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Friedrich Engels
Die Lage Englands
I
Das achtzehnte Jahrhundert
["Vorwärts!" Nr. 70 vom 31. August 1844]
Dem Anscheine nach ist das Jahrhundert der Revolution an England
ohne viel Veränderung vorübergegangen. Während auf dem Kontinent
eine ganze alte Welt zertrümmert wurde, während ein fünfundzwan-
zigjähriger Krieg die Atmosphäre reinigte, blieb in England alles
ruhig, wurde weder Staat noch Kirche irgendwie bedroht. Und doch
hat England seit der Mitte des vergangnen Jahrhunderts eine grö-
ßere Umwälzung durchgemacht als irgendein anderes Land - eine Um-
wälzung, die um so folgenreicher ist, je stiller sie bewerkstel-
ligt wurde, und die deshalb aller Wahrscheinlichkeit nach ihr
Ziel eher in der Praxis erreichen wird als die französische poli-
tische oder die deutsche philosophische Revolution. Die Revolu-
tion Englands ist eine soziale und daher umfassender und eingrei-
fender als irgendeine andere. Es gibt kein noch so entlegenes Ge-
biet menschlicher Erkenntnis und menschlicher Lebensverhältnisse,
das nicht zu ihr beigetragen und wiederum von ihr eine veränderte
Stellung empfangen hätte. Die soziale Revolution ist erst die
wahre Revolution, in der die politische und philosophische Revo-
lution ausmünden müssen; und diese soziale Revolution ist in Eng-
land schon seit siebzig oder achtzig Jahren im Gange und geht
eben jetzt mit raschen Schritten ihrer Krisis entgegen.
Das achtzehnte Jahrhundert war die Zusammenfassung, die Sammlung
der Menschheit aus der Zersplitterung und Vereinzelung, in die
sie durch das Christentum geworfen war; der vorletzte Schritt zur
Selbsterkenntnis und Selbstbefreiung der Menschheit, der aber als
der vorletzte darum auch noch einseitig im Widerspruch stecken-
blieb. Das achtzehnte Jahrhundert faßte die Resultate der bishe-
rigen Geschichte, die bis dahin nur vereinzelt und in der Form
der Zufälligkeit aufgetreten waren, zusammen und entwickelte ihre
Notwendigkeit und ihre innere Verkettung. Die zahllosen,
#551# Die Lage Englands. Das 18. Jahrhundert
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durcheinander gewürfelten Data der Erkenntnis wurden geordnet,
gesondert und in Kausalverbindung gebracht; das Wissen wurde Wis-
senschaft, und die Wissenschaften näherten sich ihrer Vollendung,
d.h. knüpften sich auf der einen Seite an die Philosophie, auf
der andern an die Praxis an. Vor dem achtzehnten Jahrhunderte gab
es keine Wissenschaft; die Erkenntnis der Natur nahm ihre wissen-
schaftliche Form erst im achtzehnten Jahrhundert an oder in eini-
gen Zweigen ein paar Jahre vorher. Newton schuf die wissenschaft-
liche Astronomie durch das Gravitationsgesetz, die wissenschaft-
liche Optik durch die Zersetzung des Lichts, die wissenschaftli-
che Mathematik durch den binomischen Satz und die Theorie des Un-
endlichen und die wissenschaftliche Mechanik durch die Erkenntnis
der Natur der Kräfte. Die Physik erhielt ebenfalls im achtzehnten
Jahrhundert ihren wissenschaftlichen Charakter; die Chemie wurde
durch Black, Lavoisier und Priestley erst geschaffen; die Geogra-
phie wurde durch die Bestimmung der Gestalt der Erde und die
vielen, jetzt erst mit Nutzen für die Wissenschaft unternommenen
Reisen zur Wissenschaft erhoben; ebenso die Naturgeschichte durch
Buffon und Linné; selbst die Geologie fing allmählich an, sich
aus dem Strudel phantastischer Hypothesen, in dem sie verkam,
herauszuarbeiten. Der Gedanke der Enzyklopädie war für das acht-
zehnte Jahrhundert charakteristisch; er beruhte auf dem Bewußt-
sein, daß alle diese Wissenschaften unter sich zusammenhängen,
war aber noch nicht imstande, die Übergänge zu machen, und konnte
sie daher nur einfach nebeneinanderstellen. Ebenso in der Ge-
schichte; wir finden jetzt zuerst bändereiche Kompilationen der
Weltgeschichte, noch ohne Kritik und vollends ohne Philosophie,
aber doch allgemeine Geschichte anstatt der bisherigen lokal und
zeitlich beschränkten Geschichtsfragmente. Die Politik wurde auf
eine menschliche Basis gestellt und die Nationalökonomie durch
Adam Smith reformiert. Die Spitze der Wissenschaft des achtzehn-
ten Jahrhunderts war der Materialismus, das erste System der Na-
turphilosophie und die Folge jener Vollendung der Naturwissen-
schaften. Der Kampf gegen die abstrakte Subjektivität des Chri-
stentums trieb die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts auf
die entgegengesetzte Einseitigkeit; der Subjektivität wurde die
Objektivität, dem Geist die Natur, dem Spiritualismus der Mate-
rialismus, dem abstrakt Einzelnen das abstrakt Allgemeine, die
Substanz, entgegengesetzt. Das achtzehnte Jahrhundert war die
Wiederbelebung des antiken Geistes gegenüber dem christlichen;
Materialismus und Republik, die Philosophie und Politik der alten
Welt, erstanden aufs neue, und die Franzosen, die Repräsentanten
des antiken Prinzips i n n e r h a l b des Christentums, be-
mächtigten sich für eine Zeitlang der historischen Initiative.
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Das achtzehnte Jahrhundert löste also den großen Gegensatz nicht,
der die Geschichte von Anfang an beschäftigt hat und dessen Ent-
wicklung die Geschichte ausmacht, den Gegensatz von Substanz und
Subjekt, Natur und Geist, Notwendigkeit und Freiheit; es stellte
aber die Seiten des Gegensatzes in ihrer ganzen Schroffheit und
vollkommen entwickelt einander gegenüber und machte dadurch seine
Aufhebung notwendig. Die Folge dieser klaren, letzten Entwicklung
des Gegensatzes war die allgemeine Revolution, die sich auf die
verschiedenen Nationalitäten verteilte, und deren bevorstehende
Vollendung zugleich die Lösung des Gegensatzes der bisherigen Ge-
schichte sein wird. Die Deutschen, das christlich-spiritualisti-
sche Volk, erlebten eine philosophische Revolution; die Franzo-
sen, das antik-materialistische, daher politische Volk, hatten
die Revolution auf politischem Wege durchzumachen; die Engländer,
deren Nationalität eine Mischung deutscher und französischer Ele-
mente ist, die also beide Seiten des Gegensatzes in sich tragen
und deshalb universeller sind als ein jeder der beiden Faktoren
für sich, wurden daher auch in eine universellere, eine soziale
Revolution hereingerissen. - Dies wird näherer Ausführung bedür-
fen, da die Stellung der Nationalitäten wenigstens für die neuere
Zeit in unserer Geschichtsphilosophie bis jetzt sehr ungenügend
oder vielmehr gar nicht behandelt worden ist.
