Quelle: MEW 1 1839 - 1844


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       #525#
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       Friedrich Engels
       Die Lage Englands
       "Past and Present" by Thomas Carlyle, London 1843
       
       Unter all  den dicken  Büchern und dünnen Broschüren, die im ver-
       gangenen Jahre  zur Belustigung  oder  Erbauung  der  "gebildeten
       Welt" in  England erschienen sind, ist die obige Schrift die ein-
       zige, die  des Lesens  wert ist. Alle die bändereichen Romane mit
       ihren traurigen  und lustigen Verwicklungen, alle die erbaulichen
       und beschaulichen,  gelehrten und ungelehrten Kommentare über die
       Bibel -  und Romane und Erbauungsbücher sind die zwei Stapelarti-
       kel der englischen Literatur -, alles das könnt ihr ruhig ungele-
       sen lassen.  Vielleicht findet ihr einige geologische oder ökono-
       mische, historische  oder mathematische  Bücher, die ein Körnchen
       Neues enthalten  - aber  das sind  Sachen, die man studiert, aber
       nicht  l i e s t,  das ist trockne Fachwissenschaft, dürre Herba-
       rienwirtschaft, Pflanzen,  deren Wurzeln aus dem allgemeinen men-
       schlichen Boden, aus dem sie ihre Nahrung zogen, längst losgeris-
       sen sind.  Ihr mögt  suchen wie  ihr wollt, Carlyles Buch ist das
       einzige, das  menschliche Saiten  anschlägt, menschliche Verhält-
       nisse darlegt  und eine  Spur von  menschlicher  Anschauungsweise
       entwickelt.
       Es ist  merkwürdig, wie sehr die höhern Klassen der Gesellschaft,
       so was  der  Engländer    "r e s p e c t a b l e    p e o p l e",
       "t h e   b e t t e r   sort of   p e o p l e"  1*) etc. nennt, in
       England geistig  gesunken und erschlafft sind. Alle Energie, alle
       Tätigkeit, aller  Inhalt sind  dahin; der  Landadel geht  auf die
       Jagd, der  Geldadel schreibt Hauptbücher und, wenn es hoch kommt,
       treibt sich in einer ebenso leeren und schlaffen Literatur herum.
       Die politischen  und religiösen Vorurteile erben sich von Genera-
       tion zu  Generation fort;  man bekommt jetzt alles leicht gemacht
       und braucht  sich gar  nicht um  Prinzipien mehr zu plagen wie in
       früheren Zeiten;  sie fliegen  einem jetzt schon in der Wiege fix
       und fertig  zu, man weiß nicht woher. Was braucht man weiter? Man
       hat eine gute Erziehung genossen, d.h., man ist in der Schule mit
       den Römern und Griechen ohne Erfolg
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       1*) "ehrenwerte Leute", die "besseren Leute"
       
       #526# Friedrich Engels
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       geplagt worden,  im übrigen  ist man  "respektabel", d.h. besitzt
       soundsoviel Tausend  Pfund und hat sich also um weiter gar nichts
       zu bemühen als um eine Frau, wenn man noch keine hat.
       Und nun  vollends der  Popanz, den  die Leute  "Geist" nennen! Wo
       soll in einem solchen Leben Geist herkommen, ja, wenn er käme, wo
       soll er ein Unterkommen finden bei ihnen? Da ist alles chinesisch
       festgesetzt und  abgezirkelt -  wehe dem,  der die  engen Grenzen
       überschreitet, wehe, dreimal wehe dem, der gegen ein altehrwürdi-
       ges Vorurteil  anstößt, neunmal wehe ihm, wenn dies Vorurteil ein
       religiöses ist.  Da gibt  es für  alle Fragen nur zwei Antworten,
       eine Whigantwort  und eine  Toryantwort; und diese Antworten sind
       von den weisen Oberzeremonienmeistern beider Parteien längst vor-
       geschrieben, ihr  habt gar keine Überlegung und Weitläuftigkeiten
       nötig, es  ist alles  fix und fertig, Dicky Cobden oder Lord John
       Russell hat  das gesagt,  und Bobby Peel oder der "Herzog"  p a r
       e x c e l l e n c e,   nämlich der von Wellington, hat so gesagt,
       und dabei bleibts.
       Ihr guten  Deutschen müßt  euch alle Jahre von den liberalen Zei-
       tungsschreibern und Volksvertretern vorsagen lassen, was die Eng-
       länder für wunderbare Leute und unabhängige Männer seien, und al-
       les das  durch ihre  freien Institutionen, und das sieht sich aus
       der Entfernung  ganz gut  an. Die  Debatten der Parlamentshäuser,
       die freie Presse, die stürmischen Volksversammlungen, die Wahlen,
       die Juries  verfehlen ihren  Effekt  auf  Michels  timides  Gemüt
       nicht, und in seiner Verwunderung nimmt er all den schönen Schein
       für bare  Münze. Aber am Ende ist doch der Standpunkt des libera-
       len Zeitungsschreibers  und Volksvertreters  noch lang nicht hoch
       genug, um  einen umfassenden  Überblick zu  gewähren, sei es über
       die Entwicklung  der Menschheit  oder auch nur die einer einzigen
       Nation. Die  englische Verfassung ist ihrer Zeit ganz gut gewesen
       und hat  manches Gute  getan, ja seit 1828 hat sie angefangen, an
       ihrer besten  Tat, nämlich an ihrer eignen Zerstörung zu arbeiten
       - aber  das, was  ihr der  Liberale zuschreibt, das hat sie nicht
       getan. Sie  hat die  Engländer nicht  zu unabhängigen Männern ge-
       macht. Die  Engländer, d.h.  die gebildeten Engländer, nach denen
       man auf dem Kontinent den Nationalcharakter beurteilt, diese Eng-
       länder sind  die verächtlichsten Sklaven unter der Sonne. Nur der
       auf dem  Kontinent unbekannte Teil der englischen Nation, nur die
       Arbeiter, die  Parias Englands, die Armen sind wirklich respekta-
       bel, trotz all ihrer Roheit und all ihrer Demoralisation. Von ih-
       nen geht  die Rettung Englands aus, in ihnen liegt noch bildsamer
       Stoff; sie  haben keine  Bildung, aber auch keine Vorurteile, sie
       haben noch  Kraft aufzuwenden  für eine große nationale Tat - sie
       haben noch  eine Zukunft.  Die Aristokratie  - und diese schließt
       heutzutage auch die Mittelklassen
       
       #527# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
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       ein -  hat sich erschöpft; was sie von Gedankengehalt aufzuwenden
       hatte, ist  bis in die letzten Konsequenzen verarbeitet und prak-
       tisch gemacht,  und ihr  Reich geht  mit großen  Schritten seinem
       Ende entgegen.  Die Konstitution  ist ihr  Werk, und  die nächste
       Folge dieses  Werks war, daß es seine Urheber mit einem Netze von
       Institutionen umgarnte,  in dem  jede freie geistige Bewegung un-
       möglich gemacht  ist. Die  Herrschaft des öffentlichen Vorurteils
       ist überall die erste Folge sogenannter freier politischer Insti-
       tutionen, und  diese Herrschaft  ist in  dem  politisch  freisten
       Lande Europas,  in England, stärker als sonst irgendwo - Nordame-
       rika ausgenommen, wo durch das Lynchgesetz das öffentliche Vorur-
       teil als  Macht im Staate gesetzlich anerkannt ist. Der Engländer
       kriecht vor  dem öffentlichen  Vorurteil, opfert sich ihm täglich
       auf -  und je  liberaler er ist, desto demütiger schmiegt er sich
       in den  Staub vor diesem seinem Götzen. Das öffentliche Vorurteil
       in den  "gebildeten Kreisen"  ist aber  entweder toryistisch oder
       whiggisch, höchstens  radikal - und das selbst riecht schon nicht
       mehr ganz  fein. Geht  einmal unter gebildete Engländer und sagt,
       ihr seid  Chartisten oder Demokraten - man wird an eurem gesunden
       Verstande zweifeln  und eure  Gesellschaft fliehen. Oder erklärt,
       ihr glaubtet nicht an die Gottheit Christi, und ihr seid verraten
       und verkauft;  gesteht vollends,  daß ihr Atheisten seid, und man
       tut am andern Tage, als kenne man euch nicht. Und der unabhängige
       Engländer, wenn er, was selten genug vorkommt, wirklich einmal zu
       denken anfängt  und die  Fesseln des mit der Muttermilch eingeso-
       gnen Vorurteils  abschüttelt, selbst  dann hat  er nicht den Mut,
       seine Überzeugung  frei herauszusprechen, selbst dann heuchelt er
       sich für die Öffentlichkeit eine wenigstens tolerierte Meinung an
       und ist  nur zufrieden, wenn er unter vier Augen zuweilen mit ei-
       nem Gleichgesinnten geradeaus sprechen kann.
       So sind  die gebildeten Klassen in England allem Fortschritt ver-
       schlossen und werden nur durch den Andrang der arbeitenden Klasse
       noch etwas  in Bewegung  gehalten. Es  ist nicht zu erwarten, daß
       das literarische tägliche Brot dieser altersschwachen Bildung an-
       ders beschaffen sei als sie selbst. Die ganze fashionable Litera-
       tur dreht sich in einem ewigen Kreise und ist geradeso langweilig
       und unfruchtbar wie die blasierte und ausgesogene fashionable Ge-
       sellschaft.
       Als Strauß' "Leben Jesu" und sein Renommee über den Kanal kam, da
       wagte es  kein anständiger Mann, das Buch zu übersetzen, kein an-
       gesehener Buchhändler,  es zu  drucken. Endlich übersetzte es ein
       sozialistischer Lecturer (für diesen agitatorischen Kunstausdruck
       gibt es  kein deutsches  Wort) -  also ein  Mann in einer der un-
       fashionabelsten Lebensstellungen von der Welt - ein unbedeutender
       sozialistischer Buchdrucker druckte es in Heften, jedes zu
       
       #528# Friedrich Engels
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       einem Penny, und die Arbeiter von Manchester, Birmingham und Lon-
       don bildeten das einzige Publikum für Strauß in England.
       Wenn übrigens  von den beiden Parteien, in die sich der gebildete
       Teil der  Engländer spaltet,  eine einen Vorzug verdient, so sind
       dies die  Tories. Der  Whig ist bei der sozialen Lage Englands zu
       sehr selbst Partei, um ein Urteil haben zu können; die Industrie,
       dieses Zentrum  der englischen Gesellschaft, ist in seinen Händen
       und bereichert  ihn; er findet sie tadellos und hält ihre Ausdeh-
       nung für  den einzigen Zweck aller Gesetzgebung, denn sie hat ihm
       seinen Reichtum und seine Macht gegeben. Der Tory dagegen, dessen
       Macht und  Alleinherrschaft durch  die Industrie gebrochen worden
       ist, dessen  Prinzipien durch  sie erschüttert  worden sind, haßt
       sie und  sieht in  ihr höchstens ein notwendiges Übel. Daher bil-
       dete sich  jene Sektion philanthropischer Tories, deren Hauptfüh-
       rer Lord  Ashley 1*), Ferrand, Walter, Oastler etc. sind, und die
       sich die  Vertretung der Fabrikarbeiter gegen die Fabrikanten zur
       Pflicht gemacht haben. [225] Auch Thomas Carlyle ist ursprünglich
       ein Tory  und steht dieser Partei noch immer näher als den Whigs.
       Soviel ist  gewiß, ein  Whig hätte nie ein Buch schreiben können,
       das halb so menschlich wäre wie "Past and Present".
       Thomas Carlyle  ist in  Deutschland durch  seine Bemühungen,  den
       Engländern die  deutsche Literatur  zugänglich zu machen, bekannt
       geworden. Seit  mehreren Jahren beschäftigt er sich hauptsächlich
       mit der  sozialen Lage  Englands -  er der einzige der Gebildeten
       seines Landes,  der das  tut und schrieb schon 1838 ein kleineres
       Werk:   "C h a r t i s m".  Damals waren die Whigs im Ministerium
       und proklamierten mit vielem Pomp, daß das gegen 1835 entstandene
       "Gespenst" des  Chartismus vernichtet sei. Der Chartismus war die
       natürliche Fortsetzung  des alten Radikalismus, der durch die Re-
       formbill [198]  für einige  Jahre beschwichtigt  und seit 1835/36
       mit neuer Kraft und in geschlossenern Massen als je vorher wieder
       aufgetreten war. Diesen Chartismus glaubten die Whigs unterdrückt
       zu haben, und Thomas Carlyle nahm davon Veranlassung, die wirkli-
       chen Ursachen  des Chartismus, und die Unmöglichkeit, ihn zu ver-
       tilgen, ehe  diese Ursachen  vertilgt seien,  zu entwickeln.  Der
       Standpunkt dieses  Buchs ist zwar im ganzen derselbe wie in "Past
       and Present", aber mit etwas stärkerer toryistischer Färbung, die
       indes vielleicht bloß in dem Umstand begründet ist, daß die Whigs
       als herrschende  Partei der  Kritik am nächsten lagen. Jedenfalls
       enthält  "P a s t  a n d  P r e s e n t"  alles, was in dem klei-
       neren Buche  steht, klarer,  entwickelter und  mit ausdrücklicher
       Bezeichnung der  Konsequenzen, und  überhebt uns  also der Kritik
       des Chartismus.
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       1*) Anthony Ashley Cooper, Earl of Shaftesbury
       
