Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846
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Die einzelnen Arbeitszweige
Die Fabrikarbeiter im engeren Sinne
Wenn wir jetzt auf die einzelnen wichtigeren Zweige dies engli-
schen Industrieproletariats näher eingehen sollen, so werden wir,
dem oben (S. 253) aufgestellten Prinzip zufolge, mit den
Fabrikarbeitern, d.h. denen, die unter dem Fabrikakt stehen, an-
zufangen haben. Dies Gesetz reguliert die Arbeitszeit der Fabri-
ken, in denen Wolle, Seide, Baumwolle und Flachs mit Hülfe von
Wasser- oder Dampfkraft gesponnen oder gewoben wird, und er-
streckt sich deshalb auf die bedeutendsten Zweige der englischen
Industrie. Die von ihnen lebende Klasse ist die zahlreichste, äl-
teste, intelligenteste und energischste, daher aber auch die un-
ruhigste und der Bourgeoisie am meisten verhaßte von allen engli-
schen Arbeitern; sie steht, und speziell die Baumwollfabrikarbei-
ter stehen an der Spitze der Arbeiterbewegung, wie ihre Brother-
ren, die Fabrikanten, namentlich von Lancashire, an der Spitze
der Bourgeoisie-Agitation.
Wir sahen schon in der Einleitung, wie die in den genannten Arti-
keln arbeitende Bevölkerung auch zuerst durch neue Maschinen aus
ihren bisherigen Verhältnissen gerissen wurde. Es darf uns daher
nicht wundern, wenn der Fortschritt der mechanischen Erfindung
auch in späteren Jahren gerade sie am meisten und anhaltendsten
berührte. Die Geschichte der Baumwollenfabrikation, wie wir sie
bei Ure *), Baines **) u.a. lesen, weiß auf jeder Seite von neuen
Verbesserungen zu erzählen, und in den übrigen der genannten In-
dustriezweige sind die meisten derselben ebenfalls eingebürgert
worden. Fast überall ist die Handarbeit durch Maschinenarbeit er-
setzt, fast alle Manipulationen werden durch die Kraft des Was-
sers oder Dampfs getan, und noch jedes Jahr bringt neue Verbesse-
rungen.
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*) "The Cotton Manufacture of Great Britain" [Die Baumwollmanu-
faktur Großbritanniens]. By Dr. A. Ure. 1836.
**) "History of the Cotton Manufacture in Great Britain"
[Geschichte der Baumwollmanufaktur in Großbritannien]. By E. Bai-
nes, Esq.
#361# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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In einem geordneten sozialen Zustande wären solche Verbesserungen
nur erfreulich; im Zustande des Kriegs Aller gegen Alle reißen
einzelne den Vorteil an sich und bringen dadurch die meisten um
die Mittel der Existenz. Jede Verbesserung der Maschinerie wirft
Arbeiter außer Brot, und je bedeutender die Verbesserung, desto
zahlreicher die arbeitslos gewordene Klasse; jede bringt demnach
auf eine Anzahl Arbeiter die Wirkung einer Handelskrisis hervor,
erzeugt Not, Elend und Verbrechen. Nehmen wir einige Beispiele.
Da gleich die erste Erfindung, die Jenny (siehe oben), von
e i n e m Arbeiter getrieben, wenigstens das Sechsfache von dem
lieferte, was das Spinnrad in gleicher Zeit machen konnte, so
wurden durch jede neue Jenny fünf Spinner brotlos. Die Throstle,
die wiederum bedeutend mehr lieferte als die Jenny und ebenfalls
nur einen Arbeiter brauchte, machte noch mehr brotlos. Die Mule,
die wieder weniger Arbeiter im Verhältnis zum Produkt nötig hatte
1*), hatte dieselbe Wirkung, und jede Verbesserung der Mule, d.
h. jede Vermehrung der Spindelzahl an der Mule, verminderte wie-
derum die Zahl der benötigten Arbeiter. Diese Vermehrung der
Spindelzahl an der Mule ist aber so bedeutend, daß dadurch ganze
Scharen von Arbeitern brotlos geworden sind; denn wenn früher ein
"Spinner" mit ein paar Kindern (piecers) 600 Spindeln in Bewegung
setzte, so konnte er nun 1400 bis 2000 Spindeln auf zwei Mules
beaufsichtigen - zwei erwachsene Spinner und ein Teil der von ih-
nen beschäftigten Piecer wurden dadurch brotlos. Und seitdem bei
einem sehr bedeutenden Teile der Mulespinnereien die self-actors
eingeführt sind, fällt die Rolle des Spinners ganz weg und wird
von der Maschine getan. Mir liegt ein Buch vor *), das von dem
anerkannten Führer der Chartisten in Manchester, James Leach,
herrührt. Der Mann hat in verschiedenen Industriezweigen, in Fa-
briken und Kohlenbergwerken jahrelang gearbeitet und ist mir per-
sönlich als brav, zuverlässig und tüchtig bekannt. Ihm standen,
seiner Parteistellung zufolge, die ausgedehntesten Details über
die verschiedenen Fabriken, die von den Arbeitern selbst gesam-
melt wurden, zu Gebote, und er gibt nun Tabellen, aus denen her-
vorgeht, daß 1829 in 35 Fabriken 1083 Mulespinner mehr angestellt
waren als 1841, obwohl die Anzahl der Spindeln in diesen 35 Fa-
briken sich um 99429 vermehrt hat. Er führt 5 Fabriken auf, in
denen gar keine Spinner mehr sind, da diese Fabriken
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*) "Stubborn Facts from the Factories", by a Manchester Opera-
tive. Published and dedicated to the working Classes
[Unumstößliche Tatsachen aus den Fabriken, von einem Fabrikarbei-
ter aus Manchester. Herausgegeben und den arbeitenden Klassen ge-
widmet], by Wm. Rashleigh, M.P. London, Ollivier, 1844, p. 28 ff.
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1*) (1892) machte
#362# Friedrich Engels
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nur self-actors besitzen. Während die Zahl der Spindeln sich um
10 Prozent vermehrte, nahm die der Spinner um mehr als 60 Prozent
ab. Und, fügt Leach hinzu, seit 1841 sind so viele Verbesserungen
durch Verdopplung der Spindel-reihen (double decking) und sonst
eingeführt worden, daß in einigen der genannten Fabriken seit
1841 wieder die Hälfte der Spinner entlassen worden sind; in ei-
ner Fabrik allein, wo vor kurzem 80 Spinner waren, sind noch 20,
die übrigen sind weggeschickt oder müssen Kinderarbeit für Kin-
derlohn tun. Gleiches berichtet Leach aus Stockport, wo 1835 800
Spinner und 1843 nur 140 Spinner beschäftigt gewesen seien, ob-
wohl die Industrie Stockports in den letzten 8 bis 9 Jahren be-
deutend zugenommen hat. In der Kardiermaschinerie sind jetzt ähn-
liche Verbesserungen gemacht, wodurch die Hälfte der Arbeiter
brotlos wird. In einer Fabrik sind verbesserte Doublierstühle
aufgesetzt, die von acht Mädchen vier brotlos machten - außerdem
setzte der Fabrikant den Lohn der übrigen vier von 8 auf 7 sh.
herab. Ähnlich ist es mit der Weberei gegangen. Der mechanische
Webstuhl hat einen Zweig der Handweberei nach dem ändern in Be-
schlag genommen, und da er viel mehr produziert als der Handweb-
stuhl und ein Arbeiter zwei mechanische Stühle beaufsichtigen
kann, so sind eine Menge Arbeiter auch hier brotlos geworden. Und
in allen Arten der Fabrikation, in der Flachs- und Wollenspinne-
rei, beim Tramieren der Seide ist es ebenso; selbst der mechani-
sche Webstuhl fängt an, einzelne Zweige der Wollen- und Leinenwe-
berei an sich zu reißen; in Rochdale allein sind mehr mechanische
als Handwebstühle bei der Flanell- und sonstigen Wollenweberei
beschäftigt. Die Bourgeoisie pflegt hierauf zu antworten, daß
Verbesserungen in den Maschinen, indem sie die Produktionskosten
verringerten, die fertige Ware zu einem niedrigeren Preise lie-
fern und daß durch diesen niedrigeren Preis eine solche Vermeh-
rung der Konsumtion entsteht, daß die brotlos gewordenen Arbeiter
bald wieder an den neuerstehenden Fabriken Beschäftigung vollauf
fänden. Gewiß, die Bourgeoisie hat ganz recht dann, daß unter ge-
wissen, für die allgemeine industrielle Entwicklung vorteilhaften
Verhältnissen jede Preiserniedrigung einer solchen Ware, bei der
das rohe Material w e n i g kostet, die Konsumtion sehr stei-
gert und neue Fabriken hervorruft; aber sonst ist jedes Wort ih-
rer Behauptung eine Lüge. Sie schlägt es für nichts an, daß es
jahrelang dauert, bis diese Folgen der Preiserniedrigung einge-
treten, bis die neuen Fabriken gebaut sind; sie verschweigt uns,
daß alle Verbesserungen der Maschinen die eigentliche, anstren-
gende Arbeit mehr und mehr auf die Maschine werfen und so die Ar-
beit erwachsener Männer in eine bloße Aufsicht verwandeln, die
ein schwaches Weib oder gar ein Kind ebensogut tun kann und auch
für halben oder Drittellohn tut; daß also die erwachsenen Männer
immer mehr aus der
#363# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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Industrie verdrängt und durch die vermehrte Fabrikation
n i c h t w i e d e r beschäftigt werden; sie verschweigt uns,
daß ganze Arbeitszweige dadurch wegfallen oder so verändert wer-
den, daß sie neu gelernt werden müssen, und hütet sich wohl, hier
das zu gestehen, worauf sie sonst pocht, wenn die Arbeit kleiner
Kinder verboten werden soll - nämlich daß Fabrikarbeit in der
frühesten Jugend und vor dem zehnten Jahre gelernt werden müsse,
um sie ordentlich zu lernen (vgl. z.B. Factories Inq. Comm. Rept.
an verschiedenen Stellen); sie sagt nicht dabei, daß der Prozeß
der Maschinenverbesserung fortwährend vor sich geht und dem Ar-
beiter, sobald er sich, wenn es einmal wirklich der Fall wäre, in
einem neuen Arbeitszweige eingebürgert hat, ihm auch dieser wie-
der genommen und dadurch der letzte Rest von Sicherheit der Le-
bensstellung entrissen wird, den er noch hatte. Aber die Bour-
geoisie zieht den Vorteil von der Verbesserung der Maschinerie,
sie hat während der ersten Jahre, wo noch viele alte Maschinen
arbeiten und die Verbesserung noch nicht allgemein durchgeführt
ist, die schönste Gelegenheit zum Geldanhäufen, und es wäre zu-
viel verlangt, wenn sie auch für die Nachteile der verbesserten
Maschinen Augen haben sollte.
Daß die verbesserten Maschinen den Lohn herabdrücken, ist eben-
falls von der Bourgeoisie heftig bestritten worden, während die
Arbeiter es fort und fort behauptet haben. Die Bourgeoisie be-
steht darauf, daß, obwohl mit der erleichterten Produktion der
S t ü c k l o h n gefallen, dennoch der Wochenlohn im ganzen eher
gestiegen als gefallen sei und die Lage der Arbeiter sich eher
verbessert als verschlimmert habe. Es ist schwer, der Sache auf
den Grund zu kommen, da die Arbeiter sich meist auf den Fall des
S t ü c k l o h n s berufen; indessen ist so viel gewiß, daß
auch der Wochenlohn in verschiedenen Arbeitszweigen durch die Ma-
schinerie niedriger gestellt worden ist. Die sogenannten Fein-
spinner (die feines Mule-Garn spinnen) beziehen allerdings hohen
Lohn, 30 bis 40 sh. wöchentlich, weil sie eine starke Assoziation
zur Aufrechterhaltung des Spinngeldes haben und ihre Arbeit müh-
sam erlernt werden muß; die Grobspinner aber, welche gegen die
für feines Garn nicht anwendbaren selbsttätigen Maschinen (self-
actors) zu konkurrieren haben und deren Assoziation durch die
Einführung dieser Maschinen entkräftet wurde, haben dagegen sehr
niedrigen Lohn. Mir sagte ein Mulespinner, daß er nicht über 14
sh. wöchentlich verdiene, und damit stimmen die Aussagen von Le-
ach, daß in verschiedenen Fabriken die Grobspinner unter 16 1/2
sh. wöchentlich verdienen und daß ein Spinner, der vor drei Jah-
ren 30 sh. verdiente, jetzt kaum 12 1/2 sh. aufbringen könne und
im letzten Jahre auch durchschnittlich nicht mehr verdient habe.
Der Lohn für Weiber und Kinder mag allerdings weniger gefallen
sein, aber auch nur deshalb, weil er von Anfang an
#364# Friedrich Engels
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nicht hoch gestellt war. Ich kenne mehrere Frauen, die Witwen
sind und Kinder haben, und mühsam genug 8 bis 9 sh. wöchentlich
verdienen, und daß sie mit Familie davon nicht ordentlich leben
können, wird mir jeder zugeben, der die Preise der nötigsten Le-
bensbedürfnisse in England kennt. Daß aber der Lohn überhaupt
durch die verbesserte Maschinerie gedrückt worden sei, ist die
e i n s t i m m i g e Aussage aller Arbeiter; daß die Behauptung
der fabrizierenden Bourgeoisie, als habe sich die Lage der arbei-
tenden Klassen durch die Maschinenfabrikation verbessert, von
dieser Klasse selbst aufs lauteste Lügen gestraft wird, kann man
in jeder Arbeiterversammlung in den Fabrikdistrikten hören. Und
selbst w e n n es wahr wäre, daß nur der relative Lohn, der
Stücklohn gefallen und der absolute, die Summe des wöchentlich zu
Erwerbenden stehengeblieben sei, was folgt daraus? Daß die Arbei-
ter es haben ruhig mit ansehen müssen, wie die Herren Fabrikanten
ihre Beutel füllten und von jeder Verbesserung Nutzen zogen, ohne
ihnen auch mir den kleinsten Teil davon abzugeben. Die Bour-
geoisie vergißt, wenn sie gegen die Arbeiter kämpft, auch die ge-
wöhnlichsten Prinzipien ihrer eignen Nationalökonomie. Sie, die
sonst auf Malthus schwört, wirft in ihrer Angst den Arbeitern
ein: Woher hätten ohne Maschinerie die vielen Millionen, um die
sich Englands Volkszahl vermehrt hat, Arbeit finden wollen? *)
Dummheit, als ob die Bourgeoisie nicht selbst gut genug wüßte,
daß ohne die Maschinen und den durch diese hervorgebrachten Indu-
strieaufschwung diese "Millionen" gar nicht erzeugt und herange-
wachsen wären! Was die Maschinerie den Arbeitern genützt hat, ist
einfach d a s, daß sie ihnen die Notwendigkeit einer sozialen
Reform, durch die die Maschinen nicht mehr g e g e n, sondern
f ü r die Arbeiter arbeiten, beigebracht hat. Die weisen Herren
Bourgeois mögen einmal die Leute fragen, die in Manchester und
anderswo Straßen kehren (das ist freilich jetzt vorbei, da auch
hierfür Maschinen erfunden und eingeführt sind) oder Salz, Zünd-
hölzchen, Apfelsinen und Schnürriemen auf den Straßen verkaufen
oder betteln gehen müssen, was sie früher gewesen seien - und bei
wie vielen wird die Antwort sein: durch Maschinerie brotlos ge-
wordener Fabrikarbeiter. Die Folgen der Maschinenverbesserungen
für den Arbeiter sind in den jetzigen sozialen Verhältnissen nur
ungünstig und oft im äußersten Grade drückend; jede neue Maschine
bringt Brotlosigkeit, Elend und Not hervor - und in einem Lande
wie England, wo ohnehin fast immer "überzählige Bevölkerung", ist
die Entlassung aus der Arbeit in den meisten Fällen das schlimm-
ste, was den Arbeiter betreffen kann. Und auch abgesehen davon,
welch einen erschlaffenden, entnervenden Einfluß muß diese Unge-
wißheit
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*) So fragt z.B. Herr Symons in "Arts and Artisans".
#365# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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der Lebensstellung, die aus dem unaufhörlichen Fortschritt der
Maschinerie und mit ihr der Brotlosigkeit hervorgeht, auf die oh-
nehin schon schwankend gestellten Arbeiter ausüben! Um der Ver-
zweiflung zu entgehen, stehen auch hier dem Arbeiter nur zwei
Wege offen: die innere und äußere Empörung gegen die Bourgeoisie
- oder der Trunk, die Liederlichkeit überhaupt. Und zu beiden
pflegen die englischen Arbeiter ihre Zuflucht zu nehmen. Die Ge-
schichte des englischen Proletariats erzählt von Hunderten von
Erneuten gegen die Maschinen und die Bourgeoisie überhaupt, und
von der Liederlichkeit haben wir schon gesprochen. Diese ist
selbst freilich nur eine andere Art der Verzweiflung.
Am gedrücktesten leben diejenigen Arbeiter, die gegen eine sich
bahnbrechende Maschine zu konkurrieren haben. Der Preis des von
ihnen fabrizierten Artikels richtet sich nach dem des gleichen
Maschinenfabrikats, und da die Maschine billiger arbeitet, s o
hat der mit ihr konkurrierende Arbeiter den schlechtesten Lohn.
Dies Verhältnis tritt ein bei jedem Arbeiter, der an einer alten,
mit späteren, verbesserten Maschinen konkurrierenden Maschine ar-
beitet. Natürlich, wer anders sollte den Schaden tragen? Der Fa-
brikant will seine Maschine nicht fortwerfen, er will auch den
Schaden nicht tragen; an die tote Maschine hat er keinen Rekurs,
also hält er sich an den lebenden Arbeiter, den allgemeinen Sün-
denbock der Gesellschaft. Von diesen mit Maschinen konkurrieren-
den Arbeitern sind die am meisten mißhandelten die Handweber der
Baumwolleindustrie. Diese Leute bekommen den geringsten Lohn und
sind bei voller Arbeit nicht imstande, sich über 10 sh. wöchent-
lich zu verdienen. Eine Gattung Weberei nach der ändern wird ih-
nen von dem mechanischen Webstuhl streitig gemacht, und außerdem
ist die Handweberei die letzte Zuflucht aller in ändern Branchen
brotlos gewordenen Arbeiter, so daß sie stets überfüllt ist. Da-
her kommt es, daß in Durchschnittsperioden der Handweber sich
glücklich schätzt, wenn er 6 bis 7 sh. wöchentlich verdienen
kann, und selbst um diese Summe zu erringen, muß er 14 bis 18
Stunden täglich hinter seinem Webstuhl sitzen. Die meisten Gewebe
erfordern ohnehin ein feuchtes Arbeitslokal, damit der Ein-
schlagsfaden nicht jeden Augenblick reißt, und teils daher, teils
wegen der Armut der Arbeiter, die keine bessere Wohnung bezahlen
können, sind die Werkstätten der Handweber meist ohne bretternen
oder gepflasterten Fußboden. Ich war in vielen Wohnungen von
Handwebern - in abgelegenen, schlechten Höfen und Gassen, gewöhn-
lich in Kellern. Oft wohnten ein halb Dutzend dieser Handweber,
von denen einige verheiratet waren, in einer Cottage, die ein
oder zwei Arbeitszimmer und ein großes Schlafzimmer für alle
hatte, zusammen. Ihre Nahrung besteht fast einzig aus Kartoffeln,
vielleicht etwas Haferbrei, selten Milch und fast
#366# Friedrich Engels
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nie Fleisch; eine große Anzahl von ihnen sind Irländer oder iri-
scher Abkunft. Und diese armen, von jeder Krisis am ersten er-
reichten und am letzten verlassenen Handweber müssen der Bour-
geoisie zur Handhabe dienen, um gegen die Angriffe auf das Fa-
briksystem standhalten zu können! Seht, ruft die Bourgeoisie tri-
umphierend aus, seht, wie diese armen Weber darben müssen, wäh-
rend es den Fabrikarbeitern gut geht, und d a n n urteilt über
das Fabriksystem! *) Als ob nicht gerade das Fabriksystem und die
dazugehörige Maschinerie die Handweber so schmählich tief herab-
gedrückt hätte - als ob die Bourgeoisie dies selbst nicht ebenso-
gut wüßte wie wir! Aber die Bourgeoisie ist interessiert, und da
kommt es ihr auf ein paar Lügen und Heucheleien nicht an.
