Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846


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       #256#
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       Die großen Städte
       
       So eine  Stadt wie  London, wo man stundenlang wandern kann, ohne
       auch nur  an den  Anfang des Endes zu kommen, ohne dem geringsten
       Zeichen zu  begegnen, das auf die Nähe des platten Landes schlie-
       ßen ließe,  ist doch  ein eigen Ding. Diese kolossale Zentralisa-
       tion,  diese  Anhäufung  von  dritthalb  Millionen  Menschen  auf
       e i n e m  Punkt hat die Kraft dieser dritthalb Millionen verhun-
       dertfacht; sie  hat London  zur kommerziellen Hauptstadt der Welt
       erhoben, die  riesenhaften Docks  geschaffen und die Tausende von
       Schiffen versammelt,  die stets  die Themse  bedecken. Ich  kenne
       nichts Imposanteres  als den  Anblick, den  die Themse darbietet,
       wenn man  von der See nach London Bridge hinauffährt. Die Häuser-
       massen, die Werfte auf beiden Seiten, besonders von Woolwich auf-
       wärts, die  zahllosen Schiffe  an beiden  Ufern entlang, die sich
       immer dichter und dichter zusammenschließen und zuletzt nur einen
       schmalen Weg in der Mitte des Flusses frei lassen, einen Weg, auf
       dem hundert  Dampfschiffe aneinander  vorüberschießen - das alles
       ist so  großartig, so massenhaft, daß man gar nicht zur Besinnung
       kommt und  daß man  vor der  Größe Englands  staunt, noch ehe man
       englischen Boden betritt. *)
       Aber die  Opfer, die  alles das  gekostet hat,  entdeckt man erst
       später. Wenn  man sich  ein paar  Tage lang  auf dem Pflaster der
       Hauptstraßen herumgetrieben, sich mit Mühe und Not durch das Men-
       schengewühl, die  endlosen Reihen  von Wagen  und Karren durchge-
       schlagen, wenn man die "schlechten Viertel" der Weltstadt besucht
       hat, dann merkt man erst, daß diese Londoner das beste Teil ihrer
       Menschheit aufopfern  mußten, um alle die Wunder der Zivilisation
       zu vollbringen, von denen ihre Stadt wimmelt, daß hundert
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       *) (1892) Das war vor beinahe 50 Jahren, zur Zeit der malerischen
       Segelschiffe. Diese  liegen - soweit noch welche nach London kom-
       men -  jetzt in  den Docks,  die Themse  ist bedeckt von rußigen,
       häßlichen Dampfern.
       
       #257# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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       Kräfte, die  in ihnen  schlummerten, untätig  blieben und  unter-
       drückt wurden,  damit einige  wenige sich  voller entwickeln  und
       durch die  Vereinigung mit  denen  anderer  multipliziert  werden
       konnten. Schon  das Straßengewühl  hat etwas  Widerliches, etwas,
       wogegen sich  die menschliche Natur empört. Diese Hunderttausende
       von allen  Klassen und  aus allen Ständen, die sich da aneinander
       vorbeidrängen, sind  sie nicht   a l l e   Menschen mit denselben
       Eigenschaften und Fähigkeiten und mit demselben Interesse, glück-
       lich zu  werden? und  haben sie nicht  a l l e  ihr Glück am Ende
       doch durch  ein und  dieselben Mittel  und Wege zu erstreben? Und
       doch rennen sie aneinander vorüber, als ob sie gar nichts gemein,
       gar nichts  miteinander zu  tun hätten,  und doch ist die einzige
       Übereinkunft zwischen  ihnen die stillschweigende, daß jeder sich
       auf der Seite des Trottoirs hält, die ihm rechts liegt, damit die
       beiden aneinander vorbeischießenden Strömungen des Gedränges sich
       nicht gegenseitig  aufhalten; und  doch fällt  es keinem ein, die
       ändern auch nur eines Blickes zu würdigen. Die brutale Gleichgül-
       tigkeit, die gefühllose Isolierung jedes einzelnen auf seine Pri-
       vatinteressen tritt  um so widerwärtiger und verletzender hervor,
       je mehr  diese einzelnen  auf den  kleinen Raum  zusammengedrängt
       sind; und  wenn wir auch wissen, daß diese Isolierung des einzel-
       nen, diese bornierte Selbstsucht überall das Grundprinzip unserer
       heutigen Gesellschaft ist, so tritt sie doch nirgends so schamlos
       unverhüllt, so selbstbewußt auf als gerade hier in dem Gewühl der
       großen Stadt. Die Auflösung der Menschheit in Monaden, deren jede
       ein apartes  Lebensprinzip und  einen aparten Zweck hat, die Welt
       der Atome ist hier auf ihre höchste Spitze getrieben.
       Daher kommt  es denn auch, daß der soziale Krieg, der Krieg Aller
       gegen Alle,  hier offen erklärt ist. Wie Freund Stirner sehen die
       Leute einander  nur für  brauchbare Subjekte an; jeder beutet den
       ändern aus,  und es  kommt dabei  heraus, daß  der  Stärkere  den
       Schwächeren unter die Füße tritt und daß die wenigen Starken, das
       heißt die  Kapitalisten,   a l l e s  an sich reißen, während den
       vielen Schwachen, den Armen, kaum das nackte Leben bleibt.
       Und was von London gilt, das gilt auch von Manchester, Birmingham
       und Leeds, das gilt von allen großen Städten. Überall barbarische
       Gleichgültigkeit, egoistische  Härte auf der einen und namenloses
       Elend auf  der ändern Seite, überall sozialer Krieg, das Haus je-
       des einzelnen im Belagerungszustand, überall gegenseitige Plünde-
       rung unter dem Schutz des Gesetzes, und das alles so unverschämt,
       so offenherzig,  daß man  vor den  Konsequenzen  unseres  gesell-
       schaftlichen Zustandes,  wie sie  hier unverhüllt  auftreten, er-
       schrickt und  sich über nichts wundert als darüber, daß das ganze
       tolle Treiben überhaupt noch zusammenhält.
       
       #258# Friedrich Engels
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       Da in  diesem sozialen Kriege das Kapital, der direkte oder indi-
       rekte Besitz  der Lebensmittel  und Produktionsmittel,  die Waffe
       ist, mit  der gekämpft  wird, so  ist es  einleuchtend, daß  alle
       Nachteile eines  solchen Zustandes  auf den  Armen  fallen.  Kein
       Mensch kümmert sich um ihn; hineingestoßen in den wirren Strudel,
       muß er  sich durchschlagen,  so gut er kann. Wenn er so glücklich
       ist, Arbeit  zu bekommen, d.h. wenn die Bourgeoisie ihm die Gnade
       antut, sich  durch ihn  zu bereichern, so wartet seiner ein Lohn,
       der kaum  hinreicht, Leib  und Seele zusammenzuhalten; bekommt er
       keine Arbeit,  so kann  er stehlen,  falls er  die Polizei  nicht
       fürchtet, oder  verhungern, und  die Polizei  wird  auch  hierbei
       Sorge tragen,  daß er auf eine stille, die Bourgeoisie nicht ver-
       letzende Weise  verhungert. Während meiner Anwesenheit in England
       sind wenigstens  zwanzig bis dreißig Menschen unter den empörend-
       sten Umständen  direkt Hungers  gestorben, und bei der Totenschau
       fand sich selten eine Jury, die den Mut hatte, dies geradezu aus-
       zusprechen. Die  Zeugenaussagen mochten noch so klar, noch so un-
       zweideutig sein  - die Bourgeoisie, aus der die Jury gewählt war,
       fand immer  eine Hintertür,  durch die sie dem schrecklichen Ver-
       dikt:  Hungers   gestorben,  entgehen   konnte.  Die  Bourgeoisie
       d a r f   in diesen  Fällen die  Wahrheit aber  nicht sagen,  sie
       spräche ja  ihr eigen Urteil aus. Aber auch indirekt sind viele -
       noch viel  mehr als  direkt - Hungers gestorben, indem der anhal-
       tende Mangel  zureichender Lebensmittel tödliche Krankheiten her-
       vorrief  und  so  seine  Opfer  hinwegraffte;  indem  er  sie  so
       schwächte, daß  gewisse Umstände,  die sonst  ganz glücklich  ab-
       gelaufen wären, notwendig schwere Krankheiten und den Tod herbei-
       führten. Die  englischen Arbeiter  nennen das  sozialen Mord  und
       klagen die  ganze Gesellschaft  an, daß sie fortwährend dies Ver-
       brechen begehe. Haben sie unrecht?
       Allerdings verhungern  immer nur  einzelne - aber welche Garantie
       hat der  Arbeiter, daß  er nicht  morgen auch an die Reihe kommt?
       Wer sichert ihm seine Stellung? Wer leistet ihm Gewähr, daß, wenn
       er morgen von seinem Brotherrn aus irgendeinem Grund oder Ungrund
       entlassen wird,  er sich  mit den Seinigen so lange durchschlägt,
       bis er  einen ändern  findet, der  ihm "Brot gibt" ? Wer verbürgt
       dem Arbeiter,  daß der  gute Wille zur Arbeit hinreichend ist, um
       Arbeit zu  bekommen, daß Ehrlichkeit, Fleiß, Sparsamkeit, und wie
       die vielen  von der  weisen Bourgeoisie  ihm empfohlenen Tugenden
       alle heißen,  für ihn  wirklich der Weg zum Glücke sind? Niemand.
       Er weiß,  daß er  heute etwas hat und daß es nicht von ihm selbst
       abhängt, ob  er morgen  auch noch  etwas hat;  er weiß, daß jeder
       Wind, jede Laune des Arbeitgebers, jede schlechte Handelskonjunk-
       tur ihn  in den wilden Strudel zurückstoßen kann, aus dem er sich
       temporär gerettet hat und in dem es schwer, oft
       
       #259# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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       unmöglich ist, oben zu bleiben. Er weiß, daß, wenn er heute leben
       kann, es sehr ungewiß ist, ob er dies auch morgen kann.
       Gehen wir indes zu einer detaillierteren Untersuchung des Zustan-
       des über,  in den  der soziale  Krieg die  besitzlose Klasse ver-
       setzt. Sehen  wir, was  für Lohn denn eigentlich die Gesellschaft
       dem Arbeiter  für seine  Arbeit in  Wohnung, Kleidung und Nahrung
       erstattet, welch  eine Existenz sie denen gewährt, die das meiste
       zur Existenz  der Gesellschaft  beitragen; nehmen  wir zuerst die
       Wohnungen vor.
       Jede große  Stadt hat  ein oder  mehrere "schlechte  Viertel", in
       denen sich  die arbeitende  Klasse zusammendrängt.  Oft  freilich
       wohnt die  Armut in  versteckten Gäßchen dicht neben den Palästen
       der Reichen;  aber im  allgemeinen hat man ihr ein apartes Gebiet
       angewiesen, wo  sie, aus den Augen der glücklicheren Klassen ver-
       bannt, sich  mit sich  selbst durchschlagen  mag, so gut es geht.
       Diese schlechten Viertel sind in England m allen Städten ziemlich
       egal eingerichtet - die schlechtesten Häuser in der schlechtesten
       Gegend der  Stadt; meist  zweistöckige oder einstöckige Ziegelge-
       bäude in langen Reihen, möglicherweise mit bewohnten Kellerräumen
       und fast  überall unregelmäßig  angelegt. Diese Häuschen von drei
       bis vier Zimmern und einer Küche werden Cottages genannt und sind
       in ganz  England - einige Teile von London ausgenommen - die all-
       gemeinen Wohnungen  der arbeitenden  Klasse. Die  Straßen  selbst
       sind gewöhnlich  ungepflastert, höckerig, schmutzig, voll vegeta-
       bilischen und  animalischen Abfalls, ohne Abzugskanäle oder Rinn-
       steine, dafür  aber mit  stehenden, stinkenden  Pfützen versehen.
       Dazu wird  die Ventilation durch die schlechte, verworrene Bauart
       des ganzen  Stadtviertels erschwert,  und da  hier viele Menschen
       auf einem  kleinen Räume  leben, so kann man sich leicht vorstel-
       len, welche Luft in diesen Arbeiterbezirken herrscht. Die Straßen
       dienen überdies  bei schönem  Wetter als  Trockenplatz; es werden
       von Haus  zu Haus Leinen quer herüber gespannt und mit nasser Wä-
       sche behangen.
       Nehmen  wir  einige  dieser  schlechten  Viertel  durch.  Da  ist
       z u e r s t    L o n d o n    *),  und  in  London  die  berühmte
       "Rabenheckerei" (rookery), St. Giles, die jetzt endlich durch ein
       paar breite Straßen durchbrochen und so vernichtet
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       *) Seitdem ich  die nachfolgende Darstellung geschrieben, ist mir
       ein Artikel  über die Arbeiterdistrikte in London im - "Illumina-
       ted Magazine"  (Oktober 1844) zu Gesicht gekommen, der mit meiner
       Schilderung -  an vielen  Stellen fast  wörtlich, aber auch sonst
       der Sache  nach überall  vollständig übereinstimmt.  Er ist über-
       schrieben: "The  Dwellings of  the Poor, from the note-book of an
       M.D." (Medicinae  Doctor) [Die Behausungen der Armen, aus dem No-
       tizbuch eines Dr. med.].
       
       #260# Friedrich Engels
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       werden soll.  Dies St.  Giles liegt mitten im bevölkertsten Teile
       der Stadt,  umgeben von glänzenden, breiten Straßen, in denen die
       schöne Welt  Londons sich  herumtreibt - ganz in der Nähe von Ox-
       ford Street  und Regent  Street, von  Trafalgar  Square  und  dem
       Strand. Es  ist eine  unordentliche Masse  von hohen,  drei-  bis
       vierstöckigen Häusern,  mit engen,  krummen und schmutzigen Stra-
       ßen, auf  denen wenigstens  ebensoviel  Leben  ist  wie  auf  den
       Hauptrouten durch  die Stadt,  nur daß man in St. dies bloß Leute
       aus der  arbeitenden Klasse sieht. Auf den Straßen wird Markt ge-
       halten, Körbe  mit Gemüse  und Obst, natürlich alles schlecht und
       kaum genießbar,  verengen die  Passage noch  mehr, und von ihnen,
       wie von  den Fleischerläden,  geht ein  abscheulicher Geruch aus.
       Die Häuser  sind bewohnt vom Keller bis hart unters Dach, schmut-
       zig von außen und innen, und sehen aus, daß kein Mensch drin woh-
       nen möchte. Das ist aber noch alles nichts gegen die Wohnungen in
       den engen  Höfen und  Gäßchen zwischen  den Straßen,  in die  man
       durch bedeckte Gänge zwischen den Häusern hineingeht und in denen
       der Schmutz  und die  Baufälligkeit alle Vorstellung übertrifft -
       fast keine  ganze Fensterscheibe  ist zu sehen, die Mauern bröck-
       lig, die  Türpfosten und  Fensterrahmen zerbrochen  und lose, die
       Türen von  alten Brettern zusammengenagelt oder gar nicht vorhan-
       den -  hier in  diesem Diebsviertel sogar sind keine Türen nötig,
       weil nichts  zu stehlen  ist. Haufen von Schmutz und Asche liegen
       überall umher, und die vor die Tür geschütteten schmutzigen Flüs-
       sigkeiten sammeln  sich in  stinkenden Pfützen.  Hier wohnen  die
       Ärmsten der  Armen, die  am schlechtesten  bezahlten Arbeiter mit
       Dieben, Gaunern  und Opfern der Prostitution bunt durcheinander -
       die meisten  sind Irländer  oder Abkömmlinge  von Irländern,  und
       diejenigen, die selbst noch nicht in dem Strudel moralischer Ver-
       kommenheit, der  sie umgibt, untergegangen sind, sinken doch täg-
       lich tiefer, verlieren täglich mehr und mehr die Kraft, den demo-
       ralisierenden Einflüssen  der Not, des Schmutzes und der schlech-
       ten Umgebung zu widerstehen.
       Aber St. Giles ist nicht das einzige "schlechte Viertel" Londons.
       In dem ungeheuren Straßenknäul gibt es Hunderte und Tausende ver-
       borgener Gassen  und Gäßchen,  deren Häuser  zu schlecht sind für
       alle, die  noch etwas  auf menschliche Wohnung verwenden können -
       oft dicht  neben den  glänzenden Häusern  der Reichen  findet man
       solche Schlupfwinkel  der bittersten  Armut. So wurde vor kurzem,
       bei Gelegenheit  einer Totenschau,  eine Gegend dicht bei Portman
       Square, einem  sehr anständigen öffentlichen Platze, als der Auf-
       enthalt "einer  Menge durch Schmutz und Armut demoralisierter Ir-
       länder" bezeichnet.  So findet man in Straßen wie Long Acre usw.,
       die zwar  nicht fashionabel, aber doch anständig sind, eine Menge
       Kellerwohnungen,
       
       #261# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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       aus denen  kränkliche Kindergestalten  und halbverhungerte,  zer-
       lumpte Frauen  ans Tageslicht  steigen. In der unmittelbaren Nähe
       des Drury  Lane Theaters  - des  zweiten von London - sind einige
       der schlechtesten  Straßen der  ganzen Stadt  - Charles, King und
       Parker Street,  deren Häuser ebenfalls von den Kellern an bis un-
       ters Dach  von lauter armen Familien bewohnt sind. In den Pfarren
       1*) St.  John und  St. Margaret  in Westminster wohnten 1840 nach
       dem Journal  der Statistischen Gesellschaft 5366 Arbeiterfamilien
       in 5294  "Wohnungen" - wenn sie diesen Namen verdienen -, Männer,
       Weiber und  Kinder, ohne  Rücksicht auf Alter oder Geschlecht zu-
       sammengeworfen, zusammen  26 830 Individuen,  und von  der obigen
       Familienzahl hatten  drei Viertel nur ein einziges Zimmer. In der
       aristokratischen Pfarre  St. Georg,  Hanover Square, wohnten nach
       derselben Autorität 1465 Arbeiterfamilien, zusammen an 6 000 Per-
       sonen, in  gleichen Verhältnissen  - auch  hier über zwei Drittel
       der ganzen  Anzahl auf  je ein Zimmer für die Familie zusammenge-
       drängt. Und  wie wird  die Armut  dieser Unglücklichen, bei denen
       selbst Diebe  nichts mehr  zu finden  hoffen, von den besitzenden
       Klassen auf  gesetzlichem Wege ausgebeutet! Die scheußlichen Woh-
       nungen bei  Drury Lane,  deren eben  erwähnt wurde, bezahlen fol-
       gende Mieten:  zwei Kellerwohnungen  3 sh.  (1 Taler), ein Zimmer
       parterre 4  sh., eine  Treppe hoch 4 1/2 sh., zwei Treppen hoch 4
       sh., Dachstuben  3 sh.  wöchentlich - so daß allein die ausgehun-
       gerten Bewohner  der Charles  Street  den  Häuserbesitzern  einen
       jährlichen Tribut  von 2000  Pfd. St.  (14 000 Taler) und die er-
       wähnten 5366 Familien in Westminster eine jährliche Miete von zu-
       sammen 40 000 Pfd. St. (270 000 Taler) bezahlen.
       Der größte  Arbeiterbezirk liegt  indes östlich  vom Tower  -  in
       Whitechapel und  Bethnal Green,  wo die  Hauptmasse der  Arbeiter
       Londons konzentriert  ist. Hören  wir, was  Herr G.  Alston,  der
       Prediger von St. Philip's, Bethnal Green, über den Zustand seiner
       Pfarre sagt:
       
       "Sie enthält  1400 Häuser,  die von  2795 Familien  oder ungefähr
       12 000 Personen bewohnt werden. Der Raum, auf dem diese große Be-
       völkerung wohnt, ist weniger als 400 Yards (1200 Fuß) im Quadrat,
       und bei  solch einer  Zusammendrängung ist  es nichts Ungewöhnli-
       ches, daß ein Mann, seine Frau, vier bis fünf Kinder und zuweilen
       noch Großvater  und Großmutter  in einem einzigen Zimmer von zehn
       bis zwölf Fuß im Quadrat gefunden werden, worin sie arbeiten, es-
       sen und schlafen. Ich glaube, daß, ehe der Bischof von London die
       öffentliche Aufmerksamkeit  auf diese  so höchst arme Pfarre hin-
       lenkte, man  da am  Westende der  Stadt ebensowenig von ihr wußte
       wie von  den Wilden  Australiens oder der Südsee-Inseln. Und wenn
       wir uns  einmal mit  den Leiden  dieser Unglücklichen durch eigne
       Anschauung bekannt machen, wenn wir sie
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       1*) (1892) Pfarreien
       
