Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846
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Das industrielle Proletariat
Die Reihenfolge, nach der wir die verschiedenen Sektionen des
Proletariats zu betrachten haben, ergibt sich von selbst aus der
vorhergehenden Geschichte seiner Entstehung. Die ersten Proleta-
rier gehörten der Industrie an und wurden direkt durch sie er-
zeugt; die i n d u s t r i e l l e n A r b e i t e r, diejeni-
gen, die sich mit der Verarbeitung von Rohstoffen beschäftigen,
werden also zunächst unsre Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Die
Erzeugung des industriellen Materials, der Roh- und Brennstoffe
selbst, wurde erst infolge des industriellen Umschwungs bedeutend
und konnte so ein neues Proletariat hervorbringen: d i e A r-
b e i t e r i n d e n K o h l e n g r u b e n und M e-
t a l l b e r g w e r k e n. In dritter Instanz wirkte die Indu-
strie auf den A c k e r b a u und in vierter auf Irland zurück,
und demgemäß ist auch den dahin gehörenden Fraktionen des
Proletariats ihre Stelle anzuweisen. Wir werden auch finden, daß,
etwa mit Ausnahme der Irländer, der Bildungsgrad der verschie-
denen Arbeiter genau im Verhältnis zu ihrem Zusammenhange mit der
Industrie steht und daß also die industriellen Arbeiter am mei-
sten, die bergbauenden schon weniger und die ackerbauenden noch
fast gar nicht über ihre Interessen aufgeklärt sind. Wir werden
selbst unter den industriellen Proletariern diese Reihenfolge
wiederfinden und sehn, wie die Fabrikarbeiter, diese ältesten
Kinder der industriellen Revolution, von Anfang an bis jetzt der
Kern der Arbeiterbewegung gewesen sind und wie die übrigen ganz
in demselben Maße sich der Bewegung anschlössen, in welchem ihr
Handwerk von dem Umschwung der Industrie ergriffen wurde; wir
werden so an dem Beispiel Englands, an dem gleichen Schritt, den
die Arbeiterbewegung mit der industriellen Bewegung hielt, die
geschichtliche Bedeutung der Industrie verstehen lernen.
Da aber in diesem Augenblick so ziemlich das ganze industrielle
Proletariat von der Bewegung ergiffen ist und die Lage der ein-
zelnen Sektionen, eben weil sie alle industriell sind, viel Ge-
meinsames hat, so werden wir dies vorweg durchzunehmen haben, da-
mit wir später jede einzelne Verzweigung desto schärfer in ihrer
Eigentümlichkeit betrachten können.
#254# Friedrich Engels
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Schon oben wurde angedeutet, wie die Industrie den Besitz in den
Händen weniger zentralisiert. Sie erfordert große Kapitalien, mit
denen sie kolossale Etablissements errichtet und dadurch die
kleine, handwerksmäßige Bourgeoisie ruiniert - und mit denen sie
sich die Naturkräfte dienstbar macht, um den einzelnen Handarbei-
ter aus dem Markte zu schlagen. Die Teilung der Arbeit, die Be-
nutzung der Wasser- und besonders der Dampfkraft und der Mecha-
nismus der Maschinerie - das sind die drei großen Hebel, mit
denen die Industrie seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts daran
arbeitet, die Welt aus ihren Fugen zu heben. Die kleine Industrie
schuf die Mittelklasse, die große schuf die Arbeiterklasse und
hob die wenigen Auserwählten der Mittelklasse auf den Thron, aber
nur um sie einst desto sicherer zu stürzen. Einstweilen indes ist
es ein nicht geleugnetes und leicht erklärbares Faktum, daß die
zahlreiche kleine Mittelklasse der "guten alten Zeit" durch die
Industrie zerstört und in reiche Kapitalisten auf der einen und
arme Arbeiter auf der ändern Seite aufgelöst ist. *)
Die zentralisierende Tendenz der Industrie bleibt aber hierbei
nicht stehen. Die Bevölkerung wird ebenso zentralisiert wie das
Kapital; ganz natürlich, denn in der Industrie wird der Mensch,
der Arbeiter, nur als ein Stück Kapital angesehen, dem der Fabri-
kant dafür, daß es ihm zur Benutzung sich hingibt, Zinsen, unter
dem Namen Arbeitslohn, erstattet. Das industrielle große Etablis-
sement erfordert viele Arbeiter, die zusammen in einem Gebäude
arbeiten; sie müssen zusammen wohnen, sie bilden schon bei einer
mäßigen Fabrik ein Dorf. Sie haben Bedürfnisse und zur Befriedi-
gung derselben andere Leute nötig; Handwerker, Schneider, Schu-
ster, Bäcker, Maurer und Schreiner ziehen sich hin. Die Bewohner
des Dorfs, namentlich die jüngere Generation, gewöhnt sich an die
Fabrikarbeit, wird mit ihr vertraut, und wenn die erste Fabrik,
wie sich versteht, nicht alle beschäftigen kann, so fällt der
Lohn, und die Ansiedlung neuer Fabrikanten ist die Folge davon.
