Quelle: MEW 1 1839 - 1844


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       #78#
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       Karl Marx
       Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule [49]
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 221 vom 9. August 1842]
       *** Die  vulgäre Ansicht  betrachtet die    h i s t o r i s c h e
       S c h u l e   als   R e a k t i o n   gegen den   f r i v o l e n
       Geist des   a c h t z e h n t e n   Jahrhunderts. Die Verbreitung
       dieser Ansicht steht in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Wahrheit.
       Das achtzehnte  Jahrhundert hat  vielmehr nur  e i n  Produkt er-
       zeugt, dessen   w e s e n t l i c h e r   C h a r a k t e r   die
       Frivolität ist, und dies  e i n z i g  f r i v o l e  Produkt ist
       die  h i s t o r i s c h e  S c h u l e.
       Die historische Schule hat das Quellenstudium zu ihrem Schiboleth
       gemacht, sie  hat ihre  Quellenliebhaberei bis  zu dem Extrem ge-
       steigert, daß  sie dem  Schiffer anmutet,  nicht auf  dem Strome,
       sondern auf  seiner Quelle  zu fahren, sie wird es billig finden,
       daß wir  auf   i h r e   Q u e l l e  zurückgehen, auf  H u g o s
       N a t u r r e c h t.   I h r e  P h i l o s o p h i e  geht ihrer
       Entwickelung   v o r a u s,  man wird daher in ihrer Entwickelung
       selbst vergeblich nach Philosophie suchen.
       Eine gangbare  Fiktion des  achtzehnten Jahrhunderts  betrachtete
       den Naturzustand  als den  wahren Zustand der menschlichen Natur.
       Man wollte  mit leiblichen  Augen die Idee des Menschen sehen und
       schuf   N a t u r m e n s c h e n,    P a p a g e n o s,    deren
       Naivität sich  bis auf  ihre befiederte  Haut erstreckt.  In  den
       letzten Dezennien  des achtzehnten Jahrhunderts ahnte man Urweis-
       heit bei   N a t u r v ö l k e r n,   und  von allen Enden hörten
       wir Vogelsteller die Sangweisen der Irokesen, Indianer usw. nach-
       zwitschern, mit  der Meinung, durch diese Künste die Vögel selbst
       in die  Falle zu locken. Allen diesen Exzentritäten lag der rich-
       tige Gedanke zugrunde, daß die  r o h e n  Zustände naive nieder-
       ländische Gemälde der  w a h r e n  Zustände sind.
       Der     N a t u r m e n s c h    d e r    h i s t o r i s c h e n
       S c h u l e,   den noch  keine romantische  Kultur  beleckt,  ist
       H u g o.   Sein "Lehrbuch  des   N a t u r r e c h t s"  [50] ist
       das    a l t e    T e s t a m e n t    der  historischen  Schule.
       H e r d e r s   Ansicht, daß  die Naturmenschen  P o e t e n  und
       die   h e i l i g e n   Bücher der Naturvölker  p o e t i s c h e
       Bücher sind, steht uns nicht im Wege, obgleich Hugo die allertri-
       vialste, allernüchternste Prosa
       
