Quelle: MEW 1 1839 - 1844
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Friedrich Engels
Die Lage Englands
"Past and Present" by Thomas Carlyle, London 1843
Unter all den dicken Büchern und dünnen Broschüren, die im ver-
gangenen Jahre zur Belustigung oder Erbauung der "gebildeten
Welt" in England erschienen sind, ist die obige Schrift die ein-
zige, die des Lesens wert ist. Alle die bändereichen Romane mit
ihren traurigen und lustigen Verwicklungen, alle die erbaulichen
und beschaulichen, gelehrten und ungelehrten Kommentare über die
Bibel - und Romane und Erbauungsbücher sind die zwei Stapelarti-
kel der englischen Literatur -, alles das könnt ihr ruhig ungele-
sen lassen. Vielleicht findet ihr einige geologische oder ökono-
mische, historische oder mathematische Bücher, die ein Körnchen
Neues enthalten - aber das sind Sachen, die man studiert, aber
nicht l i e s t, das ist trockne Fachwissenschaft, dürre Herba-
rienwirtschaft, Pflanzen, deren Wurzeln aus dem allgemeinen men-
schlichen Boden, aus dem sie ihre Nahrung zogen, längst losgeris-
sen sind. Ihr mögt suchen wie ihr wollt, Carlyles Buch ist das
einzige, das menschliche Saiten anschlägt, menschliche Verhält-
nisse darlegt und eine Spur von menschlicher Anschauungsweise
entwickelt.
Es ist merkwürdig, wie sehr die höhern Klassen der Gesellschaft,
so was der Engländer "r e s p e c t a b l e p e o p l e",
"t h e b e t t e r sort of p e o p l e" 1*) etc. nennt, in
England geistig gesunken und erschlafft sind. Alle Energie, alle
Tätigkeit, aller Inhalt sind dahin; der Landadel geht auf die
Jagd, der Geldadel schreibt Hauptbücher und, wenn es hoch kommt,
treibt sich in einer ebenso leeren und schlaffen Literatur herum.
Die politischen und religiösen Vorurteile erben sich von Genera-
tion zu Generation fort; man bekommt jetzt alles leicht gemacht
und braucht sich gar nicht um Prinzipien mehr zu plagen wie in
früheren Zeiten; sie fliegen einem jetzt schon in der Wiege fix
und fertig zu, man weiß nicht woher. Was braucht man weiter? Man
hat eine gute Erziehung genossen, d.h., man ist in der Schule mit
den Römern und Griechen ohne Erfolg
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1*) "ehrenwerte Leute", die "besseren Leute"
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geplagt worden, im übrigen ist man "respektabel", d.h. besitzt
soundsoviel Tausend Pfund und hat sich also um weiter gar nichts
zu bemühen als um eine Frau, wenn man noch keine hat.
Und nun vollends der Popanz, den die Leute "Geist" nennen! Wo
soll in einem solchen Leben Geist herkommen, ja, wenn er käme, wo
soll er ein Unterkommen finden bei ihnen? Da ist alles chinesisch
festgesetzt und abgezirkelt - wehe dem, der die engen Grenzen
überschreitet, wehe, dreimal wehe dem, der gegen ein altehrwürdi-
ges Vorurteil anstößt, neunmal wehe ihm, wenn dies Vorurteil ein
religiöses ist. Da gibt es für alle Fragen nur zwei Antworten,
eine Whigantwort und eine Toryantwort; und diese Antworten sind
von den weisen Oberzeremonienmeistern beider Parteien längst vor-
geschrieben, ihr habt gar keine Überlegung und Weitläuftigkeiten
nötig, es ist alles fix und fertig, Dicky Cobden oder Lord John
Russell hat das gesagt, und Bobby Peel oder der "Herzog" p a r
e x c e l l e n c e, nämlich der von Wellington, hat so gesagt,
und dabei bleibts.
Ihr guten Deutschen müßt euch alle Jahre von den liberalen Zei-
tungsschreibern und Volksvertretern vorsagen lassen, was die Eng-
länder für wunderbare Leute und unabhängige Männer seien, und al-
les das durch ihre freien Institutionen, und das sieht sich aus
der Entfernung ganz gut an. Die Debatten der Parlamentshäuser,
die freie Presse, die stürmischen Volksversammlungen, die Wahlen,
die Juries verfehlen ihren Effekt auf Michels timides Gemüt
nicht, und in seiner Verwunderung nimmt er all den schönen Schein
für bare Münze. Aber am Ende ist doch der Standpunkt des libera-
len Zeitungsschreibers und Volksvertreters noch lang nicht hoch
genug, um einen umfassenden Überblick zu gewähren, sei es über
die Entwicklung der Menschheit oder auch nur die einer einzigen
Nation. Die englische Verfassung ist ihrer Zeit ganz gut gewesen
und hat manches Gute getan, ja seit 1828 hat sie angefangen, an
ihrer besten Tat, nämlich an ihrer eignen Zerstörung zu arbeiten
- aber das, was ihr der Liberale zuschreibt, das hat sie nicht
getan. Sie hat die Engländer nicht zu unabhängigen Männern ge-
macht. Die Engländer, d.h. die gebildeten Engländer, nach denen
man auf dem Kontinent den Nationalcharakter beurteilt, diese Eng-
länder sind die verächtlichsten Sklaven unter der Sonne. Nur der
auf dem Kontinent unbekannte Teil der englischen Nation, nur die
Arbeiter, die Parias Englands, die Armen sind wirklich respekta-
bel, trotz all ihrer Roheit und all ihrer Demoralisation. Von ih-
nen geht die Rettung Englands aus, in ihnen liegt noch bildsamer
Stoff; sie haben keine Bildung, aber auch keine Vorurteile, sie
haben noch Kraft aufzuwenden für eine große nationale Tat - sie
haben noch eine Zukunft. Die Aristokratie - und diese schließt
heutzutage auch die Mittelklassen
#527# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
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ein - hat sich erschöpft; was sie von Gedankengehalt aufzuwenden
hatte, ist bis in die letzten Konsequenzen verarbeitet und prak-
tisch gemacht, und ihr Reich geht mit großen Schritten seinem
Ende entgegen. Die Konstitution ist ihr Werk, und die nächste
Folge dieses Werks war, daß es seine Urheber mit einem Netze von
Institutionen umgarnte, in dem jede freie geistige Bewegung un-
möglich gemacht ist. Die Herrschaft des öffentlichen Vorurteils
ist überall die erste Folge sogenannter freier politischer Insti-
tutionen, und diese Herrschaft ist in dem politisch freisten
Lande Europas, in England, stärker als sonst irgendwo - Nordame-
rika ausgenommen, wo durch das Lynchgesetz das öffentliche Vorur-
teil als Macht im Staate gesetzlich anerkannt ist. Der Engländer
kriecht vor dem öffentlichen Vorurteil, opfert sich ihm täglich
auf - und je liberaler er ist, desto demütiger schmiegt er sich
in den Staub vor diesem seinem Götzen. Das öffentliche Vorurteil
in den "gebildeten Kreisen" ist aber entweder toryistisch oder
whiggisch, höchstens radikal - und das selbst riecht schon nicht
mehr ganz fein. Geht einmal unter gebildete Engländer und sagt,
ihr seid Chartisten oder Demokraten - man wird an eurem gesunden
Verstande zweifeln und eure Gesellschaft fliehen. Oder erklärt,
ihr glaubtet nicht an die Gottheit Christi, und ihr seid verraten
und verkauft; gesteht vollends, daß ihr Atheisten seid, und man
tut am andern Tage, als kenne man euch nicht. Und der unabhängige
Engländer, wenn er, was selten genug vorkommt, wirklich einmal zu
denken anfängt und die Fesseln des mit der Muttermilch eingeso-
gnen Vorurteils abschüttelt, selbst dann hat er nicht den Mut,
seine Überzeugung frei herauszusprechen, selbst dann heuchelt er
sich für die Öffentlichkeit eine wenigstens tolerierte Meinung an
und ist nur zufrieden, wenn er unter vier Augen zuweilen mit ei-
nem Gleichgesinnten geradeaus sprechen kann.
So sind die gebildeten Klassen in England allem Fortschritt ver-
schlossen und werden nur durch den Andrang der arbeitenden Klasse
noch etwas in Bewegung gehalten. Es ist nicht zu erwarten, daß
das literarische tägliche Brot dieser altersschwachen Bildung an-
ders beschaffen sei als sie selbst. Die ganze fashionable Litera-
tur dreht sich in einem ewigen Kreise und ist geradeso langweilig
und unfruchtbar wie die blasierte und ausgesogene fashionable Ge-
sellschaft.
Als Strauß' "Leben Jesu" und sein Renommee über den Kanal kam, da
wagte es kein anständiger Mann, das Buch zu übersetzen, kein an-
gesehener Buchhändler, es zu drucken. Endlich übersetzte es ein
sozialistischer Lecturer (für diesen agitatorischen Kunstausdruck
gibt es kein deutsches Wort) - also ein Mann in einer der un-
fashionabelsten Lebensstellungen von der Welt - ein unbedeutender
sozialistischer Buchdrucker druckte es in Heften, jedes zu
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einem Penny, und die Arbeiter von Manchester, Birmingham und Lon-
don bildeten das einzige Publikum für Strauß in England.
Wenn übrigens von den beiden Parteien, in die sich der gebildete
Teil der Engländer spaltet, eine einen Vorzug verdient, so sind
dies die Tories. Der Whig ist bei der sozialen Lage Englands zu
sehr selbst Partei, um ein Urteil haben zu können; die Industrie,
dieses Zentrum der englischen Gesellschaft, ist in seinen Händen
und bereichert ihn; er findet sie tadellos und hält ihre Ausdeh-
nung für den einzigen Zweck aller Gesetzgebung, denn sie hat ihm
seinen Reichtum und seine Macht gegeben. Der Tory dagegen, dessen
Macht und Alleinherrschaft durch die Industrie gebrochen worden
ist, dessen Prinzipien durch sie erschüttert worden sind, haßt
sie und sieht in ihr höchstens ein notwendiges Übel. Daher bil-
dete sich jene Sektion philanthropischer Tories, deren Hauptfüh-
rer Lord Ashley 1*), Ferrand, Walter, Oastler etc. sind, und die
sich die Vertretung der Fabrikarbeiter gegen die Fabrikanten zur
Pflicht gemacht haben. [225] Auch Thomas Carlyle ist ursprünglich
ein Tory und steht dieser Partei noch immer näher als den Whigs.
Soviel ist gewiß, ein Whig hätte nie ein Buch schreiben können,
das halb so menschlich wäre wie "Past and Present".
