Quelle: MEW 1 1839 - 1844
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Karl Marx
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie.
Einleitung
Für Deutschland ist die K r i t i k d e r R e l i g i o n im
wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Vor-
aussetzung aller Kritik.
Die p r o f a n e Existenz des Irrtums ist kompromittiert,
nachdem seine h i m m l i s c h e o r a t i o p r o a r i s
e t f o c i s 1*) widerlegt ist. Der Mensch, der in der phanta-
stischen Wirklichkeit des Himmels, wo er einen Übermenschen
suchte, nur den W i d e r s c h e i n seiner selbst gefunden
hat, wird nicht mehr geneigt sein, nur den S c h e i n seiner
selbst, nur den Unmenschen zu finden, wo er seine Wirklichkeit
sucht und suchen muß.
Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der M e n s c h
m a c h t d i e R e l i g i o n, die Religion macht nicht den
Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das
Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht
erworben oder schon wieder verloren hat. Aber d e r
M e n s c h, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes
Wesen. Der Mensch, das ist d i e W e l t d e s M e n-
s c h e n, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produ-
zieren die Religion, ein v e r k e h r t e s W e l t b e-
w u ß t s e i n, weil sie eine v e r k e h r t e W e l t
sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr
enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr
spiritualistischer Point-d'honneur, ihr Enthusiasmus, ihre
moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner
Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die p h a n t a s t i-
s c h e V e r w i r k l i c h u n g des menschlichen Wesens,
weil das m e n s c h l i c h e W e s e n keine wahre Wirk-
lichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar
der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion
ist.
Das r e l i g i ö s e Elend ist in einem der A u s d r u c k
des wirklichen Elendes und in einem die P r o t e s t a t i o n
gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der be-
drängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der
Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das O p i u m des Vol-
kes.
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1*) Rede für Altar und Herd
#379# Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung
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Die Aufhebung der Religion als des i l l u s o r i s c h e n
Glücks des Volkes ist die Forderung seines w i r k l i c h e n
Glücks. Die Forderung, die Illusionen über einen Zustand aufzuge-
ben, ist die F o r d e r u n g, e i n e n Z u s t a n d
a u f z u g e b e n, d e r d e r I l l u s i o n e n b e-
d a r f. Die Kritik der Religion ist also im K e i m die
K r i t i k d e s J a m m e r t a l e s, dessen H e i l i-
g e n s c h e i n die Religion ist.
Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt,
nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage,
sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume bre-
che. Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er
denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter,
zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst und
damit um seine wirkliche Sonne bewege. Die Religion ist nur die
illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er
sich nicht um sich selbst bewegt.
Es ist also die A u f g a b e d e r G e s c h i c h t e,
nachdem das J e n s e i t s d e r W a h r h e i t verschwun-
den ist, die W a h r h e i t d e s D i e s s e i t s zu eta-
blieren. Es ist zunächst die A u f g a b e d e r P h i l o-
s o p h i e, die im Dienste der Geschichte steht, nachdem die
H e i l i g e n g e s t a l t der menschlichen Selbstentfremdung
entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren u n h e i l i g e n
G e s t a l t e n zu entlarven. Die Kritik des Himmels
verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die K r i t i k
d e r R e l i g i o n in die K r i t i k d e s R e c h t s,
die K r i t i k d e r T h e o l o g i e in die K r i t i k
d e r P o l i t i k.
Die nachfolgende Ausführung - ein Beitrag zu dieser Arbeit -
schließt sich zunächst nicht an das Original, sondern an eine Ko-
pie, an die deutsche Staats- und Rechts - P h i l o s o p h i e
an, aus keinem andern Grund, als weil sie sich an D e u t s c h-
l a n d anschließt.
Wollte man an den deutschen s t a t u s q u o selbst anknüp-
fen, wenn auch in einzig angemessener Weise, d.h. negativ, immer
bliebe das Resultat ein A n a c h r o n i s m u s. Selbst die
Verneinung unserer politischen Gegenwart findet sich schon als
bestaubte Tatsache in der historischen Rumpelkammer der modernen
Völker. Wenn ich die gepuderten Zöpfe verneine, habe ich immer
noch die ungepuderten Zöpfe. Wenn ich die deutschen Zustände von
1843 verneine, stehe ich, nach französischer Zeitrechnung, kaum
im Jahre 1789, noch weniger im Brennpunkt der Gegenwart.
Ja, die deutsche Geschichte schmeichelt sich einer Bewegung, wel-
che ihr kein Volk am historischen Himmel weder vorgemacht hat
noch nachmachen wird. Wir haben nämlich die Restaurationen der
modernen Völker geteilt, ohne ihre Revolutionen zu teilen. Wir
wurden restauriert, erstens, weil andere Völker eine Revolution
wagten, und zweitens, weil andere Völker eine Konterrevolution
litten, das eine Mal, weil unsere Herren Furcht hatten, und das
andere Mal, weil unsere Herren keine Furcht hatten. Wir, unsere
Hirten
#380# Karl Marx
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an der Spitze, befanden uns immer nur einmal in der Gesellschaft
der Freiheit, am T a g i h r e r B e e r d i g u n g.
Eine Schule, welche die Niederträchtigkeit von heute durch die
Niederträchtigkeit von gestern legitimiert, eine Schule, die je-
den Schrei des Leibeigenen gegen die Knute für rebellisch er-
klärt, sobald die Knute eine bejahrte, eine angestammte, eine hi-
storische Knute ist, eine Schule, der die Geschichte, wie der
Gott Israels seinem Diener Moses nur ihr a p o s t e r i o r i
zeigt, die h i s t o r i s c h e R e c h t s s c h u l e [24],
sie hätte daher die deutsche Geschichte erfunden, wäre sie nicht
eine Erfindung der deutschen Geschichte. Shylock, aber Shylock
der Bediente, schwört sie jedes Pfund Fleisch, welches aus dem
Volksherzen geschnitten wird, auf ihren Schein, auf ihren histo-
rischen Schein, auf ihren christlich-germanischen Schein.
