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Friedrich Engels
1839-1844
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Friedrich Engels
Briefe aus dem Wuppertal [171]
I
["Telegraph für Deutschland", März 1839]
Bekanntlich begreift man unter diesem bei den Freunden des
Lichtes sehr verrufenen Namen die beiden Städte Elberfeld und
Barmen, die das Tal in einer Länge von fast drei Stunden einneh-
men. Der schmale Fluß ergießt bald rasch, bald stockend seine
purpurnen Wogen zwischen rauchigen Fabrikgebäuden und garnbedeck-
ten Bleichen hindurch; aber seine hochrote Farbe rührt nicht von
einer blutigen Schlacht her, denn hier streiten nur theologische
Federn und wortreiche alte Weiber gewöhnlich um des Kaisers Bart;
auch nicht von Scham über das Treiben der Menschen, obwohl dazu
wahrlich Grund genug vorhanden ist, sondern einzig und allein von
den vielen Türkischrot-Färbereien. Kommt man von Düsseldorf her,
so tritt man bei Sonnborn in das heilige Gebiet; die Wupper
kriecht träg und verschlammt vorbei und spannt durch ihre jämmer-
liche Erscheinung, dem eben verlassenen Rheine gegenüber, die Er-
wartungen bedeutend herab. Die Gegend ist ziemlich anmutig; die
nicht sehr hohen, bald sanft steigenden, bald schroffen Berge,
über und über waldig, treten keck in die grünen Wiesen hinein,
und bei schönem Wetter läßt der blaue, in der Wupper sich spie-
gelnde Himmel ihre rote Farbe ganz verschwinden. Nach einer Bie-
gung um einen Abhang sieht man die verschrobenen Türme Elberfelds
(die demütigen Häuser verstecken sich hinter den Gärten) dicht
vor sich, und in wenigen Minuten ist das Zion der Obskuranten er-
reicht. Fast noch außerhalb der Stadt stößt man auf die katholi-
sche Kirche; sie steht da, als wäre sie verbannt aus den heiligen
Mauern. Sie ist im byzantinischen Stil nach einem sehr guten Plan
von einem sehr unerfahrenen Baumeister sehr schlecht ausgeführt;
die alte katholische Kirche ist abgebrochen, um dem linken noch
nicht gebauten Flügel des Rathauses Platz zu machen; nur der Turm
ist stehengeblieben und dient dem allgemeinen Wohl auf seine Art,
nämlich als Gefängnis. Gleich darauf kömmt man an ein großes Ge-
bäude - auf Säulen ruht sein Dach, aber diese Säulen sind
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von ganz merkwürdiger Beschaffenheit; ihrer Dicke nach sind sie
unten ägyptisch, in der Mitte dorisch und oben ionisch, und au-
ßerdem verachten sie alles überflüssige Beiwerk, als Piedestal
und Kapitäl, aus sehr triftigen Gründen. Dieses Gebäude hieß frü-
her das Museum; die Musen aber blieben weg und eine große Schul-
denlast blieb da, so daß vor einiger Zeit das Gebäude verauktio-
niert wurde und den Namen Kasino annahm, der auch, um alle Erin-
nerungen an den ehemaligen poetischen Namen zu entfernen, auf das
leere Frontispice gesetzt wurde. Übrigens ist das Gebäude so
plump in allen Dimensionen, daß man es abends für ein Kamel hält.
Von nun an beginnen die langweiligen, charakterlosen Straßen; das
schöne neue Rathaus, erst halb vollendet, ist aus Mangel an Raum
so verkehrt gesetzt, daß die Fronte nach einer engen, häßlichen
Gasse geht. Endlich gelangt man wieder an die Wupper, und eine
schöne Brücke zeigt, daß man nach Barmen kommt, wo wenigstens auf
architektonische Schönheit mehr gegeben wird. Sowie die Brücke
passiert ist, nimmt alles einen freundlicheren Charakter an;
große, massive Häuser in geschmackvoller, moderner Bauart vertre-
ten die Stelle jener mittelmäßigen Elberfelder Gebäude, die weder
altmodisch noch modern, weder schön noch karikiert sind; überall
entstehen neue, steinerne Häuser, das Pflaster hört auf, und ein
grader chaussierter Weg, an beiden Seiten bebaut, setzt die
Straße fort. Zwischen den Häusern sieht man auf die grünen Blei-
chen; die hier noch klare Wupper, und die sich dicht herandrän-
genden Berge, welche durch leicht geschwungene Umrisse und durch
mannigfaltige Abwechselung von Wäldern, Wiesen und Gärten, aus
denen überall rote Dächer hervorschauen, die Gegend immer anmuti-
ger machen, je weiter man kommt. Halbweg der Allee sieht man ge-
gen die Fronte der etwas zurückliegenden Unterbarmer Kirche; sie
ist das schönste Gebäude des Tals, im edelsten byzantinischen
Stil sehr gut ausgeführt. Bald aber tritt das Pflaster wieder
ein, die grauen Schieferhäuser drängen sich eins an das andre;
doch herrscht hier weit mehr Abwechselung als in Elberfeld, indem
bald eine frische Bleiche, bald ein modernes Haus, bald ein
Stückchen vom Fluß, bald eine Reihe Gärten dicht an der Straße
das ewige Einerlei unterbrechen. Dadurch bleibt man im Zweifel,
ob man Barmen für eine Stadt oder für ein bloßes Konglomerat von
allerlei Gebäuden halten soll; auch ist es nur eine Vereinigung
vieler Ortschaften, die durch das Band städtischer Institutionen
zusammengehalten werden. Die bedeutendsten dieser Ortschaften
sind: Gemarke, von jeher der Mittelpunkt reformierter Konfession;
Unterbarmen, nach Elberfeld zu, unweit Wupperfeld, oberhalb Ge-
marke, und noch weiter Rittershausen, welches links Wichlinghau-
sen, und rechts Hekinghausen mit dem wunderschönen Rauhental ne-
ben sich hat; alle lutherisch in zwei Kirchen [173];
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Seite der Zeitschrift "Telegraph für Deutschland" mit dem Anfang
der "Briefe aus dem Wuppertal" von Friedrich Engels
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#417# Briefe aus dem Wuppertal
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die Katholiken, zwei- bis dreitausend höchstens, sind im ganzen
Tal zerstreut. Nachdem der Durchreisende nun Rittershausen pas-
siert hat, verläßt er am Ende der Welt das Bergische und tritt
durch den Schlagbaum in das altpreußische, westfälische Gebiet
ein.
Das ist die äußere Erscheinung des Tals, die im allgemeinen, mit
Ausnahme der trübseligen Straßen Elberfelds, einen sehr freundli-
chen Eindruck macht; daß dieser aber für die Bewohner verlorenge-
gangen ist, zeigt die Erfahrung. Ein frisches, tüchtiges Volksle-
ben, wie es fast überall in Deutschland existiert, ist hier gar
nicht zu spüren; auf den ersten Anblick scheint es freilich an-
ders, denn man hört jeden Abend die lustigen Gesellen durch die
Straßen ziehen und ihre Lieder singen, aber es sind die gemein-
sten Zotenlieder, die je über branntweinentflammte Lippen gekom-
men sind; nie hört man eins jener Volkslieder, die sonst in ganz
Deutschland bekannt sind und auf die wir wohl stolz sein dürfen.
