Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846
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Die Konkurrenz
Wir haben in der Einleitung gesehen, wie die Konkurrenz gleich im
Anfange der industriellen Bewegung das Proletariat schuf, indem
sie bei vermehrter Nachfrage nach gewebten Stoffen den Weblohn
steigerte und dadurch die webenden Bauern veranlaßte, ihre Acker-
wirtschaft dranzugehen, um am Webstuhl desto mehr verdienen zu
können; wir haben gesehen, wie sie die kleinen Bauern durch das
System der Bewirtschaftung im großen verdrängte, sie zu Proleta-
riern herabsetzte und dann teilweise in die Städte zog; wie sie
ferner die kleine Bourgeoisie zum größten Teil ruinierte und
ebenfalls zu Proletariern herabdrückte, wie sie das Kapital in
den Händen weniger und die Bevölkerung in den großen Städten zen-
tralisierte. Das sind die verschiedenen Wege und Mittel, durch
welche die Konkurrenz, wie sie in der modernen Industrie zur
vollen Erscheinung und zur freien Entwicklung ihrer Konsequenzen
kam, das Proletariat schuf und ausdehnte. Wir werden jetzt ihren
Einfluß auf das schon bestehende Proletariat zu betrachten haben.
Und hier haben wir zuerst die Konkurrenz der einzelnen Arbeiter
unter sich in ihren Folgen zu entwickeln.
Die Konkurrenz ist der vollkommenste Ausdruck des in der modernen
bürgerlichen Gesellschaft herrschenden Kriegs Aller gegen Alle.
Dieser Krieg, ein Krieg um das Leben, um die Existenz, um
a l l e s, also auch im Notfalle ein Krieg auf Leben und Tod,
besteht nicht nur zwischen den verschiedenen Klassen der Gesell-
schaft, sondern auch zwischen den einzelnen Mitgliedern dieser
Klassen; jeder ist dem ändern im Wege, und jeder sucht daher auch
alle, die ihm im Wege sind, zu verdrängen und sich an ihre Stelle
zu setzen. Die Arbeiter konkurrieren unter sich, wie die Bour-
geois unter sich konkurrieren. Der mechanische Weber konkurriert
gegen den Handweber, der unbeschäftigte oder schlecht bezahlte
Handweber gegen den beschäftigten oder besser bezahlten und sucht
ihn zu verdrängen. Diese Konkurrenz der Arbeiter gegeneinander
ist aber die schlimmste Seite der jetzigen Verhältnisse für den
#307# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die Konkurrenz
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Arbeiter, die schärfste Waffe gegen das Proletariat in den Händen
der Bourgeoisie. Daher das Streben der Arbeiter, diese Konkurrenz
durch Assoziationen aufzuheben, daher die Wut der Bourgeoisie ge-
gen diese Assoziationen und ihr Triumph über jede diesen beige-
brachte Schlappe.
Der Proletarier ist hülflos; er kann für sich selbst nicht einen
einzigen Tag leben. Die Bourgeoisie hat sich das Monopol aller
Lebensmittel im weitesten Sinne des Worts angemaßt. Was der Pro-
letarier braucht, kann er nur von dieser Bourgeoisie, die durch
die Staatsgewalt in ihrem Monopol geschützt wird, erhalten. Der
Proletarier ist also rechtlich und tatsächlich der Sklave der
Bourgeoisie; sie kann über sein Leben und seinen Tod verfügen.
Sie bietet ihm ihre Lebensmittel an, aber für ein "Äquivalent",
für seine Arbeit; sie läßt ihm sogar noch den Schein, als ob er
aus freiem Willen handelte, mit freier, zwangloser Einwilligung,
als mündiger Mensch einen Vertrag mit ihr abschlösse. Schöne
Freiheit, wo dem Proletarier keine andere Wahl bleibt, als die
Bedingungen, die ihm die Bourgeoisie stellt, zu unterschreiben
oder - zu verhungern, zu erfrieren, sich nackt bei den Tieren des
Waldes zu betten! Schönes "Äquivalent", dessen Betrag ganz im Be-
lieben der Bourgeoisie steht! Und ist der Proletarier ein solcher
Narr, lieber verhungern zu wollen, als sich in die "billigen"
Vorschläge der Bourgeois, seiner "natürlichen Vorgesetzten" *),
zu fügen - je nun, es findet sich leicht ein anderer, es gibt
Proletarier genug in der Welt, und nicht alle sind so verrückt,
nicht alle ziehen den Tod dem Leben vor.
Da haben wir die Konkurrenz der Proletarier untereinander. Wenn
a l l e Proletarier nur den Willen aussprächen, lieber verhun-
gern als für die Bourgeoisie arbeiten zu wollen, so würde diese
schon von ihrem Monopol abstehen müssen; aber das ist nicht der
Fall, das ist sogar ein ziemlich unmöglicher Fall, und daher ist
die Bourgeoisie noch immer guter Dinge. Nur e i n e Schranke
hat diese Konkurrenz der Arbeiter - kein Arbeiter wird für weni-
ger arbeiten wollen, als er zu seiner Existenz nötig hat; wenn er
einmal verhungern soll, so wird er lieber faul als arbeitend ver-
hungern wollen. Freilich ist diese Schranke relativ; der eine
braucht mehr als der andere, der eine ist an mehr Bequemlichkeit
gewöhnt als der andere - der Engländer, der noch etwas zivili-
siert ist, braucht mehr als der Irländer, der in Lumpen geht,
Kartoffeln ißt und in einem Schweinestall schläft. Aber das hin-
dert den Irländer nicht, gegen den Engländer zu konkurrieren und
allmählich den Lohn und mit ihm den Zivilisationsgrad des engli-
schen Arbeiters auf das Niveau des irischen herabzudrücken. Ge-
wisse Arbeiten erfordern einen bestimmten Zivilisationsgrad, und
dahin gehören fast alle industriellen; daher muß der Lohn hier
schon im Interesse
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*) Lieblingsausdruck der englischen Fabrikanten.
