Quelle: MEW 1 1839 - 1844


       zurück

       #1#
       -----
       Karl Marx
       1842-1844
       
       #2#
       -----
       
       #3#
       -----
       Karl Marx
       Bemerkungen über die neueste preußische Zensurinstruktion [1]
       Von einen Rheinländer
       
       Wir gehören nicht zu den Malkontenten, die schon vor der Erschei-
       nung des  neuen preußischen Zensurediktes ausrufen : Timeo Danaos
       et dona  ferentes. [2]  Vielmehr da  in der neuen Instruktion die
       Prüfung schon  erlassener Gesetze, sollte sie auch nicht im Sinne
       der Regierung  ausfallen, gebilligt  wird, so machen wir sogleich
       einen  Anfang   mit  ihr  selbst.  Die    Z e n s u r    ist  die
       o f f i z i e l l e   K r i t i k;   ihre Normen  sind  kritische
       Normen, die also am wenigsten der Kritik, mit der sie sich in ein
       Feld stellen, entzogen werden dürfen.
       Die im  Eingang der  Instruktion ausgesprochene  a l l g e m e i-
       n e  T e n d e n z  wird gewiß jeder nur billigen können:
       
       "Um  s c h o n  j e t z t  die Presse von unstatthaften, nicht in
       der Allerhöchsten  Absicht liegenden  Beschränkungen zu befreien,
       haben Seine  Majestät der  König 1*) durch eine an das Königliche
       Staatsministerium am 10. dieses Monats erlassene Allerhöchste Or-
       dre jeden ungebührlichen Zwang der schriftstellerischen Tätigkeit
       ausdrücklich zu  mißbilligen und, unter Anerkennung des Werts und
       des Bedürfnisses  einer freimütigen  und anständigen  Publizität,
       uns zu  ermächtigen geruht,  die Zensoren zur angemessenen Beach-
       tung des  Artikel II  des Zensuredikts  vom 18.  Oktober 1819 von
       neuem anzuweisen." [3]
       Gewiß! Ist die Zensur einmal eine Notwendigkeit, so ist die frei-
       mütige, die liberale Zensur noch notwendiger.
       Was sogleich  ein gewisses  Befremden  erregen  dürfte,  ist  das
       D a t u m   des angeführten  Gesetzes; es ist datiert vom 18. Ok-
       tober 1819  [4]. Wie? Ist es etwa ein Gesetz, welches die Zeitum-
       stände zu derogieren zwangen? Es scheint nicht; denn die Zensoren
       werden nur   "v o n  n e u e m"  zur Beachtung desselben angewie-
       sen. Also  bis 1842  war das  Gesetz vorhanden, aber es ist nicht
       befolgt worden,  denn "um   s c h o n  j e t z t"  die Presse von
       unstatthaften, nicht  in der  allerhöchsten Absicht liegenden Be-
       schränkungen zu befreien, wird es ins Gedächtnis gerufen.
       -----
       1*) Friedrich Wilhelm IV
       
       #4# Karl Marx
       -----
       Die Presse  - eine  unmittelbare Konsequenz dieses Eingangs - un-
       terlag bis  jetzt  t r o t z  d e m  G e s e t z e  unstatthaften
       Beschränkungen.
       Spricht dies  nun  g e g e n  d a s  G e s e t z  oder  g e g e n
       d i e  Z e n s o r e n?
       Das letztere   d ü r f e n   wir  kaum behaupten.  Zweiundzwanzig
       Jahre durch geschahen illegale Handlungen von einer Behörde, wel-
       che das  höchste Interesse  der Staatsbürger,  ihren Geist, unter
       Tutel hat,  von einer  Behörde, die,  noch mehr als die römischen
       Zensoren, nicht  nur das Betragen einzelner Bürger, sondern sogar
       das Betragen  des öffentlichen  Geistes reguliert.  Sollte in dem
       wohleingerichteten, auf  seine Administration stolzen preußischen
       Staate solch  gewissenloses Benehmen  der höchsten  Staatsdiener,
       eine so  konsequente Illoyalität möglich sein? Oder hat der Staat
       in fortwährender  Verblendung die untüchtigsten Individuen zu den
       schwierigsten Stellen  gewählt? Oder hat endlich der Untertan des
       preußischen Staates keine Möglichkeit, gegen ungesetzmäßiges Ver-
       fahren zu  reklamieren? Sind  alle preußischen  Schriftsteller so
       ungebildet und  unklug, mit  den Gesetzen,  die ihre Existenz be-
       treffen, nicht bekannt zu sein, oder sind sie zu feig, die Anwen-
       dung derselben zu verlangen?
       Werfen wir die Schuld auf die  Z e n s o r e n,  so ist nicht nur
       ihre eigne  Ehre, sondern  die Ehre  des preußischen  Staats, der
       preußischen Schriftsteller kompromittiert.
       Es wäre  ferner durch  das mehr als zwanzigjährige gesetzlose Be-
       nehmen der  Zensoren trotz den Gesetzen das argumentum ad hominem
       1*) geliefert, daß die Presse andrer Garantien bedarf als solcher
       allgemeiner Verfügungen  für solche unverantwortliche Individuen;
       es wäre  der Beweis geliefert, daß im Wesen der Zensur ein Grund-
       mangel liegt, dem kein Gesetz abheilen kann.
       Waren  aber  die  Zensoren  tüchtig,  und    t a u g t e    d a s
       G e s e t z   n i c h t,  warum es von neuem zur Abhülfe der Übel
       aufrufen, die es veranlaßt hat?
       Oder sollen etwa die  o b j e k t i v e n  F e h l e r  einer In-
       stitution den   I n d i v i d u e n   zur  Last gelegt werden, um
       ohne Verbesserung des Wesens den Schein einer Verbesserung zu er-
       schleichen?  Es   ist  die   Art  des    S c h e i n l i b e r a-
       l i s m u s,   der sich Konzessionen abnötigen läßt, die Personen
       hinzuopfern,  die  Werkzeuge,  und  die  Sache,  die  Institution
       festzuhalten. Die  Aufmerksamkeit eines oberflächlichen Publikums
       wird dadurch abgelenkt.
       Die sachliche Erbitterung wird zur persönlichen. Mit einem Perso-
       nenwechsel glaubt  man den  Wechsel der  Sache zu  haben. Von der
       Zensur ab  richtet sich der Blick auf einzelne Zensoren, und jene
       kleinen Schriftsteller
       -----
       1*) der überzeugende Beweis
       
       #5# Bemerkungen über die preußische Zensurinstruktion
       -----
       des befohlenen  Fortschritts handhaben minutiöse Kühnheiten gegen
       die ungnädig  Behandelten, als ebenso viele Huldigungen gegen das
       Gouvernement.
       Noch eine andre Schwierigkeit hemmt unsre Schritte.
       Einige Zeitungskorrespondenten  halten die  Zensurinstruktion für
       das neue  Zensuredikt selbst.  Sie haben  geirrt; aber ihr Irrtum
       ist verzeihlich.  Das Zensuredikt vom 18. Oktober 1819 sollte nur
       provisorisch bis zum Jahre 1824 dauern, und - es wäre bis auf den
       heutigen Tag  provisorisches Gesetz geblieben, wenn wir nicht aus
       der vorliegenden  Instruktion erführen,  daß es  nie in Anwendung
       gekommen ist.
       Auch das  Edikt von  1819 war eine  i n t e r i m i s t i s c h e
       Maßregel, nur  daß hier  der Erwartung  die bestimmte  Sphäre von
       fünf Jahren  angewiesen war, während sie in der neuen Instruktion
       beliebigen  Spielraum   hat,   nur   daß   der   Gegenstand   der
       d a m a l i g e n   Erwartung   G e s e t z e   d e r    P r e ß-
       f r e i h e i t,   der   d e r   j e t z i g e n    G e s e t z e
       d e r  Z e n s u r  sind.
       Andre Zeitungskorrespondenten  betrachten  die  Zensurinstruktion
       als eine  Wiederauffrischung des  alten Zensuredikts.  Ihr Irrtum
       wird durch die Instruktion selbst widerlegt werden.
       Wir  betrachten  die  Zensurinstruktion  als  den    a n t i z i-
       p i e r t e n   G e i s t   des mutmaßlichen  Zensurgesetzes. Wir
       schließen uns  darin strenge  dem Geist des Zensuredikts von 1819
       an, worin   L a n d e s g e s e t z e   und    V e r o r d n u n-
       g e n   als gleichbedeutend  für die  Presse hingestellt  werden.
       (Siehe das angeführte Edikt Artikel XVI, Nr. 2.)
       Kehren wir zur Instruktion zurück.
       
       "Nach diesem  Gesetz", nämlich  dem Artikel  II, "soll die Zensur
       keine ernsthafte  und bescheidene  Untersuchung der Wahrheit hin-
       dern, noch  den Schriftstellern  ungebührlichen  Zwang  auflegen,
       noch den freien Verkehr des Buchhandels hemmen."
       
       Die Untersuchung der Wahrheit, die von der Zensur nicht gehindert
       werden soll, ist näher qualifiziert als eine  e r n s t h a f t e
       und  b e s c h e i d e n e.  Beide Bestimmungen weisen die Unter-
       suchung nicht  auf ihren  Inhalt, sondern vielmehr auf etwas, das
       außer ihrem  Inhalt liegt. Sie ziehen von vornherein die Untersu-
       chung von  der Wahrheit ab und schreiben ihr Aufmerksamkeiten ge-
       gen einen unbekannten Dritten vor. Die Untersuchung, die ihre Au-
       gen beständig  nach diesem  durch das  Gesetz mit einer gerechten
       Irritabilität begabten  Dritten richtet, wird sie nicht die Wahr-
       heit aus  dem Gesicht  verlieren? Ist  es nicht erste Pflicht des
       Wahrheitsforschers, direkt  auf  die  Wahrheit  loszugehen,  ohne
       rechts oder  links zu  sehen? Vergesse ich nicht die Sache zu sa-
       gen, wenn  ich noch  weniger vergessen  darf, sie  in der  vorge-
       schriebenen Form zu sagen?
       Die Wahrheit ist so wenig bescheiden als das Licht, und gegen wen
       sollte
       
