Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846

       zurück

       #324#
       -----
       Resultate
       
       Wenn wir jetzt die Verhältnisse, unter denen die englische Arbei-
       terklasse der Städte lebt, in ziemlicher Ausführlichkeit betrach-
       tet haben,  so wird es nun an der Zeit sein, aus diesen Tatsachen
       weitere Schlüsse zu ziehen und diese wiederum mit dem Tatbestande
       zu vergleichen.  Sehen wir  denn zu,  was unter solchen Umständen
       aus den Arbeitern selbst geworden ist, was für Leute wir an ihnen
       haben, wie  ihr körperlicher, intellektueller und moralischer Zu-
       stand beschaffen ist.
       Wenn ein  einzelner einem  ändern körperlichen  Schaden tut,  und
       zwar solchen  Schaden, der  dem Beschädigten  den Tod zuzieht, so
       nennen wir das Totschlag; wenn der Täter im voraus wußte, daß der
       Schaden tödlich  sein würde,  so nennen wir seine Tat einen Mord.
       Wenn aber die Gesellschaft *)
       ---
       *) Wenn ich  in dem Sinne wie hier und anderwärts von der Gesell-
       schaft als  einer verantwortlichen  Gesamtheit spreche,  die ihre
       Rechte und  Pflichten hat, so versteht es sich, daß ich damit die
       M a c h t  d e r  G e s e l l s c h a f t  meine, diejenige Klas-
       se also,  die gegenwärtig  die politische  und soziale Herrschaft
       besitzt und  damit zugleich  auch die  Verantwortlichkeit für die
       Lage derer  trägt, denen  sie keinen Teil an der Herrschaft gibt.
       Diese herrschende  Klasse ist  in England  wie  in  allen  ändern
       zivilisierten Ländern  die Bourgeoisie. Daß aber die Gesellschaft
       und speziell  die Bourgeoisie  die  Pflicht  hat,  jedes  Gesell-
       schaftsglied mindestens  in seinem  L e b e n  zu schützen, dafür
       z.B. zu  sorgen, daß niemand verhungert - diesen Satz brauch' ich
       meinen    d e u t s c h e n    Lesern  nicht  erst  zu  beweisen.
       Schrieb' ich  für die englische Bourgeoisie, da wäre das freilich
       anders. -  (1887) And so it is now in Germany. Our German capita-
       lists are  fully up  to the  English level,  in this  respect  at
       least, in  the year  of grace,  1886. [Und  so ist  es  jetzt  in
       Deutschland. Unsere  deutschen Kapitalisten  stehen, zumindest in
       dieser Beziehung,  mit den Engländern auf völlig gleichem Niveau,
       im gesegneten Jahr 1886.] - (1892) Wie hat sich das alles seit 50
       Jahren geändert!  Heute gibt  es englische  Bourgeois,  die  Ver-
       pflichtungen der  Gesellschaft gegen die einzelnen Gesellschafts-
       glieder anerkennen; aber deutsche?!?
       
       #325# Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
       -----
       Hunderte von  Proletariern in  eine solche Lage versetzt, daß sie
       notwendig einem  vorzeitigen, unnatürlichen Tode verfallen, einem
       Tode, der  ebenso gewaltsam  ist wie  der Tod durchs Schwert oder
       die Kugel;  wenn sie Tausenden die nötigen Lebensbedingungen ent-
       zieht, sie  in Verhältnisse  stellt, in  welchen sie  nicht leben
       k ö n n e n;   wenn sie  sie durch  den starken  Arm des Gesetzes
       zwingt, in diesen Verhältnissen zu bleiben, bis der Tod eintritt,
       der die Folge dieser Verhältnisse sein muß; wenn sie weiß, nur zu
       gut weiß, daß diese Tausende solchen Bedingungen zum Opfer fallen
       müssen, und  doch diese  Bedingungen bestehen  läßt -  so ist das
       ebensogut Mord  wie  die  Tat  des  einzelnen,  nur  versteckter,
       heimtückischer Mord,  ein Mord,  gegen den  sich  niemand  wehren
       kann, der  kein Mord  zu sein  scheint, weil man den Mörder nicht
       sieht, weil  alle und doch wieder niemand dieser Mörder ist, weil
       der Tod  des Schlachtopfers wie ein natürlicher aussieht und weil
       er weniger  eine Begehungssünde  als eine Unterlassungssünde ist.
       Aber er bleibt Mord. Ich werde nun zu beweisen haben, daß die Ge-
       sellschaft in England diesen von den englischen Arbeiterzeitungen
       mit vollem  Rechte als solchen bezeichneten sozialen Mord täglich
       und stündlich  begeht; daß sie die Arbeiter in eine Lage versetzt
       hat, in der diese nicht gesund bleiben und nicht lange leben kön-
       nen; daß  sie so das Leben dieser Arbeiter stückweise, allmählich
       untergräbt und  sie so  vor der  Zeit ins  Grab bringt; ich werde
       ferner beweisen  müssen, daß  die Gesellschaft    w e i ß,    wie
       schädlich eine  solche Lage  der Gesundheit und dem Leben der Ar-
       beiter ist, und daß sie doch nichts tut, um diese Lage zu verbes-
       sern. Daß  sie um  die Folgen  ihrer Einrichtungen  w e i ß,  daß
       ihre Handlungsweise  also nicht  bloßer Totschlag,  sondern  Mord
       ist, habe ich schon bewiesen, wenn ich offizielle Dokumente, Par-
       laments- und  Regierungsberichte als Autorität für das Faktum des
       Totschlags anführen kann.
       Daß eine  Klasse, welche  in den oben geschilderten Verhältnissen
       lebt und  so schlecht mit den allernotwendigsten Lebensbedürfnis-
       sen versehen  ist, nicht  gesund sein und kein hohes Alter errei-
       chen kann, versteht sich von vornherein von selbst. Gehen wir in-
       des die  einzelnen Umstände  nochmals und in spezieller Beziehung
       auf den  Gesundheitszustand der Arbeiter durch. Schon die Zentra-
       lisation der  Bevölkerung in  großen Städten  äußert  ungünstigen
       Einfluß; die  Atmosphäre von  London kann  nie so rein, so sauer-
       stoffhaltig sein  wie die eines Landdistrikts; drittehalb Millio-
       nen Lungen und drittehalb hunderttausend Feuer, auf drei bis vier
       geographischen Quadratmeilen  zusammengedrängt, verbrauchen  eine
       ungeheure Menge Sauerstoff, der sich nur mit Schwierigkeit wieder
       ersetzt, da die städtische Bauart an und für sich die Ventilation
       erschwert. Das durch Atmen und
       
       #326# Friedrich Engels
       -----
       Brennen erzeugte  kohlensaure Gas  bleibt vermöge seiner spezifi-
       schen Schwere  in  den  Straßen,  und  der  Hauptzug  des  Windes
       streicht über  den Dächern der Häuser hinweg. Die Lungen der Ein-
       wohner erhalten nicht das volle Quantum Sauerstoff, und die Folge
       davon ist körperliche und geistige Erschlaffung und Niederhaltung
       der Lebenskraft.  Aus diesem  Grunde sind  die  Einwohner  großer
       Städte zwar  den akuten, besonders entzündlichen Krankheiten weit
       weniger ausgesetzt als die Landleute, die in einer freien, norma-
       len Atmosphäre leben, leiden aber dafür desto mehr an chronischen
       Übeln. Und wenn schon das Leben in großen Städten an und für sich
       der Gesundheit nicht zuträglich ist, wie groß muß dieser nachtei-
       lige Einfluß einer abnormen Atmosphäre erst in den Arbeiterbezir-
       ken sein,  wo, wie  wir sahen, alles vereinigt ist, was die Atmo-
       sphäre verschlechtern  kann. Auf dem Lande mag es unschädlich ge-
       nug sein,  dicht neben  dem Hause  eine Mistpfütze zu haben, weil
       hier die Luft von allen Seiten freien Zutritt hat; aber mitten in
       einer großen  Stadt, zwischen  verbauten,  allem  Luftzuge  abge-
       schnittenen Gassen  und Höfen,  ist es  ganz etwas anderes. Aller
       verfaulende animalische und vegetabilische Stoff entwickelt Gase,
       die der  Gesundheit entschieden  schädlich sind,  und wenn  diese
       Gase keinen freien Abzug haben, so müssen sie die Atmosphäre ver-
       pesten. Der  Unrat und die stehenden Pfützen in den Arbeitervier-
       teln der  großen Städte sind daher von den schlimmsten Folgen für
       die öffentliche  Gesundheit, weil  sie gerade die krankheiterzeu-
       genden Gase hervorbringen; ebenso die Ausdünstungen der verunrei-
       nigten Flüsse.  Aber das ist noch lange nicht alles. Es ist wirk-
       lich empörend, wie die große Menge der Armen von der heutigen Ge-
       sellschaft behandelt wird. Man zieht sie in die großen Städte, wo
       sie eine  schlechtere Atmosphäre  als in  ihrer ländlichen Heimat
       einatmen. Man  verweist sie  in Bezirke,  die nach  ihrer  Bauart
       schlechter ventiliert  sind als  alle übrigen. Man entzieht ihnen
       alle Mittel  zur Reinlichkeit, man entzieht ihnen das Wasser, in-
       dem man  nur gegen Bezahlung Röhren legt und die Flüsse so verun-
       reinigt, daß  sie zu  Reinlichkeitszwecken nicht mehr taugen; man
       zwingt sie,  allen Abfall  und Kehricht, alles schmutzige Wasser,
       ja oft allen ekelhaften Unrat und Dünger auf die Straße zu schüt-
       ten, indem man ihnen alle Mittel nimmt, sich seiner sonst zu ent-
       ledigen; man  zwingt sie dadurch, ihre eignen Distrikte zu verpe-
       sten. Damit  noch nicht genug. Alle möglichen Übel werden auf das
       Haupt der  Armen gehäuft. Ist die Bevölkerung der Stadt überhaupt
       schon zu  dicht, so  werden   s i e  erst recht auf einen kleinen
       Raum zusammengedrängt.  Nicht damit  zufrieden, die Atmosphäre in
       der Straße verdorben zu haben, sperrt man sie dutzendweise in ein
       einziges Zimmer,  so daß die Luft, die sie nachts atmen, vollends
       zum Ersticken wird. Man gibt ihnen
       
       #327# Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
       -----
       feuchte Wohnungen, Kellerlöcher, die von unten, oder Dachkammern,
       die von oben nicht wasserdicht sind. Man baut ihre Häuser so, daß
       die dumpfige  Luft nicht abziehen kann. Man gibt ihnen schlechte,
       zerlumpte oder zerlumpende Kleider und schlechte, verfälschte und
       schwerverdauliche Nahrungsmittel. Man setzt sie den aufregendsten
       Stimmungswechseln, den  heftigsten  Schwankungen  von  Angst  und
       Hoffnung aus  - man  hetzt sie ab wie das Wild und läßt sie nicht
       zur Ruhe  und zum  ruhigen Lebensgenuß kommen. Man entzieht ihnen
       alle Genüsse  außer dem  Geschlechtsgenuß und dem Trunk, arbeitet
       sie dagegen täglich bis zur gänzlichen Abspannung aller geistigen
       und physischen  Kräfte ab  und reizt  sie dadurch fortwährend zum
       tollsten Übermaß  in den  beiden einzigen  Genüssen, die ihnen zu
       Gebote stehen. Und wenn das alles nicht hilft, wenn sie das alles
       überstehen, so  fallen sie der Brotlosigkeit einer Krisis zum Op-
       fer, in  der ihnen  auch das  wenige entzogen wird, was man ihnen
       bisher noch gelassen hatte.
       Wie ist es möglich, daß unter solchen Umständen die ärmere Klasse
       gesund sein und lange leben kann? Was läßt sich da anderes erwar-
       ten als  eine übermäßige  Proportion von Sterbefällen, eine fort-
       währende Existenz von Epidemien, eine sicher fortschreitende kör-
       perliche Schwächung  der arbeitenden Generation? Sehn wir zu, wie
       die Tatsachen stehen.
       Daß die  Wohnungen der  Arbeiter in  den schlechten  Stadtteilen,
       vereinigt mit  der sonstigen Lebenslage dieser Klasse, eine Menge
       Krankheiten hervorrufen,  wird uns  von allen Seiten her bezeugt.
       Der oben  zitierte Artikel  des "Artizan"  behauptet  mit  vollem
       Recht, daß  Lungenkrankheiten die  notwendige Folge  von  solchen
       Einrichtungen sein müssen und wirklich besonders häufig unter den
       Arbeitern vorkämen  1*). Daß die schlechte Atmosphäre Londons und
       besonders der Arbeitergegenden die Ausbildung der Schwindsucht im
       höchsten Grade begünstigt, zeigt das hektische Aussehen so vieler
       Leute, denen  man auf  der Straße begegnet. Wenn man morgens früh
       um die  Zeit, wo  alles an  die Arbeit  geht, ein wenig durch die
       Straßen streicht,  so erstaunt  man über die Menge halb oder ganz
       schwindsüchtig aussehender  Leute, denen  man begegnet. Selbst in
       Manchester sehen die Menschen so nicht aus; diese bleichen, hoch-
       aufgeschossenen,  engbrüstigen  und  hohläugigen  Gespenster,  an
       denen man  jeden Augenblick vorüberkommt, diese schlaffen, kraft-
       losen, aller  Energie unfähigen  Gesichter hab' ich nur in London
       in so auffallender Menge gesehen - obwohl auch in den Fabrikstäd-
       ten des  Nordens die  Schwindsucht eine Menge Opfer jährlich hin-
       wegrafft. Mit  der Schwindsucht  konkurriert noch,  außer anderen
       Lungenkrankheiten
       -----
       1*) (1892) vorkommen
       
       #328# Friedrich Engels
       -----
       und dem  Scharlachfieber, vor allen die Krankheit, die die fürch-
       terlichsten Verwüstungen  unter den Arbeitern anrichtet - der Ty-
       phus. Dies  allgemein verbreitete  Übel wird  von dem offiziellen
       Bericht über den Gesundheitszustand der Arbeiterklasse direkt aus
       dem schlechten  Zustande der  Wohnungen in Beziehung auf Ventila-
       tion, Trockenlegung und Reinlichkeit abgeleitet. Dieser Bericht -
       der, nicht  zu vergessen,  von den ersten Medizinern Englands auf
       die Angaben von anderen Medizinern hin ausgearbeitet ist - dieser
       Bericht behauptet,  daß ein  einziger  schlechtventilierter  Hof,
       eine einzige  Sackgasse ohne  Abzüge, besonders wenn die Bewohner
       gedrängt wohnen und organische Stoffe in der Nähe sich zersetzen,
       imstande ist, Fieber zu erzeugen, und es fast immer erzeugt. Dies
       Fieber hat  fast überall  denselben Charakter und entwickelt sich
       beinahe in  allen Fällen  zum ausgebildeten Typhus. In den Arbei-
       terbezirken aller  großen Städte, selbst in einzelnen schlechtge-
       bauten und -gehaltenen Straßen kleinerer Orte findet es sich, und
       seine größte  Verbreitung erhält  es in  den schlechten Vierteln,
       obwohl es  natürlich auch in den besseren Bezirken einzelne Opfer
       aufsucht. In  London hat  es seit geraumer Zeit geherrscht; seine
       außerordentliche Heftigkeit  im Jahre 1837 veranlaßte den erwähn-
       ten offiziellen Bericht. Nach dem Jahresbericht des Dr. Southwood
       Smith über das Londoner Fieberhospital im Jahre 1843 war die Zahl
       der verpflegten  Kranken 1462,  um 418  höher als  in irgendeinem
       frühern Jahr.  In den feuchten und schmutzigen Gegenden des Ost-,
       Nord- und  Süddistrikts von London hatte diese Krankheit außeror-
       dentlich heftig  gewütet. Viele der Patienten waren eingewanderte
       Arbeiter vom Lande, die unterwegs und nach ihrer Ankunft die här-
       testen Entbehrungen  ausgestanden, an  den Straßen  halbnackt und
       halbverhungert geschlafen,  keine Arbeit  gefunden hatten  und so
       dem Fieber verfallen waren. Diese Leute wurden so schwach ins Ho-
       spital geliefert,  daß eine ungewöhnlich große Quantität von Wem,
       Kognak, Ammoniumpräparaten und anderen stimulierenden Mitteln an-
       gewandt werden  mußte. Von sämtlichen Kranken starben 16 1/2 Pro-
       zent. Auch  in Manchester ist dies bösartige Fieber zu finden; in
       den schlechteren  Arbeitervierteln der  Altstadt, Ancoats, Little
       Ireland usw.,  ist es  fast nie  exstinkt, doch herrscht es hier,
       wie überhaupt  in den  e n g l i s c h e n  Städten, nicht in der
       Ausdehnung, die man erwarten sollte. In Schottland und Irland da-
       gegen grassiert  der Typhus  mit einer  Heftigkeit, die  alle Be-
       griffe übersteigt; in Edinburgh und Glasgow trat er 1817 nach der
       Teurung, 1826  und 1837 nach den Handelskrisen mit besonderer Wut
       auf und  ließ jedesmal,  nachdem er etwa drei Jahre lang gewütet,
       für eine Zeitlang etwas nach; in Edinburgh waren während der Epi-
       demie von  1817 an  6000, in  der von 1837 an 10 000 Personen vom
       Fieber ergriffen worden, und nicht
       
