Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846
zurück
#486#
-----
Die Stellung der Bourgeoisie zum Proletariat
Wenn ich hier von der Bourgeoisie spreche, so schließe ich gleich
die sogenannte Aristokratie mit ein, denn diese ist nur Aristo-
kratie, nur privilegiert gegenüber der Bourgeoisie, aber nicht
gegenüber dem Proletariat. Der Proletarier sieht in ihnen beiden
nur den Besitzenden, d. h. den Bourgeois. Vor dem Privilegium des
Besitzes verschwinden alle ändern Privilegien. Der Unterschied
ist nur der, daß der eigentliche Bourgeois dem industriellen und
teilweise dem Bergwerksproletarier, als P ä c h t e r auch dem
Ackerbautaglöhner gegenübersteht, während der sogenannte Aristo-
krat nur mit einem Teil der bergbauenden und mit den ackerbauen-
den Proletariern in Berührung kommt.
Mir ist nie eine so tief demoralisierte, eine so unheilbar durch
den Eigennutz verderbte, innerlich zerfressene und für allen
Fortschritt unfähig gemachte Klasse vorgekommen wie die englische
Bourgeoisie - und hier meine ich vor allem die eigentliche Bour-
geoisie, besonders die liberale, Korngesetz-abschaffende. Für sie
existiert nichts in der Welt, was nicht nur um des Geldes willen
da wäre, sie selbst nicht ausgenommen, denn sie lebt für nichts,
als um Geld zu verdienen, sie kennt keine Seligkeit als die des
schnellen Erwerbs, keinen Schmerz außer dem Geld verlieren. *)
Bei dieser Habsucht und Geldgier ist es nicht möglich, daß eine
einzige menschliche Anschauung unbefleckt bleibe. Gewiß, diese
englischen Bourgeois sind gute Ehemänner und Familienmitglieder,
haben auch sonst allerlei sogenannte Privattugenden und erschei-
nen im gewöhnlichen Verkehr ebenso respektabel und anständig wie
alle anderen Bourgeois; selbst im Handel sind sie besser zu trak-
tieren wie die
---
*) Carlyle gibt in seinem "Past and Present" [Vergangenheit und
Gegenwart] (London 1843) eine ausgezeichnet schöne Schilderung
der englischen Bourgeoisie und ihrer ekelhaften Geldsucht, die
ich in den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern" teilweise über-
setzt habe und auf die ich verweise. [108]
#487# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
-----
Deutschen, sie mäkeln und dingen nicht soviel wie unsere Krämer-
seelen, aber was hilft das alles? In letzter Instanz ist doch das
eigne Interesse und speziell der Gelderwerb das einzig entschei-
dende Moment. Ich ging einmal mit einem solchen Bourgeois nach
Manchester hinein und sprach mit ihm von der schlechten, ungesun-
den Bauart, von dem scheußlichen Zustande der Arbeiterviertel und
erklärte, nie eine so schlecht gebaute Stadt gesehen zu haben.
Der Mann hörte das alles ruhig an, und an der Ecke, wo er mich
verließ, sagte er: And yet, there is a great deal of money made
here - und doch wird hier enorm viel Geld verdient - guten Mor-
gen, Herr! Es ist dem englischen Bourgeois durchaus gleichgültig,
ob seine Arbeiter verhungern oder nicht, wenn er nur Geld ver-
dient. Alle Lebensverhältnisse werden nach dem Gelderwerb gemes-
sen, und was kein Geld abwirft, das ist dummes Zeug, unpraktisch,
idealistisch. Darum ist auch die Nationalökonomie, die Wissen-
schaft des Gelderwerbs, die Lieblingswissenschaft dieser Scha-
cherjuden. Jeder ist Nationalökonom. Das Verhältnis des Fabrikan-
ten zum Arbeiter ist kein menschliches, sondern ein rein ökonomi-
sches. Der Fabrikant ist das "Kapital , der Arbeiter ist die
"Arbeit". Und wenn der Arbeiter sich nicht in diese Abstraktion
hineinzwängen lassen will, wenn er behauptet, daß er nicht "die
Arbeit", sondern ein Mensch ist, der allerdings unter anderem
auch die Eigenschaft des Arbeitens hat, wenn er sich einfallen
läßt zu glauben, er brauche sich nicht als "die Arbeit", als Ware
im Markte kaufen und verkaufen zu lassen, so steht dem Bourgeois
der Verstand still. Er kann nicht begreifen, daß er mit den Ar-
beitern noch in einem ändern Verhältnis steht als in dem des
Kaufs und Verkaufs, er sieht in ihnen keine Menschen, sondern
"Hände" (hands), wie er sie fortwährend ins Gesicht tituliert, er
erkennt keine andere Verbindung, wie Carlyle sagt, zwischen
Mensch und Mensch an, als b a r e Z a h l u n g. Selbst das
Band zwischen ihm und seiner Frau ist in neunundneunzig Fällen
aus hundert nur "bare Zahlung". Die elende Sklaverei, in der das
Geld den Bourgeois hält, ist durch die Bourgeoisieherrschaft
selbst der Sprache aufgedrückt. Das Geld macht den Wert des Man-
nes aus; dieser Mann ist zehntausend Pfund wert - he is worth ten
thousand pounds, d.h. er besitzt sie. Wer Geld hat, ist
"respectable", gehört zur "besseren Sorte von Leuten" (the better
sort of people), ist "einflußreich" (influential), und was er
tut, macht Epoche in seinem Kreise. Der Schachergeist geht durch
die ganze Sprache, alle Verhältnisse werden in Handelsausdrücken
dargestellt, in ökonomischen Kategorien erklärt. Nachfrage und
Zufuhr, Begehr und Angebot, supply and demand, das sind die For-
meln, nach denen die Logik des Engländers das ganze menschliche
Leben beurteilt. Daher die freie Konkurrenz in jeder Beziehung,
daher das Regime des laissez-faire und laissez-allert [109]
#488# Friedrich Engels
-----
in der Verwaltung, in der Medizin, in der Erziehung und bald wohl
auch in der Religion, wo die Herrschaft der Staatskirche mehr und
mehr zusammenbricht. Die freie Konkurrenz will keine Beschrän-
kung, keine Staatsaufsicht, der ganze Staat ist ihr zur Last, sie
wäre am vollkommensten in einem ganz staatlosen Zustande, wo je-
der den ändern nach Herzenslust ausbeuten kann, wie z.B. in
Freund Stirners "Verein". Da die Bourgeoisie aber den Staat,
schon um das ihr ebenso nötige Proletariat im Zaum zu halten,
nicht entbehren kann, so wendet sie ihn gegen dies und sucht ihn
sich soweit wie möglich entfernt zu halten.
Man glaube aber ja nicht, daß der "gebildete" Engländer diese
Selbstsucht so offen zur Schau trage. Im Gegenteil, er verdeckt
sie mit der schnödesten Heuchelei. - Wie, die englischen Reichen
sollten nicht an die Armen denken, sie, die wohltätige Anstalten
errichtet haben, wie kein anderes Land sie aufweisen kann? Ja-
wohl, wohltätige Anstalten! Als ob dem Proletarier damit gedient
wäre, daß ihr ihn erst bis aufs Blut aussaugt, um nachher eure
selbstgefälligen, pharisäischen Wohltätigkeitskitzel an ihm üben
zu können und vor der Welt als gewaltige Wohltäter der Menschheit
dazustehen, wenn ihr dem Ausgesogenen den hundertsten Teil dessen
wiedergebt, was ihm zukommt! Wohltätigkeit, die den, der sie
gibt, noch mehr entmenscht als den, der sie nimmt, Wohltätigkeit,
die den Zertretenen noch tiefer in den Staub tritt, die da ver-
langt, der entmenschte, aus der Gesellschaft ausgestoßene Paria
soll erst auf sein Letztes, auf seinen Anspruch an die Menschheit
verzichten, soll erst um ihre G n a d e b e t t e l n, ehe sie
die Gnade hat, ihm durch ein Almosen den Stempel der Entmenschung
auf die Stirne zu drücken! Doch was soll das alles. Hören wir die
englische Bourgeoisie selbst. Es ist noch kein Jahr, da las ich
im "Manchester Guardian" folgenden Brief an den Redakteur, der
ohne alle weitere Bemerkung als eine ganz natürliche, vernünftige
Sache abgedruckt war:
Herr Redakteur!
Seit einiger Zeit begegnet man auf den Hauptstraßen unserer Stadt
einer Menge von Bettlern, die teils durch ihre zerlumpte Kleidung
und ihr krankes Aussehen, teils durch ekelhafte, offne Wunden und
Verstümmelungen das Mitleid der Vorübergehenden auf eine häufig
sehr unverschämte und molestierende Weise rege zu machen suchen.
