Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846


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       Die einzelnen Arbeitszweige
       
       Die Fabrikarbeiter im engeren Sinne
       
       Wenn wir  jetzt auf  die einzelnen wichtigeren Zweige dies engli-
       schen Industrieproletariats näher eingehen sollen, so werden wir,
       dem  oben   (S.  253)  aufgestellten  Prinzip  zufolge,  mit  den
       Fabrikarbeitern, d.h.  denen, die unter dem Fabrikakt stehen, an-
       zufangen haben.  Dies Gesetz reguliert die Arbeitszeit der Fabri-
       ken, in  denen Wolle,  Seide, Baumwolle  und Flachs mit Hülfe von
       Wasser- oder  Dampfkraft gesponnen  oder gewoben  wird,  und  er-
       streckt sich  deshalb auf die bedeutendsten Zweige der englischen
       Industrie. Die von ihnen lebende Klasse ist die zahlreichste, äl-
       teste, intelligenteste  und energischste, daher aber auch die un-
       ruhigste und der Bourgeoisie am meisten verhaßte von allen engli-
       schen Arbeitern; sie steht, und speziell die Baumwollfabrikarbei-
       ter stehen  an der Spitze der Arbeiterbewegung, wie ihre Brother-
       ren, die  Fabrikanten, namentlich  von Lancashire,  an der Spitze
       der Bourgeoisie-Agitation.
       Wir sahen schon in der Einleitung, wie die in den genannten Arti-
       keln arbeitende  Bevölkerung auch zuerst durch neue Maschinen aus
       ihren bisherigen  Verhältnissen gerissen wurde. Es darf uns daher
       nicht wundern,  wenn der  Fortschritt der  mechanischen Erfindung
       auch in  späteren Jahren  gerade sie am meisten und anhaltendsten
       berührte. Die  Geschichte der  Baumwollenfabrikation, wie wir sie
       bei Ure *), Baines **) u.a. lesen, weiß auf jeder Seite von neuen
       Verbesserungen zu  erzählen, und in den übrigen der genannten In-
       dustriezweige sind  die meisten  derselben ebenfalls eingebürgert
       worden. Fast überall ist die Handarbeit durch Maschinenarbeit er-
       setzt, fast  alle Manipulationen  werden durch die Kraft des Was-
       sers oder Dampfs getan, und noch jedes Jahr bringt neue Verbesse-
       rungen.
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       *) "The Cotton  Manufacture of  Great Britain" [Die Baumwollmanu-
       faktur Großbritanniens]. By Dr. A. Ure. 1836.
       **) "History  of   the  Cotton   Manufacture  in  Great  Britain"
       [Geschichte der Baumwollmanufaktur in Großbritannien]. By E. Bai-
       nes, Esq.
       
       #361# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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       In einem geordneten sozialen Zustande wären solche Verbesserungen
       nur erfreulich;  im Zustande  des Kriegs  Aller gegen Alle reißen
       einzelne den  Vorteil an  sich und bringen dadurch die meisten um
       die Mittel  der Existenz. Jede Verbesserung der Maschinerie wirft
       Arbeiter außer  Brot, und  je bedeutender die Verbesserung, desto
       zahlreicher die  arbeitslos gewordene Klasse; jede bringt demnach
       auf eine  Anzahl Arbeiter die Wirkung einer Handelskrisis hervor,
       erzeugt Not,  Elend und  Verbrechen. Nehmen wir einige Beispiele.
       Da gleich  die erste  Erfindung,  die  Jenny  (siehe  oben),  von
       e i n e m   Arbeiter getrieben, wenigstens das Sechsfache von dem
       lieferte, was  das Spinnrad  in gleicher  Zeit machen  konnte, so
       wurden durch  jede neue Jenny fünf Spinner brotlos. Die Throstle,
       die wiederum  bedeutend mehr lieferte als die Jenny und ebenfalls
       nur einen  Arbeiter brauchte, machte noch mehr brotlos. Die Mule,
       die wieder weniger Arbeiter im Verhältnis zum Produkt nötig hatte
       1*), hatte  dieselbe Wirkung,  und jede Verbesserung der Mule, d.
       h. jede  Vermehrung der Spindelzahl an der Mule, verminderte wie-
       derum die  Zahl der  benötigten Arbeiter.  Diese  Vermehrung  der
       Spindelzahl an  der Mule ist aber so bedeutend, daß dadurch ganze
       Scharen von Arbeitern brotlos geworden sind; denn wenn früher ein
       "Spinner" mit ein paar Kindern (piecers) 600 Spindeln in Bewegung
       setzte, so  konnte er  nun 1400  bis 2000 Spindeln auf zwei Mules
       beaufsichtigen - zwei erwachsene Spinner und ein Teil der von ih-
       nen beschäftigten  Piecer wurden dadurch brotlos. Und seitdem bei
       einem sehr  bedeutenden Teile der Mulespinnereien die self-actors
       eingeführt sind,  fällt die  Rolle des Spinners ganz weg und wird
       von der  Maschine getan.  Mir liegt  ein Buch vor *), das von dem
       anerkannten Führer  der Chartisten  in Manchester,  James  Leach,
       herrührt. Der  Mann hat in verschiedenen Industriezweigen, in Fa-
       briken und Kohlenbergwerken jahrelang gearbeitet und ist mir per-
       sönlich als  brav, zuverlässig  und tüchtig bekannt. Ihm standen,
       seiner Parteistellung  zufolge, die  ausgedehntesten Details über
       die verschiedenen  Fabriken, die  von den Arbeitern selbst gesam-
       melt wurden,  zu Gebote, und er gibt nun Tabellen, aus denen her-
       vorgeht, daß 1829 in 35 Fabriken 1083 Mulespinner mehr angestellt
       waren als  1841, obwohl  die Anzahl der Spindeln in diesen 35 Fa-
       briken sich  um 99429  vermehrt hat.  Er führt 5 Fabriken auf, in
       denen gar keine Spinner mehr sind, da diese Fabriken
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       *) "Stubborn Facts  from the  Factories", by  a Manchester Opera-
       tive.  Published   and   dedicated   to   the   working   Classes
       [Unumstößliche Tatsachen aus den Fabriken, von einem Fabrikarbei-
       ter aus Manchester. Herausgegeben und den arbeitenden Klassen ge-
       widmet], by Wm. Rashleigh, M.P. London, Ollivier, 1844, p. 28 ff.
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       1*) (1892) machte
       
       #362# Friedrich Engels
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       nur self-actors  besitzen. Während  die Zahl der Spindeln sich um
       10 Prozent vermehrte, nahm die der Spinner um mehr als 60 Prozent
       ab. Und, fügt Leach hinzu, seit 1841 sind so viele Verbesserungen
       durch Verdopplung  der Spindel-reihen  (double decking) und sonst
       eingeführt worden,  daß in  einigen der  genannten Fabriken  seit
       1841 wieder  die Hälfte der Spinner entlassen worden sind; in ei-
       ner Fabrik  allein, wo vor kurzem 80 Spinner waren, sind noch 20,
       die übrigen  sind weggeschickt  oder müssen Kinderarbeit für Kin-
       derlohn tun. Gleiches berichtet Leach aus Stockport, wo 1835  800
       Spinner und  1843 nur  140 Spinner beschäftigt gewesen seien, ob-
       wohl die  Industrie Stockports  in den letzten 8 bis 9 Jahren be-
       deutend zugenommen hat. In der Kardiermaschinerie sind jetzt ähn-
       liche Verbesserungen  gemacht, wodurch  die Hälfte  der  Arbeiter
       brotlos wird.  In einer  Fabrik sind  verbesserte  Doublierstühle
       aufgesetzt, die  von acht Mädchen vier brotlos machten - außerdem
       setzte der  Fabrikant den  Lohn der  übrigen vier von 8 auf 7 sh.
       herab. Ähnlich  ist es  mit der Weberei gegangen. Der mechanische
       Webstuhl hat  einen Zweig  der Handweberei nach dem ändern in Be-
       schlag genommen,  und da er viel mehr produziert als der Handweb-
       stuhl und  ein Arbeiter  zwei mechanische  Stühle  beaufsichtigen
       kann, so sind eine Menge Arbeiter auch hier brotlos geworden. Und
       in allen  Arten der Fabrikation, in der Flachs- und Wollenspinne-
       rei, beim  Tramieren der Seide ist es ebenso; selbst der mechani-
       sche Webstuhl fängt an, einzelne Zweige der Wollen- und Leinenwe-
       berei an sich zu reißen; in Rochdale allein sind mehr mechanische
       als Handwebstühle  bei der  Flanell- und  sonstigen Wollenweberei
       beschäftigt. Die  Bourgeoisie pflegt  hierauf zu  antworten,  daß
       Verbesserungen in  den Maschinen, indem sie die Produktionskosten
       verringerten, die  fertige Ware  zu einem niedrigeren Preise lie-
       fern und  daß durch  diesen niedrigeren Preis eine solche Vermeh-
       rung der Konsumtion entsteht, daß die brotlos gewordenen Arbeiter
       bald wieder  an den neuerstehenden Fabriken Beschäftigung vollauf
       fänden. Gewiß, die Bourgeoisie hat ganz recht dann, daß unter ge-
       wissen, für die allgemeine industrielle Entwicklung vorteilhaften
       Verhältnissen jede  Preiserniedrigung einer solchen Ware, bei der
       das rohe  Material   w e n i g  kostet, die Konsumtion sehr stei-
       gert und  neue Fabriken hervorruft; aber sonst ist jedes Wort ih-
       rer Behauptung  eine Lüge.  Sie schlägt  es für nichts an, daß es
       jahrelang dauert,  bis diese  Folgen der Preiserniedrigung einge-
       treten, bis  die neuen Fabriken gebaut sind; sie verschweigt uns,
       daß alle  Verbesserungen der  Maschinen die eigentliche, anstren-
       gende Arbeit mehr und mehr auf die Maschine werfen und so die Ar-
       beit erwachsener  Männer in  eine bloße  Aufsicht verwandeln, die
       ein schwaches  Weib oder gar ein Kind ebensogut tun kann und auch
       für halben  oder Drittellohn tut; daß also die erwachsenen Männer
       immer mehr aus der
       
       #363# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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       Industrie  verdrängt   und  durch   die   vermehrte   Fabrikation
       n i c h t   w i e d e r  beschäftigt werden; sie verschweigt uns,
       daß ganze  Arbeitszweige dadurch wegfallen oder so verändert wer-
       den, daß sie neu gelernt werden müssen, und hütet sich wohl, hier
       das zu  gestehen, worauf sie sonst pocht, wenn die Arbeit kleiner
       Kinder verboten  werden soll  - nämlich  daß Fabrikarbeit  in der
       frühesten Jugend  und vor dem zehnten Jahre gelernt werden müsse,
       um sie ordentlich zu lernen (vgl. z.B. Factories Inq. Comm. Rept.
       an verschiedenen  Stellen); sie  sagt nicht dabei, daß der Prozeß
       der Maschinenverbesserung  fortwährend vor  sich geht und dem Ar-
       beiter, sobald er sich, wenn es einmal wirklich der Fall wäre, in
       einem neuen  Arbeitszweige eingebürgert hat, ihm auch dieser wie-
       der genommen  und dadurch  der letzte Rest von Sicherheit der Le-
       bensstellung entrissen  wird, den  er noch  hatte. Aber die Bour-
       geoisie zieht  den Vorteil  von der Verbesserung der Maschinerie,
       sie hat  während der  ersten Jahre,  wo noch viele alte Maschinen
       arbeiten und  die Verbesserung  noch nicht allgemein durchgeführt
       ist, die  schönste Gelegenheit  zum Geldanhäufen, und es wäre zu-
       viel verlangt,  wenn sie  auch für die Nachteile der verbesserten
       Maschinen Augen haben sollte.
       Daß die  verbesserten Maschinen  den Lohn herabdrücken, ist eben-
       falls von  der Bourgeoisie  heftig bestritten worden, während die
       Arbeiter es  fort und  fort behauptet  haben. Die Bourgeoisie be-
       steht darauf,  daß, obwohl  mit der  erleichterten Produktion der
       S t ü c k l o h n gefallen, dennoch der Wochenlohn im ganzen eher
       gestiegen als  gefallen sei  und die  Lage der Arbeiter sich eher
       verbessert als  verschlimmert habe.  Es ist schwer, der Sache auf
       den Grund  zu kommen, da die Arbeiter sich meist auf den Fall des
       S t ü c k l o h n s   berufen; indessen  ist so  viel gewiß,  daß
       auch der Wochenlohn in verschiedenen Arbeitszweigen durch die Ma-
       schinerie niedriger  gestellt worden  ist. Die  sogenannten Fein-
       spinner (die  feines Mule-Garn spinnen) beziehen allerdings hohen
       Lohn, 30 bis 40 sh. wöchentlich, weil sie eine starke Assoziation
       zur Aufrechterhaltung  des Spinngeldes haben und ihre Arbeit müh-
       sam erlernt  werden muß;  die Grobspinner  aber, welche gegen die
       für feines  Garn nicht anwendbaren selbsttätigen Maschinen (self-
       actors) zu  konkurrieren haben  und deren  Assoziation durch  die
       Einführung dieser  Maschinen entkräftet wurde, haben dagegen sehr
       niedrigen Lohn.  Mir sagte  ein Mulespinner, daß er nicht über 14
       sh. wöchentlich  verdiene, und damit stimmen die Aussagen von Le-
       ach, daß  in verschiedenen  Fabriken die Grobspinner unter 16 1/2
       sh. wöchentlich  verdienen und daß ein Spinner, der vor drei Jah-
       ren 30  sh. verdiente, jetzt kaum 12 1/2 sh. aufbringen könne und
       im letzten  Jahre auch durchschnittlich nicht mehr verdient habe.
       Der Lohn  für Weiber  und Kinder  mag allerdings weniger gefallen
       sein, aber auch nur deshalb, weil er von Anfang an
       
       #364# Friedrich Engels
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       nicht hoch  gestellt war.  Ich kenne  mehrere Frauen,  die Witwen
       sind und  Kinder haben,  und mühsam genug 8 bis 9 sh. wöchentlich
       verdienen, und  daß sie  mit Familie davon nicht ordentlich leben
       können, wird  mir jeder zugeben, der die Preise der nötigsten Le-
       bensbedürfnisse in  England kennt.  Daß aber  der Lohn  überhaupt
       durch die  verbesserte Maschinerie  gedrückt worden  sei, ist die
       e i n s t i m m i g e  Aussage aller Arbeiter; daß die Behauptung
       der fabrizierenden Bourgeoisie, als habe sich die Lage der arbei-
       tenden Klassen  durch die  Maschinenfabrikation  verbessert,  von
       dieser Klasse  selbst aufs lauteste Lügen gestraft wird, kann man
       in jeder  Arbeiterversammlung in  den Fabrikdistrikten hören. Und
       selbst   w e n n   es wahr  wäre, daß  nur der relative Lohn, der
       Stücklohn gefallen und der absolute, die Summe des wöchentlich zu
       Erwerbenden stehengeblieben sei, was folgt daraus? Daß die Arbei-
       ter es haben ruhig mit ansehen müssen, wie die Herren Fabrikanten
       ihre Beutel füllten und von jeder Verbesserung Nutzen zogen, ohne
       ihnen auch  mir den  kleinsten Teil  davon abzugeben.  Die  Bour-
       geoisie vergißt, wenn sie gegen die Arbeiter kämpft, auch die ge-
       wöhnlichsten Prinzipien  ihrer eignen  Nationalökonomie. Sie, die
       sonst auf  Malthus schwört,  wirft in  ihrer Angst  den Arbeitern
       ein: Woher  hätten ohne  Maschinerie die vielen Millionen, um die
       sich Englands  Volkszahl vermehrt  hat, Arbeit  finden wollen? *)
       Dummheit, als  ob die  Bourgeoisie nicht  selbst gut genug wüßte,
       daß ohne die Maschinen und den durch diese hervorgebrachten Indu-
       strieaufschwung diese  "Millionen" gar nicht erzeugt und herange-
       wachsen wären! Was die Maschinerie den Arbeitern genützt hat, ist
       einfach   d a s,   daß sie ihnen die Notwendigkeit einer sozialen
       Reform, durch  die die  Maschinen nicht mehr  g e g e n,  sondern
       f ü r   die Arbeiter arbeiten, beigebracht hat. Die weisen Herren
       Bourgeois mögen  einmal die  Leute fragen,  die in Manchester und
       anderswo Straßen  kehren (das  ist freilich jetzt vorbei, da auch
       hierfür Maschinen  erfunden und eingeführt sind) oder Salz, Zünd-
       hölzchen, Apfelsinen  und Schnürriemen  auf den Straßen verkaufen
       oder betteln gehen müssen, was sie früher gewesen seien - und bei
       wie vielen  wird die  Antwort sein: durch Maschinerie brotlos ge-
       wordener Fabrikarbeiter.  Die Folgen  der Maschinenverbesserungen
       für den  Arbeiter sind in den jetzigen sozialen Verhältnissen nur
       ungünstig und oft im äußersten Grade drückend; jede neue Maschine
       bringt Brotlosigkeit,  Elend und  Not hervor - und in einem Lande
       wie England, wo ohnehin fast immer "überzählige Bevölkerung", ist
       die Entlassung  aus der Arbeit in den meisten Fällen das schlimm-
       ste, was  den Arbeiter  betreffen kann. Und auch abgesehen davon,
       welch einen  erschlaffenden, entnervenden Einfluß muß diese Unge-
       wißheit
       ---
       *) So fragt z.B. Herr Symons in "Arts and Artisans".
       
       #365# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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       der Lebensstellung,  die aus  dem unaufhörlichen  Fortschritt der
       Maschinerie und mit ihr der Brotlosigkeit hervorgeht, auf die oh-
       nehin schon  schwankend gestellten  Arbeiter ausüben! Um der Ver-
       zweiflung zu  entgehen, stehen  auch hier  dem Arbeiter  nur zwei
       Wege offen:  die innere und äußere Empörung gegen die Bourgeoisie
       - oder  der Trunk,  die Liederlichkeit  überhaupt. Und  zu beiden
       pflegen die  englischen Arbeiter ihre Zuflucht zu nehmen. Die Ge-
       schichte des  englischen Proletariats  erzählt von  Hunderten von
       Erneuten gegen  die Maschinen  und die Bourgeoisie überhaupt, und
       von der  Liederlichkeit haben  wir schon  gesprochen.  Diese  ist
       selbst freilich nur eine andere Art der Verzweiflung.
       Am gedrücktesten  leben diejenigen  Arbeiter, die gegen eine sich
       bahnbrechende Maschine  zu konkurrieren  haben. Der Preis des von
       ihnen fabrizierten  Artikels richtet  sich nach  dem des gleichen
       Maschinenfabrikats, und  da die  Maschine billiger arbeitet,  s o
       hat der  mit ihr  konkurrierende Arbeiter den schlechtesten Lohn.
       Dies Verhältnis tritt ein bei jedem Arbeiter, der an einer alten,
       mit späteren, verbesserten Maschinen konkurrierenden Maschine ar-
       beitet. Natürlich,  wer anders sollte den Schaden tragen? Der Fa-
       brikant will  seine Maschine  nicht fortwerfen,  er will auch den
       Schaden nicht  tragen; an die tote Maschine hat er keinen Rekurs,
       also hält  er sich an den lebenden Arbeiter, den allgemeinen Sün-
       denbock der  Gesellschaft. Von diesen mit Maschinen konkurrieren-
       den Arbeitern  sind die am meisten mißhandelten die Handweber der
       Baumwolleindustrie. Diese  Leute bekommen den geringsten Lohn und
       sind bei  voller Arbeit nicht imstande, sich über 10 sh. wöchent-
       lich zu  verdienen. Eine Gattung Weberei nach der ändern wird ih-
       nen von  dem mechanischen Webstuhl streitig gemacht, und außerdem
       ist die  Handweberei die letzte Zuflucht aller in ändern Branchen
       brotlos gewordenen  Arbeiter, so daß sie stets überfüllt ist. Da-
       her kommt  es, daß  in Durchschnittsperioden  der Handweber  sich
       glücklich schätzt,  wenn er  6 bis  7 sh.  wöchentlich  verdienen
       kann, und  selbst um  diese Summe  zu erringen,  muß er 14 bis 18
       Stunden täglich hinter seinem Webstuhl sitzen. Die meisten Gewebe
       erfordern ohnehin  ein  feuchtes  Arbeitslokal,  damit  der  Ein-
       schlagsfaden nicht jeden Augenblick reißt, und teils daher, teils
       wegen der  Armut der Arbeiter, die keine bessere Wohnung bezahlen
       können, sind  die Werkstätten der Handweber meist ohne bretternen
       oder gepflasterten  Fußboden. Ich  war in  vielen  Wohnungen  von
       Handwebern - in abgelegenen, schlechten Höfen und Gassen, gewöhn-
       lich in  Kellern. Oft  wohnten ein halb Dutzend dieser Handweber,
       von denen  einige verheiratet  waren, in  einer Cottage,  die ein
       oder zwei  Arbeitszimmer und  ein großes  Schlafzimmer  für  alle
       hatte, zusammen. Ihre Nahrung besteht fast einzig aus Kartoffeln,
       vielleicht etwas Haferbrei, selten Milch und fast
       
       #366# Friedrich Engels
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       nie Fleisch;  eine große Anzahl von ihnen sind Irländer oder iri-
       scher Abkunft.  Und diese  armen, von  jeder Krisis am ersten er-
       reichten und  am letzten  verlassenen Handweber  müssen der Bour-
       geoisie zur  Handhabe dienen,  um gegen  die Angriffe auf das Fa-
       briksystem standhalten zu können! Seht, ruft die Bourgeoisie tri-
       umphierend aus,  seht, wie  diese armen Weber darben müssen, wäh-
       rend es  den Fabrikarbeitern gut geht, und  d a n n  urteilt über
       das Fabriksystem! *) Als ob nicht gerade das Fabriksystem und die
       dazugehörige Maschinerie  die Handweber so schmählich tief herab-
       gedrückt hätte - als ob die Bourgeoisie dies selbst nicht ebenso-
       gut wüßte  wie wir! Aber die Bourgeoisie ist interessiert, und da
       kommt es ihr auf ein paar Lügen und Heucheleien nicht an.
       Fassen wir  die eine Tatsache, daß die Maschinerie die Arbeit des
       erwachsenen männlichen  Arbeiters mehr  und mehr verdrängt, etwas
       näher ins  Auge. Die Arbeit an den Maschinen, sowohl beim Spinnen
       als Weben,  besteht hauptsächlich  im Zusammenknüpfen gebrochener
       Fäden, da  sonst die  Maschine alles  tut; diese Arbeit erfordert
       keine Kraft,  aber größere  Gelenkigkeit der  Finger. Männer sind
       dazu also  nicht nur unnötig, sondern wegen der stärkeren Muskel-
       und Knochenentwicklung  ihrer Hände  sogar weniger  geeignet  als
       Weiber und  Kinder und  so natürlicherweise  fast ganz von dieser
       Art Arbeit  verdrängt. Je  mehr also  die Tätigkeit der Arme, die
       Kraftanstrengung, durch  Einführung von Maschinen auf die Wasser-
       oder Dampfkraft  geworfen wird, desto weniger Männer brauchen be-
       schäftigt zu  werden -  und da Weiber und Kinder ohnehin billiger
       und, wie  gesagt, in  diesen Arbeitszweigen besser als Männer ar-
       beiten, so  werden sie beschäftigt. In den Spinnereien findet man
       bei den  Throstles nur  Weiber und  Mädchen, bei  den Mules einen
       Spinner, einen  erwachsenen Mann  (der bei  den self-actors  weg-
       fällt) und  mehrere Piecer  zum Anknüpfen der Fäden, meist Kinder
       oder Weiber,  zuweilen junge Männer von 18 bis 20 Jahren, hie und
       da einen  alten, brotlos gewordenen Spinner. **) Bei den mechani-
       schen Webstühlen  arbeiten meist  Weiber von 15 bis 20 Jahren und
       drüber, auch  einige Männer,  die aber selten über ihr emundzwan-
       zigstes Jahr bei dieser Beschäftigung bleiben. An den Vorspinnma-
       schinen findet man ebenfalls nur Weiber, allenfalls einige Männer
       zum Schärfen  und Reinigen der Kardiermaschinen. Außer allen die-
       sen
       ---
       *) Z.B. Dr. Ure in der "Philos[ophy] of Manuf[actures]".
       **) "Der Stand  der Dinge in Beziehung auf Arbeitslohn ist augen-
       blicklich sehr  verdreht in  einigen Zweigen der Baumwollfabrika-
       tion in Lancashire; es gibt Hunderte von jungen Männern, zwischen
       20 und  30 Jahren,  die als Piecer und sonst beschäftigt sind und
       nicht mehr  als 8  oder 9  Shilling wöchentlich erhalten, während
       unter demselben Dach Kinder von 13 Jahren 5 sh. und junge Mädchen
       zwischen 16  und 20  Jahren 10 bis 12 sh. wöchentlich verdienen."
       Bericht des Fabrikinsp. L. Horner, Oktober 1844.
       
