Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846


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       [Friedrich Engels]
       
       [Zwei Reden in Elberfeld [139]]
       
       [I]
       
       Meine Herren!
       Wir leben,  wie Sie  eben gehört haben und wie ich es ohnehin als
       allgemein bekannt  voraussetzen darf,  in einer  Welt der  freien
       Konkurrenz. Sehen wir uns denn diese freie Konkurrenz und die von
       ihr erzeugte  Weltordnung etwas näher an. In unserer heutigen Ge-
       sellschaft arbeitet  jeder auf seine eigne Hand, jeder sucht sich
       für seinen  Kopf zu  bereichern und kümmert sich nicht im gering-
       sten um das, was die ändern tun; von einer vernünftigen Organisa-
       tion, von  einer Verteilung  der Arbeiten ist keine Rede, sondern
       im Gegenteil,  jeder sucht  dem ändern den Rang abzulaufen, sucht
       die günstige Gelegenheit für seinen Privatvorteil auszubeuten und
       hat weder  Zeit noch  Lust, daran zu denken, daß sein eigenes In-
       teresse im  Grunde doch  mit dem aller übrigen Menschen zusammen-
       fällt. Der  einzelne Kapitalist steht im Kampfe mit allen übrigen
       Kapitalisten, der  einzelne Arbeiter mit allen übrigen Arbeitern;
       alle Kapitalisten  kämpfen gegen alle Arbeiter, wie die Masse der
       Arbeiter notwendig  wieder gegen  die Masse  der Kapitalisten  zu
       kämpfen hat.  In diesem Kriege Aller gegen Alle, in dieser allge-
       meinen Unordnung  und gegenseitigen  Ausbeutung besteht das Wesen
       der heutigen  bürgerlichen Gesellschaft.  Eine solche ungeregelte
       Wirtschaft, m[eine]  H[erren], muß  aber notwendig  auf die Dauer
       für die  Gesellschaft die  unheilvollsten Resultate erzielen; die
       ihr zum  Grunde  liegende  Unordnung,  die  Vernachlässigung  des
       wahren, allgemeinen  Wohls muß  über  kurz  oder  lang  in  einer
       eklatanten  Weise   zutage   kommen.   Der   Ruin   der   kleinen
       Mittelklasse, des Standes, der die Hauptgrundlage der Staaten des
       vorigen Jahrhunderts bildete, ist die erste Folge dieses Kampfes.
       Wir sehen  es ja täglich, wie diese Klasse der Gesellschaft durch
       die Macht  des Kapitals  erdrückt wird,  wie z.  B. die einzelnen
       Schneidermeister  durch   die   Läden   fertiger   Kleider,   die
       Möbelschreiner  durch   die  Möbelmagazine   ihre  besten  Kunden
       verlieren und  aus  kleinen  Kapitalisten,  aus  Mitgliedern  der
       b e s i t z e n d e n  Klasse, in abhängige,
       
       #537# Zwei Reden in Elberfeld - I
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       für Rechnung  anderer arbeitende  Proletarier, in  Mitglieder der
       b e s i t z l o s e n   Klasse verwandelt  werden. Der  Ruin  der
       Mittelklasse ist  eine vielbeklagte Folge unserer vielgepriesenen
       Gewerbefreiheit, er  ist ein  notwendiges Resultat  der Vorteile,
       die der  große Kapitalist über seinen weniger besitzenden Konkur-
       renten hat, er ist das energischste Lebenszeichen der Tendenz des
       Kapitals, sich  in wenig  Händen zu  konzentrieren. Diese Tendenz
       des Kapitals  ist ebenfalls  von vielen Seiten anerkannt; es wird
       allgemein darüber  geklagt, daß  sich der Besitz täglich mehr und
       mehr in  den Händen  Weniger anhäufe, und dagegen die große Mehr-
       zahl der  Nation mehr  und mehr  verarme. So  entsteht  dann  der
       schroffe Gegensatz  von wenigen  Reichen auf der einen und vielen
       Armen auf  der anderen  Seite; ein  Gegensatz, der in England und
       Frankreich bereits  auf eine  drohende Spitze  gesteigert ist und
       auch bei  uns sich mit jedem Tage zu größerer Schärfe entwickelt.
