Quelle: MEW 1 1839 - 1844


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       #86#
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       Karl Marx
       Der leitende Artikel in Nr. 179 der "Kölnischen Zeitung" [58]
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 191 vom 10. Juli 1842]
       *** Wir  hatten bisher  in  der    "K ö l n i s c h e n    Z e i-
       t u n g"   wenn auch  nicht das   "B l a t t  d e r  r h e i n i-
       s c h e n    I n t e l l i g e n z",    so  doch  das  rheinische
       "I n t e l l i g e n z b l a t t"  verehrt. Wir betrachteten vor-
       zugsweise ihre  "leitenden politischen  Artikel" als  ein  ebenso
       weises wie  gewähltes Mittel, dem Leser die Politik zu verleiden,
       damit  er   desto  sehnsüchtiger   in  das  lebensfrische,  indu-
       striewogende und oft schöngeistig pikante Reich der Anzeigen hin-
       übersetze, damit  es auch  hier heiße:  per aspera  ad astra 1*),
       durch die Politik zu den Austern. Allein das schöne Ebenmaß, wel-
       ches die  "Kölnische Zeitung" bisher zwischen der Politik und den
       Anzeigen zu  halten wußte, ist in letzter Zeit durch eine Art von
       Anzeigen gestört worden, welche man die "Anzeigen der politischen
       Industrie" nennen kann. In der ersten Unsicherheit, wo diese neue
       Gattung zu  plazieren, geschah es, daß sich eine Anzeige in einen
       leitenden Artikel  und der  leitende Artikel in eine Anzeige ver-
       wandelte, und  zwar in  eine Anzeige,  die man in der Sprache der
       politischen Welt  eine "Denunziation"  nennt, die  aber, wenn sie
       bezahlt wird, eine "Anzeige" schlechthin heißt.
       Man pflegt  im Norden  vor den magern Mahlzeiten exquisite Spiri-
       tuosa den  Gästen verabfolgen  zu lassen. Wir befolgen bei unserm
       nordischen Gaste  um so  lieber diese Sitte, den Spiritus vor der
       Mahlzeit zu  geben, als  wir in  der Mahlzeit selbst, in dem sehr
       "leidenden" Artikel  in Nr.  179 der  "Kölnischen Zeitung" keinen
       Spiritus finden.  Wir tischen daher zuerst eine Szene aus Lucians
       Göttergesprächen auf,  die wir  nach einer "gemeinverständlichen"
       Übersetzung  mitteilen,   da  unter   unsern  Lesern   wenigstens
       e i n e r  sich befinden wird, der kein Hellene ist.
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       1*) auf rauen Pfaden zu den Sternen
       
       #87# Der leitende Artikel in der Nr. 179 der "Kölnischen Zeitung"
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       Lucians Göttergespräche
       XXIV. Hermes' Klagen
       Hermes. Maja
       
       H e r m e s.   Gibt es wohl, liebe Mutter, im ganzen Himmel einen
       geplagteren Gott als mich?
       M a j a.  Sage doch nicht so etwas, mein Sohn!
       H e r m e s.   Warum soll  ich es  nicht sagen? Ich, der ich eine
       Menge von  Geschäften zu  besorgen habe,  immer allein  arbeiten,
       mich zu so vielen Knechtsdiensten herumzerren lassen muß? Morgens
       mit dem Frühesten muß ich aufstehen und den Speisesaal auskehren,
       die Polster  im Ratszimmer  zurechte legen, und wenn alles an Ort
       und Stelle  ist, bei  Jupitern aufwarten  und den  ganzen Tag mit
       seinen Botschaften  auf und  ab den Kurier machen. Kaum zurückge-
       kehrt und  mit Staube  noch bedeckt, muß ich die Ambrosia auftra-
       gen. Und  was noch  das ärgste  ist, ich hin der einzige, dem man
       auch des  Nachts keine  Ruhe läßt;  denn da muß ich dem Pluto die
       Seelen der  Verstorbenen zuführen  und beim Totengerichte Aufwär-
       terdienste tun,  denn es  ist nicht genug an den Arbeiten des Ta-
       ges, daß  ich den   T u r n ü b u n g e n   anzuwohnen, den  H e-
       r o l d   in den  Volksversammlungen zu  machen, den Volksrednern
       beim Einstudieren  ihrer Vorträge  zu helfen habe; nein, ich muß,
       in so  viele Geschäfte  zerstückelt, auch noch das  g e s a m t e
       T o t e n w e s e n  besorgen.
       
       Seit seiner  Vertreibung aus  dem Olymp  besorgt Hermes aus alter
       Gewohnheit noch  immer "Knechtsdienste"  und das gesamte Totenwe-
       sen.
       Ob Hermes  selbst oder sein Sohn, der Ziegengott Pan, den leiden-
       den Artikel Nr. 179 geschrieben, mag der Leser entscheiden, nach-
       dem er sich erinnert, daß der griechische Hermes der Gott der Be-
       redsamkeit und der Logik war.
       
       "Philosophische und  religiöse Ansichten  durch die  Zeitungen zu
       verbreiten oder in den Zeitungen zu bekämpfen, scheint uns gleich
       unzulässig."
       
       Wie der  Alte so  plauderte, merkte  ich wohl, daß es bei ihm auf
       eine langweilige  Litanei von Orakelsprüchen abgesehen sei, aber,
       beschwichtigte ich  die Ungeduld,  sollte ich dem einsichtsvollen
       Manne nicht  glauben, der  so unbefangen  ist, in  seinem eigenen
       Hause seine Meinung mit aller Freimütigkeit zu sagen, und ich las
       weiter. Doch,  o Wunder,  dieser Artikel,  dem zwar keine einzige
       philosophische Ansicht  vorzuwerfen ist,  hat wenigstens die Ten-
       denz, philosophische Ansichten zu bekämpfen und religiöse Ansich-
       ten zu verbreiten.
       Was soll  uns ein  Artikel, der das Recht seiner eigenen Existenz
       bestreitet,
       
       #88# Karl Marx
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       der seine  Inkompetenzerklärung sich  selbst  vorausschickt.  Der
       redselige Verfasser  wird uns  antworten. Er  erklärt, wie  seine
       breitspurigen Artikel  zu lesen  sind. Er beschränkt sich darauf,
       Bruchstücke zu geben, deren "Aneinanderreihung und Verbindung" er
       "dem Scharfsinn  der Leser" überläßt -, die schicklichste Methode
       für jene  Art von  Anzeigen, deren  Betrieb er sich zugelegt. Wir
       wollen "aneinanderreihen  und verbinden", und es ist nicht unsere
       Schuld, wenn aus dem Rosenkranz kein Kranz von Rosenperlen wird.
       Der Verfasser erklärt sich dahin:
       
       "Eine Partei,  die sich  dieser Mittel bedient" (nämlich philoso-
       phische und religiöse Ansichten in Zeitungen zu verbreiten und zu
       bekämpfen), "zeigt dadurch,  u n s e r e r  Meinung nach, daß sie
       es   n i c h t   e h r l i c h   meint und daß ihr weniger an der
       Belehrung  und  Aufklärung  des  Volkes  als  an  der  Erreichung
       a n d e r e r  ä u ß e r e r  Z w e c k e  gelegen ist."
       
       Bei dieser   s e i n e r  Meinung kann der Artikel nichts anderes
       als die  Erreichung äußerer  Zwecke beabsichtigen.  Diese "äußern
       Zwecke" werden sich nicht verschweigen.
       
       Der Staat, heißt es, hat nicht allein das Recht, sondern auch die
       Pflicht, den   "u n b e r u f e n e n  Schwätzern das Handwerk zu
       legen". Der  Verfasser spricht von den  G e g n e r n  seiner An-
       sicht; denn  längst ist er dahin mit sich selbst übereingekommen,
       ein  b e r u f e n e r  Schwätzer zu sein.
       Es handelt  sich also  von einer neuen Verschärfung der Zensur in
       religiösen Angelegenheiten, von einer neuen Polizeimaßregel gegen
       die kaum aufatmende Presse.
       
