Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846


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       #306#
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       Die Konkurrenz
       
       Wir haben in der Einleitung gesehen, wie die Konkurrenz gleich im
       Anfange der  industriellen Bewegung  das Proletariat schuf, indem
       sie bei  vermehrter Nachfrage  nach gewebten  Stoffen den Weblohn
       steigerte und dadurch die webenden Bauern veranlaßte, ihre Acker-
       wirtschaft dranzugehen,  um am  Webstuhl desto  mehr verdienen zu
       können; wir  haben gesehen,  wie sie die kleinen Bauern durch das
       System der  Bewirtschaftung im großen verdrängte, sie zu Proleta-
       riern herabsetzte  und dann  teilweise in die Städte zog; wie sie
       ferner die  kleine Bourgeoisie  zum größten  Teil  ruinierte  und
       ebenfalls zu  Proletariern herabdrückte,  wie sie  das Kapital in
       den Händen weniger und die Bevölkerung in den großen Städten zen-
       tralisierte. Das  sind die  verschiedenen Wege  und Mittel, durch
       welche die  Konkurrenz, wie  sie in  der modernen  Industrie  zur
       vollen Erscheinung  und zur freien Entwicklung ihrer Konsequenzen
       kam, das  Proletariat schuf und ausdehnte. Wir werden jetzt ihren
       Einfluß auf das schon bestehende Proletariat zu betrachten haben.
       Und hier  haben wir  zuerst die Konkurrenz der einzelnen Arbeiter
       unter sich in ihren Folgen zu entwickeln.
       Die Konkurrenz ist der vollkommenste Ausdruck des in der modernen
       bürgerlichen Gesellschaft  herrschenden Kriegs  Aller gegen Alle.
       Dieser Krieg,  ein Krieg  um  das  Leben,  um  die  Existenz,  um
       a l l e s,   also auch  im Notfalle  ein Krieg auf Leben und Tod,
       besteht nicht  nur zwischen den verschiedenen Klassen der Gesell-
       schaft, sondern  auch zwischen  den einzelnen  Mitgliedern dieser
       Klassen; jeder ist dem ändern im Wege, und jeder sucht daher auch
       alle, die ihm im Wege sind, zu verdrängen und sich an ihre Stelle
       zu setzen.  Die Arbeiter  konkurrieren unter  sich, wie die Bour-
       geois unter  sich konkurrieren. Der mechanische Weber konkurriert
       gegen den  Handweber, der  unbeschäftigte oder  schlecht bezahlte
       Handweber gegen den beschäftigten oder besser bezahlten und sucht
       ihn zu  verdrängen. Diese  Konkurrenz der  Arbeiter gegeneinander
       ist aber die schlimmste Seite der jetzigen Verhältnisse für den
       
       #307# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die Konkurrenz
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       Arbeiter, die schärfste Waffe gegen das Proletariat in den Händen
       der Bourgeoisie. Daher das Streben der Arbeiter, diese Konkurrenz
       durch Assoziationen aufzuheben, daher die Wut der Bourgeoisie ge-
       gen diese  Assoziationen und  ihr Triumph über jede diesen beige-
       brachte Schlappe.
       Der Proletarier  ist hülflos; er kann für sich selbst nicht einen
       einzigen Tag  leben. Die  Bourgeoisie hat  sich das Monopol aller
       Lebensmittel im  weitesten Sinne des Worts angemaßt. Was der Pro-
       letarier braucht,  kann er  nur von dieser Bourgeoisie, die durch
       die Staatsgewalt  in ihrem  Monopol geschützt wird, erhalten. Der
       Proletarier ist  also rechtlich  und tatsächlich  der Sklave  der
       Bourgeoisie; sie  kann über  sein Leben  und seinen Tod verfügen.
       Sie bietet  ihm ihre  Lebensmittel an, aber für ein "Äquivalent",
       für seine  Arbeit; sie  läßt ihm sogar noch den Schein, als ob er
       aus freiem  Willen handelte, mit freier, zwangloser Einwilligung,
       als mündiger  Mensch einen  Vertrag mit  ihr  abschlösse.  Schöne
       Freiheit, wo  dem Proletarier  keine andere  Wahl bleibt, als die
       Bedingungen, die  ihm die  Bourgeoisie stellt,  zu unterschreiben
       oder - zu verhungern, zu erfrieren, sich nackt bei den Tieren des
       Waldes zu betten! Schönes "Äquivalent", dessen Betrag ganz im Be-
       lieben der Bourgeoisie steht! Und ist der Proletarier ein solcher
       Narr, lieber  verhungern zu  wollen, als  sich in  die "billigen"
       Vorschläge der  Bourgeois, seiner  "natürlichen Vorgesetzten" *),
       zu fügen  - je  nun, es  findet sich  leicht ein anderer, es gibt
       Proletarier genug  in der  Welt, und nicht alle sind so verrückt,
       nicht alle ziehen den Tod dem Leben vor.
       Da haben  wir die  Konkurrenz der Proletarier untereinander. Wenn
       a l l e   Proletarier nur  den Willen aussprächen, lieber verhun-
       gern als  für die  Bourgeoisie arbeiten zu wollen, so würde diese
       schon von  ihrem Monopol  abstehen müssen; aber das ist nicht der
       Fall, das  ist sogar ein ziemlich unmöglicher Fall, und daher ist
       die Bourgeoisie  noch immer  guter Dinge.  Nur  e i n e  Schranke
       hat diese  Konkurrenz der Arbeiter - kein Arbeiter wird für weni-
       ger arbeiten wollen, als er zu seiner Existenz nötig hat; wenn er
       einmal verhungern soll, so wird er lieber faul als arbeitend ver-
       hungern wollen.  Freilich ist  diese Schranke  relativ; der  eine
       braucht mehr  als der andere, der eine ist an mehr Bequemlichkeit
       gewöhnt als  der andere  - der  Engländer, der noch etwas zivili-
       siert ist,  braucht mehr  als der  Irländer, der  in Lumpen geht,
       Kartoffeln ißt  und in einem Schweinestall schläft. Aber das hin-
       dert den  Irländer nicht, gegen den Engländer zu konkurrieren und
       allmählich den  Lohn und mit ihm den Zivilisationsgrad des engli-
       schen Arbeiters  auf das  Niveau des irischen herabzudrücken. Ge-
       wisse Arbeiten  erfordern einen bestimmten Zivilisationsgrad, und
       dahin gehören  fast alle  industriellen; daher  muß der Lohn hier
       schon im Interesse
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       *) Lieblingsausdruck der englischen Fabrikanten.
       