       #262# Friedrich Engels
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       bei ihrem  kargen Mahle belauschen und sie von Krankheit oder Ar-
       beitslosigkeit gebeugt sehen, so werden wir eine solche Masse von
       Hülflosigkeit und  Elend finden,  daß eine Nation wie die unsrige
       über die Möglichkeit derselben sich zu schämen hat. Ich war Pfar-
       rer bei  Huddersfield während der drei Jahre, in denen die Fabri-
       ken am schlechtesten gingen; aber ich habe nie eine  s o  gänzli-
       che Hilflosigkeit der Armen gesehen wie seitdem in Bethnal Green.
       Nicht   e i n   Familienvater aus  zehnen in  der ganzen Nachbar-
       schaft hat  andere Kleider als sein Arbeitszeug, und das ist noch
       so schlecht und zerlumpt wie möglich; ja viele haben außer diesen
       Lumpen keine  andere Decke während der Nacht und als Bette nichts
       als einen Sack mit Stroh und Hobelspänen." [82]
       Wir sehen  schon aus  der obigen  Beschreibung, wie  es in diesen
       Wohnungen selbst  auszusehen pflegt.  Zum Überfluß wollen wir den
       englischen Behörden,  die zuweilen  dahin geraten, noch in einige
       Proletarierwohnungen folgen.
       Bei Gelegenheit  einer Totenschau,  die Herr  Carter, Coroner für
       Surrey, über die Leiche der 45jährigen Ann Galway am 14. November
       1843 abhielt, erzählen die Journale folgendes von der Wohnung der
       Verstorbenen: Sie  hatte in  Nr. 3,  White Lion Court, Bermondsey
       Street, London,  mit ihrem Mann und ihrem 19jährigen Sohne in ei-
       nem kleinen  Zimmer gewohnt,  worin sich  weder  Bettstelle  oder
       Bettzeug noch  sonstige Möbel  befanden. Sie  lag tot neben ihrem
       Sohn auf  einem Haufen Federn, die über ihren fast nackten Körper
       gestreut waren,  denn es  war weder Decke noch Bettuch vorhanden.
       Die Federn klebten so fest an ihr über den ganzen Körper, daß der
       Arzt die  Leiche nicht  untersuchen konnte,  bevor sie  gereinigt
       war, und  dann fand  er sie ganz abgemagert und über und über von
       Ungeziefer zerbissen. Ein Teil des Fußbodens im Zimmer war aufge-
       rissen, und das Loch wurde von der Familie als Abtritt benutzt.
       Montag, den 15. Januar 1844 wurden zwei Knaben vor das Polizeige-
       richt von  Worship Street,  London, gebracht, weil sie aus Hunger
       einen halbgekochten Kuhfuß von einem Laden gestohlen und sogleich
       verzehrt hatten.  Der Polizeirichter  sah sich  veranlaßt, weiter
       nachzuforschen, und  erhielt von den Polizeidienern bald folgende
       Aufklärung: Die  Mutter dieser  Knaben war  die Witwe eines alten
       Soldaten und  späteren Polizeidieners, der es seit dem Tode ihres
       Mannes mit  ihren neun  Kindern sehr  schlecht ergangen  war. Sie
       wohnte Nr. 2, Pool's Place, Quaker Street, Spitalfields, im größ-
       ten Elende.  Als der  Polizeidiener zu  ihr kam,  fand er sie mit
       sechs ihrer  Kinder in  einem kleinen Hinterstübchen buchstäblich
       zusammengedrängt, ohne  Möbel, ausgenommen zwei alte Binsenstühle
       ohne Boden,  einen kleinen  Tisch mit  zwei zerbrochenen  Beinen,
       eine zerbrochene  Tasse und  eine kleine  Schüssel. Auf dem Herde
       kaum ein  Funken Feuer,  und in der Ecke so viel alte Lumpen, als
       eine Frau  in ihre Schürze nehmen konnte, die aber der ganzen Fa-
       milie
       
       #263# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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       zum Bette  dienten. Zur Decke hatten sie nichts als ihre ärmliche
       Kleidung. Die  arme Frau  erzählte ihm,  daß sie voriges Jahr ihr
       Bett habe  verkaufen müssen,  um Nahrung zu erhalten; ihre Bettü-
       cher habe sie dem Viktualienhändler als Unterpfand für einige Le-
       bensmittel dagelassen,  und sie  habe überhaupt  alles  verkaufen
       müssen, um  nur Brot zu bekommen. Der Polizeirichter gab der Frau
       einen beträchtlichen Vorschuß aus der Armenbüchse.
       Im Februar 1844 wurde eine Witwe von sechzig Jahren, Theresa Bis-
       hop, mit  ihrer 26jährigen  kranken Tochter der Wohltätigkeit des
       Polizeirichters von  Marlborough Street  empfohlen. Sie wohnte in
       Nr. 5,  Brown Street,  Grosvenor Square, in einem kleinen Hinter-
       zimmer, nicht  größer als  ein Schrank,  worin nicht ein einziges
       Stück Möbel war. In einer Ecke lagen einige Lumpen, auf denen die
       beiden schliefen; eine Kiste diente als Tisch und Stuhl zugleich.
       Die Mutter  verdiente etwas durch Stubenreinigen; sie hatten, wie
       der Wirt  sagte, seit Mai 1843 in diesem Zustande gelebt, allmäh-
       lich alles  verkauft oder versetzt, was sie noch hatten, und den-
       noch nie  die Miete  bezahlt. Der  Polizeirichter ließ  ihnen ein
       Pfund aus der Armenbüchse zukommen.
       Es fällt mir nicht ein, zu behaupten,  a l l e  Londoner Arbeiter
       lebten in  einem solchen  Elend wie die obigen drei Familien; ich
       weiß wohl, daß zehn es besser haben, wo einer so ganz und gar von
       der Gesellschaft mit Füßen getreten wird - aber ich behaupte, daß
       Tausende von fleißigen und braven Familien, viel braver, viel eh-
       renwerter als  sämtliche Reiche  von London, in dieser eines Men-
       schen unwürdigen  Lage sich  befinden und  daß jeder Proletarier,
       jeder ohne Ausnahme, ohne seine Schuld und trotz allen seinen An-
       strengungen, von gleichem Schicksal getroffen werden kann.
       Aber bei alledem sind diejenigen noch glücklich, die nur noch ein
       Obdach irgendeiner Art haben - glücklich gegen die ganz Obdachlo-
       sen. In  London stehen  jeden Morgen fünfzigtausend Menschen auf,
       ohne zu  wissen, wo  sie für die nächste Nacht ihr Haupt hinlegen
       sollen. Die glücklichsten dieser Zahl, denen es gelingt, am Abend
       einen oder  ein paar Pence zu erübrigen, gehen in ein sogenanntes
       Logierhaus (lodging-house), deren es in allen großen Städten eine
       Menge gibt  und wo  sie für ihr Geld ein Unterkommen finden. Aber
       welch ein Unterkommen! Das Haus ist von oben bis unten mit Betten
       angefüllt, vier,  fünf, sechs Betten in einer Stube, soviel ihrer
       hineingehen. In  jedes Bett werden vier, fünf, sechs Menschen ge-
       stopft, ebenfalls  soviel ihrer hineingehen - Kranke und Gesunde,
       Alte und Junge, Männer und Weiber, Trunkene und Nüchterne, wie es
       gerade kommt,  alles bunt  durcheinander. Da gibt es denn Streit,
       Schlägereien und Verwundungen
       
       #264# Friedrich Engels
       -----
       - und  wenn sich  die Bettgenossen  vertragen, so  ist  das  noch
       schlimmer, es  werden Diebstähle verabredet oder Dinge getrieben,
       deren Bestialität  unsere menschlicher  gewordenen Sprachen nicht
       in Worten  wiedergeben wollen.  Und diejenigen,  die kein solches
       Nachtlager bezahlen  können? Nun, die schlafen, wo sie Platz fin-
       den, in  Passagen, Arkaden, in irgendeinem Winkel, wo die Polizei
       oder die  Eigentümer sie ungestört schlafen lassen; einzelne kom-
       men wohl unter in den Zufluchtshäusern, die hier und dort von der
       Privatwohltätigkeit errichtet  wurden -  andere schlafen  in  den
       Parks auf den Bänken, dicht unter den Fenstern der Königin Vikto-
       ria - hören wir, was die "Times" [83] vom Oktober 1843 sagt:
       
       "Aus unserm gestrigen Polizeibericht geht hervor, daß eine Durch-
       schnittsanzahl von  fünfzig menschlichen  Wesen jede Nacht in den
       Parks schlafen,  ohne anderen  Schutz gegen  das Wetter  als  die
       Bäume und  einige Höhlungen  m den  Dämmen. Die meisten derselben
       sind junge  Mädchen, die von Soldaten verführt, in die Hauptstadt
       gebracht und in die weite Welt hinausgestoßen sind, hinaus in all
       die Verlassenheit  der Not  in einer  fremden Stadt,  in all  die
       wilde Unbekümmertheit frühreifen Lasters.
       Das ist  in Wahrheit  schrecklich. Arme muß es überall geben. Der
       Mangel wird überallhin seinen Weg finden und sich mit seiner gan-
       zen Scheußlichkeit  im Herzen einer großen und üppigen Stadt nie-
       derlassen. In den tausend engen Gassen und Gäßchen einer volkrei-
       chen Metropole  muß es  immer, fürchten  wir, viel  Leiden geben,
       viel, das  das Auge  beleidigt -  viel, das  nie  ans  Tageslicht
       kommt.
       Aber daß im Kreise, den sich Reichtum, Fröhlichkeit und Glanz ge-
       zogen haben,  daß nahe  an der  königlichen Größe  von St. James,
       hart am  strahlenden Palast  von Bayswater,  wo das  alte und das
       neue aristokratische  Viertel sich  begegnen, in einer Gegend, wo
       das vorsichtige  Raffinement moderner Städtebaukunst sich gehütet
       hat, auch  nur die  kleinste Hütte für die Armut zu errichten, in
       einer Gegend,  die den  ausschließlichsten Genüssen des Reichtums
       geweiht zu  sein scheint - daß  d a  Not und Hunger und Krankheit
       und Laster  mit all ihren verwandten Schrecken einherziehen, ver-
       zehrend Leib auf Leib, Seele auf Seele!
       Es ist  in der  Tat ein monströser Zustand. Die höchsten Genüsse,
       welche körperliche  Gesundheit, geistige  Anregung, unschuldigere
       Sinnenfreuden gewähren können, in unmittelbarer Berührung mit dem
       härtesten Elend! Reichtum, von seinen glänzenden Salons herab la-
       chend, mit brutaler Gedankenlosigkeit lachend bei den ungekannten
       Wunden des  Mangels! Freude, unbewußt aber grausam verhöhnend den
       Schmerz, der dort unten stöhnt! Alle Gegensätze im Kampf, alle im
       Widerstreit, nur  nicht das  Laster, das in Versuchung führt, und
       das Laster,  das sich versuchen läßt ... Aber alle Menschen mögen
       des gedenken:  daß in dem glänzendsten Bezirk der reichsten Stadt
       auf dieser  Erde, Nacht  auf Nacht,  Winter auf Winter, Weiber zu
       finden sind,  Weiber -  jung an Jahren, alt an Sünden und Leiden,
       Ausgestoßene der  Gesellschaft, verfaulend in Hunger, Schmutz und
       Krankheit. Mögen sie des gedenken und lernen, nicht zu
       
       #265# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
       -----
       theoretisieren, sondern  zu handeln.  Gott weiß, es ist viel Raum
       da zum Handeln heutzutage!"
       
       Ich sprach  oben von  Zufluchtshäusern für  Obdachlose. Wie  sehr
       diese überlaufen  sind, mögen uns zwei Beispiele lehren. Ein neu-
       errichtetes "Refuge  of the  Houseless" 1*) in Upper Ogle Street,
       das jede  Nacht 300  Personen beherbergen  kann, nahm seit seiner
       Eröffnung am  27. Januar bis zum 17. März 1844  2740 Personen für
       eine oder mehrere Nächte auf; und obwohl die Jahreszeit günstiger
       wurde, war  die Zahl  der Applikanten sowohl in diesem als in den
       Asylen von  Whitecross Street  und Wapping  stark im Zunehmen be-
       griffen, und  jede Nacht mußten eine Menge Obdachloser aus Mangel
       an Raum  zurückgewiesen werden. In einem ändern, dem Zentral-Asyl
       von Playhouse  Yard, wurden in den ersten drei Monaten des Jahres
       1844 durchschnittlich  jede Nacht 460 Nachtlager gegeben, im gan-
       zen 6681  Personen beherbergt  und 96141  Rationen Brot verteilt.
       Dennoch erklärt  das leitende Komitee, daß auch diese Anstalt dem
       Andränge der  Benötigten einigermaßen  erst dann genügt habe, als
       auch das östliche Asyl der Aufnahme von Obdachlosen geöffnet wor-
       den sei.
       Verlassen wir  London, um die übrigen großen Städte der drei Rei-
       che der Reihe nach durchzugehen. Nehmen wir zunächst Dublin, eine
       Stadt, deren  Einfahrt von der See aus ebenso reizend wie die von
       London imposant ist; die Bai von Dublin ist die schönste des gan-
       zen britischen  Inselreichs und pflegt von den Irländern wohl gar
       mit der  von Neapel  verglichen zu  werden. Die  Stadt selbst hat
       ebenfalls große  Schönheiten 2*),  und die aristokratischen Teile
       derselben sind  besser und  geschmackvoller angelegt  als die ir-
       gendeiner ändern  britischen Stadt.  Aber dafür  gehören auch die
       ärmeren Bezirke  von Dublin zu dem Widerlichsten und Häßlichsten,
       was man  in der Welt sehen kann. Allerdings hat daran der irische
       Volkscharakter, der  sich unter  Umständen erst im Schmutz behag-
       lich fühlt, seinen Anteil; aber da wir in jeder großen Stadt Eng-
       lands und Schottlands auch Tausende von Irländern finden und jede
       arme Bevölkerung  allmählich in dieselbe Unreinlichkeit versinken
       muß, so  ist das  Elend in Dublin nichts Spezifisches, nichts der
       irischen Stadt  allein Angehöriges mehr, sondern etwas, das allen
       großen Städten der ganzen Welt gemeinsam ist. Die armen Distrikte
       von Dublin  sind überaus  ausgedehnt, und  der Schmutz, die Unbe-
       wohnbarkeit der  Häuser, die  Vernachlässigung der  Straßen über-
       steigen alle  Begriffe. Von der Art, wie die Armen hier zusammen-
       gedrängt sind,  kann man  sich eine  Vorstellung machen, wenn man
       hört, daß 1817 nach dem Bericht der Inspektoren des
       -----
       1*) Obdachlosenasyl - 2*) (1892) Schönheit
       
       #266# Friedrich Engels
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       Arbeitshauses *)  in Barrack Street in 52 Häusern mit 390 Zimmern
       1318 Personen und in Church Street und der Umgegend in 71 Häusern
       mit 393 Zimmern 1997 Menschen wohnten; daß
       
       "in diesem  und dem  anstoßenden Distrikt  eine Menge  stinkender
       (foul) Gäßchen  und Höfe  sind, daß  manche Keller  ihr Licht nur
       durch die  Türe empfangen und in mehreren derselben die Einwohner
       auf der nackten Erde schlafen, obwohl die Mehrzahl derselben doch
       wenigstens Bettstellen besitzt - daß aber z. B. Nicholson's Court
       in 28  kleinen, elenden  Stuben 151  Menschen in  der größten Not
       enthält, so  daß in  dem ganzen Hof nur zwei Bettstellen und zwei
       Bettdecken zu finden waren".
       
       Die Armut  ist so groß in Dublin, daß eine einzige wohltätige An-
       stalt, die  der "Mendicity  Association" 1*), täglich 2500 Perso-
       nen, also   e i n   Prozent der ganzen Bevölkerung, aufnimmt, den
       Tag über ernährt und abends wieder entläßt.
       Ein Gleiches  erzählt uns Dr. Alison von Edinburgh - wieder einer
       Stadt, deren  prächtige Lage,  die ihr  den  Namen  des  modernen
       Athens verschafft  hat,  und  deren  glänzendes  aristokratisches
       Viertel in  der Neustadt schroff mit dem stinkenden Elend der Ar-
       men in  der Altstadt kontrastiert. Alison behauptet, dieser große
       Stadtteil  sei   ebenso   unflätig   und   scheußlich   wie   die
       schlechtesten Distrikte  von Dublin,  und die "Mendicity Associa-
       tion" würde  in Edinburgh eine ebenso große Proportion Notleiden-
       der zu  unterstützen haben wie in der irischen Hauptstadt; ja, er
       sagt, die  Armen in Schottland, namentlich in Edinburgh und Glas-
       gow, seien  schlimmer daran  als in irgendeiner ändern Gegend des
       britischen Reichs,  und die elendesten seien nicht Irländer, son-
       dern Schotten.  Der Prediger  der alten  Kirche in Edinburgh, Dr.
       Lee, sagte  1836 vor  der Commission of Religious Instruction 2*)
       aus:
       
       "Er habe  solches Elend wie in seiner Pfarre nirgends zuvor gese-
       hen. Die  Leute seien ohne Möbel, ohne alles; häufig wohnten zwei
       Ehepaare in  einem Zimmer. An einem Tage sei er in sieben Häusern
       gewesen, in denen kein Bett - in einigen sogar kein Stroh gewesen
       sei; achtzigjährige  Leute hätten  auf dem  bretternen Boden  ge-
       schlafen, fast  alle brächten  die Nacht in ihren Kleidern zu. In
       einem Kellerraum habe
       ---
       *) Zitiert i  Dr. P.  Alison, F.R.S.E., fellow and late President
       of the  Royal College  of Physicians  etc. etc., "Observations on
       the Management  of the  Poor in  Scotland and  its Effects on the
       Health of  Great Towns"  [Betrachtungen über  die Behandlung  der
       Armen in Schottland und ihre Auswirkung auf die Gesundheit in den
       großen Städten],  Edinburgh 1840.  - Der Verfasser ist religiöser
       Tory und Bruder des Historikers Arch[ibald] Alison.
       -----
       1*) "Bettler(fürsorge)-Vereinigung" -  2*) Kommission  für  reli-
       giöse Unterweisung
       
       #267# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
       -----
       er zwei  schottische Familien vom Lande gefunden; bald nach ihrer
       Ankunft in  der Stadt seien zwei Kinder gestorben, das dritte sei
       zur Zeit  seines Besuchs  im Sterben  gewesen -  für jede Familie
       habe ein  schmutziger Strohhaufen  in einem  Winkel gelegen,  und
       obendrein habe der Keller, der so dunkel gewesen sei, daß man bei
       Tage keinen  Menschen darin habe erkennen können, noch einen Esel
       beherbergt. Es  müsse ein  Herz von Demant bluten machen, solches
       Elend in einem Lande wie Schottland zu sehen."
       
       Ähnliches berichtet Dr. Hennen im "Edinburgh Medical and Surgical
       Journal". Aus einem Parlamentsberichte *) geht hervor, welche Un-
       reinlichkeit - wie unter solchen Umständen wohl zu erwarten ist -
       in den  Häusern der  Edinburgher Armen herrscht. Auf den Bettpfo-
       sten halten  Hühner ihr Nachtlager, Hunde und sogar Pferde schla-
       fen mit  den Menschen  in   e i n e m  Zimmer, und die natürliche
       Folge davon  ist, daß ein entsetzlicher Schmutz und Gestank sowie
       Heere von  Ungeziefer aller  Art in  diesen Wohnungen existieren.
       Die Bauart  Edinburghs begünstigt diesen scheußlichen Zustand so-
       viel wie  möglich. Die  Altstadt ist an beiden Abhängen eines Hü-
       gels gebaut,  über dessen  Rücken die  Hochstraße  (high  street)
       läuft. Von dieser aus laufen nach beiden Seiten eine Menge schma-
       ler, krummer  Gäßchen, von  ihren vielen Windungen wynds genannt,
       den Berg  hinab, und  diese bilden  den proletarischen Stadtteil.
       Die Häuser der schottischen Städte sind überhaupt hoch, fünf- und
       sechsstöckig wie in Paris, und im Gegensatz zu England, wo soviel
       wie möglich jeder sein apartes Haus hat, von einer großen Anzahl'
       verschiedener Familien  bewohnt; die Zusammendrängung vieler Men-
       schen auf einer kleinen Fläche wird hierdurch noch vergrößert.
       
       "Diese Straßen",  sagt ein  englisches Journal  in einem  Artikel
       über die  Gesundheitsverhältnisse der  Arbeiter in  Städten **) -
       "diese Straßen sind oft so eng, daß man aus dem Fenster des einen
       Hauses in das des gegenüberstehenden steigen kann, und dabei sind
       die Häuser so hoch Stock auf Stock getürmt, daß das Licht kaum in
       den Hof oder die Gasse, die dazwischenliegt, hineinzudringen ver-
       mag. In  diesem Teile  der Stadt sind weder Kloaken noch sonstige
       zu den Häusern gehörende Abzüge oder Abtritte; und daher wird al-
       ler Unrat,  Abfall und  Exkremente von wenigstens 50 000 Personen
       jede Nacht  in die  Rinnsteine geworfen, so daß trotz alles Stra-
       ßenkehrens eine
       ---
       *) Report to  the Home Secretary from the Poor-Law Commissioners,
       on an  Inquiry into the Sanitary Condition of the Labouring Clas-
       ses of  Great Britain.  With Appendices. Presented to both Houses
       of Parliament in July 1842 [Bericht der Armengesetz-Kommissare an
       den Innenminister  über eine  Untersuchung der sanitären Lage der
       arbeitenden Klassen Großbritanniens. Mit Anhängen. Beiden Häusern
       des Parlaments im Juli 1842 vorgelegt]. - 3 vols. in Folio. - Ge-
       sammelt und geordnet aus ärztlichen Berichten von Edwin Chadwick,
       Sekretär der Armengesetz-Kommission.
       **) "The Artizan", 1843, Oktoberheft. - Eine Monatsschrift.
       
