Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846


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       #253#
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       Das industrielle Proletariat
       
       Die Reihenfolge,  nach der  wir die  verschiedenen Sektionen  des
       Proletariats zu  betrachten haben, ergibt sich von selbst aus der
       vorhergehenden Geschichte  seiner Entstehung. Die ersten Proleta-
       rier gehörten  der Industrie  an und  wurden direkt durch sie er-
       zeugt; die  i n d u s t r i e l l e n  A r b e i t e r,  diejeni-
       gen, die  sich mit  der Verarbeitung von Rohstoffen beschäftigen,
       werden also zunächst unsre Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Die
       Erzeugung des  industriellen Materials,  der Roh- und Brennstoffe
       selbst, wurde erst infolge des industriellen Umschwungs bedeutend
       und konnte  so ein  neues Proletariat hervorbringen:  d i e  A r-
       b e i t e r   i n   d e n   K o h l e n g r u b e n   und    M e-
       t a l l b e r g w e r k e n.  In dritter Instanz wirkte die Indu-
       strie auf den  A c k e r b a u  und in vierter auf Irland zurück,
       und  demgemäß  ist  auch  den  dahin  gehörenden  Fraktionen  des
       Proletariats ihre Stelle anzuweisen. Wir werden auch finden, daß,
       etwa mit  Ausnahme der  Irländer, der  Bildungsgrad der verschie-
       denen Arbeiter genau im Verhältnis zu ihrem Zusammenhange mit der
       Industrie steht  und daß  also die industriellen Arbeiter am mei-
       sten, die  bergbauenden schon  weniger und die ackerbauenden noch
       fast gar  nicht über  ihre Interessen aufgeklärt sind. Wir werden
       selbst unter  den industriellen  Proletariern  diese  Reihenfolge
       wiederfinden und  sehn, wie  die Fabrikarbeiter,  diese  ältesten
       Kinder der  industriellen Revolution, von Anfang an bis jetzt der
       Kern der  Arbeiterbewegung gewesen  sind und wie die übrigen ganz
       in demselben  Maße sich  der Bewegung anschlössen, in welchem ihr
       Handwerk von  dem Umschwung  der Industrie  ergriffen wurde;  wir
       werden so  an dem Beispiel Englands, an dem gleichen Schritt, den
       die Arbeiterbewegung  mit der  industriellen Bewegung  hielt, die
       geschichtliche Bedeutung der Industrie verstehen lernen.
       Da aber  in diesem  Augenblick so ziemlich das ganze industrielle
       Proletariat von  der Bewegung  ergiffen ist und die Lage der ein-
       zelnen Sektionen,  eben weil  sie alle industriell sind, viel Ge-
       meinsames hat, so werden wir dies vorweg durchzunehmen haben, da-
       mit wir  später jede einzelne Verzweigung desto schärfer in ihrer
       Eigentümlichkeit betrachten können.
       
       #254# Friedrich Engels
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       Schon oben  wurde angedeutet, wie die Industrie den Besitz in den
       Händen weniger zentralisiert. Sie erfordert große Kapitalien, mit
       denen sie  kolossale Etablissements  errichtet  und  dadurch  die
       kleine, handwerksmäßige  Bourgeoisie ruiniert - und mit denen sie
       sich die Naturkräfte dienstbar macht, um den einzelnen Handarbei-
       ter aus  dem Markte  zu schlagen. Die Teilung der Arbeit, die Be-
       nutzung der  Wasser- und  besonders der Dampfkraft und der Mecha-
       nismus der  Maschinerie -  das sind  die drei  großen Hebel,  mit
       denen die Industrie seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts daran
       arbeitet, die Welt aus ihren Fugen zu heben. Die kleine Industrie
       schuf die  Mittelklasse, die  große schuf  die Arbeiterklasse und
       hob die wenigen Auserwählten der Mittelklasse auf den Thron, aber
       nur um sie einst desto sicherer zu stürzen. Einstweilen indes ist
       es ein  nicht geleugnetes  und leicht erklärbares Faktum, daß die
       zahlreiche kleine  Mittelklasse der  "guten alten Zeit" durch die
       Industrie zerstört  und in  reiche Kapitalisten auf der einen und
       arme Arbeiter auf der ändern Seite aufgelöst ist. *)
       Die zentralisierende  Tendenz der  Industrie bleibt  aber hierbei
       nicht stehen.  Die Bevölkerung  wird ebenso zentralisiert wie das
       Kapital; ganz  natürlich, denn  in der Industrie wird der Mensch,
       der Arbeiter, nur als ein Stück Kapital angesehen, dem der Fabri-
       kant dafür,  daß es ihm zur Benutzung sich hingibt, Zinsen, unter
       dem Namen Arbeitslohn, erstattet. Das industrielle große Etablis-
       sement erfordert  viele Arbeiter,  die zusammen  in einem Gebäude
       arbeiten; sie  müssen zusammen wohnen, sie bilden schon bei einer
       mäßigen Fabrik  ein Dorf. Sie haben Bedürfnisse und zur Befriedi-
       gung derselben  andere Leute  nötig; Handwerker, Schneider, Schu-
       ster, Bäcker,  Maurer und Schreiner ziehen sich hin. Die Bewohner
       des Dorfs, namentlich die jüngere Generation, gewöhnt sich an die
       Fabrikarbeit, wird  mit ihr  vertraut, und wenn die erste Fabrik,
       wie sich  versteht, nicht  alle beschäftigen  kann, so  fällt der
       Lohn, und  die Ansiedlung  neuer Fabrikanten ist die Folge davon.
       So wird  aus dem  Dorf eine  kleine Stadt,  aus der kleinen Stadt
       eine große.  Je größer  die Stadt,  desto größer die Vorteile der
       Ansiedlung. Man hat Eisenbahnen, Kanäle und Landstraßen; die Aus-
       wahl zwischen den erfahrnen Arbeitern wird immer größer; man kann
       neue Etablissements  wegen der Konkurrenz unter den Bauleuten und
       Maschinenfabrikanten, die  man gleich  bei der Hand hat, billiger
       anlegen als  in einer entferntem Gegend, wohin Bauholz, Maschine-
       rie, Bauleute  und Fabrikarbeiter  erst transportiert werden müs-
       sen; man hat einen
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       *) Vgl. hierüber  meine "Umrisse zu einer Kritik der Nationalöko-
       nomie" in  den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern"' [81]. In die-
       sem Aufsatz  wird von  der "freien  Konkurrenz" ausgegangen; aber
       die Industrie  ist nur die Praxis der freien Konkurrenz und diese
       nur das Prinzip der Industrie.
       
