich, sondern auch für
s i c h, d. i. daß das Moment der subjektiven f o r m e l l e n
F r e i h e i t, das öffentliche Bewußtsein als e m p i r i-
s c h e A l l g e m e i n h e i t der Ansichten und Gedanken
der V i e l e n, darin zur Existenz komme."
Das ständische Element ist eine Deputation der bürgerlichen Ge-
sellschaft an den Staat, dem sie als die "Vielen" gegenüberstehn.
Die Vielen sollen einen Augenblick die allgemeinen Angelegenhei-
ten m i t B e w u ß t s e i n als ihre eigenen behandeln, als
Gegenstände des ö f f e n t l i c h e n B e w u ß t s e i n s,
welches nach Hegel nichts ist als die "e m p i r i s c h e
A l l g e m e i n h e i t der Ansichten und Gedanken der
V i e l e n" (und in Wahrheit ist es in den modernen, auch den
konstitutionellen, Monarchien nichts anders). Es ist bezeichnend,
daß Hegel, der so großen Respekt vor dem Staatsgeist, dem sittli-
chen Geist, dem Staatsbewußtsein hat, es da, wo es ihm in wirkli-
cher empirischer Gestalt gegenübertritt, förmlich verachtet.
Dies ist das Rätsel des Mystizismus. Dieselbe phantastische Ab-
straktion, die das S t a a t s b e w u ß t s e i n in der unan-
gemeßnen Form der B ü r o k r a t i e, einer Hierarchie des
Wissens, wiederfindet und diese unangemeßne Existenz unkritisch
für die wirkliche Existenz hinnimmt als v o l l g ü l t i g,
dieselbe mystische Abstraktion gesteht ebenso unbefangen, daß der
wirkliche e m p i r i s c h e Staatsgeist, das ö f f e n t-
l i c h e B e w u ß t s e i n, ein bloßes Potpourri von
"Gedanken und Ansichten der Vielen" sei. Wie sie der Bürokratie
ein fremdes Wesen unterschiebt, so läßt sie dem wahren Wesen die
unangemeßne Form der Erscheinung. Hegel idealisiert die Büro-
kratie und empirisiert das öffentliche
#264# Karl Marx
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Bewußtsein. Hegel kann das wirkliche öffentliche Bewußtsein sehr
à part behandeln, eben weil er das à part Bewußtsein als das öf-
fentliche behandelt hat. Er braucht sich um so weniger um die
wirkliche Existenz des Staatsgeistes zu kümmern, als er schon in
seinen soi-disant 1*) Existenzen ihn gehörig realisiert zu haben
meint. Solange der Staatsgeist mystisch im Vorhof spukte, wurden
ihm viel Reverenzen gemacht. Hier, wo wir ihn [in] persona ge-
hascht, wird er kaum angesehn.
"Das ständische Element hat die Bestimmung, daß die allgemeine
Angelegenheit nicht nur an s i c h, sondern auch f ü r
s i c h darin zur Existenz komme." Und zwar kommt sie für sich
zur Existenz als das "öffentliche Bewußtsein", als "e m p i-
r i s c h e A l l g e m e i n h e i t der Ansichten und
Gedanken der V i e l e n".
Das Subjektwerden der "allgemeinen Angelegenheit", die auf diese
Weise verselbständigt wird, wird hier als ein Moment des Lebens-
prozesses der "allgemeinen Angelegenheit" dargestellt. Statt daß
die Subjekte sich in der "allgemeinen Angelegenheit" vergegen-
ständlichten, läßt Hegel die "allgemeine Angelegenheit" zum
"Subjekt" kommen. Die Subjekte bedürfen nicht der "allgemeinen
Angelegenheit" als ihrer wahren Angelegenheit, sondern die allge-
meine Angelegenheit bedarf der Subjekte zu ihrer f o r-
m e l l e n Existenz. Es ist eine Angelegenheit der "allgemeinen
Angelegenheit", daß sie auch als Subjekt existiere.
Es ist hier besonders der Unterschied zwischen dem
"A n s i c h s e i n" und dem "F ü r s i c h s e i n" der all-
gemeinen Angelegenheit ins Auge zu fassen.
Die "a l l g e m e i n e A n g e l e g e n h e i t" existiert
schon "a n s i c h" als das Geschäft der Regierung etc.; sie
existiert, ohne w i r k l i c h die a l l g e m e i n e Ange-
legenheit zu sein; sie ist nichts weniger als dies, denn sie ist
nicht die Angelegenheit der "b ü r g e r l i c h e n G e-
s e l l s c h a f t". Sie hat schon ihre w e s e n t l i c h e
an sich seiende Existenz gefunden. Daß sie nun auch wirklich
"öffentliches Bewußtsein", "empirische Allgemeinheit" wird, ist
rein formell und kommt gleichsam nur s y m b o l i s c h zur
Wirklichkeit. Die "formelle" Existenz oder die "empirische"
Existenz der allgemeinen Angelegenheit ist getrennt von ihrer
s u b s t a n t i e l l e n E x i s t e n z. Die Wahrheit davon
ist: Die a n s i c h s e i e n d e "allgemeine Angelegenheit"
ist nicht w i r k l i c h a l l g e m e i n, und die wirkliche
e m p i r i s c h e allgemeine Angelegenheit ist nur f o r-
m e l l.
Hegel trennt I n h a l t und F o r m, A n s i c h s e i n
und F ü r s i c h s e i n und läßt das letztere als ein
f o r m e l l e s Moment äußerlich hinzutreten. Der Inhalt ist
fertig und existiert in vielen Formen, die nicht die Formen die-
ses Inhaltes sind;
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1*) sogenannten
#265# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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wogegen es sich von selbst versteht daß die Form, die nun für die
wirkliche Form des Inhalts gelten soll, nicht den wirklichen In-
halt zu ihrem Inhalt hat.
Die a l l g e m e i n e A n g e l e g e n h e i t ist fertig,
ohne daß sie wirkliche Angelegenheit des Volks wäre. Die wirkli-
che Volkssache ist ohne Tun des Volks zustande gekommen. Das
ständische Element ist die i l l u s o r i s c h e E x i-
s t e n z der Staatsangelegenheiten als einer Volkssache. Die
Illusion, daß die a l l g e m e i n e A n g e l e g e n h e i t
allgemeine Angelegenheit, öffentliche Angelegenheit sei, oder die
I l l u s i o n, daß die Sache des Volks allgemeine
Angelegenheit sei. So weit ist es sowohl in unseren Staaten als
in der Hegelschen Rechtsphilosophie gekommen, daß der tauto-
logische Satz: "Die allgemeine Angelegenheit ist die allgemeine
Angelegenheit", nur als eine I l l u s i o n d e s p r a k-
t i s c h e n B e w u ß t s e i n s erscheinen kann. Das
s t ä n d i s c h e E l e m e n t ist die p o l i t i s c h e
I l l u s i o n d e r b ü r g e r l i c h e n G e s e l l-
s c h a f t. Die s u b j e k t i v e Freiheit erscheint bei
Hegel als f o r m e l l e Freiheit (es ist allerdings wichtig,
daß das Freie auch frei getan werde daß die Freiheit nicht als
bewußtloser Naturinstinkt der Gesellschaft herrsche) eben weil er
die objektive Freiheit nicht als Verwirklichung, als Bestätigung
der subjektiven hingestellt hat. Weil er dem präsumtiven oder
wirklichen Inhalt der Freiheit einen mystischen Träger gegeben
hat, so bekommt das wirkliche Subjekt der Freiheit eine formelle
Bedeutung.
Die Trennung des A n s i c h s und des F ü r s i c h s, der
Substanz und des Subjekts ist abstrakter Mystizismus.
Hegel setzt in der Anmerkung das "ständische Element" recht sehr
als ein "Formelles", " Illusorisches" auseinander.
Sowohl das W i s s e n als der W i l l e des "ständischen
Elementes" sind teils unbedeutend, teils verdächtig; d.h., das
ständische Element ist kein i n h a l t s v o l l e s K o m-
p l e m e n t.
"Die Vorstellung, die das gewöhnliche Bewußtsein über die Notwen-
digkeit oder Nützlichkeit der Konkurrenz von Ständen zunächst vor
sich zu haben pflegt, ist vornehmlich etwa, daß die Abgeordneten
aus dem Volk oder gar das Volk es a m b e s t e n
v e r s t e h e n m ü s s e, was zu seinem Besten diene, und
daß es den ungezweifelt besten Willen für dieses Beste habe. Was
das erstere betrifft, so ist vielmehr der Fall, daß das Volk,
insofern mit diesem Worte ein besonderer Teil der Mitglieder ei-
nes Staats bezeichnet ist, den Teil ausdrückt, der n i c h t
w e i ß, w a s e r w i l l. Zu wissen, was man will, und noch
mehr, was der an und für sich seiende Wille, die Vernunft, will,
ist die Frucht tiefer Erkenntnis" (die wohl in den Büros steckt)
"und Einsicht. welche eben nicht die Sache des Volks ist."
Mehr unten heißt es in bezug auf die Stände selbst:
"Die höchsten Staatsbeamten haben notwendig tiefere und umfassen-
dere Einsicht in die Natur der Einrichtungen und Bedürfnisse des
Staats sowie die größere
#266# Karl Marx
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Geschicklichkeit und Gewohnheit dieser Geschäfte und k ö n n e n
ohne Stände das Beste tun, wie sie auch fortwährend bei den stän-
dischen Versammlungen das Beste tun müssen."
Und es versteht sich, daß bei der von Hegel beschriebnen Organi-
sation dies vollständig wahr ist.
2. "Was aber den vorzüglich g u t e n W i l l e n der Stände
für das allgemeine Beste betrifft, so ist schon oben [...] be-
merkt worden, daß es zu der Ansicht des Pöbels, dem Standpunkte
des Negativen überhaupt gehört, bei der Regierung einen bösen
oder weniger guten Willen vorauszusetzen; - eine Voraussetzung,
die zunächst, wenn in gleicher Form geantwortet werden sollte,
die Rekrimination zur Folge hätte, daß die Stände, da sie von der
Einzelnheit, dem Privatstandpunkt und den besonderen Interessen
herkommen, für diese auf Kosten des allgemeinen Interesses ihre
Wirksamkeit zu gebrauchen geneigt seien, dahingegen die anderen
Momente der Staatsgewalt schon für sich auf den Standpunkt des
Staates gestellt und dem allgemeinen Zwecke gewidmet sind."
Also W i s s e n und W i l l e n der Stände sind teils über-
flüssig, teils verdächtig. Das Volk weiß nicht, was es will. Die
Stände besitzen nicht die Staatswissenschaft im Maße der Beamten,
deren Monopol sie ist. Die Stände sind überflüssig zum Vollbrin-
gen der "allgemeinen Angelegenheit". Die Beamten können sie ohne
Stände vollbringen, ja sie m ü s s e n trotz der Stände das Be-
ste tun. Was also den Inhalt betrifft, so sind die Stände reiner
Luxus. Ihr Dasein ist daher im wörtlichsten Sinne eine bloße
F o r m.
Was ferner die Gesinnung, den W i l l e n der Stände betrifft,
so ist er verdächtig, denn sie kommen vom Privatstandpunkt und
den Privatinteressen her. In Wahrheit ist das Privatinteresse
ihre allgemeine Angelegenheit und nicht die allgemeine Angelegen-
heit ihr Privatinteresse. Aber welche Manier der "allgemeinen An-
gelegenheit", F o r m zu gewinnen als allgemeine Angelegenheit
in einem Willen, der nicht weiß, was er will, wenigstens nicht
ein besondres Wissen des Allgemeinen besitzt, und in einem Wil-
len, dessen eigentlicher Inhalt ein entgegenstehendes Interesse
ist!
In den modernen Staaten, wie in Hegels Rechtsphilosophie, ist die
bewußte, die w a h r e W i r k l i c h k e i t der a l l g e-
m e i n e n A n g e l e g e n h e i t n u r f o r m e l l,
oder n u r d a s F o r m e l l e i s t w i r k l i c h e
a l l g e m e i n e A n g e l e g e n h e i t.
Hegel ist nicht zu tadeln, weil er das Wesen des modernen Staats
schildert, wie es ist, sondern weil er das, was ist, für das
W e s e n d e s S t a a t s ausgibt. Daß das Vernünftige wirk-
lich ist, beweist sich eben im W i d e r s p r u c h der unver-
nünftigen W i r k l i c h k e i t, die an allen Ecken das Ge-
genteil von dem ist, was sie aussagt, und das Gegenteil von dem
aussagt, was sie ist.
Statt daß Hegel zeigte, wie die "allgemeine Angelegenheit" für
sich
#267# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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"subjektiv, daher wirklich als solche existiere", daß sie auch
die Form der allgemeinen Angelegenheit hat, zeigt er nur, daß die
F o r m l o s i g k e i t ihre Subjektivität ist, und eine Form
ohne Inhalt muß formlos sein. Die Form, welche die allgemeine An-
gelegenheit in einem Staat gewinnt, der nicht der Staat der all-
gemeinen Angelegenheit ist, kann nur eine Unform, eine sich
selbst täuschende, eine sich selbst widersprechende Form Sein,
eine S c h e i n f o r m, die sich als dieser Schein ausweisen
wird.
Hegel will den Luxus des ständischen Elements nur der Logik zu-
lieb. Das F ü r s i c h s e i n der allgemeinen Angelegenheit
als empirische Allgemeinheit soll ein Dasein haben. Hegel sucht
nicht nach einer adäquaten Verwirklichung des "Fürsichseins der
allgemeinen Angelegenheit", er begnügt sich, eine empirische Exi-
stenz zu finden, die in diese logische Kategorie aufgelöst werden
kann,. das ist dann das ständische Element: wobei er nicht ver-
fehlt, selbst anzumerken, wie erbärmlich und widerspruchsvoll
diese Existenz ist. Und dann wirft er noch dem gewöhnlichen Be-
wußtsein vor, daß es sich mit dieser logischen Satisfaktion nicht
begnügt, daß es sich nicht die Wirklichkeit durch w i l l-
k ü r l i c h e Abstraktion in Logik aufgelöst, sondern die
Logik in wahre Gegenständlichkeit verwandelt sehn will.
Ich sage: w i l l k ü r l i c h e Abstraktion. Denn da die Re-
gierungsgewalt die a l l g e m e i n e A n g e l e g e n-
h e i t will, weiß, verwirklicht, aus dem Volk hervorgeht und
eine empirische Vielheit ist (daß es sich nicht um Allheit
handelt, belehrt uns Hegel ja selbst), warum sollte die
Regierungsgewalt nicht als das "Fürsichsein der allgemeinen Ange-
legenheit" bestimmt werden können? Oder warum nicht die ,Stände"
als ihr A n s i c h s e i n, da die Sache erst in der Regierung
Licht und Bestimmtheit und Ausführung und Selbständigkeit ge-
winnt?
Aber der wahre Gegensatz ist: "Die allgemeine Angelegenheit" muß
doch irgendwo im Staat als "wirkliche", also "empirische allge-
meine Angelegenheit" r e p r ä s e n t i e r t sein; sie muß
irgendwo in der Krone und dem Talar des Allgemeinen erscheinen,
wodurch es von selbst zu einer Rolle, einer Illusion wird.
Es handelt sich hier um den Gegensatz des "Allgemeinen" als
"F o r m", in der "Form der Allgemeinheit", und des "Allgemeinen
als Inhalt".
Z.B. in der Wissenschaft kann ein "Einzelner" die allgemeine An-
gelegenheit vollbringen, und es sind immer Einzelne, die sie
vollbringen. Aber wirklich allgemein wird sie erst, wenn sie
nicht mehr die Sache des Einzelnen, sondern die der Gesellschaft
ist. Das verändert nicht nur die Form, sondern auch den Inhalt.
Hier aber handelt es sich um den Staat, wo das Volk selbst die
allgemeine Angelegenheit ist; hier handelt es sich um den
#268# Karl Marx
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Willen, der sein wahres Dasein als Gattungswille nur im selbstbe-
wußten Willen des Volkes hat. Und hier handelt es sich überdem
von der Idee des Staats.
Der moderne Staat, in dem die "allgemeine Angelegenheit" wie die
Beschäftigung mit derselben ein Monopol ist und dagegen die Mono-
pole die wirklichen allgemeinen Angelegenheiten sind, hat die
sonderbare Erfindung gemacht, die "allgemeine Angelegenheit" als
eine b l o ß e F o r m sich anzueignen. (Das Wahre ist, daß
nur die F o r m allgemeine Angelegenheit ist.) Er hat damit die
entsprechende Form für seinen Inhalt gefunden, der nur scheinbar
die wirkliche allgemeine Angelegenheit ist.
Der konstitutionelle Staat ist der Staat, in dem das Staatsinter-
esse als wirkliches Interesse des Volkes n u r formell, aber
als eine b e s t i m m t e F o r m neben dem wirklichen Staat
vorhanden ist; das Staatsinteresse hat hier f o r m e l l wie-
der Wirklichkeit erhalten als Volksinteresse, aber es soll auch
nur diese f o r m e l l e W i r k l i c h k e i t haben. Es
ist zu einer F o r m a l i t ä t, zu dem haut goût 1*) des
Volkslebens geworden, eine Z e r e m o n i e. Das s t ä n d i-
s c h e Element ist die s a n k t i o n i e r t e, g e-
s e t z l i c h e L ü g e der konstitutionellen Staaten, daß
der S t a a t das I n t e r e s s e d e s V o l k s oder
daß das V o l k das S t a a t s i n t e r e s s e ist. Im
I n h a l t wird sich diese Lüge enthüllen. Als g e s e t z-
g e b e n d e Gewalt hat sie sich etabliert, eben weil die
gesetzgebende Gewalt das Allgemeine zu ihrem Inhalt hat, mehr
Sache des Wissens als des Willens, die m e t a p h y s i s c h e
Staatsgewalt ist, während dieselbe Lüge als Regierungsgewalt etc.
entweder sich sofort auflösen oder in eine Wahrheit verwandeln
müßte. Die metaphysische Staatsgewalt war der geeignetste Sitz
der metaphysischen, allgemeinen Staatsillusion.
"Die Gewährleistung, die für das allgemeine Beste und die öffent-
liche Freiheit in den Ständen liegt, findet sich bei einigem
Nachdenken nicht in der besonderen Einsicht derselben [...] son-
dern sie liegt teils wohl in einer Z u t a t (!!) von Einsicht
der Abgeordneten, vornehmlich in das Treiben der den Augen der
höheren Stellen ferner stehenden Beamten, und insbesondere in
dringendere und speziellere Bedürfnisse und Mängel, die [sie] in
konkreter Anschauung vor sich haben, teils aber in derjenigen
Wirkung, welche die zu erwartende Zensur Vieler und zwar eine öf-
fentliche Zensur mit sich führt, schon im voraus die beste Ein-
sicht auf die Geschäfte und vorzulegenden Entwürfe zu verwenden
und sie nur den reinsten Motiven gemäß einzurichten - eine Nöti-
gung, die ebenso für die Mitglieder der Stände selbst wirksam
ist."
"Was hiermit die Garantie überhaupt betrifft, welche besonders in
den Ständen liegen soll, so teilt auch j e d e a n d e r e
d e r S t a a t s i n s t i t u t i o n e n dies mit ihnen,
eine Garantie des öffentlichen Wohls und der vernünftigen Frei-
heit zu sein, und es
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1*) der Würze
#269# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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gibt darunter Institutionen, wie die Souveränität des Monarchen,
die Erblichkeit der Thronfolge, Gerichtsverfassung usf., in wel-
chen diese Garantie noch in viel stärkerem Grade liegt. Die
e i g e n t ü m l i c h e Begriffsbestimmung der Stände ist des-
halb darin zu suchen, daß in ihnen das subjektive Moment der all-
gemeinen Freiheit, die eigene Einsicht und der eigene Wille der
Sphäre, die in dieser Darstellung bürgerliche Gesellschaft ge-
nannt worden ist, i n B e z i e h u n g a u f d e n
S t a a t z u r E x i s t e n z kommt. D ß dies Moment eine
Bestimmung der zur Totalität entwickelten Idee ist, diese innere
Notwendigkeit, welche nicht mit ä u ß e r e n N o t w e n-
d i g k e i t e n und N ü t z l i c h k e i t e n zu ver-
wechseln ist, folgt, wie überall, aus dem philosophischen
Gesichtspunkt."
Die öffentliche, allgemeine Freiheit i s t in den andern
Staatsinstitutionen angeblich garantiert; die Stände sind ihre
angebliche Selbstgarantierung. Daß das Volk auf die Stände, in
denen es selbst sich zu versichern glaubt, mehr Gewicht legt als
auf die Institutionen, die ohne sein Tun die Assekuranzen seiner
Freiheit sein soll[en], Bestätigungen seiner Freiheit, ohne Betä-
tigungen seiner Freiheit zu sein. Die Koordination, welche Hegel
den Ständen neben den andern Institutionen anweist, widerspricht
ihrem Wesen.
Hegel löst das Rätsel, wenn er die "eigentümliche Begriffsbestim-
mung der Stände" darin findet, daß in ihnen "die eigene Einsicht
und der eigene Wille der bürgerlichen Gesellschaft i n B e-
z i e h u n g a u f d e n S t a a t z u r E x i s t e n z
kommt". Es ist die R e f l e x i o n d e r b ü r g e r-
l i c h e n G e s e l l s c h a f t a u f d e n S t a a t.
Wie die Bürokraten A b g e o r d n e t e d e s S t a a t s an
die bürgerliche Gesellschaft, so sind die Stände A b g e-
o r d n e t e d e r b ü r g e r l i c h e n G e s e l l-
s c h a f t an den Staat. Es sind also immer T r a n s-
a k t i o n e n zweier g e g e n s ä t z l i c h e r W i l-
l e n.
Im Z u s a t z zu diesem Paragraphen heißt es:
"Die Stellung der Regierung zu den Ständen soll keine
w e s e n t l i c h feindliche sein, und der Glaube an die Not-
wendigkeit dieses feindseligen Verhältnisses ist ein trauriger
Irrtum",
ist eine "traurige Wahrheit".
"Die Regierung ist keine Partei, der eine andere gegenübersteht."
Umgekehrt.
"Die Steuern, die die Stände bewilligen, sind ferner nicht wie
ein G e s c h e n k anzusehen, das dem Staate gegeben wird,
sondern sie werden zum Besten der Bewilligenden selbst bewil-
ligt."
Die Steuerbewilligung ist im konstitutionellen Staat der
M e i n u n g nach notwendig ein G e s c h e n k.
"Was die eigentliche Bedeutung der Stände ausmacht, ist, daß der
S t a a t dadurch i n d a s s u b j e k t i v e
B e w u ß t s e i n d e s V o l k s t r i t t, und daß es an
demselben teilzuhaben anfängt."
#270# Karl Marx
-----
Das letztere ist ganz richtig. Das Volk in den Ständen f ä n g t
a n, teilzuhaben am Staat, ebenso tritt er als ein jenseitiger
in sein subjektives Bewußtsein. Wie kann Hegel diesen
A n f a n g aber für die volle R e a l i t ä t ausgeben?
"§ 302. Als v e r m i t t e l n d e s Organ betrachtet, stehen
die Stände zwischen der Regierung überhaupt einerseits, und dem
in die besonderen Sphären und Individuen aufgelösten Volke ande-
rerseits. Ihre Bestimmung fordert an sie so sehr den S i n n und
die G e s i n n u n g des S t a a t s und der R e g i e-
r u n g, als der I n t e r e s s e n der b e s o n d e r e n
Kreise und der E i n z e l n e n. Zugleich hat diese Stellung
die Bedeutung einer mit der organisierten Regierungsgewalt
gemeinschaftlichen Vermittelung, daß weder die fürstliche Gewalt
als E x t r e m isoliert und dadurch als bloße Herrschergewalt
und Willkür erscheine, noch daß die besonderen Interessen der
Gemeinden, Korporationen und der Individuen sich isolieren, oder
noch mehr, daß die Einzelnen nicht zur Darstellung einer
M e n g e und eines H a u f e n s, zu einem somit unor-
ganischen Meinen und Wollen und zur bloß massenhaften Gewalt
gegen den organischen Staat kommen."
Staat und Regierung werden immer als identisch auf die eine
Seite, das in die besondren Sphären und Individuen aufgelöste
Volk auf die andere Seite gesetzt. Die Stände stehn als
v e r m i t t e l n d e s Organ zwischen beiden. Die Stände sind
die Mitte, worin "Sinn und Gesinnung des Staats und der Regie-
rung" zusammentreffen, vereinigt sein sollen mit "Sinn und Gesin-
nung der besonderen Kreise und der Einzelnen". Die Identität die-
ser beiden entgegengesetzten Sinne und Gesinnungen, in deren
Identität eigentlich der Staat liegen sollte, erhält eine
s y m b o l i s c h e Darstellung in den S t ä n d e n. Die
Transaktion zwischen Staat und bürgerlicher Gesellschaft er-
scheint als eine b e s o n d r e Sphäre. Die Stände sind die
S y n t h e s e z w i s c h e n S t a a t u n d b ü r-
g e r l i c h e r G e s e l l s c h a f t. Wie die Stände es
aber anfangen sollen, zwei widersprechende Gesinnungen in sich zu
vereinen, ist nicht angegeben. Die S t ä n d e sind der
g e s e t z t e W i d e r s p r u c h des Staates und der bür-
gerlichen Gesellschaft im Staate. Zugleich sind sie die
F o r d e r u n g der A u f l ö s u n g dieses Widerspruches.
"Zugleich hat diese Stellung die Bedeutung einer mit der
o r g a n i s i e r t e n Regierungsgewalt gemeinschaftlichen
Vermittelung etc."
Die Stände v e r m i t t e l n nicht nur Volk und Regierung.
Sie verhindern die "fürstliche Gewalt" als isoliertes
"E x t r e m", die damit als "bloße Herrschergewalt und Willkür"
erscheinen würde, ebenso die "Isolierung" der "besonderen" Inter-
essen etc., ebenso die "Darstellung der Einzelnen als M e n g e
und H a u f e n". Diese Vermittelung ist den Ständen mit der
organisierten Regierungsgewalt gemeinschaftlich. In einem Staat,
worin die "Stellung" der "Stände" verhindert, "daß die Einzelnen
nicht zur Darstellung einer M e n g e oder eines H a u-
f e n s, zu einem somit unorganischen Meinen und Wollen,
#271# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
zur bloß massenhaften Gewalt gegen den organischen Staat kommen",
existiert der "o r g a n i s c h e Staat" außer der "Menge" und
dem "Haufen", oder da gehört die "Menge" und der "Haufen" zur Or-
ganisation des Staats; bloß soll sein "unorganisches Meinen und
Wollen" nicht zum "Meinen und Wollen gegen den Staat" kommen,
durch welche b e s t i m m t e R i c h t u n g es
"organisches" Meinen und Wollen würde. Ebenso soll diese
"massenhafte Gewalt nur "massenhaft" bleiben, so daß der Verstand
außer der Masse ist und sie daher nicht sich selbst in Bewegung
setzen, sondern nur von den Monopolisten des "organischen Staa-
tes" in Bewegung gesetzt und als massenhafte Gewalt exploitiert
werden kann. Wo nicht "die besondern Interessen der Gemeinden,
Korporationen und der Einzelnen" sich gegen den Staat isolieren,
sondern die "Einzelnen zur Darstellung einer M e n g e und ei-
nes H a u f e n s zu einem somit unorganischen Meinen und Wol-
len und zur bloß massenhaften Gewalt gegen den Staat kommen", da
zeigt es sich eben, daß kein "besonderes Interesse" dem Staat wi-
derspricht, sondern daß der "wirkliche organische allgemeine Ge-
danke der Menge und des Haufens" nicht der Gedanke des organi-
schen Staats" ist, der nicht in ihm seine Realisation findet. Wo-
durch erscheinen nun die Stände als Vermittelung gegen dies Ex-
trem? Nur dadurch, "daß die besonderen Interessen der Gemeinden,
Korporationen und der Individuen sich isolieren", oder dadurch,
daß ihre isolierten Interessen i h r e R e c h n u n g m i t
d e m S t a a t d u r c h d i e S t ä n d e a b s c h l i e-
ß e n, zugleich dadurch, daß das "unorganische Meinen und Wollen
der Menge und des Haufens" in der Schöpfung der Stände seinen
W i l l e n (seine Tätigkeit) und in der Beurteilung der
Tätigkeit der Stände sein "Meinen" beschäftigt und die Täuschung
seiner Vergegenständlichung genossen hat. Die "Stande
präservieren den Staat vor dem unorganischen Haufen nur durch die
Desorganisation dieses Haufens.
Zugleich aber sollen die S t ä n d e dagegen vermitteln, "daß
die besonderen Interessen der Gemeinden, Korporationen und der
Individuen sich" nicht isolieren". Sie vermitteln dagegen, 1. in-
dem sie mit dem "Staatsinteresse" transigieren, 2. indem sie
selbst die "p o l i t i s c h e Isolierung" dieser besondern
Interessen sind; diese I s o l i e r u n g a l s p o l i-
t i s c h e r A k t, indem durch sie diese isolierten Interes-
sen" den Rang des "Allgemeinen" erhalten.
Endlich sollen die Stände gegen die "I s o l i e r u n g" der
fürstlichen Gewalt als eines "E x t r e m s" (die "dadurch als
bloße Herrschergewalt und Willkür e r s c h i e n e) vermit-
teln. Dies ist insofern richtig, als das P r i n z i p der
f ü r s t l i c h e n G e w a l t (die Willkür) durch sie be-
grenzt ist, wenigstens nur in Fesseln sich wegen kann, und als
sie selbst Teilnehmer, Mitschuldige der fürstlichen Gewalt wer-
den.
#272# Karl Marx
-----
Die fürstliche Gewalt hört entweder wirklich dadurch auf, das Ex-
trem der fürstlichen Gewalt zu sein (und die fürstliche Gewalt
existiert nur als ein Extrem, als eine Einseitigkeit, weil sie
kein organisches Prinzip ist), sie wird zu einer S c h e i n-
g e w a l t, einem Symbol, oder sie verliert nur den
S c h e i n der Willkür und bloßer Herrschergewalt. Sie vermit-
teln gegen die "Isolierung" der Sonderinteressen, indem sie diese
Isolierung als p o l i t i s c h e n Akt vorstellen. Sie
v e r m i t t e l n gegen die Isolierung der fürstlichen Gewalt
als eines Extrems, teils indem sie selbst zu einem Teil der
fürstlichen Gewalt werden, teils indem sie die Regierungsgewalt
zu einem E x t r e m machen.
In den "Ständen" laufen alle Widersprüche der modernen Staatsor-
ganisationen zusammen. Sie sind die "Mittler" nach allen Seiten
hin, weil sie nach allen Seiten hin "Mitteldinge" sind.
Zu bemerken ist, daß Hegel weniger den Inhalt der ständischen Tä-
tigkeit, die gesetzgebende Gewalt, als die S t e l l u n g der
Stände, ihren politischen Rang entwickelt.
Zu bemerken ist noch, daß, während nach Hegel zunächst die
S t ä n d e "zwischen der R e g i e r u n g ü b e r h a u p t
e i n e r s e i t s und dem in die besonderen Sphären und Indi-
viduen aufgelösten V o l k a n d r e r s e i t s" stehn, ihre
Stellung, wie sie oben entwickelt "die Bedeutung einer mit der
organisierten Regierungsgewalt g e m e i n s c h a f t l i-
c h e n Vermittelung hat".