Fassen wir die eine Tatsache, daß die Maschinerie die Arbeit des
erwachsenen männlichen Arbeiters mehr und mehr verdrängt, etwas
näher ins Auge. Die Arbeit an den Maschinen, sowohl beim Spinnen
als Weben, besteht hauptsächlich im Zusammenknüpfen gebrochener
Fäden, da sonst die Maschine alles tut; diese Arbeit erfordert
keine Kraft, aber größere Gelenkigkeit der Finger. Männer sind
dazu also nicht nur unnötig, sondern wegen der stärkeren Muskel-
und Knochenentwicklung ihrer Hände sogar weniger geeignet als
Weiber und Kinder und so natürlicherweise fast ganz von dieser
Art Arbeit verdrängt. Je mehr also die Tätigkeit der Arme, die
Kraftanstrengung, durch Einführung von Maschinen auf die Wasser-
oder Dampfkraft geworfen wird, desto weniger Männer brauchen be-
schäftigt zu werden - und da Weiber und Kinder ohnehin billiger
und, wie gesagt, in diesen Arbeitszweigen besser als Männer ar-
beiten, so werden sie beschäftigt. In den Spinnereien findet man
bei den Throstles nur Weiber und Mädchen, bei den Mules einen
Spinner, einen erwachsenen Mann (der bei den self-actors weg-
fällt) und mehrere Piecer zum Anknüpfen der Fäden, meist Kinder
oder Weiber, zuweilen junge Männer von 18 bis 20 Jahren, hie und
da einen alten, brotlos gewordenen Spinner. **) Bei den mechani-
schen Webstühlen arbeiten meist Weiber von 15 bis 20 Jahren und
drüber, auch einige Männer, die aber selten über ihr emundzwan-
zigstes Jahr bei dieser Beschäftigung bleiben. An den Vorspinnma-
schinen findet man ebenfalls nur Weiber, allenfalls einige Männer
zum Schärfen und Reinigen der Kardiermaschinen. Außer allen die-
sen
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*) Z.B. Dr. Ure in der "Philos[ophy] of Manuf[actures]".
**) "Der Stand der Dinge in Beziehung auf Arbeitslohn ist augen-
blicklich sehr verdreht in einigen Zweigen der Baumwollfabrika-
tion in Lancashire; es gibt Hunderte von jungen Männern, zwischen
20 und 30 Jahren, die als Piecer und sonst beschäftigt sind und
nicht mehr als 8 oder 9 Shilling wöchentlich erhalten, während
unter demselben Dach Kinder von 13 Jahren 5 sh. und junge Mädchen
zwischen 16 und 20 Jahren 10 bis 12 sh. wöchentlich verdienen."
Bericht des Fabrikinsp. L. Horner, Oktober 1844.
#367# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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beschäftigen die Fabriken eine Anzahl Kinder zum Aufnehmen und
Aufsetzen der Spulen (doffers) und einige erwachsene Männer als
Aufseher in den Zimmern, einen Mechaniker und einen Maschinisten
für die Dampfmaschine, auch wohl Schreiner, Portier etc. Die ei-
gentliche Arbeit aber wird von Weibern und Kindern getan. Die Fa-
brikanten leugnen auch dies, und haben im vorigen Jahre bedeu-
tende Tabellen veröffentlicht, welche beweisen sollten, daß die
Maschinen die Männer nicht verdrängten. Aus diesen Tabellen geht
hervor, daß von allen Fabrikarbeitern etwas über die Hälfte (52
Prozent) weiblichen und etwa 48 Prozent männlichen Geschlechts,
und daß von diesen Arbeitern mehr als die Hälfte über 18 Jahre
alt waren. Soweit ganz gut. Die Herren Fabrikanten hüteten sich
aber wohl, uns zu sagen, wie viele der Erwachsenen männlichen und
wie viele weiblichen Geschlechts waren. Das ist aber eben der
Punkt. Ohnehin haben sie offenbar Mechaniker, Schreiner und alle
erwachsenen Männer, die irgendwie mit ihren Fabriken im Zusammen-
hange standen, vielleicht gar Schreiber usw. mitgezählt, und
doch-haben sie nicht den Mut, den ganzen Tatbestand auszuspre-
chen. Diese Angaben wimmeln überhaupt von Falschheiten und ver-
drehten, schiefen Auffassungen, Durchschnittsberechnungen, die
für den Unkundigen viel, für den Kundigen nichts beweisen, von
Verheimlichungen gerade der wichtigsten Punkte und beweisen nur
die selbstsüchtige Verblendung und Unredlichkeit dieser Fabrikan-
ten. Wir wollen der Rede, mit der Lord Ashley am 15. März 1844 im
Unterhause die Zehnstunden-Motion machte, einige Angaben über das
Verhältnis der Alter und Geschlechter entnehmen, die von den Fa-
brikanten, deren Data sich ohnehin nur auf einen Teil der engli-
schen Fabrikindustrie beziehen, nicht widerlegt worden sind. Von
den 419 590 1*) Fabrikarbeitern des britischen Reichs (1839) wa-
ren 192 887, also beinahe die Hälfte, unter 18 Jahren, und
242 296 weiblichen Geschlechts, von denen 112 192 unter 18 Jahren
waren. Sonach bleiben 80 695 männliche Arbeiter unter 18 Jahren
und 96 599 2*) männliche erwachsene Arbeiter oder 23 Prozent,
also k e i n v o l l e s V i e r t e l der ganzen Zahl. In
den Baumwollfabriken waren 56 1/4, in den Wollenfabriken 69 1/2,
Seidenfabriken 70 1/2, Flachsspinnereien 701/2 Prozent sämtlicher
Arbeiter weiblichen Geschlechts. Diese Zahlen reichen hin, um die
Verdrängung männlicher erwachsener Arbeiter nachzuweisen. Man
braucht aber auch nur in die erste beste Fabrik zu gehen, um dies
bestätigt zu sehen. Daraus folgt nun notwendig jene Umkehrung der
bestehenden sozialen Ordnung, die eben, weil sie eine gezwungene
ist, für die Arbeiter die verderblichsten Folgen hat. Die Arbeit
der Weiber löst vor allen Dingen
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1*) (1845 und 1892) irrtümlich 419 560 - 2*) (1845 und 1892) irr-
tümlich 96 569
#368# Friedrich Engels
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die Familie gänzlich auf; denn wenn die Frau den Tag über 12 bis
13 Stunden in der Fabrik zubringt und der Mann ebendaselbst oder
an einem ändern Orte arbeitet, was soll da aus den Kindern wer-
den? Sie wachsen wild auf wie Unkraut, sie werden zum Verwahren
ausgemietet für einen oder anderthalb Shilling die Woche, und
welch eine Behandlung ihnen da wird, läßt sich denken. Daher ver-
mehren sich auch in den Fabrikdistrikten die Unglücksfälle, denen
kleine Kinder wegen Mangels an Aufsicht zum Opfer fallen, auf
eine schreckenerregende Weise. Die Listen der Totenschaubeamten
von Manchester hatten (laut Bericht des Fact. Inq. Comm., Rept.
of Dr. Hawkins, p. 3) in 9 Monaten 69 durch Verbrennung, 56 durch
Ertrinken, 23 durch Fallen, 67 1*) durch andere Unglücksfälle
Getötete, also im ganzen 215 2*) Unglücksfälle aufzuweisen *),
während indem nichtfabrizierenden Liverpool während zwölf Monaten
nur 146 tödliche Unglücksfälle vorkamen. Die Unglücksfälle in den
Kohlengruben sind bei beiden Städten ausgeschlossen, und es ist
zu bedenken, daß der Coroner 3*) von Manchester keine Autorität
in Salford hat, so daß die Bevölkerung der beiden Distrikte
ziemlich gleich ist. Der "Manchester Guardian" berichtet fast in
jeder Nummer von einer oder mehreren Verbrennungen. Daß die
allgemeine Sterblichkeit kleiner Kinder ebenfalls durch die
Arbeit der Mütter gehoben 4*) wird, versteht sich von selbst und
ist durch Tatsachen außer allen Zweifel gesetzt. Die Frauen
kommen oft schon drei bis vier Tage nach der Niederkunft wieder
in die Fabrik und lassen ihren Säugling natürlich zurück; in den
Freistunden müssen sie eilig nach Hause laufen, um das Kind zu
stillen und nebenbei selbst etwas zu genießen - was das für eine
Stillung sein muß, ist klar. Lord Ashley gibt die Aussagen
einiger Arbeiterinnen:
"M.H., zwanzig Jahre alt, hat zwei Kinder, das jüngste ein Säug-
ling, das von dem ändern, etwas älteren, verwahrt wird - sie geht
morgens bald nach fünf Uhr in die Fabrik und kommt um acht Uhr
abends zurück; den Tag über fließt die Milch aus ihrer Brust, daß
ihr die Kleider triefen. - H.W. hat drei Kinder, geht um fünf Uhr
montags von Hause und kommt erst Sonnabend abends um sieben wie-
der - hat dann so viel für ihre Kinder zu besorgen, daß sie vor
drei Uhr morgens nicht zu Bett gehen kann. Oft förmlich bis auf
die Haut vom Regen durchnäßt und genötigt, in dieser Lage zu ar-
beiten. 'Meine Brüste haben mir die schrecklichsten Schmerzen ge-
macht, und ich bin triefend naß von Milch gewesen.'"
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*) 1843 waren unter den Unglücksfällen, die dem Krankenhause in
Manchester zugeführt wurden, 189, sage hundertneunundachtzig Ver-
brennungen. Wie viele tödlich, wird nicht gesagt.
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1*) (1845 und 1892) irrtümlich 77 - 2*) (1845 und 1892) irrtüm-
lich 225 - 3*) Leichenbeschauer (bei gewaltsamen oder plötzlichen
Todesfällen) - 4*) (1892) gesteigert
#369# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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Die Anwendung von narkotischen Arzneien, um die Kinder ruhig zu
halten, wird durch dies infame System nur begünstigt und ist
wirklich in den Fabrikdistrikten auf einen hohen Grad der Ver-
breitung gestiegen; Dr. Johns, Oberregistrator des Manchester-Di-
strikts, ist der Meinung, daß diese Sitte die Hauptursache der
häufigen Todesfälle durch Krämpfe sei. Die Beschäftigung der Frau
in der Fabrik löst die Familie notwendig gänzlich auf, und diese
Auflösung hat in dem heutigen Zustande der Gesellschaft, der auf
der Familie beruht, die demoralisierendsten Folgen, sowohl für
die Eheleute wie für die Kinder. Eine Mutter, die nicht die Zeit
hat, sich um ihr Kind zu bekümmern, ihm während der ersten Jahre
die gewöhnlichsten Liebesdienste zu erweisen, eine Mutter, die
ihr Kind kaum zu sehen bekommt, kann diesem Kinde keine Mutter
sein, sie muß notwendig gleichgültig dagegen werden, es ohne
Liebe, ohne Fürsorge behandeln wie ein ganz fremdes Kind; und
Kinder, die in solchen Verhältnissen aufgewachsen, sind später
für die Familie gänzlich verdorben, können nie in der Familie,
die sie selber stiften, sich heimisch fühlen, weil sie nur ein
isoliertes Leben kennengelernt haben, und müssen deshalb zur oh-
nehin schon allgemeinen Untergrabung der Familie bei den Arbei-
tern beitragen. Eine ähnliche Auflösung der Familie wird durch
die Arbeit der Kinder herbeigeführt. Wenn diese so weit sind, daß
sie mehr verdienen, als ihren Eltern die Beköstigung zu stehen
kommt, so fangen sie an, den Eltern ein Gewisses für Kost und Lo-
gis zu geben und den Rest für sich selbst zu verbrauchen. Dies
geschieht oft schon mit dem vierzehnten und fünfzehnten Jahr.
(Power, Rept. on Leeds, passim, Tufnell, Rept. on Manchester p.
17 etc. im Fabrikbericht.) Mit einem Wort, die Kinder emanzipie-
ren sich und betrachten das elterliche Haus als ein Kosthaus, das
sie auch oft genug, wenn es ihnen nicht gefällt, mit einem ändern
vertauschen.
In vielen Fällen wird die Familie durch das Arbeiten der Frau
nicht ganz aufgelöst, sondern auf den Kopf gestellt. Die Frau er-
nährt die Familie, der Mann sitzt zu Hause, verwahrt die Kinder,
kehrt die Stuben und kocht. Dieser Fall kommt sehr, sehr häufig
vor; in Manchester allein ließe sich manches Hundert solcher Män-
ner, die zu häuslichen Arbeiten verdammt sind, zusammenbringen.
Man kann sich denken, welche gerechte Entrüstung diese tatsächli-
che Kastration bei den Arbeitern hervorruft und welche Umkehrung
aller Verhältnisse der Familie, während doch die übrigen gesell-
schaftlichen Verhältnisse dieselben bleiben, dadurch entsteht.
Mir liegt ein Brief eines englischen Arbeiters, Robert Pounder,
Baron's Buildings, Wood-house Moor-Side, in Leeds (die Bour-
geoisie mag ihn da aufsuchen, um ihretwillen geb' ich die genaue
Adresse), vor, den dieser an Oastler richtete, und
#370# Friedrich Engels
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dessen Naivität ich nur halb wiedergeben kann; die Orthographie
läßt sich allenfalls, der Yorkshirer Dialekt aber gar nicht im
Deutschen nachmachen. Er erzählt darin, wie ein anderer Arbeiter
seiner Bekanntschaft einmal auf einer Wanderung, um Arbeit zu su-
chen, in St. Helens in Lancashire einen alten Freund getroffen
habe.
"Nun, Herr, er fand ihn, und als er zu seiner Baracke kam, was
war es, denkt Ihr, nun ein feuchter niedriger Keller, die Be-
schreibung, die er von den Möbeln gab, war wie folgt - zwei alte
Stühle, ein runder SBeiniger tisch eine Kiste Kein bett aber ein
Hauffen Altes Stro in einem Eck mit ein paar schmuttzige bet Tü-
cher oben drauf un 2 stücke Holtz an das Kamien Und als mein Arme
freund herein ging da sas der Arme jack Am feuer auff das Holz
und Was taht Er denckt Ir? Er säs und Stoppfte seiner frau Ire
strümfe mit der Stopf Natel und sobalt Er Sein alten Freund an
den Tür-Posten Sahe, Versugte Er es zu Verberrgen Aber Joe so
Heist Mein bekanter Hatte es Dog geseeen und Sachte jack Zum
Teuffei was Magst Du doch wo Ist deine frau waß ist Daß deine Ar-
beid der Arme jack Schämde sig Und Sagde nein Ig weis daß Ist nig
Mein arbbeid abber mein arme FFrau Is in der fabrikk sie mus Um
1/2 6 ur gen Und Arbeid biß 8 ur Abentz und Sieh ist so Ab Das
Sie Nigtz Duhn Can Wen sie nag Hauße Komd so Mus ig alLes Führ Ir
Duhn Waß ich Can Den ig hab Kein arBeid und Kein Gehapd Zeid Meer
alz 3 Jar Und Ig krich Mein Leeben Kein meer, und Dan Weinette Er
ein Dike trehne nein Joe Sagte er Es ist arbeid Gnucht vor weibs-
Leute Und kindern Hir Inn der Gegent Aber Kein vor mannsLeut du
Kanst eer Hunderd Fundt Auff der strase Finden Altz arbeid aber
Ig Hette nig Geglaubed Das du Oderr Sonst jemandt mir Geseeen
Hette Das ig Meiner frau Ire strümffe Stopde, Den es ist Schlegte
arbeid Aber Sieh Can beiNa nig Meer auff Ire füse Steeen ig Bin
Bange Sie wirt Gans Kranck Und Dan weis Ig nig Was sol Auß unz
Werden Den sieh Ist schoon Lange Der man Im hauß Geweßen. Und ig
Die frau es Ist Schlime Arbeid joe Und wemde Biterlig Und Sagte
es Ist nigt Imer soo Gewessen Nein Jack Sagte Joe Und Wen du Hast
Kein arbeid Gehabt al Die zeid Wie hast du dir Am leben Erhalden
ig wil dir Sagen Joe So gud alz Es gink Aber Es gink schlegt
Gnucht du Weist alz Ig Heiratete Da Hate ig arbeid Gnucht Und du
Weist ig Wahr Nicht Faul nein Daß wärest du Nigt. und Wihr Haten
ein Gutes Meblirtes Hauß Und Mary Braugte nicht zu arbeidn ig
Konte Vor untz beiden Arbeidn aber Jetzd ist Die verKehrte weld
Mary Muß arbeidn Und ig Mus Hirbleibben Die kinder ferwaren Und
Keren und Wasschen Baken Und fliken Den wen Die arme frau Nag
hauße Komd am abent Dan Ist Sieh müde Und Kapput du Weist joe Daß
Ist Hard vor einem Der Anders Gewond wahr joe Sagte. Ja junge Et
is Hard Und Dan fienk Jack Wider ahn Zu weinen Und Er Wolde er
Hete ni GeHeirad Und were Ni GeBoren aber Er bete nig Gedagd Altz
er Die Mary Heiratten Das es Ihm So Ergeen werde, ig Hab offt
Gnugt Drüber GeHeult Sagde Der jack nun herr Altz Joe Daß Hörete
Sagde Er Mich Das Er Hätte Verflugd Und verDamd Die fabriken Und
die Fabrikkandn und Die Regirung Mit allen flügen Die Er von ju-
gent Auff in Der fabrikk Gelernd Hate."
#371# Lage der arbeitenden Klasse -·Die einzelnen Arbeitszweige
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Kann man sich einen verrückteren, unsinnigeren Zustand denken,
als den in diesem Brief geschilderten? Und doch ist dieser Zu-
stand, der den Mann entmannt und dem Weibe seine Weiblichkeit
nimmt, ohne imstande zu sein, dem Manne wirkliche Weiblichkeit
und dem Weibe wirkliche Männlichkeit zu geben, dieser, beide Ge-
schlechter und in ihnen die Menschheit aufs schändlichste entwür-
digende Zustand die letzte Folge unserer hochgelobten Zivilisa-
tion, das letzte Resultat aller der Anstrengungen, die Hunderte
von Generationen zur Verbesserung ihrer eignen Lage und der ihrer
Nachkommen gemacht haben! Wir müssen entweder an der Menschheit
und ihrem Wollen und Laufen geradezu verzweifeln, wenn wir alle
unsre Mühe und Arbeit in den Resultaten selbst so zum Kinderspott
gemacht sehen, oder wir müssen zugeben, daß die menschliche Ge-
sellschaft ihr Glück bisher auf einem falschen Wege gesucht hat;
wir müssen zugeben, daß eine so totale Umkehrung der Stellung der
Geschlechter nur daher kommen kann, daß die Geschlechter von An-
fang an falsch gegeneinandergestellt worden sind. Ist die Herr-
schaft der Frau über den Mann, wie sie durch das Fabriksystem
notwendig hervorgerufen wird, unmenschlich, so muß auch die ur-
sprüngliche Herrschaft des Mannes über die Frau unmenschlich
sein. Kann jetzt die Frau, wie früher der Mann, seine Herrschaft
darauf basieren, daß sie das meiste, ja alles in die Gütergemein-
schaft der Familie legt, so folgt notwendig, daß diese Güterge-
meinschaft keine wahre, vernünftige ist, weil ein Familienglied
noch auf den größeren Betrag der Einlage pocht. Wird die Familie
der jetzigen Gesellschaft aufgelöst, so zeigt sich eben in dieser
Auflösung, daß im Grunde nicht die Familienliebe, sondern das in
der verkehrten Gütergemeinschaft notwendig konservierte Privatin-
teresse das haltende Band der Familie war. *) Dasselbe Verhältnis
findet auch wohl bei den Kindern statt, die ihre arbeitslosen El-
tern unterhalten, wenn sie nicht, wie oben erwähnt, den Eltern
Kostgeld geben. Dr. Hawkins bezeugt im Fabrikbericht, daß dies
Verhältnis oft genug vorkommt, und es ist in Manchester überhaupt
notorisch. Wie die Frau, so sind in diesem Fall die Kinder die
Herren im Haus, wovon Lord Ashley in seiner Rede (Unterhaus-
sitzung vom 15. März 1844) ein Beispiel gibt. Ein Mann schalt
seine beiden Töchter aus, weil sie in einem Wirtshaus gewesen
waren, und diese erklärten, sie seien das Regiertwerden
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*) Wie zahlreich die in Fabriken arbeitenden verheirateten Frauen
sind, geht aus einer von den Fabrikanten selbst gemachten Angabe
hervor: In 412 Fabriken in Lancashire arbeiteten ihrer 10 721;
von ihren Männern hatten nur 5314 gleichfalls in Fabriken Arbeit,
3927 waren sonst beschäftigt, 821 arbeitslos und über 659 fehlten
die Notizen. Also auf jede Fabrik durchschnittlich zwei, wo nicht
gar drei Männer, die von ihrer Frauen Arbeit leben.