       #268# Friedrich Engels
       -----
       Masse aufgetrockneten  Kots und ein stinkender Dunst entsteht und
       dadurch nicht nur Auge und Geruch beleidigt, sondern auch die Ge-
       sundheit der Bewohner aufs höchste gefährdet wird. Ist es zu ver-
       wundern, daß  in solchen Lokalitäten alle Rücksichten auf Gesund-
       heit, Sitten  und selbst den gewöhnlichsten Anstand gänzlich ver-
       nachlässigt werden?  Im Gegenteil,  alle, die den Zustand der Be-
       wohner näher  kennen, werden  Zeugnis geben,  welchen hohen  Grad
       Krankheit, Elend  und Demoralisation hier erreicht haben. Die Ge-
       sellschaft ist  in diesen Gegenden zu einer unbeschreiblich nied-
       rigen und  elenden Stufe herabgesunken. - Die Wohnungen der ärme-
       ren Klasse sind im allgemeinen sehr schmutzig und augenscheinlich
       nie auf  irgendeine Weise  gereinigt; sie bestehen in den meisten
       Fällen aus einem einzigen Zimmer, das, bei der schlechtesten Ven-
       tilation, dennoch  wegen zerbrochener, schlecht passender Fenster
       kalt ist  - zuweilen  feucht und  teilweise unter der Erde, immer
       schlecht möbliert und durchaus unwohnlich, so daß ein Strohhaufen
       oft einer  ganzen Familie  zum Bette  dient /  auf dem Männer und
       Weiber, Junge und Alte in empörender Verwirrung durcheinanderlie-
       gen. Wasser ist nur bei den öffentlichen Pumpen zu haben, und die
       Mühe, mit  der es  herbeigeholt werden  muß, begünstigt natürlich
       alle möglichen Unflätereien."
       
       In ändern  großen Hafenstädten  sieht es nicht besser aus. Liver-
       pool mit  all seinem Handel, Glanz und Reichtum behandelt dennoch
       seine Arbeiter mit derselben Barbarei. Ein volles Fünftel der Be-
       völkerung -  also über  45000 Menschen  wohnen in engen, dunklen,
       feuchten und  schlecht ventilierten Kellern, deren es 7862 in der
       Stadt gibt.  Dazu kommen  noch 2270  Höfe (courts),  d.h.  kleine
       Plätze, die  nach allen  vier Seiten  zugebaut sind und nur einen
       schmalen,  meist  überwölbten  Zugang  haben,  die  also    g a r
       k e i n e   Ventilation zulassen,  meist sehr  schmutzig und fast
       ausschließlich von  Proletariern bewohnt  sind. Von solchen Höfen
       werden wir mehr zu sprechen haben, wenn wir zu Manchester kommen.
       In Bristol wurden bei einer Gelegenheit 2800 Arbeiterfamilien be-
       sucht, und von diesen hatten 46 Prozent nur ein einziges Zimmer.
       Ganz dasselbe finden wir in den Fabrikstädten. In Nottingham sind
       im ganzen 11 000 Häuser, von denen zwischen 7000 und 8000 mit der
       Rückwand aneinander gebaut sind, so daß keine durchgehende Venti-
       lation möglich ist; dazu ist meistens nur ein gemeinsamer Abtritt
       für mehrere Häuser vorhanden. Bei einer vor kurzem gehaltenen In-
       spektion fand  man viele  Reihen Häuser über seichte Abzugsgräben
       gebaut, die  mit nichts weiter als den Brettern des Fußbodens be-
       deckt waren. In Leicester, Derby und Sheffield sieht es nicht an-
       ders aus.  Von Birmingham berichtet der oben zitierte Artikel des
       "Artizan":
       
       "In den  älteren Teilen  der Stadt sind viele schlechte Gegenden,
       schmutzig und  vernachlässigt, voll  stehender Pfützen und Haufen
       Abfalls. Die  Höfe sind  in Birmingham sehr zahlreich, über zwei-
       tausend, und enthalten die größte Zahl der Arbeiterklasse.
       
       #269# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
       -----
       Sie sind meist eng, kotig, schlecht ventiliert und mit schlechten
       Abzügen, enthalten von acht bis zu zwanzig Häusern, die meist nur
       nach einer  Seite hin  zu lüften  sind, weil sie die Rückwand mit
       einem ändern  Gebäude gemein  haben, und im Hintergrunde des Hofs
       liegt ziemlich  allgemein ein Aschenloch oder dergleichen, dessen
       Schmutz sich nicht beschreiben läßt. Es muß indes bemerkt werden,
       daß die neueren Höfe verständiger angelegt und anständiger gehal-
       ten sind;  und selbst in den Höfen sind die Cottages viel weniger
       gedrängt als  in Manchester und Liverpool, weshalb denn auch Bir-
       mingham während  der Herrschaft epidemischer Krankheiten viel we-
       niger Sterbefälle  hatte als  z.B. Wolverhampton, Dudley und Bil-
       ston, die nur einige Meilen davon liegen. Kellerwohnungen sind in
       Birmingham ebenfalls  unbekannt, obwohl einige Kellerlokale unge-
       eigneterweise zu Werkstätten benutzt werden. Die Logierhäuser für
       Proletarier sind etwas zahlreich (über 400), hauptsächlich in Hö-
       fen im  Mittelpunkte der  Stadt;  sie  sind  fast  alle  ekelhaft
       schmutzig und  dumpfig, die  Zufluchtsörter von  Bettlern,  Land-
       streichern" (trampers  - über  die nähere Bedeutung dieses Wortes
       später), "Dieben  und Huren, die hier ohne alle Rücksicht auf An-
       stand oder Komfort essen, trinken, rauchen und schlafen, in einer
       nur diesen degradierten Menschen erträglichen Atmosphäre."
       
       Glasgow hat  in vieler Beziehung Ähnlichkeit mit Edinburgh - die-
       selben Wynds,  dieselben hohen  Häuser. Über  diese Stadt bemerkt
       der "Artizan":
       
       "Die arbeitende  Klasse macht hier etwa 78 Prozent der ganzen Be-
       völkerung (an  300 000) aus  und wohnt  in Stadtteilen, welche in
       Elend und  Scheußlichkeit die  niedrigsten Schlupfwinkel  von St.
       Giles und  Whitechapel, die  Liberties von  Dublin, die Wynds von
       Edinburgh übertreffen. Solche Gegenden gibt es in Menge im Herzen
       der Stadt - südlich vom Trongate, westlich vom Salzmarkt, im Cal-
       ton, seitwärts von der Hochstraße usw. - endlose Labyrinthe enger
       Gassen oder  Wynds, in  welche fast  bei jedem  Schritt Höfe oder
       Sackgassen münden,  die von alten, schlecht ventilierten, hochge-
       türmten, wasserlosen  und verfallenden  Häusern gebildet  werden.
       Diese Häuser  sind förmlich vollgedrängt von Einwohnern; sie ent-
       halten drei  oder vier  Familien -  vielleicht zwanzig Personen -
       auf jedem Stockwerke, und zuweilen ist jedes Stockwerk in Schlaf-
       stellen vermietet,  so daß fünfzehn bis zwanzig Personen in einem
       einzigen Zimmer  aufeinandergepackt, wir mögen nicht sagen unter-
       gebracht, sind.  Diese Distrikte  beherbergen die ärmsten, depra-
       viertesten und  wertlosesten Mitglieder  der Bevölkerung und sind
       als die  Quellen jener furchtbaren Fieberepidemien zu betrachten,
       die von hier aus Verwüstung über ganz Glasgow verbreiten."
       
       Hören wir,  wie J.C. Symons, Regierungskommissär bei der Untersu-
       chung über  die Lage  der Handweber,  diese Stadtteile beschreibt
       *):
       ---
       *) "Arts and Artisans at Home and Abroad" [Handwerke und Handwer-
       ker im  In-und Ausland].  By J.C.  Symons. Edinburgh  1839. - Der
       Verfasser, wie  es scheint, selbst ein Schotte, ist ein Liberaler
       und folglich  fanatisch gegen  jede selbständige Arbeiterbewegung
       eingenommen. Die  [...] zitierten  Stellen finden  sich p. 116 u.
       folg.
       
       #270# Friedrich Engels
       -----
       "Ich habe  das Elend in einigen seiner schlimmsten Phasen, sowohl
       hier als  auf dem Kontinente, gesehen, aber ehe ich die Wynds von
       Glasgow besuchte,  glaubte ich  nicht, daß in irgendeinem zivili-
       sierten Lande  soviel Verbrechen,  Elend und Krankheit existieren
       könne. In  den niedrigeren Logierhäusern schlafen zehn, zwölf, ja
       zuweilen zwanzig  Personen von beiden Geschlechtern und jedem Al-
       ter in  verschiedenen Abstufungen  der Nacktheit auf dem Fußboden
       durcheinander. Diese  Wohnstätten sind  gewöhnlich (generally) so
       schmutzig, feucht und verfallen, daß kein Mensch sein Pferd darin
       unterbringen möchte."
       
       Und an einer ändern Stelle:
       
       "Die Wynds  von Glasgow  enthalten eine fluktuierende Bevölkerung
       von fünfzehn-  bis dreißigtausend  Menschen. Dies Viertel besteht
       aus lauter engen Gassen und viereckigen Höfen, in deren Mitte je-
       desmal ein  Misthaufen liegt. So empörend das äußere Ansehen die-
       ser Orte  war, so  war ich  doch noch  wenig vorbereitet  auf den
       Schmutz und  das Elend  drinnen. In einigen dieser Schlaf Stuben,
       die wir"  (der Polizeisuperintendent Hauptmann Miller und Symons)
       "bei Nacht  besuchten, fanden  wir eine vollständige Schicht men-
       schlicher Wesen  auf dem  Fußboden ausgestreckt, oft fünfzehn bis
       zwanzig, einige  bekleidet, andre nackt, Männer und Weiber durch-
       einander. Ihr  Bett war eine Lage modriges Stroh mit einigen Lum-
       pen vermengt.  Wenig oder  keine Möbel waren da, und das einzige,
       was diesen  Löchern etwas  wohnlichen Anschein gab, war ein Feuer
       im Kamin. Diebstahl und Prostitution machen die Haupterwerbsquel-
       len dieser  Bevölkerung aus.  Niemand schien sich die Mühe zu ge-
       ben, diesen Augiasstall, dies Pandämonium, diesen Knäuel von Ver-
       brechen, Schmutz  und Pestilenz  im Zentrum der zweiten Stadt des
       Reichs zu  fegen. Eine  ausgedehnte Besichtigung  der niedrigsten
       Bezirke andrer  Städte zeigte mir nie etwas, das halb so schlecht
       gewesen wäre, weder an Intensität moralischer und physischer Ver-
       pestung noch  an verhältnismäßiger Dichtigkeit der Bevölkerung. -
       In diesem  Viertel sind  die meisten  Häuser durch  den Court  of
       Guild als  verfallen und  unbewohnbar bezeichnet  -  aber  gerade
       diese sind  am meisten  bewohnt,  w e i l  von ihnen nach dem Ge-
       setz keine Miete gefordert werden kann."
       
       Der große  Industriebezirk in der Mitte der britischen Insel, der
       dichtbevölkerte Strich von West-Yorkskire und Süd-Lancashire gibt
       mit seinen vielen Fabrikstädten den übrigen großen Städten nichts
       nach. Der  Wollenbezirk des  West Riding  von Yorkshire  ist eine
       reizende Gegend,  ein schönes grünes Hügelland, dessen Erhöhungen
       nach Westen  zu immer  steiler werden,  bis sie  in dem schroffen
       Kamm von  Blackstone Edge  - der  Wasserscheide zwischen dem iri-
       schen und  deutschen Meere  - ihre  höchste Spitze erreichen. Die
       Täler des Aire, an dem Leeds liegt, und des Calder, durch welches
       die Manchester-Leeds-Eisenbahn  läuft, gehören zu den anmutigsten
       Englands und  sind überall  mit Fabriken, Dörfern und Städten be-
       säet; die  bruchsteinernen, grauen Häuser sehen so nett und rein-
       lich aus gegen die geschwärzten Ziegelgebäude von Lancashire, daß
       es eine Lust ist. Aber wenn man in die Städte
       
       #271# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
       -----
       selbst kommt, findet man wenig Erfreuliches. Leeds liegt, wie der
       "Artizan" (a.a.O.) es schildert und wie ich es bestätigt fand,
       
       "an einem  sanften Abhänge,  der in  das Tal des Aire hinabläuft.
       Dieser Fluß  durchschlängelt die  Stadt auf einer Länge von unge-
       fähr anderthalb  Meilen *)  und ist  während des  Tauwetters oder
       heftiger Regengüsse  starken Überschwemmungen ausgesetzt. Die hö-
       hergelegenen, westlichen  Stadtteile sind für eine so große Stadt
       reinlich, aber  die niedrigeren  Gegenden um  den Fluß  und seine
       tributären Bäche (becks) sind schmutzig, eng und schon an und für
       sich hinreichend,  um das Leben der Einwohner - besonders kleiner
       Kinder -  zu verkürzen;  hierzu noch gerechnet den ekelhaften Zu-
       stand der  Arbeiterbezirke um  Kirkgate, March Lane, Cross Street
       und Richmond Road, der sich hauptsächlich von ungepflasterten und
       abflußlosen Straßen,  unregelmäßiger Bauart, den vielen Höfen und
       Sackgassen und der gänzlichen Abwesenheit auch der gewöhnlichsten
       Reinlichkeitsmittel herschreibt - das alles zusammengenommen, und
       wir haben  Ursachen genug,  um uns die übergroße Sterblichkeit in
       diesen unglücklichen  Regionen des schmutzigsten Elends zu erklä-
       ren. -  Infolge der Überschwemmungen des Aire" (der, wie hinzuge-
       fügt werden  muß, gleich  allen der Industrie dienstbaren Flüssen
       am einen  Ende klar  und durchsichtig  in die Stadt hinein-und am
       ändern dick,  schwarz und stinkend von allem möglichen Unrat wie-
       der herausfließt)  "werden die  Wohnhäuser und  Keller häufig  so
       voll Wasser,  daß dies  auf die  Straße hinausgepumpt werden muß;
       und zu  solchen Zeiten steigt das Wasser, selbst wo Kloaken sind,
       aus denselben  in die  Keller**, erzeugt  miasmatische, stark mit
       Schwefelwasserstoffgas vermischte  Ausdünstungen  und  hinterläßt
       einen ekelhaften,  der Gesundheit  höchst nachteiligen Rückstand.
       Während der  Frühjahrsüberschwemmung von 1839 waren die Wirkungen
       einer solchen Verstopfung der Kloaken so nachteilig, daß nach dem
       Bericht des  Zivilstandsregistrators in  diesem Stadtteil während
       des Quartals  auf zwei Geburten drei Todesfälle kamen, wo in dem-
       selben Quartal  alle andren Stadtteile drei Geburten auf zwei To-
       desfälle hatten."
       
       Andre dicht  bevölkerte Bezirke  sind ohne  alle Abzüge  oder  so
       schlecht damit  verseilen, daß sie keinen Vorteil davon haben. In
       einigen Häuserreihen  sind die  Keller selten  trocken; in ändern
       Bezirken sind mehrere Straßen mit fußtiefem, weichem Kot bedeckt.
       Die Einwohner haben sich vergebens bemüht, diese Straßen von Zeit
       zu Zeit  mit Schaufeln  Asche zu reparieren; aber trotzdem stehen
       Mistjauche und  aus den Häusern weggeschüttetes, schmutziges Was-
       ser in  allen Löchern,  bis Wind  und Sonne  es vertrocknet haben
       (vgl. Bericht  des Stadtrats  im "Statistical Journal" vol. 2, p.
       404).
       ---
       *) Überall, wo  von Meilen  ohne nähere Bezeichnung die Rede ist,
       sind englische  gemeint, deren  69 1/2 auf  den Grad des Äquators
       und also etwa 5 auf die deutsche Meile gehen.
       **) Man vergesse  nicht, daß  diese "Keller" keine Rumpelkammern,
       sondern Wohnungen für Menschen sind.
       
       #272# Friedrich Engels
       -----
       Eine gewöhnliche  Cottage in Leeds bedeckt nicht mehr Grundfläche
       als fünf  Yards im  Quadrat und besteht gewöhnlich aus einem Kel-
       ler, einem Wohnzimmer und einer Schlafstube. Diese engen, Tag und
       Nacht von  Menschen gefüllten  Wohnungen sind  ein  anderer,  der
       Sittlichkeit wie  dem Gesundheitszustände der Einwohner gefährli-
       cher Punkt.  Und wie  sehr diese Wohnungen gedrängt sind, erzählt
       der oben  zitierte Bericht über den Gesundheitszustand der arbei-
       tenden Klasse:
       
       "In Leeds  fanden wir Brüder und Schwestern und Kostgänger beider
       Geschlechter, die  dasselbe Schlafzimmer  mit den Eltern teilten;
       daraus entstehen denn Folgen, vor deren Betrachtung das menschli-
       che Gefühl zurückschaudert."
       
       Ebenso   B r a d f o r d,   das nur  sieben Meilen  von Leeds, im
       Mittelpunkte mehrerer  zusammenstoßenden Täler  an einem kleinen,
       pechschwarzen, stinkenden Flusse liegt. Die Stadt bietet an einem
       schönen Sonntage  - denn  an Werktagen  wird sie von einer grauen
       Wolke Kohlenrauch  verhüllt -  von  den  umhegenden  Höhen  einen
       prächtigen Anblick  dar; aber  drinnen herrscht  derselbe Schmutz
       und dieselbe  Unwohnlichkeit wie in Leeds. Die älteren Stadtteile
       sind an  steilen Abhängen  eng und  unregelmäßig gebaut;  in  den
       Gassen, Sackgassen  und Höfen liegt Schmutz und Schutt angehäuft;
       die Häuser  sind verfallen,  unsauber und  unwohnlich, und in der
       unmittelbaren Nähe  des Flusses und der Talsohle fand ich manche,
       deren  unteres,   halb  in   den  Bergabhang  hinein  vergrabenes
       Stockwerk ganz  unbewohnbar war.  Überhaupt sind  die Stellen der
       Talsohle, an  denen sich  Arbeiterwohnungen  zwischen  die  hohen
       Fabriken  gedrängt  haben,  die  am  schlechtesten  gebauten  und
       unreinlichsten der  ganzen Stadt.  In den neueren Gegenden dieser
       wie jeder  ändern Fabrikstadt  sind die  Cottages regelmäßiger, m
       Reihen angelegt,  teilen aber  auch hier alle Übelstände, die mit
       der hergebrachten  Art, die  Arbeiter  unterzubringen,  verknüpft
       sind und  von denen  wir bei  Gelegenheit  von  Manchester  näher
       sprechen werden.  Ein Gleiches  gilt von  den übrigen Städten des
       West  Riding,  namentlich  Barnsley,  Halifax  und  Huddersfield.
       Letzteres, bei  seiner reizenden  Lage und  modernen  Bauart  bei
       weitem  die   schönste  aller   Fabrikstädte  von  Yorkshire  und
       Lancashire, hat  dennoch auch  seine schlechten Bezirke; denn ein
       von einer  Bürgerversammlung zur Besichtigung der Stadt ernanntes
       Komitee berichtete am 5. August 1844:
       
       "Es sei  notorisch, daß  in Huddersfield  ganze Straßen und viele
       Gassen und Höfe weder gepflastert noch mit Kloaken oder sonstigen
       Abzügen versehen  seien; daß hier Abfall, Unrat und Schmutz jeder
       Art aufgehäuft  liege, in  Gärung und  Fäulnis übergehe, und fast
       überall stehendes  Wasser in  Pfützen sich ansammle, daß infolge-
       dessen  die   anschließenden  Wohnungen  notwendig  schlecht  und
       schmutzig seien, so daß an
       
       #273# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
       -----
       solchen Orten  Krankheiten sich  erzeugten und die Gesundheit der
       ganzen Stadt bedrohten." [84]
       
       Gehen wir  über, oder  mit der  Eisenbahn mitten durch Blackstone
       Edge, so kommen wir auf den klassischen Boden, auf dem die engli-
       sche Industrie  ihr Meisterwerk  vollbracht hat  und von dem alle
       Bewegungen der  Arbeiter ausgehen, nach Süd-Lancashire mit seiner
       Zentralstadt Manchester.  Wieder haben wir ein schönes Hügelland,
       das sich  von der Wasserscheide westwärts nach dem irischen Meere
       zu sanft abdacht, mit den reizenden grünen Tälern des Ribble, Ir-
       well und  Mersey und ihrer Nebenflüsse; ein Land, das vor hundert
       Jahren noch  zum größten  Teile bloßer Sumpf und wenig bevölkert,
       jetzt mit Städten und Dörfern übersäet und der bevölkertste Land-
       strich von  England ist. In Lancashire, und namentlich in Manche-
       ster, findet  die Industrie des britischen Reichs, wie ihren Aus-
       gangspunkt, so  ihr Zentrum;  die Börse  von Manchester  ist  das
       Thermometer für alle Schwankungen des industriellen Verkehrs, die
       moderne Kunst  der Fabrikation  hat in Manchester ihre Vollendung
       erreicht. In der Baumwollenindustrie von Süd-Lancashire erscheint
       die Benutzung der Elementarkräfte, die Verdrängung der Handarbeit
       durch Maschinerie  (besonders im  mechanischen Webstuhl  und  der
       Selfaktor-Mule) und  die Teilung  der Arbeit  auf ihrer  höchsten
       Spitze, und  wenn wir in diesen drei Elementen das Charakteristi-
       sche der  modernen Industrie  erkannten, so  müssen wir gestehen,
       daß auch  in ihnen die Baumwollenverarbeitung allen übrigen Indu-
       striezweigen von  Anfang an  bis jetzt  vorausgeblieben  ist.  Zu
       gleicher Zeit  indes mußten hier auch die Folgen der modernen In-
       dustrie für  die arbeitende  Klasse sich  am vollständigsten  und
       reinsten entwickeln  und das  industrielle Proletariat  in seiner
       vollsten Klassizität zur Erscheinung kommen; die Erniedrigung, in
       welche der Arbeiter durch die Anwendung von Dampfkraft, Maschine-
       rie und Arbeitsteilung versetzt wird, und die Versuche des Prole-
       tariats, sich  aus dieser  entwürdigenden Lage zu erheben, mußten
       hier ebenfalls  auf die  höchste Spitze  getrieben werden  und am
       klarsten zum Bewußtsein kommen. Deshalb also, weil Manchester der
       klassische Typus  der modernen Industriestadt ist, und dann auch,
       weil ich es so genau wie meine eigne Vaterstadt - genauer als die
       meisten Einwohner  - kenne, werden wir uns hier etwas länger auf-
       zuhalten haben.
       Die Städte  um Manchester  herum weichen in Beziehung auf die Ar-
       beitsbezirke 1*) wenig von der Zentralstadt ab - nur daß in ihnen
       die Arbeiter  womöglich einen  noch größeren Teil der Bevölkerung
       bilden als  dort. Diese  Orte nämlich  sind rein  industriell und
       lassen alle kommerziellen Geschäfte
       -----
       1*) (1892) Arbeiterbezirke
       