So wird aus dem Dorf eine kleine Stadt, aus der kleinen Stadt
eine große. Je größer die Stadt, desto größer die Vorteile der
Ansiedlung. Man hat Eisenbahnen, Kanäle und Landstraßen; die Aus-
wahl zwischen den erfahrnen Arbeitern wird immer größer; man kann
neue Etablissements wegen der Konkurrenz unter den Bauleuten und
Maschinenfabrikanten, die man gleich bei der Hand hat, billiger
anlegen als in einer entferntem Gegend, wohin Bauholz, Maschine-
rie, Bauleute und Fabrikarbeiter erst transportiert werden müs-
sen; man hat einen
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*) Vgl. hierüber meine "Umrisse zu einer Kritik der Nationalöko-
nomie" in den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern"' [81]. In die-
sem Aufsatz wird von der "freien Konkurrenz" ausgegangen; aber
die Industrie ist nur die Praxis der freien Konkurrenz und diese
nur das Prinzip der Industrie.
#255# Lage der arbeitenden Klasse...·Das industrielle Proletariat
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Markt, eine Börse, an der sich die Käufer drängen; man steht in
direkter Verbindung mit den Märkten, die das rohe Material lie-
fern oder die fertige Ware abnehmen. Daher die wunderbar schnelle
Vermehrung der großen Fabrikstädte. Allerdings hat das platte
Land dagegen wieder den Vorteil, daß dort gewöhnlich der Lohn
billiger ist; das platte Land und die Fabrikstadt bleiben so in
fortwährender Konkurrenz, und wenn heute der Vorteil auf Seite
der Stadt ist, so sinkt morgen draußen der Lohn wieder so viel,
daß neue Anlagen auf dem Lande sich vorteilhafter anbringen las-
sen. Aber dabei bleibt die zentralisierende Tendenz der Industrie
doch in voller Kraft, und jede neue Fabrik, die auf dem Lande an-
gelegt wird, trägt den Keim zu einer Fabrikstadt in sich. Wäre es
möglich, daß dies tolle Treiben der Industrie noch einhundert
Jahre so voranginge, so würde jeder der industriellen Bezirke
Englands eine einzige große Fabrikstadt sein und Manchester und
Liverpool bei Warrington oder Newton sich begegnen; denn auch im
Handel wirkt diese Zentralisation der Bevölkerung ganz auf die-
selbe Weise, und darum monopolisieren ein paar große Häfen wie
Liverpool, Bristol, Hull und London fast ganz den Seehandel des
britischen Reichs.
Da in diesen großen Städten die Industrie und der Handel am voll-
ständigsten zu ihrer Entwicklung kommen, so treten also auch hier
ihre Konsequenzen in bezug auf das Proletariat am deutlichsten
und offensten hervor. Hier ist die Zentralisatioh des Besitzes
auf den höchsten Punkt gekommen; hier sind die Sitten und Ver-
hältnisse der guten alten Zeit am gründlichsten vernichtet; hier
ist man weit genug gekommen, um sich bei dem Namen Old merry Eng-
land 1) gar nichts mehr denken zu können, weil man das Old Eng-
land selbst nicht einmal aus der Erinnerung und den Erzählungen
der Großeltern mehr kennt. Daher gibt es hier auch nur eine rei-
che und eine arme Klasse, denn die kleine Bourgeoisie verschwin-
det mit jedem Tage mehr. Sie, die stabilste Klasse früher, ist
jetzt die beweglichste geworden; sie besteht nur noch aus den we-
nigen Trümmern einer vergangenen Zeit und einer Anzahl von Leu-
ten, die sich gern ein Vermögen machen wollen, kompletten Indu-
strierittern und Spekulanten, von denen einer reich wird, wo
neunundneunzig Bankerott machen und wo von diesen neunundneunzig
mehr als die Hälfte nur vom Bankerottieren leben.
Die ungeheure Mehrzahl in diesen Städten bilden aber die Proleta-
rier, und wie es diesen ergeht, welchen Einfluß die große Stadt
auf sie ausübt, werden wir jetzt untersuchen.
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1*) Altes glückliches England
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