#372#
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leid: Damn you, we have you to keep 1*), und wollten dann auch
etwas von ihrer Arbeit haben; sie zogen aus dem elterlichen Hause
und überließen Vater und Mutter ihrem Schicksal.
Die unverheirateten Frauenzimmer, die in Fabriken aufwachsen,
sind nicht besser dran als die verheirateten. Es versteht sich
ganz von selbst, daß ein Mädchen, das seit dem neunten Jahre in
der Fabrik gearbeitet hat, nicht imstande war, sich mit häusli-
chen Arbeiten bekannt zu machen, und daher kommt es, daß alle Fa-
brikarbeiterinnen darin gänzlich unerfahren und durchaus nicht zu
Hausfrauen geeignet sind. Sie können nicht nähen und stricken,
kochen oder waschen, sie sind mit den gewöhnlichsten Verrichtun-
gen einer Hausfrau unbekannt, und wie sie mit kleinen Kindern um-
zugehen haben, davon wissen sie vollends gar nichts. Der Bericht
der Fact. Inq. Comm. gibt Dutzende von Beispielen für diese Tat-
sache, und Dr. Hawkins, der Kommissär für Lancashire, spricht
seine Ansicht folgendermaßen aus (p. 4 des Berichts):
"Die Mädchen heiraten früh und unüberlegt, sie haben weder die
Mittel noch die Zeit, noch die Gelegenheit, die gewöhnlichen
Pflichten des häuslichen Lebens zu lernen, und wenn sie alles das
hätten, so würden sie in der Ehe keine Zeit zur Ausübung dieser
Pflichten haben. Die Mutter ist von ihrem Kinde über zwölf Stun-
den täglich abwesend; das Kind wird von einem Mädchen oder einer
alten Frau, der es vermietet wird, verwahrt; dazu ist nur zu oft
die Wohnung der Fabrikleute kein heimatlich Haus (home), oft ein
Keller, der kein Koch- oder Waschgerät, nichts zum Nähen und Aus-
bessern enthält, dem alles fehlt, was das Leben angenehm und zi-
vilisiert und den heimischen Herd anziehend machen könnte. Ich
kann nach diesen und ändern Gründen, besonders um der größeren
Lebenschancen für kleine Kinder willen, nur wünschen und hoffen,
daß eine Zeit kommen möge, in der die verheirateten Frauen von
den Fabriken ausgeschlossen sind."
Einzelne Beispiele und Aussagen vgl. Fact. Inq. Comm. Report, Co-
well, evid. p. 37, 38, 39, 72, 77, 50. Tufnell, evid. p. 9, 15,
45, 54 etc.
Das ist alles aber noch das wenigste. Die moralischen Folgen der
Arbeit von Weibern in Fabriken sind noch viel schlimmer. Die Ver-
einigung beider Geschlechter und aller Alter in einem Arbeits-
saale, die unvermeidliche Annäherung zwischen ihnen, die Anhäu-
fung von Leuten, denen weder intellektuelle noch sittliche Bil-
dung gegeben worden ist, auf einem engen Räume ist eben nicht ge-
eignet, von günstigen Folgen für die Entwicklung des weiblichen
Charakters zu sein. Der Fabrikant kann, selbst wenn er darauf
sieht, nur dann einschreiten, wenn wirklich einmal etwas Skanda-
löses passiert; die
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1*) Zum Teufel mit dir, wir müssen dich erhalten
#373# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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dauernde, weniger auffallende Einwirkung lockerer Charaktere auf
die moralischeren und namentlich die jüngeren kann er nicht er-
fahren, also auch nicht verhüten. Diese Einwirkung ist aber ge-
rade die schädlichste. Die Sprache, die in den Fabriken geführt
wird, ist den Fabrikkommissären von 1833 von vielen Seiten als
"unanständig", "schlecht", "schmutzig" usw. geschildert worden
(Cowell, evid. p. 35, 37, und an vielen ändern Stellen). Die Sa-
che ist dieselbe im kleinen, wie wir sie in den großen Städten im
großen sahen. Die Zentralisation der Bevölkerung hat dieselben
Wirkungen auf dieselben Leute, mag sie nun auf diese in einer
großen Stadt oder in einer kleineren Fabrik wirken. Ist die Fa-
brik kleiner, so ist die Annäherung größer und der Umgang unver-
meidlicher. Die Folgen davon bleiben nicht aus. Ein Zeuge in Lei-
cester sagt: Er würde seine Tochter lieber betteln als in die Fa-
brik gehen lassen - das seien wahre Höllenlöcher, die meisten
Freudenmädchen in der Stadt hätten es den Fabriken zu verdanken
(Power, evid. p. 8), ein andrer in Manchester "hat keinen An-
stand, zu behaupten, daß drei Viertel der jungen Fabrikarbeite-
rinnen von 14 bis 20 Jahren unkeusch seien" (Cowell, evid. p.
57). Kommissär Cowell spricht sich überhaupt dahin aus, daß die
Sittlichkeit der Fabrikarbeiter etwas unter dem Durchschnitt der
arbeitenden Klasse stehe (p. 82), und Dr. Hawkins sagt (Rept. p.
4):
"Eine Abschätzung der sexualen Sittlichkeit läßt sich nicht gut
in Zahlen reduzieren, aber wenn ich meinen eignen Beobachtungen
und der allgemeinen Ansicht derer, mit denen ich sprach, sowie
der ganzen Haltung der mir abgelegten Zeugnisse trauen darf, so
bietet sich eine höchst niederschlagende Ansicht von dem Einfluß
des Fabriklebens auf die Sittlichkeit der weiblichen Jugend dar."
Es versteht sich übrigens, daß die Fabrikdienstbarkeit wie jede
andre, und noch mehr, dem Brotherrn das Jus primae noctis 1*) er-
teilt. Der Fabrikant ist auch in dieser Beziehung Herr über den
Leib und die Reize seiner Arbeiterinnen. Die Entlassung ist
Strafe genug, um in neun Fällen aus zehnen, wo nicht in neunund-
neunzig aus hundert, alles Widerstreben bei Mädchen, die ohnehin
keine große Veranlassung zur Keuschheit haben, niederzuschlagen.
Ist der Fabrikant gemein genug - und der Kommissionsbericht er-
zählt von mehreren Fällen - so ist seine Fabrik zugleich sein
Harem; und daß nicht alle Fabrikanten Gebrauch von ihrem Rechte
machen, verändert die Sachlage in Beziehung auf die Mädchen
durchaus nicht. Im Anfange der Fabrikindustrie, wo die meisten
Fabrikanten Emporkömmlinge ohne Bildung und ohne Rücksicht auf
die gesellschaftliche Heuchelei waren, ließen sie sich auch durch
nichts in der Ausübung ihres "wohlerworbnen" Rechtes stören.
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1*) Recht der ersten Nacht
#374# Friedrich Engels
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Um die Folgen der Fabrikarbeit auf den physischen Zustand des
weiblichen Geschlechts richtig zu beurteilen, wird es nötig sein,
vorher die Arbeit der Kinder und die Art der Arbeit selbst in Be-
tracht zu ziehen. Von Anfang der neuen Industrie an wurden Kinder
in den Fabriken beschäftigt; anfangs wegen der Kleinheit der -
später vergrößerten - Maschinen fast ausschließlich, und zwar
nahm man die Kinder aus den Armenhäusern, die scharenweise als
"Lehrlinge" bei den Fabrikanten auf längere Jahre vermietet wur-
den. Sie wurden gemeinschaftlich logiert und bekleidet und waren
natürlich die vollständigen Sklaven ihrer Brotherrn, von denen
sie mit der größten Rücksichtslosigkeit und Barbarei behandelt
wurden. Schon 1796 sprach sich der öffentliche Unwille über dies
empörende System durch Dr. Percival und Sir R. Peel (Vater des
jetzigen Ministers und selbst Baumwollfabrikant) so energisch
aus, daß das Parlament 1802 eine Apprentice-bill (Lehrlingsge-
setz) passierte [91], wodurch die schreiendsten Mißbräuche ab-
gestellt wurden. Allmählich trat die Konkurrenz freier Arbeiter
ein und verdrängte das ganze Lehrlingssystem. Die Fabriken wurden
allmählich mehr in den Städten errichtet, die Maschinen ver-
größert und die Lokale luftiger und gesunder angelegt; allmählich
fand sich auch mehr Arbeit für Erwachsene und junge Leute, und so
nahm die relative Zahl der arbeitenden Kinder etwas ab, und das
Alter, in dem die Arbeit angefangen wurde, stieg etwas. Man
beschäftigte wenig Kinder unter 8 bis 9 Jahren mehr. Später trat,
wie wir sehen werden, die gesetzgebende Gewalt noch mehrere Male
zum Schutz der Kinder gegen die Geldwut der Bourgeoisie auf.
Die große Sterblichkeit unter den Kindern der Arbeiter und spezi-
ell der Fabrikarbeiter ist Beweis genug von der Ungesundheit der
Lage, in der sie ihre ersten Jahre verbringen. Diese Ursachen
wirken auch auf diejenigen Kinder, welche am Leben bleiben, nur
natürlich nicht ganz so stark wie auf die, welche ihnen zum Opfer
fallen. Die Wirkung derselben ist also im gelindesten Fall eine
Krankheitsanlage oder eine gehemmte Entwicklung und daher eine
geringere Körperstärke als die normale. Das neunjährige Kind ei-
nes Fabrikarbeiters, das unter Mangel, Entbehrung und wechselnden
Verhältnissen, in Nässe, Kälte und ungenügender Kleidung und Woh-
nung aufgewachsen ist, hat bei weitem nicht die Arbeitsfähigkeit
des in gesunderer Lebenslage erzogenen Kindes. Mit dem neunten
Jahre wird es in die Fabrik geschickt, arbeitet täglich 6 1/2
Stunden (früher 8, noch früher 12 bis 14, ja 16 Stunden) bis zum
dreizehnten Jahre, von da an bis zum achtzehnten Jahre 12 Stun-
den. Die schwächenden Ursachen dauern fort, und die Arbeit tritt
noch hinzu. Es ist allerdings nicht zu leugnen, daß ein neunjäh-
riges Kind, allenfalls auch das eines Arbeiters, eine tägliche
Arbeit von 6 1/2 Stunden
#375# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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aushallen könne, ohne daß s i c h t l i c h e r und offenbar
hierauf zu reduzierender Schaden an seiner Entwicklung geschehe;
aber keinenfalls trägt der Aufenthalt in der dumpfigen, feuchten,
oft feuchtheißen Fabrikatmosphäre zu seiner Gesundheit bei. Un-
verantwortlich aber bleibt es unter allen Umständen, die Zeit von
Kindern, die rein der körperlichen und geistigen Entwicklung ge-
widmet sein sollte, der Habgier einer gefühllosen Bourgeoisie zu
opfern, die Kinder der Schule und der freien Luft zu entziehen,
um sie zum Vorteil der Herren Fabrikanten auszubeuten. Allerdings
sagt die Bourgeoisie: Wenn wir die Kinder nicht in den Fabriken
beschäftigen, so bleiben sie in Verhältnissen, die ihrer Entwick-
lung nicht günstig sind - und das ist im ganzen richtig -, aber
was heißt das, auf seinen wahren Wert reduziert, als: Erst setzt
die Bourgeoisie die Arbeiterkinder in schlechte Verhältnisse und
beutet dann diese schlechten Verhältnisse noch zu ihrem Vorteil
aus - sie beruft sich auf etwas, was ebensowohl ihre Schuld ist
wie das Fabriksystem, sie entschuldigt die Sünde, die sie heute
tut durch die, welche sie gestern getan hat. Und wenn das Fabrik-
gesetz nicht wenigstens einigermaßen ihnen die Hände fesselte,
wie würden diese "wohlwollenden", "humanen" Bourgeois, die ihre
Fabriken eigentlich nur zum Wohl der Arbeiter errichtet haben,
die Interessen dieser Arbeiter wahrnehmen! Hören wir, wie sie es
getrieben haben, ehe ihnen der Fabrikinspektor auf den Fersen
saß; ihr eignes anerkanntes Zeugnis, der Bericht der Fabrikkom-
mission von 1833, soll sie schlagen.
Der Bericht der Zentralkommission erzählt, daß die Fabrikanten
Kinder selten mit fünf, häufig mit sechs, sehr oft mit sieben,
meist mit acht bis neun Jahren zu beschäftigen anfingen, daß die
Arbeitszeit oft 14 bis 16 Stunden (außer Freistunden zu Mahlzei-
ten) täglich daure, daß die Fabrikanten es zuließen, daß die Auf-
seher die Kinder schlugen und mißhandelten, ja oft selbst tätige
Hand anlegten; ein Fall wird sogar erzählt, wo ein schottischer
Fabrikant einem entlaufenen sechzehnjährigen Arbeiter nachritt,
ihn zwang, so rasch, wie das Pferd trabte, vor ihm her zurückzu-
laufen, und fortwährend mit einer langen Peitsche auf ihn los-
hieb! (Stuart, evid. p. 35.) In den großen Städten, wo die Arbei-
ter sich mehr widersetzten, fiel dergleichen allerdings weniger
vor. Aber selbst diese lange Arbeitszeit genügte der Habsucht der
Kapitalisten nicht. Es galt, das in Gebäuden und Maschinen stec-
kende Kapital mit allen möglichen Mitteln rentbar zu machen, es
so stark wie möglich arbeiten zu lassen. Die Fabrikanten führten
daher das schändliche System des Nachtarbeitens ein; bei einigen
waren zwei stehende Klassen von Arbeitern, jede so stark, um die
ganze Fabrik besetzen zu können, und die eine Klasse arbeitete
die zwölf Tages-, die andre die zwölf Nachtstunden. Man kann sich
leicht denken, welche Folgen eine solche dauernde Beraubung der
Nachtruhe,
#376# Friedrich Engels
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die durch keinen Tagesschlaf zu ersetzen ist, auf die körperliche
Lage, namentlich kleiner und größerer Kinder und selbst Erwachse-
ner, haben mußte. Aufreizung des ganzen Nervensystems, verbunden
mit allgemeiner Schwächung und Erschlaffung des ganzen Körpers,
waren die notwendigen Resultate. Dazu die Beförderung und Aufrei-
zung der Trunksucht, des regellosen Geschlechtsverkehrs; ein Fa-
brikant bezeugt (Tufnell, evid. p. 91), daß während zwei Jahren,
wo in seiner Fabrik nachts gearbeitet wurde, die doppelte Zahl
unehelicher Kinder geboren und überhaupt eine solche Demoralisa-
tion produziert wurde, daß er das Nachtarbeiten habe aufgeben
müssen. Andre Fabrikanten verfuhren noch barbarischer, ließen
viele Arbeiter 30 bis 40 Stunden durcharbeiten, und das
w ö c h e n t l i c h m e h r e r e M a l e, indem ihre Er-
satzmannschaft nicht vollzählig war, sondern nur den Zweck hatte,
immer einen Teil der Arbeiter zu ersetzen und ihm ein paar Stun-
den Schlaf zu erlauben. Die Berichte der Kommission über diese
Barbarei und ihre Folgen übertreffen alles, was mir sonst in die-
sem Fach bekannt ist. Solche Scheußlichkeiten, wie hier erzählt
werden, finden sich nirgends wieder - und wir werden sehen, daß
die Bourgeoisie das Zeugnis der Kommission fortwährend als z u
i h r e n G u n s t e n in Anspruch nimmt. Die Folgen hiervon
traten bald genug hervor: Die Kommissäre erzählen von einer Menge
Krüppel, die ihnen vorgekommen seien und die entschieden der lan-
gen Arbeitszeit ihre Verkrüppelung zu verdanken hätten. Diese
Verkrüppelung besteht gewöhnlich aus Verkrümmung des Rückgrats
und der Beine und wird von Francis Sharp. M.R.C.S. (Mitglied des
königlichen Kollegiums der Wundärzte) in Leeds folgendermaßen
beschrieben:
"Ich sah die eigentümliche Verdrehung der untern Enden des Schen-
kelknochens nie, bevor ich nach Leeds kam. Anfangs glaubte ich,
es sei Rachitis, aber die Menge der sich im Spital präsentieren-
den Patienten und das Vorkommen der Krankheit in einem Alter (8
bis 14 Jahre), in welchem Kinder gewöhnlich nicht mehr der Rachi-
tis unterworfen sind, sowie der Umstand, daß das Übel erst ange-
fangen hatte, seitdem die Kinder in der Fabrik arbeiteten, bewe-
gen mich bald, meine Meinung zu ändern. Ich habe bis Jetzt unge-
fähr hundert solcher Fälle gesehen und kann aufs entschiedenste
aussprechen, daß sie die Folge von Überarbeitung sind; soviel ich
weiß, waren es alles Fabrikkinder, und sie selbst schreiben das
Übel jener Ursache zu. - Die Anzahl der mir vorgekommenen Fälle
von verkrümmtem Rückgrat, offenbar die Folge von zu langem Auf-
rechtstehen, wird nicht geringer als dreihundert sein" (Dr.
Loudon, evid. p. 12, 13).
Ebenso Dr. Hey in Leeds, 18 Jahre lang Arzt am Krankenhause:
"Vorbildungen des Rückgrats sehr häufig unter den Fabrikleuten.
Einige die Folgen bloßer Überarbeitung, andere die Wirkung von
langer Arbeit auf eine ursprünglich
#377# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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schwache oder durch schlechte Nahrung geschwächte Konstitution."
"Verkrüppelungen schienen häufiger zu sein als diese Krankheiten;
die Knie waren nach innen gebeugt, die Bänder der Knöchel sehr
häufig aufgelockert und erschlafft und die langen Knochen der
Beine gebogen. Besonders waren die dicken Enden dieser langen
Knochen verdreht und übermäßig entwickelt, und diese Patienten
kamen von den Fabriken, in welchen häufig sehr lange gearbeitet
wurde" (Dr. Loudon, evid. p. 16).
Dasselbe sagen die Wundärzte Beaumont und Sharp von Bradford aus.
Die Berichte der Kommissäre Drinkwater, Power und Dr. Loudon ent-
halten eine Menge, die von Tufnell und Dr. Sir David Barry, die
sich weniger auf diesen Punkt richten, einzelne Beispiele solcher
Verkrümmungen (Drinkwater, evid. p. 69 zwei Brüder, p. 72, 80,
146, 148, 150 zwei Brüder, 155 und viele andere; Power, evid. p.
63, 66, 67 zweimal, 68 dreimal, 69 zweimal; in Leeds p. 29, 31,
40, 43, 53 ff.; Dr. Loudon, evid. p. 4, 7 viermal, 8 mehrere Male
etc.; Sir D. Barry, p. 6, 8, 13, 21, 22, 44, 55 dreimal etc.;
Tufnell, p. 5, 16 etc.). Die Kommissäre für Lancashire, Ciowell,
Tufnell und Dr. Hawkins, haben diese Seite der medizinischen Re-
sultate des Fabriksystems fast ganz vernachlässigt, obwohl dieser
Distrikt vollkommen mit Yorkshire in der Anzahl von Krüppeln
wetteifern kann. Ich bin selten durch Manchester gegangen, ohne
drei bis vier Krüppeln zu begegnen, die gerade an denselben Ver-
krümmungen des Rückgrats und der Beine litten wie die beschriebe-
nen, und ich habe oft genug gerade hierauf geachtet und achten
können. Ich kenne selbst einen Krüppel, der genau der obigen Be-
schreibung von Dr. Hey entspricht und der sich seinen Zustand in
der Fabrik des Herrn Douglas in Pendleton, die überhaupt bei den
Arbeitern wegen der früheren langen, Nächte hindurch fortgesetz-
ten Arbeitszeit noch im schönsten Rufe steht, geholt hat. Man
sieht es auch dieser Art von Krüppeln gleich an, woher ihre Vor-
bildung kommt, sie sehen alle ganz gleich aus, die Knie sind ein-
wärts und rückwärts, die Füße einwärts gebogen, die Gelenke miß-
gestaltet und dick und oft das Rückgrat vorwärts oder seitwärts
gekrümmt. Am ärgsten aber scheinen es die menschenfreundlichen
Fabrikanten im Seidendistrikt von Macclesfield getrieben zu ha-
ben, was mit daher kommt, daß in diesen Fabriken sehr junge Kin-
der, von fünf und sechs Jahren, arbeiteten. In den nachträglichen
Zeugnissen des Kommissärs Tufnell finden wir die Aussagen eines
Fabrikdingenten Wright (p. 26), dessen beide Schwestern aufs
schändlichste verkrüppelt wurden und der einmal die Anzahl von
Krüppeln in mehreren Straßen, einige darunter die reinlichsten
und nettesten von Macclesfield, gezählt hatte; er fand in Townley
Street zehn, George Street fünf, Charlotte Street vier, Watercots
fünfzehn, Bank Top drei, Lord Street sieben, Mill Lane zwölf,
Great George Street zwei, im Armenhause zwei, Park Green einen,
#378# Friedrich Engels
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Pickford Street zwei Krüppel, deren Familien alle einstimmig er-
klärten, daß diese durch übermäßige Arbeit in den Seidentramier-
fabriken verwachsen seien. P. 27 wird ein Knabe vorgeführt, der
so verwachsen war, daß er keine Treppe hinaufkommen konnte, und
Beispiele von Mädchen erwähnt, die in Rücken und Hüften
verkrüppelt seien.
