Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846
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Die großen Städte
So eine Stadt wie London, wo man stundenlang wandern kann, ohne
auch nur an den Anfang des Endes zu kommen, ohne dem geringsten
Zeichen zu begegnen, das auf die Nähe des platten Landes schlie-
ßen ließe, ist doch ein eigen Ding. Diese kolossale Zentralisa-
tion, diese Anhäufung von dritthalb Millionen Menschen auf
e i n e m Punkt hat die Kraft dieser dritthalb Millionen verhun-
dertfacht; sie hat London zur kommerziellen Hauptstadt der Welt
erhoben, die riesenhaften Docks geschaffen und die Tausende von
Schiffen versammelt, die stets die Themse bedecken. Ich kenne
nichts Imposanteres als den Anblick, den die Themse darbietet,
wenn man von der See nach London Bridge hinauffährt. Die Häuser-
massen, die Werfte auf beiden Seiten, besonders von Woolwich auf-
wärts, die zahllosen Schiffe an beiden Ufern entlang, die sich
immer dichter und dichter zusammenschließen und zuletzt nur einen
schmalen Weg in der Mitte des Flusses frei lassen, einen Weg, auf
dem hundert Dampfschiffe aneinander vorüberschießen - das alles
ist so großartig, so massenhaft, daß man gar nicht zur Besinnung
kommt und daß man vor der Größe Englands staunt, noch ehe man
englischen Boden betritt. *)
Aber die Opfer, die alles das gekostet hat, entdeckt man erst
später. Wenn man sich ein paar Tage lang auf dem Pflaster der
Hauptstraßen herumgetrieben, sich mit Mühe und Not durch das Men-
schengewühl, die endlosen Reihen von Wagen und Karren durchge-
schlagen, wenn man die "schlechten Viertel" der Weltstadt besucht
hat, dann merkt man erst, daß diese Londoner das beste Teil ihrer
Menschheit aufopfern mußten, um alle die Wunder der Zivilisation
zu vollbringen, von denen ihre Stadt wimmelt, daß hundert
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*) (1892) Das war vor beinahe 50 Jahren, zur Zeit der malerischen
Segelschiffe. Diese liegen - soweit noch welche nach London kom-
men - jetzt in den Docks, die Themse ist bedeckt von rußigen,
häßlichen Dampfern.
#257# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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Kräfte, die in ihnen schlummerten, untätig blieben und unter-
drückt wurden, damit einige wenige sich voller entwickeln und
durch die Vereinigung mit denen anderer multipliziert werden
konnten. Schon das Straßengewühl hat etwas Widerliches, etwas,
wogegen sich die menschliche Natur empört. Diese Hunderttausende
von allen Klassen und aus allen Ständen, die sich da aneinander
vorbeidrängen, sind sie nicht a l l e Menschen mit denselben
Eigenschaften und Fähigkeiten und mit demselben Interesse, glück-
lich zu werden? und haben sie nicht a l l e ihr Glück am Ende
doch durch ein und dieselben Mittel und Wege zu erstreben? Und
doch rennen sie aneinander vorüber, als ob sie gar nichts gemein,
gar nichts miteinander zu tun hätten, und doch ist die einzige
Übereinkunft zwischen ihnen die stillschweigende, daß jeder sich
auf der Seite des Trottoirs hält, die ihm rechts liegt, damit die
beiden aneinander vorbeischießenden Strömungen des Gedränges sich
nicht gegenseitig aufhalten; und doch fällt es keinem ein, die
ändern auch nur eines Blickes zu würdigen. Die brutale Gleichgül-
tigkeit, die gefühllose Isolierung jedes einzelnen auf seine Pri-
vatinteressen tritt um so widerwärtiger und verletzender hervor,
je mehr diese einzelnen auf den kleinen Raum zusammengedrängt
sind; und wenn wir auch wissen, daß diese Isolierung des einzel-
nen, diese bornierte Selbstsucht überall das Grundprinzip unserer
heutigen Gesellschaft ist, so tritt sie doch nirgends so schamlos
unverhüllt, so selbstbewußt auf als gerade hier in dem Gewühl der
großen Stadt. Die Auflösung der Menschheit in Monaden, deren jede
ein apartes Lebensprinzip und einen aparten Zweck hat, die Welt
der Atome ist hier auf ihre höchste Spitze getrieben.
Daher kommt es denn auch, daß der soziale Krieg, der Krieg Aller
gegen Alle, hier offen erklärt ist. Wie Freund Stirner sehen die
Leute einander nur für brauchbare Subjekte an; jeder beutet den
ändern aus, und es kommt dabei heraus, daß der Stärkere den
Schwächeren unter die Füße tritt und daß die wenigen Starken, das
heißt die Kapitalisten, a l l e s an sich reißen, während den
vielen Schwachen, den Armen, kaum das nackte Leben bleibt.
Und was von London gilt, das gilt auch von Manchester, Birmingham
und Leeds, das gilt von allen großen Städten. Überall barbarische
Gleichgültigkeit, egoistische Härte auf der einen und namenloses
Elend auf der ändern Seite, überall sozialer Krieg, das Haus je-
des einzelnen im Belagerungszustand, überall gegenseitige Plünde-
rung unter dem Schutz des Gesetzes, und das alles so unverschämt,
so offenherzig, daß man vor den Konsequenzen unseres gesell-
schaftlichen Zustandes, wie sie hier unverhüllt auftreten, er-
schrickt und sich über nichts wundert als darüber, daß das ganze
tolle Treiben überhaupt noch zusammenhält.
#258# Friedrich Engels
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Da in diesem sozialen Kriege das Kapital, der direkte oder indi-
rekte Besitz der Lebensmittel und Produktionsmittel, die Waffe
ist, mit der gekämpft wird, so ist es einleuchtend, daß alle
Nachteile eines solchen Zustandes auf den Armen fallen. Kein
Mensch kümmert sich um ihn; hineingestoßen in den wirren Strudel,
muß er sich durchschlagen, so gut er kann. Wenn er so glücklich
ist, Arbeit zu bekommen, d.h. wenn die Bourgeoisie ihm die Gnade
antut, sich durch ihn zu bereichern, so wartet seiner ein Lohn,
der kaum hinreicht, Leib und Seele zusammenzuhalten; bekommt er
keine Arbeit, so kann er stehlen, falls er die Polizei nicht
fürchtet, oder verhungern, und die Polizei wird auch hierbei
Sorge tragen, daß er auf eine stille, die Bourgeoisie nicht ver-
letzende Weise verhungert. Während meiner Anwesenheit in England
sind wenigstens zwanzig bis dreißig Menschen unter den empörend-
sten Umständen direkt Hungers gestorben, und bei der Totenschau
fand sich selten eine Jury, die den Mut hatte, dies geradezu aus-
zusprechen. Die Zeugenaussagen mochten noch so klar, noch so un-
zweideutig sein - die Bourgeoisie, aus der die Jury gewählt war,
fand immer eine Hintertür, durch die sie dem schrecklichen Ver-
dikt: Hungers gestorben, entgehen konnte. Die Bourgeoisie
d a r f in diesen Fällen die Wahrheit aber nicht sagen, sie
spräche ja ihr eigen Urteil aus. Aber auch indirekt sind viele -
noch viel mehr als direkt - Hungers gestorben, indem der anhal-
tende Mangel zureichender Lebensmittel tödliche Krankheiten her-
vorrief und so seine Opfer hinwegraffte; indem er sie so
schwächte, daß gewisse Umstände, die sonst ganz glücklich ab-
gelaufen wären, notwendig schwere Krankheiten und den Tod herbei-
führten. Die englischen Arbeiter nennen das sozialen Mord und
klagen die ganze Gesellschaft an, daß sie fortwährend dies Ver-
brechen begehe. Haben sie unrecht?
Allerdings verhungern immer nur einzelne - aber welche Garantie
hat der Arbeiter, daß er nicht morgen auch an die Reihe kommt?
Wer sichert ihm seine Stellung? Wer leistet ihm Gewähr, daß, wenn
er morgen von seinem Brotherrn aus irgendeinem Grund oder Ungrund
entlassen wird, er sich mit den Seinigen so lange durchschlägt,
bis er einen ändern findet, der ihm "Brot gibt" ? Wer verbürgt
dem Arbeiter, daß der gute Wille zur Arbeit hinreichend ist, um
Arbeit zu bekommen, daß Ehrlichkeit, Fleiß, Sparsamkeit, und wie
die vielen von der weisen Bourgeoisie ihm empfohlenen Tugenden
alle heißen, für ihn wirklich der Weg zum Glücke sind? Niemand.
Er weiß, daß er heute etwas hat und daß es nicht von ihm selbst
abhängt, ob er morgen auch noch etwas hat; er weiß, daß jeder
Wind, jede Laune des Arbeitgebers, jede schlechte Handelskonjunk-
tur ihn in den wilden Strudel zurückstoßen kann, aus dem er sich
temporär gerettet hat und in dem es schwer, oft
#259# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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unmöglich ist, oben zu bleiben. Er weiß, daß, wenn er heute leben
kann, es sehr ungewiß ist, ob er dies auch morgen kann.
Gehen wir indes zu einer detaillierteren Untersuchung des Zustan-
des über, in den der soziale Krieg die besitzlose Klasse ver-
setzt. Sehen wir, was für Lohn denn eigentlich die Gesellschaft
dem Arbeiter für seine Arbeit in Wohnung, Kleidung und Nahrung
erstattet, welch eine Existenz sie denen gewährt, die das meiste
zur Existenz der Gesellschaft beitragen; nehmen wir zuerst die
Wohnungen vor.
Jede große Stadt hat ein oder mehrere "schlechte Viertel", in
denen sich die arbeitende Klasse zusammendrängt. Oft freilich
wohnt die Armut in versteckten Gäßchen dicht neben den Palästen
der Reichen; aber im allgemeinen hat man ihr ein apartes Gebiet
angewiesen, wo sie, aus den Augen der glücklicheren Klassen ver-
bannt, sich mit sich selbst durchschlagen mag, so gut es geht.
Diese schlechten Viertel sind in England m allen Städten ziemlich
egal eingerichtet - die schlechtesten Häuser in der schlechtesten
Gegend der Stadt; meist zweistöckige oder einstöckige Ziegelge-
bäude in langen Reihen, möglicherweise mit bewohnten Kellerräumen
und fast überall unregelmäßig angelegt. Diese Häuschen von drei
bis vier Zimmern und einer Küche werden Cottages genannt und sind
in ganz England - einige Teile von London ausgenommen - die all-
gemeinen Wohnungen der arbeitenden Klasse. Die Straßen selbst
sind gewöhnlich ungepflastert, höckerig, schmutzig, voll vegeta-
bilischen und animalischen Abfalls, ohne Abzugskanäle oder Rinn-
steine, dafür aber mit stehenden, stinkenden Pfützen versehen.
Dazu wird die Ventilation durch die schlechte, verworrene Bauart
des ganzen Stadtviertels erschwert, und da hier viele Menschen
auf einem kleinen Räume leben, so kann man sich leicht vorstel-
len, welche Luft in diesen Arbeiterbezirken herrscht. Die Straßen
dienen überdies bei schönem Wetter als Trockenplatz; es werden
von Haus zu Haus Leinen quer herüber gespannt und mit nasser Wä-
sche behangen.
Nehmen wir einige dieser schlechten Viertel durch. Da ist
z u e r s t L o n d o n *), und in London die berühmte
"Rabenheckerei" (rookery), St. Giles, die jetzt endlich durch ein
paar breite Straßen durchbrochen und so vernichtet
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*) Seitdem ich die nachfolgende Darstellung geschrieben, ist mir
ein Artikel über die Arbeiterdistrikte in London im - "Illumina-
ted Magazine" (Oktober 1844) zu Gesicht gekommen, der mit meiner
Schilderung - an vielen Stellen fast wörtlich, aber auch sonst
der Sache nach überall vollständig übereinstimmt. Er ist über-
schrieben: "The Dwellings of the Poor, from the note-book of an
M.D." (Medicinae Doctor) [Die Behausungen der Armen, aus dem No-
tizbuch eines Dr. med.].
#260# Friedrich Engels
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werden soll. Dies St. Giles liegt mitten im bevölkertsten Teile
der Stadt, umgeben von glänzenden, breiten Straßen, in denen die
schöne Welt Londons sich herumtreibt - ganz in der Nähe von Ox-
ford Street und Regent Street, von Trafalgar Square und dem
Strand. Es ist eine unordentliche Masse von hohen, drei- bis
vierstöckigen Häusern, mit engen, krummen und schmutzigen Stra-
ßen, auf denen wenigstens ebensoviel Leben ist wie auf den
Hauptrouten durch die Stadt, nur daß man in St. dies bloß Leute
aus der arbeitenden Klasse sieht. Auf den Straßen wird Markt ge-
halten, Körbe mit Gemüse und Obst, natürlich alles schlecht und
kaum genießbar, verengen die Passage noch mehr, und von ihnen,
wie von den Fleischerläden, geht ein abscheulicher Geruch aus.
Die Häuser sind bewohnt vom Keller bis hart unters Dach, schmut-
zig von außen und innen, und sehen aus, daß kein Mensch drin woh-
nen möchte. Das ist aber noch alles nichts gegen die Wohnungen in
den engen Höfen und Gäßchen zwischen den Straßen, in die man
durch bedeckte Gänge zwischen den Häusern hineingeht und in denen
der Schmutz und die Baufälligkeit alle Vorstellung übertrifft -
fast keine ganze Fensterscheibe ist zu sehen, die Mauern bröck-
lig, die Türpfosten und Fensterrahmen zerbrochen und lose, die
Türen von alten Brettern zusammengenagelt oder gar nicht vorhan-
den - hier in diesem Diebsviertel sogar sind keine Türen nötig,
weil nichts zu stehlen ist. Haufen von Schmutz und Asche liegen
überall umher, und die vor die Tür geschütteten schmutzigen Flüs-
sigkeiten sammeln sich in stinkenden Pfützen. Hier wohnen die
Ärmsten der Armen, die am schlechtesten bezahlten Arbeiter mit
Dieben, Gaunern und Opfern der Prostitution bunt durcheinander -
die meisten sind Irländer oder Abkömmlinge von Irländern, und
diejenigen, die selbst noch nicht in dem Strudel moralischer Ver-
kommenheit, der sie umgibt, untergegangen sind, sinken doch täg-
lich tiefer, verlieren täglich mehr und mehr die Kraft, den demo-
ralisierenden Einflüssen der Not, des Schmutzes und der schlech-
ten Umgebung zu widerstehen.
Aber St. Giles ist nicht das einzige "schlechte Viertel" Londons.
In dem ungeheuren Straßenknäul gibt es Hunderte und Tausende ver-
borgener Gassen und Gäßchen, deren Häuser zu schlecht sind für
alle, die noch etwas auf menschliche Wohnung verwenden können -
oft dicht neben den glänzenden Häusern der Reichen findet man
solche Schlupfwinkel der bittersten Armut. So wurde vor kurzem,
bei Gelegenheit einer Totenschau, eine Gegend dicht bei Portman
Square, einem sehr anständigen öffentlichen Platze, als der Auf-
enthalt "einer Menge durch Schmutz und Armut demoralisierter Ir-
länder" bezeichnet. So findet man in Straßen wie Long Acre usw.,
die zwar nicht fashionabel, aber doch anständig sind, eine Menge
Kellerwohnungen,
#261# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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aus denen kränkliche Kindergestalten und halbverhungerte, zer-
lumpte Frauen ans Tageslicht steigen. In der unmittelbaren Nähe
des Drury Lane Theaters - des zweiten von London - sind einige
der schlechtesten Straßen der ganzen Stadt - Charles, King und
Parker Street, deren Häuser ebenfalls von den Kellern an bis un-
ters Dach von lauter armen Familien bewohnt sind. In den Pfarren
1*) St. John und St. Margaret in Westminster wohnten 1840 nach
dem Journal der Statistischen Gesellschaft 5366 Arbeiterfamilien
in 5294 "Wohnungen" - wenn sie diesen Namen verdienen -, Männer,
Weiber und Kinder, ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht zu-
sammengeworfen, zusammen 26 830 Individuen, und von der obigen
Familienzahl hatten drei Viertel nur ein einziges Zimmer. In der
aristokratischen Pfarre St. Georg, Hanover Square, wohnten nach
derselben Autorität 1465 Arbeiterfamilien, zusammen an 6 000 Per-
sonen, in gleichen Verhältnissen - auch hier über zwei Drittel
der ganzen Anzahl auf je ein Zimmer für die Familie zusammenge-
drängt. Und wie wird die Armut dieser Unglücklichen, bei denen
selbst Diebe nichts mehr zu finden hoffen, von den besitzenden
Klassen auf gesetzlichem Wege ausgebeutet! Die scheußlichen Woh-
nungen bei Drury Lane, deren eben erwähnt wurde, bezahlen fol-
gende Mieten: zwei Kellerwohnungen 3 sh. (1 Taler), ein Zimmer
parterre 4 sh., eine Treppe hoch 4 1/2 sh., zwei Treppen hoch 4
sh., Dachstuben 3 sh. wöchentlich - so daß allein die ausgehun-
gerten Bewohner der Charles Street den Häuserbesitzern einen
jährlichen Tribut von 2000 Pfd. St. (14 000 Taler) und die er-
wähnten 5366 Familien in Westminster eine jährliche Miete von zu-
sammen 40 000 Pfd. St. (270 000 Taler) bezahlen.
Der größte Arbeiterbezirk liegt indes östlich vom Tower - in
Whitechapel und Bethnal Green, wo die Hauptmasse der Arbeiter
Londons konzentriert ist. Hören wir, was Herr G. Alston, der
Prediger von St. Philip's, Bethnal Green, über den Zustand seiner
Pfarre sagt:
"Sie enthält 1400 Häuser, die von 2795 Familien oder ungefähr
12 000 Personen bewohnt werden. Der Raum, auf dem diese große Be-
völkerung wohnt, ist weniger als 400 Yards (1200 Fuß) im Quadrat,
und bei solch einer Zusammendrängung ist es nichts Ungewöhnli-
ches, daß ein Mann, seine Frau, vier bis fünf Kinder und zuweilen
noch Großvater und Großmutter in einem einzigen Zimmer von zehn
bis zwölf Fuß im Quadrat gefunden werden, worin sie arbeiten, es-
sen und schlafen. Ich glaube, daß, ehe der Bischof von London die
öffentliche Aufmerksamkeit auf diese so höchst arme Pfarre hin-
lenkte, man da am Westende der Stadt ebensowenig von ihr wußte
wie von den Wilden Australiens oder der Südsee-Inseln. Und wenn
wir uns einmal mit den Leiden dieser Unglücklichen durch eigne
Anschauung bekannt machen, wenn wir sie
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1*) (1892) Pfarreien
#262# Friedrich Engels
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bei ihrem kargen Mahle belauschen und sie von Krankheit oder Ar-
beitslosigkeit gebeugt sehen, so werden wir eine solche Masse von
Hülflosigkeit und Elend finden, daß eine Nation wie die unsrige
über die Möglichkeit derselben sich zu schämen hat. Ich war Pfar-
rer bei Huddersfield während der drei Jahre, in denen die Fabri-
ken am schlechtesten gingen; aber ich habe nie eine s o gänzli-
che Hilflosigkeit der Armen gesehen wie seitdem in Bethnal Green.