Was die erste Stellung betrifft, so sind die S t ä n d e das
Volk gegen die Regierung, aber das V o l k e n m i n i a-
t u r e. Das ist ihre oppositionelle Stellung.
Was die zweite betrifft, so sind sie die Regierung gegen das
Volk, aber die amplifizierte Regierung. Das ist ihre konservative
Stellung. Sie sind selbst ein Teil der Regierungsgewalt gegen das
Volk, aber so, daß sie zugleich die Bedeutung haben, das Volk ge-
gen die Regierung zu sein.
Hegel hat oben die "gesetzgebende Gewalt als Totalität" (§ 300)
bezeichnet, die S t ä n d e sind wirklich diese T o t a-
l i t ä t, der Staat im Staate, aber eben in ihnen e r-
s c h e i n t es, daß der Staat nicht die Totalität, sondern ein
Dualismus ist. Die Stände stellen den Staat in einer Gesellschaft
vor, die k e i n Staat i s t. Der Staat ist eine b l o ß e
V o r s t e l l u n g.
In der Anmerkung sagt Hegel:
"Es gehört zu den wichtigsten logischen Einsichten, daß ein be-
stimmtes Moment, das als im Gegensatze stehend die Stellung eines
Extrems bat, es dadurch zu sein auf hört und o r g a-
n i s c h e s Moment ist, daß es zugleich M i t t e ist."
(So ist das ständische Element 1. das Extrem des Volks gegen die
Regierung, aber 2. zugleich Mitte zwischen Volk und Regierung,
oder es ist der
#273# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
G e g e n s a t z i m V o l k selbst, Der Gegensatz von Regie-
rung und Volk vermittelt sich durch den Gegensatz zwischen
S t ä n d e n und V o l k. Die Stände haben nach der Seite der
Regierung hin die Stellung des Volks, aber nach der Seite des
Volks hin die Stellung der Regierung. Indem das Volk als
V o r s t e l l u n g, als Phantasie, Illusion, R e p r ä-
s e n t a t i o n zustande kommt - das v o r g e s t e l l t e
Volk oder die Stände, das sich als eine b e s o n d r e
G e w a l t sogleich in der Trennung vom wirklichen Volk
befindet - hebt [es] den wirklichen Gegensatz zwischen Volk und
Regierung auf. Das Volk ist hier schon so zubereitet, wie es in
dem betrachteten Organismus zubereitet sein muß, um keinen
entschiedenen Charakter zu haben.)
"Bei dem hier betrachteten Gegenstand ist es um so wichtiger,
diese Seite herauszuheben, weil es zu den häufigen, aber höchst
gefährlichen Vorurteilen gehört, Stände hauptsächlich im Ge-
sichtspunkte des G e g e n s a t z e s gegen die Regierung, als
oh dies ihre wesentliche Stellung wäre, vorzustellen. Organisch,
d. i. in die Totalität aufgenommen, beweist sich das
s t ä n d i s c h e E l e m e n t n u r d u r c h d i e
F u n k t i o n d e r V e r m i t t e l u n g. Damit ist der
G e g e n s a t z selbst zu einem Schein herabgesetzt, Wenn er,
insofern er seine Erscheinung hat, nicht bloß die Oberfläche be-
träfe, sondern w i r k l i c h e i n s u b s t a n-
t i e l l e r G e g e n s a t z würde, so wäre der Staat in
seinem Untergange begriffen, Das Zeichen, daß der Widerstreit
nicht dieser Art ist, ergibt sich der Natur der Sache nach
dadurch, wenn die Gegenstände desselben nicht die wesentlichen
Elemente des Staatsorganismus, sondern speziellere und
gleichgültigere Dinge betreffen, und die Leidenschaft, die sich
doch an diesen Inhalt knüpft, zur Parteisucht um ein bloß subjek-
tives Interesse, etwa um die höheren Staatsstellen, wird."
Im Z u s a t z heißt es:
"D i e V e r f a s s u n g i s t w e s e n t l i c h e i n
S y s t e m d e r V e r m i t t e l u n g."
"§ 303. Der a l l g e m e i n e, näher d e m D i e n s t der
R e g i e r u n g sich widmende Stand hat unmittelbar in seiner
Bestimmung, das Allgemeine zum Zwecke seiner wesentlichen Tätig-
keit zu haben; in dem s t ä n d i s c h e n Elemente der ge-
setzgebenden Gewalt kommt der P r i v a t s t a n d zu einer
p o l i t i s c h e n B e d e u t u n g und Wirksamkeit. Der-
selbe kann nun dabei weder als bloße ungeschiedene Masse noch als
eine in ihre Atome aufgelöste Menge erscheinen, sondern als das,
w a s er b e r e i t s i s t, nämlich unterschieden in den
auf das substantielle Verhältnis und in den auf die besonderen
Bedürfnisse und die sie vermittelnde Arbeit sich gründenden Stand
[...]. Nur so knüpft sich in dieser Rücksicht wahrhaft das i m
Staate wirkliche B e s o n d e r e an das Allgemeine an.
Hier haben wir die Lösung des Rätsels. "In dem ständischen Ele-
mente der gesetzgebenden Gewalt kommt der P r i v a t s t a n d
zu einer p o l i t i s c h e n B e d e u t u n g." Versteht
sich, daß der P r i v a t s t a n d nach dem, was er ist, nach
seiner G l i e d e r u n g i n d e r b ü r g e r l i c h e n
G e s e l l s c h a f t (den allgemeinen Stand hat Hegel schon
als den der Regierung sich widmenden bezeichnet; der allgemeine
#274# Karl Marx
-----
Stand ist also durch die Regierungsgewalt in der gesetzgebenden
Gewalt vertreten) zu dieser Bedeutung kommt.
Das ständische Element ist d i e p o l i t i s c h e
B e d e u t u n g d e s P r i v a t s t a n d e s, des unpoli-
tischen Standes, eine contradictio in adjecto 1*). Oder in dem
von Hegel beschriebenen Stand hat der P r i v a t s t a n d
(weiter überhaupt der Unterschied des Privatstandes) eine
p o l i t i s c h e Bedeutung. Der P r i v a t s t a n d ge-
hört zum Wesen, zur Politik dieses Staates. Er gibt ihm daher
auch eine p o l i t i s c h e B e d e u t u n g, d.h. eine an-
dere Bedeutung als seine wirkliche Bedeutung.
In der Anmerkung heißt es:
"Dies gehet gegen eine andere gangbare Vorstellung, daß, indem
der Privatstand zur T e i l n a h m e an der allgemeinen Sache
in der gesetzgebenden Gewalt erhoben wird, er dabei in Form der
E i n z e l n e n erscheinen müsse, sei es, daß sie Stellvertre-
ter für diese Funktion wählen, oder daß gar selbst jeder eine
Stimme dabei exerzieren solle. Diese atomistische, abstrakte An-
sicht verschwindet schon in der Familie wie in der bürgerlichen
Gesellschaft, wo der Einzelne nur als Mitglied eines Allgemeinen
zur Erscheinung kommt. Der Staat aber ist wesentlich eine Organi-
sation von solchen Gliedern, die f ü r s i c h Kreise sind,
und in ihm soll sich kein Moment als eine unorganische Menge zei-
gen. Die V i e l e n als Einzelne, was man gerne unter Volk
versteht, sind wohl ein Z u s a m m e n, aber nur als die
M e n g e, - eine formlose Masse, deren Bewegung und Tun eben
damit nur elementarisch, vernunftlos, wild und fürchterlich
wäre."
"Die Vorstellung, welche die in jenen Kreisen schon vorhandenen
Gemeinwesen, wo sie ins Politische, d.i. in den Standpunkt der
h ö c h s t e n k o n k r e t e n A l l g e m e i n h e i t
eintreten, wieder in eine Menge von Individuen auflöst, hält eben
damit d a s b ü r g e r l i c h e u n d d a s p o l i t i-
s c h e L e b e n v o n e i n a n d e r g e t r e n n t und
stellt dieses sozusagen in die Luft, da seine Basis nur die
abstrakte Einzelnheit der Willkür und Meinung, somit das
Zufällige, nicht eine an und für sich f e s t e und
b e r e c h t i g t e Grundlage sein würde."
"Obgleich in den Vorstellungen sogenannter Theorien die
S t ä n d e d e r b ü r g e r l i c h e n G e s e l l-
s c h a f t überhaupt und die Stände in politischer Bedeutung
weit auseinander liegen, so hat doch die Sprache noch diese
Vereinigung erhalten, die f r ü h e r ohnehin v o r h a n-
d e n w a r.
"Der a l l g e m e i n e, näher d e m D i e n s t d e r
R e g i e r u n g sich widmende Stand."
Hegel geht von der Voraussetzung aus, daß der allgemeine Stand im
"Dienst der Regierung" steht. Er unterstellt die allgemeine In-
telligenz als "ständisch und ständig".
"In dem s t ä n d i s c h e n Elemente etc." Die "politische
Bedeutung und Wirksamkeit" des P r i v a t s t a n d e s ist
eine b e s o n d e r e Bedeutung und Wirksamkeit desselben. Der
Privatstand verwandelt sich nicht in den p o l i t i s c h e n
S t a n d, sondern
-----
1*) ein Widerspruch in der Begriffsbestimmung
#275# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
als P r i v a t s t a n d tritt er in seine politische Wirksam-
keit und Bedeutung. Er hat nicht politische Wirksamkeit und Be-
deutung schlechthin. Seine politische Wirksamkeit und Bedeutung
ist die p o l i t i s c h e W i r k s a m k e i t u n d
B e d e u t u n g des P r i v a t s t a n d e s a l s P r i-
v a t s t a n d. Der Privatstand kann also nur nach dem
S t ä n d e u n t e r s c h i e d d e r b ü r g e r l i c h e n
G e s e l l s c h a f t in die politische Sphäre treten. Der
S t ä n d e u n t e r s c h i e d der bürgerlichen Gesellschaft
wird zu einem politischen Unterschied.
Schon die S p r a c h e, sagt Hegel, drückt die Identität
d e r S t ä n d e d e r b ü r g e r l i c h G e s e l l-
s c h a f t und der S t ä n d e i n p o l i t i s c h e r
B e d e u t u n g aus, eine "Vereinigung", "die f r ü h e r
ohnehin v o r h a n d e n w a r", also, sollte man schließen,
jetzt nicht mehr vorhanden ist.
Hegel findet, daß "sich in dieser Rücksicht wahrhaft das i m
Staate wirklich B e s o n d e r e an das Allgemeine anknüpft".
Die T r e n n u n g d e s "b ü r g e r l i c h e n u n d
d e s p o l i t i s c h e n L e b e n s" s o l l a u f
d i e s e W e i s e a u f g e h o b e n u n d i h r e
"I d e n t i t ä t" g e s e t z t s e i n.
Hegel stützt sich darauf:
"In jenen Kreisen" (Familie und bürgerliche Gesellschaft) "sind
schon G e m e i n w e s e n vorhanden." Wie kann man diese da,
"wo sie ins Politische, d.i. in den Standpunkt der
h ö c h s t e n k o n k r e t e n A l l g e m e i n h e i t
eintreten", "wieder in eine Menge von Individuen auflösen" wol-
len?
Es ist wichtig, diese Entwicklung genau zu verfolgen.
Die Spitze der Hegelschen Identität war, wie er selbst gesteht,
das M i t t e l a l t e r. Hier waren die S t ä n d e d e r
b ü r g e r l i c h e n G e s e l l s c h a f t überhaupt und
die S t a n d e i n p o l i t i s c h e r B e d e u t u n g
identisch. Man kann den Geist des Mittelalters so aussprechen:
Die Stände der bürgerlichen Gesellschaft und die Stände in poli-
tischer Bedeutung waren identisch, weil die bürgerliche Gesell-
schaft die politische Gesellschaft war: weil das organische Prin-
zip der bürgerlichen Gesellschaft das Prinzip des Staats war.
Allein Hegel geht von der T r e n n u n g der "b ü r-
g e r l i c h e n G e s e l l s c h a f t" und des "p o l i-
t i s c h e n S t a a t e s" als zweier fester Gegensätze,
zweier wirklich verschiedner Sphären aus. Diese Trennung ist
allerdings w i r k l i c h im m o d e r n e n Staat vor-
handen. Die Identität der bürgerlichen und politischen Stände war
der A u s d r u c k der I d e n t i t ä t der bürgerlichen
und politischen Gesellschaft. Diese Identität ist verschwunden.
Hegel setzt sie als verschwunden voraus. "Die Identität der bür-
gerlichen und politischen Stände", wenn sie die Wahrheit aus-
drückte, k ö n n t e also nur mehr ein Ausdruck der
T r e n n u n g der bürgerlichen und politischen Gesellschaft
sein! oder vielmehr: nur die T r e n n u n g der bürgerlichen
und politischen Gesellschaft drückt das w a h r e Verhältnis
der bürgerlichen und politischen m o d e r n e n Gesellschaft
aus.
#276# Karl Marx
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Zweitens: Hegel handelt hier von p o l i t i s c h e n Ständen
in einem ganz anderen Sinne, als jene p o l i t i s c h e n
Stände des Mittelalters waren, von denen die Identität m i t
d e n S t ä n d e n d e r b ü r g e r l i c h e n
G e s e l l s c h a f t ausgesagt wird.
Ihr ganzes Dasein war politisch; ihr Dasein war das Dasein des
Staats. Ihre g e s e t z g e b e n d e T ä t i g k e i t, ihre
S t e u e r b e w i l l i g u n g f ü r d a s R e i c h war
nur ein b e s o n d e r e r Ausfluß ihrer a l l g e m e i-
n e n politischen Bedeutung und Wirksamkeit. Ihr Stand war ihr
Staat. Das Verhältnis zum Reich war nur ein Transaktions-
verhältnis dieser verschiedenen Staaten mit der N a t i o n a-
l i t ä t, denn der politische Staat im Unterschied von der
bürgerlichen Gesellschaft war nichts andres als die R e p r ä-
s e n t a t i o n d e r N a t i o n a l i t ä t. Die Natio-
nalität war der point d'honneur, der ???' ?????? 1*) politische
Sinn dieser verschiedenen Korporationen etc., und nur auf sie
bezogen sich die Steuern etc. Das war das Verhältnis der
gesetzgebenden Stände zum Reich. Ähnlich verhielten sich die
Stände i n n e r h a l b d e r b e s o n d e r e n F ü r-
s t e n t ü m e r. Das F ü r s t e n t u m, die S o u v e-
r ä n i t ä t war hier ein b e s o n d e r e r Stand, der
gewisse Privilegien hatte, aber ebensosehr von den Privilegien
der anderen Stände geniert wurde. (Bei den Griechen war die
bürgerliche Gesellschaft S k l a v e der politischen.) Die
allgemeine g e s e t z g e b e n d e W i r k s a m k e i t
der Stände der bürgerlichen Gesellschaft war keineswegs ein Kom-
men des P r i v a t s t a n d e s zu einer p o l i t i-
s c h e n Bedeutung und Wirksamkeit, sondern vielmehr ein bloßer
Ausfluß ihrer w i r k l i c h e n u n d a l l g e m e i n e n
politischen Bedeutung und Wirksamkeit. Ihr Auftreten als
gesetzgebende Macht war bloß ein Komplement ihrer souveränen und
regierenden (exekutiven) Macht; es war vielmehr ihr Kommen zu der
ganz allgemeinen Angelegenheit als einer P r i v a t s a c h e,
ihr Kommen zur Souveränität als einem P r i v a t s t a n d.
Die Stände der bürgerlichen Gesellschaft waren im Mittelalter als
s o l c h e Stände zugleich gesetzgebend, weil sie k e i n e
Privatstände oder weil die P r i v a t s t ä n d e politische
Stände waren. Die mittelalterlichen Stände kamen als politisch-
ständisches Element zu keiner neuen Bestimmung. Sie wurden nicht
politisch-ständisch, weil sie teil an der Gesetzgebung hatten;
sondern sie hatten teil an der Gesetzgebung, weil sie
p o l i t i s c h - ständisch waren. Was hat das nun mit Hegels
P r i v a t s t a n d gemein, der als g e s e t z g e b e n-
d e s Element zu einer politischen Bravourarie, zu einem eksta-
tischen Zustand, zu einer aparten, frappanten, ausnahmsweisen
politischen Bedeutung und Wirksamkeit kommt?
In dieser Entwicklung findet man alle W i d e r s p r ü c h e
der Hegelschen Darstellung zusammen.
1. hat er die T r e n n u n g der bürgerlichen Gesellschaft und
des politischen
-----
1*) hauptsächliche
#277# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
Staats (einen modernen Zustand) vorausgesetzt und als n o t-
w e n d i g e s M o m e n t d e r I d e e entwickelt, als
absolute Vernunftwahrheit. Er hat den politischen Staat in seiner
m o d e r n e n Gestalt der T r e n n u n g der verschiedenen
Gewalten dargestellt. Er hat dem wirklichen h a n d e l n d e n
Staat die Bürokratie zu seinem Leib gegeben und sie als den
wissenden Geist dem Materialismus der bürgerlichen Gesellschaft
supraordiniert. Er hat das an und für sich seiende Allgemeine des
Staats dem besonderen Interesse und dem Bedürfnis der
bürgerlichen Gesellschaft gegenübergestellt. Mit einem Wort: Er
stellt überall den K o n f l i k t der bürgerlichen Gesell-
schaft und des Staates dar.
2. Hegel stellt die bürgerliche Gesellschaft als
P r i v a t s t a n d dem politischen Staat gegenüber.
3. Er bezeichnet das s t ä n d i s c h e Element der gesetzge-
benden Gewalt als bloßen p o l i t i s c h e n F o r m a-
l i s m u s der bürgerlichen Gesellschaft. Er bezeichnet es als
ein R e f l e x i o n s v e r h ä l t n i s d e r b ü r g e r-
l i c h e n G e s e l l s c h a f t a u f d e n S t a a t
und als ein Reflexionsverhältnis, was das Wesen des Staates nicht
alteriert. Ein Reflexionsverhältnis ist auch die höchste
Identität zwischen wesentlich Verschiedenen.
Andrerseits will Hegel:
1. die bürgerliche Gesellschaft bei ihrer Selbstkonstituierung
als gesetzgebendes Element weder als bloße, ungeschiedene Masse,
noch als eine in ihre Atome aufgelöste Menge erscheinen lassen.
Er will k e i n e Trennung des b ü r g e r l i c h e n u n d
p o l i t i s c h e n L e b e n s.
2. Er vergißt, daß es sich um ein Reflexionsverhältnis handelt,
und macht die bürgerlichen Stände als solche zu politischen Stän-
den, aber wieder nur nach der Seite der gesetzgebenden Gewalt
hin, so daß ihre Wirksamkeit selbst der Beweis der Trennung ist.
Er macht das s t ä n d i s c h e E l e m e n t zum Ausdruck
der T r e n n u n g, aber zugleich soll es der Repräsentant ei-
ner Identität sein, die nicht vorhanden ist. Hegel weiß die Tren-
nung der bürgerlichen Gesellschaft und des politischen Staats,
aber er will, daß innerhalb des Staats die Einheit desselben aus-
rückt sei, und zwar soll dies dergestalt bewerkstelligt werden,
daß die Stände der bürgerlichen Gesellschaft zugleich als solche
das s t ä n d i s c h e Element der gesetzgebenden Gesellschaft
bilden. (Cf. XIV, X. [141])
"§ 304. Den in den früheren Sphären bereits vorhandenen Unter-
schied der Stände enthält das politisch-ständische Element
zugleich in seiner eigenen Bestimmung. Seine zunächst abstrakte
Stellung, nämlich des E x t r e m s der e m p i r i s c h e n
A l l g e m e i n h e i t gegen das f ü r s t l i c h e oder
m o n a r c h i s c h e Prinzip überhaupt - in der nur die
M ö g l i c h k e i t der Ü b e r e i n s t i m m u n g und
damit ebenso die M ö g l i c h k e i t f e i n d l i c h e r
Entgegensetzung liegt -, diese abstrakte Stellung wird nur da-
durch zum vernünftigen Verhältnisse
#278# Karl Marx
-----
(zum Schlusse, vergleiche Anmerkung zu § 302), daß ihre
V e r m i t t e l u n g zur Existenz kommt. Wie von Seiten der
fürstlichen Gewalt die Regierungsgewalt (§ 300) schon diese Be-
stimmung hat, so muß auch von der Seite der Stände aus ein Moment
derselben nach der Bestimmung gekehrt sein, wesentlich als das
Moment der Mitte zu existieren."
"§ 305. Der eine der Stände der bürgerlichen Gesellschaft enthält
das Prinzip, das für sich fähig ist, zu dieser politischen Bezie-
hung konstituiert zu werden, der Stand der natürlichen Sittlich-
keit nämlich, der das Familienleben und in Rücksicht der Subsi-
stenz den Grundbesitz zu seiner Basis, somit in Rücksicht seiner
Besonderheit ein auf sich beruhendes Wollen und die Naturbestim-
mung, welche das fürstliche Element in sich schließt, mit diesem
gemein hat."
"§ 306. Für die politische Stellung und Bedeutung wird er näher
konstituiert, insofern sein Vermögen ebenso unabhängig vom
Staatsvermögen als von der Unsicherheit des Gewerbes, der Sucht
des Gewinns und der Veränderlichkeit des Besitzes überhaupt -,
wie von der Gunst der Regierungsgewalt, so von der Gunst der
Menge -, und selbst g e g e n d i e e i g e n e W i l l k ü r
dadurch festgestellt ist, daß die für diese Bestimmung berufenen
Mitglieder dieses Standes des Rechts der anderen Bürger, teils
über ihr ganzes Eigentum frei zu disponieren, teils es nach der
Gleichheit der Liebe zu den Kindern an sie übergehend zu wissen,
entbehren; das Vermögen wird so ein unver ä u ß e r l i c h e s,
mit dem Majorate belastetes E r b g u t."
Zusatz. "Dieser Stand hat ein mehr für sich bestehendes Wollen,
Im ganzen wird der Stand der Güterbesitzer sich in den gebildeten
Teil desselben und in den Bauernstand unterscheiden. Indessen
beiden Arten steht der Stand des Gewerbes, als der vom Bedürfnis
abhängige und darauf hingewiesene, und der allgemeine Stand, als
vom Staat wesentlich abhängig, gegenüber. Die Sicherheit und Fe-
stigkeit dieses Standes kann noch durch die Institution des Majo-
rats vermehrt werden, welche jedoch nur in politischer Rücksicht
wünschenswert ist, denn es ist damit ein Opfer für den politi-
schen Zweck verbunden, daß der Erstgeborene unabhängig leben
könne. Die Begründung des Majorats liegt darin, daß der Staat
nicht auf bloße Möglichkeit der Gesinnung, sondern auf ein Not-
wendiges rechnen soll. Nun ist die Gesinnung freilich an ein Ver-
mögen nicht gebunden.- aber der relativ notwendige Zusammenhang
ist, daß, wer ein selbständiges Vermögen hat, von äußeren Umstän-
den nicht beschränkt ist und so ungehemmt auftreten und für den
Staat handeln kann. Wo indessen politische Institutionen fehlen,
ist die Gründung und Begünstigung von Majoraten nichts als eine
Fessel, die der Freiheit des Privatrechts angelegt ist, zu wel-
cher entweder der politische Sinn hinzutreten muß, oder die ihrer
Auflösung entgegengeht."
"§ 307. Das Recht dieses Teils des substantiellen Standes ist auf
diese Weise zwar einerseits auf das N a t u r p r i n z i p
d e r F a m i l i e gegründet, dieses aber zugleich durch harte
Aufopferungen für den p o l i t i s c h e n Z w e c k ver-
kehrt, womit dieser Stand wesentlich an die Tätigkeit für diesen
Zweck angewiesen und gleichfalls in Folge hiervon ohne die Zufäl-
ligkeit einer Wahl durch die G e b u r t dazu berufen und
b e r e c h t i g t ist. Damit hat er die feste, substantielle
Stellung zwischen der subjektiven Willkür oder Zufälligkeit
#279# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
der beiden Extreme, und wie er [...] ein Gleichnis des Moments
der fürstlichen Gewalt in sich trägt, so teilt er sich mit dem
anderen Extreme die im übrigen gleichen Bedürfnisse und gleichen
Rechte, und wird so zugleich Stütze des Thrones und der Gesell-
schaft."
Hegel hat das Kunststück fertiggebracht, die geborenen Pairs, das
Erbgut etc. etc., diese "Stütze des Throns und der Gesellschaft",
aus der absoluten Idee entwickelt.
Das Tiefere bei Hegel liegt darin, daß er die Trennung der bür-
gerlichen Gesellschaft und der politischen als einen
W i d e r s p r u c h empfindet. Aber das Falsche ist, daß er
sich mit dem Schein dieser Auflösung begnügt und ihn für die Sa-
che selbst ausgibt, wogegen die von ihm verachteten "s o g e-
n a n n t e n T h e o r i e n" die "T r e n n u n g" der
bürgerlichen und politischen Stände fordern, und mit Recht, denn
sie sprechen eine K o n s e q u e n z der modernen Gesellschaft
aus, indem hier das p o l i t i s c h - s t ä n d i s c h e
Element eben nichts anders ist als der faktische Ausdruck des
wirklichen Verhältnisses von Staat und bürgerlicher Gesellschaft,
ihre T r e n n u n g.
Hegel hat die Sache, worum es sich hier handelt, nicht bei ihrem
bekannten Namen genannt. Es ist die Streitfrage zwischen
r e p r ä s e n t a t i v e r und s t ä n d i s c h e r Ver-
fassung. Die repräsentative Verfassung ist ein großer Fort-
schritt, weil sie der o f f e n e, u n v e r f ä l s c h t e,
k o n s e q u e n t e Ausdruck des m o d e r n e n
S t a a t s z u s t a n d e s ist. Sie ist der u n v e r h o h-
l e n e W i d e r s p r u c h.
Ehe wir auf die Sache selbst eingehen, werfen wir noch einmal
einen Blick auf die Hegelsche Darstellung.
"In dem s t ä n d i s c h e n Element der gesetzgebenden Gewalt
kommt der P r i v a t s t a n d zu einer p o l i t i s c h e n
Bedeutung."
Früher (§ 301 Anmerkung) hieß es:
"Die e i g e n t ü m l i c h e Begriffsbestimmung der S t ä n-
d e ist deshalb darin zu suchen, daß in ihnen ... die eigene
Einsicht und der eigene Wille der Sphäre, die in dieser
Darstellung b ü r g e r l i c h e G e s e l l s c h a f t ge-
nannt worden ist, in B e z i e h u n g a u f d e n S t a a t
z u r E x i s t e n z kommt."
Fassen wir diese Bestimmung zusammen, so folgt: "D i e
b ü r g e r l i c h e G e s e l l s c h a f t ist der P r i-
v a t s t a n d", o d e r der P r i v a t s t a n d ist der
unmittelbare, wesentliche, konkrete Stand der bürgerlichen
Gesellschaft. Erst in dem ständischen Element der gesetzgebenden
Gewalt erhält sie "politische Bedeutung und Wirksamkeit". Es ist
dies etwas Neues, was zu ihr hinzukommt, eine b e s o n d e r e
Funktion, denn eben ihr Charakter als P r i v a t s t a n d
drückt ihren G e g e n s a t z zur politischen Bedeutsamkeit
und Wirksamkeit, die Privation des politischen Charakters aus,
drückt aus, daß die bürgerliche Gesellschaft an und für sich
o h n e politische Bedeutung und Wirksamkeit ist. Der
P r i v a t s t a n d
#280# Karl Marx
-----
ist der Stand der bürgerlichen Gesellschaft, oder die bürgerliche
Gesellschaft ist der P r i v a t s t a n d. Hegel schließt da-
her auch konsequent den "allgemeinen Stand" von dem "ständischen
Element der gesetzgebenden Gewalt" aus.
"D e r a l l g e m e i n e, näher d e m D i e n s t der
R e g i e r u n g sich widmende Stand hat unmittelbar in seiner
Bestimmung, das Allgemeine zum Zweck seiner wesentlichen Tätig-
keit zu haben."
Die bürgerliche Gesellschaft oder der Privatstand hat dies nicht
zu seiner Bestimmung; seine wesentliche Tätigkeit hat nicht die
Bestimmung, das Allgemeine zum Zweck zu haben, oder seine wesent-
liche Tätigkeit ist keine Bestimmung des Allgemeinen, k e i n e
a l l g e m e i n e Bestimmung. Der Privatstand ist der Stand
der bürgerlichen Gesellschaft g e g e n den Staat. Der Stand
der bürgerlichen Gesellschaft ist k e i n politischer Stand.
Indem Hegel die bürgerliche Gesellschaft als Privatstand bezeich-
net, hat er die Ständeunterschiede der bürgerlichen Gesellschaft
für n i c h t politische Unterschiede erklärt, hat er das bür-
gerliche Leben und das politische für heterogen, sogar für
G e g e n s ä t z e erklärt. Wie fährt er nun fort?
"Derselbe kann nun dabei weder als bloße ungeschiedene Masse noch
als eine in ihre Atome aufgelöste Menge erscheinen, sondern als
das, w a s e r b e r e i t s i s t, nämlich unterschieden in
den auf das substantielle Verhältnis und in den auf die besonde-
ren Bedürfnisse und die sie vermittelnde Arbeit sich gründenden
S t a n d (§ 201 ff.). Nur so knüpft sich in dieser Rücksicht
wahrhaft das i m Staate wirkliche B e s o n d e r e an das
Allgemeine an."
Als eine "bloße ungeschiedene Masse" kann die bürgerliche Gesell-
schaft (der P r i v a t s t a n d) in ihrer gesetzgeberisch-
ständischen Tätigkeit allerdings nicht erscheinen, weil die
"bloße ungeschiedene Masse" nur in der "Vorstellung", der
"Phantasie", nicht aber in der W i r k l i c h k e i t exi-
stiert. Hier gibt es nur größere und kleinere zufällige Massen
(Städte, Flecken etc.). Diese Massen oder diese Masse
e r s c h e i n t nicht nur, sondern ist überall realiter "eine
in ihre Atome aufgelöste Menge", und als diese Atomistik m u ß
sie in ihrer politisch-ständischen Tätigkeit erscheinen und auf-
treten. "Als das, w a s e r b e r e i t s i s t", kann der
P r i v a t s t a n d, die bürgerliche Gesellschaft, nicht hier
erscheinen. Denn was ist er bereits? P r i v a t s t a n d,
d.h. Gegensatz und Trennung vom Staat. Um zur "politischen Bedeu-
tung und Wirksamkeit" zu kommen, muß er sich vielmehr aufgeben
als das, was er bereits ist, als P r i v a t s t a n d. Dadurch
erhält er eben erst seine "p o l i t i s c h e Bedeutung und
Wirksamkeit". Dieser politische Akt ist eine völlige Transsub-
stantiation. In ihm muß sich die bürgerliche Gesellschaft völlig
von sich als bürgerlicher Gesellschaft, als Privatstand lossagen,
eine Partie seines Wesens geltend
#281# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
machen, die mit der wirklichen bürgerlichen Existenz seines We-
sens nicht nur keine Gemeinschaft hat, sondern ihr direkt gegen-
übersteht.
