Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846
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Das Bergwerksproletariat
Die Beschaffung der rohen und Brennmaterialien für eine so kolos-
sale Industrie wie die englische nimmt ebenfalls eine bedeutende
Zahl von Arbeitern in Anspruch. Von den der Industrie notwendigen
Stoffen liefert aber England selbst - außer der Wolle, die auf
Rechnung der Ackerbaubezirke kommt - nur die Mineralien, die Me-
talle und die Steinkohlen. Während in Cornwall ergiebige Kupfer-,
Zinn-, Zink- und Bleibergwerke sind, liefern Staffordshire, Nord-
Wales und andere Bezirke große Mengen von Eisen und fast ganz
Nord- und Westengland, Mittelschottland und einige Distrikte von
Irland einen Überfluß an Steinkohlen. *)
In dem Bergbau von Cornwall sind teils unter der Erde, teils auf
der Oberfläche an 19 000 Männer und 11 000 Weiber und Kinder be-
schäftigt.
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*) Nach dem Zensus von 1841 beträgt die Anzahl der im Bergbau be-
schäftigten Arbeiter in Großbritannien (außer Irland):
Männer Weiber
über unter über unter Zusammen
20 Jahr 20 Jahr 20 Jahr 20 Jahr
Kohlengruben 83 408 32 475 1185 1 165 118 233
Kupferbergwerke .. 9 866 3 428 913 1 200 15 407
Bleibergwerke 9 427 1 932 40 20 11 419
Eisenbergwerke .... . 7 773 2 679 424 73 10 949
Zinnbergwerke 4 602 1 349 68 82 6 101
Diverse, und bei denen das Mineral
nicht angegeben 24 162 6 591 472 491 31 716
---------------------------------------------
Zusammen: 139 238 48 454 3 102 3 031 193 825
Da die Kohlen- und Eisenwerke meist von denselben Leuten bearbei-
tet werden, so ist ein Teil der als Kohlenarbeiter angegebenen
Leute und ferner noch ein sehr bedeutender Teil der in der letz-
ten Rubrik angegebenen Arbeiter den Eisenwerken zuzuschreiben.
#457# Lage der arbeitenden Klasse - Das Bergwerksproletariat
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In den Bergwerken selbst arbeiten fast nur Männer und Knaben von
zwölf Jahren aufwärts. Die materielle Stellung dieser Arbeiter
scheint nach dem Ch. E. Rept. ziemlich erträglich zu sein, und
die Engländer prunken oft genug mit ihren kräftigen und kühnen
cornischen Bergknappen, die den Erzadern selbst bis unter den
Grund des Meeres nachspüren. Aber der Ch. E. Rept. urteilt doch
anders in Beziehung auf die Kräftigkeit dieser Leute. Er weist in
dem intelligenten Bericht des Dr. Barham nach, daß die Einatmung
einer wenig sauerstoffhaltigen, mit Staub und dem Rauch des beim
Sprengen gebrauchten Pulvers vermischten Atmosphäre, wie sie sich
auf dem Grund der Bergwerke findet, die Lunge ernstlich affi-
ziert, die Tätigkeit des Herzens stört und die Verdauungsorgane
erschlafft; daß die anstrengende Arbeit, und besonders das Auf-
und Absteigen auf Leitern, das bei einigen Bergwerken selbst jun-
gen kräftigen Männern über eine Stunde Zeit wegnimmt und täglich
vor und nach der Arbeit geschieht, sehr zur Entwicklung dieser
Übel beiträgt, und daß infolge davon die Männer, welche früh in
die Bergwerke gehen, lange nicht die körperliche Ausbildung er-
halten, welche man bei den auf der Oberfläche arbeitenden Weibern
findet; daß viele jung an der galoppierenden und die meisten in
den besten Jahren an der langsamen Schwindsucht sterben; daß sie
früh altern und zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr arbeitsunfä-
hig werden, und daß sehr viele durch den raschen Übergang aus der
warmen Luft des Schachts, nachdem sie unter heftigem Schweiß die
Leitern mühsam heraufgeklettert sind in die kalte Luft der Ober-
fläche, sich akute Entzündungen der ohnehin krankhaften Respira-
tionsorgane zuziehen, weiche sehr häufig tödlich wirken. Die Ar-
beit auf der Oberfläche, das Zerschlagen und Sortieren der Erze,
wird von Mädchen und Kindern betrieben und als sehr gesund ge-
schildert, da es in freier Luft getan wird.
Im Norden von England, an der Grenze der Grafschaften Northumber-
land und Durham, sind die bedeutenden Bleibergwerke von Alston
Moor. Die Berichte aus dieser Gegend - ebenfalls im Ch. E. Rept.,
Bericht des Kommissärs Mitchell - stimmen fast ganz mit denen aus
Cornwall überein. Auch hier wird über Mangel an Sauerstoff, Über-
fluß an Staub, Pulverrauch, Kohlensäure und schwefligen Gasen in
der Atmosphäre der Stollen geklagt. Infolgedessen sind die Berg-
leute, wie in Cornwall, klein von Statur und leiden vom 30. Jahre
an aufwärts fast alle an Brustbeschwerden, die endlich, besonders
wenn die Arbeit, wie fast immer, fortgesetzt wird, in vollstän-
dige Schwindsucht übergehen und so das durchschnittliche Le-
bensalter dieser Leute wesentlich verkürzen. Wenn die Bergknappen
dieser Gegend etwas länger leben als die cornischen, so kommt
dies daher, daß sie erst mit dem 19. Jahre anfangen, den Schacht
zu befahren, während in Cornwall, wie wir
#458# Friedrich Engels
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sahen, diese Arbeit schon mit dem 12. Jahre begonnen wird. Indes
stirbt auch hier die Majorität nach ärztlichen Aussagen zwischen
dem 40. und 50. Lebensjahr. Aus 79 Bergleuten, deren Tod im öf-
fentlichen Register des Distrikts eingeschrieben war und die
durchschnittlich 45 Jahre alt geworden waren, waren 37 an der
Schwindsucht und 6 an Asthma gestorben. In den umliegenden Ort-
schaften Allendale, Stanhope und Middleton war die Lebensdauer
resp. 49, 48 und 47 Jahre durchschnittlich, und die Todesfälle
infolge von Brustbeschwerden machten resp. 48, 54 und 56 Prozent
der ganzen Zahl aus. Es ist zu bedenken, daß sämtliche Angaben
sich nur auf solche Bergleute beziehen, die ihre Arbeit
n i c h t v o r d e m 1 9. J a h r e antraten. Vergleichen
wir hiermit die sogenannten schwedischen Tabellen - ausführliche
Mortalitätstabellen 1*) über alle Einwohner von Schweden - die in
England für den bis jetzt richtigsten Maßstab der durchschnittli-
chen Lebensdauer der britischen Arbeiterklasse gelten. Nach ihnen
erreichen männliche Individuen, die das 19. Lebensjahr zurückge-
legt haben, ein Alter von durchschnittlich 57 1/2 Jahren, und so-
nach wird das Leben der nordenglischen Bergleute um durchschnitt-
lich 10 Jahre durch ihre Arbeit verkürzt. Die schwedischen Tabel-
len gelten aber für den Maßstab der Lebensdauer der
A r b e i t e r und bieten somit eine Darstellung der Le-
benschancen in den - ohnehin schon ungünstigen Verhältnissen des
Proletariats, geben also schon eine geringere als die normale Le-
bensdauer an. - In dieser Gegend finden wir auch die Logierhäuser
und Schlafstellen wieder, die wir schon in den großen Städten
kennenlernten, und mindestens in derselben schmutzigen, ekelhaf-
ten und gedrängten Gestalt wie dort. Mitchell war in einem sol-
chen Zimmer, das 18 Fuß lang und 15 Fuß breit und zur Aufnahme
von 42 Männern und 14 Knaben, zusammen also 56 Personen in 14
Betten - von denen die Hälfte wie in einem Schiff ü b e r den
ändern angebracht - eingerichtet war. Keine Öffnung war da, um
die schlechte Luft hinauszulassen; obwohl in drei Nächten niemand
dort geschlafen hatte, so war der Geruch und die Atmosphäre doch
so, daß Mitchell sie keinen Augenblick ertragen konnte. Wie mag
sie erst in einer heißen Sommernacht unter 56 Schlafgästen sein!