Nicht e i n Familienvater aus zehnen in der ganzen Nachbar-
schaft hat andere Kleider als sein Arbeitszeug, und das ist noch
so schlecht und zerlumpt wie möglich; ja viele haben außer diesen
Lumpen keine andere Decke während der Nacht und als Bette nichts
als einen Sack mit Stroh und Hobelspänen." [82]
Wir sehen schon aus der obigen Beschreibung, wie es in diesen
Wohnungen selbst auszusehen pflegt. Zum Überfluß wollen wir den
englischen Behörden, die zuweilen dahin geraten, noch in einige
Proletarierwohnungen folgen.
Bei Gelegenheit einer Totenschau, die Herr Carter, Coroner für
Surrey, über die Leiche der 45jährigen Ann Galway am 14. November
1843 abhielt, erzählen die Journale folgendes von der Wohnung der
Verstorbenen: Sie hatte in Nr. 3, White Lion Court, Bermondsey
Street, London, mit ihrem Mann und ihrem 19jährigen Sohne in ei-
nem kleinen Zimmer gewohnt, worin sich weder Bettstelle oder
Bettzeug noch sonstige Möbel befanden. Sie lag tot neben ihrem
Sohn auf einem Haufen Federn, die über ihren fast nackten Körper
gestreut waren, denn es war weder Decke noch Bettuch vorhanden.
Die Federn klebten so fest an ihr über den ganzen Körper, daß der
Arzt die Leiche nicht untersuchen konnte, bevor sie gereinigt
war, und dann fand er sie ganz abgemagert und über und über von
Ungeziefer zerbissen. Ein Teil des Fußbodens im Zimmer war aufge-
rissen, und das Loch wurde von der Familie als Abtritt benutzt.
Montag, den 15. Januar 1844 wurden zwei Knaben vor das Polizeige-
richt von Worship Street, London, gebracht, weil sie aus Hunger
einen halbgekochten Kuhfuß von einem Laden gestohlen und sogleich
verzehrt hatten. Der Polizeirichter sah sich veranlaßt, weiter
nachzuforschen, und erhielt von den Polizeidienern bald folgende
Aufklärung: Die Mutter dieser Knaben war die Witwe eines alten
Soldaten und späteren Polizeidieners, der es seit dem Tode ihres
Mannes mit ihren neun Kindern sehr schlecht ergangen war. Sie
wohnte Nr. 2, Pool's Place, Quaker Street, Spitalfields, im größ-
ten Elende. Als der Polizeidiener zu ihr kam, fand er sie mit
sechs ihrer Kinder in einem kleinen Hinterstübchen buchstäblich
zusammengedrängt, ohne Möbel, ausgenommen zwei alte Binsenstühle
ohne Boden, einen kleinen Tisch mit zwei zerbrochenen Beinen,
eine zerbrochene Tasse und eine kleine Schüssel. Auf dem Herde
kaum ein Funken Feuer, und in der Ecke so viel alte Lumpen, als
eine Frau in ihre Schürze nehmen konnte, die aber der ganzen Fa-
milie
#263# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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zum Bette dienten. Zur Decke hatten sie nichts als ihre ärmliche
Kleidung. Die arme Frau erzählte ihm, daß sie voriges Jahr ihr
Bett habe verkaufen müssen, um Nahrung zu erhalten; ihre Bettü-
cher habe sie dem Viktualienhändler als Unterpfand für einige Le-
bensmittel dagelassen, und sie habe überhaupt alles verkaufen
müssen, um nur Brot zu bekommen. Der Polizeirichter gab der Frau
einen beträchtlichen Vorschuß aus der Armenbüchse.
Im Februar 1844 wurde eine Witwe von sechzig Jahren, Theresa Bis-
hop, mit ihrer 26jährigen kranken Tochter der Wohltätigkeit des
Polizeirichters von Marlborough Street empfohlen. Sie wohnte in
Nr. 5, Brown Street, Grosvenor Square, in einem kleinen Hinter-
zimmer, nicht größer als ein Schrank, worin nicht ein einziges
Stück Möbel war. In einer Ecke lagen einige Lumpen, auf denen die
beiden schliefen; eine Kiste diente als Tisch und Stuhl zugleich.
Die Mutter verdiente etwas durch Stubenreinigen; sie hatten, wie
der Wirt sagte, seit Mai 1843 in diesem Zustande gelebt, allmäh-
lich alles verkauft oder versetzt, was sie noch hatten, und den-
noch nie die Miete bezahlt. Der Polizeirichter ließ ihnen ein
Pfund aus der Armenbüchse zukommen.
Es fällt mir nicht ein, zu behaupten, a l l e Londoner Arbeiter
lebten in einem solchen Elend wie die obigen drei Familien; ich
weiß wohl, daß zehn es besser haben, wo einer so ganz und gar von
der Gesellschaft mit Füßen getreten wird - aber ich behaupte, daß
Tausende von fleißigen und braven Familien, viel braver, viel eh-
renwerter als sämtliche Reiche von London, in dieser eines Men-
schen unwürdigen Lage sich befinden und daß jeder Proletarier,
jeder ohne Ausnahme, ohne seine Schuld und trotz allen seinen An-
strengungen, von gleichem Schicksal getroffen werden kann.
Aber bei alledem sind diejenigen noch glücklich, die nur noch ein
Obdach irgendeiner Art haben - glücklich gegen die ganz Obdachlo-
sen. In London stehen jeden Morgen fünfzigtausend Menschen auf,
ohne zu wissen, wo sie für die nächste Nacht ihr Haupt hinlegen
sollen. Die glücklichsten dieser Zahl, denen es gelingt, am Abend
einen oder ein paar Pence zu erübrigen, gehen in ein sogenanntes
Logierhaus (lodging-house), deren es in allen großen Städten eine
Menge gibt und wo sie für ihr Geld ein Unterkommen finden. Aber
welch ein Unterkommen! Das Haus ist von oben bis unten mit Betten
angefüllt, vier, fünf, sechs Betten in einer Stube, soviel ihrer
hineingehen. In jedes Bett werden vier, fünf, sechs Menschen ge-
stopft, ebenfalls soviel ihrer hineingehen - Kranke und Gesunde,
Alte und Junge, Männer und Weiber, Trunkene und Nüchterne, wie es
gerade kommt, alles bunt durcheinander. Da gibt es denn Streit,
Schlägereien und Verwundungen
#264# Friedrich Engels
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- und wenn sich die Bettgenossen vertragen, so ist das noch
schlimmer, es werden Diebstähle verabredet oder Dinge getrieben,
deren Bestialität unsere menschlicher gewordenen Sprachen nicht
in Worten wiedergeben wollen. Und diejenigen, die kein solches
Nachtlager bezahlen können? Nun, die schlafen, wo sie Platz fin-
den, in Passagen, Arkaden, in irgendeinem Winkel, wo die Polizei
oder die Eigentümer sie ungestört schlafen lassen; einzelne kom-
men wohl unter in den Zufluchtshäusern, die hier und dort von der
Privatwohltätigkeit errichtet wurden - andere schlafen in den
Parks auf den Bänken, dicht unter den Fenstern der Königin Vikto-
ria - hören wir, was die "Times" [83] vom Oktober 1843 sagt:
"Aus unserm gestrigen Polizeibericht geht hervor, daß eine Durch-
schnittsanzahl von fünfzig menschlichen Wesen jede Nacht in den
Parks schlafen, ohne anderen Schutz gegen das Wetter als die
Bäume und einige Höhlungen m den Dämmen. Die meisten derselben
sind junge Mädchen, die von Soldaten verführt, in die Hauptstadt
gebracht und in die weite Welt hinausgestoßen sind, hinaus in all
die Verlassenheit der Not in einer fremden Stadt, in all die
wilde Unbekümmertheit frühreifen Lasters.
Das ist in Wahrheit schrecklich. Arme muß es überall geben. Der
Mangel wird überallhin seinen Weg finden und sich mit seiner gan-
zen Scheußlichkeit im Herzen einer großen und üppigen Stadt nie-
derlassen. In den tausend engen Gassen und Gäßchen einer volkrei-
chen Metropole muß es immer, fürchten wir, viel Leiden geben,
viel, das das Auge beleidigt - viel, das nie ans Tageslicht
kommt.
Aber daß im Kreise, den sich Reichtum, Fröhlichkeit und Glanz ge-
zogen haben, daß nahe an der königlichen Größe von St. James,
hart am strahlenden Palast von Bayswater, wo das alte und das
neue aristokratische Viertel sich begegnen, in einer Gegend, wo
das vorsichtige Raffinement moderner Städtebaukunst sich gehütet
hat, auch nur die kleinste Hütte für die Armut zu errichten, in
einer Gegend, die den ausschließlichsten Genüssen des Reichtums
geweiht zu sein scheint - daß d a Not und Hunger und Krankheit
und Laster mit all ihren verwandten Schrecken einherziehen, ver-
zehrend Leib auf Leib, Seele auf Seele!
Es ist in der Tat ein monströser Zustand. Die höchsten Genüsse,
welche körperliche Gesundheit, geistige Anregung, unschuldigere
Sinnenfreuden gewähren können, in unmittelbarer Berührung mit dem
härtesten Elend! Reichtum, von seinen glänzenden Salons herab la-
chend, mit brutaler Gedankenlosigkeit lachend bei den ungekannten
Wunden des Mangels! Freude, unbewußt aber grausam verhöhnend den
Schmerz, der dort unten stöhnt! Alle Gegensätze im Kampf, alle im
Widerstreit, nur nicht das Laster, das in Versuchung führt, und
das Laster, das sich versuchen läßt ... Aber alle Menschen mögen
des gedenken: daß in dem glänzendsten Bezirk der reichsten Stadt
auf dieser Erde, Nacht auf Nacht, Winter auf Winter, Weiber zu
finden sind, Weiber - jung an Jahren, alt an Sünden und Leiden,
Ausgestoßene der Gesellschaft, verfaulend in Hunger, Schmutz und
Krankheit. Mögen sie des gedenken und lernen, nicht zu
#265# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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theoretisieren, sondern zu handeln. Gott weiß, es ist viel Raum
da zum Handeln heutzutage!"
Ich sprach oben von Zufluchtshäusern für Obdachlose. Wie sehr
diese überlaufen sind, mögen uns zwei Beispiele lehren. Ein neu-
errichtetes "Refuge of the Houseless" 1*) in Upper Ogle Street,
das jede Nacht 300 Personen beherbergen kann, nahm seit seiner
Eröffnung am 27. Januar bis zum 17. März 1844 2740 Personen für
eine oder mehrere Nächte auf; und obwohl die Jahreszeit günstiger
wurde, war die Zahl der Applikanten sowohl in diesem als in den
Asylen von Whitecross Street und Wapping stark im Zunehmen be-
griffen, und jede Nacht mußten eine Menge Obdachloser aus Mangel
an Raum zurückgewiesen werden. In einem ändern, dem Zentral-Asyl
von Playhouse Yard, wurden in den ersten drei Monaten des Jahres
1844 durchschnittlich jede Nacht 460 Nachtlager gegeben, im gan-
zen 6681 Personen beherbergt und 96141 Rationen Brot verteilt.
Dennoch erklärt das leitende Komitee, daß auch diese Anstalt dem
Andränge der Benötigten einigermaßen erst dann genügt habe, als
auch das östliche Asyl der Aufnahme von Obdachlosen geöffnet wor-
den sei.
Verlassen wir London, um die übrigen großen Städte der drei Rei-
che der Reihe nach durchzugehen. Nehmen wir zunächst Dublin, eine
Stadt, deren Einfahrt von der See aus ebenso reizend wie die von
London imposant ist; die Bai von Dublin ist die schönste des gan-
zen britischen Inselreichs und pflegt von den Irländern wohl gar
mit der von Neapel verglichen zu werden. Die Stadt selbst hat
ebenfalls große Schönheiten 2*), und die aristokratischen Teile
derselben sind besser und geschmackvoller angelegt als die ir-
gendeiner ändern britischen Stadt. Aber dafür gehören auch die
ärmeren Bezirke von Dublin zu dem Widerlichsten und Häßlichsten,
was man in der Welt sehen kann. Allerdings hat daran der irische
Volkscharakter, der sich unter Umständen erst im Schmutz behag-
lich fühlt, seinen Anteil; aber da wir in jeder großen Stadt Eng-
lands und Schottlands auch Tausende von Irländern finden und jede
arme Bevölkerung allmählich in dieselbe Unreinlichkeit versinken
muß, so ist das Elend in Dublin nichts Spezifisches, nichts der
irischen Stadt allein Angehöriges mehr, sondern etwas, das allen
großen Städten der ganzen Welt gemeinsam ist. Die armen Distrikte
von Dublin sind überaus ausgedehnt, und der Schmutz, die Unbe-
wohnbarkeit der Häuser, die Vernachlässigung der Straßen über-
steigen alle Begriffe. Von der Art, wie die Armen hier zusammen-
gedrängt sind, kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man
hört, daß 1817 nach dem Bericht der Inspektoren des
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1*) Obdachlosenasyl - 2*) (1892) Schönheit
#266# Friedrich Engels
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Arbeitshauses *) in Barrack Street in 52 Häusern mit 390 Zimmern
1318 Personen und in Church Street und der Umgegend in 71 Häusern
mit 393 Zimmern 1997 Menschen wohnten; daß
"in diesem und dem anstoßenden Distrikt eine Menge stinkender
(foul) Gäßchen und Höfe sind, daß manche Keller ihr Licht nur
durch die Türe empfangen und in mehreren derselben die Einwohner
auf der nackten Erde schlafen, obwohl die Mehrzahl derselben doch
wenigstens Bettstellen besitzt - daß aber z. B. Nicholson's Court
in 28 kleinen, elenden Stuben 151 Menschen in der größten Not
enthält, so daß in dem ganzen Hof nur zwei Bettstellen und zwei
Bettdecken zu finden waren".
Die Armut ist so groß in Dublin, daß eine einzige wohltätige An-
stalt, die der "Mendicity Association" 1*), täglich 2500 Perso-
nen, also e i n Prozent der ganzen Bevölkerung, aufnimmt, den
Tag über ernährt und abends wieder entläßt.
Ein Gleiches erzählt uns Dr. Alison von Edinburgh - wieder einer
Stadt, deren prächtige Lage, die ihr den Namen des modernen
Athens verschafft hat, und deren glänzendes aristokratisches
Viertel in der Neustadt schroff mit dem stinkenden Elend der Ar-
men in der Altstadt kontrastiert. Alison behauptet, dieser große
Stadtteil sei ebenso unflätig und scheußlich wie die
schlechtesten Distrikte von Dublin, und die "Mendicity Associa-
tion" würde in Edinburgh eine ebenso große Proportion Notleiden-
der zu unterstützen haben wie in der irischen Hauptstadt; ja, er
sagt, die Armen in Schottland, namentlich in Edinburgh und Glas-
gow, seien schlimmer daran als in irgendeiner ändern Gegend des
britischen Reichs, und die elendesten seien nicht Irländer, son-
dern Schotten. Der Prediger der alten Kirche in Edinburgh, Dr.
Lee, sagte 1836 vor der Commission of Religious Instruction 2*)
aus:
"Er habe solches Elend wie in seiner Pfarre nirgends zuvor gese-
hen. Die Leute seien ohne Möbel, ohne alles; häufig wohnten zwei
Ehepaare in einem Zimmer. An einem Tage sei er in sieben Häusern
gewesen, in denen kein Bett - in einigen sogar kein Stroh gewesen
sei; achtzigjährige Leute hätten auf dem bretternen Boden ge-
schlafen, fast alle brächten die Nacht in ihren Kleidern zu. In
einem Kellerraum habe
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*) Zitiert i Dr. P. Alison, F.R.S.E., fellow and late President
of the Royal College of Physicians etc. etc., "Observations on
the Management of the Poor in Scotland and its Effects on the
Health of Great Towns" [Betrachtungen über die Behandlung der
Armen in Schottland und ihre Auswirkung auf die Gesundheit in den
großen Städten], Edinburgh 1840. - Der Verfasser ist religiöser
Tory und Bruder des Historikers Arch[ibald] Alison.
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1*) "Bettler(fürsorge)-Vereinigung" - 2*) Kommission für reli-
giöse Unterweisung
#267# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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er zwei schottische Familien vom Lande gefunden; bald nach ihrer
Ankunft in der Stadt seien zwei Kinder gestorben, das dritte sei
zur Zeit seines Besuchs im Sterben gewesen - für jede Familie
habe ein schmutziger Strohhaufen in einem Winkel gelegen, und
obendrein habe der Keller, der so dunkel gewesen sei, daß man bei
Tage keinen Menschen darin habe erkennen können, noch einen Esel
beherbergt. Es müsse ein Herz von Demant bluten machen, solches
Elend in einem Lande wie Schottland zu sehen."
Ähnliches berichtet Dr. Hennen im "Edinburgh Medical and Surgical
Journal". Aus einem Parlamentsberichte *) geht hervor, welche Un-
reinlichkeit - wie unter solchen Umständen wohl zu erwarten ist -
in den Häusern der Edinburgher Armen herrscht. Auf den Bettpfo-
sten halten Hühner ihr Nachtlager, Hunde und sogar Pferde schla-
fen mit den Menschen in e i n e m Zimmer, und die natürliche
Folge davon ist, daß ein entsetzlicher Schmutz und Gestank sowie
Heere von Ungeziefer aller Art in diesen Wohnungen existieren.
Die Bauart Edinburghs begünstigt diesen scheußlichen Zustand so-
viel wie möglich. Die Altstadt ist an beiden Abhängen eines Hü-
gels gebaut, über dessen Rücken die Hochstraße (high street)
läuft. Von dieser aus laufen nach beiden Seiten eine Menge schma-
ler, krummer Gäßchen, von ihren vielen Windungen wynds genannt,
den Berg hinab, und diese bilden den proletarischen Stadtteil.
Die Häuser der schottischen Städte sind überhaupt hoch, fünf- und
sechsstöckig wie in Paris, und im Gegensatz zu England, wo soviel
wie möglich jeder sein apartes Haus hat, von einer großen Anzahl'
verschiedener Familien bewohnt; die Zusammendrängung vieler Men-
schen auf einer kleinen Fläche wird hierdurch noch vergrößert.
"Diese Straßen", sagt ein englisches Journal in einem Artikel
über die Gesundheitsverhältnisse der Arbeiter in Städten **) -
"diese Straßen sind oft so eng, daß man aus dem Fenster des einen
Hauses in das des gegenüberstehenden steigen kann, und dabei sind
die Häuser so hoch Stock auf Stock getürmt, daß das Licht kaum in
den Hof oder die Gasse, die dazwischenliegt, hineinzudringen ver-
mag. In diesem Teile der Stadt sind weder Kloaken noch sonstige
zu den Häusern gehörende Abzüge oder Abtritte; und daher wird al-
ler Unrat, Abfall und Exkremente von wenigstens 50 000 Personen
jede Nacht in die Rinnsteine geworfen, so daß trotz alles Stra-
ßenkehrens eine
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*) Report to the Home Secretary from the Poor-Law Commissioners,
on an Inquiry into the Sanitary Condition of the Labouring Clas-
ses of Great Britain. With Appendices. Presented to both Houses
of Parliament in July 1842 [Bericht der Armengesetz-Kommissare an
den Innenminister über eine Untersuchung der sanitären Lage der
arbeitenden Klassen Großbritanniens. Mit Anhängen. Beiden Häusern
des Parlaments im Juli 1842 vorgelegt]. - 3 vols. in Folio. - Ge-
sammelt und geordnet aus ärztlichen Berichten von Edwin Chadwick,
Sekretär der Armengesetz-Kommission.