Daß Deutschland, Frankreich und England die drei leitenden Länder
der gegenwärtigen Geschichte sind, darf ich wohl als zugegeben
annehmen; daß die Deutschen das christlich-spiritualistische, die
Franzosen das antik-materialistische Prinzip, mit andern Worten,
daß jene die Religion und Kirche, diese die Politik und den Staat
vertreten, ist ebenso einleuchtend oder wird es seinerzeit schon
gemacht werden; die Bedeutung der Engländer in der neueren Ge-
schichte ist weniger in die Augen fallend und für unsern gegen-
wärtigen Zweck auch am wichtigsten. Die englische Nation wurde
gebildet von Germanen und Romanen zu einer Zeit, wo beide Natio-
nen sich erst eben voneinander geschieden und ihre Entwicklung zu
den beiden Seiten des Gegensatzes kaum begonnen hatten. Die ger-
manischen und romanischen Elemente entwickelten sich nebeneinan-
der und bildeten zuletzt eine Nationalität, die beide Einseitig-
keiten unvermittelt in sich trägt. Der germanische Idealismus be-
hielt so viel freies Spiel, daß er sogar in sein Gegenteil, die
abstrakte Äußerlichkeit, umschlagen konnte; die noch gesetzliche
Verkäuflichkeit der Weiber und Kinder, und der Handelsgeist der
Engländer überhaupt, ist entschieden auf Rechnung des germani-
schen Elements zu bringen. Ebenso schlug der romanische Materia-
lismus in abstrakten Idealismus, Innerlichkeit und Religiosität
um; daher das Phänomen der Fortdauer des romanischen Katholizis-
mus i n n e r h a l b des germanischen
#553# Die Lage Englands. Das 18. Jahrhundert
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Protestantismus, die Staatskirche, das Papsttum der Fürsten und
die durchaus katholische Art, die Religion mit Förmlichkeiten ab-
zufertigen. Der Charakter der englischen Nationalität ist der un-
gelöste Widerspruch, die Vereinigung der schroffsten Kontraste.
Die Engländer sind das religiöseste Volk der Welt und zu gleicher
Zeit das irreligiöseste; sie plagen sich mehr um das Jenseits als
irgendeine andre Nation, und doch leben sie dabei, als ob das
Diesseits ihr Eins und Alles sei; ihre Aussicht auf den Himmel
hindert sie nicht im mindesten, ebenso fest an die "Hölle des
Kein-Geld-Verdienens" zu glauben. Daher die ewige innere Unruhe
der Engländer, die das Gefühl der Unfähigkeit, den Widerspruch zu
lösen, ist und sie aus sich selbst heraus zur Tätigkeit treibt.
Das Gefühl des Widerspruchs ist die Quelle der Energie, aber der
sich bloß entäußernden Energie, und dies Gefühl des Widerspruchs
war die Quelle der Kolonisation, der Schiffahrt, der Industrie
und überhaupt der ungeheuren praktischen Tätigkeit der Engländer.
Die Unfähigkeit, den Widerspruch zu lösen, geht durch die ganze
englische Philosophie hindurch und treibt sie auf die Empirie und
den Skeptizismus. Weil Bacon mit s e i n e r Vernunft den Wi-
derspruch von Idealismus und Realismus nicht lösen konnte, mußte
die Vernunft überhaupt dazu unfähig sein, der Idealismus kurzweg
verworfen und in der Empirie das einzige Rettungsmittel gesehen
werden. Aus derselben Quelle geht die Kritik des Erkenntnisvermö-
gens und die psychologische Richtung überhaupt hervor, in der die
englische Philosophie sich von Anfang an ausschließlich bewegt
hat, und die dann zuletzt, nach allen vergeblichen Versuchen, den
Widerspruch zu lösen, ihn für unlösbar, die Vernunft für unzurei-
chend erklärt und entweder im religiösen Glauben oder in der Em-
pirie Rettung sucht. Der Humesche Skeptizismus ist noch heutzu-
tage die Form alles irreligiösen Philosophierens in England. Wir
können nicht wissen, räsoniert diese Anschauungsweise, ob ein
Gott existiert; wenn einer existiert, so ist jede Kommunikation
mit uns für ihn unmöglich, und wir haben also unsre Praxis so
einzurichten, als ob keiner existierte. Wir können nicht wissen,
ob der Geist vom Körper verschieden und unsterblich ist; wir le-
ben also so, als ob dies Leben unser einziges wäre, und plagen
uns nicht mit Dingen, die über unsern Verstand gehen. Kurz, die
Praxis dieses Skeptizismus ist genau der französische Materialis-
mus; aber in der metaphysischen Theorie bleibt er in der Unfähig-
keit der definitiven Entscheidung stecken. - Weil die Engländer
aber beide Elemente, die auf dem Kontinent die Geschichte entwic-
kelten, in sich trugen, darum waren sie imstande, selbst ohne
viel mit dem Kontinent zu verkehren, doch mit der Bewegung
Schritt zu halten und ihr zuweilen sogar voraus zu sein. Die eng-
lische Revolution des siebzehnten Jahrhunderts ist genau das Vor-
bild
#554# Friedrich Engels
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der französischen von 1789. Im "langen Parlament" sind die drei
Stufen, die in Frankreich als konstituierende und legislative
Versammlung und Nationalkonvent auftraten, leicht zu unterschei-
den; der Übergang von konstitutioneller Monarchie zur Demokratie,
Militärdespotismus, Restauration und juste-milieu-Revolution ist
in der englischen Revolution scharf ausgeprägt. Cromwell ist Ro-
bespierre und Napoleon in einer Person; der Gironde, dem Berg und
den Hebertisten und Babouvisten entsprechen die Presbyterianer,
Independenten und Levellers; das politische Resultat ist bei bei-
den ziemlich kläglich, und die ganze Parallele, die noch viel ge-
nauer ausgeführt werden könnte, beweist nebenbei auch, daß die
religiöse und die irreligiöse Revolution, solange sie politisch
bleiben, beide am Ende auf eines herauskommen. Freilich war dies
Voraussein der Engländer vor dem Kontinent nur momentan und glich
sich allmählich wieder aus; die englische Revolution endigte im
juste-milieu und der Schöpfung der beiden nationalen Parteien,
während die französische noch nicht abgeschlossen ist und sich
nicht abschließen kann, bevor sie bei demselben Resultat angekom-
men ist, bei dem die deutsche philosophische und die englische
soziale Revolution anzukommen haben.
Der englische Nationalcharakter ist so vom deutschen sowohl wie
vom französischen wesentlich verschieden; die Verzweiflung an der
Aufhebung des Gegensatzes und die daraus folgende totale Hinge-
bung an die Empirie ist ihm eigentümlich. Auch das reine Germa-
nentum verkehrte seine abstrakte Innerlichkeit in abstrakte Äu-
ßerlichkeit, aber diese Äußerlichkeit verlor die Spur ihres Ur-
sprungs nie und blieb der Innerlichkeit und dem Spiritualismus
stets untergeordnet. Auch die Franzosen stehen auf der materiel-
len, empirischen Seite; aber weil diese Empirie unmittelbare Na-
tionalrichtung, nicht eine sekundäre Folge eines in sich selbst
zerspaltenen Nationalbewußtseins ist, macht sie sich in nationa-
ler, allgemeiner Weise geltend, äußert sie sich als politische
Tätigkeit. Der Deutsche behauptete die absolute Berechtigung des
Spiritualismus und suchte die allgemeinen Interessen der Mensch-
heit daher in der Religion und später in der Philosophie zu ent-
wickeln. Der Franzose stellte diesem Spiritualismus den Materia-
lismus als absolut berechtigt gegenüber und nahm infolgedessen
den Staat als die ewige Form dieser Interessen an. Der Engländer
aber h a t keine allgemeinen Interessen, er kann von ihnen
nicht reden, ohne den wunden Fleck, den Widerspruch zu berühren,
er verzweifelt an ihnen und hat nur Einzelinteressen. Diese abso-
lute Subjektivität, die Zersplitterung des Allgemeinen in die
vielen Einzelnen ist allerdings germanischen Ursprungs, aber wie
gesagt, von ihrer Wurzel getrennt und darum bloß e m p i-
r i s c h wirksam, und
#555# Die Lage Englands. Das 18. Jahrhundert
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unterscheidet eben die englische soziale von der französischen
politischen Empirie. Frankreichs Tätigkeit war stets national,
von vornherein ihrer Ganzheit und Allgemeinheit sich bewußt; Eng-
lands Tätigkeit war die Arbeit unabhängiger, nebeneinanderstehen-
der Individuen, die Bewegung unverbundner Atome, die selten und
dann nur aus i n d i v i d u e l l e m Interesse, als ein Gan-
zes zusammenwirkten, und deren Einheitslosigkeit gerade jetzt in
allgemeinem Elend und gänzlicher Zersplitterung ans Tageslicht
tritt.
