Quelle: MEW 1 1839 - 1844


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       Friedrich Engels
       Die Lage Englands
       
       I
       Das achtzehnte Jahrhundert
       
       ["Vorwärts!" Nr. 70 vom 31. August 1844]
       Dem Anscheine  nach ist das Jahrhundert der Revolution an England
       ohne viel  Veränderung vorübergegangen. Während auf dem Kontinent
       eine ganze  alte Welt zertrümmert wurde, während ein fünfundzwan-
       zigjähriger Krieg die Atmosphäre reinigte, blieb in England alles
       ruhig, wurde  weder Staat noch Kirche irgendwie bedroht. Und doch
       hat England  seit der Mitte des vergangnen Jahrhunderts eine grö-
       ßere Umwälzung durchgemacht als irgendein anderes Land - eine Um-
       wälzung, die  um so folgenreicher ist, je stiller sie bewerkstel-
       ligt wurde,  und die  deshalb aller  Wahrscheinlichkeit nach  ihr
       Ziel eher in der Praxis erreichen wird als die französische poli-
       tische oder  die deutsche  philosophische Revolution. Die Revolu-
       tion Englands ist eine soziale und daher umfassender und eingrei-
       fender als irgendeine andere. Es gibt kein noch so entlegenes Ge-
       biet menschlicher Erkenntnis und menschlicher Lebensverhältnisse,
       das nicht zu ihr beigetragen und wiederum von ihr eine veränderte
       Stellung empfangen  hätte. Die  soziale Revolution  ist erst  die
       wahre Revolution,  in der die politische und philosophische Revo-
       lution ausmünden müssen; und diese soziale Revolution ist in Eng-
       land schon  seit siebzig  oder achtzig  Jahren im  Gange und geht
       eben jetzt mit raschen Schritten ihrer Krisis entgegen.
       Das achtzehnte  Jahrhundert war die Zusammenfassung, die Sammlung
       der Menschheit  aus der  Zersplitterung und  Vereinzelung, in die
       sie durch das Christentum geworfen war; der vorletzte Schritt zur
       Selbsterkenntnis und Selbstbefreiung der Menschheit, der aber als
       der vorletzte  darum auch  noch einseitig im Widerspruch stecken-
       blieb. Das  achtzehnte Jahrhundert faßte die Resultate der bishe-
       rigen Geschichte,  die bis  dahin nur  vereinzelt und in der Form
       der Zufälligkeit aufgetreten waren, zusammen und entwickelte ihre
       Notwendigkeit und ihre innere Verkettung. Die zahllosen,
       
       #551# Die Lage Englands. Das 18. Jahrhundert
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       durcheinander gewürfelten  Data der  Erkenntnis wurden  geordnet,
       gesondert und in Kausalverbindung gebracht; das Wissen wurde Wis-
       senschaft, und die Wissenschaften näherten sich ihrer Vollendung,
       d.h. knüpften  sich auf  der einen  Seite an die Philosophie, auf
       der andern an die Praxis an. Vor dem achtzehnten Jahrhunderte gab
       es keine Wissenschaft; die Erkenntnis der Natur nahm ihre wissen-
       schaftliche Form erst im achtzehnten Jahrhundert an oder in eini-
       gen Zweigen ein paar Jahre vorher. Newton schuf die wissenschaft-
       liche Astronomie  durch das Gravitationsgesetz, die wissenschaft-
       liche Optik  durch die Zersetzung des Lichts, die wissenschaftli-
       che Mathematik durch den binomischen Satz und die Theorie des Un-
       endlichen und die wissenschaftliche Mechanik durch die Erkenntnis
       der Natur der Kräfte. Die Physik erhielt ebenfalls im achtzehnten
       Jahrhundert ihren  wissenschaftlichen Charakter; die Chemie wurde
       durch Black, Lavoisier und Priestley erst geschaffen; die Geogra-
       phie wurde  durch die  Bestimmung der  Gestalt der  Erde und  die
       vielen, jetzt  erst mit Nutzen für die Wissenschaft unternommenen
       Reisen zur Wissenschaft erhoben; ebenso die Naturgeschichte durch
       Buffon und  Linné; selbst  die Geologie  fing allmählich an, sich
       aus dem  Strudel phantastischer  Hypothesen, in  dem sie  verkam,
       herauszuarbeiten. Der  Gedanke der Enzyklopädie war für das acht-
       zehnte Jahrhundert  charakteristisch; er  beruhte auf dem Bewußt-
       sein, daß  alle diese  Wissenschaften unter  sich zusammenhängen,
       war aber noch nicht imstande, die Übergänge zu machen, und konnte
       sie daher  nur einfach  nebeneinanderstellen. Ebenso  in der  Ge-
       schichte; wir  finden jetzt  zuerst bändereiche Kompilationen der
       Weltgeschichte, noch  ohne Kritik  und vollends ohne Philosophie,
       aber doch  allgemeine Geschichte anstatt der bisherigen lokal und
       zeitlich beschränkten  Geschichtsfragmente. Die Politik wurde auf
       eine menschliche  Basis gestellt  und die  Nationalökonomie durch
       Adam Smith  reformiert. Die Spitze der Wissenschaft des achtzehn-
       ten Jahrhunderts  war der Materialismus, das erste System der Na-
       turphilosophie und  die Folge  jener Vollendung  der Naturwissen-
       schaften. Der  Kampf gegen  die abstrakte Subjektivität des Chri-
       stentums trieb  die Philosophie  des achtzehnten Jahrhunderts auf
       die entgegengesetzte  Einseitigkeit; der  Subjektivität wurde die
       Objektivität, dem  Geist die  Natur, dem Spiritualismus der Mate-
       rialismus, dem  abstrakt Einzelnen  das abstrakt  Allgemeine, die
       Substanz, entgegengesetzt.  Das achtzehnte  Jahrhundert  war  die
       Wiederbelebung des  antiken Geistes  gegenüber dem  christlichen;
       Materialismus und Republik, die Philosophie und Politik der alten
       Welt, erstanden  aufs neue, und die Franzosen, die Repräsentanten
       des antiken  Prinzips   i n n e r h a l b   des Christentums, be-
       mächtigten sich für eine Zeitlang der historischen Initiative.
       
       #552# Friedrich Engels
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       Das achtzehnte Jahrhundert löste also den großen Gegensatz nicht,
       der die  Geschichte von Anfang an beschäftigt hat und dessen Ent-
       wicklung die  Geschichte ausmacht, den Gegensatz von Substanz und
       Subjekt, Natur  und Geist, Notwendigkeit und Freiheit; es stellte
       aber die  Seiten des  Gegensatzes in ihrer ganzen Schroffheit und
       vollkommen entwickelt einander gegenüber und machte dadurch seine
       Aufhebung notwendig. Die Folge dieser klaren, letzten Entwicklung
       des Gegensatzes  war die  allgemeine Revolution, die sich auf die
       verschiedenen Nationalitäten  verteilte, und  deren bevorstehende
       Vollendung zugleich die Lösung des Gegensatzes der bisherigen Ge-
       schichte sein  wird. Die Deutschen, das christlich-spiritualisti-
       sche Volk,  erlebten eine  philosophische Revolution; die Franzo-
       sen, das  antik-materialistische, daher  politische Volk,  hatten
       die Revolution auf politischem Wege durchzumachen; die Engländer,
       deren Nationalität eine Mischung deutscher und französischer Ele-
       mente ist,  die also  beide Seiten des Gegensatzes in sich tragen
       und deshalb  universeller sind  als ein jeder der beiden Faktoren
       für sich,  wurden daher  auch in eine universellere, eine soziale
       Revolution hereingerissen.  - Dies wird näherer Ausführung bedür-
       fen, da die Stellung der Nationalitäten wenigstens für die neuere
       Zeit in  unserer Geschichtsphilosophie  bis jetzt sehr ungenügend
       oder vielmehr gar nicht behandelt worden ist.
       Daß Deutschland, Frankreich und England die drei leitenden Länder
       der gegenwärtigen  Geschichte sind,  darf ich  wohl als zugegeben
       annehmen; daß die Deutschen das christlich-spiritualistische, die
       Franzosen das  antik-materialistische Prinzip, mit andern Worten,
       daß jene die Religion und Kirche, diese die Politik und den Staat
       vertreten, ist  ebenso einleuchtend oder wird es seinerzeit schon
       gemacht werden;  die Bedeutung  der Engländer  in der neueren Ge-
       schichte ist  weniger in  die Augen fallend und für unsern gegen-
       wärtigen Zweck  auch am  wichtigsten. Die  englische Nation wurde
       gebildet von  Germanen und Romanen zu einer Zeit, wo beide Natio-
       nen sich erst eben voneinander geschieden und ihre Entwicklung zu
       den beiden  Seiten des Gegensatzes kaum begonnen hatten. Die ger-
       manischen und  romanischen Elemente entwickelten sich nebeneinan-
       der und  bildeten zuletzt eine Nationalität, die beide Einseitig-
       keiten unvermittelt in sich trägt. Der germanische Idealismus be-
       hielt so  viel freies  Spiel, daß er sogar in sein Gegenteil, die
       abstrakte Äußerlichkeit,  umschlagen konnte; die noch gesetzliche
       Verkäuflichkeit der  Weiber und  Kinder, und der Handelsgeist der
       Engländer überhaupt,  ist entschieden  auf Rechnung  des germani-
       schen Elements  zu bringen. Ebenso schlug der romanische Materia-
       lismus in  abstrakten Idealismus,  Innerlichkeit und Religiosität
       um; daher  das Phänomen der Fortdauer des romanischen Katholizis-
       mus  i n n e r h a l b  des germanischen
       
