Quelle: MEW 1 1839 - 1844


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       Friedrich Engels
       Die innern Krisen
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 343 vom 9. Dezember 1842]
       *x*   L o n d o n,  den 30. November. Ist in England eine Revolu-
       tion möglich  oder gar wahrscheinlich? Das ist die Frage, von der
       die Zukunft  Englands abhängt. Legt sie dem Engländer vor, und er
       wird euch mit tausend schönen Gründen beweisen, daß von einer Re-
       volution gar  die Rede  nicht sein  kann. Er wird euch sagen, daß
       England sich  allerdings für  den Augenblick  in einer kritischen
       Lage befindet,  daß es  aber in seinem Reichtum, seiner Industrie
       und seinen  Institutionen die  Mittel und Wege besitzt, sich ohne
       gewaltsame Erschütterungen herauszuarbeiten, daß seine Verfassung
       Elastizität genug  hat, um  die heftigsten  Stöße der Prinzipien-
       kämpfe zu  überdauern und  allen von den Umständen aufgedrungenen
       Veränderungen ohne Gefahr für ihre Grundlagen sich unterwerfen zu
       können. Er  wird euch  sagen, daß selbst die unterste Volksklasse
       wohl weiß,  daß sie  bei einer  Revolution nur  zu verlieren hat,
       weil jede Störung der öffentlichen Ruhe nur eine Stockung des Ge-
       schäfts und damit eine allgemeine Arbeitslosigkeit und Hungersnot
       nach sich  ziehen kann.  Kurz, er wird euch soviel klare und ein-
       leuchtende Dinge  vorbringen, daß  ihr am  Ende meint,  es  stehe
       wirklich so  schlimm nicht mit England und man mache sich auf dem
       Kontinent allerlei  Phantasien über  die Lage dieses Staates, die
       vor der  handgreiflichen Wirklichkeit,  vor der genauern Kenntnis
       der Sache  wie Seifenblasen  zerplatzen müßten. Und diese Meinung
       ist auch  die einzig  mögliche, sobald man sich auf den national-
       englischen Standpunkt  der unmittelbaren  Praxis, der materiellen
       Interessen stellt, d.h., sobald man den beregenden Gedanken außer
       Augen läßt,  die Basis  über der Oberfläche vergißt, den Wald vor
       Bäumen nicht  sieht. Es  ist eine  Sache, die sich in Deutschland
       von selbst versteht, die aber dem verstockten Briten nicht beizu-
       bringen ist,  daß die  sogenannten materiellen Interessen niemals
       in der  Geschichte als  selbständige, leitende  Zwecke  auftreten
       können, sondern  daß sie stets, unbewußt oder bewußt, einem Prin-
       zip dienen, das die Fäden des
       
       #457# Die innern Krisen
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       historischen Fortschritts  leitet. Darum  ist es ein Ding der Un-
       möglichkeit, daß  ein Staat wie England, dessen politische Exklu-
       sivität und Selbstgenügsamkeit am Ende um einige Jahrhunderte ge-
       gen den  Kontinent zurückgeblieben  ist, ein  Staat, der  von der
       Freiheit nur die Willkür kennt, der bis über die Ohren im Mittel-
       alter steckt,  daß ein  solcher Staat nicht endlich mit der indes
       fortgeschrittenen,  geistigen  Entwickelung  in  Konflikt  kommen
       sollte. Oder  ist das  nicht das  Bild der  politischen Lage Eng-
       lands? Gibt es ein Land in der Welt, wo der Feudalismus in so un-
       gebrochener Kraft  besteht, und  nicht nur faktisch, sondern auch
       in der  öffentlichen Meinung  unangetastet  bleibt?  Besteht  die
       vielgerühmte englische  Freiheit in  etwas anderm als in der rein
       formellen Willkür, innerhalb der bestehenden gesetzlichen Schran-
       ken tun  und lassen  zu können, was man Lust hat? Und was für Ge-
       setze sind das! Ein Wust von verworrenen, einander widersprechen-
       den Bestimmungen,  die die Jurisprudenz zur reinen Sophistik her-
       abgewürdigt haben,  die von  der Justiz  nie befolgt werden, weil
       sie auf  unsere Zeit  nicht passen,  die es zulassen, wenn anders
       die öffentliche Meinung und ihr Rechtsgefühl es zuließen, daß der
       ehrliche Mann  wegen der  unschuldigsten Handlung  zum Verbrecher
       gestempelt wird.  Ist das  Unterhaus nicht eine rein durch Beste-
       chung gewählte, dem Volke entfremdete Korporation? Tritt das Par-
       lament nicht fortwährend den Willen des Volkes mit Füßen? Hat die
       öffentliche Meinung  in allgemeinen Fragen den geringsten Einfluß
       auf die  Regierung? Beschränkt sich ihre Macht nicht bloß auf den
       einzelnen Fall,  auf die Kontrolle der Justiz und Verwaltung? Das
       sind alles  Dinge, die  selbst der  verstockteste Engländer nicht
       unbedingt leugnet,  und ein solcher Zustand soll sich halten kön-
       nen?