       Und solange  die jetzige Basis der Gesellschaft beibehalten wird,
       solange wird  es unmöglich sein, diesem Fortschritt der Bereiche-
       rung weniger Einzelnen und der Verarmung der großen Masse Einhalt
       zu tun;  der Gegensatz wird sich schärfer und schärfer ausbilden,
       bis endlich die Not die Gesellschaft zu einer Reorganisation nach
       vernünftigeren Prinzipien zwingt.
       Das, m[eine] H[erren], sind aber noch lange nicht alle Folgen der
       freien Konkurrenz.  Da ein  jeder auf seine eigne Hand produziert
       und konsumiert,  ohne sich  um die  Produktion und Konsumtion der
       anderen viel  zu kümmern,  so muß  notwendigerweise sehr bald ein
       schreiendes Mißverhältnis zwischen der Produktion und der Konsum-
       tion eintreten.  Da die heutige Gesellschaft den Kaufleuten, Spe-
       kulanten und Krämern die Verteilung der produzierten Güter anver-
       traut, von denen jeder einzelne wieder nur seinen eigenen Vorteil
       im Auge  hat, so  wird in der Austeilung - auch abgesehen von der
       Unmöglichkeit für  den Besitzlosen, sich den genügenden Anteil zu
       verschaffen -,  so wird  in der  Austeilung der Produkte dasselbe
       Mißverhältnis eintreten.  Wo hat der Fabrikant die Mittel, zu er-
       fahren, wieviel  von seinem  Fabrikat auf diesem und jenem Markte
       gebraucht, und  wenn er  dies erfahren  könnte, wieviel  dann von
       seinen Konkurrenten  nach jedem dieser Märkte geschickt wird? Wie
       soll er,  der in  den meisten Fällen gar nicht einmal weiß, wohin
       die Ware  gehen wird,  die er  eben fabriziert -, wie soll er nun
       gar wissen  können, wieviel  seine auswärtigen  Konkurrenten nach
       jedem der betreffenden Märkte liefern werden? Er weiß von dem al-
       lem nichts, er fabriziert wie seine Konkurrenten ins Blaue hinein
       und tröstet  sich damit,  daß die anderen dies eben auch tun müs-
       sen. Er  hat keine  andere Richtschnur  als den ewig schwankenden
       Stand der  Preise, der  bei entfernten Märkten im Augenblicke, wo
       er seine Ware absendet, schon ein ganz anderer ist als in dem Au-
       genblicke, in
       
       #538# Friedrich Engels
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       dem der  ihn darüber  unterrichtende Brief geschrieben wurde, und
       der im Augenblicke, wo die Ware ankommt, wieder anders ist als im
       Augenblicke, wo  sie abgesandt  wurde. Bei einer solchen Regello-
       sigkeit der  Produktion ist es denn auch ganz natürlich, wenn je-
       den Augenblick  Stockungen des  Verkehrs eintreten, die natürlich
       um so bedeutender sein müssen, je fortgeschrittener die Industrie
       und der Handel eines Landes ist. Das Land der ausgebildetsten In-
       dustrie, England,  bietet uns  daher hier  die schlagendsten Bei-
       spiele. Durch  die Ausbildung des Verkehrs, durch die vielen Spe-
       kulanten und  Kommissionäre, die sich hier zwischen den produzie-
       renden Fabrikanten und die wirklichen Konsumenten eingedrängt ha-
       ben, wird es dem englischen Fabrikanten noch viel schwieriger ge-
       macht als dem deutschen, auch nur das geringste über das Verhält-
       nis der Vorräte und der Produktion zur Konsumtion zu erfahren; er
       hat dazu fast alle Märkte der Welt zu versorgen - er erfährt fast
       in keinem einzigen Falle, wohin seine Ware geht, und so findet es
       sich bei der ungeheuren Produktionskraft der englischen Industrie
       sehr häufig,  daß alle  Märkte plötzlich überfüllt sind. Der Ver-
       kehr stockt,  die Fabriken  arbeiten halbe  Zeit oder  gar nicht,
       eine Reihe  von Fallissementen  tritt ein,  die Vorräte müssen zu
       Spottpreisen losgeschlagen  werden, und ein großer Teil des Kapi-
       tals, das  mit Mühe gesammelt war, geht so durch eine solche Han-
       delskrisis wieder  verloren. Solcher  Handelskrisen haben  wir in
       England seit dem Anfange dieses Jahrhunderts eine ganze Reihe und
       in den letzten zwanzig Jahren alle fünf oder sechs Jahre eine ge-
       habt [140].  Die letzten,  die von 1837 und 1842, werden den mei-
       sten von Ihnen, m[eine] H[erren], noch deutlich in der Erinnerung
       sein. Und  wenn unsere  Industrie auch so großartig, unser Absatz
       so weitverzweigt  wäre wie die Industrie und der Handel Englands,
       so würden  wir dieselben Resultate erleben, während jetzt bei uns
       die Wirkung der Konkurrenz in der Industrie und im Verkehr in ei-
       ner allgemeinen,  dauernden Depression  aller Geschäftszweige, in
       einem unglückseligen  Mittelzustande zwischen entschiedener Blüte
       und gänzlichem  Verkommen, in  einem Zustande  der gelinden Stoc-
       kung, d.h. der Stabilität, sich fühlbar macht.