       #6# Karl Marx
       -----
       sie es  sein? Gegen  sich selbst?  Verum index  sui et falsi. [5]
       Also  g e g e n  d i e  U n w a h r h e i t?
       Bildet die  Bescheidenheit den Charakter der Untersuchung, so ist
       sie eher  ein Kennzeichen  der Scheu vor der Wahrheit als vor der
       Unwahrheit.  Sie  ist  ein  niederschlagendes  Mittel  auf  jedem
       Schritt, den  ich vorwärts  tue.   S i e   i s t   e i n e  d e r
       U n t e r s u c h u n g             v o r g e s c h r i e b e n e
       A n g s t,   d a s   R e s u l t a t  z u  f i n d e n,  ein Prä-
       servativmittel vor der Wahrheit.
       Ferner: die Wahrheit ist allgemein, sie gehört nicht mir, sie ge-
       hört allen,  sie hat  mich, ich habe sie nicht. Mein Eigentum ist
       die   F o r m,   sie ist  meine geistige Individualität, Le style
       c'est l'homme 1*). Und wie! Das Gesetz gestattet, das ich schrei-
       ben soll,  nur soll  ich einen  anderen als   m e i n e n    Stil
       schreiben! Ich  darf das  Gesicht meines Geistes zeigen, aber ich
       muß es vorher in  v o r g e s c h r i e b e n e  F a l t e n  le-
       gen! Welcher Mann von Ehre wird nicht erröten über diese Zumutung
       und nicht  lieber sein Haupt unter der Toga verbergen? Wenigstens
       läßt die  Toga einen Jupiterkopf ahnen. Die vorgeschriebenen Fal-
       ten heißen nichts als: bonne mine à mauvais jeau [2].
       Ihr bewundert die entzückende Mannigfaltigkeit, den unerschöpfli-
       chen Reichtum  der Natur. Ihr verlangt nicht, daß die Rose duften
       soll wie das Veilchen, aber das Allerreichste, der Geist soll nur
       auf   e i n e   Art existieren dürfen? Ich bin humoristisch, aber
       das Gesetz  gebietet, ernsthaft  zu schreiben. Ich bin keck, aber
       das Gesetz  befiehlt, daß mein Stil bescheiden sei.  G r a u  i n
       g r a u  ist die einzige, die berechtigte Farbe der Freiheit. Je-
       der Tautropfen,  in den  die Sonne  scheint,  glitzert  in  uner-
       schöpflichem Farbenspiel,  aber die geistige Sonne, in wie vielen
       Individuen, an  welchen Gegenständen  sie sich  auch breche, soll
       nur eine,  nur die  o f f i z i e l l e  F a r b e  erzeugen dür-
       fen! Die  wesentliche Form  des Geistes  ist H e i t e r k e i t,
       L i c h t,   und ihr macht den  S c h a t t e n  zu seiner einzi-
       gen entsprechenden Erscheinung, nur schwarz gekleidet soll er ge-
       hen, und  doch gibt es unter den Blumen keine schwarze. Das Wesen
       des Geistes  ist  d i e  W a h r h e i t  i m m e r  s e l b s t,
       und was  macht ihr  zu  seinem  Wesen?    D i e    B e s c h e i-
       d e n h e i t.  Nur der Lump ist bescheiden, sagt Goethe [6], und
       zu solchem  Lumpen wollt  ihr den  Geist machen?  Oder  soll  die
       Bescheidenheit  jene   Bescheidenheit  des   Genius  sein,  wovon
       Schiller [7] spricht, so verwandelt zuerst alle eure Staatsbürger
       und vor  allem eure  Zensoren in  Genies. Dann  aber besteht  die
       Bescheidenheit des Genies zwar nicht darin, worin die Sprache der
       Bildung besteht,  keinen Akzent und keinen Dialekt, wohl aber den
       Akzent der  Sache und  den Dialekt  ihres Wesens zu sprechen. Sie
       besteht darin,  Bescheidenheit und  Unbescheidenheit zu vergessen
       und die Sache
       -----
       1*) Am  Stil erkennt  man den Menschen. - 2*) gute Mine zum bösen
       Spiel
       
       #7# Bemerkungen über die preußische Zensurinstruktion
       -----
       herauszuscheiden. Die  allgemeine Bescheidenheit  des Geistes ist
       die  Vernunft,   jene  universelle   Liberalität,  die   sich  zu
       j e d e r   N a t u r   nach   i h r e m  w e s e n t l i c h e n
       C h a r a k t e r  verhält.
       Soll ferner  die   E r n s t h a f t i g k e i t   nicht zu jener
       Definition des Tristam Shandy [8] passen, wonach sie ein heuchle-
       risches benehmen des Körpers ist, um die Mängel der Seele zu ver-
       decken, sondern den  s a c h l i c h e n  Ernst bedeuten, so hebt
       sich die  ganze Vorschrift auf. Denn das Lächerliche behandle ich
       ernsthaft, wenn ich es lächerlich behandle, und die ernsthafteste
       Unbescheidenheit des  Geistes ist, gegen die Unbescheidenheit be-
       scheiden zu sein.
       Ernsthaft und  bescheiden!  welche  schwankenden,  relativen  Be-
       griffe! Wo  hört der  Ernst auf,  wo fängt der Scherz an? Wo hört
       die Bescheidenheit  auf, wo  fängt die  Unbescheidenheit an?  Wir
       sind auf die  T e m p e r a m e n t e  des Zensors angewiesen. Es
       wäre ebenso unrecht, dem Zensor das Temperament, als dem Schrift-
       steller den Stil vorzuschreiben. Wollt ihr konsequent sein in eu-
       rer  ästhetischen   Kritik,  so   verbietet  auch,      a l l z u
       e r n s t h a f t  und  a l l z u  b e s c h e i d e n  die Wahr-
       heit zu untersuchen, denn die allzu große Ernsthaftigkeit ist das
       Allerlächerlichste, und  die allzu  große Bescheidenheit  ist die
       bitterste Ironie.
       Endlich wird  von einer  völlig verkehrten und abstrakten Ansicht
       der   W a h r h e i t    selbst  ausgegangen.  Alle  Objekte  der
       schriftstellerischen  Tätigkeit   werden  unter  der  allgemeinen
       Vorstellung   "W a h r h e i t"  subsumiert. Sehen wir nun selbst
       vom   S u b j e k t i v e n   ab, nämlich davon, daß ein und der-
       selbe Gegenstand in den verschiedenen Individuen sich verschieden
       Individuen sich verschieden bricht und seine verschiedenen Seiten
       in ebenso  viele verschiedene  geistige Charaktere  umsetzt; soll
       denn der   C h a r a k t e r  d e s  G e g e n s t a n d e s  gar
       keinen, auch  nicht den  geringsten Einfluß  auf die Untersuchung
       ausüben? Zur Wahrheit gehört nicht nur das Resultat, sondern auch
       der Weg.  Die Untersuchung der Wahrheit muß selbst wahr sein, die
       wahre Untersuchung  ist die  entfaltete Wahrheit, deren auseinan-
       dergestreute Glieder sich im Resultat zusammenfassen. Und die Art
       der Untersuchung sollte nicht nach dem Gegenstand sich verändern?
       Wenn der  Gegenstand lacht, soll sie ernst aussehen, wenn der Ge-
       genstand unbequem  ist, soll  sie bescheiden  sein. Ihr  verletzt
       also das  Recht des  Objekts, wie ihr das recht des Subjekts ver-
       letzt. Ihr  faßt die  Wahrheit abstrakt  und macht  den Geist zum
       U n t e r s u c h u n g s r i c h t e r,  der sie trocken  p r o-
       t o k o l l i e r t.
       Oder bedarf  es dieser  metaphysischen Quälerei  nicht?  Ist  die
       Wahrheit einfach  so zu  verstehen, daß   W a h r h e i t  s e i,
       w a s   d i e   R e g i e r u n g   a n o r d n e t,  und daß die
       U n t e r s u c h u n g   sich als  ein überflüssiger, zudringli-
       cher, aber der  E t i k e t t e
       
       #8# Karl Marx
       -----
       w e g e n    nicht  ganz  abzuweisender  Dritter  hinzukomme?  Es
       scheint fast  so. Denn  von vorn  herein wird die Untersuchung im
       G e g e n s a t z   gegen die Wahrheit gefaßt und erscheint daher
       in der  verdächtigen offiziellen  Begleitung der  Ernsthaftigkeit
       und Bescheidenheit,  die allerdings dem Laien dem Priester gegen-
       über geziemen.  Der Regierungsverstand ist die einzige Staatsver-
       nunft. Dem  andern verstand  und seinem Geschwätz sind zwar unter
       gewissen Zeitumständen  Konzessionen  zu  machen,  zugleich  aber
       trete er  mit dem  Bewußtsein der Konzession und der eigentlichen
       Rechtlosigkeit auf,  bescheiden und  gebeugt, ernsthaft und lang-
       weilig. Wenn Voltaire sagt: "tous les genres sont bons, exepté le
       genre ennuyeux"  [9], so wird hier das ennuyante Genre zum exklu-
       siven, wie  schon die Hinweisung auf die "Verhandlungen der Rhei-
       nischen Landstände"  zu Genüge  beweist. Warum  nicht lieber  den
       guten alten  deutschen Kurialstil? Frei sollt ihr schreiben, aber
       jedes Wort  sei zugleich ein Knicks vor der liberalen Zensur, sie
       eure ebenso ernsten als bescheidenen Vota passieren läßt. Das Be-
       wußtsein der Devotion verliert ja nicht!
       Der   g e s e t z l i c h e  T o n  liegt nicht auf der Wahrheit,
       sondern auf  der Bescheidenheit  und Ernsthaftigkeit.  Also alles
       erregt Bedenken,  die Ernsthaftigkeit, die Bescheidenheit und vor
       allem die  Wahrheit, unter deren unbestimmter Weite eine sehr be-
       stimmte, sehr zweifelhafte Wahrheit verborgen scheint.
       
       "Die Zensur", heißt es weiter in der Instruktion, "soll also kei-
       neswegs in  einem engherzigen,  über dieses Gesetz hinausgehenden
       Sinne gehandhabt werden."
       
       Unter   d i e s e m  G e s e t z  ist zunächst der Artikel II des
       Edikts von  1819 gemeint,  allein später verweist die Instruktion
       auf den   "G e i s t"   des Zensuredikts überhaupt. Beide Bestim-
       mungen sind  nicht leicht  zu vereinen.  Der Artikel  II ist  der
       k o n z e n t r i e r t e   G e i s t   des Zensuredikts,  dessen
       weitere Gliederung  und Spezifikation sich in den andern Artikeln
       findet. Wir  glauben den zitierten Geist nicht besser charakteri-
       sieren zu  können als durch  f o l g e n d e  Ä u ß e r u n g e n
       d e s s e l b e n:
       
       Artikel VII.  "D i e  d e r  A k a d e m i e  d e r  W i s s e n-
       s c h a f t e n   u n d  d e n  U n i v e r s i t ä t e n  b i s-
       h e r   v e r l i e h e n e  Z e n s u r f r e i h e i t  w i r d
       a u f  f ü n f  J a h r e  h i e r m i t  s u s p e n d i e r t."
       § 10.   "D e r   g e g e n w ä r t i g e  e i n s t w e i l i g e
       B e s c h l u ß   soll, vom heutigen Tage an, fünf Jahre in Wirk-
       samkeit bleiben. Vor Ablauf dieser Zeit soll am Bundestage gründ-
       lich untersucht  werden, auf  welche Weise die im 18. Artikel der
       Bundesakte  i n  A n r e g u n g  g e b r a c h t e n  gleichför-
       migen Verfügungen über die  P r e ß f r e i h e i t  in Erfüllung
       zu setzen   s e i n  m ö c h t e n,  und demnächst ein Definitiv-
       beschluß  über   die   rechtmäßigen      G r e n z e n      d e r
       P r e ß f r e i h e i t  in Deutschland erfolgen."
       