       #79# Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule
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       spricht, denn wie jedes Jahrhundert seine eigentümliche Natur be-
       sitzt, so  zeugt es seine eigentümlichen Naturmenschen. Wenn Hugo
       daher nicht   d i c h t e t,   so   f i n g i e r t  er doch, und
       die   F i k t i o n  ist die  P o e s i e  d e r  P r o s a,  die
       der prosaischen Natur des achtzehnten Jahrhunderts entspricht.
       Indem wir  aber Herrn Hugo als Ältervater und Schöpfer der histo-
       rischen Schule  bezeichnen, handeln  wir in  ihrem  e i g e n e n
       S i n n e,   wie das   F e s t p r o g r a m m   des berühmtesten
       historischen Juristen  zu Hugos Jubiläum beweist. Indem wir Herrn
       Hugo als ein Kind des achtzehnten Jahrhunderts begreifen, verfah-
       ren wir  sogar im   G e i s t   des Herrn Hugo, wie er selbst be-
       zeugt, indem er sich für einen  S c h ü l e r  Kants und sein Na-
       turrecht für einen Sprößling der  k a n t i s c h e n  P h i l o-
       s o p h i e  ausgibt. Wir nehmen sein  M a n i f e s t  an diesem
       Punkte auf.
       Hugo   m i ß d e u t e t   den Meister  K a n t  dahin, daß, weil
       wir das   W a h r e   nicht  wissen können, wir konsequenterweise
       das   U n w a h r e,   wenn  es  nur    e x i s t i e r t,    für
       v o l l g ü l t i g   passieren lassen.  Hugo ist  ein   S k e p-
       t i k e r   gegen das  n o t w e n d i g e  W e s e n  der Dinge,
       um ein   H o f f m a n n   gegen  ihre   z u f ä l l i g e   E r-
       s c h e i n u n g   zu sein.  Er sucht  daher keineswegs  zu  be-
       weisen, daß  das   P o s i t i v e   v e r n ü n f t i g  sei; er
       sucht zu  beweisen, daß  das   P o s i t i v e  n i c h t  v e r-
       n ü n f t i g   sei.  Aus  allen  Weltgegenden  schleppt  er  mit
       selbstgefälliger Industrie Gründe herbei, um zur Evidenz zu stei-
       gern, daß  keine vernünftige Notwendigkeit die Positiven Institu-
       tionen, z.B.  Eigentum, Staatsverfassung,  Ehe etc.  beseelt, daß
       sie sogar  der Vernunft   w i d e r s p r e c h e n,    daß  sich
       höchstens dafür  und dagegen   s c h w a t z e n  lasse. Man darf
       diese  M e t h o d e  keineswegs seiner zufälligen Individualität
       vorwerfen; es  ist  vielmehr  die    M e t h o d e    s e i n e s
       P r i n z i p s,   es ist  die    o f f e n h e r z i g e,    die
       n a i v e,   die  r ü c k s i c h t s l o s e  Methode der histo-
       rischen Schule.  Wenn das   P o s i t i v e   g e l t e n   soll,
       w e i l   es   p o s i t i v   ist, so  muß ich  b e w e i s e n,
       daß das   P o s i t i v e   n i c h t  gilt,  w e i l  es  v e r-
       n ü n f t i g   ist, und  wie könnte ich dies evidenter als durch
       den Nachweis,  daß das  Unvernünftige positiv  und  das  Positive
       nicht vernünftig  ist? daß  das Positive  nicht   d u r c h   die
       Vernunft, sondern   t r o t z   der  Vernunft existiert? Wäre die
       V e r n u n f t   der   M a ß s t a b   d e s  P o s i t i v e n,
       so wäre  das   P o s i t i v e   nicht der   M a ß s t a b  d e r
       V e r n u n f t. "Ist  dies schon Tollheit, hat es doch Methode!"
       Hugo   e n t h e i l i g t  daher alles, was dem rechtlichen, dem
       sittlichen, dem  politischen Menschen  heilig ist,  aber er  zer-
       schlägt diese Heiligen nur, um ihnen den  h i s t o r i s c h e n
       R e l i q u i e n d i e n s t   erweisen zu  können, er  schändet
       sie vor den  A u g e n  d e r  V e r n u n f t,  um sie hinterher
       zu Ehren  zu bringen  vor den  A u g e n  d e r  H i s t o r i e,
       zugleich aber  auch, um  die   h i s t o r i s c h e n  A u g e n
       z u  E h r e n  zu bringen.
       Wie das   P r i n z i p,   so  ist die  A r g u m e n t a t i o n
       Hugos   p o s i t i v,   d.h.   u n k r i t i s c h.    Er  kennt
       k e i n e   U n t e r s c h i e d e.   J e d e    E x i s t e n z
       gilt ihm  für eine   A u t o r i t ä t,   jede Autorität gilt ihm
       für einen  G r u n d.  So werden denn zu einem Paragraphen
       
