Quelle: MEW 1 1839 - 1844


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       #335#
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       Umschlagseite der "Deutsch-Französischen Jahrbücher"
       
       #336#
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       Karl Marx
       [Briefe aus den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern" [144]]
       
       M. an R.
       Auf der Treckschuit nach D. im März 1843
       Ich reise jetzt in Holland. Soviel ich aus den hiesigen und fran-
       zösischen Zeitungen  sehe, ist Deutschland tief in den Dreck hin-
       eingeritten und wird es noch immer mehr. Ich versichere Sie, wenn
       man auch  nichts weniger  als Nationalstolz  fühlt, so  fühlt man
       doch Nationalscham,  sogar in Holland. Der kleinste Holländer ist
       noch ein  Staatsbürger gegen  den größten  Deutschen. Und die Ur-
       teile der  Ausländer über  die preußische  Regierung! Es herrscht
       eine erschreckende  Übereinstimmung, niemand  täuscht  sich  mehr
       über dies  System und  seine einfache  Natur. Etwas hat also doch
       die neue Schule genützt. Der Prunkmantel des Liberalismus ist ge-
       fallen, und der widerwärtigste Despotismus steht in seiner ganzen
       Nacktheit vor aller Welt Augen.
       Das ist auch eine Offenbarung, wenngleich eine umgekehrte. Es ist
       eine Wahrheit,  die uns zum wenigsten die Hohlheit unsers Patrio-
       tismus, die  Unnatur unseres  Staatswesens kennen und unser Ange-
       sicht verhüllen lehrt. Sie sehen mich lächelnd an und fragen: Was
       ist damit  gewonnen? Aus  Scham macht  man keine  Revolution. Ich
       antworte: Die  Scham ist  schon eine Revolution; sie ist wirklich
       der Sieg  der französischen Revolution über den deutschen Patrio-
       tismus, durch  den sie  1813 besiegt  wurde. Scham  ist eine  Art
       Zorn, der in sich gekehrte. Und wenn eine ganze Nation sich wirk-
       lich schämte,  so wäre sie der Löwe, der sich zum Sprunge in sich
       zurückzieht. Ich gebe zu, sogar die Scham ist in Deutschland noch
       nicht vorhanden; im Gegenteil, diese Elenden sind noch Patrioten.
       Welches System  sollte ihnen  aber den  Patriotismus  austreiben,
       wenn nicht  dieses lächerliche des neuen Ritters 1*)? Die Komödie
       des Despotismus,  die mit uns aufgeführt wird, ist für ihn ebenso
       gefährlich, als  es einst  den Stuarts und Bourbonen die Tragödie
       war. Und  selbst, wenn man diese Komödie lange Zeit nicht für das
       halten sollte, was sie ist,
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       1*) Friedrich Wilhelm IV.
       
       #338# Karl Marx
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       so wäre sie doch schon eine Revolution. Der Staat ist ein zu ern-
       stes Ding,  um zu einer Harlekinade gemacht zu werden. Man könnte
       vielleicht ein  Schiff voll  Narren eine gute Weile vor dem Winde
       treiben lassen;  aber seinem  Schicksal trieb'  es entgegen  eben
       darum, weil  die Narren dies nicht glaubten. Dieses Schicksal ist
       die Revolution, die uns bevorsteht.
       