       #274# Friedrich Engels
       -----
       in und  durch Manchester  besorgen; sie hängen in jeder Beziehung
       von Manchester  ab und  sind daher nur von Arbeitern, Fabrikanten
       und untergeordneten  Krämern bewohnt  - während  Manchester  doch
       noch eine  sehr bedeutende  kommerzielle Bevölkerung,  namentlich
       Kommissions- und angesehene Detailhäuser besitzt. Daher sind Bol-
       ton, Preston,  Wigan, Bury, Rochdale, Middleton, Heywood, Oldham,
       Ashton, Stalybridge, Stockport usw., obwohl fast alles Städte von
       dreißig-, fünfzig-,  siebzig- bis neunzigtausend Einwohnern, fast
       lauter große Arbeiterviertel, nur von Fabriken und einigen Haupt-
       straßen, deren  Fronten von  Läden gebildet  werden, unterbrochen
       und mit  einigen Chausseezugängen  versehen, an  denen die Gärten
       und Häuser  der Fabrikanten  wie Villen angebaut sind. Die Städte
       selbst sind schlecht und unregelmäßig gebaut, mit schmutzigen Hö-
       fen, Gassen  und Hintergäßchen,  voll Kohlenrauch,  und haben ein
       besonders unwohnliches  Aussehen von  dem ursprünglich hochroten,
       mit der  Zeit aber schwarz gerauchten Ziegel, der hier das allge-
       meine Baumaterial ist. Kellerwohnungen sind hier allgemein; wo es
       irgend angeht,  werden diese  unterirdischen Löcher angelegt, und
       ein sehr bedeutender Teil der Bevölkerung wohnt in ihnen.
       Zu den schlechtesten dieser Städte gehört nächst Preston und Old-
       ham Bolton,  elf Meilen  nordwestlich von  Manchester gelegen. Es
       hat, soviel  ich  bei  meiner  mehrmaligen  Anwesenheit  bemerken
       konnte, nur  eine und  noch dazu ziemlich schmutzige Hauptstraße,
       Deansgate, die  zugleich als  Markt dient, und ist bei dem schön-
       sten Wetter immer noch ein finsteres, unansehnliches Loch, trotz-
       dem daß  es außer den Fabriken nur ein- und zweistöckige niedrige
       Häuser hat.  Wie überall  ist der ältere Teil der Stadt besonders
       verfallen und unwohnlich. Ein schwarzes Wasser, von dem man zwei-
       felt, ob  es ein  Bach oder  eine lange  Reihe stinkender Pfützen
       ist, fließt  hindurch und trägt das Seinige dazu bei, die ohnehin
       nicht reine Luft vollends zu verpesten.
       Da ist ferner Stockport, das zwar auf der Cheshire-Seite des Mer-
       sey liegt,  aber doch zum industriellen Bezirk von Manchester ge-
       hört. Es  liegt in einem engen Tal den Mersey entlang, so daß auf
       der einen Seite die Straße steil bergab und auf der ändern ebenso
       steil wieder  bergauf führt und die Eisenbahn von Manchester nach
       Birmingham auf  einem hohen  Viadukt über die Stadt und das ganze
       Tal hinweggeht.  Stockport ist im ganzen Bezirk als eins der fin-
       stersten und  räucherigsten Nester  bekannt und sieht in der Tat,
       besonders vom  Viadukt herab, äußerst unfreundlich aus. Aber noch
       viel unfreundlicher  sehen die  Cottages und  Kellerwohnungen der
       Proletarier aus,  die in  langen Reihen sich durch alle Teile der
       Stadt von der Talsohle bis auf die Krone der Hügel hinziehen. Ich
       erinnere mich nicht, in irgendeiner
       
       #275# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
       -----
       andern Stadt  dieses Bezirks  verhältnismäßig so  viele  bewohnte
       Keller gesehen zu haben.
       Wenige Meilen  nordöstlich von Stockport liegt Ashton-under-Lyne,
       einer der neuesten Fabrikorte der Gegend. Es liegt am Abhänge ei-
       nes Hügels,  an dessen Fuß der Kanal und der Fluß Tarne sich hin-
       ziehen, und  ist im  allgemeinen nach dem neueren, regelmäßigeren
       System gebaut.  Fünf oder sechs lange Parallelstraßen ziehen sich
       quer den  Hügel entlang  und werden  rechtwinklig von ändern, ins
       Tal hinabführenden  Straßen durchschnitten.  Die Fabriken  werden
       durch diese  Bauart alle  aus der  eigentlichen Stadt heraus ver-
       drängt, auch wenn nicht die Nähe des Wassers und der Wasserstraße
       sie sämtlich  unten ins  Tal hinabgezogen hätte, wo sie dicht zu-
       sammengedrängt stehen  und aus  ihren Schornsteinen  dicken Rauch
       ergießen. Dadurch bekommt Ashton ein viel freundlicheres Aussehen
       als die  meisten ändern  Fabrikstädte; die Straßen sind breit und
       reinlicher, die  Cottages sehen  neu, frischrot und wohnlich aus.
       Aber das  neue System,  Cottages für  die Arbeiter  zu bauen, hat
       auch seine  schlechten Seiten;  jede Straße  hat ihre  versteckte
       Hintergasse, zu der ein enger Seitenweg führt und die dafür desto
       schmutziger ist.  Und auch  in Ashton  - obwohl ich kein Gebäude,
       außer einigen  am Eingang,  gesehen habe,  das mehr  als fünf zig
       Jahre alt  sein könnte-auch  in Ashton  gibt es Straßen, in denen
       die Cottages  schlecht und  alt werden,  in deren  Mauerecken die
       Ziegel nicht  mehr halten  wollen und  sich verschieben, in denen
       die Wände  rissig werden  und den  inwendig aufgeweißten Kalk ab-
       bröckeln lassen;  Straßen, deren  unreinliches und  schwarzgeräu-
       chertes Aussehen  den übrigen Städten des Bezirks nichts nachgibt
       - nur daß dies in Ashton Ausnahme und nicht Regel ist.
       Eine Meile  weiter östlich  liegt Stalybridge, ebenfalls am Tame.
       Wenn man  von Ashton  über den  Berg kommt,  hat man oben auf der
       Spitze rechts  und links  schöne, große Gärten mit villenartigen,
       prächtigen Häusern  in der  Mitte -  meist im  "elisabetheischen"
       Stil gebaut,  der sich zum gotischen genauso verhält wie die pro-
       testantisch-anglikanische Religion zur apostolisch-römisch-katho-
       lischen. Einhundert  Schritte weiter,  und Stalybridge zeigt sich
       im Tal  - aber ein schroffer Gegensatz gegen die prächtigen Land-
       sitze, schroff  sogar noch  gegen die  bescheidenen Cottages  von
       Ashton! Stalybridge liegt in einer engen, gewundenen Talschlucht,
       noch viel  enger als  das Tal  bei Stockport, deren beide Abhänge
       mit einem unordentlichen Gewirre von Cottages, Häusern und Fabri-
       ken besetzt  sind. Wenn man hineingeht,  s o  sind gleich die er-
       sten Cottages  eng, räucherig, alt und verfallen, und wie die er-
       sten Häuser,  so die  ganze Stadt.  Wenige Straßen  hegen in  der
       schmalen Talsohle;  die meisten laufen kreuz und quer durcheinan-
       der, bergauf und
       
       #276# Friedrich Engels
       -----
       bergab, fast  in allen Häusern ist wegen dieser abschüssigen Lage
       das Erdgeschoß  halb in die Erde vergraben, und welche Massen von
       Höfen, Hintergassen  und abgelegenen  Winkeln aus dieser konfusen
       Bauart entstehen,  kann man  von den  Bergen sehen, von denen aus
       man die Stadt hier und da fast in der Vogelperspektive unter sich
       hat. Dazu  den entsetzlichen Schmutz gerechnet - und man begreift
       den widerlichen  Eindruck, den  Stalybridge trotz seiner hübschen
       Umgebung macht.
       Doch genug  über diese kleineren Städte. Sie haben alle ihr Apar-
       tes, aber  im ganzen  leben die  Arbeiter in  ihnen gerade wie in
       Manchester; darum habe ich auch nur ihre eigentümliche Bauart be-
       sonders geschildert  und bemerke  nur, daß alle allgemeineren Be-
       merkungen über  den Zustand  der Arbeiterwohnungen  in Manchester
       auch auf  die umliegenden Städte ihre volle Anwendung finden. Ge-
       hen wir nun zur Zentralstadt selbst über.
       Manchester liegt  am Fuße des südlichen Abhangs einer Hügelkette,
       die sich  von Oldham  her zwischen  die Täler  des Irwell und des
       Medlock drängt und deren letzte Spitze Kersall-Moor, die Rennbahn
       und zugleich  der Mons sacer 1*) von Manchester [85], bildet. Das
       eigentliche Manchester liegt auf dem linken Ufer des Irwell, zwi-
       schen diesem  Flusse und  den beiden  kleineren, Irk und Medlock;
       die sich  hier in den Irwell ergießen. Auf dem rechten Irwellufer
       und eingefaßt  von einer  starken Biegung  dieses Flusses,  liegt
       Salford, weiter  westlich Pendleton;  nördlich vom  Irwell liegen
       Higher und  Lower Broughton, nördlich vom Irk Cheetham Hill; süd-
       lich vom Medlock liegt Hulme, weiter östlich Chorlton-on-Medlock,
       noch weiter, ziemlich im Osten von Manchester, Ardwick. Der ganze
       Häuserkomplex wird  im gewöhnlichen  Leben Manchester genannt und
       faßt eher  über als  unter  viermalhunderttausend  Menschen.  Die
       Stadt selbst ist eigentümlich gebaut, so daß man jahrelang in ihr
       wohnen und  täglich hinein-  und herausgehen kann, ohne je in ein
       Arbeiterviertel oder  nur mit  Arbeitern in Berührung zu kommen -
       solange man nämlich eben nur seinen Geschäften nach- oder spazie-
       rengeht. Das kommt aber hauptsächlich daher, daß durch unbewußte,
       stillschweigende Übereinkunft  wie durch  bewußte  ausgesprochene
       Absicht die Arbeiterbezirke von den der Mittelklasse überlassenen
       Stadtteilen aufs schärfste getrennt oder, wo dies nicht geht, mit
       dem Mantel  der Liebe verhüllt werden. Manchester enthält in sei-
       nem Zentrum  einen ziemlich  ausgedehnten  kommerziellen  Bezirk,
       etwa eine  halbe Meile  lang und  ebenso breit,  der fast nur aus
       Kontoren und Warenlagern (warehouses) besteht. Fast der ganze Be-
       zirk ist  unbewohnt und  während der  Nacht einsam  und öde - nur
       wachthabende
       -----
       1*) heilige Berg
       
       Lage der arbeitenden Klasse in England · Die großen Städte
       #277#
       -----
       Bild ansehen
       Plan von Manchester und seinen Vorstädten
       
       #278#
       -----
       
       #279#
       -----
       Polizeidiener streichen  mit ihren Blendlaternen durch die engen,
       dunklen Gassen. Diese Gegend wird von einigen Hauptstraßen durch-
       schnitten, auf  denen sich  der ungeheure  Verkehr drängt  und in
       denen die Erdgeschosse mit brillanten Läden besetzt sind; in die-
       sen Straßen  finden sich hier und da bewohnte Oberräume, und hier
       ist auch  bis spät abends ziemlich viel Leben auf der Straße. Mit
       Ausnahme dieses kommerziellen Distrikts ist das ganze eigentliche
       Manchester, ganz  Salford und  Hulme, ein  bedeutender  Teil  von
       Pendleton und  Chorlton, zwei  Drittel von  Ardwick und  einzelne
       Striche von  Cheetham Hill und Broughton - alles lauter Arbeiter-
       bezirk, der sich wie ein durchschnittlich anderthalb Meilen brei-
       ter Gürtel  um das  kommerzielle Viertel zieht. Draußen, jenseits
       dieses Gürtels,  wohnt die  höhere und mittlere Bourgeoisie - die
       mittlere in regelmäßigen Straßen in der Nähe der Arbeiterviertel,
       namentlich  in  Chorlton  und  den  tieferhegenden  Gegenden  von
       Cheetham Hill,  die höhere in den entfernteren villenartigen Gar-
       tenhäusern von  Chorlton und  Ardwick oder auf den luftigen Höhen
       von Cheetham Hill, Broughton und Pendleton - in einer freien, ge-
       sunden Landluft,  in prächtigen,  bequemen  Wohnungen,  an  denen
       halbstündlich oder  viertelstündlich die nach der Stadt fahrenden
       Omnibusse vorbeikommen.  Und das  schönste bei der Sache ist, daß
       diese reichen  Geldanstokraten mitten durch die sämtlichen Arbei-
       terviertel auf  dem nächsten  Wege nach ihren Geschäftslokalen in
       der Mitte  der Stadt  kommen können, ohne auch nur zu merken, daß
       sie in  die Nähe des schmutzigsten Elends geraten, das rechts und
       links zu  finden ist. Die Hauptstraßen nämlich, die von der Börse
       nach allen  Richtungen aus der Stadt hinausführen, sind an beiden
       Seiten mit  einer fast  ununterbrochenen Reihe  von Läden besetzt
       und so in den Händen der mittleren und kleineren Bourgeoisie, die
       schon um  ihres Vorteils  willen auf anständigeres und reinliches
       Aussehen hält  und halten  kann. Allerdings haben diese Läden im-
       merhin einige Verwandtschaft mit den Distrikten, die hinter ihnen
       hegen, sind  also im kommerziellen Viertel und der Nähe der Bour-
       geoisiebezirke eleganter als da, wo sie schmutzige Ar bei tercot-
       tages verdecken;  aber sie  sind immerhin hinreichend, um vor den
       Augen der  reichen Herren  und Damen mit starkem Magen und schwa-
       chen Nerven  das Elend  und den Schmutz zu verbergen, die das er-
       gänzende Moment  zu ihrem Reichtum und Luxus bilden. So ist z. B.
       Deansgate, das von der alten Kirche m gerader Richtung nach Süden
       führt, anfangs mit Warenlagern und Fabriken, dann mit Läden zwei-
       ten Ranges  und einigen  Bierhäusern, weiter  südlich, wo  es das
       kommerzielle Viertel verläßt, mit unansehnlicheren Läden, die, je
       weiter man  kommt, desto schmutziger und mehr und mehr von Schen-
       ken und Schnapshäusern unterbrochen werden, bebaut, bis am südli-
       chen Ende das
       
       #280# Friedrich Engels
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       Aussehen der Läden keinen  Zweifel darüber läßt, daß Arbeiter und
       nur Arbeiter ihre Kunden sind.  So Market Street,  von  der Börse
       südöstlich laufend; anfangs brillante Läden ersten Ranges und  in
       den  höheren Stockwerken Kontore und Warenlager; weiterhin in der
       Fortsetzung  (Piccadilly) kolossale Hotels und Warenlager; in der
       weiteren Fortsetzung (London Road)  in der Gegend des Medlock Fa-
       briken,  Schenken,  Läden für niedere  Bourgeoisie und  Arbeiter,
       dann an Ardwick Green Wohnungen für höhere und mittlere Bourgeoi-
       sie, und  von da  an große  Gärten und Landhäuser für die reiche-
       ren Fabrikanten  und Kaufleute.  Auf diese  Weise kann  man wohl,
       wenn man Manchester kennt,  von den Hauptstraßen  aus auf die an-
       schließenden  Bezirke   s c h l i e ß e n,   aber  man  ist  sehr
       selten imstande,  von ihnen  aus die  w i r k l i c h e n  Arbei-
       terbezirke selbst zu Gesicht zu bekommen. Ich weiß sehr wohl, daß
       diese heuchlerische Bauart mehr oder weniger allen großen Städten
       gemein ist; ich weiß ebenfalls, daß die Detailhändler schon wegen
       der Natur  ihres Geschäfts  die großen durchführenden Straßen für
       sich in Beschlag nehmen müssen; ich weiß, daß man überall an sol-
       chen Straßen  mehr gute als schlechte Häuser hat und daß in ihrer
       Nähe der  Grundwert höher  ist als  in abgelegenen Gegenden; aber
       ich habe  zugleich eine so systematische Absperrung der Arbeiter-
       klasse von  den Hauptstraßen, eine so zartfühlende Verhüllung al-
       les dessen,  was das Auge und die Nerven der Bourgeoisie beleidi-
       gen könnte, nirgends gefunden als in Manchester. Und doch ist ge-
       rade Manchester  sonst weniger  planmäßig oder  nach  Polizeivor-
       schriften und dagegen mehr durch den Zufall gebaut als irgendeine
       andre Stadt;  und wenn  ich die eifrigen Beteuerungen der Mittel-
       klasse, daß  es den  Arbeitern ganz  vortrefflich gehe, dabei er-
       wäge, so will es mich doch dünken, als seien die liberalen Fabri-
       kanten, die  "big whigs" von Manchester, nicht so ganz unschuldig
       an dieser schamhaften Bauart.
       Ich erwähne  noch eben,  daß die Fabrikanlagen sich fast alle dem
       Lauf der  drei Flüsse  oder der  verschiedenen Kanäle,  die  sich
       durch die Stadt verzweigen, anschließen, und gehe dann zur Schil-
       derung der  Arbeiterbezirke selbst  über. Da  ist zuerst die Alt-
       stadt von Manchester, die zwischen der Nordgrenze des kommerziel-
       len Viertels und dem Irk liegt. Hier sind die Straßen, selbst die
       besseren, eng  und krumm  - wie Todd Street, Long Millgate, Withy
       Grove und  Shude Hill  -, die Häuser schmutzig, alt und baufällig
       und die  Bauart der  Nebenstraßen vollends  abscheulich. Wenn man
       von der  alten Kirche  in Long  Millgate hineingeht,  so hat  man
       gleich rechts eine Reihe altmodischer Häuser, an denen keine ein-
       zige Frontmauer  senkrecht geblieben  ist; es  sind die Reste des
       alten, vorindustriellen  Manchester, deren frühere Einwohner sich
       mit ihren Nachkommen in besser gebaute
       
       #281# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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       Bezirke gezogen  und die Häuser, die ihnen zu schlecht waren, ei-
       ner stark  mit irischem Blut vermischten Arbeiterrasse überlassen
       haben. Man ist hier wirklich in einem fast unverhüllten Arbeiter-
       viertel, denn selbst die Läden und Kneipen der Straße nehmen sich
       nicht die  Mühe, etwas reinlich auszusehen. Aber das ist all noch
       nichts gegen  die Gassen  und Höfe,  die dahinter  liegen und  zu
       denen man  nur durch  enge, überbaute  Zugänge gelangt,  in denen
       keine zwei Menschen aneinander vorbei können. Von der unordentli-
       chen, aller  vernünftigen Baukunst hohnsprechenden Zusammenwürfe-
       lung der  Häuser, von der Gedrängtheit, mit der sie hier förmlich
       aneinander-gepackt sind,  kann man sich keine Vorstellung machen.
       Und es  sind nicht nur die aus der alten Zeit Manchesters hinter-
       lassenen Gebäude, die die Schuld davon tragen; die Verwirrung ist
       in neuerer Zeit erst auf die Spitze getrieben worden, indem über-
       all, wo  die ganze  Bauart der früheren Epoche noch ein Fleckchen
       Raum ließ,  später nachgebaut  und angeflickt  wurde, bis endlich
       zwischen den  Häusern kein  Zoll breit Platz blieb, der sich noch
       hätte verbauen  lassen. Zur  Bestätigung zeichne  ich ein kleines
       Fleckchen aus dem Plane von Manchester hier ab - es ist nicht das
       schlimmste Stück und nicht der zehnte Teil der ganzen Altstadt.
       