Andere Verbildungen sind ebenfalls aus dieser Überarbeitung her-
vorgegangen, besonders Plattfüßigkeit, die dem Sir D. Barry häu-
fig vorkam (z.B. p. 21 zweimal ff.) und ebenfalls von den Ärzten
und Wundärzten in Leeds (Loudon, p. 13, 16 etc.) als häufig vor-
kommend angegeben wird. In den Fällen, wo eine stärkere Konstitu-
tion, eine bessere Nahrung und sonstige Umstände den jungen Ar-
beiter befähigten, diesen Einwirkungen einer barbarischen Ausbeu-
tung zu widerstehen, finden wir wenigstens Schmerzen in Rücken,
Hüften und Beinen, geschwollene Knöchel, variköse Adern oder
große, hartnäckige Geschwüre an den Schenkeln und Waden. Diese
Übel sind fast allgemein bei den Arbeitern gefunden worden; die
Berichte Stuarts, Mackintoshs, Sir D. Barrys enthalten Hunderte
von Beispielen, ja sie wissen fast von keinem, der nicht an ir-
gendeinem dieser Übel litte; und in den übrigen Berichten wird
das Vorkommen derselben Folgen wenigstens von vielen Ärzten be-
zeugt. Die Berichte über Schottland stellen es außer Zweifel
durch zahllose Beispiele, daß dreizehnstündige Arbeit noch bei
achtzehn- bis zweiundzwanzigjährigen männlichen und weiblichen
Arbeitern wenigstens d i e s e Folgen hervorbringt, und zwar
sowohl in den Flachsspinnereien von Dundee und Dunfermline wie in
den Baumwollfabriken von Glasgow und Lanark.
Alle diese Übel erklären sich leicht aus der Natur der Fabrikar-
beit, die allerdings, wie die Fabrikanten sagen, sehr "leicht"
ist, aber eben wegen ihrer Leichtigkeit erschlaffender als ir-
gendeine andere. Die Arbeiter haben wenig zu tun, müssen aber die
ganze Zeit s t e h e n, ohne sich setzen zu können. Wer sich
etwa auf eine Fensterbank oder einen Korb setzt, wird gestraft;
und diese dauernde aufrechte Stellung, dieser fortwährende mecha-
nische Druck des Oberkörpers auf Rückgrat, Hüften und Beine
bringt ganz notwendig die erwähnten Folgen hervor. Dies Stehen
ist allerdings nicht notwendig zur Arbeit, wie denn auch in Not-
tingham in den Dublierzimmern wenigstens Sitze eingeführt sind
(die Folge davon war die Abwesenheit jener Übel und folglich die
Willigkeit der Arbeiterinnen, lange Arbeitszeit mitzumachen),
aber in einer Fabrik, wo der Arbeiter nur für den Bourgeois ar-
beitet und wenig Interesse daran hat, seine Arbeit gut zu tun,
würde er allerdings wahrscheinlich mehr Gebrauch davon machen,
als dem Fabrikanten angenehm und vorteilhaft wäre - und damit dem
Bourgeois etwas weniger rohes Material
#379# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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verdorben wird, müssen die Arbeiter die Gesundheit ihrer Glieder
opfern. *) Diese lang anhaltende aufrechte Stellung bringt aber
außerdem noch in Verbindung mit der meist schlechten Atmosphäre
der Fabriken eine bedeutende Erschlaffung aller Körperkräfte und
in deren Gefolge allerlei andere weniger lokale als generelle
Übel hervor. Die Atmosphäre der Fabriken ist gewöhnlich zu glei-
cher Zeit feucht und warm, meist wärmer als nötig ist, und bei
nicht sehr guter Ventilation sehr unrein, dumpfig und von gerin-
gem Sauerstoffgehalt, angefüllt mit Staub und dem Dunst des Ma-
schinenöls, das fast überall den Boden beschmutzt, in ihn herein-
zieht und ranzig wird; die Arbeiter selbst sind schon wegen der
Wärme nicht zu dicht bekleidet und würden sich daher bei Un-
gleichmäßigkeit der Temperatur im Zimmer notwendig erkälten; der
Luftzug ist ihnen in der Wärme unangenehm, die allmähliche Er-
schlaffung, die über alle körperlichen Funktionen schleicht, ver-
ringert die animalische Wärme, die von außenher aufrechterhalten
werden muß, und so ist dem Arbeiter selbst nichts lieber, als
wenn er bei gänzlich geschlossenen Fenstern in seiner warmen
Fabnkluft bleiben kann. Hierzu tritt dann noch die Wirkung des
häufigen plötzlichen Temperaturwechsels beim Herausgehen aus der
heißen Fabrikatmosphäre m die frostkalte oder naßkalte freie
Luft, die Unfähigkeit der Arbeiter, sich genügend gegen Regen zu
schützen oder die nassen Kleider mit trocknen zu vertauschen, al-
les Umstände, die fortwährend Erkältungen produzieren. Und wenn
man bedenkt, daß bei alledem fast kein einziger Muskel des Kör-
pers wirklich angestrengt, wirklich in Tätigkeit gesetzt wird,
außer etwa denen der Beine, daß der erschlaffenden, abspannenden
Wirkung der genannten Umstände gar nichts entgegentritt, sondern
daß alle Übung fehlt, die den Muskeln Kraft, den Fibern Elastizi-
tät und Konsistenz geben könnte, daß von Jugend auf den Arbeitern
alle Zeit zur Bewegung in freier Luft abgeht, so wird man sich
nicht mehr über die fast einstimmige Aussage der Mediziner im Fa-
brikbericht wundern, daß sie bei Fabrikarbeitern ganz besonders
eine große Widerstandslosigkeit gegen Krankheitsanfälle, eine
allgemeine Depression aller Lebenstätigkeiten, eine fortwährende
Abspannung aller geistigen und körperlichen Kräfte gefunden hät-
ten. Hören wir zuerst Sir D. Barry:
"Die ungünstigen Einflüsse der Fabrikarbeit auf die Arbeiter sind
folgende: 1. die unumgängliche Notwendigkeit, ihre körperlichen
und geistigen Anstrengungen zu einem gleichen Schritt mit den Be-
wegungen einer durch gleichmäßige und unaufhörliche Kraft beweg-
ten Maschinerie zu zwingen; 2. die Ausdauer in einer aufrechten
Stellung während unnatürlich langer und zu schnell aufeinander-
folgender Zeiträume;
---
*) Auch im Spinnsaal einer Fabrik in Leeds waren Sitze einge-
führt, Drinkwater evid. p. 85.
#380# Friedrich Engels
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3. die Beraubung des Schlafs (durch lange Arbeitszeit, Schmerzen
in den Beinen und allgemeineres körperliches Unwohlsein). Hierzu
kommen oft noch niedrige, gedrängte, staubige oder feuchte Ar-
beitszimmer, unreine Luft, erhitzte Atmosphäre, fortwährender
Schweiß. Daher verlieren besonders Knaben, mit sehr wenigen Aus-
nahmen, sehr bald die rosige Frische der Kindheit und werden
blässer und dünner als andere Knaben. Selbst der Schuljunge des
Handwebers, der mit nackten Füßen auf dem Lehmfußboden seiner
Webstube steht, behält ein besseres Aussehen, weil er zuweilen
etwas an die freie Luft geht. Aber das Fabrikkind hat keinen Au-
genblick frei, außer zum Essen, und kommt nie in die freie Luft,
außer wenn es essen geht. Alle erwachsenen männlichen Spinner
sind blaß und dünn, sie leiden an kapriziösem Appetit und Unver-
daulichkeit, und da sie alle von Jugend auf in der Fabrik erzogen
und wenig oder gar keine hochgewachsenen, athletischen Männer un-
ter ihnen sind, so ist der Schluß gerechtfertigt, daß ihre Be-
schäftigung sehr ungünstig für die Entwicklung der männlichen
Konstitution ist. Weiber ertragen die Arbeit weit besser" (ganz
natürlich, wir werden aber sehen, daß auch sie ihre Krankheiten
haben). (General Report by Sir D. Barry.)
Ebenso Power:
"Ich kann geradezu sagen, daß das Fabriksystem in Bradford eine
sehr große Menge Krüppel erzeugt hat... und daß die Wirkung lan-
ganhaltender Arbeit auf den Körper nicht allein als wirkliche
Verkrüppelung, sondern auch viel allgemeiner noch als unentwic-
keltes Wachstum, Erschlaffung der Muskeln und zarte Körperbildung
hervortritt" (Power, Rept. p. 74).
Ferner der schon zitierte Wundarzt *) F. Sharp in Leeds:
"Als ich von Scarborough nach Leeds hinüberzog, fiel es mir
gleich auf, daß das allgemeine Aussehen der Kinder hier viel
bleicher und die Fiber derselben weit weniger straff war als in
Scarborough und der Umgegend. Ich fand ebenfalls, daß viele Kin-
der für ihr Alter ausnehmend klein waren ... Mir sind zahllose
Fälle von Skrofeln, Lungenkrankheiten, mesenterischen Affektionen
und Unverdaulichkeit vorgekommen, bei denen ich als Mediziner
nicht den geringsten Zweifel habe, daß sie durch Arbeiten in den
Fabriken entstanden sind. Ich bin der Ansicht, daß die nervöse
Energie des Körpers durch die lange Arbeit geschwächt und der
Grund vieler Krankheiten gelegt wird; wenn nicht fortwährend
Leute vom Lande hereinzögen, so würde die Rasse der Fabrikarbei-
ter bald ganz ausarten."
Desgleichen Beaumont, Wundarzt in Bradford:
"Meiner Ansicht nach bringt das System, nach dem hier in den Fa-
briken gearbeitet wird, eine eigentümliche Schlaffheit des ganzen
Organismus hervor und macht dadurch Kinder im höchsten Grade für
Epidemien sowohl wie für zufällige Krankheiten
---
*) Die sogenannten Wundärzte (surgeons) sind studierte Mediziner,
geradesogut wie die promovierten Ärzte (physicians), und haben
deshalb auch allgemein sowohl ärztliche wie wundärztliche Praxis.
Sie werden im allgemeinen aus verschiedenen Gründen sogar den
physicians vorgezogen.
#381# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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empfänglich... Ich halte die Abwesenheit aller geeigneten Vor-
schriften wegen Ventilation und Reinlichkeit in Fabriken ganz
entschieden für eine Hauptursache jener eigentümlichen Tendenz
oder Empfänglichkeit für krankhafte Affektionen, die ich in mei-
ner Praxis sooft gefunden habe."
Ebenso William Sharp junior 1*) bezeugt:
"1. daß ich Gelegenheit gehabt habe, die Wirkungen des Fabriksy-
stems auf die Gesundheit von Kindern unter den vorteilhaftesten
Umständen" (in der Fabrik von Wood in Bradford, der besteinge-
richteten des Orts, wo er Fabrikarzt war) "zu beobachten; 2. daß
diese Wirkung ganz entschieden und in sehr ausgedehntem Maße
selbst unter diesen günstigen Verhältnissen schädlich ist; 3. daß
im Jahre 1832 drei Fünftel sämtlicher in Woods Fabrik beschäftig-
ten Kinder von mir medizinisch behandelt wurden; 4. daß die
schädlichste Wirkung nicht das Vorherrschen verkrüppelter, son-
dern geschwächter und krankhafter Konstitutionen ist; 5. daß sich
das alles sehr gebessert hat, seit die Arbeitszeit der Kinder von
Wood auf zehn Stunden herabgesetzt wurde."
Der Kommissär Dr. Loudon selbst, der diese Zeugnisse anführt,
sagt:
"Ich denke, es ist klar genug bewiesen worden, daß Kinder unver-
nünftig und unbarmherzig lange haben arbeiten und selbst Erwach-
sene ein Quantum Arbeit übernehmen müssen, das kaum irgendein
menschliches Wesen aushallen kann. Die Folge davon ist, daß viele
vor der Zeit gestorben, andere lebenslänglich mit einer fehler-
haften Konstitution behaftet worden sind, und die Befürchtung ei-
ner durch die erschütterten Konstitutionen der Überlebenden ge-
schwächten Nachkommenschaft ist, physiologisch gesprochen, nur zu
gegründet."
Und endlich Dr. Hawkins über Manchester:
"Ich glaube, den meisten Reisenden fällt die Kleinheit und Zart-
heit der Statur und die Blässe auf, die man so allgemein in Man-
chester und vor allen bei den Fabrikarbeitern findet. Ich bin nie
in irgendeiner Stadt Großbritanniens oder Europas gewesen, worin
die Ausartung der Gestalt und Farbe vom nationalen Normalmaßstabe
so augenscheinlich war. Den verheirateten Weibern fehlen ganz
auffallend alle charakteristischen Eigentümlichkeiten der engli-
schen Frau usw... Ich muß gestehen, daß die mir vorgeführten Kna-
ben und Mädchen aus den Fabriken von Manchester allgemein ein ge-
drücktes Aussehen und eine bleiche Farbe hatten; in dem Ausdruck
ihrer Gesichter lag nichts von der gewöhnlichen Beweglichkeit,
Lebhaftigkeit und Heiterkeit der Jugend. Viele erklärten mir, daß
sie gar keinen Zug verspürten, Sonnabend abends und sonntags im
Freien sich herumzutummeln, sondern daß sie vorzögen, ruhig zu
Hause zu bleiben."
Fügen wir hier gleich eine andre Stelle aus Hawkins' Bericht ein,
die zwar nur halb hieher gehört, aber eben deshalb ebensogut hier
als anderswo stehen kann:
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1*) (1845) irrtümlich Dr. Hay (siehe "Factories Inquiry Commis-
sion", Second Report, 1833, C. 3, p. 23)
#382# Friedrich Engels
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"Unmäßigkeit, Ausschweifungen und Mangel an Vorsorge für die Zu-
kunft sind die Hauptuntugenden der Fabrikbevölkerung, und diese
Übelstände lassen sich leicht auf Sitten zurückführen, die unter
dem heutigen System gebildet werden und b e i n a h e u n-
v e r m e i d l i c h d a r a u s e n t s p r i n g e n. Es
ist allgemein zugegeben, daß Unverdaulichkeit, Hypochondrie und
generelle Schwäche diese Klasse in sehr großer Ausdehnung af-
fizieren; nach zwölf Stunden monotoner Arbeit ist es nur zu na-
türlich, sich nach einem Reizmittel dieser oder jener Art umzuse-
hen, aber wenn vollends die obigen Krankheitszustände hinzukom-
men, so wird man rasch und immer von neuem Zuflucht zu geistigen
Getränken nehmen."
Für alle diese Aussagen der Ärzte und Kommissäre bietet der Be-
richt selbst Hunderte von Beweisfällen. Daß der Wuchs der jungen
Arbeiter durch die Arbeit gehemmt wird, bezeugen Hunderte von An-
gaben desselben; unter ändern gibt Cowell die Gewichte von 46
Knaben, alle 17 Jahre alt und aus einer Sonntagsschule, an, von
denen 26 in Fabriken beschäftigte durchschnittlich 104,5 engli-
sche Pfund und 20 nicht in Fabriken arbeitende, aber der Arbei-
terklasse angehörige durchschnittlich 117,7 englische Pfund wo-
gen. Einer der bedeutendsten Fabrikanten von Manchester und An-
führer der Opposition von Seiten der Fabrikanten gegen die Arbei-
ter - ich glaube Robert Hyde Greg - sagt selbst einmal, wenn das
so fortginge, so würden die Fabrikleute von Lancashire bald ein
Geschlecht von Pygmäen werden. *) Ein Rekrutierungslieutenant
(Tufnell, p. 59) sagt aus, daß die Fabrikarbeiter sich wenig für
den Militärdienst eignen; sie sähen dünn und schwächlich aus und
würden oft von den Ärzten als untauglich zurückgewiesen. In Man-
chester könne er kaum Leute von 5 Fuß 8 Zoll bekommen, die Leute
hätten fast alle nur 6 bis 7 Zoll, während in den Ackerbaudi-
strikten die meisten Rekruten 8 Zoll hätten (der Unterschied des
englischen Maßes gegen das preußische beträgt auf 5 Fuß etwa 2
Zoll, um die das englische kleiner ist).
Die Männer sind infolge dieser Einflüsse sehr bald aufgerieben.
Die meisten sind mit vierzig Jahren arbeitsunfähig, einige wenige
halten sich bis zum fünfundvierzigsten, fast gar keine bis zum
fünfzigsten Jahre. Dies wird, außer durch allgemeine Körperschwä-
che, zum Teil auch noch durch eine Schwächung des Gesichts her-
vorgebracht, welche die Folge des Mulespinnens ist, wobei der Ar-
beiter seine Augen auf eine lange Reihe ferner, parallellaufender
Fäden heften und sie dadurch sehr anstrengen muß. Aus 1600 Arbei-
tern, die in mehreren Fabriken in Harpur und Lanark beschäftigt
wurden, waren nur 10 über 45 Jahren; aus 22 094 Arbeitern in ver-
schiedenen Fabriken in Stockport und Manchester nur 143 über 45
Jahren. Von diesen 143 wurden 16 aus besonderer Gunst noch beibe-
halten, und einer tat Kinderarbeit.
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*) Diese Aussage ist nicht dem Fabrikbericht entnommen.
#383# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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Eine Liste von 131 Spinnern enthielt nur sieben über 45 Jahren,
und doch waren alle 131 wegen "zu hohen Alters" von den Fabrikan-
ten, bei welchen sie um Arbeit anhielten, abgewiesen. Von 50 aus-
rangierten Spinnern in Bolton waren nur zwei über 50, und der
Rest im Durchschnitt noch nicht 40 Jahre alt - und alle waren we-
gen zu hohen Alters brotlos! Herr Ashworth, ein bedeutender Fa-
brikant, gibt in einem Briefe an Lord Ashley selbst zu, daß gegen
das 40. Lebensjahr die Spinner nicht mehr die gehörige Quantität
Garn aufzubringen vermögen und deshalb "zuweilen" entlassen wer-
den; er nennt die vierzigjährigen Arbeiter "alte Leute"! *)
Ebenso spricht der Kommissär Mackintosh im Bericht von 1833:
"Obgleich ich durch die Art, wie Kinder beschäftigt werden, schon
vorbereitet war, so wurde es mir doch schwer, den altern Arbei-
tern ihre Angaben wegen ihres Alters zu glauben, so sehr früh al-
tern diese Leute."
Wundarzt Smellie in Glasgow, der hauptsächlich Fabrikarbeiter be-
handelt, sagt ebenfalls, daß bei ihnen vierzig Jahre schon ein
hohes Alter 1*) (old age) seien (Stuart, evid. p. 101). Gleich-
lautende Zeugnisse finden sich Tufnell, evid. p. 3, 9, 15, Haw-
kins, Rept. p. 4; evid. p. 14 etc. etc. In Manchester ist dies
frühe Altern der Arbeiter so allgemein, daß man fast jeden Vier-
ziger für zehn bis fünfzehn Jahre älter ansieht, während die
wohlhabenden Klassen, sowohl Männer als Frauen, ihr Aussehen sehr
gut konservieren, wenn sie nicht zuviel trinken.
Die Wirkung der Fabrikarbeit auf den weiblichen Körper ist eben-
falls ganz eigner Art. Die Verbildungen, die die Folge langer Ar-
beitszeit sind, werden beim Weibe noch viel ernsthafter; Verbil-
dungen des Beckens, teils durch unrichtige Lage und Entwicklung
der Beckenknochen selbst, teils durch Verkrümmung des unteren
Teils der Wirbelsäule werden häufig durch diese Ursache hervorge-
bracht.