       M. an R.
       Köln, im Mai 1843
       Ihr Brief, mein teurer Freund, ist eine gute Elegie, ein atemver-
       setzender Grabgesang;  aber politisch  ist er ganz und gar nicht.
       Kein Volk  verzweifelt, und  sollt' es  auch lange  Zeit nur  aus
       Dummheit hoffen,  so erfüllt es sich doch nach vielen Jahren ein-
       mal aus plötzlicher Klugheit alle seine frommen Wünsche.
       Doch, Sie  haben mich  angesteckt, Ihr  Thema ist  noch nicht er-
       schöpft, ich  will das  Finale hinzufügen, und wenn alles zu Ende
       ist, dann  reichen Sie  mir die  Hand, damit wir von vorne wieder
       anfangen. Laßt  die Toten ihre Toten begraben und beklagen. Dage-
       gen ist  es beneidenswert,  die ersten  zu sein, die lebendig ins
       neue Leben eingehen; dies soll unser Los sein.
       Es ist  wahr, die alte Welt gehört dem Philister. Aber wir dürfen
       ihn nicht  wie einen Popanz behandeln, von dem man sich ängstlich
       wegwendet. Wir  müssen ihn  vielmehr genau  ins Auge  fassen.  Es
       lohnt sich, diesen Herrn der Welt zu studieren.
       Herr der  Welt ist  er freilich nur, indem er sie, wie die Würmer
       einen Leichnam,  mit seiner  Gesellschaft ausfüllt.  Die  Gesell-
       schaft dieser  Herren braucht darum nichts weiter als eine Anzahl
       Sklaven, und  die Eigentümer  der Sklaven  brauchen nicht frei zu
       sein. Wenn sie wegen ihres Eigentums an Land und Leuten Herren im
       eminenten Sinne genannt werden, sind sie darum nicht weniger Phi-
       lister als ihre Leute.
       Menschen, das  wären geistige  Wesen, freie Männer, Republikaner.
       Beides wollen die Spießbürger nicht sein. Was bleibt ihnen übrig,
       zu sein und zu wollen?
       Was sie  wollen, leben  und sich  fortpflanzen (und  weiter, sagt
       Goethe, bringt es doch keiner), das will auch das Tier, höchstens
       würde ein  deutscher  Politiker  noch  hinzuzusetzen  haben,  der
       Mensch  w i s s e  aber, daß er es wolle, und der Deutsche sei so
       besonnen, nichts weiter zu wollen.
       Das Selbstgefühl  des Menschen,  die Freiheit,  wäre in der Brust
       dieser Menschen erst wieder zu erwecken. Nur dies Gefühl, welches
       mit den  Griechen aus  der Welt  und mit  dem Christentum  in den
       blauen Dunst des Himmels
       
       #339# Briefe aus den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern"
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       verschwindet, kann  aus der Gesellschaft wieder eine Gemeinschaft
       der Menschen für ihre höchsten Zwecke, einen demokratischen Staat
       machen.
       Die Menschen  dagegen, welche  sich nicht  als  Menschen  fühlen,
       wachsen ihren Herren zu, wie eine Zucht von Sklaven oder Pferden.
       Die angestammten  Herren sind  der Zweck  dieser  ganzen  Gesell-
       schaft. Diese  Welt gehört ihnen. Sie nehmen sie, wie sie ist und
       sich fühlt.  Sie nehmen  sich selbst, wie sie sich vorfinden, und
       stellen sich  hin, wo  ihre Füße  gewachsen sind,  auf die Nacken
       dieser politischen Tiere, die keine andere Bestimmung kennen, als
       ihnen "untertan, hold und gewärtig" zu sein.
       Die Philisterwelt  ist   d i e    p o l i t i s c h e    T i e r-
       w e l t,  und wenn wir ihre Existenz anerkennen müssen, so bleibt
       uns nichts  übrig, als  dem status  quo einfacherweise  recht  zu
       geben. Barbarische  Jahrhunderte haben  ihn  erzeugt  und  ausge-
       bildet, und  nun steht  er da als ein konsequentes System, dessen
       Prinzip die  e n t m e n s c h t e  W e l t  ist. Die vollkommen-
       ste Philisterwelt,  unser Deutschland,  mußte also natürlich weit
       hinter der  französischen Revolution,  die  den  Menschen  wieder
       herstellte, zurückbleiben;  und  der  deutsche  Aristoteles,  der
       seine Politik aus unsern Zuständen abnehmen wollte, würde an ihre
       Spitze schreiben:  "Der Mensch  ist ein geselliges, jedoch völlig
       unpolitisches Tier",  den Staat  aber könnte  er nicht  richtiger
       erklären,  als  dies  Herr  Zöpfl,  der  Verfasser  des  "Konsti-
       tutionellen Staatsrechts  in Deutschland",  bereits getan hat. Er
       ist nach ihm ein "Verein von Familien", welcher, fahren wir fort,
       einer allerhöchsten  Familie, die  man Dynastie  nennt, erb-  und
       eigentümlich zugehört.  Je fruchtbarer  die Familien sich zeigen,
       desto glücklicher  die  Leute,  desto  größer  der  Staat,  desto
       mächtiger die  Dynastie, weswegen  denn auch  in  dem  normaldes-
       potischen Preußen  auf den siebenten Jungen eine Prämie von fünf-
       zig Reichstalern gesetzt ist.
       Die Deutschen  sind so besonnene Realisten, daß alle ihre Wünsche
       und ihre  hochfliegendsten Gedanken  nicht über  das kahle  Leben
       hinausreichen. Und diese Wirklichkeit, nichts weiter, akzeptieren
       die, welche sie beherrschen. Auch diese Leute sind Realisten, sie
       sind sehr  weit von allem Denken und von aller menschlichen Größe
       entfernt, gewöhnliche  Offiziere und  Landjunker, aber  sie irren
       sich nicht,  sie haben recht, sie, so wie sie sind, reichen voll-
       kommen aus, dieses Tierreich zu benutzen und zu beherrschen, denn
       Herrschaft und  Benutzung ist   e i n  Begriff, hier wie überall.
       Und wenn  sie sich  huldigen lassen und über die wimmelnden Köpfe
       dieser hirnlosen  Wesen hinsehen,  was liegt  ihnen näher als der
       Gedanke Napoleons  an der  Beresina? Man  sagt ihm  nach, er habe
       hinuntergewiesen auf das Gewimmel der Ertrinkenden und seinem Be-
       gleiter zugerufen:  V o y e z  c e s  c r a p a u d s  1*)! Diese
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       1*) Sehen Sie sich diese Kröten an!
       