       #367# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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       beschäftigen die  Fabriken eine  Anzahl Kinder  zum Aufnehmen und
       Aufsetzen der  Spulen (doffers)  und einige erwachsene Männer als
       Aufseher in  den Zimmern, einen Mechaniker und einen Maschinisten
       für die  Dampfmaschine, auch wohl Schreiner, Portier etc. Die ei-
       gentliche Arbeit aber wird von Weibern und Kindern getan. Die Fa-
       brikanten leugnen  auch dies,  und haben  im vorigen Jahre bedeu-
       tende Tabellen  veröffentlicht, welche  beweisen sollten, daß die
       Maschinen die  Männer nicht verdrängten. Aus diesen Tabellen geht
       hervor, daß  von allen  Fabrikarbeitern etwas über die Hälfte (52
       Prozent) weiblichen  und etwa  48 Prozent männlichen Geschlechts,
       und daß  von diesen  Arbeitern mehr  als die Hälfte über 18 Jahre
       alt waren.  Soweit ganz  gut. Die Herren Fabrikanten hüteten sich
       aber wohl, uns zu sagen, wie viele der Erwachsenen männlichen und
       wie viele  weiblichen Geschlechts  waren. Das  ist aber  eben der
       Punkt. Ohnehin  haben sie offenbar Mechaniker, Schreiner und alle
       erwachsenen Männer, die irgendwie mit ihren Fabriken im Zusammen-
       hange standen,  vielleicht gar  Schreiber  usw.  mitgezählt,  und
       doch-haben sie  nicht den  Mut, den  ganzen Tatbestand auszuspre-
       chen. Diese  Angaben wimmeln  überhaupt von Falschheiten und ver-
       drehten, schiefen  Auffassungen,  Durchschnittsberechnungen,  die
       für den  Unkundigen viel,  für den  Kundigen nichts beweisen, von
       Verheimlichungen gerade  der wichtigsten  Punkte und beweisen nur
       die selbstsüchtige Verblendung und Unredlichkeit dieser Fabrikan-
       ten. Wir wollen der Rede, mit der Lord Ashley am 15. März 1844 im
       Unterhause die Zehnstunden-Motion machte, einige Angaben über das
       Verhältnis der  Alter und Geschlechter entnehmen, die von den Fa-
       brikanten, deren  Data sich ohnehin nur auf einen Teil der engli-
       schen Fabrikindustrie  beziehen, nicht widerlegt worden sind. Von
       den 419 590  1*) Fabrikarbeitern des britischen Reichs (1839) wa-
       ren 192 887,  also beinahe  die  Hälfte,  unter  18  Jahren,  und
       242 296 weiblichen Geschlechts, von denen 112 192 unter 18 Jahren
       waren. Sonach  bleiben 80 695  männliche Arbeiter unter 18 Jahren
       und 96 599   2*)  männliche erwachsene  Arbeiter oder 23 Prozent,
       also   k e i n   v o l l e s   V i e r t e l  der ganzen Zahl. In
       den Baumwollfabriken  waren 56 1/4, in den Wollenfabriken 69 1/2,
       Seidenfabriken 70 1/2, Flachsspinnereien 701/2 Prozent sämtlicher
       Arbeiter weiblichen Geschlechts. Diese Zahlen reichen hin, um die
       Verdrängung männlicher  erwachsener  Arbeiter  nachzuweisen.  Man
       braucht aber auch nur in die erste beste Fabrik zu gehen, um dies
       bestätigt zu sehen. Daraus folgt nun notwendig jene Umkehrung der
       bestehenden sozialen  Ordnung, die eben, weil sie eine gezwungene
       ist, für  die Arbeiter die verderblichsten Folgen hat. Die Arbeit
       der Weiber löst vor allen Dingen
       -----
       1*) (1845 und 1892) irrtümlich 419 560 - 2*) (1845 und 1892) irr-
       tümlich 96 569
       
       #368# Friedrich Engels
       -----
       die Familie  gänzlich auf; denn wenn die Frau den Tag über 12 bis
       13 Stunden  in der Fabrik zubringt und der Mann ebendaselbst oder
       an einem  ändern Orte  arbeitet, was soll da aus den Kindern wer-
       den? Sie  wachsen wild  auf wie Unkraut, sie werden zum Verwahren
       ausgemietet für  einen oder  anderthalb Shilling  die Woche,  und
       welch eine Behandlung ihnen da wird, läßt sich denken. Daher ver-
       mehren sich auch in den Fabrikdistrikten die Unglücksfälle, denen
       kleine Kinder  wegen Mangels  an Aufsicht  zum Opfer  fallen, auf
       eine schreckenerregende  Weise. Die  Listen der Totenschaubeamten
       von Manchester  hatten (laut  Bericht des Fact. Inq. Comm., Rept.
       of Dr. Hawkins, p. 3) in 9 Monaten 69 durch Verbrennung, 56 durch
       Ertrinken, 23  durch Fallen,  67   1*) durch andere Unglücksfälle
       Getötete, also  im ganzen  215  2*) Unglücksfälle aufzuweisen *),
       während indem nichtfabrizierenden Liverpool während zwölf Monaten
       nur 146 tödliche Unglücksfälle vorkamen. Die Unglücksfälle in den
       Kohlengruben sind  bei beiden  Städten ausgeschlossen, und es ist
       zu bedenken,  daß der  Coroner 3*) von Manchester keine Autorität
       in Salford  hat, so  daß die  Bevölkerung  der  beiden  Distrikte
       ziemlich gleich  ist. Der "Manchester Guardian" berichtet fast in
       jeder Nummer  von einer  oder  mehreren  Verbrennungen.  Daß  die
       allgemeine  Sterblichkeit  kleiner  Kinder  ebenfalls  durch  die
       Arbeit der  Mütter gehoben 4*) wird, versteht sich von selbst und
       ist durch  Tatsachen außer  allen  Zweifel  gesetzt.  Die  Frauen
       kommen oft  schon drei  bis vier Tage nach der Niederkunft wieder
       in die  Fabrik und lassen ihren Säugling natürlich zurück; in den
       Freistunden müssen  sie eilig  nach Hause  laufen, um das Kind zu
       stillen und  nebenbei selbst etwas zu genießen - was das für eine
       Stillung sein  muß, ist  klar.  Lord  Ashley  gibt  die  Aussagen
       einiger Arbeiterinnen:
       
       "M.H., zwanzig  Jahre alt, hat zwei Kinder, das jüngste ein Säug-
       ling, das von dem ändern, etwas älteren, verwahrt wird - sie geht
       morgens bald  nach fünf  Uhr in  die Fabrik und kommt um acht Uhr
       abends zurück; den Tag über fließt die Milch aus ihrer Brust, daß
       ihr die Kleider triefen. - H.W. hat drei Kinder, geht um fünf Uhr
       montags von  Hause und kommt erst Sonnabend abends um sieben wie-
       der -  hat dann  so viel für ihre Kinder zu besorgen, daß sie vor
       drei Uhr  morgens nicht  zu Bett gehen kann. Oft förmlich bis auf
       die Haut  vom Regen durchnäßt und genötigt, in dieser Lage zu ar-
       beiten. 'Meine Brüste haben mir die schrecklichsten Schmerzen ge-
       macht, und ich bin triefend naß von Milch gewesen.'"
       ---
       *) 1843 waren  unter den  Unglücksfällen, die dem Krankenhause in
       Manchester zugeführt wurden, 189, sage hundertneunundachtzig Ver-
       brennungen. Wie viele tödlich, wird nicht gesagt.
       -----
       1*) (1845 und  1892) irrtümlich  77 - 2*) (1845 und 1892) irrtüm-
       lich 225 - 3*) Leichenbeschauer (bei gewaltsamen oder plötzlichen
       Todesfällen) - 4*) (1892) gesteigert
       
       #369# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
       -----
       Die Anwendung  von narkotischen  Arzneien, um die Kinder ruhig zu
       halten, wird  durch dies  infame System  nur begünstigt  und  ist
       wirklich in  den Fabrikdistrikten  auf einen  hohen Grad der Ver-
       breitung gestiegen; Dr. Johns, Oberregistrator des Manchester-Di-
       strikts, ist  der Meinung,  daß diese  Sitte die Hauptursache der
       häufigen Todesfälle durch Krämpfe sei. Die Beschäftigung der Frau
       in der Fabrik löst  die Familie notwendig gänzlich auf, und diese
       Auflösung hat  in dem heutigen Zustande der Gesellschaft, der auf
       der Familie  beruht, die  demoralisierendsten Folgen,  sowohl für
       die Eheleute  wie für die Kinder. Eine Mutter, die nicht die Zeit
       hat, sich  um ihr Kind zu bekümmern, ihm während der ersten Jahre
       die gewöhnlichsten  Liebesdienste zu  erweisen, eine  Mutter, die
       ihr Kind  kaum zu  sehen bekommt,  kann diesem Kinde keine Mutter
       sein, sie  muß notwendig  gleichgültig dagegen  werden,  es  ohne
       Liebe, ohne  Fürsorge behandeln  wie ein  ganz fremdes  Kind; und
       Kinder, die  in solchen  Verhältnissen aufgewachsen,  sind später
       für die  Familie gänzlich  verdorben, können  nie in der Familie,
       die sie  selber stiften,  sich heimisch  fühlen, weil sie nur ein
       isoliertes Leben  kennengelernt haben, und müssen deshalb zur oh-
       nehin schon  allgemeinen Untergrabung  der Familie bei den Arbei-
       tern beitragen.  Eine ähnliche  Auflösung der  Familie wird durch
       die Arbeit der Kinder herbeigeführt. Wenn diese so weit sind, daß
       sie mehr  verdienen, als  ihren Eltern  die Beköstigung zu stehen
       kommt, so fangen sie an, den Eltern ein Gewisses für Kost und Lo-
       gis zu  geben und  den Rest  für sich selbst zu verbrauchen. Dies
       geschieht oft  schon mit  dem vierzehnten  und fünfzehnten  Jahr.
       (Power, Rept.  on Leeds,  passim, Tufnell, Rept. on Manchester p.
       17 etc.  im Fabrikbericht.) Mit einem Wort, die Kinder emanzipie-
       ren sich und betrachten das elterliche Haus als ein Kosthaus, das
       sie auch oft genug, wenn es ihnen nicht gefällt, mit einem ändern
       vertauschen.
       In vielen  Fällen wird  die Familie  durch das  Arbeiten der Frau
       nicht ganz aufgelöst, sondern auf den Kopf gestellt. Die Frau er-
       nährt die  Familie, der Mann sitzt zu Hause, verwahrt die Kinder,
       kehrt die  Stuben und  kocht. Dieser Fall kommt sehr, sehr häufig
       vor; in Manchester allein ließe sich manches Hundert solcher Män-
       ner, die  zu häuslichen  Arbeiten verdammt sind, zusammenbringen.
       Man kann sich denken, welche gerechte Entrüstung diese tatsächli-
       che Kastration  bei den Arbeitern hervorruft und welche Umkehrung
       aller Verhältnisse  der Familie, während doch die übrigen gesell-
       schaftlichen Verhältnisse  dieselben bleiben,  dadurch  entsteht.
       Mir liegt  ein Brief  eines englischen Arbeiters, Robert Pounder,
       Baron's Buildings,  Wood-house Moor-Side,  in  Leeds  (die  Bour-
       geoisie mag  ihn da aufsuchen, um ihretwillen geb' ich die genaue
       Adresse), vor, den dieser an Oastler richtete, und
       
       #370# Friedrich Engels
       -----
       dessen Naivität  ich nur  halb wiedergeben kann; die Orthographie
       läßt sich  allenfalls, der  Yorkshirer Dialekt  aber gar nicht im
       Deutschen nachmachen.  Er erzählt darin, wie ein anderer Arbeiter
       seiner Bekanntschaft einmal auf einer Wanderung, um Arbeit zu su-
       chen, in  St. Helens  in Lancashire  einen alten Freund getroffen
       habe.
       
       "Nun, Herr,  er fand  ihn, und  als er zu seiner Baracke kam, was
       war es,  denkt Ihr,  nun ein  feuchter niedriger  Keller, die Be-
       schreibung, die  er von den Möbeln gab, war wie folgt - zwei alte
       Stühle, ein  runder SBeiniger tisch eine Kiste Kein bett aber ein
       Hauffen Altes  Stro in einem Eck mit ein paar schmuttzige bet Tü-
       cher oben drauf un 2 stücke Holtz an das Kamien Und als mein Arme
       freund herein  ging da  sas der  Arme jack Am feuer auff das Holz
       und Was  taht Er  denckt Ir?  Er säs und Stoppfte seiner frau Ire
       strümfe mit  der Stopf  Natel und  sobalt Er Sein alten Freund an
       den Tür-Posten  Sahe, Versugte  Er es  zu Verberrgen  Aber Joe so
       Heist Mein  bekanter Hatte  es Dog  geseeen und  Sachte jack  Zum
       Teuffei was Magst Du doch wo Ist deine frau waß ist Daß deine Ar-
       beid der Arme jack Schämde sig Und Sagde nein Ig weis daß Ist nig
       Mein arbbeid  abber mein  arme FFrau Is in der fabrikk sie mus Um
       1/2 6 ur  gen Und  Arbeid biß  8 ur Abentz und Sieh ist so Ab Das
       Sie Nigtz Duhn Can Wen sie nag Hauße Komd so Mus ig alLes Führ Ir
       Duhn Waß ich Can Den ig hab Kein arBeid und Kein Gehapd Zeid Meer
       alz 3 Jar Und Ig krich Mein Leeben Kein meer, und Dan Weinette Er
       ein Dike trehne nein Joe Sagte er Es ist arbeid Gnucht vor weibs-
       Leute Und  kindern Hir  Inn der Gegent Aber Kein vor mannsLeut du
       Kanst eer  Hunderd Fundt  Auff der strase Finden Altz arbeid aber
       Ig Hette  nig Geglaubed  Das du  Oderr Sonst  jemandt mir Geseeen
       Hette Das ig Meiner frau Ire strümffe Stopde, Den es ist Schlegte
       arbeid Aber  Sieh Can  beiNa nig Meer auff Ire füse Steeen ig Bin
       Bange Sie  wirt Gans  Kranck Und  Dan weis Ig nig Was sol Auß unz
       Werden Den  sieh Ist schoon Lange Der man Im hauß Geweßen. Und ig
       Die frau  es Ist  Schlime Arbeid joe Und wemde Biterlig Und Sagte
       es Ist nigt Imer soo Gewessen Nein Jack Sagte Joe Und Wen du Hast
       Kein arbeid  Gehabt al Die zeid Wie hast du dir Am leben Erhalden
       ig wil  dir Sagen  Joe So  gud alz  Es gink  Aber Es gink schlegt
       Gnucht du  Weist alz Ig Heiratete Da Hate ig arbeid Gnucht Und du
       Weist ig  Wahr Nicht Faul nein Daß wärest du Nigt. und Wihr Haten
       ein Gutes  Meblirtes Hauß  Und Mary  Braugte nicht  zu arbeidn ig
       Konte Vor  untz beiden  Arbeidn aber Jetzd ist Die verKehrte weld
       Mary Muß  arbeidn Und  ig Mus Hirbleibben Die kinder ferwaren Und
       Keren und  Wasschen Baken  Und fliken  Den wen  Die arme frau Nag
       hauße Komd am abent Dan Ist Sieh müde Und Kapput du Weist joe Daß
       Ist Hard  vor einem Der Anders Gewond wahr joe Sagte. Ja junge Et
       is Hard  Und Dan  fienk Jack  Wider ahn Zu weinen Und Er Wolde er
       Hete ni GeHeirad Und were Ni GeBoren aber Er bete nig Gedagd Altz
       er Die  Mary Heiratten  Das es  Ihm So  Ergeen werde, ig Hab offt
       Gnugt Drüber  GeHeult Sagde Der jack nun herr Altz Joe Daß Hörete
       Sagde Er  Mich Das Er Hätte Verflugd Und verDamd Die fabriken Und
       die Fabrikkandn  und Die Regirung Mit allen flügen Die Er von ju-
       gent Auff in Der fabrikk Gelernd Hate."
       
       #371# Lage der arbeitenden Klasse -·Die einzelnen Arbeitszweige
       -----
       Kann man  sich einen  verrückteren, unsinnigeren  Zustand denken,
       als den  in diesem  Brief geschilderten?  Und doch ist dieser Zu-
       stand, der  den Mann  entmannt und  dem Weibe  seine Weiblichkeit
       nimmt, ohne  imstande zu  sein, dem  Manne wirkliche Weiblichkeit
       und dem  Weibe wirkliche Männlichkeit zu geben, dieser, beide Ge-
       schlechter und in ihnen die Menschheit aufs schändlichste entwür-
       digende Zustand  die letzte  Folge unserer hochgelobten Zivilisa-
       tion, das  letzte Resultat  aller der Anstrengungen, die Hunderte
       von Generationen zur Verbesserung ihrer eignen Lage und der ihrer
       Nachkommen gemacht  haben! Wir  müssen entweder an der Menschheit
       und ihrem  Wollen und  Laufen geradezu verzweifeln, wenn wir alle
       unsre Mühe und Arbeit in den Resultaten selbst so zum Kinderspott
       gemacht sehen,  oder wir  müssen zugeben, daß die menschliche Ge-
       sellschaft ihr  Glück bisher auf einem falschen Wege gesucht hat;
       wir müssen zugeben, daß eine so totale Umkehrung der Stellung der
       Geschlechter nur  daher kommen kann, daß die Geschlechter von An-
       fang an  falsch gegeneinandergestellt  worden sind. Ist die Herr-
       schaft der  Frau über  den Mann,  wie sie  durch das Fabriksystem
       notwendig hervorgerufen  wird, unmenschlich,  so muß auch die ur-
       sprüngliche Herrschaft  des Mannes  über  die  Frau  unmenschlich
       sein. Kann  jetzt die Frau, wie früher der Mann, seine Herrschaft
       darauf basieren, daß sie das meiste, ja alles in die Gütergemein-
       schaft der  Familie legt,  so folgt notwendig, daß diese Güterge-
       meinschaft keine  wahre, vernünftige  ist, weil ein Familienglied
       noch auf  den größeren Betrag der Einlage pocht. Wird die Familie
       der jetzigen Gesellschaft aufgelöst, so zeigt sich eben in dieser
       Auflösung, daß  im Grunde nicht die Familienliebe, sondern das in
       der verkehrten Gütergemeinschaft notwendig konservierte Privatin-
       teresse das haltende Band der Familie war. *) Dasselbe Verhältnis
       findet auch wohl bei den Kindern statt, die ihre arbeitslosen El-
       tern unterhalten,  wenn sie  nicht, wie  oben erwähnt, den Eltern
       Kostgeld geben.  Dr. Hawkins  bezeugt im  Fabrikbericht, daß dies
       Verhältnis oft genug vorkommt, und es ist in Manchester überhaupt
       notorisch. Wie  die Frau,  so sind  in diesem Fall die Kinder die
       Herren im  Haus, wovon  Lord Ashley  in seiner  Rede  (Unterhaus-
       sitzung vom  15. März  1844) ein  Beispiel gibt.  Ein Mann schalt
       seine beiden  Töchter aus,  weil sie  in einem  Wirtshaus gewesen
       waren, und diese erklärten, sie seien das Regiertwerden
       ---
       *) Wie zahlreich die in Fabriken arbeitenden verheirateten Frauen
       sind, geht  aus einer von den Fabrikanten selbst gemachten Angabe
       hervor: In  412 Fabriken  in Lancashire  arbeiteten ihrer 10 721;
       von ihren Männern hatten nur 5314 gleichfalls in Fabriken Arbeit,
       3927 waren sonst beschäftigt, 821 arbeitslos und über 659 fehlten
       die Notizen. Also auf jede Fabrik durchschnittlich zwei, wo nicht
       gar drei Männer, die von ihrer Frauen Arbeit leben.
       
