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Karl Marx
Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule [49]
["Rheinische Zeitung" Nr. 221 vom 9. August 1842]
*** Die vulgäre Ansicht betrachtet die h i s t o r i s c h e
S c h u l e als R e a k t i o n gegen den f r i v o l e n
Geist des a c h t z e h n t e n Jahrhunderts. Die Verbreitung
dieser Ansicht steht in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Wahrheit.
Das achtzehnte Jahrhundert hat vielmehr nur e i n Produkt er-
zeugt, dessen w e s e n t l i c h e r C h a r a k t e r die
Frivolität ist, und dies e i n z i g f r i v o l e Produkt ist
die h i s t o r i s c h e S c h u l e.
Die historische Schule hat das Quellenstudium zu ihrem Schiboleth
gemacht, sie hat ihre Quellenliebhaberei bis zu dem Extrem ge-
steigert, daß sie dem Schiffer anmutet, nicht auf dem Strome,
sondern auf seiner Quelle zu fahren, sie wird es billig finden,
daß wir auf i h r e Q u e l l e zurückgehen, auf H u g o s
N a t u r r e c h t. I h r e P h i l o s o p h i e geht ihrer
Entwickelung v o r a u s, man wird daher in ihrer Entwickelung
selbst vergeblich nach Philosophie suchen.
Eine gangbare Fiktion des achtzehnten Jahrhunderts betrachtete
den Naturzustand als den wahren Zustand der menschlichen Natur.
Man wollte mit leiblichen Augen die Idee des Menschen sehen und
schuf N a t u r m e n s c h e n, P a p a g e n o s, deren
Naivität sich bis auf ihre befiederte Haut erstreckt. In den
letzten Dezennien des achtzehnten Jahrhunderts ahnte man Urweis-
heit bei N a t u r v ö l k e r n, und von allen Enden hörten
wir Vogelsteller die Sangweisen der Irokesen, Indianer usw. nach-
zwitschern, mit der Meinung, durch diese Künste die Vögel selbst
in die Falle zu locken. Allen diesen Exzentritäten lag der rich-
tige Gedanke zugrunde, daß die r o h e n Zustände naive nieder-
ländische Gemälde der w a h r e n Zustände sind.
Der N a t u r m e n s c h d e r h i s t o r i s c h e n
S c h u l e, den noch keine romantische Kultur beleckt, ist
H u g o. Sein "Lehrbuch des N a t u r r e c h t s" [50] ist
das a l t e T e s t a m e n t der historischen Schule.
H e r d e r s Ansicht, daß die Naturmenschen P o e t e n und
die h e i l i g e n Bücher der Naturvölker p o e t i s c h e
Bücher sind, steht uns nicht im Wege, obgleich Hugo die allertri-
vialste, allernüchternste Prosa
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spricht, denn wie jedes Jahrhundert seine eigentümliche Natur be-
sitzt, so zeugt es seine eigentümlichen Naturmenschen. Wenn Hugo
daher nicht d i c h t e t, so f i n g i e r t er doch, und
die F i k t i o n ist die P o e s i e d e r P r o s a, die
der prosaischen Natur des achtzehnten Jahrhunderts entspricht.
Indem wir aber Herrn Hugo als Ältervater und Schöpfer der histo-
rischen Schule bezeichnen, handeln wir in ihrem e i g e n e n
S i n n e, wie das F e s t p r o g r a m m des berühmtesten
historischen Juristen zu Hugos Jubiläum beweist. Indem wir Herrn
Hugo als ein Kind des achtzehnten Jahrhunderts begreifen, verfah-
ren wir sogar im G e i s t des Herrn Hugo, wie er selbst be-
zeugt, indem er sich für einen S c h ü l e r Kants und sein Na-
turrecht für einen Sprößling der k a n t i s c h e n P h i l o-
s o p h i e ausgibt. Wir nehmen sein M a n i f e s t an diesem
Punkte auf.
