Quelle: MEW 1 1839 - 1844


       zurück

       #411#
       -----
       Friedrich Engels
       1839-1844
       
       #412#
       -----
       
       #413#
       -----
       Friedrich Engels
       Briefe aus dem Wuppertal [171]
       
       I
       
       ["Telegraph für Deutschland", März 1839]
       Bekanntlich begreift  man  unter  diesem  bei  den  Freunden  des
       Lichtes sehr  verrufenen Namen  die beiden  Städte Elberfeld  und
       Barmen, die  das Tal in einer Länge von fast drei Stunden einneh-
       men. Der  schmale Fluß  ergießt bald  rasch, bald  stockend seine
       purpurnen Wogen zwischen rauchigen Fabrikgebäuden und garnbedeck-
       ten Bleichen  hindurch; aber seine hochrote Farbe rührt nicht von
       einer blutigen  Schlacht her, denn hier streiten nur theologische
       Federn und wortreiche alte Weiber gewöhnlich um des Kaisers Bart;
       auch nicht  von Scham  über das Treiben der Menschen, obwohl dazu
       wahrlich Grund genug vorhanden ist, sondern einzig und allein von
       den vielen  Türkischrot-Färbereien. Kommt man von Düsseldorf her,
       so tritt  man bei  Sonnborn in  das heilige  Gebiet;  die  Wupper
       kriecht träg und verschlammt vorbei und spannt durch ihre jämmer-
       liche Erscheinung, dem eben verlassenen Rheine gegenüber, die Er-
       wartungen bedeutend  herab. Die  Gegend ist ziemlich anmutig; die
       nicht sehr  hohen, bald  sanft steigenden,  bald schroffen Berge,
       über und  über waldig,  treten keck  in die grünen Wiesen hinein,
       und bei  schönem Wetter  läßt der blaue, in der Wupper sich spie-
       gelnde Himmel  ihre rote Farbe ganz verschwinden. Nach einer Bie-
       gung um einen Abhang sieht man die verschrobenen Türme Elberfelds
       (die demütigen  Häuser verstecken  sich hinter  den Gärten) dicht
       vor sich, und in wenigen Minuten ist das Zion der Obskuranten er-
       reicht. Fast  noch außerhalb der Stadt stößt man auf die katholi-
       sche Kirche; sie steht da, als wäre sie verbannt aus den heiligen
       Mauern. Sie ist im byzantinischen Stil nach einem sehr guten Plan
       von einem  sehr unerfahrenen Baumeister sehr schlecht ausgeführt;
       die alte  katholische Kirche  ist abgebrochen, um dem linken noch
       nicht gebauten Flügel des Rathauses Platz zu machen; nur der Turm
       ist stehengeblieben und dient dem allgemeinen Wohl auf seine Art,
       nämlich als  Gefängnis. Gleich darauf kömmt man an ein großes Ge-
       bäude - auf Säulen ruht sein Dach, aber diese Säulen sind
       
       #414# Friedrich Engels
       -----
       von ganz  merkwürdiger Beschaffenheit;  ihrer Dicke nach sind sie
       unten ägyptisch,  in der  Mitte dorisch und oben ionisch, und au-
       ßerdem verachten  sie alles  überflüssige Beiwerk,  als Piedestal
       und Kapitäl, aus sehr triftigen Gründen. Dieses Gebäude hieß frü-
       her das  Museum; die Musen aber blieben weg und eine große Schul-
       denlast blieb  da, so daß vor einiger Zeit das Gebäude verauktio-
       niert wurde  und den Namen Kasino annahm, der auch, um alle Erin-
       nerungen an den ehemaligen poetischen Namen zu entfernen, auf das
       leere Frontispice  gesetzt wurde.  Übrigens ist  das  Gebäude  so
       plump in allen Dimensionen, daß man es abends für ein Kamel hält.
       Von nun an beginnen die langweiligen, charakterlosen Straßen; das
       schöne neue  Rathaus, erst halb vollendet, ist aus Mangel an Raum
       so verkehrt  gesetzt, daß  die Fronte nach einer engen, häßlichen
       Gasse geht.  Endlich gelangt  man wieder  an die Wupper, und eine
       schöne Brücke zeigt, daß man nach Barmen kommt, wo wenigstens auf
       architektonische Schönheit  mehr gegeben  wird. Sowie  die Brücke
       passiert ist,  nimmt alles  einen  freundlicheren  Charakter  an;
       große, massive Häuser in geschmackvoller, moderner Bauart vertre-
       ten die Stelle jener mittelmäßigen Elberfelder Gebäude, die weder
       altmodisch noch  modern, weder schön noch karikiert sind; überall
       entstehen neue,  steinerne Häuser, das Pflaster hört auf, und ein
       grader chaussierter  Weg, an  beiden  Seiten  bebaut,  setzt  die
       Straße fort.  Zwischen den Häusern sieht man auf die grünen Blei-
       chen; die  hier noch  klare Wupper, und die sich dicht herandrän-
       genden Berge,  welche durch leicht geschwungene Umrisse und durch
       mannigfaltige Abwechselung  von Wäldern,  Wiesen und  Gärten, aus
       denen überall rote Dächer hervorschauen, die Gegend immer anmuti-
       ger machen,  je weiter man kommt. Halbweg der Allee sieht man ge-
       gen die  Fronte der etwas zurückliegenden Unterbarmer Kirche; sie
       ist das  schönste Gebäude  des Tals,  im edelsten  byzantinischen
       Stil sehr  gut ausgeführt.  Bald aber  tritt das  Pflaster wieder
       ein, die  grauen Schieferhäuser  drängen sich  eins an das andre;
       doch herrscht hier weit mehr Abwechselung als in Elberfeld, indem
       bald eine  frische Bleiche,  bald ein  modernes  Haus,  bald  ein
       Stückchen vom  Fluß, bald  eine Reihe  Gärten dicht an der Straße
       das ewige  Einerlei unterbrechen.  Dadurch bleibt man im Zweifel,
       ob man  Barmen für eine Stadt oder für ein bloßes Konglomerat von
       allerlei Gebäuden  halten soll;  auch ist es nur eine Vereinigung
       vieler Ortschaften,  die durch das Band städtischer Institutionen
       zusammengehalten werden.  Die  bedeutendsten  dieser  Ortschaften
       sind: Gemarke, von jeher der Mittelpunkt reformierter Konfession;
       Unterbarmen, nach  Elberfeld zu,  unweit Wupperfeld, oberhalb Ge-
       marke, und  noch weiter Rittershausen, welches links Wichlinghau-
       sen, und  rechts Hekinghausen mit dem wunderschönen Rauhental ne-
       ben sich hat; alle lutherisch in zwei Kirchen [173];
       
       #415#
       -----
       Seite der  Zeitschrift "Telegraph für Deutschland" mit dem Anfang
       der "Briefe aus dem Wuppertal" von Friedrich Engels
       
       #416#
       -----
       
       #417# Briefe aus dem Wuppertal
       -----
       die Katholiken,  zwei- bis  dreitausend höchstens, sind im ganzen
       Tal zerstreut.  Nachdem der  Durchreisende nun Rittershausen pas-
       siert hat,  verläßt er  am Ende  der Welt das Bergische und tritt
       durch den  Schlagbaum in  das altpreußische,  westfälische Gebiet
       ein.
       Das ist  die äußere Erscheinung des Tals, die im allgemeinen, mit
       Ausnahme der trübseligen Straßen Elberfelds, einen sehr freundli-
       chen Eindruck macht; daß dieser aber für die Bewohner verlorenge-
       gangen ist, zeigt die Erfahrung. Ein frisches, tüchtiges Volksle-
       ben, wie  es fast  überall in Deutschland existiert, ist hier gar
       nicht zu  spüren; auf  den ersten Anblick scheint es freilich an-
       ders, denn  man hört  jeden Abend die lustigen Gesellen durch die
       Straßen ziehen  und ihre  Lieder singen, aber es sind die gemein-
       sten Zotenlieder,  die je über branntweinentflammte Lippen gekom-
       men sind;  nie hört man eins jener Volkslieder, die sonst in ganz
       Deutschland bekannt  sind und auf die wir wohl stolz sein dürfen.
       Alle Kneipen  sind, besonders  Sonnabend und  Sonntag, überfüllt,
       und abends  um elf  Uhr, wenn  sie geschlossen werden, entströmen
       ihnen die  Betrunkenen und  schlafen  ihren  Rausch  meistens  im
       Chausseegraben aus.  Die gemeinsten  unter diesen  sind die soge-
       nannten Karrenbinder, ein gänzlich demoralisiertes Volk, ohne Ob-
       dach und  sichern Erwerb, die mit Tagesanbruch aus ihren Schlupf-
       winkeln, Heuböden,  Ställen etc.  hervorkriechen, wenn  sie nicht
       auf Düngerhaufen  oder den Treppen der Häuser die Nacht überstan-
       den hatten. Durch Beschränkung ihrer früher unbestimmten Zahl ist
       diesem Wesen  von der  Obrigkeit jetzt  einigermaßen ein Ziel ge-
       setzt worden.
       