Thomas Carlyle ist in Deutschland durch seine Bemühungen, den
Engländern die deutsche Literatur zugänglich zu machen, bekannt
geworden. Seit mehreren Jahren beschäftigt er sich hauptsächlich
mit der sozialen Lage Englands - er der einzige der Gebildeten
seines Landes, der das tut und schrieb schon 1838 ein kleineres
Werk: "C h a r t i s m". Damals waren die Whigs im Ministerium
und proklamierten mit vielem Pomp, daß das gegen 1835 entstandene
"Gespenst" des Chartismus vernichtet sei. Der Chartismus war die
natürliche Fortsetzung des alten Radikalismus, der durch die Re-
formbill [198] für einige Jahre beschwichtigt und seit 1835/36
mit neuer Kraft und in geschlossenern Massen als je vorher wieder
aufgetreten war. Diesen Chartismus glaubten die Whigs unterdrückt
zu haben, und Thomas Carlyle nahm davon Veranlassung, die wirkli-
chen Ursachen des Chartismus, und die Unmöglichkeit, ihn zu ver-
tilgen, ehe diese Ursachen vertilgt seien, zu entwickeln. Der
Standpunkt dieses Buchs ist zwar im ganzen derselbe wie in "Past
and Present", aber mit etwas stärkerer toryistischer Färbung, die
indes vielleicht bloß in dem Umstand begründet ist, daß die Whigs
als herrschende Partei der Kritik am nächsten lagen. Jedenfalls
enthält "P a s t a n d P r e s e n t" alles, was in dem klei-
neren Buche steht, klarer, entwickelter und mit ausdrücklicher
Bezeichnung der Konsequenzen, und überhebt uns also der Kritik
des Chartismus.
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1*) Anthony Ashley Cooper, Earl of Shaftesbury
#529# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
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"P a s t a n d P r e s e n t" ist eine Parallele zwischen dem
England des zwölften und dem des neunzehnten Jahrhunderts und be-
steht aus vier Abteilungen, überschrieben: "Proömium"; "Der Mönch
der Vorzeit"; "Der Arbeiter der Neuzeit"; "Horoskop". - Gehen wir
der Reihe nach durch diese Abteilungen; ich kann der Versuchung,
die schönsten der oft wunderbar schönen Stellen des Buchs zu
übersetzen, nicht widerstehen. - Die Kritik wird schon für sich
selbst sorgen.
Das erste Kapitel des Proömiums heißt: "Midas".
"Die Lage Englands - - gilt mit Recht für eine der drohendsten
und überhaupt fremdartigsten, die je in der Welt gesehen wurden.
England ist voller Reichtum aller Art, und doch stirbt England
vor Hunger. Mit ewig gleicher Fülle grünt und blüht der Boden
Englands, wogend mit goldenen Ernten, dicht besetzt mit Werkstät-
ten, mit Handwerkszeug aller Art, mit fünfzehn Millionen Arbei-
tern, die die stärksten, klügsten und willigsten sein sollen, die
unsere Erde je besaß; diese Männer sind hier; die Arbeit, die sie
getan, die Frucht, die sie geschaffen haben, ist hier im Über-
fluß, überall in üppigster Fülle - und siehe, welch unselig Ge-
bot, wie eines Zauberers, ist ausgegangen und sagt: 'Rührt es
nicht an, ihr Arbeiter, ihr arbeitenden Herren, ihr müßigen Her-
ren; euer keiner soll es anrühren, euer keiner soll es genießen -
dies ist bezauberte Frucht'"
Auf die Arbeiter fällt dies Gebot zuerst. 1842 zählte England und
Wales 1 430 000 Paupers, von denen 222 000 in Arbeitshäusern -
Armengesetz-Bastillen nennt sie das Volk - eingesperrt sitzen. -
Dank der Humanität der Whigs! - Schottland hat kein Armengesetz,
aber Arme in Masse. - Irland, beiläufig, kann sich der ungeheuren
Zahl von 2 300 000 Paupers rühmen.
"Vor den Assisen zu Stockport (Cheshire) wurden eine Mutter und
ein Vater angeklagt und schuldig befunden der Vergiftung dreier
ihrer Kinder, um dadurch einen Begräbnisklub um drei Pfund acht
Schillinge, zahlbar beim Tode jedes Kindes, zu betrügen, und die
amtlichen Autoritäten, sagt man, deuten an, daß der Fall nicht
der einzige ist, daß es vielleicht besser sei, dies nicht genauer
zu untersuchen. -- Solche Beispiele sind gleich dem höchsten
Berggipfel, der am Horizont emportaucht - drunter liegt eine
ganze Berggegend und noch nicht aufgetauchtes Land. - Eine men-
schliche Mutter, ein menschlicher Vater sagen untereinander: Was
sollen wir tun, um dem Hungertode zu entgehen? Wir sind tief ge-
sunken, hier in unserm dunkeln Keller, und Hülfe ist fern. - O,
in Ugolinos Hungerturm geschehen ernste Dinge, der vielgeliebte
kleine Gaddo ist tot hingefallen an des Vaters Knieen! - Die
Stockporter Eltern denken und sagen: Unser armer kleiner hungri-
ger T o m, der den ganzen Tag nach Brot schreit, der nur Übles
und nichts Gutes in dieser Welt sehen wird - wenn er mit einem
Male aus der Not käme - und wir andern vielleicht erhalten wür-
den? Es ist gedacht, gesagt, zuletzt getan. Und nun Tom tot ist
und alles ausgegeben und verzehrt, kommt jetzt der arme kleine
hungrige Jack an die Reihe, oder der arme
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kleine hungrige Will? - O was für eine Überlegung der Wege und
Mittel, das! - In belagerten Städten, in dem äußersten Ruin des
unter dem Zorn Gottes gefallnen Jerusalems, war geweissagt wor-
den: Die Hände der elenden Weiber haben ihre eigenen Kinder sich
zur Speise bereitet. Die düstre Phantasie des Hebräers konnte
keinen schwärzern Schlund des Elends sich vorstellen, das war das
letzte des entwürdigten, gottverfluchten Menschen - und wir hier,
im modernen England, in der Fülle des Reichtums - kommen wir da-
hin? Wie geht das zu? Woher kommt das, weshalb muß dem so sein?"
Dies geschah 1841. Ich mag hinzufügen, daß vor fünf Monaten in
Liverpool Betty Eules aus Bolton gehangen wurde, die drei eigene
und zwei Stiefkinder aus derselben Veranlassung vergiftet hatte.
Soviel für die Armen. Wie sieht's mit den Reichen aus?
"Diese erfolgreiche Industrie mit ihrem strotzenden Reichtum hat
bis jetzt noch niemand reich gemacht, es ist behexter Reichtum
und gehört niemandem. Wir können Tausende ausgeben, wo wir sonst
Hunderte anlegten - aber wir können nichts Brauchbares dafür kau-
fen. - Mancher ißt feinere Leckereien, trinkt teurere Weine -,
aber was für ein größerer Segen ist da? Sind sie schöner, besser,
stärker, braver? Sind sie nur, was sie 'glücklicher' nennen?"
Der arbeitende Herr ist nicht glücklicher, der faulenzende Herr,
d.h. der adlige Grundbesitzer, ist nicht glücklicher -
"für wen denn ist dieser Reichtum, Englands Reichtum? Wen segnet
er, wen macht er glücklicher, schöner, weiser, besser? Bis jetzt
niemand. Unsre erfolgreiche Industrie hat bis jetzt keinen Er-
folg: in der Mitte üppiger Fülle verhungert das Volk; zwischen
goldenen Mauern und vollen Scheunen fühlt sich keiner sicher und
zufrieden. - Midas schmachtete nach Gold und beschimpfte den
Olymp. Er bekam Gold, so daß alles, was er berührte, Gold wurde -
und das half ihm mit seinen langen Ohren wenig. Midas hatte die
himmlische Musik mißbeurteilt. Midas hatte Apollon und die Götter
beschimpft, und die Götter bewilligten ihm seinen Wunsch und ein
Paar lange Ohren dazu [226], auch ein gutes Anhängsel - welch
eine Wahrheit in diesen alten Fabeln!"
"Wie wahr", fährt er im zweiten Kapitel fort, "ist die andre alte
Fabel von der Sphinx: Die Natur ist die Sphinx, eine Göttin, aber
noch nicht ganz befreit, noch halb in der Tierheit, der Geistlo-
sigkeit steckend - Ordnung, Weisheit auf der einen Seite, aber
auch Dunkelheit, Wildheit, Schicksalsnotwendigkeit."
Die Sphinx-Natur - deutscher Mystizismus, sagen die Engländer,
wenn sie dies Kapitel lesen - hat für jeden Menschen und jede
Zeit eine Frage - glücklich der, der sie richtig beantwortet; wer
sie nicht oder falsch beantwortet, fällt dem tierisch-wilden Teil
der Sphinx anheim, statt der schönen Braut findet er eine rei-
ßende Löwin. Und so ist es mit Nationen auch: Könnt ihr das Rät-
sel des Schicksals lösen? Und alle unglücklichen Völker, wie alle
#531# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
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unglücklichen Individuen haben die Frage falsch beantwortet, den
Schein für die Wahrheit genommen, die ewigen inneren Tatsachen
des Universums für die äußerlichen vergänglichen Erscheinungsfor-
men fahrenlassen, und das hat England auch getan. England ist,
wie er sich später ausdrückt, dem Atheismus anheimgefallen, und
seine jetzige Lage ist die notwendige Folge davon. Wir werden
später davon zu sprechen haben, einstweilen ist bloß zu bemerken,
daß Carlyle das Gleichnis der Sphinx, wenn es in dem obigen pan-
theistisch-altschellingschen Sinn zugelassen werden soll, noch
etwas weiter hätte ausführen können - die Lösung des Rätsels ist
heute, wie in der Sage, der Mensch, und zwar die Lösung im aller-
weitesten Sinne. Auch das wird seine Erledigung finden.
Das nächste Kapitel gibt uns die folgende Schilderung der Manche-
ster-Insurrektion vom August 1842:
"Eine Million hungriger Arbeiter standen auf, kamen alle heraus
auf die Straße und - standen da. Was sonst sollten sie tun? Ihre
Unbilden und Klagen waren bitter, unerträglich, ihre Wut dagegen
war gerecht; aber wer verursacht diese Klagen, wer will abhelfen?
Unsre Feinde sind, wir wissen nicht wer oder was; unsre Freunde
sind, wir wissen nicht, wo? Wie sollen wir jemand angreifen, je-
mand erschießen oder uns von jemand erschießen lassen? O, wenn
dieser verfluchte Nachtalp, der unsichtbar unser und der Unsrigen
Leben auspreßt, nur eine Gestalt annehmen, uns als syrkanischer
Tiger, als Behemoth des Chaos, als der Erzfeind selbst entgegen-
treten wollte! in irgendeiner Gestalt, die wir sehen, an der wir
ihn fassen könnten!"