       #255# Lage der arbeitenden Klasse...·Das industrielle Proletariat
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       Markt, eine  Börse, an  der sich die Käufer drängen; man steht in
       direkter Verbindung  mit den  Märkten, die das rohe Material lie-
       fern oder die fertige Ware abnehmen. Daher die wunderbar schnelle
       Vermehrung der  großen Fabrikstädte.  Allerdings hat  das  platte
       Land dagegen  wieder den  Vorteil, daß  dort gewöhnlich  der Lohn
       billiger ist;  das platte  Land und die Fabrikstadt bleiben so in
       fortwährender Konkurrenz,  und wenn  heute der  Vorteil auf Seite
       der Stadt  ist, so  sinkt morgen draußen der Lohn wieder so viel,
       daß neue  Anlagen auf dem Lande sich vorteilhafter anbringen las-
       sen. Aber dabei bleibt die zentralisierende Tendenz der Industrie
       doch in voller Kraft, und jede neue Fabrik, die auf dem Lande an-
       gelegt wird, trägt den Keim zu einer Fabrikstadt in sich. Wäre es
       möglich, daß  dies tolle  Treiben der  Industrie noch  einhundert
       Jahre so  voranginge, so  würde jeder  der industriellen  Bezirke
       Englands eine  einzige große  Fabrikstadt sein und Manchester und
       Liverpool bei  Warrington oder Newton sich begegnen; denn auch im
       Handel wirkt  diese Zentralisation  der Bevölkerung ganz auf die-
       selbe Weise,  und darum  monopolisieren ein  paar große Häfen wie
       Liverpool, Bristol,  Hull und  London fast ganz den Seehandel des
       britischen Reichs.
       Da in diesen großen Städten die Industrie und der Handel am voll-
       ständigsten zu ihrer Entwicklung kommen, so treten also auch hier
       ihre Konsequenzen  in bezug  auf das  Proletariat am deutlichsten
       und offensten  hervor. Hier  ist die  Zentralisatioh des Besitzes
       auf den  höchsten Punkt  gekommen; hier  sind die Sitten und Ver-
       hältnisse der  guten alten Zeit am gründlichsten vernichtet; hier
       ist man weit genug gekommen, um sich bei dem Namen Old merry Eng-
       land 1)  gar nichts  mehr denken zu können, weil man das Old Eng-
       land selbst  nicht einmal  aus der Erinnerung und den Erzählungen
       der Großeltern  mehr kennt. Daher gibt es hier auch nur eine rei-
       che und  eine arme Klasse, denn die kleine Bourgeoisie verschwin-
       det mit  jedem Tage  mehr. Sie,  die stabilste Klasse früher, ist
       jetzt die beweglichste geworden; sie besteht nur noch aus den we-
       nigen Trümmern  einer vergangenen  Zeit und einer Anzahl von Leu-
       ten, die  sich gern  ein Vermögen machen wollen, kompletten Indu-
       strierittern und  Spekulanten, von  denen einer  reich  wird,  wo
       neunundneunzig Bankerott  machen und wo von diesen neunundneunzig
       mehr als die Hälfte nur vom Bankerottieren leben.
       Die ungeheure Mehrzahl in diesen Städten bilden aber die Proleta-
       rier, und  wie es  diesen ergeht, welchen Einfluß die große Stadt
       auf sie ausübt, werden wir jetzt untersuchen.
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       1*) Altes glückliches England

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