       "Unserer Meinung  nach kann  man dem  Staate, statt übertriebener
       Strenge, eher  eine zu  weit getriebene Nachsicht zum Vorwurf ma-
       chen."
       
       Doch der  leitende Artikel  besinnt sich.  Es ist gefährlich, dem
       Staate Vorwürfe zu machen; er adressiert sich daher an die Behör-
       den, seine Anklage gegen die Preßfreiheit verwandelt sich in eine
       Anklage gegen  die Zensoren;  er klagt die Zensoren an, zu "wenig
       Zensur" anzuwenden.
       
       "Auch darin  ist bisher,   z w a r   n i c h t  vom  S t a a t e,
       aber von  "e i n z e l n e n  B e h ö r d e n"  eine tadelnswerte
       Nachsicht bewiesen  worden, daß  man der  neuern  philosophischen
       Schule gestattet  hat, sich  in öffentlichen  Blättern und in än-
       dern, für einen nicht bloß wissenschaftlichen Leserkreis bestimm-
       ten Druckschriften  die unwürdigsten Ausfälle auf das Christentum
       zu erlauben."
       
       Wiederum bleibt  der Verfasser  stehen, und  wiederum besinnt  er
       sich; er  hat vor weniger als acht Tagen in der Zensurfreiheit zu
       wenig Preßfreiheit gefunden; er findet jetzt in dem Zensorenzwang
       zu wenig Zensurzwang.
       
       #89# Der leitende Artikel in der Nr. 179 der "Kölnischen Zeitung"
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       Das muß wieder gutgemacht werden.
       
       "Solange noch  eine  Zensur  besteht,  ist  es  ihre  dringendste
       Pflicht, so  ekelerregende Auswüchse eines knabenhaften Übermutes
       auszuschneiden, wie  sie in  den letzten  Tagen wiederholt  unser
       Auge beleidigt haben."
       
       Blöde Augen!  Blöde Augen!  Und das "blödeste Auge wird von einer
       Wendung beleidigt  werden, die  nur  auf  die  Fassungskraft  der
       großen Menge" berechnet sein kann.
       Wenn schon  die erleichterte  Zensur ekelerregende Auswüchse auf-
       kommen läßt,  wie erst  die Preßfreiheit?  Wenn unsere  Augen  zu
       schwach sind,  den "Übermut" der zensierten, wie würden sie stark
       genug sein, den "Mut" der freien Presse zu ertragen?
       "Solange die  Zensur besteht,  ist es  ihre dringendste Pflicht."
       Und sobald  sie nicht  mehr besteht?  Die Phrase muß so interpre-
       tiert werden: Es ist die dringendste Pflicht der Zensur, so lange
       als möglich zu bestehen.
       Und wiederum besinnt sich der Verfasser:
       
       "Es ist nicht unseres Amtes, als  ö f f e n t l i c h e r  Anklä-
       ger aufzutreten, und wir unterlassen deshalb jede nähere Bezeich-
       nung."
       
       Es ist  eine Himmelsgüte in diesem Menschen! Er unterläßt die nä-
       here "Bezeichnung",  und nur aus ganz nahen, ganz distinkten Zei-
       chen könnte  er beweisen und zeigen, was denn  s e i n e  Ansicht
       will; er  läßt nur  vage, halblaute, verdächtigende Worte fallen;
       es ist nicht seines Amtes,  ö f f e n t l i c h e r  Ankläger, es
       ist seines  Amtes,   v e r s t e c k t e r   A n k l ä g e r   zu
       sein.
       Zum letzten  Male besinnt sich der unglückliche Mann, daß es sei-
       nes Amtes ist, liberale Leadingartikel zu schreiben, daß er einen
       "loyalen Preßfreiheitsfreund"  vorstellen solle;  er  wirft  sich
       also in die letzte Position:
       
       "Wir durften  es nicht unterlassen, gegen ein Verfahren zu prote-
       stieren, welches, wenn es nicht eine Folge zufälliger Vernachläs-
       sigung ist, keinen andern Zweck haben kann, als die freiere Bewe-
       gung der  Presse in  der öffentlichen Meinung zu kompromittieren,
       um den  Gegnern, die  auf dem  geraden Wege ihr Ziel zu verfehlen
       fürchten, gewonnenes Spiel zu gehen."
       Die Zensur, lehrt dieser ebenso kühne als scharfsinnige Verteidi-
       ger der  Preßfreiheit, wenn  sie nicht der englische Leoparde mit
       der Inschrift  ist: "I  sleep,  wake  me  not!"  1*)  hat  dieses
       "heillose" Verfahren  eingeschlagen, um  die freiere Bewegung der
       Presse in der öffentlichen Meinung zu kompromittieren.
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       1*) "Ich schlafe, wecke mich nicht!"
       
       #90# Karl Marx
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       Braucht eine  Bewegung der  Presse noch kompromittiert zu werden,
       welche die  Zensur auf   "z u f ä l l i g e  V e r n a c h l ä s-
       s i g u n g e n"   aufmerksam macht,  welche ihr  Renommee in der
       öffentlichen Meinung von dem "Federmesser des Zensors" erwartet?
       "Frei" kann  diese Bewegung  insofern genannt werden, als man die
       Lizenz der  Schamlosigkeit auch zuweilen "frei" nennt, und ist es
       nicht die Schamlosigkeit des Unverstandes und der Heuchelei, sich
       für einen Verteidiger der freiern Bewegung der Presse auszugeben,
       wenn man zugleich doziert, die Presse falle den Augenblick in die
       Gosse, wo nicht zwei Gendarmen ihr unter die Arme greifen.
       Und wozu bedürfen wir der Zensur, wozu dieses leitenden Artikels,
       wenn die  philosophische Presse  sich selbst  in der öffentlichen
       Meinung kompromittiert?  Allerdings will der Verfasser keineswegs
       "d i e   F r e i h e i t    d e r    w i s s e n s c h a f t l i-
       c h e n  F o r s c h u n g"  beschränken.
       
       "In unsern  Tagen ist  der    w i s s e n s c h a f t l i c h e n
       F o r s c h u n g    mit  Recht  der  weiteste,  unbeschränkteste
       Spielraum gestattet."
       
       Welchen Begriff  unser Mann  aber von der wissenschaftlichen For-
       schung hat, mag folgende Äußerung beweisen:
       
       "Es ist  dabei scharf zu unterscheiden, was die Freiheit der wis-
       senschaftlichen Forschung erfordert, durch welche das Christentum
       selbst nur  gewinnen kann,  und was  über die Grenzen der wissen-
       schaftlichen Forschung hinaus liegt."
       
       Wer soll  über die  Grenzen der wissenschaftlichen Forschung ent-
       scheiden, wenn nicht die wissenschaftliche Forschung selbst! Nach
       dem leitenden  Artikel sollen die Grenzen der Wissenschaft vorge-
       schrieben  werden.   Der  leitende   Artikel  kennt   also   eine
       "o f f i z i e l l e   V e r n u n f t",   welche nicht  von  der
       wissenschaftlichen Forschung  lernt, sondern sie belehrt, welche,
       eine gelehrte  Vorsehung, die  Größe jedes Haares mißt, das einen
       wissenschaftlichen Bart  in einen Weltbart verwandeln könnte. Der
       leitende Artikel  glaubt an die wissenschaftliche Inspiration der
       Zensur.
       Ehe wir  diese "albernen"  Explikationen des  leitenden  Artikels
       über die  "wissenschaftliche Forschung"  weiter verfolgen, kosten
       wir  einen  Augenblick  von  der    "R e l i g i o n s p h i l o-
       s o p h i e"   des Herrn  H[ermes] von  seiner  "eigenen  Wissen-
       schaft"!
       
       "Die Religion ist die Grundlage des Staates, wie die notwendigste
       Bedingung jeder  nicht bloß auf die Erreichung irgendeines äußer-
       lichen Zweckes gerichteten gesellschaftlichen Vereinigung."
       B e w e i s:   "In ihrer  rohesten Form  als  k i n d i s c h e r
       F e t i s c h i s m u s,  erhebt sie den Menschen doch einigerma-
       ßen über die sinnlichen Begierden, die ihn, wenn er sich von den-
       selben
       
       #91# Der leitende Artikel in der Nr. 179 der "Kölnischen Zeitung"
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       ausschließlich beherrschen läßt, zum  T i e r e  e r n i e d r i-
       g e n  und zu der Erfüllung jedes höhern Zweckes unfähig machen."
       