**) "The Artizan", 1843, Oktoberheft. - Eine Monatsschrift.
#268# Friedrich Engels
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Masse aufgetrockneten Kots und ein stinkender Dunst entsteht und
dadurch nicht nur Auge und Geruch beleidigt, sondern auch die Ge-
sundheit der Bewohner aufs höchste gefährdet wird. Ist es zu ver-
wundern, daß in solchen Lokalitäten alle Rücksichten auf Gesund-
heit, Sitten und selbst den gewöhnlichsten Anstand gänzlich ver-
nachlässigt werden? Im Gegenteil, alle, die den Zustand der Be-
wohner näher kennen, werden Zeugnis geben, welchen hohen Grad
Krankheit, Elend und Demoralisation hier erreicht haben. Die Ge-
sellschaft ist in diesen Gegenden zu einer unbeschreiblich nied-
rigen und elenden Stufe herabgesunken. - Die Wohnungen der ärme-
ren Klasse sind im allgemeinen sehr schmutzig und augenscheinlich
nie auf irgendeine Weise gereinigt; sie bestehen in den meisten
Fällen aus einem einzigen Zimmer, das, bei der schlechtesten Ven-
tilation, dennoch wegen zerbrochener, schlecht passender Fenster
kalt ist - zuweilen feucht und teilweise unter der Erde, immer
schlecht möbliert und durchaus unwohnlich, so daß ein Strohhaufen
oft einer ganzen Familie zum Bette dient / auf dem Männer und
Weiber, Junge und Alte in empörender Verwirrung durcheinanderlie-
gen. Wasser ist nur bei den öffentlichen Pumpen zu haben, und die
Mühe, mit der es herbeigeholt werden muß, begünstigt natürlich
alle möglichen Unflätereien."
In ändern großen Hafenstädten sieht es nicht besser aus. Liver-
pool mit all seinem Handel, Glanz und Reichtum behandelt dennoch
seine Arbeiter mit derselben Barbarei. Ein volles Fünftel der Be-
völkerung - also über 45000 Menschen wohnen in engen, dunklen,
feuchten und schlecht ventilierten Kellern, deren es 7862 in der
Stadt gibt. Dazu kommen noch 2270 Höfe (courts), d.h. kleine
Plätze, die nach allen vier Seiten zugebaut sind und nur einen
schmalen, meist überwölbten Zugang haben, die also g a r
k e i n e Ventilation zulassen, meist sehr schmutzig und fast
ausschließlich von Proletariern bewohnt sind. Von solchen Höfen
werden wir mehr zu sprechen haben, wenn wir zu Manchester kommen.
In Bristol wurden bei einer Gelegenheit 2800 Arbeiterfamilien be-
sucht, und von diesen hatten 46 Prozent nur ein einziges Zimmer.
Ganz dasselbe finden wir in den Fabrikstädten. In Nottingham sind
im ganzen 11 000 Häuser, von denen zwischen 7000 und 8000 mit der
Rückwand aneinander gebaut sind, so daß keine durchgehende Venti-
lation möglich ist; dazu ist meistens nur ein gemeinsamer Abtritt
für mehrere Häuser vorhanden. Bei einer vor kurzem gehaltenen In-
spektion fand man viele Reihen Häuser über seichte Abzugsgräben
gebaut, die mit nichts weiter als den Brettern des Fußbodens be-
deckt waren. In Leicester, Derby und Sheffield sieht es nicht an-
ders aus. Von Birmingham berichtet der oben zitierte Artikel des
"Artizan":
"In den älteren Teilen der Stadt sind viele schlechte Gegenden,
schmutzig und vernachlässigt, voll stehender Pfützen und Haufen
Abfalls. Die Höfe sind in Birmingham sehr zahlreich, über zwei-
tausend, und enthalten die größte Zahl der Arbeiterklasse.
#269# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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Sie sind meist eng, kotig, schlecht ventiliert und mit schlechten
Abzügen, enthalten von acht bis zu zwanzig Häusern, die meist nur
nach einer Seite hin zu lüften sind, weil sie die Rückwand mit
einem ändern Gebäude gemein haben, und im Hintergrunde des Hofs
liegt ziemlich allgemein ein Aschenloch oder dergleichen, dessen
Schmutz sich nicht beschreiben läßt. Es muß indes bemerkt werden,
daß die neueren Höfe verständiger angelegt und anständiger gehal-
ten sind; und selbst in den Höfen sind die Cottages viel weniger
gedrängt als in Manchester und Liverpool, weshalb denn auch Bir-
mingham während der Herrschaft epidemischer Krankheiten viel we-
niger Sterbefälle hatte als z.B. Wolverhampton, Dudley und Bil-
ston, die nur einige Meilen davon liegen. Kellerwohnungen sind in
Birmingham ebenfalls unbekannt, obwohl einige Kellerlokale unge-
eigneterweise zu Werkstätten benutzt werden. Die Logierhäuser für
Proletarier sind etwas zahlreich (über 400), hauptsächlich in Hö-
fen im Mittelpunkte der Stadt; sie sind fast alle ekelhaft
schmutzig und dumpfig, die Zufluchtsörter von Bettlern, Land-
streichern" (trampers - über die nähere Bedeutung dieses Wortes
später), "Dieben und Huren, die hier ohne alle Rücksicht auf An-
stand oder Komfort essen, trinken, rauchen und schlafen, in einer
nur diesen degradierten Menschen erträglichen Atmosphäre."
Glasgow hat in vieler Beziehung Ähnlichkeit mit Edinburgh - die-
selben Wynds, dieselben hohen Häuser. Über diese Stadt bemerkt
der "Artizan":
"Die arbeitende Klasse macht hier etwa 78 Prozent der ganzen Be-
völkerung (an 300 000) aus und wohnt in Stadtteilen, welche in
Elend und Scheußlichkeit die niedrigsten Schlupfwinkel von St.
Giles und Whitechapel, die Liberties von Dublin, die Wynds von
Edinburgh übertreffen. Solche Gegenden gibt es in Menge im Herzen
der Stadt - südlich vom Trongate, westlich vom Salzmarkt, im Cal-
ton, seitwärts von der Hochstraße usw. - endlose Labyrinthe enger
Gassen oder Wynds, in welche fast bei jedem Schritt Höfe oder
Sackgassen münden, die von alten, schlecht ventilierten, hochge-
türmten, wasserlosen und verfallenden Häusern gebildet werden.
Diese Häuser sind förmlich vollgedrängt von Einwohnern; sie ent-
halten drei oder vier Familien - vielleicht zwanzig Personen -
auf jedem Stockwerke, und zuweilen ist jedes Stockwerk in Schlaf-
stellen vermietet, so daß fünfzehn bis zwanzig Personen in einem
einzigen Zimmer aufeinandergepackt, wir mögen nicht sagen unter-
gebracht, sind. Diese Distrikte beherbergen die ärmsten, depra-
viertesten und wertlosesten Mitglieder der Bevölkerung und sind
als die Quellen jener furchtbaren Fieberepidemien zu betrachten,
die von hier aus Verwüstung über ganz Glasgow verbreiten."
Hören wir, wie J.C. Symons, Regierungskommissär bei der Untersu-
chung über die Lage der Handweber, diese Stadtteile beschreibt
*):
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*) "Arts and Artisans at Home and Abroad" [Handwerke und Handwer-
ker im In-und Ausland]. By J.C. Symons. Edinburgh 1839. - Der
Verfasser, wie es scheint, selbst ein Schotte, ist ein Liberaler
und folglich fanatisch gegen jede selbständige Arbeiterbewegung
eingenommen. Die [...] zitierten Stellen finden sich p. 116 u.
folg.
#270# Friedrich Engels
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"Ich habe das Elend in einigen seiner schlimmsten Phasen, sowohl
hier als auf dem Kontinente, gesehen, aber ehe ich die Wynds von
Glasgow besuchte, glaubte ich nicht, daß in irgendeinem zivili-
sierten Lande soviel Verbrechen, Elend und Krankheit existieren
könne. In den niedrigeren Logierhäusern schlafen zehn, zwölf, ja
zuweilen zwanzig Personen von beiden Geschlechtern und jedem Al-
ter in verschiedenen Abstufungen der Nacktheit auf dem Fußboden
durcheinander. Diese Wohnstätten sind gewöhnlich (generally) so
schmutzig, feucht und verfallen, daß kein Mensch sein Pferd darin
unterbringen möchte."
Und an einer ändern Stelle:
"Die Wynds von Glasgow enthalten eine fluktuierende Bevölkerung
von fünfzehn- bis dreißigtausend Menschen. Dies Viertel besteht
aus lauter engen Gassen und viereckigen Höfen, in deren Mitte je-
desmal ein Misthaufen liegt. So empörend das äußere Ansehen die-
ser Orte war, so war ich doch noch wenig vorbereitet auf den
Schmutz und das Elend drinnen. In einigen dieser Schlaf Stuben,
die wir" (der Polizeisuperintendent Hauptmann Miller und Symons)
"bei Nacht besuchten, fanden wir eine vollständige Schicht men-
schlicher Wesen auf dem Fußboden ausgestreckt, oft fünfzehn bis
zwanzig, einige bekleidet, andre nackt, Männer und Weiber durch-
einander. Ihr Bett war eine Lage modriges Stroh mit einigen Lum-
pen vermengt. Wenig oder keine Möbel waren da, und das einzige,
was diesen Löchern etwas wohnlichen Anschein gab, war ein Feuer
im Kamin. Diebstahl und Prostitution machen die Haupterwerbsquel-
len dieser Bevölkerung aus. Niemand schien sich die Mühe zu ge-
ben, diesen Augiasstall, dies Pandämonium, diesen Knäuel von Ver-
brechen, Schmutz und Pestilenz im Zentrum der zweiten Stadt des
Reichs zu fegen. Eine ausgedehnte Besichtigung der niedrigsten
Bezirke andrer Städte zeigte mir nie etwas, das halb so schlecht
gewesen wäre, weder an Intensität moralischer und physischer Ver-
pestung noch an verhältnismäßiger Dichtigkeit der Bevölkerung. -
In diesem Viertel sind die meisten Häuser durch den Court of
Guild als verfallen und unbewohnbar bezeichnet - aber gerade
diese sind am meisten bewohnt, w e i l von ihnen nach dem Ge-
setz keine Miete gefordert werden kann."
Der große Industriebezirk in der Mitte der britischen Insel, der
dichtbevölkerte Strich von West-Yorkskire und Süd-Lancashire gibt
mit seinen vielen Fabrikstädten den übrigen großen Städten nichts
nach. Der Wollenbezirk des West Riding von Yorkshire ist eine
reizende Gegend, ein schönes grünes Hügelland, dessen Erhöhungen
nach Westen zu immer steiler werden, bis sie in dem schroffen
Kamm von Blackstone Edge - der Wasserscheide zwischen dem iri-
schen und deutschen Meere - ihre höchste Spitze erreichen. Die
Täler des Aire, an dem Leeds liegt, und des Calder, durch welches
die Manchester-Leeds-Eisenbahn läuft, gehören zu den anmutigsten
Englands und sind überall mit Fabriken, Dörfern und Städten be-
säet; die bruchsteinernen, grauen Häuser sehen so nett und rein-
lich aus gegen die geschwärzten Ziegelgebäude von Lancashire, daß
es eine Lust ist. Aber wenn man in die Städte
#271# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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selbst kommt, findet man wenig Erfreuliches. Leeds liegt, wie der
"Artizan" (a.a.O.) es schildert und wie ich es bestätigt fand,
"an einem sanften Abhänge, der in das Tal des Aire hinabläuft.
Dieser Fluß durchschlängelt die Stadt auf einer Länge von unge-
fähr anderthalb Meilen *) und ist während des Tauwetters oder
heftiger Regengüsse starken Überschwemmungen ausgesetzt. Die hö-
hergelegenen, westlichen Stadtteile sind für eine so große Stadt
reinlich, aber die niedrigeren Gegenden um den Fluß und seine
tributären Bäche (becks) sind schmutzig, eng und schon an und für
sich hinreichend, um das Leben der Einwohner - besonders kleiner
Kinder - zu verkürzen; hierzu noch gerechnet den ekelhaften Zu-
stand der Arbeiterbezirke um Kirkgate, March Lane, Cross Street
und Richmond Road, der sich hauptsächlich von ungepflasterten und
abflußlosen Straßen, unregelmäßiger Bauart, den vielen Höfen und
Sackgassen und der gänzlichen Abwesenheit auch der gewöhnlichsten
Reinlichkeitsmittel herschreibt - das alles zusammengenommen, und
wir haben Ursachen genug, um uns die übergroße Sterblichkeit in
diesen unglücklichen Regionen des schmutzigsten Elends zu erklä-
ren. - Infolge der Überschwemmungen des Aire" (der, wie hinzuge-
fügt werden muß, gleich allen der Industrie dienstbaren Flüssen
am einen Ende klar und durchsichtig in die Stadt hinein-und am
ändern dick, schwarz und stinkend von allem möglichen Unrat wie-
der herausfließt) "werden die Wohnhäuser und Keller häufig so
voll Wasser, daß dies auf die Straße hinausgepumpt werden muß;
und zu solchen Zeiten steigt das Wasser, selbst wo Kloaken sind,
aus denselben in die Keller**, erzeugt miasmatische, stark mit
Schwefelwasserstoffgas vermischte Ausdünstungen und hinterläßt
einen ekelhaften, der Gesundheit höchst nachteiligen Rückstand.
Während der Frühjahrsüberschwemmung von 1839 waren die Wirkungen
einer solchen Verstopfung der Kloaken so nachteilig, daß nach dem
Bericht des Zivilstandsregistrators in diesem Stadtteil während
des Quartals auf zwei Geburten drei Todesfälle kamen, wo in dem-
selben Quartal alle andren Stadtteile drei Geburten auf zwei To-
desfälle hatten."
Andre dicht bevölkerte Bezirke sind ohne alle Abzüge oder so
schlecht damit verseilen, daß sie keinen Vorteil davon haben. In
einigen Häuserreihen sind die Keller selten trocken; in ändern
Bezirken sind mehrere Straßen mit fußtiefem, weichem Kot bedeckt.
Die Einwohner haben sich vergebens bemüht, diese Straßen von Zeit
zu Zeit mit Schaufeln Asche zu reparieren; aber trotzdem stehen
Mistjauche und aus den Häusern weggeschüttetes, schmutziges Was-
ser in allen Löchern, bis Wind und Sonne es vertrocknet haben
(vgl. Bericht des Stadtrats im "Statistical Journal" vol. 2, p.
404).
---
*) Überall, wo von Meilen ohne nähere Bezeichnung die Rede ist,
sind englische gemeint, deren 69 1/2 auf den Grad des Äquators
und also etwa 5 auf die deutsche Meile gehen.
**) Man vergesse nicht, daß diese "Keller" keine Rumpelkammern,
sondern Wohnungen für Menschen sind.
#272# Friedrich Engels
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Eine gewöhnliche Cottage in Leeds bedeckt nicht mehr Grundfläche
als fünf Yards im Quadrat und besteht gewöhnlich aus einem Kel-
ler, einem Wohnzimmer und einer Schlafstube. Diese engen, Tag und
Nacht von Menschen gefüllten Wohnungen sind ein anderer, der
Sittlichkeit wie dem Gesundheitszustände der Einwohner gefährli-
cher Punkt. Und wie sehr diese Wohnungen gedrängt sind, erzählt
der oben zitierte Bericht über den Gesundheitszustand der arbei-
tenden Klasse:
"In Leeds fanden wir Brüder und Schwestern und Kostgänger beider
Geschlechter, die dasselbe Schlafzimmer mit den Eltern teilten;
daraus entstehen denn Folgen, vor deren Betrachtung das menschli-
che Gefühl zurückschaudert."
Ebenso B r a d f o r d, das nur sieben Meilen von Leeds, im
Mittelpunkte mehrerer zusammenstoßenden Täler an einem kleinen,
pechschwarzen, stinkenden Flusse liegt. Die Stadt bietet an einem
schönen Sonntage - denn an Werktagen wird sie von einer grauen
Wolke Kohlenrauch verhüllt - von den umhegenden Höhen einen
prächtigen Anblick dar; aber drinnen herrscht derselbe Schmutz
und dieselbe Unwohnlichkeit wie in Leeds. Die älteren Stadtteile
sind an steilen Abhängen eng und unregelmäßig gebaut; in den
Gassen, Sackgassen und Höfen liegt Schmutz und Schutt angehäuft;
die Häuser sind verfallen, unsauber und unwohnlich, und in der
unmittelbaren Nähe des Flusses und der Talsohle fand ich manche,
deren unteres, halb in den Bergabhang hinein vergrabenes
Stockwerk ganz unbewohnbar war. Überhaupt sind die Stellen der
Talsohle, an denen sich Arbeiterwohnungen zwischen die hohen
Fabriken gedrängt haben, die am schlechtesten gebauten und
unreinlichsten der ganzen Stadt. In den neueren Gegenden dieser
wie jeder ändern Fabrikstadt sind die Cottages regelmäßiger, m
Reihen angelegt, teilen aber auch hier alle Übelstände, die mit
der hergebrachten Art, die Arbeiter unterzubringen, verknüpft
sind und von denen wir bei Gelegenheit von Manchester näher
sprechen werden. Ein Gleiches gilt von den übrigen Städten des
West Riding, namentlich Barnsley, Halifax und Huddersfield.
Letzteres, bei seiner reizenden Lage und modernen Bauart bei
weitem die schönste aller Fabrikstädte von Yorkshire und
Lancashire, hat dennoch auch seine schlechten Bezirke; denn ein
von einer Bürgerversammlung zur Besichtigung der Stadt ernanntes
Komitee berichtete am 5. August 1844:
"Es sei notorisch, daß in Huddersfield ganze Straßen und viele
Gassen und Höfe weder gepflastert noch mit Kloaken oder sonstigen
Abzügen versehen seien; daß hier Abfall, Unrat und Schmutz jeder
Art aufgehäuft liege, in Gärung und Fäulnis übergehe, und fast
überall stehendes Wasser in Pfützen sich ansammle, daß infolge-
dessen die anschließenden Wohnungen notwendig schlecht und
schmutzig seien, so daß an
#273# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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solchen Orten Krankheiten sich erzeugten und die Gesundheit der
ganzen Stadt bedrohten." [84]
Gehen wir über, oder mit der Eisenbahn mitten durch Blackstone
Edge, so kommen wir auf den klassischen Boden, auf dem die engli-
sche Industrie ihr Meisterwerk vollbracht hat und von dem alle
Bewegungen der Arbeiter ausgehen, nach Süd-Lancashire mit seiner
Zentralstadt Manchester. Wieder haben wir ein schönes Hügelland,
das sich von der Wasserscheide westwärts nach dem irischen Meere
zu sanft abdacht, mit den reizenden grünen Tälern des Ribble, Ir-
well und Mersey und ihrer Nebenflüsse; ein Land, das vor hundert
Jahren noch zum größten Teile bloßer Sumpf und wenig bevölkert,
jetzt mit Städten und Dörfern übersäet und der bevölkertste Land-
strich von England ist. In Lancashire, und namentlich in Manche-
ster, findet die Industrie des britischen Reichs, wie ihren Aus-
gangspunkt, so ihr Zentrum; die Börse von Manchester ist das
Thermometer für alle Schwankungen des industriellen Verkehrs, die
moderne Kunst der Fabrikation hat in Manchester ihre Vollendung
erreicht. In der Baumwollenindustrie von Süd-Lancashire erscheint
die Benutzung der Elementarkräfte, die Verdrängung der Handarbeit
durch Maschinerie (besonders im mechanischen Webstuhl und der
Selfaktor-Mule) und die Teilung der Arbeit auf ihrer höchsten
Spitze, und wenn wir in diesen drei Elementen das Charakteristi-
sche der modernen Industrie erkannten, so müssen wir gestehen,
daß auch in ihnen die Baumwollenverarbeitung allen übrigen Indu-
striezweigen von Anfang an bis jetzt vorausgeblieben ist. Zu
gleicher Zeit indes mußten hier auch die Folgen der modernen In-
dustrie für die arbeitende Klasse sich am vollständigsten und
reinsten entwickeln und das industrielle Proletariat in seiner
vollsten Klassizität zur Erscheinung kommen; die Erniedrigung, in
welche der Arbeiter durch die Anwendung von Dampfkraft, Maschine-
rie und Arbeitsteilung versetzt wird, und die Versuche des Prole-
tariats, sich aus dieser entwürdigenden Lage zu erheben, mußten
hier ebenfalls auf die höchste Spitze getrieben werden und am
klarsten zum Bewußtsein kommen. Deshalb also, weil Manchester der
klassische Typus der modernen Industriestadt ist, und dann auch,
weil ich es so genau wie meine eigne Vaterstadt - genauer als die
meisten Einwohner - kenne, werden wir uns hier etwas länger auf-
zuhalten haben.