Gutmütige Enthusiasten dagegen, Deutschtümler von Blut und Frei-
sinnige von Reflexion, suchen unsere Geschichte der Freiheit jen-
seits unserer Geschichte in den teutonischen Urwäldern. Wodurch
unterscheidet sich aber unsere Freiheitsgeschichte von der Frei-
heitsgeschichte des Ebers, wenn sie nur in den Wäldern zu finden
ist? Zudem ist bekannt: Wie man hineinschreit in den Wald,
schallt es heraus aus dem Wald. Also Friede den teutonischen Ur-
wäldern!
Krieg den deutschen Zuständen! Allerdings! Sie stehn u n t e r
d e m N i v e a u d e r G e s c h i c h t e, sie sind
u n t e r a l l e r K r i t i k, aber sie bleiben ein Gegen-
stand der Kritik, wie der Verbrecher, der unter dem Niveau der
Humanität steht, ein Gegenstand des S c h a r f r i c h t e r s
bleibt. Mit ihnen im Kampf ist die Kritik keine Leidenschaft des
Kopfs, sie ist der Kopf der Leidenschaft. Sie ist kein anatomi-
sches Messer, sie ist eine Waffe. Ihr Gegenstand ist ihr
F e i n d, den sie nicht widerlegen, sondern v e r n i c h-
t e n will. Denn der Geist jener Zustände ist widerlegt. An und
für sich sind sie keine d e n k w ü r d i g e n Objekte,
sondern ebenso verächtliche, als verachtete E x i s t e n z e n.
Die Kritik für sich bedarf nicht der Selbstverständigung mit
diesem Gegenstand, denn sie ist mit ihm im reinen. Sie gibt sich
nicht mehr als S e l b s t z w e c k, sondern nur noch als
M i t t e l. Ihr wesentliches Pathos ist die I n d i g n a-
t i o n, ihre wesentliche Arbeit die D e n u n z i a t i o n.
Es gilt die Schilderung eines wechselseitigen dumpfen Drucks al-
ler sozialen Sphären aufeinander, einer allgemeinen, tatlosen
Verstimmung, einer sich ebensosehr anerkennenden als verkennenden
Beschränktheit, eingefaßt in den Rahmen eines Regierungssystems,
welches, von der Konservation aller Erbärmlichkeiten lebend,
selbst nichts ist als die E r b ä r m l i c h k e i t a n
d e r R e g i e r u n g.
Welch ein Schauspiel! Die ins unendliche fortgehende Teilung der
Gesellschaft
#381# Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung
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in die mannigfaltigsten Rassen, welche mit kleinen Antipathien,
schlechten Gewissen und brutaler Mittelmäßigkeit sich gegenüber-
stehen, welche eben um ihrer wechselseitigen zweideutigen und
argwöhnischen Stellung willen alle ohne Unterschied, wenn auch
mit verschiedenen Formalitäten, als k o n z e s s i o n i e r-
t e E x i s t e n z e n von ihren Herren behandelt werden. Und
selbst dies, daß sie b e h e r r s c h t, r e g i e r t,
b e s e s s e n sind, müssen sie als eine K o n z e s s i o n
d e s H i m m e l s anerkennen und bekennen! Andererseits jene
Herrscher selbst, deren Größe in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer
Zahl steht!
Die Kritik, die sich mit diesem Inhalt befaßt, ist die Kritik im
H a n d g e m e n g e, und im Handgemenge handelt es sich nicht
darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein i n t e r e s-
s a n t e r Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu t r e f-
f e n. Es handelt sich darum, den Deutschen keinen Augenblick
der Selbsttäuschung und der Resignation zu gönnen. Man muß den
wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das
Bewußtsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller,
indem man sie publiziert. Man muß jede Sphäre der deutschen
Gesellschaft als die p a r t i e h o n t e u s e 1*) der deut-
schen Gesellschaft schildern, man muß diese versteinerten Ver-
hältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigne
Melodie vorsingt! Man muß das Volk vor sich selbst
e r s c h r e c k e n lehren, um ihm C o u r a g e zu machen.
Man erfüllt damit ein unabweisbares Bedürfnis des deutschen
Volks, und die Bedürfnisse der Völker sind in eigner Person die
letzten Gründe ihrer Befriedigung.
Und selbst für die m o d e r n e n Völker kann dieser Kampf ge-
gen den bornierten Inhalt des deutschen s t a t u s q u o
nicht ohne Interesse sein, denn der deutsche s t a t u s q u o
ist die o f f e n h e r z i g e V o l l e n d u n g d e s
a n c i e n r é g i m e, und das a n c i e n r é g i m e ist
der v e r s t e c k t e M a n g e l d e s m o d e r n e n
S t a a t e s. Der Kampf gegen die deutsche politische Gegenwart
ist der Kampf gegen die Vergangenheit der modernen Völker, und
von den Reminiszenzen dieser Vergangenheit werden sie noch immer
belästigt. Es ist lehrreich für sie, das a n c i e n r é-
g i m e, das bei ihnen seine Tragödie erlebt, als deutschen
Revenant eine K o m ö d i e spielen zu sehen. T r a g i s c h
war seine Geschichte, solange es die präexistierende Gewalt der
Welt, die Freiheit dagegen ein persönlicher Einfall war, mit ei-
nem Wort, solange es selbst an seine Berechtigung glaubte und
glauben mußte. Solange das a n c i e n r é g i m e als vorhan-
dene Weltordnung mit einer erst werdenden Welt kämpfte, stand auf
seiner Seite ein weltgeschichtlicher Irrtum, aber kein persönli-
cher. Sein Untergang war daher tragisch.