       #80# Karl Marx
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       zitiert   M o s e s   und   V o l t a i r e,  R i c h a r d s o n
       und   H o m e r,   M o n t a i g n e   und   A m n o n,  R o u s-
       s e a u s  "C o n t r a t  s o c i a l"  und  A u g u s t i n u s
       "D e   c i v i t a t e  D e i".  Gleich nivellierend wird mit den
       V ö l k e r n   verfahren. Der   S i a m i t e,  der es für ewige
       Naturordnung hält,  daß  sein  König  einem  Schwätzer  den  Mund
       zunähen und  einem unbeholfenen  Redner  ihn  bis  an  die  Ohren
       aufschneiden läßt,  ist nach  Hugo so   p o s i t i v    als  der
       E n g l ä n d e r,   der es  zu den politischen Paradoxien zählt,
       daß sein  König  eigenmächtig  eine  Auflage  von  einem  Pfennig
       ausschreiben  werde.   Der  schamlose    C o n c i,    der  nackt
       umherläuft und sich höchstens mit Schlamm bedeckt, ist so positiv
       als der   F r a n z o s e,   der  sich nicht nur kleidet, sondern
       elegant kleidet. Der  D e u t s c h e,  der seine Tochter als das
       Kleinod  der   Familie  erzieht,  ist  nicht  positiver  als  der
       R a s b u t e,   der sie tötet, um sich der Nahrungssorge für sie
       zu überheben.  Mit einem Worte:  d e r  H a u t a u s s c h l a g
       i s t  so  p o s i t i v  a l s  d i e  H a u t.
       An einem Ort ist das positiv, am andern jenes, eins ist so unver-
       nünftig als  das andere,  unterwirf dich  dem, was in deinen vier
       Pfählen positiv ist.
       H u g o  ist also  v o l l e n d e t e r  S k e p t i k e r.  Die
       S k e p s i s    d e s    a c h t z e h n t e n    J a h r h u n-
       d e r t s   gegen die   V e r n u n f t   d e s  B e s t e h e n-
       d e n     erscheint  bei  ihm  als    S k e p s i s    gegen  das
       B e s t e h e n   d e r    V e r n u n f t.    Er  adoptiert  die
       A u f k l ä r u n g,   e r   s i e h t   i n    d e m    P o s i-
       t i v e n     n i c h t s     V e r n ü n f t i g e s    m e h r,
       a b e r   n u r,   u m    i n    d e m    V e r n ü n f t i g e n
       n i c h t s   P o s i t i v e s   m e h r  s e h e n  z u  d ü r-
       f e n.   Er meint,  man habe  den  Schein  der  Vernunft  an  dem
       Positiven ausgeblasen,  um das  Positive  o h n e  den Schein der
       Vernunft anzuerkennen;  er meint,  man habe  die  f a l s c h e n
       B l u m e n  an den Ketten zerpflückt, um  e c h t e  K e t t e n
       ohne Blumen zu tragen.
       H u g o   verhält sich zu den  ü b r i g e n  A u f k l ä r e r n
       des    achtzehnten    Jahrhunderts,    wie    sich    etwa    die
       A u f l ö s u n g   d e s  f r a n z ö s i s c h e n  S t a a t s
       am liederlichen  H o f e   d e s  R e g e n t e n  1*) zur Auflö-
       sung des  französischen Staats  in  der    N a t i o n a l v e r-
       s a m m l u n g   verhält.  Auf  beiden  Seiten  Auflösung!  Dort
       erscheint sie  als   l i e d e r l i c h e   F r i v o l i t ä t,
       welche die hohle Ideenlosigkeit der bestehenden Zustände begreift
       und verspottet,  aber nur,  um, aller vernünftigen und sittlichen
       Bande quitt,   i h r   S p i e l   mit  den  faulen  Trümmern  zu
       treiben und  vom  Spiel  derselben  getrieben  und  aufgelöst  zu
       werden. Es ist die  V e r f a u l u n g  d e r  d a m a l i g e n
       W e l t,   d i e   s i c h   s e l b s t   g e n i e ß t.  In der
       N a t i o n a l v e r s a m m l u n g     dagegen  erscheint  die
       A u f l ö s u n g   als   L o s l ö s u n g    d e s    n e u e n
       G e i s t e s   von   a l t e n   F o r m e n,   die  nicht  mehr
       w e r t   und nicht mehr  f ä h i g  waren, ihn zu fassen. Es ist
       das   S e l b s t g e f ü h l  des  n e u e n  L e b e n s,  wel-
       ches das   Z e r t r ü m m e r t e   z e r t r ü m m e r t,   das
       V e r w o r f e n e   v e r w i r f t.    Ist  daher    K a n t s
       P h i l o s o p h i e     mit  Recht  als  die    d e u t s c h e
       T h e o r i e   der französischen  Revolution zu  betrachten,  so
       H u g o s  N a t u r r e c h t
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       1*) Philippe II.
       