       #553# Die Lage Englands. Das 18. Jahrhundert
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       Protestantismus, die  Staatskirche, das  Papsttum der Fürsten und
       die durchaus katholische Art, die Religion mit Förmlichkeiten ab-
       zufertigen. Der Charakter der englischen Nationalität ist der un-
       gelöste Widerspruch,  die Vereinigung  der schroffsten Kontraste.
       Die Engländer sind das religiöseste Volk der Welt und zu gleicher
       Zeit das irreligiöseste; sie plagen sich mehr um das Jenseits als
       irgendeine andre  Nation, und  doch leben  sie dabei,  als ob das
       Diesseits ihr  Eins und  Alles sei;  ihre Aussicht auf den Himmel
       hindert sie  nicht im  mindesten, ebenso  fest an  die "Hölle des
       Kein-Geld-Verdienens" zu  glauben. Daher  die ewige innere Unruhe
       der Engländer, die das Gefühl der Unfähigkeit, den Widerspruch zu
       lösen, ist  und sie  aus sich selbst heraus zur Tätigkeit treibt.
       Das Gefühl  des Widerspruchs ist die Quelle der Energie, aber der
       sich bloß  entäußernden Energie, und dies Gefühl des Widerspruchs
       war die  Quelle der  Kolonisation, der  Schiffahrt, der Industrie
       und überhaupt der ungeheuren praktischen Tätigkeit der Engländer.
       Die Unfähigkeit,  den Widerspruch  zu lösen, geht durch die ganze
       englische Philosophie hindurch und treibt sie auf die Empirie und
       den Skeptizismus.  Weil Bacon  mit  s e i n e r  Vernunft den Wi-
       derspruch von  Idealismus und Realismus nicht lösen konnte, mußte
       die Vernunft  überhaupt dazu unfähig sein, der Idealismus kurzweg
       verworfen und  in der  Empirie das einzige Rettungsmittel gesehen
       werden. Aus derselben Quelle geht die Kritik des Erkenntnisvermö-
       gens und die psychologische Richtung überhaupt hervor, in der die
       englische Philosophie  sich von  Anfang an  ausschließlich bewegt
       hat, und die dann zuletzt, nach allen vergeblichen Versuchen, den
       Widerspruch zu lösen, ihn für unlösbar, die Vernunft für unzurei-
       chend erklärt  und entweder im religiösen Glauben oder in der Em-
       pirie Rettung  sucht. Der  Humesche Skeptizismus ist noch heutzu-
       tage die  Form alles irreligiösen Philosophierens in England. Wir
       können nicht  wissen, räsoniert  diese Anschauungsweise,  ob  ein
       Gott existiert;  wenn einer  existiert, so ist jede Kommunikation
       mit uns  für ihn  unmöglich, und  wir haben  also unsre Praxis so
       einzurichten, als  ob keiner existierte. Wir können nicht wissen,
       ob der  Geist vom Körper verschieden und unsterblich ist; wir le-
       ben also  so, als  ob dies  Leben unser einziges wäre, und plagen
       uns nicht  mit Dingen,  die über unsern Verstand gehen. Kurz, die
       Praxis dieses Skeptizismus ist genau der französische Materialis-
       mus; aber in der metaphysischen Theorie bleibt er in der Unfähig-
       keit der  definitiven Entscheidung  stecken. - Weil die Engländer
       aber beide Elemente, die auf dem Kontinent die Geschichte entwic-
       kelten, in  sich trugen,  darum waren  sie imstande,  selbst ohne
       viel mit  dem Kontinent  zu  verkehren,  doch  mit  der  Bewegung
       Schritt zu halten und ihr zuweilen sogar voraus zu sein. Die eng-
       lische Revolution des siebzehnten Jahrhunderts ist genau das Vor-
       bild
       
       #554# Friedrich Engels
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       der französischen  von 1789.  Im "langen Parlament" sind die drei
       Stufen, die  in Frankreich  als konstituierende  und  legislative
       Versammlung und  Nationalkonvent auftraten, leicht zu unterschei-
       den; der Übergang von konstitutioneller Monarchie zur Demokratie,
       Militärdespotismus, Restauration  und juste-milieu-Revolution ist
       in der  englischen Revolution scharf ausgeprägt. Cromwell ist Ro-
       bespierre und Napoleon in einer Person; der Gironde, dem Berg und
       den Hebertisten  und Babouvisten  entsprechen die Presbyterianer,
       Independenten und Levellers; das politische Resultat ist bei bei-
       den ziemlich kläglich, und die ganze Parallele, die noch viel ge-
       nauer ausgeführt  werden könnte,  beweist nebenbei  auch, daß die
       religiöse und  die irreligiöse  Revolution, solange sie politisch
       bleiben, beide  am Ende auf eines herauskommen. Freilich war dies
       Voraussein der Engländer vor dem Kontinent nur momentan und glich
       sich allmählich  wieder aus;  die englische Revolution endigte im
       juste-milieu und  der Schöpfung  der beiden  nationalen Parteien,
       während die  französische noch  nicht abgeschlossen  ist und sich
       nicht abschließen kann, bevor sie bei demselben Resultat angekom-
       men ist,  bei dem  die deutsche  philosophische und die englische
       soziale Revolution anzukommen haben.
       Der englische  Nationalcharakter ist  so vom deutschen sowohl wie
       vom französischen wesentlich verschieden; die Verzweiflung an der
       Aufhebung des  Gegensatzes und  die daraus folgende totale Hinge-
       bung an  die Empirie  ist ihm eigentümlich. Auch das reine Germa-
       nentum verkehrte  seine abstrakte  Innerlichkeit in abstrakte Äu-
       ßerlichkeit, aber  diese Äußerlichkeit  verlor die Spur ihres Ur-
       sprungs nie  und blieb  der Innerlichkeit  und dem Spiritualismus
       stets untergeordnet.  Auch die Franzosen stehen auf der materiel-
       len, empirischen  Seite; aber weil diese Empirie unmittelbare Na-
       tionalrichtung, nicht  eine sekundäre  Folge eines in sich selbst
       zerspaltenen Nationalbewußtseins  ist, macht sie sich in nationa-
       ler, allgemeiner  Weise geltend,  äußert sie  sich als politische
       Tätigkeit. Der  Deutsche behauptete die absolute Berechtigung des
       Spiritualismus und  suchte die allgemeinen Interessen der Mensch-
       heit daher  in der Religion und später in der Philosophie zu ent-
       wickeln. Der  Franzose stellte diesem Spiritualismus den Materia-
       lismus als  absolut berechtigt  gegenüber und  nahm infolgedessen
       den Staat  als die ewige Form dieser Interessen an. Der Engländer
       aber   h a t   keine allgemeinen  Interessen, er  kann von  ihnen
       nicht reden,  ohne den wunden Fleck, den Widerspruch zu berühren,
       er verzweifelt an ihnen und hat nur Einzelinteressen. Diese abso-
       lute Subjektivität,  die Zersplitterung  des Allgemeinen  in  die
       vielen Einzelnen  ist allerdings germanischen Ursprungs, aber wie
       gesagt, von  ihrer Wurzel  getrennt  und  darum  bloß    e m p i-
       r i s c h  wirksam, und
       