Am Einzelnen erscheint hier, was das a l l g e m e i n e
G e s e t z ist. Bürgerliche Gesellschaft und Staat sind ge-
trennt. Also ist auch der Staatsbürger und der Bürger, das Mit-
glied der bürgerlichen Gesellschaft, getrennt. Er muß also eine
w e s e n t l i c h e D i r e m p t i o n 1*) mit sich selbst
vornehmen. Als w i r k l i c h e n B ü r g e r findet er sich
in einer doppelten Organisation, der b ü r o k r a t i s c h e n
- die ist eine äußere formelle Bestimmung des jenseitigen Staats,
der Regierungsgewalt, die ihn und seine selbständige Wirklichkeit
nicht tangiert - der s o z i a l e n, der Organisation der bür-
gerlichen Gesellschaft. Aber in dieser steht er als
P r i v a t m a n n außer dem Staat; die tangiert den politi-
schen Staat als solchen nicht. Die erste ist eine Staatsorganisa-
tion, zu der er immer die M a t e r i e abgibt. Die zweite ist
eine b ü r g e r l i c h e O r g a n i s a t i o n, deren Ma-
terie nicht der Staat ist. In der ersten verhält sich der Staat
als formeller Gegensatz zu ihm, in der zweiten verhält er sich
selbst als materieller Gegensatz zum Staat. Um also als
w i r k l i c h e r S t a a t s b ü r g e r sich zu verhalten,
politische Bedeutsamkeit und Wirksamkeit zu erhalten, muß er aus
seiner bürgerlichen Wirklichkeit heraustreten, von ihr abstrahie-
ren, von dieser ganzen Organisation in seine Individualität sich
zurückziehn; denn die einzige Existenz, die er für sein Staats-
bürgerturn findet, ist seine pure, blanke I n d i v i d u a-
l i t ä t, denn die Existenz des Staats als Regierung ist ohne
ihn fertig, und seine Existenz in der bürgerlichen Gesellschaft
ist ohne den Staat fertig. Nur im Widerspruch mit diesen
e i n z i g v o r h a n d e n e n G e m e i n s c h a f t e n,
nur als I n d i v i d u u m kann er S t a a t s b ü r g e r
sein. Seine Existenz als Staatsbürger ist eine Existenz, die
außer seinen g e m e i n s c h a f t l i c h e n Existenzen
liegt, die also rein i n d i v i d u e l l ist. Die "gesetz-
gebende Gewalt" als "Gewalt" ist ja erst die O r g a n i s a-
t i o n, der G e m e i n k ö r p e r, den sie erhalten
s o l l. V o r der "gesetzgebenden Gewalt" existiert die bür-
gerliche Gesellschaft, der Privatstand n i c h t als
S t a a t s o r g a n i s a t i o n, und damit er als solche zur
Existenz komme, muß seine w i r k l i c h e O r g a n i-
s a t i o n, das wirkliche bürgerliche Leben, als n i c h t
v o r h a n d e n gesetzt werden, denn das ständische Element
der gesetzgebenden Gewalt hat eben die Bestimmung, den
P r i v a t s t a n d, die b ü r g e r l i c h e G e s e l l-
s c h a f t, als n i c h t v o r h a n d e n zu setzen. Die
Trennung der bürgerlichen Gesellschaft und des politischen
Staates erscheint notwendig als eine Trennung des p o l i-
t i s c h e n Bürgers, des Staatsbürgers, von der bürgerlichen
Gesellschaft, von seiner eignen wirklichen, empirischen Wirk-
lichkeit, denn als Staatsidealist ist er ein g a n z a n d e-
r e s, von seiner Wirklichkeit v e r s c h i e d e n e s,
unterschiedenes,
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1*) Trennung
#282# Karl Marx
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entgegengesetztes W e s e n. Die bürgerliche Gesellschaft be-
werkstelligt hier innerhalb ihrer selbst das Verhältnis des
Staats und der bürgerlichen Gesellschaft, welches andrerseits
schon als B ü r o k r a t i e existiert. In dem ständischen
Element wird das Allgemeine wirklich für s i c h, was es an
s i c h ist, nämlich G e g e n s a t z zum B e s o n d e r n.
Der Bürger muß seinen Stand, die bürgerliche Gesellschaft, den
P r i v a t s t a n d, von sich abtun, um zu politischer Bedeu-
tung und Wirksamkeit zu kommen; denn eben dieser S t a n d
steht zwischen dem I n d i v i d u u m und dem p o l i-
t i s c h e n S t a a t.
Wenn Hegel schon das Ganze der bürgerlichen Gesellschaft als
P r i v a t s t a n d dem politischen Staat entgegenstellt, so
versteht es sich von selbst, daß die Unterscheidungen
i n n e r h a l b des Privatstandes, die verschiedenen bürgerli-
chen Stände, nur eine Privatbedeutung in bezug auf den Staat,
keine politische Bedeutung haben. Denn die verschiedenen bürger-
lichen Stände sind bloß die Verwirklichung, die Existenz des
P r i n z i p s, des Privatstandes als des Prinzips der bürger-
lichen Gesellschaft. Wenn aber das Prinzip aufgegeben werden muß,
so versteht es sich von selbst, daß noch m e h r die Diremptio-
nen i n n e r h a l b dieses Prinzips nicht vorhanden sind für
den politischen Staat.
"Nur so", schließt Hegel den Paragraphen, "knüpft sich in dieser
Rücksicht das i m Staate wirkliche B e s o n d e r e an das
Allgemeine an."
Aber Hegel verwechselt hier den Staat als das Ganze des Daseins
eines Volkes mit dem politischen Staat. Jenes Besondere ist nicht
das B e s o n d e r e i m, sondern vielmehr "a u ß e r dem
Staate", nämlich dem politischen Staate. Es ist nicht nur nicht
"das im Staate wirkliche Besondere", sondern auch die
"U n w i r k l i c h k e i t des Staates". Hegel will entwic-
keln, daß die Stände der bürgerlichen Gesellschaft die politi-
schen Stände sind, und um dies zu beweisen, unterstellt er, daß
die Stände der bürgerlichen Gesellschaft die "Besonderung des po-
litischen Staates", d. i., daß die bürgerliche Gesellschaft die
politische Gesellschaft ist. Der Ausdruck: "Das Besondere i m
Staate" kann hier nur Sinn haben als: "Die Besonderung des Staa-
tes". Hegel wählt aus einem bösen Gewissen den unbestimmten Aus-
druck. Er selbst hat nicht nur das Gegenteil entwickelt, er be-
stätigt es noch selbst in diesem Paragraphen, indem er die bür-
gerliche Gesellschaft als "Privatstand" bezeichnet. Sehr vorsich-
tig ist auch die Bestimmung, daß sich das Besondere an das Allge-
meine "a n k n ü p f t". Anknüpfen kann man die heterogensten
Dinge. Es handelt sich hier aber nicht um einen allmählichen
O b e r g a n g, sondern um eine T r a n s s u b s t a n-
t i a t i o n, und es nützt nichts, diese Kluft, die über-
sprungen und durch den Sprung selbst demonstriert wird, nicht
sehn zu wollen.
Hegel sagt in der Anmerkung:
"Dies geht gegen eine andere gangbare Vorstellung" etc. Wir haben
eben
#283# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
gezeigt, wie diese gangbare Vorstellung konsequent, notwendig,
eine "notwendige Vorstellung der jetzigen Volksentwicklung" und
wie Hegels Vorstellung, obgleich sie auch in gewissen Kreisen
sehr gangbar, nichtsdestoweniger eine Unwahrheit ist. Auf die
gangbare Vorstellung zurückkommend, sagt Hegel:
Diese atomistische, abstrakte Ansicht verschwindet schon in der
Familie etc. etc. "Der Staat aber ist" etc. Abstrakt ist diese
Ansicht allerdings, aber sie ist die "Abstraktion" des politi-
schen Staates, wie ihn Hegel selbst entwickelt. Atomistisch ist
sie auch, aber sie ist die Atomistik der Gesellschaft selbst. Die
"Ansicht" kann nicht konkret sein, wenn der G e g e n s t a n d
der Ansicht "abstrakt" ist. Die Atomistik, in die sich die bür-
gerliche Gesellschaft in ihrem p o l i t i s c h e n A k t
stürzt, geht notwendig daraus hervor, daß das Gemeinwesen, das
kommunistische Wesen, worin der Einzelne existiert, die bürgerli-
che Gesellschaft getrennt vom Staat oder der p o l i t i s c h e
S t a a t e i n e A b s t r a k t i o n von ihr ist.
Diese atomistische Ansicht, obschon [sie] bereits in der Familie
und vielleicht (??) auch in der bürgerlichen Gesellschaft ver-
schwindet, kehrt im politischen Staate wieder, eben weil er eine
Abstraktion von der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft
ist. Ebenso verhält es sich umgekehrt. Dadurch, daß Hegel das
B e f r e m d l i c h e dieser Erscheinung ausspricht, hat er
die E n t f r e m d u n g nicht gehoben.
"Die Vorstellung", heißt es weiter, "welche die in jenen Kreisen
schon v o r h a n d e n e n G e m e i n w e s e n, wo sie ins
Politische, d.i. in den Standpunkt der h ö c h s t e n
k o n k r e t e n A l l g e m e i n h e i t eintreten, wieder
in eine Menge von Individuen auflöst, hält eben damit das bürger-
liche und das politische Leben voneinander getrennt und stellt
dieses sozusagen in die Luft, da seine Basis nur die abstrakte
Einzelnheit der Willkür und Meinung, somit das Zufällige, nicht
eine an und für sich f e s t e und b e r e c h t i g t e
Grundlage sein würde."
Jene Vorstellung h ä l t nicht das bürgerliche und politische
Leben getrennt; sie ist bloß die V o r s t e l l u n g
e i n e r w i r k l i c h v o r h a n d e n e n T r e n-
n u n g.
Jene Vorstellung stellt nicht das politische Leben in die Luft,
sondern das politische Leben ist das L u f t l e b e n, die
ätherische Region der bürgerlichen Gesellschaft.
Wir betrachten nun das s t ä n d i s c h e und das r e p r ä-
s e n t a t i v e System.
Es ist ein Fortschritt der Geschichte, der die p o l i t i-
s c h e n S t ä n d e in s o z i a l e Stände verwandelt hat,
so daß, wie die Christen gleich im Himmel, ungleich auf der Erde,
so die einzelnen Volksglieder g l e i c h in dem Himmel ihrer
politischen Welt, ungleich in dem irdischen Dasein der
S o z i e t ä t sind. Die eigentliche Verwandlung der p o l i-
t i s c h e n S t ä n d e in b ü r g e r l i c h e ging vor
sich in der a b s o l u t e n M o n a r c h i e. Die
Bürokratie machte die Idee der Einheit gegen die
#284# Karl Marx
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verschiedenen Staaten im Staate geltend. Indessen blieb selbst
neben der Bürokratie der absoluten Regierungsgewalt der
s o z i a l e U n t e r s c h i e d der Stände ein politischer,
ein p o l i t i s c h e r i n n e r h a l b und neben der Büro-
kratie der absoluten Regierungsgewalt. Erst die französische Re-
volution vollendete die Verwandlung der p o l i t i s c h e n
Stände in s o z i a l e oder machte die S t ä n d e u n t e r-
s c h i e d e der bürgerlichen Gesellschaft zu nur s o z i a-
l e n Unterschieden, zu Unterschieden des Privatlebens, welche
in dem politischen leben ohne Bedeutung sind. Die Trennung des
politischen Lebens und der bürgerlichen Gesellschaft war damit
vollendet.
Die Stände der bürgerlichen Gesellschaft verwandelten sich eben-
falls damit: die bürgerliche Gesellschaft war durch ihre Trennung
von der politischen eine andere geworden. S t a n d im mittel-
altrigen Sinn blieb nur mehr innerhalb der Bürokratie selbst, wo
die bürgerliche und die politische Stellung unmittelbar identisch
sind. Demgegenüber steht die bürgerliche Gesellschaft als
P r i v a t s t a n d. Der Ständeunterschied ist hier nicht mehr
ein Unterschied des B e d ü r f n i s s e s und der A r-
b e i t als selbständiger Körper. Der einzige allgemeine,
o b e r f l ä c h l i c h e u n d f o r m e l l e Unterschied
ist hier nur noch der von S t a d t und L a n d. Innerhalb
der Gesellschaft selbst aber bildete sich der Unterschied aus in
beweglichen, nicht festen Kreisen, deren Prinzip die
W i l l k ü r ist. G e l d und B i l d u n g sind die Haupt-
kriterien. Doch wir haben dies nicht hier, sondern in der Kritik
von Hegels Darstellung der bürgerlichen Gesellschaft zu entwic-
keln. Genug. Der Stand der bürgerlichen Gesellschaft hat weder
das Bedürfnis, also ein natürliches Moment, noch die Politik zu
seinem Prinzip. Es ist eine Teilung von Massen, die sich flüchtig
bilden, deren Bildung selbst eine willkürliche und k e i n e
Organisation ist.
Das Charakteristische ist nur, daß die B e s i t z l o s i g-
k e i t und der S t a n d d e r u n m i t t e l b a r e n
Arbeit, der konkreten Arbeit, weniger einen Stand der
bürgerlichen Gesellschaft als den Boden bilden, auf dem ihre
Kreise ruhen und sich bewegen. Der eigentliche Stand, wo
politische und bürgerliche Stellung zusammenfallen, ist nur der
der M i t g l i e d e r d e r R e g i e r u n g s g e w a l t.
Der jetzige Stand der Sozietät zeigt schon dadurch seinen Unter-
schied von dem ehemaligen Stand der bürgerlichen Gesellschaft,
daß er nicht wie ehemals als ein Gemeinschaftliches, als ein
Gemeinwesen das Individuum hält, sondern daß es teils Zufall,
teils Arbeit etc. des Individuums ist, ob es sich in seinem
Stande hält oder nicht, ein S t a n d, der selbst wieder nur
eine ä u ß e r l i c h e Bestimmung des Individuums, denn weder
ist er seiner Arbeit inhärent, noch verhält er sich zu ihm als
ein nach festen Gesetzen organisiertes und in festen Beziehungen
zu ihm stehendes objektives Gemeinwesen. Er steht vielmehr in gar
keiner w i r k l i c h e n Beziehung zu seinem substantiellen
Tun, zu seinem w i r k l i c h e n
#285# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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S t a n d. Der Arzt bildet keinen besonderen Stand in der bür-
gerlichen Gesellschaft. Der eine Kaufmann gehört einem andern
Stand an als der andere, einer andren s o z i a l e n
S t e l l u n g. Wie nämlich die bürgerliche Gesellschaft sich
von der politischen, so hat sich die bürgerliche Gesellschaft in-
nerhalb ihrer selbst getrennt in den S t a n d und die
s o z i a l e Stellung, so manche Relationen auch zwischen bei-
den stattfinden. Das Prinzip des bürgerlichen Standes oder der
bürgerlichen Gesellschaft ist der G e n u ß und die F ä h i g-
k e i t z u g e n i e ß e n. In seiner politischen Bedeutung
macht sich das Glied der bürgerlichen Gesellschaft los von seinem
Stande, seiner wirklichen Privatstellung; hier ist es allein, daß
es als M e n s c h zur Bedeutung kommt, oder daß seine
Bestimmung als Staatsglied, als soziales Wesen, als seine
m e n s c h l i c h e Bestimmung erscheint. Denn alle seine an-
deren Bestimmungen in der bürgerlichen Gesellschaft e r-
s c h e i n e n als dem Menschen, dem Individuum u n w e-
s e n t l i c h, als ä u ß e r e Bestimmungen, die zwar
notwendig sind zu seiner Existenz im Ganzen, d.h. ein Band mit
dem Ganzen, ein Band, das es aber ebensosehr wieder fortwerfen
kann. (Die jetzige bürgerliche Gesellschaft ist das durchgeführte
Prinzip des I n d i v i d u a l i s m u s; die individuelle
Existenz ist der letzte Zweck; Tätigkeit, Arbeit, Inhalt etc.
sind n u r Mittel.)
Die s t ä n d i s c h e V e r f a s s u n g, wo sie nicht eine
Tradition des Mittelalters ist, ist der Versuch, teils in der po-
litischen Sphäre selbst den Menschen in die Beschränktheit seiner
Privatsphäre zurückzustürzen, seine Besonderheit zu seinem sub-
stantiellen Bewußtsein zu machen und dadurch, daß politisch der
Ständeunterschied existiert, ihn auch wieder zu einem sozialen zu
machen.
Der w i r k l i c h e M e n s c h ist der P r i v a t-
m e n s c h der jetzigen Staatsverfassung.
D e r S t a n d hat überhaupt die Bedeutung, daß der U n t e r-
s c h i e d, die T r e n n u n g, das B e s t e h n des
Einzelnen ist. Die Weise seines Lebens, Tätigkeit etc., statt ihn
zu einem Glied, zu einer Funktion der Gesellschaft zu machen,
macht ihn zu einer A u s n a h m e von der Gesellschaft, ist
sein Privilegium. Daß dieser U n t e r s c h i e d nicht nur
ein i n d i v i d u e l l e r ist, sondern sich als G e-
m e i n w e s e n, Stand, Korporation befestigt, hebt nicht nur
nicht seine exklusive Natur auf, sondern ist vielmehr nur ihr
Ausdruck. Statt daß die einzelne Funktion Funktion der Sozietät
wäre, macht sie vielmehr die einzelne Funktion zu einer Sozietät
für sich.
Nicht nur basiert der S t a n d auf der T r e n n u n g der
Sozietät als dem herrschenden Gesetz, er trennt den Menschen von
seinem allgemeinen Wesen, er macht ihn zu einem Tier, das unmit-
telbar mit seiner Bestimmtheit zusammenfällt. Das Mittelalter ist
die T i e r g e s c h i c h t e der Menschheit, ihre Zoologie.
Die moderne Zeit, die Z i v i l i s a t i o n, begeht den umge-
kehrten Fehler. Sie trennt das g e g e n s t ä n d l i c h e
Wesen des Menschen als ein nur ä u ß e r l i c h e s, materiel-
les
#286# Karl Marx
-----
von ihm. Sie nimmt nicht den Inhalt des Menschen als seine wahre
Wirklichkeit.
Das Weitere hierüber ist in dem Abschnitt: "bürgerliche Gesell-
schaft" zu entwickeln. Wir kommen zu
"§ 304. Den in den früheren Sphären bereits vorhandenen Unter-
schied der Stände enthält das politisch-ständische Element
zugleich in seiner e i g e n e n Bedeutung."
Wir haben bereits gezeigt, daß der "in den früheren Sphären be-
reits vorhandene Unterschied der Stände" gar keine Bedeutung für
die politische Sphäre oder nur die Bedeutung eines privaten, also
eines nicht politischen Unterschiedes hat. Allein er hat nach He-
gel hier auch nicht seine "bereits vorhandene Bedeutung" (die Be-
deutung, die er in der bürgerlichen Gesellschaft hat), sondern
das "politisch-ständische Element" affirmiert, indem es ihn auf-
nimmt, sein Wesen, und, in die politische Sphäre eingetaucht, er-
hält er eine "eigene", d i e s e m E l e m e n t und
n i c h t ihm angehörige Bedeutung.
Als noch die Gliederung der bürgerlichen Gesellschaft politisch
und der politische Staat die bürgerliche Gesellschaft war, war
diese T r e n n u n g, die V e r d o p p l u n g der Bedeu-
tung der Stände, nicht vorhanden. Sie b e d e u t e t e n nicht
d i e s e s in der bürgerlichen und ein a n d e r e s in der
politischen Welt. Sie erhielten keine B e d e u t u n g in der
politischen Welt, sondern sie b e d e u t e t e n sich
s e l b s t. Der Dualismus der bürgerlichen Gesellschaft und des
politischen Staates, den die s t ä n d i s c h e Verfassung
durch eine R e m i n i s z e n z z u lösen meint, tritt in ihr
selbst so hervor, daß der U n t e r s c h i e d d e r
S t ä n d e (das Unterschiedensein der bürgerlichen Gesellschaft
in sich) in der p o l i t i s c h e n Sphäre eine andre Bedeu-
tung erhält als in der bürgerlichen. Es ist hier anscheinend
Identität, d a s s e l b e S u b j e k t, aber in einer
w e s e n t l i c h v e r s c h i e d e n e n Bestimmung, also
in Wahrheit ein d o p p e l t e s Subjekt, und diese
i l l u s o r i s c h e I d e n t i t ä t (sie ist schon des-
halb illusorisch, weil zwar das w i r k l i c h e S u b-
j e k t, der Mensch, in den verschiedenen Bestimmungen seines
Wesens sich selbst gleichbleibt, seine Identität nicht verliert;
aber hier ist nicht der Mensch Subjekt, sondern der Mensch ist
mit einem Prädikat - dem Stand - identifiziert, und zugleich wird
behauptet, daß er in dieser b e s t i m m t e n B e-
s t i m m t h e i t und in einer a n d e r n Bestimmtheit, daß
er als dies bestimmte ausschließende Beschränkte ein
a n d e r e s als dieses Beschränkte ist) wird dadurch künstlich
durch die Reflexion aufrechterhalten, daß einmal der bürgerliche
Ständeunterschied als solcher eine Bestimmung erhält, die ihm
erst aus der politischen Sphäre erwachsen soll, das andere Mal
umgekehrt der Ständeunterschied in der politischen Sphäre eine
Bestimmung erhält, die nicht aus der politischen Sphäre, sondern
aus dem Subjekt der bürgerlichen hervorgeht. Um das eine be-
schränkte Subjekt, den bestimmten Stand (den Ständeunterschied)
als das wesentliche Subjekt
#287# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
beider Prädikate darzustellen, oder um die Identität beider Prä-
dikate zu beweisen, werden sie beide mystifiziert und in illuso-
rischer unbestimmter Doppelgestalt entwickelt.
Es wird hier dasselbe Subjekt in verschiedenen B e d e u-
t u n g e n genommen, aber die Bedeutung ist nicht die Selbst-
bestimmung, sondern eine a l l e g o r i s c h e, unterge-
schobene Bestimmung. Man könnte für dieselbe Bedeutung ein andres
konkretes Subjekt, man könnte für dasselbe Subjekt eine andere
Bedeutung nehmen, Die Bedeutung, die der bürgerliche Stän-
deunterschied in der politischen Sphäre erhält, geht nicht aus
ihm, sondern aus der politischen Sphäre hervor, und er könnte
hier auch eine andere Bedeutung haben, was denn auch historisch
der Fall war. Ebenso umgekehrt, Es ist dies die u n k r i-
t i s c h e, die m y s t i s c h e Weise, eine a l t e
W e l t a n s c h a u u n g im Sinne einer neuen zu i n t e r-
p r e t i e r e n, wodurch sie nichts als ein unglückliches
Zwitterding wird, worin die Gestalt die Bedeutung und die
Bedeutung die Gestalt belügt und weder die Gestalt zu ihrer Be-
deutung und zur wirklichen Gestalt, noch die Bedeutung zur Ge-
stalt und zur wirklichen Bedeutung wird. Diese U n k r i t i k,
dieser M y s t i z i s m u s ist sowohl das Rätsel der modernen
Verfassungen (???' ?????? 1*) der ständischen) wie auch das My-
sterium der Hegelschen Philosophie, vorzugsweise der
R e c h t s- und R e l i g i o n s p h i l o s o p h i e.
Am besten befreit man sich von dieser Illusion, wenn man die Be-
deutung als das nimmt, was sie ist, als die e i g e n t-
l i c h e B e s t i m m u n g, sie als solche zum Subjekt macht
und nun vergleicht, ob das ihr a n g e b l i c h zugehörige
Subjekt ihr w i r k l i c h e s P r ä d i k a t ist, ob es ihr
Wesen und wahre Verwirklichung darstellt.
"Seine" (des politisch-ständischen Elements) "zunächst abstrakte
Stellung, nämlich des Extrems der e m p i r i s c h e n A l l-
g e m e i n h e i t gegen das f ü r s t l i c h e oder
m o n a r c h i s c h e P r i n z i p überhaupt, - in der nur
die M ö g l i c h k e i t der Ü b e r e i n s t i m m u n g
und damit ebenso die M ö g l i c h k e i t f e i n d l i -
c h e r Entgegensetzung liegt, - diese abstrakte Stellung wird
nur dadurch zum vernünftigen Verhältnisse (zum S c h l u s s e,
vergleiche Anmerkung zu § 302), daß ihre V e r m i t t e l u n g
zur Existenz kommt."
Wir haben schon gesehn, daß die Stände gemeinschaftlich mit der
Regierungsgewalt die Mitte zwischen dem monarchischen Prinzip und
dem Volk bilden, zwischen dem Staatswillen, wie er als e i n
empirischer Wille und wie er als v i e l e empirische Willen
existiert, zwischen der e m p i r i s c h e n E i n z e l n-
h e i t und der e m p i r i s c h e n A l l g e m e i n-
h e i t. Hegel mußte, wie er den Willen der bürgerlichen
Gesellschaft als e m p i r i s c h e A l l g e m e i n h e i t,
so den fürstlichen als e m p i r i s c h e E i n z e l n-
h e i t bestimmen; aber er spricht den G e g e n s a t z nicht
in seiner ganzen Schärfe aus.
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1*) hauptsächlich
#288# Karl Marx
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Hegel fährt fort:
"Wie von seiten der fürstlichen Gewalt die Regierungsgewalt (§
300) schon diese Bestimmung hat, so muß auch von der Seite der
Stände aus ein Moment derselben nach der Bestimmung gekehrt sein,
wesentlich als das Moment der Mitte zu existieren."
Allein die wahren Gegensätze sind Fürst und bürgerliche Gesell-
schaft. Und wir haben schon gesehn, dieselbe Bedeutung, welche
die Regierungsgewalt von seiten des Fürsten, hat das ständische
Element von seiten des Volkes. Wie jene in einem verzweigten
Kreislauf e m a n i e r t, so k o n d e n s i e r t sich die-
ses in eine Miniaturausgabe, denn die konstitutionelle Monarchie
kann sich bloß mit dem V o l k e n m i n i a t u r e vertra-
gen. Das ständische Element ist ganz d i e s e l b e A b-
s t r a k t i o n d e s p o l i t i s c h e n S t a a t e s
von seiten der bürgerlichen Gesellschaft, welche die Regierungs-
gewalt von seiten des Fürsten ist. Es scheint also die
Vermittelung vollständig zustande gekommen zu sein. Beide Extreme
haben von ihrer Sprödigkeit abgelassen, das Feuer ihres besondren
Wesens entgegengeschickt, und die g e s e t z g e b e n d e
G e w a l t, deren Elemente ebensowohl die Regierungsgewalt als
die Stände sind, scheint nicht erst die V e r m i t t e l u n g
zur Existenz kommen lassen zu müssen, sondern selbst schon die
zur E x i s t e n z g e k o m m e n e V e r m i t t e l u n g
zu sein. Auch hat Hegel schon dies s t ä n d i s c h e
E l e m e n t g e m e i n s c h a f t l i c h m i t d e r
R e g i e r u n g s g e w a l t als die M i t t e zwischen
Volk und Fürst (ebenso das ständische Element als die Mitte zwi-
schen bürgerlicher Gesellschaft und Regierung etc.) bezeichnet.
Das vernünftige Verhältnis, der S c h l u ß, scheint also fer-
tig zu sein. Die g e s e t z g e b e n d e G e w a l t, die
Mitte, ist ein m i x t u m c o m p o s i t u m der beiden Ex-
treme, des fürstlichen Prinzips und der bürgerlichen Gesell-
schaft, der empirischen Einzelnheit und der empirischen Allge-
meinheit, des Subjekts und des Prädikats. Hegel faßt überhaupt
den S c h l u ß als Mitte, als ein m i x t u m c o m p o-
s i t u m. Man kann sagen, daß in seiner Entwicklung des
Vernunftschlusses die ganze Transzendenz und der mystische
Dualismus seines Systems zur Erscheinung kommt. Die Mitte ist das
hölzerne Eisen, der vertuschte Gegensatz zwischen Allgemeinheit
und Einzelnheit.
Zunächst bemerken wir über diese ganze Entwicklung, daß die
"Vermittelung", die Hegel hier zustande bringen will, keine For-
derung ist, die er aus dem W e s e n der g e s e t z-
g e b e n d e n G e w a l t, aus ihrer eignen Bestimmung,
sondern vielmehr aus R ü c k s i c h t auf eine außer ihrer
wesentlichen Bestimmung liegende E x i s t e n z herleitet. Es
ist eine K o n s t r u k t i o n d e r R ü c k s i c h t. Die
gesetzgebende Gewalt vorzugsweise wird nur mit Rücksicht auf ein
Drittes entwickelt. Es ist daher vorzugsweise die K o n-
s t r u k t i o n ihres f o r m e l l e n D a s e i n s, wel-
che alle Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Die gesetzgebende
Gewalt wird sehr
#289# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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d i p l o m a t i s c h konstruiert. Es folgt dies aus der
f a l s c h e n, illusorischen ???' ?????? 1*) p o l i t i-
s c h e n Stellung, die die gesetzgebende Gewalt im modernen
Staat (dessen Interpret Hegel ist) hat. Es folgt daraus von
selbst, daß dieser Staat kein w a h r e r Staat ist, weil in
ihm die s t a a t l i c h e n B e s t i m m u n g e n, deren
eine die gesetzgebende Gewalt ist, nicht an und für sich, nicht
theoretisch, sondern praktisch betrachtet werden müssen, nicht
als selbständige, sondern als mit einem Gegensatz behaftete
Mächte, nicht aus der Natur der Sache, sondern nach den Regeln
der Konvention.
Also das ständische Element sollte eigentlich "gemeinschaftlich
mit der Regierungsgewalt" die Mitte zwischen dem Willen der empi-
rischen Einzelnheit, dem Fürsten, und dem Willen der empirischen
Allgemeinheit, der bürgerlichen Gesellschaft, sein, allein in
W a h r h e i t, realiter ist "s e i n e Stellung" eine
"zunächst abstrakte Stellung, nämlich des E x t r e m s d e r
e m p i r i s c h e n A l l g e m e i n h e i t gegen das
f ü r s t l i c h e oder m o n a r c h i s c h e P r i n z i p
überhaupt, in der nur die M ö g l i c h k e i t d e r
Ü b e r e i n s t i m m u n g und damit ebenso die M ö g-
l i c h k e i t f e i n d l i c h e r E n t g e g e n s e t-
z u n g liegt", eine, wie Hegel richtig bemerkt, "abstrakte
Stellung".
Zunächst scheint es nun, daß hier weder das "E x t r e m d e r
e m p i r i s c h e n A l l g e m e i n h e i t", noch das
"fürstliche oder monarchische Prinzip", das Extrem der empiri-
schen Einzelnheit, sich gegenüberstehn. Denn von seiten der bür-
gerlichen Gesellschaft sind die Stände, wie von seiten des Für-
sten die Regierungsgewalt d e p u t i e r t. Wie das fürstliche
Prinzip in der deputierten Regierungsgewalt aufhört, das Extrem
der empirischen Einzelnheit zu sein, und vielmehr in ihr den
"g r u n d l o s e n" Willen aufgibt, sich zu der "E n d-
l i c h k e i t" des Wissens und der Verantwortlichkeit und des
Denkens herabläßt, so scheint in dem ständischen Element die
bürgerliche Gesellschaft nicht mehr empirische Allgemeinheit,
sondern ein sehr bestimmtes Ganzes zu sein, das ebensosehr den
"Sinn und die Gesinnung des Staates und der Regierung, als der
Interessen der besonderen Kreise und der Einzelnen" hat (§ 302).