Hugo m i ß d e u t e t den Meister K a n t dahin, daß, weil
wir das W a h r e nicht wissen können, wir konsequenterweise
das U n w a h r e, wenn es nur e x i s t i e r t, für
v o l l g ü l t i g passieren lassen. Hugo ist ein S k e p-
t i k e r gegen das n o t w e n d i g e W e s e n der Dinge,
um ein H o f f m a n n gegen ihre z u f ä l l i g e E r-
s c h e i n u n g zu sein. Er sucht daher keineswegs zu be-
weisen, daß das P o s i t i v e v e r n ü n f t i g sei; er
sucht zu beweisen, daß das P o s i t i v e n i c h t v e r-
n ü n f t i g sei. Aus allen Weltgegenden schleppt er mit
selbstgefälliger Industrie Gründe herbei, um zur Evidenz zu stei-
gern, daß keine vernünftige Notwendigkeit die Positiven Institu-
tionen, z.B. Eigentum, Staatsverfassung, Ehe etc. beseelt, daß
sie sogar der Vernunft w i d e r s p r e c h e n, daß sich
höchstens dafür und dagegen s c h w a t z e n lasse. Man darf
diese M e t h o d e keineswegs seiner zufälligen Individualität
vorwerfen; es ist vielmehr die M e t h o d e s e i n e s
P r i n z i p s, es ist die o f f e n h e r z i g e, die
n a i v e, die r ü c k s i c h t s l o s e Methode der histo-
rischen Schule. Wenn das P o s i t i v e g e l t e n soll,
w e i l es p o s i t i v ist, so muß ich b e w e i s e n,
daß das P o s i t i v e n i c h t gilt, w e i l es v e r-
n ü n f t i g ist, und wie könnte ich dies evidenter als durch
den Nachweis, daß das Unvernünftige positiv und das Positive
nicht vernünftig ist? daß das Positive nicht d u r c h die
Vernunft, sondern t r o t z der Vernunft existiert? Wäre die
V e r n u n f t der M a ß s t a b d e s P o s i t i v e n,
so wäre das P o s i t i v e nicht der M a ß s t a b d e r
V e r n u n f t. "Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode!"
Hugo e n t h e i l i g t daher alles, was dem rechtlichen, dem
sittlichen, dem politischen Menschen heilig ist, aber er zer-
schlägt diese Heiligen nur, um ihnen den h i s t o r i s c h e n
R e l i q u i e n d i e n s t erweisen zu können, er schändet
sie vor den A u g e n d e r V e r n u n f t, um sie hinterher
zu Ehren zu bringen vor den A u g e n d e r H i s t o r i e,
zugleich aber auch, um die h i s t o r i s c h e n A u g e n
z u E h r e n zu bringen.
Wie das P r i n z i p, so ist die A r g u m e n t a t i o n
Hugos p o s i t i v, d.h. u n k r i t i s c h. Er kennt
k e i n e U n t e r s c h i e d e. J e d e E x i s t e n z
gilt ihm für eine A u t o r i t ä t, jede Autorität gilt ihm
für einen G r u n d. So werden denn zu einem Paragraphen
#80# Karl Marx
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zitiert M o s e s und V o l t a i r e, R i c h a r d s o n
und H o m e r, M o n t a i g n e und A m n o n, R o u s-
s e a u s "C o n t r a t s o c i a l" und A u g u s t i n u s
"D e c i v i t a t e D e i". Gleich nivellierend wird mit den
V ö l k e r n verfahren. Der S i a m i t e, der es für ewige
Naturordnung hält, daß sein König einem Schwätzer den Mund
zunähen und einem unbeholfenen Redner ihn bis an die Ohren
aufschneiden läßt, ist nach Hugo so p o s i t i v als der
E n g l ä n d e r, der es zu den politischen Paradoxien zählt,
daß sein König eigenmächtig eine Auflage von einem Pfennig
ausschreiben werde. Der schamlose C o n c i, der nackt
umherläuft und sich höchstens mit Schlamm bedeckt, ist so positiv
als der F r a n z o s e, der sich nicht nur kleidet, sondern
elegant kleidet. Der D e u t s c h e, der seine Tochter als das
Kleinod der Familie erzieht, ist nicht positiver als der
R a s b u t e, der sie tötet, um sich der Nahrungssorge für sie
zu überheben. Mit einem Worte: d e r H a u t a u s s c h l a g
i s t so p o s i t i v a l s d i e H a u t.