       #555# Die Lage Englands. Das 18. Jahrhundert
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       unterscheidet eben  die englische  soziale von  der französischen
       politischen Empirie.  Frankreichs Tätigkeit  war stets  national,
       von vornherein ihrer Ganzheit und Allgemeinheit sich bewußt; Eng-
       lands Tätigkeit war die Arbeit unabhängiger, nebeneinanderstehen-
       der Individuen,  die Bewegung  unverbundner Atome, die selten und
       dann nur  aus  i n d i v i d u e l l e m  Interesse, als ein Gan-
       zes zusammenwirkten,  und deren Einheitslosigkeit gerade jetzt in
       allgemeinem Elend  und gänzlicher  Zersplitterung ans  Tageslicht
       tritt.
       Mit andern  Worten, nur  England hat  eine   s o z i a l e    Ge-
       schichte. Nur  in England  haben die  Individuen als solche, ohne
       mit Bewußtsein  allgemeine Prinzipien zu vertreten, die nationale
       Entwicklung gefördert  und ihrem  Abschluß nahegebracht. Nur hier
       hat die Masse als Masse, um ihrer eignen Einzelinteressen willen,
       gewirkt; nur  hier sind  die Prinzipien  in Interessen verwandelt
       worden, ehe  sie auf  die Geschichte  Einfluß haben  konnten. Die
       Franzosen und  Deutschen kommen  auch allmählich zur sozialen Ge-
       schichte, aber  sie haben  sie noch nicht. Auch auf dem Kontinent
       hat es  Armut, Elend  und sozialen  Druck gegeben, aber das blieb
       ohne Wirkung  auf die  nationale Entwicklung;  aber das Elend und
       die Armut der arbeitenden Klasse des heutigen Englands hat natio-
       nale, und mehr als das, hat weltgeschichtliche Bedeutung. Das so-
       ziale Moment  ist auf  dem Kontinent  noch ganz unter dem politi-
       schen vergraben,  hat sich  noch gar nicht von ihm getrennt, wäh-
       rend in England das politische Moment allmählich von dem sozialen
       überwunden und ihm dienstbar geworden ist. Alle englische Politik
       ist im  Grunde sozialer  Natur, und  nur weil  England noch nicht
       über den Staat hinausgekommen, weil die Politik ein Notbehelf für
       es ist, nur darum äußern sich die sozialen Fragen politisch.
       Solange Staat  und Kirche  die einzigen Formen sind, in denen die
       allgemeinen Bestimmungen  des menschlichen Wesens sich verwirkli-
       chen, solange  kann von  sozialer Geschichte nicht die Rede sein.
       Das Altertum und das Mittelalter konnten daher auch keine soziale
       Entwicklung aufweisen;  erst die Reformation, der erste, noch be-
       fangene und  dumpfe Versuch einer Reaktion gegen das Mittelalter,
       brachte einen  sozialen Umschwung, die Verwandlung der Leibeignen
       in "freie"  Arbeiter, hervor.  Aber auch  dieser Umschwung  blieb
       ohne viel  nachhaltige Wirkung  auf dem  Kontinent, ja  er setzte
       sich hier  eigentlich erst  mit der  Revolution  des  achtzehnten
       Jahrhunderts durch;  während in  England mit  der Reformation das
       Geschlecht der  Leibeignen in vilains, bordars, cottars und so in
       eine Klasse  persönlich freier  Arbeiter verwandelt wurde und das
       achtzehnte Jahrhundert  hier bereits  die Konsequenzen dieser Um-
       wälzung entwickelte.  Warum dies nur in England geschah, ist oben
       auseinandergesetzt.
       
       #556# Friedrich Engels
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       ["Vorwärts!" Nr. 71 vom 4. September 1844]
       Das Altertum,  das noch nichts von dem Rechte des Subjekts wußte,
       dessen ganze  Weltanschauung wesentlich abstrakt, allgemein, sub-
       stantiell war,  konnte deshalb nicht ohne die Sklaverei bestehen.
       Die christlich-germanische Weltansicht stellte die abstrakte Sub-
       jektivität, daher  die Willkür,  die Innerlichkeit, den Spiritua-
       lismus dem Altertum gegenüber als Grundprinzip auf; diese Subjek-
       tivität mußte  aber, eben  weil sie  abstrakt, einseitig war, so-
       gleich sich in ihr Gegenteil verkehren und statt der Freiheit des
       Subjekts die  Sklaverei des  Subjekts erzeugen. Die abstrakte In-
       nerlichkeit wurde  abstrakte Äußerlichkeit, Wegwerfung und Veräu-
       ßerung des  Menschen, und  die erste Folge des neuen Prinzips war
       die Wiederherstellung  der Sklaverei in einer andern, weniger an-
       stößigen, aber darum heuchlerischen und unmenschlicheren Gestalt,
       der Leibeigenschaft. Die Auflösung des Feudalsystems, die politi-
       sche Reformation,  d.h. die  s c h e i n b a r e  Anerkennung der
       Vernunft, und  daher die wirkliche Vollendung der Unvernunft, hob
       diese Leibeigenschaft  s c h e i n b a r  auf, machte sie aber in
       der Wirklichkeit  nur unmenschlicher  und allgemeiner. Sie sprach
       zuerst aus, daß die Menschheit nicht mehr durch Zwang, d.h. durch
       p o l i t i s c h e,   sondern durch  das Interesse,  d.h.  durch
       s o z i a l e   Mittel zusammengehalten  werden solle,  und legte
       durch dies  neue Prinzip  die Basis  zur sozialen Bewegung. Aber,
       obwohl sie  den Staat so negierte, stellte sie ihn auf der andern
       Seite erst  recht wieder  her, indem  sie ihm  den bisher von der
       Kirche usurpierten  Inhalt zurückgab  und dadurch dem während des
       Mittelalters inhaltlose und nichtigen Staat die Kraft einer neuen
       Entwicklung verlieh.  Aus den Ruinen des Feudalismus entstand der
       christliche Staat,  die Vollendung des christlichen Weltzustandes
       nach der politischen Seite hin; durch die Erhebung des Interesses
       zum allgemeinen  Prinzip vollendete sich dieser christliche Welt-
       zustand nach  einer andern  Seite. Denn das Interesse ist wesent-
       lich subjektiv,  egoistisch, Einzelinteresse, und als solches die
       höchste Spitze  des germanisch-christlichen  Subjektivitäts-  und
       Vereinzelungsprinzips. Die  Folge der Erhebung des Interesses zum
       Bande der  Menschheit ist, solange das Interesse eben unmittelbar
       subjektiv, einfach  egoistisch bleibt,  notwendig die  allgemeine
       Zersplitterung,  die   Konzentrierung  der  Individuen  auf  sich
       selbst, die  Isolierung, die  Verwandlung der Menschheit in einen
       Haufen einander  abstoßender Atome;  und diese  Vereinzelung  ist
       wiederum die  letzte Konsequenz  des christlichen Subjektivitäts-
       prinzips, die  Vollendung des  christlichen Weltzustandes.  - So-
       lange ferner  die Grundveräußerung,  das Privateigentum bestehen-
       bleibt, solange  muß das Interesse notwendig Einzelinteresse sein
       und seine Herrschaft sich als die Herrschaft des Eigentums
       