"Obgleich", sagt Dr. Loudon in seinem Bericht, "kein Beispiel von
einem verbildeten Becken und einigen ändern Übeln mir vorkam, so
sind doch diese Dinge derart, daß jeder Mediziner sie als wahr-
scheinliche Folge einer solchen Arbeitszeit bei Kindern hinstel-
len muß, und außerdem verbürgt von Männern von der höchsten medi-
zinischen Glaubwürdigkeit."
Daß Fabrikarbeiterinnen schwerer gebären als andere Frauen, wird
von mehreren Hebammen und Geburtshelfern bezeugt, ebenso, daß sie
häufiger
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*) Alles der Rede von Lord Ashley (Unterhaussitzung vom 15. März
1844) entnommen.
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1*) (1892) schon hohes Alter
#384# Friedrich Engels
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abortieren, z.B. Dr. Hawkins, evid. p. II et 13. Dazu kommt noch,
daß die Weiber an der allen Fabrikarbeitern gemeinsamen allgemei-
nen Schwäche leiden und, wenn sie schwanger sind, b i s z u r
S t u n d e d e r E n t b i n d u n g in den Fabriken arbeiten
- natürlich, wenn sie zu früh aufhören, so müssen sie fürchten,
daß ihre Stellen besetzt und sie selbst entlassen werden - auch
verlieren sie den Lohn. E s kommt sehr häufig vor, daß Frauen,
die den Abend noch arbeiteten, den nächsten Morgen entbunden
sind, ja es ist nicht allzu selten, daß sie in den Fabriken
selbst, zwischen den Maschinen niederkommen. Und wenn auch die
Herren Bourgeois darin nichts Besondres finden, so werden mir
doch ihre Frauen vielleicht zugeben, daß es eine Grausamkeit,
eine infame Barbarei ist, ein schwangeres Weib indirekt zu zwin-
gen, bis zum Tage ihrer Niederkunft täglich zwölf bis dreizehn
(früher noch mehr) Stunden arbeitend, in stehender Positur, bei
häufigem Bücken, zuzubringen. Das ist aber noch nicht alles. Wenn
die Frauen nach der Niederkunft vierzehn Tage nicht zu arbeiten
brauchen, so sind sie froh und halten es für lange. Manche kommen
schon nach acht, ja nach drei bis vier Tagen wieder in die Fa-
brik, um die v o l l e Arbeitszeit durchzumachen - ich hörte
einmal, wie ein Fabrikant einen Aufseher frug: Ist die und die
noch nicht wieder hier? - Nein. - Wie lang ist sie entbunden? -
Acht Tage. - Die hätte doch wahrhaftig längst wiederkommen kön-
nen. Jene da pflegt nur drei Tage zu Hause zu bleiben. - Natür-
lich; die Furcht, entlassen zu werden, die Furcht vor der Brotlo-
sigkeit treibt sie, trotz ihrer Schwäche, trotz ihrer Schmerzen
in die Fabrik; das Interesse des Fabrikanten leidet es nicht, daß
seine Arbeiter krankheitswegen zu Hause bleiben, sie dürfen nicht
krank werden, sie dürfen sich nicht unterstehen, ins Wochenbett
zu kommen - sonst müßte er ja seine Maschinen stillsetzen oder
seinen allerhöchsten Kopf mit der Einrichtung einer temporären
Abänderung plagen; und ehe er das tut, entläßt er seine Leute,
wenn sie sich unterfangen, unwohl zu sein. Hört (Cowell, evid. p.
77):
"Ein Mädchen fühlt sich sehr krank, kann kaum ihre Arbeit tun. -
Warum sie nicht um Erlaubnis frage, nach Hause zu gehen? - Ach,
Herr, der 'Herr' ist sehr eigen darin, wenn wir einen Vierteltag
abwesend sind, so riskieren wir, weggeschickt zu werden."
Oder (Sir D. Barry, evid. p. 44): Thomas MacDurt, Arbeiter, hat
gelindes Fieber,
"kann nicht zu Hause bleiben, wenigstens nicht länger als vier
Tage, weil er sonst fürchten muß, seine Arbeit zu verlieren."
Und so geht es in fast allen Fabriken. Die Arbeit junger Mädchen
bringt in der Entwicklungsperiode derselben noch eine Menge son-
stiger Unregelmäßigkeiten
#385# Lage der arbeitenden Klasse -·Die einzelnen Arbeitszweige
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hervor. Bei einigen, besonders den bessergenährten, treibt die
Hitze der Fabriken die Entwicklung rascher voran als gewöhnlich,
so daß einzelne Mädchen von 12 bis 14 Jahren vollkommen ausgebil-
det sind; Roberton, der schon erwähnte, wie der Fabrikbericht
sagt, "eminente" Geburtshelfer in Manchester, erzählt im "North
of England Medical and Surgical Journal", daß ihm ein elfjähriges
Mädchen vorgekommen, die nicht nur ein vollkommen ausgebildetes
Weib, sondern sogar schwanger gewesen sei, und daß es gar nichts
Seltnes in Manchester sei, wenn Frauenzimmer von 15 Jahren nie-
derkämen. In solchen Fällen wirkt die Wärme der Fabriken gerade
wie die Hitze tropischer Klimate, und wie in solchen Klimaten
rächt sich die übermäßig frühe Entwicklung auch durch früh ein-
tretendes Alter und Erschlaffung. Oft jedoch findet sich eine zu-
rückgehaltene sexuale Entwicklung des weiblichen Körpers; die
Brüste bilden sich spät oder gar nicht aus, wovon Cowell, p. 35,
Beispiele gibt, die Menstruation tritt in vielen Fällen erst mit
dem siebzehnten oder achtzehnten, zuweilen erst mit dem zwanzig-
sten Jahre ein und bleibt oft ganz aus (Dr. Hawkins, evid. p. 11,
Dr. Loudon, p. 14 etc., Sir D. Barry, p. 5 etc.). Unregelmäßige
Menstruation, mit vielen Schmerzen und Übeln verbunden, nament-
lich Bleichsucht ist sehr häufig, worüber die medizinischen Be-
richte einstimmig sind.
Die von solchen Frauen, besonders wenn sie während der Schwanger-
schaft arbeiten müssen, gebornen Kinder können nicht stark sein.
Im Gegenteil, namentlich von Manchester aus werden sie im Bericht
als sehr schwächlich geschildert, und nur Barry behauptet, daß
sie gesund seien - sagt aber auch, daß in Schottland, wo er in-
spizierte, f a s t g a r k e i n e v e r h e i r a t e t e n
F r a u e n a r b e i t e t e n; dazu liegen die meisten Fabri-
ken dort, mit Ausnahme, von Glasgow, auf dem Lande, und das trägt
sehr viel zur Stärkung der Kinder bei. Die Arbeiterkinder in der
nächsten Umgebung von Manchester sind fast alle blühend und
frisch, während sie in der Stadt bleich und skrofulös aussehen;
aber mit dem neunten Jahre verliert sich die Farbe plötzlich,
weil sie dann in die Fabrik geschickt werden, und bald kann man
sie nicht mehr von Stadtkindern unterscheiden.
Außerdem aber gibt es noch einige Zweige in der Fabrikarbeit, die
besonders nachteilige Folgen haben. In vielen Zimmern der Baum-
woll- und Flachsspinnereien fliegt eine Menge faseriger Staub um-
her, der namentlich in den Kardier- und Hechelzimmern Brustbe-
schwerden erzeugt. Einige Konstitutionen können ihn ertragen, an-
dere nicht. Aber der Arbeiter hat keine Wahl, er muß das Zimmer
nehmen, wo er Arbeit findet, seine Brust mag gut sein oder nicht.
Die gewöhnlichsten Folgen dieses eingeatmeten Staubes sind Blut-
speien, schwerer, pfeifender Atem, Schmerzen in der Brust, Hu-
sten,
#386# Friedrich Engels
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Schlaflosigkeit, kurz alle Symptome von Asthma, die im schlimm-
sten Falle in der Auszehrung endigen (vergl. Stuart, p. 13, 70,
101, Mackintosh, p. 24 etc., Power Rept. on Nottingham, on Leeds,
Cowell, p. 33 etc., Barry, p. 12 (fünf in einer Fabrik), p. 17,
44, 52, 60 etc.; ebenso in dessen Bericht; Loudon, p. 13 etc.
etc.). Besonders ungesund ist aber das Naßspinnen des Leinen-
garns, das von jungen Mädchen und Kindern getan wird. Das Wasser
spritzt ihnen von den Spindeln auf den Leib, so daß die vordere
Seite ihrer Kleider fortwährend bis auf die Haut durchnäßt ist
und fortwährend Wasser auf dem Boden steht. In geringerem Maße
findet das auch in den Dublierzimmern der Baumwollfabriken statt,
und die Folge davon sind fortwährende Erkältungen und Affektionen
der Brust. Eine heisere, rauhe Sprache ist allen Fabrikarbeitern
gemein, vor allen aber den Naßspinnern und Dublierern. Stuart,
Mackintosh und Sir D. Barry sprechen sich in den stärksten Aus-
drücken über die Ungesundheit dieser Arbeit und die geringe Rück-
sicht der meisten Fabrikanten für die Gesundheit der diese Arbeit
verrichtenden Mädchen aus. Eine andre Wirkung des Flachsspinnens
sind eigentümliche Verdrehungen der Schulter, namentlich Vor-
springen des rechten Schulterblatts, die aus der Natur der Arbeit
folgen. Diese Art zu spinnen sowie das Throstlespinnen der Baum-
wolle bringen oft auch Krankheiten der Kniescheibe hervor, die
zum Aufhalten der Spindel während der Anheftung zerrissener Fäden
angewandt wird. Das häufige Bücken bei diesen beiden Arbeitszwei-
gen und die Niedrigkeit der Maschinen haben überhaupt einen man-
gelhaften Wuchs zur Folge. In dem Throstlezimmer der Baumwollfa-
brik zu Manchester, in welcher ich beschäftigt war, erinnere ich
mich nicht, ein einziges gut und schlank gewachsenes Mädchen ge-
sehen zu haben; sie waren alle klein, schlecht gewachsen und ei-
gentümlich gedrängten Baus, entschieden häßlich in ihrer ganzen
Körperbildung. Außer allen diesen Krankheiten und Verkrüppelungen
haben die Arbeiter aber noch auf eine andere Weise an ihren Glie-
dern Schaden zu leiden. Die Arbeit zwischen den Maschinen veran-
laßt eine Menge Unglücksfälle, die mehr oder weniger ernster Na-
tur sind und für den Arbeiter noch dazu die Folge haben, daß sie
ihn teilweise oder ganz zu seiner Arbeit unfähig machen. Am häu-
figsten kommt es vor, daß ein einzelnes Glied von einem Finger
abgequetscht wird, seltner schon, daß ganze Finger, eine halbe
oder ganze Hand, ein Arm usw. von den Rädern ergriffen und zer-
malmt wird. Sehr häufig tritt nach diesen, selbst den geringeren
Unfällen Maulsperre ein und zieht den Tod nach sich. Man sieht in
Manchester außer den vielen Krüppeln auch eine große Anzahl Ver-
stümmelter umhergehen; dem einen fehlt der ganze oder halbe Arm,
dem ändern der Fuß, dem dritten das halbe Bein; man glaubt unter
einer Armee
#387# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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zu leben, die eben aus dem Feldzuge zurückkommt. Die gefährlich-
sten Stellen der Maschinerie sind aber die Riemen, welche die
Triebkraft vom Schaft auf die einzelnen Maschinen leiten, beson-
ders wenn sie Schnallen haben, die man indes selten mehr findet.
Wer von diesen Riemen ergriffen wird, den reißt die treibende
Kraft pfeilschnell mit sich herum, schlägt ihn oben gegen die
Decke und unten gegen den Fußboden mit solcher Gewalt, daß selten
ein Knochen am Körper ganz bleibt und augenblicklicher Tod er-
folgt. Zwischen dem 12. Juni und 3. August 1844 1*) berichtet
der "Manchester Guardian" über folgende e r n s t l i c h e Un-
glücksfälle - die leichtern erwähnt er gar nicht: 12. Juni, ein
Knabe starb in Manchester an der Mundklemme infolge einer zwi-
schen Rädern zerquetschten Hand. - 15. Juni 2*), ein Junge in
Saddleworth, von einem Rade ergriffen und mitgerissen, starb,
ganz zerschmettert. - 29. Juni, ein junger Mann in Greenacres
Moor bei Manchester, der in einer Maschinenfabrik arbeitete, ge-
riet unter einen Schleifstein, der ihm zwei Rippen zerbrach und
ihn sehr zerfleischte. -24. Juli, ein Mädchen in Oldham starb,
von einem Riemen fünfzigmal mit herumgerissen, kein Knochen blieb
ganz. - 27. Juli, in Manchester geriet ein Mädchen in den Blower
(die erste Maschine, welche die rohe Baumwolle aufnimmt) und
starb an den erlittenen Verstümmelungen. - 3. August, ein Spulen-
drechsler starb, von einem Riemen fortgerissen, in Dukinfield -
alle Rippen waren zerbrochen. - Das Krankenhaus von Manchester
hatte im Jahre 1843 allein 962 Verwundungen und Verstümmelungen
durch Maschinerie zu heilen, während die Anzahl aller übrigen Un-
glücksfälle im Bereich des Krankenhauses auf 2426 sich beliefen,
so daß auf fünf Unglücksfälle aus allen ändern Ursachen zwei
durch Maschinerie kamen. Die in Salford vorgekommenen Unfälle
sind hier nicht eingeschlossen, ebensowenig die, welche von Pri-
vatärzten geheilt wurden. Die Fabrikanten bezahlen bei solchen
Unglücken, sie mögen arbeitsunfähig machen oder nicht, höchstens
den Arzt und, wenn es sehr hoch kommt, den Lohn während der Dauer
der Kur - wohin der Arbeiter später gerät, wenn er nicht arbeiten
kann, ist ihnen gleichgültig.
Der Fabrikbericht sagt über diesen Gegenstand: In allen Fällen
müsse der Fabrikant verantwortlich gemacht werden: denn Kinder
könnten sich nicht in acht nehmen und Erwachsene würden sich in
ihrem eignen Interesse schon in acht nehmen. Aber es sind Bour-
geois, die den Bericht schreiben, und daher müssen sie sich wi-
dersprechen und nachher allerlei Salbaderei über "sündliche Ver-
wegenheit" (culpable temerity) der Arbeiter
-----
1*) (1845) und (1892) irrtümlich: 1843 - 2*) (1845) und (1892)
irrtümlich: 16. Juni
#388# Friedrich Engels
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vorführen. Einerlei. Die Sache ist diese: Wenn Kinder sich nicht
in acht nehmen k ö n n e n, so muß die Arbeit von Kindern ver-
boten werden. Wenn Erwachsene sich nicht gehörig in acht
n e h m e n, so müssen sie entweder Kinder sein, auf einer Bil-
dungsstufe stehen, die ihnen nicht erlaubt, die Gefahr in ihrer
ganzen Größe zu erkennen - und wer ist daran schuld als die Bour-
geoisie, die sie in einer Lage erhält, in der sie sich nicht bil-
den k ö n n e n? - oder die Maschinen sind schlecht arrangiert
und müssen mit Brustwehren oder Verschlagen umgeben werden, was
auch dem Bourgeois zur Last fällt - oder der Arbeiter hat Motive,
die die drohende Gefahr überwiegen, er muß rasch arbeiten, um
Geld zu verdienen, und hat keine Zeit, sich in acht zu nehmen
etc. - auch daran ist der Bourgeois schuld. Viele Unglücksfälle
kommen z.B. vor, wenn die Arbeiter Maschinen reinigen wollen,
während diese in Bewegung sind. Weshalb? Weil der Bourgeois die
Arbeiter zwingt, während der Freistunden, wenn sie stillstehen,
die Maschinen zu putzen, und der Arbeiter natürlich keine Lust
hat, sich von seiner freien Zeit etwas abnagen zu lassen. So viel
ist dem Arbeiter jede freie Stunde wert, daß er sich oft lieber
zweimal wöchentlich in Lebensgefahr begibt, als sie dem Bourgeois
opfert. Laßt die Fabrikanten die zum Putzen der Maschinen nötige
Zeit von der Arbeitszeit nehmen, und es wird keinem Arbeiter mehr
einfallen, laufende Maschinerie zu putzen. Kurz, in allen Fällen
fällt die letzte Schuld auf den Fabrikanten, von dem im gelinde-
sten Falle die lebenslängliche Unterstützung des arbeitsunfähig
gewordenen Arbeiters oder bei Todesfällen seiner Familie zu ver-
langen wäre. In den ersten Zeiten der Industrie waren die Unfälle
verhältnismäßig viel zahlreicher als jetzt, weil die Maschinen
schlechter, kleiner, gedrängter und fast gar nicht verschlagen
waren. Wie aber obige Angaben beweisen, ist ihre Zahl noch immer
groß genug, um ernste Bedenken über einen Zustand rege zu machen,
der erlaubt, daß so viele Verstümmelungen und Verwundungen zum
Besten einer einzigen Klasse vorkommen und so mancher fleißige
Arbeiter durch ein Unglück, das er im Dienst und durch Verschul-
den der Bourgeoisie erlitt, der Not und dem Hunger preisgegeben
wird.
Eine schöne Reihe Krankheiten, bloß durch die scheußliche Geld-
gier der Bourgeoisie erzeugt! Weiber zum Gebären unfähig gemacht,
Kinder verkrüppelt, Männer geschwächt, Glieder zerquetscht, ganze
Generationen verdorben, mit Schwäche und Siechtum infiziert, bloß
um der Bourgeoisie die Beutel zu füllen! Und wenn man erst die
Barbarei der einzelnen Fälle liest, wie die Kinder von den Aufse-
hern nackt aus dem Bette geholt, mit den Kleidern auf dem Arm un-
ter Schlägen und Tritten in die Fabriken gejagt (z.B. Stuart p.
39 und sonst) wurden, wie ihnen der Schlaf mit Schlägen
#389# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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vertrieben, wie sie trotzdem über der Arbeit eingeschlafen, wie
ein armes Kind noch im Schlaf, und nachdem die Maschine stillge-
setzt war, auf den Zuruf des Aufsehers aufsprang und mit ge-
schlossenen Augen die Handgriffe seiner Arbeit durchmachte, wenn
man liest, wie die Kinder, zu müde, nach Hause zu gehen, sich im
Trockenzimmer unter der Wolle verbargen, um dort zu schlafen, und
nur mit dem Riemen aus der Fabrik getrieben werden konnten, wie
viele Hunderte jeden Abend so müde nach Hause kamen, daß sie vor
Schläfrigkeit und Mangel an Appetit ihr Abendbrot nicht verzehren
konnten, daß ihre Eltern sie kniend vor dem Bette fanden, wo sie
während des Gebets eingeschlafen waren; wenn man das alles und
noch hundert andere Infamien und Schändlichkeiten in diesem einen
Berichte liest, alle auf den Eid bezeugt, durch mehrere Zeugen
bestätigt, von Männern ausgesagt, die die Kommissäre selbst für
glaubwürdig erklären, wenn man bedenkt, daß es ein "liberaler"
Bericht ist, ein Bourgeoisiebericht 1*), um den früheren der To-
ries umzustoßen und die Herzensreinheit der Fabrikanten herzu-
stellen, daß die Kommissäre selbst auf seiten der Bourgeoisie
sind und alles das wider Willen berichten - so soll man nicht
entrüstet, nicht ingrimmig werden über diese Klasse, die sich mit
Menschenfreundlichkeit und Aufopferung brüstet, während es ihr
einzig auf die Füllung ihrer Börsen à tout prix 2*) ankommt? Hö-
ren wir indes die Bourgeoisie, wie sie durch den Mund ihres aus-
erwählten Knechts, des Doktor Ure, spricht:
Man habe, erzählt dieser in seiner "Philosophy of Manufactures",
p. 277 u. folg., den Arbeitern vorgesagt, ihr Lohn stehe in kei-
nem Verhältnis zu ihren Opfern und habe dadurch das gute Verneh-
men zwischen Herren und Arbeitern gestört. Statt dessen hätten
die Arbeiter sich durch Fleiß und Aufmerksamkeit empfehlen und
über den Nutzen ihrer Herren freuen sollen, dann wären sie auch
Aufseher, Geschäftsführer und endlich Associes geworden und hät-
ten dadurch (o Weisheit, du sprichst wie eine Taube!) "zugleich
die Nachfrage nach Arbeit im Markte vermehrt"! - "Wenn die Arbei-
ter nicht so unruhig wären, so w ü r d e d a s F a b r i k-
s y s t e m s i c h n o c h v i e l w o h l t ä t i g e r
e n t w i c k e l t h a b e n." Darauf folgt denn eine lange
Jeremiade über die vielen Widersetzlichkeiten der Arbeiter und
bei Gelegenheit einer Arbeitseinstellung der bestbezahlten Arbei-
ter, der Feinspinner, folgender naive Ausspruch:
"Ja, es war ihr hoher Lohn, der es ihnen möglich machte, ein be-
soldetes Komitee zu halten und sich in nervöse Hypertrophie durch
eine Diät hineinzumästen, die für ihre Arbeit viel zu kräftig und
aufregend war!" (p. 298.)
