Quelle: MEW 1 1839 - 1844
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Friedrich Engels
Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie [220]
Die Nationalökonomie entstand als eine natürliche Folge der Aus-
dehnung des Handels, und mit ihr trat an die Stelle des einfa-
chen, unwissenschaftlichen Schachers ein ausgebildetes System des
erlaubten Betrugs, eine komplette Bereicherungswissenschaft.
Diese aus dem gegenseitigen Neid und der Habgier der Kaufleute
entstandene Nationalökonomie oder Bereicherungswissenschaft trägt
das Gepräge der ekelhaftesten Selbstsucht auf der Stirne. Man
lebte noch in der naiven Anschauung, daß Gold und Silber der
Reichtum sei, und hatte also nichts eiligeres zu tun, als überall
die Ausfuhr der "edlen" Metalle zu verbieten. Die Nationen stan-
den sich gegenüber wie Geizhälse, deren jeder seinen teuren Geld-
sack mit beiden Armen umschließt und mit Neid und Argwohn auf
seine Nachbarn blickt. Alle Mittel wurden aufgeboten, um den Völ-
kern, mit denen man im Handelsverkehr stand, soviel bares Geld
wie möglich abzulocken und das glücklich Hereingebrachte hübsch
innerhalb der Mautlinie zu behalten.
Die konsequenteste Durchführung dieses Prinzips hätte den Handel
getötet. Man fing also an, diese erste Stufe zu überschreiten;
man sah ein, daß das Kapital im Kasten tot daliegt, während es in
der Zirkulation sich stets vermehrt. Man wurde also menschen-
freundlicher, man schickte seine Dukaten als Lockvögel aus, damit
sie andere mit sich zurückbringen sollten, und erkannte, daß es
nichts schadet, wenn man dem A zuviel für seine Ware bezahlt, so-
lange man sie noch bei B für einen höheren Preis loswerden kann.
Auf dieser Basis erbaute sich das M e r k a n t i l s y s t e m.
Der habgierige Charakter des Handels wurde schon etwas versteckt;
die Nationen rückten sich etwas näher, sie schlossen Handels- und
Freundschaftstraktate, sie machten gegenseitig Geschäfte und ta-
ten einander, um des größern Gewinns willen, alles mögliche Liebe
und Gute an. Aber im Grunde war es doch die alte Geldgier und
Selbstsucht, und diese brach von Zeit zu Zeit in den Kriegen
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aus, die in jener Periode alle auf Handelseifersucht beruhten. In
diesen Kriegen zeigte es sich auch, daß der Handel, wie der Raub,
auf dem Faustrecht beruhe; man machte sich gar kein Gewissen dar-
aus, durch List oder Gewalt solche Traktate zu erpressen, wie man
sie für die günstigsten hielt.
Der Hauptpunkt im ganzen Merkantilsystem ist die Theorie von der
Handelsbilanz. Da man nämlich noch immer an dem Satz festhielt,
daß Gold und Silber der Reichtum sei, so hielt man nur die Ge-
schäfte für vorteilbringend, die am Ende bares Geld ins Land
brächten. Um dies ausfindig zu machen, verglich man die Ausfuhr
und Einfuhr. Hatte man mehr aus- als eingeführt, so glaubte man,
daß die Differenz in barem Gelde ins Land gekommen sei, und hielt
sich um diese Differenz reicher. Die Kunst der Ökonomen bestand
also darin, dafür zu sorgen, daß am Ende jedes Jahres die Ausfuhr
eine günstige Bilanz gegen die Einfuhr gebe; und um dieser lä-
cherlichen Illusion willen sind Tausende von Menschen geschlach-
tet worden! Der Handel hat auch seine Kreuzzüge und seine Inqui-
sition aufzuweisen.
Das achtzehnte Jahrhundert, das Jahrhundert der Revolution, revo-
lutionierte auch die Ökonomie; aber wie alle Revolutionen dieses
Jahrhunderts einseitig waren und im Gegensatz steckenblieben, wie
dem abstrakten Spiritualismus der abstrakte Materialismus, der
Monarchie die Republik, dem göttlichen Recht der soziale Kontrakt
entgegengesetzt wurde, so kam auch die ökonomische Revolution
nicht über den Gegensatz hinaus. Die Voraussetzungen blieben
überall bestehen; der Materialismus griff die christliche Verach-
tung und Erniedrigung des Menschen nicht an und stellte nur statt
des christlichen Gottes die Natur dem Menschen als Absolutes ge-
genüber; die Politik dachte nicht daran, die Voraussetzungen des
Staates an und für sich zu prüfen; die Ökonomie ließ sich nicht
einfallen, nach der B e r e c h t i g u n g d e s P r i v a t-
e i g e n t u m s zu fragen. Darum war die neue Ökonomie nur ein
halber Fortschritt; sie war genötigt, ihre eigenen Voraus-
setzungen zu verraten und zu verleugnen, Sophistik und Heuchelei
zu Hülfe zu nehmen, um die Widersprüche, in die sie sich
verwickelte, zu verdecken, um zu den Schlüssen zu kommen, zu
denen sie, nicht durch ihre Voraussetzungen, sondern durch den
humanen Geist des Jahrhunderts getrieben wurde. So nahm die Öko-
nomie einen menschenfreundlichen Charakter an; sie entzog ihre
Gunst den Produzenten und wandte sie den Konsumenten zu; sie af-
fektierte einen heiligen Abscheu gegen die blutigen Schrecken des
Merkantilsystems und erklärte den Handel für ein Band der Freund-
schaft und Einigung zwischen den Nationen wie zwischen Indivi-
duen. Es war alles lauter Pracht und Herrlichkeit - aber die Vor-
aussetzungen machten sich bald genug wieder geltend und erzeugten
im Gegensatz zu dieser gleißenden Philanthropie die Malthussche
Bevölkerungstheorie,
#501# Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
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das rauhste barbarischste System, das je existierte, ein System
der Verzweiflung, das alle jene schönen Redensarten von Menschen-
liebe und Weltbürgertum zu Boden schlug; sie erzeugten und hoben
das Fabriksystem und die moderne Sklaverei, die der alten nichts
nachgibt an Unmenschlichkeit und Grausamkeit. Die neue Ökonomie,
das auf Adam Smiths "Wealth of Nations" gegründete System der
Handelsfreiheit, erweist sich als dieselbe Heuchelei, Inkonse-
quenz und Unsittlichkeit, die jetzt auf allen Gebieten der freien
Menschlichkeit gegenübersteht.
Aber war denn das Smithsche System kein Fortschritt? - Freilich
war es das, und ein notwendiger Fortschritt dazu. Es war notwen-
dig, daß das Merkantilsystem mit seinen Monopolen und Verkehrs-
hemmungen gestürzt wurde, damit die wahren Folgen des Privatei-
gentums ans Licht treten konnten; es war notwendig, daß alle
diese kleinlichen Lokal- und Nationalrücksichten zurücktraten,
damit der Kampf unserer Zeit ein allgemeiner, menschlicher werden
konnte; es war notwendig, daß die Theorie des Privateigentums den
rein empirischen, bloß objektiv versuchenden Pfad verließ und
einen wissenschaftlichen Charakter annahm, der sie auch für die
Konsequenzen verantwortlich machte und dadurch die Sache auf ein
allgemein menschliches Gebiet herüberführte; daß die in der alten
Ökonomie enthaltene Unsittlichkeit durch den Versuch ihrer
Wegleugnung und durch die hereingebrachte Heuchelei - eine not-
wendige Konsequenz dieses Versuches - auf den höchsten Gipfel ge-
steigert wurde. All dies lag in der Natur der Sache. Wir erkennen
gerne an, daß wir erst durch die Begründung und Ausführung der
Handelsfreiheit in den Stand gesetzt sind, über die Ökonomie des
Privateigentums hinauszugehen, aber wir müssen zu gleicher Zeit
auch das Recht haben, diese Handelsfreiheit in ihrer ganzen theo-
retischen und praktischen Nichtigkeit darzustellen.
Unser Urteil wird um so härter werden müssen, je mehr die Ökono-
men, die wir zu beurteilen haben, in unsere Zeit hineinfallen.
Denn während Smith und Malthus nur einzelne Bruchstücke fertig
vorfanden, hatten die Neueren das ganze System vollendet vor
sich; die Konsequenzen waren alle gezogen, die Widersprüche tra-
ten deutlich genug ans Licht, und doch kamen sie nicht zu einer
Prüfung der Prämissen, und doch nahmen sie noch immer die Verant-
wortlichkeit für das ganze System auf sich. Je näher die Ökonomen
der Gegenwart kommen, desto weiter entfernen sie sich von der
Ehrlichkeit. Mit jedem Fortschritt der Zeit steigert sich notwen-
dig die Sophisterei, um die Ökonomie auf der Höhe der Zeit zu er-
halten. Darum ist z.B. Ricardo schuldiger als Adam Smith und Mac-
Culloch und Mill schuldiger als Ricardo.
Die neuere Ökonomie kann nicht einmal das Merkantilsystem richtig
beurteilen,
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weil sie selbst einseitig und noch mit den Voraussetzungen des-
selben behaftet ist. Erst der Standpunkt, der sich über den Ge-
gensatz der beiden Systeme erhebt, der die gemeinsamen Vorausset-
zungen beider kritisiert und von einer rein menschlichen, allge-
meinen Basis ausgeht, wird beiden ihre richtige Stellung anweisen
können. Es wird sich zeigen, daß die Verteidiger der Handelsfrei-
heit schlimmere Monopolisten sind als die alten Merkantilisten
selbst. Es wird sich zeigen, daß hinter der gleisnerischen Huma-
nität der Neueren eine Barbarei steckt, von der die Alten nichts
wußten; daß die Begriffsverwirrung der Alten noch einfach und
konsequent ist gegen die doppelzüngige Logik ihrer Angreifer und
daß keine der beiden Parteien der andern etwas vorwerfen könne,
was nicht auf sie selbst zurückfällt. - Darum kann auch die
neuere liberale Ökonomie die Restauration des Merkantilsystems
durch List nicht begreifen, während die Sache für uns ganz ein-
fach ist. Die Inkonsequenz und Doppelseitigkeit der liberalen
Ökonomie muß sich notwendig wieder in ihre Grundbestandteile auf-
lösen. Wie die Theologie entweder zum blinden Glauben zurück-,
oder zur freien Philosophie vorwärtsgehen muß, so muß die Han-
delsfreiheit auf der einen Seite die Restauration der Monopole,
auf der andern die Aufhebung des Privateigentums produzieren.