#308# Friedrich Engels
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der Bourgeoisie selbst so hoch sein, daß er dem Arbeiter möglich
macht, sich in dieser Sphäre zu erhalten. Der frischeingewander-
te, im ersten besten Stalle kampierende Irländer, der selbst in
einer erträglichen Wohnung jede Woche auf die Straße gesetzt
wird, weil er alles versäuft und die Miete nicht bezahlen kann,
der würde ein schlechter Fabrikarbeiter sein; daher muß den
Fabrikarbeitern so viel gegeben werden, daß sie ihre Kinder zu
regelmäßiger Arbeit erziehen können - aber auch nicht mehr, damit
sie nicht den Lohn ihrer Kinder entbehren können und sie etwas
anderes werden lassen als bloße Arbeiter. Auch hier ist die
Schranke, das Minimum des Lohns, relativ; wo jeder in der Familie
arbeitet, braucht der einzelne um soviel weniger zu erhalten, und
die Bourgeoisie hat die Gelegenheit zur Beschäftigung und
Rentbarmachung der Weiber und Kinder, die ihr in der
Maschinenarbeit gegeben wurde, zur Herabdrückung des Lohns
weidlich benutzt. Natürlich ist nicht in jeder Familie jeder
arbeitsfähig, und eine solche Familie würde sich schlecht stehen,
wenn sie zu dem auf eine ganz arbeitsfähige Familie berechneten
Minimum des Lohns arbeiten wollte; daher stellt sich der Lohn
hier auf einen Durchschnitt, bei dem es der ganz arbeitsfähigen
Familie ziemlich gut, der weniger arbeitsfähige Mitglieder
zählenden ziemlich schlecht geht. Aber im schlimmsten Falle wird
jeder Arbeiter lieber das bißchen Luxus oder Zivilisation
aufgeben, an das er gewöhnt war, um nur die nackte Existenz zu
fristen; er wird lieber einen Schweinestall als gar kein Obdach,
lieber Lumpen als gar keine Kleider, lieber nur Kartoffeln haben
wollen als verhungern. Er wird lieber, in Aussicht auf bessere
Zeiten, mit halbem Lohn zufrieden sein, als sich still auf die
Straße setzen und vor den Augen der Welt sterben, wie so mancher
Brotlose es getan hat. Dies bißchen also, dies etwas mehr als
nichts, ist das Minimum des Lohns. Und wenn mehr Arbeiter da
sind, als die Bourgeoisie zu beschäftigen für gut hält, wenn also
am Ende des Konkurrenzkampfs doch noch eine Zahl übrigbleibt, die
keine Arbeit findet, so muß diese Zahl eben verhungern; denn der
Bourgeois wird ihnen doch wahrscheinlich keine Arbeit geben, wenn
er die Produkte ihrer Arbeit nicht mit Nutzen verkaufen kann.
Wir sehen hieraus, was das Minimum des Lohns ist. Das Maximum
wird durch die Konkurrenz der Bourgeois gegeneinander festge-
stellt, denn wir sahen, wie auch diese konkurrieren. Der Bour-
geois kann sein Kapital nur durch Handel oder Industrie vergrö-
ßern, und zu beiden Zwecken braucht er Arbeiter. Selbst wenn er
sein Kapital auf Zinsen legt, braucht er sie indirekt, denn ohne
Handel und Industrie würde ihm niemand Zinsen dafür geben, würde
niemand es benutzen können. So braucht allerdings der Bourgeois
den Proletarier, aber nicht zum unmittelbaren Leben - er könnte
ja von seinem
#309# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die Konkurrenz
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Kapitale zehren -, sondern wie man einen Handelsartikel oder ein
Lasttier braucht, zur Bereicherung. Der Proletarier verarbeitet
dem Bourgeois die Waren, die dieser mit Nutzen verkauft. Wenn
also die Nachfrage nach diesen Waren wächst, so daß die gegenein-
ander konkurrierenden Arbeiter alle beschäftigt werden, viel-
leicht einige zu wenig da sind, so fällt die Konkurrenz der Ar-
beiter weg, und die Bourgeois fangen an, gegeneinander zu konkur-
rieren. Der Arbeiter suchende Kapitalist weiß sehr wohl, daß er
bei den infolge der vermehrten Nachfrage steigenden Preisen grö-
ßeren Gewinn macht, also auch lieber etwas mehr Lohn bezahlt, als
sich den ganzen Gewinn entgehen läßt; er wirft mit der Wurst nach
dem Schinken, und wenn er nur diesen bekommt, gönnt er dem Prole-
tarier gern die Wurst. So jagt ein Kapitalist dem ändern die Ar-
beiter ab, und der Lohn steigt. Aber nur so hoch, wie die stei-
gende Nachfrage erlaubt. Wenn der Kapitalist, der wohl von seinem
außerordentlichen Gewinn etwas aufopferte, auch von seinem or-
dentlichen, d. h. Durchschnittsgewinn etwas opfern sollte, so hü-
tet er sich wohl, höheren als Durchschnittslohn zu zahlen.
