Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846
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VII. KAPITEL
Die Korrespondenz der kritischen Kritik
1. Die kritische Masse
Où peut-on être mieux
Qu'au sein de sa famille? 1*) [56]
Die kritische Kritik in ihrem a b s o l u t e n Dasein als Herr
B r u n o hat die Menschheit in M a s s e, die ganze Mensch-
heit, die nicht kritische Kritik ist, für ihren G e g e n-
s a t z erklärt, für ihren w e s e n t l i c h e n G e g e n-
s t a n d, w e s e n t l i c h, weil die Masse ad majorem glo-
riam dei 2*), d e r Kritik, d e s Geistes, vorhanden, G e-
g e n s t a n d, weil sie die bloße M a t e r i e der kriti-
schen Kritik ist. Die kritische Kritik hat ihr Verhältnis zur
Masse als das w e l t h i s t o r i s c h e V e r h ä l t-
n i s der Gegenwart proklamiert.
Man bildet indessen noch keinen w e l t h i s t o r i s c h e n
G e g e n s a t z durch die Erklärung, sich im Gegensatz zu der
ganzen Welt zu befinden. Man kann sich einbilden, der Stein des
allgemeinen Anstoßes zu sein, weil man aus Ungeschick allgemein
anstößt. Zu einem welthistorischen Gegensatz gehört nicht nur,
daß ich die Welt für m e i n e n Gegensatz erkläre, sondern daß
anderseits die W e l t mich für ihren wesentlichen Gegensatz
erklärt, als solchen behandelt und a n e r k e n n t. Diese An-
erkennung verschafft sich die kritische Kritik durch die
K o r r e s p o n d e n z, welche den Beruf hat, das kritische
Erlöseramt wie das allgemeine Ä r g e r n i s der Welt an dem
kritischen Evangelium vor der Welt zu b e z e u g e n. Die kri-
tische Kritik ist sich selbst Gegenstand als G e g e n s t a n d
d e r W e l t. Die Korrespondenz soll sie a l s s o l c h e n
z e i g e n, als gegenwärtiges W e l t i n t e r e s s e.
Die kritische Kritik gilt sich als a b s o l u t e s S u b-
j e k t. Das absolute Subjekt bedarf des Kultus. Zum w i r k-
l i c h e n Kultus gehören dritte gläubige Individuen.
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1*) Wo kann man besser aufgehoben sein als im Schoße seiner Fami-
lie? - 2*) zum höheren Ruhme Gottes
#153# Die heilige Familie - VII. Kapitel
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Die h e i l i g e F a m i l i e z u C h a r l o t t e n-
b u r g empfängt daher den gebührenden Kultus von ihren Korres-
pondenten. Die Korrespondenten sagen ihr, w a s sie i s t und
was ihr Gegner, die Masse, n i c h t i s t.
Indem auf diese Weise die Meinung der Kritik von sich selbst als
Meinung der Welt dargestellt, indem ihr B e g r i f f v e r-
w i r k l i c h t wird, verfällt sie allerdings der Inkon-
sequenz. I n n e r h a l b i h r e r s e l b s t zeigt sich
eine Art von M a s s e n b i l d u n g, nämlich die Bildung ei-
ner kritischen Masse, welche den einsilbigen Beruf hat, das uner-
müdliche Echo der kritischen Stichwörter zu sein. Der Konsequenz
wegen ist diese Inkonsequenz verzeihlich. Die kritische Kritik,
die nicht in der sündigen Welt zu Hause ist, muß in ihrem eignen
Hause eine sündige Welt etablieren.
Der Korrespondent der kritischen Kritik, das Glied der kritischen
Masse, wandelt nicht auf Rosen. Sein Weg ist ein schwieriger,
dornenvoller, ein kritischer Weg. Die kritische Kritik ist ein
spiritualistischer Herr, reine Spontaneität, actus purus 1*), in-
tolerant gegen jede Einwirkung v o n a u ß e n. Der Korrespon-
dent darf also nur ein S c h e i n s u b j e k t sein, nur zum
S c h e i n sich s e l b s t ä n d i g zur kritischen Kritik
verhalten, nur s c h e i n b a r ihr etwas Neues und Eignes
mitteilen wollen. In W a h r h e i t ist er ihr eignes
M a c h w e r k, das nur für einen Augenblick v e r g e g e n-
s t ä n d l i c h t e und verselbständigte Vernehmen ihrer
selbst.
Die Korrespondenten verfehlen daher nicht, unaufhörlich zu versi-
chern, daß die kritische Kritik selbst w e i ß, e i n-
s i e h t, k e n n t, b e g r e i f t, e r f ä h r t, was ihr
in demselben Augenblick zum S c h e i n mitgeteilt wird. So
braucht z.B. Z e r r l e d e r die Wendungen: "Begreifen Sie
es? Sie wissen. Sie wissen zum zweiten und dritten Mal. Sie
werden nun genug gehört haben, um selbst einsehen zu können."
So der Breslauer Korrespondent Fleischhammer: "Daß aber" etc.,
"wird Ihnen so wenig wie mir ein Rätsel sein." Oder der Züricher
Korrespondent Hirzel: "Sie werden wohl selbst erfahren." Der kri-
tische Korrespondent respektiert so sorgsam das absolute Begrei-
fen d e r kritischen Kritik, daß er ihr selbst d a ein Be-
greifen zumutet, wo absolut nichts zu begreifen ist; z.B.
Fleischhammer:
"Sie werden mich v o l l s t ä n d i g (!) b e g r e i f e n
(!), wenn ich Ihnen sage, daß man kaum ausgehen kann, ohne jungen
katholischen Geistlichen in ihren langen schwarzen Kutten und
Mänteln zu begegnen."
Ja, in ihrer A n g s t h ö r e n die Korrespondenten die kri-
tische Kritik s a g e n, a n t w o r t e n, a u s r u f e n,
a u s l a c h e n!
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1*) reine Handlung
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#154# Friedrich Engels und Karl Marx
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So z.B. Zerrleder: "Aber - s a g e n Sie; nun gut, so hören
Sie." So F l e i s c h h a m m e r: "Doch, ich höre schon, was
S i e s a g e n - ich meinte damit a u c h n u r." So Hir-
zel: "Edelmann, werden Sie a u s r u f e n!" So ein Tübinger
Korrespondent: "L a c h e n Sie mich n i c h t aus!"
Die Korrespondenten gebrauchen daher auch die Wendung, daß sie
der kritischen Kritik T a t s a c h e n mitteilen und ihr die
g e i s t i g e I n t e r p r e t a t i o n zumuten, ihr
P r ä m i s s e n liefern und ihr die K o n k l u s i o n
überlassen oder sich gar e n t s c h u l d i g e n, ihr längst
Bekanntes wiederzukäuen.
So Zerrleder:
"Es ist Ihrem Korrespondenten nur möglich, ein Bild, eine Schil-
derung der Tatsachen zu geben. Der G e i s t, der diese Dinge
belebt, wird ja I h n e n g e r a d e nicht unbekannt sein."
Oder auch: "Nun werden Sie s i c h s c h o n s e l b e r den
S c h l u ß ziehen."
So Hirzel:
"Daß jede Schöpfung aus dem Extrem ihres Gegensatzes hervorgegan-
gen, mit diesem spekulativen Satze werde i c h Sie n i c h t
e r s t n o c h unterhalten d ü r f e n."
Oder auch die E r f a h r u n g e n des Korrespondenten sind
bloß die E r f ü l l u n g u n d B e s t ä t i g u n g kriti-
scher P r o p h e z e i u n g e n.
So Fleischhammer:
"Ihre V o r h e r s a g u n g ist eingetroffen."
So Zerrleder:
"Die Tendenzen, welche ich Ihnen als in der Schweiz immer weiter
um sich greifend geschildert habe, weit entfernt, unheilvoll zu
sein, sind nur g l ü c k l i c h e - n u r eine B e s t ä-
t i g u n g I h r e s schon oft ausgesprochenen G e d a n-
k e n s" etc.