       Der leitende  Artikel nennt  den Fetischismus die  "r o h e s t e
       Form" der Religion. Er gibt also zu, was auch ohne seinen Konsens
       bei allen  Männern der  "wissenschaftlichen Forschung" feststeht,
       daß die  "Tierreligion" eine  höhere religiöse Form als der Feti-
       schismus ist,  und erniedrigt die Tierreligion den Menschen nicht
       unter das Tier, macht sie das Tier nicht zum Gott des Menschen?
       Und nun gar der "Fetischismus"! Eine wahre Pfennigsmagazingelehr-
       samkeit! Der Fetischismus ist so weit entfernt, den Menschen über
       die Begierde  zu erheben, daß er vielmehr "die Religion der sinn-
       lichen Begierde"  ist. Die Phantasie der Begierde gaukelt dem Fe-
       tischdiener vor,  daß ein "lebloses Ding" seinen natürlichen Cha-
       rakter aufgeben  werde, um das Jawort seiner Gelüste zu sein. Die
       rohe Begierde  des Fetischdieners  zerschlägt daher  den Fetisch,
       wenn er aufhört, ihr untertänigster Diener zu sein.
       
       "Bei jenen  Nationen, welche eine höhere geschichtliche Bedeutung
       erlangt haben, fällt die Blüte ihres Volkslebens mit der höchsten
       Ausbildung ihres  religiösen Sinnes,  der Verfall ihrer Größe und
       ihrer Macht mit dem Verfall ihrer religiösen Bildung zusammen."
       
       Wenn man  die Behauptung  des Verfassers geradezu umkehrt, erhält
       man die  Wahrheit; er  hat die  Geschichte auf den Kopf gestellt.
       Griechenland und  Rom sind  doch wohl  die  Länder  der  höchsten
       "geschichtlichen Bildung" unter den Völkern der alten Welt. Grie-
       chenlands höchste  innere Blüte  fällt in  die Zeit des Perikles,
       seine höchste  äußere in  die Zeit Alexanders. Zur Zeit des Peri-
       kles hatten  Sophisten, Sokrates,  welchen man  die inkorporierte
       Philosophie nennen  kann, Kunst  und Rhetorik  die Religion  ver-
       drängt. Die  Zeit des Alexander war die Zeit des Aristoteles, der
       die Ewigkeit des "individuellen" Geistes und den Gott der positi-
       ven Religionen verwarf. Und nun gar Rom! Leset den Cicero! Epiku-
       reische, stoische  oder skeptische Philosophie waren die Religio-
       nen der  Römer von Bildung, als Rom den Höhepunkt seiner Laufbahn
       erreicht hatte.  Wenn mit dem Untergang der alten Staaten die Re-
       ligionen der  alten Staaten  verschwinden, so  bedarf das  keiner
       weitern Explikation,  denn die "wahre Religion" der Alten war der
       Kultus "ihrer Nationalität", ihres "Staates". Nicht der Untergang
       der alten  Religionen stürzte  die alten Staaten, sondern der Un-
       tergang der  alten Staaten stürzte die alten Religionen. Und sol-
       che Unwissenheit,  wie die  des leitenden  Artikels,  proklamiert
       sich  zum  "Gesetzgeber  der  wissenschaftlichen  Forschung"  und
       schreibt der Philosophie "Dekrete".
       
       #92# Karl Marx
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       "Die ganze  alte Welt mußte deshalb zusammenbrechen, weil mit den
       Fortschritten in  ihrer wissenschaftlichen Ausbildung, welche die
       Völker machten,  notwendig auch  die Aufdeckung der Irrtümer ver-
       bunden war, auf denen ihre religiösen Ansichten beruhten."
       Also die  ganze alte  Welt ging nach dem leitenden Artikel unter,
       weil die wissenschaftliche Forschung die Irrtümer der alten Reli-
       gionen aufdeckte.  Wäre die  alte Welt  nicht untergegangen, wenn
       die Forschung  die Irrtümer  der Religionen  verschwiegen  hätte,
       wenn Lucretius'  und Lucians Schriften von dem Verfasser des lei-
       tenden Artikels den römischen Behörden zum Ausschneiden empfohlen
       worden wären?
       Übrigens erlauben  wir uns,  die Gelehrsamkeit des Herrn H[ermes]
       mit einer Notiz zu vermehren.
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 193 vom 12. Juli 1842]
       *** Eben  als der  Untergang der  alten Welt herannahte, tat sich
       die Alexandrinische  Schule auf,  welche mit  Gewalt  "die  ewige
       Wahrheit" der griechischen Mythologie und ihre durchgängige Über-
       einstimmung "mit  den  Ergebnissen  der  wissenschaftlichen  For-
       schung" zu  beweisen sich bemühte. Auch der Kaiser Julian gehörte
       noch zu  dieser Richtung, die den neu hereinbrechen den Zeitgeist
       glaubte verschwinden  zu machen, wenn sie sich die Augen zuhielt,
       um ihn  nicht zu  sehen. Allein bei H's Resultat stehengeblieben!
       In den  alten Religionen  war "die schwache Ahnung des Göttlichen
       von der dichtesten Nacht des Irrtums verhüllt" und konnte deshalb
       den wissenschaftlichen  Forschungen nicht  widerstehen. Im  Chri-
       stentum verhält  es sich umgekehrt, wird jede Denkmaschine urtei-
       len. Allerdings sagt H.:
       
       "Die höchsten  Ergebnisse der  wissenschaftlichen Forschung haben
       bisher nur dazu gedient, die Wahrheiten der christlichen Religion
       zu bestätigen."
       
       Abgesehen davon,  daß von  allen Philosophien  der  Vergangenheit
       ohne Ausnahme  jede des  Abfalls von  der  christlichen  Religion
       durch die  Theologen bezichtigt  wurde, selbst  die  des  frommen
       Malebranche und  des inspirierten  Jakob Böhme,  daß Leibniz  als
       "Löwenix" (Glaubenichts)  von den  braunschweigischen Bauern  und
       als Atheist  von dem  Engländer Clarke  und den übrigen Anhängern
       Newtons angeklagt wurde; abgesehen davon, daß das Christentum wie
       der tüchtigste und konsequenteste Teil der protestantischen Theo-
       logen behauptet, mit der Vernunft nicht übereinstimmen kann, weil
       die "weltliche" Vernunft und die "geistliche" sich widersprechen,
       was Tertullian  klassisch so ausdrückt: "verum est, quia absurdum
       est" [64];  hiervon abgesehen,  wie soll  man die Übereinstimmung
       der wissenschaftlichen Forschung
       