       #81# Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule
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       als die  d e u t s c h e  T h e o r i e  des französischen ancien
       régime. Wir  finden bei ihm die ganze  F r i v o l i t ä t  jener
       R o u é s   wieder, die   g e m e i n e   S k e p s i s,  welche,
       frech gegen  Ideen, allerdevotest gegen Handgreiflichkeiten, erst
       ihre Klugheit  empfindet, wenn  sie den  G e i s t  des Positiven
       erlegt hat, um nun das rein Positive als Residuum zu besitzen und
       in diesen   t i e r i s c h e n   Zuständen  behaglich  zu  sein.
       Selbst wenn  Hugo die  Schwere der  Gründe abwägt, so wird er mit
       unfehlbar sicherem  Instinkt das Vernünftige und Sittliche an den
       Institutionen   b e d e n k l i c h  für die Vernunft finden. Nur
       das   T i e r i s c h e   erscheint  s e i n e r  V e r n u n f t
       als das   U n b e d e n k l i c h e.   Doch hören wir unsern Auf-
       klärer vom  Standpunkt des ancien régime! Man muß Hugos Ansichten
       von Hugo  hören. Zu  allen seinen Kombinationen gehört ein: ?????
       ??? 1*)
       
       Introduktion
       
       "Das   e i n z i g e  j u r i s t i s c h e  U n t e r s c h e i-
       d u n g s m e r k m a l    d e s    M e n s c h e n    ist  seine
       t i e r i s c h e  Natur."
       
       Das Kapitel von der Freiheit
       
       "Selbst dies ist eine  E i n s c h r ä n k u n g  d e r  F r e i-
       h e i t"   (sc. des   v e r n ü n f t i g e n   Wesens),   "d a ß
       n i c h t   n a c h   B e l i e b e n   a u f h ö r e n  k a n n,
       e i n   v e r n ü n f t i g e s   W e s e n   z u  s e i n,  d.h.
       ein Wesen, das vernünftig handeln kann und soll."
       "Die   U n f r e i h e i t  ändert an der tierischen und vernünf-
       tigen Natur  des   U n f r e i e n   und   a n d e r e r   M e n-
       s c h e n     nichts.  Die    G e w i s s e n s p f l i c h t e n
       bleiben   a l l e.  Die  S k l a v e r e i  ist nicht nur  p h y-
       s i s c h   möglich, sondern  auch,  sie  ist    n a c h    d e r
       V e r n u n f t   möglich, und  bei jeder  Forschung, die uns das
       Gegenteil lehrt,  muß irgendein  Mißverständnis mit  unterlaufen.
       P e r e m p t o r i s c h    r e c h t l i c h   ist sie freilich
       nicht, d.h.,  sie folgt nicht aus der tierischen Natur, nicht aus
       der vernünftigen  und nicht  aus der  bürgerlichen. Daß  sie aber
       s o   g u t  p r o v i s o r i s c h e s  Recht sein kann als ir-
       gend etwas  von den  Gegnern Zugegebenes, ergibt die Vergleichung
       mit  dem   Privatrechte  und  mit  dem    ö f f e n t l i c h e n
       R e c h t e."   Beweis: "In Ansehung der tierischen Natur ist der
       offenbar  mehr   vor  Mangel  gesichert,  welcher  einem  Reichen
       g e h ö r t,   der etwas  mit ihm  verliert und  seine Not gewahr
       wird, als der Arme, welchen seine Mitbürger benutzen, solange et-
       was  an   ihm  zu   benutzen  ist  etc."  "Das  Recht,  servi  zu
       m i ß h a n d e l n   und zu   v e r s t ü m m e l n,   ist nicht
       wesentlich, und   w e n n   e s   a u c h  s t a t t f i n d e t,
       so ist  es   n i c h t   v i e l  s c h l i m m e r  als das, was
       sich die  Armen gefallen  lassen, und  was den   K ö r p e r  be-
       trifft, nicht  so schlimm  als der  K r i e g,  von welchem servi
       als solche  überall frei sein müssen. Die  S c h ö n h e i t  so-
       gar  findet   sich  eher  bei  einer    z i r k a s s i s c h e n
       S k l a v i n  als bei einem Bettlermädchen." (Hört den Alten!)
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       1*) er selbst hat es gesagt
       