Der einzig p o s i t i v e Fortschritt, den die liberale Ökono-
mie gemacht hat, ist die Entwicklung der Gesetze des Privateigen-
tums. Diese sind allerdings in ihr enthalten, wenn auch noch
nicht bis zur letzten Konsequenz entwickelt und klar ausgespro-
chen. Hieraus folgt, daß in allen Punkten, wo es auf die Ent-
scheidung über die kürzeste Manier, reich zu werden, ankommt,
also in allen strikt ökonomischen Kontroversen, die Verteidiger
der Handelsfreiheit das Recht auf ihrer Seite haben. Wohlverstan-
den - in Kontroversen mit den Monopolisten, nicht mit den Gegnern
des Privateigentums, denn daß diese imstande sind, in ökonomi-
schen Fragen auch ökonomisch richtiger zu entscheiden, haben die
englischen Sozialisten längst praktisch und theoretisch bewiesen.
Wir werden also bei der Kritik der Nationalökonomie die Grundka-
tegorien untersuchen, den durch das System der Handelsfreiheit
hineingebrachten Widerspruch enthüllen und die Konsequenzen der
beiden Seiten des Widerspruchs ziehen.
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Der Ausdruck Nationalreichtum ist erst durch die Verallgemeine-
rungssucht der liberalen Ökonomen aufgekommen. Solange das Pri-
vateigentum besteht, hat dieser Ausdruck keinen Sinn. Der
"Nationalreichtum" der Engländer ist
#503# Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
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sehr groß, und doch sind sie das ärmste Volk unter der Sonne. Man
lasse entweder den Ausdruck ganz fallen, oder man nehme Voraus-
setzungen an, die ihm einen Sinn geben. Ebenso die Ausdrücke Na-
tionalökonomie, politische, öffentliche Ökonomie. Die Wissen-
schaft sollte unter den jetzigen Verhältnissen P r i v a t-
ökonomie heißen, denn ihre öffentlichen Beziehungen sind nur um
des Privateigentums willen da.
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Die nächste Folge des Privateigentums ist der H a n d e l, der
Austausch der gegenseitigen Bedürfnisse, Kauf und Verkauf. Dieser
Handel muß unter der Herrschaft des Privateigentums, wie jede Tä-
tigkeit, eine unmittelbare Erwerbsquelle für den Handeltreibenden
werden; d.h. jeder muß suchen, so teuer wie möglich zu verkaufen
und so billig wie möglich zu kaufen. Bei jedem Kauf und Verkauf
stehen sich also zwei Menschen mit absolut entgegengesetzten In-
teressen gegenüber; der Konflikt ist entschieden feindselig, denn
jeder kennt die Intention des andern, weiß, daß sie den seinigen
entgegengesetzt sind. Die erste Folge ist also auf der einen
Seite gegenseitiges Mißtrauen, auf der andern die Rechtfertigung
dieses Mißtrauens, die Anwendung unsittlicher Mittel zur Durch-
setzung eines unsittlichen Zwecks. So ist z.B. der erste Grund-
satz im Handel die Verschwiegenheit, Verheimlichung alles dessen,
was den Wert des fraglichen Artikels herabsetzen könnte. Die Kon-
sequenz daraus: Es ist im Handel erlaubt, von der Unkenntnis, von
dem Vertrauen der Gegenpartei den möglichst großen Nutzen zu zie-
hen, und ebenso, seiner Ware Eigenschaften anzurühmen, die sie
nicht besitzt. Mit e i n e m Worte, der Handel ist der legale
Betrug. Daß die Praxis mit dieser Theorie übereinstimmt, kann mir
jeder Kaufmann, wenn er der Wahrheit die Ehre geben will, bezeu-
gen.
Das Merkantilsystem hatte noch eine gewisse unbefangene, katholi-
sche Geradheit und verdeckte das unsittliche Wesen des Handels
nicht im mindesten. Wir haben gesehen, wie es seine gemeine Hab-
sucht offen zur Schau trug. Die gegenseitig feindselige Stimmung
der Nationen im achtzehnten Jahrhundert, der ekelhafte Neid und
die Handelseifersucht waren die konsequenten Folgen des Handels
überhaupt. Die öffentliche Meinung war noch nicht humanisiert,
was sollte man also Dinge verstecken, die aus dem unmenschlichen
feindseligen Wesen des Handels selbst folgten.
Als aber der ö k o n o m i s c h e L u t h e r, Adam Smith,
die bisherige Ökonomie kritisierte, hatten sich die Sachen sehr
geändert. Das Jahrhundert war humanisiert, die Vernunft hatte
sich geltend gemacht, die Sittlichkeit fing an, ihr ewiges Recht
in Anspruch zu nehmen. Die erpreßten Handelstraktate, die
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kommerziellen Kriege, die schroffe Isolierung der Nationen stie-
ßen zu sehr gegen das fortgeschrittene Bewußtsein an. An die
Stelle der katholischen Geradheit trat protestantische Gleisne-
rei. Smith bewies, daß auch die Humanität im Wesen des Handels
begründet sei; daß der Handel, anstatt "die fruchtbarste Quelle
der Zwietracht und Feindseligkeit" zu sein, ein "Band der Eini-
gung und Freundschaft zwischen den Nationen wie zwischen Indivi-
duen" (vgl. "Wealth of Nations", B. 4, c. 3, § 2) werden müsse;
es liege ja in der Natur der Sache, daß der Handel im ganzen und
großen a l l e n Beteiligten vorteilhaft sei.
Smith hatte recht, wenn er den Handel als human pries. Es gibt
nichts absolut unsittliches in der Welt; auch der Handel hat eine
Seite, wo er der Sittlichkeit und Menschlichkeit huldigt. Aber
welch eine Huldigung! Das Faustrecht, der platte Straßenraub des
Mittelalters wurde humanisiert, als er in den Handel, der Handel,
als seine erste Stufe, welche sich durch das Verbot der Geldaus-
fuhr charakterisiert, in das Merkantilsystem überging. Jetzt
wurde dieses selbst humanisiert. Natürlich ist es im Interesse
des Handelnden, mit dem einen, von welchem er wohlfeil kauft, wie
mit dem andern, an welchen er teuer verkauft, sich in gutem Ver-
nehmen zu halten. Es ist also sehr unklug von einer Nation gehan-
delt, wenn sie bei ihren Versorgern und Kunden eine feindselige
Stimmung nährt. Je freundschaftlicher, desto vorteilhafter. Dies
ist die Humanität des Handels, und diese gleisnerische Art, die
Sittlichkeit zu unsittlichen Zwecken zu mißbrauchen, ist der
Stolz des Systems der Handelsfreiheit. Haben wir nicht die Bar-
barei der Monopole gestürzt, rufen die Heuchler aus, haben wir
nicht die Zivilisation in entfernte Weltteile getragen, haben wir
nicht die Völker verbrüdert und die Kriege vermindert? - Ja, das
alles habt ihr getan, aber WIE habt ihr es getan! Ihr habt die
kleinen Monopole vernichtet, um das EINE große Grundmonopol, das
Eigentum, desto freier und schrankenloser wirken zu lassen; ihr
habt die Enden der Erde zivilisiert, um neues Terrain für die
Entfaltung eurer niedrigen Habsucht zu gewinnen, ihr habt die
Völker verbrüdert, aber zu einer Brüderschaft von Dieben, und die
Kriege vermindert, um im Frieden desto mehr zu verdienen, um die
Feindschaft der einzelnen, den ehrlosen Krieg der Konkurrenz, auf
die höchste Spitze zu treiben! - Wo habt ihr etwas aus reiner Hu-
manität, aus dem Bewußtsein der Nichtigkeit des Gegensatzes zwi-
schen dem allgemeinen und individuellen Interesse getan? Wo seid
ihr sittlich gewesen, ohne interessiert zu sein, ohne unsittli-
che, egoistische Motive im Hintergrund zu hegen?
Nachdem die liberale Ökonomie ihr Bestes getan hatte, um durch
die Auflösung der Nationalitäten die Feindschaft zu verallgemei-
nern, die
#505# Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
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Menschheit in eine Horde reißender Tiere - und was sind Konkur-
renten anders? - zu verwandeln, die einander ebendeshalb auffres-
sen, w e i l jeder mit allen andern gleiches Interesse hat,
nach dieser Vorarbeit blieb ihr nur noch ein Schritt zum Ziele
übrig, die Auflösung der Familie. Um diese durchzusetzen, kam ihr
eine eigene schöne Erfindung, das Fabriksystem, zu Hülfe. Die
letzte Spur gemeinsamer Interessen, die Gütergemeinschaft der Fa-
milie, ist durch das Fabriksystem untergraben und - wenigstens
hier in England - bereits in der Auflösung begriffen. Es ist et-
was ganz Alltägliches, daß Kinder, sobald sie arbeitsfähig, d.h.
neun Jahre alt werden, ihren Lohn für sich verwenden, das elter-
liche Haus als ein bloßes Kosthaus ansehen und den Eltern ein Ge-
wisses für Kost und Wohnung vergüten. Wie kann es anders sein?
Was kann anders aus der Isolierung der Interessen, wie sie dem
System der Handelsfreiheit zugrunde liegt, folgen? Ist ein Prin-
zip einmal in Bewegung gesetzt, so arbeitet es sich von selbst
durch alle seine Konsequenzen durch, die Ökonomen mögen gefallen
daran haben oder nicht.
Aber der Ökonom weiß selbst nicht, welcher Sache er dient. Er
weiß nicht, daß er mit all seinem egoistischen Raisonnement doch
nur ein Glied in der Kette des allgemeinen Fortschrittes der
Menschheit bildet. Er weiß nicht, daß er mit seiner Auflösung al-
ler Sonderinteressen nur den Weg bahnt für den großen Umschwung,
dem das Jahrhundert entgegengeht, der Versöhnung der Menschheit
mit der Natur und mit sich selbst
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Die nächste durch den Handel bedingte Kategorie ist der W e r t.
Über diese, sowie über alle andern Kategorien existiert kein
Streit zwischen den älteren und neueren Ökonomen, weil die Mono-
polisten in ihrer unmittelbaren Wut der Bereicherung keine Zeit
übrig hatten, um sich mit Kategorien zu beschäftigen. Alle
Streitfragen über derartige Punkte gingen von den Neueren aus.