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1*) den Schandfleck
#382# Karl Marx
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Das jetzige deutsche Regime dagegen, ein Anachronismus, ein fla-
granter Widerspruch gegen allgemein anerkannte Axiome, die zur
Weltschau ausgestellte Nichtigkeit des a n c i e n r é g i m e,
bildet sich nur noch ein, an sich selbst zu glauben, und verlangt
von der Welt dieselbe Einbildung. Wenn es an sein eignes
W e s e n glaubt, würde es dasselbe unter dem S c h e i n ei-
nes fremden Wesens zu verstecken und seine Rettung in der Heuche-
lei und dem Sophisma suchen? Das moderne a n c i e n r é-
g i m e ist nur mehr der Komödiant einer Weltordnung, deren
w i r k l i c h e H e l d e n gestorben sind. Die Geschichte
ist gründlich und macht viele Phasen durch, wenn sie eine alte
Gestalt zu Grabe trägt. Die letzte Phase einer weltgeschichtli-
chen Gestalt ist ihre K o m ö d i e. Die Götter Griechenlands,
die schon einmal tragisch zu Tode verwundet waren im gefesselten
Prometheus des Äschylus, mußten noch einmal komisch sterben in
den Gesprächen Lucians. Warum dieser Gang der Geschichte? Damit
die Menschheit h e i t e r von ihrer Vergangenheit scheide.
Diese h e i t e r e geschichtliche Bestimmung vindizieren wir
den politischen Mächten Deutschlands.
Sobald indes die m o d e r n e politisch-soziale Wirklichkeit
selbst der Kritik unterworfen wird, sobald also die Kritik zu
wahrhaft menschlichen Problemen sich erhebt, befindet sie sich
außerhalb des deutschen s t a t u s q u o, oder sie würde ih-
ren Gegenstand u n t e r ihrem Gegenstand greifen. Ein Bei-
spiel! Das Verhältnis der Industrie, überhaupt der Welt des
Reichtums, zu der politischen Welt ist ein Hauptproblem der mo-
dernen Zeit. Unter welcher Form fängt dieses Problem an, die
Deutschen zu beschäftigen? Unter der Form der S c h u t z-
z ö l l e, des P r o h i b i t i v s y s t e m s, der N a-
t i o n a l ö k o n o m i e. Die Deutschtümelei ist aus dem
Menschen in die Materie gefahren, und so sahen sich eines morgens
unsere Baumwollritter und Eisenhelden in Patrioten verwandelt.
Man beginnt also in Deutschland die Souveränität des Monopols
nach innen anzuerkennen, dadurch daß man ihm die S o u v e r ä-
n i t ä t n a c h a u ß e n verleiht. Man beginnt also jetzt
in Deutschland anzufangen, womit man in Frankreich und England zu
enden beginnt. Der alte faule Zustand, gegen den diese Länder
theoretisch im Aufruhr sind und den sie nur noch ertragen, wie
man die Ketten erträgt, wird in Deutschland als die aufgehende
Morgenröte einer schönen Zukunft begrüßt, die kaum noch wagt, aus
der l i s t i g e n Theorie in die schonungslose Praxis überzu-
gehen. Während das Problem in Frankreich und Endland lautet:
P o l i t i s c h e Ö k o n o m i e oder H e r r s c h a f t
d e r S o z i e t ä t ü b e r d e n R e i c h t u m, lautet
es in Deutschland: N a t i o n a l - Ö k o n o m i e oder
H e r r s c h a f t d e s P r i v a t e i g e n t u m s
ü b e r d i e N a t i o n a l i t ä t. Es gilt also in Frank-
reich und England, das Monopol, das bis zu seinen letzten
Konsequenzen fortgegangen ist, aufzuheben; es gilt in Deutsch-
land, bis zu den letzten Konsequenzen
#383# Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung
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des Monopols fortzugehen. Dort handelt es sich um die Lösung, und
hier handelt es sich erst um die Kollision. Ein zureichendes Bei-
spiel der d e u t s c h e n Form der modernen Probleme, ein
Beispiel, wie unsere Geschichte, gleich einem ungeschickten Re-
kruten, bisher nur die Aufgabe hatte, abgedroschene Geschichte
nachzuexerzieren.
Ginge also die g e s a m t e deutsche Entwicklung nicht über
die p o l i t i s c h e deutsche Entwicklung hinaus, ein Deut-
scher könnte sich höchstens an den Problemen der Gegenwart betei-
ligen, wie sich ein R u s s e daran beteiligen kann. Allein
wenn das einzelne Individuum nicht gebunden ist durch die Schran-
ken der Nation, ist die gesamte Nation noch weniger befreit durch
die Befreiung eines Individuums. Die Skythen haben keinen Schritt
zur griechischen Kultur vorwärts getan, weil Griechenland einen
Skythen unter seine Philosophen zählt.
Zum Glück sind wir Deutsche keine Skythen.
Wie die alten Völker ihre Vorgeschichte in der Imagination erleb-
ten, in der M y t h o l o g i e, so haben wir Deutsche unsere
Nachgeschichte im Gedanken erlebt, in der P h i l o s o p h i e.
Wir sind p h i l o s o p h i s c h e Zeitgenossen der Gegen-
wart, ohne ihre h i s t o r i s c h e n Zeitgenossen zu sein.