       #9# Bemerkungen über die preußische Zensurinstruktion
       -----
       Ein Gesetz,  welches die   P r e ß f r e i h e i t,   wo sie noch
       existierte, suspendiert,  und wo sie zur Existenz gebracht werden
       sollte, durch die  Z e n s u r  überflüssig macht, kann nicht ge-
       rade ein  der Presse  günstiges genannte werden. Ach gesteht § 10
       geradezu, daß  anstatt der  im 18. Artikel der Bundesakte [10] in
       Anregung gebrachten und vielleicht einmal in Erfüllung zu setzen-
       den   P r e ß f r e i h e i t   provisorisch  ein    Z e n s u r-
       g e s e t z   gegeben werde.  Dies quid  pro quo  1*) verrät  zum
       wenigsten, daß  der Charakter  dem  Mißtrauen  gegen  die  Presse
       seinen  Ursprung   verdankt.  Die  Verstimmung  wird  sogar  ent-
       schuldigt, indem  sie als  provisorisch, als  nur für  fünf Jahre
       geltend - leider hat sie 22 Jahre gewährt - bezeichnet wird.
       Schon die nächste Zeile der Instruktion zeigt uns, wie sie in den
       Widerspruch gerät,  der einerseits  die Zensur in keinem über das
       Edikt hinausgehenden  Sinn gehandhabt  wissen will  und  ihr  zur
       gleichen Zeit die Hinausgehen vorschreibt:
       
       "Der Zensor kann eine freimütige Besprechung auch der inneren Zu-
       stände sehr wohl gestatten."
       
       Der Zensor   k a n n,   er muß nicht, es ist keine Notwendigkeit,
       allein schon  dieser vorsichtige Liberalismus geht nicht nur über
       den Geist,  sondern über  die bestimmten Forderungen des Zensure-
       dikts sehr bestimmt hinaus. Das alte Zensuredikt, und zwar der in
       der Instruktion  zitierte Artikel  II, gestattet  nicht nur keine
       f r e i m ü t i g e  B e s p r e c h u n g  der preußischen, son-
       dern nicht einmal der  c h i n e s i s c h e n  Angelegenheiten.
       
       "Hieher", nämlich  zu den Verletzungen der Sicherheit des preußi-
       schen Staats  und der  deutschen Bundesstaaten, wird kommentiert,
       "gehören alle  Versuche, in   i r g e n d e i n e m     L a n d e
       bestehende Parteien,  welche am  Umsturz der Verfassung arbeiten,
       i n  e i n e m  g ü n s t i g e n  L i c h t e  darzustellen".
       
       Ist auf  diese Weise  eine   f r e i m ü t i g e  Besprechung der
       chinesischen oder türkischen Landesangelegenheiten gestattet? Und
       wenn schon  so entlegene Beziehungen die irritable Sicherheit des
       deutschen Bundes  gefährden, wie  nicht jedes mißbillingende Wort
       über  i n n e r e  Angelegenheiten?
       Geht auf diese Weise die Instruktion nach der liberalen Seite hin
       über den  Geist des  Artikels II  des Zensuredikts  hinaus -  ein
       H i n a u s g e h e n,   dessen  I n h a l t  sich später ergeben
       wird, das aber  f o r m e l l  schon insofern verdächtig ist, als
       es sich  zur Konsequenz des Artikels II macht, von dem in der In-
       struktion weislich  nur die  e r s t e  H ä l f t e  zitiert, der
       Zensor aber zugleich auf den  A r t i k e l
       -----
       1*) Dieser Mißgriff
       
       #10# Karl Marx
       -----
       s e l b s t   angewiesen wird  -, so geht sie ebensosehr nach der
       i l l i b e r a l e n   S e i t e   h i n  ü b e r  d a s  Z e n-
       s u r e d i k t     hinaus  und   fügt    n e u e    P r e ß b e-
       s c h r ä n k u n g e n  zu den alten hinzu.
       In dem oben zitierten Artikel II des Zensuredikts heißt es:
       
       "Ihr Zweck"  (der Zensur)  "ist, demjenigen  zu steuern,  was den
       a l l g e m e i n e n     G r u n d s ä t z e n    der  Religion,
       o h n e     R ü c k s i c h t    auf  die  Meinungen  und  Lehren
       e i n z e l n e r   Religionsparteien und  im  Staate  geduldeter
       Sekten, zuwider ist."
       
       Im Jahre 1819 herrschte noch der Rationalismus, welcher unter der
       Religion im allgemeinen die sogenannte Vernunftreligion verstand.
       Dieser  r a t i o n a l i s t i s c h e  S t a n d p u n k t  ist
       auch der  Standpunkt des  Zensuredikts, welches allerdings so in-
       konsequent ist,  sich auf den irreligiösen Standpunkt zu stellen,
       während es  die Religion  zu beschützen bezweckt. Es widerspricht
       nämlich schon den allgemeinen Grundsätzen der Religion, ihre all-
       gemeinen Grundsätze  von ihrem positiven Inhalt und von ihrer Be-
       stimmtheit zu trennen, denn jede Religion glaubt sich von den an-
       dern besondern   e i n g e b i l d e t e n  Religionen eben durch
       ihr   b e s o n d e r e s   W e s e n   zu unterscheiden und eben
       durch ihre   B e s t i m m t h e i t   die  w a h r e    R e l i-
       g i o n  zu sein. Die neue Zensurinstruktion läßt in der Zitation
       des Artikels II den  b e s c h r ä n k e n d e n  N a c h s a t z
       aus, durch welchen die einzelnen Religionsparteien und Sekten von
       der Inviolabilität  ausgeschlossen wurden,  aber sie bleibt nicht
       hierbei stehen, sie liefert den folgenden Kommentar:
       
       "Alles was  wider die   c h r i s t l i c h e  Religion im allge-
       meinen  oder  wider  einen    b e s t i m m t e n    L e h r b e-
       g r i f f  auf eine  f r i v o l e,  f e i n d s e l i g e  Weise
       gerichtet ist, darf nicht geduldet werden."
       
       Das alte  Zensuredikt erwähnt  mit keinem  Wort der  c h r i s t-
       l i c h e n     Religion,  im  Gegenteil,  es  unterscheidet  die
       Religion von   a l l e n  einzelnen Religionsparteien und Sekten.
       Die neue  Zensurinstruktion  verwandelt  nicht  nur  Religion  in
       c h r i s t l i c h e   Religion,  sondern  fügt  noch  den  b e-
       s t i m m t e n   L e h r b e g r i f f   h i n z u.    Köstliche
       Ausgeburt unsrer  christlich gewordenen  Wissenschaft!  Wer  will
       noch leugnen,  daß sie  der Presse  neue Fesseln geschmiedet hat?
       Die Religion soll  w e d e r  i m  a l l g e m e i n e n  n o c h
       i m  b e s o n d e r n  angegriffen werden. Oder glaubt ihr etwa,
       die Worte  frivol, feindselig  machten die neuen Ketten zu Rosen-
       ketten? Wie  geschickt geschrieben:    f r i v o l,    f e i n d-
       s e l i g!   Das Adjektivum frivol richtet sich an die Ehrbarkeit
       des Bürgers,  es ist  das exoterische  Wort an die Welt, aber das
       Adjektivum feindselig  wird dem  Zensor ins  Ohr flüstert, es ist
       die gesetzliche  Interpretation der  Frivolität.  Wir  werden  in
       dieser Instruktion noch mehrere Beispiele von diesem feinen Takte
       finden, der ein subjektives, das Blut ins Gesicht treibendes Wort
       an das Publikum
       
       #11# Bemerkungen über die preußische Zensurinstruktion
       -----
       und ein  objektives, das  Blut dem Schriftsteller aus dem Gesicht
       treibendes Wort  an den  Zensor richtet. Auf diese Weise kann man
       lettres de cachet [11] in Musik setzen.
       Und in  welchen merkwürdigen  Widerspruch verfängt  sich die Zen-
       surinstruktion! Nur der halbe Angriff, der sich an einzelnen Sei-
       ten der  Erscheinung hält,  ohne tief und ernst genug zu sein, um
       das Wesen  der Sache zu treffen, ist frivol, eben die Wendung ge-
       gen ein   n u r   B e s o n d e r e s   a l s  s o l c h e s  ist
       frivol. Ist also der Angriff auf die christliche Religion im all-
       gemeinen verboten, so ist nur der frivole Angriff auf sie gestat-
       tet. Umgekehrt ist der Angriff auf die allgemeinen Grundsätze der
       Religion,  auf   ihr  Wesen,   auf  das  Besondere,  insofern  es
       E r s c h e i n u n g   d e s   Wesens ist,  ein feindseliger An-
       griff. Die  Religion kann nur auf  e i n e  f e i n d s e l i g e
       o d e r   f r i v o l e   Weise angegriffen  werden, ein  Drittes
       gibt es nicht. Diese Inkonsequenz, in welche sich die Instruktion
       verfängt, ist  allerdings nur ein  S c h e i n,  denn sie ruht in
       dem Scheine,  als sollte  überhaupt noch   i r g e n d e i n  An-
       griff auf  die Religion  gestattet sein; aber es bedarf nur eines
       unbefangenen Blickes,  um diesen  Schein als  Schein zu erkennen.
       Die Religion  soll weder  auf eine feindselige noch auf eine fri-
       vole Weise,  weder im  allgemeinen noch im besondern, also  g a r
       n i c h t  angegriffen werden.
       Doch wenn  die Instruktion in offnem Widerspruch gegen das Zensu-
       redikt von 1819 die  p h i l o s o p h i s c h e  P r e s s e  in
       neue Fesseln  schlägt, so  sollte sie  wenigstens  so  konsequent
       sein, die   r e l i g i ö s e  P r e s s e  aus den alten Fesseln
       zu befreien,  in die  jenes rationalistische Edikt sie geschlagen
       hat. Es macht nämlich auch zum Zweck der Zensur:
       
       "dem fanatischen  Herüberziehen von  religiösen Glaubenssätzen in
       die Politik  und der dadurch entstehenden Begriffsverwirrung ent-
       gegenzutreten".
       
       Die neue Instruktion ist zwar so klug, dieser Bestimmung in ihrem
       K o m m e n t a r   nicht zu  erwähnen, aber  sie nimmt  dieselbe
       nichtsdestoweniger in  die   Z i t a t i o n    d e s    A r t i-
       k e l s   2  auf. Was heißt fanatisches Herüberziehen von religi-
       ösen Glaubenssätzen  in die  Politik? Es  heißt,  die  religiösen
       Glaubenssätze ihrer  spezifischen Natur  nach den Staat bestimmen
       lassen, es  heißt, das    b e s o n d e r e    W e s e n    d e r
       R e l i g i o n   z u m   M a ß   d e s  S t a a t s  machen. Das
       alte Zensuredikt  konnte mit Recht dieser Begriffsverwirrung ent-
       gegentreten, denn  es gibt die besondere Religion, den bestimmten
       Inhalt derselben  der Kritik  anheim. Doch das alte Edikt stützte
       sich auf den seichten, oberflächlichen, von euch selbst verachte-
       ten  R a t i o n a l i s m u s.  Ihr aber, die ihr den Staat auch
       im einzelnen  auf den   G l a u b e n   und das  C h r i s t e n-
       t u m   stützt, die ihr einen  c h r i s t l i c h e n  S t a a t
       wollt, wie  könnt ihr  noch der  Zensur dieser Begriffsverwirrung
       vorzubeugen anempfehlen?
       