       #308# Friedrich Engels
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       der Bourgeoisie  selbst so hoch sein, daß er dem Arbeiter möglich
       macht, sich  in dieser Sphäre zu erhalten. Der frischeingewander-
       te, im  ersten besten  Stalle kampierende Irländer, der selbst in
       einer erträglichen  Wohnung jede  Woche auf  die  Straße  gesetzt
       wird, weil  er alles  versäuft und die Miete nicht bezahlen kann,
       der würde  ein schlechter  Fabrikarbeiter  sein;  daher  muß  den
       Fabrikarbeitern so  viel gegeben  werden, daß  sie ihre Kinder zu
       regelmäßiger Arbeit erziehen können - aber auch nicht mehr, damit
       sie nicht  den Lohn  ihrer Kinder  entbehren können und sie etwas
       anderes werden  lassen als  bloße Arbeiter.  Auch  hier  ist  die
       Schranke, das Minimum des Lohns, relativ; wo jeder in der Familie
       arbeitet, braucht der einzelne um soviel weniger zu erhalten, und
       die  Bourgeoisie   hat  die  Gelegenheit  zur  Beschäftigung  und
       Rentbarmachung  der   Weiber  und   Kinder,  die   ihr   in   der
       Maschinenarbeit  gegeben   wurde,  zur  Herabdrückung  des  Lohns
       weidlich benutzt.  Natürlich ist  nicht in  jeder  Familie  jeder
       arbeitsfähig, und eine solche Familie würde sich schlecht stehen,
       wenn sie  zu dem  auf eine ganz arbeitsfähige Familie berechneten
       Minimum des  Lohns arbeiten  wollte; daher  stellt sich  der Lohn
       hier auf  einen Durchschnitt,  bei dem es der ganz arbeitsfähigen
       Familie  ziemlich   gut,  der  weniger  arbeitsfähige  Mitglieder
       zählenden ziemlich  schlecht geht. Aber im schlimmsten Falle wird
       jeder  Arbeiter   lieber  das  bißchen  Luxus  oder  Zivilisation
       aufgeben, an  das er  gewöhnt war,  um nur die nackte Existenz zu
       fristen; er  wird lieber einen Schweinestall als gar kein Obdach,
       lieber Lumpen  als gar keine Kleider, lieber nur Kartoffeln haben
       wollen als  verhungern. Er  wird lieber,  in Aussicht auf bessere
       Zeiten, mit  halbem Lohn  zufrieden sein,  als sich still auf die
       Straße setzen  und vor den Augen der Welt sterben, wie so mancher
       Brotlose es  getan hat.  Dies bißchen  also, dies  etwas mehr als
       nichts, ist  das Minimum  des Lohns.  Und wenn  mehr Arbeiter  da
       sind, als die Bourgeoisie zu beschäftigen für gut hält, wenn also
       am Ende des Konkurrenzkampfs doch noch eine Zahl übrigbleibt, die
       keine Arbeit  findet, so muß diese Zahl eben verhungern; denn der
       Bourgeois wird ihnen doch wahrscheinlich keine Arbeit geben, wenn
       er die Produkte ihrer Arbeit nicht mit Nutzen verkaufen kann.
       Wir sehen  hieraus, was  das Minimum  des Lohns  ist. Das Maximum
       wird durch  die Konkurrenz  der Bourgeois  gegeneinander  festge-
       stellt, denn  wir sahen,  wie auch  diese konkurrieren. Der Bour-
       geois kann  sein Kapital  nur durch Handel oder Industrie vergrö-
       ßern, und  zu beiden  Zwecken braucht er Arbeiter. Selbst wenn er
       sein Kapital  auf Zinsen legt, braucht er sie indirekt, denn ohne
       Handel und  Industrie würde ihm niemand Zinsen dafür geben, würde
       niemand es  benutzen können.  So braucht allerdings der Bourgeois
       den Proletarier,  aber nicht  zum unmittelbaren Leben - er könnte
       ja von seinem
       