Alle Kneipen sind, besonders Sonnabend und Sonntag, überfüllt,
und abends um elf Uhr, wenn sie geschlossen werden, entströmen
ihnen die Betrunkenen und schlafen ihren Rausch meistens im
Chausseegraben aus. Die gemeinsten unter diesen sind die soge-
nannten Karrenbinder, ein gänzlich demoralisiertes Volk, ohne Ob-
dach und sichern Erwerb, die mit Tagesanbruch aus ihren Schlupf-
winkeln, Heuböden, Ställen etc. hervorkriechen, wenn sie nicht
auf Düngerhaufen oder den Treppen der Häuser die Nacht überstan-
den hatten. Durch Beschränkung ihrer früher unbestimmten Zahl ist
diesem Wesen von der Obrigkeit jetzt einigermaßen ein Ziel ge-
setzt worden.
["Telegraph für Deutschland" Nr. 50 vom März 1839]
Die Gründe dieses Treibens liegen auf der Hand. Zuvörderst trägt
das Fabrikarbeiten sehr viel dazu bei. Das Arbeiten in den nied-
rigen Räumen, wo die Leute mehr Kohlendampf und Staub einatmen
als Sauerstoff, und das meistens schon von ihrem sechsten Jahre
an, ist grade dazu gemacht, ihnen alle Kraft und Lebenslust zu
rauben. Die Weber, die einzelne Stühle in ihren Häusern haben,
sitzen vom Morgen bis in die Nacht gebückt dabei und lassen sich
vom heißen Ofen das Rückenmark ausdörren. Was von diesen Leuten
dem Mystizismus nicht in die Hände gerät, verfällt ins Brannt-
weintrinken. Dieser Mystizismus muß in der frechen und widerwär-
tigen Gestalt, wie er dort herrscht, notwendig das entgegenge-
setzte Extrem hervorrufen, und daher kommt es hauptsächlich, daß
das V o l k dort nur aus "Feinen" (so heißen die Mystiker) und
liederlichem Gesindel besteht. Schon diese Spaltung in zwei
feindselige Parteien wäre, abgesehn von der Beschaffenheit der-
selben, allein imstande, die Entwicklung alles Volksgeistes zu
zerstören, und was ist
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da zu hoffen, wo auch das Verschwinden der einen Partei nichts
helfen würde, weil beide gleich schwindsüchtig sind? Die wenigen
kräftigen Gestalten, die man dort sieht, sind fast nur Schreiner
oder andre Handwerker, die alle aus fremden Gegenden her sind;
unter den eingebornen Gerbern sieht man auch kräftige Leute, aber
drei Jahre ihres Lebens reichen hin, sie körperlich und geistig
zu vernichten; von fünf Menschen sterben drei an der Schwind-
sucht, und alles das kommt vom Branntweintrinken. Dies aber hätte
wahrlich nicht auf eine so furchtbare Weise überhandgenommen,
wenn nicht der Betrieb der Fabriken auf eine so unsinnige Weise
von den Inhabern gehandhabt würde, und wenn der Mystizismus nicht
in der Art bestände, wie er besteht, und wie er immer mehr um
sich zu greifen droht. Aber es herrscht ein schreckliches Elend
unter den niedern Klassen, besonders den Fabrikarbeitern im Wup-
pertal; syphilitische und Brustkrankheiten herrschen in einer
Ausdehnung, die kaum zu glauben ist; in Elberfeld allein werden
von 2500 schulpflichtigen Kindern 1200 dem Unterricht entzogen
und wachsen in den Fabriken auf, bloß damit der Fabrikherr nicht
einem Erwachsenen, dessen Stelle sie vertreten, das Doppelte des
Lohnes zu geben nötig hat, das er einem Kinde gibt. Die reichen
Fabrikanten aber haben ein weites Gewissen, und ein Kind mehr
oder weniger verkommen zu lassen, bringt keine Pietistenseele in
die Hölle, besonders wenn sie alle Sonntage zweimal in die Kirche
geht. Denn das ist ausgemacht, daß unter den Fabrikanten die Pie-
tisten am schlechtesten mit ihren Arbeitern umgehen, ihnen den
Lohn auf alle mögliche Weise verringern, unter dem Vorwande, ih-
nen Gelegenheit zum Trinken zu nehmen, ja bei Predigerwahlen im-
mer die ersten sind, die ihre Leute bestechen.
In den niedern Ständen herrscht der Mystizismus am meisten unter
den Handwerkern (zu denen ich die Fabrikanten nicht rechne). Es
ist ein trauriger Anblick, wenn man solch einen Menschen, gebück-
ten Ganges, in einem langen, langen Rock, das Haar auf Pietisten-
art gescheitelt, über die Straßen gehen sieht. Aber wer dies Ge-
schlecht wahrhaft kennen will, der muß in eine pietistische
Schmiede- oder Schusterwerkstatt eintreten. Da sitzt der Meister,
rechts neben ihm die Bibel, links, wenigstens sehr häufig - der
Branntwein. Von Arbeiten ist da nicht viel zu sehen; der Meister
liest fast immer in der Bibel, trinkt mitunter eins und stimmt
zuweilen mit dem Chore der Gesellen ein geistlich Lied an; aber
die Hauptsache ist immer das Verdammen des lieben Nächsten. Man
sieht, diese Richtung ist hier dieselbe wie überall. Ihre Bekeh-
rungswut bleibt auch nicht ohne Früchte. Besonders werden viele
gottlose Säufer etc. bekehrt, meist auf wunderbare Weise. Aber
das hat sich wohl; diese Proselyten sind alle entnervte, geist-
lose Menschen, die zu überzeugen eine Kleinigkeit ist; diese be-
kehren sich, lassen sich jede Woche mehrere Male
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zu Tränen rühren, und treiben ihr ehemaliges Leben im geheimen
fort. Vor mehreren Jahren kam diese Wirtschaft einmal ans Tages-
licht, zum Schrecken aller Mucker. Es fand sich nämlich ein ame-
rikanischer Spekulant unter dem Namen Pastor Jürgens ein; er pre-
digte mehrere Male und hatte sehr viel Zulauf, weil die meisten
Leute glaubten, er müsse als Amerikaner notwendig braun oder gar
schwarz sein. Aber wie erstaunten sie, als er nicht nur ein Wei-
ßer war, sondern auch dergestalt predigte, daß die ganze Kirche
in Tränen zerfloß; das hatte übrigens seinen Grund darin, daß er
selbst, wenn alle Mittel der Rührung fehlschlugen, zu wimmern an-
fing. Nun war eine Stimme des Staunens unter den Gläubigen; zwar
opponierten einige Vernünftige, aber da wurden sie recht als
Gottlose verschrien; bald hielt Jürgens Konventikel, bekam reiche
Geschenke von seinen angesehnen Freunden und lebte herrlich und
in Freuden. Seine Predigten wurden so stark besucht wie keine an-
dern; seine Konventikel waren überfüllt, jedes seiner Worte ließ
Männer und Weiber weinen. Jetzt glaubten alle, er sei zum wenig-
sten ein halber Prophet und werde das neue Jerusalem bauen, aber
auf einmal war der Spaß vorbei. Es wird plötzlich offenbar, was
für Dinge in seinen Konventikeln getrieben werden; Herr Jürgens
wird festgesetzt und hat ein paar Jahre in Hamm auf dem Inquisi-
toriat Buße getan für seine Frömmigkeit. Nachher ist er mit dem
Versprechen der Besserung entlassen und wieder nach Amerika spe-
diert worden. Auch erfuhr man, daß er seine Künste schon in Ame-
rika angewandt, deshalb von da weitergeschickt, in Westfalen
schon, um nicht aus der Übung zu kommen, eine Repetition ange-
stellt, wo er aus Gnade oder vielmehr Schwachheit der Behörden
ohne weitere Nachforschungen entlassen, und sodann in Elberfeld
seinem liederlichen Leben durch nochmalige Wiederholung die Krone
aufgesetzt. Als nun offenbar wurde, was da war geschehen in den
Versammlungen dieses Edlen, siehe, da erhob sich wider ihn alles
Volk, und war keiner, der etwas von ihm wissen wollte; sie sind
alle von ihm abgefallen, vom Libanon bis an das Salzmeer, das
heißt vom Rittershauser Berg bis an das Wehr zu Sonnborn in der
Wupper.