       #372#
       -----
       leid: Damn  you, we  have you  to keep 1*), und wollten dann auch
       etwas von ihrer Arbeit haben; sie zogen aus dem elterlichen Hause
       und überließen Vater und Mutter ihrem Schicksal.
       Die unverheirateten  Frauenzimmer, die  in  Fabriken  aufwachsen,
       sind nicht  besser dran  als die  verheirateten. Es versteht sich
       ganz von  selbst, daß  ein Mädchen, das seit dem neunten Jahre in
       der Fabrik  gearbeitet hat,  nicht imstande war, sich mit häusli-
       chen Arbeiten bekannt zu machen, und daher kommt es, daß alle Fa-
       brikarbeiterinnen darin gänzlich unerfahren und durchaus nicht zu
       Hausfrauen geeignet  sind. Sie  können nicht  nähen und stricken,
       kochen oder  waschen, sie sind mit den gewöhnlichsten Verrichtun-
       gen einer Hausfrau unbekannt, und wie sie mit kleinen Kindern um-
       zugehen haben,  davon wissen sie vollends gar nichts. Der Bericht
       der Fact.  Inq. Comm. gibt Dutzende von Beispielen für diese Tat-
       sache, und  Dr. Hawkins,  der Kommissär  für Lancashire,  spricht
       seine Ansicht folgendermaßen aus (p. 4 des Berichts):
       
       "Die Mädchen  heiraten früh  und unüberlegt,  sie haben weder die
       Mittel noch  die Zeit,  noch die  Gelegenheit,  die  gewöhnlichen
       Pflichten des häuslichen Lebens zu lernen, und wenn sie alles das
       hätten, so  würden sie  in der Ehe keine Zeit zur Ausübung dieser
       Pflichten haben.  Die Mutter ist von ihrem Kinde über zwölf Stun-
       den täglich  abwesend; das Kind wird von einem Mädchen oder einer
       alten Frau,  der es vermietet wird, verwahrt; dazu ist nur zu oft
       die Wohnung  der Fabrikleute kein heimatlich Haus (home), oft ein
       Keller, der kein Koch- oder Waschgerät, nichts zum Nähen und Aus-
       bessern enthält,  dem alles fehlt, was das Leben angenehm und zi-
       vilisiert und  den heimischen  Herd anziehend  machen könnte. Ich
       kann nach  diesen und  ändern Gründen,  besonders um der größeren
       Lebenschancen für  kleine Kinder willen, nur wünschen und hoffen,
       daß eine  Zeit kommen  möge, in  der die verheirateten Frauen von
       den Fabriken ausgeschlossen sind."
       
       Einzelne Beispiele und Aussagen vgl. Fact. Inq. Comm. Report, Co-
       well, evid.  p. 37,  38, 39, 72, 77, 50. Tufnell, evid. p. 9, 15,
       45, 54 etc.
       Das ist  alles aber noch das wenigste. Die moralischen Folgen der
       Arbeit von Weibern in Fabriken sind noch viel schlimmer. Die Ver-
       einigung beider  Geschlechter und  aller Alter  in einem Arbeits-
       saale, die  unvermeidliche Annäherung  zwischen ihnen, die Anhäu-
       fung von  Leuten, denen  weder intellektuelle noch sittliche Bil-
       dung gegeben worden ist, auf einem engen Räume ist eben nicht ge-
       eignet, von  günstigen Folgen  für die Entwicklung des weiblichen
       Charakters zu  sein. Der  Fabrikant kann,  selbst wenn  er darauf
       sieht, nur  dann einschreiten, wenn wirklich einmal etwas Skanda-
       löses passiert; die
       -----
       1*) Zum Teufel mit dir, wir müssen dich erhalten
       
       #373# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
       -----
       dauernde, weniger  auffallende Einwirkung lockerer Charaktere auf
       die moralischeren  und namentlich  die jüngeren kann er nicht er-
       fahren, also  auch nicht  verhüten. Diese Einwirkung ist aber ge-
       rade die  schädlichste. Die  Sprache, die in den Fabriken geführt
       wird, ist  den Fabrikkommissären  von 1833  von vielen Seiten als
       "unanständig", "schlecht",  "schmutzig" usw.  geschildert  worden
       (Cowell, evid.  p. 35, 37, und an vielen ändern Stellen). Die Sa-
       che ist dieselbe im kleinen, wie wir sie in den großen Städten im
       großen sahen.  Die Zentralisation  der Bevölkerung  hat dieselben
       Wirkungen auf  dieselben Leute,  mag sie  nun auf  diese in einer
       großen Stadt  oder in  einer kleineren Fabrik wirken. Ist die Fa-
       brik kleiner,  so ist die Annäherung größer und der Umgang unver-
       meidlicher. Die Folgen davon bleiben nicht aus. Ein Zeuge in Lei-
       cester sagt: Er würde seine Tochter lieber betteln als in die Fa-
       brik gehen  lassen -  das seien  wahre Höllenlöcher,  die meisten
       Freudenmädchen in  der Stadt  hätten es den Fabriken zu verdanken
       (Power, evid.  p. 8),  ein andrer  in Manchester  "hat keinen An-
       stand, zu  behaupten, daß  drei Viertel der jungen Fabrikarbeite-
       rinnen von  14 bis  20 Jahren  unkeusch seien"  (Cowell, evid. p.
       57). Kommissär  Cowell spricht  sich überhaupt dahin aus, daß die
       Sittlichkeit der  Fabrikarbeiter etwas unter dem Durchschnitt der
       arbeitenden Klasse  stehe (p. 82), und Dr. Hawkins sagt (Rept. p.
       4):
       
       "Eine Abschätzung  der sexualen  Sittlichkeit läßt sich nicht gut
       in Zahlen  reduzieren, aber  wenn ich meinen eignen Beobachtungen
       und der  allgemeinen Ansicht  derer, mit  denen ich sprach, sowie
       der ganzen  Haltung der  mir abgelegten Zeugnisse trauen darf, so
       bietet sich  eine höchst niederschlagende Ansicht von dem Einfluß
       des Fabriklebens auf die Sittlichkeit der weiblichen Jugend dar."
       
       Es versteht  sich übrigens,  daß die Fabrikdienstbarkeit wie jede
       andre, und noch mehr, dem Brotherrn das Jus primae noctis 1*) er-
       teilt. Der  Fabrikant ist  auch in dieser Beziehung Herr über den
       Leib und  die Reize  seiner  Arbeiterinnen.  Die  Entlassung  ist
       Strafe genug,  um in neun Fällen aus zehnen, wo nicht in neunund-
       neunzig aus  hundert, alles Widerstreben bei Mädchen, die ohnehin
       keine große  Veranlassung zur Keuschheit haben, niederzuschlagen.
       Ist der  Fabrikant gemein  genug - und der Kommissionsbericht er-
       zählt von  mehreren Fällen  - so  ist seine  Fabrik zugleich sein
       Harem; und  daß nicht  alle Fabrikanten Gebrauch von ihrem Rechte
       machen, verändert  die Sachlage  in  Beziehung  auf  die  Mädchen
       durchaus nicht.  Im Anfange  der Fabrikindustrie,  wo die meisten
       Fabrikanten Emporkömmlinge  ohne Bildung  und ohne  Rücksicht auf
       die gesellschaftliche Heuchelei waren, ließen sie sich auch durch
       nichts in der Ausübung ihres "wohlerworbnen" Rechtes stören.
       -----
       1*) Recht der ersten Nacht
       
       #374# Friedrich Engels
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       Um die  Folgen der  Fabrikarbeit auf  den physischen  Zustand des
       weiblichen Geschlechts richtig zu beurteilen, wird es nötig sein,
       vorher die Arbeit der Kinder und die Art der Arbeit selbst in Be-
       tracht zu ziehen. Von Anfang der neuen Industrie an wurden Kinder
       in den  Fabriken beschäftigt;  anfangs wegen  der Kleinheit der -
       später vergrößerten  - Maschinen  fast ausschließlich,  und  zwar
       nahm man  die Kinder  aus den  Armenhäusern, die scharenweise als
       "Lehrlinge" bei  den Fabrikanten auf längere Jahre vermietet wur-
       den. Sie  wurden gemeinschaftlich logiert und bekleidet und waren
       natürlich die  vollständigen Sklaven  ihrer Brotherrn,  von denen
       sie mit  der größten  Rücksichtslosigkeit und  Barbarei behandelt
       wurden. Schon  1796 sprach sich der öffentliche Unwille über dies
       empörende System  durch Dr.  Percival und  Sir R. Peel (Vater des
       jetzigen Ministers  und selbst  Baumwollfabrikant)  so  energisch
       aus, daß  das Parlament  1802 eine  Apprentice-bill (Lehrlingsge-
       setz) passierte  [91], wodurch  die schreiendsten  Mißbräuche ab-
       gestellt wurden.  Allmählich trat  die Konkurrenz freier Arbeiter
       ein und verdrängte das ganze Lehrlingssystem. Die Fabriken wurden
       allmählich mehr  in den  Städten errichtet,  die  Maschinen  ver-
       größert und die Lokale luftiger und gesunder angelegt; allmählich
       fand sich auch mehr Arbeit für Erwachsene und junge Leute, und so
       nahm die  relative Zahl  der arbeitenden Kinder etwas ab, und das
       Alter, in  dem die  Arbeit angefangen  wurde,  stieg  etwas.  Man
       beschäftigte wenig Kinder unter 8 bis 9 Jahren mehr. Später trat,
       wie wir  sehen werden, die gesetzgebende Gewalt noch mehrere Male
       zum Schutz der Kinder gegen die Geldwut der Bourgeoisie auf.
       Die große Sterblichkeit unter den Kindern der Arbeiter und spezi-
       ell der  Fabrikarbeiter ist Beweis genug von der Ungesundheit der
       Lage, in  der sie  ihre ersten  Jahre verbringen.  Diese Ursachen
       wirken auch  auf diejenigen  Kinder, welche am Leben bleiben, nur
       natürlich nicht ganz so stark wie auf die, welche ihnen zum Opfer
       fallen. Die  Wirkung derselben  ist also im gelindesten Fall eine
       Krankheitsanlage oder  eine gehemmte  Entwicklung und  daher eine
       geringere Körperstärke  als die normale. Das neunjährige Kind ei-
       nes Fabrikarbeiters, das unter Mangel, Entbehrung und wechselnden
       Verhältnissen, in Nässe, Kälte und ungenügender Kleidung und Woh-
       nung aufgewachsen  ist, hat bei weitem nicht die Arbeitsfähigkeit
       des in  gesunderer Lebenslage  erzogenen Kindes.  Mit dem neunten
       Jahre wird  es in  die Fabrik  geschickt, arbeitet  täglich 6 1/2
       Stunden (früher  8, noch früher 12 bis 14, ja 16 Stunden) bis zum
       dreizehnten Jahre,  von da  an bis zum achtzehnten Jahre 12 Stun-
       den. Die  schwächenden Ursachen dauern fort, und die Arbeit tritt
       noch hinzu.  Es ist allerdings nicht zu leugnen, daß ein neunjäh-
       riges Kind,  allenfalls auch  das eines  Arbeiters, eine tägliche
       Arbeit von 6 1/2 Stunden
       
       #375# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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       aushallen könne,  ohne daß   s i c h t l i c h e r   und offenbar
       hierauf zu  reduzierender Schaden an seiner Entwicklung geschehe;
       aber keinenfalls trägt der Aufenthalt in der dumpfigen, feuchten,
       oft feuchtheißen  Fabrikatmosphäre zu  seiner Gesundheit bei. Un-
       verantwortlich aber bleibt es unter allen Umständen, die Zeit von
       Kindern, die  rein der körperlichen und geistigen Entwicklung ge-
       widmet sein  sollte, der Habgier einer gefühllosen Bourgeoisie zu
       opfern, die  Kinder der  Schule und der freien Luft zu entziehen,
       um sie zum Vorteil der Herren Fabrikanten auszubeuten. Allerdings
       sagt die  Bourgeoisie: Wenn  wir die Kinder nicht in den Fabriken
       beschäftigen, so bleiben sie in Verhältnissen, die ihrer Entwick-
       lung nicht  günstig sind  - und das ist im ganzen richtig -, aber
       was heißt  das, auf seinen wahren Wert reduziert, als: Erst setzt
       die Bourgeoisie  die Arbeiterkinder in schlechte Verhältnisse und
       beutet dann  diese schlechten  Verhältnisse noch zu ihrem Vorteil
       aus -  sie beruft  sich auf etwas, was ebensowohl ihre Schuld ist
       wie das  Fabriksystem, sie  entschuldigt die Sünde, die sie heute
       tut durch die, welche sie gestern getan hat. Und wenn das Fabrik-
       gesetz nicht  wenigstens einigermaßen  ihnen die  Hände fesselte,
       wie würden  diese "wohlwollenden",  "humanen" Bourgeois, die ihre
       Fabriken eigentlich  nur zum  Wohl der  Arbeiter errichtet haben,
       die Interessen  dieser Arbeiter wahrnehmen! Hören wir, wie sie es
       getrieben haben,  ehe ihnen  der Fabrikinspektor  auf den  Fersen
       saß; ihr  eignes anerkanntes  Zeugnis, der Bericht der Fabrikkom-
       mission von 1833, soll sie schlagen.
       Der Bericht  der Zentralkommission  erzählt, daß  die Fabrikanten
       Kinder selten  mit fünf,  häufig mit  sechs, sehr oft mit sieben,
       meist mit  acht bis neun Jahren zu beschäftigen anfingen, daß die
       Arbeitszeit oft  14 bis 16 Stunden (außer Freistunden zu Mahlzei-
       ten) täglich daure, daß die Fabrikanten es zuließen, daß die Auf-
       seher die  Kinder schlugen und mißhandelten, ja oft selbst tätige
       Hand anlegten;  ein Fall  wird sogar erzählt, wo ein schottischer
       Fabrikant einem  entlaufenen sechzehnjährigen  Arbeiter nachritt,
       ihn zwang,  so rasch, wie das Pferd trabte, vor ihm her zurückzu-
       laufen, und  fortwährend mit  einer langen  Peitsche auf ihn los-
       hieb! (Stuart, evid. p. 35.) In den großen Städten, wo die Arbei-
       ter sich  mehr widersetzten,  fiel dergleichen allerdings weniger
       vor. Aber selbst diese lange Arbeitszeit genügte der Habsucht der
       Kapitalisten nicht.  Es galt, das in Gebäuden und Maschinen stec-
       kende Kapital  mit allen  möglichen Mitteln rentbar zu machen, es
       so stark  wie möglich arbeiten zu lassen. Die Fabrikanten führten
       daher das  schändliche System des Nachtarbeitens ein; bei einigen
       waren zwei  stehende Klassen von Arbeitern, jede so stark, um die
       ganze Fabrik  besetzen zu  können, und  die eine Klasse arbeitete
       die zwölf Tages-, die andre die zwölf Nachtstunden. Man kann sich
       leicht denken,  welche Folgen  eine solche dauernde Beraubung der
       Nachtruhe,
       
       #376# Friedrich Engels
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       die durch keinen Tagesschlaf zu ersetzen ist, auf die körperliche
       Lage, namentlich kleiner und größerer Kinder und selbst Erwachse-
       ner, haben  mußte. Aufreizung des ganzen Nervensystems, verbunden
       mit allgemeiner  Schwächung und  Erschlaffung des ganzen Körpers,
       waren die notwendigen Resultate. Dazu die Beförderung und Aufrei-
       zung der  Trunksucht, des regellosen Geschlechtsverkehrs; ein Fa-
       brikant bezeugt  (Tufnell, evid. p. 91), daß während zwei Jahren,
       wo in  seiner Fabrik  nachts gearbeitet  wurde, die doppelte Zahl
       unehelicher Kinder  geboren und überhaupt eine solche Demoralisa-
       tion produziert  wurde, daß  er das  Nachtarbeiten habe  aufgeben
       müssen. Andre  Fabrikanten verfuhren  noch  barbarischer,  ließen
       viele  Arbeiter   30  bis   40  Stunden  durcharbeiten,  und  das
       w ö c h e n t l i c h   m e h r e r e   M a l e,   indem ihre Er-
       satzmannschaft nicht vollzählig war, sondern nur den Zweck hatte,
       immer einen  Teil der Arbeiter zu ersetzen und ihm ein paar Stun-
       den Schlaf  zu erlauben.  Die Berichte  der Kommission über diese
       Barbarei und ihre Folgen übertreffen alles, was mir sonst in die-
       sem Fach  bekannt ist.  Solche Scheußlichkeiten, wie hier erzählt
       werden, finden  sich nirgends  wieder - und wir werden sehen, daß
       die Bourgeoisie  das Zeugnis  der Kommission fortwährend als  z u
       i h r e n    G u n s t e n  in Anspruch nimmt. Die Folgen hiervon
       traten bald genug hervor: Die Kommissäre erzählen von einer Menge
       Krüppel, die ihnen vorgekommen seien und die entschieden der lan-
       gen Arbeitszeit  ihre Verkrüppelung  zu verdanken  hätten.  Diese
       Verkrüppelung besteht  gewöhnlich aus  Verkrümmung des  Rückgrats
       und der  Beine und wird von Francis Sharp. M.R.C.S. (Mitglied des
       königlichen Kollegiums  der Wundärzte)  in  Leeds  folgendermaßen
       beschrieben:
       
       "Ich sah die eigentümliche Verdrehung der untern Enden des Schen-
       kelknochens nie,  bevor ich  nach Leeds kam. Anfangs glaubte ich,
       es sei  Rachitis, aber die Menge der sich im Spital präsentieren-
       den Patienten  und das  Vorkommen der Krankheit in einem Alter (8
       bis 14 Jahre), in welchem Kinder gewöhnlich nicht mehr der Rachi-
       tis unterworfen  sind, sowie der Umstand, daß das Übel erst ange-
       fangen hatte,  seitdem die Kinder in der Fabrik arbeiteten, bewe-
       gen mich  bald, meine Meinung zu ändern. Ich habe bis Jetzt unge-
       fähr hundert  solcher Fälle  gesehen und kann aufs entschiedenste
       aussprechen, daß sie die Folge von Überarbeitung sind; soviel ich
       weiß, waren  es alles  Fabrikkinder, und sie selbst schreiben das
       Übel jener  Ursache zu.  - Die Anzahl der mir vorgekommenen Fälle
       von verkrümmtem  Rückgrat, offenbar  die Folge von zu langem Auf-
       rechtstehen, wird  nicht  geringer  als  dreihundert  sein"  (Dr.
       Loudon, evid. p. 12, 13).
       
       Ebenso Dr. Hey in Leeds, 18 Jahre lang Arzt am Krankenhause:
       
       "Vorbildungen des  Rückgrats sehr  häufig unter den Fabrikleuten.
       Einige die  Folgen bloßer  Überarbeitung, andere  die Wirkung von
       langer Arbeit auf eine ursprünglich
       
       #377# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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       schwache oder  durch schlechte Nahrung geschwächte Konstitution."
       "Verkrüppelungen schienen häufiger zu sein als diese Krankheiten;
       die Knie  waren nach  innen gebeugt,  die Bänder der Knöchel sehr
       häufig aufgelockert  und erschlafft  und die  langen Knochen  der
       Beine gebogen.  Besonders waren  die dicken  Enden dieser  langen
       Knochen verdreht  und übermäßig  entwickelt, und  diese Patienten
       kamen von  den Fabriken,  in welchen häufig sehr lange gearbeitet
       wurde" (Dr. Loudon, evid. p. 16).
       
