Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846


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       #486#
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       Die Stellung der Bourgeoisie zum Proletariat
       
       Wenn ich hier von der Bourgeoisie spreche, so schließe ich gleich
       die sogenannte  Aristokratie mit  ein, denn diese ist nur Aristo-
       kratie, nur  privilegiert gegenüber  der Bourgeoisie,  aber nicht
       gegenüber dem  Proletariat. Der Proletarier sieht in ihnen beiden
       nur den Besitzenden, d. h. den Bourgeois. Vor dem Privilegium des
       Besitzes verschwinden  alle ändern  Privilegien. Der  Unterschied
       ist nur  der, daß der eigentliche Bourgeois dem industriellen und
       teilweise dem  Bergwerksproletarier, als  P ä c h t e r  auch dem
       Ackerbautaglöhner gegenübersteht,  während der sogenannte Aristo-
       krat nur  mit einem Teil der bergbauenden und mit den ackerbauen-
       den Proletariern in Berührung kommt.
       Mir ist  nie eine so tief demoralisierte, eine so unheilbar durch
       den Eigennutz  verderbte, innerlich  zerfressene  und  für  allen
       Fortschritt unfähig gemachte Klasse vorgekommen wie die englische
       Bourgeoisie -  und hier meine ich vor allem die eigentliche Bour-
       geoisie, besonders die liberale, Korngesetz-abschaffende. Für sie
       existiert nichts  in der Welt, was nicht nur um des Geldes willen
       da wäre,  sie selbst nicht ausgenommen, denn sie lebt für nichts,
       als um  Geld zu  verdienen, sie kennt keine Seligkeit als die des
       schnellen Erwerbs,  keinen Schmerz  außer dem  Geld verlieren. *)
       Bei dieser  Habsucht und  Geldgier ist es nicht möglich, daß eine
       einzige menschliche  Anschauung unbefleckt  bleibe. Gewiß,  diese
       englischen Bourgeois  sind gute Ehemänner und Familienmitglieder,
       haben auch  sonst allerlei sogenannte Privattugenden und erschei-
       nen im  gewöhnlichen Verkehr ebenso respektabel und anständig wie
       alle anderen Bourgeois; selbst im Handel sind sie besser zu trak-
       tieren wie die
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       *) Carlyle gibt  in seinem  "Past and Present" [Vergangenheit und
       Gegenwart] (London  1843) eine  ausgezeichnet schöne  Schilderung
       der englischen  Bourgeoisie und  ihrer ekelhaften  Geldsucht, die
       ich in  den "Deutsch-Französischen  Jahrbüchern" teilweise  über-
       setzt habe und auf die ich verweise. [108]
       
       #487# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
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       Deutschen, sie  mäkeln und dingen nicht soviel wie unsere Krämer-
       seelen, aber was hilft das alles? In letzter Instanz ist doch das
       eigne Interesse  und speziell der Gelderwerb das einzig entschei-
       dende Moment.  Ich ging  einmal mit  einem solchen Bourgeois nach
       Manchester hinein und sprach mit ihm von der schlechten, ungesun-
       den Bauart, von dem scheußlichen Zustande der Arbeiterviertel und
       erklärte, nie  eine so  schlecht gebaute  Stadt gesehen zu haben.
       Der Mann  hörte das  alles ruhig  an, und an der Ecke, wo er mich
       verließ, sagte  er: And  yet, there is a great deal of money made
       here -  und doch  wird hier enorm viel Geld verdient - guten Mor-
       gen, Herr! Es ist dem englischen Bourgeois durchaus gleichgültig,
       ob seine  Arbeiter verhungern  oder nicht,  wenn er nur Geld ver-
       dient. Alle  Lebensverhältnisse werden nach dem Gelderwerb gemes-
       sen, und was kein Geld abwirft, das ist dummes Zeug, unpraktisch,
       idealistisch. Darum  ist auch  die Nationalökonomie,  die Wissen-
       schaft des  Gelderwerbs, die  Lieblingswissenschaft dieser  Scha-
       cherjuden. Jeder ist Nationalökonom. Das Verhältnis des Fabrikan-
       ten zum Arbeiter ist kein menschliches, sondern ein rein ökonomi-
       sches. Der  Fabrikant ist  das "Kapital  , der  Arbeiter ist  die
       "Arbeit". Und  wenn der  Arbeiter sich nicht in diese Abstraktion
       hineinzwängen lassen  will, wenn  er behauptet, daß er nicht "die
       Arbeit", sondern  ein Mensch  ist, der  allerdings unter  anderem
       auch die  Eigenschaft des  Arbeitens hat,  wenn er sich einfallen
       läßt zu glauben, er brauche sich nicht als "die Arbeit", als Ware
       im Markte  kaufen und verkaufen zu lassen, so steht dem Bourgeois
       der Verstand  still. Er  kann nicht begreifen, daß er mit den Ar-
       beitern noch  in einem  ändern Verhältnis  steht als  in dem  des
       Kaufs und  Verkaufs, er  sieht in  ihnen keine  Menschen, sondern
       "Hände" (hands), wie er sie fortwährend ins Gesicht tituliert, er
       erkennt keine  andere  Verbindung,  wie  Carlyle  sagt,  zwischen
       Mensch und  Mensch an,  als   b a r e  Z a h l u n g.  Selbst das
       Band zwischen  ihm und  seiner Frau  ist in neunundneunzig Fällen
       aus hundert  nur "bare Zahlung". Die elende Sklaverei, in der das
       Geld den  Bourgeois hält,  ist  durch  die  Bourgeoisieherrschaft
       selbst der  Sprache aufgedrückt. Das Geld macht den Wert des Man-
       nes aus; dieser Mann ist zehntausend Pfund wert - he is worth ten
       thousand  pounds,   d.h.  er  besitzt  sie.  Wer  Geld  hat,  ist
       "respectable", gehört zur "besseren Sorte von Leuten" (the better
       sort of  people), ist  "einflußreich" (influential),  und was  er
       tut, macht  Epoche in seinem Kreise. Der Schachergeist geht durch
       die ganze  Sprache, alle Verhältnisse werden in Handelsausdrücken
       dargestellt, in  ökonomischen Kategorien  erklärt. Nachfrage  und
       Zufuhr, Begehr  und Angebot, supply and demand, das sind die For-
       meln, nach  denen die  Logik des Engländers das ganze menschliche
       Leben beurteilt.  Daher die  freie Konkurrenz in jeder Beziehung,
       daher das Regime des laissez-faire und laissez-allert [109]
       
       #488# Friedrich Engels
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       in der Verwaltung, in der Medizin, in der Erziehung und bald wohl
       auch in der Religion, wo die Herrschaft der Staatskirche mehr und
       mehr zusammenbricht.  Die freie  Konkurrenz will  keine Beschrän-
       kung, keine Staatsaufsicht, der ganze Staat ist ihr zur Last, sie
       wäre am  vollkommensten in einem ganz staatlosen Zustande, wo je-
       der den  ändern nach  Herzenslust ausbeuten  kann,  wie  z.B.  in
       Freund Stirners  "Verein". Da  die Bourgeoisie  aber  den  Staat,
       schon um  das ihr  ebenso nötige  Proletariat im  Zaum zu halten,
       nicht entbehren  kann, so wendet sie ihn gegen dies und sucht ihn
       sich soweit wie möglich entfernt zu halten.
       Man glaube  aber ja  nicht, daß  der "gebildete"  Engländer diese
       Selbstsucht so  offen zur  Schau trage. Im Gegenteil, er verdeckt
       sie mit  der schnödesten Heuchelei. - Wie, die englischen Reichen
       sollten nicht  an die Armen denken, sie, die wohltätige Anstalten
       errichtet haben,  wie kein  anderes Land  sie aufweisen kann? Ja-
       wohl, wohltätige  Anstalten! Als ob dem Proletarier damit gedient
       wäre, daß  ihr ihn  erst bis  aufs Blut aussaugt, um nachher eure
       selbstgefälligen, pharisäischen  Wohltätigkeitskitzel an ihm üben
       zu können und vor der Welt als gewaltige Wohltäter der Menschheit
       dazustehen, wenn ihr dem Ausgesogenen den hundertsten Teil dessen
       wiedergebt, was  ihm zukommt!  Wohltätigkeit, die  den,  der  sie
       gibt, noch mehr entmenscht als den, der sie nimmt, Wohltätigkeit,
       die den  Zertretenen noch  tiefer in den Staub tritt, die da ver-
       langt, der  entmenschte, aus  der Gesellschaft ausgestoßene Paria
       soll erst auf sein Letztes, auf seinen Anspruch an die Menschheit
       verzichten, soll erst um ihre  G n a d e  b e t t e l n,  ehe sie
       die Gnade hat, ihm durch ein Almosen den Stempel der Entmenschung
       auf die Stirne zu drücken! Doch was soll das alles. Hören wir die
       englische Bourgeoisie  selbst. Es  ist noch kein Jahr, da las ich
       im "Manchester  Guardian" folgenden  Brief an  den Redakteur, der
       ohne alle weitere Bemerkung als eine ganz natürliche, vernünftige
       Sache abgedruckt war:
       
