Quelle: MEW 1 1839 - 1844
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Karl Marx
Der leitende Artikel in Nr. 179 der "Kölnischen Zeitung" [58]
["Rheinische Zeitung" Nr. 191 vom 10. Juli 1842]
*** Wir hatten bisher in der "K ö l n i s c h e n Z e i-
t u n g" wenn auch nicht das "B l a t t d e r r h e i n i-
s c h e n I n t e l l i g e n z", so doch das rheinische
"I n t e l l i g e n z b l a t t" verehrt. Wir betrachteten vor-
zugsweise ihre "leitenden politischen Artikel" als ein ebenso
weises wie gewähltes Mittel, dem Leser die Politik zu verleiden,
damit er desto sehnsüchtiger in das lebensfrische, indu-
striewogende und oft schöngeistig pikante Reich der Anzeigen hin-
übersetze, damit es auch hier heiße: per aspera ad astra 1*),
durch die Politik zu den Austern. Allein das schöne Ebenmaß, wel-
ches die "Kölnische Zeitung" bisher zwischen der Politik und den
Anzeigen zu halten wußte, ist in letzter Zeit durch eine Art von
Anzeigen gestört worden, welche man die "Anzeigen der politischen
Industrie" nennen kann. In der ersten Unsicherheit, wo diese neue
Gattung zu plazieren, geschah es, daß sich eine Anzeige in einen
leitenden Artikel und der leitende Artikel in eine Anzeige ver-
wandelte, und zwar in eine Anzeige, die man in der Sprache der
politischen Welt eine "Denunziation" nennt, die aber, wenn sie
bezahlt wird, eine "Anzeige" schlechthin heißt.
Man pflegt im Norden vor den magern Mahlzeiten exquisite Spiri-
tuosa den Gästen verabfolgen zu lassen. Wir befolgen bei unserm
nordischen Gaste um so lieber diese Sitte, den Spiritus vor der
Mahlzeit zu geben, als wir in der Mahlzeit selbst, in dem sehr
"leidenden" Artikel in Nr. 179 der "Kölnischen Zeitung" keinen
Spiritus finden. Wir tischen daher zuerst eine Szene aus Lucians
Göttergesprächen auf, die wir nach einer "gemeinverständlichen"
Übersetzung mitteilen, da unter unsern Lesern wenigstens
e i n e r sich befinden wird, der kein Hellene ist.
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1*) auf rauen Pfaden zu den Sternen
#87# Der leitende Artikel in der Nr. 179 der "Kölnischen Zeitung"
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Lucians Göttergespräche
XXIV. Hermes' Klagen
Hermes. Maja
H e r m e s. Gibt es wohl, liebe Mutter, im ganzen Himmel einen
geplagteren Gott als mich?
M a j a. Sage doch nicht so etwas, mein Sohn!
H e r m e s. Warum soll ich es nicht sagen? Ich, der ich eine
Menge von Geschäften zu besorgen habe, immer allein arbeiten,
mich zu so vielen Knechtsdiensten herumzerren lassen muß? Morgens
mit dem Frühesten muß ich aufstehen und den Speisesaal auskehren,
die Polster im Ratszimmer zurechte legen, und wenn alles an Ort
und Stelle ist, bei Jupitern aufwarten und den ganzen Tag mit
seinen Botschaften auf und ab den Kurier machen. Kaum zurückge-
kehrt und mit Staube noch bedeckt, muß ich die Ambrosia auftra-
gen. Und was noch das ärgste ist, ich hin der einzige, dem man
auch des Nachts keine Ruhe läßt; denn da muß ich dem Pluto die
Seelen der Verstorbenen zuführen und beim Totengerichte Aufwär-
terdienste tun, denn es ist nicht genug an den Arbeiten des Ta-
ges, daß ich den T u r n ü b u n g e n anzuwohnen, den H e-
r o l d in den Volksversammlungen zu machen, den Volksrednern
beim Einstudieren ihrer Vorträge zu helfen habe; nein, ich muß,
in so viele Geschäfte zerstückelt, auch noch das g e s a m t e
T o t e n w e s e n besorgen.
Seit seiner Vertreibung aus dem Olymp besorgt Hermes aus alter
Gewohnheit noch immer "Knechtsdienste" und das gesamte Totenwe-
sen.
Ob Hermes selbst oder sein Sohn, der Ziegengott Pan, den leiden-
den Artikel Nr. 179 geschrieben, mag der Leser entscheiden, nach-
dem er sich erinnert, daß der griechische Hermes der Gott der Be-
redsamkeit und der Logik war.
"Philosophische und religiöse Ansichten durch die Zeitungen zu
verbreiten oder in den Zeitungen zu bekämpfen, scheint uns gleich
unzulässig."
Wie der Alte so plauderte, merkte ich wohl, daß es bei ihm auf
eine langweilige Litanei von Orakelsprüchen abgesehen sei, aber,
beschwichtigte ich die Ungeduld, sollte ich dem einsichtsvollen
Manne nicht glauben, der so unbefangen ist, in seinem eigenen
Hause seine Meinung mit aller Freimütigkeit zu sagen, und ich las
weiter. Doch, o Wunder, dieser Artikel, dem zwar keine einzige
philosophische Ansicht vorzuwerfen ist, hat wenigstens die Ten-
denz, philosophische Ansichten zu bekämpfen und religiöse Ansich-
ten zu verbreiten.
Was soll uns ein Artikel, der das Recht seiner eigenen Existenz
bestreitet,
#88# Karl Marx
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der seine Inkompetenzerklärung sich selbst vorausschickt. Der
redselige Verfasser wird uns antworten. Er erklärt, wie seine
breitspurigen Artikel zu lesen sind. Er beschränkt sich darauf,
Bruchstücke zu geben, deren "Aneinanderreihung und Verbindung" er
"dem Scharfsinn der Leser" überläßt -, die schicklichste Methode
für jene Art von Anzeigen, deren Betrieb er sich zugelegt. Wir
wollen "aneinanderreihen und verbinden", und es ist nicht unsere
Schuld, wenn aus dem Rosenkranz kein Kranz von Rosenperlen wird.
Der Verfasser erklärt sich dahin:
"Eine Partei, die sich dieser Mittel bedient" (nämlich philoso-
phische und religiöse Ansichten in Zeitungen zu verbreiten und zu
bekämpfen), "zeigt dadurch, u n s e r e r Meinung nach, daß sie
es n i c h t e h r l i c h meint und daß ihr weniger an der
Belehrung und Aufklärung des Volkes als an der Erreichung
a n d e r e r ä u ß e r e r Z w e c k e gelegen ist."
Bei dieser s e i n e r Meinung kann der Artikel nichts anderes
als die Erreichung äußerer Zwecke beabsichtigen. Diese "äußern
Zwecke" werden sich nicht verschweigen.
Der Staat, heißt es, hat nicht allein das Recht, sondern auch die
Pflicht, den "u n b e r u f e n e n Schwätzern das Handwerk zu
legen". Der Verfasser spricht von den G e g n e r n seiner An-
sicht; denn längst ist er dahin mit sich selbst übereingekommen,
ein b e r u f e n e r Schwätzer zu sein.
Es handelt sich also von einer neuen Verschärfung der Zensur in
religiösen Angelegenheiten, von einer neuen Polizeimaßregel gegen
die kaum aufatmende Presse.