       #529# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
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       "P a s t   a n d  P r e s e n t"  ist eine Parallele zwischen dem
       England des zwölften und dem des neunzehnten Jahrhunderts und be-
       steht aus vier Abteilungen, überschrieben: "Proömium"; "Der Mönch
       der Vorzeit"; "Der Arbeiter der Neuzeit"; "Horoskop". - Gehen wir
       der Reihe  nach durch diese Abteilungen; ich kann der Versuchung,
       die schönsten  der oft  wunderbar schönen  Stellen des  Buchs  zu
       übersetzen, nicht  widerstehen. -  Die Kritik wird schon für sich
       selbst sorgen.
       Das erste Kapitel des Proömiums heißt: "Midas".
       
       "Die Lage  Englands -  - gilt  mit Recht für eine der drohendsten
       und überhaupt  fremdartigsten, die je in der Welt gesehen wurden.
       England ist  voller Reichtum  aller Art,  und doch stirbt England
       vor Hunger.  Mit ewig  gleicher Fülle  grünt und  blüht der Boden
       Englands, wogend mit goldenen Ernten, dicht besetzt mit Werkstät-
       ten, mit  Handwerkszeug aller  Art, mit fünfzehn Millionen Arbei-
       tern, die die stärksten, klügsten und willigsten sein sollen, die
       unsere Erde je besaß; diese Männer sind hier; die Arbeit, die sie
       getan, die  Frucht, die  sie geschaffen  haben, ist hier im Über-
       fluß, überall  in üppigster  Fülle - und siehe, welch unselig Ge-
       bot, wie  eines Zauberers,  ist ausgegangen  und sagt:  'Rührt es
       nicht an,  ihr Arbeiter, ihr arbeitenden Herren, ihr müßigen Her-
       ren; euer keiner soll es anrühren, euer keiner soll es genießen -
       dies ist bezauberte Frucht'"
       
       Auf die Arbeiter fällt dies Gebot zuerst. 1842 zählte England und
       Wales 1 430 000  Paupers, von  denen 222 000  in Arbeitshäusern -
       Armengesetz-Bastillen nennt  sie das Volk - eingesperrt sitzen. -
       Dank der  Humanität der Whigs! - Schottland hat kein Armengesetz,
       aber Arme in Masse. - Irland, beiläufig, kann sich der ungeheuren
       Zahl von 2 300 000 Paupers rühmen.
       
       "Vor den  Assisen zu  Stockport (Cheshire) wurden eine Mutter und
       ein Vater  angeklagt und  schuldig befunden der Vergiftung dreier
       ihrer Kinder,  um dadurch  einen Begräbnisklub um drei Pfund acht
       Schillinge, zahlbar  beim Tode jedes Kindes, zu betrügen, und die
       amtlichen Autoritäten,  sagt man,  deuten an,  daß der Fall nicht
       der einzige ist, daß es vielleicht besser sei, dies nicht genauer
       zu untersuchen.  -- Solche  Beispiele sind  gleich  dem  höchsten
       Berggipfel, der  am Horizont  emportaucht -  drunter  liegt  eine
       ganze Berggegend  und noch  nicht aufgetauchtes Land. - Eine men-
       schliche Mutter,  ein menschlicher Vater sagen untereinander: Was
       sollen wir  tun, um dem Hungertode zu entgehen? Wir sind tief ge-
       sunken, hier  in unserm  dunkeln Keller, und Hülfe ist fern. - O,
       in Ugolinos  Hungerturm geschehen  ernste Dinge, der vielgeliebte
       kleine Gaddo  ist tot  hingefallen an  des Vaters  Knieen! -  Die
       Stockporter Eltern  denken und sagen: Unser armer kleiner hungri-
       ger   T o m,  der den ganzen Tag nach Brot schreit, der nur Übles
       und nichts  Gutes in  dieser Welt  sehen wird - wenn er mit einem
       Male aus  der Not  käme - und wir andern vielleicht erhalten wür-
       den? Es  ist gedacht,  gesagt, zuletzt getan. Und nun Tom tot ist
       und alles  ausgegeben und  verzehrt, kommt  jetzt der arme kleine
       hungrige Jack an die Reihe, oder der arme
       
       #530# Friedrich Engels
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       kleine hungrige  Will? -  O was  für eine Überlegung der Wege und
       Mittel, das!  - In  belagerten Städten, in dem äußersten Ruin des
       unter dem  Zorn Gottes  gefallnen Jerusalems, war geweissagt wor-
       den: Die  Hände der elenden Weiber haben ihre eigenen Kinder sich
       zur Speise  bereitet. Die  düstre Phantasie  des Hebräers  konnte
       keinen schwärzern Schlund des Elends sich vorstellen, das war das
       letzte des entwürdigten, gottverfluchten Menschen - und wir hier,
       im modernen  England, in der Fülle des Reichtums - kommen wir da-
       hin? Wie geht das zu? Woher kommt das, weshalb muß dem so sein?"
       
       Dies geschah  1841. Ich  mag hinzufügen,  daß vor fünf Monaten in
       Liverpool Betty  Eules aus Bolton gehangen wurde, die drei eigene
       und zwei Stiefkinder aus derselben Veranlassung vergiftet hatte.
       Soviel für die Armen. Wie sieht's mit den Reichen aus?
       
       "Diese erfolgreiche  Industrie mit ihrem strotzenden Reichtum hat
       bis jetzt  noch niemand  reich gemacht,  es ist behexter Reichtum
       und gehört  niemandem. Wir können Tausende ausgeben, wo wir sonst
       Hunderte anlegten - aber wir können nichts Brauchbares dafür kau-
       fen. -  Mancher ißt  feinere Leckereien,  trinkt teurere Weine -,
       aber was für ein größerer Segen ist da? Sind sie schöner, besser,
       stärker, braver? Sind sie nur, was sie 'glücklicher' nennen?"
       
       Der arbeitende  Herr ist nicht glücklicher, der faulenzende Herr,
       d.h. der adlige Grundbesitzer, ist nicht glücklicher -
       
       "für wen  denn ist dieser Reichtum, Englands Reichtum? Wen segnet
       er, wen  macht er glücklicher, schöner, weiser, besser? Bis jetzt
       niemand. Unsre  erfolgreiche Industrie  hat bis  jetzt keinen Er-
       folg: in  der Mitte  üppiger Fülle  verhungert das Volk; zwischen
       goldenen Mauern  und vollen Scheunen fühlt sich keiner sicher und
       zufrieden. -  Midas schmachtete  nach Gold  und  beschimpfte  den
       Olymp. Er bekam Gold, so daß alles, was er berührte, Gold wurde -
       und das  half ihm  mit seinen langen Ohren wenig. Midas hatte die
       himmlische Musik mißbeurteilt. Midas hatte Apollon und die Götter
       beschimpft, und  die Götter bewilligten ihm seinen Wunsch und ein
       Paar lange  Ohren dazu  [226], auch  ein gutes  Anhängsel - welch
       eine Wahrheit in diesen alten Fabeln!"
       "Wie wahr", fährt er im zweiten Kapitel fort, "ist die andre alte
       Fabel von der Sphinx: Die Natur ist die Sphinx, eine Göttin, aber
       noch nicht  ganz befreit, noch halb in der Tierheit, der Geistlo-
       sigkeit steckend  - Ordnung,  Weisheit auf  der einen Seite, aber
       auch Dunkelheit, Wildheit, Schicksalsnotwendigkeit."
       
       Die Sphinx-Natur  - deutscher  Mystizismus, sagen  die Engländer,
       wenn sie  dies Kapitel  lesen -  hat für  jeden Menschen und jede
       Zeit eine Frage - glücklich der, der sie richtig beantwortet; wer
       sie nicht oder falsch beantwortet, fällt dem tierisch-wilden Teil
       der Sphinx  anheim, statt  der schönen  Braut findet er eine rei-
       ßende Löwin.  Und so ist es mit Nationen auch: Könnt ihr das Rät-
       sel des Schicksals lösen? Und alle unglücklichen Völker, wie alle
       
       #531# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
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       unglücklichen Individuen  haben die Frage falsch beantwortet, den
       Schein für  die Wahrheit  genommen, die  ewigen inneren Tatsachen
       des Universums für die äußerlichen vergänglichen Erscheinungsfor-
       men fahrenlassen,  und das  hat England  auch getan. England ist,
       wie er  sich später  ausdrückt, dem Atheismus anheimgefallen, und
       seine jetzige  Lage ist  die notwendige  Folge davon.  Wir werden
       später davon zu sprechen haben, einstweilen ist bloß zu bemerken,
       daß Carlyle  das Gleichnis der Sphinx, wenn es in dem obigen pan-
       theistisch-altschellingschen Sinn  zugelassen werden  soll,  noch
       etwas weiter  hätte ausführen können - die Lösung des Rätsels ist
       heute, wie in der Sage, der Mensch, und zwar die Lösung im aller-
       weitesten Sinne. Auch das wird seine Erledigung finden.
       Das nächste Kapitel gibt uns die folgende Schilderung der Manche-
       ster-Insurrektion vom August 1842:
       
       "Eine Million  hungriger Arbeiter  standen auf, kamen alle heraus
       auf die  Straße und - standen da. Was sonst sollten sie tun? Ihre
       Unbilden und  Klagen waren bitter, unerträglich, ihre Wut dagegen
       war gerecht; aber wer verursacht diese Klagen, wer will abhelfen?
       Unsre Feinde  sind, wir  wissen nicht wer oder was; unsre Freunde
       sind, wir  wissen nicht, wo? Wie sollen wir jemand angreifen, je-
       mand erschießen  oder uns  von jemand  erschießen lassen? O, wenn
       dieser verfluchte Nachtalp, der unsichtbar unser und der Unsrigen
       Leben auspreßt,  nur eine  Gestalt annehmen, uns als syrkanischer
       Tiger, als  Behemoth des Chaos, als der Erzfeind selbst entgegen-
       treten wollte!  in irgendeiner Gestalt, die wir sehen, an der wir
       ihn fassen könnten!"
       