       Dasselbe sagen die Wundärzte Beaumont und Sharp von Bradford aus.
       Die Berichte der Kommissäre Drinkwater, Power und Dr. Loudon ent-
       halten eine  Menge, die  von Tufnell und Dr. Sir David Barry, die
       sich weniger auf diesen Punkt richten, einzelne Beispiele solcher
       Verkrümmungen (Drinkwater,  evid. p.  69 zwei  Brüder, p. 72, 80,
       146, 148,  150 zwei Brüder, 155 und viele andere; Power, evid. p.
       63, 66,  67 zweimal,  68 dreimal, 69 zweimal; in Leeds p. 29, 31,
       40, 43, 53 ff.; Dr. Loudon, evid. p. 4, 7 viermal, 8 mehrere Male
       etc.; Sir  D. Barry,  p. 6,  8, 13,  21, 22, 44, 55 dreimal etc.;
       Tufnell, p.  5, 16 etc.). Die Kommissäre für Lancashire, Ciowell,
       Tufnell und  Dr. Hawkins, haben diese Seite der medizinischen Re-
       sultate des Fabriksystems fast ganz vernachlässigt, obwohl dieser
       Distrikt vollkommen  mit Yorkshire  in der  Anzahl  von  Krüppeln
       wetteifern kann.  Ich bin  selten durch Manchester gegangen, ohne
       drei bis  vier Krüppeln zu begegnen, die gerade an denselben Ver-
       krümmungen des Rückgrats und der Beine litten wie die beschriebe-
       nen, und  ich habe  oft genug  gerade hierauf geachtet und achten
       können. Ich  kenne selbst einen Krüppel, der genau der obigen Be-
       schreibung von  Dr. Hey entspricht und der sich seinen Zustand in
       der Fabrik  des Herrn Douglas in Pendleton, die überhaupt bei den
       Arbeitern wegen  der früheren langen, Nächte hindurch fortgesetz-
       ten Arbeitszeit  noch im  schönsten Rufe  steht, geholt  hat. Man
       sieht es  auch dieser Art von Krüppeln gleich an, woher ihre Vor-
       bildung kommt, sie sehen alle ganz gleich aus, die Knie sind ein-
       wärts und  rückwärts, die Füße einwärts gebogen, die Gelenke miß-
       gestaltet und  dick und  oft das Rückgrat vorwärts oder seitwärts
       gekrümmt. Am  ärgsten aber  scheinen es  die menschenfreundlichen
       Fabrikanten im  Seidendistrikt von  Macclesfield getrieben zu ha-
       ben, was mit daher  kommt, daß in diesen Fabriken sehr junge Kin-
       der, von fünf und sechs Jahren, arbeiteten. In den nachträglichen
       Zeugnissen des  Kommissärs Tufnell  finden wir die Aussagen eines
       Fabrikdingenten Wright  (p. 26),  dessen  beide  Schwestern  aufs
       schändlichste verkrüppelt  wurden und  der einmal  die Anzahl von
       Krüppeln in  mehreren Straßen,  einige darunter  die reinlichsten
       und nettesten von Macclesfield, gezählt hatte; er fand in Townley
       Street zehn, George Street fünf, Charlotte Street vier, Watercots
       fünfzehn, Bank  Top drei,  Lord Street  sieben, Mill  Lane zwölf,
       Great George Street zwei, im Armenhause zwei, Park Green einen,
       
       #378# Friedrich Engels
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       Pickford Street  zwei Krüppel, deren Familien alle einstimmig er-
       klärten, daß  diese durch übermäßige Arbeit in den Seidentramier-
       fabriken verwachsen  seien. P.  27 wird ein Knabe vorgeführt, der
       so verwachsen  war, daß  er keine Treppe hinaufkommen konnte, und
       Beispiele  von   Mädchen  erwähnt,   die  in  Rücken  und  Hüften
       verkrüppelt seien.
       Andere Verbildungen  sind ebenfalls aus dieser Überarbeitung her-
       vorgegangen, besonders  Plattfüßigkeit, die dem Sir D. Barry häu-
       fig vorkam  (z.B. p. 21 zweimal ff.) und ebenfalls von den Ärzten
       und Wundärzten  in Leeds (Loudon, p. 13, 16 etc.) als häufig vor-
       kommend angegeben wird. In den Fällen, wo eine stärkere Konstitu-
       tion, eine  bessere Nahrung  und sonstige Umstände den jungen Ar-
       beiter befähigten, diesen Einwirkungen einer barbarischen Ausbeu-
       tung zu  widerstehen, finden  wir wenigstens Schmerzen in Rücken,
       Hüften und  Beinen, geschwollene  Knöchel,  variköse  Adern  oder
       große, hartnäckige  Geschwüre an  den Schenkeln  und Waden. Diese
       Übel sind  fast allgemein  bei den Arbeitern gefunden worden; die
       Berichte Stuarts,  Mackintoshs, Sir  D. Barrys enthalten Hunderte
       von Beispielen,  ja sie  wissen fast von keinem, der nicht an ir-
       gendeinem dieser  Übel litte;  und in  den übrigen Berichten wird
       das Vorkommen  derselben Folgen  wenigstens von vielen Ärzten be-
       zeugt. Die  Berichte über  Schottland stellen  es  außer  Zweifel
       durch zahllose  Beispiele, daß  dreizehnstündige Arbeit  noch bei
       achtzehn- bis  zweiundzwanzigjährigen männlichen  und  weiblichen
       Arbeitern wenigstens   d i e s e   Folgen  hervorbringt, und zwar
       sowohl in den Flachsspinnereien von Dundee und Dunfermline wie in
       den Baumwollfabriken von Glasgow und Lanark.
       Alle diese  Übel erklären sich leicht aus der Natur der Fabrikar-
       beit, die  allerdings, wie  die Fabrikanten  sagen, sehr "leicht"
       ist, aber  eben wegen  ihrer Leichtigkeit  erschlaffender als ir-
       gendeine andere. Die Arbeiter haben wenig zu tun, müssen aber die
       ganze Zeit   s t e h e n,   ohne  sich setzen zu können. Wer sich
       etwa auf  eine Fensterbank  oder einen Korb setzt, wird gestraft;
       und diese dauernde aufrechte Stellung, dieser fortwährende mecha-
       nische Druck  des Oberkörpers  auf  Rückgrat,  Hüften  und  Beine
       bringt ganz  notwendig die  erwähnten Folgen  hervor. Dies Stehen
       ist allerdings  nicht notwendig zur Arbeit, wie denn auch in Not-
       tingham in  den Dublierzimmern  wenigstens Sitze  eingeführt sind
       (die Folge  davon war die Abwesenheit jener Übel und folglich die
       Willigkeit der  Arbeiterinnen,  lange  Arbeitszeit  mitzumachen),
       aber in  einer Fabrik,  wo der Arbeiter nur für den Bourgeois ar-
       beitet und  wenig Interesse  daran hat,  seine Arbeit gut zu tun,
       würde er  allerdings wahrscheinlich  mehr Gebrauch  davon machen,
       als dem Fabrikanten angenehm und vorteilhaft wäre - und damit dem
       Bourgeois etwas weniger rohes Material
       
       #379# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
       -----
       verdorben wird,  müssen die Arbeiter die Gesundheit ihrer Glieder
       opfern. *)  Diese lang  anhaltende aufrechte Stellung bringt aber
       außerdem noch  in Verbindung  mit der meist schlechten Atmosphäre
       der Fabriken  eine bedeutende Erschlaffung aller Körperkräfte und
       in deren  Gefolge allerlei  andere weniger  lokale als  generelle
       Übel hervor.  Die Atmosphäre der Fabriken ist gewöhnlich zu glei-
       cher Zeit  feucht und  warm, meist  wärmer als nötig ist, und bei
       nicht sehr  guter Ventilation sehr unrein, dumpfig und von gerin-
       gem Sauerstoffgehalt,  angefüllt mit  Staub und dem Dunst des Ma-
       schinenöls, das fast überall den Boden beschmutzt, in ihn herein-
       zieht und  ranzig wird;  die Arbeiter selbst sind schon wegen der
       Wärme nicht  zu dicht  bekleidet und  würden sich  daher bei  Un-
       gleichmäßigkeit der  Temperatur im Zimmer notwendig erkälten; der
       Luftzug ist  ihnen in  der Wärme  unangenehm, die allmähliche Er-
       schlaffung, die über alle körperlichen Funktionen schleicht, ver-
       ringert die  animalische Wärme, die von außenher aufrechterhalten
       werden muß,  und so  ist dem  Arbeiter selbst  nichts lieber, als
       wenn er  bei gänzlich  geschlossenen Fenstern  in  seiner  warmen
       Fabnkluft bleiben  kann. Hierzu  tritt dann  noch die Wirkung des
       häufigen plötzlichen  Temperaturwechsels beim Herausgehen aus der
       heißen Fabrikatmosphäre  m die  frostkalte  oder  naßkalte  freie
       Luft, die  Unfähigkeit der Arbeiter, sich genügend gegen Regen zu
       schützen oder die nassen Kleider mit trocknen zu vertauschen, al-
       les Umstände,  die fortwährend  Erkältungen produzieren. Und wenn
       man bedenkt,  daß bei  alledem fast kein einziger Muskel des Kör-
       pers wirklich  angestrengt, wirklich  in Tätigkeit  gesetzt wird,
       außer etwa  denen der Beine, daß der erschlaffenden, abspannenden
       Wirkung der  genannten Umstände gar nichts entgegentritt, sondern
       daß alle Übung fehlt, die den Muskeln Kraft, den Fibern Elastizi-
       tät und Konsistenz geben könnte, daß von Jugend auf den Arbeitern
       alle Zeit  zur Bewegung  in freier  Luft abgeht, so wird man sich
       nicht mehr über die fast einstimmige Aussage der Mediziner im Fa-
       brikbericht wundern,  daß sie  bei Fabrikarbeitern ganz besonders
       eine große  Widerstandslosigkeit  gegen  Krankheitsanfälle,  eine
       allgemeine Depression  aller Lebenstätigkeiten, eine fortwährende
       Abspannung aller  geistigen und körperlichen Kräfte gefunden hät-
       ten. Hören wir zuerst Sir D. Barry:
       
       "Die ungünstigen Einflüsse der Fabrikarbeit auf die Arbeiter sind
       folgende: 1.  die unumgängliche  Notwendigkeit, ihre körperlichen
       und geistigen Anstrengungen zu einem gleichen Schritt mit den Be-
       wegungen einer  durch gleichmäßige und unaufhörliche Kraft beweg-
       ten Maschinerie  zu zwingen;  2. die Ausdauer in einer aufrechten
       Stellung während  unnatürlich langer  und zu schnell aufeinander-
       folgender Zeiträume;
       ---
       *) Auch im  Spinnsaal einer  Fabrik in  Leeds waren  Sitze einge-
       führt, Drinkwater evid. p. 85.
       
       #380# Friedrich Engels
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       3. die Beraubung  des Schlafs (durch lange Arbeitszeit, Schmerzen
       in den  Beinen und allgemeineres körperliches Unwohlsein). Hierzu
       kommen oft  noch niedrige,  gedrängte, staubige  oder feuchte Ar-
       beitszimmer, unreine  Luft,  erhitzte  Atmosphäre,  fortwährender
       Schweiß. Daher  verlieren besonders Knaben, mit sehr wenigen Aus-
       nahmen, sehr  bald die  rosige Frische  der Kindheit  und  werden
       blässer und  dünner als  andere Knaben. Selbst der Schuljunge des
       Handwebers, der  mit nackten  Füßen auf  dem Lehmfußboden  seiner
       Webstube steht,  behält ein  besseres Aussehen,  weil er zuweilen
       etwas an  die freie Luft geht. Aber das Fabrikkind hat keinen Au-
       genblick frei,  außer zum Essen, und kommt nie in die freie Luft,
       außer wenn  es essen  geht. Alle  erwachsenen männlichen  Spinner
       sind blaß  und dünn, sie leiden an kapriziösem Appetit und Unver-
       daulichkeit, und da sie alle von Jugend auf in der Fabrik erzogen
       und wenig oder gar keine hochgewachsenen, athletischen Männer un-
       ter ihnen  sind, so  ist der  Schluß gerechtfertigt, daß ihre Be-
       schäftigung sehr  ungünstig für  die Entwicklung  der  männlichen
       Konstitution ist.  Weiber ertragen  die Arbeit weit besser" (ganz
       natürlich, wir  werden aber  sehen, daß auch sie ihre Krankheiten
       haben). (General Report by Sir D. Barry.)
       
       Ebenso Power:
       
       "Ich kann  geradezu sagen,  daß das Fabriksystem in Bradford eine
       sehr große  Menge Krüppel erzeugt hat... und daß die Wirkung lan-
       ganhaltender Arbeit  auf den  Körper nicht  allein als  wirkliche
       Verkrüppelung, sondern  auch viel  allgemeiner noch als unentwic-
       keltes Wachstum, Erschlaffung der Muskeln und zarte Körperbildung
       hervortritt" (Power, Rept. p. 74).
       
       Ferner der schon zitierte Wundarzt *) F. Sharp in Leeds:
       
       "Als ich  von Scarborough  nach Leeds  hinüberzog,  fiel  es  mir
       gleich auf,  daß das  allgemeine Aussehen  der Kinder  hier  viel
       bleicher und  die Fiber  derselben weit weniger straff war als in
       Scarborough und  der Umgegend. Ich fand ebenfalls, daß viele Kin-
       der für  ihr Alter  ausnehmend klein  waren ... Mir sind zahllose
       Fälle von Skrofeln, Lungenkrankheiten, mesenterischen Affektionen
       und Unverdaulichkeit  vorgekommen, bei  denen ich  als  Mediziner
       nicht den  geringsten Zweifel habe, daß sie durch Arbeiten in den
       Fabriken entstanden  sind. Ich  bin der  Ansicht, daß die nervöse
       Energie des  Körpers durch  die lange  Arbeit geschwächt  und der
       Grund vieler  Krankheiten gelegt  wird;  wenn  nicht  fortwährend
       Leute vom  Lande hereinzögen, so würde die Rasse der Fabrikarbei-
       ter bald ganz ausarten."
       
       Desgleichen Beaumont, Wundarzt in Bradford:
       
       "Meiner Ansicht  nach bringt das System, nach dem hier in den Fa-
       briken gearbeitet wird, eine eigentümliche Schlaffheit des ganzen
       Organismus hervor  und macht dadurch Kinder im höchsten Grade für
       Epidemien sowohl wie für zufällige Krankheiten
       ---
       *) Die sogenannten Wundärzte (surgeons) sind studierte Mediziner,
       geradesogut wie  die promovierten  Ärzte (physicians),  und haben
       deshalb auch allgemein sowohl ärztliche wie wundärztliche Praxis.
       Sie werden  im allgemeinen  aus verschiedenen  Gründen sogar  den
       physicians vorgezogen.
       
       #381# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
       -----
       empfänglich... Ich  halte die  Abwesenheit aller  geeigneten Vor-
       schriften wegen  Ventilation und  Reinlichkeit in  Fabriken  ganz
       entschieden für  eine Hauptursache  jener eigentümlichen  Tendenz
       oder Empfänglichkeit  für krankhafte Affektionen, die ich in mei-
       ner Praxis sooft gefunden habe."
       
       Ebenso William Sharp junior 1*) bezeugt:
       
       "1. daß  ich Gelegenheit gehabt habe, die Wirkungen des Fabriksy-
       stems auf  die Gesundheit  von Kindern unter den vorteilhaftesten
       Umständen" (in  der Fabrik  von Wood  in Bradford, der besteinge-
       richteten des  Orts, wo er Fabrikarzt war) "zu beobachten; 2. daß
       diese Wirkung  ganz entschieden  und in  sehr  ausgedehntem  Maße
       selbst unter diesen günstigen Verhältnissen schädlich ist; 3. daß
       im Jahre 1832 drei Fünftel sämtlicher in Woods Fabrik beschäftig-
       ten Kinder  von mir  medizinisch behandelt  wurden;  4.  daß  die
       schädlichste Wirkung  nicht das  Vorherrschen verkrüppelter, son-
       dern geschwächter und krankhafter Konstitutionen ist; 5. daß sich
       das alles sehr gebessert hat, seit die Arbeitszeit der Kinder von
       Wood auf zehn Stunden herabgesetzt wurde."
       
       Der Kommissär  Dr. Loudon  selbst, der  diese Zeugnisse  anführt,
       sagt:
       
       "Ich denke,  es ist klar genug bewiesen worden, daß Kinder unver-
       nünftig und  unbarmherzig lange haben arbeiten und selbst Erwach-
       sene ein  Quantum Arbeit  übernehmen müssen,  das kaum  irgendein
       menschliches Wesen aushallen kann. Die Folge davon ist, daß viele
       vor der  Zeit gestorben,  andere lebenslänglich mit einer fehler-
       haften Konstitution behaftet worden sind, und die Befürchtung ei-
       ner durch  die erschütterten  Konstitutionen der Überlebenden ge-
       schwächten Nachkommenschaft ist, physiologisch gesprochen, nur zu
       gegründet."
       
       Und endlich Dr. Hawkins über Manchester:
       
       "Ich glaube,  den meisten Reisenden fällt die Kleinheit und Zart-
       heit der  Statur und die Blässe auf, die man so allgemein in Man-
       chester und vor allen bei den Fabrikarbeitern findet. Ich bin nie
       in irgendeiner  Stadt Großbritanniens oder Europas gewesen, worin
       die Ausartung der Gestalt und Farbe vom nationalen Normalmaßstabe
       so augenscheinlich  war. Den  verheirateten Weibern  fehlen  ganz
       auffallend alle  charakteristischen Eigentümlichkeiten der engli-
       schen Frau usw... Ich muß gestehen, daß die mir vorgeführten Kna-
       ben und Mädchen aus den Fabriken von Manchester allgemein ein ge-
       drücktes Aussehen  und eine bleiche Farbe hatten; in dem Ausdruck
       ihrer Gesichter  lag nichts  von der  gewöhnlichen Beweglichkeit,
       Lebhaftigkeit und Heiterkeit der Jugend. Viele erklärten mir, daß
       sie gar  keinen Zug  verspürten, Sonnabend abends und sonntags im
       Freien sich  herumzutummeln, sondern  daß sie  vorzögen, ruhig zu
       Hause zu bleiben."
       
       Fügen wir hier gleich eine andre Stelle aus Hawkins' Bericht ein,
       die zwar nur halb hieher gehört, aber eben deshalb ebensogut hier
       als anderswo stehen kann:
       -----
       1*) (1845) irrtümlich  Dr. Hay  (siehe "Factories Inquiry Commis-
       sion", Second Report, 1833, C. 3, p. 23)
       
       #382# Friedrich Engels
       -----
       "Unmäßigkeit, Ausschweifungen  und Mangel an Vorsorge für die Zu-
       kunft sind  die Hauptuntugenden  der Fabrikbevölkerung, und diese
       Übelstände lassen  sich leicht auf Sitten zurückführen, die unter
       dem heutigen  System gebildet  werden und   b e i n a h e    u n-
       v e r m e i d l i c h   d a r a u s   e n t s p r i n g e n.   Es
       ist allgemein  zugegeben, daß  Unverdaulichkeit, Hypochondrie und
       generelle Schwäche  diese Klasse  in sehr  großer Ausdehnung  af-
       fizieren; nach  zwölf Stunden  monotoner Arbeit ist es nur zu na-
       türlich, sich nach einem Reizmittel dieser oder jener Art umzuse-
       hen, aber  wenn vollends  die obigen Krankheitszustände hinzukom-
       men, so  wird man rasch und immer von neuem Zuflucht zu geistigen
       Getränken nehmen."
       
       Für alle  diese Aussagen  der Ärzte und Kommissäre bietet der Be-
       richt selbst  Hunderte von Beweisfällen. Daß der Wuchs der jungen
       Arbeiter durch die Arbeit gehemmt wird, bezeugen Hunderte von An-
       gaben desselben;  unter ändern  gibt Cowell  die Gewichte  von 46
       Knaben, alle  17 Jahre  alt und aus einer Sonntagsschule, an, von
       denen 26  in Fabriken  beschäftigte durchschnittlich 104,5 engli-
       sche Pfund  und 20  nicht in Fabriken arbeitende, aber der Arbei-
       terklasse angehörige  durchschnittlich 117,7  englische Pfund wo-
       gen. Einer  der bedeutendsten  Fabrikanten von Manchester und An-
       führer der Opposition von Seiten der Fabrikanten gegen die Arbei-
       ter -  ich glaube Robert Hyde Greg - sagt selbst einmal, wenn das
       so fortginge,  so würden  die Fabrikleute von Lancashire bald ein
       Geschlecht von  Pygmäen werden.  *)  Ein  Rekrutierungslieutenant
       (Tufnell, p.  59) sagt aus, daß die Fabrikarbeiter sich wenig für
       den Militärdienst  eignen; sie sähen dünn und schwächlich aus und
       würden oft  von den Ärzten als untauglich zurückgewiesen. In Man-
       chester könne  er kaum Leute von 5 Fuß 8 Zoll bekommen, die Leute
       hätten fast  alle nur  6 bis  7 Zoll,  während in den Ackerbaudi-
       strikten die  meisten Rekruten 8 Zoll hätten (der Unterschied des
       englischen Maßes  gegen das  preußische beträgt  auf 5 Fuß etwa 2
       Zoll, um die das englische kleiner ist).
       Die Männer  sind infolge  dieser Einflüsse sehr bald aufgerieben.
       Die meisten sind mit vierzig Jahren arbeitsunfähig, einige wenige
       halten sich  bis zum  fünfundvierzigsten, fast  gar keine bis zum
       fünfzigsten Jahre. Dies wird, außer durch allgemeine Körperschwä-
       che, zum  Teil auch  noch durch eine Schwächung des Gesichts her-
       vorgebracht, welche die Folge des Mulespinnens ist, wobei der Ar-
       beiter seine Augen auf eine lange Reihe ferner, parallellaufender
       Fäden heften und sie dadurch sehr anstrengen muß. Aus 1600 Arbei-
       tern, die  in mehreren  Fabriken in Harpur und Lanark beschäftigt
       wurden, waren nur 10 über 45 Jahren; aus 22 094 Arbeitern in ver-
       schiedenen Fabriken  in Stockport  und Manchester nur 143 über 45
       Jahren. Von diesen 143 wurden 16 aus besonderer Gunst noch beibe-
       halten, und einer tat Kinderarbeit.
       ---
       *) Diese Aussage ist nicht dem Fabrikbericht entnommen.
       
       #383# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
       -----
       Eine Liste  von 131  Spinnern enthielt nur sieben über 45 Jahren,
       und doch waren alle 131 wegen "zu hohen Alters" von den Fabrikan-
       ten, bei welchen sie um Arbeit anhielten, abgewiesen. Von 50 aus-
       rangierten Spinnern  in Bolton  waren nur  zwei über  50, und der
       Rest im Durchschnitt noch nicht 40 Jahre alt - und alle waren we-
       gen zu  hohen Alters  brotlos! Herr Ashworth, ein bedeutender Fa-
       brikant, gibt in einem Briefe an Lord Ashley selbst zu, daß gegen
       das 40.  Lebensjahr die Spinner nicht mehr die gehörige Quantität
       Garn aufzubringen  vermögen und deshalb "zuweilen" entlassen wer-
       den; er  nennt die  vierzigjährigen  Arbeiter  "alte  Leute"!  *)
       Ebenso spricht der Kommissär Mackintosh im Bericht von 1833:
       
       "Obgleich ich durch die Art, wie Kinder beschäftigt werden, schon
       vorbereitet war,  so wurde  es mir doch schwer, den altern Arbei-
       tern ihre Angaben wegen ihres Alters zu glauben, so sehr früh al-
       tern diese Leute."
       
       Wundarzt Smellie in Glasgow, der hauptsächlich Fabrikarbeiter be-
       handelt, sagt  ebenfalls, daß  bei ihnen  vierzig Jahre schon ein
       hohes Alter  1*) (old  age) seien (Stuart, evid. p. 101). Gleich-
       lautende Zeugnisse  finden sich  Tufnell, evid. p. 3, 9, 15, Haw-
       kins, Rept.  p. 4;  evid. p.  14 etc. etc. In Manchester ist dies
       frühe Altern  der Arbeiter so allgemein, daß man fast jeden Vier-
       ziger für  zehn bis  fünfzehn Jahre  älter ansieht,  während  die
       wohlhabenden Klassen, sowohl Männer als Frauen, ihr Aussehen sehr
       gut konservieren, wenn sie nicht zuviel trinken.
       Die Wirkung  der Fabrikarbeit auf den weiblichen Körper ist eben-
       falls ganz eigner Art. Die Verbildungen, die die Folge langer Ar-
       beitszeit sind,  werden beim Weibe noch viel ernsthafter; Verbil-
       dungen des  Beckens, teils  durch unrichtige Lage und Entwicklung
       der Beckenknochen  selbst, teils  durch Verkrümmung  des  unteren
       Teils der Wirbelsäule werden häufig durch diese Ursache hervorge-
       bracht.
       