Und ·das ist nicht das Zwischendeck eines amerikanischen Sklaven-
schiffs, es ist die Wohnung "freigeborner Briten".
Gehen wir jetzt zu den wichtigsten Zweigen des englischen Berg-
baues, den Eisenbergwerken und Kohlengruben über, die der Ch. E.
Rept. zusammen abhandelt, und zwar mit der ganzen Ausführlich-
keit, die die Wichtigkeit des Gegenstandes erfordert. Fast der
ganze erste Teil dieses Berichts
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1*) Sterblichkeitstabellen
#459# Lage der arbeitenden Klasse - Das Bergwerksproletariat
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beschäftigt sich mit der Lage der in diesen Bergwerken beschäf-
tigten Arbeiter. Nach der detaillierten Schilderung indes, die
ich von der Lage der industriellen Arbeiter gegeben habe, wird es
mir hier möglich sein, mich so kurz zu fassen, wie die Rücksicht
auf die dem Umfang dieser Schrift zu setzenden Schranken es er-
fordert.
In den Kohlen- und Eisenbergwerken, die ungefähr auf gleiche
Weise ausgebeutet werden, arbeiten Kinder von 4, 5, 7 Jahren; die
meisten sind indes über 8 Jahre alt. Sie werden gebraucht, um das
losgebrochene Material von der Bruchstelle nach dem Pferdeweg
oder dem Hauptschacht zu transportieren und um die Zugtüren, wel-
che die verschiedenen Abteilungen des Bergwerks trennen, bei der
Passage von Arbeitern und Material zu öffnen und wieder zu
schließen. Zur Beaufsichtigung dieser Türen werden meist die
kleinsten Kinder gebraucht, die auf diese Weise 12 Stunden täg-
lich im Dunkeln einsam in einem engen, meist feuchten Gange sit-
zen müssen, ohne selbst auch nur so viel Arbeit zu haben, als nö-
tig wäre, sie vor der verdummenden, vertierenden Langeweile des
Nichtstuns zu schützen. Der Transport der Kohlen und des
Eisensteins dagegen ist eine sehr harte Arbeit, da dies Material
in ziemlich großen Kufen ohne Räder über den holprigen Boden der
Stollen fortgeschleift werden muß, oft über feuchten Lehm oder
durch Wasser, oft steile Abhänge hinauf, und durch Gänge, die zu-
weilen so eng sind, daß die Arbeiter auf Händen und Füßen krie-
chen müssen. Zu dieser anstrengenden Arbeit werden daher ältere
Kinder und heranwachsende Mädchen genommen. Je nach den Umständen
kommt entweder ein Arbeiter auf die Kufe oder zwei jüngere, von
denen einer zieht und der andere schiebt. Das Loshauen, das von
erwachsenen Männern oder starken jungen Burschen von 16 Jahren
und drüber geschieht, ist ebenfalls eine sehr ermüdende Arbeit. -
Die gewöhnliche Arbeitszeit ist 11 bis 12 Stunden, oft länger, in
Schottland bis zu 14 Stunden, und sehr häufig wird doppelte Zeit
gearbeitet, so daß sämtliche Arbeiter 24, ja nicht selten 36
Stunden hintereinander unter der Erde und in Tätigkeit sind. Fe-
ste Stunden für Mahlzeiten sind meist unbekannt, so daß die Leute
essen, wenn sie Hunger und Zeit haben.
Die äußere Lage der Grubenarbeiter wird im allgemeinen als ziem-
lich gut und ihr Lohn als hoch im Vergleich zu dem der sie umge-
benden Ackerbautaglöhner (die freilich verhungern) geschildert,
mit Ausnahme einiger Teile von Schottland und dem irischen Koh-
lenbezirk, wo großes Elend herrscht. Wir werden Gelegenheit ha-
ben, später auf diese, ohnehin relative, im Hinblick auf die ärm-
ste Klasse von ganz England gemachte Angabe zurückzukommen.
Einstweilen wollen wir die Übel, die aus dem jetzigen Betrieb der
Grubenarbeit folgen, betrachten, und die Leser mögen dann
#460# Friedrich Engels
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entscheiden, ob irgendein Geldlohn imstande ist, den Arbeiter für
solche Leiden zu entschädigen.
Die Kinder und jungen Leute, welche mit dem Schleppen der Kohlen
und des Eisensteins beschäftigt sind, klagen allgemein über große
Müdigkeit. Selbst in den am rücksichtslosesten betriebenen indu-
striellen Etablissements finden wir eine so allgemeine und so
sehr aufs äußerste getriebene Abspannung nicht. Der ganze Bericht
liefert dazu auf jeder Seite eine Reihe von Beispielen. Es kommt
jeden Augenblick vor, daß die Kinder, sowie sie nach Hause kom-
men, sich auf den steinernen Fußboden vor dem Herde werfen und
sogleich einschlafen, daß sie keinen Bissen Nahrung mehr zu sich
nehmen können und im Schlaf von den Eltern gewaschen und zu Bette
gebracht werden müssen, ja daß sie unterwegs sich vor Müdigkeit
hinwerfen und tief in der Nacht von ihren Eltern dort aufgesucht
und schlafend gefunden werden. Allgemein scheint es zu sein, daß
diese Kinder den größten Teil des Sonntags im Bette zubringen, um
sich einigermaßen von der Anstrengung der Woche zu erholen; Kir-
che und Schule werden nur von wenigen besucht, und bei diesen
klagen die Lehrer über große Schläfrigkeit und Abstumpfung bei
aller Lernbegierde. Bei den älteren Mädchen und Frauen findet
dasselbe statt. Sie werden auf die brutalste Weise überarbeitet.
- Diese Müdigkeit, die fast immer bis zu einem höchst schmerzhaf-
ten Grade gesteigert wird, verfehlt ihre Wirkungen auf die Kon-
stitution nicht. Die nächste Folge einer solchen übermäßigen An-
strengung ist, daß alle Lebenskraft zur einseitigen Ausbildung
der Muskeln verbraucht wird, so daß besonders die Muskeln der
Arme und Beine, des Rückens, der Schultern und der Brust, die bei
dem Schleppen und Schieben hauptsächlich in Tätigkeit gesetzt
werden, eine außerordentlich üppige Entwicklung erhalten, während
der ganze übrige Körper Mangel an Nahrung leidet und verkrüppelt.