       ["Telegraph für Deutschland" Nr. 50 vom März 1839]
       Die Gründe  dieses Treibens liegen auf der Hand. Zuvörderst trägt
       das Fabrikarbeiten  sehr viel dazu bei. Das Arbeiten in den nied-
       rigen Räumen,  wo die  Leute mehr  Kohlendampf und Staub einatmen
       als Sauerstoff,  und das  meistens schon von ihrem sechsten Jahre
       an, ist  grade dazu  gemacht, ihnen  alle Kraft und Lebenslust zu
       rauben. Die  Weber, die  einzelne Stühle  in ihren Häusern haben,
       sitzen vom  Morgen bis in die Nacht gebückt dabei und lassen sich
       vom heißen  Ofen das  Rückenmark ausdörren. Was von diesen Leuten
       dem Mystizismus  nicht in  die Hände  gerät, verfällt ins Brannt-
       weintrinken. Dieser  Mystizismus muß in der frechen und widerwär-
       tigen Gestalt,  wie er  dort herrscht,  notwendig das entgegenge-
       setzte Extrem  hervorrufen, und daher kommt es hauptsächlich, daß
       das   V o l k  dort nur aus "Feinen" (so heißen die Mystiker) und
       liederlichem Gesindel  besteht.  Schon  diese  Spaltung  in  zwei
       feindselige Parteien  wäre, abgesehn  von der Beschaffenheit der-
       selben, allein  imstande, die  Entwicklung alles  Volksgeistes zu
       zerstören, und was ist
       
       #418# Friedrich Engels
       -----
       da zu  hoffen, wo  auch das  Verschwinden der einen Partei nichts
       helfen würde,  weil beide gleich schwindsüchtig sind? Die wenigen
       kräftigen Gestalten,  die man dort sieht, sind fast nur Schreiner
       oder andre  Handwerker, die  alle aus  fremden Gegenden her sind;
       unter den eingebornen Gerbern sieht man auch kräftige Leute, aber
       drei Jahre  ihres Lebens  reichen hin, sie körperlich und geistig
       zu vernichten;  von fünf  Menschen sterben  drei an  der Schwind-
       sucht, und alles das kommt vom Branntweintrinken. Dies aber hätte
       wahrlich nicht  auf eine  so furchtbare  Weise  überhandgenommen,
       wenn nicht  der Betrieb  der Fabriken auf eine so unsinnige Weise
       von den Inhabern gehandhabt würde, und wenn der Mystizismus nicht
       in der  Art bestände,  wie er  besteht, und  wie er immer mehr um
       sich zu  greifen droht.  Aber es herrscht ein schreckliches Elend
       unter den  niedern Klassen, besonders den Fabrikarbeitern im Wup-
       pertal; syphilitische  und Brustkrankheiten  herrschen  in  einer
       Ausdehnung, die  kaum zu  glauben ist; in Elberfeld allein werden
       von 2500  schulpflichtigen Kindern  1200 dem  Unterricht entzogen
       und wachsen  in den Fabriken auf, bloß damit der Fabrikherr nicht
       einem Erwachsenen,  dessen Stelle sie vertreten, das Doppelte des
       Lohnes zu  geben nötig  hat, das er einem Kinde gibt. Die reichen
       Fabrikanten aber  haben ein  weites Gewissen,  und ein  Kind mehr
       oder weniger  verkommen zu lassen, bringt keine Pietistenseele in
       die Hölle, besonders wenn sie alle Sonntage zweimal in die Kirche
       geht. Denn das ist ausgemacht, daß unter den Fabrikanten die Pie-
       tisten am  schlechtesten mit  ihren Arbeitern  umgehen, ihnen den
       Lohn auf  alle mögliche Weise verringern, unter dem Vorwande, ih-
       nen Gelegenheit  zum Trinken zu nehmen, ja bei Predigerwahlen im-
       mer die ersten sind, die ihre Leute bestechen.
       In den  niedern Ständen herrscht der Mystizismus am meisten unter
       den Handwerkern  (zu denen  ich die Fabrikanten nicht rechne). Es
       ist ein trauriger Anblick, wenn man solch einen Menschen, gebück-
       ten Ganges, in einem langen, langen Rock, das Haar auf Pietisten-
       art gescheitelt,  über die Straßen gehen sieht. Aber wer dies Ge-
       schlecht wahrhaft  kennen will,  der  muß  in  eine  pietistische
       Schmiede- oder Schusterwerkstatt eintreten. Da sitzt der Meister,
       rechts neben  ihm die  Bibel, links, wenigstens sehr häufig - der
       Branntwein. Von  Arbeiten ist da nicht viel zu sehen; der Meister
       liest fast  immer in  der Bibel,  trinkt mitunter eins und stimmt
       zuweilen mit  dem Chore  der Gesellen ein geistlich Lied an; aber
       die Hauptsache  ist immer  das Verdammen des lieben Nächsten. Man
       sieht, diese  Richtung ist hier dieselbe wie überall. Ihre Bekeh-
       rungswut bleibt  auch nicht  ohne Früchte. Besonders werden viele
       gottlose Säufer  etc. bekehrt,  meist auf  wunderbare Weise. Aber
       das hat  sich wohl;  diese Proselyten sind alle entnervte, geist-
       lose Menschen,  die zu überzeugen eine Kleinigkeit ist; diese be-
       kehren sich, lassen sich jede Woche mehrere Male
       
       #419# Briefe aus dem Wuppertal
       -----
       zu Tränen  rühren, und  treiben ihr  ehemaliges Leben im geheimen
       fort. Vor  mehreren Jahren kam diese Wirtschaft einmal ans Tages-
       licht, zum  Schrecken aller Mucker. Es fand sich nämlich ein ame-
       rikanischer Spekulant unter dem Namen Pastor Jürgens ein; er pre-
       digte mehrere  Male und  hatte sehr viel Zulauf, weil die meisten
       Leute glaubten,  er müsse als Amerikaner notwendig braun oder gar
       schwarz sein.  Aber wie erstaunten sie, als er nicht nur ein Wei-
       ßer war,  sondern auch  dergestalt predigte, daß die ganze Kirche
       in Tränen  zerfloß; das hatte übrigens seinen Grund darin, daß er
       selbst, wenn alle Mittel der Rührung fehlschlugen, zu wimmern an-
       fing. Nun  war eine Stimme des Staunens unter den Gläubigen; zwar
       opponierten einige  Vernünftige, aber  da wurden  sie  recht  als
       Gottlose verschrien; bald hielt Jürgens Konventikel, bekam reiche
       Geschenke von  seinen angesehnen  Freunden und lebte herrlich und
       in Freuden. Seine Predigten wurden so stark besucht wie keine an-
       dern; seine  Konventikel waren überfüllt, jedes seiner Worte ließ
       Männer und  Weiber weinen. Jetzt glaubten alle, er sei zum wenig-
       sten ein  halber Prophet und werde das neue Jerusalem bauen, aber
       auf einmal  war der  Spaß vorbei. Es wird plötzlich offenbar, was
       für Dinge  in seinen  Konventikeln getrieben werden; Herr Jürgens
       wird festgesetzt  und hat ein paar Jahre in Hamm auf dem Inquisi-
       toriat Buße  getan für  seine Frömmigkeit. Nachher ist er mit dem
       Versprechen der  Besserung entlassen und wieder nach Amerika spe-
       diert worden.  Auch erfuhr man, daß er seine Künste schon in Ame-
       rika angewandt,  deshalb von  da  weitergeschickt,  in  Westfalen
       schon, um  nicht aus  der Übung  zu kommen, eine Repetition ange-
       stellt, wo  er aus  Gnade oder  vielmehr Schwachheit der Behörden
       ohne weitere  Nachforschungen entlassen,  und sodann in Elberfeld
       seinem liederlichen Leben durch nochmalige Wiederholung die Krone
       aufgesetzt. Als  nun offenbar  wurde, was da war geschehen in den
       Versammlungen dieses  Edlen, siehe, da erhob sich wider ihn alles
       Volk, und  war keiner,  der etwas von ihm wissen wollte; sie sind
       alle von  ihm abgefallen,  vom Libanon  bis an  das Salzmeer, das
       heißt vom  Rittershauser Berg  bis an das Wehr zu Sonnborn in der
       Wupper.
       
