Quelle: MEW 1 1839 - 1844


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       Friedrich Engels
       Stellung der politischen Parteien
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 358 vom 24. Dezember 1842]
       *+*   A u s   L a n c a s h i r e,   15. Dezember. So kompliziert
       die gegenwärtige  Lage Englands erscheint, wenn man, wie der Eng-
       länder es tut, am Allernächsten, an der handgreiflichen Wirklich-
       keit, an  der äußerlichen  Praxis klebt, so einfach ist sie, wenn
       man die  Äußerlichkeit auf  ihren prinzipiellen Gehalt reduziert.
       Es gibt nur drei Parteien in England, die von Bedeutung sind, die
       Aristokratie des  Grundbesitzes, die  Aristokratie des Geldes und
       die radikale  Demokratie. Die  erstere, die der Tories, ist ihrer
       Natur und  geschichtlichen Entwicklung nach die rein mittelalter-
       liche, konsequente,  reaktionäre Partei,  der alte  Adel, der mit
       der "historischen"  Rechtsschule in Deutschland 1*) fraternisiert
       und die  Stütze des  christlichen Staates bildet. Die zweite, die
       Whigpartei, hat ihren Kern in den Kaufleuten und Fabrikanten, de-
       ren Mehrzahl  den sogenannten  Mittelstand bilden. Dieser Mittel-
       stand, zu  dem alles gehört, was gentleman ist, d.h. sein anstän-
       diges Auskommen  hat, ohne  übermäßig reich zu sein, ist aber nur
       Mittelstand im  Vergleich mit  den reichen Adeligen und Kapitali-
       sten; seine  Stellung gegen den Arbeiter aber ist aristokratisch,
       und dies  muß in  einem Lande  wie England, das nur von der Indu-
       strie lebt  und also  eine Masse  Arbeiter besitzt, weit eher zum
       Bewußtsein kommen  als z.B. in Deutschland, wo man die Handwerker
       und Bauern  als Mittelstand  begreift und jene ausgedehnte Klasse
       der Fabrikarbeiter gar nicht kennt. Hierdurch wird die Whigpartei
       in die  zweideutige Stellung des juste-milieu hingedrängt, sobald
       die Klasse  der Arbeiter  anfängt, zum  Bewußtsein zu kommen. Und
       dies geschieht  in diesem  Augenblick. Die radikal-demokratischen
       Prinzipien des Chartismus durchdringen die arbeitende Klasse täg-
       lich mehr  und werden  von ihr  immer mehr als der Ausdruck ihres
       Gesamtbewußtseins erkannt. Jetzt
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 78-85
       