"Unserer Meinung nach kann man dem Staate, statt übertriebener
Strenge, eher eine zu weit getriebene Nachsicht zum Vorwurf ma-
chen."
Doch der leitende Artikel besinnt sich. Es ist gefährlich, dem
Staate Vorwürfe zu machen; er adressiert sich daher an die Behör-
den, seine Anklage gegen die Preßfreiheit verwandelt sich in eine
Anklage gegen die Zensoren; er klagt die Zensoren an, zu "wenig
Zensur" anzuwenden.
"Auch darin ist bisher, z w a r n i c h t vom S t a a t e,
aber von "e i n z e l n e n B e h ö r d e n" eine tadelnswerte
Nachsicht bewiesen worden, daß man der neuern philosophischen
Schule gestattet hat, sich in öffentlichen Blättern und in än-
dern, für einen nicht bloß wissenschaftlichen Leserkreis bestimm-
ten Druckschriften die unwürdigsten Ausfälle auf das Christentum
zu erlauben."
Wiederum bleibt der Verfasser stehen, und wiederum besinnt er
sich; er hat vor weniger als acht Tagen in der Zensurfreiheit zu
wenig Preßfreiheit gefunden; er findet jetzt in dem Zensorenzwang
zu wenig Zensurzwang.
#89# Der leitende Artikel in der Nr. 179 der "Kölnischen Zeitung"
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Das muß wieder gutgemacht werden.
"Solange noch eine Zensur besteht, ist es ihre dringendste
Pflicht, so ekelerregende Auswüchse eines knabenhaften Übermutes
auszuschneiden, wie sie in den letzten Tagen wiederholt unser
Auge beleidigt haben."
Blöde Augen! Blöde Augen! Und das "blödeste Auge wird von einer
Wendung beleidigt werden, die nur auf die Fassungskraft der
großen Menge" berechnet sein kann.
Wenn schon die erleichterte Zensur ekelerregende Auswüchse auf-
kommen läßt, wie erst die Preßfreiheit? Wenn unsere Augen zu
schwach sind, den "Übermut" der zensierten, wie würden sie stark
genug sein, den "Mut" der freien Presse zu ertragen?
"Solange die Zensur besteht, ist es ihre dringendste Pflicht."
Und sobald sie nicht mehr besteht? Die Phrase muß so interpre-
tiert werden: Es ist die dringendste Pflicht der Zensur, so lange
als möglich zu bestehen.
Und wiederum besinnt sich der Verfasser:
"Es ist nicht unseres Amtes, als ö f f e n t l i c h e r Anklä-
ger aufzutreten, und wir unterlassen deshalb jede nähere Bezeich-
nung."
Es ist eine Himmelsgüte in diesem Menschen! Er unterläßt die nä-
here "Bezeichnung", und nur aus ganz nahen, ganz distinkten Zei-
chen könnte er beweisen und zeigen, was denn s e i n e Ansicht
will; er läßt nur vage, halblaute, verdächtigende Worte fallen;
es ist nicht seines Amtes, ö f f e n t l i c h e r Ankläger, es
ist seines Amtes, v e r s t e c k t e r A n k l ä g e r zu
sein.
Zum letzten Male besinnt sich der unglückliche Mann, daß es sei-
nes Amtes ist, liberale Leadingartikel zu schreiben, daß er einen
"loyalen Preßfreiheitsfreund" vorstellen solle; er wirft sich
also in die letzte Position:
"Wir durften es nicht unterlassen, gegen ein Verfahren zu prote-
stieren, welches, wenn es nicht eine Folge zufälliger Vernachläs-
sigung ist, keinen andern Zweck haben kann, als die freiere Bewe-
gung der Presse in der öffentlichen Meinung zu kompromittieren,
um den Gegnern, die auf dem geraden Wege ihr Ziel zu verfehlen
fürchten, gewonnenes Spiel zu gehen."
Die Zensur, lehrt dieser ebenso kühne als scharfsinnige Verteidi-
ger der Preßfreiheit, wenn sie nicht der englische Leoparde mit
der Inschrift ist: "I sleep, wake me not!" 1*) hat dieses
"heillose" Verfahren eingeschlagen, um die freiere Bewegung der
Presse in der öffentlichen Meinung zu kompromittieren.
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1*) "Ich schlafe, wecke mich nicht!"
#90# Karl Marx
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Braucht eine Bewegung der Presse noch kompromittiert zu werden,
welche die Zensur auf "z u f ä l l i g e V e r n a c h l ä s-
s i g u n g e n" aufmerksam macht, welche ihr Renommee in der
öffentlichen Meinung von dem "Federmesser des Zensors" erwartet?
"Frei" kann diese Bewegung insofern genannt werden, als man die
Lizenz der Schamlosigkeit auch zuweilen "frei" nennt, und ist es
nicht die Schamlosigkeit des Unverstandes und der Heuchelei, sich
für einen Verteidiger der freiern Bewegung der Presse auszugeben,
wenn man zugleich doziert, die Presse falle den Augenblick in die
Gosse, wo nicht zwei Gendarmen ihr unter die Arme greifen.
Und wozu bedürfen wir der Zensur, wozu dieses leitenden Artikels,
wenn die philosophische Presse sich selbst in der öffentlichen
Meinung kompromittiert? Allerdings will der Verfasser keineswegs
"d i e F r e i h e i t d e r w i s s e n s c h a f t l i-
c h e n F o r s c h u n g" beschränken.
"In unsern Tagen ist der w i s s e n s c h a f t l i c h e n
F o r s c h u n g mit Recht der weiteste, unbeschränkteste
Spielraum gestattet."
Welchen Begriff unser Mann aber von der wissenschaftlichen For-
schung hat, mag folgende Äußerung beweisen:
"Es ist dabei scharf zu unterscheiden, was die Freiheit der wis-
senschaftlichen Forschung erfordert, durch welche das Christentum
selbst nur gewinnen kann, und was über die Grenzen der wissen-
schaftlichen Forschung hinaus liegt."
Wer soll über die Grenzen der wissenschaftlichen Forschung ent-
scheiden, wenn nicht die wissenschaftliche Forschung selbst! Nach
dem leitenden Artikel sollen die Grenzen der Wissenschaft vorge-
schrieben werden. Der leitende Artikel kennt also eine
"o f f i z i e l l e V e r n u n f t", welche nicht von der
wissenschaftlichen Forschung lernt, sondern sie belehrt, welche,
eine gelehrte Vorsehung, die Größe jedes Haares mißt, das einen
wissenschaftlichen Bart in einen Weltbart verwandeln könnte. Der
leitende Artikel glaubt an die wissenschaftliche Inspiration der
Zensur.
Ehe wir diese "albernen" Explikationen des leitenden Artikels
über die "wissenschaftliche Forschung" weiter verfolgen, kosten
wir einen Augenblick von der "R e l i g i o n s p h i l o-
s o p h i e" des Herrn H[ermes] von seiner "eigenen Wissen-
schaft"!
"Die Religion ist die Grundlage des Staates, wie die notwendigste
Bedingung jeder nicht bloß auf die Erreichung irgendeines äußer-
lichen Zweckes gerichteten gesellschaftlichen Vereinigung."
B e w e i s: "In ihrer rohesten Form als k i n d i s c h e r
F e t i s c h i s m u s, erhebt sie den Menschen doch einigerma-
ßen über die sinnlichen Begierden, die ihn, wenn er sich von den-
selben
#91# Der leitende Artikel in der Nr. 179 der "Kölnischen Zeitung"
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ausschließlich beherrschen läßt, zum T i e r e e r n i e d r i-
g e n und zu der Erfüllung jedes höhern Zweckes unfähig machen."