       #309# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die Konkurrenz
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       Kapitale zehren  -, sondern wie man einen Handelsartikel oder ein
       Lasttier braucht,  zur Bereicherung.  Der Proletarier verarbeitet
       dem Bourgeois  die Waren,  die dieser  mit Nutzen  verkauft. Wenn
       also die Nachfrage nach diesen Waren wächst, so daß die gegenein-
       ander konkurrierenden  Arbeiter alle  beschäftigt  werden,  viel-
       leicht einige  zu wenig  da sind, so fällt die Konkurrenz der Ar-
       beiter weg, und die Bourgeois fangen an, gegeneinander zu konkur-
       rieren. Der  Arbeiter suchende  Kapitalist weiß sehr wohl, daß er
       bei den  infolge der vermehrten Nachfrage steigenden Preisen grö-
       ßeren Gewinn macht, also auch lieber etwas mehr Lohn bezahlt, als
       sich den ganzen Gewinn entgehen läßt; er wirft mit der Wurst nach
       dem Schinken, und wenn er nur diesen bekommt, gönnt er dem Prole-
       tarier gern  die Wurst. So jagt ein Kapitalist dem ändern die Ar-
       beiter ab,  und der  Lohn steigt. Aber nur so hoch, wie die stei-
       gende Nachfrage erlaubt. Wenn der Kapitalist, der wohl von seinem
       außerordentlichen Gewinn  etwas aufopferte,  auch von  seinem or-
       dentlichen, d. h. Durchschnittsgewinn etwas opfern sollte, so hü-
       tet er sich wohl, höheren als Durchschnittslohn zu zahlen.
       Hieraus können  wir den Durchschnittslohn bestimmen. Unter Durch-
       schnittsverhältnissen, d.h. wenn weder Arbeiter noch Kapitalisten
       Grund  haben,   besonders  gegeneinander  zu  konkurrieren,  wenn
       g e r a d e  s o  v i e l  Arbeiter da sind, als beschäftigt wer-
       den können,  um die  gerade verlangten Waren zu verfertigen, wird
       der Lohn etwas mehr als das Minimum betragen. Wie sehr er das Mi-
       nimum übersteigen  wird, wird  von den  Durchschnittsbedürfnissen
       und dem  Zivilisationsgrad der Arbeiter abhängen. Wenn die Arbei-
       ter gewohnt  sind, wöchentlich  mehrere Male Fleisch zu essen, so
       werden sich  die Kapitalisten  bequemen müssen,  den Arbeitern so
       viel Lohn  zu bezahlen, daß diesen eine solche Nahrung erschwing-
       lich wird. Nicht weniger, weil die Arbeiter nicht unter sich kon-
       kurrieren, also  auch keine Ursache haben, mit weniger vorliebzu-
       nehmen; nicht  mehr, weil der Mangel der Konkurrenz unter den Ka-
       pitalisten diesen keine Veranlassung gibt, die Arbeiter durch au-
       ßerordentliche Begünstigungen an sich zu ziehen.
       Dies Maß der durchschnittlichen Bedürfnisse und der durchschnitt-
       lichen Zivilisation der Arbeiter ist durch die komplizierten Ver-
       hältnisse der heutigen englischen Industrie ein sehr verwickeltes
       und für  verschiedene Arbeiterklassen verschiedenes geworden, wie
       schon oben  angedeutet wurde.  Die meisten industriellen Arbeiten
       erfordern indes eine gewisse Geschicklichkeit und Regelmäßigkeit,
       und für diese, die dann auch einen gewissen Zivilisationsgrad er-
       fordern, muß  dann auch der Durchschnittslohn so sein, daß er den
       Arbeiter veranlaßt,  sich diese  Geschicklichkeit anzueignen  und
       dieser Regelmäßigkeit der Arbeit sich zu unterwerfen. Daher kommt
       es, daß der
       
       #310# Friedrich Engels
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       Lohn der Industriearbeiter durchschnittlich höher ist als der der
       bloßen Lastträger,  Tagelöhner usw., namentlich höher als der der
       Arbeiter auf dem Lande, wozu freilich noch die Verteurung der Le-
       bensmittel in den Städten ihr Teil beiträgt.
       Oder deutsch  gesprochen: Der Arbeiter ist rechtlich und faktisch
       Sklave der  besitzenden Klasse,  der  Bourgeoisie,  so  sehr  ihr
       Sklave, daß  er wie  eine Ware  verkauft wird,  wie eine  Ware im
       Preise steigt  und fällt. Steigt die Nachfrage nach Arbeitern, so
       steigen die  Arbeiter im  Preise; fällt  sie, so  fallen  sie  im
       Preise; fällt  sie so  sehr, daß  eine Anzahl Arbeiter nicht ver-
       käuflich sind,  "auf Lager  bleiben", so  bleiben sie eben hegen,
       und da  sie vom  bloßen Liegen nicht leben können, so sterben sie
       Hungers. Denn,  um in  der Sprache  der Nationalökonomen zu spre-
       chen, die  auf ihren  Unterhalt verwendeten  Kosten  würden  sich
       nicht "reproduzieren",  würden weggeworfnes  Geld sein,  und dazu
       gibt kein  Mensch sein  Kapital her.  Und soweit hat Herr Malthus
       mit seiner Populationstheorie 1*) vollkommen recht. Der ganze Un-
       terschied gegen die alte, offenherzige Sklaverei ist nur der, daß
       der heutige  Arbeiter frei zu sein  s c h e i n t,  weil er nicht
       auf einmal verkauft wird, sondern stückweise, pro Tag, pro Woche,
       pro Jahr,  und weil nicht ein Eigentümer ihn dem ändern verkauft,
       sondern er  sich selbst  auf diese  Weise verkaufen muß, da er ja
       nicht der  Sklave eines einzelnen, sondern der ganzen besitzenden
       Klasse ist. Für ihn bleibt die Sache im Grunde dieselbe, und wenn
       dieser  Schein   der  Freiheit   ihm   auch   einerseits   einige
       w i r k l i c h e   Freiheit geben  muß, so hat er auf der ändern
       Seite auch den Nachteil, daß ihm kein Mensch seinen Unterhalt ga-
       rantiert, daß  er von seinem Herrn, der Bourgeoisie, jeden Augen-
       blick zurückgestoßen  und dem  Hungertode überlassen werden kann,
       wenn die Bourgeoisie kein Interesse mehr an seiner Beschäftigung,
       an seiner  Existenz hat.  Die Bourgeoisie  dagegen steht sich bei
       dieser Einrichtung  viel besser als bei der alten Sklaverei - sie
       kann ihre Leute abdanken» wenn sie Lust hat, ohne daß sie dadurch
       ein angelegtes  Kapital verlöre, und bekommt überhaupt die Arbeit
       viel wohlfeiler  getan, als  es sich  durch Sklaven tun läßt, wie
       dies Adam Smith* ihr zu Tröste vorrechnet.
       Hieraus folgt  denn auch,  daß Adam Smith *) ganz recht hat, wenn
       er (a.a.O. [p. 133]) den Satz aufstellt:
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       *) "Man hat  gesagt, daß  der Verschleiß eines Sklaven auf Kosten
       seines Herrn  vor sich  gehe, während  der eines freien Arbeiters
       für Rechnung  dieses Arbeiters  geschehe. Aber der Verschleiß des
       letzteren ist  ebenfalls für Rechnung des Herrn. Der den Tagelöh-
       nern, Dienern  usw. von  jeglicher Art  bezahlte Lohn muß so hoch
       sein, daß er diese
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       1*) Bevölkerungstheorie
       
       #311# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die Konkurrenz
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       "daß die  Nachfrage nach Arbeitern, gerade wie die Nachfrage nach
       irgendeinem   a n d e r n  A r t i k e l,  die Produktion von Ar-
       beitern, die  Quantität der  erzeugten Menschen  reguliert, diese
       Produktion beschleunigt,  wenn sie  zu langsam geht, sie aufhält,
       wenn sie zu rasch fortschreitet".
       