       M[eine] H[erren],  was ist  der eigentliche  Grund  dieser  Übel-
       stände? Woraus entspringt der Ruin der Mittelklasse, der schroffe
       Gegensatz von  arm und reich, die Stockungen des Verkehrs und die
       daraus entstehende  Verschwendung von Kapital? Aus keiner anderen
       Ursache als  aus der  Zersplitterung der Interessen. Wir arbeiten
       alle, em  jeder für  seinen eigenen  Vorteil, unbekümmert  um das
       Wohl der  anderen, und  es ist  doch eine  augenscheinliche, eine
       sich von  selbst verstehende  Wahrheit, daß  das  Interesse,  das
       Wohl, das Lebensglück jedes einzelnen mit dem seiner Mitmenschen
       
       #539# Zwei Reden in Elberfeld - I
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       unzertrennlich zusammenhängt.  Wir müssen  uns alle gestehen, daß
       keiner von  uns seine  Mitmenschen entbehren  kann, daß schon das
       Interesse uns alle aneinander fesselt, und doch schlagen wir die-
       ser Wahrheit  mit unseren  Handlungen geradezu  ins Gesicht,  und
       doch richten  wir unsere  Gesellschaft  so  ein,  als  ob  unsere
       Interessen  nicht   dieselben,  sondern  einander  ganz  und  gar
       entgegengesetzt wären.  Wir haben  gesehen, was die Folgen dieses
       Grundirrtums waren; wollen wir diese schlimmen Folgen beseitigen,
       so müssen  wir den  Grundirrtum reformieren, und das beabsichtigt
       eben der Kommunismus.
       In der  kommunistischen Gesellschaft,  wo die Interessen der ein-
       zelnen nicht  einander entgegengesetzt,  sondern vereinigt  sind,
       ist die  Konkurrenz aufgehoben. Von einem Ruin einzelner Klassen,
       von Klassen  überhaupt, wie heutzutage Reiche und Arme, kann, wie
       sich von  selbst versteht,  keine Rede  mehr sein.  Sowie bei der
       Produktion und Austeilung der zum Leben nötigen Güter der Privat-
       erwerb, der  Zweck des  einzelnen sich  auf eigne Faust zu berei-
       chern, wegfällt,  fallen auch  die Krisen des Verkehrs von selbst
       weg. In  der kommunistischen  Gesellschaft wird  es ein  leichtes
       sein, sowohl  die Produktion wie die Konsumtion zu kennen. Da man
       weiß, wieviel  ein einzelner  im Durchschnitt  braucht, so ist es
       leicht zu berechnen, wieviel von einer gewissen Anzahl Individuen
       gebraucht wird,  und da  die Produktion alsdann nicht mehr in den
       Händen einzelner  Privaterwerber, sondern  in den  Händen der Ge-
       meinde und  ihrer Verwaltung  ist, so  ist es  eine  Kleinigkeit,
       d i e   P r o d u k t i o n   n a c h   d e n  B e d ü r f n i s-
       s e n  z u  r e g e l n.
