Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846


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       #456#
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       Das Bergwerksproletariat
       
       Die Beschaffung der rohen und Brennmaterialien für eine so kolos-
       sale Industrie  wie die englische nimmt ebenfalls eine bedeutende
       Zahl von Arbeitern in Anspruch. Von den der Industrie notwendigen
       Stoffen liefert  aber England  selbst -  außer der Wolle, die auf
       Rechnung der  Ackerbaubezirke kommt - nur die Mineralien, die Me-
       talle und die Steinkohlen. Während in Cornwall ergiebige Kupfer-,
       Zinn-, Zink- und Bleibergwerke sind, liefern Staffordshire, Nord-
       Wales und  andere Bezirke  große Mengen  von Eisen  und fast ganz
       Nord- und  Westengland, Mittelschottland und einige Distrikte von
       Irland einen Überfluß an Steinkohlen. *)
       In dem  Bergbau von Cornwall sind teils unter der Erde, teils auf
       der Oberfläche  an 19 000 Männer und 11 000 Weiber und Kinder be-
       schäftigt.
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       *) Nach dem Zensus von 1841 beträgt die Anzahl der im Bergbau be-
       schäftigten Arbeiter in Großbritannien (außer Irland):
       
                                Männer             Weiber
                             über     unter     über     unter Zusammen
                            20 Jahr  20 Jahr   20 Jahr  20 Jahr
       
       Kohlengruben         83 408   32 475      1185     1 165  118 233
       Kupferbergwerke ..    9 866    3 428       913     1 200   15 407
       Bleibergwerke         9 427    1 932        40        20   11 419
       Eisenbergwerke .... . 7 773    2 679       424        73   10 949
       Zinnbergwerke         4 602    1 349        68        82    6 101
       Diverse, und bei denen das Mineral
       nicht angegeben      24 162    6 591       472       491   31 716
                           ---------------------------------------------
       Zusammen:           139 238   48 454     3 102     3 031  193 825
       
       Da die Kohlen- und Eisenwerke meist von denselben Leuten bearbei-
       tet werden,  so ist  ein Teil  der als Kohlenarbeiter angegebenen
       Leute und  ferner noch ein sehr bedeutender Teil der in der letz-
       ten Rubrik angegebenen Arbeiter den Eisenwerken zuzuschreiben.
       
       #457# Lage der arbeitenden Klasse - Das Bergwerksproletariat
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       In den  Bergwerken selbst arbeiten fast nur Männer und Knaben von
       zwölf Jahren  aufwärts. Die  materielle Stellung  dieser Arbeiter
       scheint nach  dem Ch.  E. Rept.  ziemlich erträglich zu sein, und
       die Engländer  prunken oft  genug mit  ihren kräftigen und kühnen
       cornischen Bergknappen,  die den  Erzadern selbst  bis unter  den
       Grund des  Meeres nachspüren.  Aber der Ch. E. Rept. urteilt doch
       anders in Beziehung auf die Kräftigkeit dieser Leute. Er weist in
       dem intelligenten  Bericht des Dr. Barham nach, daß die Einatmung
       einer wenig  sauerstoffhaltigen, mit Staub und dem Rauch des beim
       Sprengen gebrauchten Pulvers vermischten Atmosphäre, wie sie sich
       auf dem  Grund der  Bergwerke findet,  die Lunge  ernstlich affi-
       ziert, die  Tätigkeit des  Herzens stört und die Verdauungsorgane
       erschlafft; daß  die anstrengende  Arbeit, und besonders das Auf-
       und Absteigen auf Leitern, das bei einigen Bergwerken selbst jun-
       gen kräftigen  Männern über eine Stunde Zeit wegnimmt und täglich
       vor und  nach der  Arbeit geschieht,  sehr zur Entwicklung dieser
       Übel beiträgt,  und daß  infolge davon die Männer, welche früh in
       die Bergwerke  gehen, lange  nicht die körperliche Ausbildung er-
       halten, welche man bei den auf der Oberfläche arbeitenden Weibern
       findet; daß  viele jung  an der galoppierenden und die meisten in
       den besten  Jahren an der langsamen Schwindsucht sterben; daß sie
       früh altern  und zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr arbeitsunfä-
       hig werden, und daß sehr viele durch den raschen Übergang aus der
       warmen Luft  des Schachts, nachdem sie unter heftigem Schweiß die
       Leitern mühsam  heraufgeklettert sind in die kalte Luft der Ober-
       fläche, sich  akute Entzündungen der ohnehin krankhaften Respira-
       tionsorgane zuziehen,  weiche sehr häufig tödlich wirken. Die Ar-
       beit auf  der Oberfläche, das Zerschlagen und Sortieren der Erze,
       wird von  Mädchen und  Kindern betrieben  und als sehr gesund ge-
       schildert, da es in freier Luft getan wird.
       Im Norden von England, an der Grenze der Grafschaften Northumber-
       land und  Durham, sind  die bedeutenden  Bleibergwerke von Alston
       Moor. Die Berichte aus dieser Gegend - ebenfalls im Ch. E. Rept.,
       Bericht des Kommissärs Mitchell - stimmen fast ganz mit denen aus
       Cornwall überein. Auch hier wird über Mangel an Sauerstoff, Über-
       fluß an  Staub, Pulverrauch, Kohlensäure und schwefligen Gasen in
       der Atmosphäre  der Stollen geklagt. Infolgedessen sind die Berg-
       leute, wie in Cornwall, klein von Statur und leiden vom 30. Jahre
       an aufwärts fast alle an Brustbeschwerden, die endlich, besonders
       wenn die  Arbeit, wie  fast immer, fortgesetzt wird, in vollstän-
       dige Schwindsucht  übergehen und  so  das  durchschnittliche  Le-
       bensalter dieser Leute wesentlich verkürzen. Wenn die Bergknappen
       dieser Gegend  etwas länger  leben als  die cornischen,  so kommt
       dies daher,  daß sie erst mit dem 19. Jahre anfangen, den Schacht
       zu befahren, während in Cornwall, wie wir
       
       #458# Friedrich Engels
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       sahen, diese  Arbeit schon mit dem 12. Jahre begonnen wird. Indes
       stirbt auch  hier die Majorität nach ärztlichen Aussagen zwischen
       dem 40.  und 50.  Lebensjahr. Aus 79 Bergleuten, deren Tod im öf-
       fentlichen Register  des Distrikts  eingeschrieben  war  und  die
       durchschnittlich 45  Jahre alt  geworden waren,  waren 37  an der
       Schwindsucht und  6 an  Asthma gestorben. In den umliegenden Ort-
       schaften Allendale,  Stanhope und  Middleton war  die Lebensdauer
       resp. 49,  48 und  47 Jahre  durchschnittlich, und die Todesfälle
       infolge von  Brustbeschwerden machten resp. 48, 54 und 56 Prozent
       der ganzen  Zahl aus.  Es ist  zu bedenken, daß sämtliche Angaben
       sich  nur   auf  solche   Bergleute  beziehen,  die  ihre  Arbeit
       n i c h t   v o r   d e m  1 9.  J a h r e  antraten. Vergleichen
       wir hiermit  die sogenannten schwedischen Tabellen - ausführliche
       Mortalitätstabellen 1*) über alle Einwohner von Schweden - die in
       England für den bis jetzt richtigsten Maßstab der durchschnittli-
       chen Lebensdauer der britischen Arbeiterklasse gelten. Nach ihnen
       erreichen männliche  Individuen, die das 19. Lebensjahr zurückge-
       legt haben, ein Alter von durchschnittlich 57 1/2 Jahren, und so-
       nach wird das Leben der nordenglischen Bergleute um durchschnitt-
       lich 10 Jahre durch ihre Arbeit verkürzt. Die schwedischen Tabel-
       len  gelten   aber  für   den   Maßstab   der   Lebensdauer   der
       A r b e i t e r   und  bieten  somit  eine  Darstellung  der  Le-
       benschancen in  den - ohnehin schon ungünstigen Verhältnissen des
       Proletariats, geben also schon eine geringere als die normale Le-
       bensdauer an. - In dieser Gegend finden wir auch die Logierhäuser
       und Schlafstellen  wieder, die  wir schon  in den  großen Städten
       kennenlernten, und  mindestens in derselben schmutzigen, ekelhaf-
       ten und  gedrängten Gestalt  wie dort. Mitchell war in einem sol-
       chen Zimmer,  das 18  Fuß lang  und 15 Fuß breit und zur Aufnahme
       von 42  Männern und  14 Knaben,  zusammen also  56 Personen in 14
       Betten -  von denen  die Hälfte wie in einem Schiff  ü b e r  den
       ändern angebracht  - eingerichtet  war. Keine  Öffnung war da, um
       die schlechte Luft hinauszulassen; obwohl in drei Nächten niemand
       dort geschlafen  hatte, so war der Geruch und die Atmosphäre doch
       so, daß  Mitchell sie  keinen Augenblick ertragen konnte. Wie mag
       sie erst  in einer heißen Sommernacht unter 56 Schlafgästen sein!
       Und ·das ist nicht das Zwischendeck eines amerikanischen Sklaven-
       schiffs, es ist die Wohnung "freigeborner Briten".
       Gehen wir  jetzt zu  den wichtigsten Zweigen des englischen Berg-
       baues, den  Eisenbergwerken und Kohlengruben über, die der Ch. E.
       Rept. zusammen  abhandelt, und  zwar mit  der ganzen Ausführlich-
       keit, die  die Wichtigkeit  des Gegenstandes  erfordert. Fast der
       ganze erste Teil dieses Berichts
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       1*) Sterblichkeitstabellen
       