       #557# Die Lage Englands. Das 18. Jahrhundert
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       erweisen. Die  Auflösung der feudalen Knechtschaft hat "bare Zah-
       lung zum  einzigen Bande  der Menschheit"  gemacht. Das Eigentum,
       das dem  menschlichen, geistigen  gegenüberstehende,  natürliche,
       geistlose Element,  wird dadurch  auf den  Thron erhoben,  und in
       letzter Instanz, um diese Veräußerung zu vollenden, das Geld, die
       veräußerte, leere  Abstraktion des  Eigentums, zum Herrn der Welt
       gemacht. Der  Mensch hat  aufgehört, Sklave  des Menschen zu sein
       und ist  Sklave der  S a c h e  geworden; die Verkehrung der men-
       schlichen Verhältnisse ist vollendet; die Knechtschaft der moder-
       nen Schacherwelt,  die ausgebildete, vollkommne, universelle Ver-
       käuflichkeit  ist   unmenschlicher  und  allumfassender  als  die
       Leibeigenschaft der  Feudalzeit; die  Prostitution ist  unsittli-
       cher, bestialischer  als das  jus primae noctis 1*). - Höher kann
       der christliche  Weltzustand nicht  getrieben werden;  er muß  in
       sich selbst  zusammenbrechen und einem menschlichen, vernünftigen
       Zustande Platz  machen. Der  christliche Staat ist nur die letzte
       mögliche Erscheinungsform  des Staats  überhaupt, mit dessen Fall
       der Staat als solcher fallen muß. Die Auflösung der Menschheit in
       eine Masse  isolierter, sich abstoßender Atome ist an sich selbst
       schon die  Vernichtung aller  korporativen, nationalen  und über-
       haupt besonderen  Interessen und  die letzte notwendige Stufe zur
       freien Selbstvereinigung  der Menschheit. Die Vollendung der Ver-
       äußerung in  der Herrschaft  des Geldes  ist ein  unvermeidlicher
       Durchgang, wenn  der Mensch,  wie er  denn jetzt  nahe daran ist,
       wieder zu sich selbst kommen soll.
       Die soziale Revolution in England hat diese Konsequenzen der Auf-
       hebung des  Feudalsystems so weit entwickelt, daß die Krisis, die
       den christlichen  Weltzustand vernichten  wird, nicht  mehr  fern
       sein kann,  ja, daß  die Epoche dieser Krisis, wenn auch nicht in
       Jahren und  quantitativ, so doch qualitativ mit Bestimmtheit vor-
       ausgesagt werden kann; diese Krisis muß nämlich eintreten, sobald
       die Korngesetze  abgeschafft  und  die  Volks-Charte  eingeführt,
       d.h., sobald die Adelsaristokratie durch die Geldaristokratie und
       diese durch die arbeitende Demokratie politisch besiegt ist.
       Das sechzehnte  und siebzehnte Jahrhundert hatten alle Vorausset-
       zungen der sozialen Revolution ins Leben gerufen, das Mittelalter
       aufgelöst, den sozialen, politischen und religiösen Protestantis-
       mus etabliert, die Kolonien, die Seemacht und den Handel Englands
       geschaffen und  eine zunehmende,  schon ziemlich mächtige Mittel-
       klasse neben die Aristokratie gestellt. Die sozialen Verhältnisse
       setzten sich allmählich nach den Unruhen des siebzehnten Jahrhun-
       derts und  nahmen eine  feste Gestalt  an, die sie bis gegen 1780
       oder 1790 hin behielten.
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       1*) Recht der ersten Nacht
       
       #558# Friedrich Engels
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       Es gab  damals  drei  Klassen  von  Grundbesitzern,  die  adligen
       Landlords, noch  die einzige  und unangegriffene Aristokratie des
       Reichs, die  ihre Grundstücke  in Parzellen  verpachtete und  die
       Renten in  London oder  auf Reisen  verzehrte;  die  nichtadligen
       Landlords oder  Country Gentlemen  (gewöhnlich Squires betitelt),
       die auf  ihren Landsitzen  lebten, ihr  Land verpachteten und die
       aristokratische Auszeichnung,  die ihrer  niedrigen Geburt, ihrem
       Mangel an  Bildung und ihrem bäurisch derben Wesen in den Städten
       verweigert wurde,  dafür von ihren Pächtern und den andern Bewoh-
       nern der  Umgegend genossen.  Diese Klasse  ist jetzt  total ver-
       schwunden. Die  alten Squires, die unter den Landleuten der Umge-
       gend  mit   patriarchalischer  Autorität   herrschten,  Ratgeber,
       Schiedsrichter, alles  in allem  waren, sind  ganz  ausgestorben;
       ihre Nachkommen  nennen sich  die unbetitelte  Aristokratie  Eng-
       lands, wetteifern  an Bildung und feinem Benehmen, an Aufwand und
       aristokratischem Wesen  mit dem  Adel, der  wenig mehr  vor ihnen
       voraushat, und  haben mit ihren ungeschliffenen und derben Vorel-
       tern nur den Grundbesitz gemein. - Die dritte Klasse der Grundbe-
       sitzer waren  die Yeomen,  Eigentümer kleiner  Parzellen, die sie
       selbst bebauten,  gewöhnlich auf  die gute alte nachlässige Weise
       ihrer Vorfahren;  auch diese Klasse ist aus England verschwunden,
       die soziale  Revolution hat sie expropriiert und das Kuriosum zu-
       stande gebracht,  daß zu  derselben Zeit,  wo in  Frankreich  der
       große Grundbesitz  gewaltsam parzelliert  wurde, in  England  die
       Parzellen von  dem großen Grundbesitz attrahiert und verschlungen
       wurden. Neben  den Yeomen  standen kleine Pächter, die gewöhnlich
       außer ihrem Landbau noch Weberei betrieben; auch sie sind im heu-
       tigen England  nicht mehr zu finden; fast alles Land ist jetzt in
       wenige und  große Güter geteilt und so verpachtet. Die Konkurrenz
       der großen  Pächter schlug die kleinen Pächter und Yeomen aus dem
       Markt und  verarmte sie; sie wurden Ackerbautaglöhner und vom Ar-
       beitslohn abhängige Weber und lieferten die Massen, von deren Zu-
       fluß die Städte mit so wunderbarer Schnelligkeit zunahmen.
       Die Bauern  führten also seinerzeit ein stilles und geruhiges Le-
       ben in  aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, lebten ohne viel Sor-
       gen, aber  auch ohne  Bewegung, ohne  allgemeines Interesse, ohne
       Bildung, ohne  geistige Tätigkeit;  sie waren noch auf der vorge-
       schichtlichen Stufe.  Die Lage  der Städte war nicht viel anders.
       Nur London  war ein  bedeutender Handelsplatz;  Liverpool,  Hull,
       Bristol, Manchester,  Birmingham, Leeds, Glasgow waren noch nicht
       der Rede  wert. Die Hauptindustriezweige, Spinnen und Weben, wur-
       den meist  auf dem  Lande und wenigstens außerhalb der Städte, in
       der Umgegend,  betrieben; die Anfertigung von Metall- und Töpfer-
       waren stand noch auf der handwerksmäßigen Stufe der Entwickelung;
       was konnte also viel
       
       #559# Die Lage Englands. Das 18. Jahrhundert
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       in den  Städten geschehen?  Die unübertreffliche  Einfachheit des
       Wahlsystems überhob  die Bürger  aller politischen Sorge, man war
       nominell Whig  oder Tory,  wußte aber sehr gut, daß das im Grunde
       gleichgültig sei, da man kein Stimmrecht hatte; kleine Kaufleute,
       Krämer und  Handwerker machten  die ganze  Bürgerschaft  aus  und
       führten das bekannte, dem heutigen Engländer so ganz unbegreifli-
       che Kleinstädterleben.  Die Bergwerke  wurden noch wenig benutzt;
       Eisen, Kupfer und Zinn lagen ziemlich ruhig in der Erde, und Koh-
       len wurden  nur für  häusliche Zwecke  benutzt. Kurz, England war
       damals in  einem Zustande, in dem sich, schlimm genug, der größte
       Teil Frankreichs und besonders Deutschlands noch befindet, in ei-
       nem Zustande vorsündflutlicher Apathie gegen alles allgemeine und
       geistige Interesse,  in der  sozialen Kindheit,  in der  es  noch
       keine Gesellschaft,  noch kein  Leben, kein Bewußtsein, keine Tä-
       tigkeit gibt.  Dieser Zustand  ist de  facto die  Fortsetzung des
       Feudalismus und  der mittelalterlichen Gedankenlosigkeit und wird
       erst mit dem Auftreten des modernen Feudalismus, mit der Spaltung
       der Gesellschaft  in Besitzer  und Nichtbesitzer, überwunden. Wir
       auf dem  Kontinent, wie  gesagt, stecken  noch tief in diesem Zu-
       stande; die  Engländer haben ihn seit achtzig Jahren bekämpft und
       seit vierzig  Jahren überwunden. Wenn die Zivilisation eine Sache
       der Praxis,  eine soziale Qualität ist, so sind die Engländer al-
       lerdings das zivilisierteste Volk der Welt.
       Ich sagte oben, die Wissenschaften hätten im achtzehnten Jahrhun-
       dert ihre wissenschaftliche Form angenommen und infolgedessen ei-
       nerseits an die Philosophie, anderseits an die Praxis angeknüpft.
       Das Resultat ihrer Anknüpfung an die Philosophie war der Materia-
       lismus (der  ebensosehr Newton  wie Locke zu seiner Voraussetzung
       hat), die Aufklärung, die französische politische Revolution. Das
       Resultat ihrer Anknüpfung an die Praxis war die englische soziale
       Revolution.
       1760 kam  Georg III. zur Regierung, trieb die Whigs, die seit Ge-
       org I. fast ununterbrochen im Ministerium gewesen waren, aber na-
       türlich durchaus konservativ regiert hatten, heraus und legte die
       Basis zu dem bis 1830 dauernden Monopol der Tories. Die Regierung
       erhielt dadurch  ihre innere  Wahrheit wieder; in einer politisch
       konservativen Epoche  Englands war  es durchaus  billig, daß  die
       konservative Partei  regieren sollte. Die soziale Bewegung absor-
       bierte von  nun an  die Kräfte der Nation und drängte das politi-
       sche Interesse  zurück, ja zerstörte es, denn alle innere Politik
       ist von nun an nur versteckter Sozialismus, die Form, die die so-
       zialen Fragen  annehmen, um in allgemeiner, nationaler Weise sich
       geltend machen zu können.
       1763 begann  Dr. James  Watt von Greenock, sich mit der Konstruk-
       tion der Dampfmaschine zu beschäftigen und vollendete sie 1768.
       