       #93# Der leitende Artikel in der Nr. 179 der "Kölnischen Zeitung"
       -----
       mit der  Religion beweisen,  wenn nicht,  indem man  die  wissen-
       schaftliche Forschung zwingt, dadurch in die Religion aufzugehen,
       daß man  sie ihren eigenen Gang fortgehen läßt. Ein anderer Zwang
       ist wenigstens kein Beweis.
       Allerdings, wenn ihr von vornherein nur das als wissenschaftliche
       Forschung anerkennt,  was eure  Ansicht ist,  so habt  ihr leicht
       prophezeien; aber welchen Vorzug hat eure Behauptung denn vor der
       des indischen  Brahminen, der  die Heiligkeit  der Vedas beweist,
       indem er allein sich das Recht vorbehält, sie zu lesen!
       Ja, sagt  H[ermes], "wissenschaftliche Forschung". Aber jede For-
       schung, die dem Christentum widerspricht, bleibt "auf halbem Wege
       stehen" oder  "schlägt einen falschen Weg" ein. Kann man sich das
       Argumentieren bequemer machen?
       Die wissenschaftliche  Forschung, sobald sie sich "den Inhalt des
       Gefundenen   k l a r g e m a c h t",  wird nie den Wahrheiten des
       Christentums widerstreiten",  aber zugleich  muß der  Staat dafür
       sorgen, daß  dieses   "K l a r m a c h e n"   unmöglich sei, denn
       die Forschung darf sich nie an die Fassungskraft der großen Menge
       wenden, d.h.  nie  s i c h  s e l b s t  populär und klar werden.
       Selbst wenn  sie in  allen Zeitungen  der Monarchie von unwissen-
       schaftlichen Forschern  angegriffen wird, muß sie bescheiden sein
       und schweigen.
       Das Christentum  schließt die  Möglichkeit "jedes neuen Verfalls"
       aus, aber  die Polizei muß wachen, daß die philosophierenden Zei-
       tungsschreiber es  nicht zum Verfall bringen, sie muß mit der äu-
       ßersten Strenge  wachen. Der  Irrtum wird im Kampfe mit der Wahr-
       heit von selbst als solcher erkannt werden, ohne daß es einer Un-
       terdrückung durch äußere Gewalt bedürfte; aber der Staat muß die-
       sen Kampf  der Wahrheit erleichtern, indem er den Verfechtern des
       "Irrtums" zwar  nicht die  innere Freiheit  nimmt, die  er  ihnen
       nicht nehmen kann, aber wohl die Möglichkeit dieser Freiheit, die
       Möglichkeit der Existenz.
       Das Christentum ist seines Sieges gewiß, aber es ist nach H. sei-
       nes Sieges  nicht so gewiß, um die Hilfe der Polizei zu verschmä-
       hen.
       Wenn von  vornherein alles  Irrtum ist  und als  Irrtum behandelt
       werden muß,  was eurem  Glauben widerspricht,  was  unterscheidet
       eure Prätension  von der  Prätension des  Muhammedaners, von  der
       Prätension jeder  andern Religion? Soll die Philosophie für jedes
       Land, nach  dem Sprichworte  "ländlich, sittlich",  andere Grund-
       sätze annehmen, um den Grundwahrheiten des Dogmas nicht zu wider-
       streiten; soll  sie in dem einen Lande glauben, daß 3 × 1 = 1, in
       dem andern, daß die Weiber keine Seelen haben, im dritten,
       
       #94# Karl Marx
       -----
       daß im  Himmel Bier  getrunken wird? Gibt es keine allgemein men-
       schliche Natur, wie es eine allgemeine Natur der Pflanzen und Ge-
       stirne gibt?  Die Philosophie  fragt, was wahr, nicht was gültig,
       sie fragt,  was für  alle Menschen  wahr, nicht  was für einzelne
       wahr ist; ihre metaphysischen Wahrheiten kennen nicht die Grenzen
       der politischen Geographie; ihre politischen Wahrheiten wissen zu
       gut, wo die "Grenzen" anfangen, um den illusorischen Horizont der
       besonderen Welt-  und Volksanschauung mit dem wahren Horizont des
       menschlichen Geistes  zu verwechseln.  H[ermes] ist  unter  allen
       Verteidigern des Christentums der schwächste.
       Die   l a n g e   Existenz des Christentums ist sein einziger Be-
       weis für  das Christentum.  Existiert nicht  auch die Philosophie
       von Thales  bis heutzutage,  und zwar  nach H.  gerade jetzt  mit
       größern Ansprüchen und größerer Meinung von ihrer Wichtigkeit als
       jemals?
       Wie beweist  nun H.  endlich, daß  der Staat  ein  "christlicher"
       Staat sei,  daß er,  statt eine freie Vereinigung sittlicher Men-
       schen, eine  Vereinigung von  Gläubigen, statt der Verwirklichung
       der Freiheit  die Verwirklichung des Dogmas bezweckt. "Unsere eu-
       ropäischen Staaten haben sämtlich das Christentum zur Grundlage."
       Auch der   f r a n z ö s i s c h e  Staat? Es heißt in der Charte
       Artikel 3, nicht: "jeder Christ", oder "nur der Christ", sondern:
       "tous les Français sont également admissibles aux emplois civiles
       et militaires". 1*)
       Auch im  preußischen Landrecht  II. Teil,  XIII. Titel etc. heißt
       es:
       
       "Die vorzüglichste  Pflicht des Oberhauptes im Staate ist, sowohl
       die äußere  als die  innere Ruhe  und Sicherheit  zu erhalten und
       einen jeden  bei dem  Seinigen gegen Gewalt und Störung zu schüt-
       zen."
       
       Nach  §  1  vereinigt  aber  das  Staatsoberhaupt  in  sich  alle
       "Pflichten und  Rechte des  Staates". Es heißt nicht, die vorzüg-
       lichste Pflicht  des Staates  sei die  Unterdrückung ketzerischer
       Irrtümer und die Seligkeit der andern Welt.
       Wenn aber wirklich einige europäische Staaten auf dem Christentum
       beruhen, entsprechen  diese Staaten  ihrem Begriff, ist schon die
       "pure Existenz" eines Zustandes das Recht dieses Zustandes?
       Nach der  Ansicht unseres H. allerdings, denn er erinnert die An-
       hänger des jungen Hegeltums:
       
       "daß nach  den Gesetzen,  die in  dem größten Teil des Staates in
       Kraft sind, eine Ehe ohne kirchliche Weihe als Konkubinat angese-
       hen und als solches  p o l i z e i l i c h  bestraft wird."
       -----
       1*) "alle  Franzosen haben gleichermaßen Zugang zu den Zivil- und
       Militärämtern"
       
       #95# Der leitende Artikel in der Nr. 179 der "Kölnischen Zeitung"
       -----
       Also wenn  die "Ehe ohne kirchliche Weihe" am Rhein nach dem Code
       Napoleon für  "eine Ehe"  und an  der Spree  nach dem preußischen
       Landrecht für  ein  "Konkubinat"  angesehen  wird,  so  soll  die
       "polizeiliche" Strafe  ein Argument  für "Philosophen"  sein, daß
       hier Recht, was dort Unrecht ist, daß nicht der Code, sondern das
       Landrecht den wissenschaftlichen und sittlichen, den vernünftigen
       Begriff von  der Ehe  hat. Diese  "Philosophie der  polizeilichen
       Strafen" mag  sonstwo überzeugen, sie überzeugt nicht in Preußen.
       Wie wenig  übrigens das  preußische  Landrecht  die  Tendenz  der
       "heiligen" Ehen hat, sagt § 12, Teil II, Titel 1.
       
       "Doch verliert  eine Ehe,  welche nach den Landesgesetzen erlaubt
       ist, dadurch,  daß die  Dispensation der  geistlichen Obern nicht
       nachgesucht oder  versagt worden,  nichts von ihrer  b ü r g e r-
       l i c h e n  Gültigkeit."
       
       Auch hier  wird die  Ehe teilweise  von den  "geistlichen  Obern"
       emanzipiert  und   ihre  "bürgerliche"   Gültigkeit   von   ihrer
       "kirchlichen" unterschieden.
       Daß unser  großer christlicher  Staatsphilosoph keine  "hohe" An-
       sicht vom Staate hat, versteht sich von selbst.
       
       "Da unsere  Staaten nicht  bloß  Rechtsgenossenschaften,  sondern
       zugleich wahre Erziehungsanstalten sind, die ihre Pflege nur über
       einen weiteren Kreis ausbreiten als die Anstalten, die zur Erzie-
       hung der  Jugend bestimmt sind" etc. "die gesamte öffentliche Er-
       ziehung" beruhe "auf der Grundlage des Christentums".
       