["Telegraph für Deutschland" Nr. 51 vom März 1839]
Der eigentliche Mittelpunkt alles Pietismus und Mystizismus ist
aber die reformierte Gemeinde in Elberfeld. Von jeher zeichnete
sie sich durch streng calvinistischen Geist aus, der in den letz-
ten Jahren durch die Anstellung der bigottesten Prediger - jetzt
wirtschaften ihrer viere zugleich dort - zur schroffsten Intole-
ranz geworden ist und dem papistischen Sinn wenig nachsteht. Da
werden komplette Ketzergerichte in den Versammlungen gehalten; da
wird der Wandel eines jeden, der diese nicht besucht, rezensiert,
da heißt es: Der
#420# Friedrich Engels
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und der liest Romane, auf dem Titel steht zwar christlicher Ro-
man, aber der Pastor Krummacher hat gesagt, Romanenbücher seien
gottlose Bücher; oder der und der schiene doch auch vor dem Herrn
zu wandeln, aber er ist vorgestern im Konzert gesehen - und sie
schlagen die Hände über dem Kopf zusammen vor Schreck über die
greuliche Sünde. Und steht nun erst ein Prediger im Ruf eines Ra-
tionalisten (darunter verstehen sie jeden, der nicht mit ihrer
Ansicht aufs Haar übereinstimmt), so wird er hergenommen, und sie
sehen genau zu, ob sein Rock auch ganz schwarz und seine Hose
recht von orthodoxer Farbe war; und wehe ihm, wo er sich in einem
etwas ins Blaue fallenden Rock oder mit einer rationalistischen
Weste betreten läßt! Kommt nun gar einer, der die Prädestination
nicht glaubt, so heißt's gleich: Der ist beinahe so schlimm als
ein Lutheraner, ein Lutheraner ist nicht viel besser als ein Ka-
tholik, ein Katholik und ein Götzenanbeter aber ist von Natur
verdammt. Und was sind das für Leute, die so reden? Unwissendes
Volk, die kaum wissen, ob die Bibel chinesisch oder hebräisch
oder griechisch geschrieben, und nach den Worten eines einmal als
orthodox anerkannten Predigers alles beurteilen, es mag dahin ge-
hören oder nicht.
Dieser Geist war vorhanden, seit die Reformation hier die Ober-
hand bekam, blieb aber unbeachtet, bis der vor einigen Jahren
verstorbene Prediger G. D. Krummacher an eben dieser Gemeinde an-
fing, ihn recht zu hegen und zu pflegen; bald war der Mystizismus
in der schönsten Blüte, aber K[rummacher] starb, ehe die Frucht
reif wurde; dies ist erst geschehen, seit sein Bruderssohn, Dr.
Friedrich Wilhelm Krummacher, die Lehre so scharf ausgebildet und
bestimmt hat, daß man nicht weiß, ob man das Ganze für Unsinn
oder für Blasphemie halten soll. Nun, die Frucht ist reif; es
wird sich keiner verstehen, sie zu pflücken, und so wird sie wohl
mit der Zeit elendiglich faul abfallen müssen.
Gottfried Daniel Krummacher, Bruder des durch seine Parabeln be-
kannten Dr. F. A. Krummacher in Bremen, starb vor etwa drei Jah-
ren in Elberfeld nach einer sehr langen Amtstätigkeit. Als vor
mehr als zwanzig Jahren in Barmen ein Prediger die Prädestination
nicht ganz so scharf wie er von der Kanzel lehrte, fingen sie,
unter dem Vorwande, solch eine ungläubige Predigt sei gar keine,
an, in der Kirche zu rauchen, Lärm zu machen und ihn am Predigen
zu verhindern, so daß die Obrigkeit sich genötigt sah, einzu-
schreiten. Da schrieb Krummacher einen entsetzlich groben Brief
an den Barmer Magistrat, wie Gregor VII. an Heinrich IV. ge-
schrieben haben würde [174], und befahl, die Mucker ungeschoren
zu lassen, da sie nur ihr teures Evangelium verteidigten; auch
predigte er davon. Er wurde aber nur verlacht. Dies bezeichnet
seinen Geist, den er bis an sein Ende bewahrt hat. Übrigens war
er von so merkwürdigen Sitten, daß tausend Anekdoten von ihm zir-
kulieren,
#421# Briefe aus dem Wuppertal
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nach denen man ihn entweder für einen kuriosen Sonderling oder
einen herzlich groben Menschen halten muß.
Dr. Friedrich Wilhelm Krummacher, ein Mann von ungefähr vierzig
Jahren, groß, stark, von imposanter Gestalt, doch nimmt er, seit-
dem er in Elberfeld ist, einen nicht unbedeutenden körperlichen
Umfang an. Sein Haar trägt er auf ganz absonderliche Weise, worin
ihm alle seine Anhänger nachahmen, wer weiß, vielleicht wird es
noch einmal Mode, die Haare à la Krummacher zu tragen; doch würde
diese Mode alle frühern, sogar die der Puderperücken, an Abge-
schmacktheit übertreffen.
Als Student war er Mitarbeiter an der turnenden Demagogie,
schrieb Freiheitslieder, trug auf dem Wartburgfeste eine Fahne
und hielt eine Rede, die großen Eindruck gemacht haben soll. Die-
ser flotten Jahre gedenkt er noch häufig auf der Kanzel mit den
Worten: Als ich noch unter den Hethitern und Kananitern war. Spä-
ter wurde er in Barmen von der reformierten Gemeine zum Pfarrer
gewählt, und seine eigentliche Reputation datiert sich erst von
dieser Zeit. Kaum war er da, so rief er schon durch seine Lehre
der strengen Prädestination eine Spaltung nicht nur zwischen Lu-
theranern und Reformierten, sondern auch unter letztem zwischen
strengen und gelinden Prädestinatianern hervor. Einmal kam ein
alter steifer Lutheraner ein wenig angetrunken aus einer Gesell-
schaft und mußte über eine baufällige Brücke gehen. Das mochte
ihm in seinem Zustände doch etwas gefährlich dünken, und so be-
gann er zu reflektieren: Gehst du hinüber, und es geht gut, so
ist's gut, geht es aber nicht gut, dann fällst du in die Wupper
und dann sagen die Reformierten, es hätte so sein sollen; nun
soll es aber nicht so sein. Er kehrte also um, suchte eine
seichte Stelle, und an dieser watete er, bis an den Leib im Was-
ser, hindurch, mit dem seligen Gefühl, die Reformierten eines
Triumphes beraubt zu haben.