       #82# Karl Marx
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       "Für die   v e r n ü n f t i g e   Natur hat die servitus vor der
       Armut den  Vorzug, daß viel eher der Eigentümer an den Unterricht
       eines servus,  der Fähigkeiten  zeigt, selbst aus  w o h l v e r-
       s t a n d e n e r   W i r t s c h a f t,   etwas wenden wird, als
       dies bei  einem Bettlerkinde  der Fall  ist.  In  einer    V e r-
       f a s s u n g   bleibt grade der servus mit sehr vielen Arten des
       Druckes  verschont.   Ist  der   Sklave  unglücklicher   als  der
       Kriegsgefangene, den  seine Bedeckung  weiter gar  nichts angeht,
       als daß  sie eine Zeitlang für ihn verantwortlich ist, unglückli-
       cher als  der Baugefangene, über welchen die Regierung einen Auf-
       seher gesetzt hat."
       "Ob die  Sklaverei an  sich der   F o r t p f l a n z u n g  vor-
       teilhaft oder nachteilig sei, darüber streitet man noch."
       
       Das Kapitel von der Ehe
       
       "Die  E h e  ist schon oft bei der  p h i l o s o p h i s c h e n
       Betrachtung des  positiven Rechtes  für   v i e l    w e s e n t-
       l i c h e r   und der   V e r n u n f t   v i e l   g e m ä ß e r
       angesehen worden,  als sie  bei   e i n e r  g a n z  f r e i e n
       Prüfung erscheint."
       
       Zwar die   B e f r i e d i g u n g  d e s  G e s c h l e c h t s-
       t r i e b s   in der  Ehe konveniert  Herrn Hugo. Er leitet sogar
       eine  h e i l s a m e  M o r a l  aus diesem Faktum:
       
       "Hieraus, wie  aus unzähligen  anderen  Verhältnissen  hätte  man
       s e h e n   s o l l e n,  daß es nicht immer  u n s i t t l i c h
       sei, den   K ö r p e r   e i n e s  M e n s c h e n  a l s  e i n
       M i t t e l   z u   e i n e m  Z w e c k  z u  b e h a n d e l n,
       wie man,  und auch  wohl   K a n t  s e l b s t,  diesen Ausdruck
       falsch verstanden hat."
       
       Aber die  Heiligung  des  Geschlechtstriebs  durch  die    A u s-
       s c h l i e ß l i c h k e i t,   die Bändigung  des Triebs  durch
       die Gesetze,  die  s i t t l i c h e  S c h ö n h e i t,  die das
       Naturgebot zu einem Moment geistiger Verbindung idealisiert - das
       g e i s t i g e  W e s e n  der Ehe - das eben ist dem Herrn Hugo
       das  B e d e n k l i c h e  an der Ehe. Doch ehe wir weiter seine
       f r i v o l e   S c h a m l o s i g k e i t  verfolgen, hören wir
       einen Augenblick  dem   h i s t o r i s c h e n  Deutschen gegen-
       über den französischen  P h i l o s o p h e n.
       