       G a n z  w i e  m i t  j e d e m  ä n d e r n  H a n d e l s a r-
       t i k e l   - ist  zuwenig da,  so steigen  die Preise,  d.h. der
       Lohn, es  geht den Arbeitern besser, die Heiraten vermehren sich,
       es werden  mehr Menschen  erzeugt, es  wachsen mehr Kinder heran,
       bis genug  Arbeiter produziert sind; ist zuviel da, so fallen die
       Preise, es  tritt Brotlosigkeit,  Elend, Hungersnot  und  infolge
       davon Seuchen ein, und raffen die "überflüssige Bevölkerung" weg.
       Und Malthus,  der obigen  Smithschen Satz  weiter  ausführt,  hat
       ebenfalls in  seiner Weise recht, wenn er behauptet, es sei stets
       überflüssige Bevölkerung  da, es  seien immer  zuviel Menschen in
       der Welt;  er hat  nur dann  unrecht, wenn er behauptet, es seien
       mehr Menschen  da, als  von den vorhandenen Lebensmitteln ernährt
       werden könnten.  Die überflüssige Bevölkerung wird vielmehr durch
       die  Konkurrenz  der  Arbeiter  unter  sich  erzeugt,  die  jeden
       einzelnen Arbeiter zwingt, täglich so viel zu arbeiten, als seine
       Kräfte ihm  nur eben  gestatten. Wenn  ein Fabrikant täglich zehn
       Arbeiter neun  Stunden lang  beschäftigen kann,  so kann er, wenn
       die  Arbeiter   zehn  Stunden  täglich  arbeiten,  nur  neun  be-
       schäftigen, und  der zehnte  wird brotlos. Und wenn der Fabrikant
       zu einer  Zeit, wo  die Nachfrage  nach Arbeitern nicht sehr groß
       ist, die neun Arbeiter durch die Drohung, sie zu entlassen, zwin-
       gen kann,  für denselben Lohn täglich eine Stunde mehr, also zehn
       Stunden zu  arbeiten, so  entläßt er den zehnten und spart dessen
       Lohn. Wie hier im kleinen, so geht es bei einer Nation im großen.
       Die durch  die Konkurrenz der Arbeiter unter sich auf ihr Maximum
       gesteigerten Leistungen  jedes einzelnen, die Teilung der Arbeit,
       die Einführung von Maschinerie, die Benutzung der Elementarkräfte
       werfen eine  Menge Arbeiter  außer Brot. Diese brotlosen Arbeiter
       kommen aber  aus dem  Markte; sie können nichts mehr kaufen, also
       die früher  von ihnen verlangte Quantität Handelswaren wird jetzt
       nicht mehr  verlangt, braucht also nicht mehr angefertigt zu wer-
       den, die
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       in den  Stand setzt,  die Rasse  der Tagelöhner und Diener in der
       Weise fortzupflanzen,  wie es die zunehmende, stationäre oder ab-
       nehmende Nachfrage  der Gesellschaft  nach solchen  Leuten gerade
       verlangt. Aber  obgleich der  Verschleiß eines  freien  Arbeiters
       ebenfalls auf  Kosten des  Herrn vor  sich geht, so kostet er ihm
       doch in  der Regel viel weniger als der eines Sklaven. Der Fonds,
       der dazu bestimmt ist, den Verschleiß eines Sklaven zu reparieren
       oder zu  ersetzen, wird  gewöhnlich von  einem nachlässigen Herrn
       oder unaufmerksamen  Aufseher verwaltet etc." - A. Smith, "Wealth
       of Nations"  [Der Reichtum  der Nationen],  I, 8, p. 134 der Mac-
       Cullochschen vierbändigen Ausgabe.
       
       #312# Friedrich Engels
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       früher mit  deren Verfertigung beschäftigten Arbeiter werden also
       wieder brotlos,  treten vorn  Markte ebenfalls ab, und so geht es
       immer weiter, immer denselben Kreislauf durch - oder vielmehr, so
       würde es  gehen, wenn  nicht andre Umstände dazwischenträten. Die
       Einführung der oben angeführten industriellen Mittel, die Produk-
       tion zu  vermehren, führt nämlich auf die Dauer niedrigere Preise
       der produzierten  Artikel und infolge davon einen vermehrten Kon-
       sum herbei,  so daß  ein großer Teil der außer Brot gesetzten Ar-
       beiter in  neuen Arbeitszweigen  und freilich  nach langen Leiden
       endlich doch wieder unterkommt. Tritt hierzu noch, wie es in Eng-
       land während  der letzten  sechzig Jahre  geschah, die  Eroberung
       fremder Märkte,  so daß  die Nachfrage nach Manufakturwaren fort-
       während und  rasch steigt,  so steigt auch die Nachfrage nach Ar-
       beitern und  mit ihr  die Bevölkerung  in demselben Verhältnisse.
       Statt also  abzunehmen, hat sich die Einwohnerzahl des britischen
       Reichs reißend schnell vermehrt, vermehrt sich noch fortwährend -
       und bei  all der steigenden Ausdehnung der Industrie, bei all der
       im ganzen und großen steigenden Nachfrage nach Arbeitern hat Eng-
       land, nach  dem Geständnisse aller offiziellen Parteien (d.h. der
       Tories, Whigs und Radikalen), dennoch fortwährend überzählige und
       überflüssige Bevölkerung,  ist dennoch  fortwährend im ganzen die
       Konkurrenz   u n t e r   den Arbeitern  größer als die Konkurrenz
       u m  Arbeiter.
       Woher kommt  dieser Widerspruch?  Aus dem Wesen der Industrie und
       Konkurrenz und  den darin begründeten Handelskrisen. Bei der heu-
       tigen regellosen  Produktion und Verteilung der Lebensmittel, die
       nicht um  der unmittelbaren Befriedigung der Bedürfnisse, sondern
       um des  Geldgewinns willen  unternommen wird, bei dem System, wo-
       nach jeder auf eigne Faust arbeitet und sich bereichert, muß alle
       Augenblicke eine  Stockung entstehen.  England z.B. versorgt eine
       Menge Länder mit den verschiedensten Waren. Wenn nun auch der Fa-
       brikant weiß,  wieviel von jedem Artikel in jedem einzelnen Lande
       jährlich gebraucht  wird, so weiß er doch nicht, wieviel zu jeder
       Zeit die  Vorräte dort  betragen, und  noch viel weniger, wieviel
       seine Konkurrenten  dorthin schicken.  Er kann  nur aus  den ewig
       schwankenden Preisen  einen unsichern  Schluß auf  den Stand  der
       Vorräte und  der Bedürfnisse machen, er muß aufs Geratewohl seine
       Waren hinausschicken;  alles geschieht  blindlings ins Blaue hin-
       ein, mehr  oder weniger  nur unter der Ägide des Zufalls. Auf die
       geringsten günstigen  Berichte hin  schickt jeder,  was er kann -
       und nicht  lange, so  ist ein  solcher Markt überfüllt mit Waren,
       der Verkauf  stockt, die  Kapitalien 1*)  bleiben aus, die Preise
       fallen, und die englische
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       1*) (1892) Rückflüsse
       