       Bild ansehen
       Bauart eines Bezirks
       
       Diese Zeichnung  wird hinreichen,  um die  wahnsinnige Bauart des
       ganzen Bezirks,  namentlich des in der Nähe des Irk, zu charakte-
       risieren. Das  Ufer des  Irk ist hier auf der Südseite sehr steil
       und zwischen  fünfzehn und dreißig Fuß hoch; an diese abschüssige
       Bergwand sind  meist noch  drei Reihen Häuser hingepflanzt, deren
       niedrigste sich  unmittelbar aus  dem Flusse  erhebt, während die
       Vorderwand der  höchsten auf  dem Niveau  der Hügelkrone  in Long
       Millgate steht.  Dazwischen stehen noch Fabriken am Flusse - kurz
       die Bauart  ist hier  ebenso eng  und unordentlich wie im unteren
       Teil von  Long Millgate. Rechts und links führen eine Menge über-
       bauter Zugänge  von der  Hauptstraße in  die vielen  Höfe ab, und
       wenn man hineingeht, so gerät man in einen Schmutz und eine ekel-
       hafte Unsauberkeit,  die ihresgleichen  nicht hat - namentlich in
       den Höfen,  die nach  dem Irk  hinabführen und  die unbedingt die
       scheußlichsten Wohnungen  enthalten, welche  mir bis jetzt vorge-
       kommen sind.  In einem  dieser Höfe  steht gleich am Eingange, wo
       der bedeckte  Gang aufhört, ein Abtritt, der keine Tür hat und so
       schmutzig ist,  daß die  Einwohner nur  durch  eine  stagnierende
       Pfütze von
       
       #282# Friedrich Engels
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       faulem Urin und Exkrementen, die ihn umgibt, in den Hof oder her-
       aus können;  es ist  der erste  Hof am Irk oberhalb Ducie Bridge,
       wenn jemand  Lust haben sollte, nachzusehen; unten am Flusse ste-
       hen mehrere  Gerbereien, die  die ganze Umgegend mit animalischem
       Verwesungsgeruch erfüllen.  In die  Höfe unterhalb  Ducie  Bridge
       steigt man meist auf engen, schmutzigen Treppen hinab und gelangt
       nur über Haufen von Schutt und Unrat an die Häuser. Der erste Hof
       unterhalb Ducie  Bridge heißt  Allen's Court und war zur Cholera-
       zeit in  einem solchen  Zustande, daß  die Gesundheitspolizei ihn
       ausräumen, fegen  und mit Chlor ausräuchern ließ; Dr. Kay gibt in
       einer Broschüre  *) eine  schreckenerregende Beschreibung von der
       damaligen Lage  dieses Hofes.  Seitdem scheint er teilweise abge-
       brochen und  neu erbaut  worden zu  sein - von Ducie Bridge herab
       sieht man wenigstens noch mehrere Mauerruinen und hohe Schutthau-
       fen neben  einigen Häusern neueren Baues. Die Aussicht von dieser
       Brücke  -  zartfühlenderweise  von  einer  mannshohen  gemauerten
       Brustwehr den kleineren Sterblichen verhüllt - ist überhaupt cha-
       rakteristisch für  den ganzen  Bezirk. In  der Tiefe  fließt oder
       vielmehr stagniert der Irk, ein schmaler, pechschwarzer, stinken-
       der Fluß, voll Unrat und Abfall, den er ans rechte, flachere Ufer
       anspült; bei  trocknem Wetter  bleibt an  diesem Ufer  eine lange
       Reihe der  ekelhaftesten schwarzgrünen Schlammpfützen stehen, aus
       deren Tiefe  fortwährend Blasen miasmatischer Gase aufsteigen und
       einen Geruch  entwickeln, der selbst oben auf der Brücke, vierzig
       oder fünfzig  Fuß über  dem Wasserspiegel, noch unerträglich ist.
       Der Fluß  selbst wird  dazu noch alle fingerlang durch hohe Wehre
       aufgehalten, hinter  denen sich  der Schlamm und Abfall in dicken
       Massen absetzt und verfault. Oberhalb der Brücke stehen hohe Ger-
       bereien, weiter  hinauf Färbereien,  Knochenmühlen und  Gaswerke,
       deren Abflüsse  und Abfälle  samt und sonders in den Irk wandern,
       der außerdem  noch den  Inhalt der  anschießenden Kloaken und Ab-
       tritte aufnimmt.  Man kann  sich also denken, welcher Beschaffen-
       heit die  Residuen sind,  die der  Fluß hinterläßt. Unterhalb der
       Brücke sieht man in die Schutthaufen, den Unrat, Schmutz und Ver-
       fall der  Höfe auf dem linken, steilen Ufer; ein Haus steht immer
       dicht hinter dem ändern, und wegen der Steigerung des Ufers sieht
       man von  jedem ein  Stück - alle schwarzgeraucht, bröckelig, alt,
       mit zerbrochnen  Fensterscheiben und  Fensterrahmen. Den  Hinter-
       grund bilden kasernenartige, alte
       ---
       *) "The Moral  and Physical Condition of the Working Classes, em-
       ployed in  the Cotton  Manufacture in  Manchester" [Die sittliche
       und physische  Lage der  in der Baumwollfabrikation in Manchester
       beschäftigten arbeitenden  Klassen]. By  James Ph.  Kay, Dr. Med.
       2nd edit.  1832. -  Verwechselt die Arbeiterklasse im allgemeinen
       mit der Fabrikarbeiterklasse, sonst vortrefflich.
       
       #283# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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       Fabrikgebäude. Auf  dem rechten,  flacheren Ufer steht eine lange
       Reihe Häuser und Fabriken - gleich das zweite Haus ist eine Ruine
       ohne Dach, mit Schutt angefüllt, und das dritte steht so niedrig,
       daß das  unterste Stockwerk  unbewohnbar und  infolgedessen  ohne
       Fenster und  Türen ist.  Den Hintergrund  bildet hier  der Armen-
       kirchhof, die  Bahnhöfe der  Liverpooler und  Leedser Eisenbahnen
       und dahinter das Arbeitshaus, die "Armengesetz-Bastille" von Man-
       chester, das wie eine Zitadelle von einem Hügel hinter hohen Mau-
       ern und  Zinnen drohend auf das gegenüberliegende Arbeiterviertel
       herabschaut.
       Oberhalb Ducie  Bridge wird das linke Ufer flacher und das rechte
       dagegen steiler,  der Zustand der Wohnungen auf beiden Seiten des
       Irk indessen  eher schlimmer  als besser.  Wenn man  hier von der
       Hauptstraße - noch immer Long Millgate - links abgeht, so ist man
       verloren; man gerät aus einem Hof in den ändern, das geht um lau-
       ter Ecken,  durch lauter  enge, schmutzige  Winkel und Gänge, bis
       man nach  wenig Minuten  alle Richtung verloren hat und gar nicht
       mehr weiß,  wohin man  sich wenden  soll. Überall  halb oder ganz
       verfallene Gebäude-einzelne sind wirklich unbewohnt, und das will
       hier viel  heißen -  in den  Häusern selten  ein bretterner  oder
       steinerner Fußboden,  dagegen fast  immer  zerbrochene,  schlecht
       passende Fenster  und Türen, und ein Schmutz! - Schutthaufen, Ab-
       fall und  Unflat überall;  stehende Pfützen statt der Rinnsteine,
       und ein  Geruch, der  es allein  jedem einigermaßen zivilisierten
       Menschen unerträglich  machen würde, in einem solchen Distrikt zu
       wohnen. Die neuerbaute Verlängerung der Leedser Eisenbahn, welche
       hier den  Irk überschreitet,  hat einen Teil dieser Höfe und Gäß-
       chen weggefegt, dagegen andre wieder erst recht dem Blicke offen-
       gelegt. So ist unmittelbar unterhalb der Eisenbahnbrücke ein Hof,
       der an  Schmutz und  Scheußlichkeit alle  ändern weit übertrifft,
       eben weil  er bisher  so abgeschlossen, so zurückgezogen war, daß
       man nur mit Mühe hineingelangen konnte; ich selbst hätte ihn ohne
       die durch den Eisenbahnviadukt geschaffne Lücke nie gefunden, ob-
       wohl ich  diese ganze Gegend genau zu kennen glaubte. Man gelangt
       über ein  holpriges Ufer,  zwischen Pfählen  und Waschleinen hin-
       durch in dies Chaos kleiner, einstöckiger und einstubiger Hütten,
       von denen  die meisten ohne allen künstlichen Fußboden sind - Kü-
       che, Wohn-  und Schlafzimmer,  alles vereinigt.  In einem solchen
       Loche, das  kaum sechs  Fuß lang und fünf breit war, sah ich zwei
       Betten -  und was  für Bettstellen  und Betten  - die nebst einer
       Treppe und  einem Herd gerade hinreichten, um das ganze Zimmer zu
       füllen. In  mehreren ändern  sah ich  g a r  n i c h t s,  obwohl
       die Tür weit offenstand und die Einwohner an ihr lehnten. Vor den
       Türen überall  Schutt und Unrat; daß eine Art von Pflaster darun-
       ter
       
       #284# Friedrich Engels
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       sei, war nicht zu sehen, sondern  bloß  hie  und da mit den Füßen
       herauszufühlen.  Der  ganze Haufen  menschenbewohnter  Viehställe
       war auf zwei Seiten von Häusern und einer Fabrik, auf der dritten
       vom Fluß  begrenzt, und  außer dem  schmalen Ufersteig führte nur
       noch ein  enger Torweg  hinaus  -  in  ein  andres,  fast  ebenso
       schlecht gebautes und gehaltenes Labyrinth von Wohnungen.
       Genug davon!  In dieser  Weise ist die ganze Irkseite bebaut, ein
       planlos zusammengewürfeltes  Chaos von Häusern, die der Unbewohn-
       barkeit mehr  oder weniger  nahestehen und deren unreinliches In-
       nere der  unflätigen Umgebung  vollkommen entspricht.  Wie sollen
       die Leute  auch reinlich  sein! Nicht einmal für die Befriedigung
       der allernatürlichsten und alltäglichsten Bedürfnisse gibt es ge-
       eignete Gelegenheit.  Die Abtritte sind hier so rar, daß sie ent-
       weder alle  Tage voll  werden oder  den meisten zu entlegen sind.
       Wie sollten  sich die  Leute waschen,  wo sie  nur das schmutzige
       Irkwasser nahebei  haben und  Wasserleitungen und  Pumpen erst in
       honetten Stadtteilen  vorkommen! Wahrhaftig,  man kann  es diesen
       Heloten der modernen Gesellschaft nicht zurechnen, wenn ihre Woh-
       nungen nicht reinlicher sind als die Schweineställe, die hier und
       da mitten  dazwischen stehen!  Schämen sich doch die Hausbesitzer
       nicht, Wohnungen zu vermieten wie die sechs oder sieben Keller am
       Kai, gleich  unterhalb Scotland Bridge, deren Fußboden mindestens
       zwei Fuß  unter dem  Wasserspiegel -  bei niedrigem  Wasser - des
       nicht sechs  Fuß davon  fließenden Irk  hegt, oder  wie das obere
       Stock im  Eckhaus auf  dem entgegengesetzten Ufer gleich oberhalb
       der Brücke,  dessen Erdgeschoß  unbewohnbar, ohne alle Ausfüllung
       für Tür- und Fensterlöcher - doch das ist ja ein Fall, der m die-
       ser ganzen  Gegend nicht  selten vorkommt,  wobei dann gewöhnlich
       dies offene  untere Stockwerk  von der  ganzen Nachbarschaft  aus
       Mangel an ändern Lokalitäten als Abtritt benutzt wird!
       Verlassen wir  den Irk,  um auf  der entgegengesetzten  Seite von
       Long Millgate  wieder in die Mitte der Arbeiterwohnungen zu drin-
       gen, so kommen wir in ein etwas neueres Viertel, das sich von der
       St.-Michaelis-Kirche bis  Withy Grove  und Shude  Hill erstreckt.
       Hier ist  wenigstens etwas  mehr Ordnung;  statt der  chaotischen
       Bauart finden  wir hier wenigstens lange, gerade Gassen und Sack-
       gassen oder absichtlich gebaute, meist viereckige Höfe; aber wenn
       früher jedes einzelne Haus, so ist hier wenigstens jede Gasse und
       jeder Hof  willkürlich und  ohne alle  Rücksicht auf die Lage der
       übrigen angebaut.  Bald läuft eine Gasse in dieser, bald in jener
       Richtung, alle  fingerlang gerät  man in  einen Sack oder um eine
       zugebaute Ecke,  die gerade wieder dahin führt, von wo man ausge-
       gangen ist  - wer  nicht in  diesem Labyrinth eine gute Zeit lang
       gewohnt hat, findet sich gewiß nicht hindurch. Die
       
       #285# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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       Ventilation der  Straßen -  wenn ich das Wort von diesem Distrikt
       gebrauchen darf  - und  Höfe wird dadurch ebenso unvollkommen wie
       die der  Irkgegend; und  wenn dennoch dieser Bezirk etwas vor dem
       Irktale voraus  haben sollte  - die Häuser sind allerdings neuer,
       die Straßen haben wenigstens zuweilen Rinnsteine -, so hat er da-
       gegen auch  wieder fast unter jedem Hause eine Kellerwohnung, was
       sich im Irktale eben wegen des größeren Alters und der nachlässi-
       geren Bauart  der  Häuser  selten  findet.  Im  übrigen  ist  der
       Schmutz, die  Schutt- und Aschenhaufen, die Pfützen auf den Stra-
       ßen beiden  Vierteln gemeinsam,  und in dem Distrikt, von dem wir
       jetzt reden,  finden wir  außerdem noch einen ändern Umstand, der
       für die  Reinlichkeit der  Einwohner sehr nachteilig ist, nämlich
       die Masse  Schweine, die hier überall auf den Gassen umherspazie-
       ren, den Unrat durchschnüffeln oder in den Höfen in kleinen Stäl-
       len eingesperrt sind. Die Schweinemäster mieten sich hier, wie in
       den meisten  Arbeiterbezirken von Manchester, die Höfe und setzen
       Schweineställe hinein;  fast in  jedem Hofe ist ein solcher abge-
       sperrter Winkel oder gar mehrere, in welche die Bewohner des Hofs
       allen Abfall  und Unrat  hineinwerfen - dabei werden die Schweine
       fett, und  die ohnehin in diesen nach allen vier Seiten verbauten
       Höfen eingesperrte Luft vollends schlecht von den verwesenden ve-
       getabilischen und  animalischen Stoffen. Man hat durch diesen Be-
       zirk eine  breite, ziemlich honette Straße - Millers Street - ge-
       brochen und den Hintergrund mit ziemlichem Erfolge verdeckt; wenn
       man sich  aber von der Neugier m einen der zahlreichen Gänge, die
       in die Höfe führen, verleiten läßt, so kann man diese buchstäbli-
       che Schweinerei alle zwanzig Schritt wiederholt sehen.
       Das ist die Altstadt von Manchester - und wenn ich meine Schilde-
       rung noch  einmal durchlese,  so muß ich bekennen, daß sie, statt
       übertrieben zu  sein, noch  lange nicht  grell genug  ist, um den
       Schmutz, die  Verkommenheit und  Unwohnlichkeit; die  allen Rück-
       sichten auf  Reinlichkeit, Ventilation  und Gesundheit  hohnspre-
       chende Bauart  dieses mindestens zwanzig- bis dreißigtausend Ein-
       wohner fassenden  Bezirks anschaulich  zu machen. Und ein solches
       Viertel existiert  im Zentrum der zweiten Stadt Englands, der er-
       sten Fabrikstadt  der Welt!  Wenn man  sehen will, wie wenig Raum
       der Mensch  zum Bewegen,  wie wenig  Luft - und welche Luft! - er
       zum Atmen im Notfall zu haben braucht, mit wie wenig Zivilisation
       er existieren  kann, dann  hat man  nur hieher  zu kommen. Es ist
       freilich die   A l t stadt   -  und darauf berufen sich die Leute
       hier, wenn  man ihnen  von dem scheußlichen Zustande dieser Hölle
       auf Erden  spricht -,  aber was will das sagen? Alles, was unsren
       Abscheu und  unsre Indignation  hier am  heftigsten  erregt,  ist
       neueren  Ursprungs,   gehört   der      i n d u s t r i e l l e n
       E p o c h e  an. Die paar hundert Häuser, die
       
       #286# Friedrich Engels
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       dem alten Manchester angehören, sind von ihren ursprünglichen Be-
       wohnern längst verlassen; nur die Industrie hat sie mit den Scha-
       ren von  Arbeitern vollgepfropft,  die jetzt  in ihnen beherbergt
       werden; nur die Industrie hat jedes Fleckchen zwischen diesen al-
       ten Häusern  verbaut, um  Obdach zu  gewinnen für die Massen, die
       sie sich  aus den Ackerbaugegenden und aus Irland verschrieb; nur
       die Industrie  gestattet es  den Besitzern dieser Viehställe, sie
       an Menschen  für hohe  Miete zur Wohnung zu überlassen, die Armut
       der Arbeiter  auszubeuten, die Gesundheit von Tausenden zu unter-
       graben, damit  nur  s i e  sich bereichern; nur die Industrie hat
       es möglich gemacht, daß der kaum aus der Leibeigenschaft befreite
       Arbeiter wieder  als ein  bloßes Material,  als   S a c h e   ge-
       braucht werden konnte, daß er sich in eine Wohnung sperren lassen
       muß, die  jedem ändern zu schlecht und die er nun für sein teures
       Geld das  Recht hat vollends verfallen zu lassen. Das hat nur die
       Industrie getan,  die ohne  diese Arbeiter,  ohne die  Armut  und
       Knechtschaft dieser  Arbeiter nicht  hätte leben  können. Es  ist
       wahr, die  ursprüngliche Anlage dieses Viertels war schlecht, man
       konnte nicht  viel Gutes  daraus machen - aber haben die Grundbe-
       sitzer, hat  die Verwaltung  etwas getan,  um das beim Nachbau zu
       verbessern? Im  Gegenteil, wo  noch ein  Winkelchen frei war, ist
       ein Haus  hingesetzt, wo  noch ein  überflüssiger Ausgang, ist er
       zugebaut worden;  der Grundwert stieg mit dem Aufblühen der Indu-
       strie, und je mehr er stieg, desto toller wurde darauf losgebaut,
       ohne Rücksicht  auf die Gesundheit und Bequemlichkeit der Einwoh-
       ner  -     e s     i s t     k e i n e     B a r a c k e      s o
       s c h l e c h t,   e s   f i n d e t   s i c h   i m m e r  e i n
       A r m e r,   d e r   k e i n e   b e s s e r e    b e z a h l e n
       k a n n  -, nur mit Rücksicht auf den größtmöglichen Gewinn. Doch
       es ist  einmal die  Altstadt, und  damit beruhigt  sich die Bour-
       geoisie; sehen wir denn, wie die  N e u s t a d t  (the New Town)
       sich anläßt.
       Die   N e u s t a d t,   auch die  Irische Stadt (the Irish Town)
       genannt, zieht  sich jenseits  der Altstadt  einen Lehmhügel zwi-
       schen dem Irk und St. George's Road hinauf. Hier hört alles städ-
       tische Aussehen  auf; einzelne Reihen Häuser oder Straßenkomplexe
       stehen wie  kleine Dörfer hier und da auf dem nackten, nicht ein-
       mal mit Gras bewachsenen Lehmboden; die Häuser oder vielmehr Cot-
       tages sind  in schlechtem Zustande, nie repariert, schmutzig, mit
       feuchten und  unreinen Kellerwohnungen  versehen; die Gassen sind
       weder gepflastert noch haben sie Abzüge, dagegen zahlreiche Kolo-
       nien von  Schweinen, die  in kleinen Höfen und Ställen abgesperrt
       sind oder  ungeniert an  der Halde spazierengehn. Der Kot auf den
       Wegen ist  hier so  groß, daß man nur bei äußerst trocknem Wetter
       Aussicht hat  durchzukommen, ohne  bei jedem Schritt bis über die
       Knöchel zu versinken. In der Nähe von St. George's Road schließen
       sich die einzelnen bebauten Flecken dichter aneinander, man
       
       #287# Lage der arbeitenden Klosse in England - Die großen Städte
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       gerät in eine fortlaufende Reihe Gassen, Sackgassen, Hintergassen
       und Höfe,  die je  gedrängter und unordentlicher werden, je näher
       man dem Zentrum der Stadt kommt. Dafür sind sie freilich auch öf-
       ter gepflastert  oder wenigstens  mit gepflasterten  Fußwegen und
       Rinnsteinen versehen;  der Schmutz,  die schlechte Beschaffenheit
       der Häuser und besonders der Keller bleibt aber derselbe.
       Es wird am Orte sein, hier einige allgemeine Bemerkungen über die
       in Manchester  übliche Bauart  der Arbeiterviertel zu machen. Wir
       haben gesehen,  wie in  der Altstadt  meist der reine Zufall über
       die Gruppierung  der Häuser  verfügte. Jedes  Haus ist ohne Rück-
       sicht auf die übrigen gebaut, und die winkligen Zwischenräume der
       einzelnen Wohnungen  werden in  Ermangelung eines  ändern  Namens
       Höfe (courts)  genannt. In  den etwas  neueren  Teilen  desselben
       Viertels und  in andren  Arbeitsvierteln 1*),  die aus den ersten
       "Zeiten der  aufblühenden Industrie herrühren, finden wir ein et-
       was planmäßigeres  Arrangement. Der  Zwischenraum  zwischen  zwei
       Straßen wird  in regelmäßigere,  meist viereckige  Höfe  geteilt,
       etwa so:
       
