Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846


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       VII. KAPITEL
       
       Die Korrespondenz der kritischen Kritik
       
       1. Die kritische Masse
       
       Où peut-on être mieux
       Qu'au sein de sa famille? 1*) [56]
       
       Die kritische Kritik in ihrem  a b s o l u t e n  Dasein als Herr
       B r u n o   hat die  Menschheit in  M a s s e,  die ganze Mensch-
       heit, die  nicht kritische  Kritik ist,  für  ihren    G e g e n-
       s a t z   erklärt, für ihren  w e s e n t l i c h e n  G e g e n-
       s t a n d,   w e s e n t l i c h,  weil die Masse ad majorem glo-
       riam dei  2*),   d e r  Kritik,  d e s  Geistes, vorhanden,  G e-
       g e n s t a n d,   weil sie  die bloße  M a t e r i e  der kriti-
       schen Kritik  ist. Die  kritische Kritik  hat ihr  Verhältnis zur
       Masse als  das   w e l t h i s t o r i s c h e     V e r h ä l t-
       n i s  der Gegenwart proklamiert.
       Man bildet  indessen noch keinen  w e l t h i s t o r i s c h e n
       G e g e n s a t z   durch die Erklärung, sich im Gegensatz zu der
       ganzen Welt  zu befinden.  Man kann sich einbilden, der Stein des
       allgemeinen Anstoßes  zu sein,  weil man aus Ungeschick allgemein
       anstößt. Zu  einem welthistorischen  Gegensatz gehört  nicht nur,
       daß ich die Welt für  m e i n e n  Gegensatz erkläre, sondern daß
       anderseits die   W e l t   mich  für ihren wesentlichen Gegensatz
       erklärt, als solchen behandelt und  a n e r k e n n t.  Diese An-
       erkennung  verschafft   sich  die   kritische  Kritik  durch  die
       K o r r e s p o n d e n z,   welche den  Beruf hat, das kritische
       Erlöseramt wie  das allgemeine   Ä r g e r n i s  der Welt an dem
       kritischen Evangelium vor der Welt zu  b e z e u g e n.  Die kri-
       tische Kritik ist sich selbst Gegenstand als  G e g e n s t a n d
       d e r  W e l t.  Die Korrespondenz soll sie  a l s  s o l c h e n
       z e i g e n,  als gegenwärtiges  W e l t i n t e r e s s e.
       Die kritische  Kritik gilt  sich als   a b s o l u t e s   S u b-
       j e k t.   Das absolute  Subjekt bedarf des Kultus. Zum  w i r k-
       l i c h e n  Kultus gehören dritte gläubige Individuen.
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       1*) Wo kann man besser aufgehoben sein als im Schoße seiner Fami-
       lie? - 2*) zum höheren Ruhme Gottes
       
       #153# Die heilige Familie - VII. Kapitel
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       Die   h e i l i g e   F a m i l i e   z u    C h a r l o t t e n-
       b u r g   empfängt daher den gebührenden Kultus von ihren Korres-
       pondenten. Die Korrespondenten sagen ihr,  w a s  sie  i s t  und
       was ihr Gegner, die Masse,  n i c h t  i s t.
       Indem auf  diese Weise die Meinung der Kritik von sich selbst als
       Meinung der  Welt dargestellt,  indem ihr   B e g r i f f  v e r-
       w i r k l i c h t   wird,  verfällt  sie  allerdings  der  Inkon-
       sequenz.   I n n e r h a l b   i h r e r  s e l b s t  zeigt sich
       eine Art von  M a s s e n b i l d u n g,  nämlich die Bildung ei-
       ner kritischen Masse, welche den einsilbigen Beruf hat, das uner-
       müdliche Echo  der kritischen Stichwörter zu sein. Der Konsequenz
       wegen ist  diese Inkonsequenz  verzeihlich. Die kritische Kritik,
       die nicht  in der sündigen Welt zu Hause ist, muß in ihrem eignen
       Hause eine sündige Welt etablieren.
       Der Korrespondent der kritischen Kritik, das Glied der kritischen
       Masse, wandelt  nicht auf  Rosen. Sein  Weg ist  ein schwieriger,
       dornenvoller, ein  kritischer Weg.  Die kritische  Kritik ist ein
       spiritualistischer Herr, reine Spontaneität, actus purus 1*), in-
       tolerant gegen jede Einwirkung  v o n  a u ß e n.  Der Korrespon-
       dent darf  also nur ein  S c h e i n s u b j e k t  sein, nur zum
       S c h e i n   sich   s e l b s t ä n d i g  zur kritischen Kritik
       verhalten, nur   s c h e i n b a r   ihr  etwas Neues  und Eignes
       mitteilen  wollen.  In    W a h r h e i t    ist  er  ihr  eignes
       M a c h w e r k,   das nur für einen Augenblick  v e r g e g e n-
       s t ä n d l i c h t e     und  verselbständigte  Vernehmen  ihrer
       selbst.
       Die Korrespondenten verfehlen daher nicht, unaufhörlich zu versi-
       chern,  daß  die  kritische  Kritik  selbst    w e i ß,    e i n-
       s i e h t,  k e n n t,  b e g r e i f t,  e r f ä h r t,  was ihr
       in demselben  Augenblick zum   S c h e i n   mitgeteilt  wird. So
       braucht z.B.   Z e r r l e d e r   die  Wendungen: "Begreifen Sie
       es? Sie  wissen. Sie  wissen zum  zweiten und  dritten  Mal.  Sie
       werden nun genug gehört haben, um selbst einsehen zu können."
       So der  Breslauer Korrespondent  Fleischhammer: "Daß  aber" etc.,
       "wird Ihnen  so wenig wie mir ein Rätsel sein." Oder der Züricher
       Korrespondent Hirzel: "Sie werden wohl selbst erfahren." Der kri-
       tische Korrespondent  respektiert so sorgsam das absolute Begrei-
       fen   d e r   kritischen Kritik,  daß er ihr selbst  d a  ein Be-
       greifen  zumutet,  wo  absolut  nichts  zu  begreifen  ist;  z.B.
       Fleischhammer:
       
       "Sie werden  mich   v o l l s t ä n d i g  (!)  b e g r e i f e n
       (!), wenn ich Ihnen sage, daß man kaum ausgehen kann, ohne jungen
       katholischen Geistlichen  in ihren  langen schwarzen  Kutten  und
       Mänteln zu begegnen."
       
       Ja, in  ihrer  A n g s t  h ö r e n  die Korrespondenten die kri-
       tische Kritik   s a g e n,   a n t w o r t e n,  a u s r u f e n,
       a u s l a c h e n!
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       1*) reine Handlung
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       #154# Friedrich Engels und Karl Marx
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       So z.B.  Zerrleder: "Aber  -   s a g e n   Sie; nun gut, so hören
       Sie." So   F l e i s c h h a m m e r:  "Doch, ich höre schon, was
       S i e   s a g e n   - ich meinte damit  a u c h  n u r."  So Hir-
       zel: "Edelmann,  werden Sie   a u s r u f e n!"   So ein Tübinger
       Korrespondent:  "L a c h e n  Sie mich  n i c h t  aus!"
       Die Korrespondenten  gebrauchen daher  auch die  Wendung, daß sie
       der kritischen  Kritik   T a t s a c h e n  mitteilen und ihr die
       g e i s t i g e     I n t e r p r e t a t i o n     zumuten,  ihr
       P r ä m i s s e n   liefern  und  ihr  die    K o n k l u s i o n
       überlassen oder  sich gar  e n t s c h u l d i g e n,  ihr längst
       Bekanntes wiederzukäuen.
       
       So Zerrleder:
       
       "Es ist  Ihrem Korrespondenten nur möglich, ein Bild, eine Schil-
       derung der  Tatsachen zu  geben. Der  G e i s t,  der diese Dinge
       belebt, wird  ja   I h n e n  g e r a d e  nicht unbekannt sein."
       Oder auch:  "Nun werden Sie  s i c h  s c h o n  s e l b e r  den
       S c h l u ß  ziehen."
       
       So Hirzel:
       
       "Daß jede Schöpfung aus dem Extrem ihres Gegensatzes hervorgegan-
       gen, mit  diesem spekulativen  Satze werde  i c h  Sie  n i c h t
       e r s t  n o c h  unterhalten  d ü r f e n."
       
       Oder auch  die   E r f a h r u n g e n   des Korrespondenten sind
       bloß die  E r f ü l l u n g  u n d  B e s t ä t i g u n g  kriti-
       scher  P r o p h e z e i u n g e n.
       
       So Fleischhammer:
       
       "Ihre  V o r h e r s a g u n g  ist eingetroffen."
       