Die kritische Kritik fühlt sich zuweilen gedrungen, die Herablas-
sung auszusprechen, die in ihrem Korrespondieren liege, und sie
motiviert diese Herablassung dadurch, daß der Korrespondent ir-
gend e i n P e n s u m glücklich absolviert habe. So schreibt
Herr Bruno dem Tübinger Korrespondenten:
"Es ist wirklich eine Inkonsequenz von mir, daß ich auf deinen
Brief antworte. - - Auf der ändern Seite hast du wieder ... so
T r e f f e n d e s bemerkt, daß ich dir ... die erbetene Auf-
klärung nicht v e r s a g e n k a n n."
Die kritische Kritik läßt sich aus der P r o v i n z schreiben,
worunter nicht die Provinz im politischen Sinne, die bekanntlich
in Deutschland nirgendwo existiert, zu verstehen ist, sondern die
k r i t i s c h e P r o v i n z, deren Hauptstadt Berlin ist,
B e r l i n, der Sitz der kritischen Patriarchen und der heili-
gen kritischen Familie, während in den Provinzen die kritische
Masse haust. Die
#155# Die heilige Familie - VII. Kapitel
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k r i t i s c h e n P r o v i n z i e l l e n wagen nur unter
Bücklingen und Entschuldigungen die Aufmerksamkeit der
h ö c h s t e n k r i t i s c h e n S t e l l e in Anspruch zu
nehmen.
So schreibt ein Anonymus an Herrn Edgar, der als Mitglied der
heiligen Familie ebenfalls ein vornehmer Herr ist:
"Geehrter Herr! Darin, daß die Jugend sich gern bei gemeinschaft-
lichen Bestrebungen zusammenschließt (unsere beiderseitige
A l t e r s v e r s c h i e d e n h e i t beruht nur auf zwei
Jahren), wollen Sie die E n t s c h u l d i g u n g für diese
Zeilen finden."
Dieser Altersgenosse des Herrn Edgar bezeichnet s i c h neben-
bei als d a s W e s e n der n e u e s t e n P h i l o-
s o p h i e. Ist es nicht in der Ordnung, daß d i e Kritik mit
d e m Wesen der Philosophie in Korrespondenz steht? Wenn der
Altersgenosse des Herrn Edgar versichert, daß er seine Z ä h n e
schon verloren habe, so ist das nur eine Anspielung auf sein
a l l e g o r i s c h e s Wesen. Dies "Wesen der neuesten Philo-
sophie" hat "von F e u e r b a c h das Moment der Bildung in
die objektive Anschauung setzen gelernt". Es gibt sogleich eine
Probe von seiner B i l d u n g und A n s c h a u u n g, indem
es Herrn Edgar zugleich versichert, es habe eine "Totalitäts-
anschauung von seiner Novelle" - "Es leben feste Grundsätze
!"[57] - gewonnen, und zugleich offen gesteht, Herrn Edgars
Absicht sei ihm durchaus nicht recht klar geworden, ja
schließlich die Versicherung der gewonnenen Totalitätsanschauung
durch die Frage paralysiert: "Oder habe ich Sie t o t a l
m i ß v e r s t a n d e n?" Nach dieser Probe wird man es in der
Ordnung finden, wenn das Wesen der neuesten Philosophie in bezug
auf die Masse sich dahin äußert:
"W i r müssen uns wenigstens einmal h e r a b l a s s e n, den
Zauberknoten untersuchen und lösen, der dem g e m e i n e n
M e n s c h e n v e r s t a n d den Eingang in die u n b e-
s c h r ä n k t e D e n k f l u t nicht gestattet."
Will man sich eine vollständige Anschauung von der kritischen
Masse erwerben, so lese man Herrn H i r z e l s aus Zürich
K o r r e s p o n d e n z. (Heft V.) Dieser Unglückliche memo-
riert mit wahrhaft rührender Gelehrigkeit und lobenswertem Ge-
dächtnis die kritischen Stichworte. Herrn Brunos Lieblingsphrasen
von den Schlachten, die er geliefert, von den Feldzügen, die er
entworfen und geleitet habe, fehlen nicht. Namentlich aber er-
füllt Herr H i r z e l seinen Beruf als Glied der kritischen
Masse, wenn er über die p r o f a n e M a s s e und ihr Ver-
hältnis zur k r i t i s c h e n K r i t i k eifert.
Er spricht von der Masse, die an der Geschichte teilzuhaben
meine, "von der reinen Masse", von der "reinen Kritik", von der
"Reinheit dieses Gegensatzes" - "ein Gegensatz, so rein - wie ihn
die Geschichte nie so rein gegeben habe" ", von dem "malkontenten
Wesen", von der "vollendeten Leerheit, Verstimmung, Mutlosigkeit,
Herzlosigkeit, Zaghaftigkeit, Wut, Erbitterung
#156# Friedrich Engels und Karl Marx
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der Masse gegen die Kritik", von "der Masse, die nur dazu da sei,
um die Kritik durch ihren Widerstand schärfer und wachsamer zu
machen". Er spricht von der "Schöpfung aus dem Extrem des Gegen-
satzes", von der Erhabenheit der Kritik über H a ß und derglei-
chen profane Affekte. Auf diesen Reichtum an kritischen Stichwor-
ten beschränkt sich die ganze Lieferung des Herrn H i r z e l
an die "Literatur-Zeitung". Wie er der M a s s e ihre Zufrie-
denheit mit der bloßen "Gesinnung", dem "guten Willen", "der
Phrase", dem "Glauben" etc. vorwirft, so begnügt er sich selbst
als ein Glied d e r k r i t i s c h e n M a s s e mit Phra-
sen, mit Äußerungen seiner "kritischen Gesinnung", seines
"kritischen Glaubens", seines "kritischen guten Wollens", und
überläßt Herrn Bruno & Comp. das "Handeln, Arbeiten, Kämpfen" und
die "Werke".
Trotz der fürchterlichen Schilderung, welche die Mitglieder der
"kritischen Masse" von der welthistorischen Spannung der profanen
Welt gegen die "kritische Kritik" entwerfen, ist wenigstens für
den Ungläubigen noch nicht einmal der Tatbestand konstatiert, der
Tatbestand dieser w e l t h i s t o r i s c h e n Spannung. Die
dienstfertige und unkritische Wiederholung der kritischen
"Einbildungen" und "Prätensionen" im Munde der Korrespondenten
beweist nur, daß die fixen Ideen des Herrn auch die fixen Ideen
des Dieners sind. Einer der kritischen Korrespondenten versucht
zwar, aus T a t s a c h e n zu beweisen.
"Ihr seht", schreibt er der heiligen Familie, "daß die
'Literatur-Zeitung' ihren Zweck erfüllt, d.h. daß sie f e i-
n e n A n k l a n g findet. Anklang könnte sie nur finden, wenn
sie mit der Gedankenlosigkeit mitklingelte, wenn Ihr mit dem
Schellenspiel von Redensartrn einer ganzen Janitscharenmusik
gangbarer Kategorien stolz voranschrittet."
Ein Schellenspiel von Redensarten einer ganzen Janitscharenmusik
gangbarer Kategorien! Man sieht, der kritische Korrespondent be-
strebt sich, in nicht "gangbaren" Redensarten einherzutraben.
Seine Auslegung der Tatsache, daß die "Literatur-Zeitung" keinen
Anklang findet, muß indes als rein a p o l o g e t i s c h zu-
rückgewiesen werden. Man könnte diese Tatsache vielmehr umgekehrt
dahin auslegen, daß die kritische Kritik sich im E i n k l a n g
mit der großen M a s s e, nämlich der großen Masse der Skriben-
ten befindet, die fernen Anklang findet.
Es genügt also nicht, daß die k e u s c h e n Korrespondenten
die kritischen Redensarten zugleich als "Gebet" an die heilige
Familie und zugleich als "Verfluchungsformel" gegen die Masse
richten. Es bedarf u n k r i t i s c h e r, m a s s e n h a f-
t e r Korrespondenten, es bedarf w i r k l i c h e r Abge-
ordneter der M a s s e an die kritische Kritik, um die
w i r k l i c h e Spannung der Masse mit der Kritik zu beweisen.