       Das war aber eben das Unglück der Arbeiter in der Sommerinsurrek-
       tion von  1842, daß sie nicht wußten, gegen wen sie kämpfen soll-
       ten. Ihr  Übel war  ein soziales  - und  soziale Übel lassen sich
       nicht abschaffen,  wie man  das Königtum oder die Privilegien ab-
       schafft. Soziale Übel lassen sich nicht durch Volkscharten kurie-
       ren, und  das fühlte  das Volk - sonst wäre die Volkscharte heute
       das Grundgesetz von England. Soziale Übel wollen studiert und er-
       kannt sein,  und das  hat die  Masse der  Arbeiter bis jetzt noch
       nicht getan. Die große Frucht des Aufstandes war, daß die Lebens-
       frage Englands,  die Frage nach dem definitiven Los der arbeiten-
       den Klasse,  wie Carlyle sagt, auf eine für jedes denkende Ohr in
       England hörbare  Weise gestellt wurde. Die Frage kann jetzt nicht
       mehr umgangen  werden, England  muß sie beantworten oder unterge-
       hen.
       Übergehen wir  die Schlußkapitel dieses Abschnitts, übergehen wir
       einstweilen auch  den ganzen folgenden, und nehmen wir gleich den
       dritten  Abschnitt,   der  von   dem    "A r b e i t e r    d e r
       N e u z e i t"   handelt, um  die Schilderung  der Lage Englands,
       wie sie im Proömium angefangen wurde, ganz beisammen zu haben.
       
       #532# Friedrich Engels
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       Wir haben,  fährt Carlyle fort, die Religiosität des Mittelalters
       weggeworfen und nichts dafür bekommen: wir haben
       
       "Gott vergessen, wir haben unsre Augen verschlossen für die ewige
       Wesenheit der  Dinge und sie nur offengehalten für den betrügeri-
       schen Schein der Dinge; wir beruhigen uns dabei, daß dies Univer-
       sum innerlich  ein großes unbegreifliches Vielleicht ist, und äu-
       ßerlich augenscheinlich  ein großer Viehstand und ein Arbeitshaus
       mit bedeutenden  Küchengebäuden und Eßtischen, wo, wer weise ist,
       einen Platz  findet; alle Wahrheit dieses Universums ist ungewiß,
       nur der  Gewinn und  Verlust, nur das Magenfutter und der Beifall
       sind und  bleiben dem  praktischen Menschen  einleuchtend. - Kein
       Gott existiert mehr für uns; Gottes Gesetze sind ein 'Prinzip der
       größtmöglichen Glückseligkeit', ein Parlamentskniff geworden; der
       Himmel ist  eine astronomische Uhr, ein Jagdterrain für Herschel-
       sche Teleskope  geworden, wo  man auf wissenschaftliche Resultate
       und Sentimentalitäten  jagt; in  unsrer und des alten Ben Jonsons
       Sprache: der  Mensch hat seine Seele verloren und fängt jetzt an,
       ihren Mangel  zu merken. Das ist in Wahrheit der wunde Fleck, das
       Zentrum des  allgemeinen sozialen Krebsgeschwürs. - Es gibt keine
       Religion, es  gibt keinen Gott, der Mensch hat seine Seele verlo-
       ren und  sucht umsonst  nach einem Salz gegen die Verfaulung. Um-
       sonst -  in der Hinrichtung von Königen, in französischen Revolu-
       tionen, in  Reformbills, in Manchester-Insurrektionen, in alledem
       ist kein  Heilmittel. Der faule Aussatz, für eine Stunde erleich-
       tert, kommt in der nächsten stärker und verzweifelter wieder."
       
       Da aber  die Stelle der alten Religion nicht ganz unbesetzt blei-
       ben konnte,  so haben wir ein neues Evangelium an ihrer Statt be-
       kommen, ein Evangelium, das der Hohlheit und Inhaltslosigkeit des
       Zeitalters entspricht  - das Evangelium des Mammon. Der christli-
       che Himmel und die christliche Hölle sind, jener als zweifelhaft,
       diese als  unsinnig aufgegeben - und ihr habt eine neue Hölle be-
       kommen; die  Hölle des  modernen  Englands  ist  das  Bewußtsein,
       "nicht voranzukommen, kein Geld zu verdienen!"
       
       "Wahrlich, mit  unserm Mammonsevangelium  sind wir zu sonderbaren
       Folgerungen gekommen!  Wir nennen  es    G e s e l l s c h a f t,
       und doch richten wir überall die totalste Trennung und Isolierung
       ein. Unser  Leben ist  nicht gegenseitige  Unterstützung, sondern
       gegenseitige  Feindseligkeit,   unter   gewissen   Kriegsgesetzen
       'vernünftige Konkurrenz'  und so  weiter. Wir haben durchaus ver-
       gessen, daß  bare Zahlung  nicht das einzige Band zwischen Mensch
       und Mensch  ist. 'Meine hungernden Arbeiter?' sagt der reiche Fa-
       brikant. 'Hab  ich sie  nicht, wie recht und billig, im Markt ge-
       mietet? Hab ich ihnen nicht meine vertragsmäßige Schuldigkeit bei
       Heller und  Pfennig bezahlt?  Was hab ich sonst noch mit ihnen zu
       schaffen?' Wahrlich, Mammonskultus ist ein trauriger Glaube!"
       "Eine arme  irische Witwe in Edinburgh bat um Hülfe einer wohltä-
       tigen Anstalt  für sich  und ihre drei Kinder. An allen Anstalten
       wurde sie  abgewiesen; Kraft und Mut versagten ihr; sie sank nie-
       der im Typhusfieber, starb und infizierte ihre ganze Gasse
       
       #533# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
       -----
       mit der  Krankheit, so  daß siebenzehn andere infolgedessen star-
       ben. Der  menschliche Arzt, der diese Geschichte erzählt - Dr. W.
       P. Alison -, fragt dabei: Würde es nicht  ö k o n o m i s c h e r
       gewesen sein, dieser Frau zu helfen? Sie bekam das Fieber und tö-
       tete eurer  siebenzehn! -  Sehr sonderbar. Die verlassene irische
       Witwe wendet  sich an ihre Mitgeschöpfe: 'Seht, ich komme hülflos
       um, ihr  müßt mir  helfen, ich hin eure Schwester; Bein von eurem
       Bein, ein  Gott schuf uns!' Sie aber antworten; 'Nein, unmöglich:
       du bist unsere Schwester nicht'. Aber sie beweist ihre Schwester-
       schaft; ihr  Fieber tötet   s i e;  sie waren ihre Brüder, obwohl
       sie es leugneten. Wann mußte man diesen Beweis noch niedriger su-
       chen?"
       
       Carlyle, beiläufig gesagt, ist hier im Irrtum, ebenso wie Alison.
       Die Reichen  haben kein Mitleiden, kein Interesse für den Tod der
       "Siebenzehn". Ist  es  nicht  ein  öffentliches  Glück,  daß  die
       "überzählige Bevölkerung"  um siebenzehn vermindert wird? Wenn es
       nur ein  paar Millionen  wären anstatt  lumpiger "siebenzehn", so
       wäre das  um soviel  besser. - Das ist das Räsonnement der engli-
       schen reichen Maithusianer.
       Und dann  das andre,  noch schlimmere Evangelium des Dilettantis-
       mus, das  eine Regierung  geschaffen hat, die nichts tut, das den
       Menschen allen Ernst genommen hat und sie treibt, das scheinen zu
       wollen, was  sie nicht  sind - das Streben nach "Glückseligkeit",
       d.h. nach gutem Essen und Trinken, das die krasse Materie auf den
       Thron erhoben  und allen  geistigen Inhalt zerstört hat; was soll
       bei allem dem herauskommen?
       "Und was sollen wir sagen zu einer Regierung wie die unsrige, die
       ihren Arbeitern  eine Anklage  der 'Überproduktion' entgegenhält?
       Überproduktion, ist das nicht der Punkt? Ihr verschiedenen fabri-
       zierenden Individuen,  ihr habt zuviel produziert! Unsere Anklage
       ist, daß ihr mehr als zweihunderttausend Hemden für die Blöße der
       Menschheit gemacht habt. Auch die Beinkleider, die ihr verfertig-
       tet von Baumwollensammet, Kaschmir, schottisch Plaid, von Nanking
       und wollen  Tuch, sind  sie nicht  mannigfaltig? Hüte und Schuhe,
       Stühle zum  Sitzen und  Löffel zum  Essen -ja,  und goldene Uhren
       produziert ihr,  Juwelensachen, silberne  Gabeln, Kommoden, Chif-
       fonnieren und  gepolsterte Sofas  - O Himmel, alle Commercial Ba-
       zars und Howel and James's können eure Produkte nicht bergen; ihr
       habt produziert, produziert, produziert - wer euch anklagen will,
       möge nur  um sich  sehen; Millionen  Hemden und leere Beinkleider
       hangen da zum Zeugnis wider euch. Wir klagen euch der Überproduk-
       tion an;  ihr seid schuldig des schweren Verbrechens, Hemden, Ho-
       sen. Hüte und Schuhe und so weiter in schaudererregendem Überfluß
       produziert zu  haben. Und  jetzt ist eine Stockung infolgedessen,
       und eure Arbeiter müssen verhungern."
       "My Lords  und Gentlemen,  wes klagen Sie jene armen Arbeiter an?
       Sie, My  Lords und Gentlemen, waren ernannt, dafür zu sorgen, daß
       keine Stockungen  einträten; Sie  hatten darauf zu sehen, daß die
       Verteilung des  Lohns für  die getane  Arbeit ordentlich vor sich
       gehe, daß  kein Arbeiter  ohne seinen Lohn, sei es in Geldmünzen,
       sei es in
       
       #534# Friedrich Engels
       -----
       hanfnen Galgenstricken,  bliebe; das war Ihr Amt von undenklicher
       Zeit her.  Diese armen Spinner haben viel vergessen, was nach dem
       innern   ungeschriebenen    Gesetz   sollen    -    aber    welch
       g e s c h r i e b n e n   Gesetz ihrer Stellung haben sie verges-
       sen? Sie  waren angestellt, Hemden zu machen. Die Gemeinde befahl
       ihnen: macht  Hemden -  und hier  sind die Hemden. Zuviel Hemden?
       Wahrlich, das  ist neu auf dieser verrückten Welt mit ihren neun-
       hundert Millionen  nackter Leiber!  Aber, My Lords und Gentlemen,
       Ihnen befahl  die Gemeinde:  seht zu,  daß diese Hemden wohl ver-
       teilt werden  - und wo ist die Verteilung? Zwei Millionen hemdlo-
       ser oder  schlechtbehemdeter Arbeiter  sitzen in  Armengesetz-Ba-
       stillen, fünf Millionen andere in Ugolinoschen Hungerkellern; und
       dem abzuhelfen,  sagen Sie: steigert unsre Renten! Sie sagen tri-
       umphierend: Ihr  wollt Anklagen  zusammenflicken, ihr  wollt  uns
       Überproduktion vorwerfen?  Wir nehmen  Himmel und Erde zu Zeugen,
       daß wir  gar nichts  produziert haben.  In den weiten Reichen der
       Schöpfung ist  kein Hemd,  das wir  gemacht hätten.  Wir sind un-
       schuldig an der Produktion; im Gegenteil ihr Undankbaren, was für
       Berge von  Dingen haben  wir nicht  zu konsumieren  gehabt!  Sind
       diese Berge  nicht verschwunden vor uns, als ob wir Straußenmägen
       hätten und  eine Art göttlicher Fähigkeit des Verzehrens? Ihr Un-
       dankbaren; seid  ihr nicht  gewachsen unter  dem Schatten  unsrer
       Flügel? Eure  schmutzigen Fabriken,  stehen sie  nicht auf unserm
       Grund und  Boden? Und  wir sollen  euch unser  Korn nicht  zu dem
       Preise verkaufen  können, der  uns gefällt? Was, denkt ihr, würde
       aus euch  werden, wenn  wir, die Besitzer des Bodens von England,
       beschlössen, gar kein Korn mehr wachsen zu lassen?"
       Diese Anschauungsweise der Aristokratie, diese barbarische Frage:
       Was würde  aus euch  werden, wenn wir nicht so gnädig wären, Korn
       wachsen zu lassen, hat die "wahnsinnigen und erbärmlichen Kornge-
       setze" produziert;  die Korngesetze,  die so wahnsinnig sind, daß
       man gar  keine Argumente  gegen sie  vorbringen kann  als solche,
       "die einen Engel im Himmel und auch einen Esel auf Erden zum Wei-
       nen bringen müssen". Die Korngesetze beweisen, daß die Aristokra-
       tie noch  nicht gelernt  hat, kein  Unheil anzurichten,  still zu
       sitzen, gar  nichts zu  tun, geschweige denn, etwas Gutes zu tun,
       und doch wäre dies nach Carlyle ihre Pflicht:
       