       Herr Redakteur!
       Seit einiger Zeit begegnet man auf den Hauptstraßen unserer Stadt
       einer Menge von Bettlern, die teils durch ihre zerlumpte Kleidung
       und ihr krankes Aussehen, teils durch ekelhafte, offne Wunden und
       Verstümmelungen das  Mitleid der  Vorübergehenden auf eine häufig
       sehr unverschämte  und molestierende Weise rege zu machen suchen.
       Ich sollte  meinen, wenn man nicht nur seine Armensteuer bezahlt,
       sondern auch  reichlich zu den wohltätigen Anstalten beiträgt, so
       hätte man  doch genug  getan, um  das Recht zu haben, vor solchen
       unangenehmen und  unverschämten Behelligungen  sichergestellt  zu
       werden; und wofür bezahlt man denn eine so hohe Steuer zum Unter-
       halt der  städtischen Polizei,  wenn diese  einen nicht einmal so
       weit schützt, daß man ruhig
       
       #489# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
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       in die Stadt oder heraus gehn kann? - Ich hoffe, die Veröffentli-
       chung dieser Zeilen in Ihrem vielgelesenen Blatt wird die öffent-
       liche Gewalt veranlassen, diesen Übelstand (nuisance) zu beseiti-
       gen, und verharre
       Ihre ergebene Dienerin
       Eine Dame
       
       Da habt Ihr's! Die englische Bourgeoisie ist wohltätig aus Inter-
       esse, sie schenkt nichts weg, sie betrachtet ihre Gaben als einen
       Handel, sie  macht mit  den Armen ein  G e s c h ä f t  und sagt:
       Wenn ich  soviel an wohltätige Zwecke verwende, so  e r k a u f e
       i c h   m i r  d a d u r c h  d a s  R e c h t,  weiter nicht be-
       helligt zu  werden, so verpflichtet ihr euch dafür, in euren dun-
       klen Höhlen  zu bleiben und nicht durch die offne Darlegung eures
       Elends meine zarten Nerven anzugreifen! Verzweifeln sollt ihr im-
       merhin, aber  ihr sollt  im stillen  verzweifeln, das bedinge ich
       mir aus, das erkaufe ich mir mit meiner Subskription von 20 Pfund
       für das  Krankenhaus! O  über diese  infame  Wohltätigkeit  eines
       christlichen Bourgeois!  - Und  so schreibt  "eine Dame", jawohl,
       Dame, sie  tut wohl  daran, sich  so zu  unterzeichnen,  sie  hat
       glücklicherweise nicht  mehr den  Mut, sich ein  W e i b  zu nen-
       nen! Wenn  aber die  "Damen" so  sind, wie  wird es  erst mit den
       "Herren" stehen?  - Man  wird sagen,  es sei  ein einzelner Fall.
       Aber nein,  der obige  Brief drückt  geradezu die  Gesinnung  der
       großen Majorität  der englischen Bourgeoisie aus, sonst hätte ihn
       ja auch  der Redakteur  nicht aufgenommen, sonst wäre ja wohl ir-
       gendeine Erwiderung  gefolgt, nach  der ich mich in den folgenden
       Nummern vergebens  umgesehen habe.  Und was  die Wirksamkeit  des
       Wohltuns betrifft,  so sagt  ja der  Kanonikus  P a r k i n s o n
       selbst, daß  die Armen  weit mehr  von ihresgleichen  als von der
       Bourgeoisie unterstützt werden; und so eine Unterstützung von ei-
       nem braven  Proletarier, der selbst weiß, wie der Hunger tut, für
       den das  Teilen des knappen Mahles ein Opfer ist, das er aber mit
       Freuden bringt  - solch  eine Unterstützung  hat dann  auch einen
       ganz ändern  Klang als  das hingeworfene Almosen des schwelgenden
       Bourgeois.
       Auch sonst  heuchelt die Bourgeoisie eine grenzenlose Humanität -
       aber nur dann, wenn ihr eigenes Interesse es erheischt. So in ih-
       rer Politik  und Nationalökonomie.  Sie hat  sich nun  ins fünfte
       Jahr damit  abgequält, den  Arbeitern zu beweisen, daß sie nur im
       Interesse der  Proletarier die  Korngesetze abzuschaffen wünsche.
       Das Lange  und Breite von dieser Sache ist aber dies: Die Kornge-
       setze, welche  den Brotpreis  höher halten,  als dieser in ändern
       Ländern steht,  erhöhen dadurch auch den Arbeitslohn und erschwe-
       ren dadurch  dem Fabrikanten  die Konkurrenz gegen andere Länder,
       in denen  der Brotpreis  und  infolgedessen  der  Lohn  niedriger
       steht. Werden die Korngesetze nun abgeschafft, so fällt der Brot-
       preis, und der Arbeitslohn nähert
       
       #490# Friedrich Engels
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       sich dem der übrigen zivilisierten Länder Europas, was jedem nach
       den oben  entwickelten Prinzipien,  durch die der Lohn sich regu-
       liert, klar  sein wird.  Der Fabrikant kann also leichter konkur-
       rieren, die  Nachfrage nach  englischen Waren  wächst und mit ihr
       die Nachfrage nach Arbeitern. Infolge dieser vermehrten Nachfrage
       wird allerdings  der Lohn  wieder etwas steigen und die brotlosen
       Arbeiter beschäftigt  werden; aber  wie  lange  dauert  das?  Die
       "überflüssige Bevölkerung"  Englands und besonders Irlands reicht
       hin, um  die englische  Industrie, selbst  wenn sie  sich verdop-
       pelte, mit  den nötigen  Arbeitern zu  versehen; in  wenig Jahren
       würde der geringe Vorteil der Korngesetzabschaffung wieder ausge-
       glichen sein, eine neue Krisis erfolgen, und wir wären soweit wie
       vorher, während der erste Stimulus in der Industrie auch die Ver-
       mehrung der  Bevölkerung beschleunigen würde. Das alles sehen die
       Proletarier sehr  gut ein  und haben  es den Bourgeois hundertmal
       ins Gesicht  gesagt; aber trotzdem schreit das Geschlecht der Fa-
       brikanten, das  nur den   u n m i t t e l b a r e n  Vorteil, den
       ihm die  Abschaffung der  Korngesetze bringen würde, im Auge hat,
       dies Geschlecht, das borniert genug ist, nicht zu sehen, wie auch
       ihm kein   d a u e r n d e r  Vorteil aus dieser Maßregel erwach-
       sen kann, indem die Konkurrenz der Fabrikanten unter sich den Ge-
       winn der einzelnen bald auf das alte Niveau zurückbringen würde -
       trotzdem schreit dies Geschlecht bis heute den Arbeitern vor, nur
       um ihretwillen  geschehe das alles, nur um der verhungernden Mil-
       lionen willen schössen die Reichen der liberalen Partei ihre Hun-
       derte und  Tausende von  Pfunden in die Kasse der Antikorngesetz-
       ligue -  wo doch  jeder weiß,  daß sie nur mit der Wurst nach dem
       Schinken werfen,  daß sie  darauf rechnen, das alles zehnfach und
       hundertfach in den ersten Jahren nach Abschaffung der Korngesetze
       wieder zu  verdienen. Aber  die Arbeiter lassen sich - und beson-
       ders seit  der Insurrektion  von 1842, nicht mehr durch die Bour-
       geoisie irreführen.  Sie verlangen  von jedem,  der sich  für ihr
       Wohl zu plagen vorgibt, daß er, als Prüfstein der Echtheit seiner
       Absichten, sich für die Volkscharte erkläre, und protestieren da-
       mit gegen alle fremde Hülfe, denn in der Charte verlangen sie nur
       die   M a c h t,   s i c h  s e l b s t  zu helfen. Wer das nicht
       tut, dem  erklären sie mit vollem Rechte den Krieg, sei er offner
       Feind oder  falscher Freund. - Übrigens hat die Antikorngesetzli-
       gue den  Arbeitern gegenüber die verächtlichsten Lügen und Kniffe
       gebraucht, um  sie zu  gewinnen. Sie hat ihnen weismachen wollen,
       daß der  Geldpreis der Arbeit im umgekehrten Verhältnis zum Korn-
       preise stehe, daß der Lohn hoch, wenn das Korn niedrig stehe, und
       umgekehrt -  ein Satz,  den sie mit den lächerlichsten Argumenten
       hat zu  beweisen gesucht  und der in sich selbst lächerlicher ist
       als irgendeine andere aus dem Munde eines Ökonomen geflossene Be-
       hauptung. Wenn das nicht half, so hat man den Arbeitern die
       