       "C'est en  renonçant pour  un seul homme à cette réserve mystéri-
       euse, dont  la règle  divine est  imprimée dans son coeur, que la
       femme se voue à cet hommes, pour lequel elle suspend, dans un ab-
       andon momentané,  cette pudeur, qui ne la quitte jamais; pour le-
       quel seul elle écarte des voiles qui sont d'ailleurs son asile et
       sa parure.  De là cette confiance intime dans son époux, résultat
       d'une relation  exclusive, qui  ne peut  exister qu'entre elle et
       lui, sans qu'aussitôt elle se sente flétrie; de là dans cet époux
       la reconnaissance  pour un sacrifice et ce mélange de désir et de
       respect pour  un être  qui, même  en partageant  ses plaisirs, ne
       semble encore  que lui  céder;  de  là  tout  ce  qu'il  y  a  de
       r é g u l i e r  dans notre  o r d r e  s o c i a l." 1*) [54]
       -----
       1*) "Dadurch,  daß sie einem einzigen Manne zuliebe auf diese ge-
       heimnisvolle Zurückhaltung  verzichtet, deren  göttliches  Gesetz
       sie im Herzen tragt, gelobt sie sich diesem Manne an, dem zuliebe
       sie diese  Schamhaftigkeit, die sie niemals verläßt, in einem Au-
       genblick der  Hingabe aufgibt;  für den  allein sie  die Schleier
       lüftet, die sonst ihre Zuflucht und ihr Schmuck sind. Daher
       
       #83# Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule
       -----
       Also    der     liberale    philosophische        F r a n z o s e
       B e n j a m i n   C o n s t a n t!   Und nun hören wir den servi-
       len, historischen Deutschen:
       
       "Viel   b e d e n k l i c h e r   ist schon die zweite Beziehung,
       daß   a u ß e r   d e r   E h e    die    B e f r i e d i g u n g
       d i e s e s   T r i e b e s   n i c h t  erlaubt ist! Die  t i e-
       r i s c h e   N a t u r   i s t   d i e s e r  E i n s c h r ä n-
       k u n g  z u w i d e r.  Die  v e r n ü n f t i g e  Natur ist es
       noch mehr, weil"... man rate! ... "weil ein Mensch  b e i n a h e
       a l l w i s s e n d  sein müßte, um vorauszusehen, welchen Erfolg
       es haben  werde, weil es also  G o t t  v e r s u c h e n  heißt,
       wenn man  sich verpflichtet, einen der heftigsten Naturtriebe nur
       dann zu  befriedigen, wenn es mit einer bestimmten anderen Person
       geschehen kann!"  "Das seiner  Natur nach  f r e i e  G e f ü h l
       d e s   S c h ö n e n   soll gebunden  und, was  von ihm abhängt,
       soll völlig davon losgerissen werden."
       Seht ihr,  in   w e l c h e    Schule  unsere    J u n g d e u t-
       s c h e n  gegangen sind [55]!
       
       "Gegen die   b ü r g e r l i c h e  Natur stößt diese Einrichtung
       insofern an,  als ...  endlich die   P o l i z e i  eine  f a s t
       k a u m  z u  l ö s e n d e  A u f g a b e  übernimmt!"
       Ungeschickte Philosophie, keine solche Aufmerksamkeiten gegen die
       P o l i z e i  zu handhaben!
       
       "Alles, was  in der  Folge von  den näheren Bestimmungen des Ehe-
       rechts vorkommen  wird, lehrt  uns, daß  die Ehe,  man mag  dabei
       Grundsätze annehmen, welche man will, eine  s e h r  u n v o l l-
       k o m m e n e  E i n r i c h t u n g  bleibt."
       "Diese  Einschränkung  des  Geschlechtstriebs  auf  die  Ehe  hat
       a b e r   a u c h  ihre  w i c h t i g e n  Vorteile, indem - da-
       durch gewöhnlich   a n s t e c k e n d e    K r a n k h e i t e n
       v e r m i e d e n   werden. Der Regierung erspart die  E h e  gar
       viel   W e i t l ä u f i g k e i t.   Endlich tritt dann noch die
       überall so   w i c h t i g e   B e t r a c h t u n g    ein,  daß
       hierin das    P r i v a t r e c h t l i c h e    nun    s c h o n
       e i n m a l   d a s   e i n z i g - g e w ö h n l i c h e   ist."
       "F i c h t e    sagt:  Die  unverheiratete  Person  ist  nur  zur
       H ä l f t e   ein Mensch. Da tut es mir" (sc. Hugo) "aber ordent-
       lich leid,  einen solchen  schönen Ausspruch, wodurch ja auch ich
       über Christus,  Fénélon, Kant,  Hume zu  stehen  käme,  für  eine
       u n g e h e u r e  Ü b e r t r e i b u n g  erklären zu müssen."
       "Was  die  Mono-  und  Polygamie  betrifft,  so  kommt  es  dabei
       o f f e n b a r   auf die   t i e r i s c h e  Natur des Menschen
       an!!"
       