Hören wir, wie der Bourgeois die Arbeit der Kinder schildert:
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1*) (1892) ein Bourgeoisbericht - 2*) um jeden Preis
#390# Friedrich Engels
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"Ich habe manche Fabrik besucht, in Manchester und der Umgegend,
und nie Kinder mißhandelt, körperlich gezüchtigt oder nur übel
gelaunt gesehen. Sie schienen alle h e i t e r (cheerful) und
a l e r t, an dem leichten Spiel ihrer Muskel sich e r f r e u-
e n d (taking pleasure), die ihrem Alter natürliche Beweglich-
keit i n v o l l e m M a ß e g e n i e ß e n d. Die Szene
der Industrie, weit entfernt, traurige Emotionen in meinem Gemüt
hervorzubringen, war mir stets a u f h e i t e r n d. Es war
e n t z ü c k e n d (delightful), die Hurtigkeit zu beobachten,
mit der sie die zerrissenen Fäden wieder vereinigten, sowie der
Mule-Wagen zurückging, und sie in Muße zu sehen, wie sie, nachdem
ihre zarten Fingerchen ein paar Sekunden in Tätigkeit gewesen
waren, sich in allen erdenklichen Stellungen a m ü s i e r-
t e n, bis das Ausziehen und Aufwinden wieder fertig war. Die
Arbeit d i e s e r f l ü c h t i g e n (lively) E l f e n
schien einem S p i e l zu gleichen, worin ihnen ihre Übung eine
gefällige Gewandtheit gab. Ihrer Geschicklichkeit sich bewußt,
freuten sie sich, sie vor jedem Fremden zu zeigen. Von
Erschöpfung keine Spur, denn wenn sie aus der Fabrik kamen, fin-
gen sie auf dem nächsten Spielplatz sogleich an, sich herumzutum-
meln mit derselben Lebhaftigkeit wie Jungen, die eben aus der
Schule kommen." (p. 301.)
(Natürlich, als ob nicht die Bewegung aller Muskeln ein unmittel-
bares Bedürfnis für den steif und zugleich schlaff gewordenen
Körper wäre! Aber Ure hätte warten sollen, ob nicht diese augen-
blickliche Aufregung nach ein paar Minuten verschwunden sei. Und
ohnehin konnte Ure dies doch nur m i t t a g s, nach fünf- bis
sechsstündiger Arbeit, aber nicht a b e n d s sehen!) Was die
Gesundheit der Arbeiter betrifft, so hat der Bourgeois die gren-
zenlose Frechheit, den eben an tausend Stellen zitierten und ex-
zerpierten Bericht von 1833 als Zeugnis für die ausgezeichnete
Gesundheit dieser Leute anzuführen, durch einzelne herausgeris-
sene Zitate beweisen zu wollen, daß sich bei ihnen keine Spur von
Skrofeln finde und, was ganz richtig ist, das Fabriksystem sie
von allen akuten Krankheiten befreie (daß sie dafür alle chroni-
schen an den Hals bekommen, verschweigt er natürlich). Man muß
wissen, daß der Bericht aus drei dicken Foliobänden besteht, die
durchzustudieren einem englischen wohlgenährten Bourgeois nicht
einfällt, um die Frechheit begreifen zu können, mit der unser
Freund Ure dem englischen Publikum die gröbsten Lügen aufheftet.
Hören wir noch, wie er sich über das Fabrikgesetz von 1833 1*)
ausspricht, das von der liberalen Bourgeoisie gegeben wurde und
dem Fabrikanten nur die notdürftigsten Beschränkungen auflegt,
wie wir sehen werden. Dies Gesetz, namentlich der Schulzwang, sei
eine absurde und despotische Maßregel gegen die Fabrikanten. Alle
Kinder unter zwölf Jahren seien dadurch arbeitslos geworden, und
was sei die Folge? Die Kinder, so von ihrer leichten und nützli-
chen Arbeit entlassen, bekämen nun gar keine Erziehung; a u s
d e m w a r m e n S p i n n s a a l i n d i e k a l t e
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1*) Bei Engels hier und im Folgenden (S. 393, 394) irrtümlich:
1834
#391# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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W e l t h i n a u s g e s t o ß e n, existierten sie nur durch
Betteln und Stehlen - ein Leben, traurig kontrastierend mit ihrer
stets sich verbessernden Lage in der Fabrik und ihrer Sonntags-
schule! Dies Gesetz erschwere unter der Maske der Philanthropie
die Leiden der Armen und werde den g e w i s s e n h a f t e n
Fabrikanten in seiner nützlichen Arbeit äußerst hemmen, wo nicht
ganz aufhalten (P. 405, 406 ff.).
Die zerstörenden Wirkungen des Fabriksystems fingen schon früh
an, allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Von dem Lehr-
lingsgesetz von 1802 sprachen wir schon. Später, gegen 1817, fing
der nachherige Stifter des englischen Sozialismus, damals Fabri-
kant in Neu-Lanark (Schottland), Robert Owen, an, durch Petitio-
nen und Denkschriften der vollziehenden Gewalt die Notwendigkeit
gesetzlicher Garantien für die Gesundheit der Arbeiter, besonders
der Kinder, vorzuhalten. Der verstorbene Sir R. Peel sowie andere
Philanthropen schlössen sich ihm an und erwirkten nacheinander
die Fabrikgesetze von 18191, 1825 und 1831, von denen die beiden
ersten gar nicht, das letzte nur hier und da befolgt wurden [92].
Dies Gesetz von 1831, auf den Antrag von Sir J.C. Hobhouse ba-
siert, setzte fest, daß in keiner Baumwollenfabrik Leute unter 21
Jahren nachts, d. h. zwischen abends halb acht und morgens halb
sechs Uhr, arbeiten, und in allen Fabriken junge Leute unter 18
Jahren höchstens 12 Stunden täglich und 9 Stunden sonnabends ar-
beiten sollten. Da aber die Arbeiter nicht gegen ihre Brotherren
zeugen durften, ohne entlassen zu werden, so half dies Gesetz we-
nig. In großen Städten, wo die Arbeiter unruhiger waren, kam al-
lenfalls eine Übereinkunft der bedeutenderen Fabrikanten zu-
stande, sich dem Gesetz fügen zu wollen, aber selbst hier gab es
viele, die sich, wie die Fabrikanten auf dem Lande, gar nicht um
das Gesetz kümmerten. Unterdes war unter den Arbeitern das Ver-
langen nach einer Zehnstundenbill rege geworden, d. h. einem Ge-
setz, das allen jungen Leuten unter dem achtzehnten Jahre ver-
böte, länger als zehn Stunden zu arbeiten; die Arbeiterassozia-
tionen erhoben diesen Wunsch durch Agitation zum allgemeinen der
Fabrikbevölkerung, die humane Sektion der Torypartei, damals von
Michael Sadler angeführt, griff diesen Plan auf und brachte ihn
vor das Parlament. Sadler erhielt ein Parlamentskomitee zur Un-
tersuchung des Fabriksystems bewilligt, und dies gab in der Ses-
sion von 1832 seinen Bericht ab. Dieser Bericht war entschieden
parteiisch, von lauter Feinden des Fabriksystems und zu einem
Parteizweck verfaßt. Sadler ließ sich durch seine edle Leiden-
schaft zu den schiefsten und unrichtigsten Behauptungen verlei-
ten, er lockte schon
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1*) Bei Engels irrtümlich: 1818
#392# Friedrich Engels
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durch die Art seiner Fragen den Zeugen Antworten ab, die zwar
Wahres, aber in verkehrter, schiefer Form enthielten. Die Fabri-
kanten, über einen Bericht entsetzt, der sie als Ungeheuer schil-
derte, baten nun selbst um eine offizielle Untersuchung; sie wuß-
ten, daß ein genauer Bericht ihnen j e t z t nur nützen könne,
sie wußten, daß Whigs, echte Bourgeois am Staatsruder saßen, mit
denen sie sich gut standen, deren Prinzipien einer Beschränkung
der Industrie entgegen waren; sie erhielten richtig eine Kommis-
sion von lauter liberalen Bourgeois, deren Bericht derselbe war,
den ich bisher so häufig zitierte. Der Bericht kommt der Wahrheit
e t w a s näher als der des Sadlerschen Komitees, seine Abwei-
chungen von ihr sind aber auf der entgegengesetzten Seite. Er
zeigt auf jeder Seite Sympathie für die Fabrikanten, Mißtrauen
gegen den Sadlerschen Bericht, Abneigung gegen die Selbsttätigen
Arbeiter und die Unterstützer der Zehnstundenbill; er erkennt
nirgends das Recht der Arbeiter zu einer menschlichen Existenz,
zu eigner Tätigkeit und eignen Meinungen an; er macht es ihnen
zum V o r w u r f, daß sie bei der Zehnstundenbill nicht nur an
die Kinder, sondern auch an sich selbst dächten, er nennt die
agitierenden Arbeiter Demagogen, Böswillige, Übelgesinnte usw.,
kurz, er steht auf seilen der Bourgeoisie - und doch kann er die
Fabrikanten nicht weißwaschen, und doch bleibt eine solche Menge
von Schändlichkeiten nach seinem eignen Geständnis auf den Schul-
tern der Fabrikanten lasten, daß selbst nach diesem Bericht die
Zehnstundenbill-Agitation, der Haß der Arbeiter gegen die Fabri-
kanten und die härtesten Bezeichnungen des Komitees gegen die
letzteren vollständig gerechtfertigt sind. Nur mit dem Unter-
schiede, daß, während der Sadlersche Bericht den Fabrikanten
offne, unverhüllte Brutalität vorwirft, es sich jetzt zeigte, daß
diese Brutalität meist unter der Maske der Zivilisation und
Menschlichkeit betrieben wurde. Erklärt sich doch Dr. Hawkms, der
medizinische Kommissär für Lancashire, selbst entschieden für die
Zehnstundenbill, gleich in der ersten Zeile seines Berichts! Und
der Kommissär Mackintosh erklärt selbst, daß sein Bericht nicht
die volle Wahrheit enthalte, da die Arbeiter nur sehr schwer da-
hin zu bringen seien, gegen ihre Brotherren zu zeugen, und die
Fabrikanten - ohnehin schon durch die Aufregung unter den Arbei-
tern zu größerer Nachgiebigkeit gegen diese gezwungen - oft genug
sich auf den Besuch der Kommission 1*) präpariert, die Fabriken
gefegt, die Schnelligkeit der Maschinenbewegung verringert hätten
etc. Namentlich in Lancashire brauchten sie den Kniff, der Kom-
mission die Aufseher der Arbeitssäle als "Arbeiter" vorzuführen,
um diese für die Humanität der Fabrikanten, die
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1*) (1845) irrtümlich: Besuch der Fabrikanten
#393# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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gesunde Wirkung der Arbeit und die Gleichgültigkeit, ja Abneigung
der Arbeiter gegen die Zehnstundenbill zeugen zu lassen. Aber
diese Aufseher sind keine echten Arbeiter mehr, sie sind Deser-
teure ihrer Klasse, die sich für höheren Lohn in den Dienst der
Bourgeoisie begeben haben und im Interesse der Kapitalisten gegen
die Arbeiter kämpfen. Ihr Interesse ist das der Bourgeoisie, und
daher sind sie den Arbeitern fast mehr verhaßt wie die Fabrikan-
ten selbst. Und dennoch ist der Bericht vollkommen genügend, um
die schändlichste Rücksichtslosigkeit der fabrizierenden Bour-
geoisie gegen ihre Arbeiter, die ganze Infamie des industriellen
Ausbeutungssystems in ihrer vollen Unmenschlichkeit zu zeigen.
Nichts ist empörender, als hier in diesem Bericht auf der einen
Seite die langen Register von Krankheiten und Verkrüppelungen
durch Überarbeitung der kalten, berechnenden Nationalökonomie des
Fabrikanten auf der ändern gegenübergestellt zu sehen, wo dieser
mit Zahlen zu beweisen sucht, daß er und ganz England mit ihm zu-
grunde gehen müßte, wenn man ihm nicht mehr erlaube, jährlich
soundso viele Kinder zu Krüppeln zu machen - nur die schamlose
Sprache des Herrn Ure, die ich eben angeführt habe, würde noch
empörender sein, wenn sie nicht zu lächerlich wäre.
Die Folge dieses Berichts war das Fabrikgesetz von 1833, das die
Arbeit von Kindern unter neun Jahren verbot (mit Ausnahme der
Seidenfabriken), die Arbeitszeit der Kinder zwischen 9 und 13
Jahren auf 48 Stunden wöchentlich oder höchstens 9 an einem Tage,
die von jungen Leuten zwischen dem 14. und 18. Lebensjahre auf 69
wöchentlich oder 12 höchstens an einem Tage beschränkte, ein Mi-
nimum von 1 1/2 Stunden Zwischenzeit für Mahlzeiten festsetzte
und das Nachtarbeiten für alle unter 18 Jahren nochmals verbot.
Zugleich wurde ein täglich zweistündiger zwangsmäßiger Schulbe-
such für alle Kinder unter 14 Jahren eingeführt und der Fabrikant
für straffällig erklärt, wenn er Kinder ohne Alterszertifikat vom
Fabrikarzte oder ohne Schulbesuchszertifikat vom Lehrer beschäf-
tige. Dafür durfte er wöchentlich einen Penny für den Lehrer vom
Lohne des Kindes zurückbehalten. Außerdem wurden Fabrikärzte und
Inspektoren ernannt, die zu jeder Zeit in die Fabrik gehen, die
Arbeiter eidlich verhören durften und auf die Beachtung des Ge-
setzes durch Klage beim Friedensgericht zu halten hatten. Das ist
das Gesetz, worüber Dr. Ure so grenzenlos schimpft!
Die Folge des Gesetzes und namentlich der Ernennung von Inspekto-
ren war, daß die Arbeitszeit durchschnittlich auf zwölf bis drei-
zehn Stunden herabgesetzt und die Kinder so gut ersetzt wurden,
als es ging. Damit verschwanden einige der schreiendsten Übe]
fast gänzlich; Verkrüppelungen kamen nur noch bei sehr schwachen
Konstitutionen vor, die Wirkungen
#394# Friedrich Engels
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der Arbeit traten weniger eklatant ans Tageslicht. Indes haben
wir im Fabrikbericht Zeugnisse genug, daß die gelinderen Übel,
Anschwellung der Fußgelenke, Schwäche und Schmerzen in Beinen,
Hüften und Rückgrat, variköse Adern, Geschwüre an den unteren
Extremitäten, allgemeine Schwäche, besonders Schwächung des Un-
terleibs, Neigung zum Erbrechen, Mangel an Appetit abwechselnd
mit Heißhunger, schlechte Verdauung, Hypochondrie, dann die
Brustübel infolge des Staubes und der schlechten Atmosphäre der
Fabriken usw. usw., alle auch in den Fabriken und bei denjeni-
gen Individuen vorkamen, die nach den Vorschriften von Sir J.C.
Hobhouses Gesetz - also zwölf bis höchstens dreizehn Stunden
arbeiteten. Die Berichte aus Glasgow und Manchester sind hier na-
mentlich zu vergleichen. Diese Übel sind auch nach dem Gesetz
von 1833 geblieben und fahren bis auf den heutigen Tag fort, die
Gesundheit der arbeitenden Klasse zu untergraben. Man hat dafür
gesorgt, daß die brutale Gewinnsucht der Bourgeoisie eine heuch-
lerische, zivilisierte Form annahm, daß die Fabrikanten, durch
den Arm des Gesetzes von allzu krassen Niederträchtigkeiten ab-
gehalten, desto mehr scheinbaren Grund haben, ihre erlogene Huma-
nität selbstgefällig auszukramen - das ist alles. Wenn heute eine
neue Fabrikkommission ausginge, sie würde das meiste beim alten
finden. Was den extemporierten Schulzwang betrifft, so blieb die-
ser ganz wirkungslos, da die Regierung nicht zu gleicher Zeit
für gute Schulen sorgte. Die Fabrikanten stellten ausgediente Ar-
beiter an, zu denen sie die Kinder zwei Stunden täglich schick-
ten und so dem Buchstaben des Gesetzes genügten - die Kinder
lernten nichts. Und selbst die Berichte der Fabrikinspektoren,
die sich nur auf das beschränken, was ihres Amts ist, nämlich
die Befolgung des Fabrikgesetzes, geben Material genug, um da-
raus das notwendige Fortbestehen der erwähnten Übel schließen zu
können. Inspektoren Homer und Saunders, in ihren Berichten vom
Oktober und Dezember 1843, erzählen, daß eine Menge Fabrikanten
in denjenigen Arbeitszweigen, wo die Arbeit von Kindern entbehrt
oder durch sonst brotlos gewordene Erwachsene ersetzt werden
kann, 14 bis 16 Stunden und drüber arbeiten lassen. Darunter
seien namentlich viele junge Leute, die eben dem Gesetz entwach-
sen seien. Andere verletzen das Gesetz geradezu, verkürzen die
Freistunden, lassen Kinder länger arbeiten, als erlaubt ist, und
lassen es auf eine Anklage ankommen, da die etwaige Strafe doch
sehr gering ist gegen den Nutzen, den sie von der Übertretung ha-
ben. Namentlich jetzt, wo das Geschäft besonders gut geht, haben
die Fabrikanten große Versuchung dazu.
Unter den Arbeitern hörte indes die Zehnstunden-Agitation nicht
auf; 1839 war sie wieder in vollem Zuge, und an des verstorbenen
Sadlers Stelle
#395# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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trat im Unterhause Lord Ashley und außer demselben Richard Oa-
stier, beide Tories. Oastier namentlich, der fortwährend in den
Arbeiterdistrikten agitierte und schon zu Sadlers Zeiten agitiert
hatte, ward der spezielle Günstling der Arbeiter. Sie nannten ihn
nur ihren "guten alten König", den "König der Fabrikkinder", und
in den ganzen Fabrikdistrikten ist kein Kind, das ihn nicht kennt
und verehrt, das ihm nicht, wenn er in die Stadt kommt, mit den
ändern in Prozession entgegenzieht. Oastier opponierte auch sehr
energisch gegen das neue Armengesetz und wurde deshalb von einem
Herrn Thornhill, einem Whig, auf dessen Gut er Verwalter war und
dem er eine Summe schuldete, wegen Schulden gefangengesetzt. Die
Whigs boten ihm mehrmals an, seine Schuld zu bezahlen, ihn sonst
zu begünstigen, wenn er seine Opposition gegen das Armengesetz
aufgeben wolle. Vergebens. Er blieb im Gefängnis und schickte von
da aus seine "Fleet papers" [93] gegen das Fabriksystem und das
Armengesetz.
Die Tory-Regierung von 1841 wandte wieder ihre Aufmerksamkeit auf
die Fabrikgesetze. Der Minister des Innern, Sir James Graham,
schlug 1843 eine Bill vor, wodurch die Arbeitszeit der Kinder auf
6 1/2 Stunden beschränkt und der Schulzwang verschärft wurde; die
Hauptsache dabei war aber die Errichtung besserer Schulen. Diese
Bill scheiterte indes an der Eifersucht der Dissenters 1*); ob-
wohl der Zwang für Dissenterkinder nicht auf den Religionsunter-
richt ausgedehnt wurde, so war doch die Schule überhaupt unter
die Aufsicht der Staatskirche gestellt, und da die Bibel das all-
gemeine Lesebuch bilden, die Religion also dem ganzen Unterricht
zugrunde liegen sollte, so fanden sich die Dissenter bedroht. Die
Fabrikanten und überhaupt die Liberalen schlugen sich zu ihnen,
die Arbeiter waren wegen der kirchlichen Frage geteilt und des-
halb untätig, die Opposition gegen die Bill brachte, obwohl sie
in den großen Fabrikstädten, z. B. Salford und Stockport, ge-
schlagen wurde und in ändern, wie Manchester, nur einige Punkte
der Bill aus Furcht vor den Arbeitern angreifen konnte, dennoch
an zwei Millionen Unterschriften für ihre Petitionen zusammen,
und Graham ließ sich so weit einschüchtern, daß er die ganze Bill
zurücknahm. Im nächsten Jahre ließ er die Bestimmungen wegen der
Schulen weg und schlug bloß vor, statt der bisherigen Vorschrif-
ten die Arbeit von Kindern zwischen acht und dreizehn Jahren auf
61/2 Stunden täglich und zwar so, daß sie entweder den Vormittag
oder den Nachmittag ganz frei hätten, die von jungen Leuten zwi-
schen dreizehn und achtzehn Jahren und die aller Weiber auf zwölf
Stunden festzustellen und außerdem einige Beschränkungen der bis-
her
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1*) Andersdenkenden (der nicht zur anglikanischen Staatskirche
gehörenden Protestanten)
#396# Friedrich Engels
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häufigen Umgehung des Gesetzes einzuführen. Kaum war er damit
aufgetreten, so begann die Zehnstunden-Agitation heftiger als je.