       #12# Karl Marx
       -----
       Die Konfusion  des politischen und christlich-religiösen Prinzips
       ist ja  o f f i z i e l l e  K o n f e s s i o n  geworden. Diese
       Konfusion wollen  wir mit  einem Wort  klarmachen. Bloß  von  der
       christlichen als  der anerkannten  Religion zu reden, so habt ihr
       in eurem Staate Katholiken und Protestanten. Beide machen gleiche
       Ansprüche an  den Staat,  wie sie gleiche Pflichten gegen ihn ha-
       ben. Sie  sehen ab von ihren religiösen Differenzen und verlangen
       auf gleiche  Weise, daß  der Staat die Verwirklichung der politi-
       schen  und   rechtlichen  Vernunft  sei.  Ihr  aber  wollt  einen
       c h r i s t l i c h e n     S t a a t.     Ist  euer   Staat  nur
       l u t h e r i s c h - c h r i s t l i c h,     so  wird   er  dem
       K a t h o l i k e n   zu einer Kirche, der er nicht angehört, die
       er als ketzerisch verwerfen muß, deren innerstes Wesen ihm wider-
       spricht. Umgekehrt  verhält es  sich ebenso,  oder macht  ihr den
       a l l g e m e i n e n   G e i s t  d e s  C h r i s t e n t u m s
       zum   b e s o n d e r n   Geist eures Staates, so entscheidet ihr
       doch aus  eurer protestantischen Bildung heraus,  w a s  der all-
       gemeine  Geist   des  Christentums  sei.  Ihr  bestimmt,    w a s
       c h r i s t l i c h e r  S t a a t  sei, obgleich euch die letzte
       Zeit gelehrt  hat, daß einzelne Regierungsbeamte die Grenzen zwi-
       schen Religion  und Welt,  zwischen Staat und Kirche nicht ziehen
       können. Nicht   Z e n s o r e n,   sondern    D i p l o m a t e n
       hatten über  diese  B e g r i f f s v e r w i r r u n g  nicht zu
       e n t s c h e i d e n,    sondern  zu    u n t e r h a n d e l n.
       [12] Endlich  stellt ihr  euch auf  den   k e t z e r i s c h e n
       Standpunkt, wenn  ihr das  bestimmte Dogma  als unwesentlich ver-
       werft. Nennt  ihr euren  Staat   a l l g e m e i n   c h r i s t-
       l i c h,  so bekennt ihr mit einer diplomatischen Wendung, daß er
       unchristlich sei. Also verbietet entweder, die Religion überhaupt
       in die  Politik zu  ziehen -,  aber das wollt ihr nicht, denn ihr
       wollt den Staat nicht auf freie Vernunft, sondern auf den Glauben
       stützen, die  Religion gilt  euch als  die    a l l g e m e i n e
       S a n k t i o n   d e s   P o s i t i v e n  -, oder erlaubt auch
       das   f a n a t i s c h e   Herüberziehen  der  Religion  in  die
       Politik. Laßt sie auf  i h r e  W e i s e  politisieren, aber das
       wollt ihr  wieder  nicht:  die  Religion  soll  die  Weltlichkeit
       stützen, ohne  daß sich die Weltlichkeit der Religion unterwirft.
       Zieht ihr  die Religion  einmal in  die Politik,  so ist  es eine
       untrügliche, ja  eine  i r r e l i g i ö s e  Anmaßung,  w e l t-
       l i c h   bestimmen zu wollen,  w i e  die Religion innerhalb der
       Politik aufzutreten  habe. Wer  sich mit  der Religion  verbünden
       will aus  Religiosität, muß ihr in allen Fragen die entscheidende
       Stimme einräumen, oder versteht ihr vielleicht unter Religion den
       K u l t u s   e u r e r   e i g n e n    U n u m s c h r ä n k t-
       h e i t  u n d  R e g i e r u n g s w e i s h e i t?
       Noch auf  andre Weise  gerät die  R e c h t g l ä u b i g k e i t
       der neuen  Zensurinstruktion in  Konflikt mit dem  R a t i o n a-
       l i s m u s   des alten Zensuredikts. Dieses subsumiert unter den
       Zweck  der   Zensur  auch  die  Unterdrückung  dessen,  "was  die
       M o r a l   und guten  Sitten beleidigt".  Die Instruktion  führt
       diesen Passus  als  Z i t a t  aus dem Artikel II an. Allein wenn
       i h r   K o m m e n t a r   in bezug  auf  die  Religion  Zusätze
       machte, so enthält er Weglassungen in bezug auf die Moral.
       
       #13# Bemerkungen über die preußische Zensurinstruktion
       -----
       Aus  der   Beleidigung  der    M o r a l    und  der    g u t e n
       S i t t e n  wird eine Verletzung von "Zucht und Sitte und äußrer
       Anständigkeit". Man  sieht:   d i e  M o r a l  a l s  M o r a l,
       als   P r i n z i p  e i n e r  W e l t,  die eignen Gesetzen ge-
       horcht,   v e r s c h w i n d e t,   und an die Stelle des Wesens
       treten äußerliche  Erscheinungen,  die    p o l i z e i l i c h e
       E h r b a r k e i t,   der    k o n v e n t i o n e l l e    A n-
       s t a n d.   Ehre, dem  Ehre gebührt,  hier  erkennen  wir  wahre
       Konsequenz.  Der  spezifisch  christliche  Gesetzgeber  kann  die
       M o r a l   als in  sich  selbst  geheiligte  unabhängige  Sphäre
       n i c h t  a n e r k e n n e n,  denn ihr inneres allgemeines We-
       sen vindiziert  er der  Religion. Die unabhängige Moral beleidigt
       die allgemeinen  Grundsätze der  Religion, und  die besondern Be-
       griffe der Religion sind der Moral zuwider. Die Moral erkennt nur
       ihre eigne  allgemeine und  vernünftige Religion und die Religion
       nur ihre  besondre positive Moral. Die Zensur wird also nach die-
       ser Instruktion  die intellektuellen  Heroen der  Moral, wie etwa
       Kant, Fichte,  Spinoza, als irreligiös, als die Zucht, die Sitte,
       die äußre  Anständigkeit verletzend, verwerfen müssen. Alle diese
       Moralisten gehen von einem prinzipiellen Widerspruch zwischen Mo-
       ral und  Religion  aus,  denn  die    M o r a l    ruhe  auf  der
       A u t o n o m i e,   die   R e l i g i o n  auf der  H e t e r o-
       n o m i e   des menschlichen  Geistes. Von  diesen  unerwünschten
       Neuerungen  der   Zensur  -  einerseits  der  Erschlaffung  ihres
       moralischen, andrerseits der rigurösen Schärfung ihres religiösen
       Gewissens  -  wenden  wir  uns  zu  dem  Erfreulicheren,  zu  den
       K o n z e s s i o n e n.
       
       Es "folgt insbesondere, daß Schriften, in denen die Staatsverwal-
       tung im  Ganzen oder  in einzelnen  Zweigen gewürdigt,  erlassene
       oder noch  zu erlassende Gesetze nach ihrem innern Werte geprüft,
       Fehler und  Mißgriffe aufgedeckt.  Verbesserungen angedeutet oder
       in Vorschlag gebracht werden, um deswillen, weil sie in einem an-
       dern Sinne  als dem der Regierung geschrieben, nicht zu verwerfen
       sind, wenn  nur ihre  Fassung anständig  und ihre   T e n d e n z
       w o h l m e i n e n d  ist".
       
       Bescheidenheit und  Ernsthaftigkeit der Untersuchung - diese For-
       derung teilt die neue Instruktion mit dem Zensuredikt, allein ihr
       genügt die   a n s t ä n d i g e   Fassung  ebensowenig  wie  die
       Wahrheit des  Inhalts. Die  T e n d e n z  wird ihr zum Hauptkri-
       terium, ja  sie ist  ihr durchgehender  Gedanke, während  in  dem
       Edikt selbst nicht einmal  d a s  W o r t  Tendenz zu finden ist.
       Worin sie  bestehe, sagt  auch die  neue Instruktion  nicht;  wie
       wichtig ihr  aber die Tendenz sei, möge noch folgender Auszug be-
       weisen:
       
       "Es ist  dabei eine   u n e r l ä ß l i c h e  Voraussetzung, daß
       die   T e n d e n z  der gegen die Maßregeln der Regierung ausge-
       sprochenen Erinnerungen  nicht gehässig  und  böswillig,  sondern
       wohlmeinend sei, und es muß von dem Zensor der gute Wille und die
       Einsicht verlangt  werden, daß  er zu unterscheiden wisse, wo das
       eine und  das andre der Fall ist. Mit Rücksicht hierauf haben die
       Zensoren ihre  Aufmerksamkeit auch besonders auf die Form und den
       Ton der Sprache der Druckschriften zu richten und, insofern
       
       #14# Karl Marx
       -----
       durch Leidenschaftlichkeit,  Heftigkeit  und  Anmaßung    i h r e
       T e n d e n z   sich als eine verderbliche darstellt, deren Druck
       nicht zu gestatten."
       