       ["Telegraph für Deutschland" Nr. 51 vom März 1839]
       Der eigentliche  Mittelpunkt alles  Pietismus und Mystizismus ist
       aber die  reformierte Gemeinde  in Elberfeld. Von jeher zeichnete
       sie sich durch streng calvinistischen Geist aus, der in den letz-
       ten Jahren  durch die Anstellung der bigottesten Prediger - jetzt
       wirtschaften ihrer  viere zugleich dort - zur schroffsten Intole-
       ranz geworden  ist und  dem papistischen Sinn wenig nachsteht. Da
       werden komplette Ketzergerichte in den Versammlungen gehalten; da
       wird der Wandel eines jeden, der diese nicht besucht, rezensiert,
       da heißt es: Der
       
       #420# Friedrich Engels
       -----
       und der  liest Romane,  auf dem Titel steht zwar christlicher Ro-
       man, aber  der Pastor  Krummacher hat gesagt, Romanenbücher seien
       gottlose Bücher; oder der und der schiene doch auch vor dem Herrn
       zu wandeln,  aber er  ist vorgestern im Konzert gesehen - und sie
       schlagen die  Hände über  dem Kopf  zusammen vor Schreck über die
       greuliche Sünde. Und steht nun erst ein Prediger im Ruf eines Ra-
       tionalisten (darunter  verstehen sie  jeden, der  nicht mit ihrer
       Ansicht aufs Haar übereinstimmt), so wird er hergenommen, und sie
       sehen genau  zu, ob  sein Rock  auch ganz  schwarz und seine Hose
       recht von orthodoxer Farbe war; und wehe ihm, wo er sich in einem
       etwas ins  Blaue fallenden  Rock oder mit einer rationalistischen
       Weste betreten  läßt! Kommt nun gar einer, der die Prädestination
       nicht glaubt,  so heißt's  gleich: Der ist beinahe so schlimm als
       ein Lutheraner,  ein Lutheraner ist nicht viel besser als ein Ka-
       tholik, ein  Katholik und  ein Götzenanbeter  aber ist  von Natur
       verdammt. Und  was sind  das für Leute, die so reden? Unwissendes
       Volk, die  kaum wissen,  ob die  Bibel chinesisch  oder hebräisch
       oder griechisch geschrieben, und nach den Worten eines einmal als
       orthodox anerkannten Predigers alles beurteilen, es mag dahin ge-
       hören oder nicht.
       Dieser Geist  war vorhanden,  seit die Reformation hier die Ober-
       hand bekam,  blieb aber  unbeachtet, bis  der vor  einigen Jahren
       verstorbene Prediger G. D. Krummacher an eben dieser Gemeinde an-
       fing, ihn recht zu hegen und zu pflegen; bald war der Mystizismus
       in der  schönsten Blüte,  aber K[rummacher] starb, ehe die Frucht
       reif wurde;  dies ist  erst geschehen, seit sein Bruderssohn, Dr.
       Friedrich Wilhelm Krummacher, die Lehre so scharf ausgebildet und
       bestimmt hat,  daß man  nicht weiß,  ob man  das Ganze für Unsinn
       oder für  Blasphemie halten  soll. Nun,  die Frucht  ist reif; es
       wird sich keiner verstehen, sie zu pflücken, und so wird sie wohl
       mit der Zeit elendiglich faul abfallen müssen.
       Gottfried Daniel  Krummacher, Bruder des durch seine Parabeln be-
       kannten Dr.  F. A. Krummacher in Bremen, starb vor etwa drei Jah-
       ren in  Elberfeld nach  einer sehr  langen Amtstätigkeit. Als vor
       mehr als zwanzig Jahren in Barmen ein Prediger die Prädestination
       nicht ganz  so scharf  wie er  von der Kanzel lehrte, fingen sie,
       unter dem  Vorwande, solch eine ungläubige Predigt sei gar keine,
       an, in  der Kirche zu rauchen, Lärm zu machen und ihn am Predigen
       zu verhindern,  so daß  die Obrigkeit  sich genötigt  sah, einzu-
       schreiten. Da  schrieb Krummacher  einen entsetzlich groben Brief
       an den  Barmer Magistrat,  wie Gregor  VII. an  Heinrich IV.  ge-
       schrieben haben  würde [174],  und befahl, die Mucker ungeschoren
       zu lassen,  da sie  nur ihr  teures Evangelium verteidigten; auch
       predigte er  davon. Er  wurde aber  nur verlacht. Dies bezeichnet
       seinen Geist,  den er  bis an sein Ende bewahrt hat. Übrigens war
       er von so merkwürdigen Sitten, daß tausend Anekdoten von ihm zir-
       kulieren,
       
       #421# Briefe aus dem Wuppertal
       -----
       nach denen  man ihn  entweder für  einen kuriosen Sonderling oder
       einen herzlich groben Menschen halten muß.
       Dr. Friedrich  Wilhelm Krummacher,  ein Mann von ungefähr vierzig
       Jahren, groß, stark, von imposanter Gestalt, doch nimmt er, seit-
       dem er  in Elberfeld  ist, einen nicht unbedeutenden körperlichen
       Umfang an. Sein Haar trägt er auf ganz absonderliche Weise, worin
       ihm alle  seine Anhänger  nachahmen, wer weiß, vielleicht wird es
       noch einmal Mode, die Haare à la Krummacher zu tragen; doch würde
       diese Mode  alle frühern,  sogar die  der Puderperücken, an Abge-
       schmacktheit übertreffen.
       Als Student  war  er  Mitarbeiter  an  der  turnenden  Demagogie,
       schrieb Freiheitslieder,  trug auf  dem Wartburgfeste  eine Fahne
       und hielt eine Rede, die großen Eindruck gemacht haben soll. Die-
       ser flotten  Jahre gedenkt  er noch häufig auf der Kanzel mit den
       Worten: Als ich noch unter den Hethitern und Kananitern war. Spä-
       ter wurde  er in  Barmen von der reformierten Gemeine zum Pfarrer
       gewählt, und  seine eigentliche  Reputation datiert sich erst von
       dieser Zeit.  Kaum war  er da, so rief er schon durch seine Lehre
       der strengen  Prädestination eine Spaltung nicht nur zwischen Lu-
       theranern und  Reformierten, sondern  auch unter letztem zwischen
       strengen und  gelinden Prädestinatianern  hervor. Einmal  kam ein
       alter steifer  Lutheraner ein wenig angetrunken aus einer Gesell-
       schaft und  mußte über  eine baufällige  Brücke gehen. Das mochte
       ihm in  seinem Zustände  doch etwas gefährlich dünken, und so be-
       gann er  zu reflektieren:  Gehst du  hinüber, und es geht gut, so
       ist's gut,  geht es  aber nicht gut, dann fällst du in die Wupper
       und dann  sagen die  Reformierten, es  hätte so  sein sollen; nun
       soll es  aber nicht  so sein.  Er kehrte  also  um,  suchte  eine
       seichte Stelle,  und an dieser watete er, bis an den Leib im Was-
       ser, hindurch,  mit dem  seligen Gefühl,  die Reformierten  eines
       Triumphes beraubt zu haben.
       Als in  Elberfeld eine Stelle vakant wurde, wählte man Krummacher
       dahin, und  in Barmen  schwand alsbald aller Zwist, während er in
       Elberfeld noch  weit stärker  erregt wurde. Schon Krummachers An-
       trittspredigt erzürnte  die einen und begeisterte die andern; der
       Zwist steigerte  sich immer  mehr, besonders da bald jeder Predi-
       ger, wenn auch alle dieselben Ansichten hatten, eine eigne Partei
       bekam, die  sein einziges  Auditorium ausmachte. Später wurde man
       der Sache überdrüssig, und das ewige Schreien: Ich bin krummache-
       risch, ich  bin kohlisch etc. fiel weg, nicht aus Liebe zum Frie-
       den, sondern weil die Parteien sich immer bestimmter schieden.
       Krummacher ist  unleugbar ein  Mann von  ausgezeichnetem rhetori-
       schen, auch  poetischen Talent; seine Predigten sind nie langwei-
       lig, ihr  Zusammenhang ist sicher und natürlich; vorzüglich stark
       ist er in dunkelschattigen Schilderungen -
       