       Bild ansehen
       Zwischenraum zwischen zwei Straßen in Höfe geteilt
       
       die von  vornherein so  angelegt wurden  und zu  denen  verdeckte
       Gänge von  den Straßen  führen. Wenn die ganz planlose Bauart der
       Gesundheit der  Bewohner durch Verhinderung der Ventilation schon
       sehr nachteilig  war, so  ist es  diese Art, die Arbeiter in Höfe
       einzusperren, die  nach allen  Seiten  von  Gebäuden  umschlossen
       sind, noch  viel mehr. Die Luft kann hier platterdings nicht her-
       aus; die Schornsteine der Häuser selbst sind, solange Feuer ange-
       halten wird,  die einzigen  Abzüge für  die eingesperrte Luft des
       Hofes. *)
       ---
       *) Und doch behauptet einmal ein weiser englischer Liberaler - im
       "Bericht der  Children's Empl[oyment] Comm[ission]" -, diese Höfe
       seien das Meisterstück der Städtebaukunst, weil sie, gleich einer
       Anzahl kleiner öffentlicher Plätze, die Ventilation und den Luft-
       zug verbesserten! Freilich, wenn jeder Hof zwei oder vier breite,
       oben offene,  gegenüberstehende Zugänge  hätte, wodurch  die Luft
       streichen könnte - aber sie haben  n i e  zwei, sehr selten einen
       offnen, und fast alle nur schmale, überbaute Einlasse.
       -----
       1*) (1892) Arbeitervierteln
       
       #288# Friedrich Engels
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       Dazu kommt  noch, daß die Häuser um solche Höfe meist doppelt, je
       zwei mit der Rückwand zusammengebaut sind, und schon das ist hin-
       reichend, um  alle gute,  durchgehende Ventilation zu verhindern.
       Und da  die Straßenpolizei  sich nicht um den Zustand dieser Höfe
       bekümmert, da  alles ruhig liegenbleibt, was hineingeworfen wird,
       so darf  man sich nicht über den Schmutz und die Haufen von Asche
       und Unrat wundern, die man hier findet. Bin ich doch in Höfen ge-
       wesen - sie liegen an Millers Street -, die mindestens einen hal-
       ben Fuß  tiefer lagen  als die Hauptstraße und die auch nicht den
       mindesten Abfluß  für das  bei Regenwetter  sich in  ihnen ansam-
       melnde Wasser hatten!
       In späterer  Zeit hat man eine andre Bauart angefangen, die jetzt
       die allgemeine  ist. Die  Arbeitercottages werden  jetzt  nämlich
       fast nie  einzeln, sondern immer dutzend -, ja schockweise gebaut
       - ein  einziger Unternehmer  baut gleich eine oder ein paar Stra-
       ßen. Diese  werden dann  auf folgende  Weise angelegt:  Die  eine
       Front - vgl. die Zeichnung unten - bilden Cottages ersten Ranges,
       die so  glücklich sind,  eine Hintertür  und einen kleinen Hof zu
       besitzen, und die die höchste Miete bringen. Hinter den Hofmauern
       dieser Cottages  ist eine  schmale Gasse,  die Hintergasse  (back
       street), die an beiden Enden zugebaut ist und in die entweder ein
       schmaler Weg oder ein bedeckter Gang von der Seite her führt. Die
       Cottages, die auf diese Gasse führen, bezahlen am wenigsten Miete
       und sind überhaupt am meisten vernachlässigt. Sie haben die Rück-
       wand gemeinsam  mit der dritten Reihe Cottages, die nach der ent-
       gegengesetzten Seite  hin auf  die Straße gehen und weniger Miete
       als die  erste, dagegen mehr als die zweite Reihe tragen. Die An-
       lage der Straßen ist also etwa so:
       
       Bild ansehen
       Anlage der Straßen
       
       Durch diese  Bauart wird  zwar für  die erste Reihe Cottages eine
       ziemlich gute  Ventilation gewonnen und die der dritten Reihe we-
       nigstens nicht gegen die der entsprechenden in der frühern Bauart
       verschlechtert; dagegen  ist die  Mittelreihe  mindestens  ebenso
       schlecht ventiliert  wie die  Häuser in den Höfen und die Hinter-
       gasse selbst  stets in  demselben schmutzigen  und unansehnlichen
       Zustande wie jene. Die Unternehmer ziehen diese Bauart
       
       #289# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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       vor, weil  sie ihnen  Raum spart und Gelegenheit gibt, die besser
       bezahlten Arbeiter  durch höhere Miete in den Cottages der ersten
       und dritten Reihe desto erfolgreicher auszubeuten.
       Diese dreierlei  Formen des  Cottagebaues findet man in ganz Man-
       chester, ja  in ganz  Lancashire und  Yorkshire wieder,  oft ver-
       mengt, aber  meist hinreichend  geschieden, um  hieraus schon auf
       das verhältnismäßige  Alter der einzelnen Stadtteile schließen zu
       können. Das  dritte System,  das der Hintergassen, ist das in dem
       großen Arbeiterbezirk  östlich von  St. George's  Road, zu beiden
       Seiten von Oldham Road und Great Ancoats Street, entschieden vor-
       herrschende und  findet sich auch in den übrigen Arbeiterbezirken
       von Manchester und seinen Vorstädten am häufigsten.
       In dem  erwähnten großen  Bezirk, den man unter dem Namen Ancoats
       begreift, sind die meisten und größten Fabriken von Manchester an
       den Kanälen  angelegt -  kolossale sechs-  bis siebenstöckige Ge-
       bäude, die  mit ihren schlanken Rauchfängen hoch über die niedri-
       gen Arbeitercottages emporragen. Die Bevölkerung des Bezirks sind
       daher hauptsächlich  Fabrikarbeiter  und,  in  den  schlechtesten
       Straßen, Handweber.  Die Straßen,  die dem  Zentrum der  Stadt am
       nächsten liegen,  sind die  ältesten und daher die schlechtesten,
       doch sind  sie gepflastert  und mit  Abzügen versehen; ich rechne
       hierzu die nächsten Parallelstraßen von Oldham Road und Great An-
       coats Street.  Weiterhin nach  Nordosten findet man manche neuge-
       baute Straße;  hier sehen die Cottages nett und reinlich aus, die
       Türen und  Fenster sind  neu und frisch angestrichen, die inneren
       Räume rein  geweißt; die Straßen selbst sind luftiger, die leeren
       Bauplätze zwischen  ihnen größer und häufiger. Aber das läßt sich
       nur von  der kleineren  Zahl der Wohnungen sagen; dazu kommt dann
       noch, daß  Kellerwohnungen fast unter jeder Cottage eingerichtet,
       daß viele Straßen ungepflastert und ohne Abzüge sind, und vor al-
       lem, daß  dieses nette  Aussehen doch nur Schein ist, Schein, der
       nach den  ersten zehn  Jahren schon  verschwunden ist. Die Bauart
       der einzelnen  Cottages selbst ist nämlich nicht weniger verwerf-
       lich als  die Anlage  der Straßen. Solche Cottages sehen alle an-
       fangs nett  und solide  aus, die  massiven Ziegelmauern bestechen
       das Auge, und wenn man durch eine  n e u g e b a u t e  Arbeiter-
       straße geht,  ohne sich  um die  Hintergassen oder die Bauart der
       Häuser selbst näher zu bekümmern, so stimmt man in die Behauptung
       der liberalen  Fabrikanten ein,  daß nirgends die Arbeiter so gut
       wohnen wie  in England.  Aber wenn  man näher  zusieht, so findet
       man, daß die Mauern dieser Cottages so dünn sind, wie es nur mög-
       lich ist, sie zu machen. Die äußeren Mauern, die das Kellerstock-
       werk, das  Erdgeschoß und  das Dach  tragen, sind höchstens einen
       ganzen Ziegel dick - so daß in jeder waagerechten Schicht die
       
       #290# Friedrich Engels
       -----
       Ziegel mit  der langen Seite aneinandergefügt werden (¦ ¦ ¦ ¦ ¦);
       ich habe  aber manche  Cottage von  derselben Höhe - einige sogar
       noch im Bau - gesehen, bei denen die äußern Mauern nur einen hal-
       ben Ziegel  dick waren und die Ziegel also nicht der Breite, son-
       dern der  Länge nach  gelegt waren,  so daß  sie mit der schmalen
       Seite aneinanderstießen (= = = = =). Dies geschieht teilweise, um
       Material zu  sparen, teilweise aber auch, weil die Bauunternehmer
       nie die  Eigentümer des  Bodens sind, sondern ihn nach englischer
       Sitte nur  auf zwanzig,  dreißig, vierzig,  fünfzig oder neunund-
       neunzig Jahre gemietet haben, nach welcher Zeit er mit allem, was
       darauf ist,  dem ursprünglichen Besitzer wieder zufällt, ohne daß
       dieser für  gemachte Anlagen etwas zu vergüten hätte. Die Anlagen
       werden also vom Pächter darauf berechnet, daß sie nach Ablauf der
       kontraktlichen Zeit  so wertlos  wie möglich  sind; und da solche
       Cottages oft nur zwanzig oder dreißig Jahre vor diesem Zeitpunkte
       errichtet werden,  so ist  es leicht zu begreifen, daß die Unter-
       nehmer nicht zuviel darauf verwenden werden. Dazu kommt noch, daß
       diese Unternehmer, meist Maurer und Zimmerleute oder Fabrikanten,
       teils um den Mietertrag nicht zu verringern, teils wegen heranna-
       henden Rückfalls  des Bauplatzes, wenig oder gar nichts auf Repa-
       raturen verwenden,  daß wegen Handelskrisen und der darauffolgen-
       den Brotlosigkeit  oft ganze  Straßen leerstehen  und daß infolge
       hiervon die  Cottages sehr  rasch verfallen  und in unbewohnbaren
       Zustand geraten. Man rechnet wirklich allgemein, daß Arbeiterwoh-
       nungen durchschnittlich  nur vierzig Jahre bewohnbar bleiben; das
       klingt wunderbar  genug, wenn  man die  schönen, massiven  Mauern
       neuerbauter Cottages  dabei sieht,  die eine  Dauer von  ein paar
       Jahrhunderten zu  versprechen scheinen  - aber es ist dennoch so,
       die Knickerei der ursprünglichen Anlage, die Vernachlässigung al-
       ler  Reparaturen,   das  häufige   Leerstehen,  der  fortwährende
       schnelle Wechsel  der Bewohner und dazu die Verwüstungen, die die
       Einwohner während der letzten zehn Jahre der Bewohnbarkeit, meist
       Irländer, anrichten,  indem sie das Holzwerk oft genug aufbrechen
       und zur  Heizung gebrauchen - alles das macht diese Cottages nach
       vierzig Jahren  zu Ruinen.  Daher kommt es denn auch, daß der Di-
       strikt von Ancoats, der erst seit dem Aufblühen der Industrie, ja
       meist erst in diesem Jahrhundert erbaut wurde, dennoch eine Menge
       alter und  verfallender Häuser zählt, ja daß die größere Zahl der
       Häuser schon  jetzt in dem letzten Stadium der Bewohnbarkeit sich
       befindet. Ich  will nicht  davon reden, wieviel Kapital auf diese
       Weise verschwendet  wird, mit wiewenig mehr ursprünglicher Anlage
       und späterer  Reparatur dieser  ganze Bezirk lange Jahre hindurch
       reinlich, anständig  und wohnlich  gehalten werden  könnte - mich
       geht hier nur die Lage der Häuser und ihrer Bewohner an,
       
       #291# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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       und da  muß allerdings  gesagt werden,  daß es kein schädlicheres
       und  demoralisierenderes  System,  die  Arbeiter  unterzubringen,
       gibt, als  gerade dieses. Der Arbeiter ist gezwungen, solche ver-
       kommene Cottages  zu bewohnen,  weil er  keine besseren  bezahlen
       kann oder  weil keine  besseren in der Nähe seiner Fabrik liegen,
       vielleicht auch  gar, weil sie dem Fabrikanten gehören und dieser
       ihn nur  dann in  Arbeit nimmt,  wenn er  eine solche Wohnung be-
       zieht. Natürlich  wird es  mit den  vierzig Jahren so genau nicht
       gehalten, denn  wenn die Wohnungen in einem stark bebauten Stadt-
       teil liegen  und also bei teurer Grundpacht viel Aussicht da ist,
       stets Mieter  für jene  zu finden,  tun die Unternehmer auch wohl
       etwas, um  sie über  vierzig Jahre hinaus einigermaßen in bewohn-
       barem Zustande  zu erhalten;  aber auch  gewiß nicht mehr als das
       Allernötigste, und  diese reparierten  Wohnungen sind dann gerade
       die allerschlechtesten.  Zuweilen, bei  drohenden Epidemien, wird
       das sonst  sehr schläfrige  Gewissen der Gesundheitspolizei etwas
       aufgeregt, und  dann unternimmt sie Streifzüge in die Arbeiterdi-
       strikte, schließt ganze Reihen von Kellern und Cottages, wie dies
       z.B. mit  mehreren Gassen  in der  Nähe von Oldham Road geschehen
       ist; aber das dauert nicht lange, die geächteten Wohnungen finden
       bald wieder  Insassen, und  die Eigentümer stehen sich besser da-
       bei, wenn  sie sich  wieder Mieter  suchen - man weiß ja, daß die
       Gesundheitspolizei so bald nicht wiederkommt!
       Diese östliche und nordöstliche Seite von Manchester ist die ein-
       zige, an  welcher sich  die Bourgeoisie  nicht angebaut hat - aus
       dem Grunde,  weil der  hier zehn  oder elf  Monate im  Jahr herr-
       schende West-  und Südwestwind den Rauch aller Fabriken - und der
       ist nicht  gering -  stets nach  dieser Seite  hinübertreibt. Den
       können die Arbeiter allein einatmen.
       Südlich von  Great Ancoats  Street liegt  ein großer halbbebauter
       Arbeiterbezirk -  ein hügeliger,  nackter Strich Landes, mit ein-
       zelnen unordentlich angelegten Häuserreihen oder Karrees besetzt.
       Dazwischen leere  Bauplätze, uneben,  lehmig, ohne Gras und daher
       bei feuchtem  Wetter kaum  zu passieren.  Die Cottages  sind alle
       schmutzig und  alt, liegen  oft in  tiefen Löchern  und  erinnern
       überhaupt an  die Neustadt.  Die von  der Birminghamer  Eisenbahn
       durchschnittene Strecke  ist die am dichtesten bebaute, also auch
       die  schlechteste.  Hier  fließt  in  unzähligen  Krümmungen  der
       Medlock durch  ein Tal,  das stellenweise  mit dem  des  Irk  auf
       gleicher Stufe  steht. Zu beiden Seiten des wieder pechschwarzen,
       stagnierenden und  stinkenden Flusses, von seinem Eintritt in die
       Stadt bis  zu seiner  Vereinigung mit  dem Irwell, zieht sich ein
       breiter  Gürtel   von  Fabriken   und  Arbeiterwohnungen,  welche
       letzteren alle  in dem  schlechtesten Zustande sind. Das Ufer ist
       meist abschüssig  und bis  in den  Fluß hinein bebaut, gerade wie
       wir es am Irk gesehen haben,
       
       #292# Friedrich Engels
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       und die Anlage der Häuser und Straßen ist gleich schlecht, ob sie
       auf der  Seite von Manchester oder der von Ardwick, Chorlton oder
       Hulme angelegt sind. Der abscheulichste Fleck - wenn ich alle die
       einzelnen Flecke  detaillieren wollte,  würde ich  nicht zu  Ende
       kommen -  liegt aber auf der Manchester-Seite, gleich südwestlich
       von Oxford Road und heißt Klein-Irland (Little Ireland). In einem
       ziemlich tiefen  Loche, das in einem Halbkreis vom Medlock und an
       allen vier  Seiten von  hohen Fabriken, hohen bebauten Ufern oder
       Aufschüttungen umgeben ist, hegen in zwei Gruppen etwa 200 Cotta-
       ges, meist  mit gemeinschaftlichen Rückwänden für je zwei Wohnun-
       gen, worin  zusammen an 4000 Menschen, fast lauter Irländer, woh-
       nen. Die  Cottages sind  alt, schmutzig  und  von  der  kleinsten
       Sorte, die  Straßen uneben,  holperig und  zum Teil ungepflastert
       und ohne  Abflüsse; eine Unmasse Unrat, Abfall und ekelhafter Kot
       liegt zwischen stehenden Lachen überall herum, die Atmosphäre ist
       durch die  Ausdünstungen derselben  verpestet und durch den Rauch
       von einem  Dutzend Fabrikschornsteinen verfinstert und schwer ge-
       macht -  eine Menge zerlumpter Kinder und Weiber treibt sich hier
       umher, ebenso  schmutzig wie  die  Schweine,  die  sich  auf  den
       Aschenhaufen und  in den  Pfützen wohl  sein lassen  - kurz,  das
       ganze Nest  gewährt einen so unangenehmen, so zurückstoßenden An-
       blick wie kaum die schlechtesten Höfe am Irk. Das Geschlecht, das
       in diesen  verfallenden Cottages, hinter den zerbrochenen und mit
       Ölleinwand verklebten  Fenstern, den rissigen Türen und abfaulen-
       den Pfosten  oder gar  in den  finstern nassen  Kellern, zwischen
       diesem grenzenlosen Schmutz und Gestank in dieser wie absichtlich
       eingesperrten Atmosphäre  lebt -  das Geschlecht muß wirklich auf
       der niedrigsten Stufe der Menschheit stehn - das ist der Eindruck
       und die Schlußfolgerung, die einem bloß die Außenseite dieses Be-
       zirks aufdrängt.  Aber was  soll man sagen, wenn man hört *), daß
       in jedem  dieser Häuschen, das allerhöchstens zwei Zimmer und den
       Dachraum, vielleicht  noch  einen  Keller  hat,  durchschnittlich
       zwanzig Menschen  wohnen, daß  in dem  ganzen Bezirk nur auf etwa
       120 Menschen  ein - natürlich meist ganz unzugänglicher - Abtritt
       kommt und  daß trotz  alles Predigens der Ärzte, trotz der Aufre-
       gung, in  die zur Cholerazeit die Gesundheitspolizei über den Zu-
       stand von  Klein-Irland geriet,  dennoch alles  heute im Jahr der
       Gnade 1844  fast m  demselben Zustande  ist wie 1831? Dr. Kay er-
       zählt, daß  nicht nur  die Keller, sondern sogar die Erdgeschosse
       aller Häuser  in diesem  Bezirk feucht seien; daß früher eine An-
       zahl Keller  mit Erde  aufgefüllt worden,  allmählich aber wieder
       ausgeleert und  jetzt von Irländern bewohnt würden - daß in einem
       Keller das Wasser - da der Boden
       ---
       *) Dr. Kay, a.a.O.
       