Vor allen Dingen bleibt der Wuchs klein und zurückgehalten; fast
alle Grubenarbeiter sind kurz von Körperbau, mit Ausnahme derer
von Warwickshire und Leicestershire, die unter besonders günsti-
gen Verhältnissen arbeiten. Dann wird die Pubertät sowohl bei
Knaben wie Mädchen zurückgehalten, bei ersteren oft bis zum 18.
Jahre; dem Kommissär Symons kam sogar ein neunzehnjähriger Knabe
vor, der, mit Ausnahme der Zähne, in keinem Teile weiterentwic-
kelt war als ein Knabe von 11 bis 12 Jahren. Diese Verlängerung
der Kindheitsepoche ist im Grunde auch weiter nichts als ein Be-
weis gehemmter Entwicklung und verfehlt nicht, im späteren Alter
ihre Früchte zu tragen. Verkrümmung der Beine, eingebogene Knie
und auswärts gebogene Füße, Verkrümmung des Rückgrats und andere
Mißbildungen stellen sich unter diesen Umständen und bei so ge-
schwächten Konstitutionen infolge
#461# Lage der arbeitenden Klasse - Das Bergwerksproletariat
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der fast immer gezwungenen Körperstellung bei der Arbeit um so
leichter ein und sind so häufig, daß sowohl in Yorkshire und Lan-
cashire wie in Northumberland und Durham von vielen, selbst Ärz-
ten behauptet wird, man könne einen Grubenarbeiter unter hundert
ändern Leuten schon an seiner Körperbildung kennen. Besonders die
Weiber scheinen sehr von der Arbeit zu leiden und sind selten,
wenn überhaupt jemals, so gerade wie andere Weiber. Daß Mißbil-
dungen des Beckens und infolgedessen schwere, ja tödliche Gebur-
ten ebenfalls aus der Arbeit der Weiber in den Gruben entstehen,
wird auch hier bezeugt. Außer diesen lokalen Verkrüppelungen ha-
ben die Grubenarbeiter aber noch an einer Reihe von speziellen
Krankheiten zu leiden, die ziemlich mit denen der übrigen Berg-
leute zusammenfallen und leicht aus der Art der Arbeit zu erklä-
ren sind. Der Unterleib leidet vor allem; der Appetit verliert
sich, Magenschmerzen, Übelkeit und Erbrechen treten in den mei-
sten Fällen ein, dazu heftiger Durst, der nur mit dem schmutzi-
gen, oft lauen Wasser des Bergwerks gelöscht werden kann; die
Verdauungstätigkeit wird gehemmt und dadurch die übrigen Krank-
heiten gefördert. Krankheiten des Herzens, besonders Hypertro-
phie, Entzündung des Herzens und des Pencardium, Kontraktion der
Aunkulo-ventrikular-Kommunikationen und des Eingangs der Aorta,
werden ebenfalls von mehreren Seiten als häufige Übel der Gruben-
arbeiter angegeben und leicht durch Überarbeitung erklärt. Des-
gleichen die fast allgemeinen Bruchschäden, die ebenfalls die di-
rekte Folge von übermäßiger Muskelanstrengung sind. Teils aus
derselben Ursache, teils aus der - hier so leicht zu vermeidenden
- schlechten, mit Kohlensäure und Kohlenwasserstoffgas gemisch-
ten, staubgefüllten Atmosphäre der Gruben entstehen eine Menge
schmerzhafter und gefährlicher Lungenkrankheiten, besonders
Asthma, das in einigen Distrikten mit dem 40., in ändern schon
mit dem 30. Lebensjahre bei den meisten Grubenarbeitern zum Vor-
schein kommt und sie in kurzer Zeit arbeitsunfähig macht. Bei
denjenigen, die in nassen Stollen zu arbeiten haben, tritt die
Beklemmung auf der Brust natürlich schon viel früher ein; in ei-
nigen Gegenden Schottlands zwischen dem 20. und 30. Jahre, wäh-
rend welcher Zeit die angegriffenen Lungen außerdem für Entzün-
dungen und fieberhafte Affektionen sehr empfänglich sind. Eine
eigentümliche Krankheit dieser Art Arbeiter ist das Schwarzspeien
(black spittle), das aus einer Durchdringung der ganzen Lunge mit
feiner Kohle entsteht und sich in allgemeiner Schwäche, Kopf-
schmerzen, Brustbeklemmung und schwarzer, dickschleimiger Expek-
toration äußert. In einigen Gegenden erscheint dies Übel in mil-
der Form, in ändern dagegen erscheint es ganz unheilbar, beson-
ders in Schottland; hier zeigt sich außer einer Steigerung der
erwähnten
#462# Friedrich Engels
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Symptome ein sehr kurzer, pfeifender Atem, schneller Puls (über
100 in einer Minute), abgebrochener Husten; die Abmagerung und
Schwäche nimmt zu und macht den Patienten bald arbeitsunfähig. In
allen Fällen führt dies Übel hier den Tod nach sich. Dr. MacKel-
lar in Pencaithland, East Lothian, sagt aus, daß in allen den
Gruben, welche gut ventiliert seien, diese Krankheit gar nicht
vorkomme, während oft genug Arbeiter, die aus gut ventilierten in
schlecht ventilierte Gruben übergingen, von ihr ergriffen würden.
Die Gewinnsucht der Grubenbesitzer, die die Anlegung von Ventila-
tionsschachten unterläßt, ist also schuld daran, daß diese Krank-
heit überhaupt existiert. Rheumatismus ist ebenfalls, mit Aus-
nahme von Warwickshire und Leicestershire, ein allgemeines Übel
der Grubenarbeiter, das besonders aus den häufigen nassen Ar-
beitslokalen entsteht. - Das Resultat aller dieser Krankheiten
ist, daß in allen Distrikten o h n e A u s n a h m e die Gru-
benarbeiter früh altern und nach dem 40. Jahre bald - es ist ver-
schieden nach den verschiedenen Distrikten - arbeitsunfähig wer-
den. Daß ein Grubenarbeiter nach dem 45. oder gar 50. Lebensjahre
seine Beschäftigung noch verfolgen kann, kommt äußerst selten
vor. Mit 40 Jahren, wird allgemein angegeben, fängt ein solcher
Arbeiter an, m sein Greisenalter zu treten. Dies gilt von denen,
die die Kohlen loshauen; die Auflader, die fortwährend schwere
Blöcke Kohlen in die Kufen zu heben haben, altern schon mit dem
28. oder 30. Jahre, so daß es ein Sprüchwort in den Kohlendi-
strikten gibt: Die Auflader werden alte Männer, ehe sie junge
sind. Daß dies frühe Altern der Grubenarbeiter auch einen frühen
Tod herbeiführt, versteht sich von selbst, und so ist denn auch
ein Sechziger eine große Seltenheit unter ihnen; ja selbst in
Süd-Staffordshire, wo die Gruben verhältnismäßig gesund sind, er-
reichen nur wenige das 51. Jahr. - Bei diesem frühen Altern der
Arbeiter finden wir denn auch ganz natürlich, wie bei den Fabri-
ken, häufige Arbeitslosigkeit der Eltern, die von ihren oft noch
sehr jungen Kindern ernährt werden. - Fassen wir nun die Resul-
tate der Arbeit in Kohlengruben nochmals kurz zusammen, so finden
wir, um mit Dr. Southwood Smith, einem der Kommissäre, zu reden -
daß einerseits durch Verlängerung der Kindheitsperiode, anderer-
seits durch frühes Altern diejenige Lebensepoche, in der der
Mensch im vollen Besitze seiner Kräfte ist, das Mannesalter, um
ein bedeutendes verkürzt und die Lebensdauer überhaupt durch
einen frühen Tod verringert wird. Auch das ins Debet der Bour-
geoisie!