Der Ökonom, der von Gegensätzen lebt, hat natürlich auch einen
DOPPELTEN Wert; den abstrakten oder realen Wert und den Tausch-
wert. Über das Wesen des Realwertes war ein langer Streit zwi-
schen den Engländern, die die Produktionskosten als den Ausdruck
des Realwertes bestimmten, und dem Franzosen Say, der diesen Wert
nach der Brauchbarkeit einer Sache zu messen vorgab. Der Streit
hat seit dem Anfange dieses Jahrhunderts geschwebt und ist einge-
schlafen, nicht entschieden. Die Ökonomen können nichts entschei-
den.
Die Engländer - MacCulloch und Ricardo besonders - behaupten
also, der abstrakte Wert einer Sache werde durch die Produktions-
kosten bestimmt.
#506# Friedrich Engels
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Wohlverstanden, der abstrakte Wert, nicht der Tauschwert, der
e x c h a n g e a b l e v a l u e, der Wert im Handel - das sei
etwas andres. Weshalb sind die Produktionskosten das Maß des Wer-
tes? Weil - hört, hört! - weil niemand eine Sache, unter gewöhn-
lichen Umständen und das Verhältnis der Konkurrenz aus dem Spiele
gelassen, für weniger verkaufen würde als ihm ihre Produktion ko-
stet - verkaufen würde? Was haben wir hier, wo es sich nicht um
den H a n d e l s w e r t handelt, mit "Verkaufen" zu tun? Da
haben wir ja gleich wieder den Handel im Spiel, den wir ja gerade
herauslassen sollen - und was für einen Handel! einen Handel, wo-
bei die Hauptsache, das Konkurrenzverhältnis, nicht in Anschlag
kommen soll! Erst einen abstrakten Wert, jetzt auch einen ab-
strakten Handel, einen Handel ohne Konkurrenz, d.h. einen Men-
schen ohne Körper, einen Gedanken ohne Gehirn, um Gedanken zu
produzieren. Und bedenkt der Ökonom denn gar nicht, daß, sowie
die Konkurrenz aus dem Spiel gelassen wird, gar keine Garantie da
ist, daß der Produzent seine Ware gerade zu den Produktionskosten
verkauft? Welche Verwirrung!
Weiter! Geben wir für einen Augenblick zu, daß dem allem so sei,
wie der Ökonom sagt. Angenommen, es machte jemand mit ungeheurer
Mühe und enormen Kosten etwas ganz Unnützes, etwas, wonach kein
Mensch begehrt, ist auch das die Produktionskosten wert? Ganz und
gar nicht, sagt der Ökonom, wer wird das kaufen wollen? Da haben
wir also auf einmal nicht nur die verschrieene Saysche Brauchbar-
keit, sondern - mit dem "Kaufen" - das Konkurrenzverhältnis dane-
ben. Es ist nicht möglich, der Ökonom kann seine Abstraktion
nicht einen Augenblick festhalten. Nicht nur das, was er mit Mühe
entfernen will, die Konkurrenz, sondern auch das, was er an-
greift, die Brauchbarkeit, kommt ihm jeden Augenblick zwischen
die Finger. Der abstrakte Wert und seine Bestimmung durch die
Produktionskosten sind eben nur Abstraktionen, Undinge.
Aber geben wir noch einmal für einen Augenblick dem Ökonomen
recht - wie will er uns dann die Produktionskosten bestimmen,
ohne die Konkurrenz in Anschlag zu bringen? Wir werden bei der
Untersuchung der Produktionskosten sehen, daß auch diese Katego-
rie auf die Konkurrenz basiert ist, und auch hier wieder zeigt es
sich, wie wenig der Ökonom seine Behauptungen durchführen kann.
Gehen wir zu Say über, so finden wir dieselbe Abstraktion. Die
Brauchbarkeit einer Sache ist etwas rein Subjektives, gar nicht
absolut zu Entscheidendes - wenigstens solange man sich noch in
Gegensätzen herumtreibt, gewiß nicht zu entscheiden. Nach dieser
Theorie müßten notwendige Bedürfnisse mehr Wert besitzen als Lu-
xusartikel. Der einzig mögliche Weg, zu einer
#507# Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
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einigermaßen objektiven, s c h e i n b a r allgemeinen Ent-
scheidung über die größere oder geringere Brauchbarkeit einer Sa-
che zu kommen, ist unter der Herrschaft des Privateigentums das
Konkurrenzverhältnis, und das soll ja gerade beiseite gelassen
werden. Ist aber das Konkurrenzverhältnis zugelassen, so kommen
auch die Produktionskosten herein; denn niemand wird für weniger
verkaufen, als er selbst bei der Produktion angelegt hat. Auch
hier also geht die eine Seite des Gegensatzes wider Willen in die
andere über.
Versuchen wir, Klarheit in diese Verwirrung zu bringen. Der Wert
einer Sache schließt beide Faktoren ein, die von den streitenden
Parteien mit Gewalt und, wie wir gesehen haben, ohne Erfolg ge-
trennt werden. Der Wert ist das Verhältnis der Produktionskosten
zur Brauchbarkeit. Die nächste Anwendung des Wertes ist die Ent-
scheidung darüber, ob eine Sache überhaupt produziert werden
soll, d.h., ob die Brauchbarkeit die Produktionskosten aufwiegt.
Dann erst kann von der Anwendung des Wertes für den Tausch die
Rede sein. Die Produktionskosten zweier Dinge gleichgesetzt, wird
die Brauchbarkeit das entscheidende Moment sein, um ihren ver-
gleichungsmäßigen Wert zu bestimmen.
Diese Basis ist die einzig gerechte Basis des Tausches. Geht man
aber von derselben aus, wer soll über die Brauchbarkeit einer Sa-
che entscheiden? Die bloße Meinung der Beteiligten? So wird je-
denfalls e i n e r betrogen. Oder eine auf die inhärente
Brauchbarkeit der Sache unabhängig von den beteiligen Parteien
gegründete und ihnen nicht einleuchtende Bestimmung? So kann der
Tausch nur durch Z w a n g zustande kommen, und jeder hält sich
für betrogen. Man kann diesen Gegensatz zwischen der wirklichen
inhärenten Brauchbarkeit der Sache und zwischen der Bestimmung
dieser Brauchbarkeit, zwischen der Bestimmung der Brauchbarkeit
und der Freiheit der Tauschenden nicht aufheben, ohne das Privat-
eigentum aufzuheben; und sobald dies aufgehoben ist, kann von ei-
nem Tausch, wie er jetzt existiert, nicht mehr die Rede sein. Die
praktische Anwendung des Wertbegriffs wird sich dann immer mehr
auf die Entscheidung über die Produktion beschränken, und da ist
seine eigentliche Sphäre.
Wie aber stehen die Sachen jetzt? Wir haben gesehen, wie der
Wertbegriff langsam zerrissen ist und die einzelnen Seiten jede
für das Ganze ausgeschrieen werden. Die Produktionskosten, durch
die Konkurrenz von vornherein verdreht, sollen für den Wert
selbst gelten; ebenso die bloß subjektive Brauchbarkeit - denn
eine andere kann es jetzt nicht geben. - Um diesen lahmen Defini-
tionen auf die Beine zu helfen, muß in beiden Fällen die Konkur-
renz in Anspruch genommen werden; und das beste ist, daß bei den
Engländern die Konkurrenz, gegenüber den Produktionskosten, die
Brauchbarkeit
#508# Friedrich Engels
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vertritt, während sie umgekehrt bei Say, der Brauchbarkeit gegen-
über, die Produktionskosten hereinbringt. Aber was für eine
Brauchbarkeit, was für Produktionskosten bringt sie herein! Ihre
Brauchbarkeit hängt vom Zufall, von der Mode, von der Laune der
Reichen ab, ihre Produktionskosten gehen auf und ab mit dem zu-
fälligen Verhältnis von Nachfrage und Zufuhr.
Dem Unterschiede zwischen Realwert und Tauschwert liegt eine Tat-
sache zum Grunde - nämlich daß der Wert einer Sache verschieden
ist von dem im Handel für sie gegebenen sogenannten Äquivalent,
d.h., daß dies Äquivalent kein Äquivalent ist. Dies sogenannte
Äquivalent ist der P r e i s der Sache, und wäre der Ökonom
ehrlich, so würde er dies Wort für den "Handelswert" gebrauchen.
Aber er muß doch immer noch eine Spur von Schein behalten, daß
der Preis mit dem Werte irgendwie zusammenhänge, damit nicht die
Unsittlichkeit des Handels zu klar ans Licht komme. Daß aber der
PREIS durch die Wechselwirkung der Produktionskosten und der Kon-
kurrenz bestimmt wird, das ist ganz richtig und ein Hauptgesetz
des Privateigentums. Dies war das erste, was der Ökonom fand,
dies rein empirische Gesetz; und hiervon abstrahierte er dann
seinen Realwert, d.h. den Preis zu der Zeit, wenn das Konkurrenz-
verhältnis sich balanciert, wenn Nachfrage und Zufuhr sich decken
- dann bleiben natürlich die Produktionskosten übrig, und das
nennt dann der Ökonom Realwert, während es nur eine Bestimmtheit
des Preises ist. So steht aber alles in der Ökonomie auf dem
Kopf; der Wert, der das Ursprüngliche, die Quelle des Preises
ist, wird von diesem, seinem eigenen Produkt, abhängig gemacht.
Bekanntlich ist diese Umkehrung das Wesen der Abstraktion, wor-
über Feuerbach zu vergleichen.