       Die Erziehung  unserer Schuljugend basiert ebensosehr auf den al-
       ten Klassikern und den Wissenschaften überhaupt als auf dem Kate-
       chismus.
       Der Staat unterscheidet sich nach H. von einer Kleinkinderbewahr-
       anstalt nicht durch den Gehalt, sondern durch die Größe, er dehnt
       seine "Pflege" weiter aus.
       Die wahre  "öffentliche" Erziehung  des Staates ist aber vielmehr
       das vernünftige  und öffentliche  Dasein des  Staates, selbst der
       Staat erzieht  seine Glieder,  indem  er  sie  zu  Staatsgliedern
       macht, indem  er die  Zwecke des  Einzelnen in allgemeine Zwecke,
       den rohen  Trieb in sittliche Neigung, die natürliche Unabhängig-
       keit in  geistige Freiheit verwandelt, indem der Einzelne sich im
       Leben des  Ganzen und das Ganze sich in der Gesinnung des Einzel-
       nen genießt.
       Der leitende  Artikel dagegen macht den Staat nicht zu einem Ver-
       ein freier  Menschen, die sich wechselseitig erziehen, sondern zu
       einem Haufen  Erwachsener, welche  die Bestimmung haben, von oben
       erzogen zu werden und aus der "engen" Schulstube in die "weitere"
       Schulstube einzutreten.
       Diese Erziehungs-  und Bevormundungstheorie  wird hier  von einem
       Freunde der  Preßfreiheit vorgebracht,  der aus  Liebe zu  dieser
       Schönen die
       
       #96# Karl Marx
       -----
       "Vernachlässigungen der  Zensur" notiert,  der die "Fassungskraft
       der großen  Menge" gehörigen Orts zu schildern weiß - (vielleicht
       erscheint die Fassungskraft der großen Menge  n e u e r d i n g s
       der "Kölnischen  Zeitung" so prekär, weil die Menge verlernt hat,
       die Vorzüge  der "unphilosophischen  Zeitung" zu  fassen?) -, der
       den Gelehrten  anrät, eine  Ansicht für die Bühne und eine andere
       Ansicht für die Kulissen zu haben!
       Wie der  leitende Artikel  seine "untersetzte" Staatsansicht, mag
       er uns  jetzt seine   n i e d r i g e   Ansicht "vom Christentum"
       dokumentieren,
       
       "Alle Zeitungsartikel  der Welt werden eine Bevölkerung, die sich
       im ganzen  wohl und  glücklich fühlt,  niemals überreden, daß sie
       sich in einem unseligen Zustand befände."
       
       Und wie!  Das   m a t e r i e l l e   Gefühl des Wohls und Glücks
       ist stichhaltiger  gegen Zeitungsartikel  als die beseligende und
       alles besiegende  Zuversicht des  Glaubens! H. singt nicht: "Eine
       feste Burg  ist unser  Gott". Das  wahrhaft  gläubige  Gemüt  der
       "großen Menge"  sollte eher  den Rostflecken  des Zweifels ausge-
       setzt sein als die raffinierte Weltbildung der "kleinen Menge"!
       
       "Selbst von Aufreizungen zum Aufruhr" fürchtet H. "in einem wohl-
       geordneten Staate"  weniger als in einer "wohlgeordneten Kirche",
       die noch  überdem der  "Geist Gottes" in alle Wahrheit leite. Ein
       schöner Gläubiger,  und  nun  erst  der  Grund!  Die  politischen
       Artikel seien nämlich der Menge verständlich, und die philosophi-
       schen Artikel seien ihr unverständlich!
       Stellt  man   endlich  den  Wink  des  leitenden  Artikels:  "die
       h a l b e n   Maßregeln, die  man in  der letzten  Zeit gegen das
       junge Hegeltum  ergriffen, haben  die gewöhnlichen  Folgen halber
       Maßregeln gehabt",  mit dem   b i e d e r n  Wunsch zusammen, daß
       die  letzten   Unternehmungen  der  Hegelinge  "ohne    a l l z u
       n a c h t e i l i g e  Folgen" für sie vorübergehen mögen, so be-
       greift man die Worte Cornwalls im "Lear":
       
       "Der kann nicht schmeicheln, der! - ein ehrlicher
       Und grader Sinn: er muß die Wahrheit sagen.
       Will man es sich gefallen lassen, gut; -
       Wo nicht, so ist er grade. - Diese Art
       Von Schelmen kenn ich, die in diese Gradheit
       Mehr Arglist hüllen, mehr verschmitzte Zwecke
       Als zwanzig alberne, gebückte Schranzen
       Mit ihrer breiten Dienstbeflissenheit." [69]
       
       Wir wurden  die Leser  der "Rheinischen  Zeitung"  zu  beleidigen
       glauben, wenn  wir sie  mit dem mehr komischen als ernsten Schau-
       spiel befriedigt
       
       #97# Der leitende Artikel in der Nr. 179 der "Kölnischen Zeitung"
       -----
       wähnten, einen  ci-devant 1*)  Liberalen, einen  "Jungen Mann von
       ehedem" [70]  in die  gebührenden Schranken zurückgewiesen zu se-
       hen; wir  wollen einige  wenige Worte über "die Sache selbst" sa-
       gen. Solange  wir mit der Polemik gegen den leidenden Artikel be-
       schäftigt waren, wäre es Unrecht gewesen, ihn in dem Geschäft der
       Selbstvernichtung zu unterbrechen.
       
       ["Rheinische Zeitung" Nr. 195 vom 14. Juli 1842]
       Zunächst wird die Frage gestellt: "Soll die Philosophie die reli-
       giösen Anliegenheiten auch in Zeitungsartikeln besprechen?"
       Man kann diese Frage nur beantworten, indem man sie kritisiert.
       Die Philosophie,  vor allem  die deutsche  Philosophie, hat einen
       Hang zur  Einsamkeit, zur systematischen Abschließung zur leiden-
       schaftslosen Selbstbeschauung, die sie dem schlagfertigen, tages-
       lauten, nur in der Mitteilung sich genießenden Charakter der Zei-
       tungen von  vornherein entfremdet  gegenüberstellt. Die  Philoso-
       phie, in  ihrer systematischen Entwicklung begriffen, ist unpopu-
       lär, ihr  geheimes Weben  in sich  selbst erscheint  dem profanen
       Auge als  ein ebenso  überspanntes wie unpraktisches Treiben; sie
       gilt für  einen Professor  der Zauberkünste, dessen Beschwörungen
       feierlich klingen, weil man sie nicht versteht.
       Die Philosophie  hat,  ihrem  Charakter  gemäß,  nie  den  ersten
       Schritt dazu  getan, das asketische Priestergewand mit der leich-
       ten Konventionstracht  der Zeitungen  zu vertauschen.  Allein die
       Philosophen wachsen  nicht wie  Pilze aus  der Erde, sie sind die
       Früchte ihrer  Zeit, ihres  Volkes, dessen  subtilste, kostbarste
       und unsichtbarste  Säfte in  den philosophischen Ideen roulieren.
       Derselbe Geist  baut die  philosophischen Systeme in dem Hirn der
       Philosophen, der die Eisenbahnen mit den Händen der Gewerke baut.
       Die Philosophie  steht nicht  außer der Welt, so wenig das Gehirn
       außer dem  Menschen steht,  weil es  nicht im  Magen liegt;  aber
       freilich die  Philosophie steht  früher mit dem Hirn in der Welt,
       ehe sie  mit den  Füßen sich auf den Boden stellt, während manche
       andere menschliche  Sphären längst  mit den  Füßen  in  der  Erde
       wurzeln und  mit den  Händen die Früchte der Welt abpflücken, ehe
       sie ahnen,  daß auch  der "Kopf"  von dieser Welt oder diese Welt
       die Welt des Kopfes sei.
       Weil jede  wahre Philosophie  die geistige Quintessenz ihrer Zeit
       ist, muß  die Zeit kommen, wo die Philosophie nicht nur innerlich
       durch ihren Gehalt, sondern auch äußerlich durch ihre Erscheinung
       mit der  wirklichen Welt  ihrer Zeit in Berührung und Wechselwir-
       kung tritt. Die Philosophie hört
       -----
       1*) ehemaligen
       