       #491# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
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       ungeheuerste Glückseligkeit infolge des vermehrten Begehrs im Ar-
       beitsmarkt versprochen, ja man hat sich nicht entblödet, zwei Mo-
       delle von Brotlaiben durch die Straßen zu tragen, auf deren größ-
       tem geschrieben  stand: Amerikanisches  Achtpfenniglaib,  Lohn  4
       Shilling täglich,  und auf dem ändern, viel kleineren: Englisches
       Achtpfenniglaib, Lohn 2 Shilling täglich. Die Arbeiter haben sich
       aber nicht irremachen lassen. Sie kennen ihre Brotherren zu gut.
       Und wenn  man die  Gleisnerei dieser  schönen Versprechungen erst
       recht erkennen  will, so  betrachte man  die Praxis. Wir haben im
       Verlauf unserer  Berichte gesehen, wie die Bourgeoisie das Prole-
       tariat auf  alle mögliche  Weise zu  ihren Zwecken ausbeutet. Wir
       haben bisher  indes nur  die einzelnen  Bourgeois auf  ihre eigne
       Faust das Proletariat mißhandeln sehen. Gehen wir nun zu den Ver-
       hältnissen über,  in denen  die Bourgeoisie  als Partei,  ja  als
       Staatsmacht gegen  das Proletariat  auftritt. -  Daß  zuerst  die
       ganze Gesetzgebung den Schutz des Besitzenden gegen den Besitzlo-
       sen bezweckt,  liegt auf  der Hand.  Nur weil es Besitzlose gibt,
       sind die Gesetze notwendig; und wenn dies auch nur in wenigen Ge-
       setzen, z.B.  gegen das  Vagabundieren und  die  Obdachlosigkeit,
       worin das  Proletariat als solches für gesetzwidrig erklärt wird,
       direkt ausgeprochen  ist, so liegt doch die Feindschaft gegen das
       Proletariat dem  Gesetze so sehr zum Grunde, daß die Richter, be-
       sonders die  Friedensrichter, die  selbst Bourgeois  sind und mit
       denen das  Proletariat am  meisten m Berührung kommt, diesen Sinn
       ohne weiteres im Gesetze finden. Wird ein Reicher vorgeführt oder
       vielmehr vorgeladen,  so bedauert der Richter, daß er ihm so viel
       Mühe machen muß, wendet die Sache soviel er irgend kann zu seinen
       Gunsten, und  wenn er  ihn verurteilen  muß, so tut es ihm wieder
       unendlich leid usw., und das Resultat ist eine elende Geldstrafe,
       die der  Bourgeois mit Verachtung auf den Tisch schmeißt und sich
       entfernt. Kommt  aber ein armer Teufel in den Fall, vor dem Frie-
       densrichter zu  erscheinen, so hat er fast immer die Nacht im Ar-
       resthause mit einer Menge anderer zugebracht, wird von vornherein
       als schuldig  betrachtet und angeschnauzt, seine Verteidigung mit
       einem verächtlichen:  "0, wir  kennen diese Ausreden" - beseitigt
       und ihm eine Strafe auferlegt, die er nicht bezahlen kann und mit
       einem oder  mehreren Monaten  auf der  Tretmühle abbüßen muß. Und
       wenn man  ihm nichts beweisen kann, so wird er als Schuft und Va-
       gabond (a  rogue and a vagabond - die Ausdrücke kommen fast immer
       zusammen vor)  dennoch auf  die Tretmühle  geschickt. Die Partei-
       lichkeit der Friedensrichter, besonders auf dem Lande, übersteigt
       wirklich alle Vorstellung, und es ist so an der Tagesordnung, daß
       alle nicht  zu eklatanten  Fälle von den Zeitungen ganz ruhig und
       ohne weitere Glossen berichtet werden. Es ist aber auch nicht
       
       #492# Friedrich Engels
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       anders zu erwarten. Einerseits legen diese "Dogbernes" das Gesetz
       nur nach  dem Sinn  aus, der  in ihm liegt, und andererseits sind
       sie ja  selbst Bourgeois, die vor allen Dingen im Interesse ihrer
       Klasse den  Grundpfeiler aller  wahren Ordnung sehen. Und wie die
       Friedensrichter, so  benimmt sich auch die Polizei. Der Bourgeois
       kann tun, was er will, gegen ihn ist der Polizeidiener immer höf-
       lich und  hält sich  streng ans Gesetz; aber der Proletarier wird
       grob  und   brutal  behandelt,   seine  Armut   wirft  schon  den
       V e r d a c h t   aller möglichen  Verbrechen auf  ihn  und  ver-
       schließt ihm zugleich das Rechtsmittel gegen alle Willkürlichkei-
       ten der  Gewalthaber; für  ihn existieren deshalb die schützenden
       Formen des  Gesetzes nicht,  ihm dringt die Polizei ohne weiteres
       ins Haus, verhaftet und mißhandelt ihn, und bloß wenn einmal eine
       Arbeiterassoziation wie die Grubenarbeiter einen Roberts engagie-
       ren 1*),  bloß dann kommt es an den Tag, wie wenig die schützende
       Seite des  Gesetzes für  den Proletarier existiert, wie häufig er
       alle Lasten  des Gesetzes  zu tragen  hat, ohne einen seiner Vor-
       teile zu genießen.
       Bis auf die heutige Stunde kämpft die besitzende Klasse im Parla-
       ment gegen das bessere Gefühl der noch nicht ganz der Selbstsucht
       Verfallenen, um das Proletariat mehr und mehr zu unterjochen. Ein
       Gemeindeplatz nach  dem ändern  wird weggenommen  und bebaut, wo-
       durch allerdings  die Kultur  gehoben, aber  dem Proletariat viel
       Schaden getan  wird. Wo  Gemeindeplätze existierten,  konnte  der
       Arme darauf einen Esel, ein Schwein oder einige Gänse halten, die
       Kinder und  jungen Leute  hatten einen  Platz, wo sie spielen und
       sich im  Freien herumtreiben  konnten; dies  hört immer mehr auf,
       der Verdienst  des Armen  wird geringer,  und das junge Volk, dem
       sein Spielplatz  genommen ist,  geht dafür  in die  Kneipen. Eine
       Menge solcher  Parlamentsakten zur Urbarmachung von Gemeindeplät-
       zen gehen in jeder Session durch. - Als die Regierung in der Ses-
       sion von 1844 sich entschloß, die allen Verkehr monopolisierenden
       Eisenbahngesellschaften zu zwingen, auch den Arbeitern das Reisen
       gegen ein  ihren Umständen  angemessenes Fahrgeld  (1  Penny  die
       Meile, etwa  5 Silbergroschen  die deutsche Meile) möglich zu ma-
       chen, und  deshalb vorschlug, daß täglich ein solcher Zug dritter
       Klasse  auf   jeder  Eisenbahn   eingeführt  werde,   schlug  der
       "ehrwürdige Vater  in Gott", der Bischof von London, vor, daß der
       Sonntag, der  einzige Tag, an dem beschäftigte Arbeiter überhaupt
       reisen   k ö n n e n,   von diesem  Zwang ausgenommen  und so das
       Reisen am Sonntag nur den Reichen, nicht aber den Armen gestattet
       werde. Dieser  Vorschlag war  indes zu geradeaus, zu unverhohlen,
       als daß  er hätte  durchgehen können,  und man ließ ihn fallen. -
       Ich habe nicht Raum genug,
       -----
       1*) (1892) engagiert
       
       #493# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
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       um die  vielen versteckten Angriffe auf das Proletariat, auch nur
       einer einzigen Session, aufzuzählen. Nur noch einen aus derselben
       Session von 1844. Ein ganz obskures Parlamentsglied 1*), ein Herr
       Miles, schlug  eine Bill  zur Regulierung  des Verhältnisses  von
       Herren und  Dienern vor, die ziemlich unscheinbar aussah. Die Re-
       gierung nahm  sich der Bill an, und sie wurde einem Komitee über-
       geben. Inzwischen  brach der Turnout der Grubenarbeiter im Norden
       aus, und Roberts hielt seine Triumphzüge durch England mit seinen
       freigesprochenen Arbeitern. Als nun die Bill aus dem Komitee kam,
       fand sich,  daß einige  höchst despotische Klauseln eingeschaltet
       waren, besonders  eine, durch die dem Brotherrn die Macht gegeben
       wurde, jeden  Arbeiter, der mit ihm mündlich oder schriftlich ir-
       gendeine beliebige Arbeit, wenn auch nur eine gelegentliche Hand-
       reichung kontrahiert  hatte, im Falle von Dienstverweigerung oder
       s o n s t i g e m    u n g e z i e m e n d e m    B e t r a g e n
       (misbehaviour) vor  irgendeinen beliebigen  (any) Friedensrichter
       zu schleppen  und auf seinen oder seiner Agenten und Aufseher Eid
       hin  -   also  auf  den  Eid  des  Klägers  -  zu  Gefängnis  und
       Zwangsarbeit bis  zu zwei  Monaten verurteilen  zu lassen.  Diese
       Bill regte  die Arbeiter bis zur höchsten Wut auf, um so mehr als
       die Zehnstundenbill  zu gleicher  Zeit vor  dem Parlament war und
       bedeutende   Agitation   hervorgebracht   hatte.   Hunderte   von
       Versammlungen wurden  gehalten, Hunderte  von  Arbeiterpetitionen
       nach London  an den  Sachwalter des  Proletariats  im  Parlament,
       Thomas  Duncombe,   geschickt.  Dieser  war,  außer  dem  "jungen
       Engländer" Ferrand, der einzige energische Opponent, aber als die
       übrigen Radikalen  sahen,  daß  das  Volk  sich  gegen  die  Bill
       erklärte, kroch  einer nach  dem ändern  hervor und  stellte sich
       Duncombe zur  Seite, und da auch die liberale Bourgeoisie bei der
       Aufregung der  Arbeiter nicht  den Mut  hatte, sich  für die Bill
       auszusprechen, da  überhaupt niemand  sich  dem  Volke  gegenüber
       lebhaft für sie interessierte, so fiel sie glänzend durch.
       Die offenste  Kriegserklärung der  Bourgeoisie gegen das Proleta-
       riat ist  indes die   M a l t h u s s c h e  T h e o r i e  d e r
       P o p u l a t i o n    und  das  aus  ihr  entstandene    n e u e
       A r m e n g e s e t z.   Von der  Malthusschen Theorie  ist schon
       mehrere Male  die Rede gewesen. Wiederholen wir kurz ihr Hauptre-
       sultat, daß  die Erde  stets übervölkert sei und daher stets Not,
       Elend, Armut  und Unsittlichkeit  herrschen müsse; daß es das Los
       und die  ewige Bestimmung  der Menschheit  sei, in zu großer Zahl
       und daher  in verschiedenen  Klassen zu existieren, von denen die
       einen mehr oder weniger reich, gebildet, moralisch und die ändern
       mehr oder  weniger arm,  elend, unwissend  und unsittlich  seien.
       Hieraus folgt
       -----
       1*) (1892) Parlamentsmitglied
       