       #462# Friedrich Engels
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       indes ist  diese Partei  erst in  der Bildung  begriffen und kann
       deshalb noch nicht mit voller Energie auftreten.
       Daß außer  diesen drei Hauptparteien noch allerlei Übergangsnuan-
       cen existieren, versteht sich von selbst, und von diesen sind au-
       genblicklich zwei  von Bedeutung,  obwohl sie alles prinzipiellen
       Gehalts entbehren.  Die erste  ist die  Mitte zwischen Whiggismus
       und Toryismus, wie sie durch Peel und Russell repräsentiert wird,
       und der für die nächste Zukunft die Majorität im Unterhause, also
       das Ministerium  sicher ist.  Die andere  ist die  Mitte zwischen
       Whiggismus und  Chartismus, die  "radikale" Nuance, die durch ein
       halbes Dutzend Parlamentsmitglieder und einige Zeitschriften, na-
       mentlich den  "Examiner" vertreten  ist und deren Prinzipien, ob-
       wohl nicht ausgesprochen, der National Anti-Corn-Law League [195]
       zum Grunde  liegen. Die  erstere Fraktion  muß durch  die größere
       Entwicklung des  Chartismus an  Bedeutung gewinnen,  weil sie ihm
       gegenüber die  Einheit von  Whig- und Toryprinzipien darstellten,
       die er grade behauptet. Die andere muß dadurch ganz in ihr Nichts
       zurückfallen. Die  Stellung dieser  Parteien gegeneinander  zeigt
       sich am  klarsten in  ihrem Verhalten  gegen die Korngesetze. Die
       Tories geben  keinen Zollbreit  nach. Der  Adel weiß,  daß  seine
       Macht, außer  der konstitutionellen Sphäre des Oberhauses, haupt-
       sächlich in  seinem Reichtum  liegt. Durch  eine  Freigebung  der
       Korneinfuhr würde  er genötigt  sein, mit  den Pächtern neue Kon-
       trakte  auf  billigere  Bedingungen  abzuschließen.  Sein  ganzer
       Reichtum ist  Grundbesitz; der  Wert des  Grundbesitzes steht mit
       der Pacht  in unabänderlichem  Verhältnis und  fällt mit ihr. Nun
       ist die Pacht augenblicklich so hoch, daß selbst bei dem jetzigen
       Zoll der  Pächter ruiniert  wird; eine Freigebung der Korneinfuhr
       würde diese  Pacht und mit ihr den Wert des Grundeigentums um den
       dritten Teil  herabsetzen. Grund  genug für  die Aristokratie, an
       ihrem wohlerworbenen Recht, das den Ackerbau ruiniert und die Ar-
       men des  Landes aushungert,  festzuhalten. Die Whigs, das allzeit
       fertige juste-milieu,  haben einen festen Zoll von acht Schilling
       per Quarter  vorgeschlagen; dieser  Zoll ist grade niedrig genug,
       um fremdes  Korn hereinzulassen und dem Pächter den Markt verder-
       ben zu  können, und  grade hoch genug, um dem Pächter allen Grund
       zur Forderung  neuer Pachtbedingungen  zu nehmen und für das Land
       einen durchschnittlich  ebenso hohen Brotpreis zu stellen, wie er
       jetzt existiert.  Die Weisheit des juste-milieu ruiniert also das
       Land noch  weit sicherer  als die  Verstocktheit der konsequenten
       Reaktion. Die  "Radikalen" sind  hier einmal wirklich radikal und
       fordern freie  Korneinfuhr. Aber  der "Examiner"  hat diesen  Mut
       auch erst  seit acht  Tagen, und die Anti-Corn-Law League war von
       vornherein so sehr bloß gegen die bestehenden Korngesetze und die
       sliding-scale [196] gerichtet, daß
       
       #463# Stellung der politischen Partei
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       sie bis  zuletzt immerfort die Whigs unterstützte. Allmählich in-
       des ist  die absolute  Freiheit  der  Korneinfuhr  und  überhaupt
       "freier Handel"  das Feldgeschrei der Radikalen geworden, und die
       Whigs schreien  gutmütig mit  nach "freiem  Handel", worunter sie
       juste-milieu-Zölle verstehen.  Daß die  Chartisten von Kornzöllen
       nichts wissen  wollen, versteht  sich von  selbst. Was  wird aber
       daraus werden? Daß die Korneinfuhr frei werden muß, ist so gewiß,
       wie daß die Tories stürzen müssen, auf friedlichem oder gewaltsa-
       mem Wege.  Nur über die Art dieser Veränderung kann man streiten.
       Wahrscheinlich wird  schon die  nächste Parlamentssession den Ab-
       fall Peels  von der  sliding-scale und damit vom vollen Toryismus
       bringen. Der  Adel wird in allem nachgeben, was ihn nicht zwingt,
       seine Pachtsätze  zu erniedrigen,  weiter aber nichts. Die Koali-
       tion Peel-Russell,  das parlamentarische  Zentrum, hat jedenfalls
       die nächste Chance fürs Ministerium und wird die Entscheidung der
       Kornfrage durch seine juste-milieu-Maßregeln so lange wie möglich
       aufhalten. Wie  lange aber,  das hängt  nicht von ihr ab, sondern
       vom Volk.
       

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