       So Zerrleder:
       
       "Die Tendenzen,  welche ich Ihnen als in der Schweiz immer weiter
       um sich  greifend geschildert  habe, weit entfernt, unheilvoll zu
       sein, sind  nur   g l ü c k l i c h e  -  n u r  eine  B e s t ä-
       t i g u n g   I h r e s   schon oft  ausgesprochenen   G e d a n-
       k e n s"  etc.
       Die kritische Kritik fühlt sich zuweilen gedrungen, die Herablas-
       sung auszusprechen,  die in  ihrem Korrespondieren liege, und sie
       motiviert diese  Herablassung dadurch, daß der Korrespondent  ir-
       gend e i n   P e n s u m   glücklich absolviert habe. So schreibt
       Herr Bruno dem Tübinger Korrespondenten:
       
       "Es ist  wirklich eine  Inkonsequenz von  mir, daß ich auf deinen
       Brief antworte.  - -  Auf der  ändern Seite hast du wieder ... so
       T r e f f e n d e s   bemerkt, daß  ich dir ... die erbetene Auf-
       klärung nicht  v e r s a g e n  k a n n."
       
       Die kritische Kritik läßt sich aus der  P r o v i n z  schreiben,
       worunter nicht  die Provinz im politischen Sinne, die bekanntlich
       in Deutschland nirgendwo existiert, zu verstehen ist, sondern die
       k r i t i s c h e   P r o v i n z,   deren Hauptstadt Berlin ist,
       B e r l i n,   der Sitz der kritischen Patriarchen und der heili-
       gen kritischen  Familie, während  in den  Provinzen die kritische
       Masse haust. Die
       
       #155# Die heilige Familie - VII. Kapitel
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       k r i t i s c h e n   P r o v i n z i e l l e n   wagen nur unter
       Bücklingen   und    Entschuldigungen   die   Aufmerksamkeit   der
       h ö c h s t e n  k r i t i s c h e n  S t e l l e  in Anspruch zu
       nehmen.
       So schreibt  ein Anonymus  an Herrn  Edgar, der  als Mitglied der
       heiligen Familie ebenfalls ein vornehmer Herr ist:
       
       "Geehrter Herr! Darin, daß die Jugend sich gern bei gemeinschaft-
       lichen  Bestrebungen   zusammenschließt   (unsere   beiderseitige
       A l t e r s v e r s c h i e d e n h e i t   beruht nur  auf  zwei
       Jahren), wollen  Sie die   E n t s c h u l d i g u n g  für diese
       Zeilen finden."
       
       Dieser Altersgenosse  des Herrn Edgar bezeichnet  s i c h  neben-
       bei als   d a s   W e s e n   der   n e u e s t e n    P h i l o-
       s o p h i e.  Ist es nicht in der Ordnung, daß  d i e  Kritik mit
       d e m   Wesen der  Philosophie in  Korrespondenz steht?  Wenn der
       Altersgenosse des Herrn Edgar versichert, daß er seine  Z ä h n e
       schon verloren  habe, so  ist das  nur eine  Anspielung auf  sein
       a l l e g o r i s c h e s  Wesen. Dies "Wesen der neuesten Philo-
       sophie" hat  "von   F e u e r b a c h   das Moment der Bildung in
       die objektive  Anschauung setzen  gelernt". Es gibt sogleich eine
       Probe von seiner  B i l d u n g  und  A n s c h a u u n g,  indem
       es Herrn  Edgar zugleich  versichert, es  habe eine  "Totalitäts-
       anschauung von  seiner Novelle"  -  "Es  leben  feste  Grundsätze
       !"[57] -  gewonnen, und  zugleich  offen  gesteht,  Herrn  Edgars
       Absicht  sei   ihm  durchaus   nicht  recht   klar  geworden,  ja
       schließlich die  Versicherung der gewonnenen Totalitätsanschauung
       durch die  Frage paralysiert:  "Oder  habe  ich  Sie    t o t a l
       m i ß v e r s t a n d e n?"  Nach dieser Probe wird man es in der
       Ordnung finden,  wenn das Wesen der neuesten Philosophie in bezug
       auf die Masse sich dahin äußert:
       
       "W i r  müssen uns wenigstens einmal  h e r a b l a s s e n,  den
       Zauberknoten untersuchen  und lösen,  der  dem    g e m e i n e n
       M e n s c h e n v e r s t a n d   den Eingang  in die    u n b e-
       s c h r ä n k t e  D e n k f l u t  nicht gestattet."
       Will man  sich eine  vollständige Anschauung  von der  kritischen
       Masse erwerben,  so lese  man Herrn   H i r z e l s   aus  Zürich
       K o r r e s p o n d e n z.   (Heft V.)  Dieser Unglückliche memo-
       riert mit  wahrhaft rührender  Gelehrigkeit und  lobenswertem Ge-
       dächtnis die kritischen Stichworte. Herrn Brunos Lieblingsphrasen
       von den  Schlachten, die  er geliefert, von den Feldzügen, die er
       entworfen und  geleitet habe,  fehlen nicht.  Namentlich aber er-
       füllt Herr   H i r z e l   seinen  Beruf als Glied der kritischen
       Masse, wenn  er über  die  p r o f a n e  M a s s e  und ihr Ver-
       hältnis zur  k r i t i s c h e n  K r i t i k  eifert.
       Er spricht  von der  Masse, die  an  der  Geschichte  teilzuhaben
       meine, "von  der reinen  Masse", von der "reinen Kritik", von der
       "Reinheit dieses Gegensatzes" - "ein Gegensatz, so rein - wie ihn
       die Geschichte nie so rein gegeben habe" ", von dem "malkontenten
       Wesen", von der "vollendeten Leerheit, Verstimmung, Mutlosigkeit,
       Herzlosigkeit, Zaghaftigkeit, Wut, Erbitterung
       
       #156# Friedrich Engels und Karl Marx
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       der Masse gegen die Kritik", von "der Masse, die nur dazu da sei,
       um die  Kritik durch  ihren Widerstand  schärfer und wachsamer zu
       machen". Er  spricht von der "Schöpfung aus dem Extrem des Gegen-
       satzes", von der Erhabenheit der Kritik über  H a ß  und derglei-
       chen profane Affekte. Auf diesen Reichtum an kritischen Stichwor-
       ten beschränkt  sich die  ganze Lieferung  des Herrn  H i r z e l
       an die  "Literatur-Zeitung". Wie  er der  M a s s e  ihre Zufrie-
       denheit mit  der bloßen  "Gesinnung", dem  "guten  Willen",  "der
       Phrase", dem  "Glauben" etc.  vorwirft, so begnügt er sich selbst
       als ein  Glied   d e r  k r i t i s c h e n  M a s s e  mit Phra-
       sen,  mit   Äußerungen  seiner   "kritischen  Gesinnung",  seines
       "kritischen Glaubens",  seines "kritischen  guten  Wollens",  und
       überläßt Herrn Bruno & Comp. das "Handeln, Arbeiten, Kämpfen" und
       die "Werke".
       Trotz der  fürchterlichen Schilderung,  welche die Mitglieder der
       "kritischen Masse" von der welthistorischen Spannung der profanen
       Welt gegen  die "kritische  Kritik" entwerfen, ist wenigstens für
       den Ungläubigen noch nicht einmal der Tatbestand konstatiert, der
       Tatbestand dieser  w e l t h i s t o r i s c h e n  Spannung. Die
       dienstfertige  und   unkritische  Wiederholung   der   kritischen
       "Einbildungen" und  "Prätensionen" im  Munde der  Korrespondenten
       beweist nur,  daß die  fixen Ideen des Herrn auch die fixen Ideen
       des Dieners  sind. Einer  der kritischen Korrespondenten versucht
       zwar, aus  T a t s a c h e n  zu beweisen.
       
       "Ihr  seht",   schreibt  er   der  heiligen   Familie,  "daß  die
       'Literatur-Zeitung' ihren  Zweck erfüllt,  d.h. daß  sie   f e i-
       n e n  A n k l a n g  findet. Anklang könnte sie nur finden, wenn
       sie mit  der Gedankenlosigkeit  mitklingelte, wenn  Ihr  mit  dem
       Schellenspiel  von  Redensartrn  einer  ganzen  Janitscharenmusik
       gangbarer Kategorien stolz voranschrittet."
       
       Ein Schellenspiel  von Redensarten einer ganzen Janitscharenmusik
       gangbarer Kategorien!  Man sieht, der kritische Korrespondent be-
       strebt sich,  in nicht  "gangbaren"  Redensarten  einherzutraben.
       Seine Auslegung  der Tatsache, daß die "Literatur-Zeitung" keinen
       Anklang findet,  muß indes als rein  a p o l o g e t i s c h  zu-
       rückgewiesen werden. Man könnte diese Tatsache vielmehr umgekehrt
       dahin auslegen, daß die kritische Kritik sich im  E i n k l a n g
       mit der großen  M a s s e,  nämlich der großen Masse der Skriben-
       ten befindet, die fernen Anklang findet.
       Es genügt  also nicht,  daß die  k e u s c h e n  Korrespondenten
       die kritischen  Redensarten zugleich  als "Gebet"  an die heilige
       Familie und  zugleich als  "Verfluchungsformel" gegen  die  Masse
       richten. Es  bedarf  u n k r i t i s c h e r,  m a s s e n h a f-
       t e r   Korrespondenten, es  bedarf   w i r k l i c h e r   Abge-
       ordneter der    M a s s e    an  die  kritische  Kritik,  um  die
       w i r k l i c h e  Spannung der Masse mit der Kritik zu beweisen.
       