       Wir sehen  also,  wie  m  der  kommunistischen  Organisation  die
       Hauptübel des jetzigen sozialen Zustandes wegfallen. Wenn wir in-
       des etwas  mehr ins  Detail gehen,  so werden wir finden, daß die
       Vorteile einer  solchen Organisation hierbei nicht stehenbleiben,
       sondern sich  auch auf  die Beseitigung einer Menge anderer Übel-
       stände erstrecken, von denen ich heute nur einige ökonomische er-
       wähnen will. Die jetzige Einrichtung der Gesellschaft ist in öko-
       nomischer Beziehung gewiß die unvernünftigste und unpraktischste,
       die wir  uns denken  können. Die  Entgegensetzung der  Interessen
       bringt es  mit sich,  daß eine  große Menge Arbeitskraft auf eine
       Weise verwendet wird, von der die Gesellschaft keinen Nutzen hat,
       daß ein  bedeutendes Quantum Kapital unnötigerweise verlorengeht,
       ohne sich  zu reproduzieren.  Wir sehen  dies schon  bei den Han-
       delskrisen; wir  sehen, wie  Massen von  Produkten, die doch alle
       von Menschen  mühsam erarbeitet waren, zu Preisen weggeschleudert
       werden, die  dem Verkäufer  Verlust lassen;  wir sehen, wie durch
       Bankerotte Massen  von Kapitalien,  die doch mühsam angehäuft wa-
       ren, den Besitzern unter den Händen verschwinden. Gehen wir indes
       etwas mehr ins
       
       #540# Friedrich Engels
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       Detail des jetzigen Verkehrs. Bedenken Sie, durch wie viele Hände
       jedes Produkt gehen muß, bis es in die des wirklichen Konsumenten
       gerät -,  bedenken Sie, m[eine] H[erren], wie viele spekulierende
       und überflüssige  Zwischenschieber sich jetzt zwischen den Produ-
       zenten und den Konsumenten eingedrängt haben! Nehmen wir ein Bei-
       spiel, etwa  einen Baumwollballen,  der in Nordamerika fabriziert
       wird. Der  Ballen geht  aus den  Händen des  Pflanzers in die des
       Faktors an  irgendeiner beliebigen  Station des Mississippi über,
       er wandert  den Fluß hinunter nach New Orleans. Hier wird er ver-
       kauft -  zum zweiten  Male, da  ihn der Faktor schon vom Pflanzer
       kaufte - verkauft, meinetwegen an den Spekulanten, der ihn wieder
       an den  Exporteur verkauft.  Der Ballen geht nun etwa nach Liver-
       pool, wo  wieder ein gieriger Spekulant seine Hände nach ihm aus-
       streckt und  ihn an  sich reißt.  Dieser verhandelt ihn wieder an
       einen Kommissionär,  der für  Rechnung -  wir wollen sagen, eines
       deutschen Hauses  - kauft.  So wandert der Ballen nach Rotterdam,
       den Rhein  herauf, durch  noch ein Dutzend Hände von Spediteuren,
       nachdem er  ein dutzendmal  aus- und eingeladen worden ist -, und
       dann erst  ist er  in den  Händen, nicht des Konsumenten, sondern
       des Fabrikanten, der ihn erst konsumierbar macht, sein Garn viel-
       leicht dem  Weber, dieser das Gewebe dem Drucker, der dem Grossi-
       sten und dieser wieder dem Detaillisten verhandelt, der dann end-
       lich die  Ware dem  Konsumenten liefert. Und alle diese Millionen
       Zwischenschieber, Spekulanten,  Faktoren, Exporteurs,  Kommissio-
       näre, Spediteure,  Grossisten und  Detaillisten, die  doch an der
       Ware selbst  nichts tun,  sie wollen  alle leben und ihren Profit
       dabei machen  - und  machen ihn  auch im Durchschnitt, denn sonst
       könnten sie nicht bestehen. M[eine] H[erren], gibt es keinen ein-
       facheren, wohlfeileren Weg, einen Baumwollballen von Amerika nach
       Deutschland und  das aus  demselben verfertigte  Fabrikat in  die
       Hände des  wirklichen Konsumenten zu liefern als diesen weitläuf-
       tigen des zehnmaligen Verkaufens, des hundertmaligen Umladens und
       Transportierens aus  einem Magazin ins andere? Ist dies nicht ein
       schlagender Beweis der vielen Verschwendung von Arbeitskraft, die