An einem Ort ist das positiv, am andern jenes, eins ist so unver-
nünftig als das andere, unterwirf dich dem, was in deinen vier
Pfählen positiv ist.
H u g o ist also v o l l e n d e t e r S k e p t i k e r. Die
S k e p s i s d e s a c h t z e h n t e n J a h r h u n-
d e r t s gegen die V e r n u n f t d e s B e s t e h e n-
d e n erscheint bei ihm als S k e p s i s gegen das
B e s t e h e n d e r V e r n u n f t. Er adoptiert die
A u f k l ä r u n g, e r s i e h t i n d e m P o s i-
t i v e n n i c h t s V e r n ü n f t i g e s m e h r,
a b e r n u r, u m i n d e m V e r n ü n f t i g e n
n i c h t s P o s i t i v e s m e h r s e h e n z u d ü r-
f e n. Er meint, man habe den Schein der Vernunft an dem
Positiven ausgeblasen, um das Positive o h n e den Schein der
Vernunft anzuerkennen; er meint, man habe die f a l s c h e n
B l u m e n an den Ketten zerpflückt, um e c h t e K e t t e n
ohne Blumen zu tragen.
H u g o verhält sich zu den ü b r i g e n A u f k l ä r e r n
des achtzehnten Jahrhunderts, wie sich etwa die
A u f l ö s u n g d e s f r a n z ö s i s c h e n S t a a t s
am liederlichen H o f e d e s R e g e n t e n 1*) zur Auflö-
sung des französischen Staats in der N a t i o n a l v e r-
s a m m l u n g verhält. Auf beiden Seiten Auflösung! Dort
erscheint sie als l i e d e r l i c h e F r i v o l i t ä t,
welche die hohle Ideenlosigkeit der bestehenden Zustände begreift
und verspottet, aber nur, um, aller vernünftigen und sittlichen
Bande quitt, i h r S p i e l mit den faulen Trümmern zu
treiben und vom Spiel derselben getrieben und aufgelöst zu
werden. Es ist die V e r f a u l u n g d e r d a m a l i g e n
W e l t, d i e s i c h s e l b s t g e n i e ß t. In der
N a t i o n a l v e r s a m m l u n g dagegen erscheint die
A u f l ö s u n g als L o s l ö s u n g d e s n e u e n
G e i s t e s von a l t e n F o r m e n, die nicht mehr
w e r t und nicht mehr f ä h i g waren, ihn zu fassen. Es ist
das S e l b s t g e f ü h l des n e u e n L e b e n s, wel-
ches das Z e r t r ü m m e r t e z e r t r ü m m e r t, das
V e r w o r f e n e v e r w i r f t. Ist daher K a n t s
P h i l o s o p h i e mit Recht als die d e u t s c h e
T h e o r i e der französischen Revolution zu betrachten, so
H u g o s N a t u r r e c h t
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1*) Philippe II.
#81# Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule
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als die d e u t s c h e T h e o r i e des französischen ancien
régime. Wir finden bei ihm die ganze F r i v o l i t ä t jener
R o u é s wieder, die g e m e i n e S k e p s i s, welche,
frech gegen Ideen, allerdevotest gegen Handgreiflichkeiten, erst
ihre Klugheit empfindet, wenn sie den G e i s t des Positiven
erlegt hat, um nun das rein Positive als Residuum zu besitzen und
in diesen t i e r i s c h e n Zuständen behaglich zu sein.
Selbst wenn Hugo die Schwere der Gründe abwägt, so wird er mit
unfehlbar sicherem Instinkt das Vernünftige und Sittliche an den
Institutionen b e d e n k l i c h für die Vernunft finden. Nur
das T i e r i s c h e erscheint s e i n e r V e r n u n f t
als das U n b e d e n k l i c h e. Doch hören wir unsern Auf-
klärer vom Standpunkt des ancien régime! Man muß Hugos Ansichten
von Hugo hören. Zu allen seinen Kombinationen gehört ein: ?????
??? 1*)
Introduktion
"Das e i n z i g e j u r i s t i s c h e U n t e r s c h e i-
d u n g s m e r k m a l d e s M e n s c h e n ist seine
t i e r i s c h e Natur."