Das war aber eben das Unglück der Arbeiter in der Sommerinsurrek-
tion von 1842, daß sie nicht wußten, gegen wen sie kämpfen soll-
ten. Ihr Übel war ein soziales - und soziale Übel lassen sich
nicht abschaffen, wie man das Königtum oder die Privilegien ab-
schafft. Soziale Übel lassen sich nicht durch Volkscharten kurie-
ren, und das fühlte das Volk - sonst wäre die Volkscharte heute
das Grundgesetz von England. Soziale Übel wollen studiert und er-
kannt sein, und das hat die Masse der Arbeiter bis jetzt noch
nicht getan. Die große Frucht des Aufstandes war, daß die Lebens-
frage Englands, die Frage nach dem definitiven Los der arbeiten-
den Klasse, wie Carlyle sagt, auf eine für jedes denkende Ohr in
England hörbare Weise gestellt wurde. Die Frage kann jetzt nicht
mehr umgangen werden, England muß sie beantworten oder unterge-
hen.
Übergehen wir die Schlußkapitel dieses Abschnitts, übergehen wir
einstweilen auch den ganzen folgenden, und nehmen wir gleich den
dritten Abschnitt, der von dem "A r b e i t e r d e r
N e u z e i t" handelt, um die Schilderung der Lage Englands,
wie sie im Proömium angefangen wurde, ganz beisammen zu haben.
#532# Friedrich Engels
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Wir haben, fährt Carlyle fort, die Religiosität des Mittelalters
weggeworfen und nichts dafür bekommen: wir haben
"Gott vergessen, wir haben unsre Augen verschlossen für die ewige
Wesenheit der Dinge und sie nur offengehalten für den betrügeri-
schen Schein der Dinge; wir beruhigen uns dabei, daß dies Univer-
sum innerlich ein großes unbegreifliches Vielleicht ist, und äu-
ßerlich augenscheinlich ein großer Viehstand und ein Arbeitshaus
mit bedeutenden Küchengebäuden und Eßtischen, wo, wer weise ist,
einen Platz findet; alle Wahrheit dieses Universums ist ungewiß,
nur der Gewinn und Verlust, nur das Magenfutter und der Beifall
sind und bleiben dem praktischen Menschen einleuchtend. - Kein
Gott existiert mehr für uns; Gottes Gesetze sind ein 'Prinzip der
größtmöglichen Glückseligkeit', ein Parlamentskniff geworden; der
Himmel ist eine astronomische Uhr, ein Jagdterrain für Herschel-
sche Teleskope geworden, wo man auf wissenschaftliche Resultate
und Sentimentalitäten jagt; in unsrer und des alten Ben Jonsons
Sprache: der Mensch hat seine Seele verloren und fängt jetzt an,
ihren Mangel zu merken. Das ist in Wahrheit der wunde Fleck, das
Zentrum des allgemeinen sozialen Krebsgeschwürs. - Es gibt keine
Religion, es gibt keinen Gott, der Mensch hat seine Seele verlo-
ren und sucht umsonst nach einem Salz gegen die Verfaulung. Um-
sonst - in der Hinrichtung von Königen, in französischen Revolu-
tionen, in Reformbills, in Manchester-Insurrektionen, in alledem
ist kein Heilmittel. Der faule Aussatz, für eine Stunde erleich-
tert, kommt in der nächsten stärker und verzweifelter wieder."
Da aber die Stelle der alten Religion nicht ganz unbesetzt blei-
ben konnte, so haben wir ein neues Evangelium an ihrer Statt be-
kommen, ein Evangelium, das der Hohlheit und Inhaltslosigkeit des
Zeitalters entspricht - das Evangelium des Mammon. Der christli-
che Himmel und die christliche Hölle sind, jener als zweifelhaft,
diese als unsinnig aufgegeben - und ihr habt eine neue Hölle be-
kommen; die Hölle des modernen Englands ist das Bewußtsein,
"nicht voranzukommen, kein Geld zu verdienen!"
"Wahrlich, mit unserm Mammonsevangelium sind wir zu sonderbaren
Folgerungen gekommen! Wir nennen es G e s e l l s c h a f t,
und doch richten wir überall die totalste Trennung und Isolierung
ein. Unser Leben ist nicht gegenseitige Unterstützung, sondern
gegenseitige Feindseligkeit, unter gewissen Kriegsgesetzen
'vernünftige Konkurrenz' und so weiter. Wir haben durchaus ver-
gessen, daß bare Zahlung nicht das einzige Band zwischen Mensch
und Mensch ist. 'Meine hungernden Arbeiter?' sagt der reiche Fa-
brikant. 'Hab ich sie nicht, wie recht und billig, im Markt ge-
mietet? Hab ich ihnen nicht meine vertragsmäßige Schuldigkeit bei
Heller und Pfennig bezahlt? Was hab ich sonst noch mit ihnen zu
schaffen?' Wahrlich, Mammonskultus ist ein trauriger Glaube!"
"Eine arme irische Witwe in Edinburgh bat um Hülfe einer wohltä-
tigen Anstalt für sich und ihre drei Kinder. An allen Anstalten
wurde sie abgewiesen; Kraft und Mut versagten ihr; sie sank nie-
der im Typhusfieber, starb und infizierte ihre ganze Gasse
#533# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
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mit der Krankheit, so daß siebenzehn andere infolgedessen star-
ben. Der menschliche Arzt, der diese Geschichte erzählt - Dr. W.
P. Alison -, fragt dabei: Würde es nicht ö k o n o m i s c h e r
gewesen sein, dieser Frau zu helfen? Sie bekam das Fieber und tö-
tete eurer siebenzehn! - Sehr sonderbar. Die verlassene irische
Witwe wendet sich an ihre Mitgeschöpfe: 'Seht, ich komme hülflos
um, ihr müßt mir helfen, ich hin eure Schwester; Bein von eurem
Bein, ein Gott schuf uns!' Sie aber antworten; 'Nein, unmöglich:
du bist unsere Schwester nicht'. Aber sie beweist ihre Schwester-
schaft; ihr Fieber tötet s i e; sie waren ihre Brüder, obwohl
sie es leugneten. Wann mußte man diesen Beweis noch niedriger su-
chen?"
Carlyle, beiläufig gesagt, ist hier im Irrtum, ebenso wie Alison.
Die Reichen haben kein Mitleiden, kein Interesse für den Tod der
"Siebenzehn". Ist es nicht ein öffentliches Glück, daß die
"überzählige Bevölkerung" um siebenzehn vermindert wird? Wenn es
nur ein paar Millionen wären anstatt lumpiger "siebenzehn", so
wäre das um soviel besser. - Das ist das Räsonnement der engli-
schen reichen Maithusianer.
Und dann das andre, noch schlimmere Evangelium des Dilettantis-
mus, das eine Regierung geschaffen hat, die nichts tut, das den
Menschen allen Ernst genommen hat und sie treibt, das scheinen zu
wollen, was sie nicht sind - das Streben nach "Glückseligkeit",
d.h. nach gutem Essen und Trinken, das die krasse Materie auf den
Thron erhoben und allen geistigen Inhalt zerstört hat; was soll
bei allem dem herauskommen?
"Und was sollen wir sagen zu einer Regierung wie die unsrige, die
ihren Arbeitern eine Anklage der 'Überproduktion' entgegenhält?
Überproduktion, ist das nicht der Punkt? Ihr verschiedenen fabri-
zierenden Individuen, ihr habt zuviel produziert! Unsere Anklage
ist, daß ihr mehr als zweihunderttausend Hemden für die Blöße der
Menschheit gemacht habt. Auch die Beinkleider, die ihr verfertig-
tet von Baumwollensammet, Kaschmir, schottisch Plaid, von Nanking
und wollen Tuch, sind sie nicht mannigfaltig? Hüte und Schuhe,
Stühle zum Sitzen und Löffel zum Essen -ja, und goldene Uhren
produziert ihr, Juwelensachen, silberne Gabeln, Kommoden, Chif-
fonnieren und gepolsterte Sofas - O Himmel, alle Commercial Ba-
zars und Howel and James's können eure Produkte nicht bergen; ihr
habt produziert, produziert, produziert - wer euch anklagen will,
möge nur um sich sehen; Millionen Hemden und leere Beinkleider
hangen da zum Zeugnis wider euch. Wir klagen euch der Überproduk-
tion an; ihr seid schuldig des schweren Verbrechens, Hemden, Ho-
sen. Hüte und Schuhe und so weiter in schaudererregendem Überfluß
produziert zu haben. Und jetzt ist eine Stockung infolgedessen,
und eure Arbeiter müssen verhungern."
"My Lords und Gentlemen, wes klagen Sie jene armen Arbeiter an?
Sie, My Lords und Gentlemen, waren ernannt, dafür zu sorgen, daß
keine Stockungen einträten; Sie hatten darauf zu sehen, daß die
Verteilung des Lohns für die getane Arbeit ordentlich vor sich
gehe, daß kein Arbeiter ohne seinen Lohn, sei es in Geldmünzen,
sei es in
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hanfnen Galgenstricken, bliebe; das war Ihr Amt von undenklicher
Zeit her. Diese armen Spinner haben viel vergessen, was nach dem
innern ungeschriebenen Gesetz sollen - aber welch
g e s c h r i e b n e n Gesetz ihrer Stellung haben sie verges-
sen? Sie waren angestellt, Hemden zu machen. Die Gemeinde befahl
ihnen: macht Hemden - und hier sind die Hemden. Zuviel Hemden?
Wahrlich, das ist neu auf dieser verrückten Welt mit ihren neun-
hundert Millionen nackter Leiber! Aber, My Lords und Gentlemen,
Ihnen befahl die Gemeinde: seht zu, daß diese Hemden wohl ver-
teilt werden - und wo ist die Verteilung? Zwei Millionen hemdlo-
ser oder schlechtbehemdeter Arbeiter sitzen in Armengesetz-Ba-
stillen, fünf Millionen andere in Ugolinoschen Hungerkellern; und
dem abzuhelfen, sagen Sie: steigert unsre Renten! Sie sagen tri-
umphierend: Ihr wollt Anklagen zusammenflicken, ihr wollt uns
Überproduktion vorwerfen? Wir nehmen Himmel und Erde zu Zeugen,
daß wir gar nichts produziert haben. In den weiten Reichen der
Schöpfung ist kein Hemd, das wir gemacht hätten. Wir sind un-
schuldig an der Produktion; im Gegenteil ihr Undankbaren, was für
Berge von Dingen haben wir nicht zu konsumieren gehabt! Sind
diese Berge nicht verschwunden vor uns, als ob wir Straußenmägen
hätten und eine Art göttlicher Fähigkeit des Verzehrens? Ihr Un-
dankbaren; seid ihr nicht gewachsen unter dem Schatten unsrer
Flügel? Eure schmutzigen Fabriken, stehen sie nicht auf unserm
Grund und Boden? Und wir sollen euch unser Korn nicht zu dem
Preise verkaufen können, der uns gefällt? Was, denkt ihr, würde
aus euch werden, wenn wir, die Besitzer des Bodens von England,
beschlössen, gar kein Korn mehr wachsen zu lassen?"