       #313# Lage der arbeitenden Klasse In England - Die Konkurrenz
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       Industrie hat  keine Beschäftigung für ihre Arbeiter mehr. Im An-
       fange der industriellen Entwicklung beschränkten sich diese Stoc-
       kungen auf  einzelne Fabrikationszweige und einzelne Märkte; aber
       durch die zentralisierende Wirkung der Konkurrenz, die die Arbei-
       ter, die  m  einem  Arbeitszweige  brotlos  werden,  auf  die  am
       leichtesten erlernbaren  aus den übrigen, und die in einem Markte
       nicht mehr  unterzubringenden Waren  auf die übrigen Märkte wirft
       und dadurch  allmählich die einzelnen kleinen Krisen näher zusam-
       menrückt, sind  diese nach und nach in eine einzige Reihe von pe-
       riodisch wiederkehrenden  Krisen vereinigt  worden.  Eine  solche
       Krisis pflegt  alle fünf  Jahre auf  eine kurze Periode der Blüte
       und des  allgemeinen Wohlbefindens zu folgen; der heimische Markt
       wie alle  fremden Märkte  hegen  voll  englischer  Fabrikate  und
       können diese  letzteren nur langsam konsumieren; die industrielle
       Bewegung stockt  in fast allen Zweigen; die kleineren Fabrikanten
       und  Kaufleute,   die  das   Ausbleiben  ihrer  Kapitalien  nicht
       überstehen können,  fallieren, die  größeren  hören  während  der
       Dauer der  schlimmsten Epoche  auf, Geschäfte  zu machen,  setzen
       ihre Maschinen still oder lassen nur "kurze Zeit" arbeiten, d. h.
       etwa nur  halbe Tage;  der Lohn  fällt durch  die Konkurrenz  der
       Brotlosen, die  Verringerung der  Arbeitszeit und  den Mangel  an
       gewinnbringenden  Warenverkäufen;  allgemeines  Elend  verbreitet
       sich  unter  den  Arbeitern,  die  etwaigen  kleinen  Ersparnisse
       einzelner sind  rasch verzehrt,  die wohltätigen Anstalten werden
       überlaufen, die  Armensteuer verdoppelt,  verdreifacht  sich  und
       reicht doch  nicht aus, die Zahl der Verhungernden vermehrt sich,
       und  auf   einmal  tritt  die  ganze  Menge  der  "überflüssigen"
       Bevölkerung in schreckenerregender Anzahl hervor. Das dauert dann
       eine Zeitlang;  die "Überflüssigen"  1*) schlagen  sich durch, so
       gut  es   geht,  oder   schlagen  sich   auch  nicht  durch;  die
       Wohltätigkeit  und   die  Armengesetze  helfen  vielen  zu  einer
       mühsamen Fristung  ihrer Existenz;  andre finden  hier und  da in
       solchen Arbeitszweigen,  die der  Konkurrenz weniger  offengelegt
       worden sind,  die der  Industrie ferner stellen, eine kümmerliche
       Lebenserhaltung -  und mit wie wenigem kann der Mensch sich nicht
       für eine  Zeitlang durchschlagen! - Allmählich wird der Stand der
       Dinge günstiger; die aufgehäuften Warenvorräte werden konsumiert,
       die   allgemeine    Niedergeschlagenheit   der    Handels-    und
       Industriemänner hindert  ein zu rasches Auffüllen der Lücken, bis
       endlich steigende  Preise und  günstige Berichte von allen Seiten
       die Tätigkeit  wieder herstellen.  Die Märkte  liegen meist  weit
       entfernt; bis  die  ersten  neuen  Zufuhren  hingelangen  können,
       steigt die  Nachfrage fortwährend  und mit  ihr die  Preise;  man
       reißt sich um die zuerst ankommenden Waren, die
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       1*) (1892) "Überschüssigen"
       