       #340# Karl Marx
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       Nachrede ist  wahrscheinlich eine Lüge, aber wahr ist sie nichts-
       destoweniger. Der  einzige Gedanke  des Despotismus  ist die Men-
       schenverachtung, der  entmenschte Mensch,  und dieser Gedanke hat
       vor vielen  andern den  Vorzug, zugleich  Tatsache zu  sein.  Der
       Despot sieht die Menschen immer entwürdigt. Sie ersaufen vor sei-
       nen Augen und für ihn im Schlamm des gemeinen Lebens, aus dem sie
       auch, gleich  den Fröschen, immer wieder hervorgehen. Drängt sich
       nun selbst  Menschen, die großer Zwecke fähig waren, wie Napoleon
       vor seiner  Dynastietollheit, diese  Ansicht auf,  wie sollte ein
       ganz gewöhnlicher König in einer solchen Realität Idealist sein?
       Das Prinzip  der Monarchie überhaupt ist der verachtete, der ver-
       ächtliche,   d e r  e n t m e n s c h t e  M e n s c h;  und Mon-
       tesquieu hat  sehr unrecht,  die Ehre  dafür auszugeben. Er hilft
       sich mit der Unterscheidung von Monarchie, Despotie und Tyrannei.
       Aber das  sind Namen  e i n e s  Begriffs, höchstens eine Sitten-
       verschiedenheit bei  demselben Prinzip. Wo das monarchische Prin-
       zip in  der Majorität ist, da sind die Menschen in der Minorität,
       wo es  nicht bezweifelt  wird, da  gibt es  keine Menschen. Warum
       soll nun ein Mann wie der König von Preußen, der keine Proben da-
       von hat,  daß er problematisch wäre, nicht lediglich seiner Laune
       folgen? Und  nun er  es tut,  was kommt  dabei heraus? Widerspre-
       chende Absichten? Gut, so wird nichts daraus. Ohnmächtige Tenden-
       zen? Sie  sind immer  noch die  einzige politische  Wirklichkeit.
       Blamagen und  Verlegenheiten? Es  gibt nur   e i n e  Blamage und
       nur   e i n e   Verlegenheit, das  Heruntersteigen vom Thron. So-
       lange die  Laune an  ihrem Platze  bleibt, hat sie recht. Sie mag
       dort so  unbeständig, so  kopflos, so  verächtlich sein,  wie sie
       will; sie ist immer noch gut genug, ein Volk zu regieren, welches
       nie ein anderes Gesetz gekannt hat als die Willkür seiner Könige.
       Ich sage  nicht, ein kopfloses System und der Verlust der Achtung
       im Innern und nach außen werde ohne Folgen bleiben, ich nehme die
       Assekuranz des  Narrenschiffes nicht auf mich; aber ich behaupte:
       der König  von Preußen  wird so  lange ein Mann seiner Zeit sein,
       als die verkehrte Welt die wirkliche ist.
       Sie wissen, ich beschäftige mich viel mit diesem Manne. Schon da-
       mals, als  er nur  noch das  "Berliner politische Wochenblatt" zu
       seinem Organe  hatte, erkannte  ich seinen Wert und seine Bestim-
       mung. Er  rechtfertigte schon  bei der  Huldigung  in  Königsberg
       meine Vermutung,  daß nun die Frage rein persönlich werden würde.
       Er erklärte  sein Herz  und sein  Gemüt für  das künftige Staats-
       grundgesetz der Domäne Preußen,  s e i n e s  Staates, und in der
       Tat, der  König ist in Preußen das System. Er ist die einzige po-
       litische Person. Seine Persönlichkeit bestimmt das System so oder
       so. Was  er tut  oder was man ihn tun läßt, was er denkt oder was
       man ihm in den Mund legt, das ist es,
       
