Quelle: MEW 1 1839 - 1844

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       Friedrich Engels
       Englische Ansicht über die innern Krisen
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 342 vom 8. Dezember 1842]
       *x*   L o n d o n,   29. November.  Wenn man sich im stillen eine
       Zeitlang mit  den englischen Zuständen beschäftigt, wenn man sich
       über die schwache Grundlage, auf der das ganze künstliche Gebäude
       der sozialen  und politischen  Wohlfahrt Englands  ruht, Klarheit
       verschafft hat,  und nun auf einmal mitten in das englische Trei-
       ben hineinversetzt  wird, so staunt man über die merkwürdige Ruhe
       und Zuversicht,  womit hier  jedermann der Zukunft entgegensieht.
       Die herrschenden  Klassen, gleichviel ob Mittelstand oder Aristo-
       kratie, Whigs  oder Tories, haben nun schon so lange das Land re-
       giert, daß  das Aufkommen  einer andern  Partei ihnen eine Unmög-
       lichkeit scheint.  Man mag ihnen ihre Sünden, ihre Haltlosigkeit,
       ihre schwankende  Politik, ihre  Blindheit und Verstocktheit, man
       mag ihnen  den schwindelnden  Zustand des Landes, der eine Frucht
       ihrer Prinzipien ist, noch so sehr vorhalten, sie bleiben bei ih-
       rer unerschütterlichen  Sicherheit und  trauen sich die Kraft zu,
       das Land  einer bessern Lage zuzuführen. Und wenn eine Revolution
       in England  unmöglich ist, wie sie wenigstens behaupten, so haben
       sie allerdings  für ihre  Herrschaft wenig  zu fürchten. Wenn der
       Chartismus sich so lange geduldet, bis er die Majorität im Unter-
       hause für  sich gewonnen  hat, kann er noch manches Jahr Meetings
       halten und die sechs Punkte der Volks-Charte [192] verlangen; die
       Mittelklasse wird  sich nie  durch  Bewilligung  des  allgemeinen
       Stimmrechts von  der Besetzung  des Unterhauses  ausschließen, da
       sie, eine  notwendige Konsequenz  der  Nachgiebigkeit  in  diesem
       Punkte, alsdann  von der  Unzahl der  Nichtbesitzenden überstimmt
       werden würde.  Daher hat  der Chartismus  unter den Gebildeten in
       England noch gar keine Wurzel schlagen können und wird es auch so
       bald noch  nicht. Wenn  man hier  von  Chartisten  und  Radikalen
       spricht, so  versteht man  fast durchgängig  die Hefe des Volkes,
       die Masse  der Proletarier darunter, und es ist wahr, die wenigen
       gebildeten Stimmführer der Partei verschwinden unter der Masse.
       
       #455# Englische Ansicht über die innern Krisen
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       Auch abgesehen  vom politischen  Interesse, kann  der Mittelstand
       nur Whig  oder Tory, nie Chartist sein. Sein Prinzip ist die Auf-
       rechthaltung des  Bestehenden; der  "gesetzliche Fortschritt" und
       das allgemeine  Stimmrecht würde  bei der  jetzigen Lage Englands
       eine Revolution  unfehlbar nach  sich ziehen. So ist es denn ganz
       natürlich, daß der praktische Engländer, dem die Politik ein Zah-
       lenverhältnis oder  gar ein Handelsgeschäft ist, von der im stil-
       len furchtbar  anwachsenden Macht  des Chartismus gar keine Notiz
       nimmt, weil  sie sich  nicht in  Zahlen ausdrücken läßt oder doch
       nur in solchen, die in Beziehung auf die Regierung und das Parla-
       ment Nullen   v o r   der Eins sind. Es gibt aber Dinge, die über
       das Zahlenverhältnis  hinausgehen, und  daran wird die Superklug-
       heit des  englischen Whiggismus  und Toryismus  schon  scheitern,
       wenn ihre Zeit gekommen sein wird.
       

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