Das Kapitel von der Freiheit
"Selbst dies ist eine E i n s c h r ä n k u n g d e r F r e i-
h e i t" (sc. des v e r n ü n f t i g e n Wesens), "d a ß
n i c h t n a c h B e l i e b e n a u f h ö r e n k a n n,
e i n v e r n ü n f t i g e s W e s e n z u s e i n, d.h.
ein Wesen, das vernünftig handeln kann und soll."
"Die U n f r e i h e i t ändert an der tierischen und vernünf-
tigen Natur des U n f r e i e n und a n d e r e r M e n-
s c h e n nichts. Die G e w i s s e n s p f l i c h t e n
bleiben a l l e. Die S k l a v e r e i ist nicht nur p h y-
s i s c h möglich, sondern auch, sie ist n a c h d e r
V e r n u n f t möglich, und bei jeder Forschung, die uns das
Gegenteil lehrt, muß irgendein Mißverständnis mit unterlaufen.
P e r e m p t o r i s c h r e c h t l i c h ist sie freilich
nicht, d.h., sie folgt nicht aus der tierischen Natur, nicht aus
der vernünftigen und nicht aus der bürgerlichen. Daß sie aber
s o g u t p r o v i s o r i s c h e s Recht sein kann als ir-
gend etwas von den Gegnern Zugegebenes, ergibt die Vergleichung
mit dem Privatrechte und mit dem ö f f e n t l i c h e n
R e c h t e." Beweis: "In Ansehung der tierischen Natur ist der
offenbar mehr vor Mangel gesichert, welcher einem Reichen
g e h ö r t, der etwas mit ihm verliert und seine Not gewahr
wird, als der Arme, welchen seine Mitbürger benutzen, solange et-
was an ihm zu benutzen ist etc." "Das Recht, servi zu
m i ß h a n d e l n und zu v e r s t ü m m e l n, ist nicht
wesentlich, und w e n n e s a u c h s t a t t f i n d e t,
so ist es n i c h t v i e l s c h l i m m e r als das, was
sich die Armen gefallen lassen, und was den K ö r p e r be-
trifft, nicht so schlimm als der K r i e g, von welchem servi
als solche überall frei sein müssen. Die S c h ö n h e i t so-
gar findet sich eher bei einer z i r k a s s i s c h e n
S k l a v i n als bei einem Bettlermädchen." (Hört den Alten!)
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1*) er selbst hat es gesagt
#82# Karl Marx
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"Für die v e r n ü n f t i g e Natur hat die servitus vor der
Armut den Vorzug, daß viel eher der Eigentümer an den Unterricht
eines servus, der Fähigkeiten zeigt, selbst aus w o h l v e r-
s t a n d e n e r W i r t s c h a f t, etwas wenden wird, als
dies bei einem Bettlerkinde der Fall ist. In einer V e r-
f a s s u n g bleibt grade der servus mit sehr vielen Arten des
Druckes verschont. Ist der Sklave unglücklicher als der
Kriegsgefangene, den seine Bedeckung weiter gar nichts angeht,
als daß sie eine Zeitlang für ihn verantwortlich ist, unglückli-
cher als der Baugefangene, über welchen die Regierung einen Auf-
seher gesetzt hat."
"Ob die Sklaverei an sich der F o r t p f l a n z u n g vor-
teilhaft oder nachteilig sei, darüber streitet man noch."
Das Kapitel von der Ehe
"Die E h e ist schon oft bei der p h i l o s o p h i s c h e n
Betrachtung des positiven Rechtes für v i e l w e s e n t-
l i c h e r und der V e r n u n f t v i e l g e m ä ß e r
angesehen worden, als sie bei e i n e r g a n z f r e i e n
Prüfung erscheint."
Zwar die B e f r i e d i g u n g d e s G e s c h l e c h t s-
t r i e b s in der Ehe konveniert Herrn Hugo. Er leitet sogar
eine h e i l s a m e M o r a l aus diesem Faktum:
"Hieraus, wie aus unzähligen anderen Verhältnissen hätte man
s e h e n s o l l e n, daß es nicht immer u n s i t t l i c h
sei, den K ö r p e r e i n e s M e n s c h e n a l s e i n
M i t t e l z u e i n e m Z w e c k z u b e h a n d e l n,
wie man, und auch wohl K a n t s e l b s t, diesen Ausdruck
falsch verstanden hat."