Diese Anschauungsweise der Aristokratie, diese barbarische Frage:
Was würde aus euch werden, wenn wir nicht so gnädig wären, Korn
wachsen zu lassen, hat die "wahnsinnigen und erbärmlichen Kornge-
setze" produziert; die Korngesetze, die so wahnsinnig sind, daß
man gar keine Argumente gegen sie vorbringen kann als solche,
"die einen Engel im Himmel und auch einen Esel auf Erden zum Wei-
nen bringen müssen". Die Korngesetze beweisen, daß die Aristokra-
tie noch nicht gelernt hat, kein Unheil anzurichten, still zu
sitzen, gar nichts zu tun, geschweige denn, etwas Gutes zu tun,
und doch wäre dies nach Carlyle ihre Pflicht:
"sie ist durch ihre Stellung verpflichtet, England zu leiten und
zu regieren, und jeder Arbeiter im Arbeitshause hat das Recht,
sie vor allem andern zu fragen: Warum bin ich hier? Seine Frage
wird gehört im Himmel und wird sich auch hörbar machen auf Erden,
wenn sie nicht beachtet wird. Seine Anklage ist gegen Sie, My
Lords und Gentlemen; Sie stehen in der ersten Reihe der Angeklag-
ten, Sie, kraft der Stellung, die Sie einnehmen, haben ihm zuerst
zu antworten! - Das Schicksal der faulenzenden Aristokratie, wie
ihr Horoskop in Korngesetzen usw. zu lesen ist, ist ein Abgrund,
der einen mit Verzweiflung füllt! Ja meine rosigen fuchsjagenden
Brüder, durch eure frischen, schmucken Gesichter, durch eure
Korngesetz-Majoritäten, s l i d i n g - s c a l e s [196],
Schutzzölle, Bestechungswahlen und kentische Triumphfeuer ent-
deckt ein denkendes
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Auge schauerliche Bilder des Sturzes, zu schauerlich für Worte,
eine Mene Mene Handschrift - guter Gott, erklärte nicht eine
französische nichtstuende Aristokratie, kaum ein halb Jahrhundert
verfloß seitdem, ebenso: Wir können nicht existieren, nicht fort-
fahren, uns standesmäßig zu kleiden und zu paradieren; der Grund-
zins unserer Besitzungen reicht nicht aus, wir müssen mehr haben
als das, wir müssen von Steuern eximiert sein und ein Korngesetz
haben, um unsern Grundzins zu steigern. Das war 1789, vier Jahre
weiter - habt ihr von der Gerberei zu Meudon gehört, wo die Nack-
ten sich Hosen von Menschenhaut machten? Möge der barmherzige
Himmel das Omen abwenden; mögen wir weiser sein, damit wir weni-
ger elend werden!"
Und die arbeitende Aristokratie verfängt sich in den Vogelnetzen
der faulenzenden Aristokratie und kommt mit ihrem "Mammonismus"
zuletzt auch in eine schlimme Lage:
"die Leute auf dem Kontinent, scheint es, exportieren unsre Ma-
schinerie, spinnen Baumwolle und fabrizieren für sich selbst,
treiben uns aus diesem Markt und dann aus dem. Traurige Nachrich-
ten, aber lange noch nicht die traurigsten. Das Traurigste ist,
daß wir unsre nationale Existenz, wie ich habe sagen hören, ab-
hängig sehen sollten von unsrer Fähigkeit, Baumwollenstoffe einen
Heller die Elle wohlfeiler zu verkaufen als alle andere Völker.
Ein sehr schmaler Stand für eine große Nation, daß! Ein Stand,
den wir, wie mir scheint, trotz aller möglichen Korngesetzab-
schaffungen auf die Dauer nicht werden erhalten können. - Keine
große Nation kann auf einer solchen Pyramidenspitze stehen, sich
höher und höher schraubend, auf der großen Zehe balancierend.
Kurz, dies Mammonsevangelium mit seiner Hölle des Nichtsverdie-
nens, Nachfrage und Zufuhr, Konkurrenz, Handelsfreiheit,
'l a i s s e z f a i r e und der Teufel hol' das Übrige', fängt
allmählich an, das erbärmlichste Evangelium zu werden, das je auf
der Erde gepredigt wurde. - Ja, wenn die Korngesetze morgen auf-
gehoben wären, so ist damit noch nichts am Ende, es ist bloß Raum
gemacht, um Dinge aller Art anzufangen. Die Korngesetze fort, den
Handel frei gemacht, so ist es gewiß, daß die jetzige Lähmung der
Industrie verschwinden wird. Wir werden wieder eine Periode der
Handelsunternehmungen, des Sieges und der Blüte haben, das wür-
gende Band der Hungersnot um unsern Nacken wird loser werden, wir
werden Raum zum Atmen und Zeit zum Besinnen und Bereuen haben -
eine dreimal kostbare Zeit, um, wie für unser Leben, für die Re-
form unsrer bösen Wege zu kämpfen, unser Volk zu erleichtern, zu
unterrichten, zu regeln; ihm etwas geistige Nahrung, etwas wirk-
liche Leitung und Regierung zuzuwenden - es wird eine unbezahl-
bare Zeit sein! Denn unsre neue Periode der Blüte wird und muß
auf die alte Methode von 'Konkurrenz und der Teufel hol' das Üb-
rige' zuletzt sich doch wieder nur als ein Paroxysmus erweisen,
und wahrscheinlich als unser letzter. Denn verdoppelt sich in
zwanzig Jahren unsre Industrie, so ist auch unsre Bevölkerung in
zwanzig Jahren verdoppelt; wir werden so weit sein wie wir waren,
nur unser doppelt so viele, und doppelt, ja zehnmal so unbändig.
- Wehe, in was für Gegenden sind wir auf dieser unsrer Wanderung
durch die Weite der Zeiten geraten,
#536# Friedrich Engels
-----
wo die Menschen umherwandeln wie galvanisierte Leichen, mit ge-
dankenlosen, stieren Augen, ohne Seele, nur mit einer fiebermäßi-
gen Industriefähigkeit und einem Magen zur Verdauung! Die abgema-
gerte Verzweiflung der Baumwollfabriken, Kohlenbergwerke und
Chandosschen Ackerbautaglöhner in diesen Tagen ist schmerzlich
anzuschauen, aber lange nicht so schmerzlich dem Denkenden als
diese brutale, gottvergessene Gewinn- und Verlustphilosophie und
Lebensweisheit, die wir überall ausschreien hören in Senatssit-
zungen, Disputierklubs, leitenden Artikeln, von Kanzeln und Red-
nerbühnen herab als das Ultimatevangelium und ehrliche Englisch
des menschlichen Lebens!"
"Ich habe die Kühnheit, zu glauben, daß zu keiner Zeit, seit den
Anfängen der Gesellschaft, das Los der stummen, abgearbeiteten
Millionen so durchaus unerträglich gewesen ist wie jetzt. Nicht
der Tod, oder selbst der Hungertod, macht den Menschen elend; wir
alle müssen sterben, unser aller letzter Ausgang ist in einem
Feuerwagen des Schmerzes; aber elend zu sein und nicht zu wissen
warum, sich siech zu arbeiten für nichts und wieder nichts, abge-
arbeiteten und müden Herzens, und doch isoliert, verwaist zu
sein, eingegürtet von einem kalten, universellen laissez faire,
langsam zu sterben all unser Leben lang, eingemauert in eine
taube, tote, unendliche Ungerechtigkeit wie in den verfluchten
Bauch eines Phalarisstiers - das ist und bleibt für ewig uner-
träglich für alle gottgeschaffenen Menschen. Und wir wundern uns
über eine französische Revolution, eine 'große Woche', einen eng-
lischen Chartismus? Die Zeiten, wenn wir's recht bedenken, sind
wahrlich beispiellos."
Wenn in solchen beispiellosen Zeiten die Aristokratie sich zur
Lenkung des allgemeinen Wesens unfähig erweist, so ist es eine
Notwendigkeit, sie auszustoßen. Daher die Demokratie.
"Zu welcher Ausdehnung die Demokratie jetzt schon gelangt ist,
wie sie mit ominöser, stets wachsender Eile voranschreitet, kann
jeder sehen, der seine Augen für irgendein Gebiet der menschli-
chen Verhältnisse öffnen will. Von dem Donner napoleonischer
Schlachten bis zum Geplärre um eine offene Gemeindeversammlung in
St. Mary Axe verkündigt alles Demokratie."
Aber was ist Demokratie am Ende?
"Nichts als der Mangel an Herren, die euch regieren könnten, und
die Ergebung in diesen unvermeidlichen Mangel, der Versuch, ohne
sie fertig zu werden. - Niemand unterdrückt dich, du freier und
unabhängiger Wähler, aber unterdrückt dich nicht dieser stupide
Portertopf? Kein Adamssohn befiehlt dir zu kommen oder zu gehen -
aber dieser absurde Topf, schweres Maß (h e a v y w e i g h t),
der kann und tut es! Du bist der Leibeigne nicht Cerdiks des
Sachsen, aber deiner eignen tierischen Lüste, und du sprichst von
Freiheit? Du totaler Dummkopf! -- Die Vorstellung, daß jemandes
Freiheit darin besteht, seine Stimme bei der Wahl zu geben und zu
sagen: Siehe, ich auch habe jetzt mein Zwanzigtausendstel eines
Sprechers in unserer Nationalschwatzanstalt, werden mir nicht
alle Götter günstig sein? - Diese Vorstellung ist eine der
#537# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
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spaßhaftesten in der Welt. Vollends die Freiheit, die dadurch er-
kauft wird, daß ihr euch gegenseitig isoliert, nichts miteinander
zu tun habt außer durch bar Geld und Hauptbücher, diese Freiheit
wird zuletzt sich als die Freiheit des Verhungerns für die arbei-
tenden Millionen zeigen, als die Freiheit des Verfaulens für die
faulen, nichtstuenden Tausende und Einheiten. Brüder, nach Jahr-
hunderten konstitutioneller Regierung wissen wir noch wenig, was
Freiheit ist und was Sklaverei ist. Aber die Demokratie wird ih-
ren freien Lauf haben, die arbeitenden Millionen, in ihrem Le-
bensbedürfnis, in ihrem instinktmäßigen leidenschaftlichen Ver-
langen nach Leitung, werden die falsche Leitung wegwerfen und für
einen Augenblick hoffen, daß Nichtleitung ihnen genügen wird;
aber nur für einen Augenblick. Die Unterdrückung durch eure
falschen Oberen mögt ihr wegwerfen; ich tadle euch nicht, ich be-
daure und ermahne euch bloß; aber das getan und das große Problem
bleibt noch ungelöst; das Problem, Leitung durch eure wahren Obe-
ren zu finden."