       #459# Lage der arbeitenden Klasse - Das Bergwerksproletariat
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       beschäftigt sich  mit der  Lage der in diesen Bergwerken beschäf-
       tigten Arbeiter.  Nach der  detaillierten Schilderung  indes, die
       ich von der Lage der industriellen Arbeiter gegeben habe, wird es
       mir hier  möglich sein, mich so kurz zu fassen, wie die Rücksicht
       auf die  dem Umfang  dieser Schrift zu setzenden Schranken es er-
       fordert.
       In den  Kohlen- und  Eisenbergwerken, die  ungefähr  auf  gleiche
       Weise ausgebeutet werden, arbeiten Kinder von 4, 5, 7 Jahren; die
       meisten sind indes über 8 Jahre alt. Sie werden gebraucht, um das
       losgebrochene Material  von der  Bruchstelle nach  dem  Pferdeweg
       oder dem Hauptschacht zu transportieren und um die Zugtüren, wel-
       che die  verschiedenen Abteilungen des Bergwerks trennen, bei der
       Passage von  Arbeitern und  Material  zu  öffnen  und  wieder  zu
       schließen. Zur  Beaufsichtigung dieser  Türen  werden  meist  die
       kleinsten Kinder  gebraucht, die  auf diese Weise 12 Stunden täg-
       lich im  Dunkeln einsam in einem engen, meist feuchten Gange sit-
       zen müssen, ohne selbst auch nur so viel Arbeit zu haben, als nö-
       tig wäre,  sie vor  der verdummenden, vertierenden Langeweile des
       Nichtstuns  zu   schützen.  Der  Transport  der  Kohlen  und  des
       Eisensteins dagegen  ist eine sehr harte Arbeit, da dies Material
       in ziemlich  großen Kufen ohne Räder über den holprigen Boden der
       Stollen fortgeschleift  werden muß,  oft über  feuchten Lehm oder
       durch Wasser, oft steile Abhänge hinauf, und durch Gänge, die zu-
       weilen so  eng sind,  daß die Arbeiter auf Händen und Füßen krie-
       chen müssen.  Zu dieser  anstrengenden Arbeit werden daher ältere
       Kinder und heranwachsende Mädchen genommen. Je nach den Umständen
       kommt entweder  ein Arbeiter  auf die Kufe oder zwei jüngere, von
       denen einer  zieht und  der andere schiebt. Das Loshauen, das von
       erwachsenen Männern  oder starken  jungen Burschen  von 16 Jahren
       und drüber geschieht, ist ebenfalls eine sehr ermüdende Arbeit. -
       Die gewöhnliche Arbeitszeit ist 11 bis 12 Stunden, oft länger, in
       Schottland bis  zu 14 Stunden, und sehr häufig wird doppelte Zeit
       gearbeitet, so  daß sämtliche  Arbeiter 24,  ja nicht  selten  36
       Stunden hintereinander  unter der Erde und in Tätigkeit sind. Fe-
       ste Stunden für Mahlzeiten sind meist unbekannt, so daß die Leute
       essen, wenn sie Hunger und Zeit haben.
       Die äußere  Lage der Grubenarbeiter wird im allgemeinen als ziem-
       lich gut  und ihr Lohn als hoch im Vergleich zu dem der sie umge-
       benden Ackerbautaglöhner  (die freilich  verhungern) geschildert,
       mit Ausnahme  einiger Teile  von Schottland und dem irischen Koh-
       lenbezirk, wo  großes Elend  herrscht. Wir werden Gelegenheit ha-
       ben, später auf diese, ohnehin relative, im Hinblick auf die ärm-
       ste Klasse  von  ganz  England  gemachte  Angabe  zurückzukommen.
       Einstweilen wollen wir die Übel, die aus dem jetzigen Betrieb der
       Grubenarbeit folgen, betrachten, und die Leser mögen dann
       
       #460# Friedrich Engels
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       entscheiden, ob irgendein Geldlohn imstande ist, den Arbeiter für
       solche Leiden zu entschädigen.
       Die Kinder  und jungen Leute, welche mit dem Schleppen der Kohlen
       und des Eisensteins beschäftigt sind, klagen allgemein über große
       Müdigkeit. Selbst  in den am rücksichtslosesten betriebenen indu-
       striellen Etablissements  finden wir  eine so  allgemeine und  so
       sehr aufs äußerste getriebene Abspannung nicht. Der ganze Bericht
       liefert dazu  auf jeder Seite eine Reihe von Beispielen. Es kommt
       jeden Augenblick  vor, daß  die Kinder, sowie sie nach Hause kom-
       men, sich  auf den  steinernen Fußboden  vor dem Herde werfen und
       sogleich einschlafen,  daß sie keinen Bissen Nahrung mehr zu sich
       nehmen können und im Schlaf von den Eltern gewaschen und zu Bette
       gebracht werden  müssen, ja  daß sie unterwegs sich vor Müdigkeit
       hinwerfen und  tief in der Nacht von ihren Eltern dort aufgesucht
       und schlafend  gefunden werden. Allgemein scheint es zu sein, daß
       diese Kinder den größten Teil des Sonntags im Bette zubringen, um
       sich einigermaßen  von der Anstrengung der Woche zu erholen; Kir-
       che und  Schule werden  nur von  wenigen besucht,  und bei diesen
       klagen die  Lehrer über  große Schläfrigkeit  und Abstumpfung bei
       aller Lernbegierde.  Bei den  älteren Mädchen  und Frauen  findet
       dasselbe statt.  Sie werden auf die brutalste Weise überarbeitet.
       - Diese Müdigkeit, die fast immer bis zu einem höchst schmerzhaf-
       ten Grade  gesteigert wird,  verfehlt ihre Wirkungen auf die Kon-
       stitution nicht.  Die nächste Folge einer solchen übermäßigen An-
       strengung ist,  daß alle  Lebenskraft zur  einseitigen Ausbildung
       der Muskeln  verbraucht wird,  so daß  besonders die  Muskeln der
       Arme und Beine, des Rückens, der Schultern und der Brust, die bei
       dem Schleppen  und Schieben  hauptsächlich in  Tätigkeit  gesetzt
       werden, eine außerordentlich üppige Entwicklung erhalten, während
       der ganze übrige Körper Mangel an Nahrung leidet und verkrüppelt.
       Vor allen  Dingen bleibt der Wuchs klein und zurückgehalten; fast
       alle Grubenarbeiter  sind kurz  von Körperbau, mit Ausnahme derer
       von Warwickshire  und Leicestershire, die unter besonders günsti-
       gen Verhältnissen  arbeiten. Dann  wird die  Pubertät sowohl  bei
       Knaben wie  Mädchen zurückgehalten,  bei ersteren oft bis zum 18.
       Jahre; dem  Kommissär Symons kam sogar ein neunzehnjähriger Knabe
       vor, der,  mit Ausnahme  der Zähne, in keinem Teile weiterentwic-
       kelt war  als ein  Knabe von 11 bis 12 Jahren. Diese Verlängerung
       der Kindheitsepoche  ist im Grunde auch weiter nichts als ein Be-
       weis gehemmter  Entwicklung und verfehlt nicht, im späteren Alter
       ihre Früchte  zu tragen.  Verkrümmung der Beine, eingebogene Knie
       und auswärts  gebogene Füße, Verkrümmung des Rückgrats und andere
       Mißbildungen stellen  sich unter  diesen Umständen und bei so ge-
       schwächten Konstitutionen infolge
       