Die Städte um Manchester herum weichen in Beziehung auf die Ar-
beitsbezirke 1*) wenig von der Zentralstadt ab - nur daß in ihnen
die Arbeiter womöglich einen noch größeren Teil der Bevölkerung
bilden als dort. Diese Orte nämlich sind rein industriell und
lassen alle kommerziellen Geschäfte
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1*) (1892) Arbeiterbezirke
#274# Friedrich Engels
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in und durch Manchester besorgen; sie hängen in jeder Beziehung
von Manchester ab und sind daher nur von Arbeitern, Fabrikanten
und untergeordneten Krämern bewohnt - während Manchester doch
noch eine sehr bedeutende kommerzielle Bevölkerung, namentlich
Kommissions- und angesehene Detailhäuser besitzt. Daher sind Bol-
ton, Preston, Wigan, Bury, Rochdale, Middleton, Heywood, Oldham,
Ashton, Stalybridge, Stockport usw., obwohl fast alles Städte von
dreißig-, fünfzig-, siebzig- bis neunzigtausend Einwohnern, fast
lauter große Arbeiterviertel, nur von Fabriken und einigen Haupt-
straßen, deren Fronten von Läden gebildet werden, unterbrochen
und mit einigen Chausseezugängen versehen, an denen die Gärten
und Häuser der Fabrikanten wie Villen angebaut sind. Die Städte
selbst sind schlecht und unregelmäßig gebaut, mit schmutzigen Hö-
fen, Gassen und Hintergäßchen, voll Kohlenrauch, und haben ein
besonders unwohnliches Aussehen von dem ursprünglich hochroten,
mit der Zeit aber schwarz gerauchten Ziegel, der hier das allge-
meine Baumaterial ist. Kellerwohnungen sind hier allgemein; wo es
irgend angeht, werden diese unterirdischen Löcher angelegt, und
ein sehr bedeutender Teil der Bevölkerung wohnt in ihnen.
Zu den schlechtesten dieser Städte gehört nächst Preston und Old-
ham Bolton, elf Meilen nordwestlich von Manchester gelegen. Es
hat, soviel ich bei meiner mehrmaligen Anwesenheit bemerken
konnte, nur eine und noch dazu ziemlich schmutzige Hauptstraße,
Deansgate, die zugleich als Markt dient, und ist bei dem schön-
sten Wetter immer noch ein finsteres, unansehnliches Loch, trotz-
dem daß es außer den Fabriken nur ein- und zweistöckige niedrige
Häuser hat. Wie überall ist der ältere Teil der Stadt besonders
verfallen und unwohnlich. Ein schwarzes Wasser, von dem man zwei-
felt, ob es ein Bach oder eine lange Reihe stinkender Pfützen
ist, fließt hindurch und trägt das Seinige dazu bei, die ohnehin
nicht reine Luft vollends zu verpesten.
Da ist ferner Stockport, das zwar auf der Cheshire-Seite des Mer-
sey liegt, aber doch zum industriellen Bezirk von Manchester ge-
hört. Es liegt in einem engen Tal den Mersey entlang, so daß auf
der einen Seite die Straße steil bergab und auf der ändern ebenso
steil wieder bergauf führt und die Eisenbahn von Manchester nach
Birmingham auf einem hohen Viadukt über die Stadt und das ganze
Tal hinweggeht. Stockport ist im ganzen Bezirk als eins der fin-
stersten und räucherigsten Nester bekannt und sieht in der Tat,
besonders vom Viadukt herab, äußerst unfreundlich aus. Aber noch
viel unfreundlicher sehen die Cottages und Kellerwohnungen der
Proletarier aus, die in langen Reihen sich durch alle Teile der
Stadt von der Talsohle bis auf die Krone der Hügel hinziehen. Ich
erinnere mich nicht, in irgendeiner
#275# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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andern Stadt dieses Bezirks verhältnismäßig so viele bewohnte
Keller gesehen zu haben.
Wenige Meilen nordöstlich von Stockport liegt Ashton-under-Lyne,
einer der neuesten Fabrikorte der Gegend. Es liegt am Abhänge ei-
nes Hügels, an dessen Fuß der Kanal und der Fluß Tarne sich hin-
ziehen, und ist im allgemeinen nach dem neueren, regelmäßigeren
System gebaut. Fünf oder sechs lange Parallelstraßen ziehen sich
quer den Hügel entlang und werden rechtwinklig von ändern, ins
Tal hinabführenden Straßen durchschnitten. Die Fabriken werden
durch diese Bauart alle aus der eigentlichen Stadt heraus ver-
drängt, auch wenn nicht die Nähe des Wassers und der Wasserstraße
sie sämtlich unten ins Tal hinabgezogen hätte, wo sie dicht zu-
sammengedrängt stehen und aus ihren Schornsteinen dicken Rauch
ergießen. Dadurch bekommt Ashton ein viel freundlicheres Aussehen
als die meisten ändern Fabrikstädte; die Straßen sind breit und
reinlicher, die Cottages sehen neu, frischrot und wohnlich aus.
Aber das neue System, Cottages für die Arbeiter zu bauen, hat
auch seine schlechten Seiten; jede Straße hat ihre versteckte
Hintergasse, zu der ein enger Seitenweg führt und die dafür desto
schmutziger ist. Und auch in Ashton - obwohl ich kein Gebäude,
außer einigen am Eingang, gesehen habe, das mehr als fünf zig
Jahre alt sein könnte-auch in Ashton gibt es Straßen, in denen
die Cottages schlecht und alt werden, in deren Mauerecken die
Ziegel nicht mehr halten wollen und sich verschieben, in denen
die Wände rissig werden und den inwendig aufgeweißten Kalk ab-
bröckeln lassen; Straßen, deren unreinliches und schwarzgeräu-
chertes Aussehen den übrigen Städten des Bezirks nichts nachgibt
- nur daß dies in Ashton Ausnahme und nicht Regel ist.
Eine Meile weiter östlich liegt Stalybridge, ebenfalls am Tame.
Wenn man von Ashton über den Berg kommt, hat man oben auf der
Spitze rechts und links schöne, große Gärten mit villenartigen,
prächtigen Häusern in der Mitte - meist im "elisabetheischen"
Stil gebaut, der sich zum gotischen genauso verhält wie die pro-
testantisch-anglikanische Religion zur apostolisch-römisch-katho-
lischen. Einhundert Schritte weiter, und Stalybridge zeigt sich
im Tal - aber ein schroffer Gegensatz gegen die prächtigen Land-
sitze, schroff sogar noch gegen die bescheidenen Cottages von
Ashton! Stalybridge liegt in einer engen, gewundenen Talschlucht,
noch viel enger als das Tal bei Stockport, deren beide Abhänge
mit einem unordentlichen Gewirre von Cottages, Häusern und Fabri-
ken besetzt sind. Wenn man hineingeht, s o sind gleich die er-
sten Cottages eng, räucherig, alt und verfallen, und wie die er-
sten Häuser, so die ganze Stadt. Wenige Straßen hegen in der
schmalen Talsohle; die meisten laufen kreuz und quer durcheinan-
der, bergauf und
#276# Friedrich Engels
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bergab, fast in allen Häusern ist wegen dieser abschüssigen Lage
das Erdgeschoß halb in die Erde vergraben, und welche Massen von
Höfen, Hintergassen und abgelegenen Winkeln aus dieser konfusen
Bauart entstehen, kann man von den Bergen sehen, von denen aus
man die Stadt hier und da fast in der Vogelperspektive unter sich
hat. Dazu den entsetzlichen Schmutz gerechnet - und man begreift
den widerlichen Eindruck, den Stalybridge trotz seiner hübschen
Umgebung macht.
Doch genug über diese kleineren Städte. Sie haben alle ihr Apar-
tes, aber im ganzen leben die Arbeiter in ihnen gerade wie in
Manchester; darum habe ich auch nur ihre eigentümliche Bauart be-
sonders geschildert und bemerke nur, daß alle allgemeineren Be-
merkungen über den Zustand der Arbeiterwohnungen in Manchester
auch auf die umliegenden Städte ihre volle Anwendung finden. Ge-
hen wir nun zur Zentralstadt selbst über.
Manchester liegt am Fuße des südlichen Abhangs einer Hügelkette,
die sich von Oldham her zwischen die Täler des Irwell und des
Medlock drängt und deren letzte Spitze Kersall-Moor, die Rennbahn
und zugleich der Mons sacer 1*) von Manchester [85], bildet. Das
eigentliche Manchester liegt auf dem linken Ufer des Irwell, zwi-
schen diesem Flusse und den beiden kleineren, Irk und Medlock;
die sich hier in den Irwell ergießen. Auf dem rechten Irwellufer
und eingefaßt von einer starken Biegung dieses Flusses, liegt
Salford, weiter westlich Pendleton; nördlich vom Irwell liegen
Higher und Lower Broughton, nördlich vom Irk Cheetham Hill; süd-
lich vom Medlock liegt Hulme, weiter östlich Chorlton-on-Medlock,
noch weiter, ziemlich im Osten von Manchester, Ardwick. Der ganze
Häuserkomplex wird im gewöhnlichen Leben Manchester genannt und
faßt eher über als unter viermalhunderttausend Menschen. Die
Stadt selbst ist eigentümlich gebaut, so daß man jahrelang in ihr
wohnen und täglich hinein- und herausgehen kann, ohne je in ein
Arbeiterviertel oder nur mit Arbeitern in Berührung zu kommen -
solange man nämlich eben nur seinen Geschäften nach- oder spazie-
rengeht. Das kommt aber hauptsächlich daher, daß durch unbewußte,
stillschweigende Übereinkunft wie durch bewußte ausgesprochene
Absicht die Arbeiterbezirke von den der Mittelklasse überlassenen
Stadtteilen aufs schärfste getrennt oder, wo dies nicht geht, mit
dem Mantel der Liebe verhüllt werden. Manchester enthält in sei-
nem Zentrum einen ziemlich ausgedehnten kommerziellen Bezirk,
etwa eine halbe Meile lang und ebenso breit, der fast nur aus
Kontoren und Warenlagern (warehouses) besteht. Fast der ganze Be-
zirk ist unbewohnt und während der Nacht einsam und öde - nur
wachthabende
-----
1*) heilige Berg
Lage der arbeitenden Klasse in England · Die großen Städte
#277#
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Bild ansehen
Plan von Manchester und seinen Vorstädten
#278#
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#279#
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Polizeidiener streichen mit ihren Blendlaternen durch die engen,
dunklen Gassen. Diese Gegend wird von einigen Hauptstraßen durch-
schnitten, auf denen sich der ungeheure Verkehr drängt und in
denen die Erdgeschosse mit brillanten Läden besetzt sind; in die-
sen Straßen finden sich hier und da bewohnte Oberräume, und hier
ist auch bis spät abends ziemlich viel Leben auf der Straße. Mit
Ausnahme dieses kommerziellen Distrikts ist das ganze eigentliche
Manchester, ganz Salford und Hulme, ein bedeutender Teil von
Pendleton und Chorlton, zwei Drittel von Ardwick und einzelne
Striche von Cheetham Hill und Broughton - alles lauter Arbeiter-
bezirk, der sich wie ein durchschnittlich anderthalb Meilen brei-
ter Gürtel um das kommerzielle Viertel zieht. Draußen, jenseits
dieses Gürtels, wohnt die höhere und mittlere Bourgeoisie - die
mittlere in regelmäßigen Straßen in der Nähe der Arbeiterviertel,
namentlich in Chorlton und den tieferhegenden Gegenden von
Cheetham Hill, die höhere in den entfernteren villenartigen Gar-
tenhäusern von Chorlton und Ardwick oder auf den luftigen Höhen
von Cheetham Hill, Broughton und Pendleton - in einer freien, ge-
sunden Landluft, in prächtigen, bequemen Wohnungen, an denen
halbstündlich oder viertelstündlich die nach der Stadt fahrenden
Omnibusse vorbeikommen. Und das schönste bei der Sache ist, daß
diese reichen Geldanstokraten mitten durch die sämtlichen Arbei-
terviertel auf dem nächsten Wege nach ihren Geschäftslokalen in
der Mitte der Stadt kommen können, ohne auch nur zu merken, daß
sie in die Nähe des schmutzigsten Elends geraten, das rechts und
links zu finden ist. Die Hauptstraßen nämlich, die von der Börse
nach allen Richtungen aus der Stadt hinausführen, sind an beiden
Seiten mit einer fast ununterbrochenen Reihe von Läden besetzt
und so in den Händen der mittleren und kleineren Bourgeoisie, die
schon um ihres Vorteils willen auf anständigeres und reinliches
Aussehen hält und halten kann. Allerdings haben diese Läden im-
merhin einige Verwandtschaft mit den Distrikten, die hinter ihnen
hegen, sind also im kommerziellen Viertel und der Nähe der Bour-
geoisiebezirke eleganter als da, wo sie schmutzige Ar bei tercot-
tages verdecken; aber sie sind immerhin hinreichend, um vor den
Augen der reichen Herren und Damen mit starkem Magen und schwa-
chen Nerven das Elend und den Schmutz zu verbergen, die das er-
gänzende Moment zu ihrem Reichtum und Luxus bilden. So ist z. B.
Deansgate, das von der alten Kirche m gerader Richtung nach Süden
führt, anfangs mit Warenlagern und Fabriken, dann mit Läden zwei-
ten Ranges und einigen Bierhäusern, weiter südlich, wo es das
kommerzielle Viertel verläßt, mit unansehnlicheren Läden, die, je
weiter man kommt, desto schmutziger und mehr und mehr von Schen-
ken und Schnapshäusern unterbrochen werden, bebaut, bis am südli-
chen Ende das
#280# Friedrich Engels
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Aussehen der Läden keinen Zweifel darüber läßt, daß Arbeiter und
nur Arbeiter ihre Kunden sind. So Market Street, von der Börse
südöstlich laufend; anfangs brillante Läden ersten Ranges und in
den höheren Stockwerken Kontore und Warenlager; weiterhin in der
Fortsetzung (Piccadilly) kolossale Hotels und Warenlager; in der
weiteren Fortsetzung (London Road) in der Gegend des Medlock Fa-
briken, Schenken, Läden für niedere Bourgeoisie und Arbeiter,
dann an Ardwick Green Wohnungen für höhere und mittlere Bourgeoi-
sie, und von da an große Gärten und Landhäuser für die reiche-
ren Fabrikanten und Kaufleute. Auf diese Weise kann man wohl,
wenn man Manchester kennt, von den Hauptstraßen aus auf die an-
schließenden Bezirke s c h l i e ß e n, aber man ist sehr
selten imstande, von ihnen aus die w i r k l i c h e n Arbei-
terbezirke selbst zu Gesicht zu bekommen. Ich weiß sehr wohl, daß
diese heuchlerische Bauart mehr oder weniger allen großen Städten
gemein ist; ich weiß ebenfalls, daß die Detailhändler schon wegen
der Natur ihres Geschäfts die großen durchführenden Straßen für
sich in Beschlag nehmen müssen; ich weiß, daß man überall an sol-
chen Straßen mehr gute als schlechte Häuser hat und daß in ihrer
Nähe der Grundwert höher ist als in abgelegenen Gegenden; aber
ich habe zugleich eine so systematische Absperrung der Arbeiter-
klasse von den Hauptstraßen, eine so zartfühlende Verhüllung al-
les dessen, was das Auge und die Nerven der Bourgeoisie beleidi-
gen könnte, nirgends gefunden als in Manchester. Und doch ist ge-
rade Manchester sonst weniger planmäßig oder nach Polizeivor-
schriften und dagegen mehr durch den Zufall gebaut als irgendeine
andre Stadt; und wenn ich die eifrigen Beteuerungen der Mittel-
klasse, daß es den Arbeitern ganz vortrefflich gehe, dabei er-
wäge, so will es mich doch dünken, als seien die liberalen Fabri-
kanten, die "big whigs" von Manchester, nicht so ganz unschuldig
an dieser schamhaften Bauart.
Ich erwähne noch eben, daß die Fabrikanlagen sich fast alle dem
Lauf der drei Flüsse oder der verschiedenen Kanäle, die sich
durch die Stadt verzweigen, anschließen, und gehe dann zur Schil-
derung der Arbeiterbezirke selbst über. Da ist zuerst die Alt-
stadt von Manchester, die zwischen der Nordgrenze des kommerziel-
len Viertels und dem Irk liegt. Hier sind die Straßen, selbst die
besseren, eng und krumm - wie Todd Street, Long Millgate, Withy
Grove und Shude Hill -, die Häuser schmutzig, alt und baufällig
und die Bauart der Nebenstraßen vollends abscheulich. Wenn man
von der alten Kirche in Long Millgate hineingeht, so hat man
gleich rechts eine Reihe altmodischer Häuser, an denen keine ein-
zige Frontmauer senkrecht geblieben ist; es sind die Reste des
alten, vorindustriellen Manchester, deren frühere Einwohner sich
mit ihren Nachkommen in besser gebaute
#281# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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Bezirke gezogen und die Häuser, die ihnen zu schlecht waren, ei-
ner stark mit irischem Blut vermischten Arbeiterrasse überlassen
haben. Man ist hier wirklich in einem fast unverhüllten Arbeiter-
viertel, denn selbst die Läden und Kneipen der Straße nehmen sich
nicht die Mühe, etwas reinlich auszusehen. Aber das ist all noch
nichts gegen die Gassen und Höfe, die dahinter liegen und zu
denen man nur durch enge, überbaute Zugänge gelangt, in denen
keine zwei Menschen aneinander vorbei können. Von der unordentli-
chen, aller vernünftigen Baukunst hohnsprechenden Zusammenwürfe-
lung der Häuser, von der Gedrängtheit, mit der sie hier förmlich
aneinander-gepackt sind, kann man sich keine Vorstellung machen.
Und es sind nicht nur die aus der alten Zeit Manchesters hinter-
lassenen Gebäude, die die Schuld davon tragen; die Verwirrung ist
in neuerer Zeit erst auf die Spitze getrieben worden, indem über-
all, wo die ganze Bauart der früheren Epoche noch ein Fleckchen
Raum ließ, später nachgebaut und angeflickt wurde, bis endlich
zwischen den Häusern kein Zoll breit Platz blieb, der sich noch
hätte verbauen lassen. Zur Bestätigung zeichne ich ein kleines
Fleckchen aus dem Plane von Manchester hier ab - es ist nicht das
schlimmste Stück und nicht der zehnte Teil der ganzen Altstadt.