       #422# Friedrich Engels
       -----
       seine Schilderung  der Hölle  ist stets neu und kühn, wie oft sie
       auch vorkommt  - und  in Antithesen.  Dagegen hält er sich wieder
       sehr häufig an der biblischen Phraseologie und an den darin gege-
       benen Bildern,  die, wenn auch ihre Anwendung meistens geistreich
       ist, zuletzt  doch sich wiederholen müssen; dazwischen trifft man
       denn wieder  ein höchst prosaisches Bild aus dem gewöhnlichen Le-
       ben oder  eine Erzählung aus seinen eignen Schicksalen und seinen
       unbedeutendsten Erfahrungen.  Alles bringt  er auf die Kanzel, es
       mag passen  oder nicht;  eine  Reise  nach  Württemberg  und  der
       Schweiz hat er neulich in zwei Predigten seinen andächtigen Zuhö-
       rern zum  besten gegeben,  darin sprach er von seinen siegreichen
       vier Disputationen  mit Paulus in Heidelberg und Strauß in Tübin-
       gen, freilich  ganz anders,  als Strauß sich in einem Briefe dar-
       über ausdrückt. - Seine Deklamation ist stellenweise sehr gut und
       seine gewaltsame,  handgreifliche Gestikulation  oft ganz passend
       angebracht; zuweilen aber über alle Begriffe manieriert und abge-
       schmackt. Dann rennt er in allen Richtungen auf der Kanzel umher,
       beugt sich  nach allen  Seiten, schlägt auf den Rand, stampft wie
       ein Schlachtroß und schreit dazu, daß die Fenster klirren und die
       Leute auf der Straße zusammenfahren. Da beginnen denn die Zuhörer
       zu schluchzen; zuerst weinen die jungen Mädchen, die alten Weiber
       fallen mit  einem herzzerschneidenden  Sopran ein, die entnervten
       Branntweinpietisten, denen  seine Worte durch Mark und Bein gehen
       würden, wenn  sie noch  Mark in den Knochen hätten, vollenden die
       Dissonanz mit ihren Jammertönen, und dazwischen tönt seine gewal-
       tige Stimme  durch all das Heulen hin, mit der er der ganzen Ver-
       sammlung unzählige  Verdammungsurteile  oder  diabolische  Szenen
       vormalt.
       
       ["Telegraph für Deutschland" Nr. 52 vom März 1839]
       Und nun  gar seine Lehre! Man begreift nicht, wie ein Mensch der-
       gleichen, was  mit der  Vernunft und der Bibel im direktesten Wi-
       derspruch steht,  glauben kann.  Demungeachtet hat Krummacher die
       Doktrin so  scharf ausgeprägt  und in allen Konsequenzen verfolgt
       und festgehalten,  daß man  nichts  verwerfen  kann,  sobald  die
       Grundlage zugegeben  ist, nämlich  die Unfähigkeit  des Menschen,
       aus eigner  Kraft das  Gute zu  wollen, geschweige zu tun. Daraus
       folgt die  Notwendigkeit einer  Befähigung von  außen, und da der
       Mensch das  Gute nicht  einmal wollen kann, so muß ihm Gott diese
       Befähigung aufdringen. Aus dem freien Willen Gottes folgt nun die
       willkürliche Verleihung  derselben,  die  sich  auch,  wenigstens
       scheinbar, auf die Schrift stützt. - Auf solcher Konsequenzmache-
       rei beruht  die ganze  Lehre; die wenigen Erwählten werden nolen-
       tes, volentes 1*) selig, die andern werden also verdammt,
       -----
       1*) ob sie wollen oder nicht
       
       #423# Briefe aus dem Wuppertal
       -----
       auf ewig. "Auf ewig? - Ja, auf ewig!!" (Krummacher). Ferner steht
       geschrieben: Niemand kommt zum Vater, denn durch mich; die Heiden
       können aber  nicht durch  Christum zum  Vater  kommen,  weil  sie
       Christum nicht  kennen; also  sind sie alle bloß da, um die Hölle
       zu füllen.  - Unter  den Christen  sind viele  berufen und wenige
       auserwählt; die  vielen Berufenen  sind aber nur zum Schein beru-
       fen, und  Gott hütete sich wohl, sie so stark zu berufen, daß sie
       Folge leisteten, alles zur Ehre Gottes und auf daß sie keine Ent-
       schuldigung haben. Dann steht auch geschrieben: Die Weisheit Got-
       tes ist den Klugen dieser Welt eine Torheit; dies ist für die My-
       stiker ein  Befehl, ihren Glauben recht unsinnig auszubilden, da-
       mit doch  ja dieser  Spruch in  Erfüllung gehe. Wie das alles mit
       der Lehre  der Apostel  stimmt, die vom vernünftigen Gottesdienst
       und vernünftiger  Milch des Evangeliums sprechen, das ist ein Ge-
       heimnis, das der Vernunft zu hoch ist.
       Solche Lehren  verderben alle Krummacherschen Predigten; die ein-
       zigen, in  denen sie  nicht so stark hervortreten, sind die Stel-
       len, wo  er von  dem Gegensatz  der irdischen  Üppigkeit und  der
       Niedrigkeit Christi  oder des  Stolzes der weltlichen Fürsten und
       Gottes spricht.  Da bricht sehr häufig noch ein Strahl von seiner
       frühern Demagogie  durch, und  redete er dann nicht so allgemein,
       so würde die Regierung nicht dazu schweigen.
       Der ästhetische  Wert seiner  Predigten wird nur von sehr wenigen
       in Elberfeld  gewürdigt; denn  wenn man  seine drei Kollegen, die
       fast alle ein gleich starkes Auditorium haben, gegen ihn hält, so
       erscheint er als Eins, die andern als lauter Nullen dahinter, die
       nur dazu  dienen, seinen Wert zu erhöhen. Die älteste dieser Nul-
       len heißt  Kohl, dessen Name zugleich seine Predigten bezeichnet;
       die zweite  Hermann, kein Nachkomme dessen 1*), dem sie jetzt ein
       Denkmal setzen,  das die  Geschichte und  den  Tacitus  überleben
       soll, die  dritte Ball - nämlich Krummachers Spielball; alle drei
       höchst orthodox  und in  den Predigten  Nachtreter der schlechten
       Seiten Krummachers. Lutherische Pfarrer in Elberfeld sind: Sander
       und Hülsmann,  die früher,  als ersterer  noch in  Wichlinghausen
       stand und in den bekannten Streit mit Hülsmann in Dahle, jetzt in
       Lennep, dem Bruder von Sanders jetzigem Kollegen, verwickelt war,
       sich wütend  in den  Haaren lagen. In ihrer jetzigen Stellung be-
       nehmen sich beide würdig gegeneinander, die Pietisten aber suchen
       die Zwietracht  wieder hervorzulocken,  indem sie  Hülsmann immer
       allerlei Vergehen  gegen Sander  vorzuwerfen haben. Der dritte im
       Bunde ist  Döring, dessen  Zerstreutheit sehr  originell ist;  er
       kann keine  drei Sätze im Zusammenhang sprechen, dagegen aus drei
       Teilen einer Predigt
       -----
       1*) Arminius
       
