Quelle: MEW 1 1839 - 1844

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       #433#
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       Friedrich Engels
       Alexander Jung,  Vorlesungen über die moderne Literatur der Deut-
       schen
       Danzig 1842. Gerhard.
       
       ["Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst", Nr. 160 vom 7.
       Juli 1842]
       Je erfreulicher  die gewaltige geistige Bewegung ist, mit welcher
       Königsberg sich in den Mittelpunkt der deutschen politischen Ent-
       wicklung zu  setzen sucht,  je freier und ausgebildeter sich dort
       die öffentliche  Meinung beweist,  um so  seltsamer erscheint es,
       daß an eben diesem Orte in philosophischer Beziehung ein gewisses
       juste-milieu sich  geltend zu machen sucht, das mit der Majorität
       des dortigen  Publikums offenbar  in Widerspruch geraten muß. Und
       wenn Rosenkranz  immer noch  manche respektable Seite hat, obwohl
       auch ihm  der Mut  der Konsequenz  abgeht,  so  tritt  die  ganze
       Schlaffheit und  Erbärmlichkeit des  philosophischen juste-milieu
       in Herrn  A l e x a n d e r  J u n g  ans Tageslicht.
       Es gibt  bei jeder  Bewegung, bei  jedem Ideenkampfe eine gewisse
       Art verworrner  Köpfe, die sich nur im trüben ganz wohl befinden.
       Solange die Prinzipien mit sich selbst noch nicht im reinen sind,
       läßt man  solche Subjekte  mitlaufen; solange jeder nach Klarheit
       ringt, ist es nicht leicht, ihre prädestinierte Unklarheit zu er-
       kennen. Wenn aber die Elemente sich scheiden, Prinzip gegen Prin-
       zip steht,  dann ist  es an der Zeit, jenen Unbrauchbaren den Ab-
       schied zu geben und sich definitiv mit ihnen ins reine zu setzen;
       denn dann zeigt sich ihre Hohlheit auf eine erschreckende Weise.
       Zu diesen  Leuten gehört  auch Herr  Alexander Jung.  Sein obiges
       Buch  bliebe  am  besten  ignoriert;  da  er  aber  außerdem  ein
       "Königsberger Literatur-Blatt" herausgibt und seinen langweiligen
       Positivismus auch  hier allwöchentlich  vors Publikum  bringt, so
       mögen die  Leser der  "Jahrbücher" es mir verzeihen, wenn ich ihn
       einmal aufs Korn fasse und etwas ausführlicher charakterisiere.
       Zur Zeit des weiland jungen Deutschlands [55] trat er mit Briefen
       über die  neueste Literatur  auf. Er hatte sich der jüngern Rich-
       tung angeschlossen und geriet nun mit ihr in die Opposition, ohne
       daß er  es wollte.  Welche Stellung  für unsren  Vermittler! Herr
       Alexander Jung  auf der äußersten Linken! Man kann sich die Unbe-
       haglichkeit, in  der er sich befand, den Schwall von Beschwichti-
       gungen,
       
       #434# Friedrich Engels
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       von dem  er sprudelte,  leicht denken. Nun hatte er eine besondre
       Passion für Gutzkow, der damals für den Erzketzer galt. Er wollte
       seinem gepreßten  Herzen Luft  machen, aber er fürchtete sich, er
       wollte nicht  anstoßen. Wie  sollte er  sich helfen?  Er fand ein
       Mittelchen, das ganz seiner würdig war. Er schrieb eine Apotheose
       Gutzkows und  vermied es,  seinen Namen  darin  zu  nennen;  dann
       setzte er darüber: "Fragmente über den Ungenannten". Wenn Sie er-
       lauben, Herr Alexander Jung, das war feig!
       
       ["Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst", Nr. 161 vom 8.
       Juli 1842]
       Seitdem trat  Jung wieder  mit einem vermittelnden und verworrnen
       Buche auf:  "Königsberg in  Preußen und  die Extreme des dortigen
       Pietismus." Welch  ein Titel  schon! Den Pietismus selbst läßt er
       gelten, aber seine Extreme müssen bekämpft werden, ebensogut, wie
       jetzt im  "Königsberger Literatur-Blatt"  die Extreme der junghe-
       gelschen Richtung bekämpft werden, wie alle Extreme überhaupt vom
       Übel sind und nur die liebe Vermittlung und Mäßigung etwas taugt.
       Als wenn  nicht die  Extreme die bloßen Konsequenzen wären! Übri-
       gens ist  das Buch seinerzeit in den "Hallischen Jahrbüchern" be-
       sprochen worden.
       Jetzt kommt er mit dem obigen Buch heran und gießt einen reichli-
       chen Eimer  voll vager,  kritikloser Behauptungen, verworrner Ur-
       teile, hohler  Phrasen und  lächerlich beschränkter  Anschauungen
       vor uns aus. Es ist, als wenn er seit seinen "Briefen" geschlafen
       hätte. Rien  appris rien  oublié! 1*)  Das junge  Deutschland ist
       vorübergegangen, die  junghegelsche Schule  ist gekommen, Strauß,
       Feuerbach, Bauer,  die "Jahrbücher" haben die allgemeine Aufmerk-
       samkeit auf  sich gelenkt,  der Kampf  der Prinzipien  ist in der
       schönsten Blüte, es handelt sich um Leben oder Tod, das Christen-
       tum steht  auf dem Spiele, die politische Bewegung erfüllt alles,
       und der  gute Jung  ist noch  immer des naiven Glaubens, "die Na-
       tion" habe  nichts andres  zu tun,  als auf  ein neues  Stück von
       Gutzkow, einen  versprochnen Roman  von Mundt, eine zu erwartende
       Bizarrerie von  Laube gespannt  zu sein. Während ganz Deutschland
       widerhallt vom  Kampfgeschrei, während  die neuen  Prinzipien  zu
       seinen eignen  Füßen debattiert werden, sitzt Herr Jung in seinem
       Kämmerlein, kaut  in der  Feder und grübelt nach über den Begriff
       des "Modernen".  Er hört  nichts, er sieht nichts, denn er steckt
       bis über  die Ohren  in Bücherballen, für deren Inhalt sich jetzt
       kein Mensch  mehr interessiert,  und müht  sich ab, die einzelnen
       Stücke recht  ordentlich und  nett unter  Hegelsche Kategorien zu
       rangieren.
       Ans Tor  seiner Vorlesungen  stellt er  als Wache  den Popanz des
       "Modernen"
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       1*) Nichts gelernt, nichts vergessen!
       