       #157# Die heilige Familie - VII. Kapitel
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       Die  kritische  Kritik  räumt  daher  auch  der    u n k r i t i-
       s c h e n   M a s s e   eine Stelle  ein.  Sie  läßt  unbefangene
       R e p r ä s e n t a n t e n   derselben mit  sich    k o r r e s-
       p o n d i e r e n,   den  Gegensatz  zu  sich  als  wichtig,  als
       absolut anerkennen  und den  A n g s t s c h r e i  nach Erlösung
       aus dem Gegensatz erschallen.
       
       2. Die "unkritische Masse" und die "kritische Kritik"
       
       a) Die "verstockte Masse" und die "unbefriedigte Masse"
       
       Die Herzenshärte, die Verstocktheit und blinde Ungläubigkeit "der
       Masse" hat   e i n e n   ziemlich  entschiedenen  Repräsentanten.
       Dieser Repräsentant  spricht von  der nur  "hegelsphilosophischen
       Ausbildung der Berliner Couleur" [58].
       
       "Der wahre  Fortschritt", sagt  er, "den wir machen können, liegt
       nur allein in der Erkenntnis der Wirklichkeit. Von Ihnen aber er-
       fahren wir  nur, daß  unser Erkennen  nicht von der Wirklichkeit,
       sondern von etwas Unwirklichem war."
       
       Er bezeichnet  die "Naturwissenschaft" als die Grundlage der Phi-
       losophie.
       
       "Ein guter  Naturforscher verhält sich zum Philosophen wie dieser
       zum Theologen."
       
       Er bemerkt ferner von der "Berliner Couleur":
       
       "Ich glaube  nicht zuviel  gesagt zu  haben, wenn ich den Zustand
       dieser Leute  daraus zu  erklären suche,  daß sie zwar den Prozeß
       des geistigen  Mauserns durchgemacht haben, aber den Mausernstoff
       noch nicht  losgeworden sind,  um die Elemente der Neubildung und
       Verjüngung in  sich aufnehmen  zu können." "Diese" (die naturwis-
       senschaftlichen und  industriellen) "Kenntnisse  müssen  wir  uns
       noch aneignen."  "Die Welt- und Menschenkenntnis, die uns vor al-
       lem nötig  ist, kann auch nicht allein durch die Schärfe des Den-
       kens gewonnen  werden, sondern  alle Sinne  müssen mitwirken  und
       alle Anlagen  des Menschen  als nötiges und unentbehrliches Werk-
       zeug dazu  verwandt werden,  sonst muß die Anschauung und das Er-
       kennen  stets  mangelhaft  bleiben  ...  und  den    m o r a l i-
       s c h e n  T o d  herbeiführen."
       
       Dieser Korrespondent vergoldet indes die Pille, die er der kriti-
       schen Kritik reicht. Er "läßt Bauers Worte die richtige Anwendung
       finden", hat  "Bauers Gedanken  verfolgt", er läßt "Bauer richtig
       gesagt haben",  er  polemisiert  endlich  scheinbar  nicht  gegen
       d i e   Kritik selbst,  sondern gegen eine von ihr unterschiedene
       "Berliner Couleur".
       
       #158# Friedrich Engels und Karl Marx
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       Die kritische  Kritik, welche sich getroffen fühlt und überdem in
       allen  G l a u b e n s a n g e l e g e n h e i t e n  empfindlich
       wie eine  alte Jungfer  ist, läßt  sich durch diese Distinktionen
       und halbe Huldigungen nicht täuschen.
       
       "Sie   h a b e n  sich  g e t ä u s c h t",  antwortet sie, "wenn
       Sie in  der Partei,  die Sie  im Eingang Ihres Briefes schildern,
       I h r e n   G e g n e r   zu sehen meinten;  g e s t e h e n  Sie
       es sich vielmehr" - und nun folgt die niederschmetternde Bannfor-
       mel - "Sie sind ein Gegner der Kritik selbst!"
       
       Der Unglückliche!  Der Massenhafte!  Ein Gegner   d e r    Kritik
       s e l b s t!   Was aber den Inhalt jener  m a s s e n h a f t e n
       Polemik betrifft,  so erklärt  die kritische  Kritik  den    R e-
       s p e k t   für ihr  kritisches Verhältnis  zur  N a t u r f o r-
       s c h u n g  und zur  I n d u s t r i e.
       
       "A l l e n   R e s p e k t  vor der  N a t u r f o r s c h u n g!
       A l l e n  R e s p e k t  vor James Watt und" - wahrhaft erhabene
       Wendung! -  "gar keinen  Respekt vor den Millionen, die er seinen
       Vettern und Basen verschafft hat."
       Allen Respekt vor dem Respekt der kritischen Kritik! In demselben
       Briefe,  worin   die  kritische   Kritik   der   eben   erwähnten
       B e r l i n e r   C o u l e u r  vorwirft, daß sie über gediegene
       und tüchtige  Arbeiten mit leichter Mühe hinaus sind, ohne sie zu
       studieren, daß  sie mit einem Werke  f e r t i g  sind, indem sie
       darüber die  Bemerkung machen, es sei epochemachend etc., in dem-
       selben Briefe  wird   s i e  s e l b s t  durch eine einfache Re-
       spektserklärung mit  der gesamten  Naturforschung und    I n d u-
       s t r i e  f e r t i g.  Die Klausel, welche die kritische Kritik
       ihrer  Respektserklärung  vor  der    N a t u r f o r s c h u n g
       anhängt, erinnert  an des seligen Ritters  K r u g  erste Donner-
       keile gegen die Naturphilosophie.
       
       "Die Natur  ist nicht  die einzige  Wirklichkeit,  w e i l  w i r
       s i e   i n   i h r e n    e i n z e l n e n    P r o d u k t e n
       e s s e n  u n d  t r i n k e n."
       
       Die  kritische   Kritik   weiß   von   den      e i n z e l n e n
       P r o d u k t e n   der Natur  soviel, "daß  wir sie essen  u n d
       t r i n k e n".   Allen Respekt  vor  der  Naturwissenschaft  der
       kritischen Kritik!
       Konsequenterweise stellt sie der unbequem zudringlichen Zumutung,
       "Natur"  und   "Industrie"  zu   studieren,  folgende  unstreitig
       geistreiche, rhetorische Ausrufung gegenüber:
       
       "Oder (!)  meinen Sie, mit der Erkenntnis der  g e s c h i c h t-
       l i c h e n   Wirklichkeit sei  es  s c h o n  zu  E n d e?  Oder
       (!) wissen  Sie eine  einzige Periode  der Geschichte,  die   i n
       d e r  T a t  schon erkannt ist?"
       Oder glaubt  die kritische  Kritik, in  der  Erkenntnis  der  ge-
       schichtlichen Wirklichkeit auch nur zum  A n f a n g  gekommen zu
       sein, solange sie das theoretische
       
       #159# Die heilige Familie - VII. Kapitel
       -----
       und praktische Verhalten des Menschen zur Natur, die Naturwissen-
       schaft und  die Industrie,   a u s   der geschichtlichen Bewegung
       ausschließt? Oder  meint sie  irgendeine Periode in der Tat schon
       erkannt zu haben, ohne z.B. die Industrie dieser Periode, die un-
       mittelbare Produktionsweise  des Lebens selbst, erkannt zu haben?
       Allerdings die  spiritualistische, die    t h e o l o g i s c h e
       kritische Kritik kennt nur - kennt wenigstens in ihrer Einbildung
       - die  politischen, literarischen  und theologischen  Haupt-  und
       Staatsaktionen der Geschichte. Wie sie das Denken von den Sinnen,
       die Seele  vom Leibe,  sich selbst von der Welt trennt, so trennt
       sie die  Geschichte von  der Naturwissenschaft  und Industrie, so
       sieht sie  nicht in der  g r o b - m a t e r i e l l e n  Produk-
       tion auf der Erde, sondern in der dunstigen Wolkenbildung am Him-
       mel die Geburtsstätte der Geschichte.
       Der Repräsentant der "verstockten" und "herzensharten" Masse, mit
       seinen treffenden  Rügen und  Zureden,  wird  als    m a s s e n-
       h a f t e r   M a t e r i a l i s t   abgefertigt.  Nicht  besser
       geht es  einem ändern,  minder böswilligen,  minder  massenhaften
       Korrespondenten, der  zwar Erwartungen  in die  kritische  Kritik
       setzt, ohne  sie aber  befriedigt zu finden. Der Repräsentant der
       "unbefriedigten" Masse schreibt:
       
       "Doch muß  ich gestehen,  daß das  erste Heft  Ihrer Zeitung noch
       g a r  n i c h t  b e f r i e d i g t  hat. Wir hätten doch etwas
       anderes erwartet."
       
       Der   k r i t i s c h e   P a t r i a r c h   antwortet in eigner
       Person:
       
       "Daß es  die Erwartungen  nicht befriedigen  würde, wußte  ich im
       voraus, weil ich diese Erwartungen mir ziemlich leicht vorstellen
       konnte.  Man   ist  so  ermattet,  daß  man    a l l e s    a u f
       e i n m a l   haben will. Alles? Nein! Womöglich alles und nichts
       zugleich. Ein  Alles, das  keine Mühe  macht, ein  Alles, das man
       aufnehmen kann, ohne eine Entwickelung durchzumachen - ein Alles,
       das in einem Worte da ist."
       