#157# Die heilige Familie - VII. Kapitel
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Die kritische Kritik räumt daher auch der u n k r i t i-
s c h e n M a s s e eine Stelle ein. Sie läßt unbefangene
R e p r ä s e n t a n t e n derselben mit sich k o r r e s-
p o n d i e r e n, den Gegensatz zu sich als wichtig, als
absolut anerkennen und den A n g s t s c h r e i nach Erlösung
aus dem Gegensatz erschallen.
2. Die "unkritische Masse" und die "kritische Kritik"
a) Die "verstockte Masse" und die "unbefriedigte Masse"
Die Herzenshärte, die Verstocktheit und blinde Ungläubigkeit "der
Masse" hat e i n e n ziemlich entschiedenen Repräsentanten.
Dieser Repräsentant spricht von der nur "hegelsphilosophischen
Ausbildung der Berliner Couleur" [58].
"Der wahre Fortschritt", sagt er, "den wir machen können, liegt
nur allein in der Erkenntnis der Wirklichkeit. Von Ihnen aber er-
fahren wir nur, daß unser Erkennen nicht von der Wirklichkeit,
sondern von etwas Unwirklichem war."
Er bezeichnet die "Naturwissenschaft" als die Grundlage der Phi-
losophie.
"Ein guter Naturforscher verhält sich zum Philosophen wie dieser
zum Theologen."
Er bemerkt ferner von der "Berliner Couleur":
"Ich glaube nicht zuviel gesagt zu haben, wenn ich den Zustand
dieser Leute daraus zu erklären suche, daß sie zwar den Prozeß
des geistigen Mauserns durchgemacht haben, aber den Mausernstoff
noch nicht losgeworden sind, um die Elemente der Neubildung und
Verjüngung in sich aufnehmen zu können." "Diese" (die naturwis-
senschaftlichen und industriellen) "Kenntnisse müssen wir uns
noch aneignen." "Die Welt- und Menschenkenntnis, die uns vor al-
lem nötig ist, kann auch nicht allein durch die Schärfe des Den-
kens gewonnen werden, sondern alle Sinne müssen mitwirken und
alle Anlagen des Menschen als nötiges und unentbehrliches Werk-
zeug dazu verwandt werden, sonst muß die Anschauung und das Er-
kennen stets mangelhaft bleiben ... und den m o r a l i-
s c h e n T o d herbeiführen."
Dieser Korrespondent vergoldet indes die Pille, die er der kriti-
schen Kritik reicht. Er "läßt Bauers Worte die richtige Anwendung
finden", hat "Bauers Gedanken verfolgt", er läßt "Bauer richtig
gesagt haben", er polemisiert endlich scheinbar nicht gegen
d i e Kritik selbst, sondern gegen eine von ihr unterschiedene
"Berliner Couleur".
#158# Friedrich Engels und Karl Marx
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Die kritische Kritik, welche sich getroffen fühlt und überdem in
allen G l a u b e n s a n g e l e g e n h e i t e n empfindlich
wie eine alte Jungfer ist, läßt sich durch diese Distinktionen
und halbe Huldigungen nicht täuschen.
"Sie h a b e n sich g e t ä u s c h t", antwortet sie, "wenn
Sie in der Partei, die Sie im Eingang Ihres Briefes schildern,
I h r e n G e g n e r zu sehen meinten; g e s t e h e n Sie
es sich vielmehr" - und nun folgt die niederschmetternde Bannfor-
mel - "Sie sind ein Gegner der Kritik selbst!"
Der Unglückliche! Der Massenhafte! Ein Gegner d e r Kritik
s e l b s t! Was aber den Inhalt jener m a s s e n h a f t e n
Polemik betrifft, so erklärt die kritische Kritik den R e-
s p e k t für ihr kritisches Verhältnis zur N a t u r f o r-
s c h u n g und zur I n d u s t r i e.
"A l l e n R e s p e k t vor der N a t u r f o r s c h u n g!
A l l e n R e s p e k t vor James Watt und" - wahrhaft erhabene
Wendung! - "gar keinen Respekt vor den Millionen, die er seinen
Vettern und Basen verschafft hat."
Allen Respekt vor dem Respekt der kritischen Kritik! In demselben
Briefe, worin die kritische Kritik der eben erwähnten
B e r l i n e r C o u l e u r vorwirft, daß sie über gediegene
und tüchtige Arbeiten mit leichter Mühe hinaus sind, ohne sie zu
studieren, daß sie mit einem Werke f e r t i g sind, indem sie
darüber die Bemerkung machen, es sei epochemachend etc., in dem-
selben Briefe wird s i e s e l b s t durch eine einfache Re-
spektserklärung mit der gesamten Naturforschung und I n d u-
s t r i e f e r t i g. Die Klausel, welche die kritische Kritik
ihrer Respektserklärung vor der N a t u r f o r s c h u n g
anhängt, erinnert an des seligen Ritters K r u g erste Donner-
keile gegen die Naturphilosophie.
"Die Natur ist nicht die einzige Wirklichkeit, w e i l w i r
s i e i n i h r e n e i n z e l n e n P r o d u k t e n
e s s e n u n d t r i n k e n."
Die kritische Kritik weiß von den e i n z e l n e n
P r o d u k t e n der Natur soviel, "daß wir sie essen u n d
t r i n k e n". Allen Respekt vor der Naturwissenschaft der
kritischen Kritik!
Konsequenterweise stellt sie der unbequem zudringlichen Zumutung,
"Natur" und "Industrie" zu studieren, folgende unstreitig
geistreiche, rhetorische Ausrufung gegenüber:
"Oder (!) meinen Sie, mit der Erkenntnis der g e s c h i c h t-
l i c h e n Wirklichkeit sei es s c h o n zu E n d e? Oder
(!) wissen Sie eine einzige Periode der Geschichte, die i n
d e r T a t schon erkannt ist?"
Oder glaubt die kritische Kritik, in der Erkenntnis der ge-
schichtlichen Wirklichkeit auch nur zum A n f a n g gekommen zu
sein, solange sie das theoretische
#159# Die heilige Familie - VII. Kapitel
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und praktische Verhalten des Menschen zur Natur, die Naturwissen-
schaft und die Industrie, a u s der geschichtlichen Bewegung
ausschließt? Oder meint sie irgendeine Periode in der Tat schon
erkannt zu haben, ohne z.B. die Industrie dieser Periode, die un-
mittelbare Produktionsweise des Lebens selbst, erkannt zu haben?
Allerdings die spiritualistische, die t h e o l o g i s c h e
kritische Kritik kennt nur - kennt wenigstens in ihrer Einbildung
- die politischen, literarischen und theologischen Haupt- und
Staatsaktionen der Geschichte. Wie sie das Denken von den Sinnen,
die Seele vom Leibe, sich selbst von der Welt trennt, so trennt
sie die Geschichte von der Naturwissenschaft und Industrie, so
sieht sie nicht in der g r o b - m a t e r i e l l e n Produk-
tion auf der Erde, sondern in der dunstigen Wolkenbildung am Him-
mel die Geburtsstätte der Geschichte.
Der Repräsentant der "verstockten" und "herzensharten" Masse, mit
seinen treffenden Rügen und Zureden, wird als m a s s e n-
h a f t e r M a t e r i a l i s t abgefertigt. Nicht besser
geht es einem ändern, minder böswilligen, minder massenhaften
Korrespondenten, der zwar Erwartungen in die kritische Kritik
setzt, ohne sie aber befriedigt zu finden. Der Repräsentant der
"unbefriedigten" Masse schreibt:
"Doch muß ich gestehen, daß das erste Heft Ihrer Zeitung noch
g a r n i c h t b e f r i e d i g t hat. Wir hätten doch etwas
anderes erwartet."
Der k r i t i s c h e P a t r i a r c h antwortet in eigner
Person:
"Daß es die Erwartungen nicht befriedigen würde, wußte ich im
voraus, weil ich diese Erwartungen mir ziemlich leicht vorstellen
konnte. Man ist so ermattet, daß man a l l e s a u f
e i n m a l haben will. Alles? Nein! Womöglich alles und nichts
zugleich. Ein Alles, das keine Mühe macht, ein Alles, das man
aufnehmen kann, ohne eine Entwickelung durchzumachen - ein Alles,
das in einem Worte da ist."