       #424# Friedrich Engels
       -----
       vier machen, indem er einen wörtlich wiederholt, ohne das gering-
       ste zu merken. Probatum est. 1*) Von seinen Gedichten wird später
       die Rede sein.
       Unter den  Barmer Predigern  ist  nicht  viel  Unterschied;  alle
       streng orthodox, mit mehr oder weniger pietistischer Beimischung.
       Nur Stier  in Wichlinghausen ist einigermaßen bemerkenswert. Jean
       Paul soll  ihn als  Knaben gekannt  und ausgezeichnete Anlagen in
       ihm entdeckt  haben. Er  war als  Pfarrer in Frankleben bei Halle
       angestellt und  gab in  dieser Zeit mehrere poetische und prosai-
       sche Schriften  heraus, eine  Verbesserung des  Lutherschen Kate-
       chismus, ein  Surrogat für  denselben, und ein Hülfsbüchlein dazu
       für stupide  Lehrer, nicht weniger auch ein Werklein über die Ge-
       sangbuchsnot  in   der   Provinz   Sachsen,   welches   von   der
       "Evangelischen Kirchenzeitung"  ausnehmend belobt  wurde, und we-
       nigstens vernünftigere Ansichten über Kirchenlieder enthielt, als
       man im  gesegneten Wuppertal vernimmt, wenn auch noch mancher un-
       begründete Machtspruch darin vorkommt. Seine Gedichte sind höchst
       langweilig, auch hat er sich das Verdienst erworben, einige heid-
       nische Gedichte Schillers für die Orthodoxen genießbar zu machen.
       Zum Beispiel aus den Göttern Griechenlands:
       
       Da ihr noch die eitle Welt regiertet,
       An der Sünde trügerischem Band,
       Lange Zeit manch Menschenalter führtet,
       Leere Wesen aus dem Fabelland!
       Ach, da euer Sünderdienst noch glänzte,
       Wie ganz anders, anders war es da!
       Da man deine Tempel noch bekränzte,
       Venus Amathusia!
       
       Wirklich sehr geistreich, ja wahrhaft mystisch! Seit einem halben
       Jahre ist Stier in Wichlinghausen an Sanders Stelle, hat die Bar-
       mer Literatur indes noch nicht bereichert.
       Ein Ort  bei Elberfeld,  Langenberg, gehört  seinem ganzen  Wesen
       nach noch  zum Wuppertal.  Dieselbe Industrie  wie dort, derselbe
       pietistische Geist. Dort steht Emil Krummacher, Bruder des Fried-
       rich Wilhelm; er ist nicht so schroffer Prädestinatianer wie die-
       ser, ahmt  ihm aber  sehr nach,  wie diese  Stelle seiner letzten
       Weihnachtspredigt zeigt:
       
       "Mit den irdischen Leibern sitzen wir hier zwar noch auf den höl-
       zernen Bänken,  aber unsre  Geister schwingen  sich mit Millionen
       Gläubigen auf  den heiligen Berg, und nachdem sie dort das Jauch-
       zen der himmlischen Heerscharen vernommen, gehen sie hinab in das
       arme Bethlehem.  Und was  erblicken sie  da? Zuerst  einen  armen
       Stall,
       -----
       1*) Es ist erwiesen.
       
       #425# Briefe aus dem Wuppertal
       -----
       und in  dem armen, armen Stall eine arme Krippe, und in der armen
       Krippe armes,  armes Heu  und Stroh, und auf dem armen, armen Heu
       und Stroh  liegt, wie  das arme Kind eines Bettlers in armen Win-
       deln der reiche Herr der Welt."
       
       Nun wäre  wohl das  Missionshaus noch  zu besprechen, aber die in
       diesen Blättern schon früher erwähnten "Harfenklänge" [177] eines
       Exmissionärs geben genügend Zeugnis davon, was für ein Geist dort
       herrscht. Der Inspektor desselben, Dr.  R i c h t e r,  ist übri-
       gens ein  gelehrter Mann,  bedeutender Orientalist  und Naturfor-
       scher, gibt auch eine "erklärte Hausbibel" heraus.
       Das ist  das Treiben  der Pietisten  im Wuppertal;  man  begreift
       nicht, daß  zu unsrer  Zeit dergleichen noch aufkommen kann; aber
       es scheint  doch, als  könne auch dieser Fels des alten Obskuran-
       tismus dem rauschenden Strom der Zeit nicht mehr widerstehen; der
       Sand wird weggespült, der Fels stürzt und tut einen großen Fall.
       
       
       II
       
       
       ["Telegraph für Deutschland", Nr 57 vom April 1839]
       In einer  Gegend, die so von Pietisterei erfüllt ist, versteht es
       sich von  selbst, daß  diese, nach  allen Seiten sich ausdehnend,
       jede einzelne  Richtung des Lebens durchdringt und verdirbt. Ihre
       Hauptgewalt übt  sie aus  auf das Unterrichtswesen, vor allem auf
       die Volksschulen.  Der eine  Teil von  diesen liegt ganz in ihren
       Händen; es sind dies die kirchlichen Schulen, deren jede Gemeinde
       eine hat.  Freier schon,  doch auch noch immer unter Aufsicht des
       kirchlichen Scholarchats, stehen die übrigen Volksschulen da, auf
       die die  Zivilverwaltung einen  bedeutenderen Einfluß hat. Und da
       liegen die  hindernden Einwirkungen des Mystizismus auf der Hand;
       denn während  die kirchlichen Schulen noch immer, wie weiland un-
       ter dem hochseligen Kurfürsten Karl Theodor, außer Lesen, Schrei-
       ben und  Rechnen nur  den Katechismus  ihren Schülern  einprägen,
       werden auf den andern doch die Anfangsgründe einiger Wissenschaf-
       ten, auch  etwas Französisch  gelehrt, und viele der Schüler, da-
       durch angeregt,  suchen sich, auch wenn sie die Schule schon ver-
       lassen, weiter  fortzubilden. Diese Schulen sind in einem starken
       Fortschreiten begriffen  und haben seit dem Eintritte des preußi-
       schen Gouvernements die kirchlichen, hinter denen sie damals sehr
       zurückstanden, weit überholt. Die kirchlichen Schulen werden aber
       viel stärker besucht, da sie weit weniger Kosten machen und viele
       Eltern ihre  Kinder teils  aus Anhänglichkeit,  teils weil sie in
       dem Fortschreiten  der Kinder  ein Überhandnehmen  des weltlichen
       Sinnes sehen, immer noch dahin schicken.
       Von höheren  Lehranstalten ernährt das Wuppertal drei: die Stadt-
       schule in  Barmen, die  Realschule in Elberfeld und das Gymnasium
       daselbst.
       