"'Die Leitung, wie sie jetzt besteht, ist freilich erbärmlich ge-
nug.' Bei dem neulichen Bestechungskomitee des Parlaments schien
es die Meinung der gesundesten praktischen Köpfe zu sein, daß Be-
stechung nicht zu vermeiden sei und daß wir gut oder übel ohne
reine Wahlen uns durchzuschlagen suchen müßten. -- Ein Parlament,
das sich als gewählt und wählbar durch Bestechung proklamiert,
was für Gesetzgebung kann davon kommen! Bestechung bedeutet nicht
nur Käuflichkeit, sondern Unehrlichkeit, unverschämte Betrügerei;
eherne Gefühllosigkeit gegen Lüge und Anstiftung von Lügen. Seid
doch ehrlich, eröffnet im Downing-Street ein Wahlbüro mit einem
Städtetarif: soviel Bevölkerung bezahlt soviel Einkommensteuer,
Wert der Häuser soviel, wählt zwei Abgeordnete, wählt einen Abge-
ordneten, zu haben für soviel bar Geld; Ipswich soviel tausend
Pfund, Nottingham soviel -, da habt ihrs doch hübsch ehrlich
durch Kauf, ohne die Unehrlichkeit, ohne die Schamlosigkeit, ohne
die Lüge! -- Unser Parlament erklärt sich für gewählt und wählbar
durch Bestechung. Was soll aus einem solchen Parlament werden? Wo
nicht Belial und Beelzebub dies Weltall regieren, so bereitet
sich solch ein Parlament für neue Reformbills. Wir wollen lieber
den Chartismus oder jedes andere System versuchen, als damit zu-
frieden sein! Ein Parlament, das mit einer Lüge auf der Zunge be-
ginnt, wird sich selbst auf die Seite schaffen müssen. Täglich
und stündlich rückt irgendein Chartist, irgendein bewaffneter
Cromwell heran, um solch einem Parlament anzuzeigen: 'Ihr seid
kein Parlament. Im Namen des Allerhöchsten - packt euch!'"
Das ist die Lage Englands nach Carlyle. Eine faulenzende, grund-
besitzende Aristokratie, die "noch nicht einmal gelernt hat,
still zu sitzen und wenigstens kein Unheil anzustiften", eine ar-
beitende Aristokratie, die im Mammonismus versunken ist, die, wo
sie eine Versammlung von Leitern der Arbeit, von
"Industriefeldherren" sein sollte, nur ein Haufe von industriel-
len Bucaniers und Piraten ist, ein durch Bestechung gewähltes
Parlament, eine Lebensphilosophie des bloßen Zusehens, des Nicht-
stuns, des l a i s s e z f a i r e, eine ausgeschlissene
bröcklige Religion, eine totale Auflösung aller allgemein men-
schlichen
#538# Friedrich Engels
-----
Interessen, eine universelle Verzweiflung an der Wahrheit und der
Menschheit und infolgedessen eine universelle Isolierung der Men-
schen auf ihre "rohe Einzelnheit", eine chaotische, wüste Verwir-
rung aller Lebensverhältnisse, ein Krieg aller gegen alle, ein
allgemeiner geistiger Tod, Mangel an "Seele", d.h. an wahrhaft
menschlichem Bewußtsein: eine unverhältnismäßig starke arbeitende
Klasse, in unerträglichem Druck und Elend, in wilder Unzufrieden-
heit und Rebellion gegen die alte soziale Ordnung, und daher eine
drohende, unaufhaltsam voranrückende Demokratie - überall Chaos,
Unordnung, Anarchie, Auflösung der alten Bande der Gesellschaft,
überall geistige Leere, Gedankenlosigkeit und Erschlaffung. - Das
ist die Lage Englands. Soweit werden wir, wenn wir einige Aus-
drucke, die durch Carlyles partikularen Standpunkt hereingekommen
sind, abrechnen - ihm vollkommen recht geben müssen. Er, der ein-
zige der "respektabeln" Klasse, hat seine Augen wenigstens für
die Tatsachen offengehalten, er hat wenigstens die unmittelbare
Gegenwart richtig aufgefaßt, und das ist wahrlich für einen
"gebildeten" Engländer unendlich viel.
Wie sieht es mit der Zukunft aus? So wie jetzt bleibt es nicht
und kann es nicht bleiben. Wir haben gesehen, Carlyle hat, wie er
selbst gesteht, keine "Morrisonspille", kein Universalmittel für
die Heilung der sozialen Übel. Auch darin hat er recht. Alle So-
zialphilosophie, solange sie noch ein paar Sätze als ihr Endre-
sultat aufstellt, solange sie noch Morrisonspillen eingibt, ist
noch sehr unvollkommen; es sind nicht die nackten Resultate, die
wir so sehr bedürfen, als vielmehr das S t u d i u m; die Re-
sultate sind nichts ohne die Entwicklung, die zu ihnen geführt
hat, das wissen wir schon seit Hegel, und die Resultate sind
schlimmer als nutzlos, wenn sie für sich fixiert, wenn sie nicht
wieder zu Prämissen für die fernere Entwicklung gemacht werden.
Aber die Resultate müssen auch temporär eine bestimmte Form an-
nehmen, müssen durch die Entwicklung aus der vagen Unbestimmtheit
zu klaren Gedanken sich gestalten und können dann allerdings bei
einer so rein empirischen Nation, wie die Engländer sind, die "
Morrisonspillen" - Form nicht vermeiden. Carlyle selbst, obwohl
er viel Deutsches in sich aufgenommen hat und der krassen Empirie
ziemlich fern steht, würde wahrscheinlich einige Pillen bei der
Hand haben, wenn er weniger unbestimmt und unklar über die Zu-
kunft wäre.
Einstweilen erklärt er, daß alles unnütz und fruchtlos sei, so-
lange die Menschheit im Atheismus beharre, solange sie ihre
"Seele" sich noch nicht wieder verschafft habe. Nicht daß der
alte Katholizismus in seiner Energie und Lebenskraft wiederherzu-
stellen oder nur die jetzige Religion aufrechtzuerhalten sei - er
weiß sehr wohl, daß Rituale, Dogmen, Litaneien und Sinaidonner
#539# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
-----
nicht helfen können, daß aller Sinaidonner die Wahrheit nicht
wahrer und keinem vernünftigen Menschen bange macht, daß man über
die Religion der Furcht längst hinaus ist, aber die Religion
selbst muß wiederhergestellt werden, wir sehen selbst, wohin uns
"zwei Jahrhunderte atheistischer Regierung" - seit der
"gesegneten" Restauration Karls II. - gebracht haben, und wir
werden auch allmählich einsehen müssen, daß dieser Atheismus an-
fängt, ausgetragen und verschlissen zu werden. Wir haben aber ge-
sehen, was Carlyle Atheismus nennt, nicht sowohl den Unglauben an
einen persönlichen Gott, sondern den Unglauben an die innere We-
senhaftigkeit, an die Unendlichkeit des Universums, den Unglauben
an die Vernunft, die Verzweiflung am Geist und an der Wahrheit;
sein Kampf geht nicht gegen den Unglauben an die Offenbarung der
Bibel, sondern gegen den "schrecklichsten Unglauben, den Unglau-
ben an die Bibel der Weltgeschichte". Diese ist das ewige Gottes-
buch, in dem jeder Mensch, solange ihm Seele und Augenlicht nicht
erloschen sind, Gottes Finger schreibend sehen kann. Diese zu
verspotten ist ein Unglaube, gleich keinem andern, ein Unglaube,
den ihr bestrafen würdet, nicht mit Feuer und Scheiterhaufen,
aber doch mit dem entschiedensten Befehl, zu schweigen, bis man
etwas Besseres zu sagen habe. Weshalb sollte das glückliche
Schweigen durch Getöse gebrochen werden, um nur solch Zeug auszu-
schreien? Wenn die Vergangenheit keine göttliche Vernunft in sich
hat, sondern bloß teuflische Unvernunft, so vergeht sie auf ewig,
sprecht nicht mehr von ihr; uns, deren Väter alle gehangen wur-
den, ziemt es schlecht, von Stricken zu schwatzen! "An die Ge-
schichte aber kann das moderne England nicht glauben." Das Auge
sieht von allen Dingen nur soviel, als es nach seiner ihm inhä-
renten Fähigkeit sehen kann. Ein gottloses Jahrhundert kann keine
gotterfüllten Epochen begreifen. Es sieht in der Vergangenheit
(dem Mittelalter) nur leere Zwietracht, die allgemeine Herrschaft
der rohen Gewalt, es sieht nicht, daß am Ende Macht und Recht zu-
sammenfallen, es sieht bloße Dummheit, wilde Unvernunft, eher für
Bedlam als für eine menschliche Welt passend. Woraus denn natür-
lich folgt, daß dieselben Eigenschaften in unserer Zeit zu herr-
schen fortfahren sollten. Millionen festgebannt in Bastillen;
irische Witwen, die ihre Menschheit durch Typhusfieber beweisen;
es ist immer so gewesen oder schlimmer; was verlangt ihr anders?
Was anders ist die Geschichte gewesen als die Aussaugung ver-
stockter Dummheit durch erfolgreiche Quacksalberei? Kein Gott war
in der Vergangenheit, nichts als Mechanismus und chaotisch-be-
stialische Götzen; wie soll der arme "philosophische Geschichts-
schreiber", dem sein eigen Jahrhundert so ganz gottverlassen ist,
"den Gott in der Vergangenheit sehen"?
Aber so ganz verlassen ist unsre Zeit doch nicht.
#540# Friedrich Engels
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"Ja, in unsrem armen zersplitterten Europa selbst, haben sich
nicht in diesen neuesten Zeiten religiöse Stimmen erhoben, mit
einer neuen, und zugleich der ältesten Religion, unbestreitbar
den Herzen aller Menschen? Einige kenne ich, die sich nicht Pro-
pheten hießen oder glaubten, aber die in Wahrheit wieder einmal
volltönende Stimmen waren aus dem ewigen Herzen der Natur, See-
len, ewig ehrwürdig allen, die eine Seele haben. Eine französi-
sche Revolution ist ein Phänomen; als Ergänzung und geistiger Ex-
ponent derselben ist mir ein Dichter Goethe und eine deutsche Li-
teratur auch ein Phänomen. Wenn die alte weltliche oder prakti-
sche Welt in Feuer aufgegangen ist, ist dann nicht hier die Weis-
sagung und das Morgenrot einer neuen geistigen Welt, der Mutter
von weit edleren, weiteren, neuen, praktischen Welten? Ein Leben
antiker Hingebung, antiker Wahrheit und antiken Heldensinns ist
wieder möglich geworden, ist hier wirklich sichtbar für den mo-
dernsten Menschen, ein Phänomen, in aller seiner Ruhe keinem an-
dern zu vergleichen! Da sind Anklänge einer neuen Sphärenmelodie,
hörbar aufs neue durch all den unendlichen Jargon und die Disso-
nanzen des Dings, das man Literatur nennt."
Goethe, der Prophet der "Religion der Zukunft", und ihr Kultus -
die Arbeit.
"Denn es liegt ein ewiger Adel, ja eine Heiligkeit in der Arbeit.