In seiner Verstimmung über die ungebührlichen Anforderungen der
"Masse", die von der aus Grundsatz und Naturanlage "nichts geben-
den" Kritik e t w a s, ja a l l e s verlangt, erzählt der
kritische Patriarch in der Weise alter Herren eine A n e k-
d o t e. Neulich habe ein Berliner B e k a n n t e r über die
Weitschweifigkeit und breite Umständlichkeit seiner Schriften -
bekanntlich schlägt Herr Bruno aus dem Minimum eines noch so
kleinen angeblichen Gedankens ein vielbogiges Werk - sich bitter
beklagt. Er vertröstete ihn mit dem Versprechen, ihm zur
leichteren Aneignung die für den Abdruck des Buchs nötige Druc-
kerschwärze, in eine kleine Kugel geformt, zu schicken. Der Pa-
triarch erklärt sich die Breite seiner "Werke" aus der schlechten
Verteilung der Druckerschwärze, wie er das Nichts seiner
"Literatur-Zeitung"
#160# Friedrich Engels und Karl Marx
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aus der Leere der "profanen Masse" erklärt, die, um sich zu fül-
len, alles und nichts auf einmal verschlucken möchte.
Sowenig man die Wichtigkeit der bisherigen Mitteilungen verkennt,
sowenig kann man einen w e l t h i s t o r i s c h e n
G e g e n s a t z darin erblicken, daß ein massenhafter Bekann-
ter der kritischen Kritik sie für hohl, sie ihn dagegen für un-
kritisch erklärt, daß ein zweiter Bekannter seine Erwartungen in
der "Literatur-Zeitung" nicht befriedigt und daß ein
d r i t t e r Bekannter und Hausfreund ihre Werke zu breit fin-
det. Indessen der Bekannte Nr. 2, der Erwartungen hegt, und der
Hausfreund Nr. 3, der die Geheimnisse der kritischen Kritik we-
nigstens kennenzulernen wünscht, bilden den Übergang zu einem
i n h a l t s v o l l e r e n und gespannteren Verhältnis der
Kritik und der "unkritischen Masse". So grausam d i e Kritik
gegen die Masse von "verstocktem Herzen" und "gemeinem Menschen-
verstand" ist, so herablassend werden wir sie gegen die nach
E r l ö s u n g aus dem Gegensatz wimmernde Masse finden. Die
Masse, welche sich zerschlagenen Herzens, bußfertigen Sinnes und
demütigen Geistes der Kritik nähert, wird manch g e w i e g-
t e s, p r o p h e t i s c h e s, b i d e r b e s Wort zum
Lohn ihres wackern Strebens empfangen.
b) Die "weichherzige" und "erlösungsbedürftige" Masse
Der Repräsentant der s e n t i m e n t a l e n, h e r z l i-
c h e n, e r l ö s u n g s b e d ü r f t i g e n M a s s e
fleht und wedelt um ein wohlmeinendes Wort der kritischen Kritik
mit Herzensergießungen, Bücklingen und Augenverdrehungen, wie
folgende:
"Warum ich Ihnen dies, schreibe, warum ich mich gegen Sie verant-
worte? Weil ich Sie a c h t e und deshalb Ihre A c h t u n g
w ü n s c h e; weil ich Ihnen in Bezug auf meine Entwicklung den
größten D a n k schuldig bin und Sie deshalb l i e b e.
M e i n H e r z treibt mich, gegen Sie, der mich ... getadelt,
mich zu v e r a n t w o r t e n ... Ich bin w e i t e n t-
f e r n t, mich Ihnen hiermit a u f d r i n g e n zu wollen,
und n a c h m i r urteilend habe ich mir gedacht, daß Ihnen
s e l b s t w o h l ein Beweis der T e i l n a h m e von
seilen eines Ihnen sonst noch wenig bekannten Mannes e r-
f r e u l i c h sein könnte. Ich mache k e i n e s w e g s die
P r ä t e n s i o n, daß Sie diesen Brief beantworten sollen:
ich will w e d e r Ihnen die Zeit rauben, die Sie besser
gebrauchen können, n o c h Ihnen eine Last aufladen, n o c h
a u c h mich der Kränkung aussetzen, etwas, worauf ich hoffte,
u n e r f ü l l t zu sehn. M ö g e n S i e m i r das Schrei-
ben für S e n t i m e n t a l i t ä t, Z u d r i n g l i c h-
k e i t oder E i t e l k e i t (!) auslegen, oder wofür Sie
wollen, mögen Sie antworten oder nicht, ich kann dem T r i e b e
nicht widerstehen, es abgehen zu lassen, und wünsche nur, daß Sie
den f r e u n d l i c h e n Sinn darin erkennen mögen, der es
eingegeben hat."!!
Wie Gott sich von jeher der K l e i n m ü t i g e n erbarmte,
so sieht auch dieser massenhafte, aber demutsvolle und nach der
kritischen Erbarmung jammernde Korrespondent seine Wünsche
e r f ü l l t. Die kritische Kritik antwortet
#161# Die heilige Familie - VII. Kapitel
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ihm wohlmeinend. Noch mehr! Sie gibt ihm die t i e f s t e n
Aufschlüsse über die Gegenstände seiner Wißbegierde.
"Vor zwei Jahren", belehrt die kritische Kritik, "war es zeitge-
mäß, an die Aufklärung der Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts
zu erinnern, um in der Schlacht, die damals geschlagen wurde, an
einer Stelle auch diese l e i c h t e n T r u p p e n agieren
zu lassen. Jetzt ist es w a s g a n z a n d e r e s. Wahrhei-
ten ändern sich jetzt sehr schnell. Was damals an der
S t e l l e w a r, ist jetzt ein V e r s e h e n."
Natürlich war es auch damals nur "ein V e r s e h e n", aber
ein Versehen "an der Stelle", wenn die absolute Kritik Aller-
höchstselbst, "Anekdota" II, p. 89 [59], diese l e i c h t e n
T r u p p e n "unsere Heiligen", unsre "Propheten", "Patriar-
chen" etc. nannte. Wer wird l e i c h t e T r u p p e n eine
T r u p p e v o n "Patriarchen" nennen? Es war ein Versehen,
"an der Stelle", wenn sie enthusiastisch von der Selbstver-
leugnung, sittlichen Energie und Begeisterung sprach, womit diese
l e i c h t e n Truppen "zeitlebens für die Wahrheit gedacht,
gearbeitet - und studiert hätten". Es war ein "Versehen", wenn
sie im "Entdeckten Christentum, Vorrede", erklärte, diese "leich-
ten" Truppen hätten "unüberwindlich geschienen, und j e d e r
K u n d i g e hätte ihnen im voraus das Zeugnis ausgestellt, sie
würden d i e W e l t a u s d e n F u g e n r e i ß e n",
und es habe "unzweifelhaft geschienen, daß es ihnen auch gelingen
würde, der W e l t eine n e u e G e s t a l t zu geben".
D i e s e n l e i c h t e n T r u p p e n?
Weiter doziert die kritische Kritik dem wißbegierigen Repräsen-
tanten der "h e r z l i c h e n Masse":
"Wenn auch die Franzosen sich ein n e u e s geschichtliches
Verdienst durch ihre Versuche, eine soziale Theorie aufzustellen,
erworben haben, so sind sie j e t z t d o c h e r-
s c h ö p f t, ihre neue Theorie war noch nicht r e i n, ihre
sozialen Phantasien, ihre f r i e d l i c h e D e m o k r a-
t i e sind durchaus noch nicht von den Voraussetzungen des alten
Zustandes frei."
Die Kritik spricht hier - wenn sie anders von irgend etwas
spricht - vom F o u r i e r i s m u s, und zwar speziell vom
Fourierismus der "Démocratie pacifique" [60]. Dieser aber ist
weit davon entfernt, die "soziale Theorie" der Franzosen zu sein.