Oastier wurde frei, eine Anzahl seiner Freunde und eine Kollekte
unter den Arbeitern hatten seine Schuld bezahlt - und mit voller
Kraft warf er sich in die Bewegung. Die Vertreter der Zehnstun-
denbill im Unterhause hatten zugenommen, die Massen von Petitio-
nen, die von allen Seiten für die Zehnstundenbill einkamen, führ-
ten ihnen neue Unterstützer zu - am 19. März 1844 setzte Lord
Ashley durch eine Majorität von 179 gegen 170 den Beschluß durch,
daß der Ausdruck "Nacht" in der Fabrikbill die Zeit zwischen
sechs Uhr abends und sechs Uhr morgens ausdrücken solle, wodurch
also bei dem Verbot der Nachtarbeit die Arbeitszeit inklusive
Freistunden auf 12 und der Sache nach exklusive Freistunden auf
10 gesetzt wurde. Aber das Ministerium war damit nicht einver-
standen. Sir James Graham begann mit einem Rücktritt des Kabi-
netts zu drohen - und bei der nächsten Abstimmung über einen Pa-
ragraphen der Bill verwarf das Haus mit kleinen Majoritäten
sowohl zehn als zwölf Stunden! Graham und Peel erklärten nun, daß
sie eine neue Bill einbringen würden, und wenn diese nicht pas-
sierte, so würden sie abtreten; die neue Bill war genau die alte
Zwölfstundenbill, nur mit Abänderungen der Form - und dasselbe
Unterhaus, das im März diese Bill in ihren Hauptpunkten verwor-
fen, nahm sie jetzt im Mai mit Haut und Haaren an! Die Ursache
davon war, daß die meisten Unterstützer der Zehnstundenbill To-
ries waren, die lieber die Bill als das Ministerium fallen lie-
ßen; aber mögen die Motive gewesen sein, welche sie wollen, das
Unterhaus hat sich durch diese Abstimmungen, deren eine die an-
dere umwirft, bei allen Arbeitern in die größte Verachtung ge-
bracht und die von den Chartisten behauptete Notwendigkeit seiner
Reform selbst aufs glänzendste bewiesen. Drei Mitglieder, die
früher gegen das Ministerium gestimmt hatten, stimmten später da-
für und retteten es dadurch. Bei allen Abstimmungen stimmte die
Masse der Opposition f ü r und die Masse der Ministeriellen
g e g e n das Kabinett. *) Die obigen Vorschläge Grahams wegen
respektive 6 1/2 stündiger und 12 stündiger Arbeit der beiden Ar-
beiterklassen sind also jetzt gesetzlich festgestellt und hier-
durch sowie durch Beschränkung des Nachholens für verlerne Zeit
(wenn Maschinerie zerbrach oder die Wasserkraft wegen Frost oder
Dürre zu gering wurde) und andere kleinere Beschränkungen ist
eine längere als zwölfstündige Arbeitszeit fast unmöglich ge-
macht. Es unterliegt
-----
*) Bekanntlich blamierte sich das Unterhaus in derselben Session
noch einmal auf diese Weise in der Zuckerfrage, wo es zuerst ge-
gen, später, nach Anwendung der "Regierungspeitsche", für die Mi-
nister entschied.
#397# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
-----
indes keinem Zweifel, daß in sehr kurzer Zeit die Zehnstundenbill
wirklich durchgehen wird. Die Fabrikanten sind natürlich fast
alle dagegen, es gibt vielleicht keine zehn, die dafür sind; sie
haben alle ehrlichen und unehrlichen Mittel gegen diesen ihnen
verhaßten Vorschlag aufgeboten, aber das hilft ihnen zu nichts,
als daß sie sich den Haß der Arbeiter immer mehr und mehr zuzie-
hen. Die Bill geht doch durch, was die Arbeiter w o l l e n,
das können sie, und daß sie die Zehnstundenbill wollen, haben sie
im vorigen Frühjahr bewiesen. Die nationalökonomischen Argumente
der Fabrikanten, daß eine Zehnstundenbill die Produktionskosten
steigere, daß sie dadurch die englische Industrie unfähig mache,
gegen auswärtige Konkurrenz zu kämpfen, daß der Arbeitslohn not-
wendig fallen müsse usw., sind allerdings h a l b w a h r,
aber sie beweisen nichts, als daß die industrielle Größe Englands
nur durch barbarische Behandlung der Arbeiter, nur durch Zerstö-
rung der Gesundheit, durch soziale, physische und geistige Ver-
nachlässigung ganzer Generationen aufrechterhalten werden kann.
Natürlich, wäre die Zehnstundenbill eine definitive Maßregel, so
würde England dabei ruiniert; weil sie aber notwendig andere Maß-
regeln nach sich zieht, die England auf eine ganz andere als die
bisher befolgte Bahn lenken müssen, deshalb wird sie ein Fort-
schritt sein.
Wenden wir uns nun zu einer ändern Seite des Fabriksystems, die
weniger als die daraus folgenden Krankheiten durch gesetzliche
Vorschriften zu beseitigen ist. Wir sprachen schon im allgemeinen
von der Art der Arbeit, und wir sprachen ausführlich genug, um
aus dem Gegebenen weitere Schlüsse ziehen zu können. Die Beauf-
sichtigung von Maschinen, das Anknüpfen zerrissener Fäden ist
keine Tätigkeit, die das Denken des Arbeiters in Anspruch nimmt,
und auf der ändern Seite wieder derart, daß sie den Arbeiter hin-
dert, seinen Geist mit ändern Dingen zu beschäftigen. Zu gleicher
Zeit sahen wir, daß diese Arbeit ebenfalls den Muskeln, der kör-
perlichen Tätigkeit keinen Spielraum bietet. Auf diese Weise ist
es eigentlich keine Arbeit, sondern die reine Langeweile, das er-
tötendste, abmattendste, was es gibt - der Fabrikarbeiter ist
dazu verurteilt, seine körperlichen und geistigen Kräfte gänzlich
in dieser Langeweile verkommen zu lassen, er hat den Beruf, sich
von seinem achten Jahre an den ganzen Tag zu langweilen. Dazu
kann er keinen Augenblick abkommen - die Dampfmaschine geht den
ganzen Tag, die Räder, Riemen und Spindeln schnurren und rasseln
ihm in einem fort in die Ohren, und wenn er nur einen Augenblick
ruhen will, so hat er gleich den Aufseher mit dem Strafenbuch
hinter sich. Diese Verdammung zum Lebendigbegrabenwerden in der
Fabrik, zum steten Achtgeben auf die unermüdliche Maschine wird
von den Arbeitern als die härteste Tortur empfunden. Sie wirkt
#398# Friedrich Engels
-----
aber auch im höchsten Grade abstumpfend, wie auf den Körper so
auch auf den Geist des Arbeiters. Man kann wirklich keine bessere
Methode zur Verdummung erfinden als die Fabrikarbeit, und wenn
dennoch die Fabrikarbeiter nicht nur ihren Verstand gerettet,
sondern auch mehr als andere ausgebildet und geschärft haben, so
war dies wieder nur durch die Empörung gegen ihr Schicksal und
gegen die Bourgeoisie möglich - das einzige, was sie allenfalls
noch bei der Arbeit denken und fühlen konnten. Und wenn diese In-
dignation gegen die Bourgeoisie nicht zum vorherrschenden Gefühl
beim Arbeiter wird, so ist die notwendige Folge der Trunk und
überhaupt alles das, was man gewöhnlich Demoralisation nennt.
Schon die körperliche Abspannung und die infolge des Fabriksy-
stems allgemein gewordenen Krankheiten waren dem offiziellen Kom-
missär Hawkins hinreichend, um aus ihnen die Notwendigkeit dieser
Demoralisation abzuleiten - wieviel mehr noch, wenn auch die gei-
stige Abspannung noch hinzutritt und die schon erwähnten Um-
stände, die j e d e n Arbeiter zur Demoralisation verlocken,
hier auch ihre Einflüsse fühlbar machen! Wir dürfen uns daher
auch gar nicht darüber wundern, daß namentlich in den Fabrikstäd-
ten die Trunksucht und die geschlechtliche Ausschweifung die Höhe
erreicht hat, die ich früher schon geschildert habe. *)
Weiter. Die Sklaverei, in der die Bourgeoisie das Proletariat ge-
fesselt hält, kommt nirgends deutlicher ans Tageslicht als im
Fabriksystem. Hier hört alle Freiheit rechtlich und faktisch auf.
Der Arbeiter muß morgens um halb sechs in der Fabrik sein - kommt
er ein paar Minuten zu spät, so wird er gestraft, kommt er zehn
Minuten zu spät, so wird er gar nicht hineingelassen,
---
*) Hören wir noch einen kompetenten Richter: "Wenn das Beispiel
der Irländer in Verbindung mit der unablässigen Arbeit der ganzen
baumwollfabrizierenden Klasse betrachtet wird, so werden wir uns
über ihre schreckliche Demoralisation weniger wundern. Anhaltende
und erschöpfende Arbeit Tag für Tag, Jahr für Jahr fortgesetzt,
ist nicht berechnet, die intellektuellen und moralischen Fähig-
keiten des Menschen zu entwickeln. Der trübselige Schlendrian ei-
ner endlosen Arbeitsqual (drudgery), worin derselbe mechanische
Prozeß immer wieder durchgemacht wird, gleicht der Qual des Sisy-
phus; die Last der Arbeit, gleich dem Felsen, fällt immer wieder
auf den abgematteten Arbeiter zurück. Der Geist erlangt weder
Kenntnisse noch Denktätigkeit durch die ewige Arbeit derselben
Muskeln; der Verstand schlummert ein in stumpfer Trägheit, aber
der gröbere Teil unserer Natur erhält eine üppige Entwicklung.
Den Menschen zu solcher Arbeit zu verdammen heißt die tierischen
Anlagen in ihm kultivieren. Er wird gleichgültig, er verschmäht
die seine Gattung auszeichnenden Triebe und Sitten. Er vernach-
lässigt die Bequemlichkeiten und feineren Freuden des Lebens, er
lebt in schmutzigem Elend, bei magerer Nahrung und vergeudet den
Rest seines Erwerbs in Ausschweifungen." - Dr. J.P. Kay, a.a.O.
#399# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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bis das Frühstück vorüber ist, und verliert einen Vierteltag am
Lohn (obgleich er nur 21,2 Stunden von 12 nicht arbeitet). Er muß
auf Kommando essen, trinken und schlafen. Er hat zur Befriedigung
der allerdringendsten Bedürfnisse die allergeringste Zeit, die zu
ihrer Abmachung nötig ist. Ob seine Wohnung von der Fabrik eine
halbe oder ganze Stunde weit abliegt, kümmert den Fabrikanten
nicht. Die despotische Glocke ruft ihn aus dem Bette, ruft ihn
vom Frühstück und Mittagstisch.
Und wie geht es ihm gar erst in der Fabrik! Hier ist der Fabri-
kant absoluter Gesetzgeber. Er erläßt Fabrikregulationen, wie er
Lust hat; er ändert und macht Zusätze an seinem Kodex, wie es ihm
beliebt; und wenn er das tollste Zeug hineinsetzt, so sagen doch
die Gerichte dem Arbeiter:
"Ihr wart ja Euer eigner Herr, Ihr brauchtet ja einen solchen
Kontrakt nicht einzugehen, wenn Ihr nicht Lust hattet; jetzt
aber, da Ihr unter diesen Kontrakt Euch freiwillig begeben habt,
jetzt müßt Ihr ihn auch befolgen."
Und so hat der Arbeiter noch den Spott des Friedensrichters, der
selbst ein Bourgeois ist, und des Gesetzes, das von der Bour-
geoisie gegeben wurde, in den Kauf. Solche Entscheidungen sind
oft genug gegeben worden. Im Oktober 1844 stellten die Arbeiter
des Fabrikanten Kennedy in Manchester die Arbeit ein. Kennedy
verklagte sie auf Grund einer in der Fabrik angeschlagenen Vor-
schrift: daß aus jedem Zimmer nie mehr als zwei Arbeiter auf ein-
mal kündigen dürften! Und das Gericht gab ihm recht und den Ar-
beitern die obige Antwort. ("Manchester Guardian", 30. Oktober.)
Und wie sind diese Regeln gewöhnlich! Hört: 1. Die Fabriktüre
wird 10 Minuten nach dem Anfange der Arbeit geschlossen und nie-
mand bis zum Frühstück hereingelassen. Wer während dieser Zeit
abwesend ist, verwirkt für jeden Webstuhl 3 d. Strafe. 2. Jeder
(Maschinenstuhl-)Weber, der während einer ändern Zeit, während
die Maschine in Bewegung ist, abwesend gefunden wird, verwirkt
für jede Stunde und jeden Webstuhl, den er zu beaufsichtigen hat,
3 d. Wer während der Arbeitszeit ohne Erlaubnis des Aufsehers das
Zimmer verläßt, wird ebenfalls 3 d. gestraft. 3. Weber, die keine
Schere bei sich haben, verwirken für jeden Tag 1 d. 4. Alle We-
berschiffchen, Bürsten, Ölkannen, Räder, Fenster etc., die zer-
brochen werden, müssen von dem Weber bezahlt werden. 5. Kein We-
ber darf ohne A u f k ü n d i g u n g, d i e e i n e
W o c h e v o r h e r g e s c h e h e n m u ß, aus dem Dienst
treten. Der Fabrikant kann jeden Arbeiter o h n e
K ü n d i g u n g für schlechte Arbeit öder unziemliches Betra-
gen entlassen. 6. Jeder Arbeiter, der mit einem andern
s p r e c h e n d, der s i n g e n d oder p f e i f e n d be-
troffen wird, entrichtet 6 d. Strafe. Wer während der Arbeit von
seinem Platze geht, ebenfalls 6 d. *) - Mir liegt noch ein an-
deres
*) "Stubborn Facts", p. 9 ff.
#400# Friedrich Engels
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Fabrikreglement vor, nach welchem jedem, der drei Minuten zu spät
kommt, eine Viertelstunde, und jedem, der zwanzig Minuten zu spät
kommt, ein Vierteltag am Lohn abgehalten wird. Wer vor dem Früh-
stück ganz wegbleibt, l sh. am Montag und 6 d. an jedem ändern
Tage etc. etc. Dies letztere ist das Reglement der Phoenix Works,
in Jersey Street, Manchester. - Man wird mir sagen, solche Regeln
seien notwendig, um in einer großen, geordneten Fabrik das nötige
Ineinandergreifen der verschiedenen Manipulationen zu sichern;
man wird sagen, eine solche strenge Disziplin sei hier ebenso
notwendig wie bei der Armee - gut, es mag sein, aber was ist das
für eine soziale Ordnung, die ohne solche schändliche Tyrannei
nicht bestehen kann? Entweder heiligt der Zweck das Mittel, oder
der Schluß von der Schlechtigkeit des Mittels auf die Schlechtig-
keit des Zwecks ist ganz gerechtfertigt. Und wer Soldat gewesen
ist, weiß, was es heißt, auch nur für kurze Zeit unter militäri-
scher Disziplin zu stehen; diese Arbeiter sind aber dazu ver-
dammt, vom neunten Jahre an bis zu ihrem Tode unter der geistigen
und körperlichen Fuchtel zu leben, sie sind ärgere Sklaven als
die Schwarzen in Amerika, weil sie schärfer beaufsichtigt werden
- und dabei wird noch verlangt, daß sie menschlich leben, mensch-
lich denken und fühlen sollen! Wahrlich, sie können es wieder nur
im glühendsten Haß gegen ihre Unterdrücker und gegen die Ordnung
der Dinge, die sie in eine solche Lage versetzt, die sie zu Ma-
schinen herabwürdigt! Es ist aber noch viel schändlicher, daß es
nach der a l l g e m e i n e n Aussage der Arbeiter eine Menge
Fabrikanten gibt, die die den Arbeitern auferlegten Geldstrafen
mit der herzlosesten Strenge eintreiben, um aus den den besitzlo-
sen Proletariern geraubten Pfennigen ihren Gewinn zu vergrößern.
Auch Leach behauptet, daß die Arbeiter oft morgens die Uhr der
Fabrik um eine Viertelstunde vorgerückt und infolgedessen bei ih-
rer Ankunft die Tür verschlossen finden, während der Schreiber
mit dem Strafbuch drinnen durch die Zimmer geht und die große
Menge der Fehlenden aufschreibt. Leach will selbst einmal 95 sol-
cher ausgeschlossenen Arbeiter gezählt haben vor einer Fabrik,
deren Uhr abends eine Viertelstunde h i n t e r und morgens
eine Viertelstunde v o r den öffentlichen Uhren der Stadt ging.
Der Fabrikbericht erzählt ähnliche Dinge. In einer Fabrik wurde
die Uhr während der Arbeitszeit zurückgesetzt, so daß länger ge-
arbeitet wurde als die richtige Zeit und der Arbeiter doch nicht
mehr Lohn bekam; in einer ändern wurde geradezu eine Viertel-
stunde länger gearbeitet, in einer dritten war eine gewöhnliche
Uhr und eine Maschinenuhr, welche die Anzahl der Umdrehungen des
Hauptschafts anzeigte; ging die Maschinerie langsam, so wurde
nach der Maschinenuhr gearbeitet, bis die für 12 Stunden berech-
nete Anzahl Umdrehungen voll war; ging die Arbeit
#401# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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gut, so daß diese Zahl vor der rechten Zeit voll war, so mußten
die Arbeiter dennoch bis zum Ende der zwölften Stunde fortarbei-
ten. Der Zeuge fügt hinzu, er habe einige Mädchen gekannt, die in
guter Arbeit waren und Extrastunden arbeiteten, die aber doch
lieber sich der Prostitution in die Arme geworfen, als daß sie
sich diese Tyrannei hätten gefallen lassen (Drink-w[ater] evid.
p. 80). Leach erzählt, um auf die Geldstrafen zurückzukommen, er
habe zu wiederholten Malen gesehen, wie hochschwangere Frauen,
die sich einen Augenblick bei ihrer Arbeit gesetzt hatten, um
auszuruhen, für dies Vergehen um 6 d. gestraft wurden. Die Stra-
fen wegen schlechter Arbeit werden vollends willkürlich aufer-
legt; die Ware wird im Lager nachgesehen, und hier schreibt der
nachsehende Lagermeister die Strafen auf eine Liste, o h n e
d e n A r b e i t e r a u c h n u r
h e r b e i z u r u f e n; dieser erfährt erst, daß er gestraft
worden ist, wenn ihm der Aufseher den Lohn ausbezahlt und die
Ware vielleicht schon verkauft und jedenfalls auf die Seite ge-
bracht ist. Leach besitzt eine solche Strafliste, die zusammenge-
heftet zehn Fuß lang ist und sich auf Pfd. St. 35-17-10 d. be-
läuft. Er erzählt, daß in der Fabrik, v/o diese Liste aufgesetzt,
ein neuer Lagermeister entlassen worden sei, weil er zu wenig
strafe und so dem Fabrikanten fünf Pfund (34 Taler) wöchentlich
zu wenig einbringe ("Stubborn Facts", p. 13-17). Und ich wieder-
hole nochmals, daß ich Leach als einen durchaus zuverlässigen und
einer Lüge unfähigen Mann kenne.
Aber auch außerdem ist der Arbeiter der Sklave seines Brotherrn.