       #329# Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
       -----
       nur die  Zahl der Kranken, sondern auch die Heftigkeit der Krank-
       heit und  die Proportion der Sterbefälle vermehrte sich mit jeder
       neuen Wiederholung  der Epidemie.  *) Aber  die Wut der Krankheit
       scheint in allen früheren Perioden ein Kinderspiel gegen ihr Auf-
       treten nach der Krisis von 1842 gewesen zu sein. Ein Sechstel al-
       ler Armen  in ganz  Schottland wurde vom Fieber ergriffen und das
       Übel durch  wandernde Bettler mit reißender Schnelligkeit von ei-
       nem Ort zum ändern getragen; es erreichte die mittleren und höhe-
       ren Klassen  der Gesellschaft  nicht - in zwei Monaten waren mehr
       Fieberkranke als in zwölf Jahren vorher. In Glasgow erkrankten im
       Jahre 1843 zwölf Prozent der Bevölkerung, 32000 Menschen, am Fie-
       ber, von  denen 32  Prozent starben, während die Sterblichkeit in
       Manchester und Liverpool gewöhnlich nur acht Prozent beträgt. Die
       Krankheit hatte  ihre Krisen  am siebenten und fünf zehnten Tage;
       an diesem letzteren wurde der Patient gewöhnlich gelb, was unsere
       Autorität für  einen Beweis  hält, daß die Ursache des Übels auch
       in geistiger  Aufregung und  Angst zu  suchen sei.  **) In Irland
       sind diese epidemischen Fieber ebenfalls heimisch. Während 21 Mo-
       naten der  Jahre 1817/18  gingen 39 000 Fieberkranke und in einem
       späteren  Jahr   nach  Sheriff   Alison  (im  zweiten  Bande  der
       "Principles of  Population") sogar  60 000 Fieberkranke durch das
       Dubliner Hospital. In Cork hatte das Fieberspkal 1817/18 den sie-
       benten Teil  der Bevölkerung aufzunehmen, in Limerick war zu der-
       selben Zeit  ein Viertel  und im   s c h l e c h t e n   V i e r-
       t e l   von Waterford  neunzehn Zwanzigstel der Einwohner fieber-
       krank. ***)
       Wenn man sich die Umstände ins Gedächtnis zurückruft, unter denen
       die Arbeiter leben, wenn man bedenkt, wie gedrängt ihre Wohnungen
       sind, wie vollgepfropft jeder Winkel von Menschen ist, wie Kranke
       und Gesunde  in   e i n e m  Zimmer, auf  e i n e m  Lager schla-
       fen, so  wird man  sich noch wundern, daß eine ansteckende Krank-
       heit, wie  dies Fieber, sich nicht noch mehr verbreitet. Und wenn
       man bedenkt,  wie wenig  medizinische Hülfe den Erkrankten zu Ge-
       bote steht, wie viele von allem ärztlichen Rate verlassen und mit
       den gewöhnlichsten  diätarischen 1*) Vorschriften unbekannt blei-
       ben, so  erscheint die Sterblichkeit noch gering. Dr. Alison, der
       diese Krankheit  genau kennt,  führt sie geradezu auf die Not und
       die elende Lage der Armen zurück,
       ---
       *) Dr. Alison, "Management] of [the] Poor in Scotland".
       **) Dr. Alison,  in einem Artikel, vorgelesen vor der British As-
       sociation for  the Advancement of Science [Englische Gesellschaft
       zur Förderung der Wissenschaft] in York, Oktober 1844.
       ***) Dr. Alison, "Manag[ement] of [the] Poor in Scotland".
       -----
       1*) (1892) diätetischen
       
       #330# Friedrich Engels
       -----
       wie der  zitierte Bericht; er behauptet, daß Entbehrungen und un-
       genügende Befriedigung  der Lebensbedürfnisse  den Körper für die
       Ansteckung zugänglich  und überhaupt  die Epidemie erst furchtbar
       mache und  rasch verbreite. Er beweist, daß jedesmal eine Periode
       der Entbehrung  - eine  Handelskrisis oder  eine  Mißernte  -  in
       Schottland wie  in Irland  das epidemische  Auftreten des  Typhus
       hervorgebracht hat und daß die Wut der Krankheit fast ausschließ-
       lich auf  die arbeitende  Klasse gefallen  ist. Es ist bemerkens-
       wert, daß  nach seiner Aussäge die Mehrzahl der dem Typhus erlie-
       genden Individuen Familienväter sind, also grade diejenigen, wel-
       che von den Ihrigen am wenigsten entbehrt werden können; dasselbe
       sagen mehrere von ihm zitierte irische Ärzte aus.
       Eine andere  Reihe von Krankheiten hat weniger in der Wohnung als
       in der Nahrung der Arbeiter ihre unmittelbare Ursache. Die an und
       für sich  schon schwerverdauliche  Kost der Arbeiter ist vollends
       für kleine  Kinder ungeeignet;  und doch  fehlen dem Arbeiter die
       Mittel und  die Zeit,  seinen Kindern  passendere Nahrung zu ver-
       schaffen. Dazu kommt noch die sehr verbreitete Sitte, den Kindern
       Branntwein oder gar Opium zu geben, und aus alledem entstehen un-
       ter Mitwirkung der übrigen für die körperliche Entwicklung schäd-
       lichen Lebensverhältnisse  die  verschiedensten  Krankheiten  der
       Verdauungsorgane, die  ihre Spuren für das ganze Leben zurücklas-
       sen. Fast  alle Arbeiter  haben einen mehr oder weniger schwachen
       Magen und  sind trotzdem  gezwungen, fortwährend  bei der Diät zu
       bleiben, die  die Ursache ihres Übels war. Wie sollten sie's auch
       wissen, was daran schuld ist - und wenn sie's wüßten, wie sollten
       sie eine passendere Diät halten können, solange sie nicht in eine
       andere Lebenslage  versetzt und  anders gebildet werden? Aber aus
       dieser schlechten  Verdauung entwickeln  sich schon  während  der
       Kindheit neue Krankheiten. Skrofeln sind fast allgemein unter den
       Arbeitern verbreitet, und skrofulöse Eltern haben skrofulöse Kin-
       der, besonders  wenn die ursprüngliche Ursache der Krankheit wie-
       derum auf  die geerbte  skrofulöse Anlage dieser letzteren wirkt.
       Eine zweite  Folge dieser ungenügenden Ernährung des Körpers wäh-
       rend der  Entwicklung ist  Rachitis (englische Krankheit, knotige
       Auswüchse an den Gelenken), die sich ebenfalls sehr häufig an den
       Kindern der Arbeiter findet. Die Verhärtung der Knochen wird ver-
       zögert, der  Knochenbau überhaupt  in seiner  Ausbildung gehemmt,
       und neben  den gewöhnlichen  rachitischen Affektionen  findet man
       oft genug  Verkrümmung der Beine und des Rückgrats. Wie sehr alle
       diese Übel durch die Wechselfälle verschlimmert werden, denen die
       Arbeiter durch  die Schwankungen  des Handels,  die Brotlosigkeit
       und den knappen Lohn der Krisen ausgesetzt sind, brauch' ich wohl
       nicht erst zu sagen. Der
       
       #331# Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
       -----
       temporäre Mangel an zureichender Nahrung, dem fast jeder Arbeiter
       wenigstens einmal  in seinem Leben eine Zeitlang ausgesetzt wird,
       trägt nur  dazu bei,  die Folgen der schlechten, aber doch zurei-
       chenden Nahrung zu verschlimmern. Kinder, die gerade zu der Zeit,
       wo sie die Nahrung am nötigsten hätten, nur halbsatt zu essen be-
       kommen -  und wie  viele gibt  es deren  während jeder Krisis, ja
       noch in  den besten  Perioden des Verkehrs - solche Kinder müssen
       notwendig schwach,  skrofulös und  rachitisch in hohem Grade wer-
       den. Und daß sie's werden, zeigt der Augenschein. Die Vernachläs-
       sigung, zu  der die  große Masse  der  Arbeiterkinder  verurteilt
       wird, hinterläßt  unvertilgbare Spuren und hat die Schwächung der
       ganzen arbeitenden  Generation zur  Folge. Dazu  noch  die  unge-
       eignete 1*)  Kleidung dieser  Klasse und die hier gesteigerte Un-
       möglichkeit, sich  vor Erkältungen  zu schützen, dann die Notwen-
       digkeit zu  arbeiten, solange die Unpäßlichkeit eben erlaubt, die
       im Krankheitsfall gesteigerte Not der Familie, die nur zu gewöhn-
       liche Entbehrung  alles ärztlichen  Beistandes gerechnet - so 2*)
       wird man  sich ungefähr vorstellen können, was der Gesundheitszu-
       stand der englischen Arbeiter ist. Die schädlichen Folgen, welche
       einzelnen Arbeitszweigen,  wie sie  jetzt betrieben werden, eigen
       sind, will ich hier noch gar nicht erwähnen.
       Dazu kommen  noch andere  Einflüsse,  die  die  Gesundheit  einer
       großen Zahl  von Arbeitern  schwächen. Vor  allem der Trunk. Alle
       Lockungen, alle  möglichen Versuchungen  vereinigen sich,  um die
       Arbeiter zur Trunksucht zu bringen. Der Branntwein ist ihnen fast
       die einzige Freudenquelle, und alles vereinigt sich, um sie ihnen
       recht nahezulegen.  Der Arbeiter  kommt müde  und erschlafft  von
       seiner Arbeit  heim; er  findet eine  Wohnung ohne alle Wohnlich-
       keit, feucht,  unfreundlich und schmutzig; er bedarf dringend ei-
       ner Aufheiterung,  er muß   e t w a s   haben, das ihm die Arbeit
       der Mühe  wert, die  Aussicht auf den nächsten sauren Tag erträg-
       lich macht;  seine abgespannte,  unbehagliche und hypochondrische
       Stimmung, die  schon aus  seinem ungesunden  Zustande, namentlich
       aus der Indigestion entsteht, wird durch seine übrige Lebenslage,
       durch die  Unsicherheit seiner Existenz, durch seine Abhängigkeit
       von allen  möglichen Zufällen  und sein  Unvermögen, selbst etwas
       zur Sicherstellung  seiner Lage  zu tun, bis zur Unerträglichkeit
       gesteigert; sein  geschwächter Körper, geschwächt durch schlechte
       Luft und schlechte Nahrung, verlangt mit Gewalt nach einem Stimu-
       lus von  außen her;  sein geselliges  Bedürfnis kann nur in einem
       Wirtshause befriedigt  werden, er hat durchaus keinen ändern Ort,
       wo er  seine Freunde  treffen könnte - und bei alledem sollte der
       Arbeiter nicht die stärkste Versuchung zur Trunksucht
       -----
       1*) (1892) ...  noch gerechnet  die ungeeignete  - 2*) (1892) ...
       Beistands - so
       
       #332# Friedrich Engels
       -----
       haben, sollte  imstande sein,  den Lockungen des Trunks zu wider-
       stehen? Im Gegenteil, es ist die moralische und physische Notwen-
       digkeit vorhanden,  daß unter  diesen Umständen  eine sehr  große
       Menge der Arbeiter dem Trunk verfallen muß. Und abgesehen von den
       mehr physischen Einflüssen, die den Arbeiter zum Trunk antreiben,
       wirkt das  Beispiel der  großen Menge, die vernachlässigte Erzie-
       hung, die Unmöglichkeit, die jüngeren Leute vor der Versuchung zu
       schützen, in vielen Fällen der direkte Einfluß trunksüchtiger El-
       tern, die  ihren Kindern  selbst Branntwein geben, die Gewißheit,
       im Rausch  wenigstens für  ein paar Stunden die Not und den Druck
       des Lebens  zu vergessen,  und hundert  andere Umstände so stark,
       daß man  den Arbeitern  ihre Vorliebe für den Branntwein wahrlich
       nicht verdenken  kann. Die Trunksucht hat hier aufgehört, ein La-
       ster zu  sein, für das man den Lasterhaften verantwortlich machen
       kann, sie wird ein Phänomen, die notwendige, unvermeidliche Folge
       gewisser Bedingungen  auf ein,  wenigstens diesen Bedingungen ge-
       genüber, willenloses  Objekt. Diejenigen,  die den  Arbeiter  zum
       bloßen Objekt gemacht haben, mögen die Verantwortlichkeit tragen.
       Aber mit  derselben Notwendigkeit,  mit der  eine große Menge der
       Arbeiter dem  Trunk verfallen, mit derselben Notwendigkeit äußert
       der Trunk  seine zerstörenden Wirkungen auf Geist und Körper sei-
       ner Opfer.  Alle Krankheitsanlagen, die aus den Lebensverhältnis-
       sen der  Arbeiter entspringen,  werden durch  ihn gefördert,  die
       Entwicklung von  Lungen- und Unterleibskrankheiten sowie die Ent-
       stehung und Verbreitung des Typhus werden im höchsten Grade durch
       ihn begünstigt.
       Eine andere  Ursache körperlicher  Übel liegt  für die arbeitende
       Klasse in  der Unmöglichkeit,  sich in  Krankheitsfällen den Bei-
       stand geschickter  Ärzte zu  verschaffen. Es  ist wahr,  daß eine
       Menge wohltätiger  Anstalten diesem Mangel abzuhelfen suchen, daß
       z.B. das  Krankenhaus in  Manchester jährlich  an  22 000  Kranke
       teils aufnimmt, teils mit ärztlichem Rat und Arznei unterstützt -
       aber was  ist das  alles in einer Stadt, wo nach Gaskells Berech-
       nung *)  dreiviertel der  Einwohner jährlich ärztlicher Hülfe be-
       dürfen? Die  englischen Ärzte  rechnen hohe Gebühren, und die Ar-
       beiter sind  nicht imstande,  diese zu  bezahlen. Sie können also
       entweder gar  nichts tun,  oder  sie  sind  gezwungen,  wohlfeile
       Quacksalber und  Quackarzneien zu  gebrauchen, mit denen sie sich
       auf die  Dauer mehr schaden als nützen. Eine überaus große Anzahl
       solcher Quacksalber  treibt ihr Wesen in allen englischen Städten
       und verschafft  sich durch  Annoncen, Maueranschläge und sonstige
       Kniffe eine  Kundschaft aus  den ärmeren  Klassen. Außerdem  aber
       werden noch eine
       ---
       *) "[The] Manufacturing Population of England", c. 8.
       