Hieraus können wir den Durchschnittslohn bestimmen. Unter Durch-
schnittsverhältnissen, d.h. wenn weder Arbeiter noch Kapitalisten
Grund haben, besonders gegeneinander zu konkurrieren, wenn
g e r a d e s o v i e l Arbeiter da sind, als beschäftigt wer-
den können, um die gerade verlangten Waren zu verfertigen, wird
der Lohn etwas mehr als das Minimum betragen. Wie sehr er das Mi-
nimum übersteigen wird, wird von den Durchschnittsbedürfnissen
und dem Zivilisationsgrad der Arbeiter abhängen. Wenn die Arbei-
ter gewohnt sind, wöchentlich mehrere Male Fleisch zu essen, so
werden sich die Kapitalisten bequemen müssen, den Arbeitern so
viel Lohn zu bezahlen, daß diesen eine solche Nahrung erschwing-
lich wird. Nicht weniger, weil die Arbeiter nicht unter sich kon-
kurrieren, also auch keine Ursache haben, mit weniger vorliebzu-
nehmen; nicht mehr, weil der Mangel der Konkurrenz unter den Ka-
pitalisten diesen keine Veranlassung gibt, die Arbeiter durch au-
ßerordentliche Begünstigungen an sich zu ziehen.
Dies Maß der durchschnittlichen Bedürfnisse und der durchschnitt-
lichen Zivilisation der Arbeiter ist durch die komplizierten Ver-
hältnisse der heutigen englischen Industrie ein sehr verwickeltes
und für verschiedene Arbeiterklassen verschiedenes geworden, wie
schon oben angedeutet wurde. Die meisten industriellen Arbeiten
erfordern indes eine gewisse Geschicklichkeit und Regelmäßigkeit,
und für diese, die dann auch einen gewissen Zivilisationsgrad er-
fordern, muß dann auch der Durchschnittslohn so sein, daß er den
Arbeiter veranlaßt, sich diese Geschicklichkeit anzueignen und
dieser Regelmäßigkeit der Arbeit sich zu unterwerfen. Daher kommt
es, daß der
#310# Friedrich Engels
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Lohn der Industriearbeiter durchschnittlich höher ist als der der
bloßen Lastträger, Tagelöhner usw., namentlich höher als der der
Arbeiter auf dem Lande, wozu freilich noch die Verteurung der Le-
bensmittel in den Städten ihr Teil beiträgt.
Oder deutsch gesprochen: Der Arbeiter ist rechtlich und faktisch
Sklave der besitzenden Klasse, der Bourgeoisie, so sehr ihr
Sklave, daß er wie eine Ware verkauft wird, wie eine Ware im
Preise steigt und fällt. Steigt die Nachfrage nach Arbeitern, so
steigen die Arbeiter im Preise; fällt sie, so fallen sie im
Preise; fällt sie so sehr, daß eine Anzahl Arbeiter nicht ver-
käuflich sind, "auf Lager bleiben", so bleiben sie eben hegen,
und da sie vom bloßen Liegen nicht leben können, so sterben sie
Hungers. Denn, um in der Sprache der Nationalökonomen zu spre-
chen, die auf ihren Unterhalt verwendeten Kosten würden sich
nicht "reproduzieren", würden weggeworfnes Geld sein, und dazu
gibt kein Mensch sein Kapital her. Und soweit hat Herr Malthus
mit seiner Populationstheorie 1*) vollkommen recht. Der ganze Un-
terschied gegen die alte, offenherzige Sklaverei ist nur der, daß
der heutige Arbeiter frei zu sein s c h e i n t, weil er nicht
auf einmal verkauft wird, sondern stückweise, pro Tag, pro Woche,
pro Jahr, und weil nicht ein Eigentümer ihn dem ändern verkauft,
sondern er sich selbst auf diese Weise verkaufen muß, da er ja
nicht der Sklave eines einzelnen, sondern der ganzen besitzenden
Klasse ist. Für ihn bleibt die Sache im Grunde dieselbe, und wenn
dieser Schein der Freiheit ihm auch einerseits einige
w i r k l i c h e Freiheit geben muß, so hat er auf der ändern
Seite auch den Nachteil, daß ihm kein Mensch seinen Unterhalt ga-
rantiert, daß er von seinem Herrn, der Bourgeoisie, jeden Augen-
blick zurückgestoßen und dem Hungertode überlassen werden kann,
wenn die Bourgeoisie kein Interesse mehr an seiner Beschäftigung,
an seiner Existenz hat. Die Bourgeoisie dagegen steht sich bei
dieser Einrichtung viel besser als bei der alten Sklaverei - sie
kann ihre Leute abdanken» wenn sie Lust hat, ohne daß sie dadurch
ein angelegtes Kapital verlöre, und bekommt überhaupt die Arbeit
viel wohlfeiler getan, als es sich durch Sklaven tun läßt, wie
dies Adam Smith* ihr zu Tröste vorrechnet.
Hieraus folgt denn auch, daß Adam Smith *) ganz recht hat, wenn
er (a.a.O. [p. 133]) den Satz aufstellt:
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*) "Man hat gesagt, daß der Verschleiß eines Sklaven auf Kosten
seines Herrn vor sich gehe, während der eines freien Arbeiters
für Rechnung dieses Arbeiters geschehe. Aber der Verschleiß des
letzteren ist ebenfalls für Rechnung des Herrn. Der den Tagelöh-
nern, Dienern usw. von jeglicher Art bezahlte Lohn muß so hoch
sein, daß er diese
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1*) Bevölkerungstheorie
#311# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die Konkurrenz
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"daß die Nachfrage nach Arbeitern, gerade wie die Nachfrage nach
irgendeinem a n d e r n A r t i k e l, die Produktion von Ar-
beitern, die Quantität der erzeugten Menschen reguliert, diese
Produktion beschleunigt, wenn sie zu langsam geht, sie aufhält,
wenn sie zu rasch fortschreitet".
