Quelle: MEW 1 1839 - 1844
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Umschlagseite der "Deutsch-Französischen Jahrbücher"
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Karl Marx
[Briefe aus den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern" [144]]
M. an R.
Auf der Treckschuit nach D. im März 1843
Ich reise jetzt in Holland. Soviel ich aus den hiesigen und fran-
zösischen Zeitungen sehe, ist Deutschland tief in den Dreck hin-
eingeritten und wird es noch immer mehr. Ich versichere Sie, wenn
man auch nichts weniger als Nationalstolz fühlt, so fühlt man
doch Nationalscham, sogar in Holland. Der kleinste Holländer ist
noch ein Staatsbürger gegen den größten Deutschen. Und die Ur-
teile der Ausländer über die preußische Regierung! Es herrscht
eine erschreckende Übereinstimmung, niemand täuscht sich mehr
über dies System und seine einfache Natur. Etwas hat also doch
die neue Schule genützt. Der Prunkmantel des Liberalismus ist ge-
fallen, und der widerwärtigste Despotismus steht in seiner ganzen
Nacktheit vor aller Welt Augen.
Das ist auch eine Offenbarung, wenngleich eine umgekehrte. Es ist
eine Wahrheit, die uns zum wenigsten die Hohlheit unsers Patrio-
tismus, die Unnatur unseres Staatswesens kennen und unser Ange-
sicht verhüllen lehrt. Sie sehen mich lächelnd an und fragen: Was
ist damit gewonnen? Aus Scham macht man keine Revolution. Ich
antworte: Die Scham ist schon eine Revolution; sie ist wirklich
der Sieg der französischen Revolution über den deutschen Patrio-
tismus, durch den sie 1813 besiegt wurde. Scham ist eine Art
Zorn, der in sich gekehrte. Und wenn eine ganze Nation sich wirk-
lich schämte, so wäre sie der Löwe, der sich zum Sprunge in sich
zurückzieht. Ich gebe zu, sogar die Scham ist in Deutschland noch
nicht vorhanden; im Gegenteil, diese Elenden sind noch Patrioten.
Welches System sollte ihnen aber den Patriotismus austreiben,
wenn nicht dieses lächerliche des neuen Ritters 1*)? Die Komödie
des Despotismus, die mit uns aufgeführt wird, ist für ihn ebenso
gefährlich, als es einst den Stuarts und Bourbonen die Tragödie
war. Und selbst, wenn man diese Komödie lange Zeit nicht für das
halten sollte, was sie ist,
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1*) Friedrich Wilhelm IV.
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so wäre sie doch schon eine Revolution. Der Staat ist ein zu ern-
stes Ding, um zu einer Harlekinade gemacht zu werden. Man könnte
vielleicht ein Schiff voll Narren eine gute Weile vor dem Winde
treiben lassen; aber seinem Schicksal trieb' es entgegen eben
darum, weil die Narren dies nicht glaubten. Dieses Schicksal ist
die Revolution, die uns bevorsteht.
M. an R.
Köln, im Mai 1843
Ihr Brief, mein teurer Freund, ist eine gute Elegie, ein atemver-
setzender Grabgesang; aber politisch ist er ganz und gar nicht.
Kein Volk verzweifelt, und sollt' es auch lange Zeit nur aus
Dummheit hoffen, so erfüllt es sich doch nach vielen Jahren ein-
mal aus plötzlicher Klugheit alle seine frommen Wünsche.
Doch, Sie haben mich angesteckt, Ihr Thema ist noch nicht er-
schöpft, ich will das Finale hinzufügen, und wenn alles zu Ende
ist, dann reichen Sie mir die Hand, damit wir von vorne wieder
anfangen. Laßt die Toten ihre Toten begraben und beklagen. Dage-
gen ist es beneidenswert, die ersten zu sein, die lebendig ins
neue Leben eingehen; dies soll unser Los sein.
Es ist wahr, die alte Welt gehört dem Philister. Aber wir dürfen
ihn nicht wie einen Popanz behandeln, von dem man sich ängstlich
wegwendet. Wir müssen ihn vielmehr genau ins Auge fassen. Es
lohnt sich, diesen Herrn der Welt zu studieren.