       #426# Friedrich Engels
       -----
       Die Barmer  Stadtschule, sehr  schwach dotiert  und deshalb  sehr
       schlecht mit Lehrern besetzt, tut indes alles, was in ihren Kräf-
       ten steht. Sie liegt ganz in den Händen eines beschränkten, knic-
       kerigen Kuratoriums,  das meist  auch nur  Pietisten  zu  Lehrern
       wählt. Der  Direktor, der  dieser Richtung  auch nicht fremd ist,
       versieht sein  Amt indes nach festen Prinzipien und weiß sehr ge-
       schickt jedem  Lehrer seine Stelle anzuweisen. Auf ihn folgt Herr
       Johann Jakob Ewich, der nach einem guten Lehrbuche gut unterrich-
       ten kann  und im  Geschichtsunterricht eifriger Anhänger des Nös-
       seltschen Anekdotensystems ist. Er ist Verfasser vieler pädagogi-
       scher Schriften,  deren größte,  d.h. dem Umfange nach, den Titel
       führt: "Human",  Wesel bei  Bagel, zwei  Bände, 40 Bogen, Preis 1
       Reichstaler. Alle  sind voll hoher Ideen, frommer Wünsche und un-
       ausführbarer Vorschläge.  Man  sagt,  seine  pädagogische  Praxis
       solle hinter der schönen Theorie weit zurückstehn.
       Dr. Philipp  Schifflin, zweiter  Oberlehrer, ist  der  tüchtigste
       Lehrer der  Schule. Vielleicht  ist keiner in Deutschland so tief
       in die  grammatische Struktur  des modernen  Französischen einge-
       drungen wie  er. Er  ging nicht  vom Altromanischen  aus, sondern
       faßte die  klassische Sprache des vorigen Jahrhunderts, besonders
       Voltaires, auf  und ging von dieser zum Stil der neuesten Autoren
       über.  Die   Resultate  seiner   Forschungen  liegen   in  seiner
       "Anleitung zur  Erlernung der französischen Sprache, in drei Cur-
       sen", vor,  von denen der erste und zweite schon in mehreren Auf-
       lagen erschienen und der dritte jetzt zu Ostern herauskömmt. Dies
       ist ohne  Zweifel neben  der Knebelschen  die beste  französische
       Sprachlehre, die wir besitzen; sie fand gleich beim Auftreten des
       ersten Kursus  ungemessenen Beifall  und erfreut sich schon jetzt
       einer fast  beispiellosen Verbreitung durch ganz Deutschland, bis
       nach Ungarn und den russischen Ostseeprovinzen hin.
       Die übrigen Lehrer sind junge Seminaristen, von denen sich einige
       tüchtig herangebildet  haben, andre  aber mit einem Chaos von al-
       lerlei Wissenschaften  schwanger gehen. Der beste von diesen jun-
       gen Lehrern war Herr Köster, Freiligraths Freund, von dem ein Ab-
       riß der Poetik in einem Programme steht, worin er die didaktische
       Poesie ganz  ausschloß und die ihr gewöhnlich zugeteilten Gattun-
       gen der Epik oder Lyrik unterordnete; der Aufsatz zeugte von Ein-
       sicht und  Klarheit. Er wurde nach Düsseldorf berufen, und da die
       Herren vom  Kuratorium ihn  als Gegner aller Pietisterei kannten,
       ließen sie ihn sehr gerne ziehen. Den Gegensatz zu ihm bildet ein
       anderer Lehrer,  der auf  die Frage  eines Quartaners, wer Goethe
       gewesen sei, antwortete: "ein gottloser Mann".
       Die Elberfelder Realschule ist sehr gut fundiert und kann deshalb
       tüchtigere Lehrer  wählen und  einen vollständigeren  Kursus ein-
       richten. Dagegen
       
       #427# Briefe aus dem Wuppertal
       -----
       herrscht auf  ihr jene  fürchterliche Heftschreiberei,  die einen
       Schüler in  einem halben  Jahre stumpf  machen kann. Nebenbei ist
       von Direktion  wenig zu  spüren; der  Direktor ist die Hälfte des
       Jahres verreist  und betätigt  seine Anwesenheit  nur durch über-
       triebene Strenge.  Mit der  Realschule ist eine Gewerbschule ver-
       bunden, auf der die Schüler ihr halbes Leben verzeichnen. Von den
       Lehrern ist  Herr Dr.  Kruse bemerkenswert,  der sechs  Wochen in
       England war  und  ein  Werklein  über  die  englische  Aussprache
       schrieb, welches  sich durch seine ausgezeichnete Unbrauchbarkeit
       bemerklich macht;  die Schüler  stehen in  einem sehr  schlechten
       Rufe und sind die Veranlassung zu Diesterwegs Klagen über die Ju-
       gend Elberfelds.
       Das Gymnasium  in Elberfeld ist in sehr bedrängten Verhältnissen,
       aber anerkannt  eins der  besten im preußischen Staat. Es ist Ei-
       gentum der reformierten Gemeinde, hat von ihrem Mystizismus wenig
       zu leiden,  weil die  Prediger sich nicht darum bekümmern und die
       Scholarchen nichts von Gymnasialsachen verstehen; desto mehr aber
       von ihrer  Knauserei. Diese Herren haben nicht die geringste Idee
       von der  Vorzüglichkeit der  preußischen Gymnasialbildung, suchen
       der Realschule  alles, Geld  wie Schüler,  zuzuwenden und  werfen
       doch dem  Gymnasium vor,  daß es  durch Schulgeld  seine Auslagen
       nicht einmal  decken könne.  Es wird  jetzt unterhandelt, daß die
       Regierung, der es sehr darum zu tun ist, das Gymnasium übernimmt;
       käme es  nicht dazu,  so mußte es in wenigen Jahren aus Mangel an
       Mitteln suspendiert werden. Die Lehrerwahlen liegen jetzt auch in
       den Händen  der Scholarchen,  Leute, die  zwar einen  Posten sehr
       korrekt ins Hauptbuch übertragen können, aber von Griechisch, La-
       tein oder  Mathematik keine  Idee haben.  Das Hauptprinzip  ihrer
       Wahl ist:  lieber einen  reformierten Stümper als einen tüchtigen
       Lutheraner oder gar Katholiken zu wählen. Da aber unter den preu-
       ßischen Philologen weit mehr Lutheraner als Reformierte sind, ha-
       ben sie diesem Prinzipe fast nie recht folgen können.
       Dr. Hantschke, königlicher Professor und provisorischer Direktor,
       ist aus  Luckau in der Lausitz, schreibt ein ciceronianisches La-
       tein in  Versen und Prosa, ist auch Verfasser mehrerer Predigten,
       pädagogischer Schriften  und eines  hebräischen Übungsbuches.  Er
       wäre längst  fester Direktor  geworden, wenn  er nicht lutherisch
       und das Scholarchat weniger geizig wäre.
       Dr. Eichhoff,  zweiter Oberlehrer,  schrieb mit  seinem  jüngeren
       Kollegen, Dr.  Beltz, eine lateinische Grammatik, die aber in der
       "Allgemeinen Litteratur-Zeitung"  von F. Haase nicht sehr günstig
       rezensiert wurde. Seine Hauptforce ist das Griechische.
       Dr. Clausen, dritter Oberlehrer, ohne Zweifel der tüchtigste Mann
       in der  ganzen Schule,  in allen  Fächern bewandert,  in der  Ge-
       schichte und Literatur
       