Die Franzosen haben s o z i a l e T h e o r i e n, aber nicht
e i n e soziale Theorie, der verwässerte Fourierismus nun gar,
wie ihn die "Démocratie pacifique" predigt, ist nichts als die
soziale Lehre eines Teils der philanthropischen Bourgeoisie, das
Volk ist k o m m u n i s t i s c h, und zwar m eine Menge ver-
schiedener Fraktionen gespalten; die wahre Bewegung und Verarbei-
tung dieser verschiedenen sozialen Schattierungen hat sich nicht
nur nicht e r s c h ö p f t, sondern f ä n g t erst recht an.
Sie wird aber nicht in der reinen, d.h. abstrakten T h e o-
r i e, wie es die kritische Kritik haben möchte, sondern in
#162# Friedrich Engels und Karl Marx
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einer ganz p r a k t i s c h e n P r a x i s endigen, die sich
um die kategorischen Kategorien der Kritik in keiner Weise
bekümmern wird.
"Keine Nation", plaudert die Kritik weiter, "hat bis j e t z t
e t w a s vor der ändern voraus. Wenn eine dahin kommen kann,
über die anderen ein geistiges Übergewicht... zu bekommen, so
wird es die sein, die imstande ist, sich und die ändern zu kriti-
sieren und die Ursachen des allgemeinen Verfalls zu erkennen."
J e d e Nation hat bis j e t z t e t w a s vor der andern
v o r a u s. Wenn aber die kritische Prophezeiung richtig ist,
so w i r d keine Nation einen Vorzug vor der ändern haben, denn
alle zivilisierten Völker Europas - Engländer, Deutsche, Franzo-
sen - "kritisieren" jetzt "sich und die ändern" und "sind im-
stande, die Ursachen des allgemeinen Verfalls zu erkennen". End-
lich ist es eine phrasenhafte T a u t o l o g i e, zu sagen,
daß das "Kritisieren", "Erkennen", daß g e i s t i g e Tätig-
keit ein g e i s t i g e s Ü b e r g e w i c h t geben, und
die Kritik, die sich mit unendlichem Selbstbewußtsein über die
Nationen stellt und harrt, bis diese zu ihren Füßen kniend um Er-
leuchtung flehen, zeigt durch diesen karikierten, christlich-ger-
manischen Idealismus erst recht, daß sie noch bis über die Ohren
im Drecke der d e u t s c h e n N a t i o n a l i t ä t steckt.
Die Kritik der Franzosen und Engländer ist nicht so eine ab-
strakte, jenseitige Persönlichkeit, die außer der Menschheit
steht, sie ist die w i r k l i c h e m e n s c h l i c h e
T ä t i g k e i t von Individuen, die werktätige Glieder der Ge-
sellschaft sind, die als Menschen leiden, fühlen, denken und han-
deln. Darum ist ihre Kritik zugleich praktisch, ihr Kommunismus
ein Sozialismus, in dem sie praktische, handgreifliche Maßregeln
geben, in dem sie nicht nur denken, sondern noch mehr handeln,
ist die lebendige, wirkliche Kritik der bestehenden Gesellschaft,
die Erkenntnis der Ursachen "des Verfalls".
Nach den Aufklärungen der kritischen Kritik an das wißbegierige
Glied der Masse kann sie mit Recht von ihrer "Literatur-Zeitung"
sagen:
"Hier wird die r e i n e, darstellende, die Sache ergreifende,
nichts hinzusetzende Kritik geübt."
Hier wird "n i c h t s S e l b s t ä n d i g e s gegeben",
hier wird überhaupt n i c h t s g e g e b e n als die
n i c h t s g e b e n d e K r i t i k, das heißt die Kritik,
die sich bis zur äußersten Unkritik vollendet. D i e Kritik
läßt angestrichene Stellen drucken und erreicht ihre Blüte in
E x z e r p t e n. W o l f g a n g M e n z e l und B r u n o
B a u e r reichen sich die Bruderhand, und die kritische Kritik
steht d a, wo die I d e n t i t ä t s p h i l o s o p h i e
in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts stand, als
S c h e l l i n g gegen die massenhafte Zumutung protestierte,
daß er etwas geben wolle, irgend etwas als die r e i n e, d i e
g a n z p h i l o s o p h i s c h e Philosophie.
#163# Die heilige Familie - VII. Kapitel
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c) Der Gnadendurchbruch der Masse
Der weichherzige Korrespondent, dessen Belehrung wir soeben bei-
wohnten, stand in einem g e m ü t l i c h e n Verhältnisse zu
der Kritik. Die Spannung der M a s s e mit d e r K r i t i k
ist an ihm nur auf eine idyllische Weise angedeutet. Beide Seiten
des w e l t h i s t o r i s c h e n Gegensatzes verhielten sich
w o h l m e i n e n d und h ö f l i c h, darum e x o t e-
r i s c h zueinander.
Die kritische Kritik in ihrer s a n i t ä t s w i d r i g e n,
geisterschütternden Wirkung auf die Masse erscheint erst an einem
Korrespondenten, der mit dem einen Fuß schon in der Kritik, mit
dem ändern noch in der profanen Welt steht. Er repräsentiert die
"Masse" in ihren i n n e r n Kämpfen mit der Kritik.
In manchen Momenten scheint es ihm, "daß Herr Bruno und seine
Freunde d i e M e n s c h h e i t nicht verstehen", "die ei-
gentlich Verblendeten sind". Er korrigiert sich sogleich:
"Ja, es steht mir ganz s o n n e n k l a r vor Augen, daß Sie
recht haben und daß Ihre Gedanken wahr sind, aber e n t-
s c h u l d i g e n Sie, das Volk hat a u c h n i c h t
unrecht... Ach j a! das Volk hat recht ... Daß Sie recht haben,
kann ich nicht leugnen ... Ich weiß wirklich nicht, wo das alles
hinaus soll: Sie werden sagen ... nun, so bleib doch zu Hause ...
A c h, ich kann nicht mehr ... A c h ... man müßte sonst am
Ende v e r r ü c k t werden ... Sie werden w o h l w o l-
l e n d aufnehmen ... Glauben Sie mir, von der gewonnenen
Erkenntnis wird es einem manchmal so d u m m, als ginge einem
ein Mühlrad im Kopf herum."
Auch ein anderer Korrespondent schreibt, daß er "m i t u n t e r
die F a s s u n g verliere". Man sieht, in jenem massenhaften
Korrespondenten a r b e i t e t die k r i t i s c h e G n a-
d e am D u r c h b r u c h. Der arme Wurm! Die sündhafte Masse
zieht ihn von der einen Seite, die kritische Kritik von der
ändern. Es ist nicht die gewonnene Erkenntnis, welche den Kate-
chumenen der kritischen Kritik in diesen Zustand von Hebetismus
wirft, es ist die G l a u b e n s- und G e w i s s e n s-
frage, kritischer Christus oder Volk, Gott oder Welt, Bruno
Bauer und seine Freunde oder profane Masse! Wie aber dem
Durchbruch der g ö t t l i c h e n Gnade die äußerste Zerris-
senheit des Sünders vorhergeht, so ist eine niederschlagende
V e r d u m m u n g der Vorläufer der k r i t i s c h e n Gna-
de. Kommt diese endlich zum Durchbruch, so verliert der Auser-
wählte zwar nicht die Dummheit, wohl aber das B e w u ß t-
s e i n d e r D u m m h e i t.
#164# Friedrich Engels und Karl Marx
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3. Die unkritisch-kritische Masse oder die Kritik
und die "Berliner Couleur"
Es ist der kritischen Kritik nicht gelungen, sich als d e n
w e s e n t l i c h e n G e g e n s a t z und darum zugleich
als den w e s e n t l i c h e n G e g e n s t a n d der
Menschheit in Masse darzustellen. Abgesehen von den Repräsentan-
ten der v e r s t o c k t e n Masse, welche der kritischen Kri-
tik ihre G e g e n s t a n d s l o s i g k e i t vorhält und
ihr auf die galanteste Weise zu verstehen gibt, daß sie den gei-
stigen "Mausernprozeß" noch nicht durchgemacht habe, vor allem
aber sich erst solide Kenntnisse erwerben müsse - ist der
w e i c h h e r z i g e Korrespondent einmal kein G e g e n-
s a t z, dann aber ist sein eigentlicher Annäherungsgrund an die
kritische Kritik ein r e i n p e r s ö n l i c h e r. Er will,
wie man in seinem Briefe eines weiteren nachlesen mag, eigentlich
nur seine Pietät für Herrn Arnold Ruge mit seiner Pietät für
Herrn Bruno Bauer vermitteln. Dieser Vermittelungsversuch macht
seinem guten Herzen Ehre. Er bildet aber keinenfalls ein
m a s s e n h a f t e s I n t e r e s s e. Der zuletzt auftre-
tende Korrespondent endlich war nicht mehr w i r k l i c h e s
Glied der Masse, er war ein Katechumene der kritischen Kritik.