Aber die Heiligung des Geschlechtstriebs durch die A u s-
s c h l i e ß l i c h k e i t, die Bändigung des Triebs durch
die Gesetze, die s i t t l i c h e S c h ö n h e i t, die das
Naturgebot zu einem Moment geistiger Verbindung idealisiert - das
g e i s t i g e W e s e n der Ehe - das eben ist dem Herrn Hugo
das B e d e n k l i c h e an der Ehe. Doch ehe wir weiter seine
f r i v o l e S c h a m l o s i g k e i t verfolgen, hören wir
einen Augenblick dem h i s t o r i s c h e n Deutschen gegen-
über den französischen P h i l o s o p h e n.
"C'est en renonçant pour un seul homme à cette réserve mystéri-
euse, dont la règle divine est imprimée dans son coeur, que la
femme se voue à cet hommes, pour lequel elle suspend, dans un ab-
andon momentané, cette pudeur, qui ne la quitte jamais; pour le-
quel seul elle écarte des voiles qui sont d'ailleurs son asile et
sa parure. De là cette confiance intime dans son époux, résultat
d'une relation exclusive, qui ne peut exister qu'entre elle et
lui, sans qu'aussitôt elle se sente flétrie; de là dans cet époux
la reconnaissance pour un sacrifice et ce mélange de désir et de
respect pour un être qui, même en partageant ses plaisirs, ne
semble encore que lui céder; de là tout ce qu'il y a de
r é g u l i e r dans notre o r d r e s o c i a l." 1*) [54]
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1*) "Dadurch, daß sie einem einzigen Manne zuliebe auf diese ge-
heimnisvolle Zurückhaltung verzichtet, deren göttliches Gesetz
sie im Herzen tragt, gelobt sie sich diesem Manne an, dem zuliebe
sie diese Schamhaftigkeit, die sie niemals verläßt, in einem Au-
genblick der Hingabe aufgibt; für den allein sie die Schleier
lüftet, die sonst ihre Zuflucht und ihr Schmuck sind. Daher
#83# Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule
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Also der liberale philosophische F r a n z o s e
B e n j a m i n C o n s t a n t! Und nun hören wir den servi-
len, historischen Deutschen:
"Viel b e d e n k l i c h e r ist schon die zweite Beziehung,
daß a u ß e r d e r E h e die B e f r i e d i g u n g
d i e s e s T r i e b e s n i c h t erlaubt ist! Die t i e-
r i s c h e N a t u r i s t d i e s e r E i n s c h r ä n-
k u n g z u w i d e r. Die v e r n ü n f t i g e Natur ist es
noch mehr, weil"... man rate! ... "weil ein Mensch b e i n a h e
a l l w i s s e n d sein müßte, um vorauszusehen, welchen Erfolg
es haben werde, weil es also G o t t v e r s u c h e n heißt,
wenn man sich verpflichtet, einen der heftigsten Naturtriebe nur
dann zu befriedigen, wenn es mit einer bestimmten anderen Person
geschehen kann!" "Das seiner Natur nach f r e i e G e f ü h l
d e s S c h ö n e n soll gebunden und, was von ihm abhängt,
soll völlig davon losgerissen werden."
Seht ihr, in w e l c h e Schule unsere J u n g d e u t-
s c h e n gegangen sind [55]!
"Gegen die b ü r g e r l i c h e Natur stößt diese Einrichtung
insofern an, als ... endlich die P o l i z e i eine f a s t
k a u m z u l ö s e n d e A u f g a b e übernimmt!"
Ungeschickte Philosophie, keine solche Aufmerksamkeiten gegen die
P o l i z e i zu handhaben!
"Alles, was in der Folge von den näheren Bestimmungen des Ehe-
rechts vorkommen wird, lehrt uns, daß die Ehe, man mag dabei
Grundsätze annehmen, welche man will, eine s e h r u n v o l l-
k o m m e n e E i n r i c h t u n g bleibt."