Herr der Welt ist er freilich nur, indem er sie, wie die Würmer
einen Leichnam, mit seiner Gesellschaft ausfüllt. Die Gesell-
schaft dieser Herren braucht darum nichts weiter als eine Anzahl
Sklaven, und die Eigentümer der Sklaven brauchen nicht frei zu
sein. Wenn sie wegen ihres Eigentums an Land und Leuten Herren im
eminenten Sinne genannt werden, sind sie darum nicht weniger Phi-
lister als ihre Leute.
Menschen, das wären geistige Wesen, freie Männer, Republikaner.
Beides wollen die Spießbürger nicht sein. Was bleibt ihnen übrig,
zu sein und zu wollen?
Was sie wollen, leben und sich fortpflanzen (und weiter, sagt
Goethe, bringt es doch keiner), das will auch das Tier, höchstens
würde ein deutscher Politiker noch hinzuzusetzen haben, der
Mensch w i s s e aber, daß er es wolle, und der Deutsche sei so
besonnen, nichts weiter zu wollen.
Das Selbstgefühl des Menschen, die Freiheit, wäre in der Brust
dieser Menschen erst wieder zu erwecken. Nur dies Gefühl, welches
mit den Griechen aus der Welt und mit dem Christentum in den
blauen Dunst des Himmels
#339# Briefe aus den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern"
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verschwindet, kann aus der Gesellschaft wieder eine Gemeinschaft
der Menschen für ihre höchsten Zwecke, einen demokratischen Staat
machen.
Die Menschen dagegen, welche sich nicht als Menschen fühlen,
wachsen ihren Herren zu, wie eine Zucht von Sklaven oder Pferden.
Die angestammten Herren sind der Zweck dieser ganzen Gesell-
schaft. Diese Welt gehört ihnen. Sie nehmen sie, wie sie ist und
sich fühlt. Sie nehmen sich selbst, wie sie sich vorfinden, und
stellen sich hin, wo ihre Füße gewachsen sind, auf die Nacken
dieser politischen Tiere, die keine andere Bestimmung kennen, als
ihnen "untertan, hold und gewärtig" zu sein.
Die Philisterwelt ist d i e p o l i t i s c h e T i e r-
w e l t, und wenn wir ihre Existenz anerkennen müssen, so bleibt
uns nichts übrig, als dem status quo einfacherweise recht zu
geben. Barbarische Jahrhunderte haben ihn erzeugt und ausge-
bildet, und nun steht er da als ein konsequentes System, dessen
Prinzip die e n t m e n s c h t e W e l t ist. Die vollkommen-
ste Philisterwelt, unser Deutschland, mußte also natürlich weit
hinter der französischen Revolution, die den Menschen wieder
herstellte, zurückbleiben; und der deutsche Aristoteles, der
seine Politik aus unsern Zuständen abnehmen wollte, würde an ihre
Spitze schreiben: "Der Mensch ist ein geselliges, jedoch völlig
unpolitisches Tier", den Staat aber könnte er nicht richtiger
erklären, als dies Herr Zöpfl, der Verfasser des "Konsti-
tutionellen Staatsrechts in Deutschland", bereits getan hat. Er
ist nach ihm ein "Verein von Familien", welcher, fahren wir fort,
einer allerhöchsten Familie, die man Dynastie nennt, erb- und
eigentümlich zugehört. Je fruchtbarer die Familien sich zeigen,
desto glücklicher die Leute, desto größer der Staat, desto
mächtiger die Dynastie, weswegen denn auch in dem normaldes-
potischen Preußen auf den siebenten Jungen eine Prämie von fünf-
zig Reichstalern gesetzt ist.
Die Deutschen sind so besonnene Realisten, daß alle ihre Wünsche
und ihre hochfliegendsten Gedanken nicht über das kahle Leben
hinausreichen. Und diese Wirklichkeit, nichts weiter, akzeptieren
die, welche sie beherrschen. Auch diese Leute sind Realisten, sie
sind sehr weit von allem Denken und von aller menschlichen Größe
entfernt, gewöhnliche Offiziere und Landjunker, aber sie irren
sich nicht, sie haben recht, sie, so wie sie sind, reichen voll-
kommen aus, dieses Tierreich zu benutzen und zu beherrschen, denn
Herrschaft und Benutzung ist e i n Begriff, hier wie überall.