G a n z w i e m i t j e d e m ä n d e r n H a n d e l s a r-
t i k e l - ist zuwenig da, so steigen die Preise, d.h. der
Lohn, es geht den Arbeitern besser, die Heiraten vermehren sich,
es werden mehr Menschen erzeugt, es wachsen mehr Kinder heran,
bis genug Arbeiter produziert sind; ist zuviel da, so fallen die
Preise, es tritt Brotlosigkeit, Elend, Hungersnot und infolge
davon Seuchen ein, und raffen die "überflüssige Bevölkerung" weg.
Und Malthus, der obigen Smithschen Satz weiter ausführt, hat
ebenfalls in seiner Weise recht, wenn er behauptet, es sei stets
überflüssige Bevölkerung da, es seien immer zuviel Menschen in
der Welt; er hat nur dann unrecht, wenn er behauptet, es seien
mehr Menschen da, als von den vorhandenen Lebensmitteln ernährt
werden könnten. Die überflüssige Bevölkerung wird vielmehr durch
die Konkurrenz der Arbeiter unter sich erzeugt, die jeden
einzelnen Arbeiter zwingt, täglich so viel zu arbeiten, als seine
Kräfte ihm nur eben gestatten. Wenn ein Fabrikant täglich zehn
Arbeiter neun Stunden lang beschäftigen kann, so kann er, wenn
die Arbeiter zehn Stunden täglich arbeiten, nur neun be-
schäftigen, und der zehnte wird brotlos. Und wenn der Fabrikant
zu einer Zeit, wo die Nachfrage nach Arbeitern nicht sehr groß
ist, die neun Arbeiter durch die Drohung, sie zu entlassen, zwin-
gen kann, für denselben Lohn täglich eine Stunde mehr, also zehn
Stunden zu arbeiten, so entläßt er den zehnten und spart dessen
Lohn. Wie hier im kleinen, so geht es bei einer Nation im großen.
Die durch die Konkurrenz der Arbeiter unter sich auf ihr Maximum
gesteigerten Leistungen jedes einzelnen, die Teilung der Arbeit,
die Einführung von Maschinerie, die Benutzung der Elementarkräfte
werfen eine Menge Arbeiter außer Brot. Diese brotlosen Arbeiter
kommen aber aus dem Markte; sie können nichts mehr kaufen, also
die früher von ihnen verlangte Quantität Handelswaren wird jetzt
nicht mehr verlangt, braucht also nicht mehr angefertigt zu wer-
den, die
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in den Stand setzt, die Rasse der Tagelöhner und Diener in der
Weise fortzupflanzen, wie es die zunehmende, stationäre oder ab-
nehmende Nachfrage der Gesellschaft nach solchen Leuten gerade
verlangt. Aber obgleich der Verschleiß eines freien Arbeiters
ebenfalls auf Kosten des Herrn vor sich geht, so kostet er ihm
doch in der Regel viel weniger als der eines Sklaven. Der Fonds,
der dazu bestimmt ist, den Verschleiß eines Sklaven zu reparieren
oder zu ersetzen, wird gewöhnlich von einem nachlässigen Herrn
oder unaufmerksamen Aufseher verwaltet etc." - A. Smith, "Wealth
of Nations" [Der Reichtum der Nationen], I, 8, p. 134 der Mac-
Cullochschen vierbändigen Ausgabe.
#312# Friedrich Engels
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früher mit deren Verfertigung beschäftigten Arbeiter werden also
wieder brotlos, treten vorn Markte ebenfalls ab, und so geht es
immer weiter, immer denselben Kreislauf durch - oder vielmehr, so
würde es gehen, wenn nicht andre Umstände dazwischenträten. Die
Einführung der oben angeführten industriellen Mittel, die Produk-
tion zu vermehren, führt nämlich auf die Dauer niedrigere Preise
der produzierten Artikel und infolge davon einen vermehrten Kon-
sum herbei, so daß ein großer Teil der außer Brot gesetzten Ar-
beiter in neuen Arbeitszweigen und freilich nach langen Leiden
endlich doch wieder unterkommt. Tritt hierzu noch, wie es in Eng-
land während der letzten sechzig Jahre geschah, die Eroberung
fremder Märkte, so daß die Nachfrage nach Manufakturwaren fort-
während und rasch steigt, so steigt auch die Nachfrage nach Ar-
beitern und mit ihr die Bevölkerung in demselben Verhältnisse.
Statt also abzunehmen, hat sich die Einwohnerzahl des britischen
Reichs reißend schnell vermehrt, vermehrt sich noch fortwährend -
und bei all der steigenden Ausdehnung der Industrie, bei all der
im ganzen und großen steigenden Nachfrage nach Arbeitern hat Eng-
land, nach dem Geständnisse aller offiziellen Parteien (d.h. der
Tories, Whigs und Radikalen), dennoch fortwährend überzählige und
überflüssige Bevölkerung, ist dennoch fortwährend im ganzen die
Konkurrenz u n t e r den Arbeitern größer als die Konkurrenz
u m Arbeiter.