Bild ansehen
Bauart eines Bezirks
Diese Zeichnung wird hinreichen, um die wahnsinnige Bauart des
ganzen Bezirks, namentlich des in der Nähe des Irk, zu charakte-
risieren. Das Ufer des Irk ist hier auf der Südseite sehr steil
und zwischen fünfzehn und dreißig Fuß hoch; an diese abschüssige
Bergwand sind meist noch drei Reihen Häuser hingepflanzt, deren
niedrigste sich unmittelbar aus dem Flusse erhebt, während die
Vorderwand der höchsten auf dem Niveau der Hügelkrone in Long
Millgate steht. Dazwischen stehen noch Fabriken am Flusse - kurz
die Bauart ist hier ebenso eng und unordentlich wie im unteren
Teil von Long Millgate. Rechts und links führen eine Menge über-
bauter Zugänge von der Hauptstraße in die vielen Höfe ab, und
wenn man hineingeht, so gerät man in einen Schmutz und eine ekel-
hafte Unsauberkeit, die ihresgleichen nicht hat - namentlich in
den Höfen, die nach dem Irk hinabführen und die unbedingt die
scheußlichsten Wohnungen enthalten, welche mir bis jetzt vorge-
kommen sind. In einem dieser Höfe steht gleich am Eingange, wo
der bedeckte Gang aufhört, ein Abtritt, der keine Tür hat und so
schmutzig ist, daß die Einwohner nur durch eine stagnierende
Pfütze von
#282# Friedrich Engels
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faulem Urin und Exkrementen, die ihn umgibt, in den Hof oder her-
aus können; es ist der erste Hof am Irk oberhalb Ducie Bridge,
wenn jemand Lust haben sollte, nachzusehen; unten am Flusse ste-
hen mehrere Gerbereien, die die ganze Umgegend mit animalischem
Verwesungsgeruch erfüllen. In die Höfe unterhalb Ducie Bridge
steigt man meist auf engen, schmutzigen Treppen hinab und gelangt
nur über Haufen von Schutt und Unrat an die Häuser. Der erste Hof
unterhalb Ducie Bridge heißt Allen's Court und war zur Cholera-
zeit in einem solchen Zustande, daß die Gesundheitspolizei ihn
ausräumen, fegen und mit Chlor ausräuchern ließ; Dr. Kay gibt in
einer Broschüre *) eine schreckenerregende Beschreibung von der
damaligen Lage dieses Hofes. Seitdem scheint er teilweise abge-
brochen und neu erbaut worden zu sein - von Ducie Bridge herab
sieht man wenigstens noch mehrere Mauerruinen und hohe Schutthau-
fen neben einigen Häusern neueren Baues. Die Aussicht von dieser
Brücke - zartfühlenderweise von einer mannshohen gemauerten
Brustwehr den kleineren Sterblichen verhüllt - ist überhaupt cha-
rakteristisch für den ganzen Bezirk. In der Tiefe fließt oder
vielmehr stagniert der Irk, ein schmaler, pechschwarzer, stinken-
der Fluß, voll Unrat und Abfall, den er ans rechte, flachere Ufer
anspült; bei trocknem Wetter bleibt an diesem Ufer eine lange
Reihe der ekelhaftesten schwarzgrünen Schlammpfützen stehen, aus
deren Tiefe fortwährend Blasen miasmatischer Gase aufsteigen und
einen Geruch entwickeln, der selbst oben auf der Brücke, vierzig
oder fünfzig Fuß über dem Wasserspiegel, noch unerträglich ist.
Der Fluß selbst wird dazu noch alle fingerlang durch hohe Wehre
aufgehalten, hinter denen sich der Schlamm und Abfall in dicken
Massen absetzt und verfault. Oberhalb der Brücke stehen hohe Ger-
bereien, weiter hinauf Färbereien, Knochenmühlen und Gaswerke,
deren Abflüsse und Abfälle samt und sonders in den Irk wandern,
der außerdem noch den Inhalt der anschießenden Kloaken und Ab-
tritte aufnimmt. Man kann sich also denken, welcher Beschaffen-
heit die Residuen sind, die der Fluß hinterläßt. Unterhalb der
Brücke sieht man in die Schutthaufen, den Unrat, Schmutz und Ver-
fall der Höfe auf dem linken, steilen Ufer; ein Haus steht immer
dicht hinter dem ändern, und wegen der Steigerung des Ufers sieht
man von jedem ein Stück - alle schwarzgeraucht, bröckelig, alt,
mit zerbrochnen Fensterscheiben und Fensterrahmen. Den Hinter-
grund bilden kasernenartige, alte
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*) "The Moral and Physical Condition of the Working Classes, em-
ployed in the Cotton Manufacture in Manchester" [Die sittliche
und physische Lage der in der Baumwollfabrikation in Manchester
beschäftigten arbeitenden Klassen]. By James Ph. Kay, Dr. Med.
2nd edit. 1832. - Verwechselt die Arbeiterklasse im allgemeinen
mit der Fabrikarbeiterklasse, sonst vortrefflich.
#283# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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Fabrikgebäude. Auf dem rechten, flacheren Ufer steht eine lange
Reihe Häuser und Fabriken - gleich das zweite Haus ist eine Ruine
ohne Dach, mit Schutt angefüllt, und das dritte steht so niedrig,
daß das unterste Stockwerk unbewohnbar und infolgedessen ohne
Fenster und Türen ist. Den Hintergrund bildet hier der Armen-
kirchhof, die Bahnhöfe der Liverpooler und Leedser Eisenbahnen
und dahinter das Arbeitshaus, die "Armengesetz-Bastille" von Man-
chester, das wie eine Zitadelle von einem Hügel hinter hohen Mau-
ern und Zinnen drohend auf das gegenüberliegende Arbeiterviertel
herabschaut.
Oberhalb Ducie Bridge wird das linke Ufer flacher und das rechte
dagegen steiler, der Zustand der Wohnungen auf beiden Seiten des
Irk indessen eher schlimmer als besser. Wenn man hier von der
Hauptstraße - noch immer Long Millgate - links abgeht, so ist man
verloren; man gerät aus einem Hof in den ändern, das geht um lau-
ter Ecken, durch lauter enge, schmutzige Winkel und Gänge, bis
man nach wenig Minuten alle Richtung verloren hat und gar nicht
mehr weiß, wohin man sich wenden soll. Überall halb oder ganz
verfallene Gebäude-einzelne sind wirklich unbewohnt, und das will
hier viel heißen - in den Häusern selten ein bretterner oder
steinerner Fußboden, dagegen fast immer zerbrochene, schlecht
passende Fenster und Türen, und ein Schmutz! - Schutthaufen, Ab-
fall und Unflat überall; stehende Pfützen statt der Rinnsteine,
und ein Geruch, der es allein jedem einigermaßen zivilisierten
Menschen unerträglich machen würde, in einem solchen Distrikt zu
wohnen. Die neuerbaute Verlängerung der Leedser Eisenbahn, welche
hier den Irk überschreitet, hat einen Teil dieser Höfe und Gäß-
chen weggefegt, dagegen andre wieder erst recht dem Blicke offen-
gelegt. So ist unmittelbar unterhalb der Eisenbahnbrücke ein Hof,
der an Schmutz und Scheußlichkeit alle ändern weit übertrifft,
eben weil er bisher so abgeschlossen, so zurückgezogen war, daß
man nur mit Mühe hineingelangen konnte; ich selbst hätte ihn ohne
die durch den Eisenbahnviadukt geschaffne Lücke nie gefunden, ob-
wohl ich diese ganze Gegend genau zu kennen glaubte. Man gelangt
über ein holpriges Ufer, zwischen Pfählen und Waschleinen hin-
durch in dies Chaos kleiner, einstöckiger und einstubiger Hütten,
von denen die meisten ohne allen künstlichen Fußboden sind - Kü-
che, Wohn- und Schlafzimmer, alles vereinigt. In einem solchen
Loche, das kaum sechs Fuß lang und fünf breit war, sah ich zwei
Betten - und was für Bettstellen und Betten - die nebst einer
Treppe und einem Herd gerade hinreichten, um das ganze Zimmer zu
füllen. In mehreren ändern sah ich g a r n i c h t s, obwohl
die Tür weit offenstand und die Einwohner an ihr lehnten. Vor den
Türen überall Schutt und Unrat; daß eine Art von Pflaster darun-
ter
#284# Friedrich Engels
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sei, war nicht zu sehen, sondern bloß hie und da mit den Füßen
herauszufühlen. Der ganze Haufen menschenbewohnter Viehställe
war auf zwei Seiten von Häusern und einer Fabrik, auf der dritten
vom Fluß begrenzt, und außer dem schmalen Ufersteig führte nur
noch ein enger Torweg hinaus - in ein andres, fast ebenso
schlecht gebautes und gehaltenes Labyrinth von Wohnungen.
Genug davon! In dieser Weise ist die ganze Irkseite bebaut, ein
planlos zusammengewürfeltes Chaos von Häusern, die der Unbewohn-
barkeit mehr oder weniger nahestehen und deren unreinliches In-
nere der unflätigen Umgebung vollkommen entspricht. Wie sollen
die Leute auch reinlich sein! Nicht einmal für die Befriedigung
der allernatürlichsten und alltäglichsten Bedürfnisse gibt es ge-
eignete Gelegenheit. Die Abtritte sind hier so rar, daß sie ent-
weder alle Tage voll werden oder den meisten zu entlegen sind.
Wie sollten sich die Leute waschen, wo sie nur das schmutzige
Irkwasser nahebei haben und Wasserleitungen und Pumpen erst in
honetten Stadtteilen vorkommen! Wahrhaftig, man kann es diesen
Heloten der modernen Gesellschaft nicht zurechnen, wenn ihre Woh-
nungen nicht reinlicher sind als die Schweineställe, die hier und
da mitten dazwischen stehen! Schämen sich doch die Hausbesitzer
nicht, Wohnungen zu vermieten wie die sechs oder sieben Keller am
Kai, gleich unterhalb Scotland Bridge, deren Fußboden mindestens
zwei Fuß unter dem Wasserspiegel - bei niedrigem Wasser - des
nicht sechs Fuß davon fließenden Irk hegt, oder wie das obere
Stock im Eckhaus auf dem entgegengesetzten Ufer gleich oberhalb
der Brücke, dessen Erdgeschoß unbewohnbar, ohne alle Ausfüllung
für Tür- und Fensterlöcher - doch das ist ja ein Fall, der m die-
ser ganzen Gegend nicht selten vorkommt, wobei dann gewöhnlich
dies offene untere Stockwerk von der ganzen Nachbarschaft aus
Mangel an ändern Lokalitäten als Abtritt benutzt wird!
Verlassen wir den Irk, um auf der entgegengesetzten Seite von
Long Millgate wieder in die Mitte der Arbeiterwohnungen zu drin-
gen, so kommen wir in ein etwas neueres Viertel, das sich von der
St.-Michaelis-Kirche bis Withy Grove und Shude Hill erstreckt.
Hier ist wenigstens etwas mehr Ordnung; statt der chaotischen
Bauart finden wir hier wenigstens lange, gerade Gassen und Sack-
gassen oder absichtlich gebaute, meist viereckige Höfe; aber wenn
früher jedes einzelne Haus, so ist hier wenigstens jede Gasse und
jeder Hof willkürlich und ohne alle Rücksicht auf die Lage der
übrigen angebaut. Bald läuft eine Gasse in dieser, bald in jener
Richtung, alle fingerlang gerät man in einen Sack oder um eine
zugebaute Ecke, die gerade wieder dahin führt, von wo man ausge-
gangen ist - wer nicht in diesem Labyrinth eine gute Zeit lang
gewohnt hat, findet sich gewiß nicht hindurch. Die
#285# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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Ventilation der Straßen - wenn ich das Wort von diesem Distrikt
gebrauchen darf - und Höfe wird dadurch ebenso unvollkommen wie
die der Irkgegend; und wenn dennoch dieser Bezirk etwas vor dem
Irktale voraus haben sollte - die Häuser sind allerdings neuer,
die Straßen haben wenigstens zuweilen Rinnsteine -, so hat er da-
gegen auch wieder fast unter jedem Hause eine Kellerwohnung, was
sich im Irktale eben wegen des größeren Alters und der nachlässi-
geren Bauart der Häuser selten findet. Im übrigen ist der
Schmutz, die Schutt- und Aschenhaufen, die Pfützen auf den Stra-
ßen beiden Vierteln gemeinsam, und in dem Distrikt, von dem wir
jetzt reden, finden wir außerdem noch einen ändern Umstand, der
für die Reinlichkeit der Einwohner sehr nachteilig ist, nämlich
die Masse Schweine, die hier überall auf den Gassen umherspazie-
ren, den Unrat durchschnüffeln oder in den Höfen in kleinen Stäl-
len eingesperrt sind. Die Schweinemäster mieten sich hier, wie in
den meisten Arbeiterbezirken von Manchester, die Höfe und setzen
Schweineställe hinein; fast in jedem Hofe ist ein solcher abge-
sperrter Winkel oder gar mehrere, in welche die Bewohner des Hofs
allen Abfall und Unrat hineinwerfen - dabei werden die Schweine
fett, und die ohnehin in diesen nach allen vier Seiten verbauten
Höfen eingesperrte Luft vollends schlecht von den verwesenden ve-
getabilischen und animalischen Stoffen. Man hat durch diesen Be-
zirk eine breite, ziemlich honette Straße - Millers Street - ge-
brochen und den Hintergrund mit ziemlichem Erfolge verdeckt; wenn
man sich aber von der Neugier m einen der zahlreichen Gänge, die
in die Höfe führen, verleiten läßt, so kann man diese buchstäbli-
che Schweinerei alle zwanzig Schritt wiederholt sehen.
Das ist die Altstadt von Manchester - und wenn ich meine Schilde-
rung noch einmal durchlese, so muß ich bekennen, daß sie, statt
übertrieben zu sein, noch lange nicht grell genug ist, um den
Schmutz, die Verkommenheit und Unwohnlichkeit; die allen Rück-
sichten auf Reinlichkeit, Ventilation und Gesundheit hohnspre-
chende Bauart dieses mindestens zwanzig- bis dreißigtausend Ein-
wohner fassenden Bezirks anschaulich zu machen. Und ein solches
Viertel existiert im Zentrum der zweiten Stadt Englands, der er-
sten Fabrikstadt der Welt! Wenn man sehen will, wie wenig Raum
der Mensch zum Bewegen, wie wenig Luft - und welche Luft! - er
zum Atmen im Notfall zu haben braucht, mit wie wenig Zivilisation
er existieren kann, dann hat man nur hieher zu kommen. Es ist
freilich die A l t stadt - und darauf berufen sich die Leute
hier, wenn man ihnen von dem scheußlichen Zustande dieser Hölle
auf Erden spricht -, aber was will das sagen? Alles, was unsren
Abscheu und unsre Indignation hier am heftigsten erregt, ist
neueren Ursprungs, gehört der i n d u s t r i e l l e n
E p o c h e an. Die paar hundert Häuser, die
#286# Friedrich Engels
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dem alten Manchester angehören, sind von ihren ursprünglichen Be-
wohnern längst verlassen; nur die Industrie hat sie mit den Scha-
ren von Arbeitern vollgepfropft, die jetzt in ihnen beherbergt
werden; nur die Industrie hat jedes Fleckchen zwischen diesen al-
ten Häusern verbaut, um Obdach zu gewinnen für die Massen, die
sie sich aus den Ackerbaugegenden und aus Irland verschrieb; nur
die Industrie gestattet es den Besitzern dieser Viehställe, sie
an Menschen für hohe Miete zur Wohnung zu überlassen, die Armut
der Arbeiter auszubeuten, die Gesundheit von Tausenden zu unter-
graben, damit nur s i e sich bereichern; nur die Industrie hat
es möglich gemacht, daß der kaum aus der Leibeigenschaft befreite
Arbeiter wieder als ein bloßes Material, als S a c h e ge-
braucht werden konnte, daß er sich in eine Wohnung sperren lassen
muß, die jedem ändern zu schlecht und die er nun für sein teures
Geld das Recht hat vollends verfallen zu lassen. Das hat nur die
Industrie getan, die ohne diese Arbeiter, ohne die Armut und
Knechtschaft dieser Arbeiter nicht hätte leben können. Es ist
wahr, die ursprüngliche Anlage dieses Viertels war schlecht, man
konnte nicht viel Gutes daraus machen - aber haben die Grundbe-
sitzer, hat die Verwaltung etwas getan, um das beim Nachbau zu
verbessern? Im Gegenteil, wo noch ein Winkelchen frei war, ist
ein Haus hingesetzt, wo noch ein überflüssiger Ausgang, ist er
zugebaut worden; der Grundwert stieg mit dem Aufblühen der Indu-
strie, und je mehr er stieg, desto toller wurde darauf losgebaut,
ohne Rücksicht auf die Gesundheit und Bequemlichkeit der Einwoh-
ner - e s i s t k e i n e B a r a c k e s o
s c h l e c h t, e s f i n d e t s i c h i m m e r e i n
A r m e r, d e r k e i n e b e s s e r e b e z a h l e n
k a n n -, nur mit Rücksicht auf den größtmöglichen Gewinn. Doch
es ist einmal die Altstadt, und damit beruhigt sich die Bour-
geoisie; sehen wir denn, wie die N e u s t a d t (the New Town)
sich anläßt.
Die N e u s t a d t, auch die Irische Stadt (the Irish Town)
genannt, zieht sich jenseits der Altstadt einen Lehmhügel zwi-
schen dem Irk und St. George's Road hinauf. Hier hört alles städ-
tische Aussehen auf; einzelne Reihen Häuser oder Straßenkomplexe
stehen wie kleine Dörfer hier und da auf dem nackten, nicht ein-
mal mit Gras bewachsenen Lehmboden; die Häuser oder vielmehr Cot-
tages sind in schlechtem Zustande, nie repariert, schmutzig, mit
feuchten und unreinen Kellerwohnungen versehen; die Gassen sind
weder gepflastert noch haben sie Abzüge, dagegen zahlreiche Kolo-
nien von Schweinen, die in kleinen Höfen und Ställen abgesperrt
sind oder ungeniert an der Halde spazierengehn. Der Kot auf den
Wegen ist hier so groß, daß man nur bei äußerst trocknem Wetter
Aussicht hat durchzukommen, ohne bei jedem Schritt bis über die
Knöchel zu versinken. In der Nähe von St. George's Road schließen
sich die einzelnen bebauten Flecken dichter aneinander, man
#287# Lage der arbeitenden Klosse in England - Die großen Städte
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gerät in eine fortlaufende Reihe Gassen, Sackgassen, Hintergassen
und Höfe, die je gedrängter und unordentlicher werden, je näher
man dem Zentrum der Stadt kommt. Dafür sind sie freilich auch öf-
ter gepflastert oder wenigstens mit gepflasterten Fußwegen und
Rinnsteinen versehen; der Schmutz, die schlechte Beschaffenheit
der Häuser und besonders der Keller bleibt aber derselbe.