       #494# Friedrich Engels
       -----
       denn für  die Praxis - und diese Schlüsse zieht Malthus selbst -,
       daß Wohltaten und Armenkassen eigentlich Unsinn seien, da sie nur
       dazu dienen,  die überzählige  Bevölkerung, deren  Konkurrenz den
       Lohn der ändern drücke, aufrechtzuerhalten und zur Vermehrung an-
       zureizen; daß  die Beschäftigung von Armen durch die Armenverwal-
       tung ebenso unsinnig sei, indem, da doch nur eine bestimmte Quan-
       tität von  Arbeitserzeugnissen verbraucht werden könne, für jeden
       brotlosen Arbeiter,  der beschäftigt wird, ein anderer bisher be-
       schäftigter brotlos werden muß und so die Privatindustrie auf Ko-
       sten der  Armenverwaltungs-Industrie Schaden  leidet; daß es sich
       also nicht  darum handelt,  die überzählige Bevölkerung zu ernäh-
       ren, sondern  sie auf die eine oder die andere Weise möglichst zu
       beschränken. Malthus  erklärt mit  dürren Worten  das bisher  be-
       hauptete Recht  jedes Menschen,  der in  der Welt  existiere, auf
       seine Existenzmittel für baren Unsinn. Er zitiert die Worte eines
       Dichters: Der  Arme kommt zum festlichen Tisch der Natur und fin-
       det kein leeres Gedeck für sich - und setzt hinzu - und die Natur
       befiehlt ihm, sich zu packen (she bids him to be gone) - "denn er
       hat ja  vor seiner Geburt die Gesellschaft nicht erst gefragt, ob
       sie ihn haben wolle". Diese Theorie ist jetzt die Leibtheorie al-
       ler echten  englischen Bourgeois, und zwar ganz natürlich, da sie
       für diese  das bequemste  Faulbett ist und ohnehin für die beste-
       henden Verhältnisse  viel Richtiges  hat. Wenn es sich also nicht
       mehr darum  handelt, die "überzählige Bevölkerung" nutzbar zu ma-
       chen, in  b r a u c h b a r e  Bevölkerung zu verwandeln, sondern
       bloß darum,  die Leute  auf möglichst leichte Weise verhungern zu
       lassen und  sie zugleich  daran zu hindern, daß sie zuviel Kinder
       in die  Welt setzen, so ist das natürlich Kleinigkeit - vorausge-
       setzt, daß  die überflüssige  Bevölkerung ihre eigne Überflüssig-
       keit einsieht und den Hungertod sich wohlschmecken läßt. Dazu ist
       aber, trotz  der angestrengtesten  Bemühungen der  humanen  Bour-
       geoisie, den  Arbeitern dies  beizubringen, vorderhand noch keine
       Aussicht. Die  Proletarier haben  sich vielmehr  in den  Kopf ge-
       setzt, daß sie mit ihren fleißigen Händen gerade die Nötigen, und
       die reichen  Herren Kapitalisten,  die nichts tun, eigentlich die
       Überflüssigen seien.
       Da aber  die Reichen  noch die Macht besitzen, so müssen sich die
       Proletarier gefallen  lassen, daß  sie, falls sie selbst es nicht
       gutwillig einsehen  wollen, vom  Gesetz für  wirklich überflüssig
       erklärt werden. Dies ist im neuen Armengesetz geschehen. Das alte
       Armengesetz, das  auf der Akte vom Jahre 1601 (43rd of Elizabeth)
       1*) beruht, ging naiverweise noch von dem Prinzip aus, daß es die
       Pflicht der Gemeinde sei, für den Lebensunterhalt der Armen
       -----
       1*) (43. Jahr der Regierung Elisabeths)
       
       #495# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
       -----
       zu sorgen. Wer keine Arbeit hatte, erhielt Unterstützung, und der
       Arme sah auf die Dauer, wie billig, die Gemeinde für verpflichtet
       an, ihn  vor dem  Verhungern zu  schützen. Er  forderte seine wö-
       chentliche Unterstützung als ein Recht, nicht als eine Gnade, und
       das wurde zuletzt der Bourgeoisie doch zu arg. 1833, als sie eben
       durch die Reformbill an die Herrschaft und zugleich der Pauperis-
       mus der  Landdistrikte zur vollen Entfaltung gekommen war, begann
       sie sogleich  die Reform  auch der  Armengesetze von ihrem Stand-
       punkte aus. Eine Kommission wurde ernannt, die die Verwaltung der
       Armengesetze untersuchte  und eine  große Menge  Mißbräuche  ent-
       deckte. Man fand die ganze Arbeiterklasse des platten Landes pau-
       pensiert und  ganz oder teilweise von der Armenkasse abhängig, da
       diese, wenn  der Lohn  niedrig stand, den Armen einen Zusatz gab;
       man fand,  daß dies System, wodurch der Arbeitslose erhalten, der
       Schlechtbezahlte und  mit vielen  Kindern Gesegnete  unterstützt,
       der Vater  unehelicher Kinder zur Alimentation angehalten und die
       Armut überhaupt  als des Schutzes bedürftig anerkannt wurde - man
       fand, daß dies System das Land ruiniere,
       
       "ein Hemmnis der Industrie, eine Belohnung für unüberlegte Heira-
       ten, ein Stimulus zur Vermehrung der Bevölkerung sei und den Ein-
       fluß einer  vermehrten Volkszahl auf den Arbeitslohn unterdrücke;
       daß es  eine Nationaleinrichtung sei, um die Fleißigen und Ehrli-
       chen zu  entmutigen und die Trägen, Lasterhaften und Überlegungs-
       losen zu  beschützen; daß  es die Bande der Familie zerstöre, die
       Anhäufung von Kapitalien systematisch verhindre, das existierende
       Kapital auflöse  und die  Steuerzahlenden ruiniere; und obendrein
       setze es  in der  Ahmentation eine Prämie auf uneheliche Kinder."
       (Worte des Berichts der Armengesetzkommissäre.) *)
       
       Diese Schilderung  der Wirkungen  des alten  Armengesetzes ist im
       ganzen gewiß  richtig; die  Unterstützung begünstigt die Trägheit
       und die  Vermehrung der  "überflüssigen" Bevölkerung.  Unter  den
       jetzigen sozialen  Verhältnissen ist  es ganz  klar, daß der Arme
       gezwungen wird,  Egoist zu  sein, und  wenn er  die Wahl  hat und
       gleich gut  lebt, lieber  nichts tut  als arbeitet.  Daraus folgt
       aber nur,  daß die  jetzigen sozialen Verhältnisse nichts taugen,
       nicht aber, daß - wie die malthusianischen Kommissäre folgerten -
       die Armut als ein Verbrechen nach der Abschreckungstheorie zu be-
       handeln sei.
       Diese weisen  Malthusianer waren  aber so fest von der Unfehlbar-
       keit ihrer  Theorie überzeugt,  daß sie keinen Augenblick Anstand
       nahmen, die
       ---
       *) "Extracts from Information received by the Poor-Law-Commissio-
       ners" [Auszüge  aus dem von den Armengesetzkommissären erhaltenen
       Bericht], Published by Authority. London 1833.
       