Der leitende Artikel nennt den Fetischismus die "r o h e s t e
Form" der Religion. Er gibt also zu, was auch ohne seinen Konsens
bei allen Männern der "wissenschaftlichen Forschung" feststeht,
daß die "Tierreligion" eine höhere religiöse Form als der Feti-
schismus ist, und erniedrigt die Tierreligion den Menschen nicht
unter das Tier, macht sie das Tier nicht zum Gott des Menschen?
Und nun gar der "Fetischismus"! Eine wahre Pfennigsmagazingelehr-
samkeit! Der Fetischismus ist so weit entfernt, den Menschen über
die Begierde zu erheben, daß er vielmehr "die Religion der sinn-
lichen Begierde" ist. Die Phantasie der Begierde gaukelt dem Fe-
tischdiener vor, daß ein "lebloses Ding" seinen natürlichen Cha-
rakter aufgeben werde, um das Jawort seiner Gelüste zu sein. Die
rohe Begierde des Fetischdieners zerschlägt daher den Fetisch,
wenn er aufhört, ihr untertänigster Diener zu sein.
"Bei jenen Nationen, welche eine höhere geschichtliche Bedeutung
erlangt haben, fällt die Blüte ihres Volkslebens mit der höchsten
Ausbildung ihres religiösen Sinnes, der Verfall ihrer Größe und
ihrer Macht mit dem Verfall ihrer religiösen Bildung zusammen."
Wenn man die Behauptung des Verfassers geradezu umkehrt, erhält
man die Wahrheit; er hat die Geschichte auf den Kopf gestellt.
Griechenland und Rom sind doch wohl die Länder der höchsten
"geschichtlichen Bildung" unter den Völkern der alten Welt. Grie-
chenlands höchste innere Blüte fällt in die Zeit des Perikles,
seine höchste äußere in die Zeit Alexanders. Zur Zeit des Peri-
kles hatten Sophisten, Sokrates, welchen man die inkorporierte
Philosophie nennen kann, Kunst und Rhetorik die Religion ver-
drängt. Die Zeit des Alexander war die Zeit des Aristoteles, der
die Ewigkeit des "individuellen" Geistes und den Gott der positi-
ven Religionen verwarf. Und nun gar Rom! Leset den Cicero! Epiku-
reische, stoische oder skeptische Philosophie waren die Religio-
nen der Römer von Bildung, als Rom den Höhepunkt seiner Laufbahn
erreicht hatte. Wenn mit dem Untergang der alten Staaten die Re-
ligionen der alten Staaten verschwinden, so bedarf das keiner
weitern Explikation, denn die "wahre Religion" der Alten war der
Kultus "ihrer Nationalität", ihres "Staates". Nicht der Untergang
der alten Religionen stürzte die alten Staaten, sondern der Un-
tergang der alten Staaten stürzte die alten Religionen. Und sol-
che Unwissenheit, wie die des leitenden Artikels, proklamiert
sich zum "Gesetzgeber der wissenschaftlichen Forschung" und
schreibt der Philosophie "Dekrete".
#92# Karl Marx
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"Die ganze alte Welt mußte deshalb zusammenbrechen, weil mit den
Fortschritten in ihrer wissenschaftlichen Ausbildung, welche die
Völker machten, notwendig auch die Aufdeckung der Irrtümer ver-
bunden war, auf denen ihre religiösen Ansichten beruhten."
Also die ganze alte Welt ging nach dem leitenden Artikel unter,
weil die wissenschaftliche Forschung die Irrtümer der alten Reli-
gionen aufdeckte. Wäre die alte Welt nicht untergegangen, wenn
die Forschung die Irrtümer der Religionen verschwiegen hätte,
wenn Lucretius' und Lucians Schriften von dem Verfasser des lei-
tenden Artikels den römischen Behörden zum Ausschneiden empfohlen
worden wären?
Übrigens erlauben wir uns, die Gelehrsamkeit des Herrn H[ermes]
mit einer Notiz zu vermehren.
["Rheinische Zeitung" Nr. 193 vom 12. Juli 1842]
*** Eben als der Untergang der alten Welt herannahte, tat sich
die Alexandrinische Schule auf, welche mit Gewalt "die ewige
Wahrheit" der griechischen Mythologie und ihre durchgängige Über-
einstimmung "mit den Ergebnissen der wissenschaftlichen For-
schung" zu beweisen sich bemühte. Auch der Kaiser Julian gehörte
noch zu dieser Richtung, die den neu hereinbrechen den Zeitgeist
glaubte verschwinden zu machen, wenn sie sich die Augen zuhielt,
um ihn nicht zu sehen. Allein bei H's Resultat stehengeblieben!
In den alten Religionen war "die schwache Ahnung des Göttlichen
von der dichtesten Nacht des Irrtums verhüllt" und konnte deshalb
den wissenschaftlichen Forschungen nicht widerstehen. Im Chri-
stentum verhält es sich umgekehrt, wird jede Denkmaschine urtei-
len. Allerdings sagt H.:
"Die höchsten Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung haben
bisher nur dazu gedient, die Wahrheiten der christlichen Religion
zu bestätigen."
Abgesehen davon, daß von allen Philosophien der Vergangenheit
ohne Ausnahme jede des Abfalls von der christlichen Religion
durch die Theologen bezichtigt wurde, selbst die des frommen
Malebranche und des inspirierten Jakob Böhme, daß Leibniz als
"Löwenix" (Glaubenichts) von den braunschweigischen Bauern und
als Atheist von dem Engländer Clarke und den übrigen Anhängern
Newtons angeklagt wurde; abgesehen davon, daß das Christentum wie
der tüchtigste und konsequenteste Teil der protestantischen Theo-
logen behauptet, mit der Vernunft nicht übereinstimmen kann, weil
die "weltliche" Vernunft und die "geistliche" sich widersprechen,
was Tertullian klassisch so ausdrückt: "verum est, quia absurdum
est" [64]; hiervon abgesehen, wie soll man die Übereinstimmung
der wissenschaftlichen Forschung
#93# Der leitende Artikel in der Nr. 179 der "Kölnischen Zeitung"
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mit der Religion beweisen, wenn nicht, indem man die wissen-
schaftliche Forschung zwingt, dadurch in die Religion aufzugehen,
daß man sie ihren eigenen Gang fortgehen läßt. Ein anderer Zwang
ist wenigstens kein Beweis.
Allerdings, wenn ihr von vornherein nur das als wissenschaftliche
Forschung anerkennt, was eure Ansicht ist, so habt ihr leicht
prophezeien; aber welchen Vorzug hat eure Behauptung denn vor der
des indischen Brahminen, der die Heiligkeit der Vedas beweist,
indem er allein sich das Recht vorbehält, sie zu lesen!
Ja, sagt H[ermes], "wissenschaftliche Forschung". Aber jede For-
schung, die dem Christentum widerspricht, bleibt "auf halbem Wege
stehen" oder "schlägt einen falschen Weg" ein. Kann man sich das
Argumentieren bequemer machen?