       durch die  Zersplitterung der  Interessen herbeigeführt  wird? In
       der vernünftig  organisierten Gesellschaft  ist von einem solchen
       umständlichen Transporte keine Rede. Ebenso leicht wie man wissen
       kann,  wieviel   eine  einzelne   Kolonie   an   Baumwolle   oder
       Baumwollfabrikaten gebraucht,  um bei dem Beispiele stehenzublei-
       ben - ebenso leicht wird es der Zentralverwaltung sein, zu erfah-
       ren, wieviel  sämtliche Ortschaften  und Gemeinden des Landes ge-
       brauchen. Ist  eine solche  Statistik einmal  organisiert, was in
       einem oder  zwei Jahren  leicht geschehen  kann, so wird sich der
       Durchschnitt des jährlichen Konsums nur im Verhältnis der
       
       #541# Zwei Reden in Elberfeld - I
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       steigenden Bevölkerung  verändern; es  ist also ein leichtes, zur
       gehörigen Zeit  vorauszubestimmen, welches Quantum von jedem ein-
       zelnen Artikel  das Bedürfnis  des Volkes  erfordern wird  ", man
       wird die ganze, große Quantität sich direkt an der Quelle bestel-
       len, man  wird sie  direkt, ohne Zwischenschieber, ohne mehr Auf-
       enthalt und  Umladungen, als wirklich in der Natur der Kommunika-
       tion begründet sind, also mit einer großen Ersparnis von Arbeits-
       kraft, beziehen können; man wird nicht nötig haben, den Spekulan-
       ten, Groß-  und Kleinhändlern  ihren Nutzen zu bezahlen. Aber das
       ist noch  nicht alles  - diese  Zwischenschieber werden nicht nur
       auf diese  Weise der Gesellschaft unschädlich, sie werden ihr so-
       gar vorteilhaft gemacht. Während sie jetzt zum Nachteil aller an-
       deren eine  Arbeit tun,  die im  besten Falle überflüssig ist und
       ihnen doch den Lebensunterhalt,  ja in vielen Fällen große Reich-
       tümer einbringt,  während sie also jetzt dem  allgemeinen  Besten
       direkt nachteilig sind,  werden sie dann die Hände zu  nützlicher
       Tätigkeit frei bekommen und eine Beschäftigung  ergreifen können,
       worin sie  sich als  wirkliche, nicht nur scheinbare, erheuchelte
       Mitglieder der  menschlichen Gesellschaft und Teilnehmer an ihrer
       Gesamttätigkeit erweisen.
       Die jetzige Gesellschaft, welche den einzelnen Menschen mit allen
       übrigen in  Feindschaft bringt, erzeugt auf diese Weise einen so-
       zialen Krieg  Aller gegen  Alle, der notwendigerweise bei einzel-
       nen, namentlich Ungebildeten, eine brutale, barbarisch-gewaltsame
       Form annehmen  muß -  die Form des Verbrechens. Um sich gegen das
       Verbrechen, gegen  die offene  Gewalttat zu  schützen, bedarf die
       Gesellschaft eines  weitläuftigen,  verwickelten  Organismus  von
       Verwaltungs- und  Gerichtsbehörden, der eine unendliche Menge von
       Arbeitskräften in Anspruch nimmt.  In der kommunistischen Gesell-
       schaft würde  sich auch  dies unendlich  vereinfachen, und gerade
       deshalb - so bizarr es auch klingen mag - gerade deshalb, weil in
       dieser Gesellschaft  die Verwaltung nicht nur einzelne Seiten des
       sozialen Lebens,  sondern das ganze soziale Leben in allen seinen
       einzelnen Tätigkeiten,  nach allen  seinen Seiten hin, zu admini-
       strieren haben  würde. Wir heben den Gegensatz des einzelnen Men-
       schen gegen  alle ändern  auf - wir setzen dem sozialen Krieg den
       sozialen Frieden  entgegen, wir legen die Axt an die  W u r z e l
       des Verbrechens  - und  machen dadurch  den größten,  bei  weitem
       größten Teil  der jetzigen Tätigkeit der Verwaltungs- und Justiz-
       behörden überflüssig. Schon jetzt verschwinden die Verbrechen der
       Leidenschaft immer  mehr gegen die Verbrechen der Berechnung, des
       Interesses -  die Verbrechen  gegen   P e r s o n e n  nehmen ab,
       die Verbrechen  gegen das   E i g e n t u m  nehmen zu. Die fort-
       schreitende Zivilisation  mildert die  gewaltsamen Ausbrüche  der