Wenn dem reichen Herrn die Frau oder Tochter des Arbeiters ge-
fällt - so hat er nur zu verfügen, nur zu winken, und sie muß ihm
ihre Reize opfern. Wenn der Fabrikant eine Petition zum Schutz
der Bourgeoisie- Interessen mit Unterschriften zu bedecken
wünscht - er braucht sie nur in seine Fabrik zu schicken. Will er
eine Parlamentswahl durchsetzen - er schickt seine stimmfähigen
Arbeiter in Reih und Glied an die Stimmbuden, und sie müssen wohl
für den Bourgeois stimmen, sie mögen wollen oder nicht. Will er
in einer öffentlichen Versammlung eine Majorität haben - er
entläßt sie eine halbe Stunde früher als gewöhnlich und besorgt
ihnen Plätze dicht an der Tribüne, wo er sie gehörig überwachen
kann.
Dazu kommen aber noch zwei Einrichtungen, die ganz besonders dazu
beitragen, den Arbeiter in die Botmäßigkeit des Fabrikanten zu
zwingen - das T r u c k s y s t e m und das C o t t a g e-
s y s t e m. Truck heißt bei den Arbeitern das Bezahlen des
Lohns in Waren, und dieser Zahlmodus war früher ganz allgemein in
England. Der Fabrikant errichtete, "zur Bequemlichkeit der Ar-
beiter und um sie vor den hohen Preisen der Krämer zu schützen",
einen Laden, in dem für seine Rechnung Waren aller Art verkauft
wurden; und
#402# Friedrich Engels
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damit der Arbeiter nicht etwa in andere Läden gehe, wo er die Wa-
ren billiger haben konnte - die Truckwaren des "Tommy-Shop"
pflegten 25 bis 30 Prozent teurer zu sein als anderswo -, gab man
ihm auch wohl eine Anweisung auf den Laden für den Betrag seines
Lohns anstatt des Geldes. Der allgemeine Unwille über dies infame
System veranlaßte 1831 den Truck-Akt, wodurch die Bezahlung in
Waren 1*) für die meisten Arbeiter für ungültig und ungesetzlich
erklärt und mit Strafen belegt wurde; indes hat dies Gesetz, wie
die meisten englischen Gesetze, nur hier und da faktische Kraft
erhalten. In den Städten freilich ist es ziemlich genau durchge-
führt, auf dem Lande aber ist das direkte und indirekte Trucksy-
stem noch in voller Blüte. Auch in der Stadt Leicester kommt es
sehr häufig vor. Mir liegen ungefähr ein Dutzend Fälle von Verur-
teilungen wegen dieses Vergehens vor, die von November 1843 bis
Juni 1844 vorkamen und teils im "Manchester Guardian", teils im
"Northern Star"[94] berichtet werden. Natürlich wird dies System
jetzt nicht mehr so offen getrieben; der Arbeiter bekommt sein
Geld meistens ausbezahlt, aber der Fabrikant hat Mittel genug,
ihn zu zwingen, daß er seine Waren in dem Truckladen und nirgends
anderswo kauft. Daher ist den Truckfabrikanten selten beizukom-
men, denn jetzt können sie ihr Unwesen unter dem Schütze des Ge-
setzes treiben, sobald sie nur dem Arbeiter das Geld wirklich in
die Hände geben. Der "Northern Star" vom 27. April 1844 gibt
einen Brief eines Arbeiters in Holmfirth bei Huddersfield in
Yorkshire, dessen Orthographie ich wiedergeben will, soviel es
möglich ist, und der sich auf einen Fabrikanten Bowers bezieht:
"Es ist vast Befremdent Zu dencken, Daß Daß verflugte Truk Sistim
Besteehn Solde in Solger ausDenung Alz Eß thut zu Holmfirth Und
niemannt gevunden Werden Der Die Kurrase Had Den Vabrickanden 1
stok Dafor zu Steken. bier Leyden I groose mengge erliger hand
Weeber Durg Dißem Vervlugden Siststem Hier ist l probe auß fielen
Der EdelMütigen Vrey Handelsklike *) Ist 1 vabrickand Welger had
Auff im Den flug Der Gansen geegendt Wegen Seine Abscheuligs be-
dragen gegen Semen Armen weebern wen Sie ein stük Vertig Haben so
34 oder 36 Schiling Magt Gipd er Sie 20 Shi. In gelt Und Das üb-
rige in Tug Oder KleyderZeug Und 40 oder 50 pro Zend teuerer Alz
bey Den ändern Verkeuffern Und wie offt Sein Die waren oben
Darein nog vaul. aber Wie sagd Der Frey Handels Merkur **) Sie
sein Nigt fervligtet Sie an zu Nemen Es Stet ganz in Irem beliben
O Ja aber Sie Musen Sie tndweder an Nemen oder fer-Hungeren. Wen
sie Mer Als die 20 Shil. In Geldt haben Wolen So Können Sie 8
oder
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*) Die Anhänger der Anti-Korngesetz-Ligue.
**) Der "Leeds Mercury" - bourgeois-radikales Blatt.
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1*) (1845) irrtümlich: Lohn
#403# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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14 tage auf eine kete Wardten Aber nemen Sie Die 20 Shi. Und Die
waren So ist imer 1 Kete vor sie Zu haben. Das Ist vreyer Handel,
Lord Brohom (Brougham) sagd wir Solden Edwas zu Rüklegen in unse-
ren Junge Tage Auff Das wir Nigt die armen Casse bedürven wen wir
Aid sein sollen wir Die vaule waren zu Rüklegen. wen dis Nigt
kerne von einen Lord so solle Mann sagen Das sein geHirn Eben So
vaul were Als Die waren wo mit wir unsere arbeid bezald krigen.
als die Ungestempelden Zeitungen Aufkamen taten Da war Ein Menge
so dis Der polizei anzeigden in Holmfirth Da waren die Blyths,
die Estwoods Und s. w. etcet. Aber wo sein Sie jetz aber Es ist
etwas Anderes unser truk Vabrikand gehörd zu die Vromme Vreihan-
dels Leute Er get 2 mal in Die kirge Jeden sondag Und sagd Dem
pfaven Andegtig Nag wir Haben unter Laßen Die Dinge so wir Haten
tun solen Und wir Haben getan Die dinge so Wir rieten unter Lasen
solen und in Uns ist kein gut Aber schohne unser guter Gott"
(Worte der anglikanischen Litanei) "ja schohne unser biß Morgen
so bezalen wir wider Unsern Webern in vaule Waren."
Das Cottagesystem sieht viel unschuldiger aus und ist auch auf
eine viel unschuldigere Weise entstanden, obwohl es dieselben
knechtenden Wirkungen für den Arbeiter hat. In der Nähe der Fa-
briken auf dem Lande fehlt es oft an Wohnungen für die Arbeiter;
der Fabrikant ist oft genötigt, solche Wohnungen zu bauen, und
tut es gern, da sie ihm reichlichen Nutzen auf sein ausgelegtes
Kapital einbringen. Wenn die Eigentümer von Arbeitercottages etwa
6 Prozent jährlich von ihrem Kapital bekommen, so kann man rech-
nen, daß die Gottages dem Fabrikanten das Doppelte eintragen, da
er, solange seine Fabrik nicht gänzlich stillsteht, immer Mieter
hat, und zwar solche Mieter, die stets bezahlen. Er ist also von
den beiden Hauptnachteilen frei, die die übrigen Hausbesitzer
treffen: Er hat nie Cottages leer stehen und läuft kein Risiko.
Die Miete einer Cottage ist aber darnach berechnet, daß sie diese
Nachteile deckt, und wenn der Fabrikant also dieselbe Miete nimmt
wie die übrigen, so macht er mit 12 bis 14 Prozent ein brillantes
Geschäft auf Unkosten der Arbeiter. Denn es ist offenbar unrecht,
daß er, wenn er im Häuservermieten Geschäfte macht, einen größe-
ren, ja den doppelten Nutzen bezieht wie seine Konkurrenten und
zu gleicher Zeit ihnen alle Möglichkeit nimmt, mit ihm zu konkur-
rieren. Doppeltes Unrecht aber ist es, daß er diesen Nutzen aus
der Tasche der besitzlosen Klasse bezieht, die über jeden Pfennig
haushalten muß - doch das ist e r ja gewohnt, dessen ganzer
Reichtum auf Unkosten seiner Arbeiter erworben ist. Aber das Un-
recht wird zur Infamie, wenn der Fabrikant, wie es oft genug ge-
schieht, die Arbeiter, die bei Strafe der Entlassung in seinen
Häusern wohnen m ü s s e n, zur Bezahlung einer höheren als der
gewöhnlichen Miete oder gar dazu zwingt, Miete für ein Haus zu
bezahlen, das sie gar nicht bewohnen! Der "Halifax Guardian", zi-
tiert im liberalen "Sun", behauptet, daß Hunderte
#404# Friedrich Engels
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von Arbeitern in Ashton-under-Lyne, Oldham und Rochdale usw. von
ihren Brotherren genötigt seien, Miete für Häuser zu bezahlen,
gleichviel ob sie diese Häuser bewohnten oder nicht. *) Das Cot-
tagesystem ist allgemein in den ländlichen Fabrikdistrikten; es
hat ganze Ortschaften hervorgerufen, und meistens hat der Fabri-
kant wenig oder gar keine Konkurrenz mit seinen Häusern, so daß
er seine Miete gar nicht nach den Forderungen andrer einzurichten
braucht, sondern sie ansetzen kann, wie er will. Und welche Macht
gibt das Cottagesystem erst dem Fabrikanten bei Zerwürfnissen mit
den Arbeitern! Stellen diese die Arbeit ein, so hat er ihnen nur
die Miete zu kündigen, und die Kündigungsfrist ist nur eine Wo-
che; nach Verlauf derselben sind die Arbeiter nicht nur brotlos,
sondern auch obdachlos, Vagabunden, dem Gesetz verfallen, das sie
ohne Gnade einen Monat auf die Tretmühle schickt.
Das ist das Fabriksystem, so ausführlich geschildert, wie es mein
Raum erlaubt, und so unparteiisch, wie es die Heldentaten der
Bourgeoisie gegen wehrlose Arbeiter, Taten, bei denen man unmög-
lich gleichgültig bleiben kann, bei denen Gleichgültigkeit ein
Verbrechen wäre, erlauben. Vergleichen wir doch einmal die Lage
des freien Engländers von 1845 mit der des leibeignen Sachsen un-
ter der Geißel des normannischen Barons von 1145. Der Leibeigne
war glebae adscriptus, an die Scholle gefesselt; der freie Arbei-
ter ist es auch - durch das Cottagesystem; der Leibeigne schul-
dete dem Brotherrn das jus primae noctis, das Recht der ersten
Nacht - der freie Arbeiter schuldet seinem Herrn nicht nur das,
sondern sogar das Recht j e d e r Nacht. Der Leibeigne konnte
kein Eigentum erwerben, alles, was er erwarb, durfte ihm der
Grundherr nehmen - der freie Arbeiter hat ebenfalls kein Eigen-
tum, kann keins erwerben durch den Druck der Konkurrenz, und was
selbst der Normanne nicht tat, das tut der Fabrikant: durch das
Trucksystem maßt er sich täglich die Verwaltung dessen an, wovon
der Arbeiter seinen unmittelbaren Lebensunterhalt hat. Das Ver-
hältnis des Leibeignen zum Grundherrn war durch Gesetze geregelt,
die befolgt wurden, weil sie den Sitten entsprachen, sowie auch
durch die Sitten selbst; des freien Arbeiters Verhältnis zu sei-
nem Herrn ist durch Gesetze geregelt, die n i c h t befolgt
werden, weil sie weder den Sitten noch dem Interesse des Herrn
entsprechen. Der Grundherr konnte den Leibeignen nicht von der
Scholle losreißen, ihn nicht ohne sie, und da fast alles Majorat
und nirgends Kapital war, ihn überhaupt nicht verkaufen; die mo-
derne Bourgeoisie zwingt den Arbeiter, sich selbst zu verkaufen.
Der Leibeigne war Sklave des Grundstücks, auf dem er geboren
---
*) "Sun" (Londoner Tageblatt) von Ende November 1844.
#405# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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war; der Arbeiter ist Sklave der notwendigsten Lebensbedürfnisse
und des Geldes, mit dem er sie zu kaufen hat - beide sind Sklaven
der S a c h e. Der Leibeigne hat eine Garantie für seine Exi-
stenz an der feudalen Gesellschaftsordnung, in der jeder seine
Stelle hat; der freie Arbeiter hat gar keine Garantie, weil er
nur dann eine Stelle in der Gesellschaft hat, wenn die Bour-
geoisie ihn braucht - sonst wird er ignoriert, als gar nicht vor-
handen betrachtet. Der Leibeigne opfert sich seinem Herrn im
Kriege - der Fabrikarbeiter im Frieden. Der Herr des Leibeignen
war ein Barbar, er betrachtete seinen Knecht wie ein Stück Vieh;
der Herr des Arbeiters ist zivilisiert, er betrachtet diesen wie
eine Maschine. Kurz, die beiden stehen sich in allem so ziemlich
gleich, und wenn auf einer Seite Nachteil ist, so ist es auf der
des freien Arbeiters. Sklaven sind sie beide, nur daß die Knecht-
schaft des einen ungeheuchelt, offen, ehrlich ist und die des än-
dern heuchlerisch, hinterlistig verheimlicht vor ihm selbst und
allen ändern, eine theologische Leibeigenschaft, die schlimmer
ist als die alte. Die humanen Tories hatten recht, als sie den
Fabrikarbeitern den Namen: white Slaves, weiße Sklaven, gaben.
Aber die heuchlerische, sich versteckende Knechtschaft erkennt
wenigstens das Recht auf Freiheit dem Scheine nach an; sie beugt
sich der freiheitliebenden öffentlichen Meinung, und darin liegt
der historische Fort schritt gegen die alte Sklaverei, daß wenig-
stens das P r i n z i p der Freiheit durchgesetzt ist - und die
Unterdrückten werden schon dafür sorgen, daß dies Prinzip auch
durchgeführt werde.
Zum Schluß ein paar Strophen eines Gedichts, das die Ansicht der
Arbeiter selbst über das Fabriksystem ausspricht. Es ist von Ed-
ward P. Mead in Birmingham und der richtige Ausdruck der unter
den Arbeitern herrschenden Gesinnung. [95]
Ein König lebt, ein zorniger Fürst,
Nicht des Dichters geträumtes Königsbild,
Ein Tyrann, den der weiße Sklave kennt.
Und der Dampf ist der König wild.
Er hat einen Arm, einen eisernen Arm,
Und obgleich er nur einen trägt;
In dem Arme schafft eine Zauberkraft,
Die Millionen schlägt.
Wie der Moloch grimm, sein Ahn, der einst
Im Tale Himmon saß,
Ist Feuersglut sein Eingeweid',
Und Kinder sind sein Fraß.
#406# Friedrich Engels
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Seine Priesterschar, der Menschheit bar,
Voll Blutdurst, Stolz und Wut,
Sie lenken - o Schand'! - seine Riesenhand
Und zaubern Gold aus Blut.
Sie treten in Staub das Menschenrecht
Für das schnöde Gold, ihren Gott,
Des Weibes Schmerz ist ihnen Scherz,
Des Mannes Trän' ihr Spott.
Musik ist ihrem Ohr das Schrei'n
Des Armen im Todeskampf;
Skelette von Jungfrau'n und Knaben füll'n
Die Höllen des König Dampf.
Die Höll'n auf Erd'! sie verbreiten Tod,
Seit der Dampf herrscht, rings im Reich,
Denn des Menschen Leib und Seele wird
Gemordet d'rin zugleich.
Drum nieder den Dampf, den Moloch wild,
Arbeitende Tausende, all',
Bind't ihm die Hand, oder unser Land
Bringt er über Nacht zu Fall!
Und seine Vögte grimm, die Mill-Lords stolz,
Goldstrotzend und blutigrot,
Stürzen muß sie des Volkes Zorn,
Wie das Scheusal, ihren Gott! *)
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*) Ich habe weder Zeit noch Raum, mich weitläufig auf die Entgeg-
nungen der Fabrikanten auf die gegen sie seit zwölf Jahren ge-
richteten Anklagen einzulassen. Die Leute sind nun einmal nicht
zu belehren, weil ihr vermeintliches Interesse sie blendet. Da
ohnehin in obigem manche ihrer Einwände schon gelegentlich besei-
tigt sind, so bleibt mir nur folgendes zu sagen:
Ihr kommt nach Manchester, ihr wollt die englischen Zustände ken-
nenlernen. Ihr habt gute Empfehlungen an "respektable" Leute, na-
türlich. Ihr laßt einige Äußerungen über die Lage der Arbeiter
fallen. Man macht euch mit ein paar der ersten liberalen Fabri-
kanten bekannt, etwa Robert Hyde Greg, Edmund Ashworth, Thomas
Ashton, oder so. Ihr erzählt ihm von euren 1*) Absichten. Der
Fabrikant versteht euch, er weiß, was er zu tun hat. Er fährt mit
euch auf seine Fabrik auf dem Lande - Herr Greg nach Quarry-Bank
in Cheshire, Herr Ashworth nach Turton bei Bolton, Herr Ashton
nach Hyde. Er führt euch durch ein prächtiges,
wohleingerichtetes, vielleicht mit Ventilatoren
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1*) (1845): Man erzählt ihm von seinen...
#407# Lage der arbeitenden Klasse - Die einzelnen Arbeitszweige
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versehenes Gebäude, er macht euch auf die hohen, luftigen Räume,
die schönen Maschinen, hier und da auf gesundaussehende Arbeiter
aufmerksam. Er gibt euch ein gutes Frühstück und schlägt euch
vor, die Wohnungen der Arbeiter zu besuchen - er führt euch an
die Cottages, die neu, reinlich und nett aussehen, und geht mit
euch in diese und jene selbst hinein. Natürlich nur zu den Aufse-
hern, Mechanikern usw., damit ihr "Familien seht, die g a n z
von der Fabrik leben". Bei den ändern dürftet ihr ja finden, daß
nur Frau und Kinder arbeiten und der Mann Strümpfe stopft. Die
Gegenwart des Fabrikanten hindert euch, indiskrete Fragen zu tun;
ihr findet die Leute alle gut bezahlt, komfortabel, von wegen der
Landluft verhältnismäßig gesund, ihr fangt an, euch von euren
überspannten Ideen von Elend und Hungersnot zu bekehren. Daß aber
das Cottagesystem die Arbeiter zu Sklaven macht, daß vielleicht
ein Truckladen in der Nähe ist, das erfahrt ihr nicht, daß die
Leute den Fabrikanten hassen, das zeigen sie euch nicht, weil er
dabei ist. Er hat wohl gar auch Schule, Kirche, Lesezimmer etc.
errichtet. Daß er die Schule dazu gebraucht, die Kinder an die
Subordination zu gewöhnen, daß er im Lesezimmer nur solche Sachen
duldet, in denen das Interesse der Bourgeoisie vertreten wird,
daß er seine Leute wegschickt, wenn sie chartistische und sozia-
listische Blätter und Bücher lesen - das ist euch all verborgen.
Ihr seht ein behagliches, patriarchalisches Verhältnis, ihr seht
das Leben der Aufseher, ihr seht, was die Bourgeoisie den Arbei-
tern v e r s p r i c h t, wenn sie auch geistig ihre Sklaven
werden wollen. Diese "ländliche Fabrikation" ist von jeher das
Steckenpferd der Fabrikanten gewesen, weil hier die Nachteile des
Fabriksystems, besonders die sanitären, teilweise durch die freie
Luft und Umgebung aufgehoben werden und weil hier die
p a t r i a r c h a l i s c h e Knechtschaft der Arbeiter sich
am längsten erhält. Dr. Ure singt einen Dithyrambus darauf. Aber
wehe, wenn die Arbeiter sich einfallen lassen, selbst zu denken
und Chartisten zu werden - da hört die väterliche Zuneigung des
Fabrikanten mit einem Male auf. Übrigens, wollt ihr etwa durch
die Arbeiterviertel von Manchester geführt werden, wollt ihr die
Ausbildung des Fabriksystems in einer Fabrik s t a d t sehen -
ja, da könnt ihr lange warten, bis euch diese reichen Bourgeois
dabei behülflich sind! Die Herren wissen nicht, was ihre Arbeiter
wollen und in welcher Lage sie sind, und sie wollen, sie dürfen
es nicht wissen, weil sie immer fürchten müssen, Dinge zu
erfahren, bei denen sie unruhig werden oder gar ihrem Interesse
zuwiderhandeln müßten. Ist auch höchst gleichgültig - was die
Arbeiter durchzuführen haben, setzen sie schon allein durch.
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