       #496# Friedrich Engels
       -----
       Armen in  das Prokrustesbett  ihrer Meinungen  zu werfen  und sie
       nach diesen  mit der empörendsten Härte zu behandeln. Mit Malthus
       und den übrigen Anhängern der freien Konkurrenz überzeugt, daß es
       am besten  sei, jeden für sich selbst sorgen zu lassen, das lais-
       sez-faire konsequent  durchzuführen, hätten  sie die Armengesetze
       am liebsten  ganz abgeschafft. Da sie hierzu indes doch weder Mut
       noch Autorität hatten, schlugen sie ein möglichst malthusiamsches
       Armengesetz vor, das noch barbarischer ist als das laissez-faire,
       weil es da aktiv eintritt, wo dies nur passiv ist. Wir sahen, wie
       Malthus die  Armut, genauer die Brotlosigkeit unter dem Namen der
       Überflüssigkeit für  ein Verbrechen erklärt, das die Gesellschaft
       mit dem  Hungertode bestrafen  soll. So barbarisch waren die Kom-
       missäre nun  gerade nicht;  der  krasse,  direkte  Hungertod  hat
       selbst für  einen Armengesetzkommissär  etwas  zu  Schreckliches.
       Gut, sagten  sie, ihr  Armen habt  das Recht, zu existieren, aber
       auch   n u r   zu existieren;  das Recht,  euch zu vermehren aber
       habt ihr  nicht, ebensowenig  wie das Recht,  m e n s c h l i c h
       zu existieren.  Ihr seid  eine Landplage, und wenn wir euch nicht
       wie jede  andere Landplage sofort beseitigen können, so sollt ihr
       doch fühlen, daß ihr eine solche seid und wenigstens im Zaume ge-
       halten, außerstand  gesetzt werden  müßt, andere  "Überflüssige",
       direkt oder  durch Verführung  zur Trägheit und Brotlosigkeit, zu
       produzieren. Leben  sollt ihr,  aber leben  zum warnenden Exempel
       allen denen,  die Veranlassung haben könnten, auch überflüssig zu
       werden.
       Sie schlugen  nun das  neue Armengesetz  vor, das  1834 durch das
       Parlament ging und bis heute in Kraft besteht. Alle Unterstützung
       in Geld  oder Lebensmitteln wurde abgeschafft; die einzige Unter-
       stützung, welche  gewährt wurde,  war die Aufnahme in die überall
       sofort erbauten Arbeitshäuser. Die Einrichtung dieser Arbeitshäu-
       ser (workhouses),  oder, wie  das Volk sie nennt, Armengesetz-Ba-
       stillen (poor-law  bastiles), ist  aber derart, daß sie jeden ab-
       schrecken muß,  der noch  irgendwie Aussicht hat, sich ohne diese
       Art der öffentlichen Mildtätigkeit durchzuschlagen. Damit die Ar-
       menkasse nur  in den dringendsten Fällen beansprucht und die eig-
       nen Anstrengungen  eines jeden  auf den  höchsten Grad gesteigert
       werden, ehe  er sich  entschließt, sich  von ihr  unterstützen zu
       lassen, ist  das Arbeitshaus zum zurückstoßendsten Aufenthalt ge-
       macht, den  das raffinierte  Talent eines  Malthusianers erfinden
       kann. Die  Nahrung ist schlechter als die der ärmsten beschäftig-
       ten Arbeiter, während die Arbeit schwerer ist; sonst würden diese
       ja den Aufenthalt im Armenhause ihrer jämmerlichen Existenz drau-
       ßen vorziehen. Fleisch, besonders frisches, wird selten gereicht,
       meist Kartoffeln,  möglichst schlechtes  Brot und  Hafermehlbrei,
       wenig oder  gar kein  Bier. Selbst  die Diät  der Gefängnisse ist
       durchgängig besser, so daß die Bewohner
       
       #497# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
       -----
       des Arbeitshauses  häufig irgendein Vergehen absichtlich sich zu-
       schulden kommen lassen, um nur ins Gefängnis zu kommen. Denn auch
       das Arbeitshaus  ist ein Gefängnis; wer sein Quantum Arbeit nicht
       tut, bekommt  nichts zu  essen, wer herausgehen will, muß erst um
       Erlaubnis bitten,  die ihm  je nach seinem Betragen oder der Mei-
       nung, die  der Inspektor davon hat, verweigert werden kann; Tabak
       ist verboten,  ebenso die Annahme von Geschenken von Freunden und
       Verwandten außerhalb des Hauses; die Paupers tragen eine Arbeits-
       haus-Uniform und  sind der  Willkür des  Inspektors  ohne  Schutz
       überliefert. Damit ihre Arbeit nicht etwa mit der Privatindustrie
       konkurriere, gibt man ihnen meist ziemlich nutzlose Beschäftigun-
       gen; die  Männer klopfen Steine, "soviel ein starker Mann mit An-
       strengung m  einem Tage tun kann ", die Weiber, Kinder und Greise
       zupfen alte  Schiffstaue, ich habe vergessen, zu welchem unbedeu-
       tenden Zweck.  Damit die  "Überflüssigen" sich  nicht  vermehren,
       oder die  "demoralisierten" Eltern  nicht auf  ihre Kinder wirken
       können, werden  die Familien  getrennt; der  Mann wird  in diesen
       Flügel, die Frau in jenen, die Kinder in einen dritten geschickt,
       und sie dürfen einander nur zu bestimmten, selten wiederkehrenden
       Zeiten sehen,  und auch  dann nur, wenn sie sich nach der Meinung
       der Beamten  gut betragen  haben. Und um den Ansteckungsstoff des
       Pauperismus vollständig in diesen Bastillen vor der Außenwelt ab-
       zuschließen, dürfen  die Bewohner  derselben nur  mit Bewilligung
       der Beamten  Besuch im Sprechzimmer annehmen, überhaupt nur unter
       ihrer Aufsicht oder Erlaubnis mit Leuten außerhalb verkehren.
       Bei alledem soll die Kost gesund, die Behandlung menschlich sein.
       Aber der Geist des Gesetzes spricht zu laut, als daß diese Forde-
       rung irgendwie  erfüllt werden  könne. Die  Armengesetzkommissäre
       und die  ganze englische  Bourgeoisie täuscht  sich, wenn sie die
       Durchführung des  Prinzips ohne  die der Konsequenzen für möglich
       hält. Die  Behandlung, die  das neue  Gesetz dem  Buchstaben nach
       vorschreibt, steht  mit dem ganzen Sinn desselben im Widerspruch;
       wenn das  Gesetz der Sache nach die Armen für Verbrecher, die Ar-
       menhäuser für  Strafgefängnisse, ihre  Bewohner für außer dem Ge-
       setz, außer der Menschheit stehende Gegenstände des Ekels und Ab-
       scheus erklärt,  so  hilft  alles  Befehlen  des  Gegenteils  gar
       nichts. In  der Praxis  wird denn  auch der  Geist und  nicht der
       Buchstabe des Gesetzes bei der Behandlung der Armen befolgt. Hier
       einige wenige Beispiele.
       Im Arbeitshause  zu   G r e e n w i c h  wurde im Sommer 1843 ein
       fünfjähriger Knabe  drei Nächte zur Strafe in die Totenkammer ge-
       sperrt, wo  er auf den Deckeln der Särge schlafen mußte. - Im Ar-
       beitshause zu  H e r n e  geschah dasselbe mit einem kleinen Mäd-
       chen, das während der Nacht das Bett nicht
       
       #498# Friedrich Engels
       -----
       trocken hielt; diese Art Strafe scheint überhaupt sehr beliebt zu
       sein. Dies  Arbeitshaus, das  in einer der schönsten Gegenden von
       Kent liegt, zeichnet sich auch dadurch aus, daß alle Fenster nach
       innen, nach dem Hofe zu gehen und bloß zwei neugebrochene den Be-
       wohnern desselben  einen Blick  in die  Außenwelt gestatten.  Der
       Schriftsteller,  der  dies  im  "Illuminated  Magazine"  erzählt,
       schließt seine Schilderung mit den Worten:
       
       "Wenn Gott  den Menschen  für Verbrechen  so  bestraft,  wie  der
       Mensch den  Menschen straft  für die  Armut, dann wehe den Söhnen
       Adams!"
       
       Im November  1843 starb zu Leicester ein Mann, der zwei Tage vor-
       her aus  dem Arbeitshause  zu   C o v e n t r y  entlassen worden
       war. Die  Details über  die Behandlung der Armen m dieser Anstalt
       sind empörend.  Der Mann,  George Robson, hatte eine Wunde an der
       Schulter, deren  Kur gänzlich  vernachlässigt wurde;  er wurde an
       die Pumpe  gestellt, um  sie mit  dem gesunden Arm in Bewegung zu
       setzen; dabei  bekam er nur die gewöhnliche Armenhauskost, die er
       wegen der  Schwächung seines  Körpers durch die unbeachtete Wunde
       nicht verdauen  konnte; er wurde notwendig schwächer, und je mehr
       er klagte,  desto brutaler wurde die Behandlung. Wenn seine Frau,
       die auch  im Arbeitshause  war,  ihm  ihr  bißchen  Bier  bringen
       wollte, so  wurde sie  gescholten und  mußte es  in Gegenwart der
       Aufseherin austrinken.  Er wurde krank, aber auch dann keine bes-
       sere Behandlung.  Zuletzt wurde  er auf  sein Begehren mit seiner
       Frau unter  dem Geleite  der beleidigendsten Ausdrücke entlassen.
       Zwei Tage  darauf starb  er in  Leicester, wie der bei der Toten-
       schau gegenwärtige  Arzt erklärte,  infolge der  vernachlässigten
       Wunde und  der für  seinen Zustand schlechterdings unverdaulichen
       Kost. Bei  seiner Entlassung  wurden ihm  Briefe eingehändigt, in
       denen Geld  für ihn war, die sechs Wochen lang zurückgehalten und
       nach einer Regel des Etablissements vom Vorsteher eröffnet worden
       waren! -  Im Arbeitshause  zu   B i r m i n g h a m    fielen  so
       schändliche Dinge  vor, daß  endlich im Dezember 1843 ein Beamter
       abgeschickt wurde, um die Sache zu untersuchen. Er fand, daß vier
       Trampers (wir  haben oben eine Erklärung dieses Ausdrucks gehabt)
       in ein  Hundeloch (black-hole)  unter der  Treppe nackend  einge-
       sperrt und  8 bis  10 Tage in diesem Zustande gehalten worden wa-
       ren, oft hungrig, ohne vor Mittag etwas zu essen zu erhalten, und
       in der strengsten Jahreszeit. Ein kleiner Junge war durch sämtli-
       che Strafgefängnisse der Anstalt geschickt worden, zuerst in eine
       feuchte, gewölbte, enge Rumpelkammer, dann zweimal ins Hundeloch,
       das zweite  Mal drei  Tage und  drei Nächte, dann ebensolange ins
       alte Hundeloch,  was noch  schlechter war,  dann ins Trampzimmer,
       ein stinkendes,  ekelhaft schmutziges,  enges Loch  mit hölzernen
       Schlafpritschen, wo der
       