Die bürgerliche Gesellschaft hat in ihrer ständischen Miniatur-
ausgabe aufgehört, die empirische Allgemeinheit" zu sein. Sie ist
vielmehr zu einem Ausschuß, zu einer sehr bestimmten Zahl herab-
gesunken, und wenn der Fürst in der Regierungsgewalt sich empiri-
sche Allgemeinheit, so hat sich die bürgerliche Gesellschaft in
den Ständen empirische Einzelnheit oder Besonderheit gegeben
Beide sind zu einer Besonderheit geworden.
Der einzige Gegensatz, der hier noch möglich ist, scheint der
zwischen den beiden Repräsentanten der beiden Staatswillen, zwi-
schen den beiden
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1*) hauptsächlichen
#290# Karl Marx
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Emanationen, zwischen dem R e g i e r u n g s e l e m e n t und
dem s t ä n d i s c h e n Element der gesetzgebenden Gewalt,
scheint also ein G e g e n s a t z i n n e r h a l b d e r
g e s e t z g e b e n d e n G e w a l t s e l b s t zu sein.
Die "g e m e i n s c h a f t l i c h e" Vermittelung scheint
auch recht geeignet, sich wechselseitig in die Haare zu fallen.
In dem Regierungselement der gesetzgebenden Gewalt hat sich die
empirische, unzugängliche Einzelnheit des Fürsten v e r i r-
d i s c h t in einer Zahl beschränkter, faßbarer, verantwort-
licher Personalitäten, und in dem ständischen Element hat sich
die bürgerliche Gesellschaft v e r h i m m l i s c h t in eine
Zahl politischer Männer. Beide Seiten haben ihre Unfaßbarkeit
verloren. Die fürstliche Gewalt das unzugängliche, aus-
schließliche e m p i r i s c h e E i n s, die bürgerliche Ge-
sellschaft das unzugängliche, verschwimmende e m p i r i s c h e
A l l, die eine ihre Sprödigkeit, die andere ihre Flüssigkeit.
In dem ständischen Element einerseits, in dem Regierungselement
der gesetzgebenden Gewalt andrerseits, welche zusammen bürgerli-
che Gesellschaft und Fürst vermitteln wollten, scheint also erst
der G e g e n s a t z zu einem kampfgerechten Gegensatz, aber
auch zu einem u n v e r s ö h n l i c h e n W i d e r-
s p r u c h gekommen zu sein.
Diese "V e r m i t t e l u n g" hat es also auch erst recht nö-
tig, wie Hegel richtig entwickelt, "daß i h r e V e r m i t-
t e l u n g zur E x i s t e n z kommt". Sie selbst ist
vielmehr die Existenz des Widerspruches als der Vermittelung.
Daß diese Vermittelung von seiten des s t ä n d i s c h e n
E l e m e n t e s bewirkt werde, scheint Hegel ohne Grund zu be-
haupten. Er sagt:
"Wie von seiten der fürstlichen Gewalt die Regierungsgewalt (§
300) schon diese Bestimmung hat, so muß auch von der Seite der
Stände aus ein Moment derselben nach der Bestimmung gekehrt sein,
wesentlich als das Moment der Mitte zu existieren."
Allein wir haben schon gesehen, Hegel stellt hier willkürlich und
inkonsequent Fürst und Stände als Extreme gegenüber. Wie von sei-
ten der fürstlichen Gewalt die Regierungsgewalt, so hat von sei-
ten der bürgerlichen Gesellschaft das ständische Element diese
Bestimmung. Sie stehn nicht nur mit der Regierungsgewalt gemein-
schaftlich zwischen Fürst und bürgerlicher Gesellschaft, sie
stehn auch zwischen der Regierung überhaupt und dem Volk (§ 302).
Sie tun von seiten der bürgerlichen Gesellschaft mehr, als die
Regierungsgewalt von seiten der fürstlichen Gewalt tut, da diese
ja sogar selbst als Gegensatz dem Volke gegenübersteht. Sie hat
also das Maß der Vermittelung vollgemacht. Warum also diese Esel
mit noch mehr Säcken bepacken? Warum soll denn das ständische
Element überall die Eselsbrücke bilden, sogar zwischen sich
selbst und seinem Gegner? Warum ist es überall die Aufopferung
selbst? Soll es sich selbst e i n e Hand abhauen, damit es
nicht mit b e i d e n seinem Gegner, dem Regierungselement der
gesetzgebenden Gewalt, Widerpart halten kann?
#291# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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Es kömmt noch hinzu, daß Hegel zuerst die Stände aus den Korpora-
tionen, Standesunterschieden etc. hervorgehn ließ, damit sie
keine "bloße empirische Allgemeinheit" seien, und daß er sie
jetzt umgekehrt zur "bloßen empirischen Allgemeinheit" macht, um
den Standesunterschied aus ihnen hervorgehn [zu] lassen! Wie der
Fürst durch die Regierungsgewalt als ihren Christus mit der
b[ürgerlichen] Gesellschaft, so vermittelt sich die Gesellschaft
durch die Stande als ihre Priester mit dem Fürsten.
Es scheint nun vielmehr die Rolle der Extreme, der fürstlichen
Gewalt (empirischen Einzelnheit) und der bürgerlichen Gesell-
schaft (empirischen Allgemeinheit) sein zu müssen, vermittelnd
zwischen "ihre Vermittelungen zu treten ,um so mehr, da es "zu
den wichtigsten logischen Einsichten gehört, daß ein bestimmtes
Moment, das als im Gegensatz stehend die Stellung eines Extrems
hat, es dadurch zu sein aufhört und o r g a n i s c h e s Mo-
ment ist, daß es zugleich M i t t e ist" (§ 302 Anmerkung). Die
bürgerliche Gesellschaft scheint diese Rolle nicht übernehmen zu
können, da sie in der "gesetzgebenden Gewalt" als s i e
s e l b s t, als Extrem keinen Sitz hat. Das andere Extrem, das
sich a l s s o l c h e s inmitten der gesetzgebenden Gewalt
befindet, das fürstliche Prinzip, scheint also den Mittler zwi-
schen dem ständischen und dem Regierungselement bilden zu müssen.
Es scheint auch dazu qualifiziert [zu] sein. Denn einerseits ist
in ihm das Ganze des Staates, also auch die bürgerliche Gesell-
schaft, repräsentiert, und speziell hat es mit den Ständen die
"empirische Einzelnheit" des Willens gemein, da die empirische
Allgemeinheit nur wirklich ist als empirische Einzelnheit. Es
steht ferner der bürgerlichen Gesellschaft nicht nur als
F o r m e l, als Staatsbewußtsein gegenüber wie die Regierungs-
gewalt. Es i s t selbst Staat, es hat das m a t e r i e l l e,
n a t ü r l i c h e Moment mit der bürgerlichen Gesellschaft ge-
mein. Andrerseits ist der Fürst die Spitze und der Repräsentant
der Regierungsgewalt. (Hegel, der alles umkehrt, macht die Regie-
rungsgewalt zum Repräsentanten, zur Emanation des Fürsten. Weil
er bei der Idee, deren Dasein der Fürst sein soll, nicht die
wirkliche Idee der Regierungsgewalt, nicht die Regierungsgewalt
als Idee, sondern das Subjekt der absoluten Idee vor Augen hat,
die im Fürsten k ö r p e r l i c h existiert, so wird die Re-
gierungsgewalt zu einer mystischen F o r t s e t z u n g d e r
i n seinem Körper - d e m f ü r s t l i c h e n K ö r p e r
- e x i s t i e r e n d e n S e e l e.)
Der Fürst mußte also in der gesetzgebenden Gewalt die Mitte zwi-
schen der Regierungsgewalt und dem ständischen Element bilden,
allein die Regierungsgewalt ist ja die Mitte zwischen ihm und der
ständischen und die ständische zwischen ihm und der bürgerlichen
Gesellschaft. Wie sollte er das untereinander vermitteln, dessen
er zu seiner Mitte nötig hat, um kein einseitiges
#292# Karl Marx
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Extrem zu sein? Hier tritt das ganze Ungereimte dieser Extreme,
die abwechselnd bald die Rolle des Extrems, bald die Mitte spie-
len, hervor. Es sind Janusköpfe, die sich bald von vorn, bald von
hinten zeigen und vom einen anderen Charakter haben als hinten.
Das, was zuerst als Mitte zwischen zwei Extremen bestimmt, tritt
nun selbst als Extrem auf, und das eine der zwei Extreme, das
durch es mit dem anderen vermittelt war, tritt nun wieder als
Mitte (weil in s e i n e r U n t e r s c h e i d u n g von dem
anderen Extrem) zwischen sein Extrem und seine Mitte. Es ist eine
wechselseitige Bekomplimentierung. Wie wenn ein Mann zwischen
zwei Streitende tritt und nun wieder einer der Streitenden zwi-
schen den vermittelnden Mann und den Streitenden. Es ist die Ge-
schichte von dem Mann und der Frau, die sich stritten, und von
dem Arzt, der als Vermittler zwischen sie treten wollte, wo nun
wieder die Frau den Arzt mit ihrem Mann und der Mann seine Frau
mit dem Arzt vermitteln mußte. Es ist wie der Löwe im Sommer-
nachtstraum, der ausruft: "Ich bin Löwe, und ich bin nicht Löwe,
sondern Schnock." [25] So ist hier jedes Extrem bald der Löwe des
Gegensatzes, bald der Schnock der Vermittelung. Wenn das eine Ex-
trem ruft: "jetzt bin ich Mitte", so dürfen es die beiden anderen
nicht anrühren, sondern nur nach dem andren schlagen, das eben
Extrem war. Man sieht, es ist eine Gesellschaft, die kampflustig
im Herzen ist, aber zu sehr die blauen Flecke fürchtet, um sich
wirklich zu prügeln, und die beiden, die sich schlagen wollen,
richten es so ein, daß der Dritte, der dazwischentritt, die Prü-
gel bekommen soll, aber nun tritt wieder einer der beiden als der
Dritte auf, und so kommen sie vor lauter Behutsamkeit zu keiner
Entscheidung. Dieses System der Vermittelung kommt auch so zu-
stande, daß derselbe Mann, der seinen Gegner prügeln will, ihn
nach den andren Seiten gegen andre Gegner vor Prügeln beschützen
muß und so in dieser doppelten Beschäftigung nicht zur Ausführung
seines Geschäftes kommt. Es ist merkwürdig, daß Hegel, der diese
Absurdität der Vermittelung auf ihren abstrakten, logischen, da-
her unverfälschten, untransigierbaren Ausdruck reduziert, sie
zugleich als s p e k u l a t i v e s M y s t e r i u m der Lo-
gik, als das vernünftige Verhältnis, als den Vernunftschluß be-
zeichnet. Wirkliche Extreme können nicht miteinander vermittelt
werden, eben weil sie wirkliche Extreme sind. Aber sie bedürfen
auch keiner Vermittelung, denn sie sind entgegengesetzten Wesens.
Sie haben nichts miteinander gemein, sie verlangen einander
nicht, sie ergänzen einander nicht. Das eine hat nicht in seinem
eigenen Schoß die Sehnsucht, das Bedürfnis, die Antizipation des
andern. (Wenn aber Hegel Allgemeinheit und Einzelnheit, die ab-
strakten Momente des Schlusses, als wirkliche Gegensätze behan-
delt, so ist das eben der Grunddualismus seiner Logik. Das Wei-
tere hierüber gehört in die Kritik der Hegelschen Logik.)
#293# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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Dem scheint entgegenzustehn: Les extremes se touchent. 1*) Nord-
pol und Südpol ziehen sich an; weibliches Geschlecht und männli-
ches ziehen sich ebenfalls an, und erst durch die Vereinigung ih-
rer extremen Unterschiede wird der Mensch.
Andrerseits. Jedes Extrem i s t sein andres Extrem. Der ab-
strakte S p i r i t u a l i s m u s ist a b s t r a k t e r
M a t e r i a l i s m u s; der a b s t r a k t e M a t e-
r i a l i s m u s ist der a b s t r a k t e S p i r i t u a-
l i s m u s der Materie.
Was das erste betrifft, so sind Nordpol und Südpol beide P o l;
ihr W e s e n ist identisch; ebenso sind w e i b l i c h e s
u n d m ä n n l i c h e s Geschlecht beide eine G a t t u n g,
ein W e s e n, menschliches Wesen. Nord und Süd sind entgegen-
gesetzte Bestimmungen e i n e s Wesens; der Unterschied eines
W e s e n s auf seiner h ö c h s t e n E n t w i c k l u n g.
Sie sind das d i f f e r e n z i e r t e Wesen. Sie sind, was
sie sind, n u r als eine u n t e r s c h i e d n e Bestim-
mung, und zwar als d i e s e unterschiedne Bestimmung des We-
sens. W a h r e w i r k l i c h e Extreme wären Pol und Nicht-
pol, menschliches und unmenschliches Geschlecht. Der Unterschied
ist hier ein U n t e r s c h i e d d e r E x i s t e n z,
dort ein Unterschied der W e s e n, z w e i e r Wesen. Was das
zweite betrifft, so liegt hier die Hauptbestimmung darin, daß ein
B e g r i f f (Dasein etc.) a b s t r a k t gefaßt wird, daß
er nicht als selbständig, sondern als eine A b s t r a k t i o n
von einem anderen und nur als diese A b s t r a k t i o n Be-
deutung hat; also z.B. der Geist nur die A b s t r a k t i o n
von der Materie ist. Es versteht sich dann von selbst, daß er
eben, weil diese Form seinen Inhalt ausmachen soll, vielmehr das
a b s t r a k t e G e g e n t e i l, der Gegenstand, von dem er
abstrahiert, in seiner Abstraktion, also hier der abstrakte Mate-
rialismus, sein reales Wesen ist. Wäre d i e D i f f e r e n z
innerhalb der Existenz e i n e s Wesens nicht verwechselt wor-
den teils mit der v e r s e l b s t ä n d i g t e n A b-
s t r a k t i o n (versteht sich, nicht von einem andern,
sondern eigentlich von sich selbst), teils mit dem w i r k-
l i c h e n Gegensatz sich wechselseitig ausschließender Wesen,
so wäre ein dreifacher Irrtum verhindert worden: 1. daß, weil nur
das Extrem wahr sei, jede Abstraktion und Einseitigkeit sich für
wahr hält, wodurch ein Prinzip statt als Totalität in sich selbst
nur als Abstraktion von einem andern erscheint; 2. daß die
E n t s c h i e d e n h e i t w i r k l i c h e r Gegensätze,
ihre Bildung zu Extremen, die nichts anderes ist als sowohl ihre
Selbsterkenntnis wie ihre Entzündung zur Entscheidung des
Kampfes, als etwas möglicherweise zu Verhinderndes oder
Schädliches gedacht wird; 3. daß man ihre Vermittelung versucht.
Denn so sehr beide Extreme in ihrer Existenz als wirklich auftre-
ten und als Extreme, so liegt es doch nur in dem W e s e n des
einen, Extrem zu sein, und es hat für das andre nicht die
B e d e u t u n g der w a h r e n W i r k l i c h k e i t.
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1*) Gegensätze ziehen sich an
#294# Karl Marx
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Das eine greift über das andre über. Die Stellung ist keine glei-
che. Z.B. Christentum oder Religion überhaupt und Philosophie
sind Extreme Aber in Wahrheit bildet die Religion zur Philosophie
keinen wahren Gegensatz. Denn die Philosophie begreift die
R e l i g i o n in ihrer i l l u s o r i s c h e n Wirklich-
keit. Sie ist also für die Philosophie - sofern sie eine Wirk-
lichkeit sein will - in sich selbst aufgelöst. Es gibt keinen
wirklichen Dualismus des W e s e n s. Später mehr hierüber.
Es fragt sich, wie kommt Hegel überhaupt zu dem Bedürfnis einer
neuen V e r m i t t e l u n g von seiten des ständischen Ele-
ments? Oder teilt Hegel mit
"das häufige, aber höchst gefährliche Vorurteil, Stände haupt-
sächlich im Gesichtspunkte des G e g e n s a t z e s gegen die
Regierung, als ob dies ihre wesentliche Stellung wäre, vorzustel-
len"? (§ 302 Anmerk.)
Die Sache ist einfach die: Einerseits haben wir gesehn, daß in
der "gesetzgebenden Gewalt" die bürgerliche Gesellschaft als
"ständisches" Element und die fürstliche Macht als "Regie-
rungselement" sich erst zum wirklichen unmittelbar praktischen
Gegensatz begeistet haben.
Andrerseits: Die gesetzgebende Gewalt ist Totalität. Wir finden
in ihr die Deputation des fürstlichen Prinzips, "die Regierungs-
gewalt"; 2. die Deputation der bürgerlichen Gesellschaft, das
"ständische" Element; aber außerdem befindet sich in ihr 3. das
eine E x t r e m a l s s o l c h e s, das fürstliche Prinzip,
während das andere Extrem, die bürgerliche Gesellschaft, als sol-
ches sich nicht in ihr befindet. Dadurch wird erst das
"ständische" Element zu dem Extrem des "fürstlichen" Prinzips,
das eigentlich die bürgerliche Gesellschaft sein sollte. Erst als
"ständisches" Element organisiert sich, wie wir gesehn haben, die
bürgerliche Gesellschaft zu einem p o l i t i s c h e n Dasein.
Das "ständische" Element ist ihr p o l i t i s c h e s Dasein,
ihre T r a n s s u b s t a n t i a t i o n in den politischen
Staat. Die "gesetzgebende Gewalt" ist daher, wie wir gesehn, erst
der eigentliche p o l i t i s c h e S t a a t in seiner Tota-
lität. Hier ist also 1. fürstliches Prinzip, 2. Regierungsgewalt,
3. bürgerliche Gesellschaft. Das "ständische" Element ist "die
b ü r g e r l i c h e G e s e l l s c h a f t d e s p o l i-
t i s c h e n S t a a t e s", der "gesetzgebenden Gewalt". Das
Extrem, das die bürgerliche Gesellschaft zum Fürsten bilden
sollte, ist daher das "s t ä n d i s c h e" Element. (Weil die
bürgerliche Gesellschaft die Unwirklichkeit des politischen
Daseins, so ist das politische Dasein der bürgerlichen Ge-
sellschaft ihre eigne Auflösung, ihre Trennung von sich selbst.)
Ebenso bildet es daher einen Gegensatz zur Regierungsgewalt.
Hegel bezeichnet daher auch das "ständische" Element wieder als
das "Extrem der empirischen Allgemeinheit", das eigentlich die
bürgerliche Gesellschaft selbst ist. (Hegel hat daher unnützer-
weise das politisch-ständische
#295# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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Element aus den Korporationen und unterschiednen Ständen hervor-
gehn lassen. Dies hätte bloß Sinn, wenn nun die unterschiednen
Stände als solche die gesetzgebenden Stände wären, also der Un-
terschied der bürgerlichen Gesellschaft, die bürgerliche Bestim-
mung re vera 1*) die politische Bestimmung. Wir hätten dann nicht
eine g e s e t z g e b e n d e G e w a l t des Staatsganzen,
sondern die g e s e t z g e b e n d e G e w a l t der ver-
schiednen Stände und Korporationen und Klassen über das Staats-
ganze. Die Stände der bürgerlichen Gesellschaft empfingen keine
politische Bestimmung, sondern sie bestimmten den politischen
Staat. Sie machten ihre B e s o n d e r h e i t zur bestimmen-
den Gewalt des Ganzen. Sie wären die Macht des Besonderen über
das Allgemeine. Wir hatten auch nicht eine gesetzgebende Gewalt,
sondern mehrere gesetzgebende Gewalten, die unter sich und mit
der Regierung transigierten. Allein Hegel hat die moderne Bedeu-
tung des ständischen Elements, die Verwirklichung des Staatsbür-
gertums, des bourgeois zu sein, vor Augen. Er will, daß das "an
und für sich Allgemeine", der politische Staat, nicht von der
bürgerlichen Gesellschaft bestimmt wird, sondern umgekehrt sie
bestimmt. Während er also die Gestalt des mittelaltrig-ständi-
schen Elements aufnimmt, gibt er ihm die entgegengesetzte Bedeu-
tung, von dem Wesen des politischen Staates bestimmt zu werden.
Die Stände als Repräsentanten der Korporationen etc. waren nicht
die "empirische Allgemeinheit", sondern die "empirische Besonder-
heit", die "Besonderheit der Empirie"!) Die "gesetzgebende Ge-
walt" bedarf daher in sich selbst der V e r m i t t e l u n g,
d.h. einer Vertuschung des Gegensatzes, und diese Vermittelung
muß vom "ständischen Element" ausgehn weil das ständische Element
innerhalb der gesetzgebenden Gewalt die Bedeutung der Repräsenta-
tion der bürgerlichen Gesellschaft verliert und zum
p r i m ä r e n Element wird, selbst die bürgerliche Gesell-
schaft der gesetzgebenden Gewalt ist. Die "gesetzgebende Gewalt"
ist die Totalität des politischen Staates eben daher der zur
E r s c h e i n u n g g e t r i e b e n e W i d e r s p r u c h
desselben. Sie ist daher ebensosehr seine g e s e t z t e Auf-
lösung. Ganz verschiedene Prinzipien karambolieren in ihr. E s
e r s c h e i n t dies allerdings als G e g e n s a t z der
Elemente des fürstlichen Prinzips und des Prinzips des ständi-
schen Elements etc. In W a h r h e i t aber ist es die Antino-
mie des p o l i t i s c h e n S t a a t e s und der b ü r-
g e r l i c h e n G e s e l l s c h a f t, der W i d e r-
s p r u c h d e s a b s t r a k t e n p o l i t i s c h e n
S t a a t e s mit sich selbst. Die gesetzgebende Gewalt ist die
g e s e t z t e Revolte. (Hegels Hauptfehler besteht darin, daß
er d e n W i d e r s p r u c h d e r E r s c h e i n u n g
als E i n h e i t i m W e s e n, i n d e r I d e e
f a ß t, während er allerdings ein Tieferes zu seinem Wesen hat,
nämlich einen w e s e n t l i c h e n W i d e r s p r u c h,
wie z.B. hier der Widerspruch
-----
1*) in Wirklichkeit
#296# Karl Marx
-----
der gesetzgebenden Gewalt in sich selbst nur der Widerspruch des
politischen Staats, also auch der bürgerlichen Gesellschaft mit
sich selbst ist.
Die vulgäre Kritik verfällt in einen entgegengesetzten d o g-
m a t i s c h e n Irrtum. So kritisiert sie z.B. die Kon-
stitution. Sie macht auf die Entgegensetzung der Gewalten auf-
merksam etc. Sie findet überall Widersprüche. Das ist selbst noch
dogmatische Kritik, die mit ihrem Gegenstand k ä m p f t, so
wie man früher etwa das Dogma der heiligen Dreieinigkeit durch
den Widerspruch von eins und drei beseitigte. Die wahre Kritik
dagegen zeigt die innere Genesis der heiligen Dreieinigkeit im
menschlichen Gehirn. Sie beschreibt ihren Geburtsakt. So weist
die wahrhaft philosophische Kritik der jetzigen Staatsverfassung
nicht nur Widersprüche als bestehend auf, sie e r k l ä r t
sie, sie begreift ihre Genesis, ihre Notwendigkeit. Sie faßt sie
in ihrer e i g e n t ü m l i c h e n Bedeutung. Dies B e-
g r e i f e n besteht aber nicht, wie Hegel meint, darin, die
Bestimmungen des logischen Begriffs überall wiederzuerkennen,
sondern die eigentümliche Logik des eigentümlichen Gegenstandes
zu fassen.)
Hegel drückt dies so aus, daß in der Stellung des politisch-stän-
dischen Elementes zum fürstlichen "nur die M ö g l i c h k e i t
d e r Ü b e r e i n s t i m m u n g und damit ebenso die
M ö g l i c h k e i t f e i n d l i c h e r Entgegensetzung
liegt".
Die Möglichkeit der Entgegensetzung liegt überall, wo verschie-
dene Willen zusammentreffen. Hegel sagt selbst, daß die
"Möglichkeit der Übereinstimmung" die "Möglichkeit der Entgegen-
setzung" ist. Er muß also jetzt ein Element bilden, was die
"U n m ö g l i c h k e i t d e r E n t g e g e n s e t z u n g"
und die "W i r k l i c h k e i t der Übereinstimmung" ist. Ein
solches Element wäre also ihm die Freiheit der Entschließung und
des Denkens dem fürstlichen Willen und der Regierung gegenüber.
Es gehörte also nicht mehr zum "ständisch-politischen" Element.
Es wäre vielmehr ein Element des fürstlichen Willens und der Re-
gierung und befände sich in demselben Gegensatz zum
w i r k l i c h e n ständischen Element wie die Regierung
selbst.
Sehr wird diese Forderung schon herabgestimmt durch den Schluß
des Paragraphen:
"Wie von seiten der fürstlichen Gewalt die Regierungsgewalt (§
300) schon diese Bestimmung hat, so muß auch von der Seite der
Stände aus ein Moment derselben nach der Bestimmung gekehrt sein,
w e s e n t l i c h als das Moment d e r M i t t e zu exi-
stieren."
Das Moment, was von Seite der Stände abgeschickt wird, muß die
u m g e k e h r t e Bestimmung haben, als die Regierungsgewalt
von seiten der Fürsten hat, da fürstliches und ständisches Ele-
ment entgegengesetzte Extreme sind. Wie der Fürst sich in der Re-
gierungsgewalt demokratisiert, so muß sich dies "ständische" Ele-
ment in seiner Deputation m o n a r c h i s i e r e n. Was He-
gel also
#297# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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will, ist e i n f ü r s t l i c h e s M o m e n t v o n
s e i t e n d e r S t ä n d e. Wie die Regierungsgewalt ein
ständisches Moment von seiten des Fürsten, so soll es auch ein
fürstliches Moment von seiten der Stände geben.
Die "Wirklichkeit der Übereinstimmung" und die "Unmöglichkeit der
Entgegensetzung" verwandelt sich in folgende Forderung: [Es] "muß
von seiten der Stände aus ein Moment derselben nach der
B e s t i m m u n g gekehrt sein, w e s e n t l i c h als das
M o m e n t der M i t t e zu e x i s t i e r e n". Nach der
B e s t i m m u n g gekehrt sein! Diese Bestimmung haben nach §
302 die Stände überhaupt. Es müßte hier nicht mehr
"B e s t i m m u n g", sondern "B e s t i m m t h e i t" sein.
Und was ist das überhaupt für eine Bestimmung, "wesentlich als
das Moment der Mitte zu existieren"? Seinem "Wesen" nach
"Buridans Esel" sein.
Die Sache ist einfach die:
Die Stände sollen "Vermittelung" zwischen Fürst und Regierung ei-
nerseits und Volk andrerseits sein, aber sie sind es nicht, sie
sind vielmehr der organisierte p o l i t i s c h e Gegensatz
der bürgerlichen Gesellschaft. Die "gesetzgebende Gewalt" bedarf
in sich selbst der V e r m i t t e l u n g, und zwar, wie ge-
zeigt, einer Vermittelung von seiten der Stände aus. Die voraus-
gesetzte m o r a l i s c h e Übereinstimmung der beiden Willen,
von denen der eine der Staatswille als fürstlicher Wille und der
andere der Staatswille als der Wille der bürgerlichen Gesell-
schaft ist, reicht nicht aus. Die gesetzgebende Gewalt ist zwar
erst der organisierte, t o t a l e politische Staat, aber eben
in ihr erscheint, weil in seiner höchsten Entwicklung, auch der
unverhüllte Widerspruch des p o l i t i s c h e n S t a a t e s
mit sich selbst. Es muß also der S c h e i n einer w i r k-
l i c h e n I d e n t i t ä t zwischen fürstlichem und stän-
dischem Willen gesetzt werden. D a s s t ä n d i s c h e
E l e m e n t m u ß a l s f ü r s t l i c h e r W i l l e
o d e r d e r f ü r s t l i c h e W i l l e m u ß a l s
s t ä n d i s c h e s E l e m e n t g e s e t z t w e r d e n.
Das ständische Element muß sich als die Wirklichkeit eines Wil-
lens setzen, der nicht der Wille des ständischen Elementes ist.
Die E i n h e i t, die nicht im W e s e n vorhanden ist
(sonst müßte sie sich durch die W i r k s a m k e i t und nicht
durch die D a s e i n s w e i s e des ständischen Elementes be-
weisen), muß wenigstens als eine E x i s t e n z vorhanden
sein, oder eine E x i s t e n z der gesetzgebenden Gewalt (des
ständischen Elements) hat die B e s t i m m u n g, diese
E i n h e i t d e s N i c h t v e r e i n t e n zu sein. Die-
ses Moment des ständischen Elements, Pairskammer, Oberhaus etc.,
ist die höchste S y n t h e s e des politischen Staates in der
betrachteten Organisation. Es ist zwar nicht damit erreicht, was
Hegel will, "die Wirklichkeit der Übereinstimmung" und die
"Unmöglichkeit feindlicher Entgegensetzung", vielmehr bleibt es
bei der "Möglichkeit der Übereinstimmung". Allein es ist die
g e s e t z t e I l l u s i o n von der E i n h e i t d e s
p o l i t i s c h e n S t a a t e s m i t s i c h s e l b s t
(des fürstlichen und ständischen
#298# Karl Marx
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Willens, weiter dem Prinzip des politischen Staates und der bür-
gerlichen Gesellschaft), von dieser E i n h e i t als m a-
t e r i e l l e m Prinzip, d.h. so, daß nicht nur zwei ent-
gegengesetzte Prinzipien sich vereinen, sondern daß die Einheit
derselben N a t u r, Existentialgrund ist. Dieses Moment des
ständischen Elementes ist die R o m a n t i k des politischen
Staats, die T r ä u m e seiner Wesenhaftigkeit oder seiner
Übereinstimmung mit sich selbst. Es ist eine a l l e g o-
r i s c h e Existenz.
Es hängt nun von dem wirklichen status quo des Verhältnisses zwi-
schen ständischem Element und fürstlichem ab, ob diese
I l l u s i o n wirksame Illusion oder b e w u ß t e
S e l b s t t ä u s c h u n g ist. Solange Stände und fürstliche
Gewalt f a k t i s c h übereinstimmen, sich vertragen, ist die
I l l u s i o n ihrer w e s e n t l i c h e n Einheit eine
w i r k l i c h e, also w i r k s a m e Illusion. Im Gegen-
fall, wo sie ihre Wahrheit betätigen sollte, wird sie zur
b e w u ß t e n U n w a h r h e i t und ridicule 1*).
"§ 305. Der eine der S t ä n d e d e r b ü r g e r l i c h e n
G e s e l l s c h a f t enthält das Prinzip, das für sich fähig
ist, zu dieser p o l i t i s c h e n Beziehung konstituiert zu
werden, der Stand der natürlichen Sittlichkeit nämlich, der das
Familienleben und in Rücksicht der Subsistenz den Grundbesitz zu
seiner Basis, somit in Rücksicht seiner Besonderheit ein auf sich
beruhendes Wollen und die Naturbestimmung, welche das fürstliche
Element in sich schließt, mit diesem gemein hat."
Wir haben schon die Inkonsequenz Hegels nachgewiesen, 1. das po-
litisch-ständische Element in seiner m o d e r n e n Abstrak-
tion von der bürgerlichen Gesellschaft etc. zu fassen, nachdem er
es aus den Korporationen hat hervorgehn lassen; 2. es jetzt wie-
der nach dem S t ä n d e u n t e r s c h i e d d e r b ü r-
g e r l i c h e n G e s e l l s c h a f t zu bestimmen, nachdem
er die politischen Stände als solche als das "Extrem der
empirischen Allgemeinheit" schon bestimmt hat.