Und wenn sie sich huldigen lassen und über die wimmelnden Köpfe
dieser hirnlosen Wesen hinsehen, was liegt ihnen näher als der
Gedanke Napoleons an der Beresina? Man sagt ihm nach, er habe
hinuntergewiesen auf das Gewimmel der Ertrinkenden und seinem Be-
gleiter zugerufen: V o y e z c e s c r a p a u d s 1*)! Diese
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1*) Sehen Sie sich diese Kröten an!
#340# Karl Marx
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Nachrede ist wahrscheinlich eine Lüge, aber wahr ist sie nichts-
destoweniger. Der einzige Gedanke des Despotismus ist die Men-
schenverachtung, der entmenschte Mensch, und dieser Gedanke hat
vor vielen andern den Vorzug, zugleich Tatsache zu sein. Der
Despot sieht die Menschen immer entwürdigt. Sie ersaufen vor sei-
nen Augen und für ihn im Schlamm des gemeinen Lebens, aus dem sie
auch, gleich den Fröschen, immer wieder hervorgehen. Drängt sich
nun selbst Menschen, die großer Zwecke fähig waren, wie Napoleon
vor seiner Dynastietollheit, diese Ansicht auf, wie sollte ein
ganz gewöhnlicher König in einer solchen Realität Idealist sein?
Das Prinzip der Monarchie überhaupt ist der verachtete, der ver-
ächtliche, d e r e n t m e n s c h t e M e n s c h; und Mon-
tesquieu hat sehr unrecht, die Ehre dafür auszugeben. Er hilft
sich mit der Unterscheidung von Monarchie, Despotie und Tyrannei.
Aber das sind Namen e i n e s Begriffs, höchstens eine Sitten-
verschiedenheit bei demselben Prinzip. Wo das monarchische Prin-
zip in der Majorität ist, da sind die Menschen in der Minorität,
wo es nicht bezweifelt wird, da gibt es keine Menschen. Warum
soll nun ein Mann wie der König von Preußen, der keine Proben da-
von hat, daß er problematisch wäre, nicht lediglich seiner Laune
folgen? Und nun er es tut, was kommt dabei heraus? Widerspre-
chende Absichten? Gut, so wird nichts daraus. Ohnmächtige Tenden-
zen? Sie sind immer noch die einzige politische Wirklichkeit.
Blamagen und Verlegenheiten? Es gibt nur e i n e Blamage und
nur e i n e Verlegenheit, das Heruntersteigen vom Thron. So-
lange die Laune an ihrem Platze bleibt, hat sie recht. Sie mag
dort so unbeständig, so kopflos, so verächtlich sein, wie sie
will; sie ist immer noch gut genug, ein Volk zu regieren, welches
nie ein anderes Gesetz gekannt hat als die Willkür seiner Könige.
Ich sage nicht, ein kopfloses System und der Verlust der Achtung
im Innern und nach außen werde ohne Folgen bleiben, ich nehme die
Assekuranz des Narrenschiffes nicht auf mich; aber ich behaupte:
der König von Preußen wird so lange ein Mann seiner Zeit sein,
als die verkehrte Welt die wirkliche ist.
Sie wissen, ich beschäftige mich viel mit diesem Manne. Schon da-
mals, als er nur noch das "Berliner politische Wochenblatt" zu
seinem Organe hatte, erkannte ich seinen Wert und seine Bestim-
mung. Er rechtfertigte schon bei der Huldigung in Königsberg
meine Vermutung, daß nun die Frage rein persönlich werden würde.
Er erklärte sein Herz und sein Gemüt für das künftige Staats-
grundgesetz der Domäne Preußen, s e i n e s Staates, und in der
Tat, der König ist in Preußen das System. Er ist die einzige po-
litische Person. Seine Persönlichkeit bestimmt das System so oder
so. Was er tut oder was man ihn tun läßt, was er denkt oder was
man ihm in den Mund legt, das ist es,
#341# Briefe aus den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern"
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was in Preußen der Staat denkt oder tut. Es ist also wirklich ein
Verdienst, daß der jetzige König dies so unumwunden erklärt hat.