       "sie ist  durch ihre Stellung verpflichtet, England zu leiten und
       zu regieren,  und jeder  Arbeiter im  Arbeitshause hat das Recht,
       sie vor  allem andern  zu fragen: Warum bin ich hier? Seine Frage
       wird gehört im Himmel und wird sich auch hörbar machen auf Erden,
       wenn sie  nicht beachtet  wird. Seine  Anklage ist  gegen Sie, My
       Lords und Gentlemen; Sie stehen in der ersten Reihe der Angeklag-
       ten, Sie, kraft der Stellung, die Sie einnehmen, haben ihm zuerst
       zu antworten!  - Das Schicksal der faulenzenden Aristokratie, wie
       ihr Horoskop  in Korngesetzen usw. zu lesen ist, ist ein Abgrund,
       der einen  mit Verzweiflung füllt! Ja meine rosigen fuchsjagenden
       Brüder, durch  eure frischen,  schmucken  Gesichter,  durch  eure
       Korngesetz-Majoritäten,     s l i d i n g - s c a l e s    [196],
       Schutzzölle, Bestechungswahlen  und kentische  Triumphfeuer  ent-
       deckt ein denkendes
       
       #535# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
       -----
       Auge schauerliche  Bilder des  Sturzes, zu schauerlich für Worte,
       eine Mene  Mene Handschrift  - guter  Gott, erklärte  nicht  eine
       französische nichtstuende Aristokratie, kaum ein halb Jahrhundert
       verfloß seitdem, ebenso: Wir können nicht existieren, nicht fort-
       fahren, uns standesmäßig zu kleiden und zu paradieren; der Grund-
       zins unserer  Besitzungen reicht nicht aus, wir müssen mehr haben
       als das,  wir müssen von Steuern eximiert sein und ein Korngesetz
       haben, um  unsern Grundzins zu steigern. Das war 1789, vier Jahre
       weiter - habt ihr von der Gerberei zu Meudon gehört, wo die Nack-
       ten sich  Hosen von  Menschenhaut machten?  Möge der  barmherzige
       Himmel das  Omen abwenden; mögen wir weiser sein, damit wir weni-
       ger elend werden!"
       
       Und die  arbeitende Aristokratie verfängt sich in den Vogelnetzen
       der faulenzenden  Aristokratie und  kommt mit ihrem "Mammonismus"
       zuletzt auch in eine schlimme Lage:
       
       "die Leute  auf dem  Kontinent, scheint es, exportieren unsre Ma-
       schinerie, spinnen  Baumwolle und  fabrizieren für  sich  selbst,
       treiben uns aus diesem Markt und dann aus dem. Traurige Nachrich-
       ten, aber  lange noch  nicht die traurigsten. Das Traurigste ist,
       daß wir  unsre nationale  Existenz, wie ich habe sagen hören, ab-
       hängig sehen sollten von unsrer Fähigkeit, Baumwollenstoffe einen
       Heller die  Elle wohlfeiler  zu verkaufen als alle andere Völker.
       Ein sehr  schmaler Stand  für eine  große Nation, daß! Ein Stand,
       den wir,  wie mir  scheint, trotz  aller möglichen  Korngesetzab-
       schaffungen auf  die Dauer  nicht werden erhalten können. - Keine
       große Nation  kann auf einer solchen Pyramidenspitze stehen, sich
       höher und  höher schraubend,  auf der  großen Zehe  balancierend.
       Kurz, dies  Mammonsevangelium mit  seiner Hölle des Nichtsverdie-
       nens,  Nachfrage   und   Zufuhr,   Konkurrenz,   Handelsfreiheit,
       'l a i s s e z  f a i r e  und der Teufel hol' das Übrige', fängt
       allmählich an, das erbärmlichste Evangelium zu werden, das je auf
       der Erde  gepredigt wurde. - Ja, wenn die Korngesetze morgen auf-
       gehoben wären, so ist damit noch nichts am Ende, es ist bloß Raum
       gemacht, um Dinge aller Art anzufangen. Die Korngesetze fort, den
       Handel frei gemacht, so ist es gewiß, daß die jetzige Lähmung der
       Industrie verschwinden  wird. Wir  werden wieder eine Periode der
       Handelsunternehmungen, des  Sieges und  der Blüte haben, das wür-
       gende Band der Hungersnot um unsern Nacken wird loser werden, wir
       werden Raum  zum Atmen  und Zeit zum Besinnen und Bereuen haben -
       eine dreimal  kostbare Zeit, um, wie für unser Leben, für die Re-
       form unsrer  bösen Wege zu kämpfen, unser Volk zu erleichtern, zu
       unterrichten, zu  regeln; ihm etwas geistige Nahrung, etwas wirk-
       liche Leitung  und Regierung  zuzuwenden - es wird eine unbezahl-
       bare Zeit  sein! Denn  unsre neue  Periode der Blüte wird und muß
       auf die  alte Methode von 'Konkurrenz und der Teufel hol' das Üb-
       rige' zuletzt  sich doch  wieder nur als ein Paroxysmus erweisen,
       und wahrscheinlich  als unser  letzter. Denn  verdoppelt sich  in
       zwanzig Jahren  unsre Industrie, so ist auch unsre Bevölkerung in
       zwanzig Jahren verdoppelt; wir werden so weit sein wie wir waren,
       nur unser  doppelt so viele, und doppelt, ja zehnmal so unbändig.
       - Wehe,  in was für Gegenden sind wir auf dieser unsrer Wanderung
       durch die Weite der Zeiten geraten,
       
       #536# Friedrich Engels
       -----
       wo die  Menschen umherwandeln  wie galvanisierte Leichen, mit ge-
       dankenlosen, stieren Augen, ohne Seele, nur mit einer fiebermäßi-
       gen Industriefähigkeit und einem Magen zur Verdauung! Die abgema-
       gerte  Verzweiflung  der  Baumwollfabriken,  Kohlenbergwerke  und
       Chandosschen Ackerbautaglöhner  in diesen  Tagen ist  schmerzlich
       anzuschauen, aber  lange nicht  so schmerzlich  dem Denkenden als
       diese brutale,  gottvergessene Gewinn- und Verlustphilosophie und
       Lebensweisheit, die  wir überall  ausschreien hören in Senatssit-
       zungen, Disputierklubs,  leitenden Artikeln, von Kanzeln und Red-
       nerbühnen herab  als das  Ultimatevangelium und ehrliche Englisch
       des menschlichen Lebens!"
       "Ich habe  die Kühnheit, zu glauben, daß zu keiner Zeit, seit den
       Anfängen der  Gesellschaft, das  Los der  stummen, abgearbeiteten
       Millionen so  durchaus unerträglich  gewesen ist wie jetzt. Nicht
       der Tod, oder selbst der Hungertod, macht den Menschen elend; wir
       alle müssen  sterben, unser  aller letzter  Ausgang ist  in einem
       Feuerwagen des  Schmerzes; aber elend zu sein und nicht zu wissen
       warum, sich siech zu arbeiten für nichts und wieder nichts, abge-
       arbeiteten und  müden Herzens,  und doch  isoliert,  verwaist  zu
       sein, eingegürtet  von einem  kalten, universellen laissez faire,
       langsam zu  sterben all  unser Leben  lang, eingemauert  in  eine
       taube, tote,  unendliche Ungerechtigkeit  wie in  den verfluchten
       Bauch eines  Phalarisstiers -  das ist  und bleibt für ewig uner-
       träglich für  alle gottgeschaffenen Menschen. Und wir wundern uns
       über eine französische Revolution, eine 'große Woche', einen eng-
       lischen Chartismus?  Die Zeiten,  wenn wir's recht bedenken, sind
       wahrlich beispiellos."
       
       Wenn in  solchen beispiellosen  Zeiten die  Aristokratie sich zur
       Lenkung des  allgemeinen Wesens  unfähig erweist,  so ist es eine
       Notwendigkeit, sie auszustoßen. Daher die Demokratie.
       
       "Zu welcher  Ausdehnung die  Demokratie jetzt  schon gelangt ist,
       wie sie  mit ominöser, stets wachsender Eile voranschreitet, kann
       jeder sehen,  der seine  Augen für irgendein Gebiet der menschli-
       chen Verhältnisse  öffnen will.  Von  dem  Donner  napoleonischer
       Schlachten bis zum Geplärre um eine offene Gemeindeversammlung in
       St. Mary Axe verkündigt alles Demokratie."
       
       Aber was ist Demokratie am Ende?
       
       "Nichts als  der Mangel an Herren, die euch regieren könnten, und
       die Ergebung  in diesen unvermeidlichen Mangel, der Versuch, ohne
       sie fertig  zu werden.  - Niemand unterdrückt dich, du freier und
       unabhängiger Wähler,  aber unterdrückt  dich nicht dieser stupide
       Portertopf? Kein Adamssohn befiehlt dir zu kommen oder zu gehen -
       aber dieser absurde Topf, schweres Maß  (h e a v y  w e i g h t),
       der kann  und tut  es! Du  bist der  Leibeigne nicht  Cerdiks des
       Sachsen, aber deiner eignen tierischen Lüste, und du sprichst von
       Freiheit? Du  totaler Dummkopf!  -- Die Vorstellung, daß jemandes
       Freiheit darin besteht, seine Stimme bei der Wahl zu geben und zu
       sagen: Siehe,  ich auch  habe jetzt mein Zwanzigtausendstel eines
       Sprechers in  unserer Nationalschwatzanstalt,  werden  mir  nicht
       alle Götter günstig sein? - Diese Vorstellung ist eine der
       
       #537# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
       -----
       spaßhaftesten in der Welt. Vollends die Freiheit, die dadurch er-
       kauft wird, daß ihr euch gegenseitig isoliert, nichts miteinander
       zu tun  habt außer durch bar Geld und Hauptbücher, diese Freiheit
       wird zuletzt sich als die Freiheit des Verhungerns für die arbei-
       tenden Millionen  zeigen, als die Freiheit des Verfaulens für die
       faulen, nichtstuenden  Tausende und Einheiten. Brüder, nach Jahr-
       hunderten konstitutioneller  Regierung wissen wir noch wenig, was
       Freiheit ist  und was Sklaverei ist. Aber die Demokratie wird ih-
       ren freien  Lauf haben,  die arbeitenden  Millionen, in ihrem Le-
       bensbedürfnis, in  ihrem instinktmäßigen  leidenschaftlichen Ver-
       langen nach Leitung, werden die falsche Leitung wegwerfen und für
       einen Augenblick  hoffen, daß  Nichtleitung ihnen  genügen  wird;
       aber nur  für einen  Augenblick.  Die  Unterdrückung  durch  eure
       falschen Oberen mögt ihr wegwerfen; ich tadle euch nicht, ich be-
       daure und ermahne euch bloß; aber das getan und das große Problem
       bleibt noch ungelöst; das Problem, Leitung durch eure wahren Obe-
       ren zu finden."
       "'Die Leitung, wie sie jetzt besteht, ist freilich erbärmlich ge-
       nug.' Bei  dem neulichen Bestechungskomitee des Parlaments schien
       es die Meinung der gesundesten praktischen Köpfe zu sein, daß Be-
       stechung nicht  zu vermeiden  sei und  daß wir gut oder übel ohne
       reine Wahlen uns durchzuschlagen suchen müßten. -- Ein Parlament,
       das sich  als gewählt  und wählbar  durch Bestechung proklamiert,
       was für Gesetzgebung kann davon kommen! Bestechung bedeutet nicht
       nur Käuflichkeit, sondern Unehrlichkeit, unverschämte Betrügerei;
       eherne Gefühllosigkeit  gegen Lüge und Anstiftung von Lügen. Seid
       doch ehrlich,  eröffnet im  Downing-Street ein Wahlbüro mit einem
       Städtetarif: soviel  Bevölkerung bezahlt  soviel Einkommensteuer,
       Wert der Häuser soviel, wählt zwei Abgeordnete, wählt einen Abge-
       ordneten, zu  haben für  soviel bar  Geld; Ipswich soviel tausend
       Pfund, Nottingham  soviel -,  da habt  ihrs doch  hübsch  ehrlich
       durch Kauf, ohne die Unehrlichkeit, ohne die Schamlosigkeit, ohne
       die Lüge! -- Unser Parlament erklärt sich für gewählt und wählbar
       durch Bestechung. Was soll aus einem solchen Parlament werden? Wo
       nicht Belial  und Beelzebub  dies Weltall  regieren, so  bereitet
       sich solch  ein Parlament für neue Reformbills. Wir wollen lieber
       den Chartismus  oder jedes andere System versuchen, als damit zu-
       frieden sein! Ein Parlament, das mit einer Lüge auf der Zunge be-
       ginnt, wird  sich selbst  auf die  Seite schaffen müssen. Täglich
       und stündlich  rückt irgendein  Chartist,  irgendein  bewaffneter
       Cromwell heran,  um solch  einem Parlament  anzuzeigen: 'Ihr seid
       kein Parlament. Im Namen des Allerhöchsten - packt euch!'"
       