Die K o n s e q u e n z wäre nun: Die p o l i t i s c h e n
S t ä n d e für sich zu betrachten, als neues Element, und nun
aus ihnen jetzt die § 304 geforderte Vermittelung zu konstruie-
ren.
Allein sehn wir nun, wie Hegel den bürgerlichen Ständeunterschied
wieder hereinzieht und zugleich den Schein hervorbringt, daß
nicht die W i r k l i c h k e i t und das b e s o n d e r e
W e s e n des bürgerlichen Ständeunterschieds die h ö c h s t e
p o l i t i s c h e S p h ä r e, die gesetzgebende Gewalt be-
stimmt, sondern umgekehrt zu einem bloßen M a t e r i a l her-
absinkt, das die politische Sphäre nach i h r e m, aus ihr
selbst hervorgehenden Bedürfnis formiert und konstruiert.
"Der eine der Stände der bürgerlichen Gesellschaft enthält das
P r i n z i p, das für sich fähig ist, zu dieser p o l i t i-
s c h e n B e z i e h u n g konstituiert zu w e r d e n, der
Stand der n a t ü r l i c h e n S i t t l i c h k e i t näm-
lich" (Der Bauernstand.)
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1*) Lächerlichkeit
#299# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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Worin besteht nun diese p r i n z i p i e l l e F ä h i g-
k e i t oder diese F ä h i g k e i t d e s P r i n z i p s
des Bauernstandes? Er hat
"das F a m i l i e n l e b e n und in Rücksicht der Subsistenz
den G r u n d b e s i t z zu seiner B a s i s, somit in
R ü c k s i c h t s e i n e r B e s o n d e r h e i t e i n
a u f s i c h beruhendes Wollen und die N a t u r b e-
s t i m m u n g, welche das f ü r s t l i c h e Element in
sich schließt, mit diesem gemein."
Das "auf sich beruhende Wollen" bezieht sich auf die Subsistenz",
den "Grundbesitz" die mit dem fürstlichen Element gemeinschaftli-
che "Naturbestimmung" auf das "Familienleben" als Basis.
Die Subsistenz des "Grundbesitzes" und ein "auf sich beruhendes
Wollen" sind zwei verschiedne Dinge. Es müßte vielmehr von einem
auf "Grund und Boden r u h e n d e n Wollen" die Rede sein. Es
müßte aber vielmehr von einem "auf der Staatsgesinnung", nicht
von einem a u f s i c h, sondern von einem i m G a n z e n
ruhenden Willen die Rede sein.
An die Stelle der "Gesinnung", des "Besitzes des Staatsgeistes".
tritt der "G r u n d besitz".
Was ferner das "F a m i l i e n l e b e n" als Basis angeht, so
scheint die "soziale" Sittlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft
höher zu stehn als diese "natürliche Sittlichkeit". Ferner ist
das "Familienleben" die "n a t ü r l i c h e S i t t l i c h-
k e i t" d e r a n d e r e n S t ä n d e oder des Bürger-
standes der bürgerlichen Gesellschaft ebensowohl als des
Bauernstandes. Daß aber das "Familienleben" bei dem Bauernstande
nicht nur das Prinzip der Familie, sondern die Basis seines
sozialen Daseins überhaupt ist, scheint ihn vielmehr für die
höchste politische Aufgabe unfähig zu machen, indem er patriar-
chalische Gesetze auf eine nicht patriarchalische Sphäre anwenden
wird und das Kind oder den Vater, den Herrn und den Knecht da
geltend macht, wo es sich um den p o l i t i s c h e n Staat,
um das S t a a t s b ü r g e r t u m handelt.
Was die N a t u r b e s t i m m u n g des f ü r s t l i-
c h e n Elements betrifft, so hat Hegel keinen patriarcha-
lischen, sondern einen m o d e r n k o n s t i t u t i o-
n e l l e n König entwickelt. Seine Naturbestimmung besteht
darin, daß er der k ö r p e r l i c h e R e p r ä s e n t a n t
des Staates ist und als K ö n i g geboren, oder das Königtum
seine F a m i l i e n e r b s c h a f t ist, aber was hat das
mit dem Familienleben als der Basis des Bauernstandes, was hat
die natürliche Sittlichkeit mit der Naturbestimmung der Geburt
als solcher gemein? Der König teilt das mit dem Pferd, daß, wie
dieses als Pferd, der König als König geboren wird.
Hätte Hegel den von ihm angenommenen Ständeunterschied als sol-
chen zum politischen gemacht, so war ja schon der Bauernstand als
solcher ein selbständiger Teil des ständischen Elements, und wenn
er als solcher ein Moment der Vermittelung mit dem Fürstentum
ist, was bedürfte es dann der
#300# Karl Marx
-----
Konstruktion einer n e u e n Vermittelung? Und warum ihn aus
dem eigentlich ständischen Moment herausscheiden, da dieses ja
nur durch die Scheidung von ihm in die "abstrakte" Stellung zum
fürstlichen Element gerät? Nachdem Hegel aber eben das politisch-
ständische Element als ein eigentümliches Element, als eine
T r a n s s u b s t a n t i a t i o n d e s P r i v a t-
s t a n d e s i n d a s S t a a t s b ü r g e r t u m ent-
wickelt hat und eben deswegen der Vermittelung bedürftig gefunden
hat, wie darf Hegel nun diesen Organismus wieder auflösen in den
Unterschied des Privatstandes, also in den Privatstand, und aus
diesem die Vermittelung des politischen Staates mit sich selbst
herholen?
Überhaupt welche Anomalie, daß die höchste S y n t h e s e des
politischen Staates nichts andres ist als die Synthese von Grund-
besitz und Familienleben!
Mit einem Wort:
Sobald die bürgerlichen Stände als solche politische Stände sind,
bedarf es jener Vermittelung nicht, und sobald es jener Vermitte-
lung bedarf, ist der bürgerliche Stand nicht politisch, also auch
nicht jene Vermittelung. Der Bauer ist dann nicht als Bauer, son-
dern als Staatsbürger ein Teil des politisch-ständischen Ele-
ments, während umgekehrt ([wo er] als B a u e r Staatsbürger
oder als Staatsbürger Bauer ist) sein Staatsbürgertum das
B a u e r n t u m, er nicht als Bauer Staatsbürger, sondern als
Staatsbürger Bauer ist!
Es ist hier also eine Inkonsequenz Hegels i n n e r h a l b
s e i n e r e i g n e n Anschauungsweise, und eine solche In-
konsequenz ist A k k o m m o d a t i o n. Das politisch-ständi-
sche Element ist im modernen Sinne, in dem von Hegel entwickelten
Sinne, die v o l l z o g e n e g e s e t z t e T r e n n u n g
d e r b ü r g e r l i c h e n G e s e l l s c h a f t v o n
i h r e m P r i v a t s t a n d u n d s e i n e n U n t e r-
s c h i e d e n. Wie kann Hegel den Privatstand zur L ö s u n g
der Antinomien der g e s e t z g e b e n d e n Gewalt in sich
selbst machen? Hegel will das mittelalterliche ständische System,
aber in dem modernen Sinn der gesetzgebenden Gewalt, und er will
die moderne gesetzgebende Gewalt, aber in dem Körper des
mittelalterlich-ständischen Systems! Es ist schlechtester
Synkretismus.
Anfang § 304 heißt es:
"Den in den früheren Sphären bereits vorhandenen Unterschied der
Stände enthält das politisch-ständische Element zugleich in sei-
ner eigenen Bestimmung."
Aber in seiner e i g e n e n Bestimmung enthält das politisch-
ständische Element diesen Unterschied nur dadurch, daß es ihn an-
nulliert, daß es ihn in sich vernichtigt, v o n i h m
a b s t r a h i e r t.
Wird der Bauernstand oder, wie wir weiter hören werden, der
p o t e n z i e r t e Bauernstand, der adlige Grundbesitz, als
solcher auf die beschriebene Weise zur Vermittelung des totalen
p o l i t i s c h e n Staates, der gesetzgebenden Gewalt
#301# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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in sich selbst gemacht, so ist das allerdings die Vermittelung
des ständisch-politischen Elements mit der fürstlichen Gewalt in
dem Sinn, als es die A u f l ö s u n g des politisch-ständi-
schen Elementes als eines wirklichen politischen Elementes ist.
Nicht der Bauernstand, sondern der S t a n d, der P r i-
v a t s t a n d, die A n a l y s e (Reduktion) des politisch-
ständischen Elementes in den Privatstand ist hier die
w i e d e r h e r g e s t e l l t e E i n h e i t d e s
p o l i t i s c h e n S t a a t s m i t s i c h s e l b s t,
nicht der B a u e r n s t a n d als solcher ist hier die
V e r m i t t e l u n g, sondern seine Trennung von dem poli-
tisch-ständischen E l e m e n t in seiner Qualität als
b ü r g e r l i c h e r P r i v a t s t a n d; dies, daß sein
Privatstand ihm eine gesonderte Stellung in dem politisch-ständi-
schen Element gibt, also auch der andre Teil des politisch-stän-
dischen Elements die Stellung eines b e s o n d r e n Privat-
standes erhält, also a u f h ö r t, das Staatsbürgertum der
bürgerlichen Gesellschaft zu repräsentieren.) Es ist hier nun
nicht mehr der p o l i t i s c h e Staat als z w e i
e n t g e g e n g e s e t z t e W i l l e n vorhanden, sondern
auf der einen Seite steht der politische Staat (Regierung und
Fürst) und auf der andern die bürgerliche Gesellschaft in ihrem
Unterschied vom politischen Staat. (Die verschiedenen Stände.)
Damit ist denn auch der politische Staat als T o t a l i t ä t
aufgehoben.
Der nächste Sinn der V e r d o p p e l u n g des politisch-
ständischen Elementes in sich selbst als einer Vermittelung mit
der fürstlichen Gewalt ist überhaupt, daß die T r e n n u n g
dieses Elementes in sich selbst, sein eigner Gegensatz in sich
selbst seine w i e d e r h e r g e s t e l l t e Einheit mit
der fürstlichen Gewalt ist. Der Grunddualismus zwischen dem
f ü r s t l i c h e n und dem ständischen Element der gesetzge-
benden Gewalt wird n e u t r a l i s i e r t durch den Dualis-
mus des ständischen Elementes in sich selbst. Bei Hegel aber ge-
schieht diese Neutralisation dadurch, daß das politisch-ständi-
sche Element sich von seinem p o l i t i s c h e n Element
selbst trennt.
Was den G r u n d b e s i t z als S u b s i s t e n z, welche
der S o u v e r ä n i t ä t des Willens, d e r f ü r s t-
l i c h e n S o u v e r ä n i t ä t, und das F a m i l i e n-
l e b e n als Basis des Bauernstandes, welche der N a t u r-
b e s t i m m u n g der fürstlichen Gewalt entsprechen soll,
betrifft, so kommen wir später darauf zurück. Hier im § 305 ist
das "P r i n z i p" des Bauernstandes entwickelt, "das für sich
fähig ist, zu dieser politischen Beziehung konstituiert zu
werden".
Im § 306 wird die "Konstituierung" "für die politische Stellung
und Bedeutung" vorgenommen, Sie reduziert sich darauf: "Das Ver-
mögen wird" "ein u n v e r ä u ß e r l i c h e s, mit dem
M a j o r a t belastetes E r b g u t". Das "Majorat" wäre also
die politische Konstituierung des Bauernstandes.
"Die Begründung des Majorats", heißt es im Zusatz, "liegt darin,
daß der Staat nicht auf b l o ß e M ö g l i c h k e i t der
Gesinnung, sondern auf ein N o t w e n d i g e s rechnen soll.
Nun ist die Gesinnung freilich an ein Vermögen nicht gebunden,
aber
#302# Karl Marx
-----
der r e l a t i v n o t w e n d i g e Zusammenhang ist, daß,
wer ein selbständiges Vermögen hat, von äußeren Umständen nicht
beschränkt ist und so ungehemmt auftreten und für den Staat han-
deln k a n n."
E r s t e r S a t z. Dem Staat genügt nicht "die b l o ß e
M ö g l i c h k e i t d e r G e s i n n u n g", er soll auf
ein "N o t w e n d i g e s" rechnen.
Z w e i t e r S a t z. "D i e G e s i n n u n g i s t a n
e i n V e r m ö g e n n i c h t g e b u n d e n", d. h.,
d i e G e s i n n u n g d e s V e r m ö g e n s i s t
e i n e "b l o ß e M ö g l i c h k e i t".
D r i t t e r S a t z. Aber es findet ein "r e l a t i v
n o t w e n d i g e r Z u s a m m e n h a n g" statt, nämlich,
"daß, wer ein selbständiges Vermögen hat etc., für den Staat han-
deln k a n n", d.h., das V e r m ö g e n gibt die "M ö g-
l i c h k e i t" der Staatsgesinnung, aber eben die "Möglich-
keit" genügt nach dem ersten Satz nicht.
Zudem hat Hegel nicht entwickelt, daß der G r u n d b e s i t z
das einzige "selbständige Vermögen" ist.
Die K o n s t i t u i e r u n g s e i n e s V e r m ö g e n s
z u r U n a b h ä n g i g k e i t ist die Konstituierung des
Bauernstandes "für die politische Stellung und Bedeutung". Oder
"die Unabhängigkeit des Vermögens" i s t seine "politische
Stellung und Bedeutung.
Diese Unabhängigkeit wird weiter so entwickelt:
Sein "V e r m ö g e n" ist "u n a b h ä n g i g vom
S t a a t s v e r m ö g e n". Unter Staatsvermögen wird hier of-
fenbar die R e g i e r u n g s k a s s e verstanden. In dieser
Beziehung steht "der a l l g e m e i n e Stand" "g e g e n-
ü b e r" "als vom S t a a t wesentlich abhängig So heißt es in
der Vorrede p. 13:
"Ohnehin" wird "bei uns die P h i l o s o p h i e nicht wie
etwa bei den Griechen als eine private Kunst exerziert", "sondern
sie" hat "eine öffentliche, das Publikum berührende Existenz,
vornehmlich oder a l l e i n im Staats d i e n s t e".
Also auch die Philosophie "w e s e n t l i c h" von der Regie-
rungskasse abhängig.
Sein V e r m ö g e n ist u n a b h ä n g i g "von der Unsi-
cherheit des Gewerbes, der Sucht des Gewinns und der Veränder-
lichkeit des Besitzes überhaupt". in dieser Hinsicht steht ihm
der "Stand des Gewerbes" "als der vom Bedürfnis abhängige und
darauf hingewiesene" gegenüber.
Dies Vermögen ist so "wie von der G u n s t der R e g i e-
r u n g s g e w a l t, so von der G u n s t der M e n g e"
unabhängig.
Er ist endlich selbst g e g e n d i e e i g e n e W i l l-
k ü r dadurch festgestellt, daß die für diese Bestimmung
berufenen Mitglieder dieses Standes, "des Rechts der anderen Bür-
ger, teils über ihr ganzes Eigentum frei zu disponieren, teils es
nach der Gleichheit der Liebe zu den Kindern, an sie übergehend
zu wissen, entbehren."
#303# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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Die Gegensätze haben hier eine ganz neue und sehr materielle Ge-
stalt angenommen, wie wir sie in dem Himmel des politischen Staa-
tes kaum erwarten durften.
Der Gegensatz, wie ihn Hegel entwickelt, ist in seiner Schärfe
ausgesprochen der Gegensatz von P r i v a t e i g e n t u m und
V e r m ö g e n.
Der G r u n d b e s i t z ist das P r i v a t e i g e n t u m
???' ?????? 1*), das e i g e n t l i c h e Privateigentum Seine
exakte Privatnatur tritt hervor 1. als "U n a b h ä n g i g-
k e i t vom S t a a t s v e r m ö g e n", der "G u n s t
d e r R e g i e r u n g s g e w a l t", dem Eigentum, wie es
als "allgemeines Eigentum des politischen Staats" existiert, ein
nach der Konstruktion des politischen Staates b e s o n d e-
r e s V e r m ö g e n neben anderen Vermögen; 2. als
"U n a b h ä n g i g k e i t vom Bedürfnis" der Sozietät oder
dem "sozialen Vermögen", der "Gunst der Menge". (Ebenso
bezeichnend ist, daß der Anteil am Staatsvermögen als "G u n s t
der R e g i e r u n g s g e w a l t", wie der Anteil am
sozialen Vermögen als "G u n s t der M e n g e" gefaßt wird.)
Das Vermögen des "allgemeinen Standes" und des "Gewerbestandes"
ist kein e i g e n t l i c h e s P r i v a t e i g e n t u m,
weil es dort d i r e k t, hier i n d i r e k t durch den
Zusammenhang mit dem allgemeinen Vermögen oder dem Eigentum als
sozialem Eigentum bedingt ist, eine P a r t i z i p a t i o n
an demselben ist, darum allerdings auf beiden Seiten durch
"Gunst", d.h. durch den "Zufall des Willens" vermittelt ist. Dem
gegenüber steht der G r u n d b e s i t z als das s o u-
v e r ä n e P r i v a t e i g e n t u m, das noch nicht die
Gestalt des Vermögens, d.h. eines durch den s o z i a l e n
W i l l e n gesetzten Eigentums, erreicht hat.
Die politische Verfassung in ihrer höchsten Spitze ist also die
V e r f a s s u n g d e s P r i v a t e i g e n t u m s. Die
höchste p o l i t i s c h e G e s i n n u n g ist die G e-
s i n n u n g d e s P r i v a t e i g e n t u m s. Das
M a j o r a t ist bloß die ä u ß e r e Erscheinung von der
i n n e r n Natur des G r u n d b e s i t z e s. Dadurch, daß
er u n v e r ä u ß e r l i c h ist, sind ihm die s o z i a-
l e n Nerven abgeschnitten und s e i n e I s o l i e r u n g
v o n d e r b ü r g e r l i c h e n G e s e l l s c h a f t
gesichert. Dadurch, daß er nicht nach der "Gleichheit der Liebe
zu den Kindern" übergeht, ist er sogar von der kleinem Sozietät,
der natürlichen Sozietät der F a m i l i e, ihrem Willen und
ihren Gesetzen losgesagt, unabhängig, bewahrt also die
s c h r o f f e Natur des P r i v a t e i g e n t u m s auch
vor dem Übergang in das F a m i l i e n v e r m ö g e n.
Hegel hatte § 305 den Stand des Grundbesitzes fähig erklärt, zu
der "politischen Beziehung" konstituiert zu werden, weil das
"Familienleben" seine ". Basis" sei. Er hat aber selbst die
"Liebe" für die Basis, für das Prinzip, für den G e i s t des
Familienlebens erklärt. In dem Stand, der das Familienleben zu
seiner Basis hat, fehlt also die B a s i s d e s F a-
m i l i e n l e b e n s, die Liebe als das
-----
1*) hauptsächlich
#304# Karl Marx
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wirkliche, also wirksame und determinierende Prinzip. Es ist das
g e i s t l o s e Familienleben, die I l l u s i o n des Fami-
lienlebens. In seiner höchsten Entwicklung widerspricht das
P r i n z i p d e s P r i v a t e i g e n t u m s dem
P r i n z i p d e r F a m i l i e. Es kommt also im Gegensatz
zum S t a n d d e r n a t ü r l i c h e n S i t t l i c h-
k e i t, des Familienlebens, vielmehr erst in der bürgerlichen
Gesellschaft das F a m i l i e n l e b e n zum Leben der
Familie, zum L e b e n der L i e b e. Jener ist vielmehr die
B a r b a r e i des Privateigentums gegen das Familienleben.
Das wäre also die s o u v e r ä n e H e r r l i c h k e i t
d e s P r i v a t e i g e n t u m s, des G r u n d b e s i t-
z e s, worüber in neueren Zeiten so viele Sentimentalitäten
stattgehabt haben und so viele buntfarbige Krokodilstränen
vergossen worden sind.
Es nützt Hegel nichts zu sagen, daß das M a j o r a t bloß eine
F o r d e r u n g d e r P o l i t i k sei und in seiner
p o l i t i s c h e n Stellung und Bedeutung gefaßt werden
müsse. E s nützt ihm nichts zu sagen:
"Die Sicherheit und Festigkeit dieses Standes kann noch durch die
Institution des Majorats vermehrt werden, welche jedoch n u r
i n p o l i t i s c h e r R ü c k s i c h t wünschenswert ist,
denn es ist damit ein Opfer für den p o l i t i s c h e n
Z w e c k verbunden, daß der Erstgeborene u n a b h ä n g i g
l e b e n k ö n n e."
Es ist bei Hegel eine gewisse Dezenz, der A n s t a n d d e s
V e r s t a n d e s. Er will nicht das Majorat an und für sich,
er will es nur in bezug auf ein andres, nicht als Selbstbestim-
mung, sondern als Bestimmtheit eines andren, nicht als Zweck,
sondern als M i t t e l zu einem Zweck rechtfertigen und kon-
struieren. In Wahrheit ist das Majorat eine Konsequenz des
e x a k t e n Grundbesitzes, das versteinerte Privateigentum,
das Privateigentum (quand même 1*)) in der höchsten Selbständig-
keit und Schärfe seiner Entwicklung, und was Hegel als den Zweck,
als das Bestimmende, als die prima causa 2*) des Majorats dar-
stellt, ist vielmehr ein Effekt desselben, eine Konsequenz, die
Macht des a b s t r a k t e n P r i v a t e i g e n t u m s
über d e n p o l i t i s c h e n S t a a t, während Hegel das
Majorat als die M a c h t d e s p o l i t i s c h e n
S t a a t e s ü b e r d a s P r i v a t e i g e n t u m dar-
stellt. Er macht die Ursache zur Wirkung und die Wirkung zur Ur-
sache, das Bestimmende zum Bestimmten und das Bestimmte zum Be-
stimmenden.
Allein was ist der I n h a l t der politischen Konstituierung,
des politischen Zweckes, was ist der Zweck dieses Zweckes? Was
seine Substanz? Das M a j o r a t, der S u p e r l a t i v
d e s P r i v a t e i g e n t u m s, das s o u v e r ä n e
P r i v a t e i g e n t u m. Welche Macht übt der politische
Staat über das Privateigentum im Majorat aus? Daß er es
i s o l i e r t von der Familie und der Sozietät, daß er es zu
seiner a b s t r a k t e n V e r s e l b s t ä n d i g u n g
bringt. Welches ist also die Macht des politischen Staates über
das Privateigentum? Die e i g n e M a c h t d e s
P r i v a t e i g e n t u m s, sein
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1*) unter allen Umständen - 2*) Hauptursache
#305# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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zur Existenz gebrachtes Wesen. Was bleibt dem politischen Staat
im Gegensatz zu diesem Wesen übrig? Die I l l u s i o n, daß er
bestimmt, wo er bestimmt wird Er bricht allerdings den
W i l l e n d e r F a m i l i e u n d d e r S o z i e t ä t,
aber nur um dem W i l l e n d e s f a m i l i e n- u n d
s o z i e t ä t s l o s e n P r i v a t e i g e n t u m s Da-
sein zu geben und dieses Dasein als das höchste Dasein des poli-
tischen Staates, als das höchste s i t t l i c h e Dasein anzu-
erkennen.
Betrachten wir die verschiedenen Elemente, wie sie sich hier in
der g e s e t z g e b e n d e n G e w a l t, dem totalen, dem
zur Wirklichkeit und zur Konsequenz, zum Bewußtsein gekommenen
Staat, dem w i r k l i c h e n politischen Staat verhalten, [im
Zusammenhange] mit der i d e e l l e n oder s e i n sollen-
den, mit der l o g i s c h e n Bestimmung und Gestalt dieser
Elemente.
(Das Majorat ist nicht, wie Hegel sagt, "eine Fessel, die der
Freiheit des Privatrechts angelegt ist", es ist vielmehr die
"Freiheit des Privatrechts, die sich von allen sozialen und sitt-
lichen Fesseln befreit hat".) ("Die höchste politische Konstruk-
tion ist hier die Konstruktion des abstrakten Privateigentums.")
Ehe wir diese Vergleichung anstellen, ist noch ein näherer Blick
auf eine Bestimmung des Paragraphen zu werfen, nämlich darauf,
daß durch das Majorat das Vermögen des Bauernstandes, der Grund-
besitz, das Privateigentum selbst g e g e n d i e e i g e n e
W i l l k ü r dadurch festgestellt ist, daß die für diese Be-
stimmung berufenen Mitglieder dieses Standes des Rechts der an-
dern Bürger über ihr ganzes Eigentum frei zu disponieren, entbeh-
ren".
Wir haben schon hervorgehoben, wie durch die "Unveräußerlichkeit"
des Grundbesitzes die sozialen Nerven des Privateigentums abge-
schnitten werden. Das Privateigentum (der Grundbesitz) ist gegen
die e i g n e W i l l k ü r des Besitzers dadurch festge-
stellt, daß die Sphäre seiner Willkür aus einer allgemein men-
schlichen zur s p e z i f i s c h e n W i l l k ü r d e s
P r i v a t e i g e n t u m s umgeschlagen, das Privateigentum
zum S u b j e k t des Willens geworden ist; der Wille bloß mehr
das P r ä d i k a t des Privateigentums ist. Das Privateigentum
ist nicht mehr ein b e s t i m m t e s Objekt der Willkür, son-
dern die Willkür ist das b e s t i m m t e Prädikat des Privat-
eigentums. Doch vergleichen wir, was Hegel selbst innerhalb der
Sphäre des Privatrechts sagt:
"§ 65 Meines Eigentums kann ich mich e n t ä u ß e r n, da es
das meinige nur ist, insofern ich meinen Willen darin lege [...],
aber nur insofern die Sache i h r e r N a t u r nach ein
Ä u ß e r l i c h e s ist."
"§ 66 U n v e r ä u ß e r l i c h sind daher diejenigen Güter
oder vielmehr substantiellen Bestimmungen, sowie das Recht an sie
u n v e r j ä h r b a r, welche meine eigenste Person und das
allgemeine Wesen meines Selbstbewußtseins ausmachen, wie meine
Persönlichkeit überhaupt, meine allgemeine Willensfreiheit, Sitt-
lichkeit, Religion."
Im Majorat wird also der Grundbesitz, das exakte Privateigentum,
ein
#306# Karl Marx
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u n v e r ä u ß e r l i c h e s Gut, also eine s u b s t a n-
t i e l l e B e s t i m m u n g, welche die "eigenste Person,
das allgemeine Wesen des Selbstbewußtseins" des majoratsherr-
lichen Standes ausmachen, seine "Persönlichkeit überhaupt, seine
allgemeine Willensfreiheit, Sittlichkeit, Religion". Es ist daher
auch konsequent, daß, wo das Privateigentum, der Grundbesitz
u n v e r ä u ß e r l i c h, dagegen die "allgemeine Willens-
freiheit" (wozu auch die freie Disposition über ein Äußerliches,
wie der Grundbesitz ist, gehört) und die S i t t l i c h k e i t
(wozu die L i e b e als der wirkliche, auch als das wirkliche
Gesetz der Familie sich ausweisende Geist gehört) veräußerlich
sind. Die "U n v e r ä u ß e r l i c h k e i t" d e s P r i-
v a t e i g e n t u m s ist in einem die "V e r ä u ß e r-
l i c h k e i t" d e r a l l g e m e i n e n W i l l e n s-
f r e i h e i t u n d S i t t l i c h k e i t. Das Eigentum
ist hier nicht mehr, insofern "ich meinen Willen darin lege",
sondern mein Wille ist, "insofern er im Eigentum liegt". Mein
Wille besitzt hier nicht, sondern ist besessen. Das ist eben der
r o m a n t i s c h e Kitzel der Majoratsherrlichkeit, daß hier
das Privateigentum, also die Privatwillkür in ihrer abstraktesten
Gestalt, daß der g a n z b o r n i e r t e, unsittliche, rohe
Willen als die höchste Synthese des politischen Staates, als die
höchste Entäußerung der Willkür, als der härteste, aufopferndste
Kampf mit der m e n s c h l i c h e n S c h w ä c h e er-
scheint, denn als m e n s c h l i c h e Schwäche erscheint hier
die H u m a n i s i e r u n g, die V e r m e n s c h l i-
c h u n g des Privateigentums. Das M a j o r a t ist das sich
selbst zur R e l i g i o n gewordene, das in sich selbst
versunkene, von seiner Selbständigkeit und Herrlichkeit e n t-
z ü c k t e P r i v a t e i g e n t u m. Wie das Majorat der
direkten Veräußerung, so ist es auch dem V e r t r a g e
entnommen. Hegel stellt den Übergang vom Eigenturn zum Vertrage
folgendermaßen dar:
"§ 71. Das Dasein ist als bestimmtes Sein wesentlich Sein für an-
deres; [...] das Eigentum, nach der Seite, daß es ein Dasein als
äußerliche Sache ist, ist für andere Äußerlichkeiten und im Zu-
sammenhange dieser Notwendigkeit und Zufälligkeit. Aber als Da-
sein des W i l l e n s ist es als für anderes nur f ü r d e n
W i l l e n einer anderen Person. Diese Beziehung von Willen auf
Willen ist der eigentümliche und wahrhafte Boden, in welchem die
Freiheit D a s e i n hat. Diese Vermittelung, E i g e n t u m
nicht mehr nur vermittelst e i n e r S a c h e u n d m e i-
n e s s u b j e k t i v e n Willens zu haben, sondern ebenso
vermittelst eines anderen Willens und hiermit in einem
g e m e i n s a m e n Willen zu haben, macht die Sphäre des
V e r t r a g s aus.
(Im Majorat ist es zum Staatsgesetz gemacht, das Eigentum nicht
in e i n e m g e m e i n s a m e n Willen, sondern nur "ver-
mittelst einer S a c h e und meines s u b j e k t i v e n
W i l l e n s zu haben".) Während Hegel hier im P r i v a t-
r e c h t die V e r ä u ß e r l i c h k e i t und die Abhän-
gigkeit des Privateigentums von einem g e m e i n s a m e n
Willen als seinen w a h r e n I d e a l i s m u s auffaßt,
wird umgekehrt im S t a a t s r e c h t die imaginäre
Herrlichkeit eines unabhängigen Eigentums im Gegensatz zu der
"Unsicherheit des Gewerbes, der Sucht des Gewinns, der
Veränderlichkeit
#307# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
des Besitzes, der Abhängigkeit vom Staatsvermögen" gepriesen.
Welch ein Staat, der nicht einmal den Idealismus des Privatrechts
ertragen kann? Welch eine Rechtsphilosophie, wo die Selbständig-
keit des Privateigentums eine andere Bedeutung im Privatrecht als
im Staatsrecht hat?
Gegen die r o h e S t u p i d i t ä t des unabhängigen Privat-
eigentums ist die Unsicherheit des Gewerbes elegisch, die Sucht
des Gewinns pathetisch (dramatisch), die Veränderlichkeit des Be-
sitzes ein ernstes Fatum (tragisch), die Abhängigkeit vom Staats-
vermögen sittlich. Kurz, in allen diesen Qualitäten schlägt das
m e n s c h l i c h e H e r z durch das Eigentum durch, es ist
Abhängigkeit des Menschen vom Menschen. Wie sie immerhin an und
für sich beschaffen sei, sie ist menschlich gegenüber dem Skla-
ven, der sich frei dünkt, weil die Sphäre, die ihn beschränkt,
nicht die Sozietät, sondern die S c h o l l e ist; die Freiheit
dieses Willens ist seine L e e r h e i t von anderem Inhalt als
dem des P r i v a t e i g e n t u m s.