"Diese Einschränkung des Geschlechtstriebs auf die Ehe hat
a b e r a u c h ihre w i c h t i g e n Vorteile, indem - da-
durch gewöhnlich a n s t e c k e n d e K r a n k h e i t e n
v e r m i e d e n werden. Der Regierung erspart die E h e gar
viel W e i t l ä u f i g k e i t. Endlich tritt dann noch die
überall so w i c h t i g e B e t r a c h t u n g ein, daß
hierin das P r i v a t r e c h t l i c h e nun s c h o n
e i n m a l d a s e i n z i g - g e w ö h n l i c h e ist."
"F i c h t e sagt: Die unverheiratete Person ist nur zur
H ä l f t e ein Mensch. Da tut es mir" (sc. Hugo) "aber ordent-
lich leid, einen solchen schönen Ausspruch, wodurch ja auch ich
über Christus, Fénélon, Kant, Hume zu stehen käme, für eine
u n g e h e u r e Ü b e r t r e i b u n g erklären zu müssen."
"Was die Mono- und Polygamie betrifft, so kommt es dabei
o f f e n b a r auf die t i e r i s c h e Natur des Menschen
an!!"
Das Kapitel von der Erziehung
Wir erfahren sogleich:
"Daß die Erziehungskunst gegen die darauf" (sc. Erziehung in der
Familie) "sich beziehenden juristischen Verhältnisse nicht weni-
ger einzuwenden hat als die K u n s t z u l i e b e n gegen
die E h e."
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das innige Vertrauen zu ihrem Manne, Ergebnis einer ausschließli-
chen Beziehung, die nur zwischen ihr und ihm bestehen kann, ohne
daß sie sich alsbald geschändet fühlt; daher die Dankbarkeit die-
ses Mannes für ein Opfer und die Mischung von Verlangen und Scheu
vor einem Wesen, das, auch wenn es seine Lust teilt, ihn doch nur
gewähren zu lassen scheint; daher alles, was es
G e s i t t e t e s in unserer s o z i a l e n O r d n u n g
gibt."
#84# Karl Marx
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"Die Schwierigkeit daß man nur in einem solchen Verhältnis erzie-
hen darf, ist zwar hier lange nicht so bedenklich wie bei der Be-
friedigung des Geschlechtstriebes, auch um deswillen, weil es er-
laubt ist, die Erziehung vertragsweise einem Dritten zu überlas-
sen, also, wer einen so großen Trieb fühlte, sehr leicht dazu
kommen könnte, ihn zu befriedigen, nur freilich nicht gerade an
der b e s t i m m t e n P e r s o n, die er sich wünschte. In-
des ist auch schon dies der Vernunft zuwider, daß jemand, dem ge-
wiß nie ein Kind anvertraut werden würde, kraft eines
s o l c h e n V e r h ä l t n i s s e s erziehen und andere von
der Erziehung ausschließen darf." "Endlich tritt dann auch hier
ein Z w a n g ein, teils insofern dem Erziehenden im positiven
Recht gar oft nicht erlaubt wird, dieses V e r h ä l t n i s
a u f z u g e b e n, teils insofern der zu Erziehende genötigt
ist, sich grade von diesem erziehen zu lassen." "Die Wirklichkeit
dieses Verhältnisses beruht meistens auf dem b l o ß e n
Z u f a l l der Geburt, welche auf den V a t e r durch die
E h e bezogen sein muß. Diese E n t s t e h u n g s a r t ist
offenbar nicht sehr vernünftig, auch um deswillen, weil hier ge-
wöhnlich eine V o r l i e b e eintritt, welche allein schon ei-
ner guten Erziehung im Wege steht, und daß sie dann doch nicht
durchaus notwendig ist, sieht man daraus, weil ja auch Kinder er-
zogen werden, deren Eltern bereits gestorben sind."
Das Kapitel vom Privatrecht
§ 107 werden wir belehrt, daß die "Notwendigkeit des Privatrechts
überhaupt eine vermeinte sei".