       In seiner  Verstimmung über  die ungebührlichen Anforderungen der
       "Masse", die von der aus Grundsatz und Naturanlage "nichts geben-
       den" Kritik   e t w a s,   ja   a l l e s   verlangt, erzählt der
       kritische Patriarch  in der  Weise alter  Herren eine    A n e k-
       d o t e.   Neulich habe ein Berliner  B e k a n n t e r  über die
       Weitschweifigkeit und  breite Umständlichkeit  seiner Schriften -
       bekanntlich schlägt  Herr Bruno  aus dem  Minimum eines  noch  so
       kleinen angeblichen  Gedankens ein vielbogiges Werk - sich bitter
       beklagt.  Er   vertröstete  ihn  mit  dem  Versprechen,  ihm  zur
       leichteren Aneignung  die für  den Abdruck des Buchs nötige Druc-
       kerschwärze, in  eine kleine  Kugel geformt, zu schicken. Der Pa-
       triarch erklärt sich die Breite seiner "Werke" aus der schlechten
       Verteilung  der   Druckerschwärze,  wie   er  das  Nichts  seiner
       "Literatur-Zeitung"
       
       #160# Friedrich Engels und Karl Marx
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       aus der  Leere der "profanen Masse" erklärt, die, um sich zu fül-
       len, alles und nichts auf einmal verschlucken möchte.
       Sowenig man die Wichtigkeit der bisherigen Mitteilungen verkennt,
       sowenig   kann   man   einen      w e l t h i s t o r i s c h e n
       G e g e n s a t z   darin erblicken, daß ein massenhafter Bekann-
       ter der  kritischen Kritik  sie für hohl, sie ihn dagegen für un-
       kritisch erklärt,  daß ein zweiter Bekannter seine Erwartungen in
       der   "Literatur-Zeitung"    nicht   befriedigt   und   daß   ein
       d r i t t e r   Bekannter und Hausfreund ihre Werke zu breit fin-
       det. Indessen  der Bekannte  Nr. 2, der Erwartungen hegt, und der
       Hausfreund Nr.  3, der  die Geheimnisse der kritischen Kritik we-
       nigstens kennenzulernen  wünscht, bilden  den Übergang  zu  einem
       i n h a l t s v o l l e r e n   und gespannteren  Verhältnis  der
       Kritik und  der "unkritischen  Masse". So  grausam  d i e  Kritik
       gegen die  Masse von "verstocktem Herzen" und "gemeinem Menschen-
       verstand" ist,  so herablassend  werden wir  sie gegen  die  nach
       E r l ö s u n g   aus dem  Gegensatz wimmernde  Masse finden. Die
       Masse, welche  sich zerschlagenen Herzens, bußfertigen Sinnes und
       demütigen Geistes  der Kritik  nähert, wird  manch   g e w i e g-
       t e s,   p r o p h e t i s c h e s,   b i d e r b e s   Wort  zum
       Lohn ihres wackern Strebens empfangen.
       
       b) Die "weichherzige" und "erlösungsbedürftige" Masse
       
       Der Repräsentant  der   s e n t i m e n t a l e n,   h e r z l i-
       c h e n,     e r l ö s u n g s b e d ü r f t i g e n    M a s s e
       fleht und  wedelt um ein wohlmeinendes Wort der kritischen Kritik
       mit Herzensergießungen,  Bücklingen  und  Augenverdrehungen,  wie
       folgende:
       
       "Warum ich Ihnen dies, schreibe, warum ich mich gegen Sie verant-
       worte? Weil  ich Sie   a c h t e  und deshalb Ihre  A c h t u n g
       w ü n s c h e;  weil ich Ihnen in Bezug auf meine Entwicklung den
       größten   D a n k   schuldig bin  und  Sie  deshalb    l i e b e.
       M e i n   H e r z  treibt mich, gegen Sie, der mich ... getadelt,
       mich zu   v e r a n t w o r t e n   ...  Ich bin  w e i t  e n t-
       f e r n t,   mich Ihnen  hiermit  a u f d r i n g e n  zu wollen,
       und   n a c h   m i r   urteilend habe ich mir gedacht, daß Ihnen
       s e l b s t   w o h l   ein Beweis  der   T e i l n a h m e   von
       seilen eines  Ihnen sonst  noch  wenig  bekannten  Mannes    e r-
       f r e u l i c h  sein könnte. Ich mache  k e i n e s w e g s  die
       P r ä t e n s i o n,   daß Sie  diesen Brief  beantworten sollen:
       ich will   w e d e r   Ihnen  die Zeit  rauben,  die  Sie  besser
       gebrauchen können,   n o c h   Ihnen eine Last aufladen,  n o c h
       a u c h   mich der  Kränkung aussetzen, etwas, worauf ich hoffte,
       u n e r f ü l l t  zu sehn.  M ö g e n  S i e  m i r  das Schrei-
       ben für   S e n t i m e n t a l i t ä t,   Z u d r i n g l i c h-
       k e i t   oder   E i t e l k e i t   (!) auslegen, oder wofür Sie
       wollen, mögen Sie antworten oder nicht, ich kann dem  T r i e b e
       nicht widerstehen, es abgehen zu lassen, und wünsche nur, daß Sie
       den   f r e u n d l i c h e n   Sinn darin erkennen mögen, der es
       eingegeben hat."!!
       
       Wie Gott  sich von  jeher der  K l e i n m ü t i g e n  erbarmte,
       so sieht  auch dieser  massenhafte, aber demutsvolle und nach der
       kritischen  Erbarmung   jammernde  Korrespondent   seine  Wünsche
       e r f ü l l t.  Die kritische Kritik antwortet
       
       #161# Die heilige Familie - VII. Kapitel
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       ihm wohlmeinend.  Noch mehr!  Sie gibt  ihm die   t i e f s t e n
       Aufschlüsse über die Gegenstände seiner Wißbegierde.
       
       "Vor zwei  Jahren", belehrt die kritische Kritik, "war es zeitge-
       mäß, an die Aufklärung der Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts
       zu erinnern,  um in der Schlacht, die damals geschlagen wurde, an
       einer Stelle  auch diese  l e i c h t e n  T r u p p e n  agieren
       zu lassen. Jetzt ist es  w a s  g a n z  a n d e r e s.  Wahrhei-
       ten  ändern   sich  jetzt   sehr  schnell.   Was  damals  an  der
       S t e l l e  w a r,  ist jetzt ein  V e r s e h e n."
       Natürlich war  es auch  damals nur  "ein  V e r s e h e n",  aber
       ein Versehen  "an der  Stelle", wenn  die absolute  Kritik Aller-
       höchstselbst, "Anekdota"  II, p.  89 [59], diese  l e i c h t e n
       T r u p p e n   "unsere Heiligen",  unsre "Propheten",  "Patriar-
       chen" etc.  nannte. Wer  wird  l e i c h t e  T r u p p e n  eine
       T r u p p e   v o n   "Patriarchen" nennen?  Es war ein Versehen,
       "an der  Stelle", wenn  sie  enthusiastisch  von  der  Selbstver-
       leugnung, sittlichen Energie und Begeisterung sprach, womit diese
       l e i c h t e n   Truppen "zeitlebens  für die  Wahrheit gedacht,
       gearbeitet -  und studiert  hätten". Es  war ein "Versehen", wenn
       sie im "Entdeckten Christentum, Vorrede", erklärte, diese "leich-
       ten" Truppen  hätten "unüberwindlich  geschienen, und   j e d e r
       K u n d i g e  hätte ihnen im voraus das Zeugnis ausgestellt, sie
       würden   d i e   W e l t   a u s  d e n  F u g e n  r e i ß e n",
       und es habe "unzweifelhaft geschienen, daß es ihnen auch gelingen
       würde, der   W e l t   eine   n e u e   G e s t a l t  zu geben".
       D i e s e n  l e i c h t e n  T r u p p e n?
       Weiter doziert  die kritische  Kritik dem wißbegierigen Repräsen-
       tanten der  "h e r z l i c h e n  Masse":
       
       "Wenn auch  die Franzosen  sich ein   n e u e s   geschichtliches
       Verdienst durch ihre Versuche, eine soziale Theorie aufzustellen,
       erworben  haben,   so  sind   sie    j e t z t    d o c h    e r-
       s c h ö p f t,   ihre neue Theorie war noch nicht  r e i n,  ihre
       sozialen Phantasien,  ihre   f r i e d l i c h e   D e m o k r a-
       t i e  sind durchaus noch nicht von den Voraussetzungen des alten
       Zustandes frei."
       