       #435# Jung, Vorlesungen über die moderne Literatur
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       auf. Was  ist das  "Moderne"? Herr  Jung sagt, als Ausgangspunkte
       dafür setze er Byron und George Sand voraus, die nächsten prinzi-
       piellen Elemente  der neuen Weltzeit seien für Deutschland: Hegel
       und die  Schriftsteller der  sogenannten jungen  Literatur. - Was
       dem armen  Hegel nicht alles zugeschoben wird! Atheismus, Allein-
       herrschaft des  Selbstbewußtseins, revolutionäre Staatslehre, und
       jetzt noch  das junge  Deutschland. Es  ist aber geradezu lächer-
       lich, Hegel  mit dieser  Koterie in  Verbindung zu  bringen. Weiß
       denn Herr  Jung nicht,  daß Gutzkow von jeher gegen die Hegelsche
       Philosophie polemisiert  hat, daß  Mundt und Kühne so gut wie gar
       nichts von  der Sache  verstehen, daß  namentlich  Mundt  in  der
       "Madonna" und  sonst das  verrückteste Zeug,  die größten Mißver-
       ständnisse in bezug auf Hegel ausgesprochen hat und jetzt erklär-
       ter Gegner  seiner Lehre  ist? Weiß  er nicht,  daß Wienbarg sich
       ebenfalls gegen  Hegel aussprach und Laube in seiner Literaturge-
       schichte Hegelsche Kategorien fortwährend falsch gebrauchte?
       Jetzt geht Herr Jung an den Begriff des "Modernen" und quält sich
       auf sechs  Seiten damit herum, ohne ihn zu bewältigen. Natürlich!
       Als ob  das "Moderne"  jemals "in  den  Begriff  erhoben  werden"
       könne! Als  ob eine  so vage, gehaltlose, unbestimmte Phrase, die
       von oberflächlichen  Köpfen  in  gewisser  geheimnisvoller  Weise
       überall vorgeschoben  wurde, jemals eine philosophische Kategorie
       werden könne! Welcher Abstand von dem "Modernen" Heinrich Laubes,
       das nach  aristokratischen Salons  riecht und sich nur in Gestalt
       eines Dandy  verkörpert, bis  zu der  "modernen Wissenschaft" auf
       dem Titel  der Straußschen  Glaubenslehre. Das  hilft aber  alles
       nicht, Herr  A. Jung  sieht diesen Titel als einen Beweis an, daß
       Strauß das  Moderne, das  speziell jungdeutsche  Moderne als eine
       Macht über  sich anerkenne,  und bringt  ihn flugs mit der jungen
       Literatur unter   e i n e n  Hut. Endlich bestimmt er den Begriff
       des Modernen  als die  Unabhängigkeit des Subjekts von jeder bloß
       äußerlichen Autorität. Daß das Streben danach ein Hauptmoment der
       Zeitbewegung sei, haben wir längst gewußt, und daß die "Modernen"
       damit zusammenhängen,  leugnet   k e i n e r;  aber es zeigt sich
       hier recht  glänzend die Verkehrtheit, mit der Herr Jung platter-
       dings einen  Teil zum Ganzen, eine überlebte Durchgangsepoche zur
       Blütezeit erheben will. Das junge Deutschland soll nun einmal, es
       mag biegen  oder brechen,  zum Träger  des ganzen Zeitinhalts ge-
       macht werden,  und nebenbei  soll Hegel  auch noch sein Stückchen
       abbekommen. Man sieht, wie Herr Jung bisher in zwei Teile geteilt
       war; in  der einen  Herzkammer trug  er Hegel,  in der andern das
       junge Deutschland. Jetzt, als er diese Vorlesungen schrieb, mußte
       er diese  beiden notwendig in Zusammenhang bringen. Welche Verle-
       genheit! Die  linke Hand  karessierte die Philosophie, die rechte
       die oberflächliche, schillernde Unphilosophie,
       
       #436# Friedrich Engels
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       und auf gut christlich wußte die rechte Hand nicht, was die linke
       tat. Wie  sollte er  sich helfen?  Statt ehrlich zu sein, und von
       den beiden  unvereinbaren Liebhabereien  die eine fallenzulassen,
       machte er  eine kühne  Wendung und  leitete die Unphilosophie aus
       der Philosophie ab.
       Zu diesem  Zwecke wird der arme Hegel auf dreißig Seiten beleuch-
       tet. Eine  schwülstige, phrasenstrotzende  Apotheose ergießt ihre
       trübe Flut auf das Grab des großen Mannes; sodann plagt sich Herr
       Jung, zu  beweisen, daß  der Grundzug  des Hegelschen Systems die
       Behauptung des  freien Subjekts gegen die Heteronomie der starren
       Objektivität sei.  Man braucht aber nicht eben bewandert im Hegel
       zu sein, um zu wissen, daß er einen weit höhern Standpunkt in An-
       spruch nimmt,  den der  V e r s ö h n u n g  des Subjekts mit den
       objektiven Gewalten,  daß er einen ungeheuren Respekt vor der Ob-
       jektivität hatte,  die Wirklichkeit,  das Bestehende  weit  höher
       stellte, als  die subjektive  Vernunft des  einzelnen, und gerade
       von diesem  verlangte, die  objektive Wirklichkeit als vernünftig
       anzuerkennen. Hegel ist nicht der Prophet der subjektiven Autono-
       mie, wie  Herr Jung  meint und  wie sie  als  Willkür  im  jungen
       Deutschland zutage  kommt, Hegels  Prinzip ist  auch Heteronomie,
       Unterwerfung des Subjekts unter die allgemeine Vernunft. Zuweilen
       sogar, z.B. in der Religionsphilosophie, unter die allgemeine Un-
       vernunft. Das, was Hegel am meisten verachtete, war der Verstand,
       und was  ist dieser  andres, als  die in  ihrer Subjektivität und
       Vereinzelung fixierte  Vernunft? Nun wird mir aber Herr Jung ant-
       worten, so  habe er  das nicht  gemeint, er rede nur von  b l o ß
       ä u ß e r l i c h e r   Autorität, er  wolle in Hegel auch nichts
       andres sehen als die Vermittlung beider Seiten, und das "moderne"
       Individuum wolle seiner Ansicht nach weiter nichts, als eben sich
       bedingt sehen nur "durch eigne Einsicht in die Vernünftigkeit ei-
       nes Objektiven"  - dann  bitte ich  mir aber auch aus, daß er mir
       Hegel nicht  mit den  Jungdeutschen zusammenbringt,  deren  Wesen
       eben die  subjektive Willkür, die Marotte, das Kuriosum ist; dann
       ist "das  moderne Individuum"  nur ein  andrer Ausdruck für einen
       Hegelianer. Bei  einer so  grenzenlosen Verwirrung  muß Herr Jung
       denn auch  das "Moderne"  innerhalb der  Hegelschen Schule aufsu-
       chen, und  richtig ist die linke Seite dazu vorzugsweise berufen,
       mit den Jungdeutschen zu fraternisieren.
       Endlich kommt er zur "modernen" Literatur, und es geht jetzt eine
       allgemeine Anerkennung und Loberei los. Da ist  k e i n e r,  der
       nicht irgend  etwas Gutes  getan hätte,   k e i n e r,  der nicht
       etwas Bemerkenswertes  repräsentierte,  k e i n e r,  dem die Li-
       teratur nicht irgendeinen Fortschritt verdankte. Dieses ewige Be-
       komplimentieren, dieses Vermittlungsstreben, diese Wut, den lite-
       rarischen Kuppler  und Unterhändler zu spielen, ist unerträglich.
       Was
       