       Aber ich  will das  Feld der  Prinzipienfragen verlassen. In Eng-
       land, wenigstens  unter den Parteien, die sich jetzt um die Herr-
       schaft streiten,  unter Whigs und Tories, kennt man keine Prinzi-
       pienkämpfe, man  kennt nur  Konflikte der materiellen Interessen.
       Es ist  also billig,  daß auch dieser Seite ihr Recht widerfahre.
       England ist von Natur ein armes Land, das außer seiner geographi-
       schen Lage,  seinen Eisenminen  und Kohlengruben nur einige fette
       Weiden, sonst  keine Fruchtbarkeit oder irgendeinen andern natür-
       lichen Reichtum  besitzt. Es ist also durchaus auf Handel, Schif-
       fahrt und  Industrie angewiesen  und hat sich auch durch diese zu
       der Höhe aufzuschwingen gewußt, die es einnimmt. In der Natur der
       Sache liegt  aber, daß ein Land, wenn es diesen Weg eingeschlagen
       hat, sich  nur durch  fortwährende Steigerung  der  industriellen
       Produktion auf der einmal erreichten Höhe halten kann; und Still-
       stand wäre auch hier ein Rückschritt.
       Es ist  ferner eine  natürliche Folge aus den Voraussetzungen des
       Industriestaats, daß er, um die Quelle seines Reichtums zu schüt-
       zen, die industriellen
       
       #458# Friedrich Engels
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       Produkte anderer  Länder mit  Prohibitivzöllen von  sich abhalten
       muß. Da  aber die inländische Industrie die Preise ihrer Produkte
       mit den Zöllen auf auswärtige Produkte erhöht, so ist auch hierin
       die Notwendigkeit  gegeben, die Zölle fortwährend zu erhöhen, da-
       mit die  auswärtige Konkurrenz,  dem angenommenen Prinzipe gemäß,
       ausgeschlossen bleibe.  So würde  sich also  hier von zwei Seiten
       her ein  Prozeß ins  Endlose ergeben, und der Widerspruch, der in
       dem Begriffe  des Industriestaats  liegt, zeigte sich schon hier.
       Aber wir  brauchen hier  diese philosophischen  Kategorien  nicht
       einmal, um  die Widersprüche  aufzuzeigen, zwischen denen England
       eingekeilt liegt.  Bei den  zwei Steigerungen, der Produktion und
       der Zölle,  die wir  soeben betrachteten,  haben auch noch andere
       Leute als  die englischen Industriellen mitzusprechen. Zuerst das
       Ausland, das  selbst Industrie  besitzt und nicht nötig hat, sich
       zum Abzugsgraben für die englischen Produkte herzugeben, und dann
       die englischen  Konsumenten, die  sich eine solche Steigerung der
       Zölle ins Unendliche nicht gefallen lassen. Und gerade hier steht
       jetzt die  Entwickelung des  Industriestaats in England. Das Aus-
       land will  die englischen  Produkte nicht,  weil es selbst seinen
       Bedarf erzeugt, und die englischen Konsumenten verlangen einstim-
       mig die  Aufhebung der Prohibitivzölle. Schon aus der obigen Ent-
       wickelung ergibt sich, daß England hierdurch in ein doppeltes Di-
       lemma gerät,  zu dessen Lösung der bloße Industriestaat nicht fä-
       hig ist;  aber auch  die unmittelbare Anschauung der Verhältnisse
       bestätigt dies.