       #333# Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
       -----
       Menge sogenannter  Patent-Arzneien (patent  medicines)  für  alle
       möglichen und  unmöglichen Übel verkauft, Morrisons Pillen, Parrs
       Lebenspillen, Dr.  Mainwarings Pillen  und tausend andere Pillen,
       Essenzen und  Balsame, die  alle die Eigenschaft haben, sämtliche
       Krankheiten in  der Welt  zu kurieren.  Diese Arzneien  enthalten
       zwar selten geradezu schädliche Dinge, wirken aber doch sehr häu-
       fig, wenn  oft und  viel genossen, auf den Körper nachteilig, und
       da den  unkundigen Arbeitern in allen Annoncen vorgepredigt wird,
       man könne  nicht zuviel davon nehmen, so darf man sich nicht wun-
       dern, wenn diese fortwährend, mit und ohne sonstige Veranlassung,
       große Quantitäten verschlucken. Es ist nichts Ungewöhnliches, daß
       der Verfertiger  der Parrschen Lebenspillen in einer Woche 20 000
       bis 25 000  Schachteln von diesen heilsamen Pillen verkauft - und
       sie werden  eingenommen, von  diesem gegen Verstopfung, von jenem
       gegen Diarrhöe,  gegen Fieber,  Schwäche und alle möglichen Übel.
       Wie unsere deutschen Bauern zu gewissen Jahreszeiten sich schröp-
       fen oder zur Ader ließen, so nehmen jetzt die englischen Arbeiter
       ihre Patentmedizin, um sich selbst dadurch zu schaden und dem Fa-
       brikanten derselben  ihr Geld  in die  Tasche zu  jagen. Eins der
       schädlichsten von  diesen Patentmitteln  ist ein  Trank, der  von
       Opiaten,  besonders   Laudanum,  bereitet  und  unter  dem  Namen
       "Godfrey's Cordial"  verkauft wird. Frauen, die zu Hause arbeiten
       und eigne  oder fremde  Kinder zu  verwahren haben,  geben  ihnen
       diesen Trank, damit sie ruhig sein und, wie viele meinen, kräfti-
       ger werden sollen. Sie fangen oft schon gleich nach der Geburt an
       zu medizinieren,  ohne die  schädlichen Folgen  dieser "Herzstär-
       kung" zu kennen, so lange bis die Kinder sterben. Je stumpfer der
       Organismus des  Kindes gegen die Wirkungen des Opiums wird, desto
       größere Quantitäten  werden ihm davon gegeben. Wenn das "Cordial"
       nicht mehr zieht, wird auch wohl unvermischtes Laudanum gereicht,
       oft 15  bis 20  Tropfen auf  einmal. Der  Coroner von  Nottingham
       bezeugte einer Regierungskommission *), daß  e i n
       -----
       *) "Report of Commission of Inquiry into the Employment of Child-
       ren and  Young Persons  in Mines and Collieries and in the Trades
       and Manufactures  in which  Numbers of  them work  together,  not
       being included under the Terms of the Factories' Regulation Act."
       First and  Second Reports  [Bericht  der  Untersuchungskommission
       über die Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen in Bergwerken
       und Kohlengruben  und in  den Handwerken und Industrien, in denen
       viele zusammenarbeiten,  die nicht unter das Fabrikordnungsgesetz
       fallen. Erster  und zweiter  Bericht]. Grainger's  Rept.,  second
       Rept. Gewöhnlich  als "Children's  Employment Commission's Rept."
       zitiert - einer der besten offiziellen Berichte, der eine Unmasse
       der wertvollsten,  aber auch  der schreckenerregendsten Tatsachen
       enthält. Der erste Bericht kam 1841, der zweite zwei Jahre später
       heraus.
       
       #334# Friedrich Engels
       -----
       Apotheker nach eigner Aussage dreizehn Zentner Sirup 1*) in einem
       Jahre zu  "Godfrey's Cordial"  verarbeitet habe.  Man  kann  sich
       leicht denken, was die Folgen für die so behandelten Kinder sind.
       Sie werden blaß, welk und schwach und sterben meist, ehe sie zwei
       Jahre alt  sind. Die Anwendung dieser Medizin ist in allen großen
       Städten und Industriebezirken des Reichs sehr verbreitet.
       Die  Folge  von  allen  diesen  Einflüssen  ist  eine  allgemeine
       Schwächung des  Körpers  bei  den  Arbeitern.  Man  findet  wenig
       starke, wohlgebaute  und gesunde  Leute unter  ihnen - wenigstens
       unter den  Industriearbeitern, die  meist in geschlossenen Räumen
       arbeiten, und  von diesen  nur ist  hier die  Rede. Sie sind fast
       alle schwächlich,  von eckigem,  aber nicht kräftigem Knochenbau,
       mager, bleich und mit Ausnahme der bei ihrer Arbeit besonders an-
       gestrengten Muskeln  schlaff von  Fieber.  Fast  alle  leiden  an
       schlechter Verdauung und sind infolgedessen mehr oder weniger hy-
       pochondrisch und  von trüber,  unbehaglicher Gemütsstimmung.  Ihr
       geschwächter Körper  ist nicht  imstande, einer  Krankheit Wider-
       stand zu  leisten, und wird daher bei jeder Gelegenheit davon er-
       griffen. Daher  altern sie  früh und sterben jung. Die Sterblich-
       keitstabellen liefern dafür einen unwidersprechlichen Beweis.
       Nach dem  Berichte des  Generalregistrators  G.  Graham  ist  die
       Sterblichkeit von  ganz England  und Wales  jährlich etwas  unter
       2 1/4 Prozent, d.h. aus 45 Menschen stirbt jedes Jahr  e i n e r.
       *) Wenigstens  war dies  der Durchschnitt  der Jahre 1839/40 - im
       nächsten Jahre  nahm die Sterblichkeit etwas ab und war nur einer
       aus 46.  In den  großen Städten  aber stellt  sich das Verhältnis
       ganz anders. Mir liegen (im "Manchester Guardian", 31. Juli 1844)
       offizielle Sterblichkeitstabellen vor, nach denen sich die Sterb-
       lichkeit einiger großer Städte so berechnet: In Manchester inklu-
       sive Salford  und Chorlton  1 aus 32,72 und exklusive Salford und
       Chorlton 1  aus 30,75;  in Liverpool  inklusive West-Derby  (Vor-
       stadt) 31,90  und exklusive  West-Derby 29,90, während der Durch-
       schnitt sämtlicher angegebenen Distrikte von Cheshire, Lancashire
       und Yorkshire  - und  diese schließen  eine Menge  ganz oder halb
       ländlicher Distrikte  ein, dazu  viele kleine  Städte - mit einer
       Bevölkerung von  2 172 506 Menschen  eine Sterblichkeit von 1 aus
       39,80 ergibt. Wie ungünstig
       ---
       *) "Fifth Annual Report of [the] Reg[istrar] Gen[eral] of Births,
       Deaths and Marriages" [Fünfter Jahresbericht des Generalregistra-
       tors über Geburten, Sterbefälle und Eheschließungen].
       -----
       1*) In der englischen Ausgabe 1887: ... thirteen hundredweight of
       laudanum ... [dreizehn Zentner Laudanum]
       
       #335# Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
       -----
       die Arbeiter  in den  Städten gestellt sind, zeigt die Sterblich-
       keit von  Prescot in Lancashire - einem von Kohlengrubenarbeitern
       bewohnten und,  da die  Arbeit in  den Gruben  keine sehr gesunde
       ist, an  Gesundheit noch unter den Ackerbaubezirken stehenden Di-
       strikt. Aber  die Arbeiter  wohnen auf  dem Lande, und die Sterb-
       lichkeit stellt  sich auf 1 in 47,54, also beinahe 2 1/2 vorteil-
       hafter als  der Durchschnitt  von ganz England. Sämtliche Angaben
       beruhen auf  den Sterblichkeitstabellen  von 1843. Noch höher ist
       das Verhältnis  der Sterblichkeit  m den schottischen Städten; in
       Edinburgh 1838/39  1 aus 29, ja 1831 in der Altstadt allein 1 aus
       22; in  Glasgow nach Dr. Cowan (Vital Statistics of Glasgow) [89]
       durchschnittlich seit  1830   1 aus 30, in einzelnen Jahren 1 aus
       22 bis 24. Daß diese enorme Verkürzung der durchschnittlichen Le-
       bensdauer hauptsächlich  auf die  arbeitende Klasse fällt, ja daß
       der Durchschnitt  aller Klassen durch die geringere Sterblichkeit
       der höheren  und mittleren Klassen noch verbessert wird, wird uns
       von allen Seiten bezeugt. Eins der neuesten Zeugnisse ist das des
       Arztes P.H. Holland in Manchester, der in offiziellem Auftrage *)
       die Vorstadt von Manchester, Chorlton-on-Medlock, untersuchte. Er
       klassifiziert Häuser und Straßen in je drei Klassen und fand fol-
       gende Unterschiede der Sterblichkeit:
                                                      Sterblichkeit
       Erste Straßenklasse: Häuser       I. Klasse      1 aus 51
         "         "          "         II.    "        1  "  45
         "         "          "        III.    "        1  "  36
       Zweite Straßenklasse: Häuser      I. Klasse      1 aus 55
         "         "          "         II.    "        1  "  38
         "         "          "        III.    "        1  "  35
       Dritte Straßenklasse: Häuser      I. Klasse      fehlen
         "         "          "         II.    "        1 aus 35
         "         "          "        III.    "        1  "  25
       
       Aus mehreren  ändern von  Holland gegebenen Tabellen geht hervor,
       daß die  Sterblichkeit in  den   S t r a ß e n  zweiter Klasse 18
       Prozent und dritter Klasse
       ---
       *) Vgl. "Report  of Commission of Inquiry into the State of large
       Towns and  populous  Districts",  first  Report,  1844,  Appendix
       [Bericht der  Untersuchungskommission über den Zustand der großen
       Städte und  dichtbevölkerten Gebiete,  erster Bericht,  1844, An-
       hang].
       
       #336# Friedrich Engels
       -----
       68 Prozent  größer ist als in denen erster Klasse; daß die Sterb-
       lichkeit in  den   H ä u s e r n   zweiter Klasse  31 Prozent und
       dritter Klasse  78 Prozent größer ist als in denen erster Klasse;
       daß die  Sterblichkeit in  den schlechten Straßen, die verbessert
       wurden, sich  um 25  Prozent vermindert  hat. Er schließt mit der
       für einen englischen Bourgeois sehr offenen Bemerkung:
       
       "Wenn wir  finden, daß die Sterblichkeit in einigen Straßen vier-
       mal so  hoch ist als in anderen und in ganzen Straßenklassen dop-
       pelt" so  hoch ist als in ändern Klassen, wenn wir ferner finden,
       daß sie so gut wie unveränderlich hoch ist in den Straßen, die in
       schlechtem Zustande  sind, und  so gut wie unveränderlich niedrig
       in gutkonditionierten Straßen, so können wir dem Schluß nicht wi-
       derstehen, daß Massen unserer Mitmenschen, Hunderte unserer näch-
       sten Nachbarn  jährlich getötet  (destroyed) werden aus Mangel an
       den allergewöhnlichsten Vorsichtsmaßregeln."
       
       Der Bericht  über den  Gesundheitszustand der arbeitenden Klassen
       enthält eine  Angabe, die  dasselbe Faktum  beweist. In Liverpool
       war 1840  die durchschnittliche  Lebensdauer der  höheren Klassen
       (gentry, Professional  men etc.)  35, der Geschäftsleute und bes-
       sergestellten Handwerker  22 Jahre,  der Arbeiter, Tagelöhner und
       der dienenden  Klasse überhaupt  nur 15  Jahre. Die Parlamentsbe-
       richte enthalten noch eine Menge ähnlicher Tatsachen.
       Die Sterblichkeitslisten  werden hauptsächlich  durch die  vielen
       Todesfälle unter  den kleinen  Kindern der Arbeiterklasse so hoch
       gesteigert. Der  zarte Körper  eines Kindes widersteht den ungün-
       stigen Einflüssen  einer niedrigen  Lebenslage am  wenigsten; die
       Vernachlässigung, der  es oft  ausgesetzt ist,  wenn beide Eltern
       arbeiten oder einer von beiden tot ist, rächt sich sehr bald, und
       so darf man sich nicht wundern, wenn z.B. in Manchester, laut dem
       letzterwähnten Bericht,  über 57  Prozent der  Arbeiterkinder vor
       dem fünften  Jahre sterben,  während von  den Kindern der höheren
       Klassen nur 20 Prozent und im Durchschnitt aller Klassen in Land-
       distrikten von  allen Kindern unter dem fünften Jahre nicht volle
       32 Prozent  *) sterben.  Der mehrerwähnte  Artikel des  "Artizan"
       gibt uns  hierüber genauere  Nachweisungen, indem  er die Propor-
       tionen der  Sterbefälle bei  einzelnen Kinderkrankheiten  in  den
       Städten denen  auf dem  Lande gegenüberstellt und so beweist, daß
       Epidemien im  allgemeinen in  Manchester  und  Liverpool  dreimal
       tödlicher  sind   als  in  Landdistrikten;  daß  Krankheiten  des
       Nervensystems in  den Städten verfünffacht und Magenübel mehr als
       verdoppelt werden,  während die  Todesfälle infolge  von  Lungen-
       krankheiten in Städten sich zu
       ---
       *) "Factories Inquiry  Commission's Report",  3rd vol.  Report of
       Dr. Hawkins  on Lancashire,  wo Dr. Roberten, "die Hauptautorität
       für die Statistik in Manchester", als Gewährsmann angeführt wird.
       
       #337# Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
       -----
       denen auf  dem Lande  verhalten wie  2 1/2 zu  1. Todesfälle  von
       kleinen Kindern  infolge  von  Pocken,  Masern,  Stickhusten  und
       Scharlachfieber vervierfachen sich; die infolge von Wasser im Ge-
       hirn verdreifachen und infolge von Krämpfen verzehnfachen sich in
       Städten. Um  noch eine schlagende Autorität aufzuführen, gebe ich
       hier eine  Tabelle, die Dr. Wade in seiner "History of the Middle
       and Working Classes" 1*) (London, 1835, 3rd ed.) nach dem Bericht
       des parlamentarischen Fabrikkomitees vom Jahre 1832 gibt.
       