Mit andern Worten, nur England hat eine s o z i a l e Ge-
schichte. Nur in England haben die Individuen als solche, ohne
mit Bewußtsein allgemeine Prinzipien zu vertreten, die nationale
Entwicklung gefördert und ihrem Abschluß nahegebracht. Nur hier
hat die Masse als Masse, um ihrer eignen Einzelinteressen willen,
gewirkt; nur hier sind die Prinzipien in Interessen verwandelt
worden, ehe sie auf die Geschichte Einfluß haben konnten. Die
Franzosen und Deutschen kommen auch allmählich zur sozialen Ge-
schichte, aber sie haben sie noch nicht. Auch auf dem Kontinent
hat es Armut, Elend und sozialen Druck gegeben, aber das blieb
ohne Wirkung auf die nationale Entwicklung; aber das Elend und
die Armut der arbeitenden Klasse des heutigen Englands hat natio-
nale, und mehr als das, hat weltgeschichtliche Bedeutung. Das so-
ziale Moment ist auf dem Kontinent noch ganz unter dem politi-
schen vergraben, hat sich noch gar nicht von ihm getrennt, wäh-
rend in England das politische Moment allmählich von dem sozialen
überwunden und ihm dienstbar geworden ist. Alle englische Politik
ist im Grunde sozialer Natur, und nur weil England noch nicht
über den Staat hinausgekommen, weil die Politik ein Notbehelf für
es ist, nur darum äußern sich die sozialen Fragen politisch.
Solange Staat und Kirche die einzigen Formen sind, in denen die
allgemeinen Bestimmungen des menschlichen Wesens sich verwirkli-
chen, solange kann von sozialer Geschichte nicht die Rede sein.
Das Altertum und das Mittelalter konnten daher auch keine soziale
Entwicklung aufweisen; erst die Reformation, der erste, noch be-
fangene und dumpfe Versuch einer Reaktion gegen das Mittelalter,
brachte einen sozialen Umschwung, die Verwandlung der Leibeignen
in "freie" Arbeiter, hervor. Aber auch dieser Umschwung blieb
ohne viel nachhaltige Wirkung auf dem Kontinent, ja er setzte
sich hier eigentlich erst mit der Revolution des achtzehnten
Jahrhunderts durch; während in England mit der Reformation das
Geschlecht der Leibeignen in vilains, bordars, cottars und so in
eine Klasse persönlich freier Arbeiter verwandelt wurde und das
achtzehnte Jahrhundert hier bereits die Konsequenzen dieser Um-
wälzung entwickelte. Warum dies nur in England geschah, ist oben
auseinandergesetzt.
#556# Friedrich Engels
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["Vorwärts!" Nr. 71 vom 4. September 1844]
Das Altertum, das noch nichts von dem Rechte des Subjekts wußte,
dessen ganze Weltanschauung wesentlich abstrakt, allgemein, sub-
stantiell war, konnte deshalb nicht ohne die Sklaverei bestehen.
Die christlich-germanische Weltansicht stellte die abstrakte Sub-
jektivität, daher die Willkür, die Innerlichkeit, den Spiritua-
lismus dem Altertum gegenüber als Grundprinzip auf; diese Subjek-
tivität mußte aber, eben weil sie abstrakt, einseitig war, so-
gleich sich in ihr Gegenteil verkehren und statt der Freiheit des
Subjekts die Sklaverei des Subjekts erzeugen. Die abstrakte In-
nerlichkeit wurde abstrakte Äußerlichkeit, Wegwerfung und Veräu-
ßerung des Menschen, und die erste Folge des neuen Prinzips war
die Wiederherstellung der Sklaverei in einer andern, weniger an-
stößigen, aber darum heuchlerischen und unmenschlicheren Gestalt,
der Leibeigenschaft. Die Auflösung des Feudalsystems, die politi-
sche Reformation, d.h. die s c h e i n b a r e Anerkennung der
Vernunft, und daher die wirkliche Vollendung der Unvernunft, hob
diese Leibeigenschaft s c h e i n b a r auf, machte sie aber in
der Wirklichkeit nur unmenschlicher und allgemeiner. Sie sprach
zuerst aus, daß die Menschheit nicht mehr durch Zwang, d.h. durch
p o l i t i s c h e, sondern durch das Interesse, d.h. durch
s o z i a l e Mittel zusammengehalten werden solle, und legte
durch dies neue Prinzip die Basis zur sozialen Bewegung. Aber,
obwohl sie den Staat so negierte, stellte sie ihn auf der andern
Seite erst recht wieder her, indem sie ihm den bisher von der
Kirche usurpierten Inhalt zurückgab und dadurch dem während des
Mittelalters inhaltlose und nichtigen Staat die Kraft einer neuen
Entwicklung verlieh. Aus den Ruinen des Feudalismus entstand der
christliche Staat, die Vollendung des christlichen Weltzustandes
nach der politischen Seite hin; durch die Erhebung des Interesses
zum allgemeinen Prinzip vollendete sich dieser christliche Welt-
zustand nach einer andern Seite. Denn das Interesse ist wesent-
lich subjektiv, egoistisch, Einzelinteresse, und als solches die
höchste Spitze des germanisch-christlichen Subjektivitäts- und
Vereinzelungsprinzips. Die Folge der Erhebung des Interesses zum
Bande der Menschheit ist, solange das Interesse eben unmittelbar
subjektiv, einfach egoistisch bleibt, notwendig die allgemeine
Zersplitterung, die Konzentrierung der Individuen auf sich
selbst, die Isolierung, die Verwandlung der Menschheit in einen
Haufen einander abstoßender Atome; und diese Vereinzelung ist
wiederum die letzte Konsequenz des christlichen Subjektivitäts-
prinzips, die Vollendung des christlichen Weltzustandes. - So-
lange ferner die Grundveräußerung, das Privateigentum bestehen-
bleibt, solange muß das Interesse notwendig Einzelinteresse sein
und seine Herrschaft sich als die Herrschaft des Eigentums
#557# Die Lage Englands. Das 18. Jahrhundert
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erweisen. Die Auflösung der feudalen Knechtschaft hat "bare Zah-
lung zum einzigen Bande der Menschheit" gemacht. Das Eigentum,
das dem menschlichen, geistigen gegenüberstehende, natürliche,
geistlose Element, wird dadurch auf den Thron erhoben, und in
letzter Instanz, um diese Veräußerung zu vollenden, das Geld, die
veräußerte, leere Abstraktion des Eigentums, zum Herrn der Welt
gemacht. Der Mensch hat aufgehört, Sklave des Menschen zu sein
und ist Sklave der S a c h e geworden; die Verkehrung der men-
schlichen Verhältnisse ist vollendet; die Knechtschaft der moder-
nen Schacherwelt, die ausgebildete, vollkommne, universelle Ver-
käuflichkeit ist unmenschlicher und allumfassender als die
Leibeigenschaft der Feudalzeit; die Prostitution ist unsittli-
cher, bestialischer als das jus primae noctis 1*). - Höher kann
der christliche Weltzustand nicht getrieben werden; er muß in
sich selbst zusammenbrechen und einem menschlichen, vernünftigen
Zustande Platz machen. Der christliche Staat ist nur die letzte
mögliche Erscheinungsform des Staats überhaupt, mit dessen Fall
der Staat als solcher fallen muß. Die Auflösung der Menschheit in
eine Masse isolierter, sich abstoßender Atome ist an sich selbst
schon die Vernichtung aller korporativen, nationalen und über-
haupt besonderen Interessen und die letzte notwendige Stufe zur
freien Selbstvereinigung der Menschheit. Die Vollendung der Ver-
äußerung in der Herrschaft des Geldes ist ein unvermeidlicher
Durchgang, wenn der Mensch, wie er denn jetzt nahe daran ist,
wieder zu sich selbst kommen soll.