       Das ist  die Lage Englands nach Carlyle. Eine faulenzende, grund-
       besitzende Aristokratie,  die "noch  nicht  einmal  gelernt  hat,
       still zu sitzen und wenigstens kein Unheil anzustiften", eine ar-
       beitende Aristokratie,  die im Mammonismus versunken ist, die, wo
       sie   eine    Versammlung   von    Leitern   der    Arbeit,   von
       "Industriefeldherren" sein  sollte, nur ein Haufe von industriel-
       len Bucaniers  und Piraten  ist, ein  durch Bestechung  gewähltes
       Parlament, eine Lebensphilosophie des bloßen Zusehens, des Nicht-
       stuns, des   l a i s s e z    f a i r e,    eine  ausgeschlissene
       bröcklige Religion,  eine totale  Auflösung aller  allgemein men-
       schlichen
       
       #538# Friedrich Engels
       -----
       Interessen, eine universelle Verzweiflung an der Wahrheit und der
       Menschheit und infolgedessen eine universelle Isolierung der Men-
       schen auf ihre "rohe Einzelnheit", eine chaotische, wüste Verwir-
       rung aller  Lebensverhältnisse, ein  Krieg aller  gegen alle, ein
       allgemeiner geistiger  Tod, Mangel  an "Seele",  d.h. an wahrhaft
       menschlichem Bewußtsein: eine unverhältnismäßig starke arbeitende
       Klasse, in unerträglichem Druck und Elend, in wilder Unzufrieden-
       heit und Rebellion gegen die alte soziale Ordnung, und daher eine
       drohende, unaufhaltsam  voranrückende Demokratie - überall Chaos,
       Unordnung, Anarchie,  Auflösung der alten Bande der Gesellschaft,
       überall geistige Leere, Gedankenlosigkeit und Erschlaffung. - Das
       ist die  Lage Englands.  Soweit werden  wir, wenn wir einige Aus-
       drucke, die durch Carlyles partikularen Standpunkt hereingekommen
       sind, abrechnen - ihm vollkommen recht geben müssen. Er, der ein-
       zige der  "respektabeln" Klasse,  hat seine  Augen wenigstens für
       die Tatsachen  offengehalten, er  hat wenigstens die unmittelbare
       Gegenwart richtig  aufgefaßt, und  das  ist  wahrlich  für  einen
       "gebildeten" Engländer unendlich viel.
       Wie sieht  es mit  der Zukunft  aus? So wie jetzt bleibt es nicht
       und kann es nicht bleiben. Wir haben gesehen, Carlyle hat, wie er
       selbst gesteht,  keine "Morrisonspille", kein Universalmittel für
       die Heilung  der sozialen Übel. Auch darin hat er recht. Alle So-
       zialphilosophie, solange  sie noch  ein paar Sätze als ihr Endre-
       sultat aufstellt,  solange sie  noch Morrisonspillen eingibt, ist
       noch sehr  unvollkommen; es sind nicht die nackten Resultate, die
       wir so  sehr bedürfen,  als vielmehr das  S t u d i u m;  die Re-
       sultate sind  nichts ohne  die Entwicklung,  die zu ihnen geführt
       hat, das  wissen wir  schon seit  Hegel, und  die Resultate  sind
       schlimmer als  nutzlos, wenn sie für sich fixiert, wenn sie nicht
       wieder zu  Prämissen für  die fernere Entwicklung gemacht werden.
       Aber die  Resultate müssen  auch temporär eine bestimmte Form an-
       nehmen, müssen durch die Entwicklung aus der vagen Unbestimmtheit
       zu klaren  Gedanken sich gestalten und können dann allerdings bei
       einer so  rein empirischen  Nation, wie die Engländer sind, die "
       Morrisonspillen" -  Form nicht  vermeiden. Carlyle selbst, obwohl
       er viel Deutsches in sich aufgenommen hat und der krassen Empirie
       ziemlich fern  steht, würde  wahrscheinlich einige Pillen bei der
       Hand haben,  wenn er  weniger unbestimmt  und unklar über die Zu-
       kunft wäre.
       Einstweilen erklärt  er, daß  alles unnütz und fruchtlos sei, so-
       lange die  Menschheit im  Atheismus  beharre,  solange  sie  ihre
       "Seele" sich  noch nicht  wieder verschafft  habe. Nicht  daß der
       alte Katholizismus in seiner Energie und Lebenskraft wiederherzu-
       stellen oder nur die jetzige Religion aufrechtzuerhalten sei - er
       weiß sehr wohl, daß Rituale, Dogmen, Litaneien und Sinaidonner
       
       #539# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
       -----
       nicht helfen  können, daß  aller Sinaidonner  die Wahrheit  nicht
       wahrer und keinem vernünftigen Menschen bange macht, daß man über
       die Religion  der Furcht  längst hinaus  ist, aber  die  Religion
       selbst muß  wiederhergestellt werden, wir sehen selbst, wohin uns
       "zwei  Jahrhunderte   atheistischer   Regierung"   -   seit   der
       "gesegneten" Restauration  Karls II.  - gebracht  haben, und  wir
       werden auch  allmählich einsehen müssen, daß dieser Atheismus an-
       fängt, ausgetragen und verschlissen zu werden. Wir haben aber ge-
       sehen, was Carlyle Atheismus nennt, nicht sowohl den Unglauben an
       einen persönlichen  Gott, sondern den Unglauben an die innere We-
       senhaftigkeit, an die Unendlichkeit des Universums, den Unglauben
       an die  Vernunft, die  Verzweiflung am Geist und an der Wahrheit;
       sein Kampf  geht nicht gegen den Unglauben an die Offenbarung der
       Bibel, sondern  gegen den "schrecklichsten Unglauben, den Unglau-
       ben an die Bibel der Weltgeschichte". Diese ist das ewige Gottes-
       buch, in dem jeder Mensch, solange ihm Seele und Augenlicht nicht
       erloschen sind,  Gottes Finger  schreibend sehen  kann. Diese  zu
       verspotten ist  ein Unglaube, gleich keinem andern, ein Unglaube,
       den ihr  bestrafen würdet,  nicht mit  Feuer und  Scheiterhaufen,
       aber doch  mit dem  entschiedensten Befehl, zu schweigen, bis man
       etwas Besseres  zu sagen  habe.  Weshalb  sollte  das  glückliche
       Schweigen durch Getöse gebrochen werden, um nur solch Zeug auszu-
       schreien? Wenn die Vergangenheit keine göttliche Vernunft in sich
       hat, sondern bloß teuflische Unvernunft, so vergeht sie auf ewig,
       sprecht nicht  mehr von  ihr; uns, deren Väter alle gehangen wur-
       den, ziemt  es schlecht,  von Stricken  zu schwatzen! "An die Ge-
       schichte aber  kann das  moderne England nicht glauben." Das Auge
       sieht von  allen Dingen  nur soviel, als es nach seiner ihm inhä-
       renten Fähigkeit sehen kann. Ein gottloses Jahrhundert kann keine
       gotterfüllten Epochen  begreifen. Es  sieht in  der Vergangenheit
       (dem Mittelalter) nur leere Zwietracht, die allgemeine Herrschaft
       der rohen Gewalt, es sieht nicht, daß am Ende Macht und Recht zu-
       sammenfallen, es sieht bloße Dummheit, wilde Unvernunft, eher für
       Bedlam als  für eine menschliche Welt passend. Woraus denn natür-
       lich folgt,  daß dieselben Eigenschaften in unserer Zeit zu herr-
       schen fortfahren  sollten. Millionen  festgebannt  in  Bastillen;
       irische Witwen,  die ihre Menschheit durch Typhusfieber beweisen;
       es ist  immer so gewesen oder schlimmer; was verlangt ihr anders?
       Was anders  ist die  Geschichte gewesen  als die  Aussaugung ver-
       stockter Dummheit durch erfolgreiche Quacksalberei? Kein Gott war
       in der  Vergangenheit, nichts  als Mechanismus  und chaotisch-be-
       stialische Götzen;  wie soll der arme "philosophische Geschichts-
       schreiber", dem sein eigen Jahrhundert so ganz gottverlassen ist,
       "den Gott in der Vergangenheit sehen"?
       Aber so ganz verlassen ist unsre Zeit doch nicht.
       
       #540# Friedrich Engels
       -----
       "Ja, in  unsrem armen  zersplitterten Europa  selbst, haben  sich
       nicht in  diesen neuesten  Zeiten religiöse  Stimmen erhoben, mit
       einer neuen,  und zugleich  der ältesten  Religion, unbestreitbar
       den Herzen  aller Menschen? Einige kenne ich, die sich nicht Pro-
       pheten hießen  oder glaubten,  aber die in Wahrheit wieder einmal
       volltönende Stimmen  waren aus  dem ewigen Herzen der Natur, See-
       len, ewig  ehrwürdig allen,  die eine Seele haben. Eine französi-
       sche Revolution ist ein Phänomen; als Ergänzung und geistiger Ex-
       ponent derselben ist mir ein Dichter Goethe und eine deutsche Li-
       teratur auch  ein Phänomen.  Wenn die alte weltliche oder prakti-
       sche Welt in Feuer aufgegangen ist, ist dann nicht hier die Weis-
       sagung und  das Morgenrot  einer neuen geistigen Welt, der Mutter
       von weit  edleren, weiteren, neuen, praktischen Welten? Ein Leben
       antiker Hingebung,  antiker Wahrheit  und antiken Heldensinns ist
       wieder möglich  geworden, ist  hier wirklich sichtbar für den mo-
       dernsten Menschen,  ein Phänomen, in aller seiner Ruhe keinem an-
       dern zu vergleichen! Da sind Anklänge einer neuen Sphärenmelodie,
       hörbar aufs  neue durch all den unendlichen Jargon und die Disso-
       nanzen des Dings, das man Literatur nennt."
       
       Goethe, der  Prophet der "Religion der Zukunft", und ihr Kultus -
       die Arbeit.
       