       #560# Friedrich Engels
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       1763 legte  Josiah Wedgwood  durch Einführung  wissenschaftlicher
       Prinzipien den  Grund zur  englischen Töpferei.  Durch seine  Be-
       mühungen ist  ein wüster  Landstrich in Staffordshire in eine ge-
       werbfleißige Gegend  - die  Potteries -  umgeschaffen, die  jetzt
       60.000 Menschen  beschäftigt und  in der sozial-politischen Bewe-
       gung der letzten Jahre eine sehr wichtige Rolle gespielt hat.
       1764 erfand  James Hargreaves  in Lancashire  die spinning-jenny,
       eine Maschine,  die von  einem Arbeiter  getrieben,  ihn  instand
       setzte, sechzehnmal mehr als auf dem alten Spinnrade zu spinnen.
       1768 erfand  Richard Arkwright,  ein Barbier  aus Preston in Lan-
       cashire, die  spinning-throstle, die erste Spinnmaschine, die von
       vornherein auf  mechanische Triebkraft  berechnet war. Sie produ-
       zierte water-twist,  d.h. das  beim Verweben als Kette gebrauchte
       Garn.
       1776 erfand  Samuel Crompton in Bolton, Lancashire, die spinning-
       mule durch  eine Vereinigung der bei der Jenny und Throstle ange-
       wandten mechanischen  Prinzipien. Die Mule, wie die Jenny, spinnt
       den mule-twist,  d.h. den Einschlag des Webers; alle drei Maschi-
       nen sind für die Verarbeitung der Baumwolle bestimmt.
       1787 erfand  Dr. Cartwright  den mechanischen Webstuhl, der indes
       noch mehrere  Verbesserungen erlitt und erst 1801 praktisch ange-
       wendet werden konnte.
       Diese Erfindungen  regten die  soziale Bewegung  an. Ihre nächste
       Folge war das Entstehen der englischen Industrie, und zwar zuerst
       der Baumwollenverarbeitung.  Die Jenny  hatte zwar  die Erzeugung
       des Garns  billiger gemacht  und durch die hieraus erfolgende Er-
       weiterung des  Marktes der  Industrie den  ersten Anstoß gegeben;
       aber sie  ließ die  soziale Seite, die Art des Industriebetriebs,
       ziemlich unberührt.  Erst Arkwrights  und Cromptons Maschinen und
       Watts Dampfmaschine  brachten die Bewegung in Gang, indem sie das
       Fabriksystem schufen. Kleinere, durch Pferde oder Wasserkraft ge-
       triebene Fabriken  erstanden zuerst,  wurden aber  bald durch die
       größeren, mit  Wasser oder  Dampf getriebenen Fabriken verdrängt.
       Die erste Dampfspinnerei wurde 1785 in Nottinghamshire durch Watt
       angelegt; ihr folgten andere, und bald wurde das neue System all-
       gemein. Die  Ausdehnung  der  Dampfspinnerei,  wie  alle  anderen
       gleichzeitigen und  späteren industriellen Reformen, ging mit ei-
       ner ungeheuern  Schnelligkeit vorwärts.  Die Einfuhr  roher Baum-
       wolle, die  1770 noch  unter fünf  Millionen Pfund  jährlich war,
       stieg auf  54 Millionen  Pfund (1800)  und 1836 auf 360 Millionen
       Pfund. Jetzt  kam der Dampfwebstuhl zur praktischen Anwendung und
       gab dem industriellen Fortschritt neuen Impuls; sämtliche Maschi-
       nen erfuhren unzählbare
       
       #561# Die Lage Englands. Das 18. Jahrhundert
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       kleine, aber  in ihrer  Summe sehr bedeutende Verbesserungen, und
       jede neue Verbesserung hatte günstigen Einfluß auf die Ausdehnung
       des ganzen industriellen Systems. Alle Zweige der Baumwollenindu-
       strie wurden  revolutioniert; die Druckerei wurde durch Anwendung
       mechanischer Hülfen  und zugleich mit der Färberei und Bleicherei
       durch den  Fortschritt der Chemie unendlich gehoben; die Fabrika-
       tion von  Strumpfwaren wurde mit in den Strom gerissen; seit 1809
       wurden feine Baumwollsachen, Tüll, Spitzen usw. mit Maschinen ge-
       macht. Mir fehlt hier der Raum, den Fortschritt der Baumwollenfa-
       brikation durch  die Details  seiner Geschichte zu verfolgen; ich
       kann nur  das Resultat geben, und das wird, der vorsündflutlichen
       Industrie mit  ihren 4 Millionen Pfund Baumwolleneinfuhr, mit ih-
       rem Spinnrade, Handkratze und Handwebstuhl gegenüber, seinen Ein-
       druck nicht verfehlen.
       1833 wurden  im britischen  Reich 10.264  Millionen Stränge  Garn
       gesponnen, deren  Länge über  5.000 Millionen Meilen beträgt, 350
       Millionen Ellen Baumwollengewebe gedruckt; 1.300 Baumwollenfabri-
       ken waren  in Arbeit, in denen 237.000 Spinner und Weber arbeite-
       ten; über  9 Millionen Spindeln, 100.000 Dampf- und 240.000 Hand-
       webstühle, 33.000  Strumpfwebstühle und  3.500  Bobbinetmaschinen
       waren in  Arbeit; 33.000  Pferdekraft Dampf,  11.000  Pferdekraft
       Wasser trieben  Maschinen zur Verarbeitung von Baumwolle, und an-
       derthalb Millionen  Menschen lebten direkt oder indirekt von die-
       sem Industriezweige.  Lancashire nährt  sich allein,  Lanarkshire
       großenteils vom Spinnen und Weben der Baumwolle; Nottinghamshire,
       Derbyshire und Leicestershire sind die Hauptsitze der untergeord-
       neten Zweige  der Baumwollenindustrie.  Die Quantität  der ausge-
       führten Baumwollenwaren  hat sich  seit  1801  verachtfacht;  die
       Masse der im Lande selbst verbrauchten ist noch viel mehr gestie-
       gen.
       