       #437# Jung, Vorlesungen über die moderne Literatur
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       geht das  die Literatur  an, ob dieser oder jener ein bißchen Ta-
       lent hat,  hier und  da eine  Kleinigkeit leistet,  wenn er sonst
       nichts taugt,  wenn seine ganze Richtung, sein literarischer Cha-
       rakter, seine Leistungen im Großen nichts wert sind? In der Lite-
       ratur gilt  jeder nicht  für sich, sondern nur in seiner Stellung
       zum Ganzen.  Wenn ich  mich zu  einer solchen Art Kritik hergeben
       wollte, so müßte ich auch mit Herrn Jung selbst glimpflicher ver-
       fahren, weil  vielleicht fünf  Seiten in  diesem Buche nicht übel
       geschrieben sind  und einiges Talent verraten. - Eine Masse komi-
       scher Aussprüche fließen Herrn Jung mit einer großen Leichtigkeit
       und einer  gewissen Grandezza aus der Feder. So, von den scharfen
       Abfertigungen Pücklers durch die Kritik sprechend, freut er sich,
       daß diese   "o h n e   A n s e h e n   d e r   P e r s o n  u n d
       d e s  R a n g e s  i h r  U r t e i l  f a l l e.  Es zeugt die-
       ses in  Wahrheit von  einem hohen,  in sich  selbst  unabhängigen
       Standpunkt deutscher  Kritik." Welch  eine schlechte  Meinung muß
       Herr Jung  von der deutschen Nation haben, daß er ihr dergleichen
       so hoch  anrechnet! Als  ob wunders  welche Courage dazu gehörte,
       die Werke eines  F ü r s t e n  zu tadeln!
       Ich übergehe dies Geschwätz, das den Anspruch macht, Literaturge-
       schichte zu  sein und  außer seiner innern Hohlheit und Zusammen-
       hangslosigkeit auch noch grenzenlos lückenhaft ist; so fehlen die
       Lyriker Grün,  Lenau, Freiligrath, Herwegh, so die Dramatiker Mo-
       sen und Klein usw. Endlich kommt er dahin, worauf er von vornher-
       ein losgearbeitet  hat, auf  sein liebes  junges Deutschland, das
       für ihn  die  Vollendung  des  "Modernen"  ist.  Er  beginnt  mit
       B ö r n e.   In Wahrheit  aber ist  Börnes Einfluß  auf das junge
       Deutschland so groß nicht, Mundt und Kühne erklärten ihn für ver-
       rückt, Lauben war er zu demokratisch, zu entschieden, und nur bei
       Gutzkow und Wienbarg äußerten sich nachhaltigere Wirkungen. Gutz-
       kow namentlich verdankt Börnen sehr viel. Der größte Einfluß, den
       Börne gehabt  hat, das ist jener stille auf die Nation, die seine
       Werke als  ein Heiligtum bewahrt und sich daran gestärkt und auf-
       recht erhalten  hat in  den trüben  Zeiten von 1832 bis 1840, bis
       die wahren  Söhne des  Pariser Briefstellers  [183] in den neuen,
       philosophischen Liberalen  erstanden. Ohne  die direkte und indi-
       rekte Wirkung  Börnes wäre es der aus Hegel hervorgehenden freien
       Richtung weit  schwerer geworden,  sich zu  konstituieren. Es kam
       jetzt aber  bloß darauf  an, die  verschütteten Gedankenwege zwi-
       schen Hegel  und Börne  auszugraben, und das war so schwer nicht.
       Diese beiden  Männer standen sich näher als es schien. Die Unmit-
       telbarkeit, die  gesunde Anschauung  Börnes erwies  sich als  die
       praktische Seite dessen, was Hegel theoretisch wenigstens in Aus-
       sicht stellte.  Herr Jung  sieht das  natürlich wieder nicht ein.
       Börne ist ihm gewissermaßen allerdings ein respektabler Mann, der
       sogar Charakter hatte, was unter
       