Woher kommt dieser Widerspruch? Aus dem Wesen der Industrie und
Konkurrenz und den darin begründeten Handelskrisen. Bei der heu-
tigen regellosen Produktion und Verteilung der Lebensmittel, die
nicht um der unmittelbaren Befriedigung der Bedürfnisse, sondern
um des Geldgewinns willen unternommen wird, bei dem System, wo-
nach jeder auf eigne Faust arbeitet und sich bereichert, muß alle
Augenblicke eine Stockung entstehen. England z.B. versorgt eine
Menge Länder mit den verschiedensten Waren. Wenn nun auch der Fa-
brikant weiß, wieviel von jedem Artikel in jedem einzelnen Lande
jährlich gebraucht wird, so weiß er doch nicht, wieviel zu jeder
Zeit die Vorräte dort betragen, und noch viel weniger, wieviel
seine Konkurrenten dorthin schicken. Er kann nur aus den ewig
schwankenden Preisen einen unsichern Schluß auf den Stand der
Vorräte und der Bedürfnisse machen, er muß aufs Geratewohl seine
Waren hinausschicken; alles geschieht blindlings ins Blaue hin-
ein, mehr oder weniger nur unter der Ägide des Zufalls. Auf die
geringsten günstigen Berichte hin schickt jeder, was er kann -
und nicht lange, so ist ein solcher Markt überfüllt mit Waren,
der Verkauf stockt, die Kapitalien 1*) bleiben aus, die Preise
fallen, und die englische
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1*) (1892) Rückflüsse
#313# Lage der arbeitenden Klasse In England - Die Konkurrenz
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Industrie hat keine Beschäftigung für ihre Arbeiter mehr. Im An-
fange der industriellen Entwicklung beschränkten sich diese Stoc-
kungen auf einzelne Fabrikationszweige und einzelne Märkte; aber
durch die zentralisierende Wirkung der Konkurrenz, die die Arbei-
ter, die m einem Arbeitszweige brotlos werden, auf die am
leichtesten erlernbaren aus den übrigen, und die in einem Markte
nicht mehr unterzubringenden Waren auf die übrigen Märkte wirft
und dadurch allmählich die einzelnen kleinen Krisen näher zusam-
menrückt, sind diese nach und nach in eine einzige Reihe von pe-
riodisch wiederkehrenden Krisen vereinigt worden. Eine solche
Krisis pflegt alle fünf Jahre auf eine kurze Periode der Blüte
und des allgemeinen Wohlbefindens zu folgen; der heimische Markt
wie alle fremden Märkte hegen voll englischer Fabrikate und
können diese letzteren nur langsam konsumieren; die industrielle
Bewegung stockt in fast allen Zweigen; die kleineren Fabrikanten
und Kaufleute, die das Ausbleiben ihrer Kapitalien nicht
überstehen können, fallieren, die größeren hören während der
Dauer der schlimmsten Epoche auf, Geschäfte zu machen, setzen
ihre Maschinen still oder lassen nur "kurze Zeit" arbeiten, d. h.
etwa nur halbe Tage; der Lohn fällt durch die Konkurrenz der
Brotlosen, die Verringerung der Arbeitszeit und den Mangel an
gewinnbringenden Warenverkäufen; allgemeines Elend verbreitet
sich unter den Arbeitern, die etwaigen kleinen Ersparnisse
einzelner sind rasch verzehrt, die wohltätigen Anstalten werden
überlaufen, die Armensteuer verdoppelt, verdreifacht sich und
reicht doch nicht aus, die Zahl der Verhungernden vermehrt sich,
und auf einmal tritt die ganze Menge der "überflüssigen"
Bevölkerung in schreckenerregender Anzahl hervor. Das dauert dann
eine Zeitlang; die "Überflüssigen" 1*) schlagen sich durch, so
gut es geht, oder schlagen sich auch nicht durch; die
Wohltätigkeit und die Armengesetze helfen vielen zu einer
mühsamen Fristung ihrer Existenz; andre finden hier und da in
solchen Arbeitszweigen, die der Konkurrenz weniger offengelegt
worden sind, die der Industrie ferner stellen, eine kümmerliche
Lebenserhaltung - und mit wie wenigem kann der Mensch sich nicht
für eine Zeitlang durchschlagen! - Allmählich wird der Stand der
Dinge günstiger; die aufgehäuften Warenvorräte werden konsumiert,
die allgemeine Niedergeschlagenheit der Handels- und
Industriemänner hindert ein zu rasches Auffüllen der Lücken, bis
endlich steigende Preise und günstige Berichte von allen Seiten
die Tätigkeit wieder herstellen. Die Märkte liegen meist weit
entfernt; bis die ersten neuen Zufuhren hingelangen können,
steigt die Nachfrage fortwährend und mit ihr die Preise; man
reißt sich um die zuerst ankommenden Waren, die
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1*) (1892) "Überschüssigen"
#314# Friedrich Engels
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ersten Verkäufe beleben den Verkehr noch mehr, die noch erwarte-
ten Zufuhren versprechen noch höhere Preise, man fängt in Erwar-
tung eines ferneren Aufschlags an, auf Spekulation zu kaufen und
so die für den Konsum bestimmten Waren gerade zur nötigsten Zeit
dem Konsum zu entziehen - die Spekulation steigert die Preise
noch mehr, da sie andre zum Kaufen ermutigt und neue Zufuhren
vorwegnimmt - alles das wird nach England berichtet, die Fabri-
kanten fangen wieder flott an zu arbeiten, neue Fabriken werden
errichtet, alle Mittel aufgeboten, um die günstige Epoche auszu-
beuten; die Spekulation tritt auch hier ein, ganz mit derselben
Wirkung wie auf den fremden Märkten, die Preise steigernd, die
Waren dem Konsum wegnehmend, durch beides die industrielle Pro-
duktion zur höchsten Kraftanstrengung treibend - dann kommen die
"unsoliden" Spekulanten, die mit fiktivem Kapital arbeiten, vom