Und wäre er noch so verfinstert, seines hohen Berufes vergessen,
so ist doch immer noch Hoffnung da für einen Menschen, der wirk-
lich und ernstlich arbeitet; in der Faulheit allein ist ewige
Verzweiflung. Arbeit, noch so mammonisiert, noch so erniedrigt,
bleibt doch eine Verbindung mit der Natur; der treibende Wunsch,
seine Arbeit getan zu bekommen, wird mehr und mehr der Wahrheit
und den Bestimmungen und den Gesetzen der Natur zuführen. - -
Eine unendliche Bedeutung liegt in der Arbeit; der Mensch vollen-
det sich durch sie. Faule Moräste werden weggeräumt; schöne Saat-
felder erstehen an ihrer Stelle und prächtige Städte, und vor al-
lem zuerst hört der Mensch selbst auf, ein fauler Morast und eine
seuchenschwangere Wüste zu sein. Bedenkt, wie selbst in den nied-
rigsten Arten der Arbeit die ganze Seele des Menschen in eine ge-
wisse Harmonie versetzt wird, sowie er sich an die Arbeit gibt!
Zweifel, Verlangen, Kummer, Unruhe, Unwille, Verzweiflung selbst,
alle diese, wie Höllenhunde belagern die Seele des armen Tagar-
beiters wie jedes andern, aber er greift mit freiem Mut sein Tag-
werk an, und sie alle weichen murrend zurück in ihre fernen Höh-
len. Der Mensch ist nun Mensch; die heilige Glut der Arbeit in
ihm ist wie ein reinigend Feuer, worin alles Gift und selbst der
verpestendste Qualm in einer hellen heiligen Flamme verbrennt. -
- Gesegnet ist, wer seine Arbeit gefunden hat; er verlange nach
keinem anderen Segen. Er hat eine Arbeit, einen Lebenszweck; er
hat ihn gefunden, er verfolgt ihn, und nun fließt sein Leben da-
hin, ein freiströmender Kanal, gegraben durch den abgestandenen
Notsumpf der Existenz, ableitend das abgestandne Wasser von der
entferntesten Binse, den verpestenden Sumpf in eine grüne frucht-
bare Wiese verwandelnd. Arbeit ist Leben; du hast im Grunde keine
andere Kenntnis, als die du dir durch Arbeit erworben hat, das
Übrige ist all Hypothese, Stoff zum Schulgezänk in den Wolken, in
endlosen logischen Strudeln flutend, bis wir es versuchen und fi-
xieren.
#541# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
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Zweifel aller Art kann nur durch Tätigkeit gelöst werden. - -
Wunderschön war der Spruch der alten Mönche: Laborare est orare,
Arbeit ist Kultus. Älter als alles gepredigte Evangelium, war
dies ungepredigte, unausgesprochene, aber unauslöschliche, ewige
Evangelium; arbeite, und finde Befriedigung in der Arbeit. O
Mensch, liegt nicht in deinem innersten Herzen ein Geist tätiger
Anordnung, eine Kraft der Arbeit; brennend wie ein schmerzlich
glimmend Feuer, das dir keine Ruhe läßt, bis du es entfaltest,
bis du es in Tatsachen ringsumher niederschreibst? Alles Ungeord-
nete, Wüste sollst du geordnet, geregelt, ackerbar machen, dir
gehorsam und dir Frucht tragend. Wo du Unordnung findest, da ist
dein ewiger Feind; greif ihn rasch an, unterjoche ihn; entreiß
ihn der Herrschaft des Chaos, bring ihn unter deine, der Intelli-
genz und Göttlichkeit Herrschaft! Vor allem aber, wo du Unwissen-
heit, Dummheit, Vertierung findest, greif sie an, sag ich dir,
schlage sie, weise, unermüdlich, ruhe nicht, solange du lebst und
sie lebt, schlage zu, schlage, im Namen Gottes; schlage! Du
sollst wirken, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand
wirken kann. - Alle wahre Arbeit ist heilig; Schweiß des Ange-
sichts, Schweiß des Gehirns und des Herzens, einschließend eines
Kepler Berechnungen, eines Newton Meditationen; alle Wissenschaf-
ten, alle gesprochenen Heldenlieder, alles getane Heldentum, Mär-
tyrertum, bis zu jenem 'Todeskampf des blutigen Schweißes', den
alle Menschen göttlich genannt haben. Wenn das nicht Kultus ist,
zum Teufel dann allen Kultus. Wer bist du, der über sein Leben
saurer Arbeit klagt? Klage nicht, dir ist der Himmel streng, aber
nicht unfreundlich, eine edle Mutter, wie jene spartanische Mut-
ter, die ihrem Sohne den Schild gab: Mit ihm oder auf ihm! Klage
nicht; auch die Spartaner klagten nicht. -- E i n Ungeheuer ist
in der Welt - der Faulenzer. Was ist seine Religion, als daß die
Natur ein Phantom, daß Gott eine Lüge ist und der Mensch und sein
Leben eine Lüge."
Aber auch die Arbeit ist in den wilden Strudel der Unordnung und
des Chaos hineingerissen, das reinigende, aufklärende, entwic-
kelnde Prinzip ist der Verwickelung, Verwirrung und Finsternis
anheimgefallen. Dies führt auf die eigentliche Hauptfrage, auf
die Zukunft der Arbeit.
"Was für eine Arbeit wird es sein, was unsere Freunde auf dem
Kontinent, schon ziemlich lange und etwas absurd danach umhertap-
pend, 'Organisation der Arbeit' nennen. Das muß aus den Händen
absurder Windbeutel genommen und tüchtigen, weisen, arbeitsamen
Männern übergeben werden; es sogleich zu beginnen, auszuführen
und durchzuführen, wenn Europa - wenigstens wenn England noch
lange bewohnbar bleiben soll. Wenn wir unsre hochedlen Kornge-
setz-Herzöge ansehen oder unsre geistlichen Herzöge und Seelen-
hirten 'mit einem Minimum von viertausendfünfhundert Pfund jähr-
lich', so werden unsre Hoffnungen freilich etwas gedämpft. Aber
Mut! Es gibt noch manchen braven Mann in England. Du unbezähmba-
rer Fabriklord, ist nicht auch in dir noch einige Hoffnung? Du
bist bis jetzt ein Bucanier gewesen, aber in dieser ernsten
Braue, in diesem unbezähmbaren Herzen, das Baumwolle besiegen
kann, liegen da nicht vielleicht noch andre, zehnmal edlere
Siege?" -
#542# Friedrich Engels
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"Seht um euch, eure Weltenheere sind alle in Meuterei, Verwir-
rung, Verlassenheit; am Vorabend eines Untergangs in Flammen, am
Vorabend des Wahnsinns! Sie wollen nicht weiter marschieren nach
dem Prinzip von sechs Pence täglich und Nachfrage und Zufuhr; sie
wollen nicht und haben ein Recht dazu. Sie sind fast in den Ra-
chen des Wahnsinnes gejagt; seid ihr vernünftiger. Diese Leute
werden nicht länger als ein verworrener und verwirrender Pöbel
marschieren, sondern als eine geschloßne geordnete Masse, mit
wirklichen Führern an ihrer Spitze. Alle menschlichen Interessen,
alle gemeinschaftlichen Unternehmungen mußten auf einer gewissen
Entwicklungsstufe organisiert werden, und jetzt verlangt das
größte aller menschlichen Interessen, die Arbeit, nach Organisa-
tion."
Um diese Organisation durchzuführen, um wahre Lenkung und wahre
Regierung an die Stelle falscher Lenkung zu setzen, verlangt Car-
lyle nach einer "wahren Aristokratie", nach einem "Heroenkultus",
und stellt es als das zweite große Problem auf, die arztoi, die
Besten ausfindig zu machen, deren Leitung "die unvermeidliche De-
mokratie mit der notwendigen Souveränität zu verbinden".
Aus diesen Auszügen geht der Standpunkt Carlyles ziemlich klar
hervor. Seine ganze Anschauungsweise ist wesentlich pantheistisch
und zwar deutschpantheistisch. Die Engländer haben keinen Panthe-
ismus, sondern bloß Skeptizismus; das Resultat alles englischen
Philosophierens ist die Verzweiflung an der Vernunft, die einge-
standene Unfähigkeit, die Widersprüche, auf die man in letzter
Instanz geraten ist, zu lösen, und infolgedessen auf der einen
Seite ein Rückfall in den Glauben, auf der andern die Hingebung
an die reine Praxis, ohne sich weiter um Metaphysik usw. zu be-
kümmern. Carlyle ist darum mit seinem aus der deutschen Literatur
stammenden Pantheismus auch ein "Phänomen" in England und ein für
die praktischen und skeptischen Engländer ziemlich unbegreifli-
ches Phänomen. Die Leute starren ihn an, sprechen von "deutschem
Mystizismus", von verrenktem Englisch; andre behaupten, es sei
doch am Ende was dahinter, sein Englisch sei zwar ungewöhnlich,
aber doch schön, er sei ein Prophet usw. - aber keiner weiß
recht, was er aus dem Ganzen machen soll.
Uns Deutschen, die wir die Voraussetzungen für Carlyles Stand-
punkt kennen, ist die Sache klar genug. Reste toryistischer Ro-
mantik und menschliche Anschauungen aus Goethe auf der einen, das
skeptisch-empirische England auf der andern Seite, diese Faktoren
reichen hin, um aus ihnen Carlyles ganze Weltansicht abzuleiten.
Carlyle ist, wie alle Pantheisten, noch nicht über den Wider-
spruch hinausgekommen, und der Dualismus ist bei Carlyle um so
schlimmer, da er zwar die deutsche Literatur, aber nicht ihre
notwendige Ergänzung, die deutsche Philosophie, kennt, und alle
seine Anschauungen
#543# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
-----
daher auch unmittelbar, intuitiv, mehr schellingisch als hege-
lisch sind. Mit Schelling - d.h. dem alten, nicht dem Offenba-
rungs-Schelling, hat Carlyle wirklich eine Masse Berührungs-
punkte; mit Strauß, dessen Anschauungsweise ebenfalls panthei-
stisch ist, trifft er im "Heroenkultus" oder "Kultus des Genius"
zusammen.
Die Kritik des Pantheismus ist in der letzten Zeit in Deutschland
so erschöpfend ausgeführt worden, daß wenig mehr zu sagen bleibt.
Feuerbachs Thesen in den "Anekdotis" und B[runo] Bauers Schriften
enthalten alles hierher Gehörige. Wir werden uns also darauf be-
schränken können, einfach die Konsequenzen aus Carlyles Stand-
punkt zu ziehen und zu zeigen, daß er im Grunde nur eine Vorstufe
zum Standpunkte dieser Zeitschrift ist.