       #293# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
       -----
       des Kellers  tiefer lag  als der Fluß - fortwährend aus einem mit
       Lehm verstopften  Versenkloch herausgequollen sei, so daß der Be-
       wohner, ein  Handweber, jeden  Morgen seinen  Keller habe trocken
       schöpfen und das Wasser auf die Straße gießen müssen!
       Weiter abwärts  liegt, auf  der linken  Seite des Medlock, Hulme,
       das eigentlich  nur ein großes Arbeiterviertel ist und dessen Zu-
       stand fast  ganz mit  dem des  Bezirks von Ancoats übereinstimmt.
       Die dichter  bebauten Bezirke  meist schlecht und dem Verfall na-
       hend, die  weniger bevölkerten von neuerer Bauart, luftiger, aber
       meist im  Kot versunken.  Feuchte Lage  der  Cottages  allgemein,
       ebenso die  Bauart mit  Hintergassen und Kellerwohnungen. Auf der
       gegenüberliegenden Seite des Medlock, im eigentlichen Manchester,
       liegt ein  zweiter großer  Arbeiterdistrikt, der  sich zu  beiden
       Seiten von  Deansgate bis  an das  kommerzielle Viertel erstreckt
       und teilweise der Altstadt nichts nachgibt. Namentlich in der un-
       mittelbaren Nähe  des  kommerziellen  Viertels,  zwischen  Bridge
       Street und  Quay Street,  Princess Street und Peter Street, über-
       trifft die  Gedrängtheit der Bauart stellenweise die engsten Höfe
       der Altstadt.  Hier findet  man lange  schmale  Gassen,  zwischen
       denen enge,  winklige Höfe und Passagen sich befinden, deren Aus-
       und Eingänge so unordentlich angelegt sind, daß man in diesem La-
       byrinth alle Augenblicke in einem Sack festrennt oder an der ganz
       verkehrten Stelle  herauskommt, wenn  man nicht  jede Passage und
       jeden Hof genau kennt. In diesen engen, verfallenen und schmutzi-
       gen Gegenden  wohnt nach Dr. Kay die demoralisierteste Klasse von
       ganz Manchester,  deren Handwerk Diebstahl oder Prostitution ist,
       und allem  Anscheine nach  hat er,  auch jetzt noch, darin recht.
       Als auch hier die Gesundheitspolizei 1831 ihren Streifzug machte,
       fand sie  in diesem  Bezirk die Unreinlichkeit ebenso groß wie am
       Irk oder  in Little  Ireland (daß  es damit jetzt noch nicht viel
       besser steht,  kann ich bezeugen) und unter anderem in Parliament
       Street für  dreihundertundachtzig Menschen und in Parliament Pas-
       sage für  dreißig starkbevölkerte  Häuser nur  einen einzigen Ab-
       tritt.
       Gehen wir  über den  Irwell nach Salford, so finden wir auf einer
       von diesem  Flusse gebildeten  Halbinsel eine Stadt, die achtzig-
       tausend Einwohner  zählt und eigentlich nur ein großer, von einer
       einzigen breiten Straße durchschnittener Arbeiterbezirk ist. Sal-
       ford, früher  bedeutender als Manchester, war damals der Hauptort
       des umliegenden  Distrikts und  gibt ihm  noch den Namen (Salford
       Hundred). Daher  kommt es,  daß sich auch hier ein ziemlich alter
       und folglich  jetzt sehr  ungesunder, schmutziger und verfallener
       Bezirk vorfindet,  der der alten Kirche von Manchester gegenüber-
       liegt und  in ebenso schlechtem Zustande ist wie die Altstadt auf
       der ändern  Seite des  Irwell. Weiter  vorn Flusse  ab liegt  ein
       neuerer Distrikt, der aber ebenfalls
       
       #294# Friedrich Engels
       -----
       schon über vierzig Jahre und daher baufällig genug ist. Ganz Sal-
       ford ist  in Höfen  oder schmalen Gassen gebaut, die so eng sind,
       daß sie  mich an  die engsten  erinnerten, die  ich gesehen habe,
       nämlich an  die schmalen  Gäßchen von  Genua. In dieser Beziehung
       ist die  durchschnittliche  Bauart  von  Salford  noch  bedeutend
       schlechter als  die von  Manchester, und  ebenso ist  es mit  der
       Reinlichkeit. Wenn  in Manchester die Polizei wenigstens von Zeit
       zu Zeit  - alle  sechs bis zehn Jahre einmal - sich in die Arbei-
       terbezirke begab, die schlechtesten Wohnungen schloß, die schmut-
       zigsten Stellen  dieses Augiasstalles  fegen ließ, so scheint sie
       in Salford  gar nichts getan zu haben. Die engen Seitengassen und
       Höfe von Chapel Street, Greengate und Gravel Lane sind gewiß seit
       ihrer Erbauung  nicht gereinigt worden - jetzt geht die Liverpoo-
       ler Eisenbahn auf einem hohen Viadukt mitten dadurch und hat man-
       chen der  schmutzigsten Winkel  weggenommen, aber  was hilft das?
       Wenn man über diesen Viadukt fährt, so sieht man noch Schmutz und
       Elend genug  von oben  herab, und  wenn man  sich die Mühe nimmt,
       diese Gäßchen zu durchstreichen, durch die offenen Türen und Fen-
       ster in  die Keller  und Häuser hineinzublicken, so kann man sich
       jeden Augenblick überzeugen, daß die Arbeiter von Salford in Woh-
       nungen leben,  in denen Reinlichkeit und Bequemlichkeit unmöglich
       sind. Ganz  dasselbe finden wir in den entfernter gelegenen Stri-
       chen von  Salford, in  Islington, an  Regent Road  und hinter der
       Boltoner Eisenbahn.  Die Arbeiterwohnungen zwischen Oldfield Road
       und Cross  Lane, wo  sich zu  beiden Seiten  von Hope Street eine
       Menge von  Höfen und  Gassen im  schlechtesten  Zustande  finden,
       wetteifern an  Schmutz und  gedrängter  Einwohnerschaft  mit  der
       Altstadt von  Manchester; in  dieser Gegend  fand ich einen Mann,
       der dem  Aussehen nach  sechzig Jahre  alt war, in einem Kuhstall
       wohnend -  er hatte  sich den  fensterlosen, weder gedielten noch
       gepflasterten  viereckigen   Kasten  mit   einer  Art   Rauchfang
       versehen, eine Bettstelle hineingebracht und wohnte darin, obwohl
       der Regen  durch das  schlechte, verfallene  Dach troff. Der Mann
       war zu  alt und  zu schwach  zur regelmäßigen Arbeit und ernährte
       sich durch  Mistfahren usw. mit seiner Schubkarre; die Mistpfütze
       stieß dicht an seinen Stall.
       Das sind  die verschiedenen  Arbeiterbezirke von  Manchester, wie
       ich sie  selbst während zwanzig Monaten zu beobachten Gelegenheit
       hatte. Fassen  wir das  Resultat unsrer Wanderung durch diese Ge-
       genden zusammen,  so müssen wir sagen, daß dreihundertfünfzigtau-
       send Arbeiter  von Manchester  und seinen Vorstädten fast alle in
       schlechten, feuchten  und schmutzigen  Cottages wohnen,  daß  die
       Straßen, die  sie einnehmen,  meist in  dem schlechtesten und un-
       reinsten Zustande  sich befinden und ohne alle Rücksicht auf Ven-
       tilation, bloß mit Rücksicht auf den dem Erbauer zufließenden Ge-
       winn
       
       #295# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
       -----
       angelegt worden sind - mit einem Wort, daß in den Arbeiterwohnun-
       gen von Manchester keine Reinlichkeit, keine Bequemlichkeit, also
       auch keine  Häuslichkeit möglich ist; daß in diesen Wohnungen nur
       eine entmenschte,  degradierte, intellektuell  und moralisch  zur
       Bestialität herabgewürdigte, körperlich kränkliche Rasse sich be-
       haglich und  heimisch fühlen kann. Und ich bin nicht der einzige,
       der das  behauptet; wir  haben gesehen, daß Dr. Kay ganz dieselbe
       Beschreibung gibt, und zum Überfluß will ich noch die Worte eines
       Liberalen, einer  anerkannten und  sehr geschätzten Autorität der
       Fabrikanten, eines fanatischen Gegners aller selbständigen Arbei-
       terbewegungen, die Worte des Herrn Senior hersetzen *):
       
       "Als ich  durch die  Wohnungen der Fabrikarbeiter in der irischen
       Stadt, Ancoats  und Klein-Irland ging, erstaunte ich nur darüber,
       daß es möglich sei, in solchen Wohnungen eine erträgliche Gesund-
       heit zu  bewahren. Diese Städte - denn das sind sie in Ausdehnung
       und Einwohnerzahl - sind errichtet worden mit der äußersten Rück-
       sichtslosigkeit gegen alles, ausgenommen unmittelbaren Nutzen für
       die spekulierenden  Erbauer. Ein Zimmermann und ein Maurer verei-
       nigen sich, eine Reihe Bauplätze zu kaufen" (d.h. auf eine Anzahl
       Jahre zu  mieten) "und diese mit sogenannten Häusern zu bedecken;
       an einer Stelle fanden wir eine ganze Straße, die dem Laufe eines
       Grabens folgte,  damit man ohne die Kosten der Ausgrabung tiefere
       Keller bekam  - Keller,  nicht zu  Rumpelkammern und Niederlagen,
       sondern zu  Wohnungen für  Menschen.   K e i n    e i n z i g e s
       H a a s   i n   d i e s e r   S t r a ß e   e n t g i n g   d e r
       C h o l e r a.   Und im  allgemeinen sind  die Straßen  in diesen
       Vorstädten ungepflastert, mit einem Düngerhaufen oder einer Lache
       in der Mitte, die Häuser mit der Rückwand zusammengebaut und ohne
       Ventilation oder  Trockenlegung, und  ganze Familien sind auf den
       Winkel eines Kellers oder einer Dachstube beschränkt."
       
       Ich erwähnte  schon oben  einer ungewöhnlichen Tätigkeit, die die
       Gesundheitspolizei zur Cholerazeit in Manchester entwickelte. Als
       nämlich diese Epidemie herannahte, befiel ein allgemeiner Schrec-
       ken die  Bourgeoisie dieser  Stadt; man erinnerte sich auf einmal
       der ungesunden  Wohnungen der  Armut und  zitterte bei der Gewiß-
       heit, daß  jedes dieser  schlechten Viertel  ein Zentrum  für die
       Seuche bilden  würde, von wo aus sie ihre Verwüstungen nach allen
       Richtungen in die Wohnsitze der besitzenden Klasse ausbreite. So-
       gleich wurde eine Gesundheitskommission ernannt, um diese Bezirke
       zu untersuchen  und über  ihren Zustand  genau an den Stadtrat zu
       berichten. Dr.  Kay, selbst  Mitglied der  Kommission, die  jeden
       einzelnen Polizeidistrikt,  mit Ausnahme des elften, speziell be-
       sichtigte, gibt aus ihrem Bericht einzelne
       ---
       *) Nassau W.  Senior, "Leiters on the Factory Act to the Rt. Hon.
       the President  of the  Board of Trade" [Briefe über das Fabrikge-
       setz an den sehr ehrenwerten Präsidenten des Handelsamtes] (Chas.
       Poulett Thomson Esq.). London 1837. - p. 24.
       
       #296# Friedrich Engels
       -----
       Auszüge. Es  wurden im  ganzen 6951  Häuser -  natürlich  nur  im
       e i g e n t l i c h e n   Manchester, mit  Ausschluß von  Salford
       und den  übrigen Vorstädten - inspiziert; davon hatten 2565 drin-
       gend einen  inneren Kalkanstrich  nötig, an  960 waren notwendige
       Reparaturen vernachlässigt  (were out  of repair), 939 waren ohne
       hinreichende Abflüsse,  1435 waren  feucht, 452  schlecht  venti-
       liert, 2221 ohne Abtritte. Von den inspizierten 687 Straßen waren
       248 ungepflastert,  53 nur  teilweise gepflastert,  112  schlecht
       ventiliert, 352  enthielten stehende  Pfützen, Haufen  von Unrat,
       Abfall und  dergleichen. Natürlich  einen solchen Augiasstall vor
       der Ankunft  der Cholera zu fegen war platterdings unmöglich; da-
       her begnügte man sich mit der Reinigung einiger der schlechtesten
       Winkel und ließ sonst alles beim alten - es versteht sich, daß an
       den gereinigten  Stellen, wie Klein-Irland beweist, nach ein paar
       Monaten die  alte Unfläterei  wiederhergestellt war. Und über den
       inneren Zustand  dieser Wohnungen  berichtet dieselbe  Kommission
       Ähnliches, wie wir von London, Edinburgh und anderen Städten hör-
       ten:
       
       "Oft ist eine ganze irische Familie in  e i n e m  Bett zusammen-
       gedrängt; oft  verbirgt ein  Haufen schmutziges  Stroh und Decken
       von altem  Sackleinen alle in einem ununterscheidbaren Haufen, wo
       jeder durch  Mangel, Stumpfsinn und Liederlichkeit gleich ernied-
       rigt ist. Oft fanden die Inspektoren in einem Hause mit zwei Zim-
       mern zwei  Familien; in  dem einen Zimmer schliefen sie alle, das
       andre war gemeinsames Eßzimmer und Küche; und oft wohnte mehr als
       eine Familie  in einem einstubigen feuchten Keller, in dessen pe-
       stilenzialischer Atmosphäre zwölf bis sechzehn Menschen zusammen-
       gedrängt waren; zu diesen und anderen Quellen von Krankheiten ka-
       men noch,  daß Schweine  dann gehalten wurden und andere Ekelhaf-
       tigkeiten der empörendsten Art sich vorfanden." *)
       
       Wir müssen  hinzufügen, daß  viele Familien,  die selbst  nur ein
       Zimmer haben,  darin Kostgänger  und Schlafgenossen für eine Ent-
       schädigung aufnehmen, daß solche Kostgänger von beiden Geschlech-
       tern nicht  selten sogar  mit dem  Ehepaar in einem und demselben
       Bette schlafen  und daß  z.B. der  eine Fall, daß ein Mann, seine
       Frau und  seine erwachsene  Schwiegerin  in    e i n e m    Bette
       schliefen, nach  dem "Bericht über den Gesundheitszustand der Ar-
       beiterklasse", in  Manchester  sechs-  oder  mehrmal  vorgefunden
       wurde. Die  gemeinen Logierhäuser  sind auch hier sehr zahlreich;
       Dr. Kay  gibt ihre  Zahl 1831  auf 267 im eigentlichen Manchester
       an, und  seitdem muß  sie sich  sehr vermehrt haben. Diese nehmen
       jedes zwischen zwanzig und dreißig Gäste auf und beherbergen also
       zusammen jede  Nacht zwischen  fünf- und  siebentausend Menschen;
       der Charakter der Häuser und ihrer Kunden ist
       ---
       *) Kay, a.a.O. p. 32.
       
       #297# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
       -----
       derselbe wie in den ändern Städten. Fünf bis sieben Betten liegen
       in jedem  Zimmer ohne Bettstellen auf der Erde, und darauf werden
       soviel Menschen gelegt, wie sich finden, und alles durcheinander.
       Welche physische  und moralische  Atmosphäre in diesen Höhlen des
       Lasters herrscht,  brauche ich  wohl nicht zu sagen. Jedes dieser
       Häuser ist ein Fokus des Verbrechens und der Schauplatz von Hand-
       lungen, die  die Menschlichkeit empören und vielleicht ohne diese
       gewaltsame Zentralisation  der Unsittlichkeit  nie zur Ausführung
       gekommen wären.  Die Anzahl der in Kellerwohnungen lebenden Indi-
       viduen gibt  Gaskell *)  für das eigentliche Manchester auf 20000
       an. Das  "Weekly Dispatch"  gibt die Anzahl "nach offiziellen Be-
       richten" auf  12 Prozent der Arbeiterklasse an, was damit stimmen
       würde -  die Anzahl  der Arbeiter  zu 175 000 angenommen, sind 12
       Prozent gleich 21 000. Die Kellerwohnungen in den Vorstädten sind
       m i n d e s t e n s   ebenso zahlreich,  und so wird die Zahl der
       in Manchester  im weiteren  Sinne in  Kellern wohnenden  Personen
       nicht unter  40 000 bis  50 000 betragen. Soviel über die Wohnun-
       gen der  Arbeiter in den großen Städten. Die Befriedigung des Be-
       dürfnisses für  Obdach wird einen Maßstab abgeben für die Art, in
       welcher alle übrigen Bedürfnisse befriedigt werden. Daß in diesen
       schmutzigen Löchern nur eine zerlumpte, schlecht genährte Einwoh-
       nerschaft sich  aufhalten kann, läßt sich schon schließen. Und so
       ist es auch. Die Kleidung der Arbeiter ist bei der ungeheuren Ma-
       jorität in  sehr schlechtem  Zustande. Schon die Stoffe, die dazu
       genommen werden,  sind nicht  die geeignetsten;  Leinen und Wolle
       sind aus der Garderobe beider Geschlechter fast verschwunden, und
       an ihre Stelle ist Baumwolle getreten.
       ---
       *) P. Gaskell,  "The Manufacturing Population of England, its Mo-
       ral, Social,  and Physical Conditions, and the Changes which have
       ansen from the Use of Steam Machinery; with an Examination of In-
       fant Labour". "Fiat Justitia" [Die Fabrikarbeiterbevölkerung Eng-
       lands, ihre  sittliche, soziale  und physische Lage und die durch
       die  Anwendung  von  Dampfmaschinen  verursachten  Veränderungen.
       Nebst einer  Untersuchung der  Kinderarbeit. Es  walte Gerechtig-
       keit]. -  1833. -  Hauptsächlich die  Lage der  Arbeiter in  Lan-
       cashire schildernd. Der Verfasser ist ein Liberaler, schrieb aber
       zu einer  Zeit, wo  es noch  nicht zum  Liberalismus gehörte, das
       "Glück" der Arbeiter zu preisen. Daher ist er noch unbefangen und
       darf noch  Augen haben  für die  Übel des jetzigen Zustandes, und
       namentlich des  Fabriksystems, Dafür  schrieb er aber auch  v o r
       der Factories Inquiry Commission [Fabrik-Untersuchungskommission]
       und entnimmt  aus zweideutigen  Quellen manche  später durch  den
       Kommissionsbericht widerlegte  Behauptung. Das  Werk,  obwohl  im
       ganzen gut,  ist daher,  und weil  er wie  Kay die Arbeiterklasse
       überhaupt mit  der Fabrikarbeiterklasse im besondern verwechselt,
       in Einzelheiten  nur mit  Vorsicht zu gebrauchen. Die in der Ein-
       leitung  gegebene  Entwicklungsgeschichte  des  Proletariats  ist
       hauptsächlich aus diesem Werke genommen.
       
       #298# Friedrich Engels
       -----
       Die Hemden  sind von  gebleichtem oder  buntem Kattun, ebenso die
       Kleider der  Frauenzimmer meist gedruckter Kattun, wollene Unter-
       röcke sieht  man ebenfalls selten auf den Waschleinen. Die Männer
       haben meist  Beinkleider von Baumwollensamt oder anderen schweren
       baumwollenen Stoffen  und Röcke  oder Jacken von demselben Zeuge.
       Der Baumwollensamt  (fustian) ist sogar sprichwörtlich die Tracht
       der Arbeiter  geworden -  fustian-jackets, so werden die Arbeiter
       genannt und  nennen sich  selbst so im Gegensatz zu den Herren in
       wollenem Tuch  (broadcloth), welches  letztere ebenfalls  als Be-
       zeichnung  für  die  Mittelklasse  gebraucht  wird.  Als  Feargus
       O'Connor, der  Chartistenchef, während  der Insurrektion von 1842
       [86] nach  Manchester kam,  erschien er unter dem rasendsten Bei-
       fall der Arbeiter in einem baumwollensamtnen Anzüge. Hüte sind in
       England die  allgemeine Tracht  auch der  Arbeiter, Hüte der ver-
       schiedensten  Formen,   runde,  kegelförmige  oder  zylindrische,
       breitrandig, schmalrandig oder randlos - nur jüngere Leute tragen
       in den  Fabrikstädten Mützen. Wer keinen Hut hat, faltet sich von
       Papier eine  niedrige, viereckige Kappe. Die ganze Bekleidung der
       Arbeiter -  auch vorausgesetzt,  daß sie  in gutem Zustande ist -
       ist wenig  in Einklang  mit dem Klima. Die feuchte Luft Englands,
       die mit  ihren schnellen  Witterungswechseln mehr als jede andere
       Erkältungen hervorruft,  nötigt fast die ganze Mittelklasse, Fla-
       nell auf  der bloßen  Haut des  Oberkörpers zu  tragen; flanellne
       Halsbinden, Jacken  und Leibbinden  sind fast  allgemein  im  Ge-
       brauch. Die arbeitende Klasse entbehrt nicht nur dieser Vorsorge,
       sondern ist  auch fast  nie imstande, überhaupt einen Faden Wolle
       zur Kleidung zu verwenden. Die schweren Baumwollenzeuge aber, ob-
       wohl dicker,  steifer und schwerer als wollenes Tuch, halten den-
       noch Kälte  und Nässe  viel weniger  ab als dieses, bleiben wegen
       ihrer Dicke  und wegen  der Natur des Materials länger feucht und
       haben überhaupt  nicht die Dichtigkeit des gewalkten Wollentuchs.
       Und wenn  der Arbeiter  sich einmal  einen wollenen  Rock für den
       Sonntag anschaffen  kann, so muß er in einen der "billigen Läden"
       gehen, wo  er schlechtes, sogenanntes "devil's dust" 1*)-Tuch be-
       kommt, das  "nur aufs  Verkaufen, nicht  aufs Tragen" gemacht ist
       und nach  vierzehn Tagen  reißt oder fadenscheinig wird - oder er
       muß sich beim Trödler einen halbverschlissenen alten Rock kaufen,
       dessen beste  Zeit vorüber  ist und der ihm nur für wenige Wochen
       gute Dienste  leistet. Dazu  kommt aber  noch bei den meisten der
       schlechte Zustand  ihrer Garderobe  und von Zeit zu Zeit die Not-
       wendigkeit, die besseren Kleidungsstücke ins Pfandhaus zu tragen.
       Bei einer sehr, sehr großen Anzahl aber, besonders denen irischen
       Bluts, sind die Kleider wahre Lumpen, die
       -----
       1*) Teufelsdreck (Tuch,  hergestellt aus  minderwertigen, auf der
       Reißwolfmaschine -  engl. devil:  Teufel -  verarbeiteten Wollre-
       sten)
       
       #299# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
       -----
       oft gar  nicht mehr flickfähig sind oder bei denen man vor lauter
       Flicken die  ursprüngliche Farbe gar nicht mehr erkennt. Die Eng-
       länder oder die Anglo-Iren flicken doch noch und haben es in die-
       ser Kunst  merkwürdig weit  gebracht -  Wolle oder Sackleinen auf
       Baumwollensamt oder  umgekehrt, das  macht ihnen gar nichts aus -
       aber die echten, eingewanderten Irländer flicken fast nie, nur im
       höchsten Notfalle, wenn das Kleid sonst in zwei Stücke reißt; ge-
       wöhnlich hängen  die Lumpen  des Hemdes durch die Risse des Rocks
       oder der Hosen heraus; sie tragen, wie Thomas Carlyle *) sagt,
       
       "einen Anzug von Fetzen, die aus- und anzuziehen eine der schwie-
       rigsten Operationen  ist und  nur an  Festtagen und  zu besonders
       günstigen Zeiten vorgenommen wird".
       