       Leidenschaft schon  m der  jetzigen, auf dem Kriegsfuß stehenden,
       wieviel mehr in der
       
       #542# Friedrich Engels
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       kommunistischen, friedlichen  Gesellschaft! Die  Verbrechen gegen
       das Eigentum  fallen von  selbst da  weg, wo jeder erhält, was er
       zur Befriedigung  seiner natürlichen und geistigen Triebe bedarf,
       wo die  sozialen Abstufungen und Unterschiede wegfallen. Die Kri-
       minaljustiz hört  von selbst  auf, die Ziviljustiz, die doch fast
       lauter Eigentumsverhältnisse oder wenigstens solche Verhältnisse,
       die den  sozialen Kriegszustand  zur Voraussetzung  haben, behan-
       delt, fällt  ebenfalls weg; Streitigkeiten können dann nur seltne
       Ausnahmen sein, wo sie jetzt die natürliche Folge der allgemeinen
       Feindschaft sind,  und werden  leicht sich  durch  Schiedsrichter
       schlichten lassen.  Die Verwaltungsbehörden haben jetzt ebenfalls
       in dem fortwährenden Kriegszustand die Quelle ihrer Beschäftigung
       - die Polizei und die ganze Administration tut weiter nichts, als
       daß sie  dafür sorgt,  daß der  Krieg ein  verdeckter, indirekter
       bleibe, daß er nicht in offne Gewalt, in Verbrechen ausarte. Wenn
       es aber  unendlich leichter ist, den Frieden zu erhalten, als den
       Krieg in  gewisse Schranken  zu bannen,  so ist es auch unendlich
       leichter, eine kommunistische als eine konkurrierende Gemeinde zu
       verwalten. Und wenn schon jetzt die Zivilisation die Menschen ge-
       lehrt hat,  ihr Interesse  in der Aufrechterhaltung der öffentli-
       chen Ordnung,  der öffentlichen  Sicherheit, des öffentlichen In-
       teresses zu  suchen, also die Polizei, Verwaltung und Justiz mög-
       lichst überflüssig  zu machen, um wieviel mehr wird dies der Fall
       sein in  einer Gesellschaft, in der die Gemeinschaft der Interes-
       sen zum  Grundprinzip erhoben  ist, in dem das öffentliche Inter-
       esse sich  nicht mehr  von dem jedes einzelnen unterscheidet! Was
       jetzt schon  t r o t z  der sozialen Einrichtung besteht, wieviel
       mehr wird  das geschehen,  wenn es  nicht mehr durch die sozialen
       Einrichtungen gehindert,  sondern unterstützt  wird!  Wir  dürfen
       also auch  von dieser  Seite her auf einen beträchtlichen Zuwachs
       von Arbeitskräften  rechnen, welche  der jetzige  soziale Zustand
       der Gesellschaft  entzieht. Eine  der kostspieligsten Einrichtun-
       gen, deren  die jetzige  Gesellschaft nicht  entbehren kann, sind
       die stehenden  Heere, welche  der Nation den kräftigsten, brauch-
       barsten Teil  der Bevölkerung  entziehen und  sie zwingen, diesen
       dadurch unproduktiv gewordenen Teil zu ernähren. Wir wissen es an
       unserem eignen  Staatsbudget, was  uns das stehende Heer kostet -
       vierundzwanzig Millionen  jährlich und  die Entziehung  von zwei-
       malhunderttausend der kräftigsten Arme aus der Produktion. In der
       kommunistischen Gesellschaft  würde es keinem Menschen einfallen,
       an ein  stehendes Heer  zu denken.  Wozu auch?  Zur Bewahrung der
       inneren Ruhe  des Landes?  Es wird,  wie wir  oben sahen,  keinem
       einzigen einfallen,  diese innere  Ruhe zu stören. Die Furcht vor
       Revolutionen ist  ja nur die Folge der Opposition der Interessen;
       wo die Interessen aller zusammenfallen, kann von einer solchen
       
       #543# Zwei Reden in Elberfeld - I
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       Furcht keine  Rede sein.  - Zu  einem Angriffskriege?  Wie sollte
       eine kommunistische Gesellschaft dazu kommen, einen Angriffskrieg
       zu unternehmen  -, sie,  die sehr gut weiß, daß sie im Kriege nur
       Menschen und Kapital verliert, während sie höchstens ein paar wi-
       derwillige, also  eine Störung  in die  soziale Ordnung bringende