       Die Kritik  spricht hier  - wenn  sie  anders  von  irgend  etwas
       spricht -  vom   F o u r i e r i s m u s,   und zwar speziell vom
       Fourierismus der  "Démocratie pacifique"  [60]. Dieser  aber  ist
       weit davon entfernt, die "soziale Theorie" der Franzosen zu sein.
       Die Franzosen  haben  s o z i a l e  T h e o r i e n,  aber nicht
       e i n e   soziale Theorie,  der verwässerte Fourierismus nun gar,
       wie ihn  die "Démocratie  pacifique" predigt,  ist nichts als die
       soziale Lehre  eines Teils der philanthropischen Bourgeoisie, das
       Volk ist   k o m m u n i s t i s c h,  und zwar m eine Menge ver-
       schiedener Fraktionen gespalten; die wahre Bewegung und Verarbei-
       tung dieser  verschiedenen sozialen Schattierungen hat sich nicht
       nur nicht  e r s c h ö p f t,  sondern  f ä n g t  erst recht an.
       Sie wird  aber nicht  in der  reinen, d.h.  abstrakten   T h e o-
       r i e,   wie es  die kritische  Kritik haben  möchte, sondern  in
       
       #162# Friedrich Engels und Karl Marx
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       einer ganz  p r a k t i s c h e n  P r a x i s  endigen, die sich
       um die  kategorischen  Kategorien  der  Kritik  in  keiner  Weise
       bekümmern wird.
       
       "Keine Nation",  plaudert die  Kritik weiter, "hat bis  j e t z t
       e t w a s   vor der  ändern voraus.  Wenn eine dahin kommen kann,
       über die  anderen ein  geistiges Übergewicht...  zu bekommen,  so
       wird es die sein, die imstande ist, sich und die ändern zu kriti-
       sieren und die Ursachen des allgemeinen Verfalls zu erkennen."
       
       J e d e  Nation  hat bis   j e t z t   e t w a s   vor der andern
       v o r a u s.   Wenn aber  die kritische Prophezeiung richtig ist,
       so  w i r d  keine Nation einen Vorzug vor der ändern haben, denn
       alle zivilisierten  Völker Europas - Engländer, Deutsche, Franzo-
       sen -  "kritisieren" jetzt  "sich und  die ändern"  und "sind im-
       stande, die  Ursachen des allgemeinen Verfalls zu erkennen". End-
       lich ist  es eine  phrasenhafte   T a u t o l o g i e,  zu sagen,
       daß das  "Kritisieren", "Erkennen",  daß  g e i s t i g e  Tätig-
       keit ein   g e i s t i g e s   Ü b e r g e w i c h t   geben, und
       die Kritik,  die sich  mit unendlichem  Selbstbewußtsein über die
       Nationen stellt und harrt, bis diese zu ihren Füßen kniend um Er-
       leuchtung flehen, zeigt durch diesen karikierten, christlich-ger-
       manischen Idealismus  erst recht, daß sie noch bis über die Ohren
       im Drecke der  d e u t s c h e n  N a t i o n a l i t ä t steckt.
       Die Kritik  der Franzosen  und Engländer  ist nicht  so eine  ab-
       strakte, jenseitige  Persönlichkeit,  die  außer  der  Menschheit
       steht, sie  ist die    w i r k l i c h e    m e n s c h l i c h e
       T ä t i g k e i t  von Individuen, die werktätige Glieder der Ge-
       sellschaft sind, die als Menschen leiden, fühlen, denken und han-
       deln. Darum  ist ihre  Kritik zugleich praktisch, ihr Kommunismus
       ein Sozialismus,  in dem sie praktische, handgreifliche Maßregeln
       geben, in  dem sie  nicht nur  denken, sondern noch mehr handeln,
       ist die lebendige, wirkliche Kritik der bestehenden Gesellschaft,
       die Erkenntnis der Ursachen "des Verfalls".
       Nach den  Aufklärungen der  kritischen Kritik an das wißbegierige
       Glied der  Masse kann sie mit Recht von ihrer "Literatur-Zeitung"
       sagen:
       
       "Hier wird  die  r e i n e,  darstellende, die Sache ergreifende,
       nichts hinzusetzende Kritik geübt."
       
       Hier wird   "n i c h t s   S e l b s t ä n d i g e s    gegeben",
       hier wird  überhaupt    n i c h t s     g e g e b e n    als  die
       n i c h t s g e b e n d e   K r i t i k,   das heißt  die Kritik,
       die sich  bis zur  äußersten Unkritik  vollendet.   D i e  Kritik
       läßt angestrichene  Stellen drucken  und erreicht  ihre Blüte  in
       E x z e r p t e n.   W o l f g a n g  M e n z e l  und  B r u n o
       B a u e r   reichen sich die Bruderhand, und die kritische Kritik
       steht   d a,   wo die   I d e n t i t ä t s p h i l o s o p h i e
       in   den   ersten   Jahren   dieses   Jahrhunderts   stand,   als
       S c h e l l i n g   gegen die  massenhafte Zumutung protestierte,
       daß er etwas geben wolle, irgend etwas als die  r e i n e,  d i e
       g a n z  p h i l o s o p h i s c h e  Philosophie.
       
       #163# Die heilige Familie - VII. Kapitel
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       c) Der Gnadendurchbruch der Masse
       
       Der weichherzige  Korrespondent, dessen Belehrung wir soeben bei-
       wohnten, stand  in einem   g e m ü t l i c h e n  Verhältnisse zu
       der Kritik.  Die Spannung der  M a s s e  mit  d e r  K r i t i k
       ist an ihm nur auf eine idyllische Weise angedeutet. Beide Seiten
       des  w e l t h i s t o r i s c h e n  Gegensatzes verhielten sich
       w o h l m e i n e n d   und   h ö f l i c h,   darum   e x o t e-
       r i s c h  zueinander.
       Die kritische  Kritik in  ihrer  s a n i t ä t s w i d r i g e n,
       geisterschütternden Wirkung auf die Masse erscheint erst an einem
       Korrespondenten, der  mit dem  einen Fuß schon in der Kritik, mit
       dem ändern  noch in der profanen Welt steht. Er repräsentiert die
       "Masse" in ihren  i n n e r n  Kämpfen mit der Kritik.
       In manchen  Momenten scheint  es ihm,  "daß Herr  Bruno und seine
       Freunde   d i e   M e n s c h h e i t  nicht verstehen", "die ei-
       gentlich Verblendeten sind". Er korrigiert sich sogleich:
       
       "Ja, es  steht mir  ganz  s o n n e n k l a r  vor Augen, daß Sie
       recht haben  und daß  Ihre  Gedanken  wahr  sind,  aber    e n t-
       s c h u l d i g e n   Sie, das  Volk  hat    a u c h    n i c h t
       unrecht... Ach  j a!  das Volk hat recht ... Daß Sie recht haben,
       kann ich  nicht leugnen ... Ich weiß wirklich nicht, wo das alles
       hinaus soll: Sie werden sagen ... nun, so bleib doch zu Hause ...
       A c h,   ich kann  nicht mehr ...  A c h   ... man müßte sonst am
       Ende   v e r r ü c k t   werden ...  Sie werden    w o h l w o l-
       l e n d   aufnehmen ...  Glauben  Sie  mir,  von  der  gewonnenen
       Erkenntnis wird  es einem  manchmal so  d u m m,  als ginge einem
       ein Mühlrad im Kopf herum."
       
       Auch ein anderer Korrespondent schreibt, daß er  "m i t u n t e r
       die   F a s s u n g   verliere". Man sieht, in jenem massenhaften
       Korrespondenten   a r b e i t e t  die  k r i t i s c h e  G n a-
       d e  am  D u r c h b r u c h.  Der arme Wurm! Die sündhafte Masse
       zieht ihn  von der  einen Seite,  die kritische  Kritik  von  der
       ändern. Es  ist nicht  die gewonnene Erkenntnis, welche den Kate-
       chumenen der  kritischen Kritik  in diesen Zustand von Hebetismus
       wirft, es  ist die   G l a u b e n s-   und    G e w i s s e n s-
       frage,   kritischer Christus  oder Volk,  Gott oder  Welt,  Bruno
       Bauer  und  seine  Freunde  oder  profane  Masse!  Wie  aber  dem
       Durchbruch der   g ö t t l i c h e n   Gnade die äußerste Zerris-
       senheit des  Sünders vorhergeht,  so  ist  eine  niederschlagende
       V e r d u m m u n g  der Vorläufer der  k r i t i s c h e n  Gna-
       de. Kommt  diese endlich  zum Durchbruch,  so verliert der Auser-
       wählte zwar  nicht die  Dummheit, wohl  aber  das    B e w u ß t-
       s e i n  d e r  D u m m h e i t.
       