Ich sollte meinen, wenn man nicht nur seine Armensteuer bezahlt,
sondern auch reichlich zu den wohltätigen Anstalten beiträgt, so
hätte man doch genug getan, um das Recht zu haben, vor solchen
unangenehmen und unverschämten Behelligungen sichergestellt zu
werden; und wofür bezahlt man denn eine so hohe Steuer zum Unter-
halt der städtischen Polizei, wenn diese einen nicht einmal so
weit schützt, daß man ruhig
#489# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
-----
in die Stadt oder heraus gehn kann? - Ich hoffe, die Veröffentli-
chung dieser Zeilen in Ihrem vielgelesenen Blatt wird die öffent-
liche Gewalt veranlassen, diesen Übelstand (nuisance) zu beseiti-
gen, und verharre
Ihre ergebene Dienerin
Eine Dame
Da habt Ihr's! Die englische Bourgeoisie ist wohltätig aus Inter-
esse, sie schenkt nichts weg, sie betrachtet ihre Gaben als einen
Handel, sie macht mit den Armen ein G e s c h ä f t und sagt:
Wenn ich soviel an wohltätige Zwecke verwende, so e r k a u f e
i c h m i r d a d u r c h d a s R e c h t, weiter nicht be-
helligt zu werden, so verpflichtet ihr euch dafür, in euren dun-
klen Höhlen zu bleiben und nicht durch die offne Darlegung eures
Elends meine zarten Nerven anzugreifen! Verzweifeln sollt ihr im-
merhin, aber ihr sollt im stillen verzweifeln, das bedinge ich
mir aus, das erkaufe ich mir mit meiner Subskription von 20 Pfund
für das Krankenhaus! O über diese infame Wohltätigkeit eines
christlichen Bourgeois! - Und so schreibt "eine Dame", jawohl,
Dame, sie tut wohl daran, sich so zu unterzeichnen, sie hat
glücklicherweise nicht mehr den Mut, sich ein W e i b zu nen-
nen! Wenn aber die "Damen" so sind, wie wird es erst mit den
"Herren" stehen? - Man wird sagen, es sei ein einzelner Fall.
Aber nein, der obige Brief drückt geradezu die Gesinnung der
großen Majorität der englischen Bourgeoisie aus, sonst hätte ihn
ja auch der Redakteur nicht aufgenommen, sonst wäre ja wohl ir-
gendeine Erwiderung gefolgt, nach der ich mich in den folgenden
Nummern vergebens umgesehen habe. Und was die Wirksamkeit des
Wohltuns betrifft, so sagt ja der Kanonikus P a r k i n s o n
selbst, daß die Armen weit mehr von ihresgleichen als von der
Bourgeoisie unterstützt werden; und so eine Unterstützung von ei-
nem braven Proletarier, der selbst weiß, wie der Hunger tut, für
den das Teilen des knappen Mahles ein Opfer ist, das er aber mit
Freuden bringt - solch eine Unterstützung hat dann auch einen
ganz ändern Klang als das hingeworfene Almosen des schwelgenden
Bourgeois.
Auch sonst heuchelt die Bourgeoisie eine grenzenlose Humanität -
aber nur dann, wenn ihr eigenes Interesse es erheischt. So in ih-
rer Politik und Nationalökonomie. Sie hat sich nun ins fünfte
Jahr damit abgequält, den Arbeitern zu beweisen, daß sie nur im
Interesse der Proletarier die Korngesetze abzuschaffen wünsche.
Das Lange und Breite von dieser Sache ist aber dies: Die Kornge-
setze, welche den Brotpreis höher halten, als dieser in ändern
Ländern steht, erhöhen dadurch auch den Arbeitslohn und erschwe-
ren dadurch dem Fabrikanten die Konkurrenz gegen andere Länder,
in denen der Brotpreis und infolgedessen der Lohn niedriger
steht. Werden die Korngesetze nun abgeschafft, so fällt der Brot-
preis, und der Arbeitslohn nähert
#490# Friedrich Engels
-----
sich dem der übrigen zivilisierten Länder Europas, was jedem nach
den oben entwickelten Prinzipien, durch die der Lohn sich regu-
liert, klar sein wird. Der Fabrikant kann also leichter konkur-
rieren, die Nachfrage nach englischen Waren wächst und mit ihr
die Nachfrage nach Arbeitern. Infolge dieser vermehrten Nachfrage
wird allerdings der Lohn wieder etwas steigen und die brotlosen
Arbeiter beschäftigt werden; aber wie lange dauert das? Die
"überflüssige Bevölkerung" Englands und besonders Irlands reicht
hin, um die englische Industrie, selbst wenn sie sich verdop-
pelte, mit den nötigen Arbeitern zu versehen; in wenig Jahren
würde der geringe Vorteil der Korngesetzabschaffung wieder ausge-
glichen sein, eine neue Krisis erfolgen, und wir wären soweit wie
vorher, während der erste Stimulus in der Industrie auch die Ver-
mehrung der Bevölkerung beschleunigen würde. Das alles sehen die
Proletarier sehr gut ein und haben es den Bourgeois hundertmal
ins Gesicht gesagt; aber trotzdem schreit das Geschlecht der Fa-
brikanten, das nur den u n m i t t e l b a r e n Vorteil, den
ihm die Abschaffung der Korngesetze bringen würde, im Auge hat,
dies Geschlecht, das borniert genug ist, nicht zu sehen, wie auch
ihm kein d a u e r n d e r Vorteil aus dieser Maßregel erwach-
sen kann, indem die Konkurrenz der Fabrikanten unter sich den Ge-
winn der einzelnen bald auf das alte Niveau zurückbringen würde -
trotzdem schreit dies Geschlecht bis heute den Arbeitern vor, nur
um ihretwillen geschehe das alles, nur um der verhungernden Mil-
lionen willen schössen die Reichen der liberalen Partei ihre Hun-
derte und Tausende von Pfunden in die Kasse der Antikorngesetz-
ligue - wo doch jeder weiß, daß sie nur mit der Wurst nach dem
Schinken werfen, daß sie darauf rechnen, das alles zehnfach und
hundertfach in den ersten Jahren nach Abschaffung der Korngesetze
wieder zu verdienen. Aber die Arbeiter lassen sich - und beson-
ders seit der Insurrektion von 1842, nicht mehr durch die Bour-
geoisie irreführen. Sie verlangen von jedem, der sich für ihr
Wohl zu plagen vorgibt, daß er, als Prüfstein der Echtheit seiner
Absichten, sich für die Volkscharte erkläre, und protestieren da-
mit gegen alle fremde Hülfe, denn in der Charte verlangen sie nur
die M a c h t, s i c h s e l b s t zu helfen. Wer das nicht
tut, dem erklären sie mit vollem Rechte den Krieg, sei er offner
Feind oder falscher Freund. - Übrigens hat die Antikorngesetzli-
gue den Arbeitern gegenüber die verächtlichsten Lügen und Kniffe
gebraucht, um sie zu gewinnen. Sie hat ihnen weismachen wollen,
daß der Geldpreis der Arbeit im umgekehrten Verhältnis zum Korn-
preise stehe, daß der Lohn hoch, wenn das Korn niedrig stehe, und
umgekehrt - ein Satz, den sie mit den lächerlichsten Argumenten
hat zu beweisen gesucht und der in sich selbst lächerlicher ist
als irgendeine andere aus dem Munde eines Ökonomen geflossene Be-
hauptung. Wenn das nicht half, so hat man den Arbeitern die
#491# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
-----
ungeheuerste Glückseligkeit infolge des vermehrten Begehrs im Ar-
beitsmarkt versprochen, ja man hat sich nicht entblödet, zwei Mo-
delle von Brotlaiben durch die Straßen zu tragen, auf deren größ-
tem geschrieben stand: Amerikanisches Achtpfenniglaib, Lohn 4
Shilling täglich, und auf dem ändern, viel kleineren: Englisches
Achtpfenniglaib, Lohn 2 Shilling täglich. Die Arbeiter haben sich
aber nicht irremachen lassen. Sie kennen ihre Brotherren zu gut.