Überhaupt ist die M a s s e ein u n b e s t i m m t e r Ge-
genstand, der daher weder eine bestimmte Aktion ausüben noch auch
in ein bestimmtes Verhältnis treten kann. D i e Masse, wie sie
der Gegenstand der kritischen Kritik ist, hat nichts gemein mit
den w i r k l i c h e n Massen, die wieder sehr massenhafte Ge-
gensätze unter sich bilden. I h r e Masse ist von ihr selbst
"gemacht", wie wenn ein Naturforscher, statt von bestimmten Klas-
sen zu reden, d i e Klasse sich gegenüberstellte.
Außer dieser a b s t r a k t e n Masse, ihrem eignen Hirnge-
spinst, bedarf die k r i t i s c h e K r i t i k daher noch
einer b e s t i m m t e n, empirisch aufweisbaren, nicht bloß
vorgeschützten M a s s e, um einen wirklich massenhaften Gegen-
satz zu besitzen. Diese Masse muß in der kritischen Kritik
zugleich ihr W e s e n und zugleich die V e r n i c h t u n g
i h r e s W e s e n s erblicken. Sie muß kritische Kritik,
Nicht-Masse sein w o l l e n, ohne es sein zu k ö n n e n.
Diese kritisch-unkritische Masse ist die obenerwähnte "Berliner
Couleur". Auf eine Berliner Couleur reduziert sich die mit der
kritischen Kritik ernstlich beschäftigte Masse der Menschheit.
Die "Berliner Couleur", der "wesentliche Gegenstand" der kriti-
schen Kritik, mit dem sie immer in Gedanken beschäftigt ist und
den sie immer in Gedanken mit sich beschäftigt sieht, besteht,
soviel wir wissen, aus wenigen ci-devant 1*)
J u n g h e g e l i a n e r n, denen die kritische Kritik, wie
sie
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1*) ehemaligen
#165# Die heilige Familie - VII.Kapitel
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behauptet, teils den h o r r o r v a c a u i 1*), teils das
Gefühl d e r N i c h t i g k e i t einflößt. Wir untersuchen
nicht den Tatbestand, wir verlassen uns auf die Äußerungen d e r
Kritik.
Die K o r r e s p o n d e n z ist nun hauptsächlich dazu be-
stimmt, dem Publikum dieses w e l t h i s t o r i s c h e Ver-
hältnis d e r Kritik zu der "Berliner Couleur" w e i t l ä u-
f i g auseinanderzusetzen, seine tiefe Bedeutung zu enthüllen,
die notwendige Grausamkeit der Kritik gegen diese "Masse"
darzutun und endlich den Schein hervorzubringen, als sei a l l e
W e l t um diesen Gegensatz ängstlich bemüht, indem sie bald
für, bald gegen das Verfahren d e r Kritik sich äußert. So
schreibt die a b s o l u t e Kritik z.B. einem Korrespondenten,
der die Partei der "Berliner Couleur" nimmt:
"Dergleichen Dinge habe ich s c h o n s o o f t gehört, daß
ich gar nicht mehr darauf Rücksicht zu nehmen beschlossen hatte."
Die Welt ahnt nicht, wie oft sie sich mit d e r g l e i c h e n
kritischen Dingen zu schaffen machte.
Hören wir nun, wie ein Glied der k r i t i s c h e n Masse über
die Berliner Couleur berichtet:
"'Wenn einer die Bauers anerkennt'" (man muß die heilige Familie
immer pêle-mêle 2*) anerkennen), "begann seine Antwort, 'so bin
ich es: aber die "Literatur-Zeitung"! Alles, was recht ist!' Es
war mir interessant zu hören, was einer dieser Radikalen, dieser
Klugen von Anno 42 über Euch dächte ..."
Es wird nun berichtet, daß der Unglückliche allerlei an der
"Literatur-Zeitung" zu tadeln hatte.
Die Novelle des Herrn Edgar, "Die drei Biedermänner", fand er roh
und outriert. Er begriff nicht, daß d i e Z e n s u r weniger
ein Kampf Mann an Mann, weniger ein Kampf nach außen als ein in-
nerlicher ist. Sie geben sich nicht die Mühe, in sich selbst ein-
zukehren und an die Stelle der z e n s u r w i d r i g e n
P h r a s e d e n f e i n durchgeführten, nach allen Seiten
hin auseinandergelegten k r i t i s c h e n G e d a n k e n zu
setzen. Den Aufsatz des Herrn Edgar über Beraud fand er ungründ-
lich. Der kritische Berichterstatter findet ihn gründlich. Er ge-
steht zwar selbst: "Ich kenne Bérauds Buch - n i c h t." Dage-
gen g l a u b t er, daß es Herrn Edgar g e l u n g e n ist
etc., und der Glaube macht bekanntlich selig. "Überhaupt", fährt
der kritische Gläubige fort, "ist er (der von der Berliner Cou-
leur) mit Edgars Sachen g a r n i c h t r e c h t zufrieden."
Er findet auch "Proudhon nicht mit genug g r ü n d l i c h e m
Ernste behandelt". Hier nun erteilt der Berichterstatter Herrn
Edgar das Testimomum:
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1*) Schauder vor dem Leeren - 2*) in Bausch und Bogen
#166# Friedrich Engels und Karl Marx
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"I c h k e n n e n u n z w a r (!?) Proudhon, ich w e i ß,
daß die Darstellung Edgars die c h a r a k t e r i s t i-
s c h e n Punkte aus ihm genommen und auf anschauliche Weise
nebeneinandergestellt hat."
Der einzige Grund, warum Herrn Edgars so v o r t r e f f l i-
c h e Kritik Proudhons nicht gefällt, kann nach dem Bericht-
erstatter nur der sein, daß Herr Edgar keine ü b e l n W i n-
d e gegen das Eigentum l o s g e l a s s e n. Ja, man bedenke,
der Gegner findet Herrn Edgars Aufsatz über die Union ouvrière
u n b e d e u t e n d. Der Berichterstatter vertröstet Herrn
Edgar:
"Natürlich, es ist ja darin nichts S e l b s t ä n d i g e s
gegeben, und diese Leute haben sich wirklich auf den G r u p-
p e s c h e n Standpunkt, auf dem sie freilich i m m e r
s t a n d e n, zurückbegeben. Geben, geben, g e b e n soll
d i e Kritik!"
Als habe die Kritik nicht ganz neue linguistische, historische,
philosophische, nationalökonomische, juristische Erfindungen ge-
geben! Und sie ist so bescheiden, sich sagen zu lassen, sie gebe
nichts S e l b s t ä n d i g e s! Selbst unser kritischer Kor-
respondent hat der bisherigen Mechanik Unbekanntes gegeben, wenn
er Leute auf d e n s e l b e n Standpunkt, auf dem sie immer
s t a n d e n, z u r ü c k k e h r e n läßt. Ungeschickt ist
die Erinnerung an den G r u p p e s c h e n Standpunkt. Gruppe
fragte in seiner sonst elenden und nicht nennenswert^! Broschüre
bei Herrn Bruno an, was er nun Kritisches über die
s p e k u l a t i v e L o g i k zu geben habe? Herr Bruno wies
ihn an kommende Geschlechter, und -
"ein Narr wartet auf die Antwort" [61].
Wie Gott schon den ungläubigen Pharao dadurch strafte, daß er ihn
verstockten Herzens machte und seiner Erleuchtung n i c h t
w e r t e r a c h t e t e, so versichert der Berichterstatter:
"Sie sind daher auch g a r n i c h t w e r t, in Eurer 'Lite-
ratur-Zeitung' den Inhalt zu sehen oder zu erkennen."