       #499# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
       -----
       Beamte bei  seiner Revision noch zwei zerlumpte, vor Kälte zusam-
       mengekrochene Knaben  fand, die  bereits vier  Tage dort gesessen
       hatten. Im  Hundeloch saßen  oft sieben  und im  Trampzimmer  oft
       zwanzig Trampers zusammengepfropft. Auch Weiber waren zur Strafe,
       weil sie  nicht in  die Kirche  gehen wollten,  ins Hundeloch ge-
       steckt, und  eine war  sogar vier  Tage ins  Trampzimmer gesperrt
       worden, wo  sie Gott  weiß was  für Gesellschaft  fand, und alles
       das, während  sie krank war und Medizin einnahm! Ein anderes Weib
       war zur Strafe ins Tollhaus geschickt worden, obwohl sie vollkom-
       men bei  Verstande war.- Im Arbeitshause zu  B a c t o n  in Suf-
       folk war  im Januar  1844 eine ähnliche Untersuchung, woraus her-
       vorging, daß hier eine Blödsinnige als Krankenwärterin angestellt
       war und  allerlei verkehrtes  Zeug mit den Kranken trieb, und daß
       Kranke, die  nachts oft  unruhig waren  oder aufstanden, mit über
       dem Bettzeug  und unter  dem Bette her geführten Stricken festge-
       bunden wurden, um den Wärterinnen die Mühe des Aufbleibens zu er-
       sparen - ein Kranker wurde in diesem Zustande tot gefunden 1*). -
       Im Armenhause  von  S t.  P a n c r a s,  London, wo die billigen
       Hemden verfertigt werden, erstickte ein Epileptischer während ei-
       nes Anfalls im Bette, ohne daß ihm jemand zu Hülfe gekommen wäre.
       In demselben Hause schlafen vier bis sechs, ja zuweilen acht Kin-
       der in  einem Bette. - Im Shoreditch-Arbeitshause in London wurde
       ein Mann  eine Nacht  mit einem Kranken, der im heftigsten Fieber
       lag, in  ein Bett gesteckt, und das Bett war noch dazu voll Unge-
       ziefer. -  Im Arbeitshause zu  B e t h n a l  G r e e n,  London,
       wurde eine im sechsten Monat schwangere Frau mit ihrem noch nicht
       zweijährigen Kinde vom 28. Februar bis 20. März 1844 im Empfangs-
       zimmer eingeschlossen, ohne ins Arbeitshaus selbst aufgenommen zu
       werden -  von Betten und Orten der Befriedigung der natürlichsten
       Bedürfnisse keine  Spur. Ihr Mann wurde ins Arbeitshaus gebracht,
       und als  er bat,  man möge  seine Frau  aus ihrer Einsperrung be-
       freien, erhielt  er für diese Insolenz vierundzwanzig Stunden Ar-
       rest bei  Wasser und Brot. - Im Arbeitshause zu  S l o u g h  bei
       Windsor lag im September 1844 ein Mann am Tode; seine Frau reiste
       hin, kam  nachts zwölf  Uhr an,  eilte zum Arbeitshause und wurde
       nicht zugelassen;  am nächsten Morgen erst erhielt sie Erlaubnis,
       ihn zu  sehen, und auch dann nur auf eine halbe Stunde und in Ge-
       genwart der  Aufseherin, die  bei jedem folgenden Besuch der Frau
       sich zudrängte  und ihr  nach einer  halben Stunde  sagte,  jetzt
       müsse sie gehen. - Im Arbeitshause zu  M i d d l e t o n  in Lan-
       cashire waren  zwölf, zuzeiten  achtzehn  Paupers  beiderlei  Ge-
       schlechts, die  in einem  Zimmer schliefen.  Diese Anstalt  steht
       nicht unter dem neuen, sondern einem
       -----
       1*) (1892) aufgefunden
       
       #500# Friedrich Engels
       -----
       frühern, exzeptionellen  Armengesetz (Gilbert's Act). Der Inspek-
       tor hatte  eine Brauerei für seine Rechnung im Arbeitshause ange-
       legt. -  In   S t o c k p o r t   wurde  am  31.  Juli  1844  ein
       72jähriger Greis  aus dem  Armenhause vor den Friedensrichter ge-
       schleppt, weil  er sich  weigerte, Steine zu klopfen, und vorgab,
       wegen seines Alters und eines steifen Knies könne er diese Arbeit
       nicht tun. Vergebens erbot er sich, irgendeine Arbeit zu überneh-
       men, die  seiner Körperstärke angemessen sei - er wurde zu 14 Ta-
       gen Zwangsarbeit  auf der Tretmühle verurteilt. - Im Arbeitshause
       zu   B a s f o r d   fand ein  revidierender Beamter  im  Februar
       1844, daß  die Bettücher  in dreizehn  Wochen, die Hemden in vier
       Wochen, die  Strümpfe in  zwei bis  zehn Monaten nicht gewechselt
       worden waren,  so daß  von fünf  und vierzig Knaben nur drei noch
       Strümpfe hatten  und die  Hemden alle  zerlumpt waren, die Betten
       wimmelten von  Ungeziefer, und die Eßnäpfe wurden aus den Urinei-
       mern gewaschen.  - Im   W e s t - L o n d o n e r  Armenhause war
       ein Portier,  der syphilitisch  war und seine Krankheit vier Mäd-
       chen mitgeteilt  hatte, dennoch  nicht entlassen  worden, und ein
       andrer Portier nahm ein taubstummes Mädchen aus einem der Zimmer,
       verbarg sie vier Tage in seinem Bett und schlief bei ihr. Auch er
       wurde nicht weggeschickt.
       Wie im  Leben, so im Tode. Die Armen werden auf die rücksichtslo-
       seste Weise,  wie krepiertes  Vieh, verscharrt. Der Armenkirchhof
       von St.  Bride, London, ist ein nackter Morast, der seit Karl II.
       zum Kirchhof  benutzt wird,  voll Knochenhaufen;  jeden  Mittwoch
       werden die  verstorbenen Paupers in ein 14 Fuß tiefes Loch gewor-
       fen, der  Pfaff rasselt  eiligst seine  Litanei ab, das Loch wird
       lose verscharrt, um nächsten Mittwoch wieder geöffnet und solange
       mit Leichen  gefüllt zu  werden, bis  keine mehr  hineingeht. Der
       Verwesungsgeruch davon  verpestet die  ganze Nachbarschaft.  - In
       M a n c h e s t e r   liegt der Armenkirchhof der Altstadt gegen-
       über am  Irk, ebenfalls ein wüster, unebener Platz. Vor etwa zwei
       Jahren wurde  eine Eisenbahn  durchgeführt. Wäre  es ein  respek-
       tabler Kirchhof gewesen, wie würde die Bourgeoisie wie die Geist-
       lichkeit Zeter über Entheiligung geschrien haben! Aber es war ein
       Armenkirchhof, es  war die Ruhestätte von Paupers und Überflüssi-
       gen, und so genierte man sich durchaus nicht. Man nahm sich nicht
       einmal die  Mühe, die  noch nicht  ganz verwesten Leichen auf die
       andere Seite  des Kirchhofs  zu bringen, man scharrte auf, wie es
       gerade diente,  und schlug  Pfähle in  frische Gräber, so daß das
       mit verwesenden Stoffen geschwängerte Wasser des sumpfigen Bodens
       oben herausquoll  und die  Umgebung  mit  den  widerlichsten  und
       schädlichsten Gasen  erfüllte. Ich  mag die ekelhafte Roheit, die
       hier an den Tag kam, nicht weiter in ihren Details schildern.
       Wird man sich noch wundern, daß die Armen sich noch weigern, die
       
       #501# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
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       öffentliche Unterstützung  unter diesen  Bedingungen  anzunehmen?
       daß sie  lieber verhungern als in diese Bastillen gehen? Mir lie-
       gen fünf Fälle vor, wo die Leute wirklich und geradezu verhunger-
       ten und  noch wenige Tage vor ihrem Tode, als ihnen die Armenver-
       waltung die Unterstützung außer dem Arbeitshause abschlug, lieber
       in ihre  Not zurück als in diese Hölle gingen. Insofern haben die
       Armengesetzkommissäre ihren  Zweck vollkommen  erreicht. Aber  zu
       gleicher Zeit  haben die  Arbeitshäuser auch  die Erbitterung der
       arbeitenden Klasse gegen die besitzende, die zum größten Teil für
       das neue  Armengesetz schwärmt,  höher gesteigert  als irgendeine
       Maßregel der  machthabenden Partei.  Von Newcastle  bis Dover ist
       unter den  Arbeitern nur   e i n e   Stimme der Empörung über das
       neue Gesetz.  Die Bourgeoisie  hat in  ihm ihre Meinung über ihre
       Pflichten gegen  das Proletariat  so deutlich  ausgesprochen, daß
       sie auch  von den  Dümmsten verstanden wurde. So geradezu, so un-
       verhohlen war  es noch  nie behauptet worden, daß die Besitzlosen
       nur da  sind, um sich von den Besitzenden ausbeuten zu lassen und
       um zu  verhungern, wenn die Besitzenden von ihnen keinen Gebrauch
       machen können.  Darum aber  hat dies neue Armengesetz auch so we-
       sentlich zur  Beschleunigung der  Arbeiterbewegung und namentlich
       zur Verbreitung  des Chartismus  beigetragen, und  da es  auf dem
       Lande am  meisten in  Ausführung gekommen  ist, so erleichtert es
       die Entwicklung der proletarischen Bewegung, die den Landdistrik-
       ten bevorsteht.
       Fügen wir  noch hinzu,  daß auch  in   I r l a n d  seit 1838 ein
       gleiches Armengesetz  besteht, das  für 80 000  Paupers dieselben
       Asyle vorbereitet.  Auch hier  hat es  sich verhaßt  gemacht  und
       würde sich noch verhaßter gemacht haben, wenn es irgendwie zu der
       Wichtigkeit hätte  kommen können,  die es  in England  erreichte.
       Aber was  bedeutet die  schlechte Behandlung  von 80 000 Proleta-
       riern in  einem Lande, wo es ihrer dritthalb Millionen gibt! - In
       Schottland existieren,  mit lokalen Ausnahmen, gar keine Armenge-
       setze.
       Ich hoffe,  nach dieser  Schilderung des  neuen Armengesetzes und
       seiner Wirkungen  wird man  kein Wort zu hart finden, was ich von
       der englischen  Bourgeoisie gesagt  habe. In  dieser öffentlichen
       Maßregel, wo  sie in corpore 1*), als Macht auftritt, spricht sie
       es aus,  was sie  eigentlich will, was sie mit all den kleineren,
       dem Scheine  nach nur auf einzelne Tadel werfenden Handlungen ge-
       gen das  Proletariat meint.  Und daß diese Maßregel nicht nur von
       einer Sektion  der Bourgeoisie  ausging, sondern  den Beifall der
       ganzen Klasse  genießt, das beweisen unter ändern die Parlaments-
       debatten von 1844. Die liberale Partei hatte das neue Armengesetz
       erlassen; die konservative,
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       1*) geschlossen
       