Solche Mißgeburten wie das Majorat als eine Bestimmung des Pri-
vateigentums durch den politischen Staat zu definieren, ist über-
haupt unumgänglich, wenn man eine alte Weltanschauung im Sinn ei-
ner neuen interpretiert, wenn man einer Sache, wie hier dem Pri-
vateigentum, eine doppelte Bedeutung, eine andere im Gerichtshof
des abstrakten Rechts, eine entgegengesetzte im Himmel des poli-
tischen Staats gibt.
Wir kommen zu der oben angedeuteten Vergleichung.
§ 257 heißt es:
"Der Staat ist die Wirklichkeit der sittlichen Idee - der sittli-
che Geist als der o f f e n b a r e, sich selbst deutliche,
substantielle Wille... An d e r S i t t e hat er seine unmit-
telbare und an dem S e l b s t b e w u ß t s e i n des Einzel-
nen... seine vermittelte Existenz, so wie dieses durch die Gesin-
nung in ihm, als seinem Wesen, Zweck und Produkte seiner Tätig-
keit, seine s u b s t a n t i e l l e F r e i h e i t hat."
§ 268 heißt es:
"Die politische G e s i n n u n g, der P a t r i o t i s m u s
überhaupt, als die in W a h r h e i t stehende Gewißheit und
das zur G e w o h n h e i t gewordene Wollen ist nur Resultat
der im Staate bestehenden Institutionen, als in welchem die Ver-
nünftigkeit w i r k l i c h vorhanden ist, so wie sie durch das
ihnen gemäße Handeln ihre Betätigung erhält. - Diese Gesinnung
ist überhaupt das Z u t r a u e n (das zu mehr oder weniger ge-
bildeter Einsicht übergehen kann), - das Bewußtsein, daß mein
substantielles und besonderes Interesse, im Interesse und Zwecke
eines Andern (hier des Staats) als im Verhältnis zu mir als Ein-
zelnen bewahrt und enthalten ist -, womit eben dieser unmittelbar
kein Anderer für mich ist und Ich in diesem Bewußtsein frei bin."
Die W i r k l i c h k e i t der sittlichen Idee erscheint hier
als die R e l i g i o n d e s P r i v a t e i g e n t u m s
(weil sich im Majorat das Privateigentum zu sich selbst auf
#308# Karl Marx
-----
religiöse Weise verhält, so kommt es, daß in unseren modernen
Zeiten die Religion überhaupt zu einer dem Grundbesitz inhärenten
Qualität geworden ist und alle majoratsherrlichen Schriften voll
religiöser Salbung sind. Die Religion ist die höchste Denkform
dieser Brutalität). Der "o f f e n b a r e, sich selbst deutli-
che, substantielle Wille" verwandelt sich in einen dunklen, an
der Scholle gebrochenen Willen, der eben von der Undurchdring-
lichkeit des Elements, an dem er haftet, berauscht ist. "Die in
Wahrheit stehende Gewißheit", welche die "politische Gesinnung
ist", ist die auf "eigenem Boden" (im wörtlichen Sinne) stehende
Gewißheit. Das zur "Gewohnheit gewordene" politische "Wollen" ist
nicht mehr "nur Resultat" etc., sondern eine außer dem Staat be-
stehende Institution. Die politische Gesinnung ist nicht mehr das
"Z u t r a u e n", sondern vielmehr das "Vertrauen, das Bewußt-
sein, daß mein substantielles und besonderes Interesse
u n a b h ä n g i g vom Interesse und Zweck eines Andern (hier
des Staats) im Verhältnis zu mir als Einzelnen" ist. Das ist das
Bewußtsein meiner F r e i h e i t v o m S t a a t e.
Die "Festhaltung des a l l g e m e i n e n S t a a t s i n t e-
r e s s e s" etc. war (§ 289) die Aufgabe der "Regie-
rungsgewalt". In ihr residierte "die gebildete Intelligenz und
das rechtliche Bewußtsein der Masse eines Volkes" (§ 297). Sie
macht "eigentlich die Stände überflüssig", denn sie "k ö n n e n
ohne Stände das Beste tun, wie sie auch fortwährend bei den
ständischen Versammlungen das Beste tun müssen" (§ 301
Anmerkung). Der
"allgemeine, näher dem Dienst der Regierung sich widmende Stand
hat unmittelbar zu seiner Bestimmung, das Allgemeine zum Zwecke
seiner wesentlichen Tätigkeit zu haben".
Und wie erscheint der allgemeine Stand, die Regierungsgewalt
jetzt? "Als vom Staat wesentlich abhängig", als das "Vermögen,
a b h ä n g i g v o n d e r G u n s t d e r R e g i e-
r u n g s g e w a l t". Dieselbe Umwandlung ist mit der bürger-
lichen Gesellschaft vorgegangen, die früher in der Korporation
ihre Sittlichkeit erreicht hat. Sie ist ein Vermögen, abhängig
"von der Unsicherheit des Gewerbes" etc., von "der Gunst der
Menge".
Welches ist also die angeblich spezifische Qualität des Majorats-
herrn? Und worin kann überhaupt die s i t t l i c h e Qualität
eines u n v e r ä u ß e r l i c h e n Vermögens bestehn? In der
U n b e s t e c h l i c h k e i t. Die U n b e s t e c h-
l i c h k e i t erscheint als die h ö c h s t e politische Tu-
gend, eine abstrakte Tugend. Dabei ist die Unbestechlichkeit in
dem von Hegel konstruierten Staat etwas so Apartes, daß sie als
eine b e s o n d r e politische Gewalt konstruiert werden muß,
also eben dadurch bewußt, daß sie nicht der Geist des politischen
Staates, nicht die Regel, sondern die A u s n a h m e ist, und
als solche Ausnahme ist sie konstruiert. Man besticht die
Majoratsherren durch ihr unabhängiges Eigentum, um sie vor der
Bestechlichkeit zu konservieren. Während nach der Idee die
A b h ä n g i g k e i t
#309# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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vom Staat und das Gefühl dieser Abhängigkeit die höchste politi-
sche Freiheit sein sollte, weil sie die Empfindung der Privatper-
son als einer abstrakten, abhängigen Person ist und diese viel-
mehr sich erst als Staatsbürger u n a b h ä n g i g fühlt und
fühlen soll, wird hier die u n a b h ä n g i g e P r i v a t-
p e r s o n konstruiert. "Ihr Vermögen ist [ebenso] unabhängig
vom Staatsvermögen als von der Unsicherheit des Gewerbes" etc.
Ihr steht gegenüber "der Stand des Gewerbes, als der vom
Bedürfnis abhängige und darauf hingewiesene, und allgemeine
Stand, als vom Staat wesentlich abhängig". Hier ist also
U n a b h ä n g i g k e i t vom Staat und der bürgerlichen Ge-
sellschaft, und diese verwirklichte Abstraktion von beiden, die
realiter die rohste A b h ä n g i g k e i t v o n d e r
S c h o l l e ist, bildet in der gesetzgebenden Gewalt die Ver-
mittelung und die Einheit beider. Das u n a b h ä n g i g e
P r i v a t v e r m ö g e n, d.h. das abstrakte Privatvermögen
und die ihm entsprechende P r i v a t p e r s o n, sind die
höchste Konstruktion des politischen Staates. Die politische
"Unabhängigkeit" ist konstruiert als das "unabhängige Privatei-
gentum" und die "Person dieses unabhängigen Privateigentums". Wir
werden im nächsten sehn, wie es mit der "Unabhängigkeit" und
"Unbestechlichkeit" und der daraus hervorgehenden Staatsgesinnung
re vera 1*) steht.
Daß das M a j o r a t E r b g u t ist, spricht von selbst. Das
Nähere hierüber später. Daß es, wie Hegel im Zusatz bemerkt, der
E r s t g e b o r n e ist, ist rein historisch.
"§ 307. Das Recht dieses Teils des substantiellen Standes ist auf
diese Weise zwar einerseits auf das Naturprinzip der Familie ge-
gründet, dieses aber zugleich durch h a r t e A u f o p f e-
r u n g e n für den p o l i t i s c h e n Z w e c k verkehrt,
w o m i t dieser Stand wesentlich an die Tätigkeit für diesen
Zweck angewiesen und gleichfalls in Folge hiervon ohne die
Zufälligkeit einer Wahl durch die G e b u r t dazu berufen und
b e r e c h t i g t ist."
Inwiefern das Recht dieses substantiellen Standes auf das
N a t u r p r i n z i p der Familie gegründet ist, hat Hegel
nicht entwickelt, es sei denn, daß er hierunter verstehe, daß der
Grundbesitz als E r b g u t existiert. Damit ist kein Recht
dieses Standes im politischen Sinne entwickelt, sondern nur das
Recht der Majoratsherrn auf den Grundbesitz per Geburt. "Dieses",
das Naturprinzip der Familie, ist "aber zugleich durch harte Auf-
opferungen für den politischen Zweck verkehrt". Wir haben aller-
dings gesehn, wie hier "das Naturprinzip der Familie verkehrt"
wird, wie dies aber "keine harte Aufopferung für den politischen
Zweck", sondern nur die v e r w i r k l i c h t e A b-
s t r a k t i o n d e s P r i v a t e i g e n t u m s ist.
Vielmehr wird durch diese V e r k e h r u n g d e s
N a t u r p r i n z i p e s d e r F a m i l i e ebenso der po-
litische Zweck verkehrt, "w o m i t (?) dieser Stand
-----
1*) in Wirklichkeit
#310# Karl Marx
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wesentlich an die Tätigkeit für diesen Zweck angewiesen - durch
die Verselbständigung des Privateigentums? - "und gleichfalls in
Folge hiervon ohne die Zufälligkeit einer Wahl durch die Geburt
dazu berufen und berechtigt".
Hier ist also die P a r t i z i p a t i o n an d e r
g e s e t z g e b e n d e n G e w a l t ein a n g e b o r-
n e s Menschenrecht. Hier haben wir g e b o r e n e G e-
s e t z g e b e r, die g e b o r e n e V e r m i t t e l u n g
d e s p o l i t i s c h e n S t a a t e s m i t s i c h
s e l b s t. Man hat sich, besonders von seiten der Majorats-
herrn, sehr mokiert über die a n g e b o r n e n M e n-
s c h e n r e c h t e. Ist es nicht komischer, daß einer beson-
dern Menschenrasse das Recht der höchsten Würde der gesetz-
gebenden Gewalt anvertraut ist? Nichts ist lächerlicher, als daß
Hegel die Berufung zum Gesetzgeber, zum Repräsentant des Staats-
bürgertums durch die "Geburt" der Berufung durch "die
Zufälligkeit einer Wahl" entgegenstellt. Als wenn die W a h l,
das bewußte Produkt des bürgerlichen Vertrauens, nicht in einem
ganz andern notwendigen Zusammenhang mit dem politischen Zweck
stände, als der physische Zufall der Geburt. Hegel sinkt überall
von seinem politischen Spiritualismus in den krassesten
M a t e r i a l i s m u s herab. Auf den Spitzen des politischen
Staates ist es überall die Geburt, welche bestimmte Individuen zu
Inkorporationen der höchsten Staatsaufgaben macht. Die höchsten
Staatstätigkeiten fallen mit den Individuen durch die Geburt zu-
sammen, wie die Stelle des Tiers, sein Charakter, Lebensweise
etc. unmittelbar ihm angeboren wird. Der Staat in seinen höchsten
Funktionen erhält eine t i e r i s c h e Wirklichkeit. Die Na-
tur rächt sich an Hegel wegen der ihr bewiesenen Verachtung. Wenn
die Materie nichts für sich mehr sein sollte gegen den menschli-
chen Willen, so behält hier der menschliche Wille nichts mehr für
sich außer der Materie.
Die f a l s c h e Identität, die f r a g m e n t a r i-
s c h e, s t e l l e n w e i s e Identität zwischen Natur und
Geist, Körper und Seele, erscheint als I n k o r p o r a-
t i o n. Da die Geburt dem Menschen nur das i n d i-
v i d u e l l e Dasein gibt und ihn zunächst nur als
n a t ü r l i c h e s Individuum setzt, die staatlichen Bestim-
mungen wie die g e s e t z g e b e n d e Gewalt etc. aber
s o z i a l e P r o d u k t e, Geburten der Sozietät und nicht
Zeugungen des natürlichen Individuums sind, so ist eben die un-
mittelbare Identität, das unvermittelte Zusammenfallen zwischen
der G e b u r t d e s I n d i v i d u u m s und dem Indivi-
duum als I n d i v i d u a t i o n e i n e r b e s t i m m-
t e n s o z i a l e n S t e l l u n g, F u n k t i o n etc.
das Frappante, das W u n d e r. Die Natur m a c h t in diesem
System unmittelbar Könige, sie macht unmittelbar P a i r s
etc., wie sie Augen und Nasen macht. Das Frappante ist, als
unmittelbares Produkt der physischen Gattung zu sehn, was nur das
Produkt der selbstbewußten Gattung ist. Mensch bin ich durch die
Geburt ohne die Übereinstimmung der Gesellschaft, Pair oder König
wird diese bestimmte Geburt erst durch die allgemeine
#311# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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Übereinstimmung. Die Übereinstimmung macht die Geburt dieses Men-
schen erst zur Geburt eines Königs: also ist es die Übereinstim-
mung und nicht die Geburt, die den König macht. Wenn die Geburt,
im Unterschied von den andern Bestimmungen, dem Menschen unmit-
telbar eine Stellung gibt so macht ihn s e i n K ö r p e r zu
d i e s e m b e s t i m m t e n sozialen Funktionär. S e i n
K ö r p e r ist sein s o z i a l e s Recht. In diesem System
erscheint die k ö r p e r l i c h e W ü r d e d e s M e n-
s c h e n oder die W ü r d e d e s m e n s c h l i c h e n
K ö r p e r s (was weiter ausgeführt lauten kann: die Würde des
physischen Naturelements des Staats) so, daß bestimmte, und zwar
die höchsten sozialen Würden die Würden b e s t i m m t e r
durch d i e G e b u r t p r ä d e s t i n i e r t e r K ö r-
p e r s i n d. Es ist daher bei dem Adel natürlich der Stolz
auf das Blut, die Abstammung, kurz die L e b e n s g e-
s c h i c h t e i h r e s K ö r p e r s; es ist natürlich
diese z o o l o g i s c h e Anschauungsweise, die in der
H e r a l d i k die ihr entsprechende Wissenschaft besitzt. Das
Geheimnis des Adels ist die Z o o l o g i e.
Es sind zwei Momente bei dem erblichen Majorat hervorzuheben:
1. Das Bleibende ist das E r b g u t, der G r u n d-
b e s i t z. Es ist das Beharrende in dem Verhältnis die
S u b s t a n z. Der Majoratsherr, der Besitzer, ist eigentlich
nur A k z i d e n s. Der Grundbesitz a n t h r o p o m o r-
p h i s i e r t sich in den verschiedenen Geschlechtern. Der
G r u n d b e s i t z e r b t gleichsam immer den Erstgebornen
des Hauses als das an es gefesselte Attribut. Jeder Erstgeborne
in der Reihe der Grundbesitzer ist das E r b t e i l, das
E i g e n t u m des u n v e r ä u ß e r l i c h e n G r u n d-
b e s i t z e s, die p r ä d e s t i n i e r t e S u b-
s t a n z s e i n e s W i l l e n s und seiner T ä t i g-
k e i t. Das Subjekt ist die Sache und das Prädikat der Mensch.
Der Wille wird zum Eigentum des Eigentums.
2. Die p o l i t i s c h e Q u a l i t ä t des Majoratsherren
ist die p o l i t i s c h e Q u a l i t ä t seines Erbguts,
eine diesem Erbgut inhärente p o l i t i s c h e Q u a l i-
t ä t. Die politische Qualität erscheint hier also ebenfalls als
E i g e n t u m des G r u n d e i g e n t u m s, als eine
Qualität, die unmittelbar der r e i n p h y s i s c h e n Er-
de (Natur) zukommt.
Was das erste angeht, so folgt daraus, daß der Majoratsherr der
L e i b e i g e n e des G r u n d e i g e n t u m s ist und
daß in den L e i b e i g e n e n, die ihm untertan sind, nur
die p r a k t i s c h e Konsequenz des t h e o r e t i-
s c h e n Verhältnisses erscheint, in welchem er selbst sich zu
dem Grundbesitz befindet. Die Tiefe der germanischen Subjek-
tivität erscheint überall als die Roheit einer geistlosen
Objektivität.
Es ist hier auseinanderzusetzen das Verhältnis 1. zwischen
P r i v a t e i g e n t u m und E r b s c h a f t, 2. zwischen
P r i v a t e i g e n t u m, Erbschaft und dadurch dem Privile-
gium gewisser Geschlechter auf Teilnahme an der politischen Sou-
veränität, 3. das w i r k l i c h e h i s t o r i s c h e
V e r h ä l t n i s oder das g e r m a n i s c h e Verhältnis.
#312# Karl Marx
-----
Wir haben gesehn, daß das Majorat die Abstraktion des
"u n a b h ä n g i g e n P r i v a t e i g e n t u m s" ist. Es
schließt sich eine zweite Konsequenz hieran an. Die
U n a b h ä n g i g k e i t, die S e l b s t ä n d i g k e i t
in dem politischen Staat, dessen Konstruktion wir bisher verfolgt
haben, ist das P r i v a t e i g e n t u m, was auf seiner
Spitze als u n v e r ä u ß e r l i c h e r G r u n d b e-
s i t z erscheint. Die politische Unabhängigkeit fließt daher
nicht ex proprio sinu 1*) des politischen Staats, sie ist keine
Gabe des politischen Staats an seine Glieder, sie ist nicht der
ihn beseelende Geist, sondern die Glieder des politischen Staats
empfangen ihre Unabhängigkeit von einem Wesen, welches nicht das
Wesen des politischen Staats ist, von einem Wesen des abstrakten
Privatrechts, vom abstrakten P r i v a t e i g e n t u m. Die
politische Unabhängigkeit ist ein Akzidens des Privateigentums,
nicht die Substanz des politischen Staats. Der politische Staat
und in ihm die g e s e t z g e b e n d e Gewalt, wie wir ge-
sehn, ist das enthüllte Mysterium von dem w a h r e n W e r t
u n d W e s e n der Staatsmomente. Die Bedeutung, die das
P r i v a t e i g e n t u m im politischen Staat hat, ist seine
w e s e n t l i c h e, seine wahre Bedeutung; die Bedeutung, die
der S t a n d e s u n t e r s c h i e d im politischen Staat
hat, ist die w e s e n t l i c h e B e d e u t u n g des Stan-
desunterschiedes. Ebenso kommt das W e s e n der fürstlichen
[Macht] und der Regierung in der "g e s e t z g e b e n d e n
G e w a l t" zur Erscheinung. Hier, in der Sphäre des politi-
schen Staates, ist es, daß sich die einzelnen Staatsmomente zu
sich als dem Wesen d e r G a t t u n g, als dem "Gattungs-
wesen" verhalten; weil der politische Staat die Sphäre ihrer
allgemeinen Bestimmung, ihre r e l i g i ö s e S p h ä r e
ist. Der p o l i t i s c h e Staat ist der S p i e g e l
d e r W a h r h e i t für die verschiedenen Momente des k o n-
k r e t e n Staats.
Wenn also das "unabhängige Privateigentum" im politischen Staat,
in der gesetzgebenden Gewalt, die B e d e u t u n g der
p o l i t i s c h e n U n a b h ä n g i g k e i t hat, so
i s t es die p o l i t i s c h e U n a b h ä n g i g k e i t
des Staats. Das "unabhängige Privateigentum" oder das "w i r k-
l i c h e Privateigentum" ist dann nicht nur die "Stütze der
Verfassung", sondern die "V e r f a s s u n g s e l b s t". Und
die Stütze der Verfassung ist doch wohl die Verfassung der
Verfassungen, die primäre, die wirkliche Verfassung?
Hegel machte bei Konstruierung des erblichen Monarchen, gleichsam
selbst überrascht über "die immanente Entwicklung einer Wissen-
schaft, die A b l e i t u n g i h r e s g a n z e n I n-
h a l t e s aus dem einfachen B e g r i f f e" (§ 279 An-
merkung), die Bemerkung:
"So ist es das Grundmoment der zuerst im unmittelbaren Rechte
a b s t r a k t e n P e r s ö n l i c h k e i t, welches sich
durch seine verschiedenen Formen von Subjektivität
-----
1*) aus dem eigenen Wesen
#313# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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fortgebildet hat und hier im absoluten Rechte, dem Staate, der
vollkommen konkreten Objektivität des Willens, die P e r s ö n-
l i c h k e i t d e s S t a a t s ist, seine G e w i ß-
h e i t s e i n e r s e l b s t."
D.h., im politischen Staat kommt es zur E r s c h e i n u n g,
daß die "a b s t r a k t e P e r s ö n l i c h k e i t" die
h ö c h s t e p o l i t i s c h e Persönlichkeit, die politi-
sche Basis des ganzen Staats ist. Ebenso kommt im Majorat das
Recht dieser abstrakten Persönlichkeit, ihre O b j e k t i v i-
t ä t, das "abstrakte Privateigentum" als die höchste Objektivi-
tät des Staates, als sein h ö c h s t e s R e c h t zum Da-
sein.
Der Staat ist erblicher Monarch, abstrakte Persönlichkeit heißt
nichts als die Persönlichkeit des Staats ist abstrakt, oder es
ist der Staat der abstrakten Persönlichkeit, wie denn auch die
Römer das Recht des Monarchen rein innerhalb der Normen des Pri-
vatrechts oder das Privatrecht als die höchste Norm des Staats-
rechts entwickelt haben.
Die R ö m e r sind die Rationalisten, die Germanen die M y-
s t i k e r des souveränen Privateigentums.
Hegel bezeichnet das Privatrecht als das R e c h t d e r
a b s t r a k t e n P e r s ö n l i c h k e i t oder als das
a b s t r a k t e R e c h t. Und in Wahrheit muß es als die
A b s t r a k t i o n des Rechts und damit als das i l l u-
s o r i s c h e R e c h t d e r a b s t r a k t e n P e r-
s ö n l i c h k e i t entwickelt werden, wie die von Hegel
entwickelte Moral das i l l u s o r i s c h e D a s e i n
d e r a b s t r a k t e n S u b j e k t i v i t ä t ist. Hegel
entwickelt das Privatrecht und die Moral als solche Abstraktio-
nen, woraus bei ihm nicht folgt, daß der Staat, die Sittlichkeit,
die sie zu Voraussetzungen hat, nichts als die S o z i e t ä t
(das soziale Leben) dieser Illusionen sein kann, sondern umge-
kehrt geschlossen wird, daß sie subalterne Momente dieses sittli-
chen Lebens sind. Aber was ist das Privatrecht anders als das
Recht, und die Moral anders als die Moral dieser Staatssubjekte?
Oder vielmehr die Person des Privatrechts und das Subjekt der Mo-
ral sind die P e r s o n und das S u b j e k t des Staats.
Man hat Hegel vielfach angegriffen über seine Entwicklung der Mo-
ral. Er hat nichts getan als die Moral des modernen Staats und
des modernen Privatrechts entwickelt. Man hat die Moral mehr vom
Staat trennen, sie mehr emanzipieren wollen. Was hat man damit
bewiesen? Daß die Trennung des jetzigen Staats von der Moral mo-
ralisch ist, daß die Moral unstaatlich und der Staat unmoralisch
ist. Es ist vielmehr ein großes, obgleich nach einer Seite hin
(nämlich nach der Seite hin, daß Hegel den Staat, der eine solche
Moral zur Voraussetzung hat, für die reale Idee der Sittlichkeit
ausgibt) unbewußtes Verdienst Hegels, der modernen Moral ihre
wahre Stellung angewiesen zu haben.
In der Verfassung, worin das M a j o r a t eine Garantie ist,
ist das P r i v a t e i g e n t u m die Garantie der politi-
schen Verfassung. Im Majorat erscheint das so, daß eine
b e s o n d e r e Art von Privateigentum diese Garantie ist. Das
M a j o r a t
#314# Karl Marx
-----
ist bloß eine besondere Existenz des allgemeinen Verhältnisses
von P r i v a t e i g e n t u m u n d p o l i t i s c h e m
S t a a t. Das Majorat ist der p o l i t i s c h e Sinn des
Privateigentums, das Privateigentum in seiner politischen Bedeu-
tung, d.h. in seiner allgemeinen Bedeutung. Die Verfassung ist
also hier V e r f a s s u n g d e s P r i v a t e i g e n-
t u m s.
Wo wir das Majorat in seiner k l a s s i s c h e n Ausbildung
antreffen, bei den germanischen Völkern, finden wir auch die Ver-
fassung des P r i v a t e i g e n t u m s. Das P r i v a t-
e i g e n t u m ist die allgemeine Kategorie, das allgemeine
Staatsband. Selbst die allgemeinen Funktionen erscheinen als
Privateigentum bald einer Korporation, bald eines Standes.
Handel und Gewerbe sind in ihren besondern Nuancen das Privatei-
gentum besonderer Korporationen. Hofwürden, Gerichtsbarkeit etc.
sind das Privateigentum besonderer Stände. Die verschiedenen Pro-
vinzen sind das Privateigentum einzelner Fürsten etc. Der Dienst
für das Land etc. ist das Privateigentum des Herrschers. Der
Geist ist das Privateigentum der Geistlichkeit. Meine pflichtge-
mäße Tätigkeit ist das Privateigentum eines andern, wie mein
Recht wieder ein besondres Privateigentum ist. Die Souveränität,
hier die N a t i o n a l i t ä t, ist das Privateigentum des
Kaisers.
Man hat oft gesagt, daß im Mittelalter jede Gestalt des Rechts,
der Freiheit, des sozialen Daseins als ein P r i v i l e-
g i u m, als eine A u s n a h m e von der Regel erscheint. Man
konnte das empirische Faktum dabei nicht übersehn, daß diese
Privilegien alle in der Form des P r i v a t e i g e n t u m s
erscheinen. Was ist der allgemeine Grund dieses Zusammenfallens?
Das P r i v a t e i g e n t u m ist das G a t t u n g s d a-
s e i n des P r i v i l e g i u m s, des Rechts als einer
A u s n a h m e.
Wo die Fürsten, wie in Frankreich, die U n a b h ä n g i g-
k e i t des Privateigentums angriffen, attentierten sie das
Eigentum der K o r p o r a t i o n e n, ehe sie das Eigentum
der I n d i v i d u e n attentierten. Aber indem sie das Pri-
vateigentum der Korporationen angriffen, griffen sie das
Privateigentum als Korporation als das s o z i a l e Band an.
In der L e h e n s h e r r s c h a f t erscheint es gradezu,
daß die fürstliche Macht die Macht des Privateigentums ist, und
in der f ü r s t l i c h e n M a c h t ist das Mysterium nie-
dergelegt, was die a l l g e m e i n e M a c h t, was die
M a c h t a l l e r S t a a t s k r e i s e ist.
(In dem Fürsten als dem Repräsentanten der Staatsmacht ist ausge-
sprochen, was das M ä c h t i g e des Staats ist. Der
k o n s t i t u t i o n e l l e Fürst drückt daher die Idee des
konstitutionellen Staates in ihrer schärfsten Abstraktion aus. Er
ist einerseits die I d e e des Staats, die geheiligte Staatsma-
jestät, und zwar als d i e s e Person. Zugleich ist er eine
b l o ß e Imagination, er hat als Person und als Fürst weder
wirkliche Macht noch wirkliche Tätigkeit. Es ist hier die Tren-
nung der politischen und wirklichen, der formellen und materiel-
len, der
#315# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
allgemeinen und individuellen Person, des Menschen und des sozia-
len Menschen in ihrem höchsten Widerspruch ausgedrückt.)
Das Privateigentum ist r ö m i s c h e n Verstandes und
g e r m a n i s c h e n Gemüts. Es wird an diesem Ort belehrend
sein, eine Vergleichung zwischen diesen beiden extremen Entwick-
lungen desselben anzustellen. Es wird uns dies zur Lösung des be-
sprochenen politischen Problems behilflich sein.
Die Römer haben eigentlich erst das R e c h t d e s
P r i v a t e i g e n t u m s, das abstrakte Recht, das Privat-
recht, das Recht der abstrakten Person ausgebildet. Das römische
P r i v a t r e c h t ist das P r i v a t r e c h t in seiner
k l a s s i s c h e n A u s b i l d u n g. Wir finden aber nir-
gends bei den Römern, daß das Recht des Privateigentums, wie bei
den Deutschen, mystifiziert worden wäre. Es wird auch nirgends
zum S t a a t s r e c h t.
Das Recht des Privateigentums ist das j u s u t e n d i e t
a b u t e n d i 1*), das Recht W i l l k ü r über die Sache.
Das Hauptinteresse der Römer besteht darin, die V e r h ä l t-
n i s s e zu entwickeln und zu bestimmen, welche sich als
a b s t r a k t e Verhältnisse des Privateigentums ergeben. Der
eigentliche Grund des Privateigentums, der B e s i t z, ist ein
F a k t u m, ein u n e r k l ä r l i c h e s F a k t u m,
k e i n R e c h t. Erst durch juristische Bestimmungen, die die
Sozietät dem faktischen Besitz gibt erhält er die Qualität des
rechtlichen Besitzes, des P r i v a t e i g e n t u m s.
Was bei den Römern den Zusammenhang zwischen politischer Verfas-
sung und Privateigentum betrifft, so erscheint:
1. Der M e n s c h (als Sklave), wie bei den alten Völkern
überhaupt, als Gegenstand des Privateigentums.
Das ist nichts Spezifisches.
2. Die eroberten Länder werden als Privateigentum behandelt, das
jus utendi et abutendi wird in ihnen geltend gemacht.
3. In ihrer Geschichte selbst erscheint der Kampf zwischen Armen
und Reichen (Patriziern und Plebejern) etc.
Im übrigen macht sich das Privateigentum im Ganzen, wie bei den
alten klassischen Völkern überhaupt, als ö f f e n t l i c h e s
E i g e n t u m geltend, entweder, e in den guten Zeiten, als
Aufwand der Republik, oder als l u x u r i ö s e u n d g e-
m e i n e W o h l t a t (Bäder etc.) gegen den Haufen.
Die Art und Weise, wie die Sklaverei erklärt wird, ist das
K r i e g s r e c h t, das Recht der Okkupation: eben weil ihre
politische Existenz vernichtet ist, sind sie Sklaven.
Zwei Verhältnisse heben wir hauptsächlich im Unterschied von den
Germanen hervor.
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1*) Recht der Nutzung und Verfügung
#316# Karl Marx
-----
1. Die k a i s e r l i c h e Gewalt war nicht die Gewalt des
Privateigentums, sondern die S o u v e r ä n i t ä t des e m-
p i r i s c h e n W i l l e n s als solchen, die weit entfernt
war, das P r i v a t e i g e n t u m als Band zwischen sich und
ihren Untertanen zu betrachten, sondern im Gegenteil mit dem
Privateigentum schaltete, wie mit allen übrigen sozialen Gütern.
Die kaiserliche Gewalt war daher auch nicht anders als
f a k t i s c h e r b l i c h. Die höchste Ausbildung des
Rechts des Privateigentums, des Privatrechts, fällt zwar in die
Kaiserzeit, aber sie ist vielmehr eine Konsequenz der politischen
Auflösung, als daß die politische Auflösung eine Konsequenz des
Privateigentums wäre. Zudem, als das Privatrecht in Rom zur
vollen Entwicklung gelangt, ist das Staatsrecht aufgehoben, in
seiner Auflösung begriffen, während es in Deutschland sich umge-
kehrt verhielt.