       #164# Friedrich Engels und Karl Marx
       -----
       3. Die unkritisch-kritische Masse oder die Kritik
       und die "Berliner Couleur"
       
       Es ist  der kritischen  Kritik nicht  gelungen, sich  als   d e n
       w e s e n t l i c h e n   G e g e n s a t z   und darum  zugleich
       als  den    w e s e n t l i c h e n    G e g e n s t a n d    der
       Menschheit in  Masse darzustellen. Abgesehen von den Repräsentan-
       ten der  v e r s t o c k t e n  Masse, welche der kritischen Kri-
       tik ihre   G e g e n s t a n d s l o s i g k e i t   vorhält  und
       ihr auf  die galanteste Weise zu verstehen gibt, daß sie den gei-
       stigen "Mausernprozeß"  noch nicht  durchgemacht habe,  vor allem
       aber sich  erst  solide  Kenntnisse  erwerben  müsse  -  ist  der
       w e i c h h e r z i g e   Korrespondent einmal  kein   G e g e n-
       s a t z,  dann aber ist sein eigentlicher Annäherungsgrund an die
       kritische Kritik ein  r e i n  p e r s ö n l i c h e r.  Er will,
       wie man in seinem Briefe eines weiteren nachlesen mag, eigentlich
       nur seine  Pietät für  Herrn Arnold  Ruge mit  seiner Pietät  für
       Herrn Bruno  Bauer vermitteln.  Dieser Vermittelungsversuch macht
       seinem  guten   Herzen  Ehre.  Er  bildet  aber  keinenfalls  ein
       m a s s e n h a f t e s   I n t e r e s s e.  Der zuletzt auftre-
       tende Korrespondent  endlich war  nicht mehr  w i r k l i c h e s
       Glied der Masse, er war ein Katechumene der kritischen Kritik.
       Überhaupt ist  die   M a s s e  ein  u n b e s t i m m t e r  Ge-
       genstand, der daher weder eine bestimmte Aktion ausüben noch auch
       in ein  bestimmtes Verhältnis treten kann.  D i e  Masse, wie sie
       der Gegenstand  der kritischen  Kritik ist, hat nichts gemein mit
       den  w i r k l i c h e n  Massen, die wieder sehr massenhafte Ge-
       gensätze unter  sich bilden.   I h r e   Masse ist von ihr selbst
       "gemacht", wie wenn ein Naturforscher, statt von bestimmten Klas-
       sen zu reden,  d i e  Klasse sich gegenüberstellte.
       Außer dieser   a b s t r a k t e n   Masse,  ihrem eignen Hirnge-
       spinst, bedarf  die   k r i t i s c h e   K r i t i k  daher noch
       einer   b e s t i m m t e n,   empirisch aufweisbaren, nicht bloß
       vorgeschützten  M a s s e,  um einen wirklich massenhaften Gegen-
       satz zu  besitzen. Diese  Masse  muß  in  der  kritischen  Kritik
       zugleich ihr   W e s e n  und zugleich die  V e r n i c h t u n g
       i h r e s   W e s e n s   erblicken. Sie  muß  kritische  Kritik,
       Nicht-Masse sein   w o l l e n,   ohne  es sein  zu  k ö n n e n.
       Diese kritisch-unkritische  Masse ist  die obenerwähnte "Berliner
       Couleur". Auf  eine Berliner  Couleur reduziert  sich die mit der
       kritischen Kritik ernstlich beschäftigte Masse der Menschheit.
       Die "Berliner  Couleur", der  "wesentliche Gegenstand" der kriti-
       schen Kritik,  mit dem  sie immer in Gedanken beschäftigt ist und
       den sie  immer in  Gedanken mit  sich beschäftigt sieht, besteht,
       soviel    wir     wissen,    aus     wenigen    ci-devant     1*)
       J u n g h e g e l i a n e r n,   denen die  kritische Kritik, wie
       sie
       -----
       1*) ehemaligen
       
       #165# Die heilige Familie - VII.Kapitel
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       behauptet, teils  den   h o r r o r   v a c a u i  1*), teils das
       Gefühl   d e r   N i c h t i g k e i t  einflößt. Wir untersuchen
       nicht den Tatbestand, wir verlassen uns auf die Äußerungen  d e r
       Kritik.
       Die   K o r r e s p o n d e n z   ist nun  hauptsächlich dazu be-
       stimmt, dem  Publikum dieses  w e l t h i s t o r i s c h e  Ver-
       hältnis   d e r  Kritik zu der "Berliner Couleur"  w e i t l ä u-
       f i g   auseinanderzusetzen, seine  tiefe Bedeutung zu enthüllen,
       die  notwendige   Grausamkeit  der  Kritik  gegen  diese  "Masse"
       darzutun und endlich den Schein hervorzubringen, als sei  a l l e
       W e l t   um diesen  Gegensatz ängstlich  bemüht, indem  sie bald
       für, bald  gegen das  Verfahren   d e r   Kritik sich  äußert. So
       schreibt die  a b s o l u t e  Kritik z.B. einem Korrespondenten,
       der die Partei der "Berliner Couleur" nimmt:
       
       "Dergleichen Dinge  habe ich   s c h o n  s o  o f t  gehört, daß
       ich gar nicht mehr darauf Rücksicht zu nehmen beschlossen hatte."
       
       Die Welt  ahnt nicht, wie oft sie sich mit  d e r g l e i c h e n
       kritischen Dingen zu schaffen machte.
       Hören wir nun, wie ein Glied der  k r i t i s c h e n  Masse über
       die Berliner Couleur berichtet:
       
       "'Wenn einer  die Bauers anerkennt'" (man muß die heilige Familie
       immer pêle-mêle  2*) anerkennen),  "begann seine Antwort, 'so bin
       ich es:  aber die  "Literatur-Zeitung"! Alles, was recht ist!' Es
       war mir  interessant zu hören, was einer dieser Radikalen, dieser
       Klugen von Anno 42 über Euch dächte ..."
       
       Es wird  nun berichtet,  daß der  Unglückliche  allerlei  an  der
       "Literatur-Zeitung" zu tadeln hatte.
       Die Novelle des Herrn Edgar, "Die drei Biedermänner", fand er roh
       und outriert.  Er begriff nicht, daß  d i e  Z e n s u r  weniger
       ein Kampf  Mann an Mann, weniger ein Kampf nach außen als ein in-
       nerlicher ist. Sie geben sich nicht die Mühe, in sich selbst ein-
       zukehren und  an  die  Stelle  der    z e n s u r w i d r i g e n
       P h r a s e   d e n   f e i n   durchgeführten, nach allen Seiten
       hin auseinandergelegten  k r i t i s c h e n  G e d a n k e n  zu
       setzen. Den  Aufsatz des Herrn Edgar über Beraud fand er ungründ-
       lich. Der kritische Berichterstatter findet ihn gründlich. Er ge-
       steht zwar  selbst: "Ich kenne Bérauds Buch -  n i c h t."  Dage-
       gen   g l a u b t   er, daß  es Herrn Edgar  g e l u n g e n  ist
       etc., und  der Glaube macht bekanntlich selig. "Überhaupt", fährt
       der kritische  Gläubige fort,  "ist er (der von der Berliner Cou-
       leur) mit Edgars Sachen  g a r  n i c h t  r e c h t  zufrieden."
       Er findet  auch "Proudhon  nicht mit genug  g r ü n d l i c h e m
       Ernste behandelt".  Hier nun  erteilt der  Berichterstatter Herrn
       Edgar das Testimomum:
       -----
       1*) Schauder vor dem Leeren - 2*) in Bausch und Bogen
       
       #166# Friedrich Engels und Karl Marx
       -----
       "I c h   k e n n e   n u n  z w a r  (!?) Proudhon, ich  w e i ß,
       daß  die   Darstellung  Edgars  die    c h a r a k t e r i s t i-
       s c h e n   Punkte aus  ihm genommen  und auf  anschauliche Weise
       nebeneinandergestellt hat."
       
       Der einzige  Grund, warum  Herrn Edgars  so  v o r t r e f f l i-
       c h e   Kritik Proudhons  nicht gefällt,  kann nach  dem Bericht-
       erstatter nur  der sein,  daß Herr Edgar keine  ü b e l n  W i n-
       d e  gegen das Eigentum  l o s g e l a s s e n.  Ja, man bedenke,
       der Gegner  findet Herrn  Edgars Aufsatz  über die Union ouvrière
       u n b e d e u t e n d.   Der  Berichterstatter  vertröstet  Herrn
       Edgar:
       
       "Natürlich, es  ist ja  darin nichts    S e l b s t ä n d i g e s
       gegeben, und  diese Leute  haben sich  wirklich auf den  G r u p-
       p e s c h e n   Standpunkt,  auf  dem  sie  freilich    i m m e r
       s t a n d e n,   zurückbegeben. Geben,  geben,   g e b e n   soll
       d i e  Kritik!"
       
       Als habe  die Kritik  nicht ganz neue linguistische, historische,
       philosophische, nationalökonomische,  juristische Erfindungen ge-
       geben! Und  sie ist so bescheiden, sich sagen zu lassen, sie gebe
       nichts   S e l b s t ä n d i g e s!  Selbst unser kritischer Kor-
       respondent hat  der bisherigen Mechanik Unbekanntes gegeben, wenn
       er Leute  auf   d e n s e l b e n   Standpunkt, auf dem sie immer
       s t a n d e n,   z u r ü c k k e h r e n   läßt. Ungeschickt  ist
       die Erinnerung  an den  G r u p p e s c h e n  Standpunkt. Gruppe
       fragte in  seiner sonst elenden und nicht nennenswert^! Broschüre
       bei  Herrn   Bruno  an,   was  er   nun   Kritisches   über   die
       s p e k u l a t i v e   L o g i k  zu geben habe? Herr Bruno wies
       ihn an kommende Geschlechter, und -
       
       "ein Narr wartet auf die Antwort" [61].
       
       Wie Gott schon den ungläubigen Pharao dadurch strafte, daß er ihn
       verstockten Herzens  machte und  seiner  Erleuchtung    n i c h t
       w e r t  e r a c h t e t e,  so versichert der Berichterstatter:
       
       "Sie sind daher auch  g a r  n i c h t  w e r t,  in Eurer 'Lite-
       ratur-Zeitung' den Inhalt zu sehen oder zu erkennen."
       