Kredit leben, die ruiniert sind, wenn sie nicht gleich flott ver-
kaufen können, und stürzen sich in dies allgemeine, unordentliche
Wettrennen nach Geldgewinn, vermehren die Unordnung und Hast
durch ihre eigne zügellose Leidenschaft, welche Preise und Pro-
duktion bis zum Wahnsinn steigert - es ist ein tolles Treiben,
das auch den Ruhigsten und Erfahrensten ergreift, es wird gehäm-
mert, gesponnen, gewoben, als gälte es, die ganze Menschheit neu
zu equipieren, als wären ein paar Tausend Millionen neuer Konsu-
menten auf dem Monde entdeckt worden. Auf einmal fangen drüben
die unsoliden Spekulanten, die Geld haben müssen, zu verkaufen an
- unter dem Marktpreise, versteht sich, denn die Sache hat Eile -
dem einen Verkauf folgen mehrere, die Preise wanken, die Speku-
lanten werfen erschreckt ihre Waren in den Markt, der Markt ist
in Unordnung, der Kredit ist erschüttert, ein Haus nach dem än-
dern stellt die Zahlungen ein, Bankerott folgt auf Bankerott, und
man findet, daß dreimal mehr Ware am Platze und unterwegs ist,
als der Konsum erfordern würde. Die Nachrichten kommen nach Eng-
land, wo in der Zwischenzeit noch immer mit aller Gewalt fabri-
ziert worden - ein panischer Schrecken ergreift auch hier die Ge-
müter, die Fallissements von drüben ziehen andre in England nach
sich, die Stockung stürzt dazu noch eine Menge Häuser, in der
Angst werden auch hier alle Vorräte gleich an den Markt gebracht
und der Schrecken dadurch noch übertrieben. Das ist der Anfang
der Krisis, die dann wieder genau denselben Verlauf nimmt wie die
vorige und später wieder in eine Periode der Blüte umschlägt. So
geht es in einem fort, Blüte, Krisis, Blüte, Krisis, und dieser
ewige Kreislauf, in dem sich die englische Industrie bewegt,
pflegt sich, wie gesagt, in je fünf oder sechs Jahren zu vollen-
den.
Hieraus geht hervor, daß zu allen Zeiten, ausgenommen in den
kurzen Perioden höchster Blüte, die englische Industrie eine un-
beschäftigte Reserve
#315# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die Konkurrenz
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von Arbeitern haben muß, um eben während der am meisten belebten
Monate die im Markte verlangten Massen von Waren produzieren zu
können. Diese Reserve ist mehr oder minder zahlreich, je nachdem
die Lage des Marktes minder oder mehr die Beschäftigung eines
Teiles derselben veranlaßt. Und wenn auch bei dem höchsten Blü-
tenstande des Marktes wenigstens zeitweise die Ackerbaudistrikte,
Irland und die weniger von dem Aufschwung ergriffenen Arbeits-
zweige eine Anzahl Arbeiter liefern können, so bilden diese ei-
nerseits doch eine Minderzahl und gehören andrerseits ebenfalls
zur Reserve, nur mit dem Unterschiede, daß der jedesmalige Auf-
schwung es erst zeigt, d a ß sie dazu gehören. Man schränkt
sich, wenn sie zu den belebteren Arbeitszweigen übertreten, da-
heim ein, um den Ausfall weniger zu merken, arbeitet länger, be-
schäftigt Weiber und jüngere Leute, und wenn sie beim Eintritt
der Krisis entlassen zurückkommen, finden sie, daß ihre Stellen
besetzt und sie überflüssig sind - wenigstens großenteils. Diese
Reserve, zu der während der Krisis eine ungeheure Menge und wäh-
rend der Zeitabschnitte, die man als Durchschnitt von Blüte und
Krisis annehmen kann, noch immer eine gute Anzahl gehören - das
ist die "überzählige Bevölkerung" Englands, die durch Betteln und
Stehlen, durch Straßenkehren, Einsammeln von Pferdemist, Fahren
mit Schubkarren oder Eseln, Herumhökern oder einzelne gelegentli-
che kleine Arbeiten eine kümmerliche Existenz fristet. Man sieht
in allen großen Städten eine Menge solcher Leute, die so durch
kleine gelegentliche Verdienste "Leib und Seele zusammenhalten",
wie die Engländer sagen. Es ist merkwürdig, zu welchen Erwerbs-
zweigen diese "überflüssige Bevölkerung" ihre Zuflucht nimmt. Die
Londoner Straßenkehrer (cross sweeps 1*)) sind weltbekannt; bis-
her wurden aber nicht nur diese Kreuzwege, sondern auch in ändern
großen Städten die Hauptstraßen von Arbeitslosen gekehrt, die von
der Armen- oder Straßenverwaltung dazu angenommen wurden - jetzt
hat man eine Maschine, die täglich durch die Straßen rasselt und
den Arbeitslosen diesen Erwerbszweig verdorben hat. Auf den
großen Routen, die in die Städte führen und auf denen viel Wagen-
verkehr ist, sieht man eine Menge Leute mit kleinen Karren, die
den frischgefallnen Pferdemist mit Lebensgefahr zwischen den vor-
beirollenden Kutschen und Omnibussen wegscharren und zum Verkauf
einsammeln - dafür müssen sie oft noch wöchentlich ein paar Shil-
ling an die Straßenverwaltung bezahlen, und an vielen Orten ist
es ganz verboten, weil sonst die Straßenverwaltung ihren zusam-
mengekehrten Kot, der nicht den gehörigen Anteil Pferdemist
enthielt, nicht als Dünger verkaufen konnte. Glücklich sind die-
jenigen "Überflüssigen",
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1*) (1892) crossing sweeps
#316# Friedrich Engels
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die sich eine Schubkarre verschaffen und damit Fuhren tun können,
noch glücklicher diejenigen, denen es gelingt, Geld für einen
Esel nebst Karre zu bekommen - der Esel muß sich sein Futter
selbst suchen oder erhält ein wenig zusammengesuchten Abfall und
kann doch einiges Geld einbringen.