Alles das ist nur der Durchschnitt der englischen Gruben. Es gibt
ihrer aber viele, in denen es noch weit schlimmer aussieht, näm-
lich diejenigen, in welchen dünne Kohlenflöze ausgebeutet werden.
Die Kohlen würden zu teuer kommen, wollte man außer dem Kohlenla-
ger auch noch einen Teil der
#463# Lage der arbeitenden Klasse - Das Bergwerksproletariat
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anstoßenden Sand- und Lehmschichten wegräumen; daher lassen die
Besitzer nur jene ausgraben, und dadurch werden die Gänge, die
sonst vier, fünf und mehr Fuß hoch sind, so niedrig, daß an auf-
rechtes Stehen nicht zu denken ist. Der Arbeiter hegt auf der
Seite und bricht mit seiner Hacke die Kohlen los, indem er den
Ellenbogen als Angelpunkt aufstützt - daraus entsteht Entzündung
des Gelenks und in den Fällen, wo er knien muß, dasselbe Übel am
Kniegelenk. Die Weiber und Kinder, die die Kohlen zu schleppen
haben, kriechen auf Händen und Füßen, mit einem Geschirr und ei-
ner Kette, die in vielen Fällen zwischen den Beinen durchgeht, an
die Kufe gespannt, durch die niedrigen Stollen, während ein ande-
rer von hinten mit Kopf und Händen nachschiebt. Das Drücken mit
dem Kopf erzeugt lokale Irritation, schmerzhafte Anschwellungen
und Geschwüre. In vielen Fällen sind die Stollen auch naß, so daß
diese Arbeiter durch schmutziges oder salziges, ebenfalls Irrita-
tion der Haut erzeugendes Wasser von mehreren Zollen tief zu
kriechen haben. Man kann sich leicht vorstellen, wie sehr die den
Grubenarbeitern ohnehin eigentümlichen Krankheiten durch eine so
scheußliche Sklavenarbeit begünstigt werden.
Das sind noch nicht alle Übel, die auf das Haupt des Grubenarbei-
ters fallen. Im ganzen britischen Reich gibt es keine Arbeit, bei
der man auf so vielerlei Weise ums Leben kommen kann, wie gerade
diese. Die Kohlengrube ist der Schauplatz einer Menge der schre-
ckenerregendsten Unfälle, und gerade diese kommen direkt auf
Rechnung des Bourgeoisie-Eigennutzes. Das Kohlenwasserstoffgas,
das sich so häufig in ihnen entwickelt, bildet durch seine Vermi-
schung mit atmosphärischer Luft eine explosible 1*) Luftart, die
sich durch die Berührung mit einer Flamme entzündet und jeden tö-
tet, der sich in ihrem Bereich befindet. Solche Explosionen fal-
len fast alle Tage hier oder dort vor; am 28. September 1844 war
eine in Haswell Colliery (Durham), welche 96 Menschen tötete. Das
kohlensaure Gas, das sich ebenfalls in Menge entwickelt, lagert
an den tiefern Stellen der Gruben oft über Mannshöhe und erstickt
jeden, der hineingerät. Die Türen, die die einzelnen Teile der
Gruben trennen, sollen die Fortpflanzung der Explosionen und die
Bewegung der Gase hindern, aber da man sie kleinen Kindern zur
Bewachung übergibt, die oft einschlafen oder sie vernachlässigen,
so ist diese Vorsichtsmaßregel illusorisch. Durch eine gute Ven-
tilation der Gruben vermittelst Luftschachten wäre die nachtei-
lige Wirkung beider Gase gänzlich zu vermeiden, aber dazu gibt
der Bourgeois sein Geld nicht her und befiehlt lieber den Arbei-
tern, nur von der Davyschen Lampe Gebrauch zu machen, die ihm we-
gen ihres düstern Scheins oft ganz nutzlos ist und die er
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1*) (1892) explosive
#464# Friedrich Engels
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deshalb lieber mit der einfachen Kerze vertauscht. Kommt dann
eine Explosion, so war es Nachlässigkeit der Arbeiter, wo doch
der Bourgeois durch gute Ventilation jede Explosion hätte fast
unmöglich machen können. Ferner fällt alle Augenblicke ein Stol-
len ganz oder teilweise ein und begräbt die Arbeiter oder zer-
quetscht sie; es ist das Interesse des Bourgeois, daß die Flöze
soviel irgend möglich ausgegraben werden, und daher auch diese
Art Unglücksfälle. Dann sind die Seile, an denen die Arbeiter in
den Schacht fahren, oft schlecht und reißen, so daß die Unglück-
lichen herunterfallen und zerschmettert werden. Alle diese Un-
glücksfälle - ich habe keinen Raum für einzelne Beispiele - raf-
fen jährlich, nach dem "Mining Journal" [103], etwa 1400
Menschenleben dahin. Der "Manchester Guardian" berichtet allein
aus Lancashire mindestens zwei bis drei in jeder Woche. Fast in
allen Bezirken sind die Totenschau-Juries in allen Fällen von den
Grubenbesitzern abhängig, und wo dies nicht der Fall ist, da
sorgt der Schlendrian der Gewohnheit dafür, daß das Verdikt auf
"Tod durch Zufall" lautet. Ohnehin kümmert sich die Jury wenig um
den Zustand der Grube, weil sie nichts davon versteht. Aber der
Ch. E. Rept. nimmt keinen Anstand, die Besitzer der Gruben
geradezu für die große Mehrzahl dieser Fälle verantwortlich zu
machen. In Beziehung auf die Bildung und Sittlichkeit der
bergbauenden Bevölkerung, so soll diese nach dem Ch. E. Rept. in
Cornwall ziemlich und in Alston Moor sogar vortrefflich sein;
dagegen steht sie in den Kohlendistrikten allgemein sehr niedrig.