       "Denn es liegt ein ewiger Adel, ja eine Heiligkeit in der Arbeit.
       Und wäre  er noch so verfinstert, seines hohen Berufes vergessen,
       so ist  doch immer noch Hoffnung da für einen Menschen, der wirk-
       lich und  ernstlich arbeitet;  in der  Faulheit allein  ist ewige
       Verzweiflung. Arbeit,  noch so  mammonisiert, noch so erniedrigt,
       bleibt doch  eine Verbindung mit der Natur; der treibende Wunsch,
       seine Arbeit  getan zu  bekommen, wird mehr und mehr der Wahrheit
       und den  Bestimmungen und  den Gesetzen  der Natur  zuführen. - -
       Eine unendliche Bedeutung liegt in der Arbeit; der Mensch vollen-
       det sich durch sie. Faule Moräste werden weggeräumt; schöne Saat-
       felder erstehen an ihrer Stelle und prächtige Städte, und vor al-
       lem zuerst hört der Mensch selbst auf, ein fauler Morast und eine
       seuchenschwangere Wüste zu sein. Bedenkt, wie selbst in den nied-
       rigsten Arten der Arbeit die ganze Seele des Menschen in eine ge-
       wisse Harmonie  versetzt wird,  sowie er sich an die Arbeit gibt!
       Zweifel, Verlangen, Kummer, Unruhe, Unwille, Verzweiflung selbst,
       alle diese,  wie Höllenhunde  belagern die Seele des armen Tagar-
       beiters wie jedes andern, aber er greift mit freiem Mut sein Tag-
       werk an,  und sie alle weichen murrend zurück in ihre fernen Höh-
       len. Der  Mensch ist  nun Mensch;  die heilige Glut der Arbeit in
       ihm ist  wie ein reinigend Feuer, worin alles Gift und selbst der
       verpestendste Qualm  in einer hellen heiligen Flamme verbrennt. -
       - Gesegnet  ist, wer  seine Arbeit gefunden hat; er verlange nach
       keinem anderen  Segen. Er  hat eine Arbeit, einen Lebenszweck; er
       hat ihn  gefunden, er verfolgt ihn, und nun fließt sein Leben da-
       hin, ein  freiströmender Kanal,  gegraben durch den abgestandenen
       Notsumpf der  Existenz, ableitend  das abgestandne Wasser von der
       entferntesten Binse, den verpestenden Sumpf in eine grüne frucht-
       bare Wiese verwandelnd. Arbeit ist Leben; du hast im Grunde keine
       andere Kenntnis,  als die  du dir  durch Arbeit erworben hat, das
       Übrige ist all Hypothese, Stoff zum Schulgezänk in den Wolken, in
       endlosen logischen Strudeln flutend, bis wir es versuchen und fi-
       xieren.
       
       #541# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
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       Zweifel aller  Art kann  nur durch  Tätigkeit gelöst  werden. - -
       Wunderschön war  der Spruch der alten Mönche: Laborare est orare,
       Arbeit ist  Kultus. Älter  als alles  gepredigte Evangelium,  war
       dies ungepredigte,  unausgesprochene, aber unauslöschliche, ewige
       Evangelium; arbeite,  und finde  Befriedigung in  der  Arbeit.  O
       Mensch, liegt  nicht in deinem innersten Herzen ein Geist tätiger
       Anordnung, eine  Kraft der  Arbeit; brennend  wie ein schmerzlich
       glimmend Feuer,  das dir  keine Ruhe  läßt, bis du es entfaltest,
       bis du es in Tatsachen ringsumher niederschreibst? Alles Ungeord-
       nete, Wüste  sollst du  geordnet, geregelt,  ackerbar machen, dir
       gehorsam und  dir Frucht tragend. Wo du Unordnung findest, da ist
       dein ewiger  Feind; greif  ihn rasch  an, unterjoche ihn; entreiß
       ihn der Herrschaft des Chaos, bring ihn unter deine, der Intelli-
       genz und Göttlichkeit Herrschaft! Vor allem aber, wo du Unwissen-
       heit, Dummheit,  Vertierung findest,  greif sie  an, sag ich dir,
       schlage sie, weise, unermüdlich, ruhe nicht, solange du lebst und
       sie lebt,  schlage zu,  schlage, im  Namen  Gottes;  schlage!  Du
       sollst wirken, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand
       wirken kann.  - Alle  wahre Arbeit  ist heilig; Schweiß des Ange-
       sichts, Schweiß  des Gehirns und des Herzens, einschließend eines
       Kepler Berechnungen, eines Newton Meditationen; alle Wissenschaf-
       ten, alle gesprochenen Heldenlieder, alles getane Heldentum, Mär-
       tyrertum, bis  zu jenem  'Todeskampf des blutigen Schweißes', den
       alle Menschen  göttlich genannt haben. Wenn das nicht Kultus ist,
       zum Teufel  dann allen  Kultus. Wer  bist du, der über sein Leben
       saurer Arbeit klagt? Klage nicht, dir ist der Himmel streng, aber
       nicht unfreundlich,  eine edle Mutter, wie jene spartanische Mut-
       ter, die  ihrem Sohne den Schild gab: Mit ihm oder auf ihm! Klage
       nicht; auch  die Spartaner klagten nicht. -- E i n  Ungeheuer ist
       in der  Welt - der Faulenzer. Was ist seine Religion, als daß die
       Natur ein Phantom, daß Gott eine Lüge ist und der Mensch und sein
       Leben eine Lüge."
       
       Aber auch  die Arbeit ist in den wilden Strudel der Unordnung und
       des Chaos  hineingerissen, das  reinigende, aufklärende,  entwic-
       kelnde Prinzip  ist der  Verwickelung, Verwirrung  und Finsternis
       anheimgefallen. Dies  führt auf  die eigentliche  Hauptfrage, auf
       die Zukunft der Arbeit.
       
       "Was für  eine Arbeit  wird es  sein, was  unsere Freunde auf dem
       Kontinent, schon ziemlich lange und etwas absurd danach umhertap-
       pend, 'Organisation  der Arbeit'  nennen. Das  muß aus den Händen
       absurder Windbeutel  genommen und  tüchtigen, weisen, arbeitsamen
       Männern übergeben  werden; es  sogleich zu  beginnen, auszuführen
       und durchzuführen,  wenn Europa  - wenigstens  wenn England  noch
       lange bewohnbar  bleiben soll.  Wenn wir  unsre hochedlen Kornge-
       setz-Herzöge ansehen  oder unsre  geistlichen Herzöge und Seelen-
       hirten 'mit  einem Minimum von viertausendfünfhundert Pfund jähr-
       lich', so  werden unsre  Hoffnungen freilich etwas gedämpft. Aber
       Mut! Es  gibt noch manchen braven Mann in England. Du unbezähmba-
       rer Fabriklord,  ist nicht  auch in  dir noch einige Hoffnung? Du
       bist bis  jetzt ein  Bucanier gewesen,  aber  in  dieser  ernsten
       Braue, in  diesem unbezähmbaren  Herzen, das  Baumwolle  besiegen
       kann, liegen  da nicht  vielleicht  noch  andre,  zehnmal  edlere
       Siege?" -
       
       #542# Friedrich Engels
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       "Seht um  euch, eure  Weltenheere sind  alle in Meuterei, Verwir-
       rung, Verlassenheit;  am Vorabend eines Untergangs in Flammen, am
       Vorabend des  Wahnsinns! Sie wollen nicht weiter marschieren nach
       dem Prinzip von sechs Pence täglich und Nachfrage und Zufuhr; sie
       wollen nicht  und haben  ein Recht dazu. Sie sind fast in den Ra-
       chen des  Wahnsinnes gejagt;  seid ihr  vernünftiger. Diese Leute
       werden nicht  länger als  ein verworrener  und verwirrender Pöbel
       marschieren, sondern  als eine  geschloßne geordnete  Masse,  mit
       wirklichen Führern an ihrer Spitze. Alle menschlichen Interessen,
       alle gemeinschaftlichen  Unternehmungen mußten auf einer gewissen
       Entwicklungsstufe organisiert  werden,  und  jetzt  verlangt  das
       größte aller  menschlichen Interessen, die Arbeit, nach Organisa-
       tion."
       
       Um diese  Organisation durchzuführen,  um wahre Lenkung und wahre
       Regierung an die Stelle falscher Lenkung zu setzen, verlangt Car-
       lyle nach einer "wahren Aristokratie", nach einem "Heroenkultus",
       und stellt  es als  das zweite große Problem auf, die arztoi, die
       Besten ausfindig zu machen, deren Leitung "die unvermeidliche De-
       mokratie mit der notwendigen Souveränität zu verbinden".
       Aus diesen  Auszügen geht  der Standpunkt  Carlyles ziemlich klar
       hervor. Seine ganze Anschauungsweise ist wesentlich pantheistisch
       und zwar deutschpantheistisch. Die Engländer haben keinen Panthe-
       ismus, sondern  bloß Skeptizismus;  das Resultat alles englischen
       Philosophierens ist  die Verzweiflung an der Vernunft, die einge-
       standene Unfähigkeit,  die Widersprüche,  auf die  man in letzter
       Instanz geraten  ist, zu  lösen, und  infolgedessen auf der einen
       Seite ein  Rückfall in  den Glauben, auf der andern die Hingebung
       an die  reine Praxis,  ohne sich weiter um Metaphysik usw. zu be-
       kümmern. Carlyle ist darum mit seinem aus der deutschen Literatur
       stammenden Pantheismus auch ein "Phänomen" in England und ein für
       die praktischen  und skeptischen  Engländer ziemlich unbegreifli-
       ches Phänomen.  Die Leute starren ihn an, sprechen von "deutschem
       Mystizismus", von  verrenktem Englisch;  andre behaupten,  es sei
       doch am  Ende was  dahinter, sein Englisch sei zwar ungewöhnlich,
       aber doch  schön, er  sei ein  Prophet usw.  - aber  keiner  weiß
       recht, was er aus dem Ganzen machen soll.
       Uns Deutschen,  die wir  die Voraussetzungen  für Carlyles Stand-
       punkt kennen,  ist die  Sache klar genug. Reste toryistischer Ro-
       mantik und menschliche Anschauungen aus Goethe auf der einen, das
       skeptisch-empirische England auf der andern Seite, diese Faktoren
       reichen hin,  um aus ihnen Carlyles ganze Weltansicht abzuleiten.
       Carlyle ist,  wie alle  Pantheisten, noch  nicht über  den Wider-
       spruch hinausgekommen,  und der  Dualismus ist  bei Carlyle um so
       schlimmer, da  er zwar  die deutsche  Literatur, aber  nicht ihre
       notwendige Ergänzung,  die deutsche  Philosophie, kennt, und alle
       seine Anschauungen
       
       #543# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
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       daher auch  unmittelbar, intuitiv,  mehr schellingisch  als hege-
       lisch sind.  Mit Schelling  - d.h.  dem alten, nicht dem Offenba-
       rungs-Schelling, hat  Carlyle  wirklich  eine  Masse  Berührungs-
       punkte; mit  Strauß, dessen  Anschauungsweise ebenfalls  panthei-
       stisch ist,  trifft er im "Heroenkultus" oder "Kultus des Genius"
       zusammen.
       Die Kritik des Pantheismus ist in der letzten Zeit in Deutschland
       so erschöpfend ausgeführt worden, daß wenig mehr zu sagen bleibt.
       Feuerbachs Thesen in den "Anekdotis" und B[runo] Bauers Schriften
       enthalten alles  hierher Gehörige. Wir werden uns also darauf be-
       schränken können,  einfach die  Konsequenzen aus  Carlyles Stand-
       punkt zu ziehen und zu zeigen, daß er im Grunde nur eine Vorstufe
       zum Standpunkte dieser Zeitschrift ist.
       