       Um zuerst  von den  Zöllen zu  reden, so ist es selbst in England
       anerkannt, daß  fast in  allen Artikeln die niedrigern Qualitäten
       von den  deutschen und französischen Fabriken besser und billiger
       geliefert werden; ebenso eine Masse anderer Artikel, in deren Fa-
       brikation die Engländer gegen den Kontinent zurück sind. Mit die-
       sen würde  England schon  bei Aufhebung des Prohibitivsystems so-
       gleich überschwemmt  werden, und die englische Industrie erhielte
       dadurch den  Todesstoß. Andererseits  ist jetzt die Maschinenaus-
       fuhr in  England freigegeben,  und da in der Maschinenfabrikation
       England bis  jetzt keine  Konkurrenz hat,  so wird  der Kontinent
       durch englische  Maschinen nun  desto mehr  in den Stand gesetzt,
       mit England  zu konkurrieren. Das Prohibitivsystem hat ferner die
       Staatseinkünfte Englands  ruiniert und  muß schon  deswegen abge-
       schafft werden  - wo  ist nun  hier ein Ausweg für den Industrie-
       staat?
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 344 vom 10. Dezember 1842]
       *x* In  Beziehung auf den Markt für die englischen Produkte haben
       Deutschland und  Frankreich deutlich  genug erklärt,  daß sie, um
       England gefällig  zu sein, ihre Industrie nicht länger preisgeben
       wollen. Die deutsche
       
       #459# Die innern Krisen
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       Industrie namentlich  hat ohnehin einen solchen Aufschwung genom-
       men, daß sie die englische nicht mehr zu fürchten hat. Der Konti-
       nentalmarkt ist  für England  verloren. Es  bleiben ihm  nur noch
       Amerika und  seine eignen  Kolonien, und  nur in letzteren ist es
       durch seine Navigationsgesetze [193] vor fremder Konkurrenz gesi-
       chert. Die  Kolonien aber  sind lange  nicht groß  genug, um alle
       Produkte der immensen englischen Industrie konsumieren zu können,
       und überall  anderswo wird  die englische  Industrie  immer  mehr
       durch die  deutsche und französische verdrängt. Diese Verdrängung
       ist freilich  nicht  Schuld  der  englischen  Industrie,  sondern
       Schuld des  Prohibitivsystems, das die Preise aller Lebensbedürf-
       nisse und  mit ihnen  den Arbeitslohn auf eine unverhältnismäßige
       Höhe geschraubt hat. Dieser Arbeitslohn aber verteuert gerade die
       englischen Produkte  sosehr gegen  die Produkte der kontinentalen
       Industrie. So kann also England der Notwendigkeit nicht entgehen,
       seine Industrie  zu beschränken. Das kann aber ebensowenig durch-
       geführt werden  als der  Übergang vom Prohibitivsystem zum freien
       Handel. Denn  die Industrie  bereichert zwar  ein Land,  aber sie
       schafft auch eine Klasse von Nichtbesitzenden, von absolut Armen,
       die von  der Hand  in den  Mund lebt,  die sich reißend vermehrt,
       eine Klasse,  die nachher nicht wieder abzuschaffen ist, weil sie
       nie stabilen  Besitz erwerben kann. Und der dritte Teil, fast die
       Hälfte aller  Engländer, gehört  dieser Klasse  an. Die geringste
       Stockung im  Handel macht  einen großen  Teil dieser Klasse, eine
       große Handelskrisis  macht die  ganze Klasse  brotlos. Was bleibt
       diesen Leuten  anders übrig,  als zu revoltieren, wenn solche Um-
       stände eintreten?  Durch ihre  Masse aber  ist diese  Klasse  zur
       mächtigsten in England geworden, und wehe den englischen Reichen,
       wenn sie darüber zum Bewußtsein kommt.