Die meisten "Überflüssigen" werfen sich aufs Hökern. Namentlich
Samstag abends, wenn die ganze Arbeiterbevölkerung auf den Stra-
ßen ist, sieht man die Menge zusammen, die da von lebt. Schnür-
riemen, Hosenträger, Litzen, Orangen, Kuchen, kurz alle möglichen
Artikel werden von zahllosen Männern, Frauen und Kindern ausgebo-
ten - und auch sonst sieht man alle Augenblicke solche Höker mit
Orangen, Kuchen, Ginger-beer oder Nettle-beer *) in den Straßen
stehen oder umherziehen. Zündhölzchen und derartige Dinge, Sie-
gellack, Patent-Kompositionen zum Feueranzünden usw. bilden eben-
falls Handelsartikel für diese Leute. Andre - sogenannte Jobbers
- gehen in den Straßen umher und sehen sich nach gelegentlichen
kleinen Arbeiten um; manchem derselben gelingt es, sieb ein Tage-
werk zu verschaffen, viele sind nicht so glücklich.
"An den Toren aller Londoner Docks", erzählt der Rev[eren]d W.
Champneys, Prediger im östlichen Distrikt von London, "erscheinen
jeden Morgen im Winter schon vor Tagesanbruch Hunderte von Armen,
die in der Hoffnung, ein Tagewerk zu erlangen, auf die Eröffnung
der Tore warten, und wenn die jüngsten und stärksten und die am
meisten bekannten engagiert worden sind, gehen noch Hunderte nie-
dergeschlagen von getäuschter Hoffnung zu ihren ärmlichen Wohnun-
gen zurück." [88]
Was bleibt diesen Leuten, wenn sie keine Arbeit finden und sich
nicht gegen die Gesellschaft auflehnen wollen, anders übrig als
zu betteln? Und da kann man sich nicht über die Menge von Bett-
lern, die meist arbeitsfähige Männer sind, wundern, mit denen die
Polizei fortwährend zu kämpfen hat. Die Bettelei dieser Männer
hat aber einen eigentümlichen Charakter. Solch ein Mann pflegt
mit seiner Familie umherzuziehen, in den Straßen ein bittendes
Lied zu singen oder in einem Vortrage die Mildtätigkeit der Nach-
barn anzusprechen. Und es ist auffallend, daß man diese Bettler
fast nur in Arbeiterbezirken findet, daß es fast nur Gaben von
Arbeitern sind, von denen sie sich erhalten. Oder die Familie
stellt sich schweigend an eine belebte Straße und läßt, ohne ein
Wort zu sagen, den bloßen Anblick der Hülflosigkeit wirken. Auch
hier rechnen sie nur auf die Teilnahme der Arbeiter, die aus Er-
fahrung wissen, wie der Hunger tut, und jeden Augenblick in die
gleiche Lage kommen können; denn man findet diese stumme und doch
so
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*) Zwei kühlende und moussierende Getränke, das erste von Wasser,
Zucker und etwas Ingwer, das andre von Wasser, Zucker und Nesseln
bereitet und bei den Arbeitern, namentlich Mäßigkeitsmännern, be-
liebt.
#317# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die Konkurrenz
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höchst ergreifende Ansprache fast nur an solchen Straßen, die von
Arbeitern frequentiert, und zu solchen Stunden, in denen sie von
Arbeitern passiert werden; namentlich aber Sonnabend abends, wo
überhaupt die "Geheimnisse" der Arbeiterbezirke in den Hauptstra-
ßen sich enthüllen und die Mittelklasse sich von diesen so verun-
reinigten Gegenden soviel wie möglich zurückzieht. Und wer von
den Überflüssigen Mut und Leidenschaft genug hat, sich der Ge-
sellschaft offen zu widersetzen und auf den v e r s t e c k-
t e n Krieg, den die Bourgeoisie gegen ihn führt, mit dem
o f f n e n Krieg gegen die Bourgeoisie zu antworten, der geht
hin, stiehlt und raubt und mordet.
Dieser Überflüssigen gibt es nach den Berichten der Armengesetz-
kom-missäre durchschnittlich anderthalb Millionen in England und
Wales, in Schottland läßt sich die Zahl wegen Mangel an Armenge-
setzen nicht bestimmen, und von Irland werden wir speziell zu
sprechen haben. Diese anderthalb Millionen schließen übrigens nur
diejenigen ein, die wirklich die Armenverwaltung um Hülfe anspre-
chen; die große Menge, die sich, ohne dies letzte, so sehr ge-
scheute Auskunftsmittel anzuwenden, forthilft, ist darin nicht
eingeschlossen; dafür fällt aber auch ein guter Teil der obigen
Zahl auf die Ackerbaudistrikte und kommt hier also nicht in Be-
tracht. Während einer Krisis vermehrt sich diese 1*) Zahl natür-
lich um ein bedeutendes, und die Not steigt auf den höchsten
Grad. Nehmen wir z.B. die Krisis von 1842, die, weil die letzte,
auch die heftigste war - denn die Intensität der Krisen wächst
mit jeder Wiederholung, und die nächste, die wohl 1847 spätestens
eintreten wird *), wird allem Anscheine nach noch heftiger und
dauernder sein. Während dieser Krisis stieg die Armensteuer in
allen Städten auf einen nie gekannten Höhepunkt. Unter ändern
mußten in Stockport von jedem Pfund, das an Hausmiete bezahlt
wurde, acht Shilling Armensteuer bezahlt werden, so daß die
Steuer allein 40 Prozent vom Mietbetrage der ganzen Stadt aus-
machte; dazu standen ganze Straßen leer, so daß mindestens 20 000
Einwohner weniger als gewöhnlich da waren und man an die Türen
der leerstehenden Häuser geschrieben fand: Stockport to let -
Stockport zu vermieten. In Bolton, wo in gewöhnlichen Jahren der
Armensteuer zahlende Mietertrag durchschnittlich 86 000 Pfd. St.