2. Die Staatswürden sind niemals in Rom erblich, d.h., das Pri-
vateigentum ist nicht die herrschende Staatskategorie.
3. Im Gegensatz zu dem germanischen Majorat etc. erscheint in Rom
die W i l l k ü r d e s T e s t i e r e n s als Ausfluß des
Privateigentums. In diesem letzteren Gegensatz liegt der
g a n z e Unterschied der römischen und germanischen Entwicklung
des Privateigentums.
(Im Majorat erscheint dies, daß das Privateigentum das Verhältnis
zur Staatsfunktion ist, so, daß das Staatsdasein eine Inhärenz,
Akzidens des u n m i t t e l b a r e n Privateigentums, des
G r u n d b e s i t z e s ist. Auf den höchsten Spitzen er-
scheint so der Staat als Privateigentum, während hier das Privat-
eigentum als Staatseigentum erscheinen sollte. Statt das Privat-
eigentum zu einer staatsbürgerlichen Qualität, macht Hegel das
Staatsbürgertum und Staatsdasein und Staatsgesinnung zu einer
Qualität des Privateigentums.)
"§ 308. In den andern Teil des ständischen Elements fällt die
b e w e g l i c h e Seite der b ü r g e r l i c h e n G e-
s e l l s c h a f t, die äußerlich wegen der Menge ihrer
Glieder, wesentlich aber wegen der Natur ihrer Bestimmung und Be-
schäftigung, nur durch A b g e o r d n e t e eintreten kann.
Insofern diese von der bürgerlichen Gesellschaft abgeordnet wer-
den, liegt es unmittelbar nahe, daß dies diese tut a l s d a s,
w a s s i e ist -, somit nicht als in die Einzelnen atomistisch
aufgelöst und nur für einen einzelnen und temporären Akt sich auf
einen Augenblick ohne weitere Haltung versammelnd, sondern als in
ihre ohnehin konstituierten Genossenschaften, Gemeinden und Kor-
porationen gegliedert, welche auf diese Weise einen politischen
Zusammenhang erhalten. In ihrer B e r e c h t i g u n g zu sol-
cher von der fürstlichen Gewalt aufgerufenen Abordnung, wie in
der Berechtigung des ersten Standes zur Erscheinung (§ 307) fin-
det die Existenz der Stände und ihrer Versammlung eine konstitu-
ierte, eigentümliche Garantie."
Wir finden hier einen n e u e n Gegensatz der bürgerlichen Ge-
sellschaft und der Stände, einen b e w e g l i c h e n, also
auch einen u n b e w e g l i c h e n Teil derselben (den des
Grundbesitzes). Man hat diesen Gegensatz auch als Gegensatz
#317# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
von R a u m und Z e i t etc. konservativ und progressiv dar-
gestellt. Darüber den vorigen Paragraphen. Übrigens hat Hegel den
b e w e g l i c h e n Teil der Gesellschaft ebenfalls zu einem
s t a b i l e n durch die Korporationen etc. gemacht.
Der zweite Gegensatz ist, daß der erste, eben entwickelte Teil
des s t ä n d i s c h e n E l e m e n t s, die M a j o-
r a t s h e r r n als solche Gesetzgeber sind; daß die
gesetzgebende Gewalt ein Attribut ihrer empirischen Person ist;
daß sie keine A b g e o r d n e t e n, sondern s i e
s e l b s t sind; während bei dem Zweiten Stand W a h l und
A b o r d n u n g stattfindet.
Hegel gibt zwei Gründe an, warum dieser b e w e g l i c h e
Teil der bürgerlichen Gesellschaft nur durch A b g e o r d-
n e t e in den politischen Staat, die gesetzgebende Gewalt
eintreten kann. Den ersten, ihre M e n g e, bezeichnet er
selbst als ä u ß e r l i c h und überhebt uns daher dieser
Replik.
Der w e s e n t l i c h e Grund aber sei die "Natur ihrer Be-
stimmung und Beschäftigung". Die "politische Tätigkeit" und
"Beschäftigung ist ein "der Natur ihrer Bestimmung und Beschäfti-
gung" Fremdes.
Hegel kommt nun wieder auf sein altes Lied, auf diese Stände als
"A b g e o r d n e t e der bürgerlichen Gesellschaft". Diese
müsse "dies tun a l s d a s, w a s s i e i s t". Sie muß es
vielmehr tun als das, was sie n i c h t ist, denn sie ist
u n p o l i t i s c h e Gesellschaft, und sie soll hier einen
p o l i t i s c h e n Akt als einen i h r w e s e n t-
l i c h e n, aus ihr selbst hervorgehenden Akt vollziehn. Damit
ist sie in die "Einzelnen atomistisch aufgelöst" "und nur für
einen einzelnen und temporären Akt sich auf einen Augenblick ohne
weitere Haltung versammelnd". Erstens ist ihr P o l i t i-
s c h e r Akt ein e i n z e l n e r u n d t e m p o r ä r e r
und kann daher in seiner Verwirklichung nur als solcher
erscheinen. Er ist ein E k l a t machender Akt der politischen
Gesellschaft, eine E k s t a s e derselben, und als solcher muß
er auch e r s c h e i n e n. Zweitens. Hegel hat keinen Anstoß
daran genommen, es sogar als notwendig konstruiert, daß die
bürgerliche Gesellschaft m a t e r i e l l (nur als eine
z w e i t e, v o n i h r a b g e o r d n e t e G e s e l l-
s c h a f t auftritt) sich von ihrer bürgerlichen Wirklichkeit
trennt und das, was sie n i c h t ist, als sich setzt, wie kann
er dies nun f o r m e l l verwerfen wollen?
Hegel meint, dadurch, daß die Gesellschaft in ihren Korporationen
etc. abordnet, erhalten "ihre ohnehin konstituierten Genossen-
schaften" etc., "auf diese Weise einen p o l i t i s c h e n
Zusammenhang". Sie erhalten aber entweder eine Bedeutung, die
n i c h t ihre Bedeutung ist, oder ihr Zusammenhang als solcher
i s t der politische und "e r h ä l t" nicht erst die politi-
sche Teinture 1*), wie oben entwickelt, sondern die "Politik" er-
hält aus ihm ihren Zusammenhang.
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1*) Färbung
#318# Karl Marx
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Dadurch, daß Hegel nur diesen Teil des ständischen Elements als
das des "Abgeordneten bezeichnet, hat er unbewußt das Wesen der
beiden Kammern (da, wo sie wirklich das von ihm bezeichnete Ver-
hältnis zueinander haben) bezeichnet. Abgeordnetenkammer und
Pairskammer (oder wie sie sonst heißen) sind hier nicht verschie-
dene Existenzen desselben Prinzips, sondern z w e i wesentlich
v e r s c h i e d e n e n P r i n z i p i e n und sozialen Zu-
ständen angehörig. Die Abgeordnetenkammer ist hier die
p o l i t i s c h e K o n s t i t u t i o n der bürgerlichen
Gesellschaft im modernen, die Pairskammer im ständischen Sinn.
Pairskammer und Abgeordnetenkammer stehn sich hier gegenüber als
s t ä n d i s c h e und als p o l i t i s c h e Repräsentation
der bürgerlichen Gesellschaft. Die eine ist das e x i-
s t i e r e n d e ständische Prinzip der bürgerlichen Gesell-
schaft, die andre ist die Verwirklichung ihres a b s t r a k-
t e n p o l i t i s c h e n Daseins. Es versteht sich daher von
selbst, daß die letztere nicht wieder als Repräsentation von
Ständen, Korporationen etc. d a s e i n kann, denn sie reprä-
sentiert eben nicht das ständische, sondern das politische Dasein
der bürgerlichen Gesellschaft. Es versteht sich dann von selbst,
daß in der ersten Kammer nur der s t ä n d i s c h e Teil der
bürgerlichen Gesellschaft, der "souveräne Grundbesitz", der
erbgeseßne Adel Sitz hat, denn er ist nicht e i n Stand unter
andern Ständen, sondern das ständische Prinzip der bürgerlichen
Gesellschaft als wirkliches soziales, also politisches Prinzip,
existiert n u r m e h r in ihm. Er ist d e r Stand. Die bür-
gerliche Gesellschaft hat dann in der s t ä n d i s c h e n
Kammer den Repräsentant ihres mittelaltrigen, in der Abgeord-
netenkammer ihres p o l i t i s c h e n (modernen) Daseins. Der
Fortschritt besteht hier gegen das Mittelalter nur darin, daß die
s t ä n d i s c h e P o l i t i k z u einer besondern poli-
tischen Existenz neben der s t a a t s b ü r g e r l i c h e n
Politik herabgesetzt ist. Die e m p i r i s c h e politische
Existenz, die Hegel vor Augen hat (E n g l a n d), hat also
einen ganz anderen Sinn, als er ihr unterschiebt.
Die französische Konstitution ist auch hierin ein Fortschritt.
Sie hat zwar die Pairskammer zur reinen Nichtigkeit herabgesetzt,
aber diese Kammer, i n n e r h a l b d e s P r i n z i p s
des konstitutionellen Königstums, wie es Hegel zu entwickeln vor-
gab, kann seiner Natur [nach] nur eine N i c h t i g k e i t
sein, die F i k t i o n der Harmonie zwischen Fürst und bürger-
licher Gesellschaft oder der g e s e t z g e b e n d e n G e-
w a l t oder des p o l i t i s c h e n S t a a t s m i t
s i c h s e l b s t als eine besondre und dadurch eben wieder
g e g e n s ä t z l i c h e Existenz.
Die Franzosen haben die L e b e n s l ä n g l i c h k e i t der
Pairs bestehn lassen, um ihre gleiche Unabhängigkeit von der Wahl
der Regierung und des Volks auszudrücken. Aber sie haben den
m i t t e l a l t r i g e n Ausdruck - die E r b l i c h-
k e i t - abgeschafft. Ihr Fortschritt besteht darin, daß sie
die P a i r s k a m m e r ebenfalls nicht mehr aus der
w i r k l i c h e n b ü r g e r l i c h e n Gesellschaft her-
vorgehen lassen,
#319# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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sondern ebenfalls in der A b s t r a k t i o n von ihr geschaf-
fen haben. Ihre Wahl lassen sie von dem e x i s t i e-
r e n d e n politischen Staat, vom F ü r s t e n, ausgehn,
ohne ihn an eine sonstige bürgerliche Qualität gebunden zu haben.
Die Pairswürde ist in dieser K o n s t i t u t i o n wirklich
ein S t a n d i n d e r b ü r g e r l i c h e n G e s e l l-
s c h a f t, der rein politisch ist, vom Standpunkt der Ab-
straktion des p o l i t i s c h e n S t a a t e s aus ge-
schaffen ist; er erscheint aber mehr als p o l i t i s c h e
D e k o r a t i o n wie als wirklicher, mit besondern Rechten
ausgestatteter S t a n d. Die Pairskammer unter der Restaura-
tion war eine Reminiszenz. Die Pairskammer der Julirevolution ist
ein w i r k l i c h e s Geschöpf der konstitutionellen Monar-
chie.
Da in der modernen Zeit die Staatsidee nicht anders als in der
A b s t r a k t i o n des "n u r politischen Staates" oder der
A b s t r a k t i o n d e r b ü r g e r l i c h e n G e-
s e l l s c h a f t v o n s i c h s e l b s t, von ihrem
wirklichen Zustande, erscheinen konnte, so ist es ein Verdienst
der Franzosen, diese a b s t r a k t e W i r k l i c h k e i t
festgehalten, produziert und damit das p o l i t i s c h e
Prinzip selbst produziert zu haben. Was man ihnen als Abstraktion
vorwirft, ist also wahrhafte Konsequenz und das Produkt der, wenn
auch erst in einem Gegensatz, aber in einem notwendigen Gegen-
satz, w i e d e r g e f u n d n e n S t a a t s g e s i n-
n u n g. Das Verdienst der Franzosen ist also hier, die
Pairskammer als e i g e n t ü m l i c h e s Produkt des
politischen Staats gesetzt oder überhaupt das politische Prinzip
in seiner E i g e n t ü m l i c h k e i t zum Bestimmenden und
Wirksamen gemacht zu haben.
Hegel bemerkt noch, daß bei der von ihm konstruierten Abordnung,
in der "Berechtigung der Korporationen etc. zu solcher Abord-
nung", "die E x i s t e n z der Stände und ihrer Versammlung
eine konstituierte, eigentümliche Garantie findet". Die
G a r a n t i e d e r E x i s t e n z der ständischen Versamm-
lung, ihre wahre p r i m i t i v e Existenz wird also das
P r i v i l e g i u m der Korporationen etc. Hiermit ist Hegel
ganz auf den mittelaltrigen Standpunkt herabgesunken und hat
seine "Abstraktion des politischen Staats als der Sphäre des
Staats als Staat, das an und für sich Allgemeine" gänzlich aufge-
geben.
Im modernen Sinn ist die E x i s t e n z der s t ä n d i-
s c h e n V e r s a m m l u n g die p o l i t i s c h e
E x i s t e n z der bürgerlichen Gesellschaft, die G a r a n-
t i e ihres politischen Daseins. Das In-Zweifel-ziehn ihrer
Existenz ist also der Z w e i f e l a m D a s e i n d e s
S t a a t s. Wie vorhin bei Hegel die "Staatsgesinnung", das
Wesen der gesetzgebenden Gewalt, ihre Garantie in dem
"unabhängigen Privateigentum", so findet ihre E x i s t e n z
die Garantie an den "Privilegien der Korporationen".
Aber das eine ständische Element ist vielmehr das p o l i t i-
s c h e P r i v i l e g i u m der bürgerlichen Gesellschaft,
oder ihr P r i v i l e g i u m, p o l i t i s c h zu sein. Es
kann
#320# Karl Marx
-----
also nirgends das Privilegium einer besondern, bürgerlichen Weise
ihres Daseins sein, noch weniger seine Garantie in ihm finden, da
es vielmehr die allgemeine Garantie sein s o l l.
So sinkt Hegel überall dahin hinab, den "politischen Staat" nicht
als die höchste, an und für sich seiende Wirklichkeit des sozia-
len Daseins zu schildern, sondern ihm eine prekäre, in
B e z i e h u n g a u f a n d r e s a b h ä n g i g e Wirk-
lichkeit zu geben: ihn nicht als das wahre Dasein der andern
Sphäre zu schildern, sondern ihn vielmehr in der andern Sphäre
s e i n w a h r e s D a s e i n finden zu lassen. Er bedarf
überall der Garantie der Sphären, die außer ihm liegen. Er ist
nicht die verwirklichte Macht. Er ist die g e s t ü t z t e
Ohnmacht, er ist nicht die Macht über diese Stützen, sondern die
Macht der Stütze. Die Stütze ist das Mächtige.
Was ist das für ein hohes Dasein, dessen Existenz einer Garantie
außer sich selbst bedarf, und dabei soll es das a l l-
g e m e i n e Dasein dieser Garantie selbst sein; also ihre
wirkliche Garantie. Hegel sinkt überhaupt überall in der
Entwicklung der gesetzgebenden Gewalt von dem philosophischen
Standpunkt auf den andren Standpunkt zurück, der die Sache nicht
in b e z u g a u f s i c h s e l b s t betrachtet.
Wenn die Existenz der Stände einer Garantie bedarf, so sind sie
k e i n e w i r k l i c h e, sondern nur eine f i k t i v e
S t a a t s e x i s t e n z. Die Garantie für die Existenz der
Stände ist in den konstitutionellen Staaten das G e s e t z.
Ihr Dasein ist also g e s e t z l i c h e s Dasein, vom allge-
meinen Wesen des Staats und nicht von der Macht oder Ohnmacht
einzelner Korporationen, Genossenschaften abhängig, sondern als
Wirklichkeit der G e n o s s e n s c h a f t d e s
S t a a t s. (Die Korporationen etc., die besondren Kreise der
bürgerlichen Gesellschaft, sollen ja eben erst hier ihr allgemei-
nes Dasein erhalten, und nun a n t i z i p i e r t Hegel wieder
dies allgemeine Dasein als Privilegium, als das Dasein dieser Be-
sonderheiten.)
Das politische Recht als Recht von Korporationen etc. wider-
spricht ganz dem politischen Recht als p o l i t i s c h e m,
als Recht des Staats, des Staatsbürgertums; denn es soll ja eben
nicht das Recht dieses Daseins als besondern Daseins sein, nicht
das Recht als dies besondere Dasein.
Ehe wir nun die Kategorie der W a h l als des politischen Akts,
wodurch sich die bürgerliche Gesellschaft in einen politischen
Ausschuß sezerniert, übergehn, nehmen wir noch einige Bestimmun-
gen aus der Anmerkung zu diesem Paragraphen hinzu.
"Daß A l l e einzeln an der Beratung und Beschließung über die
allgemeinen Angelegenheiten des Staats Anteil haben sollen, weil
diese Alle Mitglieder des Staats und dessen Angelegenheiten die
Angelegenheiten A l l e r sind, bei denen sie mit ihrem Wissen
#321# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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und Willen zu sein ein R e c h t haben -, diese Vorstellung,
welche das d e m o k r a t i s c h e Element o h n e a l l e
v e r n ü n f t i g e F o r m in den Staatsorganismus, der nur
durch solche Form es ist, setzen wollte, liegt darum so nahe,
weil sie bei der a b s t r a k t e n Bestimmung, Mitglied des
Staats zu sein, stehenbleibt, und das oberflächliche Denken sich
an Abstraktionen hält."
Zunächst nennt es Hegel eine "a b s t r a k t e Bestimmung,
Mitglied des Staats zu sein", obgleich es selbst nach der
I d e e, der M e i n u n g seiner eignen Entwicklung, die
höchste k o n k r e t e s t e soziale Bestimmung der Rechtsper-
son, des Staatsmitgliedes ist. Bei der "Bestimmung, Mitglied des
Staats zu sein", stehnbleiben und den Einzelnen in dieser Bestim-
mung fassen, das scheint her daher nicht eben das "oberflächliche
Denken zu sein, das sich an Abstraktionen hält". Daß aber die
"Bestimmung, Mitglied des Staats zu sein, eine "a b-
s t r a k t e" Bestimmung ist, das ist nicht die Schuld dieses
Denkens, sondern der Hegelschen Entwicklung und der wirklichen
modernen Verhältnisse, welche die Trennung des wirklichen Lebens
vom Staatsleben voraussetzen und die Staatsqualität zu einer
"abstrakten Bestimmung" des wirklichen Staatsmitgliedes machen.
Die unmittelbare Teilnahme A l l e r an der Beratung und Be-
schließung über die allgemeinen Staatsangelegenheiten nimmt nach
Hegel "das d e m o k r a t i s c h e Element o h n e a l l e
v e r n ü n f t i g e F o r m in den Staatsorganismus, der
n u r durch solche Form ist", auf; d.h., das demokratische Ele-
ment kann nur als f o r m e l l e s Element in einen Staatsor-
ganismus aufgenommen werden, der nur der Formalismus des Staats
ist. Das demokratische Element muß vielmehr das wirkliche Element
sein, das sich in dem g a n z e n Staatsorganismus seine
v e r n ü n f t i g e F o r m gibt. Tritt es dagegen als ein
"b e s o n d r e s" Element in den Staatsorganismus oder -forma-
lismus, so ist unter der "vernünftigen Form seines Daseins die
Dressur, die Akkommodation, eine Form verstanden, in der es nicht
die Eigentümlichkeit seines Wesens herauskehrt, oder daß es nur
als f o r m e l l e s Prinzip hereintritt.
Wir haben schon einmal angedeutet, Hegel entwickelt nur einen
S t a a t s f o r m a l i s m u s. Das eigentliche m a t e-
r i e l l e Prinzip ist ihm die I d e e, die abstrakte
Gedanken f o r m des Staats als ein Subjekt, die absolute Idee,
die kein passives, ein m a t e r i e l l e s Moment in sich
hat. Gegen die Abstraktion dieser Idee erscheinen die Bestimmun-
gen des wirklichen, empirischen Staatsformalismus als I n-
h a l t und daher der w i r k l i c h e Inhalt als formloser,
unorganischer Stoff; (hier der wirkliche Mensch, die wirkliche
Sozietät etc.).
Hegel hatte das Wesen des ständischen Elements darin gelegt, daß
hierin die "empirische Allgemeinheit" zum Subjekt des an und für
sich seienden Allgemeinen wird. Heißt das nun was andres, als daß
die Angelegenheiten
#322# Karl Marx
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des Staats "Angelegenheiten A l l e r sind, bei denen sie mit
ihrem Wissen und Willen zu sein das R e c h t haben", und sol-
len nicht eben die Stände dies ihr verwirklichtes Recht sein? Und
ist es nun wunderbar, daß die Allen nun auch die "Wirklichkeit"
dieses ihres Rechts wollen?
"Daß A l l e einzeln an der Beratung und Beschließung über die
allgemeinen Angelegenheiten des Staats Anteil haben sollen."
In einem wirklich vernünftigen Staat könnte man antworten: "Es
s o l l e n nicht A l l e e i n z e l n an der Beratung und
Beschließung über die allgemeinen Angelegenheiten des Staats An-
teil haben", denn die "Einzelnen" haben als "Alle", d.h. inner-
halb der Sozietät und als Glieder der Sozietät, Anteil an der Be-
ratung und Beschließung über die a l l g e m e i n e n
A n g e l e g e n h e i t e n. Nicht Alle einzeln, sondern die
Einzelnen als Alle.
Hegel stellt sich selbst das Dilemma. Entweder die bürgerliche
Gesellschaft (die Vielen, die Menge) nimmt durch Abgeordnete teil
an der Beratung und Beschließung über die allgemeinen Staatsange-
legenheiten, oder A l l e tun dies [als die] E i n z e l-
n e n. Es ist dies kein Gegensatz des W e s e n s, als welchen
ihn Hegel später darzustellen sucht, sondern der E x i-
s t e n z, und zwar der äußerlichsten Existenz, der Z a h l,
womit immer der Grund, den Hegel selbst als "ä u ß e r l i c h"
bezeichnet hat - die M e n g e d e r G l i e d e r -, der
beste Grund gegen die unmittelbare Teilnahme Aller bleibt. Die
Frage, ob die bürgerliche Gesellschaft so teil an der
gesetzgebenden Gewalt nehmen soll, daß sie e n t w e d e r
durch A b g e o r d n e t e eintritt oder so, daß "Alle
einzeln" unmittelbar teilnehmen, ist selbst eine Frage innerhalb
der A b s t r a k t i o n d e s P o l i t i s c h e n
S t a a t s oder innerhalb des a b s t r a k t e n P o l i-
t i s c h e n S t a a t s; es ist eine a b s t r a k t e
politische Frage.
Es ist in beiden Fällen, wie Hegel dies selbst entwickelt hat,
die politische Bedeutung der "empirischen Allgemeinheit".
Der Gegensatz in seiner eigentlichen Form ist: Die E i n z e l-
n e n t u n e s A l t e, oder die E i n z e l n e n tun es
als W e n i g e, als N i c h t - A l l e. In beiden Fällen
bleibt die Allheit nur als ä u ß e r l i c h e Vielheit oder
Totalität der Einzelnen. Die Allheit ist keine wesentliche,
geistige, wirkliche Qualität des Einzelnen. Die Allheit ist nicht
etwas, wodurch er die Bestimmung der abstrakten Einzelnheit
verlöre; sondern die Allheit ist nur die volle Z a h l der
E i n z e l n h e i t. E i n e Einzelnheit, v i e l e Ein-
zelnheiten, a l l e Einzelnheiten. Das Eins, Viele, Alle -
keine dieser Bestimmungen verwandelt das W e s e n des
Subjekts, der Einzelnheit.
"Alle" sollen "einzeln" an der "Beratung und Beschließung über
die allgemeinen Angelegenheiten des Staats Anteil nehmen"; d.h.
also: A l l e sollen nicht als Alle, sondern als "einzeln" die-
sen Anteil nehmen.
#323# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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Die Frage scheint in doppelter Hinsicht in Widerspruch mit sich
zu stehn.
Die allgemeinen Angelegenheiten des Staats sind die Staatsangele-
genheit, der Staat als w i r k l i c h e A n g e l e g e n-
h e i t. Die Beratung und Beschließung die E f f e k t u-
i e r u n g des Staats als wirklicher Angelegenheit. Daß also
alle Staatsglieder ein V e r h ä l t n i s zum Staat als ihrer
w i r k l i c h e n A n g e l e g e n h e i t haben, scheint
sich von selbst zu verstehn. Schon in dem Begriff S t a a t s-
g l i e d liegt, daß sie ein G l i e d des Staats, ein T e i l
desselben sind, daß er sie als s e i n e n T e i l nimmt. Wenn
sie aber ein A n t e i l des Staats, so ist, wie sich von
selbst versteht, ihr soziales D a s e i n schon i h r e
w i r k l i c h e T e i l n a h m e an demselben. Sie sind
nicht nur Anteil des Staates, sondern der Staat ist i h r
Anteil. Bewußter Anteil von etwas sein, ist, sich mit Bewußtsein
einen Teil von ihm nehmen, bewußten Anteil an ihm nehmen. Ohne
dies Bewußtsein wäre das Staatsglied ein T i e r.
Wenn man sagt: "die allgemeinen Angelegenheiten des Staats", so
wird der Schein hervorgebracht, daß die "allgemeinen Angelegen-
heiten" und der Staat" etwas V e r s c h i e d e n e s sind.
Aber der S t a a t ist die "allgemeine Angelegenheit", also re-
aliter die "allgemeinen Angelegenheiten".
Teil an den allgemeinen Angelegenheiten des Staats und teil am
Staat nehmen, ist also identisch. Daß also ein Staatsglied, ein
Staatsteil teil am Staat nimmt und daß dieses Teilnehmen nur als
B e r a t u n g oder B e s c h l i e ß u n g oder in ähnlichen
Formen erscheinen kann, daß also jedes Staatsglied an der
B e r a t u n g und B e s c h l i e ß u n g (wenn diese Funk-
tionen als die Funktionen der w i r k l i c h e n Teilnahme des
Staats gefaßt werden) der allgemeinen Angelegenheiten des Staats
teilnimmt, ist eine T a u t o l o g i e. Wenn also von
w i r k l i c h e n Staatsgliedern die Rede ist, so kann von
dieser Teilnahme nicht als einem S o l l e n die Rede sein. Es
wäre sonst vielmehr von solchen Subjekten die Rede, die
S t a a t s g l i e d e r sein s o l l e n und sein
w o l l e n, aber es nicht wirklich s i n d.
Andrerseits: wenn von b e s t i m m t e n Angelegenheiten die
Rede ist, von einem einzelnen Staatsakt, so versteht es sich wie-
der von selbst, daß nicht A l l e e i n z e l n ihn vollbrin-
gen. Der Einzelne wäre sonst die w a h r e Sozietät und machte
die Sozietät überflüssig. Der Einzelne müßte alles auf einmal
tun, während die Sozietät wie ihn für die andern, so auch die an-
dern für ihn tun läßt.
Die Frage, ob A l l e e i n z e l n an der "Beratung und Be-
schließung der allgemeinen Angelegenheiten des Staats teilnehmen
sollen", ist eine Frage, welche aus der Trennung des politischen
Staats und der bürgerlichen Gesellschaft hervorgeht.
Wir haben gesehn. Der Staat existiert n u r als p o l i-
t i s c h e r S t a a t. Die Totalität des politischen Staats
ist die g e s e t z g e b e n d e G e w a l t. Teil an der
gesetzgebenden Gewalt nehmen ist daher teil am politischen Staat
nehmen, ist sein
#324# Karl Marx
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D a s e i n als G l i e d d e s p o l i t i s c h e n
S t a a t s, als S t a a t s g l i e d beweisen und verwirkli-
chen. Daß also A l l e e i n z e l n Anteil an der gesetzge-
benden Gewalt nehmen wollen, ist nichts als der Wille Aller,
wirkliche (aktive) S t a a t s g l i e d e r zu sein oder sich
ein p o l i t i s c h e s D a s e i n zu geben oder ihr Dasein
als ein p o l i t i s c h e s zu beweisen und zu effektuieren.
Wir haben ferner gesehn, das ständische Element ist die
b ü r g e r l i c h e G e s e l l s c h a f t als gesetzgebende
Gewalt, ihr p o l i t i s c h e s D a s e i n. Daß also die
bürgerliche Gesellschaft m a s s e n w e i s e, womöglich
g a n z, i n die g e s e t z g e b e n d e Gewalt eindringe,
daß sich die wirkliche bürgerliche Gesellschaft der
f i k t i v e n bürgerlichen Gesellschaft der gesetzgebenden Ge-
walt substituieren will, das ist nichts als das Streben der bür-
gerlichen Gesellschaft, sich P o l i t i s c h e s Dasein zu
geben oder das p o l i t i s c h e D a s e i n zu ihrem wirk-
lichen Dasein zu machen. Das Streben der b ü r g e r l i c h e n
G e s e l l s c h a f t, sich in die politische Gesellschaft zu
verwandeln oder die p o l i t i s c h e Gesellschaft zur
w i r k l i c h e n Gesellschaft zu machen, zeigt sich als das
Streben der möglichst a l l g e m e i n e n Teilnahme an der
g e s e t z g e b e n d e n G e w a l t.
Die Z a h l ist hier nicht ohne Bedeutung. Wenn schon die Ver-
mehrung des s t ä n d i s c h e n E l e m e n t s eine physi-
sche und intellektuelle Vermehrung einer der f e i n d-
l i c h e n Streitkräfte ist und wir haben gesehn, die ver-
schiedenen Elemente der gesetzgebenden Gewalt stehn sich als
feindliche Streitkräfte gegenüber -, so ist dagegen die Frage, ob
Alle einzeln Glieder der gesetzgebenden Gewalt sein oder ob sie
durch Abgeordnete eintreten sollen, die In-Frage-Stellung des
r e p r ä s e n t a t i v e n Prinzips innerhalb des repräsenta-
tiven Prinzips, innerhalb der Grundvorstellung des politischen
Staats, der seine Existenz in der konstitutionellen Monarchie
findet. 1. Ist es eine Vorstellung der Abstraktion des politi-
schen Staats, daß die g e s e t z g e b e n d e G e w a l t
die T o t a l i t ä t des politischen Staates ist. Weil dieser
e i n e Akt der einzige p o l i t i s c h e Akt der bürgerli-
chen Gesellschaft ist, so sollen und wollen A l l e auf einmal
an ihm teilnehmen. 2. A l l e als E i n z e l n e. Im
s t ä n d i s c h e n E l e m e n t ist die gesetzgebende Tä-
tigkeit nicht als s o z i a l e, als eine Funktion der
S o z i a l i t ä t betrachtet, sondern vielmehr als der Akt, wo
die Einzelnen erst in wirklich und b e w u ß t s o z i a l e
Funktion, d.h. in eine politische Funktion treten. Die
g e s e t z g e b e n d e G e w a l t ist hier kein Ausfluß,
keine Funktion der Sozietät, sondern erst ihre B i l d u n g.
Die Bildung zur gesetzgebenden Gewalt erheischt, daß a l l e
Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft als e i n z e l n e
sich betrachten, sie stehn wirklich als e i n z e l n gegen-
über. Die Bestimmung, "Mitglieder des Staats zu sein", ist ihre
"abstrakte Bestimmung", eine Bestimmung, die in ihrer lebendigen
Wirklichkeit nicht verwirklicht ist.