       Das Kapitel von der Erziehung
       
       Wir erfahren sogleich:
       
       "Daß die  Erziehungskunst gegen die darauf" (sc. Erziehung in der
       Familie) "sich  beziehenden juristischen Verhältnisse nicht weni-
       ger einzuwenden  hat als  die  K u n s t  z u  l i e b e n  gegen
       die  E h e."
       -----
       das innige Vertrauen zu ihrem Manne, Ergebnis einer ausschließli-
       chen Beziehung,  die nur zwischen ihr und ihm bestehen kann, ohne
       daß sie sich alsbald geschändet fühlt; daher die Dankbarkeit die-
       ses Mannes für ein Opfer und die Mischung von Verlangen und Scheu
       vor einem Wesen, das, auch wenn es seine Lust teilt, ihn doch nur
       gewähren   zu    lassen   scheint;    daher   alles,    was    es
       G e s i t t e t e s   in unserer   s o z i a l e n  O r d n u n g
       gibt."
       
       #84# Karl Marx
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       "Die Schwierigkeit daß man nur in einem solchen Verhältnis erzie-
       hen darf, ist zwar hier lange nicht so bedenklich wie bei der Be-
       friedigung des Geschlechtstriebes, auch um deswillen, weil es er-
       laubt ist,  die Erziehung vertragsweise einem Dritten zu überlas-
       sen, also,  wer einen  so großen  Trieb fühlte,  sehr leicht dazu
       kommen könnte,  ihn zu  befriedigen, nur freilich nicht gerade an
       der  b e s t i m m t e n  P e r s o n,  die er sich wünschte. In-
       des ist auch schon dies der Vernunft zuwider, daß jemand, dem ge-
       wiß  nie   ein  Kind   anvertraut  werden   würde,  kraft   eines
       s o l c h e n  V e r h ä l t n i s s e s  erziehen und andere von
       der Erziehung  ausschließen darf."  "Endlich tritt dann auch hier
       ein   Z w a n g  ein, teils insofern dem Erziehenden im positiven
       Recht gar  oft nicht  erlaubt wird,  dieses   V e r h ä l t n i s
       a u f z u g e b e n,   teils insofern  der zu Erziehende genötigt
       ist, sich grade von diesem erziehen zu lassen." "Die Wirklichkeit
       dieses  Verhältnisses   beruht  meistens  auf  dem    b l o ß e n
       Z u f a l l   der Geburt,  welche auf  den   V a t e r  durch die
       E h e   bezogen sein muß. Diese  E n t s t e h u n g s a r t  ist
       offenbar nicht  sehr vernünftig, auch um deswillen, weil hier ge-
       wöhnlich eine  V o r l i e b e  eintritt, welche allein schon ei-
       ner guten  Erziehung im  Wege steht,  und daß sie dann doch nicht
       durchaus notwendig ist, sieht man daraus, weil ja auch Kinder er-
       zogen werden, deren Eltern bereits gestorben sind."
       
       Das Kapitel vom Privatrecht
       
       § 107 werden wir belehrt, daß die "Notwendigkeit des Privatrechts
       überhaupt eine vermeinte sei".
       
       Das Kapitel vom Staatsrecht
       
       "Es ist  eine   h e i l i g e    G e w i s s e n s p f l i c h t,
       der   O b r i g k e i t   z u   g e h o r c h e n,    welche  die
       G e w a l t  in  H ä n d e n  hat." "Was die  V e r t e i l u n g
       d e r   R e g i e r u n g s g e w a l t   betrifft, so  ist  zwar
       k e i n e   einzelne  Verfassung  peremptorisch  rechtlich;  aber
       p r o v i s o r i s c h   r e c h t l i c h   ist   j e d e,  die
       R e g i e r u n g s g e w a l t   s e i   v e r t e i l t,  w i e
       s i e  w o l l e."
       