Die soziale Revolution in England hat diese Konsequenzen der Auf-
hebung des Feudalsystems so weit entwickelt, daß die Krisis, die
den christlichen Weltzustand vernichten wird, nicht mehr fern
sein kann, ja, daß die Epoche dieser Krisis, wenn auch nicht in
Jahren und quantitativ, so doch qualitativ mit Bestimmtheit vor-
ausgesagt werden kann; diese Krisis muß nämlich eintreten, sobald
die Korngesetze abgeschafft und die Volks-Charte eingeführt,
d.h., sobald die Adelsaristokratie durch die Geldaristokratie und
diese durch die arbeitende Demokratie politisch besiegt ist.
Das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert hatten alle Vorausset-
zungen der sozialen Revolution ins Leben gerufen, das Mittelalter
aufgelöst, den sozialen, politischen und religiösen Protestantis-
mus etabliert, die Kolonien, die Seemacht und den Handel Englands
geschaffen und eine zunehmende, schon ziemlich mächtige Mittel-
klasse neben die Aristokratie gestellt. Die sozialen Verhältnisse
setzten sich allmählich nach den Unruhen des siebzehnten Jahrhun-
derts und nahmen eine feste Gestalt an, die sie bis gegen 1780
oder 1790 hin behielten.
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1*) Recht der ersten Nacht
#558# Friedrich Engels
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Es gab damals drei Klassen von Grundbesitzern, die adligen
Landlords, noch die einzige und unangegriffene Aristokratie des
Reichs, die ihre Grundstücke in Parzellen verpachtete und die
Renten in London oder auf Reisen verzehrte; die nichtadligen
Landlords oder Country Gentlemen (gewöhnlich Squires betitelt),
die auf ihren Landsitzen lebten, ihr Land verpachteten und die
aristokratische Auszeichnung, die ihrer niedrigen Geburt, ihrem
Mangel an Bildung und ihrem bäurisch derben Wesen in den Städten
verweigert wurde, dafür von ihren Pächtern und den andern Bewoh-
nern der Umgegend genossen. Diese Klasse ist jetzt total ver-
schwunden. Die alten Squires, die unter den Landleuten der Umge-
gend mit patriarchalischer Autorität herrschten, Ratgeber,
Schiedsrichter, alles in allem waren, sind ganz ausgestorben;
ihre Nachkommen nennen sich die unbetitelte Aristokratie Eng-
lands, wetteifern an Bildung und feinem Benehmen, an Aufwand und
aristokratischem Wesen mit dem Adel, der wenig mehr vor ihnen
voraushat, und haben mit ihren ungeschliffenen und derben Vorel-
tern nur den Grundbesitz gemein. - Die dritte Klasse der Grundbe-
sitzer waren die Yeomen, Eigentümer kleiner Parzellen, die sie
selbst bebauten, gewöhnlich auf die gute alte nachlässige Weise
ihrer Vorfahren; auch diese Klasse ist aus England verschwunden,
die soziale Revolution hat sie expropriiert und das Kuriosum zu-
stande gebracht, daß zu derselben Zeit, wo in Frankreich der
große Grundbesitz gewaltsam parzelliert wurde, in England die
Parzellen von dem großen Grundbesitz attrahiert und verschlungen
wurden. Neben den Yeomen standen kleine Pächter, die gewöhnlich
außer ihrem Landbau noch Weberei betrieben; auch sie sind im heu-
tigen England nicht mehr zu finden; fast alles Land ist jetzt in
wenige und große Güter geteilt und so verpachtet. Die Konkurrenz
der großen Pächter schlug die kleinen Pächter und Yeomen aus dem
Markt und verarmte sie; sie wurden Ackerbautaglöhner und vom Ar-
beitslohn abhängige Weber und lieferten die Massen, von deren Zu-
fluß die Städte mit so wunderbarer Schnelligkeit zunahmen.
Die Bauern führten also seinerzeit ein stilles und geruhiges Le-
ben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, lebten ohne viel Sor-
gen, aber auch ohne Bewegung, ohne allgemeines Interesse, ohne
Bildung, ohne geistige Tätigkeit; sie waren noch auf der vorge-
schichtlichen Stufe. Die Lage der Städte war nicht viel anders.
Nur London war ein bedeutender Handelsplatz; Liverpool, Hull,
Bristol, Manchester, Birmingham, Leeds, Glasgow waren noch nicht
der Rede wert. Die Hauptindustriezweige, Spinnen und Weben, wur-
den meist auf dem Lande und wenigstens außerhalb der Städte, in
der Umgegend, betrieben; die Anfertigung von Metall- und Töpfer-
waren stand noch auf der handwerksmäßigen Stufe der Entwickelung;
was konnte also viel
#559# Die Lage Englands. Das 18. Jahrhundert
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in den Städten geschehen? Die unübertreffliche Einfachheit des
Wahlsystems überhob die Bürger aller politischen Sorge, man war
nominell Whig oder Tory, wußte aber sehr gut, daß das im Grunde
gleichgültig sei, da man kein Stimmrecht hatte; kleine Kaufleute,
Krämer und Handwerker machten die ganze Bürgerschaft aus und
führten das bekannte, dem heutigen Engländer so ganz unbegreifli-
che Kleinstädterleben. Die Bergwerke wurden noch wenig benutzt;
Eisen, Kupfer und Zinn lagen ziemlich ruhig in der Erde, und Koh-
len wurden nur für häusliche Zwecke benutzt. Kurz, England war
damals in einem Zustande, in dem sich, schlimm genug, der größte
Teil Frankreichs und besonders Deutschlands noch befindet, in ei-
nem Zustande vorsündflutlicher Apathie gegen alles allgemeine und
geistige Interesse, in der sozialen Kindheit, in der es noch
keine Gesellschaft, noch kein Leben, kein Bewußtsein, keine Tä-
tigkeit gibt. Dieser Zustand ist de facto die Fortsetzung des
Feudalismus und der mittelalterlichen Gedankenlosigkeit und wird
erst mit dem Auftreten des modernen Feudalismus, mit der Spaltung
der Gesellschaft in Besitzer und Nichtbesitzer, überwunden. Wir
auf dem Kontinent, wie gesagt, stecken noch tief in diesem Zu-
stande; die Engländer haben ihn seit achtzig Jahren bekämpft und
seit vierzig Jahren überwunden. Wenn die Zivilisation eine Sache
der Praxis, eine soziale Qualität ist, so sind die Engländer al-
lerdings das zivilisierteste Volk der Welt.
Ich sagte oben, die Wissenschaften hätten im achtzehnten Jahrhun-
dert ihre wissenschaftliche Form angenommen und infolgedessen ei-
nerseits an die Philosophie, anderseits an die Praxis angeknüpft.