       #314# Friedrich Engels
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       ersten Verkäufe  beleben den Verkehr noch mehr, die noch erwarte-
       ten Zufuhren  versprechen noch höhere Preise, man fängt in Erwar-
       tung eines  ferneren Aufschlags an, auf Spekulation zu kaufen und
       so die  für den Konsum bestimmten Waren gerade zur nötigsten Zeit
       dem Konsum  zu entziehen  - die  Spekulation steigert  die Preise
       noch mehr,  da sie  andre zum  Kaufen ermutigt  und neue Zufuhren
       vorwegnimmt -  alles das  wird nach England berichtet, die Fabri-
       kanten fangen  wieder flott  an zu arbeiten, neue Fabriken werden
       errichtet, alle  Mittel aufgeboten, um die günstige Epoche auszu-
       beuten; die  Spekulation tritt  auch hier ein, ganz mit derselben
       Wirkung wie  auf den  fremden Märkten,  die Preise steigernd, die
       Waren dem  Konsum wegnehmend,  durch beides die industrielle Pro-
       duktion zur  höchsten Kraftanstrengung treibend - dann kommen die
       "unsoliden" Spekulanten,  die mit  fiktivem Kapital arbeiten, vom
       Kredit leben, die ruiniert sind, wenn sie nicht gleich flott ver-
       kaufen können, und stürzen sich in dies allgemeine, unordentliche
       Wettrennen nach  Geldgewinn, vermehren  die  Unordnung  und  Hast
       durch ihre  eigne zügellose  Leidenschaft, welche Preise und Pro-
       duktion bis  zum Wahnsinn  steigert -  es ist ein tolles Treiben,
       das auch  den Ruhigsten und Erfahrensten ergreift, es wird gehäm-
       mert, gesponnen,  gewoben, als gälte es, die ganze Menschheit neu
       zu equipieren,  als wären ein paar Tausend Millionen neuer Konsu-
       menten auf  dem Monde  entdeckt worden.  Auf einmal fangen drüben
       die unsoliden Spekulanten, die Geld haben müssen, zu verkaufen an
       - unter dem Marktpreise, versteht sich, denn die Sache hat Eile -
       dem einen  Verkauf folgen  mehrere, die Preise wanken, die Speku-
       lanten werfen  erschreckt ihre  Waren in den Markt, der Markt ist
       in Unordnung,  der Kredit  ist erschüttert, ein Haus nach dem än-
       dern stellt die Zahlungen ein, Bankerott folgt auf Bankerott, und
       man findet,  daß dreimal  mehr Ware  am Platze und unterwegs ist,
       als der  Konsum erfordern würde. Die Nachrichten kommen nach Eng-
       land, wo  in der  Zwischenzeit noch immer mit aller Gewalt fabri-
       ziert worden - ein panischer Schrecken ergreift auch hier die Ge-
       müter, die  Fallissements von drüben ziehen andre in England nach
       sich, die  Stockung stürzt  dazu noch  eine Menge  Häuser, in der
       Angst werden  auch hier alle Vorräte gleich an den Markt gebracht
       und der  Schrecken dadurch  noch übertrieben.  Das ist der Anfang
       der Krisis, die dann wieder genau denselben Verlauf nimmt wie die
       vorige und  später wieder in eine Periode der Blüte umschlägt. So
       geht es  in einem  fort, Blüte, Krisis, Blüte, Krisis, und dieser
       ewige Kreislauf,  in dem  sich die  englische  Industrie  bewegt,
       pflegt sich,  wie gesagt, in je fünf oder sechs Jahren zu vollen-
       den.
       Hieraus geht  hervor, daß  zu allen  Zeiten, ausgenommen  in  den
       kurzen Perioden  höchster Blüte, die englische Industrie eine un-
       beschäftigte Reserve
       
       #315# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die Konkurrenz
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       von Arbeitern  haben muß, um eben während der am meisten belebten
       Monate die  im Markte  verlangten Massen von Waren produzieren zu
       können. Diese  Reserve ist mehr oder minder zahlreich, je nachdem
       die Lage  des Marktes  minder oder  mehr die  Beschäftigung eines
       Teiles derselben  veranlaßt. Und  wenn auch bei dem höchsten Blü-
       tenstande des Marktes wenigstens zeitweise die Ackerbaudistrikte,
       Irland und  die weniger  von dem  Aufschwung ergriffenen Arbeits-
       zweige eine  Anzahl Arbeiter  liefern können, so bilden diese ei-
       nerseits doch  eine Minderzahl  und gehören andrerseits ebenfalls
       zur Reserve,  nur mit  dem Unterschiede, daß der jedesmalige Auf-
       schwung es  erst zeigt,   d a ß   sie  dazu gehören. Man schränkt
       sich, wenn  sie zu  den belebteren Arbeitszweigen übertreten, da-
       heim ein,  um den Ausfall weniger zu merken, arbeitet länger, be-
       schäftigt Weiber  und jüngere  Leute, und  wenn sie beim Eintritt
       der Krisis  entlassen zurückkommen,  finden sie, daß ihre Stellen
       besetzt und  sie überflüssig sind - wenigstens großenteils. Diese
       Reserve, zu  der während der Krisis eine ungeheure Menge und wäh-
       rend der  Zeitabschnitte, die  man als Durchschnitt von Blüte und
       Krisis annehmen  kann, noch  immer eine gute Anzahl gehören - das
       ist die "überzählige Bevölkerung" Englands, die durch Betteln und
       Stehlen, durch  Straßenkehren, Einsammeln  von Pferdemist, Fahren
       mit Schubkarren oder Eseln, Herumhökern oder einzelne gelegentli-
       che kleine  Arbeiten eine kümmerliche Existenz fristet. Man sieht
       in allen  großen Städten  eine Menge  solcher Leute, die so durch
       kleine gelegentliche  Verdienste "Leib und Seele zusammenhalten",
       wie die  Engländer sagen.  Es ist merkwürdig, zu welchen Erwerbs-
       zweigen diese "überflüssige Bevölkerung" ihre Zuflucht nimmt. Die
       Londoner Straßenkehrer  (cross sweeps 1*)) sind weltbekannt; bis-
       her wurden aber nicht nur diese Kreuzwege, sondern auch in ändern
       großen Städten die Hauptstraßen von Arbeitslosen gekehrt, die von
       der Armen-  oder Straßenverwaltung dazu angenommen wurden - jetzt
       hat man  eine Maschine, die täglich durch die Straßen rasselt und
       den Arbeitslosen  diesen  Erwerbszweig  verdorben  hat.  Auf  den
       großen Routen, die in die Städte führen und auf denen viel Wagen-
       verkehr ist,  sieht man  eine Menge Leute mit kleinen Karren, die
       den frischgefallnen Pferdemist mit Lebensgefahr zwischen den vor-
       beirollenden Kutschen  und Omnibussen wegscharren und zum Verkauf
       einsammeln - dafür müssen sie oft noch wöchentlich ein paar Shil-
       ling an  die Straßenverwaltung  bezahlen, und an vielen Orten ist
       es ganz  verboten, weil  sonst die Straßenverwaltung ihren zusam-
       mengekehrten Kot,  der  nicht  den  gehörigen  Anteil  Pferdemist
       enthielt, nicht  als Dünger verkaufen konnte. Glücklich sind die-
       jenigen "Überflüssigen",
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       1*) (1892) crossing sweeps
       