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Nach dem Ökonomen bestehen die Produktionskosten einer Ware aus
drei Elementen: dem Grundzins für das nötige Stück Land, um das
rohe Material zu produzieren, dem Kapital mit dem Gewinn darauf
und dem Lohn für die Arbeit, die zur Produktion und zur Verarbei-
tung erforderlich waren. Es zeigt sich aber sogleich, daß Kapital
und Arbeit identisch sind, da die Ökonomen selbst gestehen, Kapi-
tal sei "aufgespeicherte Arbeit". So bleiben uns also nur zwei
Seiten übrig, die natürliche, objektive, der Boden, und die men-
schliche, subjektive, die Arbeit, die das Kapital einschließt -
und außer dem Kapital noch ein Drittes, woran der Ökonom nicht
denkt, ich meine das geistige Element der Erfindung, des Gedan-
kens, neben dem physischen der bloßen Arbeit. Was hat der Ökonom
mit dem Erfindungsgeist zu schaffen? Sind ihm nicht alle Erfin-
dungen ohne sein Zutun zugeflogen gekommen? Hat
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ihrer e i n e ihm etwas gekostet? Was also hat er bei der Be-
rechnung seiner Produktionskosten sich darum zu kümmern? Ihm sind
Land, Kapital, Arbeit die Bedingungen des Reichtums, und weiter
braucht er nichts. Die Wissenschaft geht ihn nichts an. Ob sie
ihm durch Berthollet, Davy, Liebig, Watt, Cartwright usw. Ge-
schenke gemacht hat, die ihn und seine Produktion unendlich geho-
ben haben - was liegt ihm daran? Dergleichen weiß er nicht zu be-
rechnen; die Fortschritte der Wissenschaft gehen über seine Zah-
len hinaus. Aber für einen vernünftigen Zustand, der über die
Teilung der Interessen, wie sie beim Ökonomen stattfindet, hinaus
ist, gehört das geistige Element allerdings mit zu den Elementen
der Produktion und wird auch in der Ökonomie seine Stelle unter
den Produktionskosten finden. Und da ist es allerdings befriedi-
gend, zu wissen, wie die Pflege der Wissenschaft sich auch mate-
riell belohnt, zu wissen, daß eine einzige Frucht der Wissen-
schaft, wie James Watts Dampfmaschine, in den ersten fünfzig Jah-
ren ihrer Existenz der Welt mehr eingetragen hat, als die Welt
von Anfang an für die Pflege der Wissenschaft ausgegeben.
Wir haben also zwei Elemente der Produktion, die Natur und den
Menschen, und den letzteren wieder physisch und geistig, in Tä-
tigkeit und können nun zum Ökonomen und seinen Produktionskosten
zurückkehren.
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Alles, was nicht monopolisiert werden kann, hat keinen Wert, sagt
der Ökonom - ein Satz, den wir später näher untersuchen werden.
Wenn wir sagen, hat keinen P r e i s, so ist der Satz richtig
für den auf dem Privateigentum beruhenden Zustand. Wäre der Boden
so leicht zu haben wie die Luft, so würde kein Mensch Grundzins
bezahlen. Da dem nicht so ist, sondern die Ausdehnung des in ei-
nem speziellen Fall in Beschlag kommenden Bodens beschränkt ist,
so bezahlt man Grundzins für den in Beschlag genommenen, das
heißt monopolisierten Boden, oder erlegt einen Kaufpreis dafür.
Es ist aber sehr befremdlich, nach dieser Auskunft über die Ent-
stehung des Grundwerts vom Ökonomen hören zu müssen, daß Grund-
zins der Unterschied zwischen dem Ertrage des Zinsen bezahlenden
und des schlechtesten, die Mühe der Bebauung lohnenden Grundstüc-
kes sei. Dies ist bekanntlich die von Ricardo zuerst vollständig
entwickelte Definition des Grundzinses. Diese Definition ist zwar
praktisch richtig, wenn man voraussetzt, daß ein Fall der Nach-
frage a u g e n b l i c k l i c h auf den Grundzins reagiert
und sogleich eine entsprechende Quantität des schlechtesten be-
bauten Landes außer Bearbeitung setzte. Allein dies ist nicht der
Fall, die Definition ist darum unzureichend; zudem schließt sie
die Kausation des Grundzinses nicht ein und muß schon
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deshalb fallen. Oberst. T.P. Thompson, der Antikorngesetz-Leaguer
[195], erneuerte im Gegensatz zu dieser Definition die Adam
Smithsche und begründete sie. Nach ihm ist der Grundzins das Ver-
hältnis zwischen der Konkurrenz der sich um den Gebrauch des Bo-
dens Bewerbenden und der beschränkten Quantität des disponiblen
Bodens. Hier ist wenigstens eine Rückkehr zur Entstehung des
Grundzinses; aber diese Erklärung schließt die verschiedene
Fruchtbarkeit des Bodens aus, wie die obige die Konkurrenz aus-
läßt.
Wir haben also wieder zwei einseitige und deswegen halbe Defini-
tionen für einen Gegenstand. Wir werden, wie beim Wertbegriffe,
wiederum diese beiden Bestimmungen zusammenzufassen haben, um die
richtige, aus der Entwicklung der Sache folgende und darum alle
Praxis umfassende Bestimmung zu finden. Der Grundzins ist das
Verhältnis zwischen der Ertragsfähigkeit des Bodens, der natürli-
chen Seite (die wiederum aus der n a t ü r l i c h e n Anlage
und der m e n s c h l i c h e n Bebauung, der zur Verbesserung
angewandten Arbeit besteht) - und der menschlichen Seite, der
Konkurrenz. Die Ökonomen mögen über diese "Definition" ihre Köpfe
schütteln; sie werden zu ihrem Schrecken sehen, daß sie alles
einschließt, was auf die Sache Bezug hat.
Der G r u n d b e s i t t z e r hat dem Kaufmanne nichts vorzu-
werfen.
Er raubt, indem er den Boden monopolisiert. Er raubt, indem er
die Steigerung der Bevölkerung, welche die Konkurrenz und damit
den Wert seines Grundstücks steigert, für sich ausbeutet, indem
er zur Quelle seines persönlichen Vorteils macht, was nicht durch
sein persönliches Tun zustande gekommen, was ihm rein zufällig
ist. Er raubt, wenn er v e r p a c h t e t, indem er die von
seinem Pächter angelegten Verbesserungen zuletzt wieder an sich
reißt. Dies ist das Geheimnis des stets steigenden Reichtums der
großen Grundbesitzer.
Die Axiome, welche die Erwerbsart des Grundbesitzers als Raub
qualifizieren, nämlich daß jeder ein Recht auf das Produkt seiner
Arbeit hat, oder daß keiner ernten soll, wo er nicht gesät hat,
sind nicht unsere Behauptung. Der erste schließt die Pflicht der
Ernährung der Kinder, der zweite schließt jede Generation vom
Recht der Existenz aus, indem jede Generation den Nachlaß der
vorangehenden Generation antritt. Diese Axiome sind vielmehr Kon-
sequenzen des Privateigentums. Entweder führe man seine Konse-
quenzen aus, oder man gebe es als Prämisse auf.
Ja, die ursprüngliche Appropriation selbst wird durch die Behaup-
tung des noch frühern g e m e i n s a m e n Besitzrechtes ge-
rechtfertigt. Wohin wir uns also wenden, das Privateigentum führt
uns auf Widersprüche.
Es war der letzte Schritt zur Selbstverschacherung, die Erde zu
verschachern,
#511# Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
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die unser Eins und Alles, die erste Bedingung unserer Existenz
ist; es war und ist bis auf den heutigen Tag eine Unsittlichkeit,
die nur von der Unsittlichkeit der Selbstveräußerung übertroffen
wird. Und die ursprüngliche Appropriation, die Monopolisierung
der Erde durch eine kleine Anzahl, die Ausschließung der übrigen
von der Bedingung ihres Lebens, gibt der spätern Verschacherung
des Bodens an Unsittlichkeit nichts nach.
Lassen wir hier wieder das Privateigentum fallen, so reduziert
sich der Grundzins auf seine Wahrheit, auf die vernünftige An-
schauung, die ihm wesentlich zugrunde liegt. Der als Grundzins
vom Boden getrennte Wert desselben fällt alsdann in den Boden
selbst zurück. Dieser Wert, der zu messen ist durch die Produkti-
onsfähigkeit gleicher Flächen bei gleicher darauf verwendeter Ar-
beit, kömmt allerdings als Teil der Produktionskosten bei der
Wertbestimmung der Produkte in Anschlag und ist wie der Grundzins
das Verhältnis der Produktionsfähigkeit zur Konkurrenz, aber zur
w a h r e n Konkurrenz, wie sie ihrer Zeit entwickelt werden
wird.
---
Wir haben gesehen, wie Kapital und Arbeit ursprünglich identisch
sind; wir sehen ferner aus den Entwicklungen des Ökonomen selbst,
wie das Kapital, das Resultat der Arbeit, im Prozesse der Produk-
tion sogleich wieder zum Substrat, zum Material der Arbeit ge-
macht, wie also die für einen Augenblick gesetzte Trennung des
Kapitals von der Arbeit sogleich wieder in die Einheit beider
aufgehoben wird; und doch trennt der Ökonom das Kapital von der
Arbeit, doch hält er die Entzweiung fest, ohne die Einheit dane-
ben anders als durch die Definition des Kapitals:
"aufgespeicherte Arbeit", anzuerkennen. Die aus dem Privateigen-
tum folgende Spaltung zwischen Kapital und Arbeit ist nichts als
die diesem entzweiten Zustande entsprechende und aus ihm hervor-
gehende Entzweiung der Arbeit in sich selbst. Und nachdem diese
Trennung bewerkstelligt, teilt sich das Kapital nochmals in das
ursprüngliche Kapital und in den Gewinn, den Zuwachs des Kapi-
tals, den es im Prozesse der Produktion empfängt, obwohl die Pra-
xis selbst diesen Gewinn sogleich wieder zum Kapital schlägt und
mit diesem in Fluß setzt. Ja, selbst der Gewinn wird wieder in
Zinsen und eigentlichen Gewinn gespalten. In den Zinsen ist die
Unvernünftigkeit dieser Spaltungen auf die Spitze getrieben. Die
Unsittlichkeit des Zinsenverleihens, des Empfangens ohne Arbeit,
für das bloße Borgen, ist, obwohl schon im Privateigentum lie-
gend, doch zu augenscheinlich und vom unbefangenen Volksbewußt-
sein, das in diesen Dingen meistens recht hat, längst erkannt.
Alle diese feinen Spaltungen und Divisionen entstehen aus der ur-
sprünglichen Trennung des Kapitals von der
#512# Friedrich Engels
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Arbeit und der Vollendung dieser Trennung in der Spaltung der
Menschheit in Kapitalisten und Arbeiter, einer Spaltung, die alle
Tage schärfer und schärfer ausgebildet wird und die sich, wie wir
sehen werden, immer steigern m u ß. Diese Trennung, wie die
schon betrachtete Trennung des Bodens von Kapital und Arbeit, ist
aber in letzter Instanz eine unmögliche. Es ist durchaus nicht zu
bestimmen, wieviel der Anteil des Bodens, des Kapitals und der
Arbeit an einem bestimmten Erzeugnisse betrage. Die drei Größen
sind inkommensurabel. Der Boden schafft das rohe Material, aber
nicht ohne Kapital und Arbeit, das Kapital setzt Boden und Arbeit
voraus, und die Arbeit w e n i g s t e n s den Boden, meistens
auch Kapital voraus. Die Verrichtungen der drei sind ganz ver-
schiedenartig und nicht in einem vierten gemeinsamen Maße zu mes-
sen. Wenn es also bei den jetzigen Verhältnissen zur Verteilung
des Ertrages unter die drei Elemente kommt, so gibt es kein ihnen
inhärentes Maß, sondern ein ganz fremdes, ihnen zufälliges Maß
entscheidet: die Konkurrenz oder das raffinierte Recht des Stär-
keren. Der Grundzins impliziert die Konkurrenz, der Gewinn auf
Kapital wird einzig durch die Konkurrenz bestimmt, und wie es mit
dem Arbeitslohn aussieht, werden wir gleich sehen.