Das Resultat ihrer Anknüpfung an die Philosophie war der Materia-
lismus (der ebensosehr Newton wie Locke zu seiner Voraussetzung
hat), die Aufklärung, die französische politische Revolution. Das
Resultat ihrer Anknüpfung an die Praxis war die englische soziale
Revolution.
1760 kam Georg III. zur Regierung, trieb die Whigs, die seit Ge-
org I. fast ununterbrochen im Ministerium gewesen waren, aber na-
türlich durchaus konservativ regiert hatten, heraus und legte die
Basis zu dem bis 1830 dauernden Monopol der Tories. Die Regierung
erhielt dadurch ihre innere Wahrheit wieder; in einer politisch
konservativen Epoche Englands war es durchaus billig, daß die
konservative Partei regieren sollte. Die soziale Bewegung absor-
bierte von nun an die Kräfte der Nation und drängte das politi-
sche Interesse zurück, ja zerstörte es, denn alle innere Politik
ist von nun an nur versteckter Sozialismus, die Form, die die so-
zialen Fragen annehmen, um in allgemeiner, nationaler Weise sich
geltend machen zu können.
1763 begann Dr. James Watt von Greenock, sich mit der Konstruk-
tion der Dampfmaschine zu beschäftigen und vollendete sie 1768.
#560# Friedrich Engels
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1763 legte Josiah Wedgwood durch Einführung wissenschaftlicher
Prinzipien den Grund zur englischen Töpferei. Durch seine Be-
mühungen ist ein wüster Landstrich in Staffordshire in eine ge-
werbfleißige Gegend - die Potteries - umgeschaffen, die jetzt
60.000 Menschen beschäftigt und in der sozial-politischen Bewe-
gung der letzten Jahre eine sehr wichtige Rolle gespielt hat.
1764 erfand James Hargreaves in Lancashire die spinning-jenny,
eine Maschine, die von einem Arbeiter getrieben, ihn instand
setzte, sechzehnmal mehr als auf dem alten Spinnrade zu spinnen.
1768 erfand Richard Arkwright, ein Barbier aus Preston in Lan-
cashire, die spinning-throstle, die erste Spinnmaschine, die von
vornherein auf mechanische Triebkraft berechnet war. Sie produ-
zierte water-twist, d.h. das beim Verweben als Kette gebrauchte
Garn.
1776 erfand Samuel Crompton in Bolton, Lancashire, die spinning-
mule durch eine Vereinigung der bei der Jenny und Throstle ange-
wandten mechanischen Prinzipien. Die Mule, wie die Jenny, spinnt
den mule-twist, d.h. den Einschlag des Webers; alle drei Maschi-
nen sind für die Verarbeitung der Baumwolle bestimmt.
1787 erfand Dr. Cartwright den mechanischen Webstuhl, der indes
noch mehrere Verbesserungen erlitt und erst 1801 praktisch ange-
wendet werden konnte.
Diese Erfindungen regten die soziale Bewegung an. Ihre nächste
Folge war das Entstehen der englischen Industrie, und zwar zuerst
der Baumwollenverarbeitung. Die Jenny hatte zwar die Erzeugung
des Garns billiger gemacht und durch die hieraus erfolgende Er-
weiterung des Marktes der Industrie den ersten Anstoß gegeben;
aber sie ließ die soziale Seite, die Art des Industriebetriebs,
ziemlich unberührt. Erst Arkwrights und Cromptons Maschinen und
Watts Dampfmaschine brachten die Bewegung in Gang, indem sie das
Fabriksystem schufen. Kleinere, durch Pferde oder Wasserkraft ge-
triebene Fabriken erstanden zuerst, wurden aber bald durch die
größeren, mit Wasser oder Dampf getriebenen Fabriken verdrängt.
Die erste Dampfspinnerei wurde 1785 in Nottinghamshire durch Watt
angelegt; ihr folgten andere, und bald wurde das neue System all-
gemein. Die Ausdehnung der Dampfspinnerei, wie alle anderen
gleichzeitigen und späteren industriellen Reformen, ging mit ei-
ner ungeheuern Schnelligkeit vorwärts. Die Einfuhr roher Baum-
wolle, die 1770 noch unter fünf Millionen Pfund jährlich war,
stieg auf 54 Millionen Pfund (1800) und 1836 auf 360 Millionen
Pfund. Jetzt kam der Dampfwebstuhl zur praktischen Anwendung und
gab dem industriellen Fortschritt neuen Impuls; sämtliche Maschi-
nen erfuhren unzählbare
#561# Die Lage Englands. Das 18. Jahrhundert
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kleine, aber in ihrer Summe sehr bedeutende Verbesserungen, und
jede neue Verbesserung hatte günstigen Einfluß auf die Ausdehnung
des ganzen industriellen Systems. Alle Zweige der Baumwollenindu-
strie wurden revolutioniert; die Druckerei wurde durch Anwendung
mechanischer Hülfen und zugleich mit der Färberei und Bleicherei
durch den Fortschritt der Chemie unendlich gehoben; die Fabrika-
tion von Strumpfwaren wurde mit in den Strom gerissen; seit 1809
wurden feine Baumwollsachen, Tüll, Spitzen usw. mit Maschinen ge-
macht. Mir fehlt hier der Raum, den Fortschritt der Baumwollenfa-
brikation durch die Details seiner Geschichte zu verfolgen; ich
kann nur das Resultat geben, und das wird, der vorsündflutlichen
Industrie mit ihren 4 Millionen Pfund Baumwolleneinfuhr, mit ih-
rem Spinnrade, Handkratze und Handwebstuhl gegenüber, seinen Ein-
druck nicht verfehlen.
1833 wurden im britischen Reich 10.264 Millionen Stränge Garn
gesponnen, deren Länge über 5.000 Millionen Meilen beträgt, 350
Millionen Ellen Baumwollengewebe gedruckt; 1.300 Baumwollenfabri-
ken waren in Arbeit, in denen 237.000 Spinner und Weber arbeite-
ten; über 9 Millionen Spindeln, 100.000 Dampf- und 240.000 Hand-
webstühle, 33.000 Strumpfwebstühle und 3.500 Bobbinetmaschinen
waren in Arbeit; 33.000 Pferdekraft Dampf, 11.000 Pferdekraft
Wasser trieben Maschinen zur Verarbeitung von Baumwolle, und an-
derthalb Millionen Menschen lebten direkt oder indirekt von die-
sem Industriezweige. Lancashire nährt sich allein, Lanarkshire
großenteils vom Spinnen und Weben der Baumwolle; Nottinghamshire,
Derbyshire und Leicestershire sind die Hauptsitze der untergeord-
neten Zweige der Baumwollenindustrie. Die Quantität der ausge-
führten Baumwollenwaren hat sich seit 1801 verachtfacht; die
Masse der im Lande selbst verbrauchten ist noch viel mehr gestie-
gen.