       #98# Karl Marx
       -----
       dann auf, ein bestimmtes System gegen andere bestimmte Systeme zu
       sein, sie wird die Philosophie überhaupt gegen die Welt, sie wird
       die Philosophie  der gegenwärtigen  Welt. Die  Formalien,  welche
       konstatieren, daß  die Philosophie  diese Bedeutung erreicht, daß
       sie die  lebendige Seele der Kultur, daß die Philosophie weltlich
       und die Welt philosophisch wird, waren in allen Zeiten dieselben;
       man kann  jedes Historienbuch nachschlagen, und man wird mit ste-
       reotyper Treue  die einfachsten Ritualien wiederholt finden, wel-
       che ihre  Einführung in  die Salons  und in die Pfarrerstuben, in
       die Redaktionszimmer  der Zeitungen  und in  die Antichambres der
       Höfe, in  den Haß  und in die Liebe der Zeitgenossen unverkennbar
       bezeichnen. Die  Philosophie wird  in die Welt eingeführt von dem
       Geschrei ihrer  Feinde, welche  die innere  Ansteckung durch  den
       wilden Notruf  gegen die  Feuersbrunst der Ideen verraten. Dieses
       Geschrei ihrer Feinde hat für die Philosophie dieselbe Bedeutung,
       welche der erste Schrei eines Kindes für das ängstlich lauschende
       Ohr der  Mutter hat,  es ist der Lebensschrei ihrer Ideen, welche
       die hieroglyphische  regelrechte Hülse  des Systems gesprengt und
       sich in  Weltbürger entpuppt  haben. Die  Korybanten und Kabyren,
       welche mit  lautem Lärm  der Welt  die Geburt des Zeuskindes ein-
       trommeln, wenden  sich zunächst  gegen die  religiöse Partie  der
       Philosophen, teils  weil der  inquisitorische Instinkt  an dieser
       sentimentalen Seite  des Publikums  am sichersten zu halten weiß,
       teils weil  das Publikum, zu welchem auch die Gegner der Philoso-
       phie gehören,  nur mit  seinen  idealen  Fühlhörnern  die  ideale
       Sphäre der  Philosophie tangieren kann, und der einzige Kreis der
       Ideen, an  dessen Wert  das Publikum beinahe soviel glaubt wie an
       die Systeme  der materiellen Bedürfnisse, ist der Kreis der reli-
       giösen Ideen,  endlich weil die Religion nicht gegen ein bestimm-
       tes System  der Philosophie,  sondern gegen die Philosophie über-
       haupt der bestimmten Systeme polemisiert.
       Die wahre  Philosophie der  Gegenwart  unterscheidet  sich  nicht
       durch dieses Schicksal von den wahren Philosophien der Vergangen-
       heit. Dies  Schicksal ist vielmehr ein Beweis, den die Geschichte
       ihrer Wahrheit schuldig war.
       Und seit sechs Jahren haben die deutschen Zeitungen gegen die re-
       ligiöse Partie der Philosophie getrommelt, verleumdet, entstellt,
       verballhornt. Die  Allgemeine Augsburger  sang  die  Bravourarien
       fast jede  Ouvertüre spielte  das Thema, die Philosophie verdiene
       nicht, von  der weisen  Dame besprochen  zu werden,  sie sei eine
       Windbeutelei der  Jugend, ein  Modeartikel  blasierter  Koterien,
       aber, aber  trotz all dem konnte man nicht von ihr los, und immer
       von neuem wurde getrommelt, denn die Augsburger spielt nur  e i n
       Instrument in ihren antiphilosophischen Katzenkonzerten, die ein-
       tönige Pauke.
       
       #99# Der leitende Artikel in der Nr. 179 der "Kölnischen Zeitung"
       -----
       Alle deutschen  Blätter, von  dem "Berliner  politischen  Wochen-
       blatt" und  dem "Hamburger Correspondenten" bis zu den Winkelzei-
       tungen, bis  zur   "K ö l n i s c h e n   Z e i t u n g"   herab,
       ballten wider  von Hegel  und  Schelling,  Feuerbach  und  Bauer,
       "Deutschen Jahrbüchern"  etc. - Endlich wurde das Publikum begie-
       rig, den Leviathan selbst zu sehen, um so begieriger, als halbof-
       fizielle Artikel  drohten, der  Philosophie von den Kanzleistuben
       her ihr  legitimes Schema  vorschreiben zu wollen, und gerade das
       war der Moment, wo die Philosophie in Zeitungen auftrat. Die Phi-
       losophie hatte  lange geschwiegen  zu der  selbstgefälligen Ober-
       flächlichkeit, die  in einigen  abgestandenen Zeitungsphrasen die
       langjährigen Studien  des Genies, die mühsamen Früchte einer auf-
       opfernden Einsamkeit,  die  Resultate  jener  unsichtbaren,  aber
       langsam aufreibenden  Kämpfe der  Kontemplation wie  Seifenblasen
       wegzuhauchen prahlten;  die Philosophie  hatte sogar  protestiert
       gegen die  Zeitungen, als  ein unpassendes  Terrain, aber endlich
       mußte die  Philosophie ihr Schweigen brechen, sie wurde Zeitungs-
       korrespondent und  - eine  unerhörte Diversion  - da  auf  einmal
       fällt es den redseligen Zeitungslieferanten ein, daß die Philoso-
       phie kein  Futter für das Zeitungspublikum sei, da durften sie es
       nicht unterlassen,  die Regierungen  darauf aufmerksam zu machen,
       daß es nicht ehrlich sei, daß nicht zur Aufklärung des Publikums,
       sondern zur  Erreichung äußerer  Zwecke philosophische  und reli-
       giöse Fragen in das Gebiet der Zeitungen gezogen werden.
       Was könnte  die Philosophie von der Religion, was von sich selbst
       Schlimmeres sagen,  was euer  Zeitungsgeschrei nicht schon längst
       schlimmer und  frivoler ihr  imputiert hätte?  Sie braucht nur zu
       wiederholen, was  ihr unphilosophische  Kapuziner in  tausend und
       abermal tausend  Kontroversreden von  ihr gepredigt,  und sie hat
       das Schlimmste gesagt.
       Aber die  Philosophie spricht  anders über religiöse und philoso-
       phische Gegenstände, wie ihr darüber gesprochen habt. Ihr sprecht
       ohne Studium, sie spricht mit Studium, ihr wendet euch an den Af-
       fekt, sie wendet sich an den Verstand, ihr flucht, sie lehrt, ihr
       versprechet Himmel  und Welt, sie verspricht nichts als Wahrheit,
       ihr fordert  den Glauben  an euren Glauben, sie fordert nicht den
       Glauben an  ihre Resultate, sie fordert die Prüfung des Zweifels;
       ihr schreckt,  sie beruhigt.  Und wahrlich,  die Philosophie  ist
       weltklug genug,  zu wissen, daß ihre Resultate nicht schmeicheln,
       weder der  Genußsucht und  dem Egoismus  der himmlischen noch der
       irdischen Welt; das Publikum, das aber die Wahrheit, die Erkennt-
       nis ihrer  selbst wegen  liebt, dessen Urteilskraft und Sittlich-
       keit wird  sich wohl mit der Urteilskraft und Sittlichkeit unwis-
       sender, serviler, inkonsequenter und besoldeter Skribenten messen
       können.
       
       #100# Karl Marx
       -----
       Allerdings mag dieser oder jener aus Miserabilität des Verstandes
       und der  Gesinnung die Philosophie mißdeuten aber glaubt ihr Pro-
       testanten nicht,  daß die  Katholiken das  Christentum mißdeuten,
       werft ihr nicht der christlichen Religion die schmählichen Zeiten
       des achten  und neunten  Jahrhunderts vor  oder die Bartholomäus-
       nacht oder  die Inquisition? Daß zum großen Teil der Haß der pro-
       testantischen Theologie  gegen die  Philosophen aus  der Toleranz
       der Philosophie gegen die besondere Konfession als besondere ent-
       springt, zeigen  evidente Beweise.  Man hat  dem  Feuerbach,  dem
       Strauß mehr  vorgeworfen, daß  sie die  katholischen  Dogmen  für
       christliche hielten,  als daß sie die Dogmen des Christentums für
       keine Dogmen der Vernunft erklärten.
       Wenn aber  einzelne Individuen die moderne Philosophie nicht ver-
       dauen und  an philosophischer Indigestion sterben, so beweist das
       nicht mehr  gegen die  Philosophie, als es gegen die Mechanik be-
       weist, wenn hie und da ein Dampfkessel einzelne Passagiere in die
       Luft sprengt.
       Die Frage,  ob philosophische und religiöse Anliegenheiten in den
       Zeitungen zu  besprechen, löst sich in ihre eigene Ideenlosigkeit
       auf.
       Wenn solche  Fragen schon  als   Z e i t u n g s f r a g e n  das
       Publikum interessieren,  sind sie  Fragen der Zeit geworden, dann
       fragt es  sich nicht,  ob sie  besprochen, dann fragt es sich, wo
       und wie  sie besprochen  werden sollen, ob im Innern der Familien
       und der  Hotels, der  Schulen und  der Kirche, aber nicht von der
       Presse, von  den Gegnern der Philosophie, aber nicht von den Phi-
       losophen, ob  in der trüben Sprache der Privatmeinung, aber nicht
       in der läuternden Sprache des öffentlichen Verstandes, dann fragt
       es sich,  ob in  das Bereich  der Presse gehört, was in der Wirk-
       lichkeit lebt,  dann handelt  es sich nicht mehr von einem beson-
       dern Inhalt  der Presse,  dann handelt  es sich um die allgemeine
       Frage, ob  die Presse  wirkliche Presse,  d.h. freie  Presse sein
       soll?
       Die zweite  Frage scheiden  wir gänzlich von der ersten: "Ist die
       Politik philosophisch von den Zeitungen zu behandeln in einem so-
       genannten christlichen Staat?"
       