Es wird am Orte sein, hier einige allgemeine Bemerkungen über die
in Manchester übliche Bauart der Arbeiterviertel zu machen. Wir
haben gesehen, wie in der Altstadt meist der reine Zufall über
die Gruppierung der Häuser verfügte. Jedes Haus ist ohne Rück-
sicht auf die übrigen gebaut, und die winkligen Zwischenräume der
einzelnen Wohnungen werden in Ermangelung eines ändern Namens
Höfe (courts) genannt. In den etwas neueren Teilen desselben
Viertels und in andren Arbeitsvierteln 1*), die aus den ersten
"Zeiten der aufblühenden Industrie herrühren, finden wir ein et-
was planmäßigeres Arrangement. Der Zwischenraum zwischen zwei
Straßen wird in regelmäßigere, meist viereckige Höfe geteilt,
etwa so:
Bild ansehen
Zwischenraum zwischen zwei Straßen in Höfe geteilt
die von vornherein so angelegt wurden und zu denen verdeckte
Gänge von den Straßen führen. Wenn die ganz planlose Bauart der
Gesundheit der Bewohner durch Verhinderung der Ventilation schon
sehr nachteilig war, so ist es diese Art, die Arbeiter in Höfe
einzusperren, die nach allen Seiten von Gebäuden umschlossen
sind, noch viel mehr. Die Luft kann hier platterdings nicht her-
aus; die Schornsteine der Häuser selbst sind, solange Feuer ange-
halten wird, die einzigen Abzüge für die eingesperrte Luft des
Hofes. *)
---
*) Und doch behauptet einmal ein weiser englischer Liberaler - im
"Bericht der Children's Empl[oyment] Comm[ission]" -, diese Höfe
seien das Meisterstück der Städtebaukunst, weil sie, gleich einer
Anzahl kleiner öffentlicher Plätze, die Ventilation und den Luft-
zug verbesserten! Freilich, wenn jeder Hof zwei oder vier breite,
oben offene, gegenüberstehende Zugänge hätte, wodurch die Luft
streichen könnte - aber sie haben n i e zwei, sehr selten einen
offnen, und fast alle nur schmale, überbaute Einlasse.
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1*) (1892) Arbeitervierteln
#288# Friedrich Engels
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Dazu kommt noch, daß die Häuser um solche Höfe meist doppelt, je
zwei mit der Rückwand zusammengebaut sind, und schon das ist hin-
reichend, um alle gute, durchgehende Ventilation zu verhindern.
Und da die Straßenpolizei sich nicht um den Zustand dieser Höfe
bekümmert, da alles ruhig liegenbleibt, was hineingeworfen wird,
so darf man sich nicht über den Schmutz und die Haufen von Asche
und Unrat wundern, die man hier findet. Bin ich doch in Höfen ge-
wesen - sie liegen an Millers Street -, die mindestens einen hal-
ben Fuß tiefer lagen als die Hauptstraße und die auch nicht den
mindesten Abfluß für das bei Regenwetter sich in ihnen ansam-
melnde Wasser hatten!
In späterer Zeit hat man eine andre Bauart angefangen, die jetzt
die allgemeine ist. Die Arbeitercottages werden jetzt nämlich
fast nie einzeln, sondern immer dutzend -, ja schockweise gebaut
- ein einziger Unternehmer baut gleich eine oder ein paar Stra-
ßen. Diese werden dann auf folgende Weise angelegt: Die eine
Front - vgl. die Zeichnung unten - bilden Cottages ersten Ranges,
die so glücklich sind, eine Hintertür und einen kleinen Hof zu
besitzen, und die die höchste Miete bringen. Hinter den Hofmauern
dieser Cottages ist eine schmale Gasse, die Hintergasse (back
street), die an beiden Enden zugebaut ist und in die entweder ein
schmaler Weg oder ein bedeckter Gang von der Seite her führt. Die
Cottages, die auf diese Gasse führen, bezahlen am wenigsten Miete
und sind überhaupt am meisten vernachlässigt. Sie haben die Rück-
wand gemeinsam mit der dritten Reihe Cottages, die nach der ent-
gegengesetzten Seite hin auf die Straße gehen und weniger Miete
als die erste, dagegen mehr als die zweite Reihe tragen. Die An-
lage der Straßen ist also etwa so:
Bild ansehen
Anlage der Straßen
Durch diese Bauart wird zwar für die erste Reihe Cottages eine
ziemlich gute Ventilation gewonnen und die der dritten Reihe we-
nigstens nicht gegen die der entsprechenden in der frühern Bauart
verschlechtert; dagegen ist die Mittelreihe mindestens ebenso
schlecht ventiliert wie die Häuser in den Höfen und die Hinter-
gasse selbst stets in demselben schmutzigen und unansehnlichen
Zustande wie jene. Die Unternehmer ziehen diese Bauart
#289# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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vor, weil sie ihnen Raum spart und Gelegenheit gibt, die besser
bezahlten Arbeiter durch höhere Miete in den Cottages der ersten
und dritten Reihe desto erfolgreicher auszubeuten.
Diese dreierlei Formen des Cottagebaues findet man in ganz Man-
chester, ja in ganz Lancashire und Yorkshire wieder, oft ver-
mengt, aber meist hinreichend geschieden, um hieraus schon auf
das verhältnismäßige Alter der einzelnen Stadtteile schließen zu
können. Das dritte System, das der Hintergassen, ist das in dem
großen Arbeiterbezirk östlich von St. George's Road, zu beiden
Seiten von Oldham Road und Great Ancoats Street, entschieden vor-
herrschende und findet sich auch in den übrigen Arbeiterbezirken
von Manchester und seinen Vorstädten am häufigsten.
In dem erwähnten großen Bezirk, den man unter dem Namen Ancoats
begreift, sind die meisten und größten Fabriken von Manchester an
den Kanälen angelegt - kolossale sechs- bis siebenstöckige Ge-
bäude, die mit ihren schlanken Rauchfängen hoch über die niedri-
gen Arbeitercottages emporragen. Die Bevölkerung des Bezirks sind
daher hauptsächlich Fabrikarbeiter und, in den schlechtesten
Straßen, Handweber. Die Straßen, die dem Zentrum der Stadt am
nächsten liegen, sind die ältesten und daher die schlechtesten,
doch sind sie gepflastert und mit Abzügen versehen; ich rechne
hierzu die nächsten Parallelstraßen von Oldham Road und Great An-
coats Street. Weiterhin nach Nordosten findet man manche neuge-
baute Straße; hier sehen die Cottages nett und reinlich aus, die
Türen und Fenster sind neu und frisch angestrichen, die inneren
Räume rein geweißt; die Straßen selbst sind luftiger, die leeren
Bauplätze zwischen ihnen größer und häufiger. Aber das läßt sich
nur von der kleineren Zahl der Wohnungen sagen; dazu kommt dann
noch, daß Kellerwohnungen fast unter jeder Cottage eingerichtet,
daß viele Straßen ungepflastert und ohne Abzüge sind, und vor al-
lem, daß dieses nette Aussehen doch nur Schein ist, Schein, der
nach den ersten zehn Jahren schon verschwunden ist. Die Bauart
der einzelnen Cottages selbst ist nämlich nicht weniger verwerf-
lich als die Anlage der Straßen. Solche Cottages sehen alle an-
fangs nett und solide aus, die massiven Ziegelmauern bestechen
das Auge, und wenn man durch eine n e u g e b a u t e Arbeiter-
straße geht, ohne sich um die Hintergassen oder die Bauart der
Häuser selbst näher zu bekümmern, so stimmt man in die Behauptung
der liberalen Fabrikanten ein, daß nirgends die Arbeiter so gut
wohnen wie in England. Aber wenn man näher zusieht, so findet
man, daß die Mauern dieser Cottages so dünn sind, wie es nur mög-
lich ist, sie zu machen. Die äußeren Mauern, die das Kellerstock-
werk, das Erdgeschoß und das Dach tragen, sind höchstens einen
ganzen Ziegel dick - so daß in jeder waagerechten Schicht die
#290# Friedrich Engels
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Ziegel mit der langen Seite aneinandergefügt werden (¦ ¦ ¦ ¦ ¦);
ich habe aber manche Cottage von derselben Höhe - einige sogar
noch im Bau - gesehen, bei denen die äußern Mauern nur einen hal-
ben Ziegel dick waren und die Ziegel also nicht der Breite, son-
dern der Länge nach gelegt waren, so daß sie mit der schmalen
Seite aneinanderstießen (= = = = =). Dies geschieht teilweise, um
Material zu sparen, teilweise aber auch, weil die Bauunternehmer
nie die Eigentümer des Bodens sind, sondern ihn nach englischer
Sitte nur auf zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig oder neunund-
neunzig Jahre gemietet haben, nach welcher Zeit er mit allem, was
darauf ist, dem ursprünglichen Besitzer wieder zufällt, ohne daß
dieser für gemachte Anlagen etwas zu vergüten hätte. Die Anlagen
werden also vom Pächter darauf berechnet, daß sie nach Ablauf der
kontraktlichen Zeit so wertlos wie möglich sind; und da solche
Cottages oft nur zwanzig oder dreißig Jahre vor diesem Zeitpunkte
errichtet werden, so ist es leicht zu begreifen, daß die Unter-
nehmer nicht zuviel darauf verwenden werden. Dazu kommt noch, daß
diese Unternehmer, meist Maurer und Zimmerleute oder Fabrikanten,
teils um den Mietertrag nicht zu verringern, teils wegen heranna-
henden Rückfalls des Bauplatzes, wenig oder gar nichts auf Repa-
raturen verwenden, daß wegen Handelskrisen und der darauffolgen-
den Brotlosigkeit oft ganze Straßen leerstehen und daß infolge
hiervon die Cottages sehr rasch verfallen und in unbewohnbaren
Zustand geraten. Man rechnet wirklich allgemein, daß Arbeiterwoh-
nungen durchschnittlich nur vierzig Jahre bewohnbar bleiben; das
klingt wunderbar genug, wenn man die schönen, massiven Mauern
neuerbauter Cottages dabei sieht, die eine Dauer von ein paar
Jahrhunderten zu versprechen scheinen - aber es ist dennoch so,
die Knickerei der ursprünglichen Anlage, die Vernachlässigung al-
ler Reparaturen, das häufige Leerstehen, der fortwährende
schnelle Wechsel der Bewohner und dazu die Verwüstungen, die die
Einwohner während der letzten zehn Jahre der Bewohnbarkeit, meist
Irländer, anrichten, indem sie das Holzwerk oft genug aufbrechen
und zur Heizung gebrauchen - alles das macht diese Cottages nach
vierzig Jahren zu Ruinen. Daher kommt es denn auch, daß der Di-
strikt von Ancoats, der erst seit dem Aufblühen der Industrie, ja
meist erst in diesem Jahrhundert erbaut wurde, dennoch eine Menge
alter und verfallender Häuser zählt, ja daß die größere Zahl der
Häuser schon jetzt in dem letzten Stadium der Bewohnbarkeit sich
befindet. Ich will nicht davon reden, wieviel Kapital auf diese
Weise verschwendet wird, mit wiewenig mehr ursprünglicher Anlage
und späterer Reparatur dieser ganze Bezirk lange Jahre hindurch
reinlich, anständig und wohnlich gehalten werden könnte - mich
geht hier nur die Lage der Häuser und ihrer Bewohner an,
#291# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
-----
und da muß allerdings gesagt werden, daß es kein schädlicheres
und demoralisierenderes System, die Arbeiter unterzubringen,
gibt, als gerade dieses. Der Arbeiter ist gezwungen, solche ver-
kommene Cottages zu bewohnen, weil er keine besseren bezahlen
kann oder weil keine besseren in der Nähe seiner Fabrik liegen,
vielleicht auch gar, weil sie dem Fabrikanten gehören und dieser
ihn nur dann in Arbeit nimmt, wenn er eine solche Wohnung be-
zieht. Natürlich wird es mit den vierzig Jahren so genau nicht
gehalten, denn wenn die Wohnungen in einem stark bebauten Stadt-
teil liegen und also bei teurer Grundpacht viel Aussicht da ist,
stets Mieter für jene zu finden, tun die Unternehmer auch wohl
etwas, um sie über vierzig Jahre hinaus einigermaßen in bewohn-
barem Zustande zu erhalten; aber auch gewiß nicht mehr als das
Allernötigste, und diese reparierten Wohnungen sind dann gerade
die allerschlechtesten. Zuweilen, bei drohenden Epidemien, wird
das sonst sehr schläfrige Gewissen der Gesundheitspolizei etwas
aufgeregt, und dann unternimmt sie Streifzüge in die Arbeiterdi-
strikte, schließt ganze Reihen von Kellern und Cottages, wie dies
z.B. mit mehreren Gassen in der Nähe von Oldham Road geschehen
ist; aber das dauert nicht lange, die geächteten Wohnungen finden
bald wieder Insassen, und die Eigentümer stehen sich besser da-
bei, wenn sie sich wieder Mieter suchen - man weiß ja, daß die
Gesundheitspolizei so bald nicht wiederkommt!
Diese östliche und nordöstliche Seite von Manchester ist die ein-
zige, an welcher sich die Bourgeoisie nicht angebaut hat - aus
dem Grunde, weil der hier zehn oder elf Monate im Jahr herr-
schende West- und Südwestwind den Rauch aller Fabriken - und der
ist nicht gering - stets nach dieser Seite hinübertreibt. Den
können die Arbeiter allein einatmen.
Südlich von Great Ancoats Street liegt ein großer halbbebauter
Arbeiterbezirk - ein hügeliger, nackter Strich Landes, mit ein-
zelnen unordentlich angelegten Häuserreihen oder Karrees besetzt.
Dazwischen leere Bauplätze, uneben, lehmig, ohne Gras und daher
bei feuchtem Wetter kaum zu passieren. Die Cottages sind alle
schmutzig und alt, liegen oft in tiefen Löchern und erinnern
überhaupt an die Neustadt. Die von der Birminghamer Eisenbahn
durchschnittene Strecke ist die am dichtesten bebaute, also auch
die schlechteste. Hier fließt in unzähligen Krümmungen der
Medlock durch ein Tal, das stellenweise mit dem des Irk auf
gleicher Stufe steht. Zu beiden Seiten des wieder pechschwarzen,
stagnierenden und stinkenden Flusses, von seinem Eintritt in die
Stadt bis zu seiner Vereinigung mit dem Irwell, zieht sich ein
breiter Gürtel von Fabriken und Arbeiterwohnungen, welche
letzteren alle in dem schlechtesten Zustande sind. Das Ufer ist
meist abschüssig und bis in den Fluß hinein bebaut, gerade wie
wir es am Irk gesehen haben,
#292# Friedrich Engels
-----
und die Anlage der Häuser und Straßen ist gleich schlecht, ob sie
auf der Seite von Manchester oder der von Ardwick, Chorlton oder
Hulme angelegt sind. Der abscheulichste Fleck - wenn ich alle die
einzelnen Flecke detaillieren wollte, würde ich nicht zu Ende
kommen - liegt aber auf der Manchester-Seite, gleich südwestlich
von Oxford Road und heißt Klein-Irland (Little Ireland). In einem
ziemlich tiefen Loche, das in einem Halbkreis vom Medlock und an
allen vier Seiten von hohen Fabriken, hohen bebauten Ufern oder
Aufschüttungen umgeben ist, hegen in zwei Gruppen etwa 200 Cotta-
ges, meist mit gemeinschaftlichen Rückwänden für je zwei Wohnun-
gen, worin zusammen an 4000 Menschen, fast lauter Irländer, woh-
nen. Die Cottages sind alt, schmutzig und von der kleinsten
Sorte, die Straßen uneben, holperig und zum Teil ungepflastert
und ohne Abflüsse; eine Unmasse Unrat, Abfall und ekelhafter Kot
liegt zwischen stehenden Lachen überall herum, die Atmosphäre ist
durch die Ausdünstungen derselben verpestet und durch den Rauch
von einem Dutzend Fabrikschornsteinen verfinstert und schwer ge-
macht - eine Menge zerlumpter Kinder und Weiber treibt sich hier
umher, ebenso schmutzig wie die Schweine, die sich auf den
Aschenhaufen und in den Pfützen wohl sein lassen - kurz, das
ganze Nest gewährt einen so unangenehmen, so zurückstoßenden An-
blick wie kaum die schlechtesten Höfe am Irk. Das Geschlecht, das
in diesen verfallenden Cottages, hinter den zerbrochenen und mit
Ölleinwand verklebten Fenstern, den rissigen Türen und abfaulen-
den Pfosten oder gar in den finstern nassen Kellern, zwischen
diesem grenzenlosen Schmutz und Gestank in dieser wie absichtlich
eingesperrten Atmosphäre lebt - das Geschlecht muß wirklich auf
der niedrigsten Stufe der Menschheit stehn - das ist der Eindruck
und die Schlußfolgerung, die einem bloß die Außenseite dieses Be-
zirks aufdrängt. Aber was soll man sagen, wenn man hört *), daß
in jedem dieser Häuschen, das allerhöchstens zwei Zimmer und den
Dachraum, vielleicht noch einen Keller hat, durchschnittlich
zwanzig Menschen wohnen, daß in dem ganzen Bezirk nur auf etwa
120 Menschen ein - natürlich meist ganz unzugänglicher - Abtritt
kommt und daß trotz alles Predigens der Ärzte, trotz der Aufre-
gung, in die zur Cholerazeit die Gesundheitspolizei über den Zu-
stand von Klein-Irland geriet, dennoch alles heute im Jahr der
Gnade 1844 fast m demselben Zustande ist wie 1831? Dr. Kay er-
zählt, daß nicht nur die Keller, sondern sogar die Erdgeschosse
aller Häuser in diesem Bezirk feucht seien; daß früher eine An-
zahl Keller mit Erde aufgefüllt worden, allmählich aber wieder
ausgeleert und jetzt von Irländern bewohnt würden - daß in einem
Keller das Wasser - da der Boden
---
*) Dr. Kay, a.a.O.
#293# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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des Kellers tiefer lag als der Fluß - fortwährend aus einem mit
Lehm verstopften Versenkloch herausgequollen sei, so daß der Be-
wohner, ein Handweber, jeden Morgen seinen Keller habe trocken
schöpfen und das Wasser auf die Straße gießen müssen!
Weiter abwärts liegt, auf der linken Seite des Medlock, Hulme,
das eigentlich nur ein großes Arbeiterviertel ist und dessen Zu-
stand fast ganz mit dem des Bezirks von Ancoats übereinstimmt.
Die dichter bebauten Bezirke meist schlecht und dem Verfall na-
hend, die weniger bevölkerten von neuerer Bauart, luftiger, aber
meist im Kot versunken. Feuchte Lage der Cottages allgemein,
ebenso die Bauart mit Hintergassen und Kellerwohnungen. Auf der
gegenüberliegenden Seite des Medlock, im eigentlichen Manchester,
liegt ein zweiter großer Arbeiterdistrikt, der sich zu beiden
Seiten von Deansgate bis an das kommerzielle Viertel erstreckt
und teilweise der Altstadt nichts nachgibt. Namentlich in der un-
mittelbaren Nähe des kommerziellen Viertels, zwischen Bridge
Street und Quay Street, Princess Street und Peter Street, über-
trifft die Gedrängtheit der Bauart stellenweise die engsten Höfe
der Altstadt. Hier findet man lange schmale Gassen, zwischen
denen enge, winklige Höfe und Passagen sich befinden, deren Aus-
und Eingänge so unordentlich angelegt sind, daß man in diesem La-
byrinth alle Augenblicke in einem Sack festrennt oder an der ganz
verkehrten Stelle herauskommt, wenn man nicht jede Passage und
jeden Hof genau kennt. In diesen engen, verfallenen und schmutzi-
gen Gegenden wohnt nach Dr. Kay die demoralisierteste Klasse von
ganz Manchester, deren Handwerk Diebstahl oder Prostitution ist,
und allem Anscheine nach hat er, auch jetzt noch, darin recht.
Als auch hier die Gesundheitspolizei 1831 ihren Streifzug machte,
fand sie in diesem Bezirk die Unreinlichkeit ebenso groß wie am
Irk oder in Little Ireland (daß es damit jetzt noch nicht viel
besser steht, kann ich bezeugen) und unter anderem in Parliament
Street für dreihundertundachtzig Menschen und in Parliament Pas-
sage für dreißig starkbevölkerte Häuser nur einen einzigen Ab-
tritt.