Und wenn man die Gleisnerei dieser schönen Versprechungen erst
recht erkennen will, so betrachte man die Praxis. Wir haben im
Verlauf unserer Berichte gesehen, wie die Bourgeoisie das Prole-
tariat auf alle mögliche Weise zu ihren Zwecken ausbeutet. Wir
haben bisher indes nur die einzelnen Bourgeois auf ihre eigne
Faust das Proletariat mißhandeln sehen. Gehen wir nun zu den Ver-
hältnissen über, in denen die Bourgeoisie als Partei, ja als
Staatsmacht gegen das Proletariat auftritt. - Daß zuerst die
ganze Gesetzgebung den Schutz des Besitzenden gegen den Besitzlo-
sen bezweckt, liegt auf der Hand. Nur weil es Besitzlose gibt,
sind die Gesetze notwendig; und wenn dies auch nur in wenigen Ge-
setzen, z.B. gegen das Vagabundieren und die Obdachlosigkeit,
worin das Proletariat als solches für gesetzwidrig erklärt wird,
direkt ausgeprochen ist, so liegt doch die Feindschaft gegen das
Proletariat dem Gesetze so sehr zum Grunde, daß die Richter, be-
sonders die Friedensrichter, die selbst Bourgeois sind und mit
denen das Proletariat am meisten m Berührung kommt, diesen Sinn
ohne weiteres im Gesetze finden. Wird ein Reicher vorgeführt oder
vielmehr vorgeladen, so bedauert der Richter, daß er ihm so viel
Mühe machen muß, wendet die Sache soviel er irgend kann zu seinen
Gunsten, und wenn er ihn verurteilen muß, so tut es ihm wieder
unendlich leid usw., und das Resultat ist eine elende Geldstrafe,
die der Bourgeois mit Verachtung auf den Tisch schmeißt und sich
entfernt. Kommt aber ein armer Teufel in den Fall, vor dem Frie-
densrichter zu erscheinen, so hat er fast immer die Nacht im Ar-
resthause mit einer Menge anderer zugebracht, wird von vornherein
als schuldig betrachtet und angeschnauzt, seine Verteidigung mit
einem verächtlichen: "0, wir kennen diese Ausreden" - beseitigt
und ihm eine Strafe auferlegt, die er nicht bezahlen kann und mit
einem oder mehreren Monaten auf der Tretmühle abbüßen muß. Und
wenn man ihm nichts beweisen kann, so wird er als Schuft und Va-
gabond (a rogue and a vagabond - die Ausdrücke kommen fast immer
zusammen vor) dennoch auf die Tretmühle geschickt. Die Partei-
lichkeit der Friedensrichter, besonders auf dem Lande, übersteigt
wirklich alle Vorstellung, und es ist so an der Tagesordnung, daß
alle nicht zu eklatanten Fälle von den Zeitungen ganz ruhig und
ohne weitere Glossen berichtet werden. Es ist aber auch nicht
#492# Friedrich Engels
-----
anders zu erwarten. Einerseits legen diese "Dogbernes" das Gesetz
nur nach dem Sinn aus, der in ihm liegt, und andererseits sind
sie ja selbst Bourgeois, die vor allen Dingen im Interesse ihrer
Klasse den Grundpfeiler aller wahren Ordnung sehen. Und wie die
Friedensrichter, so benimmt sich auch die Polizei. Der Bourgeois
kann tun, was er will, gegen ihn ist der Polizeidiener immer höf-
lich und hält sich streng ans Gesetz; aber der Proletarier wird
grob und brutal behandelt, seine Armut wirft schon den
V e r d a c h t aller möglichen Verbrechen auf ihn und ver-
schließt ihm zugleich das Rechtsmittel gegen alle Willkürlichkei-
ten der Gewalthaber; für ihn existieren deshalb die schützenden
Formen des Gesetzes nicht, ihm dringt die Polizei ohne weiteres
ins Haus, verhaftet und mißhandelt ihn, und bloß wenn einmal eine
Arbeiterassoziation wie die Grubenarbeiter einen Roberts engagie-
ren 1*), bloß dann kommt es an den Tag, wie wenig die schützende
Seite des Gesetzes für den Proletarier existiert, wie häufig er
alle Lasten des Gesetzes zu tragen hat, ohne einen seiner Vor-
teile zu genießen.
Bis auf die heutige Stunde kämpft die besitzende Klasse im Parla-
ment gegen das bessere Gefühl der noch nicht ganz der Selbstsucht
Verfallenen, um das Proletariat mehr und mehr zu unterjochen. Ein
Gemeindeplatz nach dem ändern wird weggenommen und bebaut, wo-
durch allerdings die Kultur gehoben, aber dem Proletariat viel
Schaden getan wird. Wo Gemeindeplätze existierten, konnte der
Arme darauf einen Esel, ein Schwein oder einige Gänse halten, die
Kinder und jungen Leute hatten einen Platz, wo sie spielen und
sich im Freien herumtreiben konnten; dies hört immer mehr auf,
der Verdienst des Armen wird geringer, und das junge Volk, dem
sein Spielplatz genommen ist, geht dafür in die Kneipen. Eine
Menge solcher Parlamentsakten zur Urbarmachung von Gemeindeplät-
zen gehen in jeder Session durch. - Als die Regierung in der Ses-
sion von 1844 sich entschloß, die allen Verkehr monopolisierenden
Eisenbahngesellschaften zu zwingen, auch den Arbeitern das Reisen
gegen ein ihren Umständen angemessenes Fahrgeld (1 Penny die
Meile, etwa 5 Silbergroschen die deutsche Meile) möglich zu ma-
chen, und deshalb vorschlug, daß täglich ein solcher Zug dritter
Klasse auf jeder Eisenbahn eingeführt werde, schlug der
"ehrwürdige Vater in Gott", der Bischof von London, vor, daß der
Sonntag, der einzige Tag, an dem beschäftigte Arbeiter überhaupt
reisen k ö n n e n, von diesem Zwang ausgenommen und so das
Reisen am Sonntag nur den Reichen, nicht aber den Armen gestattet
werde. Dieser Vorschlag war indes zu geradeaus, zu unverhohlen,
als daß er hätte durchgehen können, und man ließ ihn fallen. -
Ich habe nicht Raum genug,
-----
1*) (1892) engagiert
#493# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
-----
um die vielen versteckten Angriffe auf das Proletariat, auch nur
einer einzigen Session, aufzuzählen. Nur noch einen aus derselben
Session von 1844. Ein ganz obskures Parlamentsglied 1*), ein Herr
Miles, schlug eine Bill zur Regulierung des Verhältnisses von
Herren und Dienern vor, die ziemlich unscheinbar aussah. Die Re-
gierung nahm sich der Bill an, und sie wurde einem Komitee über-
geben. Inzwischen brach der Turnout der Grubenarbeiter im Norden
aus, und Roberts hielt seine Triumphzüge durch England mit seinen
freigesprochenen Arbeitern. Als nun die Bill aus dem Komitee kam,
fand sich, daß einige höchst despotische Klauseln eingeschaltet
waren, besonders eine, durch die dem Brotherrn die Macht gegeben
wurde, jeden Arbeiter, der mit ihm mündlich oder schriftlich ir-
gendeine beliebige Arbeit, wenn auch nur eine gelegentliche Hand-
reichung kontrahiert hatte, im Falle von Dienstverweigerung oder
s o n s t i g e m u n g e z i e m e n d e m B e t r a g e n
(misbehaviour) vor irgendeinen beliebigen (any) Friedensrichter
zu schleppen und auf seinen oder seiner Agenten und Aufseher Eid
hin - also auf den Eid des Klägers - zu Gefängnis und
Zwangsarbeit bis zu zwei Monaten verurteilen zu lassen. Diese
Bill regte die Arbeiter bis zur höchsten Wut auf, um so mehr als
die Zehnstundenbill zu gleicher Zeit vor dem Parlament war und
bedeutende Agitation hervorgebracht hatte. Hunderte von
Versammlungen wurden gehalten, Hunderte von Arbeiterpetitionen
nach London an den Sachwalter des Proletariats im Parlament,
Thomas Duncombe, geschickt. Dieser war, außer dem "jungen
Engländer" Ferrand, der einzige energische Opponent, aber als die
übrigen Radikalen sahen, daß das Volk sich gegen die Bill
erklärte, kroch einer nach dem ändern hervor und stellte sich
Duncombe zur Seite, und da auch die liberale Bourgeoisie bei der
Aufregung der Arbeiter nicht den Mut hatte, sich für die Bill
auszusprechen, da überhaupt niemand sich dem Volke gegenüber
lebhaft für sie interessierte, so fiel sie glänzend durch.
Die offenste Kriegserklärung der Bourgeoisie gegen das Proleta-
riat ist indes die M a l t h u s s c h e T h e o r i e d e r
P o p u l a t i o n und das aus ihr entstandene n e u e
A r m e n g e s e t z. Von der Malthusschen Theorie ist schon
mehrere Male die Rede gewesen. Wiederholen wir kurz ihr Hauptre-
sultat, daß die Erde stets übervölkert sei und daher stets Not,
Elend, Armut und Unsittlichkeit herrschen müsse; daß es das Los
und die ewige Bestimmung der Menschheit sei, in zu großer Zahl
und daher in verschiedenen Klassen zu existieren, von denen die
einen mehr oder weniger reich, gebildet, moralisch und die ändern
mehr oder weniger arm, elend, unwissend und unsittlich seien.