Die wissenschaftliche Forschung, sobald sie sich "den Inhalt des
Gefundenen k l a r g e m a c h t", wird nie den Wahrheiten des
Christentums widerstreiten", aber zugleich muß der Staat dafür
sorgen, daß dieses "K l a r m a c h e n" unmöglich sei, denn
die Forschung darf sich nie an die Fassungskraft der großen Menge
wenden, d.h. nie s i c h s e l b s t populär und klar werden.
Selbst wenn sie in allen Zeitungen der Monarchie von unwissen-
schaftlichen Forschern angegriffen wird, muß sie bescheiden sein
und schweigen.
Das Christentum schließt die Möglichkeit "jedes neuen Verfalls"
aus, aber die Polizei muß wachen, daß die philosophierenden Zei-
tungsschreiber es nicht zum Verfall bringen, sie muß mit der äu-
ßersten Strenge wachen. Der Irrtum wird im Kampfe mit der Wahr-
heit von selbst als solcher erkannt werden, ohne daß es einer Un-
terdrückung durch äußere Gewalt bedürfte; aber der Staat muß die-
sen Kampf der Wahrheit erleichtern, indem er den Verfechtern des
"Irrtums" zwar nicht die innere Freiheit nimmt, die er ihnen
nicht nehmen kann, aber wohl die Möglichkeit dieser Freiheit, die
Möglichkeit der Existenz.
Das Christentum ist seines Sieges gewiß, aber es ist nach H. sei-
nes Sieges nicht so gewiß, um die Hilfe der Polizei zu verschmä-
hen.
Wenn von vornherein alles Irrtum ist und als Irrtum behandelt
werden muß, was eurem Glauben widerspricht, was unterscheidet
eure Prätension von der Prätension des Muhammedaners, von der
Prätension jeder andern Religion? Soll die Philosophie für jedes
Land, nach dem Sprichworte "ländlich, sittlich", andere Grund-
sätze annehmen, um den Grundwahrheiten des Dogmas nicht zu wider-
streiten; soll sie in dem einen Lande glauben, daß 3 × 1 = 1, in
dem andern, daß die Weiber keine Seelen haben, im dritten,
#94# Karl Marx
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daß im Himmel Bier getrunken wird? Gibt es keine allgemein men-
schliche Natur, wie es eine allgemeine Natur der Pflanzen und Ge-
stirne gibt? Die Philosophie fragt, was wahr, nicht was gültig,
sie fragt, was für alle Menschen wahr, nicht was für einzelne
wahr ist; ihre metaphysischen Wahrheiten kennen nicht die Grenzen
der politischen Geographie; ihre politischen Wahrheiten wissen zu
gut, wo die "Grenzen" anfangen, um den illusorischen Horizont der
besonderen Welt- und Volksanschauung mit dem wahren Horizont des
menschlichen Geistes zu verwechseln. H[ermes] ist unter allen
Verteidigern des Christentums der schwächste.
Die l a n g e Existenz des Christentums ist sein einziger Be-
weis für das Christentum. Existiert nicht auch die Philosophie
von Thales bis heutzutage, und zwar nach H. gerade jetzt mit
größern Ansprüchen und größerer Meinung von ihrer Wichtigkeit als
jemals?
Wie beweist nun H. endlich, daß der Staat ein "christlicher"
Staat sei, daß er, statt eine freie Vereinigung sittlicher Men-
schen, eine Vereinigung von Gläubigen, statt der Verwirklichung
der Freiheit die Verwirklichung des Dogmas bezweckt. "Unsere eu-
ropäischen Staaten haben sämtlich das Christentum zur Grundlage."
Auch der f r a n z ö s i s c h e Staat? Es heißt in der Charte
Artikel 3, nicht: "jeder Christ", oder "nur der Christ", sondern:
"tous les Français sont également admissibles aux emplois civiles
et militaires". 1*)
Auch im preußischen Landrecht II. Teil, XIII. Titel etc. heißt
es:
"Die vorzüglichste Pflicht des Oberhauptes im Staate ist, sowohl
die äußere als die innere Ruhe und Sicherheit zu erhalten und
einen jeden bei dem Seinigen gegen Gewalt und Störung zu schüt-
zen."
Nach § 1 vereinigt aber das Staatsoberhaupt in sich alle
"Pflichten und Rechte des Staates". Es heißt nicht, die vorzüg-
lichste Pflicht des Staates sei die Unterdrückung ketzerischer
Irrtümer und die Seligkeit der andern Welt.
Wenn aber wirklich einige europäische Staaten auf dem Christentum
beruhen, entsprechen diese Staaten ihrem Begriff, ist schon die
"pure Existenz" eines Zustandes das Recht dieses Zustandes?
Nach der Ansicht unseres H. allerdings, denn er erinnert die An-
hänger des jungen Hegeltums:
"daß nach den Gesetzen, die in dem größten Teil des Staates in
Kraft sind, eine Ehe ohne kirchliche Weihe als Konkubinat angese-
hen und als solches p o l i z e i l i c h bestraft wird."
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1*) "alle Franzosen haben gleichermaßen Zugang zu den Zivil- und
Militärämtern"
#95# Der leitende Artikel in der Nr. 179 der "Kölnischen Zeitung"
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Also wenn die "Ehe ohne kirchliche Weihe" am Rhein nach dem Code
Napoleon für "eine Ehe" und an der Spree nach dem preußischen
Landrecht für ein "Konkubinat" angesehen wird, so soll die
"polizeiliche" Strafe ein Argument für "Philosophen" sein, daß
hier Recht, was dort Unrecht ist, daß nicht der Code, sondern das
Landrecht den wissenschaftlichen und sittlichen, den vernünftigen
Begriff von der Ehe hat. Diese "Philosophie der polizeilichen
Strafen" mag sonstwo überzeugen, sie überzeugt nicht in Preußen.
Wie wenig übrigens das preußische Landrecht die Tendenz der
"heiligen" Ehen hat, sagt § 12, Teil II, Titel 1.
"Doch verliert eine Ehe, welche nach den Landesgesetzen erlaubt
ist, dadurch, daß die Dispensation der geistlichen Obern nicht
nachgesucht oder versagt worden, nichts von ihrer b ü r g e r-
l i c h e n Gültigkeit."
Auch hier wird die Ehe teilweise von den "geistlichen Obern"
emanzipiert und ihre "bürgerliche" Gültigkeit von ihrer
"kirchlichen" unterschieden.
Daß unser großer christlicher Staatsphilosoph keine "hohe" An-
sicht vom Staate hat, versteht sich von selbst.
"Da unsere Staaten nicht bloß Rechtsgenossenschaften, sondern
zugleich wahre Erziehungsanstalten sind, die ihre Pflege nur über
einen weiteren Kreis ausbreiten als die Anstalten, die zur Erzie-
hung der Jugend bestimmt sind" etc. "die gesamte öffentliche Er-
ziehung" beruhe "auf der Grundlage des Christentums".
Die Erziehung unserer Schuljugend basiert ebensosehr auf den al-
ten Klassikern und den Wissenschaften überhaupt als auf dem Kate-
chismus.
Der Staat unterscheidet sich nach H. von einer Kleinkinderbewahr-
anstalt nicht durch den Gehalt, sondern durch die Größe, er dehnt
seine "Pflege" weiter aus.
Die wahre "öffentliche" Erziehung des Staates ist aber vielmehr
das vernünftige und öffentliche Dasein des Staates, selbst der
Staat erzieht seine Glieder, indem er sie zu Staatsgliedern
macht, indem er die Zwecke des Einzelnen in allgemeine Zwecke,
den rohen Trieb in sittliche Neigung, die natürliche Unabhängig-
keit in geistige Freiheit verwandelt, indem der Einzelne sich im
Leben des Ganzen und das Ganze sich in der Gesinnung des Einzel-
nen genießt.