["Vorwärts!" Nr. 72 vom 7. September 1844]
Der der Baumwollenfabrikition gegebene Anstoß teilte sich bald
den übrigen Industriezweigen mit. Die W o l l e n industrie war
bis dahin der Haupterwerbszweig gewesen; sie wurde jetzt von der
Baumwolle zurückgedrängt, aber statt abzunehmen, dehnte sie sich
ebenfalls aus. 1785 lag die ganze in drei Jahren gesammelte Wolle
unverarbeitet da; die Spinner konnten sie nicht aufarbeiten, so-
lange sie bei ihrem unbeholfenen Spinnrad blieben. Da fing man
an, die Baumwollspinnmaschinen auf Wolle anzuwenden, was nach ei-
nigen Veränderungen vollkommen gelang, und nun erfuhr die Wollen-
industrie dieselbe rasche Ausdehnung, die wir schon bei der Baum-
wollenfabrikation gesehen haben. Die Einfuhr roher Wolle stieg
von 7 Millionen Pfund (1801) auf 42 Millionen Pfund (1835); in
letzterem Jahre waren
#562# Friedrich Engels
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1.300 Wollenfabriken mit 71.300 Arbeitern in Tätigkeit, ungerech-
net einer Masse von Handwebern, die zu Hause arbeiten, und Druc-
kern, Färbern, Bleichern etc. etc., die ebenfalls indirekt von
der Wollenverarbeitung leben. Die Hauptsitze dieses Industrie-
zweiges sind das West-Riding von Yorkshire und der "Westen von
England" (besonders Somersetshire, Wiltshire etc.).
Die L e i n e n industrie hatte früher ihren Hauptsitz in Ir-
land. Gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts wurden die ersten
Fabriken zur Verarbeitung des Flachses, und zwar in Schottland
errichtet. Die Maschinerie war indes noch sehr unvollkommen; das
Material legte Schwierigkeiten in den Weg, die bedeutende Modifi-
kationen der Maschinen erforderten. Der Franzose Girard (1810)
vervollkommnete sie zuerst; aber erst in England wurden diese
Verbesserungen praktisch wichtig. Die Anwendung des Dampfweb-
stuhls auf Leinen wurde noch später durchgeführt; und von jetzt
an hob sich die Leinenfabrikation, obwohl sie von der Konkurrenz
der Baumwolle zu leiden hatte, mit ungeheurer Schnelligkeit. In
England wurde Leeds, in Schottland Dundee, in Irland Belfast ihr
Zentralpunkt. Dundee allein importierte 1814: 3.000, 1834: 19.000
Tons Flachs. Die Leinenausfuhr Irlands, wo sich die Handweberei
noch neben der Dampfweberei gehalten hat, stieg von 1800 bis 1825
um 20 Millionen Yards, die fast alle nach England gingen und von
da aus teilweise wieder ausgeführt wurden; die Ausfuhr des ganzen
britischen Reichs nach fremden Ländern stieg von 1820 bis 1833 um
27 Millionen Yards; 1835 waren 347 Flachsfabriken in Arbeit, von
denen 170 in Schottland; in diesen Fabriken waren 33.000 Arbeiter
beschäftigt, ungerechnet die vielen irischen Handwerker.
Die S e i d e n industrie wurde erst seit 1824 durch die Ab-
schaffung der drückenden Zölle wichtig; seitdem hat sich die Ein-
fuhr roher Seide verdoppelt und die Zahl der Fabriken auf 266 mit
30.000 Arbeitern vermehrt. Der Hauptsitz dieses Industriezweiges
ist Cheshire (Macclesfield, Congleton und Umgegend), dann Manche-
ster, und in Schottland Paisley. Der Sitz der Bandwirkerei ist
Coventry in Warwickshire.
Diese vier Industriezweige, die Anfertigung von Garn und Geweben,
wurden so total revolutioniert. An die Stelle der häuslichen Ar-
beit trat die gemeinschaftliche Arbeit in großen Gebäuden; die
Handarbeit wurde durch die Triebkraft des Dampfs und die Tätig-
keit der Maschinen ersetzt. Mit Hülfe der Maschine tat jetzt ein
Kind von acht Jahren mehr als früher zwanzig erwachsene Männer;
sechshunderttausend Fabrikarbeiter, von denen die Hälfte Kinder
und mehr als die Hälfte weiblichen Geschlechts, tun die Arbeit
von hundertfünfzig Millionen Menschen.
#563# Die Lage Englands. Das 18. Jahrhundert
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Dies ist aber nur der Anfang der industriellen Umwälzung. Wir ha-
ben gesehn, wie Färben, Drucken und Bleichen durch den Fort-
schritt des Spinnens und Webens ausgedehnt wurden und infolgedes-
sen sich bei der Mechanik und Chemie Hülfe holten. Seit der An-
wendung der Dampfmaschine und der metallnen Zylinder beim Drucken
tut ein Mann die Arbeit von zweihundert; durch die Benutzung des
Chlors statt des Sauerstoffs beim Bleichen ist die Zeit der Ope-
ration von ein paar Monaten auf ein paar Stunden reduziert.
Dehnte sich so der Einfluß der industriellen Revolution auf die
Prozesse aus, die n a c h dem Spinnen und Weben mit dem Produkt
vorgenommen werden, so war die Rückwirkung auf das Material der
neuen Industrie noch viel bedeutender. Die Dampfmaschine gab den
unerschöpflichen Kohlenlagern, die sich unter der Oberfläche Eng-
lands hinziehen, erst ihren Wert; neue Kohlenbergwerke wurden in
Masse eröffnet und die alten mit doppelter Energie bearbeitet.
Die Anfertigung der Spinnmaschinen und Webstühle fing auch an,
einen eignen Industriezweig zu bilden und wurde zu einer von kei-
ner andern Nation erreichten Vollkommenheit gesteigert. Die Ma-
schinen wurden durch Maschinen gemacht, und durch eine bis ins
einzelnste gehende Teilung der Arbeit wurde die Präzision und Ge-
nauigkeit erreicht, die den Vorzug der englischen Maschinen aus-
macht. Die Maschinenfabrikation wirkte wieder auf die Eisen- und
Kupfergewinnung zurück, die indes ihren Hauptanstoß von einer an-
dern Seite her, aber immer noch durch den anfänglichen, von Watt
und Arkwright bewirkten Umschwung erhielt.
Die Folgen des einmal gegebenen industriellen Anstoßes sind end-
los. Die Bewegung eines Industriezweiges teilt sich allen andern
mit. Die neugeschaffnen Kräfte verlangen Nahrung, wie wir eben
gesehen haben; die neugeschaffne arbeitende Bevölkerung bringt
neue Lebensverhältnisse und neue Bedürfnisse mit. Die mechani-
schen Vorteile der Fabrikation verringern den Preis des Fabri-
kats, machen also die Lebensbedürfnisse und infolgedessen den Ar-
beitslohn überhaupt wohlfeiler; alle andern Produkte können wohl-
feiler verkauft werden und erlangen dadurch einen im Verhältnisse
ihrer Wohlfeilheit ausgedehnteren Markt. Das Beispiel der vor-
teilhaft angewendeten mechanischen Hülfsmittel einmal gegeben,
wird allmählich in allen Industriezweigen nachgeahmt, die Steige-
rung der Zivilisation, die die unfehlbare Folge aller industriel-
len Verbesserungen ist, schafft neue Bedürfnisse, neue Fabrikati-
onszweige und dadurch wieder neue Verbesserungen. Die Folge der
revolutionierten Baumwollspinnerei mußte eine Revolution der ge-
samten Industrie sein; und wenn wir die Mitteilung der bewegenden
Kraft an die entfernteren Zweige des industriellen Systems nicht
immer verfolgen können, so ist daran nur der Mangel der statisti-
schen und historischen
#564# Friedrich Engels
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Data schuld. Wir werden aber überall sehen, daß die Einführung
mechanischer Hülfsmittel und überhaupt wissenschaftlicher Prinzi-
pien die Triebfeder des Fortschritts war.