       #428# Friedrich Engels
       -----
       ausgezeichnet. Sein  Vortrag ist  von seltener  Anmut; er ist der
       einzige, der  den Sinn der Poesie in den Schülern zu wecken weiß,
       den Sinn, der sonst elendiglich verkümmern müßte unter den Phili-
       stern des  Wuppertales. Als  Schriftsteller ist er meines Wissens
       nur in einer Programm-Dissertation: "Pindaros der Lyriker" aufge-
       treten, die  ihm einen  großen Ruf  unter den Gymnasiallehrern in
       und außerhalb  Preußen gemacht  haben soll. In den Buchhandel ist
       sie natürlich nicht gekommen.
       Diese drei  Schulen sind erst seit 1820 eingerichtet worden; frü-
       her bestand  nur in  Elberfeld und  Barmen je eine Rektoratschule
       [178] und  eine Menge  von Privatinstituten,  die keine gediegene
       Bildung geben  konnten. Ihre Nachwirkungen sind noch an den älte-
       ren Kaufleuten  Barmens zu  spüren. Von Bildung - keine Idee; wer
       Whist und Billard spielen, etwas politisieren, ein gewandtes Kom-
       pliment machen kann, das ist in Barmen und Elberfeld ein gebilde-
       ter Mann. Es ist ein schreckliches Leben, was diese Menschen füh-
       ren, und  sie sind doch so vergnügt dabei; den Tag über versenken
       sie sich  in die  Zahlen ihrer  Konti, und das mit einer Wut, mit
       einem Interesse,  daß man  es kaum glauben möchte; abends zur be-
       stimmten Stunde  zieht alles in die Gesellschaften, wo sie Karten
       spielen, politisieren  und rauchen,  um mit dem Schlage neun nach
       Hause zurückzukehren. So geht es alle Tage, ohne Veränderung, und
       wehe dem, der ihnen dazwischenkömmt; er kann der ungnädigsten Un-
       gnade aller  ersten Häuser  gewiß sein. - Die jungen Leute werden
       brav von  ihren Vätern  in die  Schule genommen;  sie lassen sich
       auch sehr gut an, ebenso zu werden. Ihre Unterhaltungsgegenstände
       sind ziemlich  einförmig; die  Barmer sprechen  mehr von Pferden,
       die Elberfelder von Hunden; wenn's hoch kömmt, werden auch Schön-
       heiten rezensiert  oder es  wird von  Geschäftssachen geplappert,
       das ist alles. Alle halbe Jahrhundert sprechen sie auch von Lite-
       ratur, unter  welchem Namen  sie Paul de Kock, Marryat, Tromlitz,
       Nestroy und Konsorten verstehen. In der Politik sind sie als sehr
       gute Preußen,  weil sie  unter preußischer  Herrschaft stehen,  a
       priori allem Liberalismus gar sehr zuwider, alles, solange es Sr.
       Majestät gefällt,  ihnen den  Code Napoleon  [68] zu lassen; denn
       mit ihm würde aller Patriotismus schwinden. Das junge Deutschland
       [55] kennt niemand in seiner literarischen Bedeutung; es gilt für
       eine geheime  Verbindung, etwa  wie die Demagogie, unter dem Vor-
       sitze der Herren Heine, Gutzkow und Mundt. Einige der edlen Jüng-
       linge  haben   wohl  etwas  von  Heine  gelesen,  vielleicht  die
       "Reisebilder"  mit   Übergehung  der  Gedichte  darin,  oder  den
       "Denunzianten", aber  von den  übrigen herrschen  nur dunkle  Be-
       griffe aus  dem Munde  der Pfarrer  oder Beamten. Freiligrath ist
       den meisten  persönlich bekannt und steht im Rufe eines guten Ka-
       meraden. Als  er nach Barmen kam, wurde er von diesem grünen Adel
       (so
       
       #429# Briefe aus dem Wuppertal
       -----
       nennt er  das junge  Kaufmannsvolk) mit  Besuchen überhäuft; bald
       aber hatte  er ihren  Geist erkannt und zog sich zurück; aber sie
       verfolgten ihn,  lobten seine Gedichte und seinen Wein und streb-
       ten mit  aller Gewalt darnach, mit einem Brüderschaft zu trinken,
       der etwas  hatte drucken  lassen; denn  diesen Menschen  ist  ein
       Dichter nichts,  aber ein  Schriftsteller alles.  Nach  und  nach
       brach Freiligrath  allen Umgang  mit diesen  Menschen ab und ver-
       kehrt jetzt nur mit wenigen, nachdem Köster Barmen verlassen hat.
       Seine Prinzipale haben sich in ihrer prekären Stellung immer sehr
       anständig und  freundlich gegen  ihn benommen;  merkwürdigerweise
       ist er  ein höchst  exakter und  fleißiger  Kontorarbeiter.  Über
       seine dichterischen  Leistungen zu  sprechen, wäre sehr überflüs-
       sig, nachdem  Dingelstedt, in  dem "Jahrbuche der Literatur", und
       Carrière in den Berliner "Jahrbüchern" ihn so genau beurteilt ha-
       ben. Indes  scheinen mir beide nicht genug beachtet zu haben, wie
       er bei  allem Schweifen  in die  Ferne doch so sehr an der Heimat
       hängt. Darauf  deuten  die  häufigen  Anspielungen  auf  deutsche
       Volksmärchen, z.B.  S. 54,  die Unkenkönigin,  S.87,  Snewittchen
       [180] u.a., denen S. 157 ein ganzes Gedicht ("Im Walde") gewidmet
       ist, hin,  die  Nachahmung  Uhlands  (der  Edelfalk,  S.82,  "Die
       Schreinergesellen", S. 85, auch das erste der "Zwei Feldherrngrä-
       ber" erinnert doch nur zu seinem Vorteile an ihn), dann "Die Aus-
       wanderer" und vor allem sein unübertrefflicher "Prinz Eugen". Auf
       diese wenigen  Momente muß man desto mehr achten, je mehr Freili-
       grath in  die entgegengesetzte Richtung sich verliert. Einen tie-
       fen Blick  in sein  Gemüt eröffnet  auch "Der ausgewanderte Dich-
       ter", besonders  die Fragmente,  die im  "Morgenblatt" abgedruckt
       sind; darin  fühlt er  schon, wie  er in der Ferne nicht heimisch
       werden kann, wenn er nicht in echt deutscher Dichtkunst wurzelt.
       
       ["Telegraph für Deutschland", Nr 59 vom April 1839]
       In der  eigentlichen Wuppertaler Literatur nimmt die Journalistik
       die wichtigste  Stelle ein.  Obenan steht  die "Elberfelder  Zei-
       tung", redigiert  von Dr.  Martin Runkel,  die sich  unter seiner
       einsichtsvollen Leitung  einen bedeutenden und wohlverdienten Ruf
       erworben hat.  Er übernahm die Redaktion, als zwei Zeitungen, die
       "Allgemeine" und  "Provinzialzeitung", zu einer verschmolzen wur-
       den; unter nicht sehr günstigen Auspizien entstand das Blatt; die
       "Barmer Zeitung"  trat konkurrierend auf, aber Runkel hat es nach
       und nach  durch Streben nach eigner Korrespondenz und durch seine
       leitenden Artikel  zu einer  der ersten Zeitungen des preußischen
       Staates gemacht. Sie fand zwar in Elberfeld, wo die leitenden Ar-
       tikel nur  von wenigen gelesen werden, wenig, auswärts aber desto
       mehr Anerkennung, wozu der Verfall der
       
       #430# Friedrich Engels
       -----
       "Preußischen Staats-Zeitung"  auch das  Seinige beigetragen haben
       mag. Die belletristische Beilage, "lntelligenzblatt", erhebt sich
       nicht über das Gewöhnliche. Die "Barmer Zeitung", deren Verleger,
       Redaktoren und  Zensoren häufig wechselten, steht jetzt unter der
       Leitung von  H. Püttmann,  der zuweilen in der "Abendzeitung" re-
       zensierend auftritt. Er möchte die Zeitung wohl gerne heben, aber
       durch des  Verlegers wohlbegründete  Kargheit sind  ihm die Hände
       gebunden. Das Feuilleton mit einigen seiner Gedichte, Rezensionen
       oder Auszügen aus größeren Schriften angefüllt, tut's auch nicht.
       Der sie  begleitende "Wuppertaler  Lesekreis" nährt sich fast nur
       von Lewalds "Europa". Außer diesen erscheint noch der Elberfelder
       "Tägliche  Anzeiger"   nebst   "Fremdenblatt",   ein   Kind   der
       "Dorfzeitung", unübertrefflich  in herzbrechenden  Gedichten  und
       schlechten Witzen, und das "Barmer Wochenblatt", eine alte Nacht-
       mütze, dem die pietistischen Eselsohren alle Augenblick unter der
       belletristischen Löwenhaut hervorschauen.
       Von der  übrigen Literatur  ist die  Prosa gar nichts wert; nehme
       ich die  theologischen oder vielmehr pietistischen Schriften, ei-
       nige Werklein  über Barmens  und Elberfelds  Geschichte, die sehr
       oberflächlich abgefaßt  sind, weg,  so bleibt  nichts übrig. Aber
       die Poesie findet reichliche Pflege in dem "gesegneten Tale", und
       eine ziemliche  Anzahl Poeten  haben dort  ihren Wohnsitz  aufge-
       schlagen.
       Wilhelm  Langewiesche,   Buchhändler  zu   Barmen  und  Iserlohn,
       schreibt unter  dem Namen  W. Jemand, sein Hauptwerk ist eine di-
       daktische Tragödie,  "Der ewige  Jude", die freilich nicht an Mo-
       sens Bearbeitung desselben Gegenstandes reicht. Er ist als Verle-
       ger der  bedeutendste seiner  Wuppertaler Konkurrenten, was übri-
       gens sehr  leicht ist, da ihrer zwei, Hassel in Elberfeld, Stein-
       haus in  Barmen, nur echten Pietismus verlegen. Freiligrath wohnt
       in seinem Hause.
       Karl August  Döring, Prediger  in Elberfeld,  ist Verfasser einer
       Menge von prosaischen und poetischen Schriften; von ihm gilt Pla-
       tens Wort:  Sie sind  ein wasserreicher Strom, den niemand bis zu
       Ende schwimmt.
       In seinen  Gedichten unterscheidet  er zwischen  geistlichen Lie-
       dern, Oden und lyrischen Gedichten. Zuweilen hat er schon auf der
       Mitte des  Gedichts den  Anfang vergessen  und gerät dann in ganz
       eigentümliche Regionen;  von den  Südseeinseln und  ihren Missio-
       nären gerät  er in die Hölle und von den Seufzern der zerknirsch-
       ten Seele nach dem Eise des Nordpols.
       Lieth, Vorsteher  einer Mädchenschule in Elberfeld, Verfasser von
       Kindergedichten, die  meistens in  einer schon  veralteten Manier
       geschrieben sind  und keinen  Vergleich mit denen Rückerts, Gülls
       und Heys aushalten können; doch finden sich auch einzelne hübsche
       Sachen darunter.
       