       ["Vorwärts!" Nr. 72 vom 7. September 1844]
       Der der  Baumwollenfabrikition gegebene  Anstoß teilte  sich bald
       den übrigen Industriezweigen mit. Die  W o l l e n industrie  war
       bis dahin  der Haupterwerbszweig gewesen; sie wurde jetzt von der
       Baumwolle zurückgedrängt,  aber statt abzunehmen, dehnte sie sich
       ebenfalls aus. 1785 lag die ganze in drei Jahren gesammelte Wolle
       unverarbeitet da;  die Spinner konnten sie nicht aufarbeiten, so-
       lange sie  bei ihrem  unbeholfenen Spinnrad  blieben. Da fing man
       an, die Baumwollspinnmaschinen auf Wolle anzuwenden, was nach ei-
       nigen Veränderungen vollkommen gelang, und nun erfuhr die Wollen-
       industrie dieselbe rasche Ausdehnung, die wir schon bei der Baum-
       wollenfabrikation gesehen  haben. Die  Einfuhr roher  Wolle stieg
       von 7  Millionen Pfund  (1801) auf  42 Millionen Pfund (1835); in
       letzterem Jahre waren
       
       #562# Friedrich Engels
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       1.300 Wollenfabriken mit 71.300 Arbeitern in Tätigkeit, ungerech-
       net einer  Masse von Handwebern, die zu Hause arbeiten, und Druc-
       kern, Färbern,  Bleichern etc.  etc., die  ebenfalls indirekt von
       der Wollenverarbeitung  leben. Die  Hauptsitze dieses  Industrie-
       zweiges sind  das West-Riding  von Yorkshire  und der "Westen von
       England" (besonders Somersetshire, Wiltshire etc.).
       Die   L e i n e n industrie   hatte früher ihren Hauptsitz in Ir-
       land. Gegen  das Ende  des vorigen Jahrhunderts wurden die ersten
       Fabriken zur  Verarbeitung des  Flachses, und  zwar in Schottland
       errichtet. Die  Maschinerie war indes noch sehr unvollkommen; das
       Material legte Schwierigkeiten in den Weg, die bedeutende Modifi-
       kationen der  Maschinen erforderten.  Der Franzose  Girard (1810)
       vervollkommnete sie  zuerst; aber  erst in  England wurden  diese
       Verbesserungen praktisch  wichtig. Die  Anwendung  des  Dampfweb-
       stuhls auf  Leinen wurde  noch später durchgeführt; und von jetzt
       an hob  sich die Leinenfabrikation, obwohl sie von der Konkurrenz
       der Baumwolle  zu leiden  hatte, mit ungeheurer Schnelligkeit. In
       England wurde  Leeds, in Schottland Dundee, in Irland Belfast ihr
       Zentralpunkt. Dundee allein importierte 1814: 3.000, 1834: 19.000
       Tons Flachs.  Die Leinenausfuhr  Irlands, wo sich die Handweberei
       noch neben der Dampfweberei gehalten hat, stieg von 1800 bis 1825
       um 20  Millionen Yards, die fast alle nach England gingen und von
       da aus teilweise wieder ausgeführt wurden; die Ausfuhr des ganzen
       britischen Reichs nach fremden Ländern stieg von 1820 bis 1833 um
       27 Millionen  Yards; 1835 waren 347 Flachsfabriken in Arbeit, von
       denen 170 in Schottland; in diesen Fabriken waren 33.000 Arbeiter
       beschäftigt, ungerechnet die vielen irischen Handwerker.
       Die   S e i d e n industrie   wurde erst  seit 1824 durch die Ab-
       schaffung der drückenden Zölle wichtig; seitdem hat sich die Ein-
       fuhr roher Seide verdoppelt und die Zahl der Fabriken auf 266 mit
       30.000 Arbeitern  vermehrt. Der Hauptsitz dieses Industriezweiges
       ist Cheshire (Macclesfield, Congleton und Umgegend), dann Manche-
       ster, und  in Schottland  Paisley. Der  Sitz der Bandwirkerei ist
       Coventry in Warwickshire.
       Diese vier Industriezweige, die Anfertigung von Garn und Geweben,
       wurden so  total revolutioniert. An die Stelle der häuslichen Ar-
       beit trat  die gemeinschaftliche  Arbeit in  großen Gebäuden; die
       Handarbeit wurde  durch die  Triebkraft des Dampfs und die Tätig-
       keit der  Maschinen ersetzt. Mit Hülfe der Maschine tat jetzt ein
       Kind von  acht Jahren  mehr als früher zwanzig erwachsene Männer;
       sechshunderttausend Fabrikarbeiter,  von denen  die Hälfte Kinder
       und mehr  als die  Hälfte weiblichen  Geschlechts, tun die Arbeit
       von hundertfünfzig Millionen Menschen.
       
       #563# Die Lage Englands. Das 18. Jahrhundert
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       Dies ist aber nur der Anfang der industriellen Umwälzung. Wir ha-
       ben gesehn,  wie Färben,  Drucken und  Bleichen durch  den  Fort-
       schritt des Spinnens und Webens ausgedehnt wurden und infolgedes-
       sen sich  bei der  Mechanik und Chemie Hülfe holten. Seit der An-
       wendung der Dampfmaschine und der metallnen Zylinder beim Drucken
       tut ein  Mann die Arbeit von zweihundert; durch die Benutzung des
       Chlors statt  des Sauerstoffs beim Bleichen ist die Zeit der Ope-
       ration von  ein paar  Monaten auf  ein  paar  Stunden  reduziert.
       Dehnte sich  so der  Einfluß der industriellen Revolution auf die
       Prozesse aus, die  n a c h  dem Spinnen und Weben mit dem Produkt
       vorgenommen werden,  so war  die Rückwirkung auf das Material der
       neuen Industrie  noch viel bedeutender. Die Dampfmaschine gab den
       unerschöpflichen Kohlenlagern, die sich unter der Oberfläche Eng-
       lands hinziehen,  erst ihren Wert; neue Kohlenbergwerke wurden in
       Masse eröffnet  und die  alten mit  doppelter Energie bearbeitet.
       Die Anfertigung  der Spinnmaschinen  und Webstühle  fing auch an,
       einen eignen Industriezweig zu bilden und wurde zu einer von kei-
       ner andern  Nation erreichten  Vollkommenheit gesteigert. Die Ma-
       schinen wurden  durch Maschinen  gemacht, und  durch eine bis ins
       einzelnste gehende Teilung der Arbeit wurde die Präzision und Ge-
       nauigkeit erreicht,  die den Vorzug der englischen Maschinen aus-
       macht. Die  Maschinenfabrikation wirkte wieder auf die Eisen- und
       Kupfergewinnung zurück, die indes ihren Hauptanstoß von einer an-
       dern Seite  her, aber immer noch durch den anfänglichen, von Watt
       und Arkwright bewirkten Umschwung erhielt.
       Die Folgen  des einmal gegebenen industriellen Anstoßes sind end-
       los. Die  Bewegung eines Industriezweiges teilt sich allen andern
       mit. Die  neugeschaffnen Kräfte  verlangen Nahrung,  wie wir eben
       gesehen haben;  die neugeschaffne  arbeitende Bevölkerung  bringt
       neue Lebensverhältnisse  und neue  Bedürfnisse mit.  Die mechani-
       schen Vorteile  der Fabrikation  verringern den  Preis des Fabri-
       kats, machen also die Lebensbedürfnisse und infolgedessen den Ar-
       beitslohn überhaupt wohlfeiler; alle andern Produkte können wohl-
       feiler verkauft werden und erlangen dadurch einen im Verhältnisse
       ihrer Wohlfeilheit  ausgedehnteren Markt.  Das Beispiel  der vor-
       teilhaft angewendeten  mechanischen Hülfsmittel  einmal  gegeben,
       wird allmählich in allen Industriezweigen nachgeahmt, die Steige-
       rung der Zivilisation, die die unfehlbare Folge aller industriel-
       len Verbesserungen ist, schafft neue Bedürfnisse, neue Fabrikati-
       onszweige und  dadurch wieder  neue Verbesserungen. Die Folge der
       revolutionierten Baumwollspinnerei  mußte eine Revolution der ge-
       samten Industrie sein; und wenn wir die Mitteilung der bewegenden
       Kraft an  die entfernteren Zweige des industriellen Systems nicht
       immer verfolgen können, so ist daran nur der Mangel der statisti-
       schen und historischen
       