       Der  Schriftsteller   ist  also  dem    f u r c h t b a r s t e n
       T e r r o r i s m u s,    der    J u r i s d i k t i o n    d e s
       V e r d a c h t s   anheimgefallen.  T e n d e n z g e s e t z e,
       Gesetze, die keine objektiven Normen geben, sind Gesetze des Ter-
       rorismus, wie  sie die  Not des  Staats unter Robespierre und die
       Verdorbenheit des  Staats unter  den römischen  Kaisern  erfunden
       hat. Gesetze,  die nicht  die   H a n d l u n g   a l s    s o l-
       c h e,   sondern die   G e s i n n u n g  des Handelnden zu ihren
       Hauptkriterien machen, sind nichts als  p o s i t i v e  S a n k-
       t i o n e n   d e r   G e s e t z l o s i g k e i t.   Lieber wie
       jener Zar von Rußland 1*) jedem den Bart durch offizielle Kosaken
       abscheren lassen, als die Meinung, in der ich den Bart trage, zum
       Kriterium des Scherens machen.
       Nur insofern ich mich  ä u ß e r e,  in die Sphäre des Wirklichen
       trete, trete  ich in  die Sphäre des Gesetzgebers. Für das Gesetz
       bin ich  gar nicht vorhanden, gar kein Objekt desselben, außer in
       m e i n e r   T a t.   Sie ist das einzige, woran mich das Gesetz
       zu halten  hat; denn sie ist das einzige, wofür ich ein Recht der
       Existenz verlange,  ein    R e c h t    d e r    W i r k l i c h-
       k e i t,  wodurch ich also auch dem wirklichen Recht anheimfalle.
       Allein das  Tendenzgesetz bestraft nicht allein das, was ich tue,
       sondern das,  was ich   a u ß e r  der Tat meine. Es ist also ein
       Insult auf  die Ehre  des Staatsbürgers,  ein Vexiergesetz  gegen
       meine Existenz.
       Ich kann  mich drehen  und wenden, wie ich will, es kommt auf den
       Tatbestand nicht  an. Meine  Existenz ist verdächtig, mein inner-
       stes Wesen, meine Individualität wird als eine  s c h l e c h t e
       betrachtet, und   f ü r   d i e s e   M e i n u n g    werde  ich
       b e s t r a f t.   Das Gesetz  straft mich nicht für das Unrecht,
       was ich  tue, sondern  für das  Unrecht, was  ich nicht  tue. Ich
       werde eigentlich  dafür gestraft,  daß meine  Handlung  n i c h t
       g e s e t z w i d r i g   ist, denn  nur dadurch  zwinge ich  den
       milden,  wohlmeinenden   Richter,  an  meine    s c h l e c h t e
       G e s i n n u n g,  die so klug ist, nicht ans Tageslicht zu tre-
       ten, sich zu halten.
       Das Gesinnungsgesetz  ist   k e i n  G e s e t z  d e s  S t a a-
       t e s  für die  S t a a t s b ü r g e r,  sondern das G e s e t z
       e i n e r   P a r t e i   g e g e n   e i n e   a n d r e  P a r-
       t e i.   Das Tendenzgesetz  hebt die  Gleichheit der Staatsbürger
       vor dem  Gesetze auf.  Es ist ein Gesetz der Scheidung, nicht der
       Einung, und  alle Gesetze  der Scheidung  sind reaktionär. Es ist
       kein Gesetz,  sondern ein   P r i v i l e g i u m.  Der eine darf
       tun, was  der andre  nicht tun  darf, nicht weil diesem etwa eine
       objektive Eigenschaft  fehlte, wie  dem Kind zum Kontrahieren von
       Verträgen,  nein,   weil  seine  gute  Meinung,  seine  Gesinnung
       verdächtig ist. Der  s i t t l i c h e  S t a a t  unterstellt in
       seinen Gliedern   d i e   G e s i n n u n g   d e s  S t a a t s,
       sollten sie auch in  O p p o s i t i o n
       
       #15# Bemerkungen über die preußische Zensurinstruktion
       -----
       g e g e n   e i n   S t a a t s o r g a n,  gegen die  R e g i e-
       r u n g  treten; aber die Gesellschaft, in der  e i n  Organ sich
       alleiniger, exklusiver  Besitzer der  Staatsvernunft und  Staats-
       sittlichkeit dünkt,  eine Regierung,  die sich  in  prinzipiellen
       Gegensatz gegen  das Volk  setzt und daher  i h r e  s t a a t s-
       w i d r i g e   G e s i n n u n g   für die  allgemeine, für  die
       normale Gesinnung  hält, das  üble Gewissen  der Faktion erfindet
       Tendenzgesetze,   G e s e t z e   d e r   R a c h e,   gegen eine
       Gesinnung, sie  nur in  den Regierungsgliedern  selbst ihren Sitz
       hat. Gesinnungsgesetze  basieren auf der Gesinnungslosigkeit, auf
       der unsittlichen,  materiellen Ansicht  vom Staat.  Sie sind  ein
       indiskreter Schrei  des bösen  Gewissens. Und  wie ist ein Gesetz
       der Art  zu exekutieren?  Durch ein Mittel, empörender als Gesetz
       selbst, durch   S p i o n e,   oder durch vorherige Übereinkunft,
       ganze literarische Richtungen für verdächtig zu halten, wobei al-
       lerdings wieder  auszukundschaften bleibt,  welcher Richtung  ein
       Individuum angehöre.  Wie im  Tendenzgesetz die  g e s e t z l i-
       c h e   F o r m   dem  I n h a l t  w i d e r s p r i c h t,  wie
       die   R e g i e r u n g,   die es gibt, gegen das eifert, was sie
       selbst ist, gegen die staatswidrige Gesinnung, so bildet sie auch
       im besondern  gleichsam die  v e r k e h r t e  W e l t  zu ihren
       Gesetzen, denn  sie mißt  mit doppeltem Maß. Nach der einen Seite
       ist Recht,  was das  Unrecht  der  andern  Seite  ist.    I h r e
       G e s e t z e   s i n d   s c h o n    d a s    G e g e n t e i l
       v o n  d e m,  w a s  s i e  z u m  G e s e t z  m a c h e n.
       In diese  Dialektik verfängt  sich auch  die    n e u e    Z e n-
       s u r i n s t r u k t i o n.   Sie ist der Widerspruch, alles das
       auszuüben und  den Zensoren zur Pflicht zu machen, was sie an der
       Presse als staatswidrig verdammt.
       So verbietet  die Instruktion  den Schriftstellern, die Gesinnung
       einzelner oder  ganzer Klassen zu verdächtigen, und in einem Atem
       gebietet sie dem Zensor, alle Staatsbürger in verdächtige und un-
       verdächtige einzuteilen,  in wohlmeinende  und übelmeinende.  Die
       der Presse entzogene Kritik wird zur täglichen Pflicht des Regie-
       rungskritikers; allein  bei dieser  Umkehrung hat es nicht einmal
       sein Bewenden.  Innerhalb der  Presse erschien  das Staatswidrige
       seinem Gehalte nach als etwas besonderes, [nach der] Seite seiner
       Form war es allgemein, das heißt, dem allgemeinen Urteil preisge-
       geben.
       Allein nun dreht sich die Sache um. Das Besondere erscheint jetzt
       i n   b e z u g  a u f  s e i n e n  I n h a l t  als das Berech-
       tigte, das Staatswidrige als Meinung des Staats, als Staatsrecht,
       in bezug  auf seine  Form als Besonderes, unzugänglich dem allge-
       meinen Licht, aus dem freien Tag der Öffentlichkeit in die Akten-
       stube des  Regierungskritikers verbannt.  So will die Instruktion
       die Religion beschützen, aber sie verletzt den allgemeinen Grund-
       satz aller  Religionen, die  Heiligkeit und Unverletzlichkeit der
       subjektiven Gesinnung.  Sie macht  den Zensor an Gottes Statt zum
       Richter des Herzens. So untersagt sie beleidigende Äußerungen und
       ehrenkränkende Urteile über einzelne Personen,
       
       #16# Karl Marx
       -----
       aber sie setzt euch jeden Tag dem ehrenkränkenden und beleidigen-
       den Urteil  des Zensors  aus. So  will die  Instruktion  die  von
       übelwollenden oder  schlecht unterrichteten Individuen herrühren-
       den Klatschereien  unterdrücken, und  sie zwingt den Zensor, sich
       auf solche  Klatschereien, auf  das Spionieren durch schlecht un-
       terrichtete und  übelwollende Individuen zu verlassen und zu ver-
       legen, indem sie das Urteil aus der Sphäre des objektiven Gehalts
       in die Sphäre der subjektiven Meinung oder Willkür herabzieht. So
       soll die  Absicht des  Staats nicht  verdächtigt werden, aber die
       Instruktion geht  vom Verdacht gegen den Staat aus. So soll unter
       gutem Schein keine schlechte Gesinnung verborgen werden, aber die
       Instruktion selbst  ruht auf  einem falschen  Schein. So soll das
       Nationalgefühl erhöht werden, und auf eine die Nationen erniedri-
       gende Ansicht  wird basiert.  Man verlangt gesetzmäßiges Betragen
       und Achtung vor dem Gesetze, aber zugleich sollen wir Institutio-
       nen ehren, die uns gesetzlos machen und die Willkür an die Stelle
       des Rechts  setzen. Wir  sollen das Prinzip der Persönlichkeit so
       sehr anerkennen, daß wir trotz dem mangelhaften Institut der Zen-
       sur dem  Zensor vertrauen,  und ihr verletzt das Prinzip der Per-
       sönlichkeit so  sehr, daß ihr sie nicht nach den Handlungen, son-
       dern nach  der Meinung  von der  Meinung ihrer Handlungen richten
       laßt. Ihr  fordert Bescheidenheit,  und ihr  geht von der enormen
       Unbescheidenheit aus,  einzelne Staatsdiener  zum  Herzensspäher,
       zum Allwissenden, zum Philosophen, Theologen, Politiker, zum del-
       phischen Apollo  zu ernennen.  Ihr macht uns einerseits die Aner-
       kennung  der  Unbescheidenheit  zur  Pflicht  und  verbietet  uns
       andrerseits die  Unbescheidenheit. Die  eigentliche Unbescheiden-
       heit besteht  darin, die Vollendung der Gattung besondern Indivi-
       duen zuzuschreiben.  Der Zensor  ist ein  besonderes  Individuum,
       aber die  Presse ergänzt  sich zur  Gattung. Uns befehlt ihr Ver-
       trauen, und  dem Mißtrauen leiht ihr gesetzliche Kraft. Ihr traut
       euren Staatsinstitutionen  so viel  zu,  daß  sie  den  schwachen
       Sterblichen, den  Beamten, zum  Heiligen und  ihm das  Unmögliche
       möglich machen  werden. Aber  ihr mißtraut eurem Staatsorganismus
       so sehr,  daß ihr  die isolierte Meinung eines Privatmanns fürch-
       tet; denn  ihr behandelt die Presse als einen Privatmann. Von den
       Beamten unterstellt  ihr, daß  sie ganz unpersönlich, ohne Groll,
       Leidenschaft, Borniertheit  und  menschliche  Schwäche  verfahren
       werden. Aber das Unpersönliche, die  I d e e n,  verdächtigt ihr,
       voller persönlicher  Ränke und  subjektiver Niederträchtigkeit zu
       sein. Die  Instruktion verlangt  unbegrenztes Vertrauen  auf  den
       Stand der  Beamteten, und sie geht von unbegrenztem Mißtrauen ge-
       gen den  Stand der  Nichtbeamteten aus.  Warum sollen  wir  nicht
       Gleiches mit Gleichem vergelten? Warum soll uns nicht eben dieser
       Stand das  Verdächtige sein?  Ebenso der Charakter. Und von vorn-
       herein
       
       #17# Bemerkungen über die preußische Zensurinstruktion
       -----
       muß der Unbefangene dem Charakter des öffentlichen Kritikers mehr
       Achtung zollen als dem Charakter des geheimen.
       Was überhaupt  schlecht ist,  bleibt schlecht, welches Individuum
       der Träger  dieser Schlechtigkeit sei, ob ein Privatkritiker oder
       ein von  der Regierung  angestellter, nur daß im letztem Fall die
       Schlechtigkeit autorisiert  und als  eine Notwendigkeit  von oben
       betrachtet wird, um das Gute von unten zu verwirklichen.
       Die   Z e n s u r   d e r   T e n d e n z  und die  T e n d e n z
       d e r   Z e n s u r   sind ein  G e s c h e n k  d e r  n e u e n
       l i b e r a l e n   I n s t r u k t i o n.  Niemand wird uns ver-
       denken, wenn  wir mit  einem gewissen  Mißtrauen zu ihren weitern
       Bestimmungen uns hinwenden.
       