Entweder findet Trennung des politischen Staats und der bürgerli-
chen Gesellschaft statt, dann können nicht A l l e
e i n z e l n an der gesetzgebenden
#325# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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Gewalt teilnehmen. Der politische Staat ist eine von der bürger-
lichen Gesellschaft g e t r e n n t e Existenz. Die bürgerliche
Gesellschaft würde einerseits sich selbst aufgeben, wenn alle Ge-
setzgeber wären, andrerseits kann der ihr gegenüberstehende poli-
tische Staat sie nur in einer Form ertragen, die seinem
M a ß s t a b e angemessen ist. Oder eben die Teilnahme der bür-
gerlichen Gesellschaft durch A b g e o r d n e t e am politi-
schen Staat ist eben der A u s d r u c k ihrer Trennung und nur
dualistischen Einheit.
Oder umgekehrt. Die bürgerliche Gesellschaft ist w i r k-
l i c h e politische Gesellschaft. Dann ist es Unsinn, eine
Forderung zu stellen, die nur aus der Vorstellung des politischen
Staates als der von der bürgerlichen Gesellschaft getrennten
Existenz, die nur aus der t h e o l o g i s c h e n Vorstellung
des politischen Staates hervorgegangen ist. In diesem Zustand
verschwindet die Bedeutung der g e s e t z g e b e n d e n
Gewalt als einer r e p r ä s e n t a t i v e n Gewalt gänzlich.
Die gesetzgebende Gewalt ist hier Repräsentation in dem Sinne,
wie jede Funktion repräsentativ ist, wie z.B. der Schuster,
insofern er ein soziales Bedürfnis verrichtet, mein Repräsentant
ist, wie jede bestimmte soziale Tätigkeit als Gattungstätigkeit
nur die Gattung, d.h. eine Bestimmung meines eignen Wesens
repräsentiert, wie jeder Mensch der Repräsentant des anderen ist.
Er ist hier Repräsentant nicht durch ein anderes, was er
vorstellt, sondern durch das, was er i s t und t u t.
Die "gesetzgebende" Gewalt wird nicht wegen ihres I n-
h a l t e s, sondern wegen ihrer f o r m e l l e n politischen
Bedeutung angestrebt. An und für sich mußte z.B. die
R e g i e r u n g s g e w a l t viel mehr das Ziel der Volkswün-
sche sein als die gesetzgebende, die m e t a p h y s i s c h e
Staatsfunktion. Die g e s e t z g e b e n d e Funktion ist der
Wille, nicht in seiner praktischen, sondern in seiner theoreti-
schen Energie. Der W i l l e soll hier nicht s t a t t des
G e s e t z e s gelten: sondern es gilt, das wirkliche Gesetz zu
e n t d e c k e n und zu f o r m u l i e r e n.
Aus dieser zwiespältigen Natur der gesetzgebenden Gewalt, als
wirklicher g e s e t z g e b e n d e r Funktion und als
r e p r ä s e n t a t i v e r, a b s t r a k t - p o l i t i-
s c h e r Funktion, geht eine Eigentümlichkeit hervor, die sich
vorzugsweise in Frankreich, dem Land der politischen Bildung,
geltend macht.
(Wir haben in der R e g i e r u n g s g e w a l t immer
z w e i, das wirkliche Tun und die Staatsräson dieses Tuns, als
ein andres wirkliches Bewußtsein, das in seiner totalen Gliede-
rung die Bürokratie ist.)
Der eigentliche Inhalt der gesetzgebenden Gewalt wird (soweit
nicht die herrschenden Sonder i n t e r e s s e n in einen be-
deutenden Konflikt mit dem objectum quaestionis 1*)geraten) sehr
à part, als Nebensache behandelt. Besondere
-----
1*) Gegenstand der Untersuchung
#326# Karl Marx
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Aufmerksamkeit erregt eine Frage erst, sobald sie p o l i-
t i s c h wird, d.h., entweder sobald eine Ministerfrage, also
die Macht der gesetzgebenden Gewalt über die Regierungsgewalt,
daran angeknüpft werden kann, oder sobald es sich überhaupt um
Rechte handelt, die mit dem politischen Formalismus in Verbindung
stehn. Woher diese Erscheinung? Weil die gesetzgebende Gewalt
zugleich die Repräsentation des politischen Daseins der
bürgerlichen Gesellschaft ist; weil das politische Wesen einer
Frage überhaupt in ihrem Verhältnis zu den verschiednen Gewalten
des politischen Staats besteht; weil die gesetzgebende Gewalt das
politische Bewußtsein repräsentiert und dies sich nur im Konflikt
mit der Regierungsgewalt als p o l i t i s c h beweisen kann.
Diese wesentliche Forderung, daß jedes soziale Bedürfnis, Gesetz
etc. p o l i t i s c h, d.h. als b e s t i m m t d u r c h
d a s S t a a t s g a n z e, in seinem s o z i a l e n Sinn
eruiert werde, nimmt im Staat der politischen Abstraktion die
Wendung, daß ihr eine f o r m e l l e Wendung gegen eine andere
Macht (Inhalt) außer ihrem wirklichen Inhalt gegeben werde. Das
ist keine Abstraktion der Franzosen, sondern das ist die
notwendige Konsequenz, weil der wirkliche Staat nur als der
betrachtete p o l i t i s c h e S t a a t s f o r m a l i s-
m u s existiert. Die O p p o s i t i o n innerhalb der reprä-
sentativen Gewalt ist das ???' ?????? 1*) p o l i t i s c h e
Dasein der repräsentativen Gewalt. Innerhalb dieser reprä-
sentativen Verfassung nimmt indessen die eruierte Frage eine
andre Wendung, als in welcher Hegel sie betrachtet hat. Es han-
delt sich hier nicht, ob die bürgerliche Gesellschaft durch
Abgeordnete oder Alle einzeln die gesetzgebende Gewalt ausüben
sollen, sondern es handelt sich um die A u s d e h n u n g und
möglichste V e r a l l g e m e i n e r u n g der W a h l,
sowohl des a k t i v e n, als des p a s s i v e n Wahlrechts.
Das ist der eigentliche Streitpunkt der politischen R e f o r m,
sowohl in Frankreich als in England.
Man betrachtet die W a h l nicht philosophisch, d.h. nicht in
ihrem eigentümlichen Wesen, wenn man sie sogleich in Beziehung
auf die f ü r s t l i c h e oder R e g i e r u n g s g e-
w a l t faßt. Die W a h l ist das w i r k l i c h e V e r-
h ä l t n i s der w i r k l i c h e n b ü r g e r l i c h e n
G e s e l l s c h a f t zur b ü r g e r l i c h e n G e-
s e l l s c h a f t der g e s e t z g e b e n d e n G e-
w a l t, zu dem r e p r ä s e n t a t i v e n E l e m e n t.
Oder die W a h l ist das u n m i t t e l b a r e, das
d i r e k t e, das nicht b l o ß v o r s t e h e n d e,
s o n d e r n s e i e n d e Verhältnis der bürgerlichen Gesell-
schaft zum politischen Staat. Es versteht sich daher von selbst,
daß die W a h l das hauptsächliche politische Interesse der
wirklichen bürgerlichen Gesellschaft bildet. In der u n b e-
s c h r ä n k t e n sowohl aktiven als passiven W a h l hat
die bürgerliche Gesellschaft sich erst w i r k l i c h zu der
Abstraktion von sich selbst, zu dem p o l i t i s c h e n
Dasein als ihrem wahren allgemeinen
-----
1*) hauptsächliche
#327# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
-----
wesentlichen Dasein erhoben. Aber die Vollendung dieser Abstrak-
tion ist zugleich die Aufhebung der Abstraktion. Indem die bür-
gerliche Gesellschaft ihr p o l i t i s c h e s D a s e i n
wirklich als ihr w a h r e s gesetzt hat, hat sie zugleich ihr
bürgerliches Dasein, in seinem Unterschied von ihrem politischen,
als u n w e s e n t l i c h gesetzt; und mit dem einen Getrenn-
ten fällt sein Andres, sein Gegenteil. Die W a h l r e f o r m
ist also innerhalb des a b s t r a k t e n p o l i t i-
s c h e n S t a a t s die Forderung seiner A u f l ö s u n g,
aber ebenso der A u f l ö s u n g d e r b ü r g e r l i-
c h e n G e s e l l s c h a f t.
Wir werden der Frage der Wahlreform später unter einer anderen
Gestalt begegnen, nämlich von der Seite der I n t e r e s s e n.
Ebenso werden wir später die andren Konflikte erörtern, die aus
der doppelten Bestimmung der g e s e t z g e b e n d e n G e-
w a l t (einmal A b g e o r d n e t e r, Mandatar der bür-
gerlichen Gesellschaft, das andere Mal vielmehr erst ihr
p o l i t i s c h e s Dasein und e i n e i g e n t ü m-
l i c h e s D a s e i n innerhalb des politischen Staatsforma-
lismus zu sein) hervorgehn.
Wir kehren einstweilen zu der Anmerkung zu unserm Paragraphen zu-
rück.
"Die vernünftige Betrachtung, das Bewußtsein der Idee, ist
k o n k r e t und trifft insofern mit dem wahrhaften p r a k-
t i s c h e n Sinne, der selbst nichts Anderes als der ver-
nünftige Sinn, der Sinn der Idee ist, zusammen." "Der konkrete
Staat ist das in s e i n e b e s o n d e r n K r e i s e
g e g l i e d e r t e G a n z e; das Mitglied des Staates ist
ein M i t g l i e d eines solchen S t a n d e s; nur in die-
ser seiner objektiven Bestimmung kann es im Staate in Betracht
kommen."
Hierüber ist schon oben das Nötige gesagt.
"Seine" (des Staatsmitgliedes) "allgemeine Bestimmung überhaupt
enthält das gedoppelte Moment, P r i v a t p e r s o n und als
d e n k e n d e s ebensosehr Bewußtsein und Wollen des A l l-
g e m e i n e n zu sein; dieses Bewußtsein und Wollen aber ist
nur dann nicht leer, sondern e r f ü l l t und wirklich
l e b e n d i g, wenn es mit der Besonderheit - und diese ist
der besondere Stand und Bestimmung - erfüllt ist; oder das Indi-
viduum ist G a t t u n g, hat aber seine i m m a n e n t e
allgemeine W i r k l i c h k e i t als n ä c h s t e Gat-
tung."
Alles das, was Hegel sagt, ist richtig, mit der Beschränkung, 1.
daß er b e s o n d r e n S t a n d und B e s t i m m u n g
als identisch setzt, 2. daß diese Bestimmung, die Art, die näch-
ste Gattung auch w i r k l i c h, nicht nur a n s i c h,
sondern f ü r s i c h, als Art. d e r a l l g e m e i n e n
G a t t u n g, als i h r e Besonderung gesetzt sein müßte. He-
gel aber begnügt sich im Staate, den er als das selbstbewußte Da-
sein des sittlichen Geistes demonstriert, daß dieser sittliche
Geist nur a n s i c h, der allgemeinen Idee nach, das
B e s t i m m e n d e ist. Zum wirklichen Bestimmen läßt er die
Sozietät nicht kommen, weil dazu ein w i r k l i c h e s Sub-
jekt nötig ist und er nur ein abstraktes, eine
I m a g i n a t i o n hat.
"§ 309. Da die Abordnung zur Beratung und Beschließung über die
a l l g e m e i n e n
#328# Karl Marx
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Angelegenheiten geschieht, hat sie den Sinn, daß durch das Zu-
trauen solche Individuen dazu bestimmt werden, die sich besser
auf diese Angelegenheiten verstehen als die Abordnenden, wie
auch, daß sie nicht das besondere Interesse einer Gemeinde, Kor-
poration gegen das allgemeine, sondern wesentlich dieses geltend
machen. Sie haben damit nicht das Verhältnis, kommittierte oder
Instruktionen überbringende Mandatarien zu sein, um so weniger
als die Zusammenkunft die Bestimmung hat, eine lebendige, sich
gegenseitig unterrichtende und überzeugende, gemeinsam beratende
Versammlung zu sein."
Die Abgeordneten sollen 1. keine "kommittierte oder Instruktionen
überbringende Mandatarien sein, weil "sie nicht das besondere In-
teresse einer Gemeinde, Korporation gegen das allgemeine, sondern
wesentlich dies geltend machen" sollen. Hegel hat die Repräsen-
tanten erst als Repräsentanten der Korporationen etc. konstru-
iert, um dann wieder die andere politische Bestimmung hereinzu-
bringen, daß sie nicht das b e s o n d r e I n t e r e s s e
der Korporation etc. geltend zu machen haben. Er hebt damit seine
eigene Bestimmung auf, denn er trennt sie in ihrer w e-
s e n t l i c h e n Bestimmung als Repräsentanten gänzlich von
ihrem K o r p o r a t i o n s d a s e i n. Er trennt damit auch
die Korporation von sich als ihrem wirklichen Inhalt, denn sie
soll nicht aus i h r e m G e s i c h t s p u n k t, sondern
aus dem S t a a t s g e s i c h t s p u n k t wählen, d.h., sie
soll in ihrem N i c h t - D a s e i n als Korporation wählen.
In der m a t e r i e l l e n Bestimmung erkennt er also an, was
er in ihrer f o r m e l l e n verkehrte, die Abstraktion der
bürgerlichen Gesellschaft von sich selbst in ihrem politischen
Akt, und ihr p o l i t i s c h e s D a s e i n ist nichts als
d i e s e A b s t r a k t i o n. Hegel gibt als Grund an, weil
sie eben zur Betätigung der "allgemeinen Angelegenheiten" gewählt
werden; aber die Korporationen sind keine Existenzen der
allgemeinen Angelegenheiten.
2. soll die "Abordnung den Sinn" haben, "daß durch das Zutrauen
solche Individuen dazu bestimmt werden, die sich besser auf diese
Angelegenheiten verstehen als die Abordnenden", woraus abermals
folgen soll, daß die Deputierten also nicht das Verhältnis der
"Mandatarien" haben.
Daß sie dieses "besser" verstehn und nicht "einfach" verstehn,
kann Hegel nur durch ein Sophisma herausbringen. Es könnte dies
nur dann geschlossen werden, wenn die Abordnenden die Wahl hät-
ten, die allgemeinen Angelegenheiten s e l b s t zu beraten und
zu beschließen o d e r bestimmte Individuen zu ihrer Vollzie-
hung abzuordnen; d.h., eben wenn die A b o r d n u n g, die
R e p r ä s e n t a t i o n, nicht wesentlich zum Charakter der
g e s e t z g e b e n d e n G e w a l t der bürgerlichen Ge-
sellschaft gehörte, was eben ihr e i g e n t ü m l i c h e s
Wesen, wie eben ausgeführt, in dem von Hegel konstruierten Staate
ausmacht.
Es ist dies Beispiel sehr bezeichnend dafür, wie Hegel die Sache
#329# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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innerhalb ihrer Eigentümlichkeit halb absichtlich aufgibt und ihr
in ihrer bornierten Gestalt den entgegengesetzten Sinn dieser
Borniertheit unterschiebt.
Den eigentlichen Grund gibt Hegel zuletzt. Die Deputierten der
bürgerlichen Gesellschaft konstituieren sich zu einer "Ver-
sammlung", und diese Versammlung ist erst das w i r k l i c h e
p o l i t i s c h e D a s e i n und W o l l e n der
bürgerlichen Gesellschaft. Die Trennung des politischen Staats
von der bürgerlichen Gesellschaft erscheint als die Trennung der
Deputierten von ihren Mandataren. Die Gesellschaft ordnet bloß
die Elemente zu ihrem politischen Dasein von sich ab.
Der Widerspruch erscheint doppelt:
1. f o r m e l l. Die Abgeordneten der bürgerlichen Gesell-
schaft sind eine Gesellschaft, die nicht durch die Form der
"Instruktion", des Auftrages mit ihren Kommittenten in Verbindung
stehn. Sie sind formell kommittiert, aber sobald sie w i r k-
l i c h sind, sind sie n i c h t mehr K o m m i t t i e r-
t e. Sie sollen A b g e o r d n e t e s e i n und sind es
n i c h t.
2. m a t e r i e l l. In bezug auf die Interessen. Darüber her-
nach. Hier findet das Umgekehrte statt. Sie sind als Repräsentan-
ten der a l l g e m e i n e n Angelegenheiten kommittiert, aber
sie repräsentieren wirklich b e s o n d r e Angelegenheiten.
Bezeichnend ist, daß H e g e l hier das Zutrauen als die Sub-
stanz der A b o r d n u n g bezeichnet, als das substantielle
Verhältnis zwischen Abordnenden und Abgeordneten. Z u-
t r a u e n ist ein persönliches Verhältnis. Es heißt darüber
weiter in dem Zusatz:
"Repräsentation gründet sich auf Zutrauen, Zutrauen aber ist et-
was Anderes, als ob ich als dieser meine Stimme gebe. Die Majori-
tät der Stimmen ist ebenso dem Grundsatze zuwider, daß bei dem,
was mich verpflichten muß, ich als dieser zugegen sein soll. Man
hat Zutrauen zu einem Menschen, indem man seine Einsicht dafür
ansieht, daß er meine Sache als seine Sache, nach seinem besten
Wissen und Gewissen, behandeln wird."
"§ 310. Die G a r a n t i e der diesem Zweck entsprechenden Ei-
genschaften und der Gesinnung - da das unabhängige Vermögen schon
in dem ersten Teile der Stände sein Recht verlangt -, zeigt sich
bei dem zweiten Teile, der aus dem beweglichen und veränderlichen
Elemente der bürgerlichen Gesellschaft hervorgeht, vornehmlich in
der durch w i r k l i c h e Geschäftsführung in o b r i g-
k e i t l i c h e n oder S t a a t s ä m t e r n erworbenen
und durch die T a t bewährten Gesinnung, Geschicklichkeit und
Kenntnis der Einrichtungen und Interessen des Staats und der
bürgerlichen Gesellschaft und dein dadurch gebildeten und er-
probten o b r i g k e i t l i c h e n S i n n und S i n n
d e s S t a a t s."
Erst wurde die erste Kammer, die K a m m e r d e s u n a b-
h ä n g i g e n P r i v a t e i g e n t u m s für den Fürsten
und die Regierungsgewalt als G a r a n t i e gegen die
#330# Karl Marx
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Gesinnung der zweiten Kammer als dem p o l i t i s c h e n
D a s e i n der empirischen Allgemeinheit konstruiert, und jetzt
verlangt Hegel wieder eine n e u e G a r a n t i e, welche die
G e s i n n u n g etc. der zweiten Kammer selbst garantieren
soll.
Erst war das Zutrauen - die Garantie der Abordner - die Garantie
der Abgeordneten. Jetzt bedarf dies Zutrauen selbst wieder der
Garantie seiner Tüchtigkeit.
Hegel hätte nicht übel Lust, die zweite Kammer zur Kammer der
p e n s i o n i e r t e n Staatsbeamten zu machen. Er verlangt
nicht nur "den Sinn des Staats", sondern auch "obrigkeitlichen",
bürokratischen Sinn.
Was er hier wirklich verlangt, ist, daß die g e s e t z g e-
b e n d e Gewalt die w i r k l i c h e r e g i e r e n d e
Gewalt sein soll. Er drückt dies so aus, daß er die Bürokratie
z w e i m a l verlangt, einmal als Repräsentation der Fürsten
und das andere Mal als Repräsentantin des Volkes.
Wenn in konstitutionellen Staaten auch Beamte zulässig sind als
Deputierte, so ist dies nur, weil überhaupt vom S t a n d, von
der b ü r g e r l i c h e n Qualität abstrahiert und die Ab-
straktion des S t a a t s b ü r g e r t u m s das Herrschende
ist.
Hegel vergißt dabei, daß er die Repräsentation von den
K o r p o r a t i o n e n ausgehn ließ und daß diesen direkt die
Regierungsgewalt gegenübersteht. Er geht in diesem Vergessen, was
er gleich in dem folgenden Paragraphen wieder vergißt, so weit,
daß er einen w e s e n t l i c h e n Unterschied zwischen den
Abgeordneten der Korporation und den ständischen Abgeordneten
kreiert.
In der Anmerkung zu diesem Paragraphen heißt es:
"Die subjektive Meinung von sich findet leicht die Forderung sol-
cher Garantien, wenn sie in Rücksicht auf das sogenannte Volk ge-
macht wird, überflüssig, ja selbst etwa beleidigend. Der Staat
hat aber das Objektive, nicht eine subjektive Meinung und deren
S e l b s t z u t r a u e n zu seiner Bestimmung; die Individuen
können nur das für ihn sein, was an ihnen objektiv erkennbar und
erprobt ist, und er hat hierauf bei diesem Teile des ständischen
Elements um so mehr zu sehen, als derselbe seine Wurzel in den
auf das Besondere gerichteten Interessen und Beschäftigungen hat,
wo die Zufälligkeit, Veränderlichkeit und Willkür ihr Recht sich
zu ergehen hat."
Hier wird die gedankenlose Inkonsequenz und der "o b r i g-
k e i t l i c h e" Sinn Hegels wirklich e k e l h a f t. Am
Schlusse des Zusatzes zum früheren Paragraphen heißt es:
"Daß dieses" (sc. ihre oben beschriebene Aufgabe) "der Abgeord-
nete vollbringe und befördere, dazu bedarf es für die Wählenden
der Garantie."
Diese Garantie f ü r d i e W ä h l e n d e n hat sich unter
der Hand in eine G a r a n t i e g e g e n die Wählenden, ge-
gen ihr "S e l b s t z u t r a u e n" entwickelt. In dem stän-
dischen Element sollte die "empirische Allgemeinheit zum Moment"
der
#331# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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"subjektiven formellen Freiheit" kommen. "Das öffentliche Bewußt-
sein" sollte in ihm "als e m p i r i s c h e A l l g e-
m e i n h e i t der Ansichten und Gedanken der V i e l e n zur
Existenz" kommen. (§ 301.)
Jetzt sollen diese "Ansichten und Gedanken" z u v o r der
R e g i e r u n g eine Probe ablegen, daß sie "ihre" Ansichten
und Gedanken sind. Hegel spricht hier nämlich dummerweise vom
Staat als einer f e r t i g e n Existenz, obgleich er eben erst
daran ist, im ständischen Element den Staat fertig zu konstruie-
ren. Er spricht vom Staat als konkretem Subjekt, das "sich nicht
an die subjektive Meinung und deren Selbstzutrauen stößt", für
den die Individuen erst sich "erkennbar" gemacht und "erprobt"
haben. Es fehlt nur noch, daß Hegel ein E x a m e n der
S t ä n d e abzulegen bei der Wohllöblichen Regierung verlangt.
Hegel geht hier fast bis zur Servilität. Man sieht ihn durch und
durch angesteckt von dem elenden Hochmut der p r e u ß i-
s c h e n Beamtenwelt, die vornehm in ihrer Büroborniertheit auf
das "Selbstzutrauen" der "subjektiven Meinung des Volks zu sich"
herabsieht. Der "Staat" ist hier überall für Hegel identisch mit
der "Regierung".
Allerdings kann in einem wirklichen Staate das "bloße Zutrauen",
die "subjektive Meinung" nicht genügen. Aber in dem von Hegel
konstruierten Staate ist die p o l i t i s c h e Gesinnung der
bürgerlichen Gesellschaft eine bloße M e i n u n g, eben weil
ihr politisches Dasein eine A b s t r a k t i o n von ihrem
wirklichen Dasein ist; eben weil das Ganze des Staats nicht die
O b j e k t i v i e r u n g d e r p o l i t i s c h e n G e-
s i n n u n g ist. Wollte Hegel konsequent sein, so müßte er
vielmehr alles aufbieten, um das ständische Element seiner
w e s e n t l i c h e n B e s t i m m u n g gemäß (§ 301) als
das F ü r s i c h s e i n d e r allgemeinen Angelegenheit in
den Gedanken etc. der V i e l e n, also eben ganz unabhängig
von den andern Voraussetzungen des politischen Staats zu konstru-
ieren.
Ebenso wie Hegel es früher als die Ansicht des Pöbels bezeich-
nete, den schlechten Willen bei der Regierung etc. vorauszuset-
zen, ebensosehr und noch mehr ist es die Ansicht des Pöbels, den
schlechten Willen beim Volke vorauszusetzen. Hegel darf es dann
auch bei den von ihm verachteten Theoretikern weder "überflüssig"
noch "beleidigend" finden, wenn Garantien "in Rücksicht auf den
s o g e n a n n t e n Staat, den soi-disant Staat, die Regierung
verlangt, Garantien verlangt werden, daß die Gesinnung der Büro-
kratie die Staatsgesinnung sei.
"§ 311. Die Abordnung, als von der bürgerlichen Gesellschaft aus-
gehend, hat ferner den Sinn, daß die Abgeordneten mit deren spe-
ziellen Bedürfnissen, Hindernissen, besonderen Interessen bekannt
seien und ihnen selbst angehören. Indem sie nach der Natur der
bürgerlichen Gesellschaft von ihren verschiedenen Korporationen
ausgeht (§ 308) und die einfache Weise dieses Ganges nicht durch
Abstraktionen und
#332# Karl Marx
-----
die atomistischen Vorstellungen gestört wird, so erfüllt sie da-
mit unmittelbar jenen Gesichtspunkt, und Wählen ist entweder
überhaupt etwas Überflüssiges oder reduziert sich auf ein gerin-
ges Spiel der Meinung und der Willkür."
Zunächst knüpft Hegel die Abordnung in ihrer Bestimmung als
"gesetzgebende Gewalt" (§ 309, 310) an die Abordnung "als von der
bürgerlichen Gesellschaft ausgehend", d.h. an ihre repräsentative
Bestimmung, durch ein einfaches "ferner" an. Die ungeheuren Wi-
dersprüche, die in diesem "ferner" liegen, spricht er ebenso ge-
dankenlos aus.
Nach § 309 sollen die Abordnenden "nicht das besondere Interesse
einer Gemeinde, Korporation gegen das allgemeine, sondern
w e s e n t l i c h dieses geltend machen".
Nach § 311 gehn sie von den Korporationen aus, repräsentieren
diese besondern Interessen und Bedürfnisse und lassen sich nicht
durch "Abstraktionen" stören, als wenn das "allgemeine Interesse"
nicht auch eine solche Abstraktion wäre, eine Abstraktion eben
von i h r e n Korporations- etc. Interessen.
Nach § 310 wird verlangt, "daß sie durch wirkliche Geschäftsfüh-
rung etc. sich obrigkeitlichen Sinn und den Sinn des Staats" er-
worben und bewährt haben. Im § 311 wird Korporations- und bürger-
licher Sinn verlangt.
In dem Zusatz zu § 309 heißt es: "Repräsentation gründet sich auf
Z u t r a u e n." Nach § 311 ist "Wählen", diese Realisierung
des Zutrauens, diese Betätigung, Erscheinung desselben, "entweder
überhaupt etwas Überflüssiges oder reduziert sich auf ein gerin-
ges Spiel der Meinung und der Willkür".
Das, worauf sich die Repräsentation gründet, ihr Wesen, ist also
der Repräsentation "entweder überhaupt etwas Überflüssiges" etc.
Hegel stellt also in einem Atem die absoluten Widersprüche auf:
Die Repräsentation gründet sich auf Zutrauen, auf das Vertrauen
des Menschen zum Menschen, und sie gründet sich nicht auf das Zu-
trauen. Das ist vielmehr eine bloße formelle Spielerei.
Das besondere Interesse ist nicht das Objekt der Vertretung, son-
dern der Mensch und sein Staatsbürgertum, das allgemeine Inter-
esse. Andrerseits: Das besondere Interesse ist der Stoff der Ver-
tretung, der Geist dieses Interesses ist der Geist des Repräsen-
tanten.
In der Anmerkung zu diesem Paragraphen, den wir nun betrachten,
werden diese Widersprüche noch greller durchgeführt. Das eine Mal
ist die Repräsentation die Vertretung des Menschen, das andere
Mal des besonderen Interesses, des besonderen Stoffes.
"Es bietet sich von selbst das Interesse dar, daß unter den Abge-
ordneten sich für jeden besonderen großen Zweig der Gesellschaft,
z.B. für den Handel, für die
#333# Kritik des Hegelschen Staatsrechts
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Fabriken usf. Individuen befinden, die ihn gründlich kennen und
ihm selbst angehören; - in der Vorstellung eines losen, unbe-
stimmten Wählens ist dieser wichtige Umstand nur der Zufälligkeit
preisgegeben. Jeder solcher Zweig hat aber gegen den andern glei-
ches Recht, repräsentiert zu werden. Wenn die Abgeordneten als
R e p r ä s e n t a n t e n betrachtet werden, so hat dies einen
organisch vernünftigen Sinn nur dann, daß sie nicht
R e p r ä s e n t a n t e n als von E i n z e l n e n, von ei-
ner Menge seien, sondern R e p r ä s e n t a n t e n einer der
wesentlichen S p h ä r e n der Gesellschaft, Repräsentanten ih-
rer großen Interessen. Das Repräsentieren hat damit auch nicht
mehr die Bedeutung, daß E i n e r a n d e r S t e l l e
e i n e s A n d e r n sei, sondern das Interesse selbst ist in
seinem Repräsentanten w i r k l i c h g e g e n w ä r t i g,
so wie der Repräsentant für sein eigenes objektives Element da
ist.
Von dem Wählen durch die vielen Einzelnen kann noch bemerkt
"werden, daß notwendig besonders in großen Staaten die
G l e i c h g ü l t i g k e i t gegen das Geben seiner Stimme,
als die in der Menge eine unbedeutende Wirkung hat, eintritt, und
die Stimmberechtigten, diese Berechtigung mag ihnen als etwas
noch so Hohes angeschlagen und vorgestellt werden, eben zum
Stimmgeben nicht erscheinen: - so daß aus solcher Institution
vielmehr das Gegenteil ihrer Bestimmung erfolgt und die Wahl in
die Gewalt Weniger, einer Partei, somit des besondern, zufälligen
Interesses fällt, das gerade neutralisiert werden sollte."
Die beiden Paragraphen 312 und 313 sind im früheren erledigt und
keiner besonderen Besprechung wert. Wir setzen sie daher hierhin:
"§ 312. Von den zwei im ständischen Elemente enthaltenen Seiten
(§ 305, 308) bringt jede in die Beratung eine besondere Modifika-
tion; und weil überdem das eine Moment die eigentümliche Funktion
der Vermittelung innerhalb dieser Sphäre und zwar zwischen Exi-
stierenden hat, so ergibt sich für dasselbe gleichfalls eine ab-
gesonderte Existenz; die ständische Versammlung wird sich somit
in z w e i K a m m e r n teilen."
O Jerum!
"§ 313. Durch diese Sonderung erhält nicht nur die Reife der Ent-
schließung vermittelst einer Mehrheit von I n s t a n z e n
ihre größere Sicherung, und wird die Zufälligkeit einer Stimmung
des Augenblicks, wie die Zufälligkeit, welche die Entscheidung
durch die Mehrheit der Stimmenanzahl annehmen kann, entfernt,
sondern vornehmlich kommt das ständische Element weniger in den
Fall, der Regierung direkt gegenüber zu stehen, oder im Falle das
vermittelnde Moment sich gleichfalls auf der Seite des zweiten
Standes befindet, wird das Gewicht seiner Ansicht um so mehr ver-
stärkt, als sie so unparteiischer und sein Gegensatz neutrali-
siert erscheint." 1*)
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1*) Hier bricht die Handschrift ab.
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