       #341# Briefe aus den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern"
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       was in Preußen der Staat denkt oder tut. Es ist also wirklich ein
       Verdienst, daß der jetzige König dies so unumwunden erklärt hat.
       Nur darin  irrte man sich eine Zeitlang, daß man es für erheblich
       hielt, welche  Wünsche und  Gedanken der  König nun zum Vorschein
       brächte. Dies  konnte in  der Sache  nichts ändern, der Philister
       ist das  Material der Monarchie und der Monarch immer nur der Kö-
       nig der Philister; er kann weder sich noch seine Leute zu freien,
       wirklichen Menschen  machen, wenn  beide Teile  bleiben, was  sie
       sind.Der König  von Preußen  hat es  versucht, mit einer Theorie,
       die wirklich sein Vater 1*) so nicht hatte, das System zu ändern.
       Das Schicksal dieses Versuches ist bekannt. Er ist vollkommen ge-
       scheitert. Ganz  natürlich. Ist  man einmal  bei der  politischen
       Tierwelt angelangt,  so gibt es keine weitere Reaktion als bis zu
       ihr, und  kein anderes  Vordringen als  das Verlassen ihrer Basis
       und den Übergang zur Menschenwelt der Demokratie.
       Der alte  König wollte nichts Extravagantes, er war ein Philister
       und machte  keinen Anspruch  auf Geist. Er wußte, daß der Diener-
       staat und  sein Besitz  nur der prosaischen, ruhigen Existenz be-
       durfte. Der  junge König  war munterer  und aufgeweckter, von der
       Allmacht des  Monarchen, der  nur durch sein Herz und seinen Ver-
       stand beschränkt  ist, dachte  er viel  größer. Der  alte verknö-
       cherte Diener- und Sklavenstaat widerte ihn an. Er wollte ihn le-
       bendig machen  und ganz und gar mit seinen Wünschen, Gefühlen und
       Gedanken  durchdringen;  und  er  konnte  das  verlangen,  er  in
       s e i n e m  Staate, wenn es nur gelingen wollte. Daher seine li-
       beralen Reden  und Herzensergießungen. Nicht das tote Gesetz, das
       volle lebendige  Herz des Königs sollte alle seine Untertanen re-
       gieren. Er  wollte alle  Herzen und Geister für seine Herzenswün-
       sche und  langgenährten Pläne  in Bewegung  setzen. Eine Bewegung
       ist erfolgt;  aber die übrigen Herzen schlugen nicht wie das sei-
       nige, und  die Beherrschten  konnten den  Mund nicht auftun, ohne
       von der  Aufhebung der alten Herrschaft zu reden. Die Idealisten,
       welche die  Unverschämtheit haben,  den Menschen zum Menschen ma-
       chen zu  wollen, ergriffen  das Wort,  und während der König alt-
       deutsch phantasierte,  meinten sie,  neudeutsch philosophieren zu
       dürfen. Allerdings war dies unerhört in Preußen. Einen Augenblick
       schien die  alte Ordnung der Dinge auf den Kopf gestellt zu sein,
       ja, die  Dinge fingen  an, sich in Menschen zu verwandeln, es gab
       sogar namhafte Menschen, obgleich die Namensnennung auf den Land-
       tagen nicht  erlaubt ist;  aber die  Diener des alten Despotismus
       machten diesem  undeutschen Treiben  bald ein  Ende. Es war nicht
       schwer, die Wünsche des Königs, der für eine große
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       1*) Friedrich Wilhelm III.
       