       #438#
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       Umständen gewiß  viel wert ist, er hat unleugbare Verdienste, wie
       etwa Varnhagen und Pückler auch, und hat namentlich gute Theater-
       kritiken geschrieben,  aber er  war ein  Fanatiker und Terrorist,
       und davor  behüte uns der liebe Gott! Pfui über so eine schlaffe,
       mattherzige Auffassung  eines Mannes,  der allein durch seine Ge-
       sinnung ein  Träger seiner Zeit wurde! Dieser Jung, der das junge
       Deutschland und sogar die Persönlichkeit Gutzkows aus dem absolu-
       ten Begriff  konstruieren will,  ist nicht einmal imstande, einen
       so einfachen  Charakter wie  Börne zu  begreifen; er  sieht nicht
       ein, wie  notwendig, wie konsequent auch die extremsten, radikal-
       sten Aussprüche  aus Börnes  innerstem Wesen  hervorgehen,  d a ß
       B ö r n e   s e i n e r   N a t u r   n a c h  R e p u b l i k a-
       n e r   w a r,   und  für  einen  solchen  die  "Pariser  Briefe"
       wahrlich nicht  zu stark geschrieben sind. Oder hat Herr Jung nie
       einen Schweizer  oder Nordamerikaner  über  monarchische  Staaten
       sprechen hören? Und wer will es Börnen zum Vorwurf machen, daß er
       "das Leben  nur aus  dem Gesichtspunkte der Politik betrachtete"?
       Tut nicht  Hegel dasselbe? Ist nicht auch ihm der Staat in seinem
       Übergange zur  Weltgeschichte,  also  in  den  Verhältnissen  der
       innern und  äußern Politik,  die konkrete  Realität des absoluten
       Geistes? Und  - es  ist lächerlich  - bei  dieser  unmittelbaren,
       naiven Anschauung  Börnes, die in der erweiterten Hegelschen ihre
       Ergänzung findet  und oft  aufs überraschendste  zu  ihr  stimmt,
       meint Herr  Jung dennoch, Börne habe sich "ein System der Politik
       und des Völkerglücks entworfen", so ein abstraktes Wolkengebilde,
       aus dem  man sich seine Einseitigkeiten und Verhärtungen erklären
       müsse! Herr  Jung hat  keine Ahnung von der Bedeutung Börnes, von
       seinem eisernen,  geschloßnen Charakter, von seiner imponierenden
       Willensfestigkeit; eben  weil  er  selbst  so  ein  gar  kleines,
       weichherziges, unselbständiges  Allerweltsmännchen ist.  Er  weiß
       nicht,  daß  Börne  einzig  dasteht  als  Persönlichkeit  in  der
       deutschen Geschichte,  er weiß  nicht, daß Börne der Bannerträger
       deutscher Freiheit  war, der  einzige  M a n n  in Deutschland zu
       seiner Zeit; er ahnt nicht, was es heißt, gegen vierzig Millionen
       Deutsche aufstehen  und das  Reich der  I d e e  proklamieren; er
       kann es  nicht begreifen,  daß Börne  der Johannes  Baptista  der
       neuen Zeit  ist, der  den selbstzufriednen Deutschen von der Buße
       predigt und  ihnen zuruft,  daß die  Axt schon  an der Wurzel des
       Baumes liege  und der  Stärkere kommen  wird, der mit Feuer tauft
       und die  Spreu unbarmherzig  von der  Tenne fegt. Zu dieser Spreu
       darf sich  auch Herr  A. Jung rechnen. Endlich kommt Herr Jung zu
       seinem  lieben   jungen  Deutschland   und  beginnt   mit   einer
       erträglichen, aber viel zu ausführlichen Kritik Heines. Die übri-
       gen werden  sodann nach  der Reihe  durchgenommen, zuerst  Laube,
       Mundt, Kühne,  sodann  Wienbarg,  dem  verdientermaßen  gehuldigt
       wird, und  endlich   a u f   f a s t   f ü n f z i g  S e i t e n
       Gutzkow.
       
       #439# Jung, Vorlesungen über die moderne Literatur
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       Die ersten  drei verfallen  der gewöhnlichen  juste-milieu-Huldi-
       gung, viel  Anerkennung und sehr bescheidner Tadel; Wienbarg wird
       entschieden hervorgehoben, aber kaum auf vier Seiten, und Gutzkow
       endlich mit  einer unverschämten  Unterwürfigkeit zum  Träger des
       "Modernen" gemacht,  nach dem  Hegelschen Begriffsschema konstru-
       iert und als Persönlichkeit ersten Ranges behandelt.
       Wäre es  ein junger,  sich erst entwickelnder Autor, der mit sol-
       chen Urteilen aufträte, man ließe sich das gefallen; es gibt man-
       chen, der  eine Zeitlang  Hoffnungen auf  die junge Literatur ge-
       setzt und im Hinblick auf eine erwartete Zukunft ihre Werke nach-
       sichtiger betrachtet hat, als er es sonst vor sich selbst verant-
       worten konnte. Namentlich wer die jüngsten Entwicklungsstufen des
       deutschen Geistes  in seinem  eignen Bewußtsein reproduziert hat,
       wird irgendeinmal  mit Vorliebe auf die Produktionen Mundts, Lau-
       bes oder Gutzkows geblickt haben. Aber der Fortschritt über diese
       Richtung hinaus  hat sich  seitdem viel  zu energisch geltend ge-
       macht, und  die Gehaltlosigkeit der meisten Jungdeutschen ist auf
       eine erschreckende Weise offenbar geworden.
       Das junge Deutschland rang sich aus der Unklarheit einer bewegten
       Zeit empor  und blieb selbst noch mit dieser Unklarheit behaftet.
       Gedanken, die  damals noch formlos und unentwickelt in den Köpfen
       goren, die  später erst durch Vermittlung der Philosophie zum Be-
       wußtsein kamen, wurden vom jungen Deutschland zum Spiel der Phan-
       tasie benutzt.  Daher die  Unbestimmtheit, die Verwirrung der Be-
       griffe, die unter den Jungdeutschen selbst herrschte. Gutzkow und
       Wienbarg wußten noch am meisten, was sie wollten, Laube am wenig-
       sten. Mundt  lief sozialen Marotten nach, Kühne, in dem etwas He-
       gel spukte,  schematisierte und klassifizierte. Aber bei der all-
       gemeinen Unklarheit  konnte nichts Rechtes zutage kommen. Der Ge-
       danke von  der Berechtigung  der Sinnlichkeit  wurde nach  Heines
       Vorgang roh  und flach gefaßt, die politisch-liberalen Prinzipien
       waren nach den Persönlichkeiten verschieden, und die Stellung des
       Weibes gab zu den fruchtlosesten und konfusesten Diskussionen An-
       laß. Keiner  wußte, woran  er mit  dem andern war. Auf die allge-
       meine Verwirrung der Zeit müssen auch die Maßregeln der verschie-
       denen Regierungen gegen diese Leute geschoben werden. Die phanta-
       stische Form, in der jene Vorstellungen propagiert wurden, konnte
       nur dazu  beitragen, jenen wirren Zustand zu vermehren. Durch das
       glänzende Exterieur der jungdeutschen Schriften, die geistreiche,
       pikante, lebendige  Schreibart derselben,  die geheimnisvolle My-
       stik, mit  welcher die  Hauptschlagwörter  umgeben  waren,  sowie
       durch die  Regeneration der Kritik und die Belebung der belletri-
       stischen Zeitschriften,  die von  ihnen ausging,  zogen sie  bald
       jüngere Schriftsteller  in Masse  an sich,  und es  dauerte nicht
       lange, so  hatte jeder  von ihnen, mit Ausnahme Wienbargs, seinen
       Hof. Die alte
       