Der leitende Artikel dagegen macht den Staat nicht zu einem Ver-
ein freier Menschen, die sich wechselseitig erziehen, sondern zu
einem Haufen Erwachsener, welche die Bestimmung haben, von oben
erzogen zu werden und aus der "engen" Schulstube in die "weitere"
Schulstube einzutreten.
Diese Erziehungs- und Bevormundungstheorie wird hier von einem
Freunde der Preßfreiheit vorgebracht, der aus Liebe zu dieser
Schönen die
#96# Karl Marx
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"Vernachlässigungen der Zensur" notiert, der die "Fassungskraft
der großen Menge" gehörigen Orts zu schildern weiß - (vielleicht
erscheint die Fassungskraft der großen Menge n e u e r d i n g s
der "Kölnischen Zeitung" so prekär, weil die Menge verlernt hat,
die Vorzüge der "unphilosophischen Zeitung" zu fassen?) -, der
den Gelehrten anrät, eine Ansicht für die Bühne und eine andere
Ansicht für die Kulissen zu haben!
Wie der leitende Artikel seine "untersetzte" Staatsansicht, mag
er uns jetzt seine n i e d r i g e Ansicht "vom Christentum"
dokumentieren,
"Alle Zeitungsartikel der Welt werden eine Bevölkerung, die sich
im ganzen wohl und glücklich fühlt, niemals überreden, daß sie
sich in einem unseligen Zustand befände."
Und wie! Das m a t e r i e l l e Gefühl des Wohls und Glücks
ist stichhaltiger gegen Zeitungsartikel als die beseligende und
alles besiegende Zuversicht des Glaubens! H. singt nicht: "Eine
feste Burg ist unser Gott". Das wahrhaft gläubige Gemüt der
"großen Menge" sollte eher den Rostflecken des Zweifels ausge-
setzt sein als die raffinierte Weltbildung der "kleinen Menge"!
"Selbst von Aufreizungen zum Aufruhr" fürchtet H. "in einem wohl-
geordneten Staate" weniger als in einer "wohlgeordneten Kirche",
die noch überdem der "Geist Gottes" in alle Wahrheit leite. Ein
schöner Gläubiger, und nun erst der Grund! Die politischen
Artikel seien nämlich der Menge verständlich, und die philosophi-
schen Artikel seien ihr unverständlich!
Stellt man endlich den Wink des leitenden Artikels: "die
h a l b e n Maßregeln, die man in der letzten Zeit gegen das
junge Hegeltum ergriffen, haben die gewöhnlichen Folgen halber
Maßregeln gehabt", mit dem b i e d e r n Wunsch zusammen, daß
die letzten Unternehmungen der Hegelinge "ohne a l l z u
n a c h t e i l i g e Folgen" für sie vorübergehen mögen, so be-
greift man die Worte Cornwalls im "Lear":
"Der kann nicht schmeicheln, der! - ein ehrlicher
Und grader Sinn: er muß die Wahrheit sagen.
Will man es sich gefallen lassen, gut; -
Wo nicht, so ist er grade. - Diese Art
Von Schelmen kenn ich, die in diese Gradheit
Mehr Arglist hüllen, mehr verschmitzte Zwecke
Als zwanzig alberne, gebückte Schranzen
Mit ihrer breiten Dienstbeflissenheit." [69]
Wir wurden die Leser der "Rheinischen Zeitung" zu beleidigen
glauben, wenn wir sie mit dem mehr komischen als ernsten Schau-
spiel befriedigt
#97# Der leitende Artikel in der Nr. 179 der "Kölnischen Zeitung"
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wähnten, einen ci-devant 1*) Liberalen, einen "Jungen Mann von
ehedem" [70] in die gebührenden Schranken zurückgewiesen zu se-
hen; wir wollen einige wenige Worte über "die Sache selbst" sa-
gen. Solange wir mit der Polemik gegen den leidenden Artikel be-
schäftigt waren, wäre es Unrecht gewesen, ihn in dem Geschäft der
Selbstvernichtung zu unterbrechen.
["Rheinische Zeitung" Nr. 195 vom 14. Juli 1842]
Zunächst wird die Frage gestellt: "Soll die Philosophie die reli-
giösen Anliegenheiten auch in Zeitungsartikeln besprechen?"
Man kann diese Frage nur beantworten, indem man sie kritisiert.
Die Philosophie, vor allem die deutsche Philosophie, hat einen
Hang zur Einsamkeit, zur systematischen Abschließung zur leiden-
schaftslosen Selbstbeschauung, die sie dem schlagfertigen, tages-
lauten, nur in der Mitteilung sich genießenden Charakter der Zei-
tungen von vornherein entfremdet gegenüberstellt. Die Philoso-
phie, in ihrer systematischen Entwicklung begriffen, ist unpopu-
lär, ihr geheimes Weben in sich selbst erscheint dem profanen
Auge als ein ebenso überspanntes wie unpraktisches Treiben; sie
gilt für einen Professor der Zauberkünste, dessen Beschwörungen
feierlich klingen, weil man sie nicht versteht.
Die Philosophie hat, ihrem Charakter gemäß, nie den ersten
Schritt dazu getan, das asketische Priestergewand mit der leich-
ten Konventionstracht der Zeitungen zu vertauschen. Allein die
Philosophen wachsen nicht wie Pilze aus der Erde, sie sind die
Früchte ihrer Zeit, ihres Volkes, dessen subtilste, kostbarste
und unsichtbarste Säfte in den philosophischen Ideen roulieren.
Derselbe Geist baut die philosophischen Systeme in dem Hirn der
Philosophen, der die Eisenbahnen mit den Händen der Gewerke baut.
Die Philosophie steht nicht außer der Welt, so wenig das Gehirn
außer dem Menschen steht, weil es nicht im Magen liegt; aber
freilich die Philosophie steht früher mit dem Hirn in der Welt,
ehe sie mit den Füßen sich auf den Boden stellt, während manche
andere menschliche Sphären längst mit den Füßen in der Erde
wurzeln und mit den Händen die Früchte der Welt abpflücken, ehe
sie ahnen, daß auch der "Kopf" von dieser Welt oder diese Welt
die Welt des Kopfes sei.