       #342# Karl Marx
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       Vergangenheit voll  Pfaffen, Ritter  und Hörige schwärmt, mit den
       Absichten der Idealisten, welche lediglich die Folgen der franzö-
       sischen Revolution,  also zuletzt  doch immer  Republik und  eine
       Ordnung der  freien Menschheit  statt der Ordnung der toten Dinge
       wollen, in  fühlbaren Konflikt  zu bringen.  Als dieser  Konflikt
       schneidend und  unbequem genug  geworden und der jähzornige König
       hinlänglich aufgeregt  war, da traten die Diener zu ihm, die frü-
       her den  Gang der Dinge so leicht geleitet hatten, und erklärten:
       der König  täte nicht wohl, seine Untertanen zu unnützen Reden zu
       verleiten, sie  würden das Geschlecht der redenden Menschen nicht
       regieren können.  Auch der  Herr aller  Hinterrussen 1*) war über
       die Bewegung  in den Köpfen der Vorderrussen [145] unruhig gewor-
       den und  verlangte Wiederherstellung des alten ruhigen Zustandes.
       Und es erfolgte eine neue Auflage der alten Ächtung aller Wünsche
       und Gedanken  der Menschen über menschliche Rechte und Pflichten,
       das heißt die Rückkehr zu dem alten verknöcherten Dienerstaat, in
       welchem der  Sklave schweigend  dient und der Besitzer des Landes
       und der  Leute lediglich  durch eine  wohlgezogene, stillfolgsame
       Dienerschaft möglichst schweigsam herrscht. Beide können, was sie
       wollen, nicht  sagen, weder  die einen,  daß sie  Menschen werden
       wollen, noch  der andere,  daß er  keine Menschen in seinem Lande
       brauchen könne.  Schweigen ist daher das einzige Auskunftsmittel.
       M u t a   p e c o r a,   p r o n a   e t   v e n t r i   o b o e-
       d i e n t i a.  2*)
       Dies ist  der verunglückte Versuch, den Philisterstaat auf seiner
       eigenen Basis  aufzuheben; er  ist dazu ausgeschlagen, daß er die
       Notwendigkeit der  Brutalität und die Unmöglichkeit der Humanität
       für den  Despotismus aller Welt anschaulich gemacht hat. Ein bru-
       tales Verhältnis kann nur mit Brutalität aufrechterhalten werden.
       Und hier  bin ich nun mit unserer gemeinsamen Aufgabe, den Phili-
       ster und  seinen Staat  ins Auge  zu fassen,  fertig. Sie  werden
       nicht sagen,  ich hielte die Gegenwart zu hoch, und wenn ich den-
       noch nicht  an ihr verzweifle, so ist es nur ihre eigene verzwei-
       felte Lage, die mich mit Hoffnung erfüllt. Ich rede gar nicht von
       der Unfähigkeit  der Herren  und von  der Indolenz der Diener und
       Untertanen, die  alles gehn lassen, wie es Gott gefällt; und doch
       reichte beides  zusammen schon hin, um eine Katastrophe herbeizu-
       führen. Ich  mache Sie  nur darauf aufmerksam, daß die Feinde des
       Philistertums, mit  einem Wort  alle denkenden und alle leidenden
       Menschen zu  einer Verständigung  gelangt sind, wozu ihnen früher
       durchaus die  Mittel fehlten,  und daß  selbst das  passive Fort-
       pflanzungssystem der  alten Untertanen jeden Tag Rekruten für den
       Dienst der  neuen Menschheit  wirbt. Das  System des  Erwerbs und
       Handels, des Besitzes und der Ausbeutung der
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       1*) Nikolaus I. - 2*) Die Herde ist stumm, kopfhängerisch und ge-
       horcht dem Magen.
       