Wenn wir das Privateigentum fallenlassen, so fallen diese unna-
türlichen Spaltungen. Der Unterschied von Zinsen und Gewinn
fällt; Kapital ist nichts ohne Arbeit, ohne Bewegung. Der Gewinn
reduziert seine Bedeutung auf das Gewicht, das bei der Bestimmung
der Produktionskosten das Kapital in die Waage legt, und bleibt
so dem Kapital inhärent, wie dies selbst in seine ursprüngliche
Einheit mit der Arbeit zurückfällt.
---
Die A r b e i t, die Hauptsache bei der Produktion, die "Quelle
des Reichtums", die freie menschliche Tätigkeit, kommt bei dem
Ökonomen schlecht weg. Wie das Kapital schon von der Arbeit ge-
trennt wurde, so wird jetzt wieder die Arbeit zum zweitenmal ge-
spalten; das Produkt der Arbeit steht ihr als Lohn gegenüber, ist
von ihr getrennt und wird wieder, wie gewöhnlich, durch die Kon-
kurrenz bestimmt, da es für den Anteil der Arbeit an der Produk-
tion, wie wir gesehen haben, kein festes Maß gibt. Heben wir das
Privateigentum auf, so fällt auch diese unnatürliche Trennung,
die Arbeit ist ihr eigner Lohn, und die wahre Bedeutung des frü-
her veräußerten Arbeitslohnes kommt an den Tag: die Bedeutung der
Arbeit für die Bestimmung der Produktionskosten einer Sache.
---
#513# Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
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Wir haben gesehen, daß am Ende alles auf die Konkurrenz hinaus-
läuft, solange das Privateigentum besteht. Sie ist die Hauptkate-
gorie des Ökonomen, seine liebste Tochter, die er in einem fort
hätschelt und liebkost - und gebt acht, was für ein Medusenge-
sicht da herauskommen wird.
Die nächste Folge des Privateigentums war die Spaltung der Pro-
duktion in zwei entgegengesetzte Seiten, die natürliche und die
menschliche; den Boden, der ohne die Befruchtung des Menschen tot
und steril ist, und die menschliche Tätigkeit, deren erste Bedin-
gung eben der Boden ist. Wir sahen ferner, wie sich die menschli-
che Tätigkeit wieder in die Arbeit und das Kapital auflöste und
wie diese Seiten sich wieder feindselig gegenübertraten. Wir hat-
ten also schon den Kampf der drei Elemente gegeneinander, anstatt
der gegenseitigen Unterstützung der drei; jetzt kommt noch dazu,
daß das Privateigentum die Zersplitterung jedes dieser Elemente
mit sich bringt. Ein Grundstück steht dem andern, ein Kapital dem
andern, eine Arbeitskraft der andern gegenüber. Mit andern Wor-
ten: Weil das Privateigentum jeden auf seine eigne rohe Einzeln-
heit isoliert und weil jeder dennoch dasselbe Interesse hat wie
sein Nachbar, so steht ein Grundbesitzer dem andern, ein Kapita-
list dem andern, ein Arbeiter dem andern feindselig gegenüber. In
dieser Verfeindung der gleichen Interessen eben um ihrer Gleich-
heit willen ist die Unsittlichkeit des bisherigen Zustandes der
Menschheit vollendet; und diese Vollendung ist die Konkurrenz.
---
Der Gegensatz der K o n k u r r e n z ist das M o n o p o l.
Das Monopol war das Feldgeschrei der Merkantilisten, die Konkur-
renz der Schlachtruf der liberalen Ökonomen. Es ist leicht einzu-
sehen, daß dieser Gegensatz wieder ein durchaus hohler ist. Jeder
Konkurrierende m u ß wünschen, das Monopol zu haben, mag er Ar-
beiter, Kapitalist oder Grundbesitzer sein. Jede kleinere Gesamt-
heit von Konkurrenten muß wünschen, das Monopol für sich gegen
alle andern zu haben. Die Konkurrenz beruht auf dem Interesse,
und das Interesse erzeugt wieder das Monopol; kurz, die Konkur-
renz geht in das Monopol über. Auf der andern Seite kann das Mo-
nopol den Strom der Konkurrenz nicht aufhalten, ja es erzeugt die
Konkurrenz selbst, wie z.B. ein Einfuhrverbot oder hohe Zölle die
Konkurrenz des Schmuggelns geradezu erzeugen. - Der Widerspruch
der Konkurrenz ist ganz derselbe wie der des Privateigentums
selbst. Es liegt im Interesse jedes einzelnen, alles zu besitzen,
aber im Interesse der Gesamtheit, daß jeder gleich viel besitze.
So ist also das allgemeine und individuelle Interesse diametral
entgegengesetzt. Der Widerspruch der Konkurrenz ist: daß sich je-
der das Monopol wünschen muß,
#514# Friedrich Engels
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während die Gesamtheit als solche durch das Monopol verlieren und
es also entfernen muß. Ja, die Konkurrenz setzt das Monopol schon
voraus, nämlich das Monopol des Eigentums - und hier tritt wieder
die Heuchelei der Liberalen an den Tag - und solange das Monopol
des Eigentums besteht, solange ist das Eigentum des Monopols
gleichberechtigt; denn auch das einmal gegebene Monopol ist Ei-
gentum. Welche jämmerliche Halbheit ist es also, die kleinen Mo-
nopole anzugreifen und das Grundmonopol bestehen zu lassen. Und
wenn wir hierzu noch den früher erwähnten Satz des Ökonomen zie-
hen, daß nichts Wert hat, was nicht monopolisiert werden kann,
daß also nichts, was nicht diese Monopolisierung zuläßt, in die-
sen Kampf der Konkurrenz eintreten kann, so ist unsere Behaup-
tung, daß die Konkurrenz das Monopol voraussetzt, vollkommen ge-
rechtfertigt.
---
Das Gesetz der Konkurrenz ist, daß Nachfrage und Zufuhr sich
stets und ebendeshalb nie ergänzen. Die beiden Seiten sind wieder
auseinandergerissen und in den schroffen Gegensatz verwandelt.
Die Zufuhr ist immer gleich hinter der Nachfrage, kommt aber nie
dazu, sie genau zu decken; sie ist entweder zu groß oder zu
klein, nie der Nachfrage entsprechend, weil in diesem bewußtlosen
Zustande der Menschheit kein Mensch weiß, wie groß diese oder
jene ist. Ist die Nachfrage größer als die Zufuhr, so steigt der
Preis, und dadurch wird die Zufuhr gleichsam irritiert; sowie sie
sich im Markte zeigt, fallen die Preise, und wenn sie größer wird
als jene, so wird der Fall der Preise so bedeutend, daß die Nach-
frage dadurch wieder aufgereizt wird. So geht es in einem fort,
nie ein gesunder Zustand, sondern eine stete Abwechslung von Ir-
ritation und Erschlaffung, die allen Fortschritt ausschließt, ein
ewiges Schwanken, ohne je zum Ziel zu kommen. Dies Gesetz mit
seiner steten Ausgleichung, wo, was hier verloren, dort wieder
gewonnen wird, findet der Ökonom wunderschön. Es ist sein
Hauptruhm, er kann sich nicht satt daran sehen und betrachtet es
unter allen möglichen und unmöglichen Verhältnissen. Und doch
liegt auf der Hand, daß dies Gesetz ein reines Naturgesetz, kein
Gesetz des Geistes ist. Ein Gesetz, das die Revolution erzeugt.
Der Ökonom kommt mit seiner schönen Theorie von Nachfrage und Zu-
fuhr heran, beweist euch, daß "nie zuviel produziert werden
kann", und die Praxis antwortet mit den Handelskrisen, die so re-
gelmäßig wiederkehren wie die Kometen und deren wir jetzt durch-
schnittlich alle fünf bis sieben Jahre eine haben. Diese Han-
delskrisen sind seit achtzig Jahren ebenso regelmäßig gekommen
wie früher die großen Seuchen - und haben mehr Elend, mehr Un-
sittlichkeit mit sich gebracht als diese (vgl. Wade, "Hist[ory]
of the Middle
#515# Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
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and Working Classes", London 1835, p. 211). Natürlich bestätigen
diese Handelsrevolutionen das Gesetz, sie bestätigen es im voll-
sten Maße, aber in einer andern Weise, als der Ökonom uns glauben
machen möchte. Was soll man von einem Gesetz denken, das sich nur
durch periodische Revolutionen durchsetzen kann? Es ist eben ein
Naturgesetz, das auf der Bewußtlosigkeit der Beteiligten beruht.
Wüßten die Produzenten als solche, wieviel die Konsumenten be-
dürften, organisierten sie die Produktion, verteilten sie unter
sich, so wären die Schwankungen der Konkurrenz und ihre Neigung
zur Krisis unmöglich. Produziert mit Bewußtsein, als Menschen,
nicht als zersplitterte Atome ohne Gattungsbewußtsein, und ihr
seid über alle diese künstlichen und unhaltbaren Gegensätze hin-
aus. Solange ihr aber fortfahrt, auf die jetzige unbewußte, ge-
dankenlose, der Herrschaft des Zufalls überlassene Art zu produ-
zieren, solange bleiben die Handelskrisen; und jede folgende muß
universeller, also schlimmer werden als die vorhergehende, muß
eine größere Menge kleiner Kapitalisten verarmen und die Anzahl
der bloß von der Arbeit lebenden Klasse in steigendem Verhält-
nisse vermehren - also die Masse der zu beschäftigenden Arbeit,
das Hauptproblem unserer Ökonomen, zusehens vergrößern und end-
lich eine soziale Revolution herbeiführen, wie sie sich die
Schulweisheit der Ökonomen nicht träumen läßt.