       Von 10000 Menschen  Unter 5   20   40   60   70   80   90  100
       sterben           5 Jah-  bis bis  bis  bis  bis  bis  bis und
                           ren  19   39   59   69   79   69   99  drüber
       in der Grafschaft
        Rutland - gesunder Agri-
       kulturdistrikt..   2865   891 1275 1299 1189 1428  938  112    3
       in der Grafschaft
       Essex - marschiger Agri-
       kulturdistrikt..   3159  1110 1526 1413  963 1019  630   77    3
                                                                2*)
       in der Stadt Carlisle
        1779-1787, vor Ein-
        führung der
        Fabriken... ....  4408   911 1006 1201  940  826  533  153   22
                                 3*)
       in der Stadt Carlisle
       nach                                                   Einführung
       der Fabriken.....  4738   930 1261 1134  677  727  452   80    1
       in der Stadt Preston,
        Fabrikstadt...... 4947  1136 1379 1114  553  532  298   38    3
       in der Stadt Leeds,
        Fabrikstadt       5286   927 1228 1198  593  512  225   29    2
       
       Außer diesen  verschiedenen Krankheiten, die die notwendige Folge
       der  jetzigen  Vernachlässigung  und  Unterdrückung  der  ärmeren
       Klasse sind,  gibt es aber noch andere Einflüsse, die zur Vermeh-
       rung der Sterblichkeit unter kleinen Kindern beitragen. In vielen
       Familien arbeitet  die Frau  so gut wie der Mann außer dem Hause,
       und die  Folge davon  ist die gänzliche Vernachlässigung der Kin-
       der, die  entweder eingeschlossen  oder zum Verwahren ausgemietet
       werden. Da ist es denn kein Wunder, wenn Hunderte von solchen
       
       1*) Geschichte der  Mittel- und  arbeitenden Klassen  - 2*) (1845
       und 1892) irrtümlich 177 - 3*) (1845 und 1892} irrtümlich 921
       
       #338# Friedrich Engels
       -----
       Kindern durch  allerlei Unglücksfälle  das Leben  verlieren. Nir-
       gends werden  so viel  Kinder überfahren und überritten, nirgends
       fallen so  viele zu  Tode, ertrinken  oder verbrennen  als in den
       großen Städten  Englands. Namentlich  sind Todesfälle infolge von
       Brandwunden oder  Übergießung mit  heißem Wasser häufig - in Man-
       chester während  der Wintermonate fast jede Woche einmal, in Lon-
       don ebenfalls  häufig, doch  sieht man dort selten etwas davon in
       den Blättern;  mir ist  nur eine  Angabe im "Weekly Dispatch" vom
       15. Dezember 1844 zur Hand, wonach in der Woche vom 1. bis 7. De-
       zember  s e c h s  derartige Fälle vorgekommen waren. Diese armen
       Kinder, die  auf eine  so fürchterliche  Weise ums  Leben kommen,
       sind rein  die Opfer unserer gesellschaftlichen Unordnung und der
       bei der  Erhaltung dieser  Unordnung  interessierten  besitzenden
       Klasse - und doch weiß man nicht, ob nicht selbst dieser schreck-
       liche, qualvolle  Tod eine  Wohltat für  die Kinder war, indem er
       sie vor  einem langen  Leben voll Mühe und Elend, reich an Leiden
       und arm an Genüssen, bewahrte. So weit ist es gekommen in England
       - und  die Bourgeoisie  liest das  alles täglich in den Zeitungen
       und kümmert sich nicht drum. Sie wird sich aber auch nicht bekla-
       gen können,  wenn ich  sie nach  den angeführten  offiziellen und
       nichtoffiziellen Zeugnissen, die sie kennen  m u ß,  geradezu des
       sozialen Mordes beschuldige. Entweder sorge sie dafür, daß diesem
       entsetzlichen Zustande abgeholfen werde - oder sie trete die Ver-
       waltung der  allgemeinen Interessen  an die arbeitende Klasse ab.
       Und zu  letzterem hat  sie keine  Lust, während sie zu ersterem -
       solange sie  Bourgeoisie und  in Bourgeoisievorurteilen  befangen
       bleibt -  nicht die  Kraft besitzt;  denn wenn sie jetzt endlich,
       nachdem Hunderttausende  von Schlachtopfern gefallen sind, einige
       kleinliche Vorsorge  für die  Zukunft trifft, einen "Metropolitan
       Buildings Act" [90] erläßt, wonach wenigstens die rücksichtslose-
       ste Zusammendrängung  von Wohnungen  etwas beschränkt wird - wenn
       sie mit  Maßregeln prunkt, die, weit entfernt, auf die Wurzel des
       Übels einzugehen,  noch lange nicht an die Anordnungen der allge-
       wöhnlichsten Gesundheitspolizei reichen, so wird sie sich dadurch
       doch nicht  von der  Anklage reinigen können. Die englische Bour-
       geoisie hat  nur die  Wahl, entweder  mit der unwiderlegbaren An-
       klage des  Mordes auf  ihren Schultern und  t r o t z  dieser An-
       klage fortzuregieren - oder zugunsten der Arbeiterklasse abzudan-
       ken. Bis jetzt hat sie das erstere vorgezogen.
       Gehen wir  von der  physischen auf die geistige Lage der Arbeiter
       über. Wenn die Bourgeoisie ihnen vom Leben so viel läßt, als eben
       nötig ist,  so dürfen  wir uns nicht wundern, wenn sie ihnen auch
       nur so viel Bildung gibt, als im Interesse der Bourgeoisie liegt.
       Und das  ist so  viel wahrlich  nicht. Die Bildungsmittel sind in
       England unverhältnismäßig gering gegen die Volkszahl.
       
       #339# Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
       -----
       Die wenigen  der arbeitenden  Klasse zu  Gebote stehenden Wochen-
       schulen können  nur von den wenigsten besucht werden und sind au-
       ßerdem schlecht,  die Lehrer  - ausgediente Arbeiter und sonstige
       untaugliche Leute, die nur, um leben zu können, Schulmeister wur-
       den -  sind großenteils  selbst in  den notdürftigsten Elementar-
       kenntnissen unerfahren,  ohne die  dem Lehrer so nötige sittliche
       Bildung und  ohne alle  öffentliche Kontrolle. Auch hier herrscht
       die freie Konkurrenz, und wie immer haben die Reichen den Nutzen,
       und die  Armen, für  die die  Konkurrenz eben nicht frei ist, die
       nicht die  gehörigen Kenntnisse haben, um urteilen zu können, ha-
       ben den  Schaden. Ein  Schulzwang existiert  nirgends, in den ei-
       gentlichen Fabriken,  wie wir  sehen werden,  nur dem Namen nach,
       und als  in der Session von 1843 die Regierung diesen scheinbaren
       Schulzwang in  Kraft treten  lassen wollte, opponierte die fabri-
       zierende Bourgeoisie  aus Leibeskräften, obwohl die Arbeiter sich
       entschieden   f ü r  den Schulzwang aussprachen. Ohnehin arbeitet
       eine große  Menge Kinder  die ganze Woche über in Fabriken und zu
       Hause und  kann deshalb  die  Schule  nicht  besuchen.  Denn  die
       A b e n d s c h u l e n,   wohin diejenigen gehen sollen, die des
       Tages beschäftigt sind, werden fast gar nicht und ohne Nutzen be-
       sucht. Es  wäre auch wirklich gar zuviel verlangt, wenn junge Ar-
       beiter, die sich zwölf Stunden lang abgeplagt haben, nun noch von
       acht bis  zehn Uhr  in die  Schule gehen sollten. Und diejenigen,
       die es  tun, schlafen dort meistens ein, wie durch den Children's
       Empl[oyment] Rep[or]t  in Hunderten von Aussagen konstatiert ist.
       Allerdings hat  man Sonntagsschulen  eingerichtet, die aber eben-
       falls höchst  mangelhaft mit  Lehrern besetzt sind und nur denen,
       die schon in der Wochenschule etwas gelernt haben, nützen können.
       Der Zeitraum  von einem  Sonntag zum  ändern ist zu lang, als daß
       ein ganz  ungebildetes Kind in der zweiten Lektion das nicht wie-
       der vergessen  haben sollte, was es in der ersten, acht Tage frü-
       her, gelernt  hat. Der  Bericht der Children's Employment Commis-
       sion liefert  Tausende von  Beweisen, und  die Kommission  selbst
       spricht sich aufs entschiedenste dahin aus, daß weder die Wochen-
       noch die  Sonntagsschulen dem  Bedürfnis der  Nation auch  nur im
       entferntesten entsprechen. Dieser Bericht liefert Beweise von Un-
       wissenheit unter  der arbeitenden  Klasse Englands, die man nicht
       aus einem  Lande wie Spanien und Italien erwarten sollte. Es kann
       aber nicht anders sein; die Bourgeoisie hat wenig zu hoffen, aber
       manches zu  fürchten von  der Bildung der Arbeiter; die Regierung
       hat in ihrem ganzen kolossalen Budget von 55 000 000 Pfd. St. nur
       einen einzigen  winzigen Posten von 40 000 Pfd. St. für öffentli-
       chen Unterricht;  und wenn  nicht der  Fanatismus der  religiösen
       Sekten wäre,  der wenigstens ebensoviel verdirbt, als er hier und
       da bessert,  so würden  die Unterrichtsmittel  noch viel  elender
       sein. Aber
       
       #340# Friedrich Engels
       -----
       so errichtet  die Hochkirche  ihre National  Schools 1*) und jede
       Sekte ihre Schulen, einzig in der Absicht, die Kinder ihrer Glau-
       bensgenossen in ihrem Schoß zu behalten und womöglich hier und da
       den ändern  Sekten eine arme Kinderseele abzujagen. Die Folge da-
       von ist, daß die Religion und gerade die unfruchtbarste Seite der
       Religion, die  Polemik, zum vorzüglichsten Unterrichtsgegenstande
       erhoben und das Gedächtnis der Kinder mit unverständlichen Dogmen
       und theologischen  Distinktionen vollgepfropft, daß der Sektenhaß
       und die  fanatische Bigotterie  so früh  wie möglich  geweckt und
       alle vernünftige,  geistige und sittliche Bildung schändlich ver-
       nachlässigt wird.  Die Arbeiter haben oft genug eine rein weltli-
       che öffentliche  Erziehung, die  Religion den  Geistlichen  jeder
       Sekte überlassend,  vom Parlament gefordert - sie haben bis jetzt
       noch kein  Ministerium gefunden, das ihnen etwas Ähnliches bewil-
       ligt hätte.  Natürlich. Der Minister ist der gehorsame Knecht der
       Bourgeoisie, und  diese teilt sich in zahllose Sekten; jede Sekte
       aber gönnt dem Arbeiter nur dann die sonst gefährliche Erziehung,
       wenn er  das Gegengift der speziell dieser Sekte angehörigen Dog-
       men mit in den Kauf nehmen muß. Und da sich diese Sekten noch bis
       heute um  die Oberherrschaft zanken, so bleibt die Arbeiterklasse
       einstweilen ohne  Bildung. Zwar  rühmen sich die Fabrikanten, der
       großen Mehrzahl  das Lesen beigebracht zu haben, aber es ist auch
       ein Lesen danach - wie der Bericht der Children's Employment Com-
       mission zeigt.  Wer das Alphabet kennt, sagt, er könne lesen, und
       dabei beruhigen  sich die  Fabrikanten. Und  wenn man die konfuse
       englische Orthographie  bedenkt, bei  der das  Lesen  eine  wahre
       Kunst ist  und nur nach langem Unterricht gelernt werden kann, so
       findet man  diese Unwissenheit  begreiflich.  Schreiben  vollends
       können sehr  wenige -  orthographisch schreiben selbst sehr viele
       "Gebildete" nicht. Die Sonntagsschulen der Hochkirche, der Quäker
       und ich  glaube noch  mehrerer  ändern  Sekten  lehren  gar  kein
       Schreiben, "weil  dies eine  zu weltliche  Beschäftigung für  den
       Sonntag sei". Wie es sonst mit der Bildung, die den Arbeitern ge-
       boten wird, steht, sollen ein paar Beispiele zeigen. Sie sind aus
       dem Ch[ildren's]  Empl[oyment] Commiss[ion's]-Bericht,  der  sich
       leider nicht auf die eigentliche Fabrikindustrie ausdehnt.
       
       "In Birmingham",  sagt Kommissär  Grainger, "sind die von mir ge-
       prüften Kinder  in ihrer Gesamtheit gänzlich ohne alles, was auch
       nur im  entferntesten eine  nützliche  Erziehung  genannt  werden
       könnte. Obwohl  fast in allen Schulen  n u r  Religionsunterricht
       gegeben wird,  zeigten sie  doch im allgemeinen auch hierüber die
       gröbste Unwissenheit."  - "In  Wolverhampton", erzählt  Kommissär
       Horne, "fand ich unter andern
       -----
       1*) Volksschulen
       
       #341# Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
       -----
       folgende Beispiele:  Ein Mädchen,  11 Jahre, war in einer Wochen-
       und Sonntagsschule gewesen, 'hatte nie von einer ändern Welt, vom
       Himmel oder einem ändern Leben gehört'. Ein andrer, 17 Jahre alt,
       wußte nicht,  wieviel zwei  mal zwei  machten, wieviel Farthings"
       (1/4 Penny) "in 2 Pence seien, selbst als man das Geld ihm in die
       Hand legte.  Einige Knaben  hatten nie von London oder selbst von
       Willenhall gehört,  obwohl letzteres  nur eine  Stunde von  ihrem
       Wohnort entfernt  liegt und fortwährend in Kommunikation mit Wol-
       verhampton steht.  Einige hatten  nie den  Namen der Königin oder
       Namen wie  Nelson, Wellington,  Bonaparte gehört. Aber es war be-
       merkenswert, daß  diejenigen, die  selbst von Sankt Paulus, Moses
       oder Salomon  nie gehört  hatten, über Leben, Taten und Charakter
       Dick Turpins,  des Straßenräubers,  und besonders Jack Sheppards,
       des Diebs  und Gefängnisbrechers,  sehr wohl  unterrichtet waren.
       Ein Junge, 16 Jahre alt, wußte nicht, wieviel zwei mal zwei mach-
       ten oder wieviel vier Farthings machten - ein Junge von 17 Jahren
       behauptete, zehn  Farthings seien zehn halbe Pence, und ein drit-
       ter, 17  Jahre alt, antwortete kurz auf einige sehr einfache Fra-
       gen: 'Er  wisse nichts  von  gar  nichts  (he  was  ne  judge  o'
       nothin')'" (Horne, Rept., App. Part II, Q. 18, No. 216, 217, 226,
       233 etc.).
       
       Diese Kinder,  die vier  bis fünf  Jahre hindurch  mit religiösen
       Dogmen geplagt werden, wissen am Ende soviel wie vorher.
       
       Ein Kind  "ist fünf  Jahre lang regelmäßig zur Sonntagsschule ge-
       gangen; weiß  nicht, wer  Jesus Christus  war, hat den Namen aber
       gehört; hat nie von den zwölf Aposteln, Simson, Moses, Aaron usw.
       gehört" (ibid.  Evid. p.  q. 39,  I. 33). Ein andres "sechs Jahre
       regelmäßig zur  Sonntagsschule gegangen. Weiß, wer Jesus Christus
       war, er starb am Kreuz, sein Blut zu vergießen, um unsern Erlöser
       zu erlösen;  hat nie  von St.Petrus oder Paulus gehört" (ibid. p.
       q. 36,  I. 46).  Ein drittes  "sieben Jahre in verschiednen Sonn-
       tagsschulen gewesen, kann nur in den dünnen Büchern lesen, leich-
       te einsilbige Wörter; hat von den Aposteln gehört, weiß nicht, ob
       St. Peter  einer war  oder St. Johann, es müßte denn Sankt Johann
       Wesley (Stifter  der Methodisten)  sein usw." (ibid. p. q. 34, I.
       58), auf  die Frage,  wer Jesus  Christus sei, erhielt Horne u.a.
       noch folgende Antworten: "Er war Adam"; "er war ein Apostel"; "er
       war der  Sohn des Herrn des Erlösers (he was the Saviour's Lord's
       Son)", und  von einem  sechzehnjährigen Jungen: "Er war ein König
       von London vor langer, langer Zeit."
       
       In Sheffield ließ Kommissär Symons die Sonntagsschüler lesen; sie
       waren nicht  imstande zu  sagen, was  sie gelesen hatten oder was
       für Leute die Apostel gewesen seien, von denen sie soeben gelesen
       hatten. Nachdem  er sie alle nach der Reihe wegen der Apostel be-
       fragt hatte,  ohne eine  richtige Antwort  zu erhalten,  rief ein
       kleiner schlau aussehender Junge mit großer Zuversicht aus:
       
       "Ich weiß  es, Herr,  es waren  die Aussätzigen!" (Symons, Rept.,
       App. Part I, pp. E 22 sqq.)
       