       #502# Friedrich Engels
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       ihren Minister  Peel an der Spitze, verteidigt sie und ändert nur
       einige Lumpereien  daran in  der Poor-Law-Amendment-Bill  1*) von
       1844. Eine  liberale Majorität  gab, eine konservative bestätigte
       das Gesetz,  und die  edlen Lords  gaben ihr  "Content" 2*) beide
       Male. So  ist die  Ausstoßung des  Proletariats aus Staat und Ge-
       sellschaft ausgesprochen; so ist es offen erklärt, daß die Prole-
       tarier keine  Menschen sind  und nicht  als Menschen behandelt zu
       werden verdienen.  Überlassen wir  es ruhig  den Proletariern des
       britischen Reichs, sich ihre Menschenrechte wiederzuerobern. *)
       Das ist  die Lage der britischen Arbeiterklasse, wie ich sie wäh-
       rend einundzwanzig Monaten durch meine eignen Augen und durch of-
       fizielle und  sonstige authentische  Berichte kennengelernt habe.
       Und wenn  ich diese Lage, wie ich auf den vorstehenden Seiten oft
       genug ausgesprochen  habe, für eine schlechterdings unerträgliche
       halte, so  bin ich  nicht der einzige, der das tut. Schon Gaskell
       erklärt 1833, daß er an einem friedlichen Ausgange
       -----
       *) Um allen Mißdeutungen und daraus entstehenden Einwürfen vorzu-
       beugen, will  ich noch  bemerken, daß ich von der Bourgeoisie als
       einer   K l a s s e  gesprochen habe und alle von einzelnen ange-
       führten Dinge mir nur als Belege für die Denk- und Handlungsweise
       der   K l a s s e  gelten. Daher habe ich mich auch nicht auf die
       Unterscheidung der verschiedenen Sektionen und Parteien der Bour-
       geoisie einlassen  können, die nur historisch und theoretisch von
       Bedeutung sind,  und daher  kann ich  auch die wenigen Mitglieder
       der Bourgeoisie, die sich als ehrenwerte Ausnahmen gezeigt haben,
       nur beiläufig  erwähnen. Es sind dies einerseits die entschiedne-
       ren Radikalen,  die fast  Chartisten sind,  wie die Unterhausmit-
       glieder und  Fabrikanten Hindley  aus Ashton und Fielden aus Tod-
       morden (Lancashire),  andrerseits die  humanen Tories,  die  sich
       neuerdings als  "junges England"  konstituiert haben und zu denen
       besonders die  Parlamentsmitglieder Disraeli, Borthwick, Ferrand,
       Lord John  Manners etc.  gehören. Auch  Lord Ashley  steht  ihnen
       nahe. Die  Absicht des  "jungen Englands" ist eine Wiederherstel-
       lung des  alten "merry  England" 3*) mit seinen glänzenden Seiten
       und seinem  romantischen Feudalismus;  dieser Zweck ist natürlich
       unausführbar und  sogar lächerlich, eine Satire auf alle histori-
       sche Entwicklung,  aber die gute Absicht, der Mut, sich gegen das
       Bestehende und  die bestehenden  Vorurteile aufzulehnen  und  die
       Niederträchtigkeit des  Bestehenden anzuerkennen, ist schon etwas
       wert. Ganz  einsam steht  der Deutsch-Engländer  Thomas  Carlyle,
       der, ursprünglich  Tory, weiter  geht als  die Erwähnten. Er geht
       der sozialen Unordnung von allen englischen Bourgeois am tiefsten
       auf den Grund und fordert Organisation der Arbeit. Ich hoffe, daß
       Carlyle, der  den rechten  Weg gefunden  hat, auch  imstande sein
       wird, ihn  zu verfolgen. Meine und vieler Deutschen beste Wünsche
       begleiten ihn! - (1892) Aber die Februarrevolution machte ihn zum
       vollendeten Reaktionär;  der gerechte  Zorn  über  die  Philister
       schlug um  in versauerte  Philister-Verdrießlichkeit über die hi-
       storische Woge, die ihn auf den Strand warf.
       -----
       1*) Armengesetz-Novelle -  2*) "Einverständnis" - 3*) "fröhlichen
       Englands"
       
       #503# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
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       verzweifelt und  daß eine Revolution schwerlich ausbleiben könne.
       Carlyle erklärt 1838 den Chartismus und das revolutionäre Treiben
       der Arbeiter  aus dem  Elend, in  dem sie leben, und wundert sich
       nur, daß  diese so ruhig acht lange Jahre am Tisch des Barmekiden
       '110' gesessen  haben, wo  sie von  der liberalen Bourgeoisie mit
       leeren Versprechungen  gespeist wurden - und 1844 erklärt er, daß
       die Organisation  der Arbeit  sogleich in Angriff genommen werden
       müsse,
       
       "wenn Europa,  wenigstens England,  noch lange  bewohnbar bleiben
       solle".
       
       Und die  "Times", das  "erste Journal Europas", sagt im Juni 1844
       geradezu:
       
       "Krieg den  Palästen, Friede  den Hütten, das ist ein Schlachtruf
       des Schreckens, der noch einmal durch unser Land ertönen mag. Mö-
       gen die Reichen sich in acht nehmen!"
       
       Nehmen wir  indes noch  einmal die  Chancen der  englischen Bour-
       geoisie vor.  Im schlimmsten  Fall gelingt  es der ausländischen,
       besonders der  amerikanischen Industrie, die englische Konkurrenz
       auch nach  der, in  wenig Jahren nötigen, Abschaffung der Kornge-
       setze aushaken  zu können.  Die deutsche  Industrie  macht  jetzt
       große Anstrengungen, die amerikanische hat sich mit Riesenschrit-
       ten entwickelt. Amerika mit seinen unerschöpflichen Hülfsmitteln,
       mit den  unermeßlichsten Kohlen-  und Eisenlagern, mit einem bei-
       spiellosen Reichtum  an Wasserkraft  und schiffbaren Flüssen, be-
       sonders aber  mit seiner  energischen, tätigen Bevölkerung, gegen
       welche die  Engländer noch  phlegmatische Schlafmützen sind, Ame-
       rika hat  in weniger  als zehn  Jahren eine Industrie geschaffen,
       welche in  gröberen Baumwollenwaren  (dem Hauptartikel der engli-
       schen Industrie) schon jetzt mit England konkurriert, die Englän-
       der aus  dem nord-  und südamerikanischen Markt verdrängt hat und
       in China neben der englischen verkauft wird. In ändern Industrie-
       zweigen geht  es ebenso.  Ist ein Land dazu begabt, das industri-
       elle Monopol  an sich zu reißen, so ist es Amerika. Wird also auf
       diese Weise  die englische Industrie geschlagen - wie dies in den
       nächsten zwanzig  Jahren, wenn  die  jetzigen  sozialen  Zustände
       bleiben, wohl  nicht anders geschehen kann, so wird die Majorität
       des Proletariats auf immer "überflüssig" und hat keine andre Wahl
       als zu  verhungern oder - zu revolutionieren. Denkt die englische
       Bourgeoisie an  diese Chance?  Im Gegenteil, ihr liebster Ökonom,
       MacCulloch, doziert  ihr aus  seiner Studierstube  heraus: Es ist
       gar nicht  daran zu  denken, daß  so ein junges Land wie Amerika,
       das noch gar nicht ordentlich bevölkert ist, mit Erfolg Industrie
       treiben oder  gar gegen  ein altes industrielles Land wie England
       konkurrieren könne.  Es wäre wahnsinnig von den Amerikanern, wenn
       sie das versuchen wollten, denn sie
       