Die ewige Schwankung der Preise, wie sie durch das Konkurrenzver-
hältnis geschaffen wird, entzieht dem Handel vollends die letzte
Spur von Sittlichkeit. Von W e r t ist keine Rede mehr; das-
selbe System, das auf den Wert soviel Gewicht zu legen scheint,
das der Abstraktion des Wertes im Gelde die Ehre einer besondern
Existenz gibt - dies selbe System zerstört durch die Konkurrenz
allen inhärenten Wert und verändert das Wertverhältnis aller
Dinge gegeneinander täglich und stündlich. Wo bleibt in diesem
Strudel die Möglichkeit eines auf sittlicher Grundlage beruhenden
Austausches? In diesem fortwährenden Auf und Ab m u ß jeder su-
chen, den günstigsten Augenblick zum Kauf und Verkauf zu treffen,
jeder muß Spekulant werden, d.h. ernten, wo er nicht gesäet hat,
durch den Verlust anderer sich bereichern, auf das Unglück andrer
kalkulieren oder den Zufall für sich gewinnen lassen. Der Speku-
lant rechnet immer auf Unglücksfälle, besonders auf Mißernten, er
benutzt alles, wie z.B. seinerzeit den Brand von New York, und
der Kulminationspunkt der Unsittlichkeit ist die Börsenspekula-
tion in Fonds, wodurch die Geschichte und in ihr die Menschheit
zum Mittel herabgesetzt wird, um die Habgier des kalkulierenden
oder hasardierenden Spekulanten zu befriedigen. Und möge sich der
ehrliche, "solide" Kaufmann nicht pharisäisch über das Börsen-
spiel erheben - ich danke dir Gott usw. Er ist so schlimm wie die
Fondsspekulanten, er spekuliert ebensosehr wie sie, er muß es,
die Konkurrenz
#516# Friedrich Engels
-----
zwingt ihn dazu, und sein Handel impliziert also dieselbe Unsitt-
lichkeit wie der ihrige. Die Wahrheit des Konkurrenzverhältnisses
ist das Verhältnis der Konsumtionskraft zur Produktionskraft. In
einem der Menschheit würdigen Zustande wird es keine andre Kon-
kurrenz als diese geben. Die Gemeinde wird zu berechnen haben,
was sie mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln erzeugen kann,
und nach dem Verhältnis dieser Produktionskraft zur Masse der
Konsumenten bestimmen, inwieweit sie die Produktion zu steigern
oder nachzulassen, inwieweit sie dem Luxus nachzugeben oder ihn
zu beschränken hat. Um aber über dies Verhältnis und die von ei-
nem vernünftigen Zustande der Gemeinde zu erwartende Steigerung
der Produktionskraft richtig zu urteilen, mögen meine Leser die
Schriften der englischen Sozialisten und zum Teil auch Fouriers
vergleichen.
Die subjektive Konkurrenz, der Wettstreit von Kapital gegen Kapi-
tal, Arbeit gegen Arbeit usw., wird sich unter diesen Umständen
auf den in der menschlichen Natur begründeten und bis jetzt nur
von Fourier erträglich entwickelten Wetteifer reduzieren, der
nach der Aufhebung der entgegengesetzten Interessen auf seine ei-
gentümliche und vernünftige Sphäre beschränkt wird.
---
Der Kampf von Kapital gegen Kapital, Arbeit gegen Arbeit, Boden
gegen Boden treibt die Produktion in eine Fieberhitze hinein, in
der sie alle natürlichen und vernünftigen Verhältnisse auf den
Kopf stellt. Kein Kapital kann die Konkurrenz des andern aushal-
ten, wenn es nicht auf die höchste Stufe der Tätigkeit gebracht
wird. Kein Grundstück kann mit Nutzen bebaut werden, wenn es
nicht seine Produktionskraft stets steigert. Kein Arbeiter kann
sich gegen seine Konkurrenten halten, wenn er nicht seine ganzen
Kräfte der Arbeit widmet. Überhaupt keiner, der sich in den Kampf
der Konkurrenz einläßt, kann ihn ohne die höchste Anstrengung
seiner Kräfte, ohne die Aufgebung aller wahrhaft menschlichen
Zwecke aushalten. Die Folge von dieser Überspannung auf der einen
Seite ist notwendig Erschlaffung auf der andern. Wenn die Schwan-
kung der Konkurrenz gering ist, wenn Nachfrage und Zufuhr, Kon-
sumtion und Produktion sich beinahe gleich sind, so muß in der
Entwicklung der Produktion eine Stufe eintreten, in der so viel
überzählige Produktionskraft vorhanden ist, daß die große Masse
der Nation nichts zu leben hat; daß die Leute vor lauter Überfluß
verhungern. In dieser wahnsinnigen Stellung, in dieser lebendigen
Absurdität befindet sich England schon seit geraumer Zeit.
Schwankt die Produktion stärker, wie sie es infolge eines solchen
Zustandes notwendig tut, so tritt die Abwechslung von Blüte
#517# Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
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und Krisis, Überproduktion und Stockung ein. Der Ökonom hat sich
diese verrückte Stellung nie erklären können; um sie zu erklären,
erfand er die Bevölkerungstheorie, die ebenso unsinnig, ja noch
unsinniger ist als dieser Widerspruch von Reichtum und Elend zu
derselben Zeit. Der Ökonom d u r f t e die Wahrheit nicht se-
hen; er durfte nicht einsehen, daß dieser Widerspruch eine einfa-
che Folge der Konkurrenz ist, weil sonst sein ganzes System über
den Haufen gefallen wäre.
Uns ist die Sache leicht zu erklären. Die der Menschheit zu Ge-
bote stehende Produktionskraft ist unermeßlich. Die Ertragsfähig-
keit des Bodens ist durch die Anwendung von Kapital, Arbeit und
Wissenschaft ins Unendliche zu steigern. Das "übervölkerte" Groß-
britannien kann nach der Berechnung der tüchtigsten Ökonomen und
Statistiker (vgl. Alisons "Principle of population", Bd. 1, Cap.
1 et 2) in zehn Jahren dahin gebracht werden, daß es Korn genug
für das Sechsfache seiner jetzigen Bevölkerung produziert. Das
Kapital steigert sich täglich; die Arbeitskraft wächst mit der
Bevölkerung, und die Wissenschaft unterwirft den Menschen die Na-
turkraft täglich mehr und mehr. Diese unermeßliche Produktionsfä-
higkeit, mit Bewußtsein und im Interesse aller gehandhabt, würde
die der Menschheit zufallende Arbeit bald auf ein Minimum verrin-
gern; der Konkurrenz überlassen, tut sie dasselbe, aber innerhalb
des Gegensatzes. Ein Teil des Landes wird aufs beste kultiviert,
während ein andrer - in Großbritannien und Irland 30 Millionen
Acres gutes Land - wüst daliegt. Ein Teil des Kapitals zirkuliert
mit ungeheurer Schnelligkeit, ein andrer liegt tot im Kasten. Ein
Teil der Arbeiter arbeitet vierzehn, sechzehn Stunden des Tages,
während ein anderer faul und untätig dasteht und verhungert. Oder
die Verteilung tritt aus dieser Gleichzeitigkeit heraus: Heute
geht der Handel gut, die Nachfrage ist sehr bedeutend, da arbei-
tet alles, das Kapital wird mit wunderbarer Schnelligkeit umge-
schlagen, der Ackerbau blüht, die Arbeiter arbeiten sich krank -
morgen tritt eine Stockung ein, der Ackerbau lohnt nicht der
Mühe, ganze Strecken Landes bleiben unbebaut, das Kapital er-
starrt mitten im Flusse, die Arbeiter haben keine Beschäftigung,
und das ganze Land laboriert an überflüssigem Reichtum und über-
flüssiger Bevölkerung.
Diese Entwicklung der Sache darf der Ökonom nicht für die rich-
tige erkennen; er müßte sonst, wie gesagt, sein ganzes Konkur-
renzsystem aufgeben; er müßte die Hohlheit seines Gegensatzes von
Produktion und Konsumtion, von überflüssiger Bevölkerung und
überflüssigem Reichtum einsehen. Um aber, da das Faktum einmal
nicht zu leugnen war, dies Faktum mit der Theorie ins gleiche zu
bringen, wurde die Bevölkerungstheorie erfunden.
#518# Friedrich Engels
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Malthus, der Urheber dieser Doktrin, behauptet, daß die Bevölke-
rung stets auf die Subsistenzmittel drückt, daß, sowie die Pro-
duktion gesteigert wird, die Bevölkerung sich in demselben Ver-
hältnis vermehrt und daß die der Bevölkerung inhärente Tendenz,
sich über die disponiblen Subsistenzmittel hinaus zu vermehren,
die Ursache alles Elends, alles Lasters ist. Denn wenn zuviel
Menschen da sind, so müssen sie auf die eine oder die andre Weise
aus dem Weg geschafft, entweder gewaltsam getötet werden oder
verhungern. Wenn dies aber geschehen ist, so ist wieder eine
Lücke da, die sogleich wieder durch andre Vermehrer der Bevölke-
rung aufgefüllt wird, und so fängt das alte Elend wieder an. Ja,
dies ist unter allen Verhältnissen so, nicht nur im zivilisier-
ten, sondern auch im Naturzustande; die Wilden Neuhollands, deren
e i n e r auf die Quadratmeile kommt, laborieren ebensosehr an
Überbevölkerung wie England. Kurz, wenn wir konsequent sein wol-
len, so müssen wir gestehen, d a ß d i e E r d e s c h o n
ü b e r v ö l k e r t w a r, a l s n u r e i n M e n s c h
e x i s t i e r t e. Die Folgen dieser Entwicklung sind nun,
daß, da die Armen gerade die Überzähligen sind, man nichts für
sie tun soll, als ihnen das Verhungern so leicht als möglich zu
machen, sie zu überzeugen, daß es sich nicht ändern läßt und daß
für ihre ganze Klasse keine Rettung da ist als in einer möglichst
geringen Fortpflanzung, oder wenn dies nicht geht, so ist es im-
mer noch besser, daß eine Staatsanstalt zur schmerzlosen Tötung
der Kinder der Armen, wie sie "Marcus" [221] vorgeschlagen hat,
eingerichtet wird - wonach auf jede Arbeiterfamilie zweiundein-
halbes Kind kommen dürfen; was aber mehr kommt, schmerzlos getö-
tet wird. Almosengeben wäre ein Verbrechen, da es den Zuwuchs der
überzähligen Bevölkerung unterstützt; aber sehr vorteilhaft wird
es sein, wenn man die Armut zu einem Verbrechen und die Armenhäu-
ser zu Strafanstalten macht, wie dies bereits in England durch
das "liberale" neue Armengesetz [165] geschehen ist. Es ist zwar
wahr, diese Theorie stimmt sehr schlecht mit der Lehre der Bibel
von der Vollkommenheit Gottes und seiner Schöpfung, aber "es ist
eine schlechte Widerlegung, wenn man die Bibel gegen Tatsachen
ins Feld führt"!