       #343# Briefe aus den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern"
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       Menschen führt  aber noch  viel schneller  als die Vermehrung der
       Bevölkerung zu  einem Bruch  innerhalb der jetzigen Gesellschaft,
       den das  alte System  nicht zu  heilen vermag,  weil es überhaupt
       nicht heilt  und schafft,  sondern nur existiert und genießt. Die
       Existenz der  leidenden Menschheit,  die denkt, und der denkenden
       Menschheit, die unterdrückt wird, muß aber notwendig für die pas-
       sive und  gedankenlos genießende  Tierwelt der  Philisterei unge-
       nießbar und unverdaulich werden.
       Von unserer Seite muß die alte Welt vollkommen ans Tageslicht ge-
       zogen und  die neue positiv ausgebildet werden. Je länger die Er-
       eignisse der  denkenden Menschheit Zeit lassen, sich zu besinnen,
       und der  leidenden, sich  zu sammeln,  um so vollendeter wird das
       Produkt in die Welt treten, welches die Gegenwart in ihrem Schoße
       trägt.
       
       M. an R.
       Kreuznach, im September 1843
       Es freut  mich, daß Sie entschlossen sind und von den Rückblicken
       auf das  Vergangene Ihre Gedanken zu einem neuen Unternehmen vor-
       wärts wenden.  Also in Paris [146], der alten Hochschule der Phi-
       losophie,   a b s i t  o m e n!  1*) und der neuen Hauptstadt der
       neuen Welt.  Was notwendig  ist, das fügt sich. Ich zweifle daher
       nicht, daß  sich alle  Hindernisse, deren  Gewicht ich nicht ver-
       kenne, beseitigen lassen.
       Das Unternehmen  mag aber  zustande kommen oder nicht; jedenfalls
       werde ich  Ende dieses  Monats in Paris sein, da die hiesige Luft
       leibeigen macht  und ich in Deutschland durchaus keinen Spielraum
       für eine freie Tätigkeit sehe.
       In Deutschland wird alles gewaltsam unterdrückt, eine wahre Anar-
       chie des  Geistes, das Regiment der Dummheit selbst ist hereinge-
       brochen, und Zürich gehorcht den Befehlen aus Berlin; es wird da-
       her immer klarer, daß ein neuer Sammelpunkt für die wirklich den-
       kenden und  unabhängigen Köpfe  gesucht werden muß. Ich bin über-
       zeugt, durch  unsern Plan würde einem wirklichen Bedürfnisse ent-
       sprochen werden,  und die wirklichen Bedürfnisse müssen sich doch
       auch wirklich  erfüllen lassen. Ich zweifle also nicht an dem Un-
       ternehmen, sobald ernst damit gemacht wird.
       Größer noch als die äußern Hindernisse scheinen beinahe die inne-
       ren Schwierigkeiten zu sein. Denn wenn auch kein Zweifel über das
       "Woher", so
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       1*) möge es nichts Schlimmes bedeuten!
       