Weil jede wahre Philosophie die geistige Quintessenz ihrer Zeit
ist, muß die Zeit kommen, wo die Philosophie nicht nur innerlich
durch ihren Gehalt, sondern auch äußerlich durch ihre Erscheinung
mit der wirklichen Welt ihrer Zeit in Berührung und Wechselwir-
kung tritt. Die Philosophie hört
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1*) ehemaligen
#98# Karl Marx
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dann auf, ein bestimmtes System gegen andere bestimmte Systeme zu
sein, sie wird die Philosophie überhaupt gegen die Welt, sie wird
die Philosophie der gegenwärtigen Welt. Die Formalien, welche
konstatieren, daß die Philosophie diese Bedeutung erreicht, daß
sie die lebendige Seele der Kultur, daß die Philosophie weltlich
und die Welt philosophisch wird, waren in allen Zeiten dieselben;
man kann jedes Historienbuch nachschlagen, und man wird mit ste-
reotyper Treue die einfachsten Ritualien wiederholt finden, wel-
che ihre Einführung in die Salons und in die Pfarrerstuben, in
die Redaktionszimmer der Zeitungen und in die Antichambres der
Höfe, in den Haß und in die Liebe der Zeitgenossen unverkennbar
bezeichnen. Die Philosophie wird in die Welt eingeführt von dem
Geschrei ihrer Feinde, welche die innere Ansteckung durch den
wilden Notruf gegen die Feuersbrunst der Ideen verraten. Dieses
Geschrei ihrer Feinde hat für die Philosophie dieselbe Bedeutung,
welche der erste Schrei eines Kindes für das ängstlich lauschende
Ohr der Mutter hat, es ist der Lebensschrei ihrer Ideen, welche
die hieroglyphische regelrechte Hülse des Systems gesprengt und
sich in Weltbürger entpuppt haben. Die Korybanten und Kabyren,
welche mit lautem Lärm der Welt die Geburt des Zeuskindes ein-
trommeln, wenden sich zunächst gegen die religiöse Partie der
Philosophen, teils weil der inquisitorische Instinkt an dieser
sentimentalen Seite des Publikums am sichersten zu halten weiß,
teils weil das Publikum, zu welchem auch die Gegner der Philoso-
phie gehören, nur mit seinen idealen Fühlhörnern die ideale
Sphäre der Philosophie tangieren kann, und der einzige Kreis der
Ideen, an dessen Wert das Publikum beinahe soviel glaubt wie an
die Systeme der materiellen Bedürfnisse, ist der Kreis der reli-
giösen Ideen, endlich weil die Religion nicht gegen ein bestimm-
tes System der Philosophie, sondern gegen die Philosophie über-
haupt der bestimmten Systeme polemisiert.
Die wahre Philosophie der Gegenwart unterscheidet sich nicht
durch dieses Schicksal von den wahren Philosophien der Vergangen-
heit. Dies Schicksal ist vielmehr ein Beweis, den die Geschichte
ihrer Wahrheit schuldig war.
Und seit sechs Jahren haben die deutschen Zeitungen gegen die re-
ligiöse Partie der Philosophie getrommelt, verleumdet, entstellt,
verballhornt. Die Allgemeine Augsburger sang die Bravourarien
fast jede Ouvertüre spielte das Thema, die Philosophie verdiene
nicht, von der weisen Dame besprochen zu werden, sie sei eine
Windbeutelei der Jugend, ein Modeartikel blasierter Koterien,
aber, aber trotz all dem konnte man nicht von ihr los, und immer
von neuem wurde getrommelt, denn die Augsburger spielt nur e i n
Instrument in ihren antiphilosophischen Katzenkonzerten, die ein-
tönige Pauke.
#99# Der leitende Artikel in der Nr. 179 der "Kölnischen Zeitung"
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Alle deutschen Blätter, von dem "Berliner politischen Wochen-
blatt" und dem "Hamburger Correspondenten" bis zu den Winkelzei-
tungen, bis zur "K ö l n i s c h e n Z e i t u n g" herab,
ballten wider von Hegel und Schelling, Feuerbach und Bauer,
"Deutschen Jahrbüchern" etc. - Endlich wurde das Publikum begie-
rig, den Leviathan selbst zu sehen, um so begieriger, als halbof-
fizielle Artikel drohten, der Philosophie von den Kanzleistuben
her ihr legitimes Schema vorschreiben zu wollen, und gerade das
war der Moment, wo die Philosophie in Zeitungen auftrat. Die Phi-
losophie hatte lange geschwiegen zu der selbstgefälligen Ober-
flächlichkeit, die in einigen abgestandenen Zeitungsphrasen die
langjährigen Studien des Genies, die mühsamen Früchte einer auf-
opfernden Einsamkeit, die Resultate jener unsichtbaren, aber
langsam aufreibenden Kämpfe der Kontemplation wie Seifenblasen
wegzuhauchen prahlten; die Philosophie hatte sogar protestiert
gegen die Zeitungen, als ein unpassendes Terrain, aber endlich
mußte die Philosophie ihr Schweigen brechen, sie wurde Zeitungs-
korrespondent und - eine unerhörte Diversion - da auf einmal
fällt es den redseligen Zeitungslieferanten ein, daß die Philoso-
phie kein Futter für das Zeitungspublikum sei, da durften sie es
nicht unterlassen, die Regierungen darauf aufmerksam zu machen,
daß es nicht ehrlich sei, daß nicht zur Aufklärung des Publikums,
sondern zur Erreichung äußerer Zwecke philosophische und reli-
giöse Fragen in das Gebiet der Zeitungen gezogen werden.
Was könnte die Philosophie von der Religion, was von sich selbst
Schlimmeres sagen, was euer Zeitungsgeschrei nicht schon längst
schlimmer und frivoler ihr imputiert hätte? Sie braucht nur zu
wiederholen, was ihr unphilosophische Kapuziner in tausend und
abermal tausend Kontroversreden von ihr gepredigt, und sie hat
das Schlimmste gesagt.
Aber die Philosophie spricht anders über religiöse und philoso-
phische Gegenstände, wie ihr darüber gesprochen habt. Ihr sprecht
ohne Studium, sie spricht mit Studium, ihr wendet euch an den Af-
fekt, sie wendet sich an den Verstand, ihr flucht, sie lehrt, ihr
versprechet Himmel und Welt, sie verspricht nichts als Wahrheit,
ihr fordert den Glauben an euren Glauben, sie fordert nicht den
Glauben an ihre Resultate, sie fordert die Prüfung des Zweifels;
ihr schreckt, sie beruhigt. Und wahrlich, die Philosophie ist
weltklug genug, zu wissen, daß ihre Resultate nicht schmeicheln,
weder der Genußsucht und dem Egoismus der himmlischen noch der
irdischen Welt; das Publikum, das aber die Wahrheit, die Erkennt-
nis ihrer selbst wegen liebt, dessen Urteilskraft und Sittlich-
keit wird sich wohl mit der Urteilskraft und Sittlichkeit unwis-
sender, serviler, inkonsequenter und besoldeter Skribenten messen
können.
#100# Karl Marx
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Allerdings mag dieser oder jener aus Miserabilität des Verstandes
und der Gesinnung die Philosophie mißdeuten aber glaubt ihr Pro-
testanten nicht, daß die Katholiken das Christentum mißdeuten,
werft ihr nicht der christlichen Religion die schmählichen Zeiten
des achten und neunten Jahrhunderts vor oder die Bartholomäus-
nacht oder die Inquisition? Daß zum großen Teil der Haß der pro-
testantischen Theologie gegen die Philosophen aus der Toleranz
der Philosophie gegen die besondere Konfession als besondere ent-
springt, zeigen evidente Beweise. Man hat dem Feuerbach, dem
Strauß mehr vorgeworfen, daß sie die katholischen Dogmen für
christliche hielten, als daß sie die Dogmen des Christentums für
keine Dogmen der Vernunft erklärten.
Wenn aber einzelne Individuen die moderne Philosophie nicht ver-
dauen und an philosophischer Indigestion sterben, so beweist das
nicht mehr gegen die Philosophie, als es gegen die Mechanik be-
weist, wenn hie und da ein Dampfkessel einzelne Passagiere in die
Luft sprengt.
Die Frage, ob philosophische und religiöse Anliegenheiten in den
Zeitungen zu besprechen, löst sich in ihre eigene Ideenlosigkeit
auf.