       Carlyle klagt über die Leerheit und Hohlheit des Zeitalters, über
       die innere Verfaulung aller sozialen Institutionen. Die Klage ist
       gerecht; aber  mit dem  einfachen Klagen ist es nicht abgetan; um
       dem Übel abzuhelfen, muß die Ursache desselben aufgesucht werden;
       und hätte  Carlyle dies  getan, so  würde er  gefunden haben, daß
       diese Zerfahrenheit  und Hohlheit, diese "Seelenlosigkeit", diese
       Irreligion und  dieser "Atheismus" ihren Grund haben in der Reli-
       gion selbst. Die Religion ist ihrem Wesen nach die Entleerung des
       Menschen und  der Natur  von allem Gehalt, die Übertragung dieses
       Gehalts an  das Phantom  eines jenseitigen  Gottes, der dann wie-
       derum den Menschen und der Natur in Gnaden etwas von seinem Über-
       fluß zukommen  läßt. Solange  nun der  Glaube an  dies jenseitige
       Phantom kräftig  und lebendig  ist, solange  kommt der Mensch auf
       diesem Umwege  wenigstens zu  etwas Gehalt. Der starke Glaube des
       Mittelalters verlieh auf diese Weise der ganzen Epoche allerdings
       eine bedeutende  Energie, aber  eine Energie, die nicht von außen
       kam, sondern  schon in der menschlichen Natur lag, wenn auch noch
       unbewußt, noch unentwickelt. Der Glaube wurde allmählich schwach,
       die Religion  zerbröckelte vor  der steigenden  Kultur, aber noch
       immer sah  der Mensch nicht ein, daß er sein eignes Wesen als ein
       fremdes Wesen angebetet und vergöttert hatte. In diesem bewußtlo-
       sen und  zugleich glaubenslosen  Zustande kann  der Mensch keinen
       Inhalt haben,  m u ß  er an der Wahrheit, an der Vernunft und Na-
       tur verzweifeln,  und diese  Hohlheit und  Inhaltslosigkeit,  die
       Verzweiflung an  den ewigen Tatsachen des Universums wird solange
       dauern, bis  die Menschheit  einsieht, daß das Wesen, was sie als
       Gott verehrt  hat, ihr  eignes, ihr bisher unbekanntes Wesen war,
       bis - doch was soll ich Feuerbach abschreiben.
       Die Hohlheit  ist längst dagewesen, denn die Religion ist der Akt
       der Selbstaushöhlung  des Menschen; und ihr wundert euch, daß sie
       jetzt, nachdem der Purpur, der sie verdeckte, verblichen, nachdem
       der Dunst, der sie einhüllte, gestorben ist, daß sie jetzt zu eu-
       rem Schrecken ans Tageslicht tritt?
       
       #544# Friedrich Engels
       -----
       Carlyle klagt ferner - dies ist die nächste Folge aus dem Vorher-
       gehenden -  das Zeitalter  der Heuchelei  und der Lüge an. Natür-
       lich, die Hohlheit und Entnervung muß doch durch Staffage, ausge-
       stopfte Gewänder  und Fischbeinschienen  anständig  verhüllt  und
       aufrecht gehalten werden! Auch wir greifen die Heuchelei des jet-
       zigen christlichen  Weltzustandes an; der Kampf gegen sie, unsere
       Befreiung von ihr und die Befreiung der Welt von ihr sind am Ende
       unser einzig  Tagewerk; aber  weil wir  durch die Entwicklung der
       Philosophie zur  Erkenntnis dieser  Heuchelei gekommen,  und weil
       wir den  Kampf wissenschaftlich  führen, darum  ist uns das Wesen
       dieser Heuchelei  nicht mehr  so fremd und unverständlich, wie es
       für Carlyle  allerdings noch ist. Diese Heuchelei führen wir auch
       auf die  Religion zurück,  deren erstes Wort eine Lüge ist - oder
       fängt die Religion nicht damit an, daß sie uns etwas Menschliches
       zeigt und  behauptet, das sei etwas Übermenschliches, Göttliches?
       Weil wir  aber wissen, daß alle diese Lüge und Unsittlichkeit aus
       der Religion  folgt, daß  die religiöse  Heuchelei, die Theologie
       der Urtypus aller andern Lügen und Heuchelei ist, so sind wir be-
       rechtigt, den  Namen der Theologie auf die gesamte Unwahrheit und
       Heuchelei der Gegenwart auszudehnen, wie dies zuerst durch Feuer-
       bach und B[runo] Bauer geschehen ist. Carlyle möge ihre Schriften
       lesen, wenn er zu wissen wünscht, woher die Unsittlichkeit kommt,
       die alle unsre Verhältnisse verpestet.
       Eine neue  Religion, ein pantheistischer Heroenkultus, Kultus der
       Arbeit sei zu stiften oder müsse erwartet werden; unmöglich; alle
       Möglichkeiten der  Religion sind erschöpft; nach dem Christentum,
       nach der  absoluten, d.h. abstrakten Religion, nach der "Religion
       als solcher"  kann keine  andre Form der Religion mehr aufkommen.
       Carlyle sieht  selbst ein,  daß das  katholische, protestantische
       oder jedes  beliebige andere  Christentum unaufhaltsam dem Unter-
       gange entgegengeht; wenn er die Natur des Christentums kennte, so
       würde er  einsehen, daß  nach ihm keine andere Religion mehr mög-
       lich ist.  Auch der Pantheismus nicht! Der Pantheismus ist selbst
       noch eine  von seiner  Prämisse nicht zu trennende Konsequenz des
       Christentums, wenigstens der moderne, spinozistische, schellingi-
       sche, hegelische  und auch der Carlylesche Pantheismus. Der Mühe,
       den Beweis hierfür zu liefern, überhebt mich wiederum Feuerbach.
       Wie gesagt,  auch uns ist es darum zu tun, die Haltlosigkeit, die
       innere Leere, den geistigen Tod, die Unwahrhaftigkeit des Zeital-
       ters zu bekämpfen; mit allen diesen Dingen führen wir einen Krieg
       auf Leben  und Tod, ebenso wie Carlyle, und haben weit mehr Wahr-
       scheinlichkeit des  Erfolgs für  uns als er, weil wir wissen, was
       wir wollen.  Wir wollen den Atheismus, wie ihn Carlyle schildert,
       aufheben, indem wir dem Menschen den Gehalt wiedergeben,
       
       #545# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
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       den er  durch die  Religion verloren hat; nicht als einen göttli-
       chen, sondern  als einen  menschlichen Inhalt, und die ganze Wie-
       dergabe beschränkt  sich einfach  auf die Erweckung des Selbstbe-
       wußtseins. Wir wollen alles, was sich als übernatürlich und über-
       menschlich ankündigt,  aus dem  Wege schaffen und dadurch die Un-
       wahrhaftigkeit entfernen,  denn die  Prätension des  Menschlichen
       und Natürlichen,  übermenschlich, übernatürlich  sein zu  wollen,
       ist die Wurzel aller Unwahrheit und Lüge. Deswegen haben wir aber
       auch der  Religion und den religiösen Vorstellungen ein für alle-
       mal den  Krieg erklärt  und kümmern  uns wenig  darum, ob man uns
       Atheisten oder  sonst irgendwie  nennt. Wenn  indes Carlyles pan-
       theistische Definition von Atheismus richtig wäre, so wären nicht
       wir, sondern unsere christlichen Gegner die wahren Atheisten. Uns
       fällt es nicht ein, die "ewigen inneren Tatsachen des Universums"
       anzugreifen, im Gegenteil, wir haben sie erst wahrhaft begründet,
       indem wir  ihre Ewigkeit  nachwiesen und sie vor der allmächtigen
       Willkür eines in sich selbst widersprechenden Gottes sicherstell-
       ten. Uns fällt es nicht ein, "die Welt, den Menschen und sein Le-
       ben für eine Lüge" zu erklären; im Gegenteil, unsere christlichen
       Gegner begehen  diese Unsittlichkeit,  wenn sie  die Welt und den
       Menschen von der Gnade eines Gottes abhängig machen, der in Wirk-
       lichkeit nur  durch die  Abspiegelung des  Menschen in der wüsten
       Hyle seines eigenen unentwickelten Bewußtseins erzeugt wurde. Uns
       fällt es  nicht ein,  die "Offenbarung der Geschichte" zu bezwei-
       feln oder  zu verachten,  die Geschichte ist unser Eins und Alles
       und wird  von uns höher gehalten als von irgendeiner andern, frü-
       heren, philosophischen  Richtung, höher selbst als von Hegel, dem
       sie am  Ende auch  nur als Probe auf sein logisches Rechenexempel
       dienen sollte.
       Der Hohn  gegen die  Geschichte, die Nichtachtung der Entwicklung
       der Menschheit  ist ganz  auf der  andern Seite; es sind wiederum
       die Christen, die durch die Aufstellung einer aparten "Geschichte
       des Reiches  Gottes" der wirklichen Geschichte alle innere Wesen-
       haftigkeit absprechen  und diese  Wesenhaftigkeit allein für ihre
       jenseitige, abstrakte  und noch dazu erdichtete Geschichte in An-
       spruch nehmen,  die durch die Vollendung der menschlichen Gattung
       in ihrem  Christus die  Geschichte ein  imaginäres Ziel erreichen
       lassen, sie  mitten in  ihrem Laufe unterbrechen und nun die fol-
       genden achtzehnhundert  Jahre schon der Konsequenz halber für wü-
       sten Unsinn  und bare  Inhaltslosigkeit ausgeben  müssen.   W i r
       reklamieren den  Inhalt der Geschichte; aber wir sehen in der Ge-
       schichte nicht  die Offenbarung  "Gottes", sondern  des Menschen,
       und nur  des Menschen. Wir haben nicht nötig, um die Herrlichkeit
       des menschlichen  Wesens zu sehen, um die Entwicklung der Gattung
       in der  Geschichte, ihren unaufhaltsamen Fortschritt, ihren stets
       sicheren Sieg
       
       #546# Friedrich Engels
       -----
       über die Unvernunft des einzelnen, ihre Überwindung alles schein-
       baren Übermenschlichen,  ihren harten,  aber erfolgreichen  Kampf
       mit der  Natur bis  zur endlichen Erringung des freien, menschli-
       chen Selbstbewußtseins, der Einsicht von der Einheit des Menschen
       mit der  Natur, und der freien, selbsttätigen Schöpfung einer auf
       rein menschliche,  sittliche Lebensverhältnisse begründeten neuen
       Welt -  um alles das in seiner Größe zu erkennen, haben wir nicht
       nötig, erst  die Abstraktion eines "Gottes" herbeizurufen und ihr
       alles Schöne,  Große, Erhabene  und  wahrhaft  Menschliche  zuzu-
       schreiben; wir  brauchen diesen  Umweg nicht,  wir  brauchen  dem
       wahrhaft Menschlichen  nicht erst  den Stempel  des  "Göttlichen"
       aufzudrücken, um seiner Größe und Herrlichkeit sicher zu sein. Im
       Gegenteil, je  "göttlicher", d.h. unmenschlicher etwas ist, desto
       weniger   werden    wir   es    bewundern   können.    Nur    der
       m e n s c h l i c h e  Ursprung des Inhalts aller Religionen ret-
       tet ihnen  hier und  da noch  etwas Anspruch auf Respekt; nur das
       Bewußtsein, daß  selbst der tollste Aberglaube doch im Grunde die
       ewigen Bestimmungen  des menschlichen  Wesens enthalte, wenn auch
       in noch  so verrenkter  und verzerrter  Form, nur dies Bewußtsein
       rettet die  Geschichte der  Religion und namentlich des Mittelal-
       ters vor der totalen Verwerfung und vor dem ewigen Vergessen, was
       sonst allerdings  das Schicksal  dieser "gottvollen"  Geschichten
       sein würde.  Je "gottvoller",  desto unmenschlicher,  desto  tie-
       rischer, und  das "gottvolle"  Mittelalter produzierte allerdings
       die Vollendung  menschlicher Bestialität, Leibeigenschaft,  j u s
       p r i m a e   n o c t i s   1*) usw.  Die  Gott l o s i g k e i t
       unseres Zeitalters, worüber Carlyle so sehr klagt, ist eben seine
       Gott e r f ü l l t h e i t.   Hieraus wird auch klar, weshalb ich
       oben den  Menschen als  die Lösung  des Sphinxrätsels  angab. Die
       Frage ist  bisher immer  gewesen: Was  ist Gott? und die deutsche
       Philosophie hat  die Frage dahin gelöst: Gott ist der Mensch. Der
       Mensch hat  sich nur  selbst zu erkennen, alle Lebensverhältnisse
       an sich  selbst zu  messen, nach  seinem Wesen zu beurteilen, die
       Welt nach den Forderungen seiner Natur wahrhaft menschlich einzu-
       richten, so  hat er das Rätsel unserer Zeit gelöst. Nicht in jen-
       seitigen, existenzlosen  Regionen, nicht  über Zeit und Raum hin-
       aus, nicht  bei einem  der Welt  inwohnenden oder ihr entgegenge-
       setzten "Gott" ist die Wahrheit zu finden, sondern viel näher, in
       des Menschen  eigener Brust.  Des Menschen eigenes Wesen ist viel
       herrlicher und  erhabener als das imaginäre Wesen aller möglichen
       "Götter", die  doch nur  das mehr  oder weniger  unklare und ver-
       zerrte Abbild  des Menschen  selbst sind.  Wenn also Carlyle nach
       Ben Jonson  sagt, der  Mensch habe seine Seele verloren und fange
       jetzt an, ihren Mangel zu merken, so würde der richtige Ausdruck
       -----
       1*) das Recht der ersten Nacht
       