       Aus den  Töpfereibezirken und  aus Lancashire  wird Ähnliches be-
       richtet.
       l
       #342# Friedrich Engels
       -----
       Man sieht,  was die  Bourgeoisie und  der Staat für die Erziehung
       und Ausbildung  der arbeitenden  Klasse getan haben. Glücklicher-
       weise sind  die Verhältnisse, in denen diese Klasse lebt, derart,
       daß sie  ihr eine  praktische Bildung geben, welche nicht nur den
       Schulkram ersetzt, sondern auch die mit ihm verbundenen verworre-
       nen religiösen  Vorstellungen unschädlich  macht und die Arbeiter
       sogar an  die Spitze der nationalen Bewegung Englands stellt. Not
       lehrt beten  und, was  mehr heißen  will, denken und handeln. Der
       englische Arbeiter,  der kaum  lesen und  noch weniger  schreiben
       kann, weiß  dennoch sehr  gut, was  sein eignes Interesse und das
       der ganzen Nation ist - er weiß auch, was das spezielle Interesse
       der Bourgeoisie ist und was er von dieser Bourgeoisie zu erwarten
       hat. Kann  er nicht  schreiben, so kann er doch sprechen, öffent-
       lich sprechen;  kann er nicht rechnen, so kann er doch mit natio-
       nalökonomischen Begriffen  soviel kalkulieren,  als dazu  gehört,
       einen korngesetzabschaffenden  Bourgeois zu  durchschauen und  zu
       widerlegen; bleiben  ihm trotz aller Mühe der Pfaffen die himmli-
       schen Fragen sehr unklar, so weiß er desto besser Bescheid in ir-
       dischen, politischen  und sozialen  Fragen. Wir werden davon noch
       weiter zu  reden haben und gehen jetzt zur sittlichen Charakteri-
       sierung unserer Arbeiter über.
       Daß der  Moralunterricht, der  in allen  Schulen Englands mit dem
       religiösen vereinigt  ist, von  keiner besseren Wirkung sein kann
       als dieser,  ist ziemlich  klar. Die einfachen Prinzipien, welche
       für den   M e n s c h e n   das  Verhältnis des Menschen zum Men-
       schen regulieren,  Prinzipien, die  schon durch  den sozialen Zu-
       stand, den  Krieg Aller gegen Alle, in die greulichste Verwirrung
       geraten, müssen  dem ungebildeten  Arbeiter vollends  unklar  und
       fremd bleiben,  wenn sie  mit religiösen,  unverständlichen Lehr-
       sätzen vermischt  und in der religiösen Form eines willkürlichen,
       unbegründeten Befehls vorgetragen werden. Die Schulen tragen nach
       dem Geständnis  aller Autoritäten,  namentlich der  Child.  Empl.
       Comm., zur  Sittlichkeit der  arbeitenden Klasse  fast gar nichts
       bei.  So  rücksichtslos,  so  dumm  borniert  ist  die  englische
       Bourgeoisie in ihrem Egoismus, daß sie sich nicht einmal die Mühe
       gibt, den  Arbeitern die  heutige Moral  einzuprägen, eine Moral,
       welche die Bourgeoisie sich doch in ihrem eignen Interesse und zu
       ihrem eignen  Schutz zusammengestümpert  hat! Selbst  diese Sorge
       für sich  selbst macht  der schlaff werdenden, trägen Bourgeoisie
       zuviel Mühe,  selbst das  scheint ihr  überflüssig. Die Zeit wird
       freilich kommen, wo sie ihr Versäumnis zu spät bereuen wird. Aber
       beklagen darf  sie sich nicht, wenn die Arbeiter von dieser Moral
       nichts wissen und sich nicht nach ihr richten.
       So sind  die Arbeiter, wie körperlich und intellektuell, auch mo-
       ralisch von  der machthabenden Klasse ausgestoßen und vernachläs-
       sigt. Die einzige
       
       #343# Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
       -----
       Rücksicht, die  man noch für sie hat, ist das Gesetz, das sich an
       sie anklammert,  sobald sie  der Bourgeoisie zu nahe treten - wie
       gegen die  unvernünftigen Tiere wendet man nur ein Bildungsmittel
       auf sie  an -  die Peitsche, die brutale, nicht überzeugende, nur
       einschüchternde Gewalt.  Es ist  also auch  nicht zu  verwundern,
       wenn die  so wie  Tiere behandelten Arbeiter entweder wirklich zu
       Tieren werden  oder sich  nur durch  den glühendsten  Haß,  durch
       fortwährende innere  Empörung gegen  die machthabende Bourgeoisie
       das Bewußtsein  und Gefühl  ihrer Menschheit bewahren können. Sie
       sind nur  Menschen, solange  sie den  Zorn gegen  die herrschende
       Klasse fühlen;  sie werden Tiere, sobald sie sich geduldig in ihr
       Joch fügen  und sich nur das Leben im Joch angenehm zu machen su-
       chen, ohne das Joch selbst brechen zu wollen.
       Das ist  also alles,  was die  Bourgeoisie zur Bildung der arbei-
       tenden Klasse getan hat - und wenn wir die übrigen Umstände erwä-
       gen, in denen diese letztere lebt, so werden wir ihr den Ingrimm,
       den  sie  gegen  die  herrschende  Klasse  hegt,  vollends  nicht
       verübeln können.  Die sittliche  Bildung, die dem Arbeiter in der
       Schule nicht  gereicht wird,  wird ihm  auch in  seinen sonstigen
       Lebensverhältnissen nicht  geboten - wenigstens  d i e  sittliche
       Bildung nicht, die in den Augen der Bourgeoisie etwas gilt. Seine
       ganze Stellung  und Umgebung  enthält die stärksten Neigungen zur
       Immoralität. Er  ist arm, das Leben hat keinen Reiz für ihn, fast
       alle Genüsse  sind ihm  versagt, die  Strafen des  Gesetzes haben
       nichts Fürchterliches  mehr für  ihn -  was soll  er sich also in
       seinen Gelüsten  genieren, weshalb  soll er  den Reichen im Genuß
       seiner  Güter   lassen,  statt   sich  selbst  einen  Teil  davon
       anzueignen? Was  für Gründe  hat der  Proletarier,  n i c h t  zu
       stehlen? Es ist all recht schön und klingt den Bourgeois angenehm
       genug ins  Ohr, wenn  man  von  der  "Heiligkeit  des  Eigentums"
       spricht -  aber für  den, der kein Eigentum hat, hört die Heilig-
       keit des  Eigentums von  selber auf. Das Geld ist der Gott dieser
       Welt. Der Bourgeois nimmt dem Proletarier sein Geld und macht ihn
       dadurch zum  praktischen Atheisten.  Kein Wunder  also, wenn  der
       Proletarier seinen  Atheismus bewährt  und die Heiligkeit und die
       Macht des  irdischen Gottes  nicht mehr respektiert. Und wenn die
       Armut des  Proletariers bis  zum wirklichen  Mangel der nötigsten
       Lebensbedürfnisse, bis zum Elend und zur Brotlosigkeit gesteigert
       wird, so  steigt der  Reiz zur  Nichtachtung aller  gesellschaft-
       lichen Ordnung  noch mehr.  Das wissen auch die Bourgeois großen-
       teils selbst.  Symons bemerkt  *), daß die Armut dieselbe zerrüt-
       tende Wirkung  auf den  Geist ausübe  wie die  Trunksucht auf den
       Körper, und  vollends Sheriff Alison erzählt den Besitzenden ganz
       genau, was die Folgen der
       ---
       *) "Arts and Artisans".
       
       #344# Friedrich Engels
       -----
       sozialen Unterdrückung für die Arbeiter sein müssen. *) Das Elend
       läßt dem Arbeiter nur die Wahl, langsam zu verhungern, sich rasch
       zu töten  oder sich zu nehmen, was er nötig hat, wo er es findet,
       auf deutsch, zu stehlen. Und da werden wir uns nicht wundern dür-
       fen, wenn  die meisten  den Diebstahl  dem  Hungertode  oder  dem
       Selbstmorde vorziehen.  Es gibt freilich auch unter den Arbeitern
       eine Anzahl,  die moralisch  genug sind,  um  nicht  zu  stehlen,
       selbst wenn  sie aufs Äußerste gebracht werden, und diese verhun-
       gern oder  töten sich.  Der Selbstmord,  der sonst das beneidens-
       werte Privilegium  der höheren  Klassen war,  ist in England auch
       unter den  Proletariern Mode geworden, und eine Menge armer Leute
       töten sich,  um dem  Elend zu  entgehen, aus  dem sie  sich sonst
       nicht zu retten wissen.
       Aber noch viel demoralisierender als die Armut wirkt auf die eng-
       lischen Arbeiter die Unsicherheit der Lebensstellung, die Notwen-
       digkeit, vom  Lohn aus  der Hand  in den Mund zu leben, kurz das,
       was sie  zu  P r o l e t a r i e r n  macht. Unsre kleinen Bauern
       in Deutschland  sind großenteils  auch arm und leiden oft Mangel,
       aber sie  sind weniger  abhängig vom Zufall, sie haben wenigstens
       etwas Festes.  Aber der Proletarier, der gar nichts hat als seine
       beiden Hände,  der heute  verzehrt, was er gestern verdiente, der
       von allen möglichen Zufällen abhängt, der nicht die geringste Ga-
       rantie für  seine Fähigkeit, sich die nötigsten Lebensbedürfnisse
       zu erwerben,  besitzt -  jede Krisis,  jede Laune seines Meisters
       kann ihn  brotlos machen  ", der Proletarier ist in die empörend-
       ste, unmenschlichste  Lage versetzt,  die ein  Mensch sich denken
       kann. Dem  Sklaven ist wenigstens seine Existenz durch den Eigen-
       nutz seines  Herrn gesichert,  der Leibeigne  hat doch  ein Stück
       Land, wovon  er lebt,  sie haben  wenigstens für das nackte Leben
       eine Garantie  - aber  der Proletarier ist allein auf sich selbst
       angewiesen und doch zugleich außerstande gesetzt, seine Kräfte so
       anzuwenden, daß  er auf sie rechnen kann. Alles, was der Proleta-
       rier zur  Verbesserung seiner  Lage selbst tun kann, verschwindet
       wie ein  Tropfen am  Eimer gegen  die Fluten  von  Wechselfällen,
       denen er ausgesetzt ist und über die er nicht die geringste Macht
       hat. Er  ist das  willenlose Objekt aller möglichen Kombinationen
       von Umständen  und kann  vom Glück  noch sagen,  wenn er  nur auf
       kurze Zeit  das nackte  Leben rettet. Und wie sich das von selbst
       versteht, richtet  sich sein Charakter und seine Lebensweise wie-
       der nach diesen Umständen. Entweder sucht er sich in diesem Stru-
       del oben  zu halten,  seine Menschheit zu retten, und das kann er
       wieder nur in der Empörung **) gegen die Klasse, die ihn so scho-
       nungslos ausbeutet
       ---
       *) "Prin[ciples] of Popul[ation]" vol. II, p. 196, 197.
       **) Wir werden  später sehen,  wie die  Empörung des Proletariers
       gegen die Bourgeoisie in England durch das Recht der freien Asso-
       ziation gesetzlich legitimiert ist.
       
       #345# Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
       -----
       und dann  seinem Schicksal überläßt, die ihn zu zwingen sucht, in
       dieser, eines  Menschen unwürdigen  Lage zu  bleiben,  gegen  die
       Bourgeoisie - oder er gibt den Kampf gegen seine Lage als frucht-
       los auf  und sucht, soviel er kann, von den günstigen Momenten zu
       profitieren. Sparen  nützt ihm  zu  nichts,  denn  er  kann  sich
       höchstens soviel sammeln, als er braucht, um sich ein paar Wochen
       lang zu ernähren - und wird er einmal brotlos, so bleibt es nicht
       bei ein paar Wochen. Sich auf die Dauer Eigentum erwerben kann er
       nicht, und könnte er's, so müßte er dann ja aufhören, Arbeiter zu
       sein, und ein andrer träte an seine Stelle. Was kann er also Bes-
       seres tun,  wenn er  guten Lohn bekommt, als gut davon leben? Der
       englische Bourgeois  wundert und  skandalisiert sich aufs höchste
       über das flotte Leben der Arbeiter während der Zeit, daß der Lohn
       hoch ist  - und doch ist es nicht nur ganz natürlich, sondern so-
       gar ganz  vernünftig von  den Leuten, daß sie das Leben genießen,
       wenn sie  können, statt Schätze zu sammeln, die ihnen nichts nüt-
       zen und die am Ende doch wieder die Motten und der Rost, d.h. die
       Bourgeois fressen.  Aber solch  ein Leben ist demoralisierend wie
       kein andres.  Was Carlyle von den Baumwollspinnern sagt, gilt von
       allen englischen Industriearbeitern:
       
       "Bei ihnen  ist das  Geschäft heute  blühend, morgen  welk -  ein
       fortwährendes Hasardspiel,  und so  leben sie  auch wie  Spieler,
       heute im  Luxus, morgen im Hunger. Schwarze meuterische Unzufrie-
       denheit verzehrt  sie, das  elendeste Gefühl, das in des Menschen
       Brust wohnen  kann. Der  englische Handel  mit seinen  weltweiten
       Konvulsionen und Schwankungen, mit seinem unermeßlichen Dampfpro-
       teus hat  alle Pfade für sie unsicher gemacht wie ein Zauberbann;
       Nüchternheit, Festigkeit,  ruhige Dauer, die ersten Segnungen des
       Menschen sind ihnen fremd ... Diese Welt ist für sie kein heimat-
       lich Haus, sondern ein dumpfiges Gefängnis voll toller, fruchtlo-
       ser Plage,  Rebellion, Groll,  Ingrimm gegen sich selbst und alle
       Menschen. Ist  es eine  grüne, blumige  Welt, gemacht und regiert
       von einem Gott - oder ist es ein düster-brodelndes Tophet von Vi-
       triolrauch, Baumwollstaub,  Schnapslärm, Wut und Arbeitsqual, ge-
       macht und regiert von einem Teufel?" *)
       
       Und weiter p. 40:
       
       "Wenn Ungerechtigkeit,  Untreue gegen Wahrheit, Tatsache und Ord-
       nung der  Natur das  einzige Übel unter der Sonne ist und das Be-
       wußtsein, Unrecht, Ungerechtigkeit zu ertragen, das einzige uner-
       träglich schmerzliche Gefühl, so wäre unsre große Frage wegen der
       Lage der  Arbeiter diese:  Ist dies  gerecht? Und  vor allem: Was
       halten sie  selbst von  der Gerechtigkeit der Sache? - Ihre Worte
       sind Antwort genug, ihre Taten noch mehr... Empörung, plötzlicher
       rachelustiger Trieb  zur Empörung  gegen die höheren Klassen, ab-
       nehmende Achtung gegen die Befehle ihrer weltlichen Obern,
       ---
       *) "Chartism", p. 34 ff.
       