       "Obgleich", sagt Dr. Loudon in seinem Bericht, "kein Beispiel von
       einem verbildeten  Becken und einigen ändern Übeln mir vorkam, so
       sind doch  diese Dinge  derart, daß jeder Mediziner sie als wahr-
       scheinliche Folge  einer solchen Arbeitszeit bei Kindern hinstel-
       len muß, und außerdem verbürgt von Männern von der höchsten medi-
       zinischen Glaubwürdigkeit."
       
       Daß Fabrikarbeiterinnen  schwerer gebären als andere Frauen, wird
       von mehreren Hebammen und Geburtshelfern bezeugt, ebenso, daß sie
       häufiger
       ---
       *) Alles der  Rede von Lord Ashley (Unterhaussitzung vom 15. März
       1844) entnommen.
       -----
       1*) (1892) schon hohes Alter
       
       #384# Friedrich Engels
       -----
       abortieren, z.B. Dr. Hawkins, evid. p. II et 13. Dazu kommt noch,
       daß die Weiber an der allen Fabrikarbeitern gemeinsamen allgemei-
       nen Schwäche  leiden und,  wenn sie schwanger sind,  b i s  z u r
       S t u n d e  d e r  E n t b i n d u n g  in den Fabriken arbeiten
       - natürlich,  wenn sie  zu früh aufhören, so müssen sie fürchten,
       daß ihre  Stellen besetzt  und sie selbst entlassen werden - auch
       verlieren sie  den Lohn.  E s  kommt sehr häufig vor, daß Frauen,
       die den  Abend noch  arbeiteten, den  nächsten  Morgen  entbunden
       sind, ja  es ist  nicht allzu  selten, daß  sie in  den  Fabriken
       selbst, zwischen  den Maschinen  niederkommen. Und  wenn auch die
       Herren Bourgeois  darin nichts  Besondres finden,  so werden  mir
       doch ihre  Frauen vielleicht  zugeben, daß  es eine  Grausamkeit,
       eine infame  Barbarei ist, ein schwangeres Weib indirekt zu zwin-
       gen, bis  zum Tage  ihrer Niederkunft  täglich zwölf bis dreizehn
       (früher noch  mehr) Stunden  arbeitend, in stehender Positur, bei
       häufigem Bücken, zuzubringen. Das ist aber noch nicht alles. Wenn
       die Frauen  nach der  Niederkunft vierzehn Tage nicht zu arbeiten
       brauchen, so sind sie froh und halten es für lange. Manche kommen
       schon nach  acht, ja  nach drei  bis vier Tagen wieder in die Fa-
       brik, um  die   v o l l e   Arbeitszeit durchzumachen - ich hörte
       einmal, wie  ein Fabrikant  einen Aufseher  frug: Ist die und die
       noch nicht  wieder hier?  - Nein. - Wie lang ist sie entbunden? -
       Acht Tage.  - Die  hätte doch wahrhaftig längst wiederkommen kön-
       nen. Jene  da pflegt  nur drei Tage zu Hause zu bleiben. - Natür-
       lich; die Furcht, entlassen zu werden, die Furcht vor der Brotlo-
       sigkeit treibt  sie, trotz  ihrer Schwäche, trotz ihrer Schmerzen
       in die Fabrik; das Interesse des Fabrikanten leidet es nicht, daß
       seine Arbeiter krankheitswegen zu Hause bleiben, sie dürfen nicht
       krank werden,  sie dürfen  sich nicht unterstehen, ins Wochenbett
       zu kommen  - sonst  müßte er  ja seine Maschinen stillsetzen oder
       seinen allerhöchsten  Kopf mit  der Einrichtung  einer temporären
       Abänderung plagen;  und ehe  er das  tut, entläßt er seine Leute,
       wenn sie sich unterfangen, unwohl zu sein. Hört (Cowell, evid. p.
       77):
       
       "Ein Mädchen  fühlt sich sehr krank, kann kaum ihre Arbeit tun. -
       Warum sie  nicht um  Erlaubnis frage, nach Hause zu gehen? - Ach,
       Herr, der  'Herr' ist sehr eigen darin, wenn wir einen Vierteltag
       abwesend sind, so riskieren wir, weggeschickt zu werden."
       
       Oder (Sir  D. Barry,  evid. p. 44): Thomas MacDurt, Arbeiter, hat
       gelindes Fieber,
       
       "kann nicht  zu Hause  bleiben, wenigstens  nicht länger als vier
       Tage, weil er sonst fürchten muß, seine Arbeit zu verlieren."
       
       Und so  geht es in fast allen Fabriken. Die Arbeit junger Mädchen
       bringt in  der Entwicklungsperiode derselben noch eine Menge son-
       stiger Unregelmäßigkeiten
       
       #385# Lage der arbeitenden Klasse -·Die einzelnen Arbeitszweige
       -----
       hervor. Bei  einigen, besonders  den bessergenährten,  treibt die
       Hitze der  Fabriken die Entwicklung rascher voran als gewöhnlich,
       so daß einzelne Mädchen von 12 bis 14 Jahren vollkommen ausgebil-
       det sind;  Roberton, der  schon erwähnte,  wie der  Fabrikbericht
       sagt, "eminente"  Geburtshelfer in  Manchester, erzählt im "North
       of England Medical and Surgical Journal", daß ihm ein elfjähriges
       Mädchen vorgekommen,  die nicht  nur ein vollkommen ausgebildetes
       Weib, sondern  sogar schwanger gewesen sei, und daß es gar nichts
       Seltnes in  Manchester sei,  wenn Frauenzimmer von 15 Jahren nie-
       derkämen. In  solchen Fällen  wirkt die Wärme der Fabriken gerade
       wie die  Hitze tropischer  Klimate, und  wie in  solchen Klimaten
       rächt sich  die übermäßig  frühe Entwicklung auch durch früh ein-
       tretendes Alter und Erschlaffung. Oft jedoch findet sich eine zu-
       rückgehaltene sexuale  Entwicklung des  weiblichen  Körpers;  die
       Brüste bilden  sich spät oder gar nicht aus, wovon Cowell, p. 35,
       Beispiele gibt,  die Menstruation tritt in vielen Fällen erst mit
       dem siebzehnten  oder achtzehnten, zuweilen erst mit dem zwanzig-
       sten Jahre ein und bleibt oft ganz aus (Dr. Hawkins, evid. p. 11,
       Dr. Loudon,  p. 14  etc., Sir D. Barry, p. 5 etc.). Unregelmäßige
       Menstruation, mit  vielen Schmerzen  und Übeln verbunden, nament-
       lich Bleichsucht  ist sehr  häufig, worüber die medizinischen Be-
       richte einstimmig sind.
       Die von solchen Frauen, besonders wenn sie während der Schwanger-
       schaft arbeiten  müssen, gebornen Kinder können nicht stark sein.
       Im Gegenteil, namentlich von Manchester aus werden sie im Bericht
       als sehr  schwächlich geschildert,  und nur  Barry behauptet, daß
       sie gesund  seien -  sagt aber auch, daß in Schottland, wo er in-
       spizierte,   f a s t  g a r  k e i n e  v e r h e i r a t e t e n
       F r a u e n  a r b e i t e t e n;  dazu liegen die meisten Fabri-
       ken dort, mit Ausnahme, von Glasgow, auf dem Lande, und das trägt
       sehr viel  zur Stärkung der Kinder bei. Die Arbeiterkinder in der
       nächsten Umgebung  von Manchester  sind  fast  alle  blühend  und
       frisch, während  sie in  der Stadt bleich und skrofulös aussehen;
       aber mit  dem neunten  Jahre verliert  sich die  Farbe plötzlich,
       weil sie  dann in  die Fabrik geschickt werden, und bald kann man
       sie nicht mehr von Stadtkindern unterscheiden.
       Außerdem aber gibt es noch einige Zweige in der Fabrikarbeit, die
       besonders nachteilige  Folgen haben.  In vielen Zimmern der Baum-
       woll- und Flachsspinnereien fliegt eine Menge faseriger Staub um-
       her, der  namentlich in  den Kardier-  und Hechelzimmern Brustbe-
       schwerden erzeugt. Einige Konstitutionen können ihn ertragen, an-
       dere nicht.  Aber der  Arbeiter hat keine Wahl, er muß das Zimmer
       nehmen, wo er Arbeit findet, seine Brust mag gut sein oder nicht.
       Die gewöhnlichsten  Folgen dieses eingeatmeten Staubes sind Blut-
       speien, schwerer,  pfeifender Atem,  Schmerzen in  der Brust, Hu-
       sten,
       
       #386# Friedrich Engels
       -----
       Schlaflosigkeit, kurz  alle Symptome  von Asthma, die im schlimm-
       sten Falle  in der  Auszehrung endigen (vergl. Stuart, p. 13, 70,
       101, Mackintosh, p. 24 etc., Power Rept. on Nottingham, on Leeds,
       Cowell, p.  33 etc.,  Barry, p. 12 (fünf in einer Fabrik), p. 17,
       44, 52,  60 etc.;  ebenso in  dessen Bericht;  Loudon, p. 13 etc.
       etc.). Besonders  ungesund ist  aber das  Naßspinnen des  Leinen-
       garns, das  von jungen Mädchen und Kindern getan wird. Das Wasser
       spritzt ihnen  von den  Spindeln auf den Leib, so daß die vordere
       Seite ihrer  Kleider fortwährend  bis auf  die Haut durchnäßt ist
       und fortwährend  Wasser auf  dem Boden  steht. In geringerem Maße
       findet das auch in den Dublierzimmern der Baumwollfabriken statt,
       und die Folge davon sind fortwährende Erkältungen und Affektionen
       der Brust.  Eine heisere, rauhe Sprache ist allen Fabrikarbeitern
       gemein, vor  allen aber  den Naßspinnern  und Dublierern. Stuart,
       Mackintosh und  Sir D.  Barry sprechen sich in den stärksten Aus-
       drücken über die Ungesundheit dieser Arbeit und die geringe Rück-
       sicht der meisten Fabrikanten für die Gesundheit der diese Arbeit
       verrichtenden Mädchen  aus. Eine andre Wirkung des Flachsspinnens
       sind eigentümliche  Verdrehungen der  Schulter,  namentlich  Vor-
       springen des rechten Schulterblatts, die aus der Natur der Arbeit
       folgen. Diese  Art zu spinnen sowie das Throstlespinnen der Baum-
       wolle bringen  oft auch  Krankheiten der  Kniescheibe hervor, die
       zum Aufhalten der Spindel während der Anheftung zerrissener Fäden
       angewandt wird. Das häufige Bücken bei diesen beiden Arbeitszwei-
       gen und  die Niedrigkeit der Maschinen haben überhaupt einen man-
       gelhaften Wuchs  zur Folge. In dem Throstlezimmer der Baumwollfa-
       brik zu  Manchester, in welcher ich beschäftigt war, erinnere ich
       mich nicht,  ein einziges gut und schlank gewachsenes Mädchen ge-
       sehen zu  haben; sie waren alle klein, schlecht gewachsen und ei-
       gentümlich gedrängten  Baus, entschieden  häßlich in ihrer ganzen
       Körperbildung. Außer allen diesen Krankheiten und Verkrüppelungen
       haben die Arbeiter aber noch auf eine andere Weise an ihren Glie-
       dern Schaden  zu leiden. Die Arbeit zwischen den Maschinen veran-
       laßt eine  Menge Unglücksfälle, die mehr oder weniger ernster Na-
       tur sind  und für den Arbeiter noch dazu die Folge haben, daß sie
       ihn teilweise  oder ganz zu seiner Arbeit unfähig machen. Am häu-
       figsten kommt  es vor,  daß ein  einzelnes Glied von einem Finger
       abgequetscht wird,  seltner schon,  daß ganze  Finger, eine halbe
       oder ganze  Hand, ein  Arm usw. von den Rädern ergriffen und zer-
       malmt wird.  Sehr häufig tritt nach diesen, selbst den geringeren
       Unfällen Maulsperre ein und zieht den Tod nach sich. Man sieht in
       Manchester außer  den vielen Krüppeln auch eine große Anzahl Ver-
       stümmelter umhergehen;  dem einen fehlt der ganze oder halbe Arm,
       dem ändern  der Fuß, dem dritten das halbe Bein; man glaubt unter
       einer Armee
       
       #387# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
       -----
       zu leben,  die eben aus dem Feldzuge zurückkommt. Die gefährlich-
       sten Stellen  der Maschinerie  sind aber  die Riemen,  welche die
       Triebkraft vom  Schaft auf die einzelnen Maschinen leiten, beson-
       ders wenn  sie Schnallen haben, die man indes selten mehr findet.
       Wer von  diesen Riemen  ergriffen wird,  den reißt  die treibende
       Kraft pfeilschnell  mit sich  herum, schlägt  ihn oben  gegen die
       Decke und unten gegen den Fußboden mit solcher Gewalt, daß selten
       ein Knochen  am Körper  ganz bleibt  und augenblicklicher Tod er-
       folgt. Zwischen  dem 12.  Juni und  3. August 1844  1*) berichtet
       der "Manchester Guardian" über folgende  e r n s t l i c h e  Un-
       glücksfälle -  die leichtern  erwähnt er gar nicht: 12. Juni, ein
       Knabe starb  in Manchester  an der  Mundklemme infolge einer zwi-
       schen Rädern  zerquetschten Hand.  - 15.  Juni 2*),  ein Junge in
       Saddleworth, von  einem Rade  ergriffen und  mitgerissen,  starb,
       ganz zerschmettert.  - 29.  Juni, ein  junger Mann  in Greenacres
       Moor bei  Manchester, der in einer Maschinenfabrik arbeitete, ge-
       riet unter  einen Schleifstein,  der ihm zwei Rippen zerbrach und
       ihn sehr  zerfleischte. -24.  Juli, ein  Mädchen in Oldham starb,
       von einem Riemen fünfzigmal mit herumgerissen, kein Knochen blieb
       ganz. -  27. Juli, in Manchester geriet ein Mädchen in den Blower
       (die erste  Maschine, welche  die rohe  Baumwolle  aufnimmt)  und
       starb an den erlittenen Verstümmelungen. - 3. August, ein Spulen-
       drechsler starb,  von einem  Riemen fortgerissen, in Dukinfield -
       alle Rippen  waren zerbrochen.  - Das  Krankenhaus von Manchester
       hatte im  Jahre 1843  allein 962 Verwundungen und Verstümmelungen
       durch Maschinerie zu heilen, während die Anzahl aller übrigen Un-
       glücksfälle im  Bereich des Krankenhauses auf 2426 sich beliefen,
       so daß  auf fünf  Unglücksfälle aus  allen ändern  Ursachen  zwei
       durch Maschinerie  kamen. Die  in Salford  vorgekommenen  Unfälle
       sind hier  nicht eingeschlossen, ebensowenig die, welche von Pri-
       vatärzten geheilt  wurden. Die  Fabrikanten bezahlen  bei solchen
       Unglücken, sie  mögen arbeitsunfähig machen oder nicht, höchstens
       den Arzt und, wenn es sehr hoch kommt, den Lohn während der Dauer
       der Kur - wohin der Arbeiter später gerät, wenn er nicht arbeiten
       kann, ist ihnen gleichgültig.
       Der Fabrikbericht  sagt über  diesen Gegenstand:  In allen Fällen
       müsse der  Fabrikant verantwortlich  gemacht werden:  denn Kinder
       könnten sich  nicht in  acht nehmen und Erwachsene würden sich in
       ihrem eignen  Interesse schon  in acht nehmen. Aber es sind Bour-
       geois, die  den Bericht  schreiben, und daher müssen sie sich wi-
       dersprechen und  nachher allerlei Salbaderei über "sündliche Ver-
       wegenheit" (culpable temerity) der Arbeiter
       -----
       1*) (1845) und  (1892) irrtümlich:  1843 -  2*) (1845) und (1892)
       irrtümlich: 16. Juni
       
       #388# Friedrich Engels
       -----
       vorführen. Einerlei.  Die Sache ist diese: Wenn Kinder sich nicht
       in acht  nehmen  k ö n n e n,  so muß die Arbeit von Kindern ver-
       boten  werden.   Wenn  Erwachsene  sich  nicht  gehörig  in  acht
       n e h m e n,   so müssen sie entweder Kinder sein, auf einer Bil-
       dungsstufe stehen,  die ihnen  nicht erlaubt, die Gefahr in ihrer
       ganzen Größe zu erkennen - und wer ist daran schuld als die Bour-
       geoisie, die sie in einer Lage erhält, in der sie sich nicht bil-
       den   k ö n n e n?  - oder die Maschinen sind schlecht arrangiert
       und müssen  mit Brustwehren  oder Verschlagen umgeben werden, was
       auch dem Bourgeois zur Last fällt - oder der Arbeiter hat Motive,
       die die  drohende Gefahr  überwiegen, er  muß rasch  arbeiten, um
       Geld zu  verdienen, und  hat keine  Zeit, sich  in acht zu nehmen
       etc. -  auch daran  ist der Bourgeois schuld. Viele Unglücksfälle
       kommen z.B.  vor, wenn  die Arbeiter  Maschinen reinigen  wollen,
       während diese  in Bewegung  sind. Weshalb? Weil der Bourgeois die
       Arbeiter zwingt,  während der  Freistunden, wenn sie stillstehen,
       die Maschinen  zu putzen,  und der  Arbeiter natürlich keine Lust
       hat, sich von seiner freien Zeit etwas abnagen zu lassen. So viel
       ist dem  Arbeiter jede  freie Stunde wert, daß er sich oft lieber
       zweimal wöchentlich in Lebensgefahr begibt, als sie dem Bourgeois
       opfert. Laßt  die Fabrikanten die zum Putzen der Maschinen nötige
       Zeit von der Arbeitszeit nehmen, und es wird keinem Arbeiter mehr
       einfallen, laufende  Maschinerie zu putzen. Kurz, in allen Fällen
       fällt die  letzte Schuld auf den Fabrikanten, von dem im gelinde-
       sten Falle  die lebenslängliche  Unterstützung des arbeitsunfähig
       gewordenen Arbeiters  oder bei Todesfällen seiner Familie zu ver-
       langen wäre. In den ersten Zeiten der Industrie waren die Unfälle
       verhältnismäßig viel  zahlreicher als  jetzt, weil  die Maschinen
       schlechter, kleiner,  gedrängter und  fast gar  nicht verschlagen
       waren. Wie  aber obige Angaben beweisen, ist ihre Zahl noch immer
       groß genug, um ernste Bedenken über einen Zustand rege zu machen,
       der erlaubt,  daß so  viele Verstümmelungen  und Verwundungen zum
       Besten einer  einzigen Klasse  vorkommen und  so mancher fleißige
       Arbeiter durch  ein Unglück, das er im Dienst und durch Verschul-
       den der  Bourgeoisie erlitt,  der Not und dem Hunger preisgegeben
       wird.
       Eine schöne  Reihe Krankheiten,  bloß durch die scheußliche Geld-
       gier der Bourgeoisie erzeugt! Weiber zum Gebären unfähig gemacht,
       Kinder verkrüppelt, Männer geschwächt, Glieder zerquetscht, ganze
       Generationen verdorben, mit Schwäche und Siechtum infiziert, bloß
       um der  Bourgeoisie die  Beutel zu  füllen! Und wenn man erst die
       Barbarei der einzelnen Fälle liest, wie die Kinder von den Aufse-
       hern nackt aus dem Bette geholt, mit den Kleidern auf dem Arm un-
       ter Schlägen  und Tritten  in die Fabriken gejagt (z.B. Stuart p.
       39 und sonst) wurden, wie ihnen der Schlaf mit Schlägen
       
       #389# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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       vertrieben, wie  sie trotzdem  über der Arbeit eingeschlafen, wie
       ein armes  Kind noch im Schlaf, und nachdem die Maschine stillge-
       setzt war,  auf den  Zuruf des  Aufsehers aufsprang  und mit  ge-
       schlossenen Augen  die Handgriffe seiner Arbeit durchmachte, wenn
       man liest,  wie die Kinder, zu müde, nach Hause zu gehen, sich im
       Trockenzimmer unter der Wolle verbargen, um dort zu schlafen, und
       nur mit  dem Riemen  aus der Fabrik getrieben werden konnten, wie
       viele Hunderte  jeden Abend so müde nach Hause kamen, daß sie vor
       Schläfrigkeit und Mangel an Appetit ihr Abendbrot nicht verzehren
       konnten, daß  ihre Eltern sie kniend vor dem Bette fanden, wo sie
       während des  Gebets eingeschlafen  waren; wenn  man das alles und
       noch hundert andere Infamien und Schändlichkeiten in diesem einen
       Berichte liest,  alle auf  den Eid  bezeugt, durch mehrere Zeugen
       bestätigt, von  Männern ausgesagt,  die die Kommissäre selbst für
       glaubwürdig erklären,  wenn man  bedenkt, daß  es ein "liberaler"
       Bericht ist,  ein Bourgeoisiebericht 1*), um den früheren der To-
       ries umzustoßen  und die  Herzensreinheit der  Fabrikanten herzu-
       stellen, daß  die Kommissäre  selbst auf  seiten der  Bourgeoisie
       sind und  alles das  wider Willen  berichten -  so soll man nicht
       entrüstet, nicht ingrimmig werden über diese Klasse, die sich mit
       Menschenfreundlichkeit und  Aufopferung brüstet,  während es  ihr
       einzig auf  die Füllung ihrer Börsen à tout prix 2*) ankommt? Hö-
       ren wir  indes die Bourgeoisie, wie sie durch den Mund ihres aus-
       erwählten Knechts, des Doktor Ure, spricht:
       Man habe,  erzählt dieser in seiner "Philosophy of Manufactures",
       p. 277  u. folg., den Arbeitern vorgesagt, ihr Lohn stehe in kei-
       nem Verhältnis  zu ihren Opfern und habe dadurch das gute Verneh-
       men zwischen  Herren und  Arbeitern gestört.  Statt dessen hätten
       die Arbeiter  sich durch  Fleiß und  Aufmerksamkeit empfehlen und
       über den  Nutzen ihrer  Herren freuen sollen, dann wären sie auch
       Aufseher, Geschäftsführer  und endlich Associes geworden und hät-
       ten dadurch  (o Weisheit,  du sprichst wie eine Taube!) "zugleich
       die Nachfrage nach Arbeit im Markte vermehrt"! - "Wenn die Arbei-
       ter nicht  so unruhig  wären, so   w ü r d e  d a s  F a b r i k-
       s y s t e m   s i c h   n o c h   v i e l   w o h l t ä t i g e r
       e n t w i c k e l t   h a b e n."   Darauf folgt  denn eine lange
       Jeremiade über  die vielen  Widersetzlichkeiten der  Arbeiter und
       bei Gelegenheit einer Arbeitseinstellung der bestbezahlten Arbei-
       ter, der Feinspinner, folgender naive Ausspruch:
       
       "Ja, es  war ihr hoher Lohn, der es ihnen möglich machte, ein be-
       soldetes Komitee zu halten und sich in nervöse Hypertrophie durch
       eine Diät hineinzumästen, die für ihre Arbeit viel zu kräftig und
       aufregend war!" (p. 298.)
       