Die deutsche Philosophie ist die i d e a l e V e r l ä n g e-
r u n g der deutschen Geschichte. Wenn wir also statt die oevres
incomplètes 1*) unserer reellen Geschichte die oeuvres posthumes
2*) unserer ideellen Geschichte, die P h i l o s o p h i e,
kritisieren, so steht unsere Kritik mitten unter den Fragen, von
denen die Gegenwart sagt: T h a t i s t h e q u e s t i o n
3*). Was bei den fortgeschrittenen Völkern p r a k t i s c h e r
Zerfall mit den modernen Staatszuständen ist, das ist in
Deutschland, wo diese Zustände selbst noch nicht existieren,
zunächst k r i t i s c h e r Zerfall mit der philosophischen
Spiegelung dieser Zustände.
Die d e u t s c h e R e c h t s- u n d S t a a t s p h i l o-
s o p h i e ist die einzige mit der o f f i z i e l l e n
modernen Gegenwart a l p a r i stehende d e u t s c h e
Geschichte. Das deutsche Volk muß daher diese seine Traumge-
schichte mit zu seinen bestehenden Zuständen schlagen und nicht
nur diese bestehenden Zustände, sondern zugleich ihre abstrakte
Fortsetzung der Kritik unterwerfen. Seine Zukunft kann sich weder
auf die unmittelbare Verneinung seiner reellen noch auf die
unmittelbare Vollziehung seiner ideellen Staats- und
Rechtszustände b e s c h r ä n k e n, denn die unmittelbare
Verneinung seiner reellen Zustände besitzt es in seinen ideellen
Zuständen, und die unmittelbare Vollziehung seiner ideellen Zu-
stände hat es in der Anschauung der Nachbarvölker beinah schon
wieder ü b e r l e b t. Mit Recht fordert daher die p r a k-
t i s c h e politische Partei in Deutschland die Negation
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1*) unvollendeten Werke - 2*) nachgelassenen Werke - 3*) Das ist
die Frage
#384# Karl Marx
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der P h i l o s o p h i e. Ihr Unrecht besteht nicht in der
Forderung, sondern in dem Stehnbleiben bei der Forderung, die sie
ernstlich weder vollzieht noch vollziehen kann. Sie glaubt, jene
Negation dadurch zu vollbringen, daß sie der Philosophie den Rüc-
ken kehrt und abgewandten Hauptes - einige ärgerliche und banale
Phrasen über sie hermurmelt. Die Beschränktheit ihres Gesichts-
kreises zählt die Philosophie nicht ebenfalls in den Bering der
d e u t s c h e n Wirklichkeit oder wähnt sie gar u n t e r
der deutschen Praxis und den ihr dienenden Theorien. Ihr ver-
langt, daß man an w i r k l i c h e L e b e n s k e i m e an-
knüpfen soll, aber ihr vergeßt, daß der wirkliche Lebenskeim des
deutschen Volkes bisher nur in seinem H i r n s c h ä d e l ge-
wuchert hat. Mit einem Worte: I h r k ö n n t d i e P h i-
l o s o p h i e n i c h t a u f h e b e n, o h n e s i e z u
v e r w i r k l i c h e n.
Dasselbe Unrecht, nur mit u m g e k e h r t e n Faktoren, be-
ging die t h e o r e t i s c h e, von der Philosophie her da-
tierende politische Partei.
Sie erblickte in dem jetzigen Kampf n u r den k r i t i-
s c h e n K a m p f d e r P h i l o s o p h i e m i t d e r
d e u t s c h e n W e l t, sie bedachte nicht, daß die
s e i t h e r i g e P h i l o s o p h i e selbst zu dieser Welt
gehört und ihre, wenn auch ideelle, E r g ä n z u n g ist.
Kritisch gegen ihren Widerpart, verhielt sie sich unkritisch zu
sich selbst, indem sie von den V o r a u s s e t z u n g e n
der Philosophie ausging und bei ihren gegebenen Resultaten ent-
weder stehenblieb oder anderweitig hergeholte Forderungen und
Resultate für unmittelbare Forderungen und Resultate der
Philosophie ausgab, obgleich dieselben - ihre Berechtigung
vorausgesetzt - im Gegenteil nur durch die N e g a t i o n
d e r s e i t h e r i g e n P h i l o s o p h i e, der Philo-
sophie als Philosophie, zu erhalten sind. Eine näher eingehende
Schilderung dieser Partei behalten wir uns vor. Ihr Grundmangel
läßt sich dahin reduzieren: S i e g l a u b t e, d i e P h i-
l o s o p h i e v e r w i r k l i c h e n z u k ö n n e n,
o h n e s i e a u f z u h e b e n.
Die Kritik der d e u t s c h e n S t a a t s- u n d
R e c h t s p h i l o s o p h i e, welche durch H e g e l ihre
konsequenteste, reichste, letzte Fassung erhalten hat, ist bei-
des, sowohl die kritische Analyse des modernen Staats und der mit
ihm zusammenhängenden Wirklichkeit als auch die entschiedene
Verneinung der ganzen bisherigen W e i s e des d e u t-
s c h e n p o l i t i s c h e n u n d r e c h t l i c h e n
B e w u ß t s e i n s, dessen vornehmster, universellster, zur
W i s s e n s c h a f t erhobener Ausdruck eben die s p e k u-
l a t i v e R e c h t s p h i l o s o p h i e selbst ist. War
nur in Deutschland die spekulative Rechtsphilosophie möglich,
dies abstrakte überschwengliche D e n k e n des modernen
Staats, dessen Wirklichkeit ein Jenseits bleibt, mag dieses
Jenseits auch nur jenseits des Rheins liegen: so war ebensosehr
umgekehrt das d e u t s c h e, vom w i r k l i c h e n M e n-
s c h e n abstrahierte Gedankenbild des modernen Staats nur
möglich, weil und insofern der moderne Staat selbst vom
w i r k l i c h e n M e n s c h e n
#385# Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung
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abstrahiert oder den g a n z e n Menschen auf eine nur ima-
ginäre Weise befriedigt. Die Deutschen haben in der Politik
g e d a c h t, was die anderen Völker g e t a n haben.