Die Leute leben auf dem Lande, in vernachlässigten Gegenden, und
wenn sie ihre saure Arbeit tun, so kümmert sich außer der Polizei
kein Mensch um sie. Daher kommt es und von dem zarten Alter, in
welchem die Kinder an die Arbeit gestellt werden, daß ihre
geistige Bildung durchaus vernachlässigt ist. Die Wochenschulen
stehen ihnen nicht offen, die Abend- und Sonntagsschulen sind
illusorisch, die Lehrer taugen nichts. Daher können nur wenige
lesen und noch weniger schreiben. Das einzige, wofür ihre Augen
noch offengeblieben, war nach der Aussage der Kommissäre, daß ihr
Lohn viel zu gering für ihre saure und gefährliche Arbeit sei. -
In die Kirche gehen sie nie oder selten; alle Geistlichen klagen
über eine Irreligiosität ohnegleichen. In der Tat finden wir
unter ihnen eine Unwissenheit über religiöse und weltliche Dinge,
gegen welche die oben in Beispielen dargelegte vieler Industrie-
arbeiter noch gering ist. Die religiösen Kategorien sind ihnen
nur aus den Fluchworten bekannt. Ihre Moralität wird schon durch
die Arbeit zerstört. Daß die Überarbeitung aller Grubenarbeiter
den Trunk notwendig erzeugen muß, liegt auf der Hand. Was das
Geschlechtsverhältnis betrifft, so arbeiten in den Gruben wegen
der dort herrschenden Wärme Männer, Weiber und Kinder in vielen
Fällen ganz
#465# Lage der arbeitenden Klasse - Das Bergwerksproletariat
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und in den meisten beinahe nackt, und was die Folgen davon in der
finstern, einsamen Grube sind, mag sich jeder selbst denken. Die
Zahl der unehelichen Kinder, die hier unverhältnismäßig groß ist,
spricht für das, was unter der halbwilden Bevölkerung dort unten
vorgeht, beweist aber auch, daß der illegitime Verkehr der Ge-
schlechter hier noch nicht, wie in den Städten, bis zur Prostitu-
tion gesunken ist. Die Arbeit der Weiber hat dieselben Folgen wie
in den Fabriken, sie löst die Familie auf und macht die Mütter
durchaus unfähig zur Verrichtung ihrer häuslichen Beschäftigun-
gen.
Als der Ch. E. Rept. dem Parlament vorgelegt wurde, beeilte sich
Lord Ashley, eine Bill vorzuschlagen, worin die Arbeit der Weiber
in Bergwerken ganz verboten und die der Kinder sehr beschränkt
wurde. Die Bill ging durch [104], ist aber in den meisten Gegen-
den ein toter Buchstabe geblieben, da nicht auch Bergwerksinspek-
toren ernannt wurden, um nach ihrer Ausführung zu sehen. Die Um-
gehung ist in den ländlichen Distrikten, wo die Bergwerke liegen,
ohnehin schon sehr erleichtert, und da darf es uns nicht wundern,
wenn voriges Jahr dem Minister des Innern die offizielle Anzeige
von Seiten der Verbindung der Grubenarbeiter gemacht wurde, daß
in den Gruben des Herzogs von Hamilton in Schottland über 60
Frauenzimmer arbeiteten, oder wenn der "Manchester Guardian" ein-
mal berichtete, daß, wenn ich nicht irre, bei Wigan ein Mädchen
durch eine Explosion in der Grube umgekommen sei und kein Mensch
sich weiter darum kümmerte, daß auf diese Weise eine Ungesetz-
lichkeit an den Tag kam. In einzelnen Fällen mag es abgestellt
worden sein, aber im allgemeinen besteht das alte Verhältnis
unverändert fort.
Das sind aber noch nicht alle Beschwerden, die auf die Gruben-
leute fallen. Die Bourgeoisie, nicht zufrieden damit, die Gesund-
heit dieser Leute zu ruinieren, ihr Leben stündlich in Gefahr zu
bringen, ihnen alle Gelegenheit zur Bildung zu nehmen, beutet sie
auch sonst noch auf die unverschämteste Weise aus. Das Trucksy-
stem ist hier nicht Ausnahme, sondern Regel und wird auf die un-
verhohlenste, direkteste Weise betrieben. Das Cottagesystem ist
ebenfalls allgemein und hier meist Notwendigkeit, wird aber auch
hier zur besseren Ausbeutung der Arbeiter angewandt. Dazu noch
allerlei sonstige Betrügereien. Während die Kohlen nach dem Ge-
wicht verkauft werden, wird dem Arbeiter meist der Lohn nach dem
Maß berechnet, und wenn er seine Kufe nicht ganz voll hatte, so
bekommt er g a r k e i n e n Lohn, während er keinen Heller
für Übermaß bezahlt erhält. Ist in der Kufe mehr als ein gewisses
Quantum Grieß, was doch weniger vom Arbeiter als von der Beschaf-
fenheit der Kohlenflöze abhängt, so ist nicht nur der ganze Lohn,
sondern auch noch eine Strafe verwirkt. Das Strafgeldersystem ist
in den
#466# Friedrich Engels
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Gruben überhaupt so vollkommen ausgebildet, daß zuweilen ein ar-
mer Teufel, der die ganze Woche gearbeitet hat und kommt, seinen
Lohn zu holen, vom Aufseher - denn der straft ganz nach Belie-
ben und ohne den Arbeiter herbeizuholen - erfährt, daß er
nicht nur keinen Lohn zu erwarten, sondern noch soundsoviel an
Strafen nachzuzahlen hat! Der Aufseher hat überhaupt absolute
Macht über den Lohn, er notiert die gelieferte Arbeit und kann
dem Arbeiter, der ihm glauben muß, bezahlen, was er will. In ei-
nigen Gruben, wo nach dem Gewicht bezahlt wird, werden falsche
Dezimalwaagen gebraucht, deren Gewichte nicht durch die öffentli-
che Autorität geeicht zu werden brauchen; in einer war sogar eine
Regel, daß jeder Arbeiter, der wegen Unrichtigkeit der Waage kla-
gen wollte, d i e s d e m A u f s e h e r d r e i W o-
c h e n v o r h e r a n z e i g e n m u ß t e! In vielen
Gegenden, besonders in Nordengland, ist es Sitte, daß die Arbei-
ter auf ein Jahr engagiert werden; sie verpflichten sich, während
der Zeit für keinen ändern zu arbeiten, aber der Besitzer ver-
pflichtet sich durchaus nicht, ihnen Arbeit zu geben, so daß sie
oft monatelang arbeitslos sind und, wenn sie woanders Arbeit su-
chen, wegen Dienstvernachlässigung sechs Wochen auf die Tretmühle
geschickt werden. In ändern Verträgen wird den Leuten Arbeit bis
zu 26 Shilling jede 14 Tage gesichert, aber nicht gegeben; in än-
dern Distrikten leihen die Besitzer den Arbeitern kleine, nachher
abzuverdienende Summen und fesseln sie dadurch an sich. Im Norden
ist es allgemeine Sitte, stets den Lohn einer Woche zurückzuhal-
ten, um dadurch die Leute zu fesseln. Und um die Sklaverei dieser
geknechteten Arbeiter zu vollenden, sind fast alle Friedensrich-
ter der Kohlendistrikte selbst Grubenbesitzer oder Verwandte und
Freunde von solchen und haben in diesen unzivilisierten, armen
Gegenden, wo es wenig Zeitungen - und auch diese im Dienst der
herrschenden Klasse - und wenig politische Agitation gibt, eine
fast unumschränkte Macht. Man kann sich kaum eine Vorstellung da-
von machen, wie diese armen Grubenarbeiter von den in eigner Sa-
che urteilenden Friedensrichtern ausgesogen und tyrannisiert wor-
den sind.