       #316# Friedrich Engels
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       die sich eine Schubkarre verschaffen und damit Fuhren tun können,
       noch glücklicher  diejenigen, denen  es gelingt,  Geld für  einen
       Esel nebst  Karre zu  bekommen -  der Esel  muß sich  sein Futter
       selbst suchen  oder erhält ein wenig zusammengesuchten Abfall und
       kann doch einiges Geld einbringen.
       Die meisten  "Überflüssigen" werfen  sich aufs Hökern. Namentlich
       Samstag abends,  wenn die ganze Arbeiterbevölkerung auf den Stra-
       ßen ist,  sieht man  die Menge zusammen, die da von lebt. Schnür-
       riemen, Hosenträger, Litzen, Orangen, Kuchen, kurz alle möglichen
       Artikel werden von zahllosen Männern, Frauen und Kindern ausgebo-
       ten -  und auch sonst sieht man alle Augenblicke solche Höker mit
       Orangen, Kuchen,  Ginger-beer oder  Nettle-beer *) in den Straßen
       stehen oder  umherziehen. Zündhölzchen  und derartige Dinge, Sie-
       gellack, Patent-Kompositionen zum Feueranzünden usw. bilden eben-
       falls Handelsartikel  für diese Leute. Andre - sogenannte Jobbers
       - gehen  in den  Straßen umher und sehen sich nach gelegentlichen
       kleinen Arbeiten um; manchem derselben gelingt es, sieb ein Tage-
       werk zu verschaffen, viele sind nicht so glücklich.
       
       "An den  Toren aller  Londoner Docks",  erzählt der Rev[eren]d W.
       Champneys, Prediger im östlichen Distrikt von London, "erscheinen
       jeden Morgen im Winter schon vor Tagesanbruch Hunderte von Armen,
       die in  der Hoffnung, ein Tagewerk zu erlangen, auf die Eröffnung
       der Tore  warten, und  wenn die jüngsten und stärksten und die am
       meisten bekannten engagiert worden sind, gehen noch Hunderte nie-
       dergeschlagen von getäuschter Hoffnung zu ihren ärmlichen Wohnun-
       gen zurück." [88]
       
       Was bleibt  diesen Leuten,  wenn sie keine Arbeit finden und sich
       nicht gegen  die Gesellschaft  auflehnen wollen, anders übrig als
       zu betteln?  Und da  kann man sich nicht über die Menge von Bett-
       lern, die meist arbeitsfähige Männer sind, wundern, mit denen die
       Polizei fortwährend  zu kämpfen  hat. Die  Bettelei dieser Männer
       hat aber  einen eigentümlichen  Charakter. Solch  ein Mann pflegt
       mit seiner  Familie umherzuziehen,  in den  Straßen ein bittendes
       Lied zu singen oder in einem Vortrage die Mildtätigkeit der Nach-
       barn anzusprechen.  Und es  ist auffallend, daß man diese Bettler
       fast nur  in Arbeiterbezirken  findet, daß  es fast nur Gaben von
       Arbeitern sind,  von denen  sie sich  erhalten. Oder  die Familie
       stellt sich  schweigend an eine belebte Straße und läßt, ohne ein
       Wort zu  sagen, den bloßen Anblick der Hülflosigkeit wirken. Auch
       hier rechnen  sie nur auf die Teilnahme der Arbeiter, die aus Er-
       fahrung wissen,  wie der  Hunger tut, und jeden Augenblick in die
       gleiche Lage kommen können; denn man findet diese stumme und doch
       so
       ---
       *) Zwei kühlende und moussierende Getränke, das erste von Wasser,
       Zucker und etwas Ingwer, das andre von Wasser, Zucker und Nesseln
       bereitet und bei den Arbeitern, namentlich Mäßigkeitsmännern, be-
       liebt.
       
       #317# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die Konkurrenz
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       höchst ergreifende Ansprache fast nur an solchen Straßen, die von
       Arbeitern frequentiert,  und zu solchen Stunden, in denen sie von
       Arbeitern passiert  werden; namentlich  aber Sonnabend abends, wo
       überhaupt die "Geheimnisse" der Arbeiterbezirke in den Hauptstra-
       ßen sich enthüllen und die Mittelklasse sich von diesen so verun-
       reinigten Gegenden  soviel wie  möglich zurückzieht.  Und wer von
       den Überflüssigen  Mut und  Leidenschaft genug  hat, sich der Ge-
       sellschaft offen  zu widersetzen  und auf  den   v e r s t e c k-
       t e n   Krieg, den  die Bourgeoisie  gegen  ihn  führt,  mit  dem
       o f f n e n   Krieg gegen  die Bourgeoisie zu antworten, der geht
       hin, stiehlt und raubt und mordet.
       Dieser Überflüssigen  gibt es nach den Berichten der Armengesetz-
       kom-missäre durchschnittlich  anderthalb Millionen in England und
       Wales, in  Schottland läßt sich die Zahl wegen Mangel an Armenge-
       setzen nicht  bestimmen, und  von Irland  werden wir  speziell zu
       sprechen haben. Diese anderthalb Millionen schließen übrigens nur
       diejenigen ein, die wirklich die Armenverwaltung um Hülfe anspre-
       chen; die  große Menge,  die sich,  ohne dies letzte, so sehr ge-
       scheute Auskunftsmittel  anzuwenden, forthilft,  ist darin  nicht
       eingeschlossen; dafür  fällt aber  auch ein guter Teil der obigen
       Zahl auf  die Ackerbaudistrikte  und kommt hier also nicht in Be-
       tracht. Während  einer Krisis vermehrt sich diese 1*) Zahl natür-
       lich um  ein bedeutendes,  und die  Not steigt  auf den  höchsten
       Grad. Nehmen  wir z.B. die Krisis von 1842, die, weil die letzte,
       auch die  heftigste war  - denn  die Intensität der Krisen wächst
       mit jeder Wiederholung, und die nächste, die wohl 1847 spätestens
       eintreten wird  *), wird  allem Anscheine  nach noch heftiger und
       dauernder sein.  Während dieser  Krisis stieg  die Armensteuer in
       allen Städten  auf einen  nie gekannten  Höhepunkt. Unter  ändern
       mußten in  Stockport von  jedem Pfund,  das an  Hausmiete bezahlt
       wurde, acht  Shilling Armensteuer  bezahlt  werden,  so  daß  die
       Steuer allein  40 Prozent  vom Mietbetrage  der ganzen Stadt aus-
       machte; dazu standen ganze Straßen leer, so daß mindestens 20 000
       Einwohner weniger  als gewöhnlich  da waren  und man an die Türen
       der leerstehenden  Häuser geschrieben  fand: Stockport  to let  -
       Stockport zu  vermieten. In Bolton, wo in gewöhnlichen Jahren der
       Armensteuer zahlende  Mietertrag durchschnittlich 86 000 Pfd. St.
       betrug, sank er auf 36 000 Pfd. St.; dagegen stieg die Anzahl der
       zu unterstützenden  Armen auf  14 000, also  über 20  Prozent der
       ganzen Einwohnerzahl.  In Leeds  hatte die  Armenverwaltung einen
       Reservefonds von  10 000 Pfd.  St. -  dieser, sowie eine Kollekte
       von 7000  Pfd. St.,  wurde schon,  ehe die Krisis ihren Höhepunkt
       erreichte,
       ---
       *) (1887 Fußnote) And it came in 1847 [Und sie kam 1847].
       -----
       1*) (1892) die
       