Soll ich diese infame, niederträchtige Doktrin, diese scheußliche
Blasphemie gegen die Natur und Menschheit noch mehr ausführen,
noch weiter in ihre Konsequenzen verfolgen? Hier haben wir end-
lich die Unsittlichkeit des Ökonomen auf ihre höchste Spitze ge-
bracht. Was sind alle Kriege und Schrecken des Monopolsystems ge-
gen diese Theorie? Und gerade sie ist der Schlußstein des libera-
len Systems der Handelsfreiheit, dessen Sturz den des ganzen Ge-
bäudes nach sich zieht. Denn ist die Konkurrenz hier als Ursache
des Elends, der Armut, des Verbrechens nachgewiesen, wer will ihr
dann noch das Wort zu reden wagen?
#519# Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
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Alison hat die Malthussche Theorie in seinem oben zitierten Werk
erschüttert, indem er an die Produktionskraft der Erde appel-
lierte und dem Malthusschen Prinzip die Tatsache entgegensetzte,
daß jeder erwachsenen Mensch mehr produzieren kann, als er selbst
gebraucht, eine Tatsache, ohne die die Menschheit sich nicht ver-
mehren, ja nicht einmal bestehen könnte; wovon sonst sollten die
Heranwachsenden leben? Aber Alison geht nicht auf den Grund der
Sache und kommt daher zuletzt wieder zu demselben Resultate wie
Malthus. Er beweist zwar, daß Malthus' Prinzip unrichtig ist,
kann aber die Tatsachen nicht wegleugnen, die diesen zu seinem
Prinzip getrieben haben.
Hätte Malthus die Sache nicht so einseitig betrachtet, so müßte
er gesehen haben, daß die überzählige Bevölkerung oder Arbeits-
kraft stets mit überzähligem Reichtum, überzähligem Kapital und
überzähligem Grundbesitz verknüpft ist. Die Bevölkerung ist nur
da zu groß, wo die Produktionskraft überhaupt zu groß ist. Der
Zustand jedes übervölkerten Landes, namentlich Englands, von der
Zeit an, wo Malthus schrieb, zeigt dies aufs deutlichste. Dies
waren die Tatsachen, die Malthus in ihrer Gesamtheit zu betrach-
ten hatte und deren Betrachtung zum richtigen Resultate führen
mußte; statt dessen griff er eine heraus, ließ die andern unbe-
rücksichtigt und kam daher zu seinem wahnsinnigen Resultate. Der
zweite Fehler, den er beging, war die Verwechslung von Subsi-
stenzmitteln und Beschäftigung. Daß die Bevölkerung stets auf die
Mittel der Beschäftigung drückt, daß soviel Menschen beschäftigt
werden können, soviel auch erzeugt werden, kurz, daß die Erzeu-
gung der Arbeitskraft bisher durch das Gesetz der Konkurrenz re-
guliert worden und daher auch den periodischen Krisen und Schwan-
kungen ausgesetzt gewesen ist, das ist eine Tatsache, deren Fest-
stellung Malthus' Verdienst ist. Aber die Mittel der Beschäfti-
gung sind nicht die Mittel der Subsistenz. Die Mittel der Be-
schäftigung werden durch die Vermehrung der Maschinenkraft und
des Kapitals nur in ihrem Endresultate vermehrt; die Mittel der
Subsistenz vermehren sich, sobald die Produktionskraft überhaupt
um etwas vermehrt wird. Hier kommt ein neuer Widerspruch der Öko-
nomie an den Tag. Die Nachfrage des Ökonomen ist nicht die wirk-
liche Nachfrage, seine Konsumtion ist eine künstliche. Dem Ökono-
men ist nur der ein wirklich Fragender, ein wirklicher Konsument,
der für das, was er empfängt, ein Äquivalent zu bieten hat. Wenn
es aber eine Tatsache ist, daß jeder Erwachsene mehr produziert
als er selbst verzehren kann, daß Kinder wie Bäume sind, die die
auf sie verwandte Auslage überreichlich wiedererstatten - und das
sind doch wohl Tatsachen? -, so sollte man meinen, jeder Arbeiter
müßte weit mehr erzeugen können, als er braucht, und die Gemeinde
müßte ihn daher gern mit allem
#520# Friedrich Engels
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versorgen wollen, was er nötig hat, so sollte man meinen, eine
große Familie müßte in der Gemeinde ein sehr wünschenswertes Ge-
schenk sein. Aber der Ökonom in der Roheit seiner Anschauung
kennt kein andres Äquivalent, als das ihm in handgreiflichem
barem Gelde ausgezahlt wird. Er sitzt so fest in seinen Gegensät-
zen, daß die schlagendsten Tatsachen ihn ebensowenig kümmern wie
die wissenschaftlichsten Prinzipien.
Wir vernichten den Widerspruch einfach dadurch, daß wir ihn auf-
heben. Mit der Verschmelzung der jetzt entgegengesetzten Interes-
sen verschwindet der Gegensatz zwischen Überbevölkerung hier und
Überreichtum dort, verschwindet das wunderbare Faktum, wunderba-
rer als alle Wunder aller Religionen zusammen, daß eine Nation
vor eitel Reichtum und Überfluß verhungern muß; verschwindet die
wahnsinnige Behauptung, daß die Erde nicht die Kraft habe, die
Menschen zu ernähren. Diese Behauptung ist die höchste Spitze der
christlichen Ökonomie - und daß unsre Ökonomie wesentlich christ-
lich ist, hätte ich bei jedem Satz, bei jeder Kategorie beweisen
können und werde es seinerzeit auch tun; die Malthussche Theorie
ist nur der ökonomische Ausdruck für das religiöse Dogma von dem
Widerspruch des Geistes und der Natur und der daraus folgenden
Verdorbenheit beider. Diesen Widerspruch, der für die Religion
und mit ihr längst aufgelöst ist, hoffe ich auch auf dem ökonomi-
schen Gebiet in seiner Nichtigkeit aufgewiesen zu haben; ich
werde übrigens keine Verteidigung der Malthusschen Theorie für
kompetent annehmen, die mir nicht vorher aus ihrem eignen Prinzip
heraus erklärt, wie ein Volk von lauter Überfluß verhungern kann,
und dies mit der Vernunft und den Tatsachen in Einklang bringt.
Die Malthussche Theorie ist übrigens ein durchaus notwendiger
Durchgangspunkt gewesen, der uns unendlich weitergebracht hat.
Wir sind durch sie, wie überhaupt durch die Ökonomie, auf die
Produktionskraft der Erde und der Menschheit aufmerksam geworden
und nach der Überwindung dieser ökonomischen Verzweiflung vor der
Furcht der Übervölkerung für immer gesichert. Wir ziehen aus ihr
die stärksten ökonomischen Argumente für eine soziale Umgestal-
tung; denn selbst wenn Malthus durchaus recht hätte, so müßte man
diese Umgestaltung auf der Stelle vornehmen, weil nur sie, nur
die durch sie zu gebende Bildung der Massen diejenige moralische
Beschränkung des Fortpflanzungstriebes möglich macht, die Malthus
selbst als das wirksamste und leichteste Gegenmittel gegen Über-
völkerung darstellt. Wir haben durch sie die tiefste Erniedrigung
der Menschheit, ihre Abhängigkeit vom Konkurrenzverhältnis ken-
nengelernt; sie hat uns gezeigt, wie in letzter Instanz das Pri-
vateigentum den Menschen zu einer Ware gemacht hat, deren Erzeu-
gung und Vernichtung auch nur von der Nachfrage abhängt; wie das
#521# Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
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System der Konkurrenz dadurch Millionen von Menschen geschlachtet
hat und täglich schlachtet; das alles haben wir gesehen, und das
alles treibt uns zur Aufhebung dieser Erniedrigung der Menschheit
durch die Aufhebung des Privateigentums, der Konkurrenz und der
entgegengesetzten Interessen.
Kommen wir indes, um der allgemeinen Übervölkerungsfurcht alle
Basis zu nehmen, noch einmal auf das Verhältnis der Produktions-
kraft zur Bevölkerung zurück. Malthus stellt eine Berechnung auf,
worauf er sein ganzes System basiert. Die Bevölkerung vermehre
sich in geometrischer Progression: 1 + 2 + 4 + 8 + 16 + 32 usw.,
die Produktionskraft des Bodens in arithmetischer: 1 + 2 + 3 + 4
+ 5 + 6. Die Differenz ist augenscheinlich, ist schreckenerre-
gend; aber ist sie richtig? Wo steht erwiesen, daß die Ertragsfä-
higkeit des Bodens sich in arithmetischer Progression vermehre?
Die Ausdehnung des Bodens ist beschränkt, gut. Die auf diese Flä-
che zu verwendende Arbeitskraft steigt mit der Bevölkerung; neh-
men wir selbst an, daß die Vermehrung des Ertrages durch Vermeh-
rung der Arbeit nicht immer im Verhältnis der Arbeit steigt; so
bleibt noch ein drittes Element, das dem Ökonomen freilich nie
etwas gilt, die Wissenschaft, und deren Fortschritt ist so unend-
lich und wenigstens ebenso rasch als der der Bevölkerung. Welchen
Fortschritt verdankt die Agrikultur dieses Jahrhunderts allein
der Chemie, ja allein zwei Männern - Sir Humphrey Davy und Justus
Liebig? Die Wissenschaft aber vermehrt sich mindestens wie die
Bevölkerung; diese vermehrt sich im Verhältnis zur Anzahl der
letzten Generation; die Wissenschaft schreitet fort im Verhältnis
zu der Masse der Erkenntnis, die ihr von der vorhergehenden Gene-
ration hinterlassen wurde, also unter den allergewöhnlichsten
Verhältnissen auch in geometrischer Progression - und was ist der
Wissenschaft unmöglich? Es ist aber lächerlich, von Übervölkerung
zu reden, solange "das Tal des Mississippi wüsten Boden genug be-
sitzt, um die ganze Bevölkerung von Europa dorthin verpflanzen zu
können" [222], solange überhaupt erst ein Drittel der Erde für
bebaut angesehen werden und die Produktion dieses Drittels selbst
durch die Anwendung jetzt schon bekannter Verbesserungen um das
Sechsfache und mehr gesteigert werden kann.