Hieraus folgt
-----
1*) (1892) Parlamentsmitglied
#494# Friedrich Engels
-----
denn für die Praxis - und diese Schlüsse zieht Malthus selbst -,
daß Wohltaten und Armenkassen eigentlich Unsinn seien, da sie nur
dazu dienen, die überzählige Bevölkerung, deren Konkurrenz den
Lohn der ändern drücke, aufrechtzuerhalten und zur Vermehrung an-
zureizen; daß die Beschäftigung von Armen durch die Armenverwal-
tung ebenso unsinnig sei, indem, da doch nur eine bestimmte Quan-
tität von Arbeitserzeugnissen verbraucht werden könne, für jeden
brotlosen Arbeiter, der beschäftigt wird, ein anderer bisher be-
schäftigter brotlos werden muß und so die Privatindustrie auf Ko-
sten der Armenverwaltungs-Industrie Schaden leidet; daß es sich
also nicht darum handelt, die überzählige Bevölkerung zu ernäh-
ren, sondern sie auf die eine oder die andere Weise möglichst zu
beschränken. Malthus erklärt mit dürren Worten das bisher be-
hauptete Recht jedes Menschen, der in der Welt existiere, auf
seine Existenzmittel für baren Unsinn. Er zitiert die Worte eines
Dichters: Der Arme kommt zum festlichen Tisch der Natur und fin-
det kein leeres Gedeck für sich - und setzt hinzu - und die Natur
befiehlt ihm, sich zu packen (she bids him to be gone) - "denn er
hat ja vor seiner Geburt die Gesellschaft nicht erst gefragt, ob
sie ihn haben wolle". Diese Theorie ist jetzt die Leibtheorie al-
ler echten englischen Bourgeois, und zwar ganz natürlich, da sie
für diese das bequemste Faulbett ist und ohnehin für die beste-
henden Verhältnisse viel Richtiges hat. Wenn es sich also nicht
mehr darum handelt, die "überzählige Bevölkerung" nutzbar zu ma-
chen, in b r a u c h b a r e Bevölkerung zu verwandeln, sondern
bloß darum, die Leute auf möglichst leichte Weise verhungern zu
lassen und sie zugleich daran zu hindern, daß sie zuviel Kinder
in die Welt setzen, so ist das natürlich Kleinigkeit - vorausge-
setzt, daß die überflüssige Bevölkerung ihre eigne Überflüssig-
keit einsieht und den Hungertod sich wohlschmecken läßt. Dazu ist
aber, trotz der angestrengtesten Bemühungen der humanen Bour-
geoisie, den Arbeitern dies beizubringen, vorderhand noch keine
Aussicht. Die Proletarier haben sich vielmehr in den Kopf ge-
setzt, daß sie mit ihren fleißigen Händen gerade die Nötigen, und
die reichen Herren Kapitalisten, die nichts tun, eigentlich die
Überflüssigen seien.
Da aber die Reichen noch die Macht besitzen, so müssen sich die
Proletarier gefallen lassen, daß sie, falls sie selbst es nicht
gutwillig einsehen wollen, vom Gesetz für wirklich überflüssig
erklärt werden. Dies ist im neuen Armengesetz geschehen. Das alte
Armengesetz, das auf der Akte vom Jahre 1601 (43rd of Elizabeth)
1*) beruht, ging naiverweise noch von dem Prinzip aus, daß es die
Pflicht der Gemeinde sei, für den Lebensunterhalt der Armen
-----
1*) (43. Jahr der Regierung Elisabeths)
#495# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
-----
zu sorgen. Wer keine Arbeit hatte, erhielt Unterstützung, und der
Arme sah auf die Dauer, wie billig, die Gemeinde für verpflichtet
an, ihn vor dem Verhungern zu schützen. Er forderte seine wö-
chentliche Unterstützung als ein Recht, nicht als eine Gnade, und
das wurde zuletzt der Bourgeoisie doch zu arg. 1833, als sie eben
durch die Reformbill an die Herrschaft und zugleich der Pauperis-
mus der Landdistrikte zur vollen Entfaltung gekommen war, begann
sie sogleich die Reform auch der Armengesetze von ihrem Stand-
punkte aus. Eine Kommission wurde ernannt, die die Verwaltung der
Armengesetze untersuchte und eine große Menge Mißbräuche ent-
deckte. Man fand die ganze Arbeiterklasse des platten Landes pau-
pensiert und ganz oder teilweise von der Armenkasse abhängig, da
diese, wenn der Lohn niedrig stand, den Armen einen Zusatz gab;
man fand, daß dies System, wodurch der Arbeitslose erhalten, der
Schlechtbezahlte und mit vielen Kindern Gesegnete unterstützt,
der Vater unehelicher Kinder zur Alimentation angehalten und die
Armut überhaupt als des Schutzes bedürftig anerkannt wurde - man
fand, daß dies System das Land ruiniere,
"ein Hemmnis der Industrie, eine Belohnung für unüberlegte Heira-
ten, ein Stimulus zur Vermehrung der Bevölkerung sei und den Ein-
fluß einer vermehrten Volkszahl auf den Arbeitslohn unterdrücke;
daß es eine Nationaleinrichtung sei, um die Fleißigen und Ehrli-
chen zu entmutigen und die Trägen, Lasterhaften und Überlegungs-
losen zu beschützen; daß es die Bande der Familie zerstöre, die
Anhäufung von Kapitalien systematisch verhindre, das existierende
Kapital auflöse und die Steuerzahlenden ruiniere; und obendrein
setze es in der Ahmentation eine Prämie auf uneheliche Kinder."
(Worte des Berichts der Armengesetzkommissäre.) *)
Diese Schilderung der Wirkungen des alten Armengesetzes ist im
ganzen gewiß richtig; die Unterstützung begünstigt die Trägheit
und die Vermehrung der "überflüssigen" Bevölkerung. Unter den
jetzigen sozialen Verhältnissen ist es ganz klar, daß der Arme
gezwungen wird, Egoist zu sein, und wenn er die Wahl hat und
gleich gut lebt, lieber nichts tut als arbeitet. Daraus folgt
aber nur, daß die jetzigen sozialen Verhältnisse nichts taugen,
nicht aber, daß - wie die malthusianischen Kommissäre folgerten -
die Armut als ein Verbrechen nach der Abschreckungstheorie zu be-
handeln sei.
Diese weisen Malthusianer waren aber so fest von der Unfehlbar-
keit ihrer Theorie überzeugt, daß sie keinen Augenblick Anstand
nahmen, die
---
*) "Extracts from Information received by the Poor-Law-Commissio-
ners" [Auszüge aus dem von den Armengesetzkommissären erhaltenen
Bericht], Published by Authority. London 1833.
#496# Friedrich Engels
-----
Armen in das Prokrustesbett ihrer Meinungen zu werfen und sie
nach diesen mit der empörendsten Härte zu behandeln. Mit Malthus
und den übrigen Anhängern der freien Konkurrenz überzeugt, daß es
am besten sei, jeden für sich selbst sorgen zu lassen, das lais-
sez-faire konsequent durchzuführen, hätten sie die Armengesetze
am liebsten ganz abgeschafft. Da sie hierzu indes doch weder Mut
noch Autorität hatten, schlugen sie ein möglichst malthusiamsches
Armengesetz vor, das noch barbarischer ist als das laissez-faire,
weil es da aktiv eintritt, wo dies nur passiv ist. Wir sahen, wie
Malthus die Armut, genauer die Brotlosigkeit unter dem Namen der
Überflüssigkeit für ein Verbrechen erklärt, das die Gesellschaft
mit dem Hungertode bestrafen soll. So barbarisch waren die Kom-
missäre nun gerade nicht; der krasse, direkte Hungertod hat
selbst für einen Armengesetzkommissär etwas zu Schreckliches.
Gut, sagten sie, ihr Armen habt das Recht, zu existieren, aber
auch n u r zu existieren; das Recht, euch zu vermehren aber
habt ihr nicht, ebensowenig wie das Recht, m e n s c h l i c h
zu existieren. Ihr seid eine Landplage, und wenn wir euch nicht
wie jede andere Landplage sofort beseitigen können, so sollt ihr
doch fühlen, daß ihr eine solche seid und wenigstens im Zaume ge-
halten, außerstand gesetzt werden müßt, andere "Überflüssige",
direkt oder durch Verführung zur Trägheit und Brotlosigkeit, zu
produzieren. Leben sollt ihr, aber leben zum warnenden Exempel
allen denen, die Veranlassung haben könnten, auch überflüssig zu
werden.