Wenn solche Fragen schon als Z e i t u n g s f r a g e n das
Publikum interessieren, sind sie Fragen der Zeit geworden, dann
fragt es sich nicht, ob sie besprochen, dann fragt es sich, wo
und wie sie besprochen werden sollen, ob im Innern der Familien
und der Hotels, der Schulen und der Kirche, aber nicht von der
Presse, von den Gegnern der Philosophie, aber nicht von den Phi-
losophen, ob in der trüben Sprache der Privatmeinung, aber nicht
in der läuternden Sprache des öffentlichen Verstandes, dann fragt
es sich, ob in das Bereich der Presse gehört, was in der Wirk-
lichkeit lebt, dann handelt es sich nicht mehr von einem beson-
dern Inhalt der Presse, dann handelt es sich um die allgemeine
Frage, ob die Presse wirkliche Presse, d.h. freie Presse sein
soll?
Die zweite Frage scheiden wir gänzlich von der ersten: "Ist die
Politik philosophisch von den Zeitungen zu behandeln in einem so-
genannten christlichen Staat?"
Wenn die Religion zu einer politischen Qualität wird, zu einem
Gegenstand der Politik, so scheint fast keiner Erwähnung zu be-
dürfen, daß die Zeitungen politische Gegenstände nicht nur be-
sprechen dürfen, sondern auch müssen. Es scheint von vornherein
die Weisheit der Welt, die Philosophie, mehr Recht zu haben, sich
um das Reich dieser Welt, um den Staat zu bekümmern, als die
Weisheit jener Welt, die Religion. Es fragt sich hier nicht, ob
über den Staat philosophiert, es fragt sich, ob gut oder
schlecht, philosophisch oder unphilosophisch, ob mit Vorurteilen
oder ohne Vorurteile, ob mit Bewußtsein oder ohne Bewußtsein, ob
mit Konsequenz oder ohne Konsequenz, ob ganz rational oder halb
rational über den Staat philosophiert
#101# Der leitende Artikel in der Nr. 179 d. "Kölnischen Zeitung"
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werden soll. Wenn ihr die Religion zur Theorie des Staatsrechts
macht, so macht ihr die Religion selbst zu einer Art Philosophie.
Hat nicht vor allem das Christentum Staat und Kirche gesondert?
Leset den heiligen Augustinus "De civitate Dei", studiert die
Kirchenväter und den Geist des Christentums, und dann kommt wie-
der und sagt uns, ob der Staat oder die Kirche der "christliche
Staat" ist! Oder straft nicht jeder Augenblick eures praktischen
Lebens eure Theorie Lügen? Haltet ihr es für Unrecht, die Ge-
richte in Anspruch zu nehmen, wenn ihr übervorteilt werdet? Aber
der Apostel schreibt, daß es Unrecht sei. [72] Haltet ihr euren
rechten Backen dar, wenn man euch auf den linken schlägt, [73]
oder macht ihr nicht einen Prozeß wegen Realinjurien anhängig?
Aber das Evangelium verbietet es. Verlangt ihr vernünftiges Recht
auf dieser Welt, murrt ihr nicht über die kleinste Erhöhung einer
Abgabe, geratet ihr nicht außer euch über die geringste Verlet-
zung der persönlichen Freiheit? Aber es ist euch gesagt, daß
dieser Zeit Leiden der künftigen Herrlichkeit nicht wert sei, daß
die Passivität des Ertragens und die Seligkeit in der Hoffnung
die Kardinaltugenden sind.
Handelt der größte Teil eurer Prozesse und der größte Teil der
Zivilgesetze nicht vom Besitz? Aber es ist euch gesagt, daß eure
Schätze nicht von dieser Welt sind. [74] Oder beruft ihr euch
darauf, das dem Kaiser zu geben, was des Kaisers, und Gott, was
Gottes, so haltet nicht nur den goldenen Mammon, sondern wenig-
stens ebensosehr die freie Vernunft für den Kaiser dieser Welt,
und die "Aktion der freien Vernunft" nennen wir Philosophieren.
Als in der Heiligen Allianz zuerst ein quasi religiöser Staaten-
bund geknüpft und die Religion europäisches Staatenwappen werden
sollte, da weigerte sich mit tiefem Sinn und richtigster Konse-
quenz der P a p s t, diesem Heiligenbunde beizutreten, denn das
allgemeine christliche Band der Völker sei die Kirche und nicht
die Diplomatie, nicht der weltliche Staatenbund. [75]
Der wahrhaft religiöse Staat ist der theokratische Staat; der
Fürst solcher Staaten muß entweder, wie im jüdischen der Gott der
Religion, der Jehova selbst sein oder, wie in Tibet der Stellver-
treter des Gottes, der Dalai Lama oder endlich, wie Görres in
seiner letzten Schrift richtig von den christlichen Staaten ver-
langt, sie müssen sich sämtlich einer Kirche unterwerfen, die
eine "unfehlbare Kirche" ist, denn wenn wie im Protestantismus
kein oberstes Haupt der Kirche existiert, so ist die Herrschaft
der Religion nichts anderes als die Religion der Herrschaft, der
Kultus des Regierungswillens.
Sobald ein Staat mehrere gleichberechtigte Konfessionen ein-
schließt, kann er nicht mehr religiöser Staat sein, ohne eine
Verletzung der besondern Religionskonfessionen zu sein, eine Kir-
che, die jeden Anhänger einer andern Konfession als Ketzer ver-
dammt, die jedes Stück Brot von dem Glauben
#102# Karl Marx
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abhängig, die das Dogma zum Band zwischen den einzelnen Indivi-
duen und der staatsbürgerlichen Existenz macht. Fragt die katho-
lischen Bewohner des "armen, grünen Erin" [76], fragt die Huge-
notten vor der Französischen Revolution, nicht an die Religion
haben sie appelliert, denn ihre Religion war nicht die Staatsre-
ligion, an die "Rechte der Menschheit" haben sie appelliert, und
die Philosophie interpretiert die Rechte der Menschheit, sie ver-
langt, daß der Staat der Staat der menschlichen Natur sei.
Aber, sagt der halbe, der bornierte, der ebenso ungläubige als
theologische Rationalismus, der allgemeine christliche Geist, ab-
gesehen von dem Unterschiede der Konfessionen, soll Staatsgeist
sein! Es ist die größte Irreligiosität, es ist der Übermut des
weltlichen Verstandes, den allgemeinen Geist der Religion von der
positiven Religion zu trennen; diese Trennung der Religion von
ihren Dogmen und Institutionen ist dasselbe, als behauptete man,
der allgemeine Geist des Rechts solle im Staat herrschen, abgese-
hen von den bestimmten Gesetzen und von den positiven Institutio-
nen des Rechts.
Wenn ihr euch überhebt, so hoch über der Religion zu stehn, daß
ihr berechtigt seid, den allgemeinen Geist derselben von ihren
positiven Bestimmungen zu scheiden, was habt ihr den Philosophen
vorzuwerfen, wenn sie diese Scheidung ganz und nicht halb voll-
ziehen, wenn sie den allgemeinen Geist der Religion nicht christ-
lichen, sondern menschlichen Geist nennen?