Nur darin irrte man sich eine Zeitlang, daß man es für erheblich
hielt, welche Wünsche und Gedanken der König nun zum Vorschein
brächte. Dies konnte in der Sache nichts ändern, der Philister
ist das Material der Monarchie und der Monarch immer nur der Kö-
nig der Philister; er kann weder sich noch seine Leute zu freien,
wirklichen Menschen machen, wenn beide Teile bleiben, was sie
sind.Der König von Preußen hat es versucht, mit einer Theorie,
die wirklich sein Vater 1*) so nicht hatte, das System zu ändern.
Das Schicksal dieses Versuches ist bekannt. Er ist vollkommen ge-
scheitert. Ganz natürlich. Ist man einmal bei der politischen
Tierwelt angelangt, so gibt es keine weitere Reaktion als bis zu
ihr, und kein anderes Vordringen als das Verlassen ihrer Basis
und den Übergang zur Menschenwelt der Demokratie.
Der alte König wollte nichts Extravagantes, er war ein Philister
und machte keinen Anspruch auf Geist. Er wußte, daß der Diener-
staat und sein Besitz nur der prosaischen, ruhigen Existenz be-
durfte. Der junge König war munterer und aufgeweckter, von der
Allmacht des Monarchen, der nur durch sein Herz und seinen Ver-
stand beschränkt ist, dachte er viel größer. Der alte verknö-
cherte Diener- und Sklavenstaat widerte ihn an. Er wollte ihn le-
bendig machen und ganz und gar mit seinen Wünschen, Gefühlen und
Gedanken durchdringen; und er konnte das verlangen, er in
s e i n e m Staate, wenn es nur gelingen wollte. Daher seine li-
beralen Reden und Herzensergießungen. Nicht das tote Gesetz, das
volle lebendige Herz des Königs sollte alle seine Untertanen re-
gieren. Er wollte alle Herzen und Geister für seine Herzenswün-
sche und langgenährten Pläne in Bewegung setzen. Eine Bewegung
ist erfolgt; aber die übrigen Herzen schlugen nicht wie das sei-
nige, und die Beherrschten konnten den Mund nicht auftun, ohne
von der Aufhebung der alten Herrschaft zu reden. Die Idealisten,
welche die Unverschämtheit haben, den Menschen zum Menschen ma-
chen zu wollen, ergriffen das Wort, und während der König alt-
deutsch phantasierte, meinten sie, neudeutsch philosophieren zu
dürfen. Allerdings war dies unerhört in Preußen. Einen Augenblick
schien die alte Ordnung der Dinge auf den Kopf gestellt zu sein,
ja, die Dinge fingen an, sich in Menschen zu verwandeln, es gab
sogar namhafte Menschen, obgleich die Namensnennung auf den Land-
tagen nicht erlaubt ist; aber die Diener des alten Despotismus
machten diesem undeutschen Treiben bald ein Ende. Es war nicht
schwer, die Wünsche des Königs, der für eine große
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1*) Friedrich Wilhelm III.
#342# Karl Marx
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Vergangenheit voll Pfaffen, Ritter und Hörige schwärmt, mit den
Absichten der Idealisten, welche lediglich die Folgen der franzö-
sischen Revolution, also zuletzt doch immer Republik und eine
Ordnung der freien Menschheit statt der Ordnung der toten Dinge
wollen, in fühlbaren Konflikt zu bringen. Als dieser Konflikt
schneidend und unbequem genug geworden und der jähzornige König
hinlänglich aufgeregt war, da traten die Diener zu ihm, die frü-
her den Gang der Dinge so leicht geleitet hatten, und erklärten:
der König täte nicht wohl, seine Untertanen zu unnützen Reden zu
verleiten, sie würden das Geschlecht der redenden Menschen nicht
regieren können. Auch der Herr aller Hinterrussen 1*) war über
die Bewegung in den Köpfen der Vorderrussen [145] unruhig gewor-
den und verlangte Wiederherstellung des alten ruhigen Zustandes.
Und es erfolgte eine neue Auflage der alten Ächtung aller Wünsche
und Gedanken der Menschen über menschliche Rechte und Pflichten,
das heißt die Rückkehr zu dem alten verknöcherten Dienerstaat, in
welchem der Sklave schweigend dient und der Besitzer des Landes
und der Leute lediglich durch eine wohlgezogene, stillfolgsame
Dienerschaft möglichst schweigsam herrscht. Beide können, was sie
wollen, nicht sagen, weder die einen, daß sie Menschen werden
wollen, noch der andere, daß er keine Menschen in seinem Lande
brauchen könne. Schweigen ist daher das einzige Auskunftsmittel.