Carlyle klagt über die Leerheit und Hohlheit des Zeitalters, über
die innere Verfaulung aller sozialen Institutionen. Die Klage ist
gerecht; aber mit dem einfachen Klagen ist es nicht abgetan; um
dem Übel abzuhelfen, muß die Ursache desselben aufgesucht werden;
und hätte Carlyle dies getan, so würde er gefunden haben, daß
diese Zerfahrenheit und Hohlheit, diese "Seelenlosigkeit", diese
Irreligion und dieser "Atheismus" ihren Grund haben in der Reli-
gion selbst. Die Religion ist ihrem Wesen nach die Entleerung des
Menschen und der Natur von allem Gehalt, die Übertragung dieses
Gehalts an das Phantom eines jenseitigen Gottes, der dann wie-
derum den Menschen und der Natur in Gnaden etwas von seinem Über-
fluß zukommen läßt. Solange nun der Glaube an dies jenseitige
Phantom kräftig und lebendig ist, solange kommt der Mensch auf
diesem Umwege wenigstens zu etwas Gehalt. Der starke Glaube des
Mittelalters verlieh auf diese Weise der ganzen Epoche allerdings
eine bedeutende Energie, aber eine Energie, die nicht von außen
kam, sondern schon in der menschlichen Natur lag, wenn auch noch
unbewußt, noch unentwickelt. Der Glaube wurde allmählich schwach,
die Religion zerbröckelte vor der steigenden Kultur, aber noch
immer sah der Mensch nicht ein, daß er sein eignes Wesen als ein
fremdes Wesen angebetet und vergöttert hatte. In diesem bewußtlo-
sen und zugleich glaubenslosen Zustande kann der Mensch keinen
Inhalt haben, m u ß er an der Wahrheit, an der Vernunft und Na-
tur verzweifeln, und diese Hohlheit und Inhaltslosigkeit, die
Verzweiflung an den ewigen Tatsachen des Universums wird solange
dauern, bis die Menschheit einsieht, daß das Wesen, was sie als
Gott verehrt hat, ihr eignes, ihr bisher unbekanntes Wesen war,
bis - doch was soll ich Feuerbach abschreiben.
Die Hohlheit ist längst dagewesen, denn die Religion ist der Akt
der Selbstaushöhlung des Menschen; und ihr wundert euch, daß sie
jetzt, nachdem der Purpur, der sie verdeckte, verblichen, nachdem
der Dunst, der sie einhüllte, gestorben ist, daß sie jetzt zu eu-
rem Schrecken ans Tageslicht tritt?
#544# Friedrich Engels
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Carlyle klagt ferner - dies ist die nächste Folge aus dem Vorher-
gehenden - das Zeitalter der Heuchelei und der Lüge an. Natür-
lich, die Hohlheit und Entnervung muß doch durch Staffage, ausge-
stopfte Gewänder und Fischbeinschienen anständig verhüllt und
aufrecht gehalten werden! Auch wir greifen die Heuchelei des jet-
zigen christlichen Weltzustandes an; der Kampf gegen sie, unsere
Befreiung von ihr und die Befreiung der Welt von ihr sind am Ende
unser einzig Tagewerk; aber weil wir durch die Entwicklung der
Philosophie zur Erkenntnis dieser Heuchelei gekommen, und weil
wir den Kampf wissenschaftlich führen, darum ist uns das Wesen
dieser Heuchelei nicht mehr so fremd und unverständlich, wie es
für Carlyle allerdings noch ist. Diese Heuchelei führen wir auch
auf die Religion zurück, deren erstes Wort eine Lüge ist - oder
fängt die Religion nicht damit an, daß sie uns etwas Menschliches
zeigt und behauptet, das sei etwas Übermenschliches, Göttliches?
Weil wir aber wissen, daß alle diese Lüge und Unsittlichkeit aus
der Religion folgt, daß die religiöse Heuchelei, die Theologie
der Urtypus aller andern Lügen und Heuchelei ist, so sind wir be-
rechtigt, den Namen der Theologie auf die gesamte Unwahrheit und
Heuchelei der Gegenwart auszudehnen, wie dies zuerst durch Feuer-
bach und B[runo] Bauer geschehen ist. Carlyle möge ihre Schriften
lesen, wenn er zu wissen wünscht, woher die Unsittlichkeit kommt,
die alle unsre Verhältnisse verpestet.
Eine neue Religion, ein pantheistischer Heroenkultus, Kultus der
Arbeit sei zu stiften oder müsse erwartet werden; unmöglich; alle
Möglichkeiten der Religion sind erschöpft; nach dem Christentum,
nach der absoluten, d.h. abstrakten Religion, nach der "Religion
als solcher" kann keine andre Form der Religion mehr aufkommen.
Carlyle sieht selbst ein, daß das katholische, protestantische
oder jedes beliebige andere Christentum unaufhaltsam dem Unter-
gange entgegengeht; wenn er die Natur des Christentums kennte, so
würde er einsehen, daß nach ihm keine andere Religion mehr mög-
lich ist. Auch der Pantheismus nicht! Der Pantheismus ist selbst
noch eine von seiner Prämisse nicht zu trennende Konsequenz des
Christentums, wenigstens der moderne, spinozistische, schellingi-
sche, hegelische und auch der Carlylesche Pantheismus. Der Mühe,
den Beweis hierfür zu liefern, überhebt mich wiederum Feuerbach.
Wie gesagt, auch uns ist es darum zu tun, die Haltlosigkeit, die
innere Leere, den geistigen Tod, die Unwahrhaftigkeit des Zeital-
ters zu bekämpfen; mit allen diesen Dingen führen wir einen Krieg
auf Leben und Tod, ebenso wie Carlyle, und haben weit mehr Wahr-
scheinlichkeit des Erfolgs für uns als er, weil wir wissen, was
wir wollen. Wir wollen den Atheismus, wie ihn Carlyle schildert,
aufheben, indem wir dem Menschen den Gehalt wiedergeben,
#545# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
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den er durch die Religion verloren hat; nicht als einen göttli-
chen, sondern als einen menschlichen Inhalt, und die ganze Wie-
dergabe beschränkt sich einfach auf die Erweckung des Selbstbe-
wußtseins. Wir wollen alles, was sich als übernatürlich und über-
menschlich ankündigt, aus dem Wege schaffen und dadurch die Un-
wahrhaftigkeit entfernen, denn die Prätension des Menschlichen
und Natürlichen, übermenschlich, übernatürlich sein zu wollen,
ist die Wurzel aller Unwahrheit und Lüge. Deswegen haben wir aber
auch der Religion und den religiösen Vorstellungen ein für alle-
mal den Krieg erklärt und kümmern uns wenig darum, ob man uns
Atheisten oder sonst irgendwie nennt. Wenn indes Carlyles pan-
theistische Definition von Atheismus richtig wäre, so wären nicht
wir, sondern unsere christlichen Gegner die wahren Atheisten. Uns
fällt es nicht ein, die "ewigen inneren Tatsachen des Universums"
anzugreifen, im Gegenteil, wir haben sie erst wahrhaft begründet,
indem wir ihre Ewigkeit nachwiesen und sie vor der allmächtigen
Willkür eines in sich selbst widersprechenden Gottes sicherstell-
ten. Uns fällt es nicht ein, "die Welt, den Menschen und sein Le-
ben für eine Lüge" zu erklären; im Gegenteil, unsere christlichen
Gegner begehen diese Unsittlichkeit, wenn sie die Welt und den
Menschen von der Gnade eines Gottes abhängig machen, der in Wirk-
lichkeit nur durch die Abspiegelung des Menschen in der wüsten
Hyle seines eigenen unentwickelten Bewußtseins erzeugt wurde. Uns
fällt es nicht ein, die "Offenbarung der Geschichte" zu bezwei-
feln oder zu verachten, die Geschichte ist unser Eins und Alles
und wird von uns höher gehalten als von irgendeiner andern, frü-
heren, philosophischen Richtung, höher selbst als von Hegel, dem
sie am Ende auch nur als Probe auf sein logisches Rechenexempel
dienen sollte.
Der Hohn gegen die Geschichte, die Nichtachtung der Entwicklung
der Menschheit ist ganz auf der andern Seite; es sind wiederum
die Christen, die durch die Aufstellung einer aparten "Geschichte
des Reiches Gottes" der wirklichen Geschichte alle innere Wesen-
haftigkeit absprechen und diese Wesenhaftigkeit allein für ihre
jenseitige, abstrakte und noch dazu erdichtete Geschichte in An-
spruch nehmen, die durch die Vollendung der menschlichen Gattung
in ihrem Christus die Geschichte ein imaginäres Ziel erreichen
lassen, sie mitten in ihrem Laufe unterbrechen und nun die fol-
genden achtzehnhundert Jahre schon der Konsequenz halber für wü-
sten Unsinn und bare Inhaltslosigkeit ausgeben müssen. W i r
reklamieren den Inhalt der Geschichte; aber wir sehen in der Ge-
schichte nicht die Offenbarung "Gottes", sondern des Menschen,
und nur des Menschen. Wir haben nicht nötig, um die Herrlichkeit
des menschlichen Wesens zu sehen, um die Entwicklung der Gattung
in der Geschichte, ihren unaufhaltsamen Fortschritt, ihren stets
sicheren Sieg
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über die Unvernunft des einzelnen, ihre Überwindung alles schein-
baren Übermenschlichen, ihren harten, aber erfolgreichen Kampf
mit der Natur bis zur endlichen Erringung des freien, menschli-
chen Selbstbewußtseins, der Einsicht von der Einheit des Menschen
mit der Natur, und der freien, selbsttätigen Schöpfung einer auf
rein menschliche, sittliche Lebensverhältnisse begründeten neuen
Welt - um alles das in seiner Größe zu erkennen, haben wir nicht
nötig, erst die Abstraktion eines "Gottes" herbeizurufen und ihr
alles Schöne, Große, Erhabene und wahrhaft Menschliche zuzu-
schreiben; wir brauchen diesen Umweg nicht, wir brauchen dem
wahrhaft Menschlichen nicht erst den Stempel des "Göttlichen"
aufzudrücken, um seiner Größe und Herrlichkeit sicher zu sein. Im
Gegenteil, je "göttlicher", d.h. unmenschlicher etwas ist, desto
weniger werden wir es bewundern können. Nur der
m e n s c h l i c h e Ursprung des Inhalts aller Religionen ret-
tet ihnen hier und da noch etwas Anspruch auf Respekt; nur das
Bewußtsein, daß selbst der tollste Aberglaube doch im Grunde die
ewigen Bestimmungen des menschlichen Wesens enthalte, wenn auch
in noch so verrenkter und verzerrter Form, nur dies Bewußtsein
rettet die Geschichte der Religion und namentlich des Mittelal-
ters vor der totalen Verwerfung und vor dem ewigen Vergessen, was
sonst allerdings das Schicksal dieser "gottvollen" Geschichten
sein würde. Je "gottvoller", desto unmenschlicher, desto tie-
rischer, und das "gottvolle" Mittelalter produzierte allerdings
die Vollendung menschlicher Bestialität, Leibeigenschaft, j u s
p r i m a e n o c t i s 1*) usw. Die Gott l o s i g k e i t
unseres Zeitalters, worüber Carlyle so sehr klagt, ist eben seine
Gott e r f ü l l t h e i t. Hieraus wird auch klar, weshalb ich
oben den Menschen als die Lösung des Sphinxrätsels angab. Die
Frage ist bisher immer gewesen: Was ist Gott? und die deutsche
Philosophie hat die Frage dahin gelöst: Gott ist der Mensch. Der
Mensch hat sich nur selbst zu erkennen, alle Lebensverhältnisse
an sich selbst zu messen, nach seinem Wesen zu beurteilen, die
Welt nach den Forderungen seiner Natur wahrhaft menschlich einzu-
richten, so hat er das Rätsel unserer Zeit gelöst. Nicht in jen-
seitigen, existenzlosen Regionen, nicht über Zeit und Raum hin-
aus, nicht bei einem der Welt inwohnenden oder ihr entgegenge-
setzten "Gott" ist die Wahrheit zu finden, sondern viel näher, in
des Menschen eigener Brust. Des Menschen eigenes Wesen ist viel
herrlicher und erhabener als das imaginäre Wesen aller möglichen
"Götter", die doch nur das mehr oder weniger unklare und ver-
zerrte Abbild des Menschen selbst sind. Wenn also Carlyle nach
Ben Jonson sagt, der Mensch habe seine Seele verloren und fange
jetzt an, ihren Mangel zu merken, so würde der richtige Ausdruck
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1*) das Recht der ersten Nacht
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dafür sein: der Mensch hat in der Religion sein eigenes Wesen
verloren, sich seiner Menschheit entäußert und merkt jetzt, nach-
dem die Religion durch den Fortschritt der Geschichte wankend ge-
worden ist, seine Leerheit und Haltlosigkeit. Es ist aber keine
andre Rettung für ihn, er kann seine Menschheit, sein Wesen nicht
anders wieder erobern als durch eine gründliche Überwindung aller
religiösen Vorstellungen und eine entschiedene, aufrichtige Rück-
kehr nicht zu "Gott", sondern zu sich selbst.