       #461# Lage der arbeitenden Klasse - Das Bergwerksproletariat
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       der fast  immer gezwungenen  Körperstellung bei  der Arbeit um so
       leichter ein und sind so häufig, daß sowohl in Yorkshire und Lan-
       cashire wie  in Northumberland und Durham von vielen, selbst Ärz-
       ten behauptet  wird, man könne einen Grubenarbeiter unter hundert
       ändern Leuten schon an seiner Körperbildung kennen. Besonders die
       Weiber scheinen  sehr von  der Arbeit  zu leiden und sind selten,
       wenn überhaupt  jemals, so  gerade wie andere Weiber. Daß Mißbil-
       dungen des  Beckens und infolgedessen schwere, ja tödliche Gebur-
       ten ebenfalls  aus der Arbeit der Weiber in den Gruben entstehen,
       wird auch  hier bezeugt. Außer diesen lokalen Verkrüppelungen ha-
       ben die  Grubenarbeiter aber  noch an  einer Reihe von speziellen
       Krankheiten zu  leiden, die  ziemlich mit denen der übrigen Berg-
       leute zusammenfallen  und leicht aus der Art der Arbeit zu erklä-
       ren sind.  Der Unterleib  leidet vor  allem; der Appetit verliert
       sich, Magenschmerzen,  Übelkeit und  Erbrechen treten in den mei-
       sten Fällen  ein, dazu  heftiger Durst, der nur mit dem schmutzi-
       gen, oft  lauen Wasser  des Bergwerks  gelöscht werden  kann; die
       Verdauungstätigkeit wird  gehemmt und  dadurch die übrigen Krank-
       heiten gefördert.  Krankheiten des  Herzens, besonders  Hypertro-
       phie, Entzündung  des Herzens und des Pencardium, Kontraktion der
       Aunkulo-ventrikular-Kommunikationen und  des Eingangs  der Aorta,
       werden ebenfalls von mehreren Seiten als häufige Übel der Gruben-
       arbeiter angegeben  und leicht  durch Überarbeitung erklärt. Des-
       gleichen die fast allgemeinen Bruchschäden, die ebenfalls die di-
       rekte Folge  von übermäßiger  Muskelanstrengung sind.  Teils  aus
       derselben Ursache, teils aus der - hier so leicht zu vermeidenden
       - schlechten,  mit Kohlensäure  und Kohlenwasserstoffgas gemisch-
       ten, staubgefüllten  Atmosphäre der  Gruben entstehen  eine Menge
       schmerzhafter  und   gefährlicher  Lungenkrankheiten,   besonders
       Asthma, das  in einigen  Distrikten mit  dem 40., in ändern schon
       mit dem  30. Lebensjahre bei den meisten Grubenarbeitern zum Vor-
       schein kommt  und sie  in kurzer  Zeit arbeitsunfähig  macht. Bei
       denjenigen, die  in nassen  Stollen zu  arbeiten haben, tritt die
       Beklemmung auf  der Brust natürlich schon viel früher ein; in ei-
       nigen Gegenden  Schottlands zwischen  dem 20. und 30. Jahre, wäh-
       rend welcher  Zeit die  angegriffenen Lungen außerdem für Entzün-
       dungen und  fieberhafte Affektionen  sehr empfänglich  sind. Eine
       eigentümliche Krankheit dieser Art Arbeiter ist das Schwarzspeien
       (black spittle), das aus einer Durchdringung der ganzen Lunge mit
       feiner Kohle  entsteht und  sich in  allgemeiner Schwäche,  Kopf-
       schmerzen, Brustbeklemmung  und schwarzer, dickschleimiger Expek-
       toration äußert.  In einigen Gegenden erscheint dies Übel in mil-
       der Form,  in ändern  dagegen erscheint es ganz unheilbar, beson-
       ders in  Schottland; hier  zeigt sich  außer einer Steigerung der
       erwähnten
       
       #462# Friedrich Engels
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       Symptome ein  sehr kurzer,  pfeifender Atem, schneller Puls (über
       100 in  einer Minute),  abgebrochener Husten;  die Abmagerung und
       Schwäche nimmt zu und macht den Patienten bald arbeitsunfähig. In
       allen Fällen  führt dies Übel hier den Tod nach sich. Dr. MacKel-
       lar in  Pencaithland, East  Lothian, sagt  aus, daß  in allen den
       Gruben, welche  gut ventiliert  seien, diese  Krankheit gar nicht
       vorkomme, während oft genug Arbeiter, die aus gut ventilierten in
       schlecht ventilierte Gruben übergingen, von ihr ergriffen würden.
       Die Gewinnsucht der Grubenbesitzer, die die Anlegung von Ventila-
       tionsschachten unterläßt, ist also schuld daran, daß diese Krank-
       heit überhaupt  existiert. Rheumatismus  ist ebenfalls,  mit Aus-
       nahme von  Warwickshire und  Leicestershire, ein allgemeines Übel
       der Grubenarbeiter,  das besonders  aus den  häufigen nassen  Ar-
       beitslokalen entsteht.  - Das  Resultat aller  dieser Krankheiten
       ist, daß  in allen Distrikten  o h n e  A u s n a h m e  die Gru-
       benarbeiter früh altern und nach dem 40. Jahre bald - es ist ver-
       schieden nach  den verschiedenen Distrikten - arbeitsunfähig wer-
       den. Daß ein Grubenarbeiter nach dem 45. oder gar 50. Lebensjahre
       seine Beschäftigung  noch verfolgen  kann, kommt  äußerst  selten
       vor. Mit  40 Jahren,  wird allgemein angegeben, fängt ein solcher
       Arbeiter an,  m sein Greisenalter zu treten. Dies gilt von denen,
       die die  Kohlen loshauen;  die Auflader,  die fortwährend schwere
       Blöcke Kohlen  in die  Kufen zu heben haben, altern schon mit dem
       28. oder  30. Jahre,  so daß  es ein  Sprüchwort in den Kohlendi-
       strikten gibt:  Die Auflader  werden alte  Männer, ehe  sie junge
       sind. Daß  dies frühe Altern der Grubenarbeiter auch einen frühen
       Tod herbeiführt,  versteht sich  von selbst, und so ist denn auch
       ein Sechziger  eine große  Seltenheit unter  ihnen; ja  selbst in
       Süd-Staffordshire, wo die Gruben verhältnismäßig gesund sind, er-
       reichen nur  wenige das  51. Jahr. - Bei diesem frühen Altern der
       Arbeiter finden  wir denn auch ganz natürlich, wie bei den Fabri-
       ken, häufige  Arbeitslosigkeit der Eltern, die von ihren oft noch
       sehr jungen  Kindern ernährt  werden. - Fassen wir nun die Resul-
       tate der Arbeit in Kohlengruben nochmals kurz zusammen, so finden
       wir, um mit Dr. Southwood Smith, einem der Kommissäre, zu reden -
       daß einerseits  durch Verlängerung der Kindheitsperiode, anderer-
       seits durch  frühes Altern  diejenige Lebensepoche,  in  der  der
       Mensch im  vollen Besitze  seiner Kräfte ist, das Mannesalter, um
       ein bedeutendes  verkürzt und  die  Lebensdauer  überhaupt  durch
       einen frühen  Tod verringert  wird. Auch  das ins Debet der Bour-
       geoisie!
       Alles das ist nur der Durchschnitt der englischen Gruben. Es gibt
       ihrer aber  viele, in denen es noch weit schlimmer aussieht, näm-
       lich diejenigen, in welchen dünne Kohlenflöze ausgebeutet werden.
       Die Kohlen würden zu teuer kommen, wollte man außer dem Kohlenla-
       ger auch noch einen Teil der
       