Als in Elberfeld eine Stelle vakant wurde, wählte man Krummacher
dahin, und in Barmen schwand alsbald aller Zwist, während er in
Elberfeld noch weit stärker erregt wurde. Schon Krummachers An-
trittspredigt erzürnte die einen und begeisterte die andern; der
Zwist steigerte sich immer mehr, besonders da bald jeder Predi-
ger, wenn auch alle dieselben Ansichten hatten, eine eigne Partei
bekam, die sein einziges Auditorium ausmachte. Später wurde man
der Sache überdrüssig, und das ewige Schreien: Ich bin krummache-
risch, ich bin kohlisch etc. fiel weg, nicht aus Liebe zum Frie-
den, sondern weil die Parteien sich immer bestimmter schieden.
Krummacher ist unleugbar ein Mann von ausgezeichnetem rhetori-
schen, auch poetischen Talent; seine Predigten sind nie langwei-
lig, ihr Zusammenhang ist sicher und natürlich; vorzüglich stark
ist er in dunkelschattigen Schilderungen -
#422# Friedrich Engels
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seine Schilderung der Hölle ist stets neu und kühn, wie oft sie
auch vorkommt - und in Antithesen. Dagegen hält er sich wieder
sehr häufig an der biblischen Phraseologie und an den darin gege-
benen Bildern, die, wenn auch ihre Anwendung meistens geistreich
ist, zuletzt doch sich wiederholen müssen; dazwischen trifft man
denn wieder ein höchst prosaisches Bild aus dem gewöhnlichen Le-
ben oder eine Erzählung aus seinen eignen Schicksalen und seinen
unbedeutendsten Erfahrungen. Alles bringt er auf die Kanzel, es
mag passen oder nicht; eine Reise nach Württemberg und der
Schweiz hat er neulich in zwei Predigten seinen andächtigen Zuhö-
rern zum besten gegeben, darin sprach er von seinen siegreichen
vier Disputationen mit Paulus in Heidelberg und Strauß in Tübin-
gen, freilich ganz anders, als Strauß sich in einem Briefe dar-
über ausdrückt. - Seine Deklamation ist stellenweise sehr gut und
seine gewaltsame, handgreifliche Gestikulation oft ganz passend
angebracht; zuweilen aber über alle Begriffe manieriert und abge-
schmackt. Dann rennt er in allen Richtungen auf der Kanzel umher,
beugt sich nach allen Seiten, schlägt auf den Rand, stampft wie
ein Schlachtroß und schreit dazu, daß die Fenster klirren und die
Leute auf der Straße zusammenfahren. Da beginnen denn die Zuhörer
zu schluchzen; zuerst weinen die jungen Mädchen, die alten Weiber
fallen mit einem herzzerschneidenden Sopran ein, die entnervten
Branntweinpietisten, denen seine Worte durch Mark und Bein gehen
würden, wenn sie noch Mark in den Knochen hätten, vollenden die
Dissonanz mit ihren Jammertönen, und dazwischen tönt seine gewal-
tige Stimme durch all das Heulen hin, mit der er der ganzen Ver-
sammlung unzählige Verdammungsurteile oder diabolische Szenen
vormalt.
["Telegraph für Deutschland" Nr. 52 vom März 1839]
Und nun gar seine Lehre! Man begreift nicht, wie ein Mensch der-
gleichen, was mit der Vernunft und der Bibel im direktesten Wi-
derspruch steht, glauben kann. Demungeachtet hat Krummacher die
Doktrin so scharf ausgeprägt und in allen Konsequenzen verfolgt
und festgehalten, daß man nichts verwerfen kann, sobald die
Grundlage zugegeben ist, nämlich die Unfähigkeit des Menschen,
aus eigner Kraft das Gute zu wollen, geschweige zu tun. Daraus
folgt die Notwendigkeit einer Befähigung von außen, und da der
Mensch das Gute nicht einmal wollen kann, so muß ihm Gott diese
Befähigung aufdringen. Aus dem freien Willen Gottes folgt nun die
willkürliche Verleihung derselben, die sich auch, wenigstens
scheinbar, auf die Schrift stützt. - Auf solcher Konsequenzmache-
rei beruht die ganze Lehre; die wenigen Erwählten werden nolen-
tes, volentes 1*) selig, die andern werden also verdammt,
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1*) ob sie wollen oder nicht
#423# Briefe aus dem Wuppertal
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auf ewig. "Auf ewig? - Ja, auf ewig!!" (Krummacher). Ferner steht
geschrieben: Niemand kommt zum Vater, denn durch mich; die Heiden
können aber nicht durch Christum zum Vater kommen, weil sie
Christum nicht kennen; also sind sie alle bloß da, um die Hölle
zu füllen. - Unter den Christen sind viele berufen und wenige
auserwählt; die vielen Berufenen sind aber nur zum Schein beru-
fen, und Gott hütete sich wohl, sie so stark zu berufen, daß sie
Folge leisteten, alles zur Ehre Gottes und auf daß sie keine Ent-
schuldigung haben. Dann steht auch geschrieben: Die Weisheit Got-
tes ist den Klugen dieser Welt eine Torheit; dies ist für die My-
stiker ein Befehl, ihren Glauben recht unsinnig auszubilden, da-
mit doch ja dieser Spruch in Erfüllung gehe. Wie das alles mit
der Lehre der Apostel stimmt, die vom vernünftigen Gottesdienst
und vernünftiger Milch des Evangeliums sprechen, das ist ein Ge-
heimnis, das der Vernunft zu hoch ist.
Solche Lehren verderben alle Krummacherschen Predigten; die ein-
zigen, in denen sie nicht so stark hervortreten, sind die Stel-
len, wo er von dem Gegensatz der irdischen Üppigkeit und der
Niedrigkeit Christi oder des Stolzes der weltlichen Fürsten und
Gottes spricht. Da bricht sehr häufig noch ein Strahl von seiner
frühern Demagogie durch, und redete er dann nicht so allgemein,
so würde die Regierung nicht dazu schweigen.
Der ästhetische Wert seiner Predigten wird nur von sehr wenigen
in Elberfeld gewürdigt; denn wenn man seine drei Kollegen, die
fast alle ein gleich starkes Auditorium haben, gegen ihn hält, so
erscheint er als Eins, die andern als lauter Nullen dahinter, die
nur dazu dienen, seinen Wert zu erhöhen. Die älteste dieser Nul-
len heißt Kohl, dessen Name zugleich seine Predigten bezeichnet;
die zweite Hermann, kein Nachkomme dessen 1*), dem sie jetzt ein
Denkmal setzen, das die Geschichte und den Tacitus überleben
soll, die dritte Ball - nämlich Krummachers Spielball; alle drei
höchst orthodox und in den Predigten Nachtreter der schlechten
Seiten Krummachers. Lutherische Pfarrer in Elberfeld sind: Sander
und Hülsmann, die früher, als ersterer noch in Wichlinghausen
stand und in den bekannten Streit mit Hülsmann in Dahle, jetzt in
Lennep, dem Bruder von Sanders jetzigem Kollegen, verwickelt war,
sich wütend in den Haaren lagen. In ihrer jetzigen Stellung be-
nehmen sich beide würdig gegeneinander, die Pietisten aber suchen
die Zwietracht wieder hervorzulocken, indem sie Hülsmann immer
allerlei Vergehen gegen Sander vorzuwerfen haben. Der dritte im
Bunde ist Döring, dessen Zerstreutheit sehr originell ist; er
kann keine drei Sätze im Zusammenhang sprechen, dagegen aus drei
Teilen einer Predigt
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1*) Arminius
#424# Friedrich Engels
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vier machen, indem er einen wörtlich wiederholt, ohne das gering-
ste zu merken. Probatum est. 1*) Von seinen Gedichten wird später
die Rede sein.