Die M e t a l l verarbeitung ist nach dem Spinnen und Weben der
Hauptindustriezweig Englands. Warwickshire (Birmingham) und Staf-
fordshire (Wolverhampton) sind die Hauptsitze desselben. Die
Dampfkraft wurde sehr bald zu Hülfe genommen, und hierdurch, so-
wie durch Teilung der Arbeit, die Produktionskosten der Metallwa-
ren um drei Viertel reduziert. Dafür vervierfachte sich die Aus-
fuhr von 1800 bis 1835. In ersterem Jahre wurden 86.000 Zentner
Eisen- und ebensoviel Kupferwaren exportiert, in letzterm 320.000
Zentner Eisen- und 210.000 Zentner Kupfer- und Messingwaren. Die
Ausfuhr von Stangen- und Gußeisen wurde auch erst jetzt bedeu-
tend; 1800 wurden 4.600 Tons Stangeneisen, 1835 14.000 Tons Stan-
gen- und 14.000 Tons Gußeisen ausgeführt.
Die englischen Messerwaren werden alle in Sheffield gemacht. Die
Benutzung der Dampfkraft, namentlich zum Schleifen und Polieren
der Klingen, die Verwandlung von Eisen in Stahl, die erst jetzt
wichtig wurde, und die neuerfundene Methode, Stahl zu gießen, be-
wirkten auch hier eine vollständige Revolution. Sheffield allein
verbraucht jährlich 500.000 Tons Kohlen und 12.000 Tons Eisen,
von denen 10.000 Tons ausländisches (besonders schwedisches).
Der Verbrauch gußeiserner Waren datiert auch seit der letzten
Hälfte des vorigen Jahrhunderts und ist erst in den letzten Jah-
ren zu der Bedeutung gestiegen, die er jetzt hat. Die Gasbeleuch-
tung (seit 1804 praktisch eingeführt) schuf einen ungeheuern Be-
darf für gußeiserne Röhren; die Eisenbahnen, Kettenbrücken usw.,
die Maschinerie usw. steigerten diesen Bedarf noch mehr. 1780
wurde das Puddeln, d.h. die Verwandlung des Gußeisens in schmied-
bares Eisen durch Hitze und Entziehung des Kohlenstoffs erfunden,
und dies gab den englischen Eisenbergwerken neue Bedeutung. Wegen
Mangels an Holzkohlen hatten die Engländer bis dahin alles
Schmiedeeisen von außen beziehen müssen. Seit 1790 wurden Nägel,
seit 1810 Schrauben durch Maschinen gemacht; 1760 erfand Huntsman
in Sheffield das Stahlgießen; Draht wurde durch Maschinerie gezo-
gen, und überhaupt in die ganze Eisen- und Messingindustrie eine
Masse neuer Maschinen eingeführt, die Handarbeit verdrängt, und,
soviel die Natur der Sache es zuließ, das Fabriksystem durchge-
setzt.
Die Ausdehnung der Bergwerke war nur die notwendige Folge hier-
von. Bis 1788 war alles Eisenerz mit Holzkohle geschmolzen worden
und die Eisengewinnung daher durch die geringe Quantität des
Brennmaterials beschränkt.
#565# Die Lage Englands. Das 18. Jahrhundert
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Seit 1788 fing man an, Koks (geschwefelte Kohlen) statt der Holz-
kohlen anzuwenden und versechsfachte dadurch in sechs Jahren das
Quantum der jährlichen Gewinnung. 1740 wurden jährlich 17.000
Tons, 1835 wurden 553.000 Tons gewonnen. Die Ausbeute der Zinn-
und Kupferminen verdreifachte sich seit 1770. Aber neben den Ei-
senminen sind die Kohlengruben die wichtigsten Bergwerke Eng-
lands. Die Ausdehnung der Kohlengewinnung seit der Mitte des vo-
rigen Jahrhunderts ist gar nicht zu berechnen. Die Masse der Koh-
len, die jetzt von den zahllosen in Fabriken und Bergwerken täti-
gen Dampfmaschinen, von den Schmiedeessen, von den Schmelzöfen
und Gießereien und von der Privatheizung einer verdoppelten Be-
völkerung verbraucht wird, steht mit dem vor hundert oder achtzig
Jahren verbrauchten Quantum in gar keinem Verhältnis. Die Schmel-
zung des Roheisens allein verzehrt jährlich über drei Millionen
Tons (zu zwanzig Zentner die Tons).
Die Schöpfung der Industrie hatte zur nächsten Folge die Verbes-
serung der Kommunikationsmittel. Die Straßen waren im vorigen
Jahrhundert in England ebenso schlecht wie anderswo und blieben
es auch, bis der berühmte MacAdam den Straßenbau auf wissen-
schaftliche Prinzipien reduzierte und dadurch dem Fortschritt der
Zivilisation einen neuen Anstoß gab. Von 1818 bis 1829 wurden in
England und Wales neue Chausseen von einer Gesamtlänge von 1.000
englischen Meilen, ungerechnet die kleineren Feldwege, angelegt
und fast alle alten nach MacAdams Prinzipien erneuert. In Schott-
land legte die Behörde der öffentlichen Arbeiten seit 1803 über
1.000 Brücken an; in Irland wurden die weiten Moorwüsten des
Südens, in denen ein halbwildes Räubergeschlecht wohnte, von
Straßen durchschnitten. Hierdurch wurden alle Winkel des Landes,
die bisher außer aller Verbindung mit der Welt gestanden hatten,
zugänglich gemacht; namentlich die keltisch-redenden Bezirke Wa-
les, die schottischen Hochlande und der Süden von Irland wurden
dadurch gezwungen, sich mit der Außenwelt bekannt zu machen und
die ihnen aufgedrängte Zivilisation anzunehmen.
1755 wurde der erste erwähnenswerte Kanal in Lancashire angelegt;
1759 fing der Herzog von Bridgewater seinen Kanal von Worsley
nach Manchester an. Seitdem sind Kanäle von einer Gesamtlänge von
2 200 Meilen erbaut worden; außer ihnen besitzt England noch
1.800 Meilen schiffbarer Flüsse, deren größter Teil auch erst in
der letzten Zeit nutzbar gemacht worden ist.
Seit 1807 wurde die Dampfkraft zur Forttreibung von Schiffen an-
gewandt, und seit dem ersten britischen Dampfschiff (1811) wurden
600 andre erbaut. 1835 waren an 550 Dampfschiffe in britischen
Häfen in Tätigkeit.
#566# Friedrich Engels
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Die erste öffentliche Eisenbahn wurde 1801 in Surrey gebaut; aber
erst mit der Eröffnung der Liverpool-Manchester Eisenbahn (1830)
wurde das neue Kommunikationsmittel bedeutend. Sechs Jahre später
waren 680 englische Meilen Eisenbahnen eröffnet und vier große
Linien, von London nach Birmingham, Bristol und Southampton, und
von Birmingham nach Manchester und Liverpool, in Arbeit. Seitdem
wurde das Netz über ganz England ausgedehnt; London ist der Kno-
tenpunkt für neun, Manchester für fünf Eisenbahnen. *) Diese Re-
volutionierung der englischen Industrie ist die Basis aller mo-
dernen englischen Verhältnisse, die treibende Kraft der ganzen
sozialen Bewegung. Ihre erste Folge war die schon oben angedeu-
tete Erhebung des Interesses zur Herrschaft über den Menschen.
Das Interesse bemächtigte sich der neugeschaffnen industriellen
Kräfte und beutete sie zu seinen Zwecken aus; diese von Rechts
wegen der Menschheit gehörenden Kräfte wurden durch die Einwir-
kung des Privateigentums das Monopol weniger reicher Kapitalisten
und das Mittel zur Knechtung der Masse. Der Handel nahm die Indu-
strie in sich auf und wurde dadurch allmächtig, wurde das Band
der Menschheit; aller persönliche und nationale Verkehr löste
sich in Handelsverkehr auf, und, was dasselbe ist, das Eigentum,
die Sache, wurde zum Herrn der Welt erhoben.