       #463# Lage der arbeitenden Klasse - Das Bergwerksproletariat
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       anstoßenden Sand-  und Lehmschichten  wegräumen; daher lassen die
       Besitzer nur  jene ausgraben,  und dadurch  werden die Gänge, die
       sonst vier,  fünf und mehr Fuß hoch sind, so niedrig, daß an auf-
       rechtes Stehen  nicht zu  denken ist.  Der Arbeiter  hegt auf der
       Seite und  bricht mit  seiner Hacke  die Kohlen los, indem er den
       Ellenbogen als  Angelpunkt aufstützt - daraus entsteht Entzündung
       des Gelenks  und in den Fällen, wo er knien muß, dasselbe Übel am
       Kniegelenk. Die  Weiber und  Kinder, die  die Kohlen zu schleppen
       haben, kriechen  auf Händen und Füßen, mit einem Geschirr und ei-
       ner Kette, die in vielen Fällen zwischen den Beinen durchgeht, an
       die Kufe gespannt, durch die niedrigen Stollen, während ein ande-
       rer von  hinten mit  Kopf und Händen nachschiebt. Das Drücken mit
       dem Kopf  erzeugt lokale  Irritation, schmerzhafte Anschwellungen
       und Geschwüre. In vielen Fällen sind die Stollen auch naß, so daß
       diese Arbeiter durch schmutziges oder salziges, ebenfalls Irrita-
       tion der  Haut erzeugendes  Wasser von  mehreren Zollen  tief  zu
       kriechen haben. Man kann sich leicht vorstellen, wie sehr die den
       Grubenarbeitern ohnehin  eigentümlichen Krankheiten durch eine so
       scheußliche Sklavenarbeit begünstigt werden.
       Das sind noch nicht alle Übel, die auf das Haupt des Grubenarbei-
       ters fallen. Im ganzen britischen Reich gibt es keine Arbeit, bei
       der man  auf so vielerlei Weise ums Leben kommen kann, wie gerade
       diese. Die  Kohlengrube ist der Schauplatz einer Menge der schre-
       ckenerregendsten Unfälle,  und gerade  diese  kommen  direkt  auf
       Rechnung des  Bourgeoisie-Eigennutzes. Das  Kohlenwasserstoffgas,
       das sich so häufig in ihnen entwickelt, bildet durch seine Vermi-
       schung mit  atmosphärischer Luft eine explosible 1*) Luftart, die
       sich durch die Berührung mit einer Flamme entzündet und jeden tö-
       tet, der  sich in ihrem Bereich befindet. Solche Explosionen fal-
       len fast  alle Tage hier oder dort vor; am 28. September 1844 war
       eine in Haswell Colliery (Durham), welche 96 Menschen tötete. Das
       kohlensaure Gas,  das sich  ebenfalls in Menge entwickelt, lagert
       an den tiefern Stellen der Gruben oft über Mannshöhe und erstickt
       jeden, der  hineingerät. Die  Türen, die  die einzelnen Teile der
       Gruben trennen,  sollen die Fortpflanzung der Explosionen und die
       Bewegung der  Gase hindern,  aber da  man sie kleinen Kindern zur
       Bewachung übergibt, die oft einschlafen oder sie vernachlässigen,
       so ist  diese Vorsichtsmaßregel illusorisch. Durch eine gute Ven-
       tilation der  Gruben vermittelst  Luftschachten wäre die nachtei-
       lige Wirkung  beider Gase  gänzlich zu  vermeiden, aber dazu gibt
       der Bourgeois  sein Geld nicht her und befiehlt lieber den Arbei-
       tern, nur von der Davyschen Lampe Gebrauch zu machen, die ihm we-
       gen ihres düstern Scheins oft ganz nutzlos ist und die er
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       1*) (1892) explosive
       
       #464# Friedrich Engels
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       deshalb lieber  mit der  einfachen Kerze  vertauscht. Kommt  dann
       eine Explosion,  so war  es Nachlässigkeit  der Arbeiter, wo doch
       der Bourgeois  durch gute  Ventilation jede  Explosion hätte fast
       unmöglich machen  können. Ferner fällt alle Augenblicke ein Stol-
       len ganz  oder teilweise  ein und  begräbt die Arbeiter oder zer-
       quetscht sie;  es ist  das Interesse des Bourgeois, daß die Flöze
       soviel irgend  möglich ausgegraben  werden, und  daher auch diese
       Art Unglücksfälle.  Dann sind die Seile, an denen die Arbeiter in
       den Schacht  fahren, oft schlecht und reißen, so daß die Unglück-
       lichen herunterfallen  und zerschmettert  werden. Alle  diese Un-
       glücksfälle -  ich habe keinen Raum für einzelne Beispiele - raf-
       fen  jährlich,   nach  dem  "Mining  Journal"  [103],  etwa  1400
       Menschenleben dahin.  Der "Manchester  Guardian" berichtet allein
       aus Lancashire  mindestens zwei  bis drei in jeder Woche. Fast in
       allen Bezirken sind die Totenschau-Juries in allen Fällen von den
       Grubenbesitzern abhängig,  und wo  dies nicht  der Fall  ist,  da
       sorgt der  Schlendrian der  Gewohnheit dafür, daß das Verdikt auf
       "Tod durch Zufall" lautet. Ohnehin kümmert sich die Jury wenig um
       den Zustand  der Grube,  weil sie nichts davon versteht. Aber der
       Ch. E.  Rept. nimmt  keinen  Anstand,  die  Besitzer  der  Gruben
       geradezu für  die große  Mehrzahl dieser  Fälle verantwortlich zu
       machen.  In  Beziehung  auf  die  Bildung  und  Sittlichkeit  der
       bergbauenden Bevölkerung,  so soll diese nach dem Ch. E. Rept. in
       Cornwall ziemlich  und in  Alston Moor  sogar vortrefflich  sein;
       dagegen steht sie in den Kohlendistrikten allgemein sehr niedrig.
       Die Leute  leben auf dem Lande, in vernachlässigten Gegenden, und
       wenn sie ihre saure Arbeit tun, so kümmert sich außer der Polizei
       kein Mensch  um sie.  Daher kommt es und von dem zarten Alter, in
       welchem die  Kinder an  die  Arbeit  gestellt  werden,  daß  ihre
       geistige Bildung  durchaus vernachlässigt  ist. Die Wochenschulen
       stehen ihnen  nicht offen,  die Abend-  und Sonntagsschulen  sind
       illusorisch, die  Lehrer taugen  nichts. Daher  können nur wenige
       lesen und  noch weniger  schreiben. Das einzige, wofür ihre Augen
       noch offengeblieben, war nach der Aussage der Kommissäre, daß ihr
       Lohn viel  zu gering für ihre saure und gefährliche Arbeit sei. -
       In die  Kirche gehen sie nie oder selten; alle Geistlichen klagen
       über eine  Irreligiosität ohnegleichen.  In der  Tat  finden  wir
       unter ihnen eine Unwissenheit über religiöse und weltliche Dinge,
       gegen welche  die oben in Beispielen dargelegte vieler Industrie-
       arbeiter noch  gering ist.  Die religiösen  Kategorien sind ihnen
       nur aus  den Fluchworten bekannt. Ihre Moralität wird schon durch
       die Arbeit  zerstört. Daß  die Überarbeitung aller Grubenarbeiter
       den Trunk  notwendig erzeugen  muß, liegt  auf der  Hand. Was das
       Geschlechtsverhältnis betrifft,  so arbeiten  in den Gruben wegen
       der dort  herrschenden Wärme  Männer, Weiber und Kinder in vielen
       Fällen ganz
       