Unter den Barmer Predigern ist nicht viel Unterschied; alle
streng orthodox, mit mehr oder weniger pietistischer Beimischung.
Nur Stier in Wichlinghausen ist einigermaßen bemerkenswert. Jean
Paul soll ihn als Knaben gekannt und ausgezeichnete Anlagen in
ihm entdeckt haben. Er war als Pfarrer in Frankleben bei Halle
angestellt und gab in dieser Zeit mehrere poetische und prosai-
sche Schriften heraus, eine Verbesserung des Lutherschen Kate-
chismus, ein Surrogat für denselben, und ein Hülfsbüchlein dazu
für stupide Lehrer, nicht weniger auch ein Werklein über die Ge-
sangbuchsnot in der Provinz Sachsen, welches von der
"Evangelischen Kirchenzeitung" ausnehmend belobt wurde, und we-
nigstens vernünftigere Ansichten über Kirchenlieder enthielt, als
man im gesegneten Wuppertal vernimmt, wenn auch noch mancher un-
begründete Machtspruch darin vorkommt. Seine Gedichte sind höchst
langweilig, auch hat er sich das Verdienst erworben, einige heid-
nische Gedichte Schillers für die Orthodoxen genießbar zu machen.
Zum Beispiel aus den Göttern Griechenlands:
Da ihr noch die eitle Welt regiertet,
An der Sünde trügerischem Band,
Lange Zeit manch Menschenalter führtet,
Leere Wesen aus dem Fabelland!
Ach, da euer Sünderdienst noch glänzte,
Wie ganz anders, anders war es da!
Da man deine Tempel noch bekränzte,
Venus Amathusia!
Wirklich sehr geistreich, ja wahrhaft mystisch! Seit einem halben
Jahre ist Stier in Wichlinghausen an Sanders Stelle, hat die Bar-
mer Literatur indes noch nicht bereichert.
Ein Ort bei Elberfeld, Langenberg, gehört seinem ganzen Wesen
nach noch zum Wuppertal. Dieselbe Industrie wie dort, derselbe
pietistische Geist. Dort steht Emil Krummacher, Bruder des Fried-
rich Wilhelm; er ist nicht so schroffer Prädestinatianer wie die-
ser, ahmt ihm aber sehr nach, wie diese Stelle seiner letzten
Weihnachtspredigt zeigt:
"Mit den irdischen Leibern sitzen wir hier zwar noch auf den höl-
zernen Bänken, aber unsre Geister schwingen sich mit Millionen
Gläubigen auf den heiligen Berg, und nachdem sie dort das Jauch-
zen der himmlischen Heerscharen vernommen, gehen sie hinab in das
arme Bethlehem. Und was erblicken sie da? Zuerst einen armen
Stall,
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1*) Es ist erwiesen.
#425# Briefe aus dem Wuppertal
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und in dem armen, armen Stall eine arme Krippe, und in der armen
Krippe armes, armes Heu und Stroh, und auf dem armen, armen Heu
und Stroh liegt, wie das arme Kind eines Bettlers in armen Win-
deln der reiche Herr der Welt."
Nun wäre wohl das Missionshaus noch zu besprechen, aber die in
diesen Blättern schon früher erwähnten "Harfenklänge" [177] eines
Exmissionärs geben genügend Zeugnis davon, was für ein Geist dort
herrscht. Der Inspektor desselben, Dr. R i c h t e r, ist übri-
gens ein gelehrter Mann, bedeutender Orientalist und Naturfor-
scher, gibt auch eine "erklärte Hausbibel" heraus.
Das ist das Treiben der Pietisten im Wuppertal; man begreift
nicht, daß zu unsrer Zeit dergleichen noch aufkommen kann; aber
es scheint doch, als könne auch dieser Fels des alten Obskuran-
tismus dem rauschenden Strom der Zeit nicht mehr widerstehen; der
Sand wird weggespült, der Fels stürzt und tut einen großen Fall.
II
["Telegraph für Deutschland", Nr 57 vom April 1839]
In einer Gegend, die so von Pietisterei erfüllt ist, versteht es
sich von selbst, daß diese, nach allen Seiten sich ausdehnend,
jede einzelne Richtung des Lebens durchdringt und verdirbt. Ihre
Hauptgewalt übt sie aus auf das Unterrichtswesen, vor allem auf
die Volksschulen. Der eine Teil von diesen liegt ganz in ihren
Händen; es sind dies die kirchlichen Schulen, deren jede Gemeinde
eine hat. Freier schon, doch auch noch immer unter Aufsicht des
kirchlichen Scholarchats, stehen die übrigen Volksschulen da, auf
die die Zivilverwaltung einen bedeutenderen Einfluß hat. Und da
liegen die hindernden Einwirkungen des Mystizismus auf der Hand;
denn während die kirchlichen Schulen noch immer, wie weiland un-
ter dem hochseligen Kurfürsten Karl Theodor, außer Lesen, Schrei-
ben und Rechnen nur den Katechismus ihren Schülern einprägen,
werden auf den andern doch die Anfangsgründe einiger Wissenschaf-
ten, auch etwas Französisch gelehrt, und viele der Schüler, da-
durch angeregt, suchen sich, auch wenn sie die Schule schon ver-
lassen, weiter fortzubilden. Diese Schulen sind in einem starken
Fortschreiten begriffen und haben seit dem Eintritte des preußi-
schen Gouvernements die kirchlichen, hinter denen sie damals sehr
zurückstanden, weit überholt. Die kirchlichen Schulen werden aber
viel stärker besucht, da sie weit weniger Kosten machen und viele
Eltern ihre Kinder teils aus Anhänglichkeit, teils weil sie in
dem Fortschreiten der Kinder ein Überhandnehmen des weltlichen
Sinnes sehen, immer noch dahin schicken.
Von höheren Lehranstalten ernährt das Wuppertal drei: die Stadt-
schule in Barmen, die Realschule in Elberfeld und das Gymnasium
daselbst.
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Die Barmer Stadtschule, sehr schwach dotiert und deshalb sehr
schlecht mit Lehrern besetzt, tut indes alles, was in ihren Kräf-
ten steht. Sie liegt ganz in den Händen eines beschränkten, knic-
kerigen Kuratoriums, das meist auch nur Pietisten zu Lehrern
wählt. Der Direktor, der dieser Richtung auch nicht fremd ist,
versieht sein Amt indes nach festen Prinzipien und weiß sehr ge-
schickt jedem Lehrer seine Stelle anzuweisen. Auf ihn folgt Herr
Johann Jakob Ewich, der nach einem guten Lehrbuche gut unterrich-
ten kann und im Geschichtsunterricht eifriger Anhänger des Nös-
seltschen Anekdotensystems ist. Er ist Verfasser vieler pädagogi-
scher Schriften, deren größte, d.h. dem Umfange nach, den Titel
führt: "Human", Wesel bei Bagel, zwei Bände, 40 Bogen, Preis 1
Reichstaler. Alle sind voll hoher Ideen, frommer Wünsche und un-
ausführbarer Vorschläge. Man sagt, seine pädagogische Praxis
solle hinter der schönen Theorie weit zurückstehn.