Deutschland war ihr t h e o r e t i s c h e s G e w i s s e n.
Die Abstraktion und Überhebung seines Denkens hielt immer glei-
chen Schritt mit der Einseitigkeit und Untersetztheit ihrer Wirk-
lichkeit. Wenn also der s t a t u s q u o des d e u t-
s c h e n S t a a t s w e s e n s die V o l l e n d u n g
d e s a n c i e n r é g i m e ausdrückt, die Vollendung des
Pfahls im Fleische des modernen Staats, so drückt der s t a-
t u s q u o des d e u t s c h e n S t a a t s w i s s e n s
die U n v o l l e n d u n g d e s m o d e r n e n S t a a t s
aus, die Schadhaftigkeit seines Fleisches selbst.
Schon als entschiedner Widerpart der bisherigen Weise des
d e u t s c h e n politischen Bewußtseins verläuft sich die Kri-
tik der spekulativen Rechtsphilosophie nicht in sich selbst, son-
dern in A u f g a b e n, für deren Lösung es nur ein Mittel
gibt: die P r a x i s.
Es fragt sich: Kann Deutschland zu einer Praxis à la hauteur des
principes 1*) gelangen, d.h. zu einer R e v o l u t i o n, die
es nicht nur auf das o f f i z i e l l e N i v e a u der mo-
dernen Völker erhebt, sondern auf die m e n s c h l i c h e
H ö h e, welche die nähere Zukunft dieser Völker sein wird?
Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht
ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materi-
elle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt,
sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen
zu ergreifen, sobald sie a d h o m i n e m 2*) demonstriert,
und sie demonstriert a d h o m i n e m, sobald sie radikal
wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel
für den Menschen ist aber der Mensch selbst. Der evidente Beweis
für den Radikalismus der deutschen Theorie, also für ihre prakti-
sche Energie, ist ihr Ausgang von der entschiedenen p o s i t i-
v e n Aufhebung der Religion. Die Kritik der Religion endet mit
der Lehre, daß der M e n s c h d a s h ö c h s t e W e s e n
f ü r d e n M e n s c h e n sei, also mit dem k a t e g o-
r i s c h e n I m p e r a t i v, a l l e V e r h ä l t n i s-
s e u m z u w e r f e n, in denen der Mensch ein erniedrigtes,
ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.
Verhältnisse, die man nicht besser schildern kann als durch den
Ausruf eines Franzosen bei einer projektierten Hundesteuer: Arme
Hunde! Man will euch wie Menschen behandeln!
Selbst historisch hat die theoretische Emanzipation eine spezi-
fisch praktische Bedeutung für Deutschland. Deutschlands r e-
v o l u t i o n ä r e Vergangenheit ist nämlich theoretisch, es
ist die R e f o r m a t i o n. Wie damals der M ö n c h, so
ist es jetzt der P h i l o s o p h, in dessen Hirn die Revo-
lution beginnt.
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1*) auf der Höhe der Prinzipien - 2*) am Menschen
#386# Karl Marx
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L u t h e r hat allerdings die Knechtschaft aus D e v o t i o n
besiegt, weil er die Knechtschaft aus Ü b e r z e u g u n g an
ihre Stelle gesetzt hat. Er hat den Glauben an die Autorität ge-
brochen, weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er
hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen
verwandelt hat. Er hat den Menschen von der äußeren Religiosität
befreit, weil er die Religiosität zum inneren Menschen gemacht
hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz
an die Kette gelegt.
Aber, wenn der Protestantismus nicht die wahre Lösung, so war er
die wahre Stellung der Aufgabe. Es galt nun nicht mehr den Kampf
des Laien mit dem P f a f f e n a u ß e r i h m, es galt den
Kampf mit seinen e i g e n e n i n n e r n P f a f f e n,
seiner p f ä f f i s c h e n N a t u r. Und wenn die prote-
stantische Verwandlung der deutschen Laien in Pfaffen die Laien-
päpste, die F ü r s t e n samt ihrer Klerisei, den Privilegier-
ten und den Philistern, emanzipiert, so wird die philosophische
Verwandlung der pfäffischen Deutschen in Menschen das V o l k
emanzipieren. Sowenig aber die Emanzipation bei den Fürsten, so-
wenig wird aber die S ä k u l a r i s a t i o n der Güter bei
dem K i r c h e n r a u b stehenbleiben, den vor allem das
heuchlerische Preußen ins Werk setzte. Damals scheiterte der Bau-
ernkrieg, die radikalste Tatsache der deutschen Geschichte, an
der Theologie. Heute, wo die Theologie selbst gescheitert ist,
wird die unfreieste Tatsache der deutschen Geschichte, unser
s t a t u s q u o, an der Philosophie zerschellen. Den Tag vor
der Reformation war das offizielle Deutschland der unbedingteste
Knecht von Rom. Den Tag vor seiner Revolution ist es der unbe-
dingte Knecht von weniger als Rom, von Preußen und Österreich,
von Krautjunkern und Philistern.
Einer r a d i k a l e n deutschen Revolution scheint indessen
eine Hauptschwierigkeit entgegenzustehen.
Die Revolutionen bedürfen nämlich eines p a s s i v e n Elemen-
tes, einer m a t e r i e l l e n Grundlage. Die Theorie wird in
einem Volke immer nur so weit verwirklicht, als sie die Verwirk-
lichung seiner Bedürfnisse ist. Wird nun dem ungeheuren Zwiespalt
zwischen den Forderungen des deutschen Gedankens und den Antwor-
ten der deutschen Wirklichkeit derselbe Zwiespalt der bürgerli-
chen Gesellschaft mit dem Staat und mit sich selbst entsprechen?