       #465# Lage der arbeitenden Klasse - Das Bergwerksproletariat
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       und in den meisten beinahe nackt, und was die Folgen davon in der
       finstern, einsamen  Grube sind, mag sich jeder selbst denken. Die
       Zahl der unehelichen Kinder, die hier unverhältnismäßig groß ist,
       spricht für  das, was unter der halbwilden Bevölkerung dort unten
       vorgeht, beweist  aber auch,  daß der  illegitime Verkehr der Ge-
       schlechter hier noch nicht, wie in den Städten, bis zur Prostitu-
       tion gesunken ist. Die Arbeit der Weiber hat dieselben Folgen wie
       in den  Fabriken, sie  löst die  Familie auf und macht die Mütter
       durchaus unfähig  zur Verrichtung  ihrer häuslichen Beschäftigun-
       gen.
       Als der  Ch. E. Rept. dem Parlament vorgelegt wurde, beeilte sich
       Lord Ashley, eine Bill vorzuschlagen, worin die Arbeit der Weiber
       in Bergwerken  ganz verboten  und die  der Kinder sehr beschränkt
       wurde. Die  Bill ging durch [104], ist aber in den meisten Gegen-
       den ein toter Buchstabe geblieben, da nicht auch Bergwerksinspek-
       toren ernannt  wurden, um nach ihrer Ausführung zu sehen. Die Um-
       gehung ist in den ländlichen Distrikten, wo die Bergwerke liegen,
       ohnehin schon sehr erleichtert, und da darf es uns nicht wundern,
       wenn voriges  Jahr dem Minister des Innern die offizielle Anzeige
       von Seiten  der Verbindung  der Grubenarbeiter gemacht wurde, daß
       in den  Gruben des  Herzogs von  Hamilton in  Schottland über  60
       Frauenzimmer arbeiteten, oder wenn der "Manchester Guardian" ein-
       mal berichtete,  daß, wenn  ich nicht irre, bei Wigan ein Mädchen
       durch eine  Explosion in der Grube umgekommen sei und kein Mensch
       sich weiter  darum kümmerte,  daß auf  diese Weise eine Ungesetz-
       lichkeit an  den Tag  kam. In  einzelnen Fällen mag es abgestellt
       worden sein,  aber im  allgemeinen besteht  das  alte  Verhältnis
       unverändert fort.
       Das sind  aber noch  nicht alle  Beschwerden, die auf die Gruben-
       leute fallen. Die Bourgeoisie, nicht zufrieden damit, die Gesund-
       heit dieser  Leute zu ruinieren, ihr Leben stündlich in Gefahr zu
       bringen, ihnen alle Gelegenheit zur Bildung zu nehmen, beutet sie
       auch sonst  noch auf  die unverschämteste Weise aus. Das Trucksy-
       stem ist  hier nicht Ausnahme, sondern Regel und wird auf die un-
       verhohlenste, direkteste  Weise betrieben.  Das Cottagesystem ist
       ebenfalls allgemein  und hier meist Notwendigkeit, wird aber auch
       hier zur  besseren Ausbeutung  der Arbeiter  angewandt. Dazu noch
       allerlei sonstige  Betrügereien. Während  die Kohlen nach dem Ge-
       wicht verkauft  werden, wird dem Arbeiter meist der Lohn nach dem
       Maß berechnet,  und wenn  er seine Kufe nicht ganz voll hatte, so
       bekommt er   g a r   k e i n e n   Lohn, während er keinen Heller
       für Übermaß bezahlt erhält. Ist in der Kufe mehr als ein gewisses
       Quantum Grieß, was doch weniger vom Arbeiter als von der Beschaf-
       fenheit der Kohlenflöze abhängt, so ist nicht nur der ganze Lohn,
       sondern auch noch eine Strafe verwirkt. Das Strafgeldersystem ist
       in den
       
       #466# Friedrich Engels
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       Gruben überhaupt  so vollkommen ausgebildet, daß zuweilen ein ar-
       mer Teufel, der  die ganze Woche gearbeitet hat und kommt, seinen
       Lohn  zu  holen, vom Aufseher  - denn der straft ganz nach Belie-
       ben und  ohne  den  Arbeiter  herbeizuholen  -  erfährt,  daß  er
       nicht nur  keinen Lohn  zu erwarten,  sondern noch soundsoviel an
       Strafen nachzuzahlen  hat! Der  Aufseher hat  überhaupt  absolute
       Macht über  den Lohn,  er notiert  die gelieferte Arbeit und kann
       dem Arbeiter,  der ihm glauben muß, bezahlen, was er will. In ei-
       nigen Gruben,  wo nach  dem Gewicht  bezahlt wird, werden falsche
       Dezimalwaagen gebraucht, deren Gewichte nicht durch die öffentli-
       che Autorität geeicht zu werden brauchen; in einer war sogar eine
       Regel, daß jeder Arbeiter, der wegen Unrichtigkeit der Waage kla-
       gen wollte,   d i e s   d e m   A u f s e h e r   d r e i    W o-
       c h e n   v o r h e r   a n z e i g e n   m u ß t e!   In  vielen
       Gegenden, besonders  in Nordengland, ist es Sitte, daß die Arbei-
       ter auf ein Jahr engagiert werden; sie verpflichten sich, während
       der Zeit  für keinen  ändern zu  arbeiten, aber der Besitzer ver-
       pflichtet sich  durchaus nicht, ihnen Arbeit zu geben, so daß sie
       oft monatelang  arbeitslos sind und, wenn sie woanders Arbeit su-
       chen, wegen Dienstvernachlässigung sechs Wochen auf die Tretmühle
       geschickt werden.  In ändern Verträgen wird den Leuten Arbeit bis
       zu 26 Shilling jede 14 Tage gesichert, aber nicht gegeben; in än-
       dern Distrikten leihen die Besitzer den Arbeitern kleine, nachher
       abzuverdienende Summen und fesseln sie dadurch an sich. Im Norden
       ist es  allgemeine Sitte, stets den Lohn einer Woche zurückzuhal-
       ten, um dadurch die Leute zu fesseln. Und um die Sklaverei dieser
       geknechteten Arbeiter  zu vollenden, sind fast alle Friedensrich-
       ter der  Kohlendistrikte selbst Grubenbesitzer oder Verwandte und
       Freunde von  solchen und  haben in  diesen unzivilisierten, armen
       Gegenden, wo  es wenig  Zeitungen -  und auch diese im Dienst der
       herrschenden Klasse  - und  wenig politische Agitation gibt, eine
       fast unumschränkte Macht. Man kann sich kaum eine Vorstellung da-
       von machen,  wie diese armen Grubenarbeiter von den in eigner Sa-
       che urteilenden Friedensrichtern ausgesogen und tyrannisiert wor-
       den sind.
       Eine lange Zeit ging das so voran. Die Arbeiter wußten nicht bes-
       ser, als  daß sie dazu da seien, bis aufs Blut geschunden zu wer-
       den. Allmählich  aber fand  sich auch  unter ihnen, namentlich in
       den Fabrikdistrikten,  wo die  Berührung mit  den intelligenteren
       Fabrikarbeitern ihren  Einfluß nicht verfehlte, ein oppositionel-
       ler Geist  gegen die  schamlose Unterdrückung der "Kohlenkönige".
       Sie fingen  an, Assoziationen  zu bilden und von Zeit zu Zeit die
       Arbeit einzustellen.  In den zivilisierteren Teilen schlössen sie
       sich sogar  mit Leib  und Seele den Chartisten an. Der große Koh-
       lendistrikt des Nordens von England, der allem industriellen Ver-
       kehr abgeschlossen war, blieb indes
       