       "Beleidigende Äußerungen und ehrenkränkende Urteile über einzelne
       Personen sind nicht zum Druck geeignet."
       
       Nicht zum  Druck geeignet!  Statt dieser  Milde wäre zu wünschen,
       daß das  beleidigende und ehrenkränkende Urteil objektive Bestim-
       mungen erhalten hätte.
       
       "Dasselbe gilt  von der  Verdächtigung  der  Gesinnung  einzelner
       o d e r" (inhaltsschweres  Oder) "ganzer Klassen vom Gebrauch von
       P a r t e i n a m e n  und dergleichen Persönlichkeiten."
       
       Also auch  die Rubrizierung  unter Kategorien,  der  Angriff  auf
       ganze Klassen,  der Gebrauch von Parteinamen - und der Mensch muß
       allem wie  Adam einen Namen geben, damit es für ihn vorhanden sei
       -, Parteinamen  sind notwendige  Kategorien  für  die  politische
       Presse,
       
       "Weil jede Krankheit zuvörderst, wie Doktor Sassafras meint,
       Um glücklich sie kurieren zu können,
       Benamset werden muß." [13]
       
       Dies alles  gehört zu  den  P e r s ö n l i c h k e i t e n.  Wie
       soll man es nun anfangen? Die Person des einzelnen darf man nicht
       angreifen, die  Klasse, das  Allgemeine,  die  moralische  Person
       ebensowenig. Der  Staat will  - und da hat er recht - keine Inju-
       rien dulden,  keine Persönlichkeiten;  aber  durch  ein  leichtes
       "oder" wird das Allgemeine auch unter die Persönlichkeiten subsu-
       miert. Durch  das "oder"  kommt das  Allgemeine in die Mitte, und
       durch ein  kleines "und"  erfahren wir  schließlich, daß  nur von
       Persönlichkeiten die Rede gewesen. Als eine ganz spielende Konse-
       quenz aber  ergibt sich,  daß alle Kontrolle der Beamten wie sol-
       cher Institutionen, die als eine Klasse von Individuen existiert,
       der Presse untersagt wird.
       
       "Wird die Zensur nach diesen Andeutungen in dem Geiste des Zensu-
       redikts vom  18. Oktober 1819 ausgeübt, so wird einer anständigen
       und freimütigen  Publizität hinreichender  Spielraum gewährt, und
       es ist  zu erwarten, daß dadurch eine größere Teilnahme an vater-
       ländischen Interessen  erweckt und  so das  Nationalgefühl erhöht
       werden wird."
       
       #18# Karl Marx
       -----
       Daß nach diesen Andeutungen der  a n s t ä n d i g e n,  im Sinne
       der Zensur  anständigen, Publizität  ein mehr  als  hinreichender
       Spielraum gewährt sei - auch das Wort Spielraum ist glücklich ge-
       wählt, denn der Raum ist für eine spielende, an Luftsprüngen sich
       genügende Presse  berechnet -,  gestehen  wir  zu;  ob  für  eine
       f r e i m ü t i g e   Publizität, und  wo ihr  der freie    M u t
       sitzen soll,  überlassen wir  dem Scharfblick des Lesers. Was die
       E r w a r t u n g e n   der Instruktion  betrifft, so  mag aller-
       dings das   N a t i o n a l g e f ü h l  in der Weise erhöht wer-
       den, wie die zugesandte Schnur das Gefühl der türkischen Nationa-
       lität erhöht;  ob aber  gerade die  ebenso bescheidene als ernst-
       hafte Presse Teilnahme an den vaterländischen Interessen erwecken
       wird, überlassen wir ihr selbst; eine magere Presse ist nicht mit
       China aufzufüttern.  Allein vielleicht  haben wir  die angeführte
       Periode zu ernsthaft begriffen. Vielleicht treffen wir besser den
       Sinn, wenn wir sie als bloßen Haken in der Rosenkette betrachten.
       Vielleicht hält  dieser liberale  Haken eine Perle von sehr zwei-
       deutigem Wert. Sehen wir zu. Auf den Zusammenhang kommt alles an.
       Die Erhöhung  des Nationalgefühls und die Erweckung der Teilnahme
       an vaterländischen  Interessen, die in dem angeführten Passus als
       E r w a r t u n g   ausgesprochen werden,  verwandeln sich  unter
       der Hand  in einen   B e f e h l,  in dessen Munde ein  n e u e r
       P r e ß z w a n g   unsrer  armen  schwindsüchtigen    T a g e s-
       b l ä t t e r  liegt.
       
       "Auf diesem  Weg darf man hoffen, daß auch die politische Litera-
       tur und  die Tagespresse ihre Bestimmung besser erkennen, mit dem
       Gewinn eines  reichem Stoffes auch einen würdigem Ton sich aneig-
       nen und es künftig verschmähen werden, durch Mitteilung gehaltlo-
       ser, aus  fremden Zeitungen  entlehnter, von  übelwollenden  oder
       schlecht unterrichteten  Korrespondenten herrührenden Tagesneuig-
       keiten, durch  Klatschereien und  Persönlichkeiten auf  die  Neu-
       gierde ihrer  Leser zu  spekulieren - eine Richtung, gegen welche
       einzuschreiten die Zensur den unzweifelhaften Beruf hat."
       
       Auf dem  angegebenen Weg wird  g e h o f f t,  daß die politische
       Literatur und  die Tagespresse  ihre Bestimmung  besser  erkennen
       werden etc.  Allein die  b e s s e r e  E r k e n n t n i s  läßt
       sich nicht  anbefehlen; auch ist sie eine erst noch zu erwartende
       Frucht, und  Hoffnung ist Hoffnung. Die Instruktion aber ist viel
       zu praktisch,  um sich mit Hoffnungen und frommen Wünschen zu be-
       gnügen. Während der Presse die Hoffnung ihrer künftigen Besserung
       a l s   n e u e s   S o u l a g e m e n t  gewährt wird, wird ihr
       zugleich von  der gütigen Instruktion ein gegenwärtiges Recht ge-
       nommen. Sie  verliert, was sie noch hat, in Hoffnung ihrer Besse-
       rung. Es  geht ihr  wie dem  armen Sancho Pansa, dem sein Hofarzt
       alle Speise vor seinen Augen entzog, damit kein verdorbener Magen
       ihn zur  Erfüllung der vom Herzog auferlegten Pflichten untüchtig
       mache. [14]
       
       #19# Bemerkungen über die preußische Zensurinstruktion
       -----
       Zugleich dürfen wir die Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, den
       preußischen Schriftsteller zur Aneignung dieser Art von anständi-
       gem Stil  aufzufordern. Im  Vordersatz heißt es: "Auf diesem Wege
       darf man  hoffen,   d a ß."   Von diesem   d a ß  wird eine ganze
       Reihe von  Bestimmungen regiert, also, daß die politische Litera-
       tur und  die Tagespresse ihre Bestimmung besser erkennen, daß sie
       einen würdigem  Ton, etc. etc., daß sie Mitteilungen gehaltloser,
       aus fremden Zeitungen entlehnter Korrespondenzen etc. verschmähen
       werden. Alle  diese Bestimmungen  stehen noch  unter dem Regiment
       der Hoffnung;  aber der  Schluß, der sich durch einen  G e d a n-
       k e n s t r i c h     an  das   Vorhergehende  anschließt:  "eine
       Richtung,  gegen   welche  einzuschreiten   die  Zensur  den  un-
       zweifelhaften Beruf  hat" überhebt  den Zensor  der  langweiligen
       Aufgabe, die  gehoffte Besserung  der Tagespresse abzuwarten, und
       ermächtigt ihn vielmehr, das Mißfällige ohne weiteres wegzustrei-
       chen. An  die Stelle  der   i n n e r n  K u r  ist die  A m p u-
       t a t i o n  getreten.
       
       "Damit diesem  Ziele nähergetreten  werde, ist  es aber erforder-
       lich, daß  bei Genehmigung  neuer Zeitschriften  und neuer Redak-
       teure mit  großer Vorsicht verfahren werde, damit die Tagespresse
       nur  völlig   unbescholtenen  Männern   anvertraut  werde,  deren
       wissenschaftliche Befähigung,  Stellung  und  Charakter  für  den
       Ernst ihrer  Bestrebungen und für die Loyalität ihrer Denkungsart
       Bürgschaft leisten."
       
       Ehe wir  auf das  einzelne eingehen, zuvor eine allgemeine Bemer-
       kung. Die  Genehmigung neuer Redakteure, also überhaupt der künf-
       tigen Redakteure,  ist ganz  der   "g r o ß e n  V o r s i c h t"
       versteht sich der Staatsbehörden, der Zensur anheimgestellt, wäh-
       rend das alte Zensuredikt wenigstens unter gewissen Garantien die
       Wahl des Redakteurs dem Belieben des Unternehmers überließ:
       
       
       "Artikel 9. Die Oberzensurbehörde ist berechtigt, dem Unternehmer
       einer Zeitung zu erklären, daß der angegebene Redakteur nicht von
       der Art sei, das nötige Zutrauen einzuflößen in welchem Falle der
       Unternehmer verpflichtet ist, entweder einen andern Redakteur an-
       zunehmen   o d e r,  wenn er den ernannten  b e i b e h a l t e n
       w i l l,   für ihn  eine von Unsern oben erwähnten Staatsministe-
       rien   auf   den   Vorschlag   gedachter   Oberzensurbehörde   zu
       b e s t i m m e n d e  K a u t i o n  zu leisten."
       