["Vorwärts!" Nr. 73 vom 11 September 1844]
Die Herrschaft des Eigentums mußte sich notwendig zuerst gegen
den Staat wenden und diesen auflösen oder wenigstens, da es ihn
nicht entbehren kann, aushöhlen. Adam Smith begann diese Aushöh-
lung gleichzeitig mit der industriellen Revolution, indem er 1776
seine "Untersuchung über das Wesen und die Ursachen des National-
reichtums" herausgab und dadurch die Finanzwissenschaft schuf.
Alle bisherige Finanzwissenschaft war exklusiv national gewesen;
die Staatswirtschaft war als ein bloßer Zweig des ganzen Staats-
wesens angesehen, dem Staat als solchen untergeordnet worden;
Adam Smith machte den Kosmopolitismus den nationalen Zwecken un-
tertan und erhob die Staatswirtschaft zum Wesen und Zweck des
Staats. Er reduzierte die Politik, die Parteien, die Religion,
alles auf ökonomische Kategorien und erkannte dadurch das Eigen-
tum als das Wesen, die Bereicherung als den
---
*) Die obigen statistischen Details sind größtenteils dem Pro-
gress of the Nation von G. Porter, einem Beamten der Board of
Trade unter dem Whigministerium, also offiziellen Quellen ent-
lehnt. [233]
#567# Die Lage Englands. Das 18. Jahrhundert
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Zweck des Staats an. Auf der andern Seite stützte William Godwin
("Politcal Justice", 1793 [234]) das republikanische System der
Politik, stellte zu gleicher Zeit mit J. Bentham das Utilitäts-
prinzip auf, wodurch das republikanische S a l u s p u b-
l i c a s u p r e m a l e x 1*) zu seinen legitimen Konsequen-
zen gebracht wurde, und griff das Wesen des Staats selbst durch
seinen Satz, daß der Staat ein Übel ist, an. Godwin faßt das
Utilitätsprinzip noch ganz allgemein als die Pflicht des Bürgers,
mit Vernachlässigung des individuellen Interesses nur dem
allgemeinen Besten zu leben; Bentham dagegen führt die wesentlich
soziale Natur dieses Prinzips weiter aus, indem er, in Überein-
stimmung mit der gleichzeitigen Nationalrichtung, das Einzelin-
teresse zur Basis des allgemeinen machte, die Identität beider in
dem besonders von seinem Schüler Mill entwickelten Satze: daß
Menschenliebe nichts anders ist als aufgeklärter Egoismus, aner-
kennt und dem "Allgemeinen Besten" die größte Glückseligkeit der
größten Zahl substituiert. Bentham begeht hier in seiner Empirie
denselben Fehler, den Hegel in der Theorie begangen hat; er macht
nicht Ernst mit der Überwindung der Gegensätze, er macht das Sub-
jekt zum Prädikat, das Ganze dem Teil untertan und stellt dadurch
alles auf den Kopf. Erst spricht er von der Untrennbarkeit des
allgemeinen und einzelnen Interesses, und nachher bleibt er ein-
seitig beim krassen Einzelinteresse stehen; sein Satz ist nur der
empirische Ausdruck des andern, daß der Mensch die Menschheit
ist, aber weil er empirisch ausgedrückt ist, gibt er nicht dem
freien, selbstbewußten und selbstschaffenden, sondern dem rohen,
blinden, in den Gegensätzen befangenen Menschen die Rechte der
Gattung. Er macht die freie Konkurrenz zum Wesen der Sittlich-
keit, reguliert die Beziehungen der Menschheit nach den Gesetzen
des Eigentums, der Sache, nach Naturgesetzen, und ist so die
Vollendung des alten, christlichen, naturwüchsigen Weltzustandes,
die höchste Spitze der Veräußerung, aber nicht der Anfang des
neuen, durch den selbstbewußten Menschen mit voller Freiheit zu
schaffenden Zustandes. Er geht nicht über den Staat hinaus, aber
er nimmt ihm allen Gehalt, ersetzt die politischen Prinzipien
durch soziale, macht die politische Organisation zur Form des so-
zialen Inhalts und bringt dadurch den Widerspruch auf die höchste
Spitze.
Zu gleicher Zeit mit der industriellen Revolution entstand die
demokratische Partei. 1769 stiftete J. Horne Tooke die Society of
the Bill of Rights, in der zuerst wieder seit der Republik demo-
kratische Prinzipien diskutiert wurden. Wie in Frankreich waren
die Demokraten lauter philosophisch gebildete Männer, aber sie
fanden bald, daß die höheren und Mittelklassen
-----
1*) Das öffentliche Wohl ist das oberste Gesetz
#568#
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ihnen entgegenstanden und nur die arbeitende Klasse ihren Grund-
sätzen ein offnes Ohr lieh. Unter dieser fanden sie bald eine
Partei, und diese Partei war 1794 schon ziemlich stark, aber im-
mer noch nicht stark genug, um anders als stoßweise wirken zu
können. Von 1797 bis 1816 war von ihr keine Rede; in den bewegten
Jahren von 1816 bis 1823 war sie wieder sehr tätig, sank aber
dann bis zur Julirevolution wieder in Untätigkeit zurück. Von da
an hat sie ihre Bedeutung neben den alten Parteien behalten und
ist in einem regelmäßigen Fortschritt begriffen, wie wir dies
später sehen werden.
Das wichtigste Resultat des achtzehnten Jahrhunderts war für Eng-
land die Schöpfung des Proletariats durch die industrielle Revo-
lution. Die neue Industrie erforderte eine stets fertige Masse
von Arbeitern für die zahllosen neuen Zweige der Arbeit, und zwar
Arbeiter, wie sie bisher nicht dagewesen waren. Bis 1780 hatte
England wenig Proletarier, wie dies notwendig aus der oben darge-
stellten sozialen Lage der Nation hervorgeht. Die Industrie kon-
zentrierte die Arbeit auf Fabriken und Städte; die Vereinigung
der gewerblichen und ackerbauenden Tätigkeit wurde unmöglich ge-
macht und die neue Arbeiterklasse rein auf ihre Arbeit angewie-
sen. Die bisherige Ausnahme wurde Regel und breitete sich allmäh-
lich auch außerhalb der Städte aus. Die Parzellenkultur des Lan-
des wurde durch die großen Pächter verdrängt und dadurch eine
neue Klasse von Ackerbautaglöhnern geschaffen. Die Städte ver-
dreifachten und vervierfachten ihre Bevölkerung, und fast all
dieser Zuwuchs bestand aus bloßen Arbeitern. Die Ausdehnung des
Bergbaues erforderte ebenfalls eine große Zahl neuer Arbeiter,
und auch diese lebten bloß von ihrem Taglohn.
Auf der andern Seite erhob sich die Mittelklasse zur entschie-
denen Aristokratie. Die Fabrikanten vervielfachten in der indu-
striellen Bewegung ihr Kapital auf eine wunderbar schnelle Weise;
die Kaufleute bekamen ebenfalls ihr Teil, und das durch diese Re-
volution geschaffene Kapital war das Mittel, mit dem die engli-
sche Aristokratie die französische Revolution bekämpfte.
Das Resultat der ganzen Bewegung war das, daß England jetzt in
drei Parteien gespalten ist, in die Landaristokratie, die Gelda-
ristokratie und die arbeitende Demokratie. Diese sind die einzi-
gen Parteien in England, die einzigen Triebfedern, die hier wir-
ken, und w i e sie wirken, werden wir vielleicht in einem spätem
Artikel darzustellen versuchen.
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