       #346# Friedrich Engels
       -----
       abnehmender Glaube  gegen die Lehren ihrer geistlichen Obern wird
       mehr und mehr die allgemeine Stimmung der niederen Klassen. Diese
       Stimmung mag  getadelt, mag bestraft werden, aber alle müssen sie
       als dort  wirklich existierend  anerkennen, müssen wissen, daß es
       traurig ist und, wo nicht geändert, unheilbringend sein wird."
       Carlyle hat  in den  Tatsachen ganz  recht und nur darin unrecht,
       daß er  die wilde  Leidenschaft der  Arbeiter gegen  die  höheren
       Klassen tadelt.  Diese Leidenschaft, dieser Zorn ist vielmehr der
       Beweis, daß die Arbeiter das Unmenschliche ihrer Lage fühlen, daß
       sie sich  nicht zum  Tier herabdrängen  lassen wollen und daß sie
       dereinst sich  aus der Knechtschaft der Bourgeoisie befreien wer-
       den. Wir  sehen es  ja an  denen, die  diesen Zorn nicht teilen -
       entweder unterwerfen  sie sich  in Demut  dem Geschick,  das  sie
       trifft, leben  als ehrliche  Privatleute, so gut es geht, kümmern
       sich nicht  um den Gang der Welt, helfen der Bourgeoisie die Ket-
       ten der  Arbeiter fester zu schmieden 1*) und stehen auf dem gei-
       stig-toten Standpunkte  der vorindustriellen  Periode -  oder sie
       lassen sich  vom Schicksal  werfen und spielen mit ihm, verlieren
       auch innerlich  den festen Halt, den sie schon äußerlich verloren
       haben, leben  in den  Tag hinein,  trinken Schnaps und laufen den
       Mädeln nach  - in  beiden Fällen  sind sie Tiere. Diese letzteren
       tragen denn  auch hauptsächlich  zu der "schnellen Vermehrung des
       Lasters" bei,  über die  die sentimentale Bourgeoisie so entsetzt
       ist, nachdem  sie selbst  die Ursachen  derselben in Bewegung ge-
       setzt hat.
       Eine andre  Quelle der Demoralisation unter den Arbeitern ist die
       Verdammung zur  Arbeit. Wenn die freiwillige produktive Tätigkeit
       der höchste  Genuß ist,  den wir  kennen, so ist die Zwangsarbeit
       die härteste,  entwürdigendste Qual.  Nichts ist  fürchterlicher,
       als alle Tage von morgens bis abends etwas tun zu müssen, was ei-
       nem widerstrebt.  Und je  menschlicher der  Arbeiter fühlt, desto
       mehr muß  ihm seine  Arbeit verhaßt  sein, weil er den Zwang, die
       Zwecklosigkeit für  ihn selbst  fühlt, die in ihr liegen. Weshalb
       arbeitet er  denn? Aus  Lust am Schaffen? Aus Naturtrieb? Keines-
       wegs. Er  arbeitet um  des Geldes, um einer Sache willen, die mit
       der Arbeit  selbst gar  nichts zu schaffen hat, er arbeitet, weil
       er muß,  und arbeitet  noch dazu  so lange  und so ununterbrochen
       einförmig, daß  schon aus  diesem Grunde allein ihm die Arbeit in
       den ersten  Wochen zur  Qual werden  muß,  wenn  er  noch  irgend
       menschlich fühlt.  Die Teilung  der Arbeit  hat die  vertierenden
       Wirkungen der  Zwangsarbeit überhaupt  noch vervielfacht.  In den
       meisten Arbeitszweigen  ist die  Tätigkeit des Arbeiters auf eine
       kleinliche, rein  mechanische Manipulation  beschränkt, die  sich
       Minute für Minute wiederholt
       -----
       1*) (1892) ... fester schmieden
       
       #347# Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
       -----
       und jahraus,  jahrein dieselbe bleibt. *) Wer von Kindesbeinen an
       jeden Tag zwölf Stunden und drüber Nadelknöpfe gemacht oder Kamm-
       räder abgefeilt und  außerdem in den  Verhältnissen  eines engli-
       schen Proletariers  gelebt hat,  wieviel menschliche  Gefühle und
       Fähigkeiten mag der in  sein dreißigstes Jahr hinüberretten? Das-
       selbe ist's mit der Einführung der Dampf kraft und der Maschinen.
       Die Tätigkeit des Arbeiters wird leicht, die Anstrengung der Mus-
       kel wird gespart und die Arbeit selbst unbedeutend, aber eintönig
       im höchsten Grade.  Sie gewährt ihm kein Feld für geistige Tätig-
       keit und nimmt  doch seine  Aufmerksamkeit  gerade so viel in An-
       spruch, daß er,  um sie gut zu besorgen,  an nichts andres denken
       darf. Und eine Verurteilung  zu einer solchen Arbeit - einer  Ar-
       beit, die alle disponible  Zeit des  Arbeiters in Anspruch nimmt,
       ihm kaum Zeit zum  Essen und  Schlafen, nicht einmal zu körperli-
       cher Bewegung in freier Luft, zum Genuß der Natur,  geschweige zu
       geistiger Tätigkeit läßt  -,  eine solche  Verurteilung  soll den
       Menschen nicht zum  Tier herabwürdigen!  Der Arbeiter  hat wieder
       nur die Alternative, sich in sein Schicksal zu  ergeben, ein "gu-
       ter Arbeiter" zu  werden, das  Interesse des Bourgeois "treulich"
       wahrzunehmen -  und dann vertiert  er ganz gewiß  -  oder sich zu
       sträuben, für seine Menschheit  zu kämpfen,  solange es geht, und
       das kann er nur im Kampf gegen die Bourgeoisie.
       Und wenn  alle diese Ursachen eine Masse von Demoralisation unter
       der arbeitenden  Klasse erzeugt haben, dann tritt eine neue Ursa-
       che hinzu,  um diese  Demoralisation weiter zu verbreiten und auf
       den höchsten  Gipfel zu treiben - die Zentralisation der Bevölke-
       rung. Die  englischen Schriftsteller der Bourgeoisie schreien Ze-
       ter über die entsittlichenden Wirkungen der großen Städte - diese
       umgekehrten Jeremiasse  weinen Klagelieder nicht über die Zerstö-
       rung, sondern  über den  Flor derselben.  Sheriff Alison  schiebt
       fast alles  und Dr.  Vaughan, Verfasser  eines Buches "The Age of
       Great Cities"  1*), noch  viel mehr auf diese Ursache. Natürlich.
       Bei den  übrigen Ursachen,  die auf Körper und Geist der Arbeiter
       zerstörend wirken,  kommt das Interesse der besitzenden Klasse zu
       direkt ins  Spiel. Sagten  sie: die  Armut, die  Unsicherheit der
       Stellung, die Überarbeitung und Zwangsarbeit sei die Hauptursache
       - so  würde jeder,  so würden  sie sich  selbst antworten müssen:
       Also geben  wir den  Armen Eigentum,  garantieren wir  ihnen ihre
       Existenz, erlassen wir Gesetze gegen Überarbeitung - und das darf
       die Bourgeoisie nicht
       ---
       *) Soll ich auch hier Bourgeoisiezeugnisse für mich sprechen las-
       sen? Ich wähle nur eins, das jeder nachlesen kann, in Adam Smiths
       "Wealth of  Nations" (zitierte  Ausg.), vol.  3, book  5, cap. 8,
       pag. 297.
       -----
       1*) "Das Alter der großen Städte"
       
       #348# Friedrich Engels
       -----
       zugeben. Aber  die großen Städte sind so ganz von selbst herange-
       wachsen, die  Leute sind  ganz freiwillig  hineingezogen, und der
       Schluß, daß  einzig die  Industrie und  die von ihr profitierende
       Mittelklasse diese  großen Städte geschaffen habe, liegt so fern,
       daß es der herrschenden Klasse gar zu leicht einfallen muß, alles
       Unheil auf  diese anscheinend  unvermeidliche Ursache zu wälzen -
       wo doch  die großen Städte nur dem wenigstens im Keime schon exi-
       stierenden Unheil  eine schnellere  und reifere Entwicklung geben
       können. Alison  ist wenigstens  noch so  human, daß er dies aner-
       kennt -  er ist kein vollständig ausgebildeter, industrieller und
       liberaler, sondern  nur ein  halbentwickelter, torystischer Bour-
       geois und hat deshalb hie und da offne Augen, wo die wahren Bour-
       geois stockblind sind. Ihn wollen wir hier reden lassen:
       
       "Es ist in den großen Städten, daß das Laster seine Versuchungen,
       die Wollust ihre Netze ausbreiten, daß die Schuld durch die Hoff-
       nung der  Straflösigkeit und die Trägheit durch häufiges Beispiel
       angespornt wird.  Hieher zu diesen großen Stapelplätzen menschli-
       cher Verdorbenheit  fliehen die  Schlechten und  Liederlichen von
       der Einfachheit  des Landlebens,  hier finden  sie Opfer für ihre
       Schlechtigkeit und  Gewinn als  Lohn für die Gefahren, in die sie
       sich begeben.  Die Tugend  wird in  Dunkelheit gehüllt und unter-
       drückt, die  Schuld reift  in der  Schwierigkeit der  Entdeckung,
       Ausschweifungen werden  durch unverzüglichen  Genuß belohnt.  Wer
       bei Nacht durch St. Giles, durch die engen gedrängten Gäßchen von
       Dublin, die ärmeren Viertel von Glasgow geht, wird dies bestätigt
       finden, wird  sich nicht wundern, daß soviel, sondern daß sowenig
       Verbrechen in der Welt ist ... Die große Ursache der Verderbtheit
       der großen  Städte ist  die ansteckende Natur des bösen Beispiels
       und die Schwierigkeit, der Verführung des Lasters aus dem Wege zu
       gehen, wenn sie in nahe und tägliche Berührung mit der heranwach-
       senden Generation  gebracht werden.  Die Reichen sind eo ipso 1*)
       nicht besser,  auch sie  können in  derselben Lage der Versuchung
       nicht widerstehen;  das besondre  Unglück der  Armen ist, daß sie
       überall den verlockenden Gestalten des Lasters und den Verführun-
       gen verbotner  Genüsse begegnen  müssen ...  Die erwiesene Unmög-
       lichkeit, die  Reize des  Lasters vor dem Jüngern Teile der Armen
       in großen  Städten zu  verbergen, ist die Ursache der Demoralisa-
       tion."
       
       Nach einer längeren Sittenschilderung fährt unser Autor fort:
       
       "Alles das kommt nicht von außerordentlicher Depravation des Cha-
       rakters, sondern  von der fast unwiderstehlichen Natur der Versu-
       chungen, denen  die Armen  ausgesetzt sind.  Die Reichen, die das
       Betragen der  Armen tadeln, würden dem Einfluß ähnlicher Ursachen
       wohl ebenso  rasch nachgeben.  Es gibt einen Grad des Elends, ein
       Sich-Aufdrängen der Sünde, denen entgegenzutreten die Tugend sel-
       ten fähig  ist und  der besonders die Jugend gewöhnlich nicht wi-
       derstehen kann.  Der Fortschritt des Lasters in solchen Umständen
       ist fast so gewiß und oft ebenso rasch wie der der physischen An-
       steckung."
       -----
       1*) selbstverständlich
       
       #349# Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
       -----
       Und an einer späteren Stelle:
       
       "Wenn die  höheren Klassen  die Arbeiter  für  ihren  Vorteil  in
       großen Massen  auf einen  engen Raum  zusammengezogen haben, wird
       die Ansteckung des Verbrechens reißend schnell und unvermeidlich.
       Die niederen  Klassen, wie  sie jetzt in Beziehung auf religiösen
       und moralischen  Unterricht gestellt  sind, sind häufig kaum mehr
       dafür zu  tadeln, daß  sie den auf sie eindringenden Versuchungen
       nachgeben, als  dafür,   d a ß   s i e  d e m  T y p h u s  z u m
       O p f e r  f a l l e n."  *)
       
       Genug! Der Halbbourgeois Alison verrät uns, wenn auch in bornier-
       ter Ausdrucksweise,  die schlimmen  Folgen der  großen Städte für
       die sittliche Entwicklung der Arbeiter. Ein anderer, ganzer Bour-
       geois, ein Mann nach dem Herzen der Antikorngesetzligue, der Dok-
       tor Andrew  Ure **),  verrät uns die andre Seite. Er erzählt uns,
       daß das  Leben in  großen Städten Kabalen unter den Arbeitern er-
       leichtere und  dem Plebs Macht gebe. Wenn hier die Arbeiter nicht
       erzogen (d.h.  zum Gehorsam gegen die Bourgeoisie erzogen) seien,
       so würden sie die Dinge einseitig, vom Standpunkt einer sinistren
       Selbstsucht ansehen  und sich  leicht von schlauen Demagogen ver-
       führen lassen  -  ja,  sie  seien  kapabel,  ihren    b e s t e n
       W o h l t ä t e r,  den frugalen und unternehmenden Kapitalisten,
       mit einem  eifersüchtigen und  feindseligen Auge  anzusehen. Hier
       könne nur  gute Erziehung  helfen, sonst  müsse Nationalbankerott
       und andre Schrecken folgen, da eine Revolution der Arbeiter sonst
       nicht ausbleiben  könne. Und  unser Bourgeois  hat ganz recht mit
       seinen Befürchtungen.  Wenn die  Zentralisation  der  Bevölkerung
       schon auf die besitzenden Klassen anregend und entwickelnd wirkt,
       so treibt sie die Entwicklung der Arbeiter noch weit rascher vor-
       wärts. Die  Arbeiter fangen  an, sich als Klasse in ihrer Gesamt-
       heit zu  fühlen, sie  werden  gewahr,  daß  sie,  obwohl  einzeln
       schwach, doch  zusammen eine  Macht sind;  die Trennung  von  der
       Bourgeoisie, die  Ausbildung den  Arbeitern und ihrer Lebensstel-
       lung eigentümlicher  Anschauungen und  Ideen wird  befördert, das
       Bewußtsein, unterdrückt  zu werden,  stellt sich ein, und die Ar-
       beiter bekommen  soziale und  politische  Bedeutung.  Die  großen
       Städte sind der Herd der Arbeiterbewegung, in ihnen haben die Ar-
       beiter zuerst  angefangen, über  ihre Lage nachzudenken und gegen
       sie anzukämpfen,  in ihnen kam der Gegensatz zwischen Proletariat
       und Bourgeoisie  zuerst zur Erscheinung, von ihnen sind Arbeiter-
       verbindungen, Chartismus  und Sozialismus ausgegangen. Die großen
       Städte haben  die Krankheit  des sozialen  Körpers, die  auf  dem
       Lande in chronischer
       ---
       *) "[The] Princ[iples]  of Population",  vol. II,  p. 76  ff., p.
       135.
       **) "Philosophy of  Manufactures". London, 1835. - Wir werden von
       diesem saubern Buche noch mehr zu sprechen haben. Die angeführten
       Stellen stehen p. 406 ff.
       
       #350# Friedrich Engels
       -----
       Form auftritt,  in eine akute verwandelt, und dadurch das eigent-
       liche Wesen derselben und zugleich die rechte Art, sie zu heilen,
       an den  Tag gebracht. Ohne die großen Städte und ihren treibenden
       Einfluß auf  die Entwicklung  der öffentlichen  Intelligenz wären
       die Arbeiter  lange nicht so weit, als sie jetzt sind. Dazu haben
       sie die  letzte Spur des patriarchalischen Verhältnisses zwischen
       den Arbeitern  und den  Brotherren- zerstört, wozu auch die große
       Industrie durch  Vervielfachung der  von einem einzigen Bourgeois
       abhängigen Arbeiter  beitrug. Die  Bourgeoisie  jammert  freilich
       darüber, und sie hat recht - denn unter diesem Verhältnis war der
       Bourgeois ziemlich  sicher vor  einer Auflehnung der Arbeiter. Er
       konnte sie  nach Herzenslust ausbeuten und dominieren und erhielt
       noch Gehorsam,  Dank und  Zuneigung in  den Kauf  von dem  dummen
       Volke, wenn  er ihm  außer dem Lohn etwas Freundlichkeit, die ihm
       nichts kostete,  und vielleicht  einige kleine  Vorteile zukommen
       ließ - alles zusammen anscheinend aus purer überflüssiger, aufop-
       fernder Herzensgüte,  und doch  noch lange nicht den zehnten Teil
       seiner Schuldigkeit. Als einzelner Bourgeois, der in Verhältnisse
       gestellt war, die er selbst nicht geschaffen hatte, tat er aller-
       dings seine  Schuldigkeit wenigstens teilweise, aber als Mitglied
       der  regierenden  Klasse,  die  schon  dadurch,    d a ß    s i e
       r e g i e r t,  für die Lage der ganzen Nation verantwortlich ist
       und die  Wahrung des allgemeinen Interesses übernimmt, tat er gar
       nichts von dem, was er mit seiner Stellung übernahm, sondern beu-
       tete noch  obendrein die ganze Nation zu seinem eignen Privatvor-
       teil aus.  In dem patriarchalischen Verhältnis, das die Sklaverei
       der Arbeiter  heuchlerisch verdeckte,  mußte der Arbeiter geistig
       tot, über  seine eignen  Interessen total  unwissend, ein  bloßer
       Privatmensch bleiben.  Erst als  er seinem  Brotherrn entfremdet,
       als es  offenbar wurde, daß er mit diesem nur durch das Privatin-
       teresse, nur  durch den Geldgewinn zusammenhänge, als die schein-
       bare Zuneigung,  die nicht die geringste Probe aushielt, gänzlich
       wegfiel, erst  da fing  der Arbeiter an, seine Stellung und seine
       Interessen zu  erkennen und  sich selbständig zu entwickeln; erst
       da hörte er auf, auch in seinen Gedanken, Gefühlen und Willensäu-
       ßerungen der  Sklave der Bourgeoisie zu sein. Und dazu hat haupt-
       sächlich die  Industrie im  großen Maßstabe und die großen Städte
       gewirkt. Ein  anderes Moment, das von bedeutendem Einfluß auf den
       Charakter der englischen Arbeiter war, bildet die irische Einwan-
       derung, von  der auch  schon in diesem Sinn die Rede war. Sie hat
       allerdings, wie wir sehen 1*), einerseits die englischen Arbeiter
       degradiert, sie  der Zivilisation  entrissen und  ihre Lage  ver-
       schlimmert - aber auch andrerseits dadurch zur Austiefung der
       -----
       1*) (1892) sahen
       