Sie schlugen nun das neue Armengesetz vor, das 1834 durch das
Parlament ging und bis heute in Kraft besteht. Alle Unterstützung
in Geld oder Lebensmitteln wurde abgeschafft; die einzige Unter-
stützung, welche gewährt wurde, war die Aufnahme in die überall
sofort erbauten Arbeitshäuser. Die Einrichtung dieser Arbeitshäu-
ser (workhouses), oder, wie das Volk sie nennt, Armengesetz-Ba-
stillen (poor-law bastiles), ist aber derart, daß sie jeden ab-
schrecken muß, der noch irgendwie Aussicht hat, sich ohne diese
Art der öffentlichen Mildtätigkeit durchzuschlagen. Damit die Ar-
menkasse nur in den dringendsten Fällen beansprucht und die eig-
nen Anstrengungen eines jeden auf den höchsten Grad gesteigert
werden, ehe er sich entschließt, sich von ihr unterstützen zu
lassen, ist das Arbeitshaus zum zurückstoßendsten Aufenthalt ge-
macht, den das raffinierte Talent eines Malthusianers erfinden
kann. Die Nahrung ist schlechter als die der ärmsten beschäftig-
ten Arbeiter, während die Arbeit schwerer ist; sonst würden diese
ja den Aufenthalt im Armenhause ihrer jämmerlichen Existenz drau-
ßen vorziehen. Fleisch, besonders frisches, wird selten gereicht,
meist Kartoffeln, möglichst schlechtes Brot und Hafermehlbrei,
wenig oder gar kein Bier. Selbst die Diät der Gefängnisse ist
durchgängig besser, so daß die Bewohner
#497# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
-----
des Arbeitshauses häufig irgendein Vergehen absichtlich sich zu-
schulden kommen lassen, um nur ins Gefängnis zu kommen. Denn auch
das Arbeitshaus ist ein Gefängnis; wer sein Quantum Arbeit nicht
tut, bekommt nichts zu essen, wer herausgehen will, muß erst um
Erlaubnis bitten, die ihm je nach seinem Betragen oder der Mei-
nung, die der Inspektor davon hat, verweigert werden kann; Tabak
ist verboten, ebenso die Annahme von Geschenken von Freunden und
Verwandten außerhalb des Hauses; die Paupers tragen eine Arbeits-
haus-Uniform und sind der Willkür des Inspektors ohne Schutz
überliefert. Damit ihre Arbeit nicht etwa mit der Privatindustrie
konkurriere, gibt man ihnen meist ziemlich nutzlose Beschäftigun-
gen; die Männer klopfen Steine, "soviel ein starker Mann mit An-
strengung m einem Tage tun kann ", die Weiber, Kinder und Greise
zupfen alte Schiffstaue, ich habe vergessen, zu welchem unbedeu-
tenden Zweck. Damit die "Überflüssigen" sich nicht vermehren,
oder die "demoralisierten" Eltern nicht auf ihre Kinder wirken
können, werden die Familien getrennt; der Mann wird in diesen
Flügel, die Frau in jenen, die Kinder in einen dritten geschickt,
und sie dürfen einander nur zu bestimmten, selten wiederkehrenden
Zeiten sehen, und auch dann nur, wenn sie sich nach der Meinung
der Beamten gut betragen haben. Und um den Ansteckungsstoff des
Pauperismus vollständig in diesen Bastillen vor der Außenwelt ab-
zuschließen, dürfen die Bewohner derselben nur mit Bewilligung
der Beamten Besuch im Sprechzimmer annehmen, überhaupt nur unter
ihrer Aufsicht oder Erlaubnis mit Leuten außerhalb verkehren.
Bei alledem soll die Kost gesund, die Behandlung menschlich sein.
Aber der Geist des Gesetzes spricht zu laut, als daß diese Forde-
rung irgendwie erfüllt werden könne. Die Armengesetzkommissäre
und die ganze englische Bourgeoisie täuscht sich, wenn sie die
Durchführung des Prinzips ohne die der Konsequenzen für möglich
hält. Die Behandlung, die das neue Gesetz dem Buchstaben nach
vorschreibt, steht mit dem ganzen Sinn desselben im Widerspruch;
wenn das Gesetz der Sache nach die Armen für Verbrecher, die Ar-
menhäuser für Strafgefängnisse, ihre Bewohner für außer dem Ge-
setz, außer der Menschheit stehende Gegenstände des Ekels und Ab-
scheus erklärt, so hilft alles Befehlen des Gegenteils gar
nichts. In der Praxis wird denn auch der Geist und nicht der
Buchstabe des Gesetzes bei der Behandlung der Armen befolgt. Hier
einige wenige Beispiele.
Im Arbeitshause zu G r e e n w i c h wurde im Sommer 1843 ein
fünfjähriger Knabe drei Nächte zur Strafe in die Totenkammer ge-
sperrt, wo er auf den Deckeln der Särge schlafen mußte. - Im Ar-
beitshause zu H e r n e geschah dasselbe mit einem kleinen Mäd-
chen, das während der Nacht das Bett nicht
#498# Friedrich Engels
-----
trocken hielt; diese Art Strafe scheint überhaupt sehr beliebt zu
sein. Dies Arbeitshaus, das in einer der schönsten Gegenden von
Kent liegt, zeichnet sich auch dadurch aus, daß alle Fenster nach
innen, nach dem Hofe zu gehen und bloß zwei neugebrochene den Be-
wohnern desselben einen Blick in die Außenwelt gestatten. Der
Schriftsteller, der dies im "Illuminated Magazine" erzählt,
schließt seine Schilderung mit den Worten:
"Wenn Gott den Menschen für Verbrechen so bestraft, wie der
Mensch den Menschen straft für die Armut, dann wehe den Söhnen
Adams!"
Im November 1843 starb zu Leicester ein Mann, der zwei Tage vor-
her aus dem Arbeitshause zu C o v e n t r y entlassen worden
war. Die Details über die Behandlung der Armen m dieser Anstalt
sind empörend. Der Mann, George Robson, hatte eine Wunde an der
Schulter, deren Kur gänzlich vernachlässigt wurde; er wurde an
die Pumpe gestellt, um sie mit dem gesunden Arm in Bewegung zu
setzen; dabei bekam er nur die gewöhnliche Armenhauskost, die er
wegen der Schwächung seines Körpers durch die unbeachtete Wunde
nicht verdauen konnte; er wurde notwendig schwächer, und je mehr
er klagte, desto brutaler wurde die Behandlung. Wenn seine Frau,
die auch im Arbeitshause war, ihm ihr bißchen Bier bringen
wollte, so wurde sie gescholten und mußte es in Gegenwart der
Aufseherin austrinken. Er wurde krank, aber auch dann keine bes-
sere Behandlung. Zuletzt wurde er auf sein Begehren mit seiner
Frau unter dem Geleite der beleidigendsten Ausdrücke entlassen.
Zwei Tage darauf starb er in Leicester, wie der bei der Toten-
schau gegenwärtige Arzt erklärte, infolge der vernachlässigten
Wunde und der für seinen Zustand schlechterdings unverdaulichen
Kost. Bei seiner Entlassung wurden ihm Briefe eingehändigt, in
denen Geld für ihn war, die sechs Wochen lang zurückgehalten und
nach einer Regel des Etablissements vom Vorsteher eröffnet worden
waren! - Im Arbeitshause zu B i r m i n g h a m fielen so
schändliche Dinge vor, daß endlich im Dezember 1843 ein Beamter
abgeschickt wurde, um die Sache zu untersuchen. Er fand, daß vier
Trampers (wir haben oben eine Erklärung dieses Ausdrucks gehabt)
in ein Hundeloch (black-hole) unter der Treppe nackend einge-
sperrt und 8 bis 10 Tage in diesem Zustande gehalten worden wa-
ren, oft hungrig, ohne vor Mittag etwas zu essen zu erhalten, und
in der strengsten Jahreszeit. Ein kleiner Junge war durch sämtli-
che Strafgefängnisse der Anstalt geschickt worden, zuerst in eine
feuchte, gewölbte, enge Rumpelkammer, dann zweimal ins Hundeloch,
das zweite Mal drei Tage und drei Nächte, dann ebensolange ins
alte Hundeloch, was noch schlechter war, dann ins Trampzimmer,
ein stinkendes, ekelhaft schmutziges, enges Loch mit hölzernen
Schlafpritschen, wo der
#499# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
-----
Beamte bei seiner Revision noch zwei zerlumpte, vor Kälte zusam-
mengekrochene Knaben fand, die bereits vier Tage dort gesessen
hatten. Im Hundeloch saßen oft sieben und im Trampzimmer oft
zwanzig Trampers zusammengepfropft. Auch Weiber waren zur Strafe,
weil sie nicht in die Kirche gehen wollten, ins Hundeloch ge-
steckt, und eine war sogar vier Tage ins Trampzimmer gesperrt
worden, wo sie Gott weiß was für Gesellschaft fand, und alles
das, während sie krank war und Medizin einnahm! Ein anderes Weib
war zur Strafe ins Tollhaus geschickt worden, obwohl sie vollkom-
men bei Verstande war.- Im Arbeitshause zu B a c t o n in Suf-
folk war im Januar 1844 eine ähnliche Untersuchung, woraus her-
vorging, daß hier eine Blödsinnige als Krankenwärterin angestellt
war und allerlei verkehrtes Zeug mit den Kranken trieb, und daß
Kranke, die nachts oft unruhig waren oder aufstanden, mit über
dem Bettzeug und unter dem Bette her geführten Stricken festge-
bunden wurden, um den Wärterinnen die Mühe des Aufbleibens zu er-
sparen - ein Kranker wurde in diesem Zustande tot gefunden 1*). -
Im Armenhause von S t. P a n c r a s, London, wo die billigen
Hemden verfertigt werden, erstickte ein Epileptischer während ei-
nes Anfalls im Bette, ohne daß ihm jemand zu Hülfe gekommen wäre.