       Bis jetzt  ist sie es freilich noch nicht. Der englische Proleta-
       rier ahnt  erst seine Macht, und die Frucht dieser Ahnung war der
       Aufruhr des  vergangenen Sommers [194]. Der Charakter dieses Auf-
       ruhrs ist auf dem Kontinente ganz verkannt worden. Man war wenig-
       stens im  Zweifel, ob  die Sache  nicht ernstlich  werden könnte.
       Aber davon  war für  den, der die Sache an Ort und Stelle mit an-
       sah, gar  keine Rede.  Erstlich beruhte die ganze Sache auf einer
       Illusion; weil einige Fabrikbesitzer ihren Lohn herabsetzen woll-
       ten, glaubten  die sämtlichen  Arbeiter der  Baumwollen-, Kohlen-
       und Eisendistrikte  ihre Stellung  gefährdet, was  gar nicht  der
       Fall war. Sodann war die ganze Sache nicht vorbereitet, nicht or-
       ganisiert, nicht geleitet. Die Turn-outs 1*) hatten keinen Zweck,
       und waren sich über die Art und Weise ihres Verfahrens noch weni-
       ger einig.  Daher kam  es, daß sie bei dem geringsten Widerstande
       von seiten der Behörden
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       1*) Streikenden
       
       #460# Friedrich Engels
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       unschlüssig wurden  und die Achtung vor dem Gesetz nicht überwin-
       den konnten.  Als die  Chartisten sich der Zügel der Bewegung be-
       mächtigten und  vor den  versammelten  Volkshaufen  die  people's
       charter proklamieren ließen, war es zu spät. Die einzige leitende
       Idee, die den Arbeitern, wie den Chartisten, denen sie eigentlich
       auch angehört,  vorschwebte, war die einer Revolution auf gesetz-
       lichem Wege  -, ein  Widerspruch in  sich selbst, eine praktische
       Unmöglichkeit, an  deren Durchführung sie scheiterten. Gleich die
       erste, allen  gemeinsame Maßregel, die Stillsetzung der Fabriken,
       war gewaltsam und ungesetzlich. Bei dieser Haltlosigkeit der gan-
       zen Unternehmung  würde sie  gleich  anfangs  unterdrückt  worden
       sein, wenn nicht die Verwaltung, der sie durchaus unerwartet kam,
       ebenso  unschlüssig  und  mittellos  gewesen  wäre.  Und  dennoch
       reichte die  geringe militärische und polizeiliche Macht hin, das
       Volk im  Zaume zu halten. Man hat in Manchester gesehen, wie Tau-
       sende von  Arbeitern auf  den Squares durch vier oder fünf Drago-
       ner, deren  jeder einen  Zugang besetzt hielt, eingeschlossen ge-
       halten wurden.  Die "gesetzliche Revolution" hatte alles gelähmt.
       So verlief sich die ganze Sache; jeder Arbeiter fing wieder an zu
       arbeiten, sobald  seine Ersparnisse  verbraucht waren und er also
       nichts mehr  zu essen  hatte. Der Nutzen, der für die Besitzlosen
       daraus hervorgegangen  ist, bleibt  aber bestehen; es ist das Be-
       wußtsein, daß  eine Revolution  auf friedlichem  Wege eine Unmög-
       lichkeit ist, und daß nur eine gewaltsame Umwälzung der bestehen-
       den unnatürlichen  Verhältnisse, ein  radikaler Sturz der adligen
       und industriellen  Aristokratie die  materielle Lage der Proleta-
       rier verbessern  kann. Von dieser gewaltsamen Revolution hält sie
       noch die  dem Engländer  eigentümliche Achtung vor dem Gesetz zu-
       rück; bei  der oben  dargelegten Lage Englands kann es aber nicht
       fehlen, daß in kurzer Zeit eine allgemeine Brotlosigkeit der Pro-
       letarier eintritt,  und die  Scheu vor  dem Hungertode  wird dann
       stärker sein  als die  Scheu vor dem Gesetz. Diese Revolution ist
       eine unausbleibliche  für England; aber wie in allem, was in Eng-
       land vorgeht,  werden die  Interessen, und  nicht die Prinzipien,
       diese Revolution  beginnen und durchführen; erst aus den Interes-
       sen können  sich die  Prinzipien entwickeln, d.h., die Revolution
       wird keine politische, sondern eine soziale sein.
       

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