       #344# Karl Marx
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       herrscht desto  mehr Konfusion  über das  "Wohin". Nicht nur, daß
       eine allgemeine Anarchie unter den Reformern ausgebrochen ist, so
       wird jeder  sich selbst  gestehen müssen, daß er keine exakte An-
       schauung von  dem hat,  was werden  soll. Indessen ist das gerade
       wieder der  Vorzug der  neuen Richtung,  daß wir nicht dogmatisch
       die Welt antizipieren, sondern erst aus der Kritik der alten Welt
       die neue  finden wollen. Bisher hatten die Philosophen die Auflö-
       sung aller  Rätsel in  ihrem Pulte liegen, und die dumme exoteri-
       sche Welt hatte nur das Maul aufzusperren, damit ihr die gebrate-
       nen Tauben  der absoluten  Wissenschaft in  den Mund  flogen. Die
       Philosophie hat  sich verweltlicht,  und der  schlagendste Beweis
       dafür ist,  daß das  philosophische Bewußtsein selbst in die Qual
       des Kampfes nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich hineinge-
       zogen ist.  Ist die Konstruktion der Zukunft und das Fertigwerden
       für alle  Zeiten nicht  unsere Sache,  so ist desto gewisser, was
       wir  gegenwärtig   zu  vollbringen   haben,  ich   meine    d i e
       r ü c k s i c h t s l o s e   K r i t i k   a l l e s  B e s t e-
       h e n d e n,   rücksichtslos sowohl  in dem Sinne, daß die Kritik
       sich nicht  vor ihren Resultaten fürchtet und ebensowenig vor dem
       Konflikte mit den vorhandenen Mächten.
       Ich bin  daher nicht  dafür, daß  wir eine dogmatische Fahne auf-
       pflanzen, im  Gegenteil. Wir  müssen den Dogmatikern nachzuhelfen
       suchen, daß sie ihre Sätze sich klarmachen. So ist namentlich der
       K o m m u n i s m u s   eine dogmatische  Abstraktion, wobei  ich
       aber nicht  irgendeinen eingebildeten  und möglichen, sondern den
       wirklich existierenden  Kommunismus, wie ihn Cabet, Dézamy, Weit-
       ling etc. lehren, im Sinn habe. Dieser Kommunismus ist selbst nur
       eine aparte,  von seinem  Gegensatz, dem  Privatwesen, infizierte
       Erscheinung des  humanistischen Prinzips. Aufhebung des Privatei-
       gentums und  Kommunismus sind daher keineswegs identisch, und der
       Kommunismus hat andre sozialistische Lehren, wie die von Fourier,
       Proudhon etc.,  nicht zufällig,  sondern notwendig sich gegenüber
       entstehn sehn,  weil er selbst nur eine besondre, einseitige Ver-
       wirklichung des sozialistischen Prinzips ist.
       Und das  ganze sozialistische  Prinzip ist  wieder nur  die  eine
       Seite, welche  die   R e a l i t ä t  des wahren menschlichen We-
       sens betrifft.  Wir haben  uns ebensowohl  um die andre Seite, um
       die theoretische Existenz des Menschen zu kümmern, also Religion,
       Wissenschaft etc.  zum Gegenstande  unserer Kritik zu machen. Au-
       ßerdem wollen wir auf unsere Zeitgenossen wirken und zwar auf un-
       sre deutschen  Zeitgenossen. Es fragt sich, wie ist das anzustel-
       len? Zweierlei  Fakta lassen sich nicht ableugnen. Einmal die Re-
       ligion, dann die Politik sind Gegenstände, welche das Hauptinter-
       esse des  jetzigen Deutschlands  bilden. An  diese, wie  sie auch
       sind, ist  anzuknüpfen,  nicht  irgendein  System  wie  etwa  die
       "V o y a g e   e n   I c a r i e"   [147] ihnen  fertig entgegen-
       zusetzen.
       