In demselben Hause schlafen vier bis sechs, ja zuweilen acht Kin-
der in einem Bette. - Im Shoreditch-Arbeitshause in London wurde
ein Mann eine Nacht mit einem Kranken, der im heftigsten Fieber
lag, in ein Bett gesteckt, und das Bett war noch dazu voll Unge-
ziefer. - Im Arbeitshause zu B e t h n a l G r e e n, London,
wurde eine im sechsten Monat schwangere Frau mit ihrem noch nicht
zweijährigen Kinde vom 28. Februar bis 20. März 1844 im Empfangs-
zimmer eingeschlossen, ohne ins Arbeitshaus selbst aufgenommen zu
werden - von Betten und Orten der Befriedigung der natürlichsten
Bedürfnisse keine Spur. Ihr Mann wurde ins Arbeitshaus gebracht,
und als er bat, man möge seine Frau aus ihrer Einsperrung be-
freien, erhielt er für diese Insolenz vierundzwanzig Stunden Ar-
rest bei Wasser und Brot. - Im Arbeitshause zu S l o u g h bei
Windsor lag im September 1844 ein Mann am Tode; seine Frau reiste
hin, kam nachts zwölf Uhr an, eilte zum Arbeitshause und wurde
nicht zugelassen; am nächsten Morgen erst erhielt sie Erlaubnis,
ihn zu sehen, und auch dann nur auf eine halbe Stunde und in Ge-
genwart der Aufseherin, die bei jedem folgenden Besuch der Frau
sich zudrängte und ihr nach einer halben Stunde sagte, jetzt
müsse sie gehen. - Im Arbeitshause zu M i d d l e t o n in Lan-
cashire waren zwölf, zuzeiten achtzehn Paupers beiderlei Ge-
schlechts, die in einem Zimmer schliefen. Diese Anstalt steht
nicht unter dem neuen, sondern einem
-----
1*) (1892) aufgefunden
#500# Friedrich Engels
-----
frühern, exzeptionellen Armengesetz (Gilbert's Act). Der Inspek-
tor hatte eine Brauerei für seine Rechnung im Arbeitshause ange-
legt. - In S t o c k p o r t wurde am 31. Juli 1844 ein
72jähriger Greis aus dem Armenhause vor den Friedensrichter ge-
schleppt, weil er sich weigerte, Steine zu klopfen, und vorgab,
wegen seines Alters und eines steifen Knies könne er diese Arbeit
nicht tun. Vergebens erbot er sich, irgendeine Arbeit zu überneh-
men, die seiner Körperstärke angemessen sei - er wurde zu 14 Ta-
gen Zwangsarbeit auf der Tretmühle verurteilt. - Im Arbeitshause
zu B a s f o r d fand ein revidierender Beamter im Februar
1844, daß die Bettücher in dreizehn Wochen, die Hemden in vier
Wochen, die Strümpfe in zwei bis zehn Monaten nicht gewechselt
worden waren, so daß von fünf und vierzig Knaben nur drei noch
Strümpfe hatten und die Hemden alle zerlumpt waren, die Betten
wimmelten von Ungeziefer, und die Eßnäpfe wurden aus den Urinei-
mern gewaschen. - Im W e s t - L o n d o n e r Armenhause war
ein Portier, der syphilitisch war und seine Krankheit vier Mäd-
chen mitgeteilt hatte, dennoch nicht entlassen worden, und ein
andrer Portier nahm ein taubstummes Mädchen aus einem der Zimmer,
verbarg sie vier Tage in seinem Bett und schlief bei ihr. Auch er
wurde nicht weggeschickt.
Wie im Leben, so im Tode. Die Armen werden auf die rücksichtslo-
seste Weise, wie krepiertes Vieh, verscharrt. Der Armenkirchhof
von St. Bride, London, ist ein nackter Morast, der seit Karl II.
zum Kirchhof benutzt wird, voll Knochenhaufen; jeden Mittwoch
werden die verstorbenen Paupers in ein 14 Fuß tiefes Loch gewor-
fen, der Pfaff rasselt eiligst seine Litanei ab, das Loch wird
lose verscharrt, um nächsten Mittwoch wieder geöffnet und solange
mit Leichen gefüllt zu werden, bis keine mehr hineingeht. Der
Verwesungsgeruch davon verpestet die ganze Nachbarschaft. - In
M a n c h e s t e r liegt der Armenkirchhof der Altstadt gegen-
über am Irk, ebenfalls ein wüster, unebener Platz. Vor etwa zwei
Jahren wurde eine Eisenbahn durchgeführt. Wäre es ein respek-
tabler Kirchhof gewesen, wie würde die Bourgeoisie wie die Geist-
lichkeit Zeter über Entheiligung geschrien haben! Aber es war ein
Armenkirchhof, es war die Ruhestätte von Paupers und Überflüssi-
gen, und so genierte man sich durchaus nicht. Man nahm sich nicht
einmal die Mühe, die noch nicht ganz verwesten Leichen auf die
andere Seite des Kirchhofs zu bringen, man scharrte auf, wie es
gerade diente, und schlug Pfähle in frische Gräber, so daß das
mit verwesenden Stoffen geschwängerte Wasser des sumpfigen Bodens
oben herausquoll und die Umgebung mit den widerlichsten und
schädlichsten Gasen erfüllte. Ich mag die ekelhafte Roheit, die
hier an den Tag kam, nicht weiter in ihren Details schildern.
Wird man sich noch wundern, daß die Armen sich noch weigern, die
#501# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
-----
öffentliche Unterstützung unter diesen Bedingungen anzunehmen?
daß sie lieber verhungern als in diese Bastillen gehen? Mir lie-
gen fünf Fälle vor, wo die Leute wirklich und geradezu verhunger-
ten und noch wenige Tage vor ihrem Tode, als ihnen die Armenver-
waltung die Unterstützung außer dem Arbeitshause abschlug, lieber
in ihre Not zurück als in diese Hölle gingen. Insofern haben die
Armengesetzkommissäre ihren Zweck vollkommen erreicht. Aber zu
gleicher Zeit haben die Arbeitshäuser auch die Erbitterung der
arbeitenden Klasse gegen die besitzende, die zum größten Teil für
das neue Armengesetz schwärmt, höher gesteigert als irgendeine
Maßregel der machthabenden Partei. Von Newcastle bis Dover ist
unter den Arbeitern nur e i n e Stimme der Empörung über das
neue Gesetz. Die Bourgeoisie hat in ihm ihre Meinung über ihre
Pflichten gegen das Proletariat so deutlich ausgesprochen, daß
sie auch von den Dümmsten verstanden wurde. So geradezu, so un-
verhohlen war es noch nie behauptet worden, daß die Besitzlosen
nur da sind, um sich von den Besitzenden ausbeuten zu lassen und
um zu verhungern, wenn die Besitzenden von ihnen keinen Gebrauch
machen können. Darum aber hat dies neue Armengesetz auch so we-
sentlich zur Beschleunigung der Arbeiterbewegung und namentlich
zur Verbreitung des Chartismus beigetragen, und da es auf dem
Lande am meisten in Ausführung gekommen ist, so erleichtert es
die Entwicklung der proletarischen Bewegung, die den Landdistrik-
ten bevorsteht.