       Provinzen erlangen kann! - Zu einem Verteidigungskriege? Dazu be-
       darf es  keines stehenden  Heeres, da  es ein leichtes sein wird,
       jedes fähige  Mitglied der Gesellschaft auch neben seinen übrigen
       Beschäftigungen so  weit in  der wirklichen,  nicht parademäßigen
       Waffengewandtheit zu  üben, als zur Verteidigung des Landes nötig
       ist. Und  bedenken Sie  dabei, m[eine] H[erren], daß das Mitglied
       einer solchen  Gesellschaft im  Falle eines  Krieges, der ohnehin
       n u r   g e g e n   a n t i k o m m u n i s t i s c h e  Nationen
       vorkommen könnte, ein  w i r k l i c h e s  Vaterland,  e i n e n
       w i r k l i c h e n  Herd zu verteidigen hat, daß er also mit ei-
       ner Begeisterung,  mit einer Ausdauer, mit einer Tapferkeit kämp-
       fen wird, vor der die maschinenmäßige Geschultheit einer modernen
       Armee wie Spreu auseinanderfliegen muß; bedenken Sie, welche Wun-
       der der  Enthusiasmus der revolutionären Armeen von 1792 bis 1799
       getan hat,  die doch  nur für  eine   I l l u s i o n,   für  ein
       S c h e i n v a t e r l a n d   kämpften, und Sie werden einsehen
       müssen, von  welcher Kraft ein Heer sein muß, das für keine Illu-
       sion, sondern  für eine handgreifliche Wirklichkeit sich schlägt.
       Diese unzähligen Massen von Arbeitskräften also, welche jetzt den
       zivilisierten Völkern durch die Armeen entzogen werden, würden in
       einer kommunistischen  Organisation sonach der Arbeit zurückgege-
       ben werden;  sie würden  nicht nur  soviel erzeugen, wie sie ver-
       brauchen, sondern noch weit mehr Produkte, als zu ihrem Unterhalt
       nötig sind, an die öffentlichen Vorratshäuser abliefern können.
       Eine noch viel schlimmere Verschwendung von Arbeitskräften findet
       sich in der bestehenden  Gesellschaft in der Art, wie die Reichen
       ihre soziale Stellung ausbeuten. Ich will von dem vielen unnützen
       und geradezu  lächerlichen Luxus,  der seine  Quelle nur  in  der
       Sucht, sich  auszuzeichnen, hat  und eine  Menge Arbeitskräfte in
       Anspruch nimmt,  gar nicht  sprechen.  Aber  gehen  Sie,  m[eine]
       H[erren] einmal  geradezu in das Haus, das innerste Heiligtum ei-
       nes Reichen,  und sagen  Sie mir, ob es nicht die tollste Vergeu-
       dung von  Arbeitskraft ist, wenn hier eine Menge von Menschen zur
       Bedienung eines  einzigen in Anspruch genommen und mit Faulenzen,
       oder wenn  es hoch  kommt, nur  mit solchen  Arbeiten beschäftigt
       werden, die  ihre Quelle  in der  Isolierung jedes  Menschen  auf
       seine vier Wände haben? Diese Menge Dienstmädchen, Köchinnen, La-
       kaien, Kutscher,  Hausknechte, Gärtner  und wie  sie alle heißen,
       was  tun   sie  denn  eigentlich?  Wie    w e n i g    A u g e n-
       b l i c k e   sind sie des Tages beschäftigt, um ihrer Herrschaft
       das Leben  w i r k l i c h  angenehm
       
       #544# Friedrich Engels
       -----
       zu machen,  um der  Herrschaft die  freie Ausbildung und Ausübung
       ihrer menschlichen  Natur und ihrer angebornen Kräfte zu erleich-
       tern -, und wie  v i e l e  S t u n d e n  des Tages sind sie mit
       Arbeiten beschäftigt,  die nur in der schlechten Einrichtung uns-
       rer gesellschaftlichen  Verhältnisse ihre Ursache haben -, hinten
       auf dem  Wagen stehen,  den Marotten  der Herrschaft  zu Diensten
       sein, Schoßhunde  nachtragen und  andre Lächerlichkeiten.  In der
       vernünftig organisierten  Gesellschaft, wo jeder in die Lage ver-
       setzt wird,  leben zu  können, auch ohne den Marotten der Reichen
       zu frönen  und ohne auf solche Marotten zu verfallen -, in dieser
       Gesellschaft kann natürlich auch die jetzt so vergeudete Arbeits-
       kraft der  Luxusbedienung zum  Vorteil aller  und zu ihrem eignen
       Vorteil verwandt werden.