       Und statt  seinem Freunde  Edgar  anzuraten,  sich  Gedanken  und
       Kenntnisse zu verschaffen, gibt er den Rat:
       
       "Edgar möge  sich einen   P h r a s e n s a c k   anschaffen  und
       künftig bei  seinen Aufsätzen  blind hineingreifen, um einen beim
       Publikum anklingenden Stil zu erhalten."
       
       Außer den  Versicherungen von einer "gewissen Wut, Mißliebigkeit,
       Inhaltslosigkeit, Gedankenlosigkeit, Ahnung der Sache, hinter die
       sie nicht  kommen können,  Gefühl der  Nichtigkeit" -  alle diese
       Epitheta, versteht sich, gelten der Berliner Couleur - werden der
       heiligen Familie Elogen wie folgende gemacht:
       
       #167# Die heilige Familie - VII. Kapitel
       -----
       "Die Sache  durchdringende Leichtigkeit  der Behandlung,  die Be-
       herrschung der  Kategorien, die durch Studium gewonnene Einsicht,
       kurz, die  H e r r s c h a f t  über  d i e  Gegenstände. Er (der
       von der Berliner Couleur) macht es sich mit der Sache leicht, Ihr
       macht die  Sache leicht."  Oder: "Ihr  übt in der 'Literatur-Zei-
       tung' die reine, darstellende, die Sache ergreifende Kritik."
       
       Schließlich heißt's:
       
       "Ich habe  Euch das  alles so  weitläufig geschrieben,  weil  ich
       weiß, daß ich Euch durch Mitteilungen der Ansichten meines Freun-
       des   e i n e   F r e u d e   mache. Ihr  seht  daraus,  daß  die
       'Literatur-Zeitung' ihren Zweck erfüllt."
       Ihr Zweck  ist ihr  Gegensatz zur  Berliner  Couleur.  Haben  wir
       soeben die   P o l e m i k   der   B e r l i n e r  C o u l e u r
       gegen die  kritische Kritik und ihre Zurechtweisung für diese Po-
       lemik erlebt, so wird uns nun in doppelter Weise ihr Streben nach
       der Erbarmung der kritischen Kritik geschildert.
       Ein Korrespondent schreibt:
       
       "Meine Bekannten in Berlin sagten mir, als ich Anfang dieses Jah-
       res dort  war, daß Sie alles von sich zurückstießen und fernhiel-
       ten, sich ganz vereinsamten und jede Annäherung, jeden Umgang mit
       Geflissentlichkeit vermeiden.  Ich kann  natürlich nicht  wissen,
       auf welcher Seite die Schuld ist."
       
       Die  a b s o l u t e  Kritik antwortet:
       
       "Die Kritik macht  k e i n e  P a r t e i,  will keine Partei für
       sich haben,  sie ist   e i n s a m   -  einsam, indem sie sich in
       i h r e n   (!) Gegenstand  vertieft, einsam,  indem sie sich ihm
       gegenüberstellt. Sie  l ö s t  s i c h  v o n   a l l e m  ab."
       
       Wie die  kritische Kritik  sich über alle dogmatischen Gegensätze
       zu erheben  meint, indem  sie an die Stelle der wirklichen Gegen-
       sätze  den  eingebildeten  ihrer    s e l b s t    u n d    d e r
       W e l t,   d e s  h e i l i g e n  G e i s t e s  und der  p r o-
       f a n e n   M a s s e   setzt, so  glaubt sie  sich  ü b e r  die
       P a r t e i e n     zu  erheben,   indem  sie    u n t e r    den
       P a r t e i s t a n d p u n k t     herabfällt,  indem  sie  sich
       selbst als   P a r t e i   der übrigen Menschheit gegenüberstellt
       und alles Interesse in der Persönlichkeit des Herrn Bruno & Comp.
       konzentriert.   Daß    die   Kritik   in   der   Einsamkeit   der
       A b s t r a k t i o n   thront, daß  sie selbst,  wenn  sie  sich
       scheinbar mit einem  G e g e n s t a n d,  beschäftigt, nicht aus
       ihrer  gegenstandslosen   Einsamkeit  heraus   in  ein   wahrhaft
       g e s e l l s c h a f t l i c h e s       Verhältnis   zu   einem
       w i r k l i c h e n   G e g e n s t a n d   tritt,  weil    i h r
       G e g e n s t a n d   nur  der  Gegenstand    i h r e r    E i n-
       b i l d u n g,   nur ein  eingebildeter Gegenstand ist: die Wahr-
       heit dieses kritischen  G e s t ä n d n i s s e s  beweist unsere
       ganze Darstellung.  Ebenso richtig  bestimmt  sie  den  Charakter
       ihrer     A b s t r a k t i o n     als  der    a b s o l u t e n
       Abstraktion dahin,  daß "sie  sich,    v o n    a l l e m    a b-
       l ö s t",   also eben  diese Ablösung  des   N i c h t s    v o n
       a l l e m,   von   a l l e m   Denken, Anschauen  etc., der  a b-
       s o l u t e   U n s i n n   ist. Die  Einsamkeit übrigens, welche
       durch
       
       #168# Friedrich Engels und Karl Marx
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       die Ablösung,  Abstraktion von   a l l e m   erreicht  wird,  ist
       ebensowenig frei  von dem  Gegenstand, wovon sie abstrahiert, als
       O r i g e n e s   frei von dem  Z e u g u n g s g l i e d e  war,
       das er von sich  a b l ö s t e.
       Ein anderer  Korrespondent beginnt  damit, daß er  e i n e n  von
       der "Berliner  Couleur", den  er gesehen und gesprochen habe, als
       "mißmutig", "gedrückt", "nicht mehr den Mund auftun könnend", der
       sonst immer  mit einem  "recht  f r e c h e n  Worte bei der Hand
       gewesen sei",  als  "kleinmütig"  schildert.  Dies  Mitglied  der
       "Berliner Couleur"  erzählt dem  Korrespondenten, der seinerseits
       der Kritik referiert:
       
       "Er könne  nicht begreifen,  wie Leute  wie Ihr  beide, die  doch
       sonst dem  Humanitätsprinzip huldigten,  sich so abschließend, so
       abstoßend, ja hochmütig benehmen könnten." Er wisse nicht, "warum
       es einige gibt, die, wie  e s  scheint, absichtlich eine Spaltung
       hervorrufen. Wir  stehen doch alle auf demselben Standpunkte, wir
       h u l d i g e n   alle dem  Extrem, der  Kritik, sind alle fähig,
       einen extremen  Gedanken, wenn  auch nicht  zu erzeugen,  so doch
       aufzufassen und  anzuwenden." Er  "finde bei dieser Spaltung kein
       anderes leitendes Prinzip als Egoismus und Hochmut".
       
       Nun legt der Korrespondent ein gutes Wort ein:
       
       "Haben denn  nicht wenigstens einige unter unsern Freunden  d i e
       Kritik erfaßt,  oder vielleicht   d e n   g u t e n   W i l l e n
       d e r   K r i t i k   ... 'ut  desint vires,  tarnen est laudanda
       voluntas' 1*)."
       
       D i e  Kritik antwortet durch folgende  A n t i t h e s e n  zwi-
       schen sich und der Berliner Couleur:
       "Es seien  v e r s c h i e d e n e  Standpunkte der Kritik." Jene
       "glaubten die  Kritik in  der Tasche  zu haben",  sie "kenne  und
       wende wirklich  die Macht  der Kritik  an", d.h.  sie behalte sie
       nicht in der Tasche. Für die erste sei die Kritik reine Form, für
       sie dagegen das  "I n h a l t v o l l s t e,  vielmehr das einzig
       I n h a l t v o l l e".   Wie das absolute Denken sich selbst als
       für alle  Realität gilt,  s o  die kritische Kritik. Sie erblickt
       daher  a u ß e r  s i c h  keinen Inhalt, sie ist daher nicht die
       Kritik    w i r k l i c h e r,    außer  dem  kritischen  Subjekt
       hausender Gegenstände,  sie   m a c h t  vielmehr den Gegenstand,
       sie ist absolutes  S u b j e k t - O b j e k t.  Weiter! "Die er-
       ste Art  der Kritik  setze sich  mit Redensarten über alles, über
       das Studium  der Sachen  hinweg, und die zweite löse sich mit Re-
       densarten    v o n    a l l e m    a b."    Die  erstere    i s t
       "unwissend klug",   d i e   zweite  ist "lernend". Die zweite ist
       allerdings unklug  und lernt par ça, par là 2*), aber nur schein-
       bar, aber  nur, um das oberflächlich Erlernte als selbsterfundene
       Weisheit zum  "Stichwort" gegen  die Masse,  von der sie gelernt,
       schleudern und  es in kritisch-kritischen Unsinn auflösen zu kön-
       nen.
       -----
       1*) 'Fehlen auch  die Kräfte,  so ist  doch der Wille zu loben' -
       2*) hier und da
       
       #169# Die heilige Familie - VII. Kapitel
       -----
       "Der ersteren sind Worte wie 'Extrem', 'weitergehen', 'nicht weit
       genug gehen' von Bedeutung und höchste angebetete Kategorien, die
       andere  e r g r ü n d e t  d i e  S t a n d p u n k t e  und wen-
       det nicht die  M a ß e  jener abstrakten Kategorien auf sie an."
       