       #504# Friedrich Engels
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       können nur  Geld dabei  verlieren, laßt  sie hübsch beim Ackerbau
       bleiben, und wenn sie erst das ganze Land bebaut haben, dann wird
       die Zeit  auch wohl  kommen, wo sie mit Vorteil Industrie treiben
       können. -  Und das  sagt der  weise Ökonom,  und die  ganze Bour-
       geoisie betet's ihm nach, während die Amerikaner einen Markt nach
       dem ändern wegnehmen, während ein verwegner amerikanischer Speku-
       lant  vor  kurzem  eine  Partie  amerikanischer  Waren    n a c h
       E n g l a n d   schickte, wo  sie zur  Wiederexportation verkauft
       wurden!
       Aber selbst  für den  Fall, daß  England das industrielle Monopol
       behielte, daß  seine Fabriken  fortwährend an  Zahl wüchsen,  was
       würde die  Folge sein?  Die Handelskrisen würden bleiben, und mit
       der Ausdehnung  der Industrie und der Vermehrung des Proletariats
       immer gewaltsamer,  immer schauderhafter  werden. Das Proletariat
       würde durch  den fortschreitenden  Ruin der kleinen Mittelklasse,
       durch die  mit Riesenschritten  sich entwickelnde  Zentralisation
       des Kapitals  in den  Händen weniger, in geometrischer Proportion
       zunehmen und  bald die ganze Nation, mit Ausnahme weniger Millio-
       näre, ausmachen. In dieser Entwicklung tritt aber eine Stufe ein,
       wo das  Proletariat sieht, wie leicht es ihm wäre, die bestehende
       soziale Macht zu stürzen, und dann folgt eine Revolution.
       Doch weder  der eine noch der andre Fall wird eintreten. Die Han-
       delskrisen, der  mächtigste Hebel aller selbständigen Entwicklung
       des Proletariats,  werden, in Verbindung mit der auswärtigen Kon-
       kurrenz und  dem steigenden Ruin der Mittelklasse, die Sache kür-
       zer abmachen.  Ich glaube  nicht, daß das Volk sich noch mehr als
       eine Krisis wird gefallen lassen. Wahrscheinlich bringt schon die
       nächste, 1846  oder 1847  eintretende Krisis  die Abschaffung der
       Korngesetze und  die Charte. Was die Charte für revolutionäre Be-
       wegungen veranlassen  wird, steht  zu erwarten. Aber bis zur dann
       folgenden Krisis,  die nach der Analogie der bisherigen 1852 oder
       1853 eintreten  müßte, durch  die Abschaffung der Korngesetze je-
       doch verzögert  wie durch  andre Umstände,  auswärtige Konkurrenz
       etc., beschleunigt  werden kann, bis zu dieser Krisis wird es das
       englische Volk wahrlich überdrüssig sein, zum Vorteil der Kapita-
       listen sich ausbeuten zu lassen und, wenn die Kapitalisten seiner
       nicht mehr  bedürfen, zu verhungern. Wenn sich bis dahin die eng-
       lische Bourgeoisie nicht besinnt - und das tut sie allem Anschein
       nach gewiß  nicht -, so wird eine Revolution folgen, mit der sich
       keine vorhergehende messen kann. Die zur Verzweiflung getriebenen
       Proletarier werden  die Brandfackel  ergreifen, von  der Stephens
       ihnen gepredigt hat; die Volksrache wird mit einer Wut geübt wer-
       den, von  der uns  das Jahr 1793 noch keine Vorstellung gibt. Der
       Krieg der Armen gegen die Reichen wird der blutigste sein, der je
       geführt worden ist. Selbst der Übertritt eines Teils
       
       #505# Lage der arbeitenden Klasse - Stellung der Bourgeoisie
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       der Bourgeoisie  zur Proletariatspartei,  selbst eine  allgemeine
       Besserung der  Bourgeoisie würde  nichts helfen.  Die  allgemeine
       Sinnesänderung der  Bourgeoisie würde  ohnehin nur  bis zu  einem
       schlaffen Juste-milieu  gehen können; die entschiedner den Arbei-
       tern sich  Anschließenden würden eine neue Gironde bilden und als
       solche im Lauf der gewaltsamen Entwicklung untergehen. Die Vorur-
       teile einer  ganzen Klasse  streifen sich  nicht ab wie ein alter
       Rock -  am wenigsten  bei der stabilen, befangenen, eigennützigen
       englischen Bourgeoisie.  Das sind  alles Schlüsse,  die  mit  der
       größten Bestimmtheit  gefolgert werden  können,  Schlüsse,  deren
       Voraussetzungen  unbestreitbare  Tatsachen,  einerseits  der  ge-
       schichtlichen Entwicklung,  andrerseits  der  menschlichen  Natur
       sind. Das  Prophezeien ist  nirgends so leicht als gerade in Eng-
       land, weil hier alles so klar und scharf in der Gesellschaft ent-
       wickelt ist. Die Revolution  m u ß  kommen, es ist jetzt schon zu
       spät, um  eine friedliche  Lösung der  Sache herbeizuführen; aber
       milder kann  sie allerdings  werden als die oben prophezeite. Das
       wird aber  weniger von  der Entwicklung  der Bourgeoisie, als von
       der des  Proletariats abhängen.  In demselben Verhältnis nämlich,
       in welchem das Proletariat sozialistische und kommunistische Ele-
       mente in  sich aufnimmt,  genau in  demselben Verhältnis wird die
       Revolution an  Blutvergießen, Rache  und Wut abnehmen. Der Kommu-
       nismus steht  seinem Prinzipe  nach über  dem Zwiespalt  zwischen
       Bourgeoisie und  Proletariat, er erkennt ihn nur in seiner histo-
       rischen Bedeutung  für die  Gegenwart, nicht aber als für die Zu-
       kunft berechtigt an; er will gerade diesen Zwiespalt aufheben. Er
       erkennt daher, solange der Zwiespalt besteht, die Erbitterung des
       Proletariats gegen seine Unterdrücker allerdings als eine Notwen-
       digkeit, als  den bedeutendsten  Hebel der  a n f a n g e n d e n
       Arbeiterbewegung an,  aber er geht über diese Erbitterung hinaus,
       weil er  eben eine  Sache der Menschheit, nicht bloß der Arbeiter
       ist. Ohnehin  fällt es keinem Kommunisten ein, an einzelnen Rache
       üben zu  wollen oder überhaupt zu glauben, daß der einzelne Bour-
       geois in  den bestehenden Verhältnissen anders handeln könne, als
       er handelt.  Der englische  Sozialismus (d.h. Kommunismus) beruht
       geradezu auf  diesem Prinzip  der Unzurechnungsfähigkeit des ein-
       zelnen. Je mehr also die englischen Arbeiter sozialistische Ideen
       in sich  aufnehmen, desto mehr wird ihre jetzige Erbitterung, die
       es doch,  wenn sie  so gewaltsam  bleibt, wie  sie jetzt  ist, zu
       nichts  bringen   würde,  überflüssig,  desto  mehr  werden  ihre
       Schritte gegen  die Bourgeoisie an Wildheit und Roheit verlieren.
       Wäre es überhaupt möglich, das ganze Proletariat kommunistisch zu
       machen, ehe  der Kampf  ausbricht, so würde er sehr friedlich ab-
       laufen; das  ist aber  nicht mehr  möglich, es  ist schon zu spät
       dazu. Ich  glaube indes,  daß bis zum Ausbruch des  g a n z  off-
       nen, direkten  Krieges der  Armen gegen die Reichen, der jetzt in
       England unvermeidlich geworden ist, sich wenigstens so viel Klar-
       heit über  die soziale  Frage im Proletariat verbreiten wird, daß
       mit Hülfe  der Ereignisse die kommunistische Partei imstande sein
       wird, das  brutale Element  der Revolution auf die Dauer zu über-
       winden und  einem neunten  Thermidor [111]  vorzubeugen.  Ohnehin
       wird die  Erfahrung der  Franzosen nicht  umsonst gemacht  worden
       sein, und  dazu sind  ja schon jetzt die meisten Chartistenführer
       Kommunisten. Und da der Kommunismus  ü b e r  dem Gegensatze zwi-
       schen Proletariat und Bourgeoisie steht, so wird es auch dem bes-
       seren Teile der Bourgeoisie - der aber entsetzlich gering ist und
       nur auf  Rekrutierung unter  den Heranwachsenden  rechnen kann  -
       leichter werden,  sich ihm  anzuschließen, als dem ausschließlich
       proletarischen Chartismus.
       Wenn diese  Schlüsse hier  nicht hinreichend begründet sein soll-
       ten, so  wird sich wohl anderswo Gelegenheit finden, sie als not-
       wendige Resultate  der historischen  Entwicklung Englands nachzu-
       weisen. Aber ich bleibe dabei: Der Krieg der Armen gegen die Rei-
       chen, der  jetzt schon  im einzelnen  und indirekt  geführt wird,
       wird auch im allgemeinen, im ganzen und direkt in England geführt
       werden. Es  ist zu  spät zur friedlichen Lösung. Die Klassen son-
       dern sich  schroffer und  schroffer, der  Geist des  Widerstandes
       durchdringt die  Arbeiter mehr  und mehr, die Erbitterung steigt,
       die einzelnen Guerillascharmützel konzentrieren sich zu bedeuten-
       deren Gefechten  und Demonstrationen, und ein kleiner Anstoß wird
       bald hinreichen,  um die  Lawine in Bewegung zu setzen. Dann wird
       allerdings der  Schlachtruf durch  das Land  schallen: "Krieg den
       Palästen, Friede  den Hütten!"  - dann wird es aber zu spät sein,
       als daß sich die Reichen noch in acht nehmen könnten.

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