       #467# Lage der arbeitenden Klasse - Das Bergwerksproletariat
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       immer noch  zurück, bis  endlich, nach  vielen Versuchen  und An-
       strengungen, teils der Chartisten, teils der intelligenteren Gru-
       benleute selbst,  im Jahre  1843 ein allgemeiner Geist des Wider-
       stands auch  hier erwachte.  Eine solche Bewegung ergriff die Ar-
       beiter von  Northumberland und Durham, daß sie sich an die Spitze
       einer allgemeinen  Verbindung der  Grubenleute des  ganzen Reichs
       stellten und  einen Chartisten,  den Advokaten  W. P. Roberts aus
       Bristol, der sich schon bei den früheren Chartistenprozessen aus-
       gezeichnet hatte,  zu ihrem  "Generalprokurator"  ernannten.  Die
       "Union" verbreitete  sich bald  über die  große Mehrzahl  der Di-
       strikte; überall  wurden Agenten ernannt, die Versammlungen hiel-
       ten und  Mitglieder anwarben;  bei der ersten Konferenz von Depu-
       tierten in  Manchester im  Januar 1844 waren über 60 000, bei der
       zweiten in  Glasgow, ein  halbes Jahr  später, schon über 100 000
       Mitglieder. Alle  Angelegenheiten der Grubenleute wurden hier be-
       raten und  über die  größeren Arbeitseinstellungen Beschlüsse ge-
       faßt. Mehrere  Journale, besonders die Monatsschrift "The Miner's
       Advocate" zu Newcastle-upon-Tyne, wurden gegründet und die Rechte
       der Grubenleute darin vertreten.
       Am 31.  März 1844  liefen die Dienstverträge aller Grubenleute in
       Northumberland und  Durham ab.  Sie ließen sich von Roberts einen
       neuen Vertrag  aufsetzen, worin sie verlangten: 1. Bezahlung nach
       dem Gewicht  statt nach dem Maß; 2. Ermittlung des Gewichts durch
       gewöhnliche, von  den öffentlichen  Inspektoren revidierte  Waag-
       schalen und Gewichte; 3. halbjährliche Dienstzeit; 4. Abschaffung
       des Strafensystems und Bezahlung der wirklich gelieferten Arbeit;
       5. Verpflichtung  der Besitzer,  den  in  ihrem  ausschließlichen
       Dienst befindlichen  Arbeitern wenigstens  vier Tage in der Woche
       Arbeit oder  den Lohn  für vier  Tage zu garantieren. Der Vertrag
       wurde den Kohlenkönigen übersandt und eine Deputation ernannt, um
       mit ihnen  zu unterhandeln;  diese aber  antworteten, die "Union"
       existiere nicht  für sie, sie hätten nur mit den einzelnen Arbei-
       tern zu tun und würden die Verbindung nie anerkennen. Auch legten
       sie einen  ändern Vertrag  vor, der  von allen den obigen Punkten
       nichts wissen  wollte und  natürlich von den Arbeitern verweigert
       wurde. Somit  war der  Krieg erklärt.  Am 31.  März  1844  legten
       40 000 Grubenleute  ihre Hacken  nieder, und  sämtliche Gruben in
       den beiden  Grafschaften standen  leer. Die Fonds der Assoziation
       waren so bedeutend, daß auf mehrere Monate jeder Familie eine Un-
       terstützung von  2*/2 sh.  wöchentlich zugesichert werden konnte.
       Während so  die Arbeiter die Geduld ihrer Brotherrn auf die Probe
       stellten, organisierte  Roberts mit  einer Unermüdlichkeit  ohne-
       gleichen den  Turnout und  die Agitation, ließ Versammlungen hal-
       ten, durchreiste  England in die Kreuz  und Quer, sammelte Unter-
       stützungen für  die Feiernden,  predigte Ruhe  und Gesetzlichkeit
       und führte zugleich
       
       #468# Friedrich Engels
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       einen  Feldzug   gegen  die   despotischen  Friedensrichter   und
       Truckmeister aus,  wie er  noch nie  in England  vorgekommen war.
       Schon  im  Anfange  des  Jahres  hatte  er  diesen  begonnen.  Wo
       irgendein Grubenarbeiter  von  den  Friedensgerichten  verurteilt
       war, verschaffte  er sich  beim Hofe  der Queen's Bench [105] ein
       Habeas Corpus  [106], brachte  seinen Klienten  vor den  Hof nach
       London und  erhielt ihn  immer freigesprochen.  So sprach Richter
       Williams von  der Queen's  Bench am 13. Januar drei von den Frie-
       densrichtern zu  Bilston (Süd-Staffordshire)  verurteilte Gruben-
       leute los;  das Verbrechen dieser Leute war, daß sie sich weiger-
       ten, an  einer Stelle  zu arbeiten,  welcher Einsturz  drohte und
       wirklich, ehe  sie zurückkamen, eingestürzt war! Bei einer frühe-
       ren Gelegenheit  hatte Richter Patteson sechs Arbeiter losgespro-
       chen, so daß der Name Roberts allmählich anfing, den grubenbesit-
       zenden Friedensrichtern  fürchterlich zu werden. In Preston saßen
       ebenfalls vier  seiner Klienten; er machte sich in der ersten Wo-
       che des  Februar auf,  um die Sache an Ort und Stelle zu untersu-
       chen, fand  aber, als  er ankam,  die Verurteilten  v o r  Ablauf
       der Strafzeit  schon entlassen.  In Manchester  saßen sieben; Ro-
       berts erhielt Habeas Corpus und vom Richter Wightman vollständige
       Freisprechung. In  Prescot saßen  neun Grubenarbeiter,  die wegen
       angeblicher Ruhestörung  in St.  Helens (Süd-Lancashire) schuldig
       erklärt und  auf ihr  Urteil warteten; als Roberts hinkam, wurden
       sie sogleich freigelassen. Alles das geschah in der ersten Hälfte
       des Februar.  Im April  befreite Roberts auf dieselbe Weise einen
       Grubenarbeiter aus  dem Gefängnis zu Derby, vier aus dem zu Wake-
       field (Yorkshire)  und vier aus dem zu Leicester. So ging es eine
       Zeitlang fort,  bis die  "Dogberries", wie  diese Friedensrichter
       nach dem  bekannten Charakter  in Shakespeares  "Viel  Lärmen  um
       nichts" genannt werden, etwas Respekt bekamen. Ebenso ging es mit
       dem Trucksystem.  Einen nach  dem ändern von diesen ehrlosen Gru-
       benbesitzern schleppte  Roberts vor  Gericht und  erzwang von den
       widerwilligen Friedensrichtern  Urteile  gegen  sie;  solch  eine
       Furcht verbreitete  sich unter ihnen vor diesem windschnellen Ge-
       neralprokurator, der überall zu gleicher Zeit zu sein schien, daß
       z.B. in  Belper bei Derby eine Truckfirma bei seiner Ankunft fol-
       gendes Plakat anschlagen ließ:
       
       "Bekanntmachung. Pentrich-Kohlenzeche."
       "Die Herren  Haslam halten es für nötig (um jedem Irrtum zuvorzu-
       kommen), anzuzeigen,  daß alle in ihrer Zeche beschäftigten Leute
       ihren Lohn ganz in Geld ausbezahlt erhalten werden und ihn ausge-
       ben können,  wo und  wie es  ihnen beliebt. Wenn sie im Laden der
       Herren Haslam  ihre Waren  kaufen, so  werden sie  dieselben, wie
       bisher, zu  Engrospreisen erhalten,  jedoch wird  nicht erwartet,
       daß sie  sie dort  kaufen, und  es wird ihnen dieselbe Arbeit und
       derselbe Lohn  gegeben werden, sie mögen in diesem oder irgendei-
       nem ändern Laden kaufen."
       