       Die Irländer  haben auch das früher in England unbekannte Barfuß-
       gehen mit herübergebracht. Jetzt sieht man in allen Fabrikstädten
       eine Menge  Leute, namentlich  Kinder und Weiber, barfuß umherge-
       hen, und  dies findet  allmählich auch bei den ärmeren Engländern
       Eingang.
       Wie mit  der Kleidung,  so mit der Nahrung. Die Arbeiter bekommen
       das, was  der besitzenden  Klasse zu  schlecht ist. In den großen
       Städten Englands  kann man alles aufs beste haben, aber es kostet
       teures Geld;  der Arbeiter, der mit seinen paar Groschen haushal-
       ten muß,  kann so viel nicht anlegen. Dazu bekommt er seinen Lohn
       meist erst  Samstag abends ausgezahlt - man hat angefangen, schon
       Freitag zu  zahlen, aber  diese sehr  gute Einrichtung  ist  noch
       lange nicht  allgemein -  und so kommt er Samstag abends um vier,
       fünf oder sieben Uhr erst auf den Markt, von dem während des Vor-
       mittags schon die Mittelklasse sich das Beste ausgesucht hat. Des
       Morgens strotzt  der Markt  von den  besten Sachen, aber wenn die
       Arbeiter kommen,  ist das  Beste fort,  und wenn  es auch noch da
       wäre, so  würden sie  es wahrscheinlich  nicht kaufen können. Die
       Kartoffeln, die  der Arbeiter kauft, sind meist schlecht, die Ge-
       müse verwelkt,  der Käse alt und von geringer Qualität, der Speck
       ranzig, das  Fleisch mager, alt, zäh, von alten, oft kranken oder
       verreckten Tieren  - oft schon halb faul. Die Verkäufer sind mei-
       stens kleine  Höker, die  schlechtes Zeug  zusammenkaufen und  es
       eben wegen  seiner Schlechtigkeit so billig wieder verkaufen kön-
       nen. Die ärmsten Arbeiter müssen noch einen ändern Kunstgriff ge-
       brauchen, um mit ihrem wenigen Gelde selbst bei der schlechtesten
       Qualität der  einzukaufenden Artikel  auszukommen. Da  nämlich um
       zwölf Uhr  am Sonnabendabend alle Läden geschlossen werden müssen
       und am  Sonntag nichts  verkauft werden  darf, so werden zwischen
       zehn und  zwölf Uhr  diejenigen Waren,  die bis  zum Montagmorgen
       verderben würden, zu
       ---
       *) Thomas Carlyle,  "Chartism". London 1840. - p. 28. - Über Tho-
       mas Carlyle siehe unten [siehe die Fußnoten S. 486 u. 502].
       
       #300# Friedrich Engels
       -----
       Spottpreisen losgeschlagen.  Was aber  um zehn  Uhr noch  liegen-
       geblieben ist,  davon sind  neun Zehntel  am Sonntagmorgen  nicht
       mehr genießbar,  und gerade  diese Waren bilden den Sonntagstisch
       der ärmsten  Klasse. Das  Fleisch, das die Arbeiter bekommen, ist
       sehr häufig  ungenießbar -  weil sie's aber einmal gekauft haben,
       so müssen  sie es  essen. Am 6. Januar (wenn ich nicht sehr irre)
       1844 war  Marktgericht (court  leet)  in  Manchester,  wobei  elf
       Fleischverkäufer gestraft  wurden, weil sie ungenießbares Fleisch
       verkauft hatten.  Jeder derselben  hatte  ein  ganzes  Rind  oder
       Schwein oder  mehrere Schafe  oder 50  bis 60 Pf und Fleisch, die
       alle in  diesem Zustande konfisziert worden waren. Bei einem der-
       selben wurden  64 gefüllte  Weihnachtsgänse mit  Beschlag belegt,
       die zu Liverpool nicht verkauft und infolgedessen nach Manchester
       transportiert worden  waren, wo  sie faul  und stinkend  auf  den
       Markt kamen. Die ganze Geschichte mit Namen und Strafbetrag wurde
       damals im "Manchester Guardian" [87] erzählt. In den sechs Wochen
       vom 1.  Juli bis  14. August  berichtet dasselbe Blatt drei Fälle
       derselben Art;  nach der  Nummer vom 3. Juli wurde zu Heywood ein
       Schwein von  200 Pfund,  das tot  und faul  gefunden,  bei  einem
       Schlächter zerhackt und zum Verkauf ausgestellt war, konfisziert;
       nach der vom 3I.Juli wurden zwei Schlächter zu Wigan, deren einer
       schon früher sich desselben Vergehens schuldig gemacht hatte, we-
       gen Ausstellung  von ungenießbarem  Fleisch in  2 Pfd.  St. und 4
       Pfd. St. Strafe genommen, und laut Nummer vom 10.August bei einem
       Krämer zu  Bolton 26  ungenießbare Schinken  mit Beschlag belegt,
       öffentlich verbrannt  und  der  Krämer  im  Betrage  von  20  sh.
       gestraft. Das  sind aber  lange noch nicht alle Fälle, noch nicht
       einmal ein Durchschnitt für die Zeit von sechs Wochen, wonach der
       Jahresdurchschnitt zu  berechnen wäre  - es kommen oft Zeiten, wo
       jede Nummer  des  zweimal  wöchentlich  erscheinenden  "Guardian"
       einen  solchen   Fall  aus   Manchester  oder   dem   umliegenden
       Fabrikdistrikt bringt - und wenn man bedenkt, wie viele Fälle bei
       den ausgedehnten  Märkten, die  sich an allen Hauptstraßenfronten
       entlangziehen, und  bei der wenigen Aufsicht den Marktinspektoren
       entgehen müssen  - wie  ist sonst  auch die Frechheit erklärlich,
       mit der ganze Stücke Vieh zum Verkauf gebracht werden? - wenn man
       bedenkt,  wie  groß  die  Versuchung  bei  den  oben  angegebenen
       unbegreiflich  niedrigen   Strafbeträgen  sein  muß  -  wenn  man
       bedenkt, in welchem Zustande ein Stück Fleisch schon sein muß, um
       von den  Inspektoren als  total ungenießbar konfisziert werden zu
       können, so  kann man  unmöglich  glauben,  daß  die  Arbeiter  im
       Durchschnitt gutes  und nahrhaftes  Fleisch  bekommen.  Aber  sie
       werden  auch   auf  noch   andere  Weise  von  der  Geldgier  der
       Mittelklasse geprellt.  Die Krämer  und  Fabrikanten  verfälschen
       alle Nahrungsmittel  auf eine unverantwortliche Weise und mit der
       größten
       
       #301# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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       Rücksichtslosigkeit gegen die Gesundheit derer, die sie verzehren
       sollen. Wir ließen oben den "Manchester Guardian" sprechen, hören
       wir jetzt  ein anderes  Blatt der  Mittelklasse -  ich liebe  es,
       meine Gegner  zu Zeugen zu nehmen - hören wir den "Liverpool Mer-
       cury":
       
       "Gesalzene Butter  wird für  frische verkauft, entweder indem die
       Klumpen mit einem Überzuge von frischer Butter bedeckt oder indem
       ein frisches  Pfund zum  Schmecken oben hingelegt und nach dieser
       Probe die  gesalzenen Pfunde verkauft werden, oder indem das Salz
       ausgewaschen und die Butter dann für frische verkauft wird. Unter
       den Zucker  wird gestoßener Reis oder andere wohlfeile Sachen ge-
       mischt und  zum vollen Preise verkauft. Der Abfall der Seifensie-
       dereien wird  ebenfalls mit ändern Stoffen vermischt und als Zuc-
       ker verkauft.  Unter gemahlnen  Kaffee wird Zichorie oder anderes
       wohlfeiles Zeug  gemischt, ja  sogar unter ungemahlnen, wobei die
       Mischung in  die Form  von Kaffeebohnen gebracht wird. Kakao wird
       sehr häufig  mit feiner brauner Erde versetzt, die mit Hammelfett
       geneben ist  und sich  dann mit  dem echten  Kakao leichter  ver-
       mischt. Tee  wird mit  Schlehenblättern und  anderem  Unrat  ver-
       mischt, oder ausgebrauchte Teeblätter werden getrocknet, auf kup-
       fernen heißen  Platten geröstet, damit sie wieder Farbe bekommen,
       und so  für frisch  verkauft. Pfeffer  wird mit  Staub von Hülsen
       usw. verfälscht; Portwein wird geradezu fabriziert (aus Farbstof-
       fen, Alkohol  usw.), da  es notorisch  ist, daß in England allein
       mehr davon getrunken wird, als in ganz Portugal wächst, und Tabak
       wird mit  ekelhaften Stoffen  aller Art vermischt in allen mögli-
       chen Formen, die diesem Artikel gegeben werden."
       
       (Ich kann  hinzusetzen, daß  wegen der  allgemeinen Tabaksverfäl-
       schung mehrere  der angesehensten Tabakshändler von Manchester im
       vorigen Sommer  öffentlich erklärten,  kein  derartiges  Geschäft
       könne ohne  Verfälschung bestehen, und daß keine einzige Zigarre,
       die weniger  als 3  Pence kostet, ganz aus Tabak besteht.) Natür-
       lich bleibt es nicht bei den Betrügereien in Nahrungsmitteln, de-
       ren ich  noch ein  Dutzend - unter ändern die Niederträchtigkeit,
       Gips oder  Kreide unter das Mehl zu mischen - anführen könnte; in
       allen Artikeln  wird  betrogen,  Flanell,  Strümpfe  usw.  werden
       gereckt, um  größer zu erscheinen, und laufen nach der ersten Wä-
       sche ein,  schmales Tuch wird für anderthalb oder drei Zoll brei-
       teres verkauft, Steingut wird so dünn glasiert, daß die Glasur so
       gut wie  keine ist und gleich springt, und hundert andere Schänd-
       lichkeiten. Tout  comme chez nous 1*) - aber wer die üblen Folgen
       der Betrügerei  am meisten  zu tragen hat, das sind die Arbeiter.
       Der Reiche  wird nicht  betrogen, weil  er die  teuren Preise der
       großen Läden  bezahlen kann,  die auf guten Ruf halten müssen und
       sich selbst  am meisten  schaden würden, wenn sie schlechte, ver-
       fälschte Ware  hielten; der  Reiche ist  verwöhnt durch gute Kost
       und merkt den Betrug leichter mit seiner feinen Zunge.
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       1*) Ganz wie bei uns
       
       #302# Friedrich Engels
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       Aber der  Arme, der Arbeiter, bei dem ein paar Pfennige viel aus-
       machen, der für wenig Geld viel Waren haben muß, der auf die Qua-
       lität so genau nicht sehen darf und kann, weil er nie Gelegenheit
       hatte, seinen  Geschmackssinn zu  verfeinern, der bekommt all die
       verfälschte, ja  oft vergiftete  Ware; er  muß zu kleinen Krämern
       gehen, muß  vielleicht sogar auf Kredit kaufen, und diese Krämer,
       die wegen  ihres kleinen  Kapitals und der größern Geschäftsunko-
       sten bei gleicher Qualität gar nicht einmal so wohlfeil verkaufen
       können wie  die bedeutenden Detaillisten, müssen schon um der von
       ihnen verlangten niedrigeren Preise und um der Konkurrenz der üb-
       rigen willen  verfälschte Ware wissentlich oder unwissentlich an-
       schaffen. Dazu, wenn ein bedeutender Detaillist, der großes Kapi-
       tal in  seinem Geschäft  stecken hat, bei einem entdeckten Betrug
       durch seinen  ruinierten Kredit mit ruiniert ist - was verschlägt
       es einem  Winkelkrämer, der  eine einzige  Straße mit  Waren ver-
       sorgt, ob  man ihm  Betrügereien nachweist?  Traut man ihm in An-
       coats nicht  mehr, so  zieht er  nach Chorlton oder Hulme, wo ihn
       niemand kennt  und wo er wieder von vorn anfängt zu betrügen; und
       gesetzliche Strafen  stehen auf  den wenigsten Verfälschungen, es
       sei denn, daß sie zugleich einen Akzise-Unterschleif involvieren.
       Aber nicht nur in der Qualität, sondern auch in der Quantität der
       Waren wird  der englische  Arbeiter betrogen;  die kleinen Krämer
       haben  großenteils  falsche  Maße  und  Gewichte,  und  eine  un-
       glaubliche Menge  Straffälle wegen  solcher Vergehen sind täglich
       in den  Pohzeiberichten zu  lesen. Wie allgemein diese Art Betrü-
       gerei in den Fabrikdistrikten ist, mögen ein paar Auszüge aus dem
       "Manchester Guardian"  lehren; sie erstrecken sich nur über einen
       kurzen Zeitraum,  und selbst hier liegen mir nicht  a l l e  Num-
       mern vor:
       Guard[ian], 16.  Juni 1844.  Rochdaler Sessionen - 4 Krämer wegen
       zu leichter  Gewichte in  5 bis 10 sh. gestraft. Stockporter Ses-
       sionen -  2 Krämer  mit 1 sh. bestraft - einer davon hatte sieben
       leichte Gewichte  und eine  falsche Waagschale,  und beide  waren
       vorher gewarnt.
       Guard. 19.  Juni. Rochdaler Sessionen - ein Krämer mit 5 und zwei
       Bauern mit 10 sh. Strafe belegt.
       Guard. 22. Juni. Manchester Friedensgericht - 19 Krämer von 2 1/2
       sh. bis 2 Pfd. gestraft.
       Guard. 26.  Juni. Ashtoner  Sessionen -  14 Krämer und Bauern von
       21/a sh. bis l Pfd. St. bestraft. Hyder kleine Session - 9 Bauern
       und Krämer in die Kosten und 5 sh. Strafe verurteilt.
       Guard. 6.  Juli. Manchester  - 16 Krämer verurteilt in die Kosten
       und Strafen bis zu 10 sh.
       Guard. 13.  Juli. Manchester  - 9 Krämer von 2 1/2 bis 20 sh. be-
       straft.
       
       #303# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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       Guard. 24. Juli. Rochdaler - 4 Krämer von 10 bis 20 sh. bestraft.
       Guard. 27.  Juli. Bolton  - 12 Krämer und Wirte verurteilt in die
       Kosten.
       Guard. 3.  Aug. Bolton  - drei  desgleichen zu  2 1/2 bis  5  sh.
       Strafe.
       Guard. 10. Aug. Bolton - ein desgleichen zu 5 sh. Strafe.
       Und aus  denselben Gründen,  aus denen der Betrug in der Qualität
       der Waren  hauptsächlich auf  die Arbeiter  fiel,  aus  denselben
       fällt auch der quantitative Betrug auf sie.
       Die gewöhnliche  Nahrung der einzelnen Arbeiter selbst ist natür-
       lich nach dem Arbeitslohn verschieden. Die besserbezahlten Arbei-
       ter, besonders  solche Fabrikarbeiter,  bei denen jedes Familien-
       glied imstande  ist, etwas  zu verdienen, haben, solange das dau-
       ert, gute  Nahrung, täglich Fleisch und abends Speck und Käse. Wo
       weniger verdient  wird, findet  man nur  sonntags oder  zwei- bis
       dreimal wöchentlich  Fleisch, dafür mehr Kartoffeln und Brot; ge-
       hen wir  allmählich tiefer, so finden wir die animalische Nahrung
       auf ein  wenig unter die Kartoffeln geschnittenen Speck reduziert
       - noch tiefer verschwindet auch dieses, es bleibt nur Käse, Brot,
       Hafermehlbrei (porridge)  und Kartoffeln,  bis auf  der  tiefsten
       Stufe, bei den Irländern, nur Kartoffeln die Nahrung bilden. Dazu
       wird allgemein ein dünner Tee, vielleicht mit etwas Zucker, Milch
       oder Branntwein vermischt, getrunken; der Tee gilt in England und
       selbst in Irland für ein ebenso notwendiges und unerläßliches Ge-
       tränk wie  bei uns  der Kaffee,  und wo  kein Tee  mehr getrunken
       wird, da herrscht immer die bitterste Armut. Alles das aber unter
       der Voraussetzung,  daß der  Arbeiter beschäftigt  ist;  wenn  er
       keine Arbeit  hat, so  ist er ganz dem Zufall überlassen und ißt,
       was er  geschenkt bekommt,  sich zusammenbettelt  oder - stiehlt;
       und wenn er nichts bekommt, so verhungert er eben, wie wir vorhin
       gesehen haben.  Es versteht sich überhaupt, daß die Quantität der
       Nahrung sich  wie die Qualität nach dem Lohne richtet und daß bei
       den schlechter bezahlten Arbeitern, wenn sie noch gar eine starke
       Familie  haben,  auch  während  voller  Beschäftigung  Hungersnot
       herrscht; und  die Zahl  dieser schlechter bezahlten Arbeiter ist
       sehr groß.  Namentlich in  London, wo die Konkurrenz der Arbeiter
       in demselben  Maße steigt  wie die  Bevölkerung, ist diese Klasse
       sehr zahlreich, aber auch in allen ändern Städten finden wir sie.
       Da werden  denn allerlei  Auskunftsmittel gesucht, Kartoffelscha-
       len, Gemüseabfall, faulende Vegetabilien *) aus Mangel an anderer
       Nahrung gegessen  und alles begierig herbeigeholt, was vielleicht
       noch ein  Atom Nahrungsstoff  enthalten könnte.  Und wenn der Wo-
       chenlohn vor dem Ende der Woche verzehrt
       ---
       *) "Weekly Dispatch",  April oder  Mai 1844,  nach einem Berichte
       des Dr. South-wood Smith über die Lage der Armen in London.
       
       #304# Friedrich Engels
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       ist, so  kommt es  oft genug  vor, daß die Familie in den letzten
       Tagen derselben  gar nichts  oder nur soviel Nahrung bekommt, als
       dringend nötig ist, sie vor dem Verhungern zu schützen. Eine sol-
       che Lebensweise kann natürlich nur Krankheiten in Masse erzeugen,
       und wenn  diese eintreten, wenn vollends der Mann, von dessen Ar-
       beit die  Familie hauptsächlich  lebt und dessen angestrengte Tä-
       tigkeit am meisten Nahrung erfordert, der also auch am ersten un-
       terliegt -  wenn dieser  vollends 1*)  krank wird, so ist die Not
       erst groß, so tritt die Brutalität, mit der die Gesellschaft ihre
       Mitglieder gerade  dann verläßt,  wenn sie ihrer Unterstützung am
       meisten bedürfen, erst recht grell hervor.
       Fassen wir nun zum Schluß die angeführten Tatsachen nochmals kurz
       zusammen: Die  großen Städte sind hauptsächlich von Arbeitern be-
       wohnt, da  im günstigsten  Falle ein Bourgeois auf zwei, oft auch
       drei, hier  und da  auf vier Arbeiter kommt; diese Arbeiter haben
       selbst durchaus  kein Eigentum und leben von dem Arbeitslohn, der
       fast immer  aus der  Hand in  den Mund  geht; die in lauter Atome
       aufgelöste Gesellschaft  kümmert sich  nicht um  sie, überläßt es
       ihnen, für  sich und ihre Familien zu sorgen, und gibt ihnen den-
       noch nicht  die Mittel  an die  Hand, dies  auf eine wirksame und
       dauernde Weise tun zu können; jeder Arbeiter, auch der beste, ist
       daher stets  der Brotlosigkeit,  das heißt  dem Hungertode ausge-
       setzt, und  viele erliegen  ihm; die  Wohnungen der Arbeiter sind
       durchgehends schlecht  gruppiert, schlecht  gebaut, in schlechtem
       Zustande gehalten,  schlecht ventiliert, feucht und ungesund; die
       Einwohner sind auf den kleinsten Raum beschränkt, und in den mei-
       sten Fällen  schläft wenigstens   e i n e   Familie in  e i n e m
       Zimmer; die  innere Einrichtung der Wohnungen ist ärmlich in ver-
       schiedenen Abstufungen bis zum gänzlichen Mangel auch der notwen-
       digsten Möbel;  die Kleidung  der Arbeiter  ist ebenfalls  durch-
       schnittlich kärglich  und bei  einer großen  Menge zerlumpt;  die
       Nahrung im  allgemeinen schlecht,  oft fast  ungenießbar  und  in
       vielen Fällen  wenigstens zeitweise  in unzureichender Quantität,
       so daß  im äußersten Falle Hungertod eintritt. Die Arbeiterklasse
       der großen  Städte bietet  uns so eine Stufenleiter verschiedener
       Lebenslagen dar  - im günstigsten Falle eine temporär erträgliche
       Existenz, für  angestrengte Arbeit  guten Lohn,  gute Wohnung und
       gerade keine  schlechte Nahrung  - alles  natürlich vom Arbeiter-
       standpunkt aus  gut und  erträglich  -  im  schlimmsten  bitteres
       Elend, das  sich bis zur Obdachlosigkeit und dem Hungertode stei-
       gern kann; der Durchschnitt liegt aber dem schlimmsten Falle weit
       näher als  dem besten.  Und diese  Stufenleiter teilt  sich nicht
       etwa bloß in fixe Klassen, so daß man
       -----
       1*) (1892) wenn vollends dieser
       
       #305# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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       sagen könnte:  Dieser Fraktion  der Arbeiter  geht es  gut, jener
       schlecht, und  so bleibt  es und  ist es schon von jeher gewesen;
       sondern, wenn  das auch  hier und  da der Fall ist, wenn einzelne
       Arbeitszweige im  ganzen einen  Vorzug vor  ändern  genießen,  so
       schwankt doch  auch die  Lage der  Arbeiter in  jeder Branche  so
       sehr, daß  ein jeder  einzelne Arbeiter  in den Fall kommen kann,
       die ganze Stufenleiter zwischen verhältnismäßigem Komfort und dem
       äußersten Mangel, ja dem Hungertode durchzumachen - wie denn auch
       fast jeder  englische Proletarier  von bedeutenden Glückswechseln
       zu erzählen weiß. Die Ursachen davon wollen wir jetzt etwas näher
       betrachten.

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