betrug, sank er auf 36 000 Pfd. St.; dagegen stieg die Anzahl der
zu unterstützenden Armen auf 14 000, also über 20 Prozent der
ganzen Einwohnerzahl. In Leeds hatte die Armenverwaltung einen
Reservefonds von 10 000 Pfd. St. - dieser, sowie eine Kollekte
von 7000 Pfd. St., wurde schon, ehe die Krisis ihren Höhepunkt
erreichte,
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*) (1887 Fußnote) And it came in 1847 [Und sie kam 1847].
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1*) (1892) die
#318# Friedrich Engels
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vollständig erschöpft. So war es überall; ein Bericht, den ein
Komitee der Anti-Korngesetz-Ligue im Januar 1843 über den Zustand
der Industriebezirke im Jahre 1842 erstattete und der auf aus-
führlichen Angaben der Fabrikanten beruhte, sagt aus, daß die Ar-
mensteuer durchschnittlich doppelt so hoch gewesen sei als 1839
und die Zahl der Unterstützungsbedürftigen sich seit jener Zeit
verdreifacht, ja verfünffacht habe; daß eine Menge Applikanten
einer Klasse angehörten, die bis jetzt nie um Unterstützung ange-
halten hätten usw.; daß die arbeitende Klasse über zwei Drittel
weniger Lebensmittel zu verfügen habe als 1834/36; daß die Kon-
sumtion von Fleisch bedeutend geringer gewesen sei - an einigen
Orten 20 Prozent, an ändern bis zu 60 Prozent; daß selbst die ge-
wöhnlichen Handwerker, Schmiede, Maurer usw., die sonst in den
gedrücktesten Perioden noch volle Beschäftigung hatten, ebenfalls
viel an Mangel an Arbeit und Lohnherabsetzung gelitten hätten -
und daß selbst jetzt, im Januar 1843, der Lohn noch fortwährend
im Fallen sei. Und das sind Berichte von Fabrikanten!
Die brotlosen Arbeiter, deren Fabriken stillstanden, deren Brot-
herren ihnen keine Arbeit geben konnten, standen überall auf den
Straßen, bettelten einzeln oder in Haufen, belagerten scharen-
weise die Chausseen und sprachen die Vorüberkommenden um Unter-
stützung an - sie baten aber nicht kriechend, wie gewöhnliche
Bettler, sondern drohend durch ihre Zahl, ihre Gebärden und
Worte. So sah es in allen Industriebezirken aus, von Leicester
bis Leeds und von Manchester bis Birmingham. Hier und da brachen
einzelne Unruhen aus, so im Juli in den Töpfereien von Nord-Staf-
fordshire; die fürchterlichste Gärung herrschte unter den Arbei-
tern, bis sie endlich im August in der allgemeinen Insurrektion
der Fabrikdistrikte zum Ausbruche kam. Als ich Ende November 1842
nach Manchester kam, standen noch überall eine Menge Arbeitsloser
an den Straßenecken, und viele Fabriken standen noch still; in
den nächsten Monaten bis Mitte 1843 verloren sich die unfreiwil-
ligen Eckensteher allmählich, und die Fabriken kamen wieder in
Betrieb.
Was hier für eine Masse von Elend und Not unter diesen Arbeitslo-
sen während einer solchen Krisis herrscht, brauche ich wohl nicht
erst zusagen. Die Armensteuer reicht nicht aus - bei weitem
nicht; die Wohltätigkeit der Reichen ist ein Schlag ins Wasser,
dessen Wirkung in einem Augenblick verschwunden ist; die Bettelei
kann, wo so viele sind, nur wenigen helfen. Wenn nicht die klei-
nen Krämer den Arbeitern zu solchen Zeiten auf Kredit verkauften,
solange sie können - sie lassen sich freilich auch tüchtig dafür
nachzahlen -, und wenn nicht die Arbeiter unter sich einander un-
terstützten, solange sie können, so würde jede Krisis allerdings
Massen von "Überflüssigen"
#319# Lage der arbeitenden Klasse in England - Die Konkurrenz
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durch Hungersnot wegraffen. So aber, da die gedrückteste Epoche
doch nur kurz ist, ein Jahr, höchstens zwei oder dritthalb Jahre
dauert, kommen die meisten doch noch mit dem nackten Leben und
schweren Entbehrungen davon. Daß indirekt, durch Krankheiten
usw., in jeder Krisis eine Menge Opfer fallen, werden wir sehen.
Einstweilen wenden wir uns zu einer ändern Ursache der Erniedri-
gung, der die englischen Arbeiter anheimgegeben sind, einer Ursa-
che, die noch fortwährend daran arbeitet, jene Klasse immer tie-
fer und tiefer herabzudrücken.
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