Und statt seinem Freunde Edgar anzuraten, sich Gedanken und
Kenntnisse zu verschaffen, gibt er den Rat:
"Edgar möge sich einen P h r a s e n s a c k anschaffen und
künftig bei seinen Aufsätzen blind hineingreifen, um einen beim
Publikum anklingenden Stil zu erhalten."
Außer den Versicherungen von einer "gewissen Wut, Mißliebigkeit,
Inhaltslosigkeit, Gedankenlosigkeit, Ahnung der Sache, hinter die
sie nicht kommen können, Gefühl der Nichtigkeit" - alle diese
Epitheta, versteht sich, gelten der Berliner Couleur - werden der
heiligen Familie Elogen wie folgende gemacht:
#167# Die heilige Familie - VII. Kapitel
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"Die Sache durchdringende Leichtigkeit der Behandlung, die Be-
herrschung der Kategorien, die durch Studium gewonnene Einsicht,
kurz, die H e r r s c h a f t über d i e Gegenstände. Er (der
von der Berliner Couleur) macht es sich mit der Sache leicht, Ihr
macht die Sache leicht." Oder: "Ihr übt in der 'Literatur-Zei-
tung' die reine, darstellende, die Sache ergreifende Kritik."
Schließlich heißt's:
"Ich habe Euch das alles so weitläufig geschrieben, weil ich
weiß, daß ich Euch durch Mitteilungen der Ansichten meines Freun-
des e i n e F r e u d e mache. Ihr seht daraus, daß die
'Literatur-Zeitung' ihren Zweck erfüllt."
Ihr Zweck ist ihr Gegensatz zur Berliner Couleur. Haben wir
soeben die P o l e m i k der B e r l i n e r C o u l e u r
gegen die kritische Kritik und ihre Zurechtweisung für diese Po-
lemik erlebt, so wird uns nun in doppelter Weise ihr Streben nach
der Erbarmung der kritischen Kritik geschildert.
Ein Korrespondent schreibt:
"Meine Bekannten in Berlin sagten mir, als ich Anfang dieses Jah-
res dort war, daß Sie alles von sich zurückstießen und fernhiel-
ten, sich ganz vereinsamten und jede Annäherung, jeden Umgang mit
Geflissentlichkeit vermeiden. Ich kann natürlich nicht wissen,
auf welcher Seite die Schuld ist."
Die a b s o l u t e Kritik antwortet:
"Die Kritik macht k e i n e P a r t e i, will keine Partei für
sich haben, sie ist e i n s a m - einsam, indem sie sich in
i h r e n (!) Gegenstand vertieft, einsam, indem sie sich ihm
gegenüberstellt. Sie l ö s t s i c h v o n a l l e m ab."
Wie die kritische Kritik sich über alle dogmatischen Gegensätze
zu erheben meint, indem sie an die Stelle der wirklichen Gegen-
sätze den eingebildeten ihrer s e l b s t u n d d e r
W e l t, d e s h e i l i g e n G e i s t e s und der p r o-
f a n e n M a s s e setzt, so glaubt sie sich ü b e r die
P a r t e i e n zu erheben, indem sie u n t e r den
P a r t e i s t a n d p u n k t herabfällt, indem sie sich
selbst als P a r t e i der übrigen Menschheit gegenüberstellt
und alles Interesse in der Persönlichkeit des Herrn Bruno & Comp.
konzentriert. Daß die Kritik in der Einsamkeit der
A b s t r a k t i o n thront, daß sie selbst, wenn sie sich
scheinbar mit einem G e g e n s t a n d, beschäftigt, nicht aus
ihrer gegenstandslosen Einsamkeit heraus in ein wahrhaft
g e s e l l s c h a f t l i c h e s Verhältnis zu einem
w i r k l i c h e n G e g e n s t a n d tritt, weil i h r
G e g e n s t a n d nur der Gegenstand i h r e r E i n-
b i l d u n g, nur ein eingebildeter Gegenstand ist: die Wahr-
heit dieses kritischen G e s t ä n d n i s s e s beweist unsere
ganze Darstellung. Ebenso richtig bestimmt sie den Charakter
ihrer A b s t r a k t i o n als der a b s o l u t e n
Abstraktion dahin, daß "sie sich, v o n a l l e m a b-
l ö s t", also eben diese Ablösung des N i c h t s v o n
a l l e m, von a l l e m Denken, Anschauen etc., der a b-
s o l u t e U n s i n n ist. Die Einsamkeit übrigens, welche
durch
#168# Friedrich Engels und Karl Marx
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die Ablösung, Abstraktion von a l l e m erreicht wird, ist
ebensowenig frei von dem Gegenstand, wovon sie abstrahiert, als
O r i g e n e s frei von dem Z e u g u n g s g l i e d e war,
das er von sich a b l ö s t e.
Ein anderer Korrespondent beginnt damit, daß er e i n e n von
der "Berliner Couleur", den er gesehen und gesprochen habe, als
"mißmutig", "gedrückt", "nicht mehr den Mund auftun könnend", der
sonst immer mit einem "recht f r e c h e n Worte bei der Hand
gewesen sei", als "kleinmütig" schildert. Dies Mitglied der
"Berliner Couleur" erzählt dem Korrespondenten, der seinerseits
der Kritik referiert:
"Er könne nicht begreifen, wie Leute wie Ihr beide, die doch
sonst dem Humanitätsprinzip huldigten, sich so abschließend, so
abstoßend, ja hochmütig benehmen könnten." Er wisse nicht, "warum
es einige gibt, die, wie e s scheint, absichtlich eine Spaltung
hervorrufen. Wir stehen doch alle auf demselben Standpunkte, wir
h u l d i g e n alle dem Extrem, der Kritik, sind alle fähig,
einen extremen Gedanken, wenn auch nicht zu erzeugen, so doch
aufzufassen und anzuwenden." Er "finde bei dieser Spaltung kein
anderes leitendes Prinzip als Egoismus und Hochmut".
Nun legt der Korrespondent ein gutes Wort ein:
"Haben denn nicht wenigstens einige unter unsern Freunden d i e
Kritik erfaßt, oder vielleicht d e n g u t e n W i l l e n
d e r K r i t i k ... 'ut desint vires, tarnen est laudanda
voluntas' 1*)."
D i e Kritik antwortet durch folgende A n t i t h e s e n zwi-
schen sich und der Berliner Couleur:
"Es seien v e r s c h i e d e n e Standpunkte der Kritik." Jene
"glaubten die Kritik in der Tasche zu haben", sie "kenne und
wende wirklich die Macht der Kritik an", d.h. sie behalte sie
nicht in der Tasche. Für die erste sei die Kritik reine Form, für
sie dagegen das "I n h a l t v o l l s t e, vielmehr das einzig
I n h a l t v o l l e". Wie das absolute Denken sich selbst als
für alle Realität gilt, s o die kritische Kritik. Sie erblickt
daher a u ß e r s i c h keinen Inhalt, sie ist daher nicht die
Kritik w i r k l i c h e r, außer dem kritischen Subjekt
hausender Gegenstände, sie m a c h t vielmehr den Gegenstand,
sie ist absolutes S u b j e k t - O b j e k t. Weiter! "Die er-
ste Art der Kritik setze sich mit Redensarten über alles, über
das Studium der Sachen hinweg, und die zweite löse sich mit Re-
densarten v o n a l l e m a b." Die erstere i s t
"unwissend klug", d i e zweite ist "lernend". Die zweite ist
allerdings unklug und lernt par ça, par là 2*), aber nur schein-
bar, aber nur, um das oberflächlich Erlernte als selbsterfundene
Weisheit zum "Stichwort" gegen die Masse, von der sie gelernt,
schleudern und es in kritisch-kritischen Unsinn auflösen zu kön-
nen.