Gehen wir über den Irwell nach Salford, so finden wir auf einer
von diesem Flusse gebildeten Halbinsel eine Stadt, die achtzig-
tausend Einwohner zählt und eigentlich nur ein großer, von einer
einzigen breiten Straße durchschnittener Arbeiterbezirk ist. Sal-
ford, früher bedeutender als Manchester, war damals der Hauptort
des umliegenden Distrikts und gibt ihm noch den Namen (Salford
Hundred). Daher kommt es, daß sich auch hier ein ziemlich alter
und folglich jetzt sehr ungesunder, schmutziger und verfallener
Bezirk vorfindet, der der alten Kirche von Manchester gegenüber-
liegt und in ebenso schlechtem Zustande ist wie die Altstadt auf
der ändern Seite des Irwell. Weiter vorn Flusse ab liegt ein
neuerer Distrikt, der aber ebenfalls
#294# Friedrich Engels
-----
schon über vierzig Jahre und daher baufällig genug ist. Ganz Sal-
ford ist in Höfen oder schmalen Gassen gebaut, die so eng sind,
daß sie mich an die engsten erinnerten, die ich gesehen habe,
nämlich an die schmalen Gäßchen von Genua. In dieser Beziehung
ist die durchschnittliche Bauart von Salford noch bedeutend
schlechter als die von Manchester, und ebenso ist es mit der
Reinlichkeit. Wenn in Manchester die Polizei wenigstens von Zeit
zu Zeit - alle sechs bis zehn Jahre einmal - sich in die Arbei-
terbezirke begab, die schlechtesten Wohnungen schloß, die schmut-
zigsten Stellen dieses Augiasstalles fegen ließ, so scheint sie
in Salford gar nichts getan zu haben. Die engen Seitengassen und
Höfe von Chapel Street, Greengate und Gravel Lane sind gewiß seit
ihrer Erbauung nicht gereinigt worden - jetzt geht die Liverpoo-
ler Eisenbahn auf einem hohen Viadukt mitten dadurch und hat man-
chen der schmutzigsten Winkel weggenommen, aber was hilft das?
Wenn man über diesen Viadukt fährt, so sieht man noch Schmutz und
Elend genug von oben herab, und wenn man sich die Mühe nimmt,
diese Gäßchen zu durchstreichen, durch die offenen Türen und Fen-
ster in die Keller und Häuser hineinzublicken, so kann man sich
jeden Augenblick überzeugen, daß die Arbeiter von Salford in Woh-
nungen leben, in denen Reinlichkeit und Bequemlichkeit unmöglich
sind. Ganz dasselbe finden wir in den entfernter gelegenen Stri-
chen von Salford, in Islington, an Regent Road und hinter der
Boltoner Eisenbahn. Die Arbeiterwohnungen zwischen Oldfield Road
und Cross Lane, wo sich zu beiden Seiten von Hope Street eine
Menge von Höfen und Gassen im schlechtesten Zustande finden,
wetteifern an Schmutz und gedrängter Einwohnerschaft mit der
Altstadt von Manchester; in dieser Gegend fand ich einen Mann,
der dem Aussehen nach sechzig Jahre alt war, in einem Kuhstall
wohnend - er hatte sich den fensterlosen, weder gedielten noch
gepflasterten viereckigen Kasten mit einer Art Rauchfang
versehen, eine Bettstelle hineingebracht und wohnte darin, obwohl
der Regen durch das schlechte, verfallene Dach troff. Der Mann
war zu alt und zu schwach zur regelmäßigen Arbeit und ernährte
sich durch Mistfahren usw. mit seiner Schubkarre; die Mistpfütze
stieß dicht an seinen Stall.
Das sind die verschiedenen Arbeiterbezirke von Manchester, wie
ich sie selbst während zwanzig Monaten zu beobachten Gelegenheit
hatte. Fassen wir das Resultat unsrer Wanderung durch diese Ge-
genden zusammen, so müssen wir sagen, daß dreihundertfünfzigtau-
send Arbeiter von Manchester und seinen Vorstädten fast alle in
schlechten, feuchten und schmutzigen Cottages wohnen, daß die
Straßen, die sie einnehmen, meist in dem schlechtesten und un-
reinsten Zustande sich befinden und ohne alle Rücksicht auf Ven-
tilation, bloß mit Rücksicht auf den dem Erbauer zufließenden Ge-
winn
#295# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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angelegt worden sind - mit einem Wort, daß in den Arbeiterwohnun-
gen von Manchester keine Reinlichkeit, keine Bequemlichkeit, also
auch keine Häuslichkeit möglich ist; daß in diesen Wohnungen nur
eine entmenschte, degradierte, intellektuell und moralisch zur
Bestialität herabgewürdigte, körperlich kränkliche Rasse sich be-
haglich und heimisch fühlen kann. Und ich bin nicht der einzige,
der das behauptet; wir haben gesehen, daß Dr. Kay ganz dieselbe
Beschreibung gibt, und zum Überfluß will ich noch die Worte eines
Liberalen, einer anerkannten und sehr geschätzten Autorität der
Fabrikanten, eines fanatischen Gegners aller selbständigen Arbei-
terbewegungen, die Worte des Herrn Senior hersetzen *):
"Als ich durch die Wohnungen der Fabrikarbeiter in der irischen
Stadt, Ancoats und Klein-Irland ging, erstaunte ich nur darüber,
daß es möglich sei, in solchen Wohnungen eine erträgliche Gesund-
heit zu bewahren. Diese Städte - denn das sind sie in Ausdehnung
und Einwohnerzahl - sind errichtet worden mit der äußersten Rück-
sichtslosigkeit gegen alles, ausgenommen unmittelbaren Nutzen für
die spekulierenden Erbauer. Ein Zimmermann und ein Maurer verei-
nigen sich, eine Reihe Bauplätze zu kaufen" (d.h. auf eine Anzahl
Jahre zu mieten) "und diese mit sogenannten Häusern zu bedecken;
an einer Stelle fanden wir eine ganze Straße, die dem Laufe eines
Grabens folgte, damit man ohne die Kosten der Ausgrabung tiefere
Keller bekam - Keller, nicht zu Rumpelkammern und Niederlagen,
sondern zu Wohnungen für Menschen. K e i n e i n z i g e s
H a a s i n d i e s e r S t r a ß e e n t g i n g d e r
C h o l e r a. Und im allgemeinen sind die Straßen in diesen
Vorstädten ungepflastert, mit einem Düngerhaufen oder einer Lache
in der Mitte, die Häuser mit der Rückwand zusammengebaut und ohne
Ventilation oder Trockenlegung, und ganze Familien sind auf den
Winkel eines Kellers oder einer Dachstube beschränkt."
Ich erwähnte schon oben einer ungewöhnlichen Tätigkeit, die die
Gesundheitspolizei zur Cholerazeit in Manchester entwickelte. Als
nämlich diese Epidemie herannahte, befiel ein allgemeiner Schrec-
ken die Bourgeoisie dieser Stadt; man erinnerte sich auf einmal
der ungesunden Wohnungen der Armut und zitterte bei der Gewiß-
heit, daß jedes dieser schlechten Viertel ein Zentrum für die
Seuche bilden würde, von wo aus sie ihre Verwüstungen nach allen
Richtungen in die Wohnsitze der besitzenden Klasse ausbreite. So-
gleich wurde eine Gesundheitskommission ernannt, um diese Bezirke
zu untersuchen und über ihren Zustand genau an den Stadtrat zu
berichten. Dr. Kay, selbst Mitglied der Kommission, die jeden
einzelnen Polizeidistrikt, mit Ausnahme des elften, speziell be-
sichtigte, gibt aus ihrem Bericht einzelne
---
*) Nassau W. Senior, "Leiters on the Factory Act to the Rt. Hon.
the President of the Board of Trade" [Briefe über das Fabrikge-
setz an den sehr ehrenwerten Präsidenten des Handelsamtes] (Chas.
Poulett Thomson Esq.). London 1837. - p. 24.
#296# Friedrich Engels
-----
Auszüge. Es wurden im ganzen 6951 Häuser - natürlich nur im
e i g e n t l i c h e n Manchester, mit Ausschluß von Salford
und den übrigen Vorstädten - inspiziert; davon hatten 2565 drin-
gend einen inneren Kalkanstrich nötig, an 960 waren notwendige
Reparaturen vernachlässigt (were out of repair), 939 waren ohne
hinreichende Abflüsse, 1435 waren feucht, 452 schlecht venti-
liert, 2221 ohne Abtritte. Von den inspizierten 687 Straßen waren
248 ungepflastert, 53 nur teilweise gepflastert, 112 schlecht
ventiliert, 352 enthielten stehende Pfützen, Haufen von Unrat,
Abfall und dergleichen. Natürlich einen solchen Augiasstall vor
der Ankunft der Cholera zu fegen war platterdings unmöglich; da-
her begnügte man sich mit der Reinigung einiger der schlechtesten
Winkel und ließ sonst alles beim alten - es versteht sich, daß an
den gereinigten Stellen, wie Klein-Irland beweist, nach ein paar
Monaten die alte Unfläterei wiederhergestellt war. Und über den
inneren Zustand dieser Wohnungen berichtet dieselbe Kommission
Ähnliches, wie wir von London, Edinburgh und anderen Städten hör-
ten:
"Oft ist eine ganze irische Familie in e i n e m Bett zusammen-
gedrängt; oft verbirgt ein Haufen schmutziges Stroh und Decken
von altem Sackleinen alle in einem ununterscheidbaren Haufen, wo
jeder durch Mangel, Stumpfsinn und Liederlichkeit gleich ernied-
rigt ist. Oft fanden die Inspektoren in einem Hause mit zwei Zim-
mern zwei Familien; in dem einen Zimmer schliefen sie alle, das
andre war gemeinsames Eßzimmer und Küche; und oft wohnte mehr als
eine Familie in einem einstubigen feuchten Keller, in dessen pe-
stilenzialischer Atmosphäre zwölf bis sechzehn Menschen zusammen-
gedrängt waren; zu diesen und anderen Quellen von Krankheiten ka-
men noch, daß Schweine dann gehalten wurden und andere Ekelhaf-
tigkeiten der empörendsten Art sich vorfanden." *)
Wir müssen hinzufügen, daß viele Familien, die selbst nur ein
Zimmer haben, darin Kostgänger und Schlafgenossen für eine Ent-
schädigung aufnehmen, daß solche Kostgänger von beiden Geschlech-
tern nicht selten sogar mit dem Ehepaar in einem und demselben
Bette schlafen und daß z.B. der eine Fall, daß ein Mann, seine
Frau und seine erwachsene Schwiegerin in e i n e m Bette
schliefen, nach dem "Bericht über den Gesundheitszustand der Ar-
beiterklasse", in Manchester sechs- oder mehrmal vorgefunden
wurde. Die gemeinen Logierhäuser sind auch hier sehr zahlreich;
Dr. Kay gibt ihre Zahl 1831 auf 267 im eigentlichen Manchester
an, und seitdem muß sie sich sehr vermehrt haben. Diese nehmen
jedes zwischen zwanzig und dreißig Gäste auf und beherbergen also
zusammen jede Nacht zwischen fünf- und siebentausend Menschen;
der Charakter der Häuser und ihrer Kunden ist
---
*) Kay, a.a.O. p. 32.
#297# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
-----
derselbe wie in den ändern Städten. Fünf bis sieben Betten liegen
in jedem Zimmer ohne Bettstellen auf der Erde, und darauf werden
soviel Menschen gelegt, wie sich finden, und alles durcheinander.
Welche physische und moralische Atmosphäre in diesen Höhlen des
Lasters herrscht, brauche ich wohl nicht zu sagen. Jedes dieser
Häuser ist ein Fokus des Verbrechens und der Schauplatz von Hand-
lungen, die die Menschlichkeit empören und vielleicht ohne diese
gewaltsame Zentralisation der Unsittlichkeit nie zur Ausführung
gekommen wären. Die Anzahl der in Kellerwohnungen lebenden Indi-
viduen gibt Gaskell *) für das eigentliche Manchester auf 20000
an. Das "Weekly Dispatch" gibt die Anzahl "nach offiziellen Be-
richten" auf 12 Prozent der Arbeiterklasse an, was damit stimmen
würde - die Anzahl der Arbeiter zu 175 000 angenommen, sind 12
Prozent gleich 21 000. Die Kellerwohnungen in den Vorstädten sind
m i n d e s t e n s ebenso zahlreich, und so wird die Zahl der
in Manchester im weiteren Sinne in Kellern wohnenden Personen
nicht unter 40 000 bis 50 000 betragen. Soviel über die Wohnun-
gen der Arbeiter in den großen Städten. Die Befriedigung des Be-
dürfnisses für Obdach wird einen Maßstab abgeben für die Art, in
welcher alle übrigen Bedürfnisse befriedigt werden. Daß in diesen
schmutzigen Löchern nur eine zerlumpte, schlecht genährte Einwoh-
nerschaft sich aufhalten kann, läßt sich schon schließen. Und so
ist es auch. Die Kleidung der Arbeiter ist bei der ungeheuren Ma-
jorität in sehr schlechtem Zustande. Schon die Stoffe, die dazu
genommen werden, sind nicht die geeignetsten; Leinen und Wolle
sind aus der Garderobe beider Geschlechter fast verschwunden, und
an ihre Stelle ist Baumwolle getreten.
---
*) P. Gaskell, "The Manufacturing Population of England, its Mo-
ral, Social, and Physical Conditions, and the Changes which have
ansen from the Use of Steam Machinery; with an Examination of In-
fant Labour". "Fiat Justitia" [Die Fabrikarbeiterbevölkerung Eng-
lands, ihre sittliche, soziale und physische Lage und die durch
die Anwendung von Dampfmaschinen verursachten Veränderungen.
Nebst einer Untersuchung der Kinderarbeit. Es walte Gerechtig-
keit]. - 1833. - Hauptsächlich die Lage der Arbeiter in Lan-
cashire schildernd. Der Verfasser ist ein Liberaler, schrieb aber
zu einer Zeit, wo es noch nicht zum Liberalismus gehörte, das
"Glück" der Arbeiter zu preisen. Daher ist er noch unbefangen und
darf noch Augen haben für die Übel des jetzigen Zustandes, und
namentlich des Fabriksystems, Dafür schrieb er aber auch v o r
der Factories Inquiry Commission [Fabrik-Untersuchungskommission]
und entnimmt aus zweideutigen Quellen manche später durch den
Kommissionsbericht widerlegte Behauptung. Das Werk, obwohl im
ganzen gut, ist daher, und weil er wie Kay die Arbeiterklasse
überhaupt mit der Fabrikarbeiterklasse im besondern verwechselt,
in Einzelheiten nur mit Vorsicht zu gebrauchen. Die in der Ein-
leitung gegebene Entwicklungsgeschichte des Proletariats ist
hauptsächlich aus diesem Werke genommen.
#298# Friedrich Engels
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Die Hemden sind von gebleichtem oder buntem Kattun, ebenso die
Kleider der Frauenzimmer meist gedruckter Kattun, wollene Unter-
röcke sieht man ebenfalls selten auf den Waschleinen. Die Männer
haben meist Beinkleider von Baumwollensamt oder anderen schweren
baumwollenen Stoffen und Röcke oder Jacken von demselben Zeuge.
Der Baumwollensamt (fustian) ist sogar sprichwörtlich die Tracht
der Arbeiter geworden - fustian-jackets, so werden die Arbeiter
genannt und nennen sich selbst so im Gegensatz zu den Herren in
wollenem Tuch (broadcloth), welches letztere ebenfalls als Be-
zeichnung für die Mittelklasse gebraucht wird. Als Feargus
O'Connor, der Chartistenchef, während der Insurrektion von 1842
[86] nach Manchester kam, erschien er unter dem rasendsten Bei-
fall der Arbeiter in einem baumwollensamtnen Anzüge. Hüte sind in
England die allgemeine Tracht auch der Arbeiter, Hüte der ver-
schiedensten Formen, runde, kegelförmige oder zylindrische,
breitrandig, schmalrandig oder randlos - nur jüngere Leute tragen
in den Fabrikstädten Mützen. Wer keinen Hut hat, faltet sich von
Papier eine niedrige, viereckige Kappe. Die ganze Bekleidung der
Arbeiter - auch vorausgesetzt, daß sie in gutem Zustande ist -
ist wenig in Einklang mit dem Klima. Die feuchte Luft Englands,
die mit ihren schnellen Witterungswechseln mehr als jede andere
Erkältungen hervorruft, nötigt fast die ganze Mittelklasse, Fla-
nell auf der bloßen Haut des Oberkörpers zu tragen; flanellne
Halsbinden, Jacken und Leibbinden sind fast allgemein im Ge-
brauch. Die arbeitende Klasse entbehrt nicht nur dieser Vorsorge,
sondern ist auch fast nie imstande, überhaupt einen Faden Wolle
zur Kleidung zu verwenden. Die schweren Baumwollenzeuge aber, ob-
wohl dicker, steifer und schwerer als wollenes Tuch, halten den-
noch Kälte und Nässe viel weniger ab als dieses, bleiben wegen
ihrer Dicke und wegen der Natur des Materials länger feucht und
haben überhaupt nicht die Dichtigkeit des gewalkten Wollentuchs.
Und wenn der Arbeiter sich einmal einen wollenen Rock für den
Sonntag anschaffen kann, so muß er in einen der "billigen Läden"
gehen, wo er schlechtes, sogenanntes "devil's dust" 1*)-Tuch be-
kommt, das "nur aufs Verkaufen, nicht aufs Tragen" gemacht ist
und nach vierzehn Tagen reißt oder fadenscheinig wird - oder er
muß sich beim Trödler einen halbverschlissenen alten Rock kaufen,
dessen beste Zeit vorüber ist und der ihm nur für wenige Wochen
gute Dienste leistet. Dazu kommt aber noch bei den meisten der
schlechte Zustand ihrer Garderobe und von Zeit zu Zeit die Not-
wendigkeit, die besseren Kleidungsstücke ins Pfandhaus zu tragen.
Bei einer sehr, sehr großen Anzahl aber, besonders denen irischen
Bluts, sind die Kleider wahre Lumpen, die
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1*) Teufelsdreck (Tuch, hergestellt aus minderwertigen, auf der
Reißwolfmaschine - engl. devil: Teufel - verarbeiteten Wollre-
sten)
#299# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
-----
oft gar nicht mehr flickfähig sind oder bei denen man vor lauter
Flicken die ursprüngliche Farbe gar nicht mehr erkennt. Die Eng-
länder oder die Anglo-Iren flicken doch noch und haben es in die-
ser Kunst merkwürdig weit gebracht - Wolle oder Sackleinen auf
Baumwollensamt oder umgekehrt, das macht ihnen gar nichts aus -
aber die echten, eingewanderten Irländer flicken fast nie, nur im
höchsten Notfalle, wenn das Kleid sonst in zwei Stücke reißt; ge-
wöhnlich hängen die Lumpen des Hemdes durch die Risse des Rocks
oder der Hosen heraus; sie tragen, wie Thomas Carlyle *) sagt,
"einen Anzug von Fetzen, die aus- und anzuziehen eine der schwie-
rigsten Operationen ist und nur an Festtagen und zu besonders
günstigen Zeiten vorgenommen wird".
Die Irländer haben auch das früher in England unbekannte Barfuß-
gehen mit herübergebracht. Jetzt sieht man in allen Fabrikstädten
eine Menge Leute, namentlich Kinder und Weiber, barfuß umherge-
hen, und dies findet allmählich auch bei den ärmeren Engländern
Eingang.