Dr. Philipp Schifflin, zweiter Oberlehrer, ist der tüchtigste
Lehrer der Schule. Vielleicht ist keiner in Deutschland so tief
in die grammatische Struktur des modernen Französischen einge-
drungen wie er. Er ging nicht vom Altromanischen aus, sondern
faßte die klassische Sprache des vorigen Jahrhunderts, besonders
Voltaires, auf und ging von dieser zum Stil der neuesten Autoren
über. Die Resultate seiner Forschungen liegen in seiner
"Anleitung zur Erlernung der französischen Sprache, in drei Cur-
sen", vor, von denen der erste und zweite schon in mehreren Auf-
lagen erschienen und der dritte jetzt zu Ostern herauskömmt. Dies
ist ohne Zweifel neben der Knebelschen die beste französische
Sprachlehre, die wir besitzen; sie fand gleich beim Auftreten des
ersten Kursus ungemessenen Beifall und erfreut sich schon jetzt
einer fast beispiellosen Verbreitung durch ganz Deutschland, bis
nach Ungarn und den russischen Ostseeprovinzen hin.
Die übrigen Lehrer sind junge Seminaristen, von denen sich einige
tüchtig herangebildet haben, andre aber mit einem Chaos von al-
lerlei Wissenschaften schwanger gehen. Der beste von diesen jun-
gen Lehrern war Herr Köster, Freiligraths Freund, von dem ein Ab-
riß der Poetik in einem Programme steht, worin er die didaktische
Poesie ganz ausschloß und die ihr gewöhnlich zugeteilten Gattun-
gen der Epik oder Lyrik unterordnete; der Aufsatz zeugte von Ein-
sicht und Klarheit. Er wurde nach Düsseldorf berufen, und da die
Herren vom Kuratorium ihn als Gegner aller Pietisterei kannten,
ließen sie ihn sehr gerne ziehen. Den Gegensatz zu ihm bildet ein
anderer Lehrer, der auf die Frage eines Quartaners, wer Goethe
gewesen sei, antwortete: "ein gottloser Mann".
Die Elberfelder Realschule ist sehr gut fundiert und kann deshalb
tüchtigere Lehrer wählen und einen vollständigeren Kursus ein-
richten. Dagegen
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herrscht auf ihr jene fürchterliche Heftschreiberei, die einen
Schüler in einem halben Jahre stumpf machen kann. Nebenbei ist
von Direktion wenig zu spüren; der Direktor ist die Hälfte des
Jahres verreist und betätigt seine Anwesenheit nur durch über-
triebene Strenge. Mit der Realschule ist eine Gewerbschule ver-
bunden, auf der die Schüler ihr halbes Leben verzeichnen. Von den
Lehrern ist Herr Dr. Kruse bemerkenswert, der sechs Wochen in
England war und ein Werklein über die englische Aussprache
schrieb, welches sich durch seine ausgezeichnete Unbrauchbarkeit
bemerklich macht; die Schüler stehen in einem sehr schlechten
Rufe und sind die Veranlassung zu Diesterwegs Klagen über die Ju-
gend Elberfelds.
Das Gymnasium in Elberfeld ist in sehr bedrängten Verhältnissen,
aber anerkannt eins der besten im preußischen Staat. Es ist Ei-
gentum der reformierten Gemeinde, hat von ihrem Mystizismus wenig
zu leiden, weil die Prediger sich nicht darum bekümmern und die
Scholarchen nichts von Gymnasialsachen verstehen; desto mehr aber
von ihrer Knauserei. Diese Herren haben nicht die geringste Idee
von der Vorzüglichkeit der preußischen Gymnasialbildung, suchen
der Realschule alles, Geld wie Schüler, zuzuwenden und werfen
doch dem Gymnasium vor, daß es durch Schulgeld seine Auslagen
nicht einmal decken könne. Es wird jetzt unterhandelt, daß die
Regierung, der es sehr darum zu tun ist, das Gymnasium übernimmt;
käme es nicht dazu, so mußte es in wenigen Jahren aus Mangel an
Mitteln suspendiert werden. Die Lehrerwahlen liegen jetzt auch in
den Händen der Scholarchen, Leute, die zwar einen Posten sehr
korrekt ins Hauptbuch übertragen können, aber von Griechisch, La-
tein oder Mathematik keine Idee haben. Das Hauptprinzip ihrer
Wahl ist: lieber einen reformierten Stümper als einen tüchtigen
Lutheraner oder gar Katholiken zu wählen. Da aber unter den preu-
ßischen Philologen weit mehr Lutheraner als Reformierte sind, ha-
ben sie diesem Prinzipe fast nie recht folgen können.
Dr. Hantschke, königlicher Professor und provisorischer Direktor,
ist aus Luckau in der Lausitz, schreibt ein ciceronianisches La-
tein in Versen und Prosa, ist auch Verfasser mehrerer Predigten,
pädagogischer Schriften und eines hebräischen Übungsbuches. Er
wäre längst fester Direktor geworden, wenn er nicht lutherisch
und das Scholarchat weniger geizig wäre.
Dr. Eichhoff, zweiter Oberlehrer, schrieb mit seinem jüngeren
Kollegen, Dr. Beltz, eine lateinische Grammatik, die aber in der
"Allgemeinen Litteratur-Zeitung" von F. Haase nicht sehr günstig
rezensiert wurde. Seine Hauptforce ist das Griechische.
Dr. Clausen, dritter Oberlehrer, ohne Zweifel der tüchtigste Mann
in der ganzen Schule, in allen Fächern bewandert, in der Ge-
schichte und Literatur
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ausgezeichnet. Sein Vortrag ist von seltener Anmut; er ist der
einzige, der den Sinn der Poesie in den Schülern zu wecken weiß,
den Sinn, der sonst elendiglich verkümmern müßte unter den Phili-
stern des Wuppertales. Als Schriftsteller ist er meines Wissens
nur in einer Programm-Dissertation: "Pindaros der Lyriker" aufge-
treten, die ihm einen großen Ruf unter den Gymnasiallehrern in
und außerhalb Preußen gemacht haben soll. In den Buchhandel ist
sie natürlich nicht gekommen.
Diese drei Schulen sind erst seit 1820 eingerichtet worden; frü-
her bestand nur in Elberfeld und Barmen je eine Rektoratschule
[178] und eine Menge von Privatinstituten, die keine gediegene
Bildung geben konnten. Ihre Nachwirkungen sind noch an den älte-
ren Kaufleuten Barmens zu spüren. Von Bildung - keine Idee; wer
Whist und Billard spielen, etwas politisieren, ein gewandtes Kom-
pliment machen kann, das ist in Barmen und Elberfeld ein gebilde-
ter Mann. Es ist ein schreckliches Leben, was diese Menschen füh-
ren, und sie sind doch so vergnügt dabei; den Tag über versenken
sie sich in die Zahlen ihrer Konti, und das mit einer Wut, mit
einem Interesse, daß man es kaum glauben möchte; abends zur be-
stimmten Stunde zieht alles in die Gesellschaften, wo sie Karten
spielen, politisieren und rauchen, um mit dem Schlage neun nach
Hause zurückzukehren. So geht es alle Tage, ohne Veränderung, und
wehe dem, der ihnen dazwischenkömmt; er kann der ungnädigsten Un-
gnade aller ersten Häuser gewiß sein. - Die jungen Leute werden
brav von ihren Vätern in die Schule genommen; sie lassen sich
auch sehr gut an, ebenso zu werden. Ihre Unterhaltungsgegenstände
sind ziemlich einförmig; die Barmer sprechen mehr von Pferden,
die Elberfelder von Hunden; wenn's hoch kömmt, werden auch Schön-
heiten rezensiert oder es wird von Geschäftssachen geplappert,
das ist alles. Alle halbe Jahrhundert sprechen sie auch von Lite-
ratur, unter welchem Namen sie Paul de Kock, Marryat, Tromlitz,
Nestroy und Konsorten verstehen. In der Politik sind sie als sehr
gute Preußen, weil sie unter preußischer Herrschaft stehen, a
priori allem Liberalismus gar sehr zuwider, alles, solange es Sr.