       #440# Friedrich Engels
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       schlaffe Belletristik  mußte dem jungen Andrange weichen, und die
       "junge Literatur"  nahm das  eroberte Feld in Besitz, teilte sich
       darein und  - zerfiel  in sich  selbst über der Teilung. Hier kam
       die Unzulänglichkeit des Prinzips zum Vorschein. Jeder hatte sich
       im andern  getäuscht. Die  Prinzipien verschwanden,  es  handelte
       sich nur  noch um  Persönlichkeiten, Gutzkow  oder Mundt, das war
       die Frage.  Cliquenwesen, Häkeleien, Streitigkeiten um nichts und
       wieder nichts begannen die Journale zu füllen.
       Der leichte  Sieg hatte die jungen Herren übermütig und eitel ge-
       macht. Sie  hielten sich  für welthistorische  Charaktere. Wo ein
       junger Schriftsteller  auftrat, gleich  wurde ihm die Pistole auf
       die Brust  gesetzt und  unbedingte Unterwerfung  gefordert. Jeder
       machte den  Anspruch, exklusiver Literaturgott zu sein. Du sollst
       keine andern  Götter haben neben mir! Der geringste Tadel erregte
       tödliche Feindschaften. Auf diese Weise verlor die Richtung allen
       geistigen Inhalt, den sie noch etwa gehabt hatte, und sank in den
       reinen Skandal  herab, der  in Heines Buch über Börne kulminierte
       und in  infame Gemeinheit überging. Von den einzelnen Persönlich-
       keiten ist   W i e n b a r g  unbedingt die nobelste; ein ganzer,
       kräftiger   M a n n,   eine Statue  von  hellglänzendem  Erz  aus
       e i n e m   Gusse, daran  kein Rostfleck ist.  G u t z k o w  ist
       der Klarste,  Verständigste; er hat am meisten produziert und ne-
       ben Wienbarg  auch die entschiedensten Zeugnisse seiner Gesinnung
       gegeben. Will er auf dem dramatischen Gebiet bleiben, so sorge er
       indes für  beßre, ideenvollre  Stoffe, als  er sie bisher gewählt
       hat, und  schreibe statt  aus dem  "modernen" aus  dem wirklichen
       Geist der Gegenwart heraus. Wir verlangen mehr Gedankengehalt als
       die liberalen  Phrasen des  Patkul oder die weiche Empfindsamkeit
       des Werner. Wozu Gutzkow viel Talent hat, ist die Publizistik; er
       ist ein  geborner Journalist,  aber er kann sich nur durch  e i n
       Mittel halten:  wenn er  sich die neuesten religions- und staats-
       philosophischen Entwicklungen  aneignet und seinen "Telegraphen",
       den er,  wie es heißt, wieder auferstehen lassen will, der großen
       Zeitbewegung unbedingt  widmet. Läßt er aber die entartete Belle-
       tristerei seiner  Herr werden, so wird er nicht besser werden als
       die übrigen schönwissenschaftlichen Journale, die nicht Fisch und
       nicht Fleisch  sind, von  langweiligen  Novellen  strotzen,  kaum
       durchblättert werden  und überhaupt  an Gehalt und in der Achtung
       des Publikums  mehr als  je gesunken  sind. Ihre Zeit ist vorbei,
       sie lösen  sich allmählich  in die politischen Zeitungen auf, die
       das bißchen Literatur noch ganz gut mit abfertigen können.
       L a u b e   ist bei all seinen schlechten Eigenschaften doch noch
       gewissermaßen liebenswürdig;  aber seine  unordentliche,  prinzi-
       plose Schreiberei, heut Romane, morgen Literaturgeschichte, über-
       morgen Kritiken,  Dramen usw., seine Eitelkeit und Flachheit läßt
       ihn nicht aufkommen. Den Mut der Freiheit
       
       #441# Jung, Vorlesungen über die moderne Literatur
       -----
       hat er  ebensowenig als   K ü h n e.  Die "Tendenzen" der weiland
       "jungen Literatur"  sind längst  vergessen, das  leere, abstrakte
       Literaturinteresse hat  beide ganz  in Anspruch genommen. Dagegen
       ist die  Indifferenz bei   H e i n e   und  M u n d t  zur offnen
       Apostasie geworden.  H e i n e s  Buch über Börne ist das Nichts-
       würdigste, was  jemals in  deutscher Sprache  geschrieben  wurde;
       M u n d t s   neueste Tätigkeit  im "Piloten" nimmt dem Verfasser
       der "Madonna"  die letzte  Spur von  Achtung in den Augen der Na-
       tion. Man  weiß hier in Berlin nur zu gut, was Herr Mundt mit ei-
       ner solchen  Selbstentwürdigung bezweckt, nämlich eine Professur;
       um so  ekelerregender ist diese plötzlich in Herrn Mundt gefahrne
       Untertänigkeit. Herr  Mundt und sein Waffenträger F. Radewell mö-
       gen nur  fortfahren, die  neuere Philosophie zu verdächtigen, den
       Notanker der  Schellingschen Offenbarung  zu ergreifen  und  sich
       durch ihre  unsinnigen Versuche, selbst zu philosphieren, vor der
       Nation lächerlich zu machen. Die freie Philosophie kann ihre phi-
       losophischen Schülerarbeiten  ruhig und  unwiderlegt in  die Welt
       gehen lassen;  sie zerfallen  in sich  selbst. Was  den Namen des
       Herrn Mundt  an der Stirn trägt, ist, wie die Werke Leos, mit dem
       Malzeichen der  Apostasie gebrandmarkt.  Vielleicht bekommt er an
       Herrn Jung  bald einen  neuen Hintersassen;  er läßt sich bereits
       gut an, wie wir gesehen haben und noch weiter sehen werden.
       