       In der  neuen Zensurinstruktion  spricht sich  eine  ganz  andere
       Tiefe, man  kann sagen  R o m a n t i k  des Geistes aus. Während
       das alte Zensuredikt äußerliche, prosaische, daher gesetzlich be-
       stimmbare Kautionen  verlangt, unter deren Garantie auch der miß-
       liebige Redakteur  zuzulassen sei,  nimmt dagegen die Instruktion
       dem Unternehmer  einer Zeitschrift   j e d e n   E i g e n w i l-
       l e n   und verweist  die vorbeugende Klugheit der Regierung, die
       große Vorsicht  und  den  geistigen  Tiefsinn  der  Behörden  auf
       innere, subjektive, äußerlich unbestimmbare Qualitäten. Wenn aber
       die  Unbestimmtheit,   die  zartsinnige   Innerlichkeit  und  die
       subjektive Überschwenglichkeit  der    R o m a n t i k    in  das
       r e i n  Ä u ß e r l i c h e
       
       #20# Karl Marx
       -----
       umschlägt, nur in dem Sinn, daß die äußerliche Zufälligkeit nicht
       mehr in ihrer prosaischen Bestimmtheit und Begrenzung, sondern in
       einer wunderbaren  Glorie, in einer eingebildeten Tiefe und Herr-
       lichkeit  erscheint  -,  so  wird  auch  die  Instruktion  diesem
       r o m a n t i s c h e n   S c h i c k s a l   schwerlich entgehen
       können.
       Die Redakteure  der Tagespresse, unter welche Kategorie die ganze
       Journalistik fällt,  sollen völlig unbescholtene Männer sein. Als
       Garantie  dieser  völligen  Unbescholtenheit  wird  zunächst  die
       "w i s s e n s c h a f t l i c h e  B e f ä h i g u n g"  angege-
       ben. Nicht  der leiseste  Zweifel steigt  auf, ob  der Zensor die
       wissenschaftliche Befähigung  besitzen kann, über wissenschaftli-
       che Befähigung  jeder Art ein Urteil zu besitzen. Lebt in Preußen
       eine solche  Schar der Regierung bekannter Universalgenies - jede
       Stadt hat  wenigstens einen Zensor -, warum treten diese enzyklo-
       pädistischen Köpfe nicht als Schriftsteller auf? Besser als durch
       die Zensur  könnte den  Verwirrungen der  Presse ein Ende gemacht
       werden, wenn  diese Beamten, übermächtig durch ihre Anzahl, mäch-
       tiger durch  ihre Wissenschaft und ihr Genie, auf einmal sich er-
       höben und  mit ihrem Gewicht jene elenden Schriftsteller erdrück-
       ten, die  nur in  einem Genre,  aber selbst in diesem einen Genre
       ohne offiziell erprobte Befähigung agieren. Warum schweigen diese
       gewiegten  Männer,   die  wie   die  römischen  Gänse  durch  ihr
       Geschnatter das  Kapitol retten  könnten? Es  sind Männer  von zu
       großer Zurückhaltung.  Das wissenschaftliche  Publikum kennt  sie
       nicht, aber die Regierung kennt sie.
       Und wenn  jene Männer  schon Männer  sind, wie  sie kein Staat zu
       finden wußte,  denn nie  hat ein Staat ganze Klassen gekannt, die
       nur von  Universalgenies und Polyhistoren eingenommen werden kön-
       nen, um  wieviel genialer  müssen noch  die Wähler  dieser Männer
       sein! Welche  geheime Wissenschaft  müssen sie besitzen, um Beam-
       ten, die in der Republik der Wissenschaft unbekannt sind, ein At-
       test über  ihre universalwissenschaftliche  Befähigung ausstellen
       zu können!  Je höher  wir steigen  in dieser  B ü r o k r a t i e
       d e r  I n t e l l i g e n z,  um so wundervollere Köpfe begegnen
       uns. Ein  Staat, der  solche Säulen  einer vollendeten Presse be-
       sitzt, lohnt  es dem der Mühe, handelt der zweckmäßig, diese Män-
       ner zu  W ä c h t e r n  einer mangelhaften Presse zu machen, das
       Vollendete zum Mittel für das Unvollendete herabzusetzen?
       So viele  dieser Zensoren ihr anstellt, so viele Chancen der Bes-
       serung entzieht ihr dem Reich der Presse. Ihr entzieht eurem Heer
       die Gesunden, um sie zu Ärzten der Ungesunden zu machen.
       Stampft nur auf den Boden wie Pompejus, und aus jedem Regierungs-
       gebäude wird  eine geharnischte Pallas Athene hervorspringen. Vor
       der   o f f i z i e l l e n  P r e s s e  wird die seichte Tages-
       presse in  ihr Nichts  zerfallen. Die  Existenz des Lichts reicht
       hin, die Finsternis zu widerlegen. Laßt euer Licht leuchten und
       
       #21# Bemerkungen über die preußische Zensurinstruktion
       -----
       stellt es nicht unter den Scheffel. Statt einer mangelhaften Zen-
       sur, deren  Vollgültigkeit euch  selbst problematisch dünkt, gebt
       uns eine  vollendete Presse,  die ihr nur zu befehlen habt, deren
       Vorbild der   c h i n e s i s c h e  Staat schon seit Jahrhunder-
       ten liefert.
       Doch die   w i s s e n s c h a f t l i c h e  B e f ä h i g u n g
       zur einzigen,  zur notwendigen  Bedingung für  die Schriftsteller
       der Tagespresse zu machen, ist das nicht eine Bestimmung des Gei-
       stes, keine  Begünstigung des  Privilegiums, keine konventionelle
       Forderung, ist  das nicht  eine Bedingung der Sache, keine Bedin-
       gung der Person?
       Leider unterbricht  die Zensurinstruktion unsere Panegyrik. Neben
       der Bürgschaft  der wissenschaftlichen Befähigung findet sich die
       der   S t e l l u n g   u n d  d e s  C h a r a k t e r s.  Stel-
       lung und  Charakter! Der  Charakter, der so unmittelbar der Stel-
       lung folgt,  scheint beinah ein bloßer Ausfluß derselben zu sein.
       Die   S t e l l u n g   laßt uns  vor allem  ins Auge fassen. Sie
       steht zu eingeengt zwischen der wissenschaftlichen Befähigung und
       dem Charakter,  daß man  beinah versucht wird, an ihrem guten Ge-
       wissen zu zweifeln.
       Die   a l l g e m e i n e  Forderung der wissenschaftlichen Befä-
       higung, wie  liberal! Die  b e s o n d e r e  Forderung der Stel-
       lung, wie   i l l i b e r a l!   Die wissenschaftliche Befähigung
       und die  Stellung zusammen,  wie   s c h e i n l i b e r a l!  Da
       wissenschaftliche Befähigung  und Charakter  sehr unbestimmt, die
       Stellung dagegen  sehr bestimmt  ist,  warum  sollten  wir  nicht
       schließen, daß das Unbestimmte nach notwendigem logischen Gesetze
       sich an  das Bestimmte anlehnen und an ihm Halt und Inhalt erhal-
       ten werde?  Wäre es  also ein großer Fehlschluß des Zensors, wenn
       er die  Instruktion so  auslegte, die   ä u ß e r e  F o r m  der
       wissenschaftlichen Befähigung  und des  Charakters, in  der  Welt
       aufzutreten, sei  die Stellung,  um so mehr, da sein eigner Stand
       ihm diese  Ansicht als  Staatsansicht verbürgt? Ohne diese Ausle-
       gung bleibt  es wenigstens  völlig unbegreiflich,  warum  wissen-
       schaftliche Befähigung  und Charakter  nicht  hinreichende  Bürg-
       schaften des Schriftstellers sind, warum die Stellung das notwen-
       dige Dritte ist. Käme der Zensor nun gar in Konflikt, fänden sich
       diese Bürgschaften  selten oder  nie zusammen,  wohin soll  seine
       Wahl fallen,  da einmal gewählt werden, da doch irgendwer Zeitun-
       gen und Journale redigieren muß? Die wissenschaftliche Befähigung
       und der  Charakter ohne  Stellung können  dem Zensor  ihrer Unbe-
       stimmtheit wegen  problematisch sein,  wie es überhaupt seine ge-
       rechte Verwunderung  erregen muß,  daß solche Qualitäten getrennt
       von der  Stellung existieren. Darf dagegen der Zensor den Charak-
       ter, die  Wissenschaft bezweifeln, wo die Stellung vorhanden ist?
       Er traute  in diesem  Fall dem  Staat weniger  Urteil zu als sich
       selbst, während er in dem
       
       #22# Karl Marx
       -----
       entgegengesetzten dem Schriftsteller mehr als dem Staat zutraute.
       Sollte ein Zensor so taktlos, so übelmeinend sein? Es steht nicht
       zu erwarten  und wird gewiß nicht erwartet. Die  S t e l l u n g,
       weil sie im  Z w e i f e l s f a l l  das entscheidende Kriterium
       ist, ist überhaupt das  a b s o l u t  E n t s c h e i d e n d e.
       Wie also  früher die  Instruktion durch  ihre  R e c h t g l ä u-
       b i g k e i t  mit dem  Z e n s u r e d i k t  in Konflikt gerät,
       so jetzt  durch  ihre    R o m a n t i k,    die  immer  zugleich
       T e n d e n z poesie   ist. Aus  der  G e l d k a u t i o n,  die
       eine prosaische,  eigentliche Bürgschaft  ist, wird eine ideelle,
       und diese  ideelle verwandelt  sich in die ganz  r e e l l e  und
       i n d i v i d u e l l e   Stellung, die  eine magische  fingierte
       Bedeutung  erhält.  Ebenso  verwandelt  sich  die  Bedeutung  der
       Bürgschaft.  Nicht   mehr  der  Unternehmer    w ä h l t    einen
       Redakteur, für  den   e r  der Behörde bürgt, sondern die Behörde
       wählt   i h m   einen Redakteur, für den sie sich bei sich selbst
       verbürgt. Das  alte Edikt  erwartet die  Arbeiten des Redakteurs,
       für  welche   die  Geldkaution  des  Unternehmers  einsteht.  Die
       Instruktion hält  sich nicht an die  A r b e i t,  sondern an die
       P e r s o n     des  Redakteurs.   Sie  verlangt  eine  bestimmte
       persönliche Individualität,  die ihr  das   G e l d   d e s  U n-
       t e r n e h m e r s   verschaffen soll.  Die neue Instruktion ist
       ebenso äußerlich  als das  alte Edikt;  aber statt daß dieses das
       prosaisch Bestimmte  seiner Natur  gemäß ausspricht und begrenzt,
       leiht sie  der äußersten  Zufälligkeit einen imaginären Geist und
       spricht das  bloß Individuelle  mit dem  Pathos der Allgemeinheit
       aus.
       Wenn aber  die romantische Instruktion in bezug auf den Redakteur
       der äußerlichsten  Bestimmtheit den  Ton der  gemütvollsten Unbe-
       stimmtheit gibt,  so gibt sie in bezug auf den Zensor der vagsten
       Unbestimmtheit den Ton der gesetzlichen Bestimmtheit.
       
       "Mit gleicher  Vorsicht muß  bei Ernennung der Zensoren verfahren
       werden, damit  das Zensoramt  nur Männern von erprobter Gesinnung
       und   F ä h i g k e i t   übertragen werde,  die dem  ehrenvollen
       Vertrauen, welches dasselbe voraussetzt, vollständig entsprechen;
       Männern, welche, wohldenkend und scharfsichtig zugleich, die Form
       von dem  Wesen der  Sache zu  sondern verstehen  und mit  sicherm
       T a k t   sich über  Bedenken hinwegzusetzen  wissen, wo Sinn und
       T e n d e n z   einer Schrift an sich diese Bedenken nicht recht-
       fertigen."
       