Majestät gefällt, ihnen den Code Napoleon [68] zu lassen; denn
mit ihm würde aller Patriotismus schwinden. Das junge Deutschland
[55] kennt niemand in seiner literarischen Bedeutung; es gilt für
eine geheime Verbindung, etwa wie die Demagogie, unter dem Vor-
sitze der Herren Heine, Gutzkow und Mundt. Einige der edlen Jüng-
linge haben wohl etwas von Heine gelesen, vielleicht die
"Reisebilder" mit Übergehung der Gedichte darin, oder den
"Denunzianten", aber von den übrigen herrschen nur dunkle Be-
griffe aus dem Munde der Pfarrer oder Beamten. Freiligrath ist
den meisten persönlich bekannt und steht im Rufe eines guten Ka-
meraden. Als er nach Barmen kam, wurde er von diesem grünen Adel
(so
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nennt er das junge Kaufmannsvolk) mit Besuchen überhäuft; bald
aber hatte er ihren Geist erkannt und zog sich zurück; aber sie
verfolgten ihn, lobten seine Gedichte und seinen Wein und streb-
ten mit aller Gewalt darnach, mit einem Brüderschaft zu trinken,
der etwas hatte drucken lassen; denn diesen Menschen ist ein
Dichter nichts, aber ein Schriftsteller alles. Nach und nach
brach Freiligrath allen Umgang mit diesen Menschen ab und ver-
kehrt jetzt nur mit wenigen, nachdem Köster Barmen verlassen hat.
Seine Prinzipale haben sich in ihrer prekären Stellung immer sehr
anständig und freundlich gegen ihn benommen; merkwürdigerweise
ist er ein höchst exakter und fleißiger Kontorarbeiter. Über
seine dichterischen Leistungen zu sprechen, wäre sehr überflüs-
sig, nachdem Dingelstedt, in dem "Jahrbuche der Literatur", und
Carrière in den Berliner "Jahrbüchern" ihn so genau beurteilt ha-
ben. Indes scheinen mir beide nicht genug beachtet zu haben, wie
er bei allem Schweifen in die Ferne doch so sehr an der Heimat
hängt. Darauf deuten die häufigen Anspielungen auf deutsche
Volksmärchen, z.B. S. 54, die Unkenkönigin, S.87, Snewittchen
[180] u.a., denen S. 157 ein ganzes Gedicht ("Im Walde") gewidmet
ist, hin, die Nachahmung Uhlands (der Edelfalk, S.82, "Die
Schreinergesellen", S. 85, auch das erste der "Zwei Feldherrngrä-
ber" erinnert doch nur zu seinem Vorteile an ihn), dann "Die Aus-
wanderer" und vor allem sein unübertrefflicher "Prinz Eugen". Auf
diese wenigen Momente muß man desto mehr achten, je mehr Freili-
grath in die entgegengesetzte Richtung sich verliert. Einen tie-
fen Blick in sein Gemüt eröffnet auch "Der ausgewanderte Dich-
ter", besonders die Fragmente, die im "Morgenblatt" abgedruckt
sind; darin fühlt er schon, wie er in der Ferne nicht heimisch
werden kann, wenn er nicht in echt deutscher Dichtkunst wurzelt.
["Telegraph für Deutschland", Nr 59 vom April 1839]
In der eigentlichen Wuppertaler Literatur nimmt die Journalistik
die wichtigste Stelle ein. Obenan steht die "Elberfelder Zei-
tung", redigiert von Dr. Martin Runkel, die sich unter seiner
einsichtsvollen Leitung einen bedeutenden und wohlverdienten Ruf
erworben hat. Er übernahm die Redaktion, als zwei Zeitungen, die
"Allgemeine" und "Provinzialzeitung", zu einer verschmolzen wur-
den; unter nicht sehr günstigen Auspizien entstand das Blatt; die
"Barmer Zeitung" trat konkurrierend auf, aber Runkel hat es nach
und nach durch Streben nach eigner Korrespondenz und durch seine
leitenden Artikel zu einer der ersten Zeitungen des preußischen
Staates gemacht. Sie fand zwar in Elberfeld, wo die leitenden Ar-
tikel nur von wenigen gelesen werden, wenig, auswärts aber desto
mehr Anerkennung, wozu der Verfall der
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"Preußischen Staats-Zeitung" auch das Seinige beigetragen haben
mag. Die belletristische Beilage, "lntelligenzblatt", erhebt sich
nicht über das Gewöhnliche. Die "Barmer Zeitung", deren Verleger,
Redaktoren und Zensoren häufig wechselten, steht jetzt unter der
Leitung von H. Püttmann, der zuweilen in der "Abendzeitung" re-
zensierend auftritt. Er möchte die Zeitung wohl gerne heben, aber
durch des Verlegers wohlbegründete Kargheit sind ihm die Hände
gebunden. Das Feuilleton mit einigen seiner Gedichte, Rezensionen
oder Auszügen aus größeren Schriften angefüllt, tut's auch nicht.
Der sie begleitende "Wuppertaler Lesekreis" nährt sich fast nur
von Lewalds "Europa". Außer diesen erscheint noch der Elberfelder
"Tägliche Anzeiger" nebst "Fremdenblatt", ein Kind der
"Dorfzeitung", unübertrefflich in herzbrechenden Gedichten und
schlechten Witzen, und das "Barmer Wochenblatt", eine alte Nacht-
mütze, dem die pietistischen Eselsohren alle Augenblick unter der
belletristischen Löwenhaut hervorschauen.
Von der übrigen Literatur ist die Prosa gar nichts wert; nehme
ich die theologischen oder vielmehr pietistischen Schriften, ei-
nige Werklein über Barmens und Elberfelds Geschichte, die sehr
oberflächlich abgefaßt sind, weg, so bleibt nichts übrig. Aber
die Poesie findet reichliche Pflege in dem "gesegneten Tale", und
eine ziemliche Anzahl Poeten haben dort ihren Wohnsitz aufge-
schlagen.
Wilhelm Langewiesche, Buchhändler zu Barmen und Iserlohn,
schreibt unter dem Namen W. Jemand, sein Hauptwerk ist eine di-
daktische Tragödie, "Der ewige Jude", die freilich nicht an Mo-
sens Bearbeitung desselben Gegenstandes reicht. Er ist als Verle-
ger der bedeutendste seiner Wuppertaler Konkurrenten, was übri-
gens sehr leicht ist, da ihrer zwei, Hassel in Elberfeld, Stein-
haus in Barmen, nur echten Pietismus verlegen. Freiligrath wohnt
in seinem Hause.