       #547# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
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       dafür sein:  der Mensch  hat in  der Religion  sein eigenes Wesen
       verloren, sich seiner Menschheit entäußert und merkt jetzt, nach-
       dem die Religion durch den Fortschritt der Geschichte wankend ge-
       worden ist,  seine Leerheit  und Haltlosigkeit. Es ist aber keine
       andre Rettung für ihn, er kann seine Menschheit, sein Wesen nicht
       anders wieder erobern als durch eine gründliche Überwindung aller
       religiösen Vorstellungen und eine entschiedene, aufrichtige Rück-
       kehr nicht zu "Gott", sondern zu sich selbst.
       Alles das  steht auch  in Goethe, dem "Propheten", und wer offene
       Augen hat,  der kann  es herauslesen. Goethe hatte nicht gern mit
       "Gott" zu  tun; das  Wort machte  ihn unbehaglich, er fühlte sich
       nur im  Menschlichen heimisch,  und diese  Menschlichkeit,  diese
       Emanzipation der  Kunst von  den Fesseln  der Religion macht eben
       Goethes Größe  aus. Weder  die Alten noch Shakespeare können sich
       in dieser Beziehung mit ihm messen. Aber diese vollendete Mensch-
       lichkeit, diese Überwindung des religiösen Dualismus kann nur von
       dem in ihrer ganzen historischen Bedeutung erfaßt werden, dem die
       andre Seite  der deutschen  Nationalentwicklung, die Philosophie,
       nicht fremd  ist. Was  Goethe erst  unmittelbar, also in gewissem
       Sinne allerdings "prophetisch" aussprechen konnte, das ist in der
       neuesten deutschen  Philosophie entwickelt  und  begründet.  Auch
       Carlyle trägt  Voraussetzungen in  sich, die konsequenterweise zu
       dem oben  entwickelten Standpunkt  führen müssen. Der Pantheismus
       ist selbst  nur die  letzte Vorstufe zur freien, menschlichen An-
       schauungsweise. Die  Geschichte, die  Carlyle als die eigentliche
       "Offenbarung" hinstellt,  enthält eben  nur Menschliches, und nur
       durch einen Gewaltstreich kann ihr Inhalt der Menschheit entzogen
       und auf  Rechnung eines "Gottes" gebracht werden. Die Arbeit, die
       freie Tätigkeit,  in der  Carlyle ebenfalls einen "Kultus" sieht,
       ist wieder  eine rein menschliche Angelegenheit und kann auch nur
       auf gewaltsame  Weise mit  "Gott" in  Verbindung gebracht werden.
       Wozu fortwährend  ein Wort  in den  Vordergrund drängen,  das  im
       b e s t e n   Falle nur die Unendlichkeit der Unbestimmtheit aus-
       drückt und noch dazu den Schein des Dualismus aufrechterhält? ein
       Wort, das  in sich selbst die Nichtigkeitserklärung der Natur und
       Menschheit ist?
       Soviel für  die  innerliche,  religiöse  Seite  des  Carlyleschen
       Standpunktes. Die Beurteilung der äußerlichen, politisch-sozialen
       knüpft sich  unmittelbar hieran; Carlyle hat noch Religion genug,
       um in  einem Zustande  der Unfreiheit zu bleiben; der Pantheismus
       erkennt immer noch etwas Höheres an als den Menschen als solchen.
       Daher sein  Verlangen nach  einer "wahrhaften Aristokratie", nach
       "Heroen"; als  ob diese  Heroen im besten Falle mehr sein könnten
       als  M e n s c h e n.  Hätte er den Menschen als Menschen in sei-
       ner ganzen Unendlichkeit begriffen, so würde er nicht auf die Ge-
       danken gekommen sein,
       
       #548# Friedrich Engels
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       die Menschheit wieder in zwei Haufen Schafe und Böcke, Regierende
       und Regierte,  Aristokraten und Kanaille, Herren und Dummköpfe zu
       trennen, so  würde er  die richtige  soziale Stellung des Talents
       nicht im  gewaltsamen Regieren, sondern im Anregen und Vorangehen
       gefunden haben.  Das Talent hat die Masse von der Wahrheit seiner
       Ideen zu  überzeugen und  wird sich dann nicht weiter um die ganz
       von selbst  folgende Ausführung  derselben zu  plagen haben.  Die
       Menschheit macht  den Durchgang  durch  die  Demokratie  wahrlich
       nicht deshalb,  um zuletzt  wieder da anzukommen, von wo sie aus-
       ging. -  Was Carlyle übrigens von der Demokratie sagt, läßt wenig
       zu wünschen  übrig, wenn  wir das soeben Angedeutete, die Unklar-
       heit über das Ziel, den Zweck der modernen Demokratie, ausschlie-
       ßen. Die  Demokratie ist  allerdings  nur  Durchgangspunkt,  aber
       nicht zu  einer neuen,  verbesserten  Aristokratie,  sondern  zur
       wirklichen, menschlichen  Freiheit; ebenso wie die Irreligiosität
       des Zeitalters  zuletzt zur  vollkommenen Emanzipation  von allem
       Religiösen, Übermenschlichen  und Übernatürlichen,  nicht aber zu
       dessen Wiederherstellung leiten wird.
       Carlyle erkennt  die Unzulänglichkeit von "Konkurrenz, Nachfrage"
       und "Zufuhr,  Mammonismus" usw. an und ist weit entfernt, die ab-
       solute Berechtigung  des Grundbesitzes  zu behaupten.  Warum  nun
       nicht den einfachen Schluß aus allen diesen Voraussetzungen gezo-
       gen und  das  Eigentum  überhaupt  verworfen?  Wie  will  er  die
       "Konkurrenz", "Nachfrage  und Zufuhr",  Mammonismus usw. vernich-
       ten, solange die Wurzel von alledem, das Privateigentum, besteht?
       "Organisation der  Arbeit" kann  dazu nichts  tun, sie  kann ohne
       eine gewisse Identität der Interessen gar nicht durchgeführt wer-
       den. Warum nun nicht konsequent durchgegriffen, die Identität der
       Interessen, den  einzig menschlichen  Zustand proklamiert und da-
       durch allen  Schwierigkeiten, aller Unbestimmtheit und Unklarheit
       ein Ende gemacht?
       Carlyle erwähnt  in allen seinen Rhapsodien der englischen Sozia-
       listen mit  keiner Silbe.  Solange er  auf seinem jetzigen, gegen
       die Masse  der Gebildeten Englands allerdings unendlich weit vor-
       ausgeschrittenen, aber  immer noch  abstrakt-theoretischen Stand-
       punkt stehenbleibt,  wird er sich mit ihren Bestrebungen freilich
       nicht besonders  befreunden können.  Die  englischen  Sozialisten
       sind rein  praktisch und schlagen deshalb auch Maßregeln, Koloni-
       sation der Heimat usw. in etwas Morrisons-pillenmäßiger Form vor;
       ihre Philosophie ist echt englisch, skeptisch, d.h., sie verzwei-
       feln an  der Theorie  und halten sich für die Praxis an den Mate-
       rialismus, auf  den ihr ganzes soziales System basiert ist; alles
       das wird  Carlyle wenig zusagen, aber er ist ebenso einseitig wie
       sie. Beide  haben den Widerspruch nur  i n n e r h a l b  des Wi-
       derspruchs überwunden; die Sozialisten innerhalb der Praxis, Car-
       lyle innerhalb
       
       #549# Die Lage Englands. Thomas Carlyles "Past and Present"
       -----
       der Theorie, und auch da nur unmittelbar, während die Sozialisten
       über den praktischen Widerspruch entschieden und durch das Denken
       hinausgekommen sind. Die Sozialisten sind eben noch Engländer, wo
       sie bloß  Menschen sein  sollten, sie  kennen von der philosophi-
       schen Entwicklung  des Kontinents  nur den  Materialismus,  nicht
       auch die  deutsche Philosophie,  das ist  all ihr Mangel, und sie
       arbeiten direkt auf die Auflösung dieser Lücke hin, indem sie auf
       die Aufhebung  der Nationalunterschiede hinarbeiten. Wir brauchen
       gar so eilig nicht zu sein, ihnen die deutsche Philosophie aufzu-
       drängen, zu  der sie von selbst kommen werden und die ihnen jetzt
       wenig nützen  könnte. Jedenfalls sind sie aber die einzige Partei
       in England, die eine Zukunft hat, so schwach sie auch verhältnis-
       mäßig sein  mögen. Die  Demokratie, der  Chartismus muß sich bald
       durchsetzen, und  dann hat  die Masse der englischen Arbeiter nur
       die Wahl zwischen dem Hungertode und dem Sozialismus.
       Für Carlyle  und seinen  Standpunkt ist  die Unkenntnis der deut-
       schen Philosophie  nicht so  gleichgültig. Er  ist für sich deut-
       scher Theoretiker  und dabei doch durch seine Nationalität an die
       Empirie gewiesen;  er steht in einem schreienden Widerspruch, der
       nur dadurch zu lösen ist, daß er den deutsch-theoretischen Stand-
       punkt bis  zu seiner  letzten Konsequenz, bis zur totalen Versöh-
       nung  mit  der  Empirie  fortentwickelt.  Carlyle  hat  nur  noch
       e i n e n,   aber, wie alle Erfahrung in Deutschland gezeigt hat,
       einen schweren Schritt zu tun, um über den Widerspruch, in dem er
       sich bewegt,  herauszukommen. Es ist zu wünschen, daß er ihn tue,
       und obwohl er nicht mehr jung ist, wird er ihn doch wohl tun kön-
       nen, denn  der Fortschritt, den sein letztes Buch zeigt, beweist,
       daß er noch nicht aus der Entwicklung herausgetreten ist. [231]
       Nach allem  diesem ist  Carlyles Buch einer deutschen Übersetzung
       zehntausendmal eher wert als alle die Legionen englischer Romane,
       die täglich und stündlich nach Deutschland importiert werden, und
       ich kann  zu einer  solchen Übersetzung  nur  raten.  Aber  unsre
       Fahrikübersetzer mögen  ihre Finger  nur  davon  halten!  Carlyle
       schreibt ein  apartes Englisch,  und ein  Übersetzer,  der  nicht
       tüchtig Englisch und Anspielungen auf englische Verhältnisse ver-
       steht, würde die lächerlichsten Schnitzer machen.
       Nach dieser,  etwas allgemeinen Einleitung werde ich in den näch-
       sten Heften  dieser Zeitschrift genauer auf die Lage Englands und
       ihren Kern,  die Lage  der arbeitenden  Klasse eingehen. Die Lage
       Englands ist von der unermeßlichsten Bedeutung für die Geschichte
       und für  alle andern  Länder; denn in sozialer Beziehung ist Eng-
       land allerdings allen andern Ländern weit voraus.
       
       F. Engels
       
       Geschrieben im Januar 1844.
       Nach: "Deutsch-Französische Jahrbücher". Paris 1844.

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