       #469# Lage der arbeitenden Klasse - Das Bergwerksproletariat
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       Diese Triumphe erregten den lautesten Jubel unter der ganzen eng-
       lischen Arbeiterklasse  und führten  der "Union" eine Menge neuer
       Mitglieder zu.  Inzwischen ging das Feiern im Norden voran. Keine
       Hand wurde  gerührt, und Newcastle, der Hauptexporthafen für Koh-
       len, war  so entblößt  davon, daß  man von der schottischen Küste
       Kohlen dorthin bringen mußte, obwohl im Englischen to carry coals
       to Newcastle  1*) so  viel heißt, wie bei den Griechen Eulen nach
       Athen tragen,  d. h.  etwas ganz  Überflüssiges tun. Anfangs, so-
       lange die  Fonds der "Union" vorhielten, ging alles gut, aber ge-
       gen den  Sommer wurde den Arbeitern der Kampf sehr erschwert. Die
       höchste Not herrschte unter ihnen; sie hatten kein Geld, denn die
       Beiträge der Arbeiter aller Industriezweige in ganz England mach-
       ten doch auf die große Anzahl der Feiernden wenig aus; sie mußten
       bei den  Krämern mit  Schaden borgen;  die ganze Presse, mit Aus-
       nahme weniger  proletarischen Journale,  war gegen sie; die Bour-
       geoisie, selbst die wenigen unter ihr, die Gerechtigkeitssinn ge-
       nug gehabt  hätten, sie  zu unterstützen, erfuhren aus den feilen
       liberalen und  konservativen Blättern  nur Lügen  über die Sache;
       eine Deputation  von zwölf  Grubenleuten, die  nach London  ging,
       brachte bei  dem dortigen  Proletariat eine  Summe auf,  die aber
       auch bei  der Menge  der  Unterstützungsbedürftigen  wenig  half;
       trotz alledem blieben die Grubenleute fest und, was noch mehr sa-
       gen will,  bei allen  Feindseligkeiten und  Herausforderungen der
       Grubenbesitzer und  ihrer getreuen  Diener ruhig  und  friedlich.
       Kein Akt  der Rache  wurde geübt, kein einzelner Abtrünniger miß-
       handelt, kein  einziger Diebstahl  verübt. So  hatte  das  Feiern
       schon an vier Monate gedauert, und noch immer hatten die Besitzer
       keine Aussicht,  die Oberhand  zu bekommen.  Ein Weg  stand ihnen
       noch offen. Sie erinnerten sich des Cottagesystems; es fiel ihnen
       ein, daß  die Häuser  der Widerspenstigen  i h r  Eigentum seien.
       Im Juli wurde den Arbeitern die Miete gekündigt, und in einer Wo-
       che alle  vierzigtausend vor  die Türe  gesetzt.  Diese  Maßregel
       wurde mit  einer empörenden  Barbarei  durchgeführt.  Kranke  und
       Schwache, Greise  und Säuglinge,  selbst gebärende  Frauen wurden
       schonungslos aus  den Betten  gerissen und  in den Chausseegraben
       geworfen. Ein  Agent machte sich sogar den Genuß, ein hochschwan-
       geres Weib  mit eigner  Hand bei den Haaren aus dem Bette und auf
       die Straße  zu schleifen.  Militär und Polizei stand in Masse da-
       bei, bereit, auf das erste Zeichen von Widerstand und auf den er-
       sten Wink  der Friedensrichter,  die die  ganze brutale  Prozedur
       leiteten, einzuhauen.  Auch das  überstanden die  Arbeiter,  ohne
       sich zu  rühren. Man  hatte gehofft,  sie würden Gewalt brauchen,
       man reizte  sie mit  aller Macht  zur Widersetzlichkeit,  um  nur
       einen
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       1*) Kohlen nach Newcastle tragen
       
       #470# Friedrich Engels
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       Vorwand zu  haben, dem  Feiern durch  Militär ein Ende zu machen;
       die obdachlosen Grubenleute, eingedenk der Ermahnungen ihres Pro-
       kurators, blieben  unbeweglich, setzten schweigend ihre Möbel auf
       die Moorflächen oder abgeernteten Felder und hielten aus. Einige,
       die keinen ändern Platz wußten, kampierten in den Chausseegräben,
       andere auf  andrer Leute  Grundstücken, wo sie dann verklagt und,
       weil sie  "Schaden zum  Betrage eines Halfpenny" getan hätten, in
       ein Pfund  Kosten verurteilt  wurden, die sie natürlich nicht be-
       zahlen konnten  und auf der Tretmühle abbüßten. So haben sie acht
       und mehr  Wochen in  dem nassen  Spätsommer  des  vorigen  Jahres
       (1844) unter  freiem Himmel  mit ihren Familien gewohnt, ohne an-
       deres Obdach  für sich  und ihre  Kleinen als die kattunenen Vor-
       hänge ihrer  Betten, ohne andere Hülfsmittel als die geringen Un-
       terstützungen der  "Union" und den abnehmenden Kredit der Krämer.
       Darauf ließ Lord Londonderry, der in Durham bedeutende Gruben be-
       sitzt, den Krämern "seiner Stadt" Seaham mit seinem allerhöchsten
       Zorn drohen, wenn sie fortführen, "seinen" widerspenstigen Arbei-
       tern Kredit  zu geben.  Dieser "edle" Lord war überhaupt der Har-
       lekin des  ganzen Turn-outs durch die lächerlichen und schwülsti-
       gen, schlecht  stilisierten "Ukase"  an die  Arbeiter, die er von
       Zeit zu  Zeit, aber  immer ohne andere Wirkung als die Heiterkeit
       der Nation, erließ. *) Als alles nicht mehr fruchten wollte, lie-
       ßen die  Besitzer mit großen Unkosten aus Irland und den entfern-
       teren Teilen von Wales, wo es noch keine Arbeiterbewegungen gibt,
       Leute kommen, um in ihren Gruben zu arbeiten, und als so die Kon-
       kurrenz der  Arbeiter unter sich wiederhergestellt war, brach die
       Macht der  Feiernden zusammen. Die Besitzer zwangen sie, sich von
       der "Union"  loszusagen, Roberts  zu verlassen  und die von ihnen
       diktierten Bedingungen  anzunehmen. So  endigte anfangs September
       der große fünfmonatliche Kampf der Grubenleute gegen die Besitzer
       - ein  Kampf, der  von der Seite der Unterdrückten mit einer Aus-
       dauer, einem  Mut, einer  Intelligenz  und  Besonnenheit  geführt
       wurde, die  uns die  höchste Bewunderung  abnötigen. Welch  einen
       Grad von wahrhaft menschlicher Bildung, von Begeisterung und Cha-
       rakterstärke setzt ein solcher Kampf bei einer Masse von vierzig-
       tausend Männern  voraus, die, wie wir sahen, im Ch. E. Rept. noch
       1840 als  durchaus roh und sittenlos geschildert werden! Wie hart
       muß aber  auch der  Druck gewesen  sein, der diese vierzigtausend
       dahin brachte,  sich wie   e i n   Mann  zu erheben  und wie eine
       nicht nur disziplinierte, sondern auch begeisterte Armee, die nur
       e i n e n   Willen hat,  den Kampf mit der größten Kaltblütigkeit
       und Ruhe bis zu dem Punkte fortzusetzen,
       ---
       *) (1892) Nichts  Neues unter  der  Sonne,  wenigstens  nicht  in
       Deutschland. Unsre  "König Stumm"  sind eben  auch nur Abklatsche
       längst vergangner,  heute in  ihrer Heimat unmöglicher englischer
       Urbilder.
       