Wie mit der Kleidung, so mit der Nahrung. Die Arbeiter bekommen
das, was der besitzenden Klasse zu schlecht ist. In den großen
Städten Englands kann man alles aufs beste haben, aber es kostet
teures Geld; der Arbeiter, der mit seinen paar Groschen haushal-
ten muß, kann so viel nicht anlegen. Dazu bekommt er seinen Lohn
meist erst Samstag abends ausgezahlt - man hat angefangen, schon
Freitag zu zahlen, aber diese sehr gute Einrichtung ist noch
lange nicht allgemein - und so kommt er Samstag abends um vier,
fünf oder sieben Uhr erst auf den Markt, von dem während des Vor-
mittags schon die Mittelklasse sich das Beste ausgesucht hat. Des
Morgens strotzt der Markt von den besten Sachen, aber wenn die
Arbeiter kommen, ist das Beste fort, und wenn es auch noch da
wäre, so würden sie es wahrscheinlich nicht kaufen können. Die
Kartoffeln, die der Arbeiter kauft, sind meist schlecht, die Ge-
müse verwelkt, der Käse alt und von geringer Qualität, der Speck
ranzig, das Fleisch mager, alt, zäh, von alten, oft kranken oder
verreckten Tieren - oft schon halb faul. Die Verkäufer sind mei-
stens kleine Höker, die schlechtes Zeug zusammenkaufen und es
eben wegen seiner Schlechtigkeit so billig wieder verkaufen kön-
nen. Die ärmsten Arbeiter müssen noch einen ändern Kunstgriff ge-
brauchen, um mit ihrem wenigen Gelde selbst bei der schlechtesten
Qualität der einzukaufenden Artikel auszukommen. Da nämlich um
zwölf Uhr am Sonnabendabend alle Läden geschlossen werden müssen
und am Sonntag nichts verkauft werden darf, so werden zwischen
zehn und zwölf Uhr diejenigen Waren, die bis zum Montagmorgen
verderben würden, zu
---
*) Thomas Carlyle, "Chartism". London 1840. - p. 28. - Über Tho-
mas Carlyle siehe unten [siehe die Fußnoten S. 486 u. 502].
#300# Friedrich Engels
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Spottpreisen losgeschlagen. Was aber um zehn Uhr noch liegen-
geblieben ist, davon sind neun Zehntel am Sonntagmorgen nicht
mehr genießbar, und gerade diese Waren bilden den Sonntagstisch
der ärmsten Klasse. Das Fleisch, das die Arbeiter bekommen, ist
sehr häufig ungenießbar - weil sie's aber einmal gekauft haben,
so müssen sie es essen. Am 6. Januar (wenn ich nicht sehr irre)
1844 war Marktgericht (court leet) in Manchester, wobei elf
Fleischverkäufer gestraft wurden, weil sie ungenießbares Fleisch
verkauft hatten. Jeder derselben hatte ein ganzes Rind oder
Schwein oder mehrere Schafe oder 50 bis 60 Pf und Fleisch, die
alle in diesem Zustande konfisziert worden waren. Bei einem der-
selben wurden 64 gefüllte Weihnachtsgänse mit Beschlag belegt,
die zu Liverpool nicht verkauft und infolgedessen nach Manchester
transportiert worden waren, wo sie faul und stinkend auf den
Markt kamen. Die ganze Geschichte mit Namen und Strafbetrag wurde
damals im "Manchester Guardian" [87] erzählt. In den sechs Wochen
vom 1. Juli bis 14. August berichtet dasselbe Blatt drei Fälle
derselben Art; nach der Nummer vom 3. Juli wurde zu Heywood ein
Schwein von 200 Pfund, das tot und faul gefunden, bei einem
Schlächter zerhackt und zum Verkauf ausgestellt war, konfisziert;
nach der vom 3I.Juli wurden zwei Schlächter zu Wigan, deren einer
schon früher sich desselben Vergehens schuldig gemacht hatte, we-
gen Ausstellung von ungenießbarem Fleisch in 2 Pfd. St. und 4
Pfd. St. Strafe genommen, und laut Nummer vom 10.August bei einem
Krämer zu Bolton 26 ungenießbare Schinken mit Beschlag belegt,
öffentlich verbrannt und der Krämer im Betrage von 20 sh.
gestraft. Das sind aber lange noch nicht alle Fälle, noch nicht
einmal ein Durchschnitt für die Zeit von sechs Wochen, wonach der
Jahresdurchschnitt zu berechnen wäre - es kommen oft Zeiten, wo
jede Nummer des zweimal wöchentlich erscheinenden "Guardian"
einen solchen Fall aus Manchester oder dem umliegenden
Fabrikdistrikt bringt - und wenn man bedenkt, wie viele Fälle bei
den ausgedehnten Märkten, die sich an allen Hauptstraßenfronten
entlangziehen, und bei der wenigen Aufsicht den Marktinspektoren
entgehen müssen - wie ist sonst auch die Frechheit erklärlich,
mit der ganze Stücke Vieh zum Verkauf gebracht werden? - wenn man
bedenkt, wie groß die Versuchung bei den oben angegebenen
unbegreiflich niedrigen Strafbeträgen sein muß - wenn man
bedenkt, in welchem Zustande ein Stück Fleisch schon sein muß, um
von den Inspektoren als total ungenießbar konfisziert werden zu
können, so kann man unmöglich glauben, daß die Arbeiter im
Durchschnitt gutes und nahrhaftes Fleisch bekommen. Aber sie
werden auch auf noch andere Weise von der Geldgier der
Mittelklasse geprellt. Die Krämer und Fabrikanten verfälschen
alle Nahrungsmittel auf eine unverantwortliche Weise und mit der
größten
#301# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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Rücksichtslosigkeit gegen die Gesundheit derer, die sie verzehren
sollen. Wir ließen oben den "Manchester Guardian" sprechen, hören
wir jetzt ein anderes Blatt der Mittelklasse - ich liebe es,
meine Gegner zu Zeugen zu nehmen - hören wir den "Liverpool Mer-
cury":
"Gesalzene Butter wird für frische verkauft, entweder indem die
Klumpen mit einem Überzuge von frischer Butter bedeckt oder indem
ein frisches Pfund zum Schmecken oben hingelegt und nach dieser
Probe die gesalzenen Pfunde verkauft werden, oder indem das Salz
ausgewaschen und die Butter dann für frische verkauft wird. Unter
den Zucker wird gestoßener Reis oder andere wohlfeile Sachen ge-
mischt und zum vollen Preise verkauft. Der Abfall der Seifensie-
dereien wird ebenfalls mit ändern Stoffen vermischt und als Zuc-
ker verkauft. Unter gemahlnen Kaffee wird Zichorie oder anderes
wohlfeiles Zeug gemischt, ja sogar unter ungemahlnen, wobei die
Mischung in die Form von Kaffeebohnen gebracht wird. Kakao wird
sehr häufig mit feiner brauner Erde versetzt, die mit Hammelfett
geneben ist und sich dann mit dem echten Kakao leichter ver-
mischt. Tee wird mit Schlehenblättern und anderem Unrat ver-
mischt, oder ausgebrauchte Teeblätter werden getrocknet, auf kup-
fernen heißen Platten geröstet, damit sie wieder Farbe bekommen,
und so für frisch verkauft. Pfeffer wird mit Staub von Hülsen
usw. verfälscht; Portwein wird geradezu fabriziert (aus Farbstof-
fen, Alkohol usw.), da es notorisch ist, daß in England allein
mehr davon getrunken wird, als in ganz Portugal wächst, und Tabak
wird mit ekelhaften Stoffen aller Art vermischt in allen mögli-
chen Formen, die diesem Artikel gegeben werden."
(Ich kann hinzusetzen, daß wegen der allgemeinen Tabaksverfäl-
schung mehrere der angesehensten Tabakshändler von Manchester im
vorigen Sommer öffentlich erklärten, kein derartiges Geschäft
könne ohne Verfälschung bestehen, und daß keine einzige Zigarre,
die weniger als 3 Pence kostet, ganz aus Tabak besteht.) Natür-
lich bleibt es nicht bei den Betrügereien in Nahrungsmitteln, de-
ren ich noch ein Dutzend - unter ändern die Niederträchtigkeit,
Gips oder Kreide unter das Mehl zu mischen - anführen könnte; in
allen Artikeln wird betrogen, Flanell, Strümpfe usw. werden
gereckt, um größer zu erscheinen, und laufen nach der ersten Wä-
sche ein, schmales Tuch wird für anderthalb oder drei Zoll brei-
teres verkauft, Steingut wird so dünn glasiert, daß die Glasur so
gut wie keine ist und gleich springt, und hundert andere Schänd-
lichkeiten. Tout comme chez nous 1*) - aber wer die üblen Folgen
der Betrügerei am meisten zu tragen hat, das sind die Arbeiter.
Der Reiche wird nicht betrogen, weil er die teuren Preise der
großen Läden bezahlen kann, die auf guten Ruf halten müssen und
sich selbst am meisten schaden würden, wenn sie schlechte, ver-
fälschte Ware hielten; der Reiche ist verwöhnt durch gute Kost
und merkt den Betrug leichter mit seiner feinen Zunge.
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1*) Ganz wie bei uns
#302# Friedrich Engels
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Aber der Arme, der Arbeiter, bei dem ein paar Pfennige viel aus-
machen, der für wenig Geld viel Waren haben muß, der auf die Qua-
lität so genau nicht sehen darf und kann, weil er nie Gelegenheit
hatte, seinen Geschmackssinn zu verfeinern, der bekommt all die
verfälschte, ja oft vergiftete Ware; er muß zu kleinen Krämern
gehen, muß vielleicht sogar auf Kredit kaufen, und diese Krämer,
die wegen ihres kleinen Kapitals und der größern Geschäftsunko-
sten bei gleicher Qualität gar nicht einmal so wohlfeil verkaufen
können wie die bedeutenden Detaillisten, müssen schon um der von
ihnen verlangten niedrigeren Preise und um der Konkurrenz der üb-
rigen willen verfälschte Ware wissentlich oder unwissentlich an-
schaffen. Dazu, wenn ein bedeutender Detaillist, der großes Kapi-
tal in seinem Geschäft stecken hat, bei einem entdeckten Betrug
durch seinen ruinierten Kredit mit ruiniert ist - was verschlägt
es einem Winkelkrämer, der eine einzige Straße mit Waren ver-
sorgt, ob man ihm Betrügereien nachweist? Traut man ihm in An-
coats nicht mehr, so zieht er nach Chorlton oder Hulme, wo ihn
niemand kennt und wo er wieder von vorn anfängt zu betrügen; und
gesetzliche Strafen stehen auf den wenigsten Verfälschungen, es
sei denn, daß sie zugleich einen Akzise-Unterschleif involvieren.
Aber nicht nur in der Qualität, sondern auch in der Quantität der
Waren wird der englische Arbeiter betrogen; die kleinen Krämer
haben großenteils falsche Maße und Gewichte, und eine un-
glaubliche Menge Straffälle wegen solcher Vergehen sind täglich
in den Pohzeiberichten zu lesen. Wie allgemein diese Art Betrü-
gerei in den Fabrikdistrikten ist, mögen ein paar Auszüge aus dem
"Manchester Guardian" lehren; sie erstrecken sich nur über einen
kurzen Zeitraum, und selbst hier liegen mir nicht a l l e Num-
mern vor:
Guard[ian], 16. Juni 1844. Rochdaler Sessionen - 4 Krämer wegen
zu leichter Gewichte in 5 bis 10 sh. gestraft. Stockporter Ses-
sionen - 2 Krämer mit 1 sh. bestraft - einer davon hatte sieben
leichte Gewichte und eine falsche Waagschale, und beide waren
vorher gewarnt.
Guard. 19. Juni. Rochdaler Sessionen - ein Krämer mit 5 und zwei
Bauern mit 10 sh. Strafe belegt.
Guard. 22. Juni. Manchester Friedensgericht - 19 Krämer von 2 1/2
sh. bis 2 Pfd. gestraft.
Guard. 26. Juni. Ashtoner Sessionen - 14 Krämer und Bauern von
21/a sh. bis l Pfd. St. bestraft. Hyder kleine Session - 9 Bauern
und Krämer in die Kosten und 5 sh. Strafe verurteilt.
Guard. 6. Juli. Manchester - 16 Krämer verurteilt in die Kosten
und Strafen bis zu 10 sh.
Guard. 13. Juli. Manchester - 9 Krämer von 2 1/2 bis 20 sh. be-
straft.
#303# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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Guard. 24. Juli. Rochdaler - 4 Krämer von 10 bis 20 sh. bestraft.
Guard. 27. Juli. Bolton - 12 Krämer und Wirte verurteilt in die
Kosten.
Guard. 3. Aug. Bolton - drei desgleichen zu 2 1/2 bis 5 sh.
Strafe.
Guard. 10. Aug. Bolton - ein desgleichen zu 5 sh. Strafe.
Und aus denselben Gründen, aus denen der Betrug in der Qualität
der Waren hauptsächlich auf die Arbeiter fiel, aus denselben
fällt auch der quantitative Betrug auf sie.
Die gewöhnliche Nahrung der einzelnen Arbeiter selbst ist natür-
lich nach dem Arbeitslohn verschieden. Die besserbezahlten Arbei-
ter, besonders solche Fabrikarbeiter, bei denen jedes Familien-
glied imstande ist, etwas zu verdienen, haben, solange das dau-
ert, gute Nahrung, täglich Fleisch und abends Speck und Käse. Wo
weniger verdient wird, findet man nur sonntags oder zwei- bis
dreimal wöchentlich Fleisch, dafür mehr Kartoffeln und Brot; ge-
hen wir allmählich tiefer, so finden wir die animalische Nahrung
auf ein wenig unter die Kartoffeln geschnittenen Speck reduziert
- noch tiefer verschwindet auch dieses, es bleibt nur Käse, Brot,
Hafermehlbrei (porridge) und Kartoffeln, bis auf der tiefsten
Stufe, bei den Irländern, nur Kartoffeln die Nahrung bilden. Dazu
wird allgemein ein dünner Tee, vielleicht mit etwas Zucker, Milch
oder Branntwein vermischt, getrunken; der Tee gilt in England und
selbst in Irland für ein ebenso notwendiges und unerläßliches Ge-
tränk wie bei uns der Kaffee, und wo kein Tee mehr getrunken
wird, da herrscht immer die bitterste Armut. Alles das aber unter
der Voraussetzung, daß der Arbeiter beschäftigt ist; wenn er
keine Arbeit hat, so ist er ganz dem Zufall überlassen und ißt,
was er geschenkt bekommt, sich zusammenbettelt oder - stiehlt;
und wenn er nichts bekommt, so verhungert er eben, wie wir vorhin
gesehen haben. Es versteht sich überhaupt, daß die Quantität der
Nahrung sich wie die Qualität nach dem Lohne richtet und daß bei
den schlechter bezahlten Arbeitern, wenn sie noch gar eine starke
Familie haben, auch während voller Beschäftigung Hungersnot
herrscht; und die Zahl dieser schlechter bezahlten Arbeiter ist
sehr groß. Namentlich in London, wo die Konkurrenz der Arbeiter
in demselben Maße steigt wie die Bevölkerung, ist diese Klasse
sehr zahlreich, aber auch in allen ändern Städten finden wir sie.
Da werden denn allerlei Auskunftsmittel gesucht, Kartoffelscha-
len, Gemüseabfall, faulende Vegetabilien *) aus Mangel an anderer
Nahrung gegessen und alles begierig herbeigeholt, was vielleicht
noch ein Atom Nahrungsstoff enthalten könnte. Und wenn der Wo-
chenlohn vor dem Ende der Woche verzehrt
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*) "Weekly Dispatch", April oder Mai 1844, nach einem Berichte
des Dr. South-wood Smith über die Lage der Armen in London.
#304# Friedrich Engels
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ist, so kommt es oft genug vor, daß die Familie in den letzten
Tagen derselben gar nichts oder nur soviel Nahrung bekommt, als
dringend nötig ist, sie vor dem Verhungern zu schützen. Eine sol-
che Lebensweise kann natürlich nur Krankheiten in Masse erzeugen,
und wenn diese eintreten, wenn vollends der Mann, von dessen Ar-
beit die Familie hauptsächlich lebt und dessen angestrengte Tä-
tigkeit am meisten Nahrung erfordert, der also auch am ersten un-
terliegt - wenn dieser vollends 1*) krank wird, so ist die Not
erst groß, so tritt die Brutalität, mit der die Gesellschaft ihre
Mitglieder gerade dann verläßt, wenn sie ihrer Unterstützung am
meisten bedürfen, erst recht grell hervor.
Fassen wir nun zum Schluß die angeführten Tatsachen nochmals kurz
zusammen: Die großen Städte sind hauptsächlich von Arbeitern be-
wohnt, da im günstigsten Falle ein Bourgeois auf zwei, oft auch
drei, hier und da auf vier Arbeiter kommt; diese Arbeiter haben
selbst durchaus kein Eigentum und leben von dem Arbeitslohn, der
fast immer aus der Hand in den Mund geht; die in lauter Atome
aufgelöste Gesellschaft kümmert sich nicht um sie, überläßt es
ihnen, für sich und ihre Familien zu sorgen, und gibt ihnen den-
noch nicht die Mittel an die Hand, dies auf eine wirksame und
dauernde Weise tun zu können; jeder Arbeiter, auch der beste, ist
daher stets der Brotlosigkeit, das heißt dem Hungertode ausge-
setzt, und viele erliegen ihm; die Wohnungen der Arbeiter sind
durchgehends schlecht gruppiert, schlecht gebaut, in schlechtem
Zustande gehalten, schlecht ventiliert, feucht und ungesund; die
Einwohner sind auf den kleinsten Raum beschränkt, und in den mei-
sten Fällen schläft wenigstens e i n e Familie in e i n e m
Zimmer; die innere Einrichtung der Wohnungen ist ärmlich in ver-
schiedenen Abstufungen bis zum gänzlichen Mangel auch der notwen-
digsten Möbel; die Kleidung der Arbeiter ist ebenfalls durch-
schnittlich kärglich und bei einer großen Menge zerlumpt; die
Nahrung im allgemeinen schlecht, oft fast ungenießbar und in
vielen Fällen wenigstens zeitweise in unzureichender Quantität,
so daß im äußersten Falle Hungertod eintritt. Die Arbeiterklasse
der großen Städte bietet uns so eine Stufenleiter verschiedener
Lebenslagen dar - im günstigsten Falle eine temporär erträgliche
Existenz, für angestrengte Arbeit guten Lohn, gute Wohnung und
gerade keine schlechte Nahrung - alles natürlich vom Arbeiter-
standpunkt aus gut und erträglich - im schlimmsten bitteres
Elend, das sich bis zur Obdachlosigkeit und dem Hungertode stei-
gern kann; der Durchschnitt liegt aber dem schlimmsten Falle weit
näher als dem besten. Und diese Stufenleiter teilt sich nicht
etwa bloß in fixe Klassen, so daß man
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1*) (1892) wenn vollends dieser
#305# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die großen Städte
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sagen könnte: Dieser Fraktion der Arbeiter geht es gut, jener
schlecht, und so bleibt es und ist es schon von jeher gewesen;
sondern, wenn das auch hier und da der Fall ist, wenn einzelne
Arbeitszweige im ganzen einen Vorzug vor ändern genießen, so
schwankt doch auch die Lage der Arbeiter in jeder Branche so
sehr, daß ein jeder einzelne Arbeiter in den Fall kommen kann,
die ganze Stufenleiter zwischen verhältnismäßigem Komfort und dem
äußersten Mangel, ja dem Hungertode durchzumachen - wie denn auch
fast jeder englische Proletarier von bedeutenden Glückswechseln
zu erzählen weiß. Die Ursachen davon wollen wir jetzt etwas näher
betrachten.
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