Eine lange Zeit ging das so voran. Die Arbeiter wußten nicht bes-
ser, als daß sie dazu da seien, bis aufs Blut geschunden zu wer-
den. Allmählich aber fand sich auch unter ihnen, namentlich in
den Fabrikdistrikten, wo die Berührung mit den intelligenteren
Fabrikarbeitern ihren Einfluß nicht verfehlte, ein oppositionel-
ler Geist gegen die schamlose Unterdrückung der "Kohlenkönige".
Sie fingen an, Assoziationen zu bilden und von Zeit zu Zeit die
Arbeit einzustellen. In den zivilisierteren Teilen schlössen sie
sich sogar mit Leib und Seele den Chartisten an. Der große Koh-
lendistrikt des Nordens von England, der allem industriellen Ver-
kehr abgeschlossen war, blieb indes
#467# Lage der arbeitenden Klasse - Das Bergwerksproletariat
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immer noch zurück, bis endlich, nach vielen Versuchen und An-
strengungen, teils der Chartisten, teils der intelligenteren Gru-
benleute selbst, im Jahre 1843 ein allgemeiner Geist des Wider-
stands auch hier erwachte. Eine solche Bewegung ergriff die Ar-
beiter von Northumberland und Durham, daß sie sich an die Spitze
einer allgemeinen Verbindung der Grubenleute des ganzen Reichs
stellten und einen Chartisten, den Advokaten W. P. Roberts aus
Bristol, der sich schon bei den früheren Chartistenprozessen aus-
gezeichnet hatte, zu ihrem "Generalprokurator" ernannten. Die
"Union" verbreitete sich bald über die große Mehrzahl der Di-
strikte; überall wurden Agenten ernannt, die Versammlungen hiel-
ten und Mitglieder anwarben; bei der ersten Konferenz von Depu-
tierten in Manchester im Januar 1844 waren über 60 000, bei der
zweiten in Glasgow, ein halbes Jahr später, schon über 100 000
Mitglieder. Alle Angelegenheiten der Grubenleute wurden hier be-
raten und über die größeren Arbeitseinstellungen Beschlüsse ge-
faßt. Mehrere Journale, besonders die Monatsschrift "The Miner's
Advocate" zu Newcastle-upon-Tyne, wurden gegründet und die Rechte
der Grubenleute darin vertreten.
Am 31. März 1844 liefen die Dienstverträge aller Grubenleute in
Northumberland und Durham ab. Sie ließen sich von Roberts einen
neuen Vertrag aufsetzen, worin sie verlangten: 1. Bezahlung nach
dem Gewicht statt nach dem Maß; 2. Ermittlung des Gewichts durch
gewöhnliche, von den öffentlichen Inspektoren revidierte Waag-
schalen und Gewichte; 3. halbjährliche Dienstzeit; 4. Abschaffung
des Strafensystems und Bezahlung der wirklich gelieferten Arbeit;
5. Verpflichtung der Besitzer, den in ihrem ausschließlichen
Dienst befindlichen Arbeitern wenigstens vier Tage in der Woche
Arbeit oder den Lohn für vier Tage zu garantieren. Der Vertrag
wurde den Kohlenkönigen übersandt und eine Deputation ernannt, um
mit ihnen zu unterhandeln; diese aber antworteten, die "Union"
existiere nicht für sie, sie hätten nur mit den einzelnen Arbei-
tern zu tun und würden die Verbindung nie anerkennen. Auch legten
sie einen ändern Vertrag vor, der von allen den obigen Punkten
nichts wissen wollte und natürlich von den Arbeitern verweigert
wurde. Somit war der Krieg erklärt. Am 31. März 1844 legten
40 000 Grubenleute ihre Hacken nieder, und sämtliche Gruben in
den beiden Grafschaften standen leer. Die Fonds der Assoziation
waren so bedeutend, daß auf mehrere Monate jeder Familie eine Un-
terstützung von 2*/2 sh. wöchentlich zugesichert werden konnte.
Während so die Arbeiter die Geduld ihrer Brotherrn auf die Probe
stellten, organisierte Roberts mit einer Unermüdlichkeit ohne-
gleichen den Turnout und die Agitation, ließ Versammlungen hal-
ten, durchreiste England in die Kreuz und Quer, sammelte Unter-
stützungen für die Feiernden, predigte Ruhe und Gesetzlichkeit
und führte zugleich
#468# Friedrich Engels
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einen Feldzug gegen die despotischen Friedensrichter und
Truckmeister aus, wie er noch nie in England vorgekommen war.
Schon im Anfange des Jahres hatte er diesen begonnen. Wo
irgendein Grubenarbeiter von den Friedensgerichten verurteilt
war, verschaffte er sich beim Hofe der Queen's Bench [105] ein
Habeas Corpus [106], brachte seinen Klienten vor den Hof nach
London und erhielt ihn immer freigesprochen. So sprach Richter
Williams von der Queen's Bench am 13. Januar drei von den Frie-
densrichtern zu Bilston (Süd-Staffordshire) verurteilte Gruben-
leute los; das Verbrechen dieser Leute war, daß sie sich weiger-
ten, an einer Stelle zu arbeiten, welcher Einsturz drohte und
wirklich, ehe sie zurückkamen, eingestürzt war! Bei einer frühe-
ren Gelegenheit hatte Richter Patteson sechs Arbeiter losgespro-
chen, so daß der Name Roberts allmählich anfing, den grubenbesit-
zenden Friedensrichtern fürchterlich zu werden. In Preston saßen
ebenfalls vier seiner Klienten; er machte sich in der ersten Wo-
che des Februar auf, um die Sache an Ort und Stelle zu untersu-
chen, fand aber, als er ankam, die Verurteilten v o r Ablauf
der Strafzeit schon entlassen. In Manchester saßen sieben; Ro-
berts erhielt Habeas Corpus und vom Richter Wightman vollständige
Freisprechung. In Prescot saßen neun Grubenarbeiter, die wegen
angeblicher Ruhestörung in St. Helens (Süd-Lancashire) schuldig
erklärt und auf ihr Urteil warteten; als Roberts hinkam, wurden
sie sogleich freigelassen. Alles das geschah in der ersten Hälfte
des Februar. Im April befreite Roberts auf dieselbe Weise einen
Grubenarbeiter aus dem Gefängnis zu Derby, vier aus dem zu Wake-
field (Yorkshire) und vier aus dem zu Leicester. So ging es eine
Zeitlang fort, bis die "Dogberries", wie diese Friedensrichter
nach dem bekannten Charakter in Shakespeares "Viel Lärmen um
nichts" genannt werden, etwas Respekt bekamen. Ebenso ging es mit
dem Trucksystem. Einen nach dem ändern von diesen ehrlosen Gru-
benbesitzern schleppte Roberts vor Gericht und erzwang von den
widerwilligen Friedensrichtern Urteile gegen sie; solch eine
Furcht verbreitete sich unter ihnen vor diesem windschnellen Ge-
neralprokurator, der überall zu gleicher Zeit zu sein schien, daß
z.B. in Belper bei Derby eine Truckfirma bei seiner Ankunft fol-
gendes Plakat anschlagen ließ:
"Bekanntmachung. Pentrich-Kohlenzeche."