       Wenn die  Religion zu  einer politischen  Qualität wird, zu einem
       Gegenstand der  Politik, so  scheint fast keiner Erwähnung zu be-
       dürfen, daß  die Zeitungen  politische Gegenstände  nicht nur be-
       sprechen dürfen,  sondern auch  müssen. Es scheint von vornherein
       die Weisheit der Welt, die Philosophie, mehr Recht zu haben, sich
       um das  Reich dieser  Welt, um  den Staat  zu bekümmern,  als die
       Weisheit jener  Welt, die  Religion. Es fragt sich hier nicht, ob
       über  den  Staat  philosophiert,  es  fragt  sich,  ob  gut  oder
       schlecht, philosophisch  oder unphilosophisch, ob mit Vorurteilen
       oder ohne  Vorurteile, ob mit Bewußtsein oder ohne Bewußtsein, ob
       mit Konsequenz  oder ohne  Konsequenz, ob ganz rational oder halb
       rational über den Staat philosophiert
       
       #101# Der leitende Artikel in der Nr. 179 d. "Kölnischen Zeitung"
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       werden soll.  Wenn ihr  die Religion zur Theorie des Staatsrechts
       macht, so macht ihr die Religion selbst zu einer Art Philosophie.
       Hat nicht vor allem das Christentum Staat und Kirche gesondert?
       Leset den  heiligen Augustinus  "De civitate  Dei", studiert  die
       Kirchenväter und  den Geist des Christentums, und dann kommt wie-
       der und  sagt uns,  ob der Staat oder die Kirche der "christliche
       Staat" ist!  Oder straft nicht jeder Augenblick eures praktischen
       Lebens eure  Theorie Lügen?  Haltet ihr  es für  Unrecht, die Ge-
       richte in  Anspruch zu nehmen, wenn ihr übervorteilt werdet? Aber
       der Apostel  schreibt, daß  es Unrecht sei. [72] Haltet ihr euren
       rechten Backen  dar, wenn  man euch  auf den linken schlägt, [73]
       oder macht  ihr nicht  einen Prozeß  wegen Realinjurien anhängig?
       Aber das Evangelium verbietet es. Verlangt ihr vernünftiges Recht
       auf dieser Welt, murrt ihr nicht über die kleinste Erhöhung einer
       Abgabe, geratet  ihr nicht  außer euch über die geringste Verlet-
       zung der  persönlichen Freiheit?  Aber es  ist euch  gesagt,  daß
       dieser Zeit Leiden der künftigen Herrlichkeit nicht wert sei, daß
       die Passivität  des Ertragens  und die  Seligkeit in der Hoffnung
       die Kardinaltugenden sind.
       Handelt der  größte Teil  eurer Prozesse  und der größte Teil der
       Zivilgesetze nicht  vom Besitz? Aber es ist euch gesagt, daß eure
       Schätze nicht  von dieser  Welt sind.  [74] Oder  beruft ihr euch
       darauf, das  dem Kaiser  zu geben, was des Kaisers, und Gott, was
       Gottes, so  haltet nicht  nur den goldenen Mammon, sondern wenig-
       stens ebensosehr  die freie  Vernunft für den Kaiser dieser Welt,
       und die "Aktion der freien Vernunft" nennen wir Philosophieren.
       Als in  der Heiligen Allianz zuerst ein quasi religiöser Staaten-
       bund geknüpft  und die Religion europäisches Staatenwappen werden
       sollte, da  weigerte sich  mit tiefem Sinn und richtigster Konse-
       quenz der  P a p s t,  diesem Heiligenbunde beizutreten, denn das
       allgemeine christliche  Band der  Völker sei die Kirche und nicht
       die Diplomatie, nicht der weltliche Staatenbund. [75]
       Der wahrhaft  religiöse Staat  ist der  theokratische Staat;  der
       Fürst solcher Staaten muß entweder, wie im jüdischen der Gott der
       Religion, der Jehova selbst sein oder, wie in Tibet der Stellver-
       treter des  Gottes, der  Dalai Lama  oder endlich,  wie Görres in
       seiner letzten  Schrift richtig von den christlichen Staaten ver-
       langt, sie  müssen sich  sämtlich einer  Kirche unterwerfen,  die
       eine "unfehlbare  Kirche" ist,  denn wenn  wie im Protestantismus
       kein oberstes  Haupt der  Kirche existiert, so ist die Herrschaft
       der Religion  nichts anderes als die Religion der Herrschaft, der
       Kultus des Regierungswillens.
       Sobald ein  Staat  mehrere  gleichberechtigte  Konfessionen  ein-
       schließt, kann  er nicht  mehr religiöser  Staat sein,  ohne eine
       Verletzung der besondern Religionskonfessionen zu sein, eine Kir-
       che, die  jeden Anhänger  einer andern Konfession als Ketzer ver-
       dammt, die jedes Stück Brot von dem Glauben
       
       #102# Karl Marx
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       abhängig, die  das Dogma  zum Band zwischen den einzelnen Indivi-
       duen und  der staatsbürgerlichen Existenz macht. Fragt die katho-
       lischen Bewohner  des "armen,  grünen Erin" [76], fragt die Huge-
       notten vor  der Französischen  Revolution, nicht  an die Religion
       haben sie  appelliert, denn ihre Religion war nicht die Staatsre-
       ligion, an  die "Rechte der Menschheit" haben sie appelliert, und
       die Philosophie interpretiert die Rechte der Menschheit, sie ver-
       langt, daß der Staat der Staat der menschlichen Natur sei.
       Aber, sagt  der halbe,  der bornierte,  der ebenso ungläubige als
       theologische Rationalismus, der allgemeine christliche Geist, ab-
       gesehen von  dem Unterschiede  der Konfessionen, soll Staatsgeist
       sein! Es  ist die  größte Irreligiosität,  es ist der Übermut des
       weltlichen Verstandes, den allgemeinen Geist der Religion von der
       positiven Religion  zu trennen;  diese Trennung  der Religion von
       ihren Dogmen  und Institutionen ist dasselbe, als behauptete man,
       der allgemeine Geist des Rechts solle im Staat herrschen, abgese-
       hen von den bestimmten Gesetzen und von den positiven Institutio-
       nen des Rechts.
       Wenn ihr  euch überhebt,  so hoch über der Religion zu stehn, daß
       ihr berechtigt  seid, den  allgemeinen Geist  derselben von ihren
       positiven Bestimmungen  zu scheiden, was habt ihr den Philosophen
       vorzuwerfen, wenn  sie diese  Scheidung ganz und nicht halb voll-
       ziehen, wenn sie den allgemeinen Geist der Religion nicht christ-
       lichen, sondern menschlichen Geist nennen?
       Die Christen  wohnen in  Staaten von  verschiedenen Verfassungen,
       die einen  in einer  Republik, die andern in einer absoluten, die
       dritten in  einer konstitutionellen  Monarchie.  Das  Christentum
       entscheidet nicht  über die  Güte der Verfassungen, denn es kennt
       keinen Unterschied  der Verfassungen,  es lehrt, wie die Religion
       lehren muß:  Seid untertan der Obrigkeit, denn jede Obrigkeit ist
       von Gott.  [77] Also  nicht aus  dem Christentum, aus der eigenen
       Natur, aus  dem eigenen  Wesen des Staates müßt ihr das Recht der
       Staatsverfassungen entscheiden, nicht aus der Natur der christli-
       chen, sondern aus der Natur der menschlichen Gesellschaft.
       Der byzantinische Staat war der eigentliche religiöse Staat, denn
       die Dogmen  waren hier Staatsfragen, aber der byzantinische Staat
       war der  schlechteste Staat.  Die Staaten des ancien régime waren
       die allerchristlichsten  Staaten, aber  nichtsdestoweniger  waren
       sie Staaten des "Hofwillens".
       Es gibt ein Dilemma, dem der "gesunde" Menschenverstand nicht wi-
       derstehen kann.
       Entweder entspricht  der christliche  Staat dem Begriff des Staa-
       tes, eine  Verwirklichung der  vernünftigen Freiheit zu sein, und
       dann ist nichts erforderlich, als ein vernünftiger Staat zu sein,
       um ein  christlicher Staat zu sein, dann genügt es, den Staat aus
       der Vernunft der menschlichen Verhältnisse
       