Fügen wir noch hinzu, daß auch in I r l a n d seit 1838 ein
gleiches Armengesetz besteht, das für 80 000 Paupers dieselben
Asyle vorbereitet. Auch hier hat es sich verhaßt gemacht und
würde sich noch verhaßter gemacht haben, wenn es irgendwie zu der
Wichtigkeit hätte kommen können, die es in England erreichte.
Aber was bedeutet die schlechte Behandlung von 80 000 Proleta-
riern in einem Lande, wo es ihrer dritthalb Millionen gibt! - In
Schottland existieren, mit lokalen Ausnahmen, gar keine Armenge-
setze.
Ich hoffe, nach dieser Schilderung des neuen Armengesetzes und
seiner Wirkungen wird man kein Wort zu hart finden, was ich von
der englischen Bourgeoisie gesagt habe. In dieser öffentlichen
Maßregel, wo sie in corpore 1*), als Macht auftritt, spricht sie
es aus, was sie eigentlich will, was sie mit all den kleineren,
dem Scheine nach nur auf einzelne Tadel werfenden Handlungen ge-
gen das Proletariat meint. Und daß diese Maßregel nicht nur von
einer Sektion der Bourgeoisie ausging, sondern den Beifall der
ganzen Klasse genießt, das beweisen unter ändern die Parlaments-
debatten von 1844. Die liberale Partei hatte das neue Armengesetz
erlassen; die konservative,
-----
1*) geschlossen
#502# Friedrich Engels
-----
ihren Minister Peel an der Spitze, verteidigt sie und ändert nur
einige Lumpereien daran in der Poor-Law-Amendment-Bill 1*) von
1844. Eine liberale Majorität gab, eine konservative bestätigte
das Gesetz, und die edlen Lords gaben ihr "Content" 2*) beide
Male. So ist die Ausstoßung des Proletariats aus Staat und Ge-
sellschaft ausgesprochen; so ist es offen erklärt, daß die Prole-
tarier keine Menschen sind und nicht als Menschen behandelt zu
werden verdienen. Überlassen wir es ruhig den Proletariern des
britischen Reichs, sich ihre Menschenrechte wiederzuerobern. *)
Das ist die Lage der britischen Arbeiterklasse, wie ich sie wäh-
rend einundzwanzig Monaten durch meine eignen Augen und durch of-
fizielle und sonstige authentische Berichte kennengelernt habe.
Und wenn ich diese Lage, wie ich auf den vorstehenden Seiten oft
genug ausgesprochen habe, für eine schlechterdings unerträgliche
halte, so bin ich nicht der einzige, der das tut. Schon Gaskell
erklärt 1833, daß er an einem friedlichen Ausgange
-----
*) Um allen Mißdeutungen und daraus entstehenden Einwürfen vorzu-
beugen, will ich noch bemerken, daß ich von der Bourgeoisie als
einer K l a s s e gesprochen habe und alle von einzelnen ange-
führten Dinge mir nur als Belege für die Denk- und Handlungsweise
der K l a s s e gelten. Daher habe ich mich auch nicht auf die
Unterscheidung der verschiedenen Sektionen und Parteien der Bour-
geoisie einlassen können, die nur historisch und theoretisch von
Bedeutung sind, und daher kann ich auch die wenigen Mitglieder
der Bourgeoisie, die sich als ehrenwerte Ausnahmen gezeigt haben,
nur beiläufig erwähnen. Es sind dies einerseits die entschiedne-
ren Radikalen, die fast Chartisten sind, wie die Unterhausmit-
glieder und Fabrikanten Hindley aus Ashton und Fielden aus Tod-
morden (Lancashire), andrerseits die humanen Tories, die sich
neuerdings als "junges England" konstituiert haben und zu denen
besonders die Parlamentsmitglieder Disraeli, Borthwick, Ferrand,
Lord John Manners etc. gehören. Auch Lord Ashley steht ihnen
nahe. Die Absicht des "jungen Englands" ist eine Wiederherstel-
lung des alten "merry England" 3*) mit seinen glänzenden Seiten
und seinem romantischen Feudalismus; dieser Zweck ist natürlich
unausführbar und sogar lächerlich, eine Satire auf alle histori-
sche Entwicklung, aber die gute Absicht, der Mut, sich gegen das
Bestehende und die bestehenden Vorurteile aufzulehnen und die
Niederträchtigkeit des Bestehenden anzuerkennen, ist schon etwas
wert. Ganz einsam steht der Deutsch-Engländer Thomas Carlyle,
der, ursprünglich Tory, weiter geht als die Erwähnten. Er geht
der sozialen Unordnung von allen englischen Bourgeois am tiefsten
auf den Grund und fordert Organisation der Arbeit. Ich hoffe, daß
Carlyle, der den rechten Weg gefunden hat, auch imstande sein
wird, ihn zu verfolgen. Meine und vieler Deutschen beste Wünsche
begleiten ihn! - (1892) Aber die Februarrevolution machte ihn zum
vollendeten Reaktionär; der gerechte Zorn über die Philister
schlug um in versauerte Philister-Verdrießlichkeit über die hi-
storische Woge, die ihn auf den Strand warf.
-----
1*) Armengesetz-Novelle - 2*) "Einverständnis" - 3*) "fröhlichen
Englands"
#503# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
-----
verzweifelt und daß eine Revolution schwerlich ausbleiben könne.
Carlyle erklärt 1838 den Chartismus und das revolutionäre Treiben
der Arbeiter aus dem Elend, in dem sie leben, und wundert sich
nur, daß diese so ruhig acht lange Jahre am Tisch des Barmekiden
'110' gesessen haben, wo sie von der liberalen Bourgeoisie mit
leeren Versprechungen gespeist wurden - und 1844 erklärt er, daß
die Organisation der Arbeit sogleich in Angriff genommen werden
müsse,
"wenn Europa, wenigstens England, noch lange bewohnbar bleiben
solle".
Und die "Times", das "erste Journal Europas", sagt im Juni 1844
geradezu:
"Krieg den Palästen, Friede den Hütten, das ist ein Schlachtruf
des Schreckens, der noch einmal durch unser Land ertönen mag. Mö-
gen die Reichen sich in acht nehmen!"
Nehmen wir indes noch einmal die Chancen der englischen Bour-
geoisie vor. Im schlimmsten Fall gelingt es der ausländischen,
besonders der amerikanischen Industrie, die englische Konkurrenz
auch nach der, in wenig Jahren nötigen, Abschaffung der Kornge-
setze aushaken zu können. Die deutsche Industrie macht jetzt
große Anstrengungen, die amerikanische hat sich mit Riesenschrit-
ten entwickelt. Amerika mit seinen unerschöpflichen Hülfsmitteln,
mit den unermeßlichsten Kohlen- und Eisenlagern, mit einem bei-
spiellosen Reichtum an Wasserkraft und schiffbaren Flüssen, be-
sonders aber mit seiner energischen, tätigen Bevölkerung, gegen
welche die Engländer noch phlegmatische Schlafmützen sind, Ame-
rika hat in weniger als zehn Jahren eine Industrie geschaffen,
welche in gröberen Baumwollenwaren (dem Hauptartikel der engli-
schen Industrie) schon jetzt mit England konkurriert, die Englän-
der aus dem nord- und südamerikanischen Markt verdrängt hat und
in China neben der englischen verkauft wird. In ändern Industrie-
zweigen geht es ebenso. Ist ein Land dazu begabt, das industri-
elle Monopol an sich zu reißen, so ist es Amerika. Wird also auf
diese Weise die englische Industrie geschlagen - wie dies in den
nächsten zwanzig Jahren, wenn die jetzigen sozialen Zustände
bleiben, wohl nicht anders geschehen kann, so wird die Majorität
des Proletariats auf immer "überflüssig" und hat keine andre Wahl
als zu verhungern oder - zu revolutionieren. Denkt die englische
Bourgeoisie an diese Chance? Im Gegenteil, ihr liebster Ökonom,
MacCulloch, doziert ihr aus seiner Studierstube heraus: Es ist
gar nicht daran zu denken, daß so ein junges Land wie Amerika,
das noch gar nicht ordentlich bevölkert ist, mit Erfolg Industrie
treiben oder gar gegen ein altes industrielles Land wie England
konkurrieren könne. Es wäre wahnsinnig von den Amerikanern, wenn
sie das versuchen wollten, denn sie
#504# Friedrich Engels
-----
können nur Geld dabei verlieren, laßt sie hübsch beim Ackerbau
bleiben, und wenn sie erst das ganze Land bebaut haben, dann wird
die Zeit auch wohl kommen, wo sie mit Vorteil Industrie treiben
können. - Und das sagt der weise Ökonom, und die ganze Bour-
geoisie betet's ihm nach, während die Amerikaner einen Markt nach
dem ändern wegnehmen, während ein verwegner amerikanischer Speku-
lant vor kurzem eine Partie amerikanischer Waren n a c h
E n g l a n d schickte, wo sie zur Wiederexportation verkauft
wurden!