"Die Herren Haslam halten es für nötig (um jedem Irrtum zuvorzu-
kommen), anzuzeigen, daß alle in ihrer Zeche beschäftigten Leute
ihren Lohn ganz in Geld ausbezahlt erhalten werden und ihn ausge-
ben können, wo und wie es ihnen beliebt. Wenn sie im Laden der
Herren Haslam ihre Waren kaufen, so werden sie dieselben, wie
bisher, zu Engrospreisen erhalten, jedoch wird nicht erwartet,
daß sie sie dort kaufen, und es wird ihnen dieselbe Arbeit und
derselbe Lohn gegeben werden, sie mögen in diesem oder irgendei-
nem ändern Laden kaufen."
#469# Lage der arbeitenden Klasse - Das Bergwerksproletariat
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Diese Triumphe erregten den lautesten Jubel unter der ganzen eng-
lischen Arbeiterklasse und führten der "Union" eine Menge neuer
Mitglieder zu. Inzwischen ging das Feiern im Norden voran. Keine
Hand wurde gerührt, und Newcastle, der Hauptexporthafen für Koh-
len, war so entblößt davon, daß man von der schottischen Küste
Kohlen dorthin bringen mußte, obwohl im Englischen to carry coals
to Newcastle 1*) so viel heißt, wie bei den Griechen Eulen nach
Athen tragen, d. h. etwas ganz Überflüssiges tun. Anfangs, so-
lange die Fonds der "Union" vorhielten, ging alles gut, aber ge-
gen den Sommer wurde den Arbeitern der Kampf sehr erschwert. Die
höchste Not herrschte unter ihnen; sie hatten kein Geld, denn die
Beiträge der Arbeiter aller Industriezweige in ganz England mach-
ten doch auf die große Anzahl der Feiernden wenig aus; sie mußten
bei den Krämern mit Schaden borgen; die ganze Presse, mit Aus-
nahme weniger proletarischen Journale, war gegen sie; die Bour-
geoisie, selbst die wenigen unter ihr, die Gerechtigkeitssinn ge-
nug gehabt hätten, sie zu unterstützen, erfuhren aus den feilen
liberalen und konservativen Blättern nur Lügen über die Sache;
eine Deputation von zwölf Grubenleuten, die nach London ging,
brachte bei dem dortigen Proletariat eine Summe auf, die aber
auch bei der Menge der Unterstützungsbedürftigen wenig half;
trotz alledem blieben die Grubenleute fest und, was noch mehr sa-
gen will, bei allen Feindseligkeiten und Herausforderungen der
Grubenbesitzer und ihrer getreuen Diener ruhig und friedlich.
Kein Akt der Rache wurde geübt, kein einzelner Abtrünniger miß-
handelt, kein einziger Diebstahl verübt. So hatte das Feiern
schon an vier Monate gedauert, und noch immer hatten die Besitzer
keine Aussicht, die Oberhand zu bekommen. Ein Weg stand ihnen
noch offen. Sie erinnerten sich des Cottagesystems; es fiel ihnen
ein, daß die Häuser der Widerspenstigen i h r Eigentum seien.
Im Juli wurde den Arbeitern die Miete gekündigt, und in einer Wo-
che alle vierzigtausend vor die Türe gesetzt. Diese Maßregel
wurde mit einer empörenden Barbarei durchgeführt. Kranke und
Schwache, Greise und Säuglinge, selbst gebärende Frauen wurden
schonungslos aus den Betten gerissen und in den Chausseegraben
geworfen. Ein Agent machte sich sogar den Genuß, ein hochschwan-
geres Weib mit eigner Hand bei den Haaren aus dem Bette und auf
die Straße zu schleifen. Militär und Polizei stand in Masse da-
bei, bereit, auf das erste Zeichen von Widerstand und auf den er-
sten Wink der Friedensrichter, die die ganze brutale Prozedur
leiteten, einzuhauen. Auch das überstanden die Arbeiter, ohne
sich zu rühren. Man hatte gehofft, sie würden Gewalt brauchen,
man reizte sie mit aller Macht zur Widersetzlichkeit, um nur
einen
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1*) Kohlen nach Newcastle tragen
#470# Friedrich Engels
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Vorwand zu haben, dem Feiern durch Militär ein Ende zu machen;
die obdachlosen Grubenleute, eingedenk der Ermahnungen ihres Pro-
kurators, blieben unbeweglich, setzten schweigend ihre Möbel auf
die Moorflächen oder abgeernteten Felder und hielten aus. Einige,
die keinen ändern Platz wußten, kampierten in den Chausseegräben,
andere auf andrer Leute Grundstücken, wo sie dann verklagt und,
weil sie "Schaden zum Betrage eines Halfpenny" getan hätten, in
ein Pfund Kosten verurteilt wurden, die sie natürlich nicht be-
zahlen konnten und auf der Tretmühle abbüßten. So haben sie acht
und mehr Wochen in dem nassen Spätsommer des vorigen Jahres
(1844) unter freiem Himmel mit ihren Familien gewohnt, ohne an-
deres Obdach für sich und ihre Kleinen als die kattunenen Vor-
hänge ihrer Betten, ohne andere Hülfsmittel als die geringen Un-
terstützungen der "Union" und den abnehmenden Kredit der Krämer.
Darauf ließ Lord Londonderry, der in Durham bedeutende Gruben be-
sitzt, den Krämern "seiner Stadt" Seaham mit seinem allerhöchsten
Zorn drohen, wenn sie fortführen, "seinen" widerspenstigen Arbei-
tern Kredit zu geben. Dieser "edle" Lord war überhaupt der Har-
lekin des ganzen Turn-outs durch die lächerlichen und schwülsti-
gen, schlecht stilisierten "Ukase" an die Arbeiter, die er von
Zeit zu Zeit, aber immer ohne andere Wirkung als die Heiterkeit
der Nation, erließ. *) Als alles nicht mehr fruchten wollte, lie-
ßen die Besitzer mit großen Unkosten aus Irland und den entfern-
teren Teilen von Wales, wo es noch keine Arbeiterbewegungen gibt,
Leute kommen, um in ihren Gruben zu arbeiten, und als so die Kon-
kurrenz der Arbeiter unter sich wiederhergestellt war, brach die
Macht der Feiernden zusammen. Die Besitzer zwangen sie, sich von
der "Union" loszusagen, Roberts zu verlassen und die von ihnen
diktierten Bedingungen anzunehmen. So endigte anfangs September
der große fünfmonatliche Kampf der Grubenleute gegen die Besitzer
- ein Kampf, der von der Seite der Unterdrückten mit einer Aus-
dauer, einem Mut, einer Intelligenz und Besonnenheit geführt
wurde, die uns die höchste Bewunderung abnötigen. Welch einen
Grad von wahrhaft menschlicher Bildung, von Begeisterung und Cha-
rakterstärke setzt ein solcher Kampf bei einer Masse von vierzig-
tausend Männern voraus, die, wie wir sahen, im Ch. E. Rept. noch
1840 als durchaus roh und sittenlos geschildert werden! Wie hart
muß aber auch der Druck gewesen sein, der diese vierzigtausend
dahin brachte, sich wie e i n Mann zu erheben und wie eine
nicht nur disziplinierte, sondern auch begeisterte Armee, die nur
e i n e n Willen hat, den Kampf mit der größten Kaltblütigkeit
und Ruhe bis zu dem Punkte fortzusetzen,
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*) (1892) Nichts Neues unter der Sonne, wenigstens nicht in
Deutschland. Unsre "König Stumm" sind eben auch nur Abklatsche
längst vergangner, heute in ihrer Heimat unmöglicher englischer
Urbilder.