Die Christen wohnen in Staaten von verschiedenen Verfassungen,
die einen in einer Republik, die andern in einer absoluten, die
dritten in einer konstitutionellen Monarchie. Das Christentum
entscheidet nicht über die Güte der Verfassungen, denn es kennt
keinen Unterschied der Verfassungen, es lehrt, wie die Religion
lehren muß: Seid untertan der Obrigkeit, denn jede Obrigkeit ist
von Gott. [77] Also nicht aus dem Christentum, aus der eigenen
Natur, aus dem eigenen Wesen des Staates müßt ihr das Recht der
Staatsverfassungen entscheiden, nicht aus der Natur der christli-
chen, sondern aus der Natur der menschlichen Gesellschaft.
Der byzantinische Staat war der eigentliche religiöse Staat, denn
die Dogmen waren hier Staatsfragen, aber der byzantinische Staat
war der schlechteste Staat. Die Staaten des ancien régime waren
die allerchristlichsten Staaten, aber nichtsdestoweniger waren
sie Staaten des "Hofwillens".
Es gibt ein Dilemma, dem der "gesunde" Menschenverstand nicht wi-
derstehen kann.
Entweder entspricht der christliche Staat dem Begriff des Staa-
tes, eine Verwirklichung der vernünftigen Freiheit zu sein, und
dann ist nichts erforderlich, als ein vernünftiger Staat zu sein,
um ein christlicher Staat zu sein, dann genügt es, den Staat aus
der Vernunft der menschlichen Verhältnisse
#103# Der leitende Artikel in der Nr. 179 d. "Kölnischen Zeitung"
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zu entwickeln, ein Werk, was die Philosophie vollbringt. Oder der
Staat der vernünftigen Freiheit läßt sich nicht aus dem Christen-
tum entwickeln, dann werdet ihr selbst gestehen, daß diese Ent-
wicklung nicht in der Tendenz des Christentums liegt, da es kei-
nen schlechten Staat wolle, und ein Staat, der nicht die Verwirk-
lichung der vernünftigen Freiheit ist, ist ein schlechter Staat.
Ihr mögt das Dilemma beantworten, wie ihr wollt, und werdet ge-
stehen müssen, daß der Staat nicht aus der Religion, sondern aus
der Vernunft der Freiheit zu konstruieren ist. Nur die krasseste
Ignoranz kann die Behauptung stellen, diese Theorie, die Verselb-
ständigung des Staatsbegriffs, sei ein Tageseinfall der neusten
Philosophen.
Die Philosophie hat nichts in der Politik getan, was nicht die
Physik, die Mathematik, die Medizin, jede Wissenschaft innerhalb
ihrer Sphäre getan hat. Baco von Verulam erklärte die theologi-
sche Physik für eine gottgeweihte Jungfrau, die unfruchtbar sei,
er emanzipierte die Physik von der Theologie und - sie wurde
fruchtbar. So wenig ihr den Arzt fragt, ob er gläubig sei, so we-
nig habt ihr den Politiker zu fragen. Gleich vor und nach der
Zeit der großen Entdeckung des Kopernikus vom wahren Sonnensystem
wurde zugleich das Gravitationsgesetz des Staats entdeckt, man
fand seine Schwere in ihm selbst, und wie die verschiedenen euro-
päischen Regierungen dieses Resultat mit der ersten Oberfläch-
lichkeit der Praxis in dem System des Staatengleichgewichts anzu-
wenden suchten, so begannen früher Machiavelli, Campanella, spä-
ter Hobbes, Spinoza, Hugo Grotius, bis zu Rousseau, Fichte, Hegel
herab, den Staat aus menschlichen Augen zu betrachten und seine
Naturgesetze aus der Vernunft und der Erfahrung zu entwickeln,
nicht aus der Theologie, so wenig als Kopernikus sich daran
stieß, daß Josua der Sonne zu Gideon und dem Mond im Tale Ajalon
stillezustehen geheißen. [78] Die neueste Philosophie hat nur
eine Arbeit weitergeführt, die schon Heraklit und Aristoteles be-
gonnen haben. Ihr polemisiert also nicht gegen die Vernunft der
neusten Philosophie, ihr polemisiert gegen die stets neue
Philosophie der Vernunft. Allerdings, die Unwissenheit, die viel-
leicht gestern oder vorgestern in der "Rheinischen" oder
"Königsberger Zeitung" zum erstenmal die uralten Staatsideen auf-
fand, diese Unwissenheit hält die Ideen der Geschichte für über-
nächtige Einfälle einzelner Individuen, weil sie ihr neu und über
Nacht gekommen sind; sie vergißt, daß sie selbst die alte Rolle
des Doktors der Sorbonne übernimmt, der den Montesquieu öffent-
lich anzuklagen für seine Pflicht hielt, weil Montesquieu so fri-
vol war, die politische statt der Tugend der Kirche für die
höchste Staatsqualität zu erklären; sie vergißt, daß sie die
Rolle des Joachim Lange übernimmt, der den Wolff denunzierte
[79],
#104# Karl Marx
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weil seine Lehre von der Prädestination die Desertion der Solda-
ten und damit die Lockerung der militärischen Disziplin und end-
lich die Auflösung des Staats herbeiführen werde; sie vergißt
endlich, daß das preußische Landrecht aus der Philosophenschule
eben "dieses Wolfes" und der französische Code Napoleon nicht aus
dem alten Testament, sondern aus der Ideenschule der Voltaire,
Rousseau, Condorcet, Mirabeau, Montesquieu und aus der Französi-
schen Revolution hervorgegangen ist. Die Unwissenheit ist ein Dä-
mon, wir fürchten, sie wird noch manche Trauerspiele aufführen;
mit Recht haben die größten griechischen Dichter sie in den
furchtbaren Dramen der Königshäuser von Mykene und Theben als das
tragische Geschick dargestellt
Wenn aber die früheren philosophischen Staatsrechtslehrer aus den
Trieben, sei es des Ehrgeizes, sei es der Geselligkeit, oder zwar
aus der Vernunft, aber nicht aus der Vernunft der Gesellschaft,
sondern aus der Vernunft des Individuums den Staat konstruierten:
so die ideellere und gründlichere Ansicht der neuesten Philoso-
phie aus der Idee des Ganzen. Sie betrachtet den Staat als den
großen Organismus, in welchem die rechtliche, sittliche und poli-
tische Freiheit ihre Verwirklichung zu erhalten hat und der ein-
zelne Staatsbürger in den Staatsgesetzen nur den Naturgesetzen
seiner eignen Vernunft, der menschlichen Vernunft gehorcht. Sapi-
enti sat. 1*)
Zum Schlusse wenden wir uns noch einmal mit einem philosophischen
Abschiedsworte an die "Kölnische Zeitung". Es war vernünftig von
ihr, einen Liberalen "von ehedem" sich anzueignen. Man kann auf
die bequemste Art liberal und reaktionär zugleich sein, wenn man
nur stets so geschickt ist, sich an die Liberalen der jüngsten
Vergangenheit zu adressieren, die kein anderes Dilemma kennen als
das des Vidocq "Gefangener oder Gefangenenwärter". Es war noch
vernünftiger, daß der Liberale der jüngsten Vergangenheit die Li-
beralen der Gegenwart bekämpfte. Ohne Parteien keine Entwicklung,
ohne Scheidung kein Fortschritt. Wir hoffen, daß mit dem leiten-
den Artikel in Nr. 179 für die "Kölnische Zeitung" eine neue Ära
begonnen hat, die Ära des Charakters.
geschrieben zwischen dem 28. Juni und dem 3. Juli 1842.
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1*) Dem Eingeweihten genügt das.
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