       ["Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst", Nr. 162 vom 9.
       Juli 1842]
       Nachdem Herr  Jung nun  den eigentlichen Zweck seiner Vorlesungen
       hinter sich  hat, drängt  es ihn  gewaltig, sich  zum Schluß noch
       einmal recht  dem Gelächter  der Nation preiszugeben. Er geht von
       Gutzkow auf  David Strauß  über, schreibt  ihm das  eminente Ver-
       dienst zu,  "die Resultate  von Hegel  und Schleiermacher und des
       modernen Stils"  (ist   d a s   etwa moderner  S t i l?)  in sich
       zusammengezogen zu  haben, klagt  dabei aber entsetzlich über die
       greuliche, ewige  Negation. Ja,  die Negation,  die Negation! Die
       armen Positivisten und juste-milieu-Leute sehen die negative Flut
       immer höher  und höher  schwellen, klammern  sich fest aneinander
       und schreien  nach etwas Positivem. Da jammert nun so ein Alexan-
       der Jung  über die  ewige Bewegung  der Weltgeschichte, nennt den
       Fortschritt Negation  und spreizt  sich zuletzt zum falschen Pro-
       pheten auf, der "eine große positive Geburt" weissagt; die er mit
       den verschrobensten Phrasen im voraus beschreibt, und die Strauß,
       Feuerbach und was damit zusammenhängt, mit dem Schwerte des Herrn
       besiegen werde.  Auch in  seinem "Literatur-Blatt" predigt er das
       Wort vom  neuen "positiven"  Messias. Kann es etwas Unphilosophi-
       scheres geben als ein so unverhohlnes Mißvergnügen, eine so offne
       Unbefriedigung in  der Gegenwart?  Kann man  sich weibischer  und
       kraftloser betragen, als es Herr A. Jung
       
       #442# Friedrich Engels
       -----
       tut? Kann man sich eine ärgre Phantasterei denken - die neuschel-
       lingsche Scholastik  ausgenommen -  als diesen frommen Glauben an
       den "positiven  Messias"? Wann  gab es  eine größre  - und leider
       auch verbreitetre  Verwirrung als  diejenige, welche jetzt in Be-
       ziehung auf die Begriffe "positiv und negativ" herrscht? Man gebe
       sich nur  einmal die Mühe, die verschriene Negation näher anzuse-
       hen, und man wird finden, daß sie durch und durch selbst Position
       ist. Für  diejenigen freilich, die das Vernünftige, den Gedanken,
       weil er nicht still steht, sondern sich bewegt, für nicht positiv
       erklären, und  deren kraftloses Efeugemüt einer alten Mauerruine,
       eines Faktums bedarf, um sich an ihm zu halten, für die ist frei-
       lich aller Fortschritt Negation. In Wahrheit aber ist der Gedanke
       in seiner  Entwicklung das allein Ewige und Positive, während die
       Faktizität, die  Äußerlichkeit des  Geschehens eben das Negative,
       Verschwindende und der Kritik Anheimfallende ist.
       "Wer aber  wird der Heber dieses unendlichen, in unsrer Nähe wei-
       lenden Schatzes  sein?" fährt  Herr Jung  mit gesteigertem Pathos
       fort. Ja,  wer wird der Messias sein, der die schwachen, zagenden
       Seelen aus dem Exil der Negation, aus der finstern Nacht der Ver-
       zweiflung zurückführen  wird in  das Land,  da  Milch  und  Honig
       fließt?
       
       "O b   S c h e l l i n g?  - - - - Große, heilige Hoffnungen set-
       zen wir  auf   S c h e l l i n g,   eben weil   E r  so lange der
       Einsamkeit vertraut,  eben weil er jenen Ruhesitz am Urquelle des
       Denkens und  Schaffens entdeckt hat, jenen Herrschersitz, welcher
       die Zeit  aufhören macht,  Zeit zu sein!" usw. Ja, so spricht ein
       Hegelianer, und  weiter ("Königsberger  Literatur-Blatt" Nr.  4):
       "Wir versprechen  uns von    S c h e l l i n g    außerordentlich
       viel. Schelling  wird, hoffen  wir, mit  derselben Leuchte  eines
       niegesehenen,  neuen   Lichtes  durch  die    G e s c h i c h t e
       schreiten, wie er einst durch die Natur geschritten ist" usw.
       
       Sodann Nr.  7 eine Huldigung für den unbekannten Gott Schellings.
       Die Philosophie  der Mythologie und der Offenbarung wird als not-
       wendig konstruiert,  und Herr  Jung ist  selig in dem Bewußtsein,
       Schellings, des  großen Schelling  Gedankenbahnen auch  schon von
       ferne mit seinem begeisterten Auge nachahnen zu können. Solch ein
       markloser, sehnsüchtiger Geist ist dieser Jung, daß er nur in der
       Hingebung an einen andern, in der Unterwerfung unter fremde Auto-
       rität sich  befriedigt findet.  Keine Ahnung  von Selbständigkeit
       ist bei  ihm zu  finden; sowie ihm der Halt genommen wird, den er
       umfaßt, knickt  er in sich selbst zusammen und weint helle Tränen
       der Sehnsucht.  Sogar an etwas, was er noch nicht kennt, wirft er
       sich weg,  und trotz  der ziemlich  genauen Nachrichten,  die man
       schon vor  Schellings Auftreten  in Berlin über seine Philosophie
       und den  speziellen Inhalt  seiner Vorlesungen  hatte, kennt Herr
       Jung keine größre Seligkeit, als zu Schellings
       