M u t a p e c o r a, p r o n a e t v e n t r i o b o e-
d i e n t i a. 2*)
Dies ist der verunglückte Versuch, den Philisterstaat auf seiner
eigenen Basis aufzuheben; er ist dazu ausgeschlagen, daß er die
Notwendigkeit der Brutalität und die Unmöglichkeit der Humanität
für den Despotismus aller Welt anschaulich gemacht hat. Ein bru-
tales Verhältnis kann nur mit Brutalität aufrechterhalten werden.
Und hier bin ich nun mit unserer gemeinsamen Aufgabe, den Phili-
ster und seinen Staat ins Auge zu fassen, fertig. Sie werden
nicht sagen, ich hielte die Gegenwart zu hoch, und wenn ich den-
noch nicht an ihr verzweifle, so ist es nur ihre eigene verzwei-
felte Lage, die mich mit Hoffnung erfüllt. Ich rede gar nicht von
der Unfähigkeit der Herren und von der Indolenz der Diener und
Untertanen, die alles gehn lassen, wie es Gott gefällt; und doch
reichte beides zusammen schon hin, um eine Katastrophe herbeizu-
führen. Ich mache Sie nur darauf aufmerksam, daß die Feinde des
Philistertums, mit einem Wort alle denkenden und alle leidenden
Menschen zu einer Verständigung gelangt sind, wozu ihnen früher
durchaus die Mittel fehlten, und daß selbst das passive Fort-
pflanzungssystem der alten Untertanen jeden Tag Rekruten für den
Dienst der neuen Menschheit wirbt. Das System des Erwerbs und
Handels, des Besitzes und der Ausbeutung der
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1*) Nikolaus I. - 2*) Die Herde ist stumm, kopfhängerisch und ge-
horcht dem Magen.
#343# Briefe aus den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern"
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Menschen führt aber noch viel schneller als die Vermehrung der
Bevölkerung zu einem Bruch innerhalb der jetzigen Gesellschaft,
den das alte System nicht zu heilen vermag, weil es überhaupt
nicht heilt und schafft, sondern nur existiert und genießt. Die
Existenz der leidenden Menschheit, die denkt, und der denkenden
Menschheit, die unterdrückt wird, muß aber notwendig für die pas-
sive und gedankenlos genießende Tierwelt der Philisterei unge-
nießbar und unverdaulich werden.
Von unserer Seite muß die alte Welt vollkommen ans Tageslicht ge-
zogen und die neue positiv ausgebildet werden. Je länger die Er-
eignisse der denkenden Menschheit Zeit lassen, sich zu besinnen,
und der leidenden, sich zu sammeln, um so vollendeter wird das
Produkt in die Welt treten, welches die Gegenwart in ihrem Schoße
trägt.
M. an R.
Kreuznach, im September 1843
Es freut mich, daß Sie entschlossen sind und von den Rückblicken
auf das Vergangene Ihre Gedanken zu einem neuen Unternehmen vor-
wärts wenden. Also in Paris [146], der alten Hochschule der Phi-
losophie, a b s i t o m e n! 1*) und der neuen Hauptstadt der
neuen Welt. Was notwendig ist, das fügt sich. Ich zweifle daher
nicht, daß sich alle Hindernisse, deren Gewicht ich nicht ver-
kenne, beseitigen lassen.
Das Unternehmen mag aber zustande kommen oder nicht; jedenfalls
werde ich Ende dieses Monats in Paris sein, da die hiesige Luft
leibeigen macht und ich in Deutschland durchaus keinen Spielraum
für eine freie Tätigkeit sehe.
In Deutschland wird alles gewaltsam unterdrückt, eine wahre Anar-
chie des Geistes, das Regiment der Dummheit selbst ist hereinge-
brochen, und Zürich gehorcht den Befehlen aus Berlin; es wird da-
her immer klarer, daß ein neuer Sammelpunkt für die wirklich den-
kenden und unabhängigen Köpfe gesucht werden muß. Ich bin über-
zeugt, durch unsern Plan würde einem wirklichen Bedürfnisse ent-
sprochen werden, und die wirklichen Bedürfnisse müssen sich doch
auch wirklich erfüllen lassen. Ich zweifle also nicht an dem Un-
ternehmen, sobald ernst damit gemacht wird.