---
Die Konkurrenz setzt also Kapital gegen Kapital, Arbeit gegen Ar-
beit, Grundbesitz gegen Grundbesitz, und ebenso jedes dieser Ele-
mente gegen die beiden andern. Im Kampf siegt der Stärkere, und
wir werden, um das Resultat dieses Kampfes vorauszusagen, die
Stärke der Kämpfenden zu untersuchen haben. Zuerst sind Grundbe-
sitz und Kapital jedes stärker als die Arbeit, denn
#522# Friedrich Engels
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der Arbeiter muß arbeiten, um zu leben, während der Grundbesitzer
von seinen Renten und der Kapitalist von seinen Zinsen, im Not-
falle von seinem Kapital oder dem kapitalisierten Grundbesitz le-
ben kann. Die Folge davon ist, daß der Arbeit nur das Allernot-
dürftigste, die nackten Subsistenzmittel zufallen, während der
größte Teil der Produkte sich zwischen dem Kapital und dem Gund-
besitz verteilt. Der stärkere Arbeiter treibt ferner den schwä-
cheren, das größere Kapital das geringere, der größere Grundbe-
sitz den kleinen aus dem Markt. Die Praxis bestätigt diesen
Schluß. Die Vorteile, die der größere Fabrikant und Kaufmann über
den kleinen, der große Grundbesitzer über den Besitzer eines ein-
zigen Morgens hat, sind bekannt. Die Folge hiervon ist, daß schon
unter gewöhnlichen Verhältnissen das große Kapital und der große
Grundbesitz das kleine Kapital und den kleinen Grundbesitz nach
dem Recht des Stärkeren verschlingen - die Zentralisation des Be-
sitzes. In Handels- und Agrikulturkrisen geht diese Zentralisa-
tion viel rascher vor sich. - Großer Besitz vermehrt sich über-
haupt viel rascher als kleiner, weil von dem Ertrag ein viel ge-
ringerer Teil als Ausgaben des Besitzes in Abzug kommt. Diese
Zentralisation des Besitzes ist ein dem Privateigentum ebenso im-
manentes Gesetz wie alle andern; die Mittelklassen müssen immer
mehr verschwinden, bis die Welt in Millionäre und Paupers, in
große Grundbesitzer und arme Taglöhner geteilt ist. Alle Gesetze,
alle Teilung des Grundbesitzes, alle etwaige Zersplitterung des
Kapitals hilft nichts - dies Resultat muß kommen und wird kommen,
wenn nicht eine totale Umgestaltung der sozialen Verhältnisse,
eine Verschmelzung der entgegengesetzten Interessen, eine Aufhe-
bung des Privateigentums ihm zuvorkommt.
Die freie Konkurrenz, das Hauptstichwort unserer Tagesökonomen,
ist eine Unmöglichkeit. Das Monopol hatte wenigstens die Absicht,
wenn es sie auch nicht durchführen konnte, den Konsumenten vor
Betrug zu schützen. Die Abschaffung des Monopols öffnet aber dem
Betrug Tor und Tür. Ihr sagt, die Konkurrenz hat in sich selbst
das Gegenmittel gegen den Betrug, keiner wird schlechte Sachen
kaufen - d.h., jeder muß für jeden Artikel ein Kenner sein, und
dies ist unmöglich - daher die Notwendigkeit des Monopols, die
sich auch in vielen Artikeln zeigt. Die Apotheken usw.
m ü s s e n ein Monopol haben. Und der wichtigste Artikel, das
Geld, hat gerade das Monopol am meisten nötig. Das zirkulierende
Medium hat jedesmal, sowie es aufhört, Staatsmonopol zu sein,
eine Handelskrisis produziert, und die englischen Ökonomen, unter
andern Dr. Wade, geben die Notwendigkeit des Monopols hier auch
zu. Aber das Monopol schützt auch nicht vor falschem Gelde. Man
stelle sich auf welche Seite der Frage man wolle, die eine ist so
schwierig wie die andere, das Monopol erzeugt die freie Konkur-
renz und
#523# Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie
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diese wieder das Monopol; darum müssen beide fallen und diese
Schwierigkeiten durch die Aufhebung des sie erzeugenden Prinzips
gehoben werden.
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Die Konkurrenz hat alle unsre Lebensverhältnisse durchdrungen und
die gegenseitige Knechtschaft, in der die Menschen sich jetzt
halten, vollendet. Die Konkurrenz ist die große Triebfeder, die
unsre alt und schlaff werdende soziale Ordnung, oder vielmehr Un-
ordnung, immer wieder zur Tätigkeit aufstachelt, aber bei jeder
neuen Anstrengung auch einen Teil der sinkenden Kräfte verzehrt.
Die Konkurrenz beherrscht den numerischen Fortschritt der Mensch-
heit, die beherrscht auch ihren sittlichen. Wer mit der Statistik
des Verbrechens sich etwas bekannt gemacht hat, dem muß die ei-
gentümliche Regelmäßigkeit aufgefallen sein, mit der das Verbre-
chen alljährlich fortschreitet, mit der gewisse Ursachen gewisse
Verbrechen erzeugen. Die Ausdehnung des Fabriksystems hat überall
eine Vermehrung der Verbrechen zur Folge. Man kann die Anzahl der
Verhaftungen, Kriminalfälle, ja die Anzahl der Morde, der Einbrü-
che, der kleinen Diebstähle usw. für eine große Stadt oder einen
Bezirk mit jedesmal zutreffender Genauigkeit alljährlich voraus-
bestimmen, wie dies in England oft genug geschehen ist. Diese Re-
gelmäßigkeit beweist, daß auch das Verbrechen von der Konkurrenz
regiert wird, daß die Gesellschaft eine N a c h f r a g e nach
Verbrechen erzeugt, der durch eine angemessene Z u f u h r ent-
sprochen wird, daß die Lücke, die durch die Verhaftung, Transpor-
tierung oder Hinrichtung einer Anzahl gemacht, sogleich durch an-
dere wieder aufgefüllt wird, gerade wie jede Lücke in der Bevöl-
kerung sogleich wieder durch neue Ankömmlinge aufgefüllt wird,
mit andern Worten, daß das Verbrechen ebenso auf die Mittel der
Bestrafung drückt wie die Völker auf die Mittel der Beschäfti-
gung. Wie gerecht es unter diesen Umständen, abgesehen von allen
andern, ist, Verbrecher zu bestrafen, überlasse ich dem Urteil
meiner Leser. Mir kommt es hier bloß darauf an, die Ausdehnung
der Konkurrenz auch auf das moralische Gebiet nachzuweisen und zu
zeigen, zu welcher tiefen Degradation das Privateigentum den Men-
schen gebracht hat.
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In dem Kampfe von Kapital und Boden gegen die Arbeit haben die
beiden ersten Elemente noch einen besonderen Vorteil vor der Ar-
beit voraus - die Hülfe der Wissenschaft, denn auch diese ist un-
ter den jetzigen Verhältnissen gegen die Arbeit gerichtet. Fast
alle mechanischen Erfindungen z.B. sind durch den Mangel an Ar-
beitskraft veranlaßt worden, so besonders
#524# Friedrich Engels
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Hargreaves', Cromptons und Arkwrights Baumwollspinnmaschinen. Die
Arbeit ist nie sehr gesucht gewesen, ohne daß daraus eine Erfin-
dung hervorging, die die Arbeitskraft bedeutend vermehrte, also
die Nachfrage von der menschlichen Arbeit ablenkte. Die Ge-
schichte Englands von 1770 bis jetzt ist ein fortlaufender Beweis
dafür. Die letzte große Erfindung in der Baumwollspinnerei, die
Selfacting Mule, wurde ganz allein durch die Frage nach Arbeit
und den steigenden Lohn veranlaßt - sie verdoppelte die Maschi-
nenarbeit und beschränkte dadurch die Handarbeit auf die Hälfte,
warf die Hälfte der Arbeiter außer Beschäftigung und drückte da-
durch den Lohn der andern auf die Hälfte herab; sie vernichtete
eine Verschwörung der Arbeiter gegen die Fabrikanten und zer-
störte den letzten Rest von Kraft, mit dem die Arbeit noch den
ungleichen Kampf gegen das Kapital ausgehalten hatte (vgl. Dr.
Ure, "Philosophy of Manufactures", Bd. 2). Der Ökonom sagt nun
zwar, daß im Endresultate die Maschinerie günstig für die Arbei-
ter sei, indem sie die Produktion billiger mache und dadurch
einen neuen größeren Markt für ihre Produkte schaffe und so zu-
letzt die außer Arbeit gesetzten Arbeiter doch wieder beschäf-
tige. Ganz richtig; aber vergißt der Ökonom denn hier, daß die
Erzeugung der Arbeitskraft durch die Konkurrenz reguliert wird,
daß die Arbeitskraft stets auf die Mittel der Beschäftigung
drückt, daß also, wenn diese Vorteile eintreten sollen, bereits
wieder eine Überzahl von Konkurrenten für Arbeit darauf wartet
und dadurch diesen Vorteil illusorisch machen wird, während der
Nachteil, die plötzliche Wegnahme der Subsistenzmittel für die
eine und der Fall des Lohnes für die andere Hälfte der Arbeiter,
nicht illusorisch ist? Vergißt der Ökonom, daß der Fortschritt
der Erfindung nie stockt, daß also dieser Nachteil sich verewigt?
Vergißt er, daß bei der durch unsere Zivilisation so unendlich
gesteigerten Teilung der Arbeit ein Arbeiter nur dann leben kann,
wenn er an dieser bestimmten Maschine für diese bestimmte klein-
liche Arbeit verwendet werden kann? daß der Übergang von einer
Beschäftigung zu einer andern, neuern, für den erwachsenen Arbei-
ter fast immer eine entschiedene Unmöglichkeit ist?
Indem ich die Wirkungen der Maschinerie ins Auge fasse, komme ich
auf ein anderes, entfernteres Thema, das Fabriksystem, und dies
hier zu behandeln, habe ich weder Lust noch Zeit. Ich hoffe übri-
gens bald eine Gelegenheit zu haben, die scheußliche Unsittlich-
keit dieses Systems ausführlich zu entwickeln und die Heuchelei
des Ökonomen, die hier in ihrem vollen Glanze erscheint, scho-
nungslos aufzudecken. [223]
Geschrieben Januar 1844.
Nach: "Deutsch-Französischen Jahrbüchern", Paris 1844.
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