       Eine weitere  Verschwendung von Arbeitskraft findet in der heuti-
       gen Gesellschaft  ganz direkt  durch den  Einfluß der  Konkurrenz
       statt, indem  diese sine große Anzahl brotloser Arbeiter schafft,
       die gern  arbeiten   m ö c h t e n,   aber keine  Arbeit erhalten
       k ö n n e n.  Da nämlich die Gesellschaft gar nicht darauf einge-
       richtet ist,  von der wirklichen Verwendung der Arbeitskräfte No-
       tiz nehmen  zu können, da es jedem einzelnen überlassen ist, sich
       eine Erwerbsquelle  zu suchen,  so ist es ganz natürlich, daß bei
       der Verteilung  der wirklich  oder scheinbar  nützlichen Arbeiten
       eine Anzahl Arbeiter leer ausgehen. Dies ist um so eher der Fall,
       als der  Kampf der  Konkurrenz jeden  einzelnen  antreibt,  seine
       Kräfte aufs  höchste anzustrengen, alle Vorteile zu benutzen, die
       sich ihm  bieten, teure Arbeitskräfte durch wohlfeilere zu erset-
       zen, wozu die steigende Zivilisation täglich mehr und mehr Mittel
       bietet -  oder, mit  ändern Worten, ein jeder muß daran arbeiten,
       andre brotlos  zu machen, die Arbeit andrer auf die eine oder die
       andre Weise  zu verdrängen.  So findet sich denn in jeder zivili-
       sierten Gesellschaft  eine große  Anzahl arbeitsloser  Leute, die
       gern arbeiten möchten, aber keine Arbeit finden, und diese Anzahl
       ist größer,  als man gewöhnlich glaubt. Da finden wir diese Leute
       denn,  wie   sie   sich   auf   die   eine   oder   andre   Weise
       p r o s t i t u i e r e n,  betteln, Straßen kehren, an den Ecken
       stehen, von gelegentlichen kleinen Diensten mit Mühe und Not Leib
       und Seele  zusammenhalten, mit  allen erdenklichen  kleinen Waren
       hökern und  herumhausieren -  oder, wie wir es heute abend an ein
       paar armen Mädchen gesehen haben, mit der Guitarre von Ort zu Ort
       ziehen, für  Geld spielen  und singen, genötigt, sich jede unver-
       schämte Ansprache, jede beleidigende Zumutung gefallen zu lassen,
       um nur ein paar Groschen zu verdienen. Wie viele endlich gibt es,
       die der   e i g e n t l i c h e n  Prostitution als Opfer verfal-
       len! M[eine]  H[erren], die Anzahl dieser Brotlosen, denen nichts
       übrigbleibt, als  auf die eine oder andre Weise sich zu prostitu-
       ieren, ist  sehr groß  - unsre  Armenverwaltungen wissen davon zu
       erzählen -, und vergessen
       
       #545# Zwei Reden in Elberfeld - I
       -----
       Sie nicht,  daß die  Gesellschaft diese Leute trotz ihrer Nutzlo-
       sigkeit auf  die eine  oder die  andre Art  dennoch ernährt. Wenn
       also die  Gesellschaft die  Kosten für  ihren Unterhalt zu tragen
       hat, so  sollte sie auch dafür sorgen, daß diese Arbeitslosen ih-
       ren Unterhalt   e h r b a r   verdienten.  Das aber kann die jet-
       zige, konkurrierende Gesellschaft nicht.
       Wenn Sie,  m[eine] H[erren],  dies alles bedenken - und ich hätte
       noch eine  Menge anderer  Beispiele anführen können, wie die jet-
       zige Gesellschaft  ihre Arbeitskräfte  vergeudet -, wenn Sie dies
       bedenken, so werden Sie finden, daß der menschlichen Gesellschaft