       Hören wir, wie der Bourgeois die Arbeit der Kinder schildert:
       -----
       1*) (1892) ein Bourgeoisbericht - 2*) um jeden Preis
       
       #390# Friedrich Engels
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       "Ich habe  manche Fabrik besucht, in Manchester und der Umgegend,
       und nie  Kinder mißhandelt,  körperlich gezüchtigt  oder nur übel
       gelaunt gesehen.  Sie schienen  alle  h e i t e r  (cheerful) und
       a l e r t,  an dem leichten Spiel ihrer Muskel sich  e r f r e u-
       e n d   (taking pleasure),  die ihrem Alter natürliche Beweglich-
       keit   i n   v o l l e m   M a ß e  g e n i e ß e n d.  Die Szene
       der Industrie,  weit entfernt, traurige Emotionen in meinem Gemüt
       hervorzubringen, war  mir stets   a u f h e i t e r n d.   Es war
       e n t z ü c k e n d   (delightful), die Hurtigkeit zu beobachten,
       mit der  sie die  zerrissenen Fäden wieder vereinigten, sowie der
       Mule-Wagen zurückging, und sie in Muße zu sehen, wie sie, nachdem
       ihre zarten  Fingerchen ein  paar Sekunden  in Tätigkeit  gewesen
       waren, sich  in allen  erdenklichen  Stellungen    a m ü s i e r-
       t e n,   bis das  Ausziehen und  Aufwinden wieder fertig war. Die
       Arbeit   d i e s e r   f l ü c h t i g e n   (lively)   E l f e n
       schien einem  S p i e l  zu gleichen, worin ihnen ihre Übung eine
       gefällige Gewandtheit  gab. Ihrer  Geschicklichkeit sich  bewußt,
       freuten  sie   sich,  sie   vor  jedem  Fremden  zu  zeigen.  Von
       Erschöpfung keine  Spur, denn wenn sie aus der Fabrik kamen, fin-
       gen sie auf dem nächsten Spielplatz sogleich an, sich herumzutum-
       meln mit  derselben Lebhaftigkeit  wie Jungen,  die eben  aus der
       Schule kommen." (p. 301.)
       
       (Natürlich, als ob nicht die Bewegung aller Muskeln ein unmittel-
       bares Bedürfnis  für den  steif und  zugleich schlaff  gewordenen
       Körper wäre!  Aber Ure hätte warten sollen, ob nicht diese augen-
       blickliche Aufregung  nach ein paar Minuten verschwunden sei. Und
       ohnehin konnte  Ure dies doch nur  m i t t a g s,  nach fünf- bis
       sechsstündiger Arbeit,  aber nicht   a b e n d s  sehen!) Was die
       Gesundheit der  Arbeiter betrifft, so hat der Bourgeois die gren-
       zenlose Frechheit,  den eben an tausend Stellen zitierten und ex-
       zerpierten Bericht  von 1833  als Zeugnis  für die ausgezeichnete
       Gesundheit dieser  Leute anzuführen,  durch einzelne herausgeris-
       sene Zitate beweisen zu wollen, daß sich bei ihnen keine Spur von
       Skrofeln finde  und, was  ganz richtig  ist, das Fabriksystem sie
       von allen  akuten Krankheiten befreie (daß sie dafür alle chroni-
       schen an  den Hals  bekommen, verschweigt  er natürlich). Man muß
       wissen, daß  der Bericht aus drei dicken Foliobänden besteht, die
       durchzustudieren einem  englischen wohlgenährten  Bourgeois nicht
       einfällt, um  die Frechheit  begreifen zu  können, mit  der unser
       Freund Ure  dem englischen Publikum die gröbsten Lügen aufheftet.
       Hören wir  noch, wie  er sich über das Fabrikgesetz von 1833  1*)
       ausspricht, das  von der  liberalen Bourgeoisie gegeben wurde und
       dem Fabrikanten  nur die  notdürftigsten Beschränkungen  auflegt,
       wie wir sehen werden. Dies Gesetz, namentlich der Schulzwang, sei
       eine absurde und despotische Maßregel gegen die Fabrikanten. Alle
       Kinder unter  zwölf Jahren seien dadurch arbeitslos geworden, und
       was sei  die Folge? Die Kinder, so von ihrer leichten und nützli-
       chen Arbeit  entlassen, bekämen  nun gar  keine Erziehung;  a u s
       d e m  w a r m e n  S p i n n s a a l  i n  d i e  k a l t e
       -----
       1*) Bei Engels  hier und  im Folgenden  (S. 393, 394) irrtümlich:
       1834
       
       #391# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
       -----
       W e l t   h i n a u s g e s t o ß e n,  existierten sie nur durch
       Betteln und Stehlen - ein Leben, traurig kontrastierend mit ihrer
       stets sich  verbessernden Lage  in der Fabrik und ihrer Sonntags-
       schule! Dies  Gesetz erschwere  unter der Maske der Philanthropie
       die Leiden  der Armen  und werde den  g e w i s s e n h a f t e n
       Fabrikanten in  seiner nützlichen Arbeit äußerst hemmen, wo nicht
       ganz aufhalten (P. 405, 406 ff.).
       Die zerstörenden  Wirkungen des  Fabriksystems fingen  schon früh
       an, allgemeine  Aufmerksamkeit auf  sich zu ziehen. Von dem Lehr-
       lingsgesetz von 1802 sprachen wir schon. Später, gegen 1817, fing
       der nachherige  Stifter des englischen Sozialismus, damals Fabri-
       kant in  Neu-Lanark (Schottland), Robert Owen, an, durch Petitio-
       nen und  Denkschriften der vollziehenden Gewalt die Notwendigkeit
       gesetzlicher Garantien für die Gesundheit der Arbeiter, besonders
       der Kinder, vorzuhalten. Der verstorbene Sir R. Peel sowie andere
       Philanthropen schlössen  sich ihm  an und  erwirkten nacheinander
       die Fabrikgesetze  von 18191, 1825 und 1831, von denen die beiden
       ersten gar nicht, das letzte nur hier und da befolgt wurden [92].
       Dies Gesetz  von 1831,  auf den  Antrag von Sir J.C. Hobhouse ba-
       siert, setzte fest, daß in keiner Baumwollenfabrik Leute unter 21
       Jahren nachts,  d. h.  zwischen abends halb acht und morgens halb
       sechs Uhr,  arbeiten, und  in allen Fabriken junge Leute unter 18
       Jahren höchstens  12 Stunden täglich und 9 Stunden sonnabends ar-
       beiten sollten.  Da aber die Arbeiter nicht gegen ihre Brotherren
       zeugen durften, ohne entlassen zu werden, so half dies Gesetz we-
       nig. In  großen Städten, wo die Arbeiter unruhiger waren, kam al-
       lenfalls eine  Übereinkunft  der  bedeutenderen  Fabrikanten  zu-
       stande, sich  dem Gesetz fügen zu wollen, aber selbst hier gab es
       viele, die  sich, wie die Fabrikanten auf dem Lande, gar nicht um
       das Gesetz  kümmerten. Unterdes  war unter den Arbeitern das Ver-
       langen nach  einer Zehnstundenbill rege geworden, d. h. einem Ge-
       setz, das  allen jungen  Leuten unter  dem achtzehnten Jahre ver-
       böte, länger  als zehn  Stunden zu arbeiten; die Arbeiterassozia-
       tionen erhoben  diesen Wunsch durch Agitation zum allgemeinen der
       Fabrikbevölkerung, die  humane Sektion der Torypartei, damals von
       Michael Sadler  angeführt, griff  diesen Plan auf und brachte ihn
       vor das  Parlament. Sadler  erhielt ein Parlamentskomitee zur Un-
       tersuchung des  Fabriksystems bewilligt, und dies gab in der Ses-
       sion von  1832 seinen  Bericht ab. Dieser Bericht war entschieden
       parteiisch, von  lauter Feinden  des Fabriksystems  und zu  einem
       Parteizweck verfaßt.  Sadler ließ  sich durch  seine edle Leiden-
       schaft zu  den schiefsten  und unrichtigsten Behauptungen verlei-
       ten, er lockte schon
       -----
       1*) Bei Engels irrtümlich: 1818
       
       #392# Friedrich Engels
       -----
       durch die  Art seiner  Fragen den  Zeugen Antworten  ab, die zwar
       Wahres, aber  in verkehrter, schiefer Form enthielten. Die Fabri-
       kanten, über einen Bericht entsetzt, der sie als Ungeheuer schil-
       derte, baten nun selbst um eine offizielle Untersuchung; sie wuß-
       ten, daß  ein genauer Bericht ihnen  j e t z t  nur nützen könne,
       sie wußten,  daß Whigs, echte Bourgeois am Staatsruder saßen, mit
       denen sie  sich gut  standen, deren Prinzipien einer Beschränkung
       der Industrie  entgegen waren; sie erhielten richtig eine Kommis-
       sion von  lauter liberalen Bourgeois, deren Bericht derselbe war,
       den ich bisher so häufig zitierte. Der Bericht kommt der Wahrheit
       e t w a s   näher als  der des Sadlerschen Komitees, seine Abwei-
       chungen von  ihr sind  aber auf  der entgegengesetzten  Seite. Er
       zeigt auf  jeder Seite  Sympathie für  die Fabrikanten, Mißtrauen
       gegen den  Sadlerschen Bericht, Abneigung gegen die Selbsttätigen
       Arbeiter und  die Unterstützer  der Zehnstundenbill;  er  erkennt
       nirgends das  Recht der  Arbeiter zu einer menschlichen Existenz,
       zu eigner  Tätigkeit und  eignen Meinungen  an; er macht es ihnen
       zum  V o r w u r f,  daß sie bei der Zehnstundenbill nicht nur an
       die Kinder,  sondern auch  an sich  selbst dächten,  er nennt die
       agitierenden Arbeiter  Demagogen, Böswillige,  Übelgesinnte usw.,
       kurz, er  steht auf seilen der Bourgeoisie - und doch kann er die
       Fabrikanten nicht  weißwaschen, und doch bleibt eine solche Menge
       von Schändlichkeiten nach seinem eignen Geständnis auf den Schul-
       tern der  Fabrikanten lasten,  daß selbst nach diesem Bericht die
       Zehnstundenbill-Agitation, der  Haß der Arbeiter gegen die Fabri-
       kanten und  die härtesten  Bezeichnungen des  Komitees gegen  die
       letzteren vollständig  gerechtfertigt sind.  Nur mit  dem  Unter-
       schiede, daß,  während der  Sadlersche  Bericht  den  Fabrikanten
       offne, unverhüllte Brutalität vorwirft, es sich jetzt zeigte, daß
       diese Brutalität  meist unter  der  Maske  der  Zivilisation  und
       Menschlichkeit betrieben wurde. Erklärt sich doch Dr. Hawkms, der
       medizinische Kommissär für Lancashire, selbst entschieden für die
       Zehnstundenbill, gleich  in der ersten Zeile seines Berichts! Und
       der Kommissär  Mackintosh erklärt  selbst, daß sein Bericht nicht
       die volle  Wahrheit enthalte, da die Arbeiter nur sehr schwer da-
       hin zu  bringen seien,  gegen ihre  Brotherren zu zeugen, und die
       Fabrikanten -  ohnehin schon durch die Aufregung unter den Arbei-
       tern zu größerer Nachgiebigkeit gegen diese gezwungen - oft genug
       sich auf  den Besuch  der Kommission 1*) präpariert, die Fabriken
       gefegt, die Schnelligkeit der Maschinenbewegung verringert hätten
       etc. Namentlich  in Lancashire  brauchten sie den Kniff, der Kom-
       mission die  Aufseher der Arbeitssäle als "Arbeiter" vorzuführen,
       um diese für die Humanität der Fabrikanten, die
       -----
       1*) (1845) irrtümlich: Besuch der Fabrikanten
       
       #393# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
       -----
       gesunde Wirkung der Arbeit und die Gleichgültigkeit, ja Abneigung
       der Arbeiter  gegen die  Zehnstundenbill zeugen  zu lassen.  Aber
       diese Aufseher  sind keine  echten Arbeiter mehr, sie sind Deser-
       teure ihrer  Klasse, die  sich für höheren Lohn in den Dienst der
       Bourgeoisie begeben haben und im Interesse der Kapitalisten gegen
       die Arbeiter  kämpfen. Ihr Interesse ist das der Bourgeoisie, und
       daher sind  sie den Arbeitern fast mehr verhaßt wie die Fabrikan-
       ten selbst.  Und dennoch  ist der Bericht vollkommen genügend, um
       die schändlichste  Rücksichtslosigkeit der  fabrizierenden  Bour-
       geoisie gegen  ihre Arbeiter, die ganze Infamie des industriellen
       Ausbeutungssystems in  ihrer vollen  Unmenschlichkeit zu  zeigen.
       Nichts ist  empörender, als  hier in diesem Bericht auf der einen
       Seite die  langen Register  von Krankheiten  und  Verkrüppelungen
       durch Überarbeitung der kalten, berechnenden Nationalökonomie des
       Fabrikanten auf  der ändern gegenübergestellt zu sehen, wo dieser
       mit Zahlen zu beweisen sucht, daß er und ganz England mit ihm zu-
       grunde gehen  müßte, wenn  man ihm  nicht mehr  erlaube, jährlich
       soundso viele  Kinder zu  Krüppeln zu  machen - nur die schamlose
       Sprache des  Herrn Ure,  die ich  eben angeführt habe, würde noch
       empörender sein, wenn sie nicht zu lächerlich wäre.
       Die Folge  dieses Berichts war das Fabrikgesetz von 1833, das die
       Arbeit von  Kindern unter  neun Jahren  verbot (mit  Ausnahme der
       Seidenfabriken), die  Arbeitszeit der  Kinder zwischen  9 und  13
       Jahren auf 48 Stunden wöchentlich oder höchstens 9 an einem Tage,
       die von jungen Leuten zwischen dem 14. und 18. Lebensjahre auf 69
       wöchentlich oder  12 höchstens an einem Tage beschränkte, ein Mi-
       nimum von  1 1/2 Stunden  Zwischenzeit für  Mahlzeiten festsetzte
       und das  Nachtarbeiten für  alle unter 18 Jahren nochmals verbot.
       Zugleich wurde  ein täglich  zweistündiger zwangsmäßiger Schulbe-
       such für alle Kinder unter 14 Jahren eingeführt und der Fabrikant
       für straffällig erklärt, wenn er Kinder ohne Alterszertifikat vom
       Fabrikarzte oder  ohne Schulbesuchszertifikat vom Lehrer beschäf-
       tige. Dafür  durfte er wöchentlich einen Penny für den Lehrer vom
       Lohne des  Kindes zurückbehalten. Außerdem wurden Fabrikärzte und
       Inspektoren ernannt,  die zu  jeder Zeit in die Fabrik gehen, die
       Arbeiter eidlich  verhören durften  und auf die Beachtung des Ge-
       setzes durch Klage beim Friedensgericht zu halten hatten. Das ist
       das Gesetz, worüber Dr. Ure so grenzenlos schimpft!
       Die Folge des Gesetzes und namentlich der Ernennung von Inspekto-
       ren war, daß die Arbeitszeit durchschnittlich auf zwölf bis drei-
       zehn Stunden  herabgesetzt und  die Kinder so gut ersetzt wurden,
       als es  ging. Damit  verschwanden einige  der schreiendsten  Übe]
       fast gänzlich;  Verkrüppelungen kamen nur noch bei sehr schwachen
       Konstitutionen vor, die Wirkungen
       
       #394# Friedrich Engels
       -----
       der Arbeit  traten  weniger eklatant ans  Tageslicht. Indes haben
       wir im Fabrikbericht Zeugnisse  genug, daß  die gelinderen  Übel,
       Anschwellung  der  Fußgelenke, Schwäche und Schmerzen in  Beinen,
       Hüften und Rückgrat,  variköse Adern,  Geschwüre  an den  unteren
       Extremitäten,  allgemeine Schwäche, besonders  Schwächung des Un-
       terleibs,  Neigung zum Erbrechen,  Mangel an  Appetit abwechselnd
       mit  Heißhunger, schlechte   Verdauung,  Hypochondrie,  dann  die
       Brustübel infolge des Staubes  und der schlechten Atmosphäre  der
       Fabriken  usw. usw.,  alle auch in den Fabriken und  bei denjeni-
       gen  Individuen vorkamen, die nach den Vorschriften von  Sir J.C.
       Hobhouses  Gesetz -  also zwölf  bis  höchstens dreizehn  Stunden
       arbeiteten. Die Berichte aus Glasgow und Manchester sind hier na-
       mentlich zu  vergleichen.  Diese Übel sind auch  nach dem  Gesetz
       von 1833 geblieben und fahren bis auf den heutigen  Tag fort, die
       Gesundheit der arbeitenden  Klasse zu untergraben. Man  hat dafür
       gesorgt,  daß die brutale Gewinnsucht der Bourgeoisie eine heuch-
       lerische, zivilisierte  Form annahm,  daß die Fabrikanten,  durch
       den Arm des  Gesetzes von  allzu krassen Niederträchtigkeiten ab-
       gehalten, desto mehr scheinbaren Grund haben, ihre erlogene Huma-
       nität selbstgefällig auszukramen - das ist alles. Wenn heute eine
       neue Fabrikkommission ausginge,  sie würde das meiste  beim alten
       finden. Was den extemporierten Schulzwang betrifft, so blieb die-
       ser  ganz wirkungslos,  da  die  Regierung nicht zu gleicher Zeit
       für gute Schulen sorgte. Die Fabrikanten stellten ausgediente Ar-
       beiter an,  zu denen  sie die Kinder zwei Stunden täglich schick-
       ten und so dem  Buchstaben  des  Gesetzes genügten  -  die Kinder
       lernten nichts.  Und selbst die Berichte  der  Fabrikinspektoren,
       die  sich nur  auf das  beschränken, was ihres Amts ist,  nämlich
       die  Befolgung des Fabrikgesetzes,  geben Material genug,  um da-
       raus  das notwendige Fortbestehen der erwähnten Übel schließen zu
       können.  Inspektoren Homer und Saunders,  in ihren Berichten  vom
       Oktober  und  Dezember 1843, erzählen, daß eine Menge Fabrikanten
       in denjenigen  Arbeitszweigen, wo die Arbeit von Kindern entbehrt
       oder durch  sonst  brotlos  gewordene  Erwachsene ersetzt  werden
       kann,  14  bis 16  Stunden und  drüber arbeiten lassen.  Darunter
       seien namentlich viele junge  Leute, die eben dem Gesetz entwach-
       sen  seien. Andere  verletzen das  Gesetz geradezu, verkürzen die
       Freistunden, lassen Kinder länger arbeiten, als erlaubt ist,  und
       lassen  es auf  eine Anklage ankommen, da die etwaige Strafe doch
       sehr gering ist gegen den Nutzen, den sie von der Übertretung ha-
       ben. Namentlich  jetzt, wo das Geschäft besonders gut geht, haben
       die Fabrikanten große Versuchung dazu.
       Unter den  Arbeitern hörte  indes die Zehnstunden-Agitation nicht
       auf; 1839  war sie wieder in vollem Zuge, und an des verstorbenen
       Sadlers Stelle
       
       #395# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
       -----
       trat im  Unterhause Lord  Ashley und  außer demselben Richard Oa-
       stier, beide  Tories. Oastier  namentlich, der fortwährend in den
       Arbeiterdistrikten agitierte und schon zu Sadlers Zeiten agitiert
       hatte, ward der spezielle Günstling der Arbeiter. Sie nannten ihn
       nur ihren  "guten alten König", den "König der Fabrikkinder", und
       in den ganzen Fabrikdistrikten ist kein Kind, das ihn nicht kennt
       und verehrt,  das ihm  nicht, wenn er in die Stadt kommt, mit den
       ändern in  Prozession entgegenzieht. Oastier opponierte auch sehr
       energisch gegen  das neue Armengesetz und wurde deshalb von einem
       Herrn Thornhill,  einem Whig, auf dessen Gut er Verwalter war und
       dem er  eine Summe schuldete, wegen Schulden gefangengesetzt. Die
       Whigs boten  ihm mehrmals an, seine Schuld zu bezahlen, ihn sonst
       zu begünstigen,  wenn er  seine Opposition  gegen das Armengesetz
       aufgeben wolle. Vergebens. Er blieb im Gefängnis und schickte von
       da aus  seine "Fleet  papers" [93] gegen das Fabriksystem und das
       Armengesetz.
       Die Tory-Regierung von 1841 wandte wieder ihre Aufmerksamkeit auf
       die Fabrikgesetze.  Der Minister  des Innern,  Sir James  Graham,
       schlug 1843 eine Bill vor, wodurch die Arbeitszeit der Kinder auf
       6 1/2 Stunden beschränkt und der Schulzwang verschärft wurde; die
       Hauptsache dabei  war aber die Errichtung besserer Schulen. Diese
       Bill scheiterte  indes an  der Eifersucht der Dissenters 1*); ob-
       wohl der  Zwang für Dissenterkinder nicht auf den Religionsunter-
       richt ausgedehnt  wurde, so  war doch  die Schule überhaupt unter
       die Aufsicht der Staatskirche gestellt, und da die Bibel das all-
       gemeine Lesebuch  bilden, die Religion also dem ganzen Unterricht
       zugrunde liegen sollte, so fanden sich die Dissenter bedroht. Die
       Fabrikanten und  überhaupt die  Liberalen schlugen sich zu ihnen,
       die Arbeiter  waren wegen  der kirchlichen Frage geteilt und des-
       halb untätig,  die Opposition  gegen die Bill brachte, obwohl sie
       in den  großen Fabrikstädten,  z. B.  Salford und  Stockport, ge-
       schlagen wurde  und in  ändern, wie Manchester, nur einige Punkte
       der Bill  aus Furcht  vor den Arbeitern angreifen konnte, dennoch
       an zwei  Millionen Unterschriften  für ihre  Petitionen zusammen,
       und Graham ließ sich so weit einschüchtern, daß er die ganze Bill
       zurücknahm. Im  nächsten Jahre ließ er die Bestimmungen wegen der
       Schulen weg  und schlug bloß vor, statt der bisherigen Vorschrif-
       ten die  Arbeit von Kindern zwischen acht und dreizehn Jahren auf
       61/2 Stunden  täglich und zwar so, daß sie entweder den Vormittag
       oder den  Nachmittag ganz frei hätten, die von jungen Leuten zwi-
       schen dreizehn und achtzehn Jahren und die aller Weiber auf zwölf
       Stunden festzustellen und außerdem einige Beschränkungen der bis-
       her
       -----
       1*) Andersdenkenden (der  nicht zur  anglikanischen  Staatskirche
       gehörenden Protestanten)
       