       #564# Friedrich Engels
       -----
       Data schuld.  Wir werden  aber überall  sehen, daß die Einführung
       mechanischer Hülfsmittel und überhaupt wissenschaftlicher Prinzi-
       pien die Triebfeder des Fortschritts war.
       Die  M e t a l l verarbeitung  ist nach dem Spinnen und Weben der
       Hauptindustriezweig Englands. Warwickshire (Birmingham) und Staf-
       fordshire (Wolverhampton)  sind  die  Hauptsitze  desselben.  Die
       Dampfkraft wurde  sehr bald zu Hülfe genommen, und hierdurch, so-
       wie durch Teilung der Arbeit, die Produktionskosten der Metallwa-
       ren um  drei Viertel reduziert. Dafür vervierfachte sich die Aus-
       fuhr von  1800 bis  1835. In ersterem Jahre wurden 86.000 Zentner
       Eisen- und ebensoviel Kupferwaren exportiert, in letzterm 320.000
       Zentner Eisen-  und 210.000 Zentner Kupfer- und Messingwaren. Die
       Ausfuhr von  Stangen- und  Gußeisen wurde  auch erst jetzt bedeu-
       tend; 1800 wurden 4.600 Tons Stangeneisen, 1835 14.000 Tons Stan-
       gen- und 14.000 Tons Gußeisen ausgeführt.
       Die englischen  Messerwaren werden alle in Sheffield gemacht. Die
       Benutzung der  Dampfkraft, namentlich  zum Schleifen und Polieren
       der Klingen,  die Verwandlung  von Eisen in Stahl, die erst jetzt
       wichtig wurde, und die neuerfundene Methode, Stahl zu gießen, be-
       wirkten auch  hier eine vollständige Revolution. Sheffield allein
       verbraucht jährlich  500.000 Tons  Kohlen und  12.000 Tons Eisen,
       von denen 10.000 Tons ausländisches (besonders schwedisches).
       Der Verbrauch  gußeiserner Waren  datiert auch  seit der  letzten
       Hälfte des  vorigen Jahrhunderts und ist erst in den letzten Jah-
       ren zu der Bedeutung gestiegen, die er jetzt hat. Die Gasbeleuch-
       tung (seit  1804 praktisch eingeführt) schuf einen ungeheuern Be-
       darf für  gußeiserne Röhren; die Eisenbahnen, Kettenbrücken usw.,
       die Maschinerie  usw. steigerten  diesen Bedarf  noch mehr.  1780
       wurde das Puddeln, d.h. die Verwandlung des Gußeisens in schmied-
       bares Eisen durch Hitze und Entziehung des Kohlenstoffs erfunden,
       und dies gab den englischen Eisenbergwerken neue Bedeutung. Wegen
       Mangels an  Holzkohlen  hatten  die  Engländer  bis  dahin  alles
       Schmiedeeisen von  außen beziehen müssen. Seit 1790 wurden Nägel,
       seit 1810 Schrauben durch Maschinen gemacht; 1760 erfand Huntsman
       in Sheffield das Stahlgießen; Draht wurde durch Maschinerie gezo-
       gen, und  überhaupt in die ganze Eisen- und Messingindustrie eine
       Masse neuer  Maschinen eingeführt, die Handarbeit verdrängt, und,
       soviel die  Natur der  Sache es zuließ, das Fabriksystem durchge-
       setzt.
       Die Ausdehnung  der Bergwerke  war nur die notwendige Folge hier-
       von. Bis 1788 war alles Eisenerz mit Holzkohle geschmolzen worden
       und die  Eisengewinnung daher  durch die  geringe  Quantität  des
       Brennmaterials beschränkt.
       
       #565# Die Lage Englands. Das 18. Jahrhundert
       -----
       Seit 1788 fing man an, Koks (geschwefelte Kohlen) statt der Holz-
       kohlen anzuwenden  und versechsfachte dadurch in sechs Jahren das
       Quantum der  jährlichen Gewinnung.  1740 wurden  jährlich  17.000
       Tons, 1835  wurden 553.000  Tons gewonnen. Die Ausbeute der Zinn-
       und Kupferminen  verdreifachte sich seit 1770. Aber neben den Ei-
       senminen sind  die Kohlengruben  die wichtigsten  Bergwerke  Eng-
       lands. Die  Ausdehnung der Kohlengewinnung seit der Mitte des vo-
       rigen Jahrhunderts ist gar nicht zu berechnen. Die Masse der Koh-
       len, die jetzt von den zahllosen in Fabriken und Bergwerken täti-
       gen Dampfmaschinen,  von den  Schmiedeessen, von  den Schmelzöfen
       und Gießereien  und von  der Privatheizung einer verdoppelten Be-
       völkerung verbraucht wird, steht mit dem vor hundert oder achtzig
       Jahren verbrauchten Quantum in gar keinem Verhältnis. Die Schmel-
       zung des  Roheisens allein  verzehrt jährlich über drei Millionen
       Tons (zu zwanzig Zentner die Tons).
       Die Schöpfung  der Industrie hatte zur nächsten Folge die Verbes-
       serung der  Kommunikationsmittel. Die  Straßen waren  im  vorigen
       Jahrhundert in  England ebenso  schlecht wie anderswo und blieben
       es auch,  bis der  berühmte MacAdam  den Straßenbau  auf  wissen-
       schaftliche Prinzipien reduzierte und dadurch dem Fortschritt der
       Zivilisation einen  neuen Anstoß gab. Von 1818 bis 1829 wurden in
       England und  Wales neue Chausseen von einer Gesamtlänge von 1.000
       englischen Meilen,  ungerechnet die  kleineren Feldwege, angelegt
       und fast alle alten nach MacAdams Prinzipien erneuert. In Schott-
       land legte  die Behörde  der öffentlichen Arbeiten seit 1803 über
       1.000 Brücken  an; in  Irland wurden  die weiten  Moorwüsten  des
       Südens, in  denen ein  halbwildes  Räubergeschlecht  wohnte,  von
       Straßen durchschnitten.  Hierdurch wurden alle Winkel des Landes,
       die bisher  außer aller Verbindung mit der Welt gestanden hatten,
       zugänglich gemacht;  namentlich die keltisch-redenden Bezirke Wa-
       les, die  schottischen Hochlande  und der Süden von Irland wurden
       dadurch gezwungen,  sich mit  der Außenwelt bekannt zu machen und
       die ihnen aufgedrängte Zivilisation anzunehmen.
       1755 wurde der erste erwähnenswerte Kanal in Lancashire angelegt;
       1759 fing  der Herzog  von Bridgewater  seinen Kanal  von Worsley
       nach Manchester an. Seitdem sind Kanäle von einer Gesamtlänge von
       2 200  Meilen erbaut  worden; außer  ihnen besitzt  England  noch
       1.800 Meilen  schiffbarer Flüsse, deren größter Teil auch erst in
       der letzten Zeit nutzbar gemacht worden ist.
       Seit 1807  wurde die Dampfkraft zur Forttreibung von Schiffen an-
       gewandt, und seit dem ersten britischen Dampfschiff (1811) wurden
       600 andre  erbaut. 1835  waren an  550 Dampfschiffe in britischen
       Häfen in Tätigkeit.
       
       #566# Friedrich Engels
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       Die erste öffentliche Eisenbahn wurde 1801 in Surrey gebaut; aber
       erst mit  der Eröffnung der Liverpool-Manchester Eisenbahn (1830)
       wurde das neue Kommunikationsmittel bedeutend. Sechs Jahre später
       waren 680  englische Meilen  Eisenbahnen eröffnet  und vier große
       Linien, von  London nach Birmingham, Bristol und Southampton, und
       von Birmingham  nach Manchester und Liverpool, in Arbeit. Seitdem
       wurde das  Netz über ganz England ausgedehnt; London ist der Kno-
       tenpunkt für  neun, Manchester für fünf Eisenbahnen. *) Diese Re-
       volutionierung der  englischen Industrie  ist die Basis aller mo-
       dernen englischen  Verhältnisse, die  treibende Kraft  der ganzen
       sozialen Bewegung.  Ihre erste  Folge war die schon oben angedeu-
       tete Erhebung  des Interesses  zur Herrschaft  über den Menschen.
       Das Interesse  bemächtigte sich  der neugeschaffnen industriellen
       Kräfte und  beutete sie  zu seinen  Zwecken aus; diese von Rechts
       wegen der  Menschheit gehörenden  Kräfte wurden durch die Einwir-
       kung des Privateigentums das Monopol weniger reicher Kapitalisten
       und das Mittel zur Knechtung der Masse. Der Handel nahm die Indu-
       strie in  sich auf  und wurde  dadurch allmächtig, wurde das Band
       der Menschheit;  aller persönliche  und nationale  Verkehr  löste
       sich in  Handelsverkehr auf, und, was dasselbe ist, das Eigentum,
       die Sache, wurde zum Herrn der Welt erhoben.
       