Aber selbst für den Fall, daß England das industrielle Monopol
behielte, daß seine Fabriken fortwährend an Zahl wüchsen, was
würde die Folge sein? Die Handelskrisen würden bleiben, und mit
der Ausdehnung der Industrie und der Vermehrung des Proletariats
immer gewaltsamer, immer schauderhafter werden. Das Proletariat
würde durch den fortschreitenden Ruin der kleinen Mittelklasse,
durch die mit Riesenschritten sich entwickelnde Zentralisation
des Kapitals in den Händen weniger, in geometrischer Proportion
zunehmen und bald die ganze Nation, mit Ausnahme weniger Millio-
näre, ausmachen. In dieser Entwicklung tritt aber eine Stufe ein,
wo das Proletariat sieht, wie leicht es ihm wäre, die bestehende
soziale Macht zu stürzen, und dann folgt eine Revolution.
Doch weder der eine noch der andre Fall wird eintreten. Die Han-
delskrisen, der mächtigste Hebel aller selbständigen Entwicklung
des Proletariats, werden, in Verbindung mit der auswärtigen Kon-
kurrenz und dem steigenden Ruin der Mittelklasse, die Sache kür-
zer abmachen. Ich glaube nicht, daß das Volk sich noch mehr als
eine Krisis wird gefallen lassen. Wahrscheinlich bringt schon die
nächste, 1846 oder 1847 eintretende Krisis die Abschaffung der
Korngesetze und die Charte. Was die Charte für revolutionäre Be-
wegungen veranlassen wird, steht zu erwarten. Aber bis zur dann
folgenden Krisis, die nach der Analogie der bisherigen 1852 oder
1853 eintreten müßte, durch die Abschaffung der Korngesetze je-
doch verzögert wie durch andre Umstände, auswärtige Konkurrenz
etc., beschleunigt werden kann, bis zu dieser Krisis wird es das
englische Volk wahrlich überdrüssig sein, zum Vorteil der Kapita-
listen sich ausbeuten zu lassen und, wenn die Kapitalisten seiner
nicht mehr bedürfen, zu verhungern. Wenn sich bis dahin die eng-
lische Bourgeoisie nicht besinnt - und das tut sie allem Anschein
nach gewiß nicht -, so wird eine Revolution folgen, mit der sich
keine vorhergehende messen kann. Die zur Verzweiflung getriebenen
Proletarier werden die Brandfackel ergreifen, von der Stephens
ihnen gepredigt hat; die Volksrache wird mit einer Wut geübt wer-
den, von der uns das Jahr 1793 noch keine Vorstellung gibt. Der
Krieg der Armen gegen die Reichen wird der blutigste sein, der je
geführt worden ist. Selbst der Übertritt eines Teils
#505# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
-----
der Bourgeoisie zur Proletariatspartei, selbst eine allgemeine
Besserung der Bourgeoisie würde nichts helfen. Die allgemeine
Sinnesänderung der Bourgeoisie würde ohnehin nur bis zu einem
schlaffen Juste-milieu gehen können; die entschiedner den Arbei-
tern sich Anschließenden würden eine neue Gironde bilden und als
solche im Lauf der gewaltsamen Entwicklung untergehen. Die Vorur-
teile einer ganzen Klasse streifen sich nicht ab wie ein alter
Rock - am wenigsten bei der stabilen, befangenen, eigennützigen
englischen Bourgeoisie. Das sind alles Schlüsse, die mit der
größten Bestimmtheit gefolgert werden können, Schlüsse, deren
Voraussetzungen unbestreitbare Tatsachen, einerseits der ge-
schichtlichen Entwicklung, andrerseits der menschlichen Natur
sind. Das Prophezeien ist nirgends so leicht als gerade in Eng-
land, weil hier alles so klar und scharf in der Gesellschaft ent-
wickelt ist. Die Revolution m u ß kommen, es ist jetzt schon zu
spät, um eine friedliche Lösung der Sache herbeizuführen; aber
milder kann sie allerdings werden als die oben prophezeite. Das
wird aber weniger von der Entwicklung der Bourgeoisie, als von
der des Proletariats abhängen. In demselben Verhältnis nämlich,
in welchem das Proletariat sozialistische und kommunistische Ele-
mente in sich aufnimmt, genau in demselben Verhältnis wird die
Revolution an Blutvergießen, Rache und Wut abnehmen. Der Kommu-
nismus steht seinem Prinzipe nach über dem Zwiespalt zwischen
Bourgeoisie und Proletariat, er erkennt ihn nur in seiner histo-
rischen Bedeutung für die Gegenwart, nicht aber als für die Zu-
kunft berechtigt an; er will gerade diesen Zwiespalt aufheben. Er
erkennt daher, solange der Zwiespalt besteht, die Erbitterung des
Proletariats gegen seine Unterdrücker allerdings als eine Notwen-
digkeit, als den bedeutendsten Hebel der a n f a n g e n d e n
Arbeiterbewegung an, aber er geht über diese Erbitterung hinaus,
weil er eben eine Sache der Menschheit, nicht bloß der Arbeiter
ist. Ohnehin fällt es keinem Kommunisten ein, an einzelnen Rache
üben zu wollen oder überhaupt zu glauben, daß der einzelne Bour-
geois in den bestehenden Verhältnissen anders handeln könne, als
er handelt. Der englische Sozialismus (d.h. Kommunismus) beruht
geradezu auf diesem Prinzip der Unzurechnungsfähigkeit des ein-
zelnen. Je mehr also die englischen Arbeiter sozialistische Ideen
in sich aufnehmen, desto mehr wird ihre jetzige Erbitterung, die
es doch, wenn sie so gewaltsam bleibt, wie sie jetzt ist, zu
nichts bringen würde, überflüssig, desto mehr werden ihre
Schritte gegen die Bourgeoisie an Wildheit und Roheit verlieren.
Wäre es überhaupt möglich, das ganze Proletariat kommunistisch zu
machen, ehe der Kampf ausbricht, so würde er sehr friedlich ab-
laufen; das ist aber nicht mehr möglich, es ist schon zu spät
dazu. Ich glaube indes, daß bis zum Ausbruch des g a n z off-
nen, direkten Krieges der Armen gegen die Reichen, der jetzt in
England unvermeidlich geworden ist, sich wenigstens so viel Klar-
heit über die soziale Frage im Proletariat verbreiten wird, daß
mit Hülfe der Ereignisse die kommunistische Partei imstande sein
wird, das brutale Element der Revolution auf die Dauer zu über-
winden und einem neunten Thermidor [111] vorzubeugen. Ohnehin
wird die Erfahrung der Franzosen nicht umsonst gemacht worden
sein, und dazu sind ja schon jetzt die meisten Chartistenführer
Kommunisten. Und da der Kommunismus ü b e r dem Gegensatze zwi-
schen Proletariat und Bourgeoisie steht, so wird es auch dem bes-
seren Teile der Bourgeoisie - der aber entsetzlich gering ist und
nur auf Rekrutierung unter den Heranwachsenden rechnen kann -
leichter werden, sich ihm anzuschließen, als dem ausschließlich
proletarischen Chartismus.
Wenn diese Schlüsse hier nicht hinreichend begründet sein soll-
ten, so wird sich wohl anderswo Gelegenheit finden, sie als not-
wendige Resultate der historischen Entwicklung Englands nachzu-
weisen. Aber ich bleibe dabei: Der Krieg der Armen gegen die Rei-
chen, der jetzt schon im einzelnen und indirekt geführt wird,
wird auch im allgemeinen, im ganzen und direkt in England geführt
werden. Es ist zu spät zur friedlichen Lösung. Die Klassen son-
dern sich schroffer und schroffer, der Geist des Widerstandes
durchdringt die Arbeiter mehr und mehr, die Erbitterung steigt,
die einzelnen Guerillascharmützel konzentrieren sich zu bedeuten-
deren Gefechten und Demonstrationen, und ein kleiner Anstoß wird
bald hinreichen, um die Lawine in Bewegung zu setzen. Dann wird
allerdings der Schlachtruf durch das Land schallen: "Krieg den
Palästen, Friede den Hütten!" - dann wird es aber zu spät sein,
als daß sich die Reichen noch in acht nehmen könnten.
zurück