       #443# Jung, Vorlesungen über die moderne Literatur
       -----
       Füßen im  Staube zu  sitzen. Er weiß nicht, wie Schelling sich in
       der Vorrede zu dem Cousinschen Werk über Hegel ausgesprochen hat,
       oder vielmehr  er weiß es wohl, und dennoch wagt er, ein Hegelia-
       ner, sich an Schelling wegzuschenken, wagt es, nach solchen Ante-
       zedentien den  Namen Hegels  noch in  den Mund zu nehmen, auf ihn
       gegen die  neuesten Entwicklungen  zu provozieren!  Und um seiner
       Selbstentwürdigung die  Krone aufzusetzen,  fällt er  in  Nr.  13
       nochmals anbetend vor Schelling nieder, der ersten Vorlesung des-
       selben den  Weihrauch seiner  ganzen  Bewundrung  und  Proskynese
       zollend. Ja, er findet es hier alles bestätigt, was er von Schel-
       ling
       
       "nicht bloß  voraussetzte, sondern wußte, jene wunderbar frische,
       jene auch  der Form  nach vollendete  Durchdringung aller wissen-
       schaftlichen, künstlerischen  und sittlichen  Elemente, welche in
       solcher Vereinigung antiker und christlicher Welt den so Verherr-
       lichten zu einem ganz andern Priester des Höchsten und seiner Of-
       fenbarung weihen  mag,   a l s   e s   P r i e s t e r n   n i e-
       d e r n   G r a d e s   u n d   L a i e n  a u c h  n u r  e i n-
       f a l l e n  k a n n".  Freilich werden einige so verworfen sein,
       "daß sie  aus Neid  sogar die  Größe wegleugnen, welche sich hier
       rein und  klar wie  das Licht  der Sonne  jedem offenbart".  "Die
       ganze Größe  Schellings, die Überlegenheit über alles Ausgezeich-
       nete bloß  einseitiger Richtungen  strahlt uns  aus seiner ersten
       Vorlesung herrlich  entgegen."... "Wer  so anfangen kann, der muß
       g e w a l t i g   fortfahren,   m u ß   a l s   S i e g e r  e n-
       d e n,   und wenn sie alle ermüden, weil sie alle, solchen Fluges
       ungewohnt, sinken,  und   k e i n e r  m e h r  z u  f o l g e n,
       z u     v e r s t e h e n    v e r m a g,    was  Du  von  Ur  an
       Begeisterter sprichst;  so lauschen  Dir sicher die Manen des mit
       Dir Ebenbürtigen, des treuesten, des herrlichsten Deiner Freunde,
       e s   l a u s c h e n   D i r  d i e  M a n e n  d e s  a l t e n
       H e g e l!" -
       
       Was mag Herr Jung dabei sich vorgestellt haben, als er diesen En-
       thusiasmus ins  Blaue, diese  romantische  Schwebelei  zu  Papier
       brachte! Was wenigstens hier in Berlin jeder im voraus wußte oder
       mit  Sicherheit   schließen  konnte,  davon  ahnt  unser  frommer
       "Priester" nichts. Was aber jener "Priester des Höchsten" uns für
       "Offenbarungen" gepredigt,  worin die  "Größe", der  "Beruf,  der
       Menschheit das  Höchste zu  enthüllen", der  "gewaltige Flug" be-
       standen, wie  Schelling "als Sieger geendigt" hat, das weiß jetzt
       alle Welt;  in dem  Schriftchen: "Schelling  und die Offenbarung"
       1*), als  dessen Verfasser  ich mich hiemit bekenne, habe ich den
       Inhalt der  neuen Offenbarung in durchaus objektiver Weise darge-
       legt. Herr  Jung möge die Erfüllung seiner Hoffnungen daran nach-
       weisen oder  wenigstens die  Aufrichtigkeit und den -  M u t  ha-
       ben, seinen glänzenden Irrtum einzugestehen.
       Ohne mich auf die Kritik Sealsfields, mit der Herr Jung sein Buch
       schließt, weiter  einzulassen, da  ich vom belletristischen Felde
       doch schon  weit genug  entfernt bin,  will ich zum Schlusse noch
       auf einige Stellen des
       -----
       1*) Friedrich  Engels: "Schelling und die Offenbarung. Kritik des
       neuesten Reaktionsversuchs  gegen die  freie Philosophie"  (siehe
       Ergänzungsband, Teil 2, unserer Ausgabe, S. 173-221)
       