       Hat Hugo  nicht bewiesen,  daß der  Mensch auch  die  l e t z t e
       F e s s e l   d e r  F r e i h e i t  abwerfen kann, nämlich die,
       ein   v e r n ü n f t i g e s   W e s e n  zu sein? Diese wenigen
       Exzerpte aus  dem  p h i l o s o p h i s c h e n  M a n i f e s t
       d e r  h i s t o r i s c h e n  S c h u l e  reichen hin, glauben
       wir, um  ein historisches  Urteil über diese Schule an die Stelle
       unhistorischer Einbildungen,  unbestimmter Gemütsträume  und  ab-
       sichtlicher  Fiktionen   zu  setzen;   sie  reichen  hin,  um  zu
       entscheiden, ob  H u g o s  N a c h f o l g e r  den Beruf haben,
       die  G e s e t z g e b e r  u n s e r e r  Z e i t  zu sein.
       Allerdings ist  dieser   r o h e  S t a m m b a u m  der histori-
       schen  Schule   im  Laufe   der  Zeit  und  der  Kultur  von  dem
       R a u c h w e r k e   d e r   M y s t i k   in Nebel gehüllt, von
       der   R o m a n t i k    phantastisch  ausgeschnitzelt,  von  der
       S p e k u l a t i o n   inokuliert worden,  und die  vielen  g e-
       l e h r t e n  Früchte hat man vom Baume geschüttelt,
       
       #85# Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule
       -----
       getrocknet und  prahlerisch in der großen Vorratskammer deutscher
       Gelehrsamkeit aufgespeichert; allein es gehört wahrlich nur wenig
       K r i t i k   dazu, um  hinter all  den  wohlriechenden  modernen
       Phrasen die schmutzigen alten Einfälle unseres Aufklärers des an-
       cien régime  und hinter  all der  überschwenglichen Salbung seine
       liederliche Trivialität wiederzuerkennen.
       Wenn Hugo  sagt: "Das  T i e r i s c h e  ist das  j u r i s t i-
       s c h e   Unterscheidungsmerkmal des  M e n s c h en",  also: das
       Recht ist   t i e r i s c h e s   Recht,  so sagen die gebildeten
       M o d e r n e n   für das  rohe, offenherzige   "t i e r i s c h"
       etwa   "o r g a n i s c h e s"   Recht, denn wem fällt beim  O r-
       g a n i s m u s   auch gleich  der   t i e r i s c h e   O r g a-
       n i s m u s   ein? Wenn  Hugo sagt,  daß in  der   E h e  und den
       andern   s i t t l i c h - r e c h t l i c h e n    Institutionen
       k e i n e   V e r n u n f t   ist, so  sagen die  m o d e r n e n
       Herren, diese  Institutionen seien  zwar  k e i n e  B i l d u n-
       g e n   d e r   m e n s c h l i c h e n   V e r n u n f t,   aber
       A b b i l d e r  einer höhern  "p o s i t i v e n"  Vernunft, und
       so durch  alle übrigen  Artikel. Nur   e i n   Resultat  sprechen
       a l l e  gleich roh aus:  D a s  R e c h t  d e r  w i l l k ü r-
       l i c h e n  G e w a l t.
       H a l l e r s,   S t a h l s,   L e o s   und der Gleichgesinnten
       juristische und  historische Theorien sind nur als  c o d i c e s
       r e s c r i p t i     des     h u g o n i s c h e n    N a t u r-
       r e c h t s   zu betrachten,  die nach  einigen  Operationen  der
       k r i t i s c h e n   S c h e i d e k u n s t   den alten    U r-
       t e x t   wieder  leserlich  hervortreten  lassen,  wie  wir  bei
       gelegener Zeit weiter dartun wollen.
       Um so  vergeblicher bleiben  alle    V e r s c h ö n e r u n g s-
       k ü n s t e,   als wir  das alte  Manifest   n o c h   b e s i t-
       z e n,  das, wenn auch nicht  v e r s t ä n d i g,  doch immerhin
       s e h r  v e r s t ä n d l i c h  i s t.
       
       Geschrieben Ende Juli bis etwa 6. August 1842.
       "Das Kapitel von der Ehe" nach der Handschrift

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