       #103# Der leitende Artikel in der Nr. 179 d. "Kölnischen Zeitung"
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       zu entwickeln, ein Werk, was die Philosophie vollbringt. Oder der
       Staat der vernünftigen Freiheit läßt sich nicht aus dem Christen-
       tum entwickeln,  dann werdet  ihr selbst gestehen, daß diese Ent-
       wicklung nicht  in der Tendenz des Christentums liegt, da es kei-
       nen schlechten Staat wolle, und ein Staat, der nicht die Verwirk-
       lichung der vernünftigen Freiheit ist, ist ein schlechter Staat.
       Ihr mögt  das Dilemma  beantworten, wie ihr wollt, und werdet ge-
       stehen müssen,  daß der Staat nicht aus der Religion, sondern aus
       der Vernunft  der Freiheit zu konstruieren ist. Nur die krasseste
       Ignoranz kann die Behauptung stellen, diese Theorie, die Verselb-
       ständigung des  Staatsbegriffs, sei  ein Tageseinfall der neusten
       Philosophen.
       Die Philosophie  hat nichts  in der  Politik getan, was nicht die
       Physik, die  Mathematik, die Medizin, jede Wissenschaft innerhalb
       ihrer Sphäre  getan hat.  Baco von Verulam erklärte die theologi-
       sche Physik  für eine gottgeweihte Jungfrau, die unfruchtbar sei,
       er emanzipierte  die Physik  von der  Theologie und  - sie  wurde
       fruchtbar. So wenig ihr den Arzt fragt, ob er gläubig sei, so we-
       nig habt  ihr den  Politiker zu  fragen. Gleich  vor und nach der
       Zeit der großen Entdeckung des Kopernikus vom wahren Sonnensystem
       wurde zugleich  das Gravitationsgesetz  des Staats  entdeckt, man
       fand seine Schwere in ihm selbst, und wie die verschiedenen euro-
       päischen Regierungen  dieses Resultat  mit der  ersten Oberfläch-
       lichkeit der Praxis in dem System des Staatengleichgewichts anzu-
       wenden suchten,  so begannen früher Machiavelli, Campanella, spä-
       ter Hobbes, Spinoza, Hugo Grotius, bis zu Rousseau, Fichte, Hegel
       herab, den  Staat aus  menschlichen Augen zu betrachten und seine
       Naturgesetze aus  der Vernunft  und der  Erfahrung zu entwickeln,
       nicht aus  der Theologie,  so wenig  als  Kopernikus  sich  daran
       stieß, daß  Josua der Sonne zu Gideon und dem Mond im Tale Ajalon
       stillezustehen geheißen.  [78] Die  neueste Philosophie  hat  nur
       eine Arbeit weitergeführt, die schon Heraklit und Aristoteles be-
       gonnen haben.  Ihr polemisiert  also nicht gegen die Vernunft der
       neusten  Philosophie,   ihr  polemisiert  gegen  die  stets  neue
       Philosophie der Vernunft. Allerdings, die Unwissenheit, die viel-
       leicht  gestern   oder  vorgestern   in  der  "Rheinischen"  oder
       "Königsberger Zeitung" zum erstenmal die uralten Staatsideen auf-
       fand, diese  Unwissenheit hält die Ideen der Geschichte für über-
       nächtige Einfälle einzelner Individuen, weil sie ihr neu und über
       Nacht gekommen  sind; sie  vergißt, daß sie selbst die alte Rolle
       des Doktors  der Sorbonne  übernimmt, der den Montesquieu öffent-
       lich anzuklagen für seine Pflicht hielt, weil Montesquieu so fri-
       vol war,  die politische  statt der  Tugend der  Kirche  für  die
       höchste Staatsqualität  zu erklären;  sie vergißt,  daß  sie  die
       Rolle des  Joachim Lange  übernimmt, der  den  Wolff  denunzierte
       [79],
       
       #104# Karl Marx
       -----
       weil seine  Lehre von der Prädestination die Desertion der Solda-
       ten und  damit die Lockerung der militärischen Disziplin und end-
       lich die  Auflösung des  Staats herbeiführen  werde; sie  vergißt
       endlich, daß  das preußische  Landrecht aus der Philosophenschule
       eben "dieses Wolfes" und der französische Code Napoleon nicht aus
       dem alten  Testament, sondern  aus der  Ideenschule der Voltaire,
       Rousseau, Condorcet,  Mirabeau, Montesquieu und aus der Französi-
       schen Revolution hervorgegangen ist. Die Unwissenheit ist ein Dä-
       mon, wir  fürchten, sie  wird noch manche Trauerspiele aufführen;
       mit Recht  haben die  größten griechischen  Dichter  sie  in  den
       furchtbaren Dramen der Königshäuser von Mykene und Theben als das
       tragische Geschick dargestellt
       Wenn aber die früheren philosophischen Staatsrechtslehrer aus den
       Trieben, sei es des Ehrgeizes, sei es der Geselligkeit, oder zwar
       aus der  Vernunft, aber  nicht aus der Vernunft der Gesellschaft,
       sondern aus der Vernunft des Individuums den Staat konstruierten:
       so die  ideellere und  gründlichere Ansicht der neuesten Philoso-
       phie aus  der Idee  des Ganzen.  Sie betrachtet den Staat als den
       großen Organismus, in welchem die rechtliche, sittliche und poli-
       tische Freiheit  ihre Verwirklichung zu erhalten hat und der ein-
       zelne Staatsbürger  in den  Staatsgesetzen nur  den Naturgesetzen
       seiner eignen Vernunft, der menschlichen Vernunft gehorcht. Sapi-
       enti sat. 1*)
       Zum Schlusse wenden wir uns noch einmal mit einem philosophischen
       Abschiedsworte an  die "Kölnische Zeitung". Es war vernünftig von
       ihr, einen  Liberalen "von  ehedem" sich anzueignen. Man kann auf
       die bequemste  Art liberal und reaktionär zugleich sein, wenn man
       nur stets  so geschickt  ist, sich  an die Liberalen der jüngsten
       Vergangenheit zu adressieren, die kein anderes Dilemma kennen als
       das des  Vidocq "Gefangener  oder Gefangenenwärter".  Es war noch
       vernünftiger, daß der Liberale der jüngsten Vergangenheit die Li-
       beralen der Gegenwart bekämpfte. Ohne Parteien keine Entwicklung,
       ohne Scheidung  kein Fortschritt. Wir hoffen, daß mit dem leiten-
       den Artikel  in Nr. 179 für die "Kölnische Zeitung" eine neue Ära
       begonnen hat, die Ära des Charakters.
       
       geschrieben zwischen dem 28. Juni und dem 3. Juli 1842.
       -----
       1*) Dem Eingeweihten genügt das.
       

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