Karl August Döring, Prediger in Elberfeld, ist Verfasser einer
Menge von prosaischen und poetischen Schriften; von ihm gilt Pla-
tens Wort: Sie sind ein wasserreicher Strom, den niemand bis zu
Ende schwimmt.
In seinen Gedichten unterscheidet er zwischen geistlichen Lie-
dern, Oden und lyrischen Gedichten. Zuweilen hat er schon auf der
Mitte des Gedichts den Anfang vergessen und gerät dann in ganz
eigentümliche Regionen; von den Südseeinseln und ihren Missio-
nären gerät er in die Hölle und von den Seufzern der zerknirsch-
ten Seele nach dem Eise des Nordpols.
Lieth, Vorsteher einer Mädchenschule in Elberfeld, Verfasser von
Kindergedichten, die meistens in einer schon veralteten Manier
geschrieben sind und keinen Vergleich mit denen Rückerts, Gülls
und Heys aushalten können; doch finden sich auch einzelne hübsche
Sachen darunter.
#431# Briefe aus dem Wuppertal
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Friedrich Ludwig Wülfing, unstreitig der größte Dichter des Wup-
pertals, ein Barmer von Geburt, ist ein Mann, in dem die Geniali-
tät gar nicht zu verkennen ist. Sieht man einen langen Menschen,
von etwa fünfundvierzig Jahren, in einen langen rotbraunen Rock
verhüllt, der halb so alt ist wie sein Herr, auf den Schultern
ein unbeschreibliches Antlitz, auf der Nase eine vergoldete
Brille, in deren Gläsern sich die strahlenden Blicke der Augen
brechen, das Haupt gekrönt mit einer grünen Mütze, im Munde eine
Blume, in der Hand einen eben vom Rock gedrehten Knopf - das ist
der Horaz Barmens. Tag für Tag ergeht er sich auf dem Hardtberge
und wartet, ob ihm nicht ein neuer Reim oder eine neue Geliebte
aufstoße. Bis in sein dreißigstes Jahr huldigte er Pallas Athenen
als industriöser Mann; dann geriet er Aphroditen in die Hände,
die ihm neun Dulcineen nacheinander zuführte; diese sind seine
Musen. Man spreche nicht von Goethe, der allem eine poetische
Seite abgewann, nicht von Petrarca, der jeden Blick, jedes Wort
der Geliebten in ein Sonett brachte - an Wülfing reichen sie
lange nicht. Wer zählt die Sandkörner, die der Geliebten Fuß zer-
knittert? Das tut der große Wülfing. Wer besingt Minchens (die
Clio der neun Musen) in einer sumpfigen Wiese beschmutzte
Strümpfe? Nur Wülfing. - Seine Epigramme sind Meisterwerke der
originellsten, volkstümlichsten Grobheit. Als seine erste Frau
starb, schrieb er eine Todesanzeige, die alle Dienstmädchen zu
Tränen rührte, und eine noch weit schönere Elegie: "Wilhelmine,
schönster aller Namen!" Sechs Wochen später verlobte er sich
schon wieder, und jetzt hat er die dritte Frau. Der geistreiche
Mann hat alle Tage andere Pläne. Als er noch so recht in seiner
poetischen Blütezeit stand, wollte er bald Knopfmacher, bald
Landmann, bald Papierhändler werden; zuletzt ist er in den Hafen
der Lichtzieherei geraten, um sein Licht auf irgendeine Weise
leuchten zu lassen. Seine Schriften sind wie der Sand am Meer.
Montanus Eremita [181], ein Solinger Anonymus, gehört als nach-
barlicher Freund auch hieher. Er ist der poetischste Historio-
graph des Bergischen Landes; seine Verse sind weniger unsinnig
als langweilig und prosaisch.
Ebenso Johann Pol, Pastor zu Heedfeld bei Iserlohn, der ein Bänd-
lein Gedichte schrieb.
Könige kommen von Gott und Missionäre desgleichen,
Aber der Goethe-Poet kommt von den Menschen allein.
Dies zeigt den Geist des ganzen Bandes. Aber er hat auch Witz,
denn er sagt: "Die Dichter sind Lichter, die Philosophen sind der
Wahrheit Zofen." Und welche Phantasie liegt in den beiden An-
fangszeilen seiner Ballade: "Attila an der Marne":
#432# Friedrich Engels
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Gleich Lawinen ungeheuer, schneidend hart wie Schwert und Kiesel,
Wälzt durch Schutt und Städteflammen sich nach Gallien Godegisel.
Auch hat er Psalme gedichtet, oder vielmehr aus Davidschen Frag-
menten komponiert Sein Hauptwerk ist die Besingung des Streits
zwischen Hülsmann und Sander, und zwar auf eine höchst originelle
Weise, in Epigrammen. Da dreht sich alles um den Gedanken, die
Rationalisten wagten -
Zu schmähen und zu lästern den Herrn Herrn.
Weder Voß noch Schlegel haben jemals einen so vollkommenen Spon-
deus am Schluß eines Hexameters gehabt. Er versteht die Eintei-
lung seiner Gedichte noch besser als Döring, er teilt sie in:
"Geistliche Gesänge und Lieder und vermischte Gedichte."
F.W. Krug, Kandidat der Theologie, Verfasser von poetischen Erst-
lingen oder prosaischen Reliquien, Übersetzer mehrerer holländi-
scher und französischer Predigten, schrieb auch eine rührende No-
velle im Geschmack Stillings, worin er unter andern einen neuen
Beweis für die Wahrheit der mosaischen Schöpfungsgeschichte auf-
stellt. Das Buch ist ergötzlich.
Zum Schlusse muß ich noch eines geistvollen jungen Mannes erwäh-
nen, der die Idee hat, da Freiligrath Handlungsdiener und Dichter
zugleich sei, müßte er es auch können. Hoffentlich wird die deut-
sche Literatur bald durch einige seiner Novellen vermehrt werden,
die von den besten nicht übertroffen werden; die einzigen Fehler,
die man ihnen vorwerfen kann, sind Abgedroschenheit der Handlung,
übereilte Anlage und nachlässiger Stil. Sehr gern würde ich eine
im Auszüge mitteilen, wenn es die Dezenz nicht verböte; doch wird
sich vielleicht bald ein Buchhändler des großen D. 1*) (seinen
ganzen Namen wage ich nicht zu nennen, weil ihn sonst seine ver-
letzte Bescheidenheit zu einem Injurienprozeß gegen mich verlei-
ten würde) erbarmen und seine Novellen verlegen. Auch w i l l
er ein sehr genauer Freund Freiligraths sein.
Dies sind so ziemlich die literarischen Erscheinungen des weltbe-
rühmten Tals, wozu vielleicht noch einige weinentflammte Kraftge-
nies zu zählen wären, die sich dann und wann reimend versuchen
und die ich Herrn Dr. Duller zur Porträtierung für einen neuen
Roman sehr empfehlen kann. Die ganze Gegend liegt von einem Meer
von Pietismus und Philisterei überschwemmt, und was daraus her-
vorragt, sind keine schönen blumenreichen Eilande, nur dürre
nackte Klippen oder lange Sandbänke, und Freiligrath irrt dazwi-
schen umher wie ein verschlagener Schiffer.
Geschrieben im März 1839.
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1*) Dürholt
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