       #396# Friedrich Engels
       -----
       häufigen Umgehung  des Gesetzes  einzuführen. Kaum  war er  damit
       aufgetreten, so begann die Zehnstunden-Agitation heftiger als je.
       Oastier wurde  frei, eine Anzahl seiner Freunde und eine Kollekte
       unter den  Arbeitern hatten seine Schuld bezahlt - und mit voller
       Kraft warf  er sich  in die Bewegung. Die Vertreter der Zehnstun-
       denbill im  Unterhause hatten zugenommen, die Massen von Petitio-
       nen, die von allen Seiten für die Zehnstundenbill einkamen, führ-
       ten ihnen  neue Unterstützer  zu -  am 19.  März 1844 setzte Lord
       Ashley durch eine Majorität von 179 gegen 170 den Beschluß durch,
       daß der  Ausdruck "Nacht"  in der  Fabrikbill die  Zeit  zwischen
       sechs Uhr  abends und sechs Uhr morgens ausdrücken solle, wodurch
       also bei  dem Verbot  der Nachtarbeit  die Arbeitszeit  inklusive
       Freistunden auf  12 und  der Sache nach exklusive Freistunden auf
       10 gesetzt  wurde. Aber  das Ministerium  war damit nicht einver-
       standen. Sir  James Graham  begann mit  einem Rücktritt des Kabi-
       netts zu  drohen - und bei der nächsten Abstimmung über einen Pa-
       ragraphen der  Bill verwarf  das  Haus  mit  kleinen  Majoritäten
       sowohl zehn als zwölf Stunden! Graham und Peel erklärten nun, daß
       sie eine  neue Bill  einbringen würden, und wenn diese nicht pas-
       sierte, so  würden sie abtreten; die neue Bill war genau die alte
       Zwölfstundenbill, nur  mit Abänderungen  der Form  - und dasselbe
       Unterhaus, das  im März  diese Bill in ihren Hauptpunkten verwor-
       fen, nahm  sie jetzt  im Mai  mit Haut und Haaren an! Die Ursache
       davon war,  daß die  meisten Unterstützer der Zehnstundenbill To-
       ries waren,  die lieber  die Bill als das Ministerium fallen lie-
       ßen; aber  mögen die  Motive gewesen sein, welche sie wollen, das
       Unterhaus hat  sich durch  diese Abstimmungen, deren eine die an-
       dere umwirft,  bei allen  Arbeitern in  die größte Verachtung ge-
       bracht und die von den Chartisten behauptete Notwendigkeit seiner
       Reform selbst  aufs glänzendste  bewiesen. Drei  Mitglieder,  die
       früher gegen das Ministerium gestimmt hatten, stimmten später da-
       für und  retteten es  dadurch. Bei allen Abstimmungen stimmte die
       Masse der  Opposition   f ü r   und die  Masse der Ministeriellen
       g e g e n   das Kabinett.  *) Die obigen Vorschläge Grahams wegen
       respektive 6 1/2 stündiger und 12 stündiger Arbeit der beiden Ar-
       beiterklassen sind  also jetzt  gesetzlich festgestellt und hier-
       durch sowie  durch Beschränkung  des Nachholens für verlerne Zeit
       (wenn Maschinerie  zerbrach oder die Wasserkraft wegen Frost oder
       Dürre zu  gering wurde)  und andere  kleinere Beschränkungen  ist
       eine längere  als zwölfstündige  Arbeitszeit fast  unmöglich  ge-
       macht. Es unterliegt
       -----
       *) Bekanntlich blamierte  sich das Unterhaus in derselben Session
       noch einmal  auf diese Weise in der Zuckerfrage, wo es zuerst ge-
       gen, später, nach Anwendung der "Regierungspeitsche", für die Mi-
       nister entschied.
       
       #397# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
       -----
       indes keinem Zweifel, daß in sehr kurzer Zeit die Zehnstundenbill
       wirklich durchgehen  wird. Die  Fabrikanten sind  natürlich  fast
       alle dagegen,  es gibt vielleicht keine zehn, die dafür sind; sie
       haben alle  ehrlichen und  unehrlichen Mittel  gegen diesen ihnen
       verhaßten Vorschlag  aufgeboten, aber  das hilft ihnen zu nichts,
       als daß  sie sich den Haß der Arbeiter immer mehr und mehr zuzie-
       hen. Die  Bill geht  doch durch,  was die  Arbeiter  w o l l e n,
       das können sie, und daß sie die Zehnstundenbill wollen, haben sie
       im vorigen  Frühjahr bewiesen. Die nationalökonomischen Argumente
       der Fabrikanten,  daß eine  Zehnstundenbill die Produktionskosten
       steigere, daß  sie dadurch die englische Industrie unfähig mache,
       gegen auswärtige  Konkurrenz zu kämpfen, daß der Arbeitslohn not-
       wendig fallen  müsse usw.,  sind allerdings   h a l b    w a h r,
       aber sie beweisen nichts, als daß die industrielle Größe Englands
       nur durch  barbarische Behandlung der Arbeiter, nur durch Zerstö-
       rung der  Gesundheit, durch  soziale, physische und geistige Ver-
       nachlässigung ganzer  Generationen aufrechterhalten  werden kann.
       Natürlich, wäre  die Zehnstundenbill eine definitive Maßregel, so
       würde England dabei ruiniert; weil sie aber notwendig andere Maß-
       regeln nach  sich zieht, die England auf eine ganz andere als die
       bisher befolgte  Bahn lenken  müssen, deshalb  wird sie ein Fort-
       schritt sein.
       Wenden wir  uns nun  zu einer ändern Seite des Fabriksystems, die
       weniger als  die daraus  folgenden Krankheiten  durch gesetzliche
       Vorschriften zu beseitigen ist. Wir sprachen schon im allgemeinen
       von der  Art der  Arbeit, und  wir sprachen ausführlich genug, um
       aus dem  Gegebenen weitere  Schlüsse ziehen zu können. Die Beauf-
       sichtigung von  Maschinen, das  Anknüpfen zerrissener  Fäden  ist
       keine Tätigkeit,  die das Denken des Arbeiters in Anspruch nimmt,
       und auf der ändern Seite wieder derart, daß sie den Arbeiter hin-
       dert, seinen Geist mit ändern Dingen zu beschäftigen. Zu gleicher
       Zeit sahen  wir, daß diese Arbeit ebenfalls den Muskeln, der kör-
       perlichen Tätigkeit  keinen Spielraum bietet. Auf diese Weise ist
       es eigentlich keine Arbeit, sondern die reine Langeweile, das er-
       tötendste, abmattendste,  was es  gibt -  der Fabrikarbeiter  ist
       dazu verurteilt, seine körperlichen und geistigen Kräfte gänzlich
       in dieser  Langeweile verkommen zu lassen, er hat den Beruf, sich
       von seinem  achten Jahre  an den  ganzen Tag  zu langweilen. Dazu
       kann er  keinen Augenblick  abkommen - die Dampfmaschine geht den
       ganzen Tag,  die Räder, Riemen und Spindeln schnurren und rasseln
       ihm in  einem fort in die Ohren, und wenn er nur einen Augenblick
       ruhen will,  so hat  er gleich  den Aufseher  mit dem Strafenbuch
       hinter sich.  Diese Verdammung  zum Lebendigbegrabenwerden in der
       Fabrik, zum  steten Achtgeben  auf die unermüdliche Maschine wird
       von den Arbeitern als die härteste Tortur empfunden. Sie wirkt
       
       #398# Friedrich Engels
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       aber auch  im höchsten  Grade abstumpfend,  wie auf den Körper so
       auch auf den Geist des Arbeiters. Man kann wirklich keine bessere
       Methode zur  Verdummung erfinden  als die  Fabrikarbeit, und wenn
       dennoch die  Fabrikarbeiter nicht  nur ihren  Verstand  gerettet,
       sondern auch  mehr als andere ausgebildet und geschärft haben, so
       war dies  wieder nur  durch die  Empörung gegen ihr Schicksal und
       gegen die  Bourgeoisie möglich  - das einzige, was sie allenfalls
       noch bei der Arbeit denken und fühlen konnten. Und wenn diese In-
       dignation gegen  die Bourgeoisie nicht zum vorherrschenden Gefühl
       beim Arbeiter  wird, so  ist die  notwendige Folge  der Trunk und
       überhaupt alles  das, was  man gewöhnlich  Demoralisation  nennt.
       Schon die  körperliche Abspannung  und die  infolge des Fabriksy-
       stems allgemein gewordenen Krankheiten waren dem offiziellen Kom-
       missär Hawkins hinreichend, um aus ihnen die Notwendigkeit dieser
       Demoralisation abzuleiten - wieviel mehr noch, wenn auch die gei-
       stige Abspannung  noch hinzutritt  und die  schon  erwähnten  Um-
       stände, die   j e d e n   Arbeiter  zur Demoralisation verlocken,
       hier auch  ihre Einflüsse  fühlbar machen!  Wir dürfen  uns daher
       auch gar nicht darüber wundern, daß namentlich in den Fabrikstäd-
       ten die Trunksucht und die geschlechtliche Ausschweifung die Höhe
       erreicht hat, die ich früher schon geschildert habe. *)
       Weiter. Die Sklaverei, in der die Bourgeoisie das Proletariat ge-
       fesselt hält,  kommt nirgends  deutlicher ans  Tageslicht als  im
       Fabriksystem. Hier hört alle Freiheit rechtlich und faktisch auf.
       Der Arbeiter muß morgens um halb sechs in der Fabrik sein - kommt
       er ein  paar Minuten  zu spät, so wird er gestraft, kommt er zehn
       Minuten zu spät, so wird er gar nicht hineingelassen,
       ---
       *) Hören wir  noch einen  kompetenten Richter: "Wenn das Beispiel
       der Irländer in Verbindung mit der unablässigen Arbeit der ganzen
       baumwollfabrizierenden Klasse  betrachtet wird, so werden wir uns
       über ihre schreckliche Demoralisation weniger wundern. Anhaltende
       und erschöpfende  Arbeit Tag  für Tag, Jahr für Jahr fortgesetzt,
       ist nicht  berechnet, die  intellektuellen und moralischen Fähig-
       keiten des Menschen zu entwickeln. Der trübselige Schlendrian ei-
       ner endlosen  Arbeitsqual (drudgery),  worin derselbe mechanische
       Prozeß immer wieder durchgemacht wird, gleicht der Qual des Sisy-
       phus; die  Last der Arbeit, gleich dem Felsen, fällt immer wieder
       auf den  abgematteten Arbeiter  zurück. Der  Geist erlangt  weder
       Kenntnisse noch  Denktätigkeit durch  die ewige  Arbeit derselben
       Muskeln; der  Verstand schlummert  ein in stumpfer Trägheit, aber
       der gröbere  Teil unserer  Natur erhält  eine üppige Entwicklung.
       Den Menschen  zu solcher Arbeit zu verdammen heißt die tierischen
       Anlagen in  ihm kultivieren.  Er wird gleichgültig, er verschmäht
       die seine  Gattung auszeichnenden  Triebe und Sitten. Er vernach-
       lässigt die  Bequemlichkeiten und feineren Freuden des Lebens, er
       lebt in  schmutzigem Elend, bei magerer Nahrung und vergeudet den
       Rest seines Erwerbs in Ausschweifungen." - Dr. J.P. Kay, a.a.O.
       
       #399# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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       bis das  Frühstück vorüber  ist, und verliert einen Vierteltag am
       Lohn (obgleich er nur 21,2 Stunden von 12 nicht arbeitet). Er muß
       auf Kommando essen, trinken und schlafen. Er hat zur Befriedigung
       der allerdringendsten Bedürfnisse die allergeringste Zeit, die zu
       ihrer Abmachung  nötig ist.  Ob seine Wohnung von der Fabrik eine
       halbe oder  ganze Stunde  weit abliegt,  kümmert den  Fabrikanten
       nicht. Die  despotische Glocke  ruft ihn  aus dem Bette, ruft ihn
       vom Frühstück und Mittagstisch.
       Und wie  geht es  ihm gar erst in der Fabrik! Hier ist der Fabri-
       kant absoluter  Gesetzgeber. Er erläßt Fabrikregulationen, wie er
       Lust hat; er ändert und macht Zusätze an seinem Kodex, wie es ihm
       beliebt; und  wenn er das tollste Zeug hineinsetzt, so sagen doch
       die Gerichte dem Arbeiter:
       
       "Ihr wart  ja Euer  eigner Herr,  Ihr brauchtet  ja einen solchen
       Kontrakt nicht  einzugehen, wenn  Ihr nicht  Lust  hattet;  jetzt
       aber, da  Ihr unter diesen Kontrakt Euch freiwillig begeben habt,
       jetzt müßt Ihr ihn auch befolgen."
       
       Und so  hat der Arbeiter noch den Spott des Friedensrichters, der
       selbst ein  Bourgeois ist,  und des  Gesetzes, das  von der Bour-
       geoisie gegeben  wurde, in  den Kauf.  Solche Entscheidungen sind
       oft genug  gegeben worden.  Im Oktober 1844 stellten die Arbeiter
       des Fabrikanten  Kennedy in  Manchester die  Arbeit ein.  Kennedy
       verklagte sie  auf Grund  einer in der Fabrik angeschlagenen Vor-
       schrift: daß aus jedem Zimmer nie mehr als zwei Arbeiter auf ein-
       mal kündigen  dürften! Und  das Gericht gab ihm recht und den Ar-
       beitern die  obige Antwort. ("Manchester Guardian", 30. Oktober.)
       Und wie  sind diese  Regeln gewöhnlich!  Hört: 1.  Die Fabriktüre
       wird 10  Minuten nach dem Anfange der Arbeit geschlossen und nie-
       mand bis  zum Frühstück  hereingelassen. Wer  während dieser Zeit
       abwesend ist,  verwirkt für  jeden Webstuhl 3 d. Strafe. 2. Jeder
       (Maschinenstuhl-)Weber, der  während einer  ändern Zeit,  während
       die Maschine  in Bewegung  ist, abwesend  gefunden wird, verwirkt
       für jede Stunde und jeden Webstuhl, den er zu beaufsichtigen hat,
       3 d. Wer während der Arbeitszeit ohne Erlaubnis des Aufsehers das
       Zimmer verläßt, wird ebenfalls 3 d. gestraft. 3. Weber, die keine
       Schere bei  sich haben,  verwirken für jeden Tag 1 d. 4. Alle We-
       berschiffchen, Bürsten,  Ölkannen, Räder,  Fenster etc., die zer-
       brochen werden,  müssen von dem Weber bezahlt werden. 5. Kein We-
       ber  darf   ohne     A u f k ü n d i g u n g,    d i e    e i n e
       W o c h e  v o r h e r  g e s c h e h e n  m u ß,  aus dem Dienst
       treten.   Der    Fabrikant   kann   jeden   Arbeiter      o h n e
       K ü n d i g u n g   für schlechte Arbeit öder unziemliches Betra-
       gen  entlassen.   6.  Jeder   Arbeiter,  der   mit  einem  andern
       s p r e c h e n d, der  s i n g e n d  oder  p f e i f e n d  be-
       troffen wird,  entrichtet 6 d. Strafe. Wer während der Arbeit von
       seinem Platze  geht, ebenfalls  6 d.  *) - Mir liegt noch ein an-
       deres
       
       *) "Stubborn Facts", p. 9 ff.
       
       #400# Friedrich Engels
       -----
       Fabrikreglement vor, nach welchem jedem, der drei Minuten zu spät
       kommt, eine Viertelstunde, und jedem, der zwanzig Minuten zu spät
       kommt, ein  Vierteltag am Lohn abgehalten wird. Wer vor dem Früh-
       stück ganz  wegbleibt, l  sh. am  Montag und 6 d. an jedem ändern
       Tage etc. etc. Dies letztere ist das Reglement der Phoenix Works,
       in Jersey Street, Manchester. - Man wird mir sagen, solche Regeln
       seien notwendig, um in einer großen, geordneten Fabrik das nötige
       Ineinandergreifen der  verschiedenen Manipulationen  zu  sichern;
       man wird  sagen, eine  solche strenge  Disziplin sei  hier ebenso
       notwendig wie  bei der Armee - gut, es mag sein, aber was ist das
       für eine  soziale Ordnung,  die ohne  solche schändliche Tyrannei
       nicht bestehen  kann? Entweder heiligt der Zweck das Mittel, oder
       der Schluß von der Schlechtigkeit des Mittels auf die Schlechtig-
       keit des  Zwecks ist  ganz gerechtfertigt. Und wer Soldat gewesen
       ist, weiß,  was es heißt, auch nur für kurze Zeit unter militäri-
       scher Disziplin  zu stehen;  diese Arbeiter  sind aber  dazu ver-
       dammt, vom neunten Jahre an bis zu ihrem Tode unter der geistigen
       und körperlichen  Fuchtel zu  leben, sie  sind ärgere Sklaven als
       die Schwarzen  in Amerika, weil sie schärfer beaufsichtigt werden
       - und dabei wird noch verlangt, daß sie menschlich leben, mensch-
       lich denken und fühlen sollen! Wahrlich, sie können es wieder nur
       im glühendsten  Haß gegen ihre Unterdrücker und gegen die Ordnung
       der Dinge,  die sie  in eine solche Lage versetzt, die sie zu Ma-
       schinen herabwürdigt!  Es ist aber noch viel schändlicher, daß es
       nach der   a l l g e m e i n e n  Aussage der Arbeiter eine Menge
       Fabrikanten gibt,  die die  den Arbeitern auferlegten Geldstrafen
       mit der herzlosesten Strenge eintreiben, um aus den den besitzlo-
       sen Proletariern  geraubten Pfennigen ihren Gewinn zu vergrößern.
       Auch Leach  behauptet, daß  die Arbeiter  oft morgens die Uhr der
       Fabrik um eine Viertelstunde vorgerückt und infolgedessen bei ih-
       rer Ankunft  die Tür  verschlossen finden,  während der Schreiber
       mit dem  Strafbuch drinnen  durch die  Zimmer geht  und die große
       Menge der Fehlenden aufschreibt. Leach will selbst einmal 95 sol-
       cher ausgeschlossenen  Arbeiter gezählt  haben vor  einer Fabrik,
       deren Uhr  abends eine  Viertelstunde   h i n t e r   und morgens
       eine Viertelstunde  v o r  den öffentlichen Uhren der Stadt ging.
       Der Fabrikbericht  erzählt ähnliche  Dinge. In einer Fabrik wurde
       die Uhr  während der Arbeitszeit zurückgesetzt, so daß länger ge-
       arbeitet wurde  als die richtige Zeit und der Arbeiter doch nicht
       mehr Lohn  bekam; in  einer ändern  wurde geradezu  eine Viertel-
       stunde länger  gearbeitet, in  einer dritten war eine gewöhnliche
       Uhr und  eine Maschinenuhr, welche die Anzahl der Umdrehungen des
       Hauptschafts anzeigte;  ging die  Maschinerie langsam,  so  wurde
       nach der  Maschinenuhr gearbeitet, bis die für 12 Stunden berech-
       nete Anzahl Umdrehungen voll war; ging die Arbeit
       
       #401# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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       gut, so  daß diese  Zahl vor der rechten Zeit voll war, so mußten
       die Arbeiter  dennoch bis zum Ende der zwölften Stunde fortarbei-
       ten. Der Zeuge fügt hinzu, er habe einige Mädchen gekannt, die in
       guter Arbeit  waren und  Extrastunden arbeiteten,  die aber  doch
       lieber sich  der Prostitution  in die  Arme geworfen, als daß sie
       sich diese  Tyrannei hätten  gefallen lassen (Drink-w[ater] evid.
       p. 80).  Leach erzählt, um auf die Geldstrafen zurückzukommen, er
       habe zu  wiederholten Malen  gesehen, wie  hochschwangere Frauen,
       die sich  einen Augenblick  bei ihrer  Arbeit gesetzt  hatten, um
       auszuruhen, für  dies Vergehen um 6 d. gestraft wurden. Die Stra-
       fen wegen  schlechter Arbeit  werden vollends  willkürlich aufer-
       legt; die  Ware wird  im Lager nachgesehen, und hier schreibt der
       nachsehende Lagermeister  die Strafen  auf eine  Liste,   o h n e
       d e n           A r b e i t e r           a u c h           n u r
       h e r b e i z u r u f e n;   dieser erfährt erst, daß er gestraft
       worden ist,  wenn ihm  der Aufseher  den Lohn  ausbezahlt und die
       Ware vielleicht  schon verkauft  und jedenfalls auf die Seite ge-
       bracht ist. Leach besitzt eine solche Strafliste, die zusammenge-
       heftet zehn  Fuß lang  ist und  sich auf Pfd. St. 35-17-10 d. be-
       läuft. Er erzählt, daß in der Fabrik, v/o diese Liste aufgesetzt,
       ein neuer  Lagermeister entlassen  worden sei,  weil er  zu wenig
       strafe und  so dem  Fabrikanten fünf Pfund (34 Taler) wöchentlich
       zu wenig  einbringe ("Stubborn Facts", p. 13-17). Und ich wieder-
       hole nochmals, daß ich Leach als einen durchaus zuverlässigen und
       einer Lüge unfähigen Mann kenne.
       Aber auch  außerdem ist der Arbeiter der Sklave seines Brotherrn.
       Wenn dem  reichen Herrn  die Frau  oder Tochter des Arbeiters ge-
       fällt - so hat er nur zu verfügen, nur zu winken, und sie muß ihm
       ihre Reize  opfern. Wenn  der Fabrikant  eine Petition zum Schutz
       der  Bourgeoisie-   Interessen  mit  Unterschriften  zu  bedecken
       wünscht - er braucht sie nur in seine Fabrik zu schicken. Will er
       eine Parlamentswahl  durchsetzen -  er schickt seine stimmfähigen
       Arbeiter in Reih und Glied an die Stimmbuden, und sie müssen wohl
       für den  Bourgeois stimmen,  sie mögen wollen oder nicht. Will er
       in einer  öffentlichen Versammlung  eine  Majorität  haben  -  er
       entläßt sie  eine halbe  Stunde früher als gewöhnlich und besorgt
       ihnen Plätze  dicht an  der Tribüne, wo er sie gehörig überwachen
       kann.
       Dazu kommen aber noch zwei Einrichtungen, die ganz besonders dazu
       beitragen, den  Arbeiter in  die Botmäßigkeit  des Fabrikanten zu
       zwingen -  das   T r u c k s y s t e m   und das   C o t t a g e-
       s y s t e m.   Truck heißt  bei den  Arbeitern das  Bezahlen  des
       Lohns in Waren, und dieser Zahlmodus war früher ganz allgemein in
       England. Der  Fabrikant errichtete,  "zur Bequemlichkeit  der Ar-
       beiter und  um sie vor den hohen Preisen der Krämer zu schützen",
       einen Laden,  in dem  für seine Rechnung Waren aller Art verkauft
       wurden; und
       