Alles das steht auch in Goethe, dem "Propheten", und wer offene
Augen hat, der kann es herauslesen. Goethe hatte nicht gern mit
"Gott" zu tun; das Wort machte ihn unbehaglich, er fühlte sich
nur im Menschlichen heimisch, und diese Menschlichkeit, diese
Emanzipation der Kunst von den Fesseln der Religion macht eben
Goethes Größe aus. Weder die Alten noch Shakespeare können sich
in dieser Beziehung mit ihm messen. Aber diese vollendete Mensch-
lichkeit, diese Überwindung des religiösen Dualismus kann nur von
dem in ihrer ganzen historischen Bedeutung erfaßt werden, dem die
andre Seite der deutschen Nationalentwicklung, die Philosophie,
nicht fremd ist. Was Goethe erst unmittelbar, also in gewissem
Sinne allerdings "prophetisch" aussprechen konnte, das ist in der
neuesten deutschen Philosophie entwickelt und begründet. Auch
Carlyle trägt Voraussetzungen in sich, die konsequenterweise zu
dem oben entwickelten Standpunkt führen müssen. Der Pantheismus
ist selbst nur die letzte Vorstufe zur freien, menschlichen An-
schauungsweise. Die Geschichte, die Carlyle als die eigentliche
"Offenbarung" hinstellt, enthält eben nur Menschliches, und nur
durch einen Gewaltstreich kann ihr Inhalt der Menschheit entzogen
und auf Rechnung eines "Gottes" gebracht werden. Die Arbeit, die
freie Tätigkeit, in der Carlyle ebenfalls einen "Kultus" sieht,
ist wieder eine rein menschliche Angelegenheit und kann auch nur
auf gewaltsame Weise mit "Gott" in Verbindung gebracht werden.
Wozu fortwährend ein Wort in den Vordergrund drängen, das im
b e s t e n Falle nur die Unendlichkeit der Unbestimmtheit aus-
drückt und noch dazu den Schein des Dualismus aufrechterhält? ein
Wort, das in sich selbst die Nichtigkeitserklärung der Natur und
Menschheit ist?
Soviel für die innerliche, religiöse Seite des Carlyleschen
Standpunktes. Die Beurteilung der äußerlichen, politisch-sozialen
knüpft sich unmittelbar hieran; Carlyle hat noch Religion genug,
um in einem Zustande der Unfreiheit zu bleiben; der Pantheismus
erkennt immer noch etwas Höheres an als den Menschen als solchen.
Daher sein Verlangen nach einer "wahrhaften Aristokratie", nach
"Heroen"; als ob diese Heroen im besten Falle mehr sein könnten
als M e n s c h e n. Hätte er den Menschen als Menschen in sei-
ner ganzen Unendlichkeit begriffen, so würde er nicht auf die Ge-
danken gekommen sein,
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die Menschheit wieder in zwei Haufen Schafe und Böcke, Regierende
und Regierte, Aristokraten und Kanaille, Herren und Dummköpfe zu
trennen, so würde er die richtige soziale Stellung des Talents
nicht im gewaltsamen Regieren, sondern im Anregen und Vorangehen
gefunden haben. Das Talent hat die Masse von der Wahrheit seiner
Ideen zu überzeugen und wird sich dann nicht weiter um die ganz
von selbst folgende Ausführung derselben zu plagen haben. Die
Menschheit macht den Durchgang durch die Demokratie wahrlich
nicht deshalb, um zuletzt wieder da anzukommen, von wo sie aus-
ging. - Was Carlyle übrigens von der Demokratie sagt, läßt wenig
zu wünschen übrig, wenn wir das soeben Angedeutete, die Unklar-
heit über das Ziel, den Zweck der modernen Demokratie, ausschlie-
ßen. Die Demokratie ist allerdings nur Durchgangspunkt, aber
nicht zu einer neuen, verbesserten Aristokratie, sondern zur
wirklichen, menschlichen Freiheit; ebenso wie die Irreligiosität
des Zeitalters zuletzt zur vollkommenen Emanzipation von allem
Religiösen, Übermenschlichen und Übernatürlichen, nicht aber zu
dessen Wiederherstellung leiten wird.
Carlyle erkennt die Unzulänglichkeit von "Konkurrenz, Nachfrage"
und "Zufuhr, Mammonismus" usw. an und ist weit entfernt, die ab-
solute Berechtigung des Grundbesitzes zu behaupten. Warum nun
nicht den einfachen Schluß aus allen diesen Voraussetzungen gezo-
gen und das Eigentum überhaupt verworfen? Wie will er die
"Konkurrenz", "Nachfrage und Zufuhr", Mammonismus usw. vernich-
ten, solange die Wurzel von alledem, das Privateigentum, besteht?
"Organisation der Arbeit" kann dazu nichts tun, sie kann ohne
eine gewisse Identität der Interessen gar nicht durchgeführt wer-
den. Warum nun nicht konsequent durchgegriffen, die Identität der
Interessen, den einzig menschlichen Zustand proklamiert und da-
durch allen Schwierigkeiten, aller Unbestimmtheit und Unklarheit
ein Ende gemacht?
Carlyle erwähnt in allen seinen Rhapsodien der englischen Sozia-
listen mit keiner Silbe. Solange er auf seinem jetzigen, gegen
die Masse der Gebildeten Englands allerdings unendlich weit vor-
ausgeschrittenen, aber immer noch abstrakt-theoretischen Stand-
punkt stehenbleibt, wird er sich mit ihren Bestrebungen freilich
nicht besonders befreunden können. Die englischen Sozialisten
sind rein praktisch und schlagen deshalb auch Maßregeln, Koloni-
sation der Heimat usw. in etwas Morrisons-pillenmäßiger Form vor;
ihre Philosophie ist echt englisch, skeptisch, d.h., sie verzwei-
feln an der Theorie und halten sich für die Praxis an den Mate-
rialismus, auf den ihr ganzes soziales System basiert ist; alles
das wird Carlyle wenig zusagen, aber er ist ebenso einseitig wie
sie. Beide haben den Widerspruch nur i n n e r h a l b des Wi-
derspruchs überwunden; die Sozialisten innerhalb der Praxis, Car-
lyle innerhalb
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der Theorie, und auch da nur unmittelbar, während die Sozialisten
über den praktischen Widerspruch entschieden und durch das Denken
hinausgekommen sind. Die Sozialisten sind eben noch Engländer, wo
sie bloß Menschen sein sollten, sie kennen von der philosophi-
schen Entwicklung des Kontinents nur den Materialismus, nicht
auch die deutsche Philosophie, das ist all ihr Mangel, und sie
arbeiten direkt auf die Auflösung dieser Lücke hin, indem sie auf
die Aufhebung der Nationalunterschiede hinarbeiten. Wir brauchen
gar so eilig nicht zu sein, ihnen die deutsche Philosophie aufzu-
drängen, zu der sie von selbst kommen werden und die ihnen jetzt
wenig nützen könnte. Jedenfalls sind sie aber die einzige Partei
in England, die eine Zukunft hat, so schwach sie auch verhältnis-
mäßig sein mögen. Die Demokratie, der Chartismus muß sich bald
durchsetzen, und dann hat die Masse der englischen Arbeiter nur
die Wahl zwischen dem Hungertode und dem Sozialismus.
Für Carlyle und seinen Standpunkt ist die Unkenntnis der deut-
schen Philosophie nicht so gleichgültig. Er ist für sich deut-
scher Theoretiker und dabei doch durch seine Nationalität an die
Empirie gewiesen; er steht in einem schreienden Widerspruch, der
nur dadurch zu lösen ist, daß er den deutsch-theoretischen Stand-
punkt bis zu seiner letzten Konsequenz, bis zur totalen Versöh-
nung mit der Empirie fortentwickelt. Carlyle hat nur noch
e i n e n, aber, wie alle Erfahrung in Deutschland gezeigt hat,
einen schweren Schritt zu tun, um über den Widerspruch, in dem er
sich bewegt, herauszukommen. Es ist zu wünschen, daß er ihn tue,
und obwohl er nicht mehr jung ist, wird er ihn doch wohl tun kön-
nen, denn der Fortschritt, den sein letztes Buch zeigt, beweist,
daß er noch nicht aus der Entwicklung herausgetreten ist. [231]
Nach allem diesem ist Carlyles Buch einer deutschen Übersetzung
zehntausendmal eher wert als alle die Legionen englischer Romane,
die täglich und stündlich nach Deutschland importiert werden, und
ich kann zu einer solchen Übersetzung nur raten. Aber unsre
Fahrikübersetzer mögen ihre Finger nur davon halten! Carlyle
schreibt ein apartes Englisch, und ein Übersetzer, der nicht
tüchtig Englisch und Anspielungen auf englische Verhältnisse ver-
steht, würde die lächerlichsten Schnitzer machen.
Nach dieser, etwas allgemeinen Einleitung werde ich in den näch-
sten Heften dieser Zeitschrift genauer auf die Lage Englands und
ihren Kern, die Lage der arbeitenden Klasse eingehen. Die Lage
Englands ist von der unermeßlichsten Bedeutung für die Geschichte
und für alle andern Länder; denn in sozialer Beziehung ist Eng-
land allerdings allen andern Ländern weit voraus.
F. Engels
Geschrieben im Januar 1844.
Nach: "Deutsch-Französische Jahrbücher". Paris 1844.
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