Größer noch als die äußern Hindernisse scheinen beinahe die inne-
ren Schwierigkeiten zu sein. Denn wenn auch kein Zweifel über das
"Woher", so
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1*) möge es nichts Schlimmes bedeuten!
#344# Karl Marx
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herrscht desto mehr Konfusion über das "Wohin". Nicht nur, daß
eine allgemeine Anarchie unter den Reformern ausgebrochen ist, so
wird jeder sich selbst gestehen müssen, daß er keine exakte An-
schauung von dem hat, was werden soll. Indessen ist das gerade
wieder der Vorzug der neuen Richtung, daß wir nicht dogmatisch
die Welt antizipieren, sondern erst aus der Kritik der alten Welt
die neue finden wollen. Bisher hatten die Philosophen die Auflö-
sung aller Rätsel in ihrem Pulte liegen, und die dumme exoteri-
sche Welt hatte nur das Maul aufzusperren, damit ihr die gebrate-
nen Tauben der absoluten Wissenschaft in den Mund flogen. Die
Philosophie hat sich verweltlicht, und der schlagendste Beweis
dafür ist, daß das philosophische Bewußtsein selbst in die Qual
des Kampfes nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich hineinge-
zogen ist. Ist die Konstruktion der Zukunft und das Fertigwerden
für alle Zeiten nicht unsere Sache, so ist desto gewisser, was
wir gegenwärtig zu vollbringen haben, ich meine d i e
r ü c k s i c h t s l o s e K r i t i k a l l e s B e s t e-
h e n d e n, rücksichtslos sowohl in dem Sinne, daß die Kritik
sich nicht vor ihren Resultaten fürchtet und ebensowenig vor dem
Konflikte mit den vorhandenen Mächten.
Ich bin daher nicht dafür, daß wir eine dogmatische Fahne auf-
pflanzen, im Gegenteil. Wir müssen den Dogmatikern nachzuhelfen
suchen, daß sie ihre Sätze sich klarmachen. So ist namentlich der
K o m m u n i s m u s eine dogmatische Abstraktion, wobei ich
aber nicht irgendeinen eingebildeten und möglichen, sondern den
wirklich existierenden Kommunismus, wie ihn Cabet, Dézamy, Weit-
ling etc. lehren, im Sinn habe. Dieser Kommunismus ist selbst nur
eine aparte, von seinem Gegensatz, dem Privatwesen, infizierte
Erscheinung des humanistischen Prinzips. Aufhebung des Privatei-
gentums und Kommunismus sind daher keineswegs identisch, und der
Kommunismus hat andre sozialistische Lehren, wie die von Fourier,
Proudhon etc., nicht zufällig, sondern notwendig sich gegenüber
entstehn sehn, weil er selbst nur eine besondre, einseitige Ver-
wirklichung des sozialistischen Prinzips ist.
Und das ganze sozialistische Prinzip ist wieder nur die eine
Seite, welche die R e a l i t ä t des wahren menschlichen We-
sens betrifft. Wir haben uns ebensowohl um die andre Seite, um
die theoretische Existenz des Menschen zu kümmern, also Religion,
Wissenschaft etc. zum Gegenstande unserer Kritik zu machen. Au-
ßerdem wollen wir auf unsere Zeitgenossen wirken und zwar auf un-
sre deutschen Zeitgenossen. Es fragt sich, wie ist das anzustel-
len? Zweierlei Fakta lassen sich nicht ableugnen. Einmal die Re-
ligion, dann die Politik sind Gegenstände, welche das Hauptinter-
esse des jetzigen Deutschlands bilden. An diese, wie sie auch
sind, ist anzuknüpfen, nicht irgendein System wie etwa die
"V o y a g e e n I c a r i e" [147] ihnen fertig entgegen-
zusetzen.