       #345# Briefe aus den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern"
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       Die Vernunft hat immer existiert, nur nicht immer in der vernünf-
       tigen Form. Der Kritiker kann also an jede Form des theoretischen
       und praktischen  Bewußtseins anknüpfen und aus den  e i g e n e n
       Formen der  existierenden Wirklichkeit die wahre Wirklichkeit als
       ihr Sollen  und ihren  Endzweck entwickeln. Was nun das wirkliche
       Leben  betrifft,   so  enthält  grade  der    p o l i t i s c h e
       S t a a t,   auch wo  er von den sozialistischen Forderungen noch
       nicht bewußterweise erfüllt ist, in allen seinen  m o d e r n e n
       Formen die  Forderungen der  Vernunft. Und  er bleibt dabei nicht
       stehn. Er unterstellt überall die Vernunft als realisiert. Er ge-
       rät aber  ebenso überall  in den  Widerspruch seiner ideellen Be-
       stimmung mit seinen realen Voraussetzungen.
       Aus diesem  Konflikt des politischen Staates mit sich selbst läßt
       sich daher  überall die  soziale  Wahrheit  entwickeln.  Wie  die
       R e l i g i o n   das Inhaltsverzeichnis  von  den  theoretischen
       Kämpfen der  Menschheit,  so  ist  es  der    p o l i t i s c h e
       S t a a t   von ihren  praktischen. Der  politische Staat  drückt
       also innerhalb  seiner Form   s u b   s p e c i e   r e i  p u b-
       l i c a e  1*) alle sozialen Kämpfe, Bedürfnisse, Wahrheiten aus.
       Es ist  also durchaus  nicht unter  der    h a u t e u r    d e s
       p r i n c i p e s   2*), die  speziellste politische Frage - etwa
       den Unterschied  von ständischem und repräsentativem System - zum
       Gegenstand der  Kritik zu machen. Denn diese Frage drückt nur auf
       p o l i t i s c h e  Weise den Unterschied von der Herrschaft des
       Menschen und der Herrschaft des Privateigentums aus. Der Kritiker
       kann also nicht nur, er muß in diese politischen Fragen (die nach
       der Ansicht  der krassen  Sozialisten  unter  aller  Würde  sind)
       eingehn. Indem  er den Vorzug des repräsentativen Systems vor dem
       ständischen   entwickelt,       i n t e r e s s i e r t        er
       p r a k t i s c h  eine große Partei. Indem er das repräsentative
       System aus seiner politischen Form zu der allgemeinen Form erhebt
       und die  wahre Bedeutung,  die ihm zugrunde liegt, geltend macht,
       zwingt er  zugleich diese  Partei, über sich selbst hinauszugehn,
       denn ihr Sieg ist zugleich ihr Verlust.
       Es hindert  uns also nichts, unsre Kritik an die Kritik der Poli-
       tik, an  die Parteinahme  in  der  Politik,  also  an    w i r k-
       l i c h e   Kämpfe anzuknüpfen  und mit  ihnen zu identifizieren.
       Wir treten  dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip
       entgegen:  Hier   ist  die   Wahrheit,  hier  kniee  nieder!  Wir
       entwickeln der  Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien.
       Wir sagen  ihr nicht:  Laß ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes
       Zeug; wir  wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschrein. Wir
       zeigen ihr  nur, warum  sie eigentlich kämpft, und das Bewußtsein
       ist eine  Sache, die  sie sich  aneignen   m u ß,   wenn sie auch
       nicht will.
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       1*) als  einer besondern  Staatsform - 2*) dem Niveau der Prinzi-
       pien
       
       #346# Karl Marx
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       Die Reform  des Bewußtseins  besteht   n u r   darin, daß man die
       Welt ihr  Bewußtsein innewerden  läßt, daß  man sie aus dem Traum
       über sich  selbst aufweckt,  daß man  ihre  eignen  Aktionen  ihr
       e r k l ä r t.   Unser ganzer  Zweck kann  in nichts  anderem be-
       stehn, wie  dies auch bei Feuerbachs Kritik der Religion der Fall
       ist, als daß die religiösen und politischen Fragen in die selbst-
       bewußte menschliche Form gebracht werden.
       Unser Wahlspruch  muß also  sein: Reform  des  Bewußtseins  nicht
       durch Dogmen,  sondern durch  Analysierung des  mystischen,  sich
       selbst unklaren Bewußtseins, trete es nun religiös oder politisch
       auf. Es  wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den Traum von
       einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß,
       um sie  wirklich zu  besitzen. Es  wird sich  zeigen, daß es sich
       nicht um  einen großen  Gedankenstrich zwischen Vergangenheit und
       Zukunft handelt,  sondern um  die  V o l l z i e h u n g  der Ge-
       danken der  Vergangenheit. Es  wird sich  endlich zeigen, daß die
       Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Bewußtsein ihre
       alte Arbeit zustande bringt.
       Wir können  also die  Tendenz unsers Blattes in  e i n  Wort fas-
       sen: Selbstverständigung  (kritische Philosophie)  der Zeit  über
       ihre Kämpfe  und Wünsche.  Dies ist  eine Arbeit für die Welt und
       für uns.  Sie kann nur das Werk vereinter Kräfte sein. Es handelt
       sich um eine  B e i c h t e,  um weiter nichts. Um sich ihre Sün-
       den vergeben zu lassen, braucht die Menschheit sie nur für das zu
       erklären, was sie sind.
       
       Nach: "Deutsch-Französische Jahrbücher",
       Paris 1844.
       

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