Werden die theoretischen Bedürfnisse unmittelbar praktische Be-
dürfnisse sein? Es genügt nicht, daß der Gedanke zur Verwirkli-
chung drängt, die Wirklichkeit muß sich selbst zum Gedanken drän-
gen.
Aber Deutschland hat die Mittelstufen der politischen Emanzipa-
tion nicht gleichzeitig mit den modernen Völkern erklettert.
Selbst die Stufen, die es theoretisch überwunden, hat es prak-
tisch noch nicht erreicht. Wie sollte es mit einem s a l t o
m o r t a l e nicht nur über seine eigenen Schranken hinwegset-
zen,
#387# Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung
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sondern zugleich über die Schranken der modernen Völker, über
Schranken, die es in der Wirklichkeit als Befreiung von seinen
wirklichen Schranken empfinden und erstreben muß? Eine radikale
Revolution kann nur die Revolution radikaler Bedürfnisse sein,
deren Voraussetzungen und Geburtsstätten eben fehlen.
Allein wenn Deutschland nur mit der abstrakten Tätigkeit des Den-
kens die Entwicklung der modernen Völker begleitet hat, ohne
werktätige Partei an den wirklichen Kämpfen dieser Entwicklung zu
ergreifen, so hat es andererseits die L e i d e n dieser Ent-
wicklung geteilt, ohne ihre Genüsse, ohne ihre partielle Befrie-
digung zu teilen. Der abstrakten Tätigkeit einerseits entspricht
das abstrakte Leiden andererseits. Deutschland wird sich daher
eines Morgens auf dem Niveau des europäischen Verfalls befinden,
bevor es jemals auf dem Niveau der europäischen Emanzipation ge-
standen hat. Man wird es einem F e t i s c h d i e n e r ver-
gleichen können, der an den Krankheiten des Christentums siecht.
Betrachtet man zunächst die d e u t s c h e n R e g i e-
r u n g e n, und man findet sie durch die Zeitverhältnisse,
durch die Lage Deutschlands, durch den Standpunkt der deutschen
Bildung, endlich durch den eignen glücklichen Instinkt getrieben,
die z i v i l i s i e r t e n M ä n g e l der m o d e r n e n
S t a a t s w e l t, deren Vorteile wir nicht besitzen, zu
kombinieren mit den b a r b a r i s c h e n M ä n g e l n des
a n c i e n r é g i m e, dessen wir uns in vollem Maße er-
freuen, so daß Deutschland, wenn nicht am Verstand, wenigstens am
Unverstand auch der über seinen s t a t u s q u o hinaus-
liegenden Staatsbildungen immer mehr partizipieren muß. Gibt es
z.B. ein Land in der Welt, welches so naiv alle Institutionen des
konstitutionellen Staatswesens teilt, ohne seine Realitäten zu
teilen, als das sogenannte konstitutionelle Deutschland? Oder war
es nicht notwendig ein deutscher Regierungseinfall, die Qualen
der Zensur mit den Qualen der französischen Septembergesetze,
welche die Preßfreiheit voraussetzen, zu verbinden! Wie man im
römischen Pantheon die G ö t t e r aller Nationen fand, so wird
man im heiligen römischen deutschen Reich die S ü n d e n aller
Staatsformen finden. Daß dieser Eklektizismus eine bisher nicht
geahnte Höhe erreichen wird, dafür bürgt namentlich die p o l i-
t i s c h - ä s t h e t i s c h e G o u r m a n d e r i e eines
deutschen Königs 1*), der alle Rollen des Königtums, des feudalen
wie des bürokratischen, des absoluten wie des konstitutionellen,
des autokratischen wie des demokratischen, wenn nicht durch die
Person des Volkes, so doch in e i g e n e r P e r s o n, wenn
nicht für das Volk so doch für s i c h s e l b s t zu spielen
gedenkt. D e u t s c h l a n d a l s d e r z u e i n e r
e i g e n e n W e l t k o n s t i t u i e r t e M a n g e l
d e r p o l i t i s c h e n G e g e n w a r t
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1*) Friedrich Wilhelm IV.
#388# Karl Marx
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wird die spezifisch deutschen Schranken nicht niederwerfen kön-
nen, ohne die allgemeine Schranke der politischen Gegenwart nie-
derzuwerfen.
Nicht die r a d i k a l e Revolution ist utopischer Traum für
Deutschland, nicht die a l l g e m e i n m e n s c h l i c h e
Emanzipation, sondern vielmehr die teilweise, die n u r politi-
sche Revolution, die Revolution, welche die Pfeiler des Hauses
stehenläßt. Worauf beruht eine teilweise, eine nur politische Re-
volution? Darauf, daß ein T e i l d e r b ü r g e r l i-
c h e n G e s e l l s c h a f t sich emanzipiert und zur
a l l g e m e i n e n Herrschaft gelangt, darauf, daß eine
bestimmte Klasse von ihrer b e s o n d e r e n S i t u a-
t i o n aus die allgemeine Emanzipation der Gesellschaft unter-
nimmt. Diese Klasse befreit die ganze Gesellschaft, aber nur
unter der Voraussetzung, daß die ganze Gesellschaft sich in der
Situation dieser Klasse befindet, also z.B. Geld und Bildung
besitzt oder beliebig erwerben kann.
Keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft kann diese Rolle spie-
len, ohne ein Moment des Enthusiasmus in sich und in der Masse
hervorzurufen, ein Moment, worin sie mit der Gesellschaft im all-
gemeinen fraternisiert und zusammenfließt, mit ihr verwechselt
und als deren a l l g e m e i n e r R e p r ä s e n t a n t
empfunden und anerkannt wird, ein Moment, worin ihre Ansprüche
und Rechte in Wahrheit die Rechte und Ansprüche der Gesellschaft
selbst sind, worin sie wirklich der soziale Kopf und das soziale
Herz ist. Nur im Namen der allgemeinen Rechte der Gesellschaft
kann eine besondere Klasse sich die allgemeine Herrschaft vindi-
zieren. Zur Erstürmung dieser emanzipatorischen Stellung und da-
mit zur politischen Ausbeutung aller Sphären der Gesellschaft im
Interesse der eigenen Sphäre reichen revolutionäre Energie und
geistiges Selbstgefühl allein nicht aus. Damit die R e v o-
l u t i o n e i n e s V o l k e s und die E m a n z i-
p a t i o n e i n e r b e s o n d e r e n K l a s s e der
bürgerlichen Gesellschaft zusammenfallen, damit e i n Stand für
den Stand der ganzen Gesellschaft gelte, dazu müssen umgekehrt
alle Mängel der Gesellschaft in einer anderen Klasse
konzentriert, dazu muß ein bestimmter Stand der Stand des
allgemeinen Anstoßes, die Inkorporation der allgemeinen Schranke
sein, dazu muß eine besondre soziale Sphäre für das
n o t o r i s c h e Verbrechen der ganzen Sozietät gelten, so
daß die Befreiung von dieser Sphäre als die allgemeine Selbstbe-
freiung erscheint. Damit e i n Stand p a r e x c e l l e n-
c e der Stand der Befreiung, dazu muß umgekehrt ein anderer
Stand der offenbare Stand der Unterjochung sein. Die negativ-all-
gemeine Bedeutung des französischen Adels und der französischen
Klerisei bedingte die positiv-allgemeine Bedeutung der zunächst
angrenzenden und entgegenstehenden Klasse der B o u r g e-
o i s i e.
#389# Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung
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Es fehlt aber jeder besondern Klasse in Deutschland nicht nur die
Konsequenz, die Schärfe, der Mut, die Rücksichtslosigkeit, die
sie zum negativen Repräsentanten der Gesellschaft stempeln
könnte. Es fehlt ebensosehr jedem Stande jene Breite der Seele,
die sich mit der Volksseele, wenn auch nur momentan, identifi-
ziert, jene Genialität, welche die materielle Macht zur politi-
schen Gewalt begeistert, jene revolutionäre Kühnheit, welche dem
Gegner die trotzige Parole zuschleudert: I c h b i n
n i c h t s, u n d i c h m ü ß t e a l l e s s e i n. Den
Hauptstock der deutschen Moral und Ehrlichkeit, nicht nur der In-
dividuen, sondern auch der Klassen, bildet vielmehr jener
b e s c h e i d e n e E g o i s m u s, welcher seine Be-
schränktheit geltend macht und gegen sich geltend machen läßt.
Das Verhältnis der verschiedenen Sphären der deutschen Gesell-
schaft ist daher nicht dramatisch, sondern episch. Jede derselben
beginnt sich zu empfinden und neben die andern mit ihren beson-
dern Ansprüchen sich hinzulagern, nicht sobald sie gedrückt wird,
sondern sobald ohne ihr Zutun die Zeitverhältnisse eine gesellige
Unterlage schaffen, auf die sie ihrerseits Druck ausüben kann.
Sogar das m o r a l i s c h e S e l b s t g e f ü h l d e r
d e u t s c h e n M i t t e l k l a s s e beruht nur auf dem
Bewußtsein, die allgemeine Repräsentantin von der philisterhaften
Mittelmäßigkeit aller übrigen Klassen zu sein. Es sind daher
nicht nur die deutschen Könige, die m a l - à - p r o p o s
1*) auf den Thron gelangen, es ist jede Sphäre der bürgerlichen
Gesellschaft, die ihre Niederlage erlebt, bevor sie ihren Sieg
gefeiert, ihre eigene Schranke entwickelt, bevor sie die ihr ge-
genüberstehende Schranke überwunden, ihr engherziges Wesen gel-
tend macht, bevor sie ihr großmütiges Wesen geltend machen
konnte, so das selbst die Gelegenheit einer großen Rolle immer
vorüber ist, bevor sie vorhanden war, so daß jede Klasse, sobald
sie den Kampf mit der über ihr stehenden Klasse beginnt, in den
Kampf mit der unter ihr stehenden verwickelt ist. Daher befindet
sich das Fürstentum im Kampf gegen das Königtum, der Bürokrat im
Kampf gegen den Adel, der Bourgeois im Kampf gegen sie alle, wäh-
rend der Proletarier schon beginnt, sich im Kampf gegen die Bour-
geois zu befinden. Die Mittelklasse wagt kaum von ihrem Stand-
punkt aus den Gedanken der Emanzipation zu fassen, und schon er-
klärt die Entwicklung der sozialen Zustände wie der Fortschritt
der politischen Theorie diesen Standpunkt selbst für antiquiert
oder wenigstens für problematisch.
In Frankreich genügt es, daß einer etwas sei, damit er alles sein
wolle. In Deutschland darf einer nichts sein, wenn er nicht auf
alles verzichten soll. In Frankreich ist die partielle Emanzipa-
tion der Grund der universellen. In
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1*) zur Unzeit
#390# Karl Marx
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Deutschland ist die universelle Emanzipation c o n d i t i o
s i n e q u a n o n 1*) jeder partiellen. In Frankreich muß
die Wirklichkeit, in Deutschland muß die Unmöglichkeit der stu-
fenweisen Befreiung die ganze Freiheit gebären. In Frankreich ist
jede Volksklasse p o l i t i s c h e r I d e a l i s t und
empfindet sich zunächst nicht als besondere Klasse, sondern als
Repräsentant der sozialen Bedürfnisse überhaupt. Die Rolle des
E m a n z i p a t o r s geht also der Reihe nach in dramatischer
Bewegung an die verschiedenen Klassen des französischen Volkes
über, bis sie endlich bei der Klasse anlangt, welche die soziale
Freiheit nicht mehr unter der Voraussetzung gewisser, außerhalb
der Menschen liegender und doch von der menschlichen Gesellschaft
geschaffener Bedingungen verwirklicht, sondern vielmehr alle Be-
dingungen der menschlichen Existenz unter der Voraussetzung der
sozialen Freiheit organisiert. In Deutschland dagegen, wo das
praktische Leben ebenso geistlos als das geistige Leben unprak-
tisch ist, hat keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft das Be-
dürfnis und die Fähigkeit der allgemeinen Emanzipation, bis sie
nicht durch ihre u n m i t t e l b a r e Lage, durch die m a-
t e r i e l l e Notwendigkeit, durch ihre K e t t e n
s e l b s t dazu gezwungen wird.