       #351# Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
       -----
       Kluft zwischen  Arbeitern und  Bourgeoisie und so zur Beschleuni-
       gung der  herannahenden Krisis  beigetragen. Denn der Verlauf der
       sozialen Krankheit,  an der  England leidet, ist derselbe wie der
       einer physischen Krankheit; sie entwickelt sich nach gewissen Ge-
       setzen und  hat ihre  Krisen, deren letzte und heftigste über das
       Schicksal des  Kranken entscheidet.  Und da  die englische Nation
       bei dieser letzten Krisis doch nicht untergehen kann, sondern er-
       neut und  wiedergeboren aus ihr hervorgehen muß, so kann man sich
       nur über  alles freuen,  was die Krankheit auf die Spitze treibt.
       Und dazu  trägt die  irische Einwanderung außerdem noch bei durch
       das leidenschaftliche,  lebendige irische  Wesen, welches  sie in
       England einbürgert  und in  die englische  Arbeiterklasse bringt.
       Irländer und  Engländer verhalten  sich in vielen Beziehungen wie
       Franzosen und Deutsche, und die Mischung des leichteren, erregba-
       ren, heißen  irischen Temperaments mit dem ruhigen, ausdauernden,
       verständigen englischen  kann auf  die Dauer  nur für beide Teile
       günstig sein.  Der schroffe  Egoismus der  englischen Bourgeoisie
       würde weit mehr in der Arbeiterklasse sitzen geblieben sein, wenn
       nicht das  bis zur  Wegwerfung großmütige,  vorwiegend vom Gefühl
       beherrschte irische  Wesen  hinzugekommen  und  einerseits  durch
       Stammverschmelzung, andrerseits  durch den  gewöhnlichen  Verkehr
       den rein  verständigen,  kalten  englischen  Charakter  gemildert
       hätte.
       Wir werden  uns nach  alledem nicht mehr darüber wundern, daß die
       arbeitende Klasse  allmählich ein  ganz andres  Volk geworden ist
       als die  englische Bourgeoisie. Die Bourgeoisie hat mit allen än-
       dern Nationen der Erde mehr Verwandtes als mit den Arbeitern, die
       dicht neben ihr wohnen. Die Arbeiter sprechen andre Dialekte, ha-
       ben andre Ideen und Vorstellungen, andre Sitten und Sittenprinzi-
       pien, andre  Religion und  Politik als  die Bourgeoisie.  Es sind
       zwei ganz verschiedene Völker, so verschieden, wie sie der Unter-
       schied der  Rasse nur  machen kann,  und von denen wir bisher auf
       dem Kontinent  nur das  eine, die Bourgeoisie, gekannt haben. Und
       doch ist  gerade das  andre, aus den Proletariern bestehende Volk
       das für die Zukunft Englands bei weitem wichtigste. *)
       Von dem  öffentlichen Charakter  der englischen  Arbeiter, wie er
       sich in Assoziationen und politischen Prinzipien ausspricht, wer-
       den wir  noch weiter  zu sprechen haben - hier wollen wir nur die
       Resultate der eben zusammengestellten Ursachen erwähnen, insofern
       diese auf den Privatcharakter der
       
       ---
       *) (1892) Dieselbe  Auffassung, daß  die große Industrie die Eng-
       länder in  zwei verschiedene Nationen gespalten hat, ist bekannt-
       lich, ungefähr  gleichzeitig, auch von Disraeli ausgeführt worden
       in seinem  Roman "Sybil,  or the  Two Nations"  [Sibylle oder die
       beiden Nationen].
       
       #352# Friedrich Engels
       -----
       Arbeiter wirken. Der Arbeiter ist bei weitem humaner im gewöhnli-
       chen Leben  als der  Bourgeois. Ich  erwähnte schon oben, daß die
       Bettler fast nur an Arbeiter zu appellieren pflegen und überhaupt
       mehr von  Seiten der  Arbeiter für  die Erhaltung der Armen getan
       wird als  von Seiten  der Bourgeoisie.  Diese Tatsache - man kann
       sie übrigens alle Tage bestätigt sehen - bestätigt u.a. auch Herr
       Parkinson, Kanonikus von Manchester:
       
       "Die Armen  geben einander mehr, als die Reichen den Armen geben.
       Ich kann meine Versicherung durch das Zeugnis eines unserer älte-
       sten, geschicktesten,  beobachtendsten und  humansten Ärzte,  des
       Dr. Bardsley,  bestätigen. Dieser hat öffentlich erklärt, daß die
       Gesamtsumme, welche  die Armen jährlich einander geben, diejenige
       übertrifft, welche die Reichen in derselben Zeit beisteuern." *)
       
       Auch sonst  tritt die  Humanität der  Arbeiter überall erfreulich
       hervor. Sie haben selbst harte Schicksale erfahren und können da-
       her für  diejenigen Mitgefühl  hegen, denen es schlecht geht; für
       sie ist  jeder Mensch  ein Mensch, während der Arbeiter dem Bour-
       geois weniger  als ein  Mensch ist;  daher sind sie umgänglicher,
       freundlicher, und  obwohl sie  das Geld nötiger haben als die Be-
       sitzenden, dennoch  weniger darauf  erpicht, weil  ihnen das Geld
       nur um  dessentwillen Wert  hat, was sie dafür kaufen, während es
       für den  Bourgeois einen besondern, inhärenten Wert, den Wert ei-
       nes Gottes  hat und  den "Bourgeois  so zum gemeinen, schmutzigen
       "Geldmenschen" macht. Der Arbeiter, der dies Gefühl der Ehrfurcht
       vor dem  Gelde nicht  kennt, ist daher nicht so habgierig wie der
       Bourgeois, der  alles nur  tut, um  Geld zu verdienen, der seinen
       Lebenszweck im  Anhäufen von  Geldsäcken sieht. Darum ist der Ar-
       beiter auch  viel unbefangener, hat viel offnere Augen für Tatsa-
       chen als der Bourgeois und sieht nicht alles durch die Brille des
       Eigennutzes an. Vor religiösen Vorurteilen schützt ihn seine man-
       gelhafte Erziehung; er versteht nichts davon und plagt sich nicht
       damit herum,  er kennt  den Fanatismus nicht, der die Bourgeoisie
       befangen hält, und wenn er ja etwas Religion haben sollte, so ist
       sie nur  nominell, nicht  einmal theoretisch  - praktisch lebt er
       nur für  diese Welt  und sucht  sich in  ihr  einzubürgern.  Alle
       Schriftsteller der  Bourgeoisie stimmen dann überein, daß die Ar-
       beiter keine Religion haben und die Kirche nicht besuchen. Allen-
       falls die Irländer sind auszunehmen und einige ältere Leute, dann
       die Halbbourgeois,  die Aufseher,  Werkmeister  und  dergleichen.
       Aber unter der Masse findet man fast überall
       ---
       *) "On the  present Condition of the Labouring Poor in Manchester
       etc." [Über  die gegenwärtige  Lage der arbeitenden Armen in Man-
       chester usw.].  By the  Rev. Rd.  Parkinson, Canon of Manchester.
       3rd edit. London and Manchester, 1841. Pamphlet.
       
       #353# Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
       -----
       
       eine gänzliche  Indifferenz gegen  die Religion, und wenn es hoch
       kommt, ein  bißchen Deismus,  das zu  unentwickelt ist, um 1*) zu
       etwas mehr  als zu  Redensarten dienen  zu können oder etwas mehr
       als  einen   vagen   Schrecken   vor   Ausdrücken   wie   infidel
       (Ungläubiger) und  atheist hervorzurufen. Die Geistlichkeit aller
       Sekten steht  sehr schlecht  bei den Arbeitern angeschrieben, ob-
       wohl sie  ihren Einfluß auf diese erst in der letzten Zeit verlo-
       ren hat; jetzt steht sie aber so, daß der bloße Ruf: he is a par-
       son - er ist ein Pfaff! oft genug imstande ist, einen Geistlichen
       von der  Tribüne öffentlicher  Versammlungen zu verjagen. Und wie
       schon die Lebenslage überhaupt, so trägt auch der Mangel an reli-
       giöser und sonstiger Bildung dazu bei, die Arbeiter unbefangener,
       freier von überkommenen stabilen Grundsätzen und vorgefaßten Mei-
       nungen zu  halten, als  der Bourgeois  dies ist.  Dieser sitzt in
       seinen Klassenvorurteilen,  in den ihm von Jugend auf eingetrich-
       terten Prinzipien  bis über  die Ohren  eingerammt; mit  ihm  ist
       nichts anzufangen,  er ist  wesentlich, wenn  auch  in  liberaler
       Form, konservativ, sein Interesse mit dem Bestehenden verwachsen,
       er ist aller Bewegung abgestorben. Er tritt ab von der Spitze der
       historischen Entwicklung,  die Arbeiter treten erst rechtlich und
       dereinst auch faktisch an seine Stelle.
       Dies und  die daraus folgende öffentliche Tätigkeit der Arbeiter,
       die wir  später erledigen  werden, sind  die günstigen Seiten des
       Charakters dieser  Klasse; die  ungünstigen sind ebenso rasch zu-
       sammengefaßt und  folgen ebenso natürlich aus den angegebenen Ur-
       sachen. Trunksucht, Regellosigkeit des geschlechtlichen Verkehrs,
       Roheit und  Mangel an  Achtung für  das Eigentum  sind die Haupt-
       punkte, die  der Bourgeois  ihr vorwirft.  Daß die Arbeiter stark
       trinken, ist  nicht anders zu erwarten. Sheriff Alison behauptet,
       daß in  Glasgow jeden  Sonnabendabend an  dreißigtausend Arbeiter
       berauscht sind,  und die  Zahl ist  gewiß nicht zu gering; daß in
       dieser Stadt  1830 auf  zwölf Häuser  und 1840 auf je zehn Häuser
       eine Branntweinschenke  kam, daß in Schottland 1823 für 2 300 000
       Gallonen, 1837  für 6 620 000  Gall., und  in  England  1823  für
       1 976 000 Gall., 1837 für 7 875 000 Gall. Branntwein Akziseabgabe
       bezahlt wurde.  *) Die  Bierakte von  1830, welche die Errichtung
       von Bierhäusern,  sogenannten Jerry-Shops,  erleichterte -  deren
       Besitzer zum  Verkauf von  Bier, to be drunk on the premises (das
       im Hause  selbst getrunken  werden darf),  konzessioniert  ist  -
       diese Akte  erleichterte auch die Ausbreitung der Trunksucht, in-
       dem sie  jedem die Schenke fast vor die Türe brachte. Fast in je-
       der Straße  findet man  mehrere dieser Bierhäuser, und wo auf dem
       Lande
       ---
       *) "[The] Princ[iples] of Population", passim.
       -----
       1*) (1892) ... Deismus, zu unentwickelt, um
       
       #354# Friedrich Engels
       -----
       zwei oder  drei Häuser  zusammenstehen, so  ist  ganz  gewiß  ein
       Jerry-Shop darunter. Außerdem gibt es noch Hush-Shops, d.h. heim-
       liche Schenken, die nicht konzessioniert sind, in Menge und eben-
       soviele Branntweinbrennereien,  die mitten in den großen Städten,
       in abgelegenen,  von der  Polizei selten besuchten Vierteln große
       Quantitäten dieses Getränks produzieren. Gaskell (a.a.O.) schlägt
       die Zahl  dieser letzteren  in Manchester allein auf über hundert
       und ihre jährliche Produktion auf mindestens 156 000 Gallonen an.
       In Manchester  sind außerdem  über tausend Schenken, also im Ver-
       hältnis zur  Häuserzahl wenigstens ebensoviele als in Glasgow. In
       allen ändern großen Städten sieht es ebenso aus. Und wenn man nun
       noch außer  den gewöhnlichen  Folgen der  Trunksucht bedenkt, daß
       Männer und  Weiber von jedem Alter, selbst Kinder, oft Mütter mit
       ihren Kleinen  auf dem  Arme, hier mit den am tiefsten gesunkenen
       Opfern des  Bourgeoisieregimes, mit Dieben, Betrügern und prosti-
       tuierten Mädchen  zusammenkommen, wenn  man bedenkt,  daß  manche
       Mutter dem  Säugling, den  sie auf den Armen trägt, Branntwein zu
       trinken gibt,  so wird  man die  demoralisierende Wirkung des Be-
       suchs solcher  Orte allerdings zugeben. Namentlich Samstagabends,
       wenn der Lohn ausbezahlt ist und etwas früher als gewöhnlich Fei-
       erabend gemacht  wird, wenn die ganze arbeitende Klasse aus ihren
       schlechten Vierteln  sich in  die Hauptstraßen  ergießt, kann man
       die Trunkenheit  in ihrer ganzen Brutalität sehen. Ich bin selten
       an einem  solchen Abend aus Manchester herausgekommen, ohne einer
       Menge schwankender  oder in  den Rinnsteinen hegender Betrunkener
       zu begegnen.  Am Sonntagabend pflegt sich dieselbe Szene, nur we-
       niger lärmend,  zu wiederholen. Und wenn das Geld aus ist, so ge-
       hen die  Trinker zum  ersten besten  Pfandhaus,  deren  in  jeder
       großen Stadt  eine Menge sind - in Manchester über sechzig und in
       einer einzigen  Straße von Salford (Chapel-Street) zehn bis zwölf
       -, und  versetzen, was sie noch haben. Möbel, Sonntagskleider, wo
       sie existieren,  Geschirre werden  jeden Sonnabendabend in Massen
       aus den  Pfandhäusern abgeholt,  um fast  immer vor  dem nächsten
       Mittwoch wieder hineinzuwandern, bis zuletzt irgendein Zufall die
       Einlösung unmöglich  macht und  ein Stück nach dem ändern dem Wu-
       cherer verfällt  oder bis dieser auf die verschlissene und ausge-
       nutzte Ware  keinen Heller  mehr vorschießen  will. Wenn  man die
       Verbreitung der  Trunksucht unter den Arbeitern in England selbst
       gesehen hat,  so glaubt  man gern der Behauptung Lord Ashleys *),
       daß diese Klasse jährlich an fünfundzwanzig Millionen Pfund Ster-
       ling für  geistige Getränke  ausgibt, und welche Verschlechterung
       der äußeren  Lage, welche furchtbare Zerrüttung der geistigen und
       körperlichen Gesundheit,
       ---
       *) Unterhaussitzung vom 28. Februar 1843.
       