       #402# Friedrich Engels
       -----
       damit der Arbeiter nicht etwa in andere Läden gehe, wo er die Wa-
       ren billiger  haben konnte  -  die  Truckwaren  des  "Tommy-Shop"
       pflegten 25 bis 30 Prozent teurer zu sein als anderswo -, gab man
       ihm auch  wohl eine Anweisung auf den Laden für den Betrag seines
       Lohns anstatt des Geldes. Der allgemeine Unwille über dies infame
       System veranlaßte  1831 den  Truck-Akt, wodurch  die Bezahlung in
       Waren 1*)  für die meisten Arbeiter für ungültig und ungesetzlich
       erklärt und  mit Strafen belegt wurde; indes hat dies Gesetz, wie
       die meisten  englischen Gesetze,  nur hier und da faktische Kraft
       erhalten. In  den Städten freilich ist es ziemlich genau durchge-
       führt, auf  dem Lande aber ist das direkte und indirekte Trucksy-
       stem noch  in voller  Blüte. Auch in der Stadt Leicester kommt es
       sehr häufig vor. Mir liegen ungefähr ein Dutzend Fälle von Verur-
       teilungen wegen  dieses Vergehens  vor, die von November 1843 bis
       Juni 1844  vorkamen und  teils im "Manchester Guardian", teils im
       "Northern Star"[94]  berichtet werden. Natürlich wird dies System
       jetzt nicht  mehr so  offen getrieben;  der Arbeiter bekommt sein
       Geld meistens  ausbezahlt, aber  der Fabrikant  hat Mittel genug,
       ihn zu zwingen, daß er seine Waren in dem Truckladen und nirgends
       anderswo kauft.  Daher ist  den Truckfabrikanten selten beizukom-
       men, denn  jetzt können sie ihr Unwesen unter dem Schütze des Ge-
       setzes treiben,  sobald sie nur dem Arbeiter das Geld wirklich in
       die Hände  geben. Der  "Northern Star"  vom 27.  April 1844  gibt
       einen Brief  eines Arbeiters  in Holmfirth  bei  Huddersfield  in
       Yorkshire, dessen  Orthographie ich  wiedergeben will,  soviel es
       möglich ist, und der sich auf einen Fabrikanten Bowers bezieht:
       
       "Es ist vast Befremdent Zu dencken, Daß Daß verflugte Truk Sistim
       Besteehn Solde  in Solger  ausDenung Alz Eß thut zu Holmfirth Und
       niemannt gevunden  Werden Der  Die Kurrase Had Den Vabrickanden 1
       stok Dafor  zu Steken.  bier Leyden  I groose mengge erliger hand
       Weeber Durg Dißem Vervlugden Siststem Hier ist l probe auß fielen
       Der EdelMütigen  Vrey Handelsklike *) Ist 1 vabrickand Welger had
       Auff im  Den flug Der Gansen geegendt Wegen Seine Abscheuligs be-
       dragen gegen Semen Armen weebern wen Sie ein stük Vertig Haben so
       34 oder  36 Schiling Magt Gipd er Sie 20 Shi. In gelt Und Das üb-
       rige in  Tug Oder KleyderZeug Und 40 oder 50 pro Zend teuerer Alz
       bey Den  ändern Verkeuffern  Und wie  offt Sein  Die  waren  oben
       Darein nog  vaul. aber  Wie sagd  Der Frey Handels Merkur **) Sie
       sein Nigt fervligtet Sie an zu Nemen Es Stet ganz in Irem beliben
       O Ja  aber Sie Musen Sie tndweder an Nemen oder fer-Hungeren. Wen
       sie Mer  Als die  20 Shil.  In Geldt  haben Wolen So Können Sie 8
       oder
       ---
       *) Die Anhänger der Anti-Korngesetz-Ligue.
       **) Der "Leeds Mercury" - bourgeois-radikales Blatt.
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       1*) (1845) irrtümlich: Lohn
       
       #403# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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       14 tage  auf eine kete Wardten Aber nemen Sie Die 20 Shi. Und Die
       waren So ist imer 1 Kete vor sie Zu haben. Das Ist vreyer Handel,
       Lord Brohom (Brougham) sagd wir Solden Edwas zu Rüklegen in unse-
       ren Junge Tage Auff Das wir Nigt die armen Casse bedürven wen wir
       Aid sein  sollen wir  Die vaule  waren zu  Rüklegen. wen dis Nigt
       kerne von  einen Lord so solle Mann sagen Das sein geHirn Eben So
       vaul were  Als Die  waren wo mit wir unsere arbeid bezald krigen.
       als die  Ungestempelden Zeitungen Aufkamen taten Da war Ein Menge
       so dis  Der polizei  anzeigden in  Holmfirth Da waren die Blyths,
       die Estwoods  Und s.  w. etcet. Aber wo sein Sie jetz aber Es ist
       etwas Anderes  unser truk Vabrikand gehörd zu die Vromme Vreihan-
       dels Leute  Er get  2 mal  in Die kirge Jeden sondag Und sagd Dem
       pfaven Andegtig  Nag wir Haben unter Laßen Die Dinge so wir Haten
       tun solen Und wir Haben getan Die dinge so Wir rieten unter Lasen
       solen und  in Uns  ist kein  gut Aber  schohne unser  guter Gott"
       (Worte der  anglikanischen Litanei)  "ja schohne unser biß Morgen
       so bezalen wir wider Unsern Webern in vaule Waren."
       
       Das Cottagesystem  sieht viel  unschuldiger aus  und ist auch auf
       eine viel  unschuldigere Weise  entstanden, obwohl  es  dieselben
       knechtenden Wirkungen  für den  Arbeiter hat. In der Nähe der Fa-
       briken auf  dem Lande fehlt es oft an Wohnungen für die Arbeiter;
       der Fabrikant  ist oft  genötigt, solche  Wohnungen zu bauen, und
       tut es  gern, da  sie ihm reichlichen Nutzen auf sein ausgelegtes
       Kapital einbringen. Wenn die Eigentümer von Arbeitercottages etwa
       6 Prozent  jährlich von ihrem Kapital bekommen, so kann man rech-
       nen, daß  die Gottages dem Fabrikanten das Doppelte eintragen, da
       er, solange  seine Fabrik nicht gänzlich stillsteht, immer Mieter
       hat, und  zwar solche Mieter, die stets bezahlen. Er ist also von
       den beiden  Hauptnachteilen frei,  die die  übrigen  Hausbesitzer
       treffen: Er  hat nie  Cottages leer stehen und läuft kein Risiko.
       Die Miete einer Cottage ist aber darnach berechnet, daß sie diese
       Nachteile deckt, und wenn der Fabrikant also dieselbe Miete nimmt
       wie die übrigen, so macht er mit 12 bis 14 Prozent ein brillantes
       Geschäft auf Unkosten der Arbeiter. Denn es ist offenbar unrecht,
       daß er,  wenn er im Häuservermieten Geschäfte macht, einen größe-
       ren, ja  den doppelten  Nutzen bezieht wie seine Konkurrenten und
       zu gleicher Zeit ihnen alle Möglichkeit nimmt, mit ihm zu konkur-
       rieren. Doppeltes  Unrecht aber  ist es, daß er diesen Nutzen aus
       der Tasche der besitzlosen Klasse bezieht, die über jeden Pfennig
       haushalten muß  - doch  das ist   e r   ja gewohnt, dessen ganzer
       Reichtum auf  Unkosten seiner Arbeiter erworben ist. Aber das Un-
       recht wird  zur Infamie, wenn der Fabrikant, wie es oft genug ge-
       schieht, die  Arbeiter, die  bei Strafe  der Entlassung in seinen
       Häusern wohnen  m ü s s e n,  zur Bezahlung einer höheren als der
       gewöhnlichen Miete  oder gar  dazu zwingt,  Miete für ein Haus zu
       bezahlen, das sie gar nicht bewohnen! Der "Halifax Guardian", zi-
       tiert im liberalen "Sun", behauptet, daß Hunderte
       
       #404# Friedrich Engels
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       von Arbeitern  in Ashton-under-Lyne, Oldham und Rochdale usw. von
       ihren Brotherren  genötigt seien,  Miete für  Häuser zu bezahlen,
       gleichviel ob  sie diese Häuser bewohnten oder nicht. *) Das Cot-
       tagesystem ist  allgemein in  den ländlichen Fabrikdistrikten; es
       hat ganze  Ortschaften hervorgerufen, und meistens hat der Fabri-
       kant wenig  oder gar  keine Konkurrenz mit seinen Häusern, so daß
       er seine Miete gar nicht nach den Forderungen andrer einzurichten
       braucht, sondern sie ansetzen kann, wie er will. Und welche Macht
       gibt das Cottagesystem erst dem Fabrikanten bei Zerwürfnissen mit
       den Arbeitern!  Stellen diese die Arbeit ein, so hat er ihnen nur
       die Miete  zu kündigen,  und die Kündigungsfrist ist nur eine Wo-
       che; nach  Verlauf derselben sind die Arbeiter nicht nur brotlos,
       sondern auch obdachlos, Vagabunden, dem Gesetz verfallen, das sie
       ohne Gnade einen Monat auf die Tretmühle schickt.
       Das ist das Fabriksystem, so ausführlich geschildert, wie es mein
       Raum erlaubt,  und so  unparteiisch, wie  es die  Heldentaten der
       Bourgeoisie gegen  wehrlose Arbeiter, Taten, bei denen man unmög-
       lich gleichgültig  bleiben kann,  bei denen  Gleichgültigkeit ein
       Verbrechen wäre,  erlauben. Vergleichen  wir doch einmal die Lage
       des freien Engländers von 1845 mit der des leibeignen Sachsen un-
       ter der  Geißel des  normannischen Barons von 1145. Der Leibeigne
       war glebae adscriptus, an die Scholle gefesselt; der freie Arbei-
       ter ist  es auch  - durch das Cottagesystem; der Leibeigne schul-
       dete dem  Brotherrn das  jus primae  noctis, das Recht der ersten
       Nacht -  der freie  Arbeiter schuldet seinem Herrn nicht nur das,
       sondern sogar  das Recht   j e d e r  Nacht. Der Leibeigne konnte
       kein Eigentum  erwerben, alles,  was er  erwarb, durfte  ihm  der
       Grundherr nehmen  - der  freie Arbeiter hat ebenfalls kein Eigen-
       tum, kann  keins erwerben durch den Druck der Konkurrenz, und was
       selbst der  Normanne nicht  tat, das tut der Fabrikant: durch das
       Trucksystem maßt  er sich täglich die Verwaltung dessen an, wovon
       der Arbeiter  seinen unmittelbaren  Lebensunterhalt hat. Das Ver-
       hältnis des Leibeignen zum Grundherrn war durch Gesetze geregelt,
       die befolgt  wurden, weil  sie den Sitten entsprachen, sowie auch
       durch die  Sitten selbst; des freien Arbeiters Verhältnis zu sei-
       nem Herrn  ist durch  Gesetze geregelt,  die   n i c h t  befolgt
       werden, weil  sie weder  den Sitten  noch dem Interesse des Herrn
       entsprechen. Der  Grundherr konnte  den Leibeignen  nicht von der
       Scholle losreißen,  ihn nicht ohne sie, und da fast alles Majorat
       und nirgends  Kapital war, ihn überhaupt nicht verkaufen; die mo-
       derne Bourgeoisie  zwingt den Arbeiter, sich selbst zu verkaufen.
       Der Leibeigne war Sklave des Grundstücks, auf dem er geboren
       ---
       *) "Sun" (Londoner Tageblatt) von Ende November 1844.
       
       #405# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
       -----
       war; der  Arbeiter ist Sklave der notwendigsten Lebensbedürfnisse
       und des Geldes, mit dem er sie zu kaufen hat - beide sind Sklaven
       der   S a c h e.   Der Leibeigne hat eine Garantie für seine Exi-
       stenz an  der feudalen  Gesellschaftsordnung, in  der jeder seine
       Stelle hat;  der freie  Arbeiter hat  gar keine Garantie, weil er
       nur dann  eine Stelle  in der  Gesellschaft hat,  wenn die  Bour-
       geoisie ihn braucht - sonst wird er ignoriert, als gar nicht vor-
       handen betrachtet.  Der Leibeigne  opfert sich  seinem  Herrn  im
       Kriege -  der Fabrikarbeiter  im Frieden. Der Herr des Leibeignen
       war ein  Barbar, er betrachtete seinen Knecht wie ein Stück Vieh;
       der Herr  des Arbeiters ist zivilisiert, er betrachtet diesen wie
       eine Maschine.  Kurz, die beiden stehen sich in allem so ziemlich
       gleich, und  wenn auf einer Seite Nachteil ist, so ist es auf der
       des freien Arbeiters. Sklaven sind sie beide, nur daß die Knecht-
       schaft des einen ungeheuchelt, offen, ehrlich ist und die des än-
       dern heuchlerisch,  hinterlistig verheimlicht  vor ihm selbst und
       allen ändern,  eine theologische  Leibeigenschaft, die  schlimmer
       ist als  die alte.  Die humanen  Tories hatten recht, als sie den
       Fabrikarbeitern den  Namen: white  Slaves, weiße  Sklaven, gaben.
       Aber die  heuchlerische, sich  versteckende Knechtschaft  erkennt
       wenigstens das  Recht auf Freiheit dem Scheine nach an; sie beugt
       sich der  freiheitliebenden öffentlichen Meinung, und darin liegt
       der historische Fort schritt gegen die alte Sklaverei, daß wenig-
       stens das  P r i n z i p  der Freiheit durchgesetzt ist - und die
       Unterdrückten werden  schon dafür  sorgen, daß  dies Prinzip auch
       durchgeführt werde.
       Zum Schluß  ein paar Strophen eines Gedichts, das die Ansicht der
       Arbeiter selbst  über das Fabriksystem ausspricht. Es ist von Ed-
       ward P.  Mead in  Birmingham und  der richtige Ausdruck der unter
       den Arbeitern herrschenden Gesinnung. [95]
       
       Ein König lebt, ein zorniger Fürst,
       Nicht des Dichters geträumtes Königsbild,
       Ein Tyrann, den der weiße Sklave kennt.
       Und der Dampf ist der König wild.
       
       Er hat einen Arm, einen eisernen Arm,
       Und obgleich er nur einen trägt;
       In dem Arme schafft eine Zauberkraft,
       Die Millionen schlägt.
       
       Wie der Moloch grimm, sein Ahn, der einst
       Im Tale Himmon saß,
       Ist Feuersglut sein Eingeweid',
       Und Kinder sind sein Fraß.
       
       #406# Friedrich Engels
       -----
       Seine Priesterschar, der Menschheit bar,
       Voll Blutdurst, Stolz und Wut,
       Sie lenken - o Schand'! - seine Riesenhand
       Und zaubern Gold aus Blut.
       
       Sie treten in Staub das Menschenrecht
       Für das schnöde Gold, ihren Gott,
       Des Weibes Schmerz ist ihnen Scherz,
       Des Mannes Trän' ihr Spott.
       
       Musik ist ihrem Ohr das Schrei'n
       Des Armen im Todeskampf;
       Skelette von Jungfrau'n und Knaben füll'n
       Die Höllen des König Dampf.
       
       Die Höll'n auf Erd'! sie verbreiten Tod,
       Seit der Dampf herrscht, rings im Reich,
       Denn des Menschen Leib und Seele wird
       Gemordet d'rin zugleich.
       
       Drum nieder den Dampf, den Moloch wild,
       Arbeitende Tausende, all',
       Bind't ihm die Hand, oder unser Land
       Bringt er über Nacht zu Fall!
       
       Und seine Vögte grimm, die Mill-Lords stolz,
       Goldstrotzend und blutigrot,
       Stürzen muß sie des Volkes Zorn,
       Wie das Scheusal, ihren Gott! *)
       ---
       *) Ich habe weder Zeit noch Raum, mich weitläufig auf die Entgeg-
       nungen der  Fabrikanten auf  die gegen  sie seit zwölf Jahren ge-
       richteten Anklagen  einzulassen. Die  Leute sind nun einmal nicht
       zu belehren,  weil ihr  vermeintliches Interesse  sie blendet. Da
       ohnehin in obigem manche ihrer Einwände schon gelegentlich besei-
       tigt sind, so bleibt mir nur folgendes zu sagen:
       Ihr kommt nach Manchester, ihr wollt die englischen Zustände ken-
       nenlernen. Ihr habt gute Empfehlungen an "respektable" Leute, na-
       türlich. Ihr  laßt einige  Äußerungen über  die Lage der Arbeiter
       fallen. Man  macht euch  mit ein paar der ersten liberalen Fabri-
       kanten bekannt,  etwa Robert  Hyde Greg,  Edmund Ashworth, Thomas
       Ashton, oder  so. Ihr  erzählt ihm  von euren  1*) Absichten. Der
       Fabrikant versteht euch, er weiß, was er zu tun hat. Er fährt mit
       euch auf  seine Fabrik auf dem Lande - Herr Greg nach Quarry-Bank
       in Cheshire,  Herr Ashworth  nach Turton  bei Bolton, Herr Ashton
       nach   Hyde.    Er   führt    euch    durch    ein    prächtiges,
       wohleingerichtetes, vielleicht mit Ventilatoren
       -----
       1*) (1845): Man erzählt ihm von seinen...
       
       #407# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
       -----
       
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       versehenes Gebäude,  er macht euch auf die hohen, luftigen Räume,
       die schönen  Maschinen, hier und da auf gesundaussehende Arbeiter
       aufmerksam. Er  gibt euch  ein gutes  Frühstück und  schlägt euch
       vor, die  Wohnungen der  Arbeiter zu  besuchen - er führt euch an
       die Cottages,  die neu,  reinlich und nett aussehen, und geht mit
       euch in diese und jene selbst hinein. Natürlich nur zu den Aufse-
       hern, Mechanikern  usw., damit  ihr "Familien  seht, die  g a n z
       von der  Fabrik leben". Bei den ändern dürftet ihr ja finden, daß
       nur Frau  und Kinder  arbeiten und  der Mann Strümpfe stopft. Die
       Gegenwart des Fabrikanten hindert euch, indiskrete Fragen zu tun;
       ihr findet die Leute alle gut bezahlt, komfortabel, von wegen der
       Landluft verhältnismäßig  gesund, ihr  fangt an,  euch von  euren
       überspannten Ideen von Elend und Hungersnot zu bekehren. Daß aber
       das Cottagesystem  die Arbeiter  zu Sklaven macht, daß vielleicht
       ein Truckladen  in der  Nähe ist,  das erfahrt ihr nicht, daß die
       Leute den  Fabrikanten hassen, das zeigen sie euch nicht, weil er
       dabei ist.  Er hat  wohl gar auch Schule, Kirche, Lesezimmer etc.
       errichtet. Daß  er die  Schule dazu  gebraucht, die Kinder an die
       Subordination zu gewöhnen, daß er im Lesezimmer nur solche Sachen
       duldet, in  denen das  Interesse der  Bourgeoisie vertreten wird,
       daß er  seine Leute wegschickt, wenn sie chartistische und sozia-
       listische Blätter  und Bücher lesen - das ist euch all verborgen.
       Ihr seht  ein behagliches, patriarchalisches Verhältnis, ihr seht
       das Leben  der Aufseher, ihr seht, was die Bourgeoisie den Arbei-
       tern   v e r s p r i c h t,   wenn sie  auch geistig ihre Sklaven
       werden wollen.  Diese "ländliche  Fabrikation" ist  von jeher das
       Steckenpferd der Fabrikanten gewesen, weil hier die Nachteile des
       Fabriksystems, besonders die sanitären, teilweise durch die freie
       Luft  und   Umgebung  aufgehoben   werden  und   weil  hier   die
       p a t r i a r c h a l i s c h e   Knechtschaft der  Arbeiter sich
       am längsten  erhält. Dr. Ure singt einen Dithyrambus darauf. Aber
       wehe, wenn  die Arbeiter  sich einfallen lassen, selbst zu denken
       und Chartisten  zu werden  - da hört die väterliche Zuneigung des
       Fabrikanten mit  einem Male  auf. Übrigens,  wollt ihr etwa durch
       die Arbeiterviertel  von Manchester geführt werden, wollt ihr die
       Ausbildung des  Fabriksystems in einer  Fabrik s t a d t  sehen -
       ja, da  könnt ihr  lange warten, bis euch diese reichen Bourgeois
       dabei behülflich sind! Die Herren wissen nicht, was ihre Arbeiter
       wollen und  in welcher  Lage sie sind, und sie wollen, sie dürfen
       es nicht  wissen,  weil  sie  immer  fürchten  müssen,  Dinge  zu
       erfahren, bei  denen sie  unruhig werden oder gar ihrem Interesse
       zuwiderhandeln müßten.  Ist auch  höchst gleichgültig  - was  die
       Arbeiter durchzuführen haben, setzen sie schon allein durch.

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