#345# Briefe aus den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern"
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Die Vernunft hat immer existiert, nur nicht immer in der vernünf-
tigen Form. Der Kritiker kann also an jede Form des theoretischen
und praktischen Bewußtseins anknüpfen und aus den e i g e n e n
Formen der existierenden Wirklichkeit die wahre Wirklichkeit als
ihr Sollen und ihren Endzweck entwickeln. Was nun das wirkliche
Leben betrifft, so enthält grade der p o l i t i s c h e
S t a a t, auch wo er von den sozialistischen Forderungen noch
nicht bewußterweise erfüllt ist, in allen seinen m o d e r n e n
Formen die Forderungen der Vernunft. Und er bleibt dabei nicht
stehn. Er unterstellt überall die Vernunft als realisiert. Er ge-
rät aber ebenso überall in den Widerspruch seiner ideellen Be-
stimmung mit seinen realen Voraussetzungen.
Aus diesem Konflikt des politischen Staates mit sich selbst läßt
sich daher überall die soziale Wahrheit entwickeln. Wie die
R e l i g i o n das Inhaltsverzeichnis von den theoretischen
Kämpfen der Menschheit, so ist es der p o l i t i s c h e
S t a a t von ihren praktischen. Der politische Staat drückt
also innerhalb seiner Form s u b s p e c i e r e i p u b-
l i c a e 1*) alle sozialen Kämpfe, Bedürfnisse, Wahrheiten aus.
Es ist also durchaus nicht unter der h a u t e u r d e s
p r i n c i p e s 2*), die speziellste politische Frage - etwa
den Unterschied von ständischem und repräsentativem System - zum
Gegenstand der Kritik zu machen. Denn diese Frage drückt nur auf
p o l i t i s c h e Weise den Unterschied von der Herrschaft des
Menschen und der Herrschaft des Privateigentums aus. Der Kritiker
kann also nicht nur, er muß in diese politischen Fragen (die nach
der Ansicht der krassen Sozialisten unter aller Würde sind)
eingehn. Indem er den Vorzug des repräsentativen Systems vor dem
ständischen entwickelt, i n t e r e s s i e r t er
p r a k t i s c h eine große Partei. Indem er das repräsentative
System aus seiner politischen Form zu der allgemeinen Form erhebt
und die wahre Bedeutung, die ihm zugrunde liegt, geltend macht,
zwingt er zugleich diese Partei, über sich selbst hinauszugehn,
denn ihr Sieg ist zugleich ihr Verlust.
Es hindert uns also nichts, unsre Kritik an die Kritik der Poli-
tik, an die Parteinahme in der Politik, also an w i r k-
l i c h e Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu identifizieren.
Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip
entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir
entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien.
Wir sagen ihr nicht: Laß ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes
Zeug; wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschrein. Wir
zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewußtsein
ist eine Sache, die sie sich aneignen m u ß, wenn sie auch
nicht will.
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1*) als einer besondern Staatsform - 2*) dem Niveau der Prinzi-
pien
#346# Karl Marx
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Die Reform des Bewußtseins besteht n u r darin, daß man die
Welt ihr Bewußtsein innewerden läßt, daß man sie aus dem Traum
über sich selbst aufweckt, daß man ihre eignen Aktionen ihr
e r k l ä r t. Unser ganzer Zweck kann in nichts anderem be-
stehn, wie dies auch bei Feuerbachs Kritik der Religion der Fall
ist, als daß die religiösen und politischen Fragen in die selbst-
bewußte menschliche Form gebracht werden.
Unser Wahlspruch muß also sein: Reform des Bewußtseins nicht
durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen, sich
selbst unklaren Bewußtseins, trete es nun religiös oder politisch
auf. Es wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den Traum von
einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß,
um sie wirklich zu besitzen. Es wird sich zeigen, daß es sich
nicht um einen großen Gedankenstrich zwischen Vergangenheit und
Zukunft handelt, sondern um die V o l l z i e h u n g der Ge-
danken der Vergangenheit. Es wird sich endlich zeigen, daß die
Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Bewußtsein ihre
alte Arbeit zustande bringt.
Wir können also die Tendenz unsers Blattes in e i n Wort fas-
sen: Selbstverständigung (kritische Philosophie) der Zeit über
ihre Kämpfe und Wünsche. Dies ist eine Arbeit für die Welt und
für uns. Sie kann nur das Werk vereinter Kräfte sein. Es handelt
sich um eine B e i c h t e, um weiter nichts. Um sich ihre Sün-
den vergeben zu lassen, braucht die Menschheit sie nur für das zu
erklären, was sie sind.
Nach: "Deutsch-Französische Jahrbücher",
Paris 1844.
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