       Die Ausrufungen  der Kritik Nr. 2, es sei nicht mehr die Rede von
       der Politik,  die Philosophie  sei abgetan, ihr Hinwegsetzen über
       soziale  Systeme   und  Entwickelungen  durch  Worte  wie  "phan-
       tastisch", "utopisch"  etc., was  ist das  alles anders  als eine
       k r i t i s c h - e m e n d i e r t e     Wendung  des   "Weiter-
       gehens", "Nicht-weit-genug-Gehens"?  Und ihre "Maße", wie  "d i e
       Geschichte",   "d i e Kritik",  "Zusammenfassen der Gegenstände",
       "das Alte  und das Neue", "Kritik und Masse", "die Ergründung der
       Standpunkte" -  kurz,  alle  ihre  Stichworte,  sind  etwa  keine
       k a t e g o r i s c h e n  und abstrakt kategorischen  M a ß e!?
       
       "Die erstere ist theologisch, boshaft, neidisch, kleinlich, anma-
       ßend, die andere das  G e g e n t e i l  von alledem."
       
       Nachdem  d i e  Kritik auf diese Weise sich in einem Atemzuge ein
       Dutzend Lobsprüche  gespendet hat und alles das von sich aussagt,
       was der  Berliner Couleur abgeht, wie Gott alles das  i s t,  was
       der   M e n s c h  n i c h t  i s t,  stellt sie sich das Zeugnis
       aus:
       
       "Sie erreichte  eine Klarheit,  eine Lernbegierde,  eine Ruhe, in
       der sie    u n a n g r e i f b a r    und    u n ü b e r w i n d-
       l i c h  ist."
       
       Sie kann  daher  über  ihren  Gegensatz,  die  Berliner  Couleur,
       "höchstens das  Geschäft des  o l y m p i s c h e n  G e l ä c h-
       t e r s   auf sich  nehmen". Dieses   A u s l a c h e n    -  mit
       gewohnter Gründlichkeit  entwickelt sie, was dieses Auslachen ist
       und was  es nicht  ist -  "dieses Auslachen  ist  kein  Hochmut".
       Beileibe nicht!  Es ist die Negation der Negation. Es ist  "n u r
       d e r  P r o z e ß,  den  d e r  K r i t i k e r  mit Behagen und
       Seelenruhe gegen einen  u n t e r g e o r d n e t e n  S t a n d-
       p u n k t,  der sich ihm  g l e i c h  d ü n k t"  - welcher Dün-
       kel! -  "anwenden muß".  Also wenn   d e r   Kritiker  lacht,  so
       w e n d e t   er einen   P r o z e ß   an! Und in seiner "Seelen-
       ruhe" wendet  er den   P r o z e ß   d e s   L a c h e n s  nicht
       gegen    P e r s o n e n,    sondern  gegen,  einen    S t a n d-
       p u n k t!   Selbst das   L a c h e n   ist   e i n e    K a t e-
       g o r i e,  die er anwendet und gar anwenden  m u ß!
       Die  a u ß e r w e l t l i c h e   Kritik ist keine  W e s e n s-
       t ä t i g k e i t   des  w i r k l i c h e n,  darum in der  g e-
       g e n w ä r t i g e n  Gesellschaft lebenden, leidenden, an ihren
       Qualen  und   Freuden  teilnehmenden      m e n s c h l i c h e n
       S u b j e k t s.   Das  w i r k l i c h e  Individuum ist nur ein
       A k z i d e n s,   ein irdisches Gefäß  d e r  kritischen Kritik,
       die sich  in ihm  als die  e w i g e  S u b s t a n z  offenbart.
       Nicht die  Kritik des  menschlichen Individuums,  sondern   d a s
       u n m e n s c h l i c h e   I n d i v i d u u m   d e r    K r i-
       t i k   ist Subjekt.  Nicht die  Kritik ist eine  Ä u ß e r u n g
       d e s  M e n s c h e n,  sondern der Mensch
       
       #170# Friedrich Engels und Karl Marx
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       eine   E n t ä u ß e r u n g   d e r   K r i t i k,  der Kritiker
       lebt daher völlig außer der Gesellschaft.
       
       "Kann der  Kritiker in derjenigen Gesellschaft leben, die er kri-
       tisiert?"
       
       Vielmehr: Muß er nicht in dieser Gesellschaft leben, muß er nicht
       selbst  eine   Lebensäußerung  dieser  Gesellschaft  sein?  Warum
       v e r k a u f t   der Kritiker seine Geistesprodukte, da er hier-
       mit das  schlechteste Gesetz  der heutigen  Gesellschaft  zu  dem
       seinigen macht?
       
       "D e r   Kritiker darf  es nicht einmal wagen, sich  p e r s ö n-
       l i c h  in die Gesellschaft einzulassen."
       
       Darum bildet  er sich  eine   h e i l i g e   F a m i l i e,  wie
       auch der  einsame Gott  in der heiligen Familie seine langweilige
       Trennung von  aller Gesellschaft  aufzuheben trachtet.  Wenn  der
       Kritiker  sich   von  der     s c h l e c h t e n    G e s e l l-
       s c h a f t   l o s m a c h e n  w i l l,  s o  mache er sich vor
       allem von  der  G e s e l l s c h a f t  s e i n e r  s e l b s t
       los.
       
       "So entbehrt  der Kritiker  a l l e r  F r e u d e n  d e r  G e-
       s e l l s c h a f t,   aber auch   i h r e   L e i d e n  bleiben
       ihm fern.  Er kennt   w e d e r   F r e u n d s c h a f t"  - mit
       Ausnahme der kritischen Freunde - "noch Liebe" - mit Ausnahme der
       S e l b s t l i e b e   -, "dafür  prallt  aber  die  Verleumdung
       machtlos an  ihm ab; nichts kann ihn beleidigen; ihn berührt kein
       Haß, kein  Neid; Ärger und Gram 1*) sind ihm  u n b e k a n n t e
       A f f e k t e."
       
       Kurz, der  Kritiker ist  frei von  allen  m e n s c h l i c h e n
       L e i d e n s c h a f t e n,   er  ist  eine    g ö t t l i c h e
       P e r s o n,  er kann von sich das Lied der Nonne singen:
       
       Ich gedenk' an keine Liebe;
       Ich gedenk' an keinen Mann,
       Ich gedenk' an Gott den Vater,
       Der mich erhalten kann. [62]
       
       Es ist der Kritik nicht gegeben, irgendeinen Passus zu schreiben,
       ohne sich zu widersprechen. So sagt sie uns schließlich:
       
       "Das Philistertum, das den Kritiker mit Steinen wirft" - nach bi-
       blischer Analogie  muß er  gesteinigt werden ", "das ihn mißkennt
       und ihm   u n r e i n e   Motive unterschiebt" - der  r e i n e n
       Kritik   u n r e i n e   Motive unterzuschieben!  -, "um    i h n
       s i c h   g l e i c h  zu machen" - der oben gerügte Gleichheits-
       dünkel -  "es wird von ihm  n i c h t  v e r l a c h t,  denn das
       ist es  nicht wert,  sondern durchschaut  und von ihm mit Ruhe in
       seine unbedeutende Bedeutendheit zurückgewiesen."
       
       Mehr oben   m u ß t e   der  Kritiker den    P r o z e ß    d e s
       A u s l a c h e n s  gegen den sich "gleichdünkenden, untergeord-
       neten Standpunkt  anwenden". Die Unklarheit der kritischen Kritik
       über ihre Verfahrungsweise gegen die gottlose
       -----
       1*) In der "Allgemeinen Literatur-Zeitung": Grimm
       
       #171# Die heilige Familie - VII. Kapitel
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       "Masse" scheint  fast auf  eine innerliche  Gereiztheit, auf eine
       Galle hinzudeuten,  für welche  die "Affekte" keine "Unbekannten"
       sind.
       Man darf indes nicht verkennen. Nachdem die Kritik bisher als ein
       Herkules gekämpft,  um sich von der unkritischen "profanen Masse"
       und "allem"   a b z u l ö s e n,   hat  sie endlich  ihre  e i n-
       s a m e,  g ö t t l i c h e,  s e l b s t g e n ü g s a m e  a b-
       s o l u t e   Existenz glücklich  herausgearbeitet. Wenn  in  dem
       ersten Aussprechen  dieser ihrer  "neuen Phase" die alte Welt der
       s ü n d l i c h e n   A f f e k t e   über sie  selbst noch  eine
       Macht  zu   haben  scheint,  so  werden  wir  sie  nun  in  einer
       "K u n s t g e s t a l t"  ihre ästhetische Abkühlung und  V e r-
       k l ä r u n g  finden und ihre  B u ß e  vollbringen sehen, damit
       sie endlich  als zweiter,  triumphierender   C h r i s t u s  das
       k r i t i s c h e   j ü n g s t e  G e r i c h t  feiern und nach
       ihrem Sieg über den Drachen ruhig zum Himmel fahren könne.

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