       ["Vorwärts!" Nr. 73 vom 11 September 1844]
       Die Herrschaft  des Eigentums  mußte sich  notwendig zuerst gegen
       den Staat  wenden und  diesen auflösen oder wenigstens, da es ihn
       nicht entbehren  kann, aushöhlen. Adam Smith begann diese Aushöh-
       lung gleichzeitig mit der industriellen Revolution, indem er 1776
       seine "Untersuchung über das Wesen und die Ursachen des National-
       reichtums" herausgab  und dadurch  die Finanzwissenschaft  schuf.
       Alle bisherige  Finanzwissenschaft war exklusiv national gewesen;
       die Staatswirtschaft  war als ein bloßer Zweig des ganzen Staats-
       wesens angesehen,  dem Staat  als solchen  untergeordnet  worden;
       Adam Smith  machte den Kosmopolitismus den nationalen Zwecken un-
       tertan und  erhob die  Staatswirtschaft zum  Wesen und  Zweck des
       Staats. Er  reduzierte die  Politik, die  Parteien, die Religion,
       alles auf  ökonomische Kategorien und erkannte dadurch das Eigen-
       tum als das Wesen, die Bereicherung als den
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       *) Die  obigen statistischen  Details sind  größtenteils dem Pro-
       gress of  the Nation  von G.  Porter, einem  Beamten der Board of
       Trade unter  dem Whigministerium,  also offiziellen  Quellen ent-
       lehnt. [233]
       
       #567# Die Lage Englands. Das 18. Jahrhundert
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       Zweck des  Staats an. Auf der andern Seite stützte William Godwin
       ("Politcal Justice",  1793 [234])  das republikanische System der
       Politik, stellte  zu gleicher  Zeit mit J. Bentham das Utilitäts-
       prinzip auf,  wodurch das  republikanische    S a l u s    p u b-
       l i c a  s u p r e m a  l e x  1*) zu seinen legitimen Konsequen-
       zen gebracht  wurde, und  griff das Wesen des Staats selbst durch
       seinen Satz,  daß der  Staat ein  Übel ist,  an. Godwin  faßt das
       Utilitätsprinzip noch ganz allgemein als die Pflicht des Bürgers,
       mit  Vernachlässigung   des  individuellen   Interesses  nur  dem
       allgemeinen Besten zu leben; Bentham dagegen führt die wesentlich
       soziale Natur  dieses Prinzips  weiter aus, indem er, in Überein-
       stimmung mit  der gleichzeitigen  Nationalrichtung, das Einzelin-
       teresse zur Basis des allgemeinen machte, die Identität beider in
       dem besonders  von seinem  Schüler Mill  entwickelten Satze:  daß
       Menschenliebe nichts  anders ist als aufgeklärter Egoismus, aner-
       kennt und  dem "Allgemeinen Besten" die größte Glückseligkeit der
       größten Zahl  substituiert. Bentham begeht hier in seiner Empirie
       denselben Fehler, den Hegel in der Theorie begangen hat; er macht
       nicht Ernst mit der Überwindung der Gegensätze, er macht das Sub-
       jekt zum Prädikat, das Ganze dem Teil untertan und stellt dadurch
       alles auf  den Kopf.  Erst spricht  er von der Untrennbarkeit des
       allgemeinen und  einzelnen Interesses, und nachher bleibt er ein-
       seitig beim krassen Einzelinteresse stehen; sein Satz ist nur der
       empirische Ausdruck  des andern,  daß der  Mensch die  Menschheit
       ist, aber  weil er  empirisch ausgedrückt  ist, gibt er nicht dem
       freien, selbstbewußten  und selbstschaffenden, sondern dem rohen,
       blinden, in  den Gegensätzen  befangenen Menschen  die Rechte der
       Gattung. Er  macht die  freie Konkurrenz  zum Wesen der Sittlich-
       keit, reguliert  die Beziehungen der Menschheit nach den Gesetzen
       des Eigentums,  der Sache,  nach Naturgesetzen,  und ist  so  die
       Vollendung des alten, christlichen, naturwüchsigen Weltzustandes,
       die höchste  Spitze der  Veräußerung, aber  nicht der  Anfang des
       neuen, durch  den selbstbewußten  Menschen mit voller Freiheit zu
       schaffenden Zustandes.  Er geht nicht über den Staat hinaus, aber
       er nimmt  ihm allen  Gehalt, ersetzt  die politischen  Prinzipien
       durch soziale, macht die politische Organisation zur Form des so-
       zialen Inhalts und bringt dadurch den Widerspruch auf die höchste
       Spitze.
       Zu gleicher  Zeit mit  der industriellen  Revolution entstand die
       demokratische Partei. 1769 stiftete J. Horne Tooke die Society of
       the Bill  of Rights, in der zuerst wieder seit der Republik demo-
       kratische Prinzipien  diskutiert wurden.  Wie in Frankreich waren
       die Demokraten  lauter philosophisch  gebildete Männer,  aber sie
       fanden bald, daß die höheren und Mittelklassen
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       1*) Das öffentliche Wohl ist das oberste Gesetz
       
       #568#
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       ihnen entgegenstanden  und nur die arbeitende Klasse ihren Grund-
       sätzen ein  offnes Ohr  lieh. Unter  dieser fanden  sie bald eine
       Partei, und  diese Partei war 1794 schon ziemlich stark, aber im-
       mer noch  nicht stark  genug, um  anders als  stoßweise wirken zu
       können. Von 1797 bis 1816 war von ihr keine Rede; in den bewegten
       Jahren von  1816 bis  1823 war  sie wieder  sehr tätig, sank aber
       dann bis  zur Julirevolution wieder in Untätigkeit zurück. Von da
       an hat  sie ihre  Bedeutung neben den alten Parteien behalten und
       ist in  einem regelmäßigen  Fortschritt begriffen,  wie wir  dies
       später sehen werden.
       Das wichtigste Resultat des achtzehnten Jahrhunderts war für Eng-
       land die  Schöpfung des Proletariats durch die industrielle Revo-
       lution. Die  neue Industrie  erforderte eine  stets fertige Masse
       von Arbeitern für die zahllosen neuen Zweige der Arbeit, und zwar
       Arbeiter, wie  sie bisher  nicht dagewesen  waren. Bis 1780 hatte
       England wenig Proletarier, wie dies notwendig aus der oben darge-
       stellten sozialen  Lage der Nation hervorgeht. Die Industrie kon-
       zentrierte die  Arbeit auf  Fabriken und  Städte; die Vereinigung
       der gewerblichen  und ackerbauenden Tätigkeit wurde unmöglich ge-
       macht und  die neue  Arbeiterklasse rein auf ihre Arbeit angewie-
       sen. Die bisherige Ausnahme wurde Regel und breitete sich allmäh-
       lich auch  außerhalb der Städte aus. Die Parzellenkultur des Lan-
       des wurde  durch die  großen Pächter  verdrängt und  dadurch eine
       neue Klasse  von Ackerbautaglöhnern  geschaffen. Die  Städte ver-
       dreifachten und  vervierfachten ihre  Bevölkerung, und  fast  all
       dieser Zuwuchs  bestand aus  bloßen Arbeitern. Die Ausdehnung des
       Bergbaues erforderte  ebenfalls eine  große Zahl  neuer Arbeiter,
       und auch diese lebten bloß von ihrem Taglohn.
       Auf der  andern Seite  erhob sich  die Mittelklasse zur entschie-
       denen Aristokratie.  Die Fabrikanten  vervielfachten in der indu-
       striellen Bewegung ihr Kapital auf eine wunderbar schnelle Weise;
       die Kaufleute bekamen ebenfalls ihr Teil, und das durch diese Re-
       volution geschaffene  Kapital war  das Mittel, mit dem die engli-
       sche Aristokratie die französische Revolution bekämpfte.
       Das Resultat  der ganzen  Bewegung war  das, daß England jetzt in
       drei Parteien  gespalten ist, in die Landaristokratie, die Gelda-
       ristokratie und  die arbeitende Demokratie. Diese sind die einzi-
       gen Parteien  in England, die einzigen Triebfedern, die hier wir-
       ken, und  w i e sie wirken, werden wir vielleicht in einem spätem
       Artikel darzustellen versuchen.

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