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1*) 'Fehlen auch die Kräfte, so ist doch der Wille zu loben' -
2*) hier und da
#169# Die heilige Familie - VII. Kapitel
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"Der ersteren sind Worte wie 'Extrem', 'weitergehen', 'nicht weit
genug gehen' von Bedeutung und höchste angebetete Kategorien, die
andere e r g r ü n d e t d i e S t a n d p u n k t e und wen-
det nicht die M a ß e jener abstrakten Kategorien auf sie an."
Die Ausrufungen der Kritik Nr. 2, es sei nicht mehr die Rede von
der Politik, die Philosophie sei abgetan, ihr Hinwegsetzen über
soziale Systeme und Entwickelungen durch Worte wie "phan-
tastisch", "utopisch" etc., was ist das alles anders als eine
k r i t i s c h - e m e n d i e r t e Wendung des "Weiter-
gehens", "Nicht-weit-genug-Gehens"? Und ihre "Maße", wie "d i e
Geschichte", "d i e Kritik", "Zusammenfassen der Gegenstände",
"das Alte und das Neue", "Kritik und Masse", "die Ergründung der
Standpunkte" - kurz, alle ihre Stichworte, sind etwa keine
k a t e g o r i s c h e n und abstrakt kategorischen M a ß e!?
"Die erstere ist theologisch, boshaft, neidisch, kleinlich, anma-
ßend, die andere das G e g e n t e i l von alledem."
Nachdem d i e Kritik auf diese Weise sich in einem Atemzuge ein
Dutzend Lobsprüche gespendet hat und alles das von sich aussagt,
was der Berliner Couleur abgeht, wie Gott alles das i s t, was
der M e n s c h n i c h t i s t, stellt sie sich das Zeugnis
aus:
"Sie erreichte eine Klarheit, eine Lernbegierde, eine Ruhe, in
der sie u n a n g r e i f b a r und u n ü b e r w i n d-
l i c h ist."
Sie kann daher über ihren Gegensatz, die Berliner Couleur,
"höchstens das Geschäft des o l y m p i s c h e n G e l ä c h-
t e r s auf sich nehmen". Dieses A u s l a c h e n - mit
gewohnter Gründlichkeit entwickelt sie, was dieses Auslachen ist
und was es nicht ist - "dieses Auslachen ist kein Hochmut".
Beileibe nicht! Es ist die Negation der Negation. Es ist "n u r
d e r P r o z e ß, den d e r K r i t i k e r mit Behagen und
Seelenruhe gegen einen u n t e r g e o r d n e t e n S t a n d-
p u n k t, der sich ihm g l e i c h d ü n k t" - welcher Dün-
kel! - "anwenden muß". Also wenn d e r Kritiker lacht, so
w e n d e t er einen P r o z e ß an! Und in seiner "Seelen-
ruhe" wendet er den P r o z e ß d e s L a c h e n s nicht
gegen P e r s o n e n, sondern gegen, einen S t a n d-
p u n k t! Selbst das L a c h e n ist e i n e K a t e-
g o r i e, die er anwendet und gar anwenden m u ß!
Die a u ß e r w e l t l i c h e Kritik ist keine W e s e n s-
t ä t i g k e i t des w i r k l i c h e n, darum in der g e-
g e n w ä r t i g e n Gesellschaft lebenden, leidenden, an ihren
Qualen und Freuden teilnehmenden m e n s c h l i c h e n
S u b j e k t s. Das w i r k l i c h e Individuum ist nur ein
A k z i d e n s, ein irdisches Gefäß d e r kritischen Kritik,
die sich in ihm als die e w i g e S u b s t a n z offenbart.
Nicht die Kritik des menschlichen Individuums, sondern d a s
u n m e n s c h l i c h e I n d i v i d u u m d e r K r i-
t i k ist Subjekt. Nicht die Kritik ist eine Ä u ß e r u n g
d e s M e n s c h e n, sondern der Mensch
#170# Friedrich Engels und Karl Marx
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eine E n t ä u ß e r u n g d e r K r i t i k, der Kritiker
lebt daher völlig außer der Gesellschaft.
"Kann der Kritiker in derjenigen Gesellschaft leben, die er kri-
tisiert?"
Vielmehr: Muß er nicht in dieser Gesellschaft leben, muß er nicht
selbst eine Lebensäußerung dieser Gesellschaft sein? Warum
v e r k a u f t der Kritiker seine Geistesprodukte, da er hier-
mit das schlechteste Gesetz der heutigen Gesellschaft zu dem
seinigen macht?
"D e r Kritiker darf es nicht einmal wagen, sich p e r s ö n-
l i c h in die Gesellschaft einzulassen."
Darum bildet er sich eine h e i l i g e F a m i l i e, wie
auch der einsame Gott in der heiligen Familie seine langweilige
Trennung von aller Gesellschaft aufzuheben trachtet. Wenn der
Kritiker sich von der s c h l e c h t e n G e s e l l-
s c h a f t l o s m a c h e n w i l l, s o mache er sich vor
allem von der G e s e l l s c h a f t s e i n e r s e l b s t
los.
"So entbehrt der Kritiker a l l e r F r e u d e n d e r G e-
s e l l s c h a f t, aber auch i h r e L e i d e n bleiben
ihm fern. Er kennt w e d e r F r e u n d s c h a f t" - mit
Ausnahme der kritischen Freunde - "noch Liebe" - mit Ausnahme der
S e l b s t l i e b e -, "dafür prallt aber die Verleumdung
machtlos an ihm ab; nichts kann ihn beleidigen; ihn berührt kein
Haß, kein Neid; Ärger und Gram 1*) sind ihm u n b e k a n n t e
A f f e k t e."
Kurz, der Kritiker ist frei von allen m e n s c h l i c h e n
L e i d e n s c h a f t e n, er ist eine g ö t t l i c h e
P e r s o n, er kann von sich das Lied der Nonne singen:
Ich gedenk' an keine Liebe;
Ich gedenk' an keinen Mann,
Ich gedenk' an Gott den Vater,
Der mich erhalten kann. [62]
Es ist der Kritik nicht gegeben, irgendeinen Passus zu schreiben,
ohne sich zu widersprechen. So sagt sie uns schließlich:
"Das Philistertum, das den Kritiker mit Steinen wirft" - nach bi-
blischer Analogie muß er gesteinigt werden ", "das ihn mißkennt
und ihm u n r e i n e Motive unterschiebt" - der r e i n e n
Kritik u n r e i n e Motive unterzuschieben! -, "um i h n
s i c h g l e i c h zu machen" - der oben gerügte Gleichheits-
dünkel - "es wird von ihm n i c h t v e r l a c h t, denn das
ist es nicht wert, sondern durchschaut und von ihm mit Ruhe in
seine unbedeutende Bedeutendheit zurückgewiesen."
Mehr oben m u ß t e der Kritiker den P r o z e ß d e s
A u s l a c h e n s gegen den sich "gleichdünkenden, untergeord-
neten Standpunkt anwenden". Die Unklarheit der kritischen Kritik
über ihre Verfahrungsweise gegen die gottlose
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1*) In der "Allgemeinen Literatur-Zeitung": Grimm
#171# Die heilige Familie - VII. Kapitel
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"Masse" scheint fast auf eine innerliche Gereiztheit, auf eine
Galle hinzudeuten, für welche die "Affekte" keine "Unbekannten"
sind.
Man darf indes nicht verkennen. Nachdem die Kritik bisher als ein
Herkules gekämpft, um sich von der unkritischen "profanen Masse"
und "allem" a b z u l ö s e n, hat sie endlich ihre e i n-
s a m e, g ö t t l i c h e, s e l b s t g e n ü g s a m e a b-
s o l u t e Existenz glücklich herausgearbeitet. Wenn in dem
ersten Aussprechen dieser ihrer "neuen Phase" die alte Welt der
s ü n d l i c h e n A f f e k t e über sie selbst noch eine
Macht zu haben scheint, so werden wir sie nun in einer
"K u n s t g e s t a l t" ihre ästhetische Abkühlung und V e r-
k l ä r u n g finden und ihre B u ß e vollbringen sehen, damit
sie endlich als zweiter, triumphierender C h r i s t u s das
k r i t i s c h e j ü n g s t e G e r i c h t feiern und nach
ihrem Sieg über den Drachen ruhig zum Himmel fahren könne.
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