Das Kapitel vom Staatsrecht
"Es ist eine h e i l i g e G e w i s s e n s p f l i c h t,
der O b r i g k e i t z u g e h o r c h e n, welche die
G e w a l t in H ä n d e n hat." "Was die V e r t e i l u n g
d e r R e g i e r u n g s g e w a l t betrifft, so ist zwar
k e i n e einzelne Verfassung peremptorisch rechtlich; aber
p r o v i s o r i s c h r e c h t l i c h ist j e d e, die
R e g i e r u n g s g e w a l t s e i v e r t e i l t, w i e
s i e w o l l e."
Hat Hugo nicht bewiesen, daß der Mensch auch die l e t z t e
F e s s e l d e r F r e i h e i t abwerfen kann, nämlich die,
ein v e r n ü n f t i g e s W e s e n zu sein? Diese wenigen
Exzerpte aus dem p h i l o s o p h i s c h e n M a n i f e s t
d e r h i s t o r i s c h e n S c h u l e reichen hin, glauben
wir, um ein historisches Urteil über diese Schule an die Stelle
unhistorischer Einbildungen, unbestimmter Gemütsträume und ab-
sichtlicher Fiktionen zu setzen; sie reichen hin, um zu
entscheiden, ob H u g o s N a c h f o l g e r den Beruf haben,
die G e s e t z g e b e r u n s e r e r Z e i t zu sein.
Allerdings ist dieser r o h e S t a m m b a u m der histori-
schen Schule im Laufe der Zeit und der Kultur von dem
R a u c h w e r k e d e r M y s t i k in Nebel gehüllt, von
der R o m a n t i k phantastisch ausgeschnitzelt, von der
S p e k u l a t i o n inokuliert worden, und die vielen g e-
l e h r t e n Früchte hat man vom Baume geschüttelt,
#85# Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule
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getrocknet und prahlerisch in der großen Vorratskammer deutscher
Gelehrsamkeit aufgespeichert; allein es gehört wahrlich nur wenig
K r i t i k dazu, um hinter all den wohlriechenden modernen
Phrasen die schmutzigen alten Einfälle unseres Aufklärers des an-
cien régime und hinter all der überschwenglichen Salbung seine
liederliche Trivialität wiederzuerkennen.
Wenn Hugo sagt: "Das T i e r i s c h e ist das j u r i s t i-
s c h e Unterscheidungsmerkmal des M e n s c h en", also: das
Recht ist t i e r i s c h e s Recht, so sagen die gebildeten
M o d e r n e n für das rohe, offenherzige "t i e r i s c h"
etwa "o r g a n i s c h e s" Recht, denn wem fällt beim O r-
g a n i s m u s auch gleich der t i e r i s c h e O r g a-
n i s m u s ein? Wenn Hugo sagt, daß in der E h e und den
andern s i t t l i c h - r e c h t l i c h e n Institutionen
k e i n e V e r n u n f t ist, so sagen die m o d e r n e n
Herren, diese Institutionen seien zwar k e i n e B i l d u n-
g e n d e r m e n s c h l i c h e n V e r n u n f t, aber
A b b i l d e r einer höhern "p o s i t i v e n" Vernunft, und
so durch alle übrigen Artikel. Nur e i n Resultat sprechen
a l l e gleich roh aus: D a s R e c h t d e r w i l l k ü r-
l i c h e n G e w a l t.
H a l l e r s, S t a h l s, L e o s und der Gleichgesinnten
juristische und historische Theorien sind nur als c o d i c e s
r e s c r i p t i des h u g o n i s c h e n N a t u r-
r e c h t s zu betrachten, die nach einigen Operationen der
k r i t i s c h e n S c h e i d e k u n s t den alten U r-
t e x t wieder leserlich hervortreten lassen, wie wir bei
gelegener Zeit weiter dartun wollen.
Um so vergeblicher bleiben alle V e r s c h ö n e r u n g s-
k ü n s t e, als wir das alte Manifest n o c h b e s i t-
z e n, das, wenn auch nicht v e r s t ä n d i g, doch immerhin
s e h r v e r s t ä n d l i c h i s t.
Geschrieben Ende Juli bis etwa 6. August 1842.
"Das Kapitel von der Ehe" nach der Handschrift
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