       #355# Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
       -----
       welche Zerstörung  aller häuslichen Verhältnisse daraus entsteht,
       kann sich jeder leicht denken. Die Mäßigkeitsvereine haben aller-
       dings  viel   getan,  aber   was  verschlagen  ein  paar  Tausend
       "Teetotallers" 1*)  auf die  Millionen Arbeiter?  Wenn Father Ma-
       thew, der  irische Mäßigkeitsapostel, durch die englischen Städte
       reist, so  nehmen oft  dreißig- bis  sechzigtausend Arbeiter  die
       "pledge" (das  Gelübde), aber  nach vier  Wochen ist  das bei den
       meisten wieder vergessen. Wenn man z.B. die Massen zusammenzählt,
       die in  den letzten drei bis vier Jahren in Manchester das Mäßig-
       keitsgelübde abgelegt  haben, so  kommen mehr  Leute heraus,  als
       überhaupt in der Stadt wohnen - und doch merkt man nicht, daß der
       Trunk abnimmt.
       Neben der  Zügellosigkeit im  Genuß geistiger Getränke bildet die
       Zügellosigkeit des  geschlechtlichen Verkehrs  eine Hauptuntugend
       vieler englischer  Arbeiter. Auch diese folgt mit eiserner Konse-
       quenz,  mit  unumgänglicher  Notwendigkeit  aus  der  Lage  einer
       Klasse, die  sich selbst  überlassen wird, ohne die Mittel zu be-
       sitzen, von  dieser Freiheit  geeigneten Gebrauch  zu machen. Die
       Bourgeoisie hat  ihr nur  diese beiden  Genüsse gelassen, während
       sie ihr  eine Menge  von Mühen  und Leiden auferlegt hat, und die
       Folge davon ist, daß die Arbeiter, um doch etwas vom Leben zu ha-
       ben, alle Leidenschaft auf diese beiden Genüsse konzentrieren und
       sich ihnen  im Übermaß  und auf  die regelloseste  Weise ergeben.
       Wenn man  die Leute in eine Lage versetzt, die nur dem Tier zusa-
       gen kann,  so bleibt ihnen nichts übrig, als sich zu empören oder
       in der  Bestialität unterzugehen.  Und wenn  obendrein  noch  die
       Bourgeoisie selbst  ihr redlich Teil zur direkten Hebung der Pro-
       stitution beiträgt - wie viele von den 40 000 Freudenmädchen, die
       jeden Abend  die Straßen  von London füllen *), leben von der tu-
       gendhaften Bourgeoisie?  - wie  viele von ihnen haben es der Ver-
       führung eines  Bourgeois zu danken, daß sie ihren Körper den Vor-
       übergehenden feilbieten  müssen, um  zu leben? - so hat sie wahr-
       lich am  wenigsten das Recht, den Arbeitern ihre sexuale Brutali-
       tät vorzuwerfen.
       Die Fehler  der Arbeiter  lassen sich überhaupt alle auf Zügello-
       sigkeit der  Genußsucht, Mangel  an Vorhersicht und an Fügsamkeit
       in die soziale Ordnung, überhaupt auf die Unfähigkeit, den augen-
       blicklichen Genuß  dem entfernteren  Vorteil aufzuopfern, zurück-
       führen. Aber  wie ist  das zu  verwundern? Eine Klasse, die wenig
       und nur  die sinnlichsten  Genüsse sich für saure Arbeit erkaufen
       kann, muß sich die nicht toll und blind auf diese Genüsse werfen?
       Eine Klasse, um deren Bildung sich niemand kümmert, die
       ---
       *) Sheriff Alison, "[The] Princ[iples] of Population", vol. II.
       -----
       1*) "Abstinenzler"
       
       #356# Friedrich Engels
       -----
       allen möglichen  Zufällen unterworfen  ist, die gar keine Sicher-
       heit der  Lebenslage kennt, was für Gründe, was für ein Interesse
       hat die,  Vorhersicht zu üben, ein "solides' Leben zu führen und,
       statt von  der Gunst  des Augenblicks  zu profitieren,  auf einen
       entfernteren Genuß  zu denken,  der gerade  für   s i e  und ihre
       ewig schwankende,  sich überschlagende Stellung noch sehr ungewiß
       ist? Eine Klasse, die alle Nachteile der sozialen Ordnung zu tra-
       gen hat,  ohne ihre  Vorteile zu genießen, eine Klasse, der diese
       soziale Ordnung  nur feindselig  erscheint, von  der verlangt man
       noch, daß  sie diese  soziale Ordnung  respektieren soll? Das ist
       wahrlich zuviel.  Aber die  Arbeiterklasse kann der sozialen Ord-
       nung, solange  diese besteht,  nicht entrinnen, und wenn der ein-
       zelne Arbeiter  gegen sie  aufsteht, so  fällt der größte Schaden
       auf ihn.  So macht die soziale Ordnung dem Arbeiter das Familien-
       leben fast  unmöglich; ein  unwohnliches, schmutziges  Haus,  das
       kaum zum  nächtlichen Obdach gut genug, schlecht möbliert und oft
       nicht regendicht  und nicht geheizt ist, eine dumpfige Atmosphäre
       im menschengefüllten  Zimmer erlaubt keine Häuslichkeit; der Mann
       arbeitet den ganzen Tag, vielleicht auch die Frau und die älteren
       Kinder, alle  an verschiedenen  Orten, sehen sich nur morgens und
       abends - dazu die stete Versuchung zum Branntweintrinken; wo kann
       dabei das Familienleben existieren? Dennoch kann der Arbeiter der
       Familie nicht  entrinnen, er  muß in  der Familie  leben, und die
       Folge davon  sind fortwährende Familienzerrüttungen und häusliche
       Zwiste, die  sowohl auf die Eheleute wie namentlich auf ihre Kin-
       der im  höchsten Grade  demoralisierend wirken.  Vernachlässigung
       aller häuslichen Pflichten, Vernachlässigung besonders der Kinder
       ist nur  zu häufig unter den englischen Arbeitern und wird nur zu
       sehr durch die bestehenden Einrichtungen der Gesellschaft hervor-
       gebracht. Und  Kinder, die  auf diese Weise wild, in der demorah-
       sierendsten Umgebung, zu der oft genug die Eltern selbst gehören,
       heranwachsen, die  sollen nachher  noch fein moralisch werden? Es
       ist wirklich  zu naiv,  welche Forderungen  der  selbstzufriedene
       Bourgeois an den Arbeiter stellt.
       Die Nichtachtung  der sozialen  Ordnung tritt  am deutlichsten in
       ihrem Extrem, im Verbrechen auf. Wirken die Ursachen, die den Ar-
       beiter demoralisieren, stärker, konzentrierter als gewöhnlich, so
       wird er  mit derselben  Gewißheit Verbrecher,  mit der das Wasser
       bei 80 Grad Rdaumur aus dem tropfbaren in den luftförmigen Aggre-
       gatzustand übergeht. Der Arbeiter wird durch die brutale und bru-
       talisierende Behandlung der Bourgeoisie gerade ein so willenloses
       Ding wie  das Wasser  und ist  gerade mit derselben Notwendigkeit
       den Gesetzen  der Natur  unterworfen - bei ihm hört auf einem ge-
       wissen Punkte  alle Freiheit auf. Mit der Ausdehnung des Proleta-
       riats hat  daher auch  das Verbrechen  in England zugenommen, und
       die britische Nation ist die
       
       #357# Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
       -----
       verbrecherischste der  Welt geworden. Aus den jährlich veröffent-
       lichten "Kriminal-Tabellen" des Ministeriums des Innern geht her-
       vor, daß in England die Vermehrung des Verbrechens mit unbegreif-
       licher Schnelligkeit  vor sich gegangen ist.- Die Anzahl der Ver-
       haftungen für Kriminalverbrechen betrug
       
       im Jahre   1805   4605
        "   "     1810...5146
        "   "     1815...7818  1*)
        "   "     1820...........   13710
        "   "     1825..14437
        "   "     1830..18107
        "   "     1835..20731
        "   "     1840..27187
        "   "     1841..27760
        "   "     1842..31309
       
       in England  und Wales allein; also versiebenfachten sich die Ver-
       haftungen in 37 Jahren. Von diesen Verhaftungen kommen allein auf
       Lancashire im  Jahre 1842  4497, also  über 14  Prozent, und  auf
       Middlesex (einschließlich  London) 4094, also über 13 Prozent. So
       sehen wir, daß zwei Distrikte, die große Städte mit viel Proleta-
       riat einschließen, allein über den vierten Teil des gesamten Ver-
       brechens hervorbringen,  obgleich  ihre  Gesamtbevölkerung  lange
       nicht den vierten Teil der des ganzen Landes ausmacht. Die Krimi-
       naltabellen beweisen  auch noch direkt, daß fast alles Verbrechen
       auf das  Proletariat fällt,  denn 1842 konnten von jeden 100 Ver-
       brechern durchschnittlich  32,35 nicht lesen und schreiben, 58,32
       unvollkommen lesen  und schreiben,  6,77 gut lesen und schreiben,
       0,22 hatten noch höhere Bildung genossen, und von 2,34 konnte die
       Bildung nicht  angegeben werden. In Schottland hat das Verbrechen
       noch viel  schneller zugenommen.  Hier waren 1819 nur 89 und 1837
       schon 3176,  1842 sogar 4189 Kriminalverhaftungen vorgekommen. In
       Lanarkshire, wo Sheriff Alison selbst den offiziellen Bericht ab-
       faßte, hat sich die Bevölkerung in 30 Jahren, das Verbrechen alle
       5 1/2 Jahre verdoppelt, also sechsmal rascher als die Bevölkerung
       zugenommen. Die  Verbrechen selbst sind, wie in allen zivilisier-
       ten Ländern,  bei weitem  der Mehrzahl  nach Verbrechen gegen das
       Eigentum, also  solche, die in Mangel dieser oder jener Art ihren
       Grund haben, denn was einer hat, stiehlt er nicht. Das Verhältnis
       der Verbrechen gegen Eigentum zur Volkszahl, das sich in den Nie-
       derlanden wie  1 : 7140, in Frankreich wie 1 : 1804 stellt, stand
       zur Zeit, als Gaskell
       -----
       1*) (1845 und 1892) irrtümlich 7898
       
       #358# Friedrich Engels
       -----
       schrieb, in  England wie 1 : 799; das der Verbrechen gegen Perso-
       nen  zur  Volkszahl  in  den  Niederlanden  wie  1  :  28904,  in
       Frankreich wie  1 : 17573, in England wie 1 : 23395; das des Ver-
       brechens überhaupt  zur Volkszahl  in Ackerbaudistrikten  wie 1 :
       1043, in  Fabrikdistrikten wie 1 : 840 *); in ganz England stellt
       sich dies  jetzt  k a u m  auf 1 : 660 **), und es sind kaum zehn
       Jahre, seit Gaskeils Buch erschien!
       Diese Tatsachen  sind wahrlich  mehr als  hinreichend, um  jeden,
       selbst einen Bourgeois, zur Besinnung und zum Nachdenken über die
       Folgen eines  solchen Zustandes zu bringen. Wenn sich die Demora-
       lisation und  die Verbrechen  noch zwanzig  Jahre lang  in diesem
       Maße vermehren - und wenn die englische Industrie in diesen zwan-
       zig Jahren  weniger glücklich ist als bisher, so muß die Progres-
       sion des  Verbrechens sich nur noch beschleunigen - was wird dann
       das Resultat sein? Wir sehen schon jetzt die Gesellschaft in vol-
       ler Auflösung  begriffen, wir  können keine  Zeitung in  die Hand
       nehmen, ohne  in den  schlagendsten Tatsachen die Lockerung aller
       sozialen Bande lesen zu müssen. Ich greife aufs Geratewohl in den
       Haufen englischer  Zeitungen, die  vor mir  liegen;  da  ist  ein
       "Manchester Guardian"  (30. Oktober 1844), der über drei Tage be-
       richtet; er  gibt sich  gar nicht  mehr die Mühe, über Manchester
       genaue Nachrichten zu geben und erzählt bloß die interessantesten
       Fälle, daß  in einer  Fabrik die Arbeiter, um höheren Lohn zu er-
       langen, die  Arbeit eingestellt hätten und vom Friedensrichter zu
       ihrer Wiederaufnahme  gezwungen seien;  daß in  Salford ein  paar
       Knaben Diebstähle verübt und ein bankerotter Kaufmann seine Gläu-
       biger habe  betrügen wollen.  Ausführlicher sind  die Nachrichten
       aus den  Nebenorten: in Ashton zwei Diebstähle, ein Einbruch, ein
       Selbstmord, in Bury ein Diebstahl, in Bolton zwei Diebstähle, ein
       Akzisebetrug, in  Leigh ein  Diebstahl, in Oldham Arbeitseinstel-
       lung wegen  Lohn, ein  Diebstahl, eine Schlägerei zwischen Wande-
       rinnen, ein nicht zur Arbeiterverbindung gehörender Hutmacher von
       den Mitgliedern  der Verbindung mißhandelt, eine Mutter von ihrem
       Sohn geschlagen, in Rochdale eine Reihe Schlägereien, ein Angriff
       auf die  Polizei, ein  Kirchenraub, in  Stockport Unzufriedenheit
       der Arbeiter mit dem Lohn, ein Diebstahl, ein Betrug, Schlägerei,
       ein Mann,  der seine Frau mißhandelt, in Warrington ein Diebstahl
       und eine  Schlägerei, in Wigan ein Diebstahl und ein Kirchenraub.
       Die Berichte der Londoner Zeitungen sind noch viel schlimmer; Be-
       trügereien, Diebstähle, Raubanfälle, Familienzerwürfnisse drängen
       eins das andere;
       ---
       *) "[The] Manuf[acturing] Popul[ation] of Engl[and]" chapt. 10.
       **) Die Zahl  der  ü b e r f ü h r t e n  Verbrecher (22 733) di-
       vidiert in die Volkszahl (ca. 15 Millionen).
       
       #359# Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
       -----
       mir fällt  gerade eine  "Times" (12.September  1844), die nur die
       Vorfälle eines  Tages berichtet, in die Hand, die von einem Dieb-
       stahl, einem  Angriff auf  die Polizei, einem Alimentationsurteil
       gegen den  Vater eines  unehelichen Kindes,  der Aussetzung eines
       Kindes durch  seine Eltern  und der Vergiftung eines Mannes durch
       seine Frau  erzählt. Ähnliches  ist in allen englischen Zeitungen
       zu finden. In diesem Lande ist der soziale Krieg vollständig aus-
       gebrochen; jeder steht für sich selbst und kämpft für sich selbst
       gegen alle  ändern, und  ob er  allen ändern, die seine erklärten
       Feinde sind, Schaden zufügen soll oder nicht, hängt nur von einer
       selbstsüchtigen Berechnung  über das ab, was ihm am vorteilhafte-
       sten ist. Es fällt keinem mehr ein, sich auf friedlichem Wege mit
       seinen Nebenmenschen  zu verständigen;  alle  Differenzen  werden
       durch Drohungen,  Selbsthülfe oder  die Gerichte abgemacht. Kurz,
       jeder sieht im ändern einen Feind, den er aus dem Wege zu räumen,
       oder höchstens  ein Mittel,  das er zu seinen Zwecken auszubeuten
       hat. Und  dieser Krieg  wird, wie  die Kriminaltabellen beweisen,
       von Jahr  zu Jahr  heftiger, leidenschaftlicher, unversöhnlicher;
       die Feindschaft  teilt sich  allmählich in  zwei große Lager, die
       gegeneinander streiten:  die Bourgeoisie hier und das Proletariat
       dort. Dieser  Krieg Aller  gegen Alle  und des Proletariats gegen
       die Bourgeoisie  darf uns nicht wundern, denn er ist nur die kon-
       sequente Durchführung  des schon in der freien Konkurrenz enthal-
       tenen Prinzips;  aber wohl  darf es  uns wundern,  daß die  Bour-
       geoisie, gegen die sich tagtäglich neue und drohende Gewitterwol-
       ken zusammenziehen, bei alledem so ruhig und gelassen bleibt, wie
       sie diese  Sachen täglich  in den Zeitungen lesen kann, ohne, wir
       wollen nicht sagen Indignation über den sozialen Zustand, sondern
       nur Furcht vor seinen Folgen, vor einem allgemeinen Ausbruch des-
       sen, was  im Verbrechen  einzeln zutage kommt, zu empfinden. Aber
       dafür ist  sie gerade  Bourgeoisie und kann von ihrem Standpunkte
       aus nicht  einmal die  Tatsachen, geschweige  ihre  Konsequenzen,
       wahrnehmen. Nur  das ist  staunenswert, daß Klassenvorurteile und
       eingetrommelte vorgefaßte Meinungen eine ganze Menschenklasse mit
       einem so hohen, ich möchte sagen so wahnsinnigen Grade von Blind-
       heit schlagen können. Die Entwicklung der Nation geht indes ihren
       Gang, die  Bourgeois mögen  Augen für  sie haben  oder nicht, und
       wird eines schönen Morgens die besitzende Klasse mit Dingen über-
       raschen, von denen sich ihre Weisheit nichts träumen läßt.
       

       zurück