Wo also die p o s i t i v e Möglichkeit der Deutschen Emanzipa-
tion?
Antwort: In der Bildung einer Klasse mit r a d i k a l e n
K e t t e n, einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche
keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist, eines Standes,
welcher die Auflösung aller Stände ist, einer Sphäre, welche
einen universellen Charakter durch ihre universellen Leiden be-
sitzt und kein b e s o n d r e s R e c h t in Anspruch nimmt,
weil kein b e s o n d r e s U n r e c h t, sondern das
U n r e c h t s c h l e c h t h i n an ihr verübt wird, welche
nicht mehr auf einen h i s t o r i s c h e n, sondern nur noch
auf den m e n s c h l i c h e n Titel provozieren kann, welche
in keinem einseitigen Gegensatz zu den Konsequenzen, sondern in
einem allseitigen Gegensatz zu den Voraussetzungen des deutschen
Staatswesens steht, einer Sphäre endlich, welche sich nicht eman-
zipieren kann, ohne sich von allen übrigen Sphären der Gesell-
schaft und damit alle übrigen Sphären der Gesellschaft zu emanzi-
pieren, welche mit einem Wort der v ö l l i g e V e r l u s t
des Menschen ist, also nur durch die v ö l l i g e W i e d e r-
g e w i n n u n g d e s M e n s c h e n sich selbst gewinnen
kann. Diese Auflösung der Gesellschaft als ein besonderer Stand
ist das P r o l e t a r i a t.
Das Proletariat beginnt erst durch die hereinbrechende
i n d u s t r i e l l e Bewegung für Deutschland zu werden, den
nicht die n a t u r w ü c h s i g e n t s t a n d n e, sondern
die k ü n s t l i c h p r o d u z i e r t e Armut, nicht die
mechanisch durch die Schwere der Gesellschaft niedergedrückte,
sondern die aus ihrer a k u t e n
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1*) unerläßliche Bedingung
#391# Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung
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A u f l ö s u n g, vorzugsweise aus der Auflösung des Mittel-
standes, hervorgehende Menschenmasse bildet das Proletariat, ob-
gleich allmählich, wie sich von selbst versteht, auch die natur-
wüchsige Armut und die christlich-germanische Leibeigenschaft in
seine Reihen treten.
Wenn das Proletariat die A u f l ö s u n g d e r b i s h e-
r i g e n W e l t o r d n u n g verkündet, so spricht es nur
das G e h e i m n i s s e i n e s e i g e n e n D a s e i n s
a u s, denn es i s t die f a k t i s c h e Auflösung dieser
Weltordnung. Wenn das Proletariat die N e g a t i o n d e s
P r i v a t e i g e n t u m s verlangt, so erhebt es nur zum
P r i n z i p d e r G e s e l l s c h a f t, was die
Gesellschaft zu s e i n e m Prinzip erhoben hat, was in i h m
als negatives Resultat der Gesellschaft schon ohne sein Zutun
verkörpert ist. Der Proletarier befindet sich dann in bezug auf
die werdende Welt in demselben Recht, in welchem der
d e u t s c h e K ö n i g in bezug auf die gewordene Welt sich
befindet, wenn er das Volk s e i n Volk wie das Pferd s e i n
Pferd nennt. Der König, indem er das Volk für sein Privateigentum
erklärt, spricht es nur aus, das der Privateigentümer König ist.
Wie die Philosophie im Proletariat ihre m a t e r i e l l e n,
so findet das Proletariat in der Philosophie seine
g e i s t i g e n Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens
gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird
sich die Emanzipation der D e u t s c h e n zu M e n s c h e n
vollziehn.
Resümieren wir das Resultat:
Die einzig p r a k t i s c h mögliche Befreiung Deutschlands
ist die Befreiung auf dem Standpunkt d e r Theorie, welche den
Menschen für das höchste Wesen des Menschen erklärt. In Deutsch-
land ist die Emanzipation von dem M i t t e l a l t e r nur mög-
lich als die Emanzipation zugleich von den t e i l w e i s e n
Überwindungen des Mittelalters. In Deutschland kann k e i n e
Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne j e d e Art der
Knechtschaft zu brechen. Das g r ü n d l i c h e Deutschland
kann nicht revolutionieren, ohne v o n G r u n d a u s zu re-
volutionieren. Die E m a n z i p a t i o n d e s D e u t-
s c h e n ist die E m a n z i p a t i o n d e s M e n-
s c h e n. Der Kopf dieser Emanzipation ist die P h i l o-
s o p h i e, ihr Herz das P r o l e t a r i a t. Die Philo-
sophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhebung des
Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die
Verwirklichung der Philosophie.
Wenn alle innern Bedingungen erfüllt sind, wird der d e u t-
s c h e A u f e r s t e h u n g s t a g verkündet werden durch
das S c h m e t t e r n d e s g a l l i s c h e n H a h n s.
Geschrieben Ende 1843 bis Januar 1844.
"Deutsch-Französische Jahrbücher", Paris 1844
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