       #444# Friedrich Engels
       -----
       "Königsberger Literatur-Blatts"  eingehen, um auch hier die Matt-
       herzigkeit und marklose Aufgedunsenheit Herrn Jungs nachzuweisen.
       Gleich in  Nr. 1  wird, jedoch sehr zurückhaltend, auf Feuerbachs
       "Wesen des Christentums" hingewiesen, in Nr. 2 die Negationstheo-
       rie der "Jahrbücher" angegriffen, jedoch noch mit Respekt, in Nr.
       3 wird   H e r b a r t e n  gehuldigt, wie vorhin Schellingen, in
       Nr. 4  allen beiden  und zugleich  noch eine Verwahrung gegen den
       Radikalismus ausgesprochen,  in Nr.  8 beginnt  eine ausführliche
       Kritik des  Feuerbachschen Buchs,  in der die Halbheit des juste-
       milieu ihre Überlegenheit über den entschiednen Radikalismus gel-
       tend machen  will. Und  was sind  die schlagenden  Argumente, die
       hier aufgewandt  werden? Feuerbach,  sagt Herr  Jung, hätte  ganz
       recht, wenn  die Erde  das ganze  Universum wäre;  vom  irdischen
       Standpunkte aus  ist sein ganzes Werk schön, schlagend, vortreff-
       lich, unwiderleglich; aber vom universalen, vom Weltgesichtspunkt
       aus ist es nichtig. Schöne Theorie! Als ob auf dem Monde zwei mal
       zwei fünf  wäre, als  ob auf der Venus die Steine lebendig herum-
       liefen und  auf der  Sonne die  Pflanzen sprechen könnten! Als ob
       jenseits der Erdatmosphäre eine aparte, neue Vernunft anfinge und
       der Geist  nach der  Entfernung von der Sonne gemessen würde! Als
       ob das Selbstbewußtsein, zu dem die Erde in der Menschheit kommt,
       nicht in demselben Augenblick Weltbewußtsein würde, in welchem es
       seine Stellung  als Moment  desselben erkennt! Als ob ein solcher
       Einwand nicht nur ein Vorwand wäre, um die fatale Antwort auf die
       alte Frage  hinauszuschieben in  die schlechte  Endlosigkeit  des
       Raumes! Klingt  es nicht  seltsam naiv, wenn Herrn Jung mitten in
       die Hauptreihe  seiner Argumente  sich der  Satz  eingeschmuggelt
       hat: "die Vernunft, welche über jede bloß sphärische Bestimmtheit
       hinausgeht"? Wie  kann er  dann, bei  zugestandner Konsequenz und
       Vernünftigkeit des  Bestrittnen vom  irdischen Gesichtspunkt aus,
       diesen vom "universalen" unterscheiden? Es ist aber eines Phanta-
       sten, eines  Gefühlsschwärmers, wie Herr Jung einer ist, vollkom-
       men würdig,  sich in  die schlechte Unendlichkeit des Sternenhim-
       mels zu verlieren und über denkende, liebende, phantasierende We-
       sen auf  den andern Weltkörpern sich allerhand kuriose Hypothesen
       und wundersame Träumereien auszuklauben. Dabei ist es lächerlich,
       wie er  vor der Seichtigkeit warnt, Feuerbach und Strauß nun ohne
       weitres des  Atheismus und  der unbedingten Leugnung der Unsterb-
       lichkeit zu  beschuldigen. Herr Jung sieht nicht, daß diese Leute
       gar keinen  andern Standpunkt  in Anspruch nehmen. Weiter. In Nr.
       12 droht  uns Herr  Jung bereits  mit seinem Zorn; in Nr. 26 wird
       Leo konstruiert  und über  das unleugbare Talent des Mannes seine
       Gesinnung ganz  und gar  vergessen und  beschönigt; ja Rugen wird
       ebensosehr unrecht  gegeben wie  Leon. Nr.  29 erkennt  Hinrichs'
       nichtssagende Kritik der
       
       #445# Jung, Vorlesungen über die moderne Literatur
       -----
       "Posaune" [187] in den "Berliner Jahrbüchern" an und erklärt sich
       noch entschiedner  gegen die Linke; Nr. 35 vollends liefert einen
       langen, grauenvollen  Artikel über  F. Baader,  dessen somnambüle
       Mystik und  Unphilosophie ihm noch dazu als Verdienst angerechnet
       wird; endlich  Nr. 36  klagt über  "unselige Polemik", mit andern
       Worten  offenbar   über  einen   Artikel  von  E.  Meyen  in  der
       "Rheinischen Zeitung",  worin Herrn  Jung einmal die Wahrheit ge-
       sagt wird - es ist sonderbar! In einem solchen Dusel und Traumle-
       ben  ergeht   sich  Herr  Jung,  daß  er  glaubt,  er  sei  unser
       "Kampfgenosse", er  "verteidige dieselben  Ideen", daß er glaubt,
       es "walteten  zwar Differenzen"  zwischen ihm  und uns  ob, "doch
       stehe die  Identität der Prinzipien und Zwecke fest". Hoffentlich
       wird er jetzt gesehen haben, daß wir mit ihm fraternisieren weder
       wollen noch  können. Solche unglückliche Amphibien und Achselträ-
       ger sind  nicht brauchbar  für den  Kampf, den  nun  einmal  ent-
       schiedne Leute  entzündet und  nur Charaktere hindurchführen kön-
       nen. Im  Verfolge obiger Zeilen tut er sich noch den Tort an, daß
       er in die trivialste Redeweise von literarischer Despotie der Li-
       beralen verfällt  und sich  seine Freiheit  wahrt. Die  soll  ihm
       bleiben; es  wird ihn  jeder ruhig  fortfaseln lassen bis in alle
       Ewigkeit. Aber  er wird  uns erlauben, für seine Unterstützung zu
       danken und  ihm ehrlich  und offen  zu sagen, wofür man ihn hält.
       Sonst wäre  er ja  der literatische  Despot, und dazu ist er doch
       etwas zu  weichherzig. Dieselbe  Nummer wird  in  w ü r d i g e r
       Weise beschlossen  von einem  Hilferuf gegen "das selbstsüchtige,
       hohle Geschrei,  welches in  r a s e n d e r  Weise das Selbstbe-
       wußtsein zum  Gott erhebt"  -, nun wagt das "Königsberger Litera-
       tur-Blatt" es,  diese schaudervollen  Ausrufungen nachzusprechen:
       "Nieder mit dem Christentum, nieder mit der Unsterblichkeit, nie-
       der mit  Gott!!" Doch  es tröstet sich damit, daß "die Träger be-
       reits im Vorhause stehen, um diejenigen, welche noch bei so guter
       Stimme sind,  als lautlose  Leichen herauszutragen".  Also wieder
       die Kraftlosigkeit einer Appellation an die Zukunft!
       Eine weitre  Nummer des  Jungschen Blattes  ist mir noch nicht zu
       Gesicht gekommen. Ich denke, die gegebnen Beweise werden genügen,
       die Zurückweisung  des Herrn  Jung aus  der Gemeinschaft der Ent-
       schiednen und  "Freien" zu  begründen; er selbst ist jetzt in den
       Stand gesetzt,  zu sehen,  was man  an ihm  auszusetzen hat. Noch
       eine Bemerkung sei mir gestattet. Herr Jung ist unzweifelhaft der
       charakterschwachste,   kraftloseste,   unklarste   Schriftsteller
       Deutschlands. Woher  kommt das  alles, woher die erbauliche Form,
       die er  überall zur  Schau trägt? Sollte es damit zusammenhängen,
       daß Herr  Jung, wie  es heißt,  früher ex  officio erbaulich sein
       mußte?
       
       Geschrieben um den 15. Juni 1842.
       Friedrich Oswald
       

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