       An die Stelle der Stellung und des Charakters beim Schriftsteller
       tritt hier die erprobte Gesinnung, da die Stellung von selbst ge-
       geben ist.  Bedeutender ist  dies, wenn  bei  dem  Schriftsteller
       w i s s e n s c h a f t l i c h e   B e f ä h i g u n g,  bei dem
       Zensor   F ä h i g k e i t   ohne  weitere  Bestimmung  gefordert
       wird. Das alte, die Politik ausgenommen, rationalistisch gesinnte
       Edikt erfordert  in Artikel  3   "w i s s e n s c h a f t l i c h
       g e b i l d e t e"  und sogar  "a u f g e k l ä r t e"  Zensoren.
       Beide Prädikate fallen in der Instruktion fort, und an die Stelle
       der   B e f ä h i g u n g   des  Schriftstellers,  die  eine  be-
       stimmte, ausgebildete, zur Wirklichkeit gewordene
       
       #23# Bemerkungen über die preußische Zensurinstruktion
       -----
       Fähigkeit bedeutet,  tritt bei dem Zensor die  A n l a g e  d e r
       B e f ä h i g u n g,     die  Fähigkeit   überhaupt.   Also   die
       A n l a g e   d e r   F ä h i g k e i t   soll die   w i r k l i-
       c h e  B e f ä h i g u n g  z e n s i e r e n,  wie sehr auch der
       Natur der  Sache nach offenbar das Verhältnis umzukehren ist. Nur
       im Vorbeigehen  bemerken  wir  endlich,  daß  die  Fähigkeit  des
       Zensors dem   s a c h l i c h e n   Inhalt  nach nicht  näher be-
       stimmt ist, wodurch ihr Charakter allerdings  z w e i d e u t i g
       wird.
       Das Zensoramt soll ferner Männern übertragen werden, "die dem eh-
       renvollen Vertrauen,  welches  dasselbe  voraussetzt,    v o l l-
       s t ä n d i g     e n t s p r e c h e n".    Diese  pleonastische
       Scheinbestimmung, Männer  zu  einem  Amt  zu  wählen,  denen  man
       vertraut, daß  sie dem  ehrenvollen Vertrauen,  welches ihnen ge-
       schenkt  wird,     v o l l s t ä n d i g    e n t s p r e c h e n
       (w e r d e n?),   ein allerdings  sehr vollständiges  Vertrauen -
       ist nicht weiter zu erörtern.
       Endlich sollen die Zensoren Männer sein,
       
       "welche, wohldenkend  und scharfsichtig  zugleich, die    F o r m
       von dem   W e s e n   der  Sache zu  s o n d e r n  verstehen und
       mit  s i c h e r m  T a k t e  sich über  B e d e n k e n  h i n-
       w e g z u s e t z e n   wissen, wo   S i n n   und  T e n d e n z
       einer Schrift  a n  s i c h  diese Bedenken nicht rechtfertigen".
       
       Mehr oben dagegen schreibt die Instruktion vor:
       
       "Mit Rücksicht  hierauf" (nämlich  die Untersuchung  der Tendenz)
       "haben die  Zensoren ihre  Aufmerksamkeit auch  besonders auf die
       F o r m  und den  T o n  d e r  S p r a c h e  der Druckschriften
       zu richten  und, insofern  durch Leidenschaftlichkeit, Heftigkeit
       und Anmaßung  ihre Tendenz  sich als eine verderbliche darstellt,
       deren Druck nicht zu gestatten."
       
       Einmal also  soll der  Zensor die   T e n d e n z   a u s   d e r
       F o r m,   das andere  Mal die   F o r m   a u s   d e r   T e n-
       d e n z   beurteilen. War  vorhin schon  der    I n h a l t  ganz
       verschwunden als  Kriterium des Zensierens, so verschwindet jetzt
       auch die   F o r m.   Wenn nur die Tendenz gut ist, so hat es mit
       den   V e r s t ö ß e n  d e r  F o r m  nichts auf sich. Mag die
       Schrift auch  nicht gerade sehr ernsthaft und bescheiden gehalten
       sein, mag  sie heftig,  leidenschaftlich, anmaßend  scheinen, wer
       wird sich  durch die   r a u h e   A u ß e n s e i t e  schrecken
       lassen? Man  muß das    F o r m e l l e    vom    W e s e n    zu
       unterscheiden wissen.  Jeder Schein  der Bestimmungen  mußte auf-
       gehoben, die Instruktion mußte mit einem  v o l l k o m m e n e n
       W i d e r s p r u c h   g e g e n   s i c h   s e l b s t  enden;
       denn alles,  woraus die  Tendenz erkannt  werden  soll,  empfängt
       vielmehr erst  seine Qualifizierung aus der Tendenz und muß viel-
       mehr aus der Tendenz erkannt werden. Die Heftigkeit des Patrioten
       ist heiliger  Eifer, seine  Leidenschaftlichkeit ist die Reizbar-
       keit des Liebenden, seine Anmaßung eine hingebende Teilnahme, die
       zu maßlos ist, um mäßig zu sein.
       A l l e   o b j e k t i v e n  N o r m e n  sind weggefallen, die
       p e r s ö n l i c h e  Beziehung ist das Letzte, und der  T a k t
       des Zensors   d a r f   eine  Bürgschaft genannt werden. Was kann
       also der  Zensor verletzen?  Den Takt. Und Taktlosigkeit ist kein
       Verbrechen.
       
       #24# Karl Marx
       -----
       Was ist auf Seite des Schriftstellers bedroht? Die Existenz. Wel-
       cher Staat  hat je die Existenz ganzer Klassen vom Takt einzelner
       Beamten abhängig gemacht?
       Noch einmal,   a l l e  o b j e k t i v e n  N o r m e n  s i n d
       w e g g e f a l l e n;   von Seite  des Schriftstellers  ist  die
       Tendenz der  letzte Inhalt, der verlangt und vorgeschrieben wird,
       die formlose  Meinung als  Objekt; die  Tendenz als  Subjekt, als
       Meinung von  der Meinung, ist der Takt und die einzige Bestimmung
       des Zensors.
       Wenn aber die Willkür des Zensors - und die Berechtigung der blo-
       ßen Meinung  ist die  Berechtigung der  Willkür - eine Konsequenz
       ist, die  unter dem  Schein sachlicher Bestimmungen verbrämt war,
       so spricht  die Instruktion  dagegen mit  vollem  Bewußtsein  die
       Willkür des   O b e r p r ä s i d i u m s   aus; diesem wird ohne
       weiteres  Vertrauen   geschenkt,  und      d i e s e s      d e m
       O b e r p r ä s i d e n t e n     g e s c h e n k t e      V e r-
       t r a u e n  ist die letzte  G a r a n t i e  d e r  P r e s s e.
       So  ist  das  Wesen  der  Zensur  überhaupt  in  der  hochmütigen
       Einbildung des Polizeistaates auf seine Beamten gegründet. Selbst
       das Einfachste  wird  dem  Verstand  und  dem  guten  Willen  des
       Publikums nicht  zugetraut; aber  selbst das  Unmögliche soll den
       Beamten möglich sein.
       Dieser Grundmangel geht durch alle unsere Institutionen hindurch.
       So z.B. sind im Kriminalverfahren Richter, Ankläger und Verteidi-
       ger in   e i n e r  P e r s o n  vereinigt. Diese Vereinigung wi-
       derspricht allen  Gesetzen der  Psychologie. Aber  der Beamte ist
       über die  psychologischen Gesetze erhaben, wie das Publikum unter
       demselben steht.  Doch ein  mangelhaftes Staatsprinzip  kann  man
       entschuldigen; aber  unverzeihlich wird es, wenn es nicht ehrlich
       genug ist,  um konsequent  zu  sein.  Die    V e r a n t w o r t-
       l i c h k e i t   der Beamten müßte so unverhältnismäßig über der
       des Publikums  stehen wie  die Beamten  über  dem  Publikum,  und
       gerade hier,  wo die Konsequenz allein das Prinzip rechtfertigen,
       es innerhalb seiner Sphäre zum rechtlichen machen könnte, wird es
       aufgegeben, und gerade hier wird das entgegengesetzte angewandt.
       Auch der  Zensor ist  Ankläger, Verteidiger  und Richter in einer
       Person;  dem   Zensor  ist   die     V e r w a l t u n g    d e s
       G e i s t e s   anvertraut;  der  Zensor  ist    u n v e r a n t-
       w o r t l i c h.
       Die Zensur  könnte nur  einen   p r o v i s o r i s c h   loyalen
       Charakter erhalten,  wenn sie  den  o r d e n t l i c h e n  G e-
       r i c h t e n   unterworfen würde,  was allerdings unmöglich ist,
       solange es  keine objektiven  Zensurgesetze gibt.  Aber  das  al-
       lerschlechteste Mittel ist, die Zensur wieder vor Zensur zu stel-
       len, etwa vor einen Oberpräsidenten oder ein Oberzensurkollegium.
       Alles, was  von dem Verhältnis der Presse zur Zensur, gilt wieder
       vom Verhältnis  der Zensur  zur Oberzensur und vom Verhältnis des
       Schriftstellers  zum   Oberzensor,  obgleich  ein    M i t t e l-
       g l i e d  eingeschoben ist. Es ist dasselbe
       
       #25#
       -----
       Titelseite   der   1851   von   Hermann   Becker   herausgegebene
       "Gesammelten Aufsätze von Karl Marx", Heft 1
       
       #26#
       -----
       
       #27# Bemerkungen über die preußische Zensurinstruktion
       -----
       Verhältnis, auf  eine höhere  Staffel gestellt,  der  merkwürdige
       Irrtum, die  Sache zu  lassen und ihr ein anderes Wesen durch an-
       dere Personen  geben zu wollen. Wollte der  Z w a n g s s t a a t
       loyal sein, so höbe er sich auf. Jeder Punkt erforderte denselben
       Zwang und  denselben Gegendruck. Die Oberzensur müßte wieder zen-
       siert werden.  Um diesem tödlichen Kreis zu entgehen, entschließt
       man sich, illoyal zu sein, die Gesetzlosigkeit beginne nun in der
       dritten oder  neunundneunzigsten Schichte.  Weil dies  Bewußtsein
       dem Beamtenstaat  unklar  vorschwebt,  sucht  er  wenigstens  die
       Sphäre der  Gesetzlosigkeit so hoch zu stellen, daß sie den Blic-
       ken entschwindet, und glaubt dann, sie sei verschwunden.
       Die eigentliche   R a d i k a l k u r   d e r   Z e n s u r  wäre
       ihre  A b s c h a f f u n g;  denn das Institut ist schlecht, und
       die Institutionen  sind mächtiger  als die  Menschen. Doch, unsre
       Ansicht mag  richtig sein oder nicht. Jedenfalls  g e w i n n e n
       die  preußischen  Schriftsteller    d u r c h    d i e    n e u e
       I n s t r u k t i o n,   entweder an    r e e l l e r    F r e i-
       h e i t,  oder an  i d e e l l e r,  an  B e w u ß t s e i n.
       
       Rara temporum felicitas, ubi quae velis sentire et quae
       sentias dicere licet [15]
       
       Geschrieben Anfang Februar bis 10. Februar 1842
       Nach: Karl Marx, "Gesammelte Aufsätze", herausgegeben von Hermann
       Becker, 1. Heft, Köln 1851.

       zurück