       #431# Briefe aus dem Wuppertal
       -----
       Friedrich Ludwig  Wülfing, unstreitig der größte Dichter des Wup-
       pertals, ein Barmer von Geburt, ist ein Mann, in dem die Geniali-
       tät gar  nicht zu verkennen ist. Sieht man einen langen Menschen,
       von etwa  fünfundvierzig Jahren,  in einen langen rotbraunen Rock
       verhüllt, der  halb so  alt ist  wie sein Herr, auf den Schultern
       ein unbeschreibliches  Antlitz,  auf  der  Nase  eine  vergoldete
       Brille, in  deren Gläsern  sich die  strahlenden Blicke der Augen
       brechen, das  Haupt gekrönt mit einer grünen Mütze, im Munde eine
       Blume, in  der Hand einen eben vom Rock gedrehten Knopf - das ist
       der Horaz  Barmens. Tag für Tag ergeht er sich auf dem Hardtberge
       und wartet,  ob ihm  nicht ein neuer Reim oder eine neue Geliebte
       aufstoße. Bis in sein dreißigstes Jahr huldigte er Pallas Athenen
       als industriöser  Mann; dann  geriet er  Aphroditen in die Hände,
       die ihm  neun Dulcineen  nacheinander zuführte;  diese sind seine
       Musen. Man  spreche nicht  von Goethe,  der allem  eine poetische
       Seite abgewann,  nicht von  Petrarca, der jeden Blick, jedes Wort
       der Geliebten  in ein  Sonett brachte  - an  Wülfing reichen  sie
       lange nicht. Wer zählt die Sandkörner, die der Geliebten Fuß zer-
       knittert? Das  tut der  große Wülfing.  Wer besingt Minchens (die
       Clio  der  neun  Musen)  in  einer  sumpfigen  Wiese  beschmutzte
       Strümpfe? Nur  Wülfing. -  Seine Epigramme  sind Meisterwerke der
       originellsten, volkstümlichsten  Grobheit. Als  seine erste  Frau
       starb, schrieb  er eine  Todesanzeige, die  alle Dienstmädchen zu
       Tränen rührte,  und eine  noch weit schönere Elegie: "Wilhelmine,
       schönster aller  Namen!" Sechs  Wochen später  verlobte  er  sich
       schon wieder,  und jetzt  hat er die dritte Frau. Der geistreiche
       Mann hat  alle Tage  andere Pläne. Als er noch so recht in seiner
       poetischen Blütezeit  stand, wollte  er  bald  Knopfmacher,  bald
       Landmann, bald  Papierhändler werden; zuletzt ist er in den Hafen
       der Lichtzieherei  geraten, um  sein Licht  auf irgendeine  Weise
       leuchten zu lassen. Seine Schriften sind wie der Sand am Meer.
       Montanus Eremita  [181], ein  Solinger Anonymus, gehört als nach-
       barlicher Freund  auch hieher.  Er ist  der poetischste Historio-
       graph des  Bergischen Landes;  seine Verse  sind weniger unsinnig
       als langweilig und prosaisch.
       Ebenso Johann Pol, Pastor zu Heedfeld bei Iserlohn, der ein Bänd-
       lein Gedichte schrieb.
       
       Könige kommen von Gott und Missionäre desgleichen,
       Aber der Goethe-Poet kommt von den Menschen allein.
       
       Dies zeigt  den Geist  des ganzen  Bandes. Aber er hat auch Witz,
       denn er sagt: "Die Dichter sind Lichter, die Philosophen sind der
       Wahrheit Zofen."  Und welche  Phantasie liegt  in den  beiden An-
       fangszeilen seiner Ballade: "Attila an der Marne":
       
       #432# Friedrich Engels
       -----
       Gleich Lawinen ungeheuer, schneidend hart wie Schwert und Kiesel,
       Wälzt durch Schutt und Städteflammen sich nach Gallien Godegisel.
       
       Auch hat  er Psalme gedichtet, oder vielmehr aus Davidschen Frag-
       menten komponiert  Sein Hauptwerk  ist die  Besingung des Streits
       zwischen Hülsmann und Sander, und zwar auf eine höchst originelle
       Weise, in  Epigrammen. Da  dreht sich  alles um den Gedanken, die
       Rationalisten wagten -
       
       Zu schmähen und zu lästern den Herrn Herrn.
       
       Weder Voß  noch Schlegel haben jemals einen so vollkommenen Spon-
       deus am  Schluß eines  Hexameters gehabt. Er versteht die Eintei-
       lung seiner  Gedichte noch  besser als  Döring, er  teilt sie in:
       "Geistliche Gesänge und Lieder und vermischte Gedichte."
       F.W. Krug, Kandidat der Theologie, Verfasser von poetischen Erst-
       lingen oder  prosaischen Reliquien, Übersetzer mehrerer holländi-
       scher und französischer Predigten, schrieb auch eine rührende No-
       velle im  Geschmack Stillings,  worin er unter andern einen neuen
       Beweis für  die Wahrheit der mosaischen Schöpfungsgeschichte auf-
       stellt. Das Buch ist ergötzlich.
       Zum Schlusse  muß ich noch eines geistvollen jungen Mannes erwäh-
       nen, der die Idee hat, da Freiligrath Handlungsdiener und Dichter
       zugleich sei, müßte er es auch können. Hoffentlich wird die deut-
       sche Literatur bald durch einige seiner Novellen vermehrt werden,
       die von den besten nicht übertroffen werden; die einzigen Fehler,
       die man ihnen vorwerfen kann, sind Abgedroschenheit der Handlung,
       übereilte Anlage  und nachlässiger Stil. Sehr gern würde ich eine
       im Auszüge mitteilen, wenn es die Dezenz nicht verböte; doch wird
       sich vielleicht  bald ein  Buchhändler des  großen D. 1*) (seinen
       ganzen Namen  wage ich nicht zu nennen, weil ihn sonst seine ver-
       letzte Bescheidenheit  zu einem Injurienprozeß gegen mich verlei-
       ten würde)  erbarmen und  seine Novellen  verlegen. Auch  w i l l
       er ein sehr genauer Freund Freiligraths sein.
       Dies sind so ziemlich die literarischen Erscheinungen des weltbe-
       rühmten Tals, wozu vielleicht noch einige weinentflammte Kraftge-
       nies zu  zählen wären,  die sich  dann und wann reimend versuchen
       und die  ich Herrn  Dr. Duller  zur Porträtierung für einen neuen
       Roman sehr  empfehlen kann. Die ganze Gegend liegt von einem Meer
       von Pietismus  und Philisterei  überschwemmt, und was daraus her-
       vorragt, sind  keine schönen  blumenreichen  Eilande,  nur  dürre
       nackte Klippen  oder lange Sandbänke, und Freiligrath irrt dazwi-
       schen umher wie ein verschlagener Schiffer.
       
       Geschrieben im März 1839.
       -----
       1*) Dürholt
       

       zurück