       #318# Friedrich Engels
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       vollständig erschöpft.  So war  es überall;  ein Bericht, den ein
       Komitee der Anti-Korngesetz-Ligue im Januar 1843 über den Zustand
       der Industriebezirke  im Jahre  1842 erstattete  und der auf aus-
       führlichen Angaben der Fabrikanten beruhte, sagt aus, daß die Ar-
       mensteuer durchschnittlich  doppelt so  hoch gewesen sei als 1839
       und die  Zahl der  Unterstützungsbedürftigen sich seit jener Zeit
       verdreifacht, ja  verfünffacht habe;  daß eine  Menge Applikanten
       einer Klasse angehörten, die bis jetzt nie um Unterstützung ange-
       halten hätten  usw.; daß  die arbeitende Klasse über zwei Drittel
       weniger Lebensmittel  zu verfügen  habe als 1834/36; daß die Kon-
       sumtion von  Fleisch bedeutend  geringer gewesen sei - an einigen
       Orten 20 Prozent, an ändern bis zu 60 Prozent; daß selbst die ge-
       wöhnlichen Handwerker,  Schmiede,  Maurer usw.,  die sonst in den
       gedrücktesten Perioden noch volle Beschäftigung hatten, ebenfalls
       viel an  Mangel an  Arbeit und Lohnherabsetzung gelitten hätten -
       und daß  selbst jetzt,  im Januar 1843, der Lohn noch fortwährend
       im Fallen sei. Und das sind Berichte von Fabrikanten!
       Die brotlosen  Arbeiter, deren Fabriken stillstanden, deren Brot-
       herren ihnen  keine Arbeit geben konnten, standen überall auf den
       Straßen, bettelten  einzeln oder  in Haufen,  belagerten scharen-
       weise die  Chausseen und  sprachen die Vorüberkommenden um Unter-
       stützung an  - sie  baten aber  nicht kriechend,  wie gewöhnliche
       Bettler, sondern  drohend durch  ihre  Zahl,  ihre  Gebärden  und
       Worte. So  sah es  in allen  Industriebezirken aus, von Leicester
       bis Leeds  und von Manchester bis Birmingham. Hier und da brachen
       einzelne Unruhen aus, so im Juli in den Töpfereien von Nord-Staf-
       fordshire; die  fürchterlichste Gärung herrschte unter den Arbei-
       tern, bis  sie endlich  im August in der allgemeinen Insurrektion
       der Fabrikdistrikte zum Ausbruche kam. Als ich Ende November 1842
       nach Manchester kam, standen noch überall eine Menge Arbeitsloser
       an den  Straßenecken, und  viele Fabriken  standen noch still; in
       den nächsten  Monaten bis Mitte 1843 verloren sich die unfreiwil-
       ligen Eckensteher  allmählich, und  die Fabriken  kamen wieder in
       Betrieb.
       Was hier für eine Masse von Elend und Not unter diesen Arbeitslo-
       sen während einer solchen Krisis herrscht, brauche ich wohl nicht
       erst zusagen.  Die Armensteuer  reicht nicht  aus  -  bei  weitem
       nicht; die  Wohltätigkeit der  Reichen ist ein Schlag ins Wasser,
       dessen Wirkung in einem Augenblick verschwunden ist; die Bettelei
       kann, wo  so viele sind, nur wenigen helfen. Wenn nicht die klei-
       nen Krämer den Arbeitern zu solchen Zeiten auf Kredit verkauften,
       solange sie  können - sie lassen sich freilich auch tüchtig dafür
       nachzahlen -, und wenn nicht die Arbeiter unter sich einander un-
       terstützten, solange  sie können, so würde jede Krisis allerdings
       Massen von "Überflüssigen"
       
       #319# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die Konkurrenz
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       durch Hungersnot  wegraffen. So  aber, da die gedrückteste Epoche
       doch nur  kurz ist, ein Jahr, höchstens zwei oder dritthalb Jahre
       dauert, kommen  die meisten  doch noch  mit dem nackten Leben und
       schweren Entbehrungen  davon.  Daß  indirekt,  durch  Krankheiten
       usw., in  jeder Krisis eine Menge Opfer fallen, werden wir sehen.
       Einstweilen wenden  wir uns zu einer ändern Ursache der Erniedri-
       gung, der die englischen Arbeiter anheimgegeben sind, einer Ursa-
       che, die  noch fortwährend daran arbeitet, jene Klasse immer tie-
       fer und tiefer herabzudrücken.

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