#471# Lage der arbeitenden Klasse - Das Bergwerksproletariat
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wo fernerer Widerstand Unsinn wäre! Und welch einen Kampf - nicht
gegen sichtbare, tödliche Feinde, sondern gegen Hunger und Not,
Elend und Obdachlosigkeit, gegen die eignen, durch die Brutalität
des Reichtums bis zum Wahnsinn herausgeforderten Leidenschaften -
hätten sie sich gewaltsam empört, so wären sie, die Waffenlosen,
zusammengeschossen worden, und ein paar Tage hätten den Sieg der
Besitzer entschieden. Diese Gesetzlichkeit war nicht die Furcht
vor dem Konstablerstocke, sie war reine Überlegung, sie war der
beste Beweis von der Intelligenz und Selbstbeherrschung der Ar-
beiter.
So unterlagen auch diesmal die Arbeiter, trotz ihrer beispiello-
sen Ausdauer, der Macht der Kapitalisten. Aber es war nicht
fruchtlos. Vor allen Dingen hat dieser neunzehn Wochen lange
Turnout die Grubenleute Nordenglands für immer dem geistigen Tod
entrissen, in dem sie bisher lagen; sie haben aufgehört zu schla-
fen, sind wach für ihre Interessen und haben sich der Bewegung
der Zivilisation, besonders aber der Arbeiterbewegung angeschlos-
sen. Der Turnout, der erst die ganze Barbarei der Besitzer gegen
sie zum Vorschein brachte, hat die Arbeiteropposition hier für
immer etabliert und mindestens drei Viertel der ganzen Zahl zu
Chartisten gemacht - und die Akquisition von dreißigtausend so
energischen, so bewährten Leuten ist den Chartisten wahrlich viel
wert. Dann aber hat die Ausdauer und Gesetzlichkeit des ganzen
Turnouts, vereinigt mit der tätigen Agitation, die ihn beglei-
tete, doch die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Grubenarbeiter
gelenkt. Bei Gelegenheit der Debatte über den Ausfuhrzoll auf
Kohlen brachte Thomas Duncombe, das einzige entschieden charti-
stische Unterhausmitglied, die Lage der Grubenarbeiter im Parla-
ment zur Sprache, ließ ihre Petition am Tisch des Hauses verlesen
und zwang durch einen Vortrag auch die Journale der Bourgeoisie,
wenigstens in den Parlamentsverhandlungen einmal eine richtige
Darstellung der Sache aufzunehmen. Gleich nach dem Turnout fiel
die Explosion zu Haswell vor; Roberts reiste nach London, er-
langte eine Audienz bei Peel, drang als Repräsentant der Gruben-
arbeiter auf gründliche Untersuchung des Falls und setzte es
durch, daß die ersten geologischen und chemischen Notabilitäten
Englands, die Professoren Lyell und Faraday, beauftragt wurden,
sich an Ort und Stelle zu verfügen. Da bald darauf noch mehrere
Explosionen folgten und die Akten von Roberts wiederum dem Pre-
mierminister vorgelegt wurden, so versprach dieser, in der näch-
sten Parlamentssession (der jetzigen von 1845) wo möglich die nö-
tigen Maßregeln zum Schutz der Arbeiter vorzuschlagen. Alles das
wäre nicht erfolgt, hätten sich die Leute nicht durch den Turnout
als freiheitsliebende, achtunggebietende Männer bewährt und hät-
ten sie Roberts nicht engagiert.
#472# Friedrich Engels
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Kaum war es bekannt, daß die Grubenleute des Nordens gezwungen
seien, die "Union" aufzugeben und Roberts zu entlassen, so traten
die Grubenleute von Lancashire in einer Union von etwa zehntau-
send Arbeitern zusammen und garantierten ihrem Generalprokurator
sein Gehalt von 1200 Pfund jährlich. Sie brachten im Herbst vori-
gen Jahres monatlich über 700 Pfund zusammen, von denen etwas
über 200 Pfund für Gehalte, Gerichtskosten etc. und der Rest mei-
stens als Unterstützung feiernder Arbeiter, die teils brotlos wa-
ren, teils die Arbeit wegen Zwistigkeiten mit den Besitzern nie-
dergelegt hatten, verwendet wurde. So sehen die Arbeiter immer
mehr ein, daß sie vereinigt auch eine respektable Macht sind und
im höchsten Notfall allerdings der Macht der Bourgeoisie trotzen
können. Und diese Einsicht, der Gewinn aller Arbeiterbewegungen
ist den sämtlichen Grubenleuten Englands durch die "Union" und
den Turnout von 1844 zuteil geworden. In sehr kurzer Zeit wird
der Unterschied der Intelligenz und Energie, der jetzt noch zu-
gunsten der Industriearbeiter besteht, verschwunden sein, und die
Bergleute des Reichs werden sich ihnen in jeder Beziehung an die
Seite stellen können. So wird ein Stück Terrain nach dem ändern
unter den Füßen der Bourgeoisie unterwühlt, und wie lange wird es
dauern, so stürzt ihr ganzes Staats- und Gesellschaftsgebäude
samt der Basis, auf der es steht, zusammen.
Aber sie läßt sich nicht warnen. Die Auflehnung der Grubenarbei-
ter erbitterte sie nur noch mehr; statt in ihr einen Fortschritt
der Bewegung unter den Arbeitern im allgemeinen zu sehen, statt
sich dadurch zur Besinnung bringen zu lassen, fand die besitzende
Klasse in ihr nur Veranlassung zum Zorn gegen eine Klasse von
Menschen, die närrisch genug war, mit der bisherigen Behandlungs-
weise sich nicht mehr einverstanden zu erklären. Sie sah in den
gerechten Forderungen der Besitzlosen nur unverschämte Unzufrie-
denheit, wahnsinnige Auflehnung gegen "göttliche und menschliche
Ordnung" und im günstigsten Falle einen mit aller Macht wieder zu
unterdrückenden Erfolg "übelgesinnter Demagogen, die von der Agi-
tation leben und zu faul sind zum Arbeiten". Sie suchte - natür-
lich erfolglos - den Arbeitern Leute wie Roberts und die Agenten
der Assoziation, die ganz natürlich von dieser unterhalten wur-
den, als pfiffige Betrüger darzustellen, die ihnen, den armen Ar-
beitern, den letzten Heller aus der Tasche lockten. - Wenn eine
solche Verrücktheit bei der besitzenden Klasse existiert, wenn
sie durch ihren augenblicklichen Vorteil so geblendet wird, daß
sie selbst für die deutlichsten Zeichen der Zeit keine Augen mehr
hat, so muß man wahrlich alle Hoffnungen auf eine friedliche Lö-
sung der sozialen Frage für England aufgeben. Die einzig mögliche
Auskunft bleibt eine gewaltsame Revolution, die ganz gewiß nicht
ausbleiben wird.
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