       #471# Lage der arbeitenden Klasse - Das Bergwerksproletariat
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       wo fernerer Widerstand Unsinn wäre! Und welch einen Kampf - nicht
       gegen sichtbare,  tödliche Feinde,  sondern gegen Hunger und Not,
       Elend und Obdachlosigkeit, gegen die eignen, durch die Brutalität
       des Reichtums bis zum Wahnsinn herausgeforderten Leidenschaften -
       hätten sie  sich gewaltsam empört, so wären sie, die Waffenlosen,
       zusammengeschossen worden,  und ein paar Tage hätten den Sieg der
       Besitzer entschieden.  Diese Gesetzlichkeit  war nicht die Furcht
       vor dem  Konstablerstocke, sie  war reine Überlegung, sie war der
       beste Beweis  von der  Intelligenz und Selbstbeherrschung der Ar-
       beiter.
       So unterlagen  auch diesmal die Arbeiter, trotz ihrer beispiello-
       sen Ausdauer,  der Macht  der Kapitalisten.  Aber  es  war  nicht
       fruchtlos. Vor  allen Dingen  hat dieser  neunzehn  Wochen  lange
       Turnout die  Grubenleute Nordenglands für immer dem geistigen Tod
       entrissen, in dem sie bisher lagen; sie haben aufgehört zu schla-
       fen, sind  wach für  ihre Interessen  und haben sich der Bewegung
       der Zivilisation, besonders aber der Arbeiterbewegung angeschlos-
       sen. Der  Turnout, der erst die ganze Barbarei der Besitzer gegen
       sie zum  Vorschein brachte,  hat die  Arbeiteropposition hier für
       immer etabliert  und mindestens  drei Viertel  der ganzen Zahl zu
       Chartisten gemacht  - und  die Akquisition  von dreißigtausend so
       energischen, so bewährten Leuten ist den Chartisten wahrlich viel
       wert. Dann  aber hat  die Ausdauer  und Gesetzlichkeit des ganzen
       Turnouts, vereinigt  mit der  tätigen Agitation,  die ihn beglei-
       tete, doch  die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Grubenarbeiter
       gelenkt. Bei  Gelegenheit der  Debatte über  den Ausfuhrzoll  auf
       Kohlen brachte  Thomas Duncombe,  das einzige entschieden charti-
       stische Unterhausmitglied,  die Lage der Grubenarbeiter im Parla-
       ment zur Sprache, ließ ihre Petition am Tisch des Hauses verlesen
       und zwang  durch einen Vortrag auch die Journale der Bourgeoisie,
       wenigstens in  den Parlamentsverhandlungen  einmal eine  richtige
       Darstellung der  Sache aufzunehmen.  Gleich nach dem Turnout fiel
       die Explosion  zu Haswell  vor; Roberts  reiste nach  London, er-
       langte eine  Audienz bei Peel, drang als Repräsentant der Gruben-
       arbeiter auf  gründliche Untersuchung  des Falls  und  setzte  es
       durch, daß  die ersten  geologischen und chemischen Notabilitäten
       Englands, die  Professoren Lyell  und Faraday, beauftragt wurden,
       sich an  Ort und  Stelle zu verfügen. Da bald darauf noch mehrere
       Explosionen folgten  und die  Akten von Roberts wiederum dem Pre-
       mierminister vorgelegt  wurden, so versprach dieser, in der näch-
       sten Parlamentssession (der jetzigen von 1845) wo möglich die nö-
       tigen Maßregeln  zum Schutz der Arbeiter vorzuschlagen. Alles das
       wäre nicht erfolgt, hätten sich die Leute nicht durch den Turnout
       als freiheitsliebende,  achtunggebietende Männer bewährt und hät-
       ten sie Roberts nicht engagiert.
       
       #472# Friedrich Engels
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       Kaum war  es bekannt,  daß die  Grubenleute des Nordens gezwungen
       seien, die "Union" aufzugeben und Roberts zu entlassen, so traten
       die Grubenleute  von Lancashire  in einer Union von etwa zehntau-
       send Arbeitern  zusammen und garantierten ihrem Generalprokurator
       sein Gehalt von 1200 Pfund jährlich. Sie brachten im Herbst vori-
       gen Jahres  monatlich über  700 Pfund  zusammen, von  denen etwas
       über 200 Pfund für Gehalte, Gerichtskosten etc. und der Rest mei-
       stens als Unterstützung feiernder Arbeiter, die teils brotlos wa-
       ren, teils  die Arbeit wegen Zwistigkeiten mit den Besitzern nie-
       dergelegt hatten,  verwendet wurde.  So sehen  die Arbeiter immer
       mehr ein,  daß sie vereinigt auch eine respektable Macht sind und
       im höchsten  Notfall allerdings der Macht der Bourgeoisie trotzen
       können. Und  diese Einsicht,  der Gewinn aller Arbeiterbewegungen
       ist den  sämtlichen Grubenleuten  Englands durch  die "Union" und
       den Turnout  von 1844  zuteil geworden.  In sehr kurzer Zeit wird
       der Unterschied  der Intelligenz  und Energie, der jetzt noch zu-
       gunsten der Industriearbeiter besteht, verschwunden sein, und die
       Bergleute des  Reichs werden sich ihnen in jeder Beziehung an die
       Seite stellen  können. So  wird ein Stück Terrain nach dem ändern
       unter den Füßen der Bourgeoisie unterwühlt, und wie lange wird es
       dauern, so  stürzt ihr  ganzes Staats-  und  Gesellschaftsgebäude
       samt der Basis, auf der es steht, zusammen.
       Aber sie  läßt sich nicht warnen. Die Auflehnung der Grubenarbei-
       ter erbitterte  sie nur noch mehr; statt in ihr einen Fortschritt
       der Bewegung  unter den  Arbeitern im allgemeinen zu sehen, statt
       sich dadurch zur Besinnung bringen zu lassen, fand die besitzende
       Klasse in  ihr nur  Veranlassung zum  Zorn gegen  eine Klasse von
       Menschen, die närrisch genug war, mit der bisherigen Behandlungs-
       weise sich  nicht mehr  einverstanden zu erklären. Sie sah in den
       gerechten Forderungen  der Besitzlosen nur unverschämte Unzufrie-
       denheit, wahnsinnige  Auflehnung gegen "göttliche und menschliche
       Ordnung" und im günstigsten Falle einen mit aller Macht wieder zu
       unterdrückenden Erfolg "übelgesinnter Demagogen, die von der Agi-
       tation leben  und zu faul sind zum Arbeiten". Sie suchte - natür-
       lich erfolglos  - den Arbeitern Leute wie Roberts und die Agenten
       der Assoziation,  die ganz  natürlich von dieser unterhalten wur-
       den, als pfiffige Betrüger darzustellen, die ihnen, den armen Ar-
       beitern, den  letzten Heller  aus der Tasche lockten. - Wenn eine
       solche Verrücktheit  bei der  besitzenden Klasse  existiert, wenn
       sie durch  ihren augenblicklichen  Vorteil so geblendet wird, daß
       sie selbst für die deutlichsten Zeichen der Zeit keine Augen mehr
       hat, so  muß man wahrlich alle Hoffnungen auf eine friedliche Lö-
       sung der sozialen Frage für England aufgeben. Die einzig mögliche
       Auskunft bleibt  eine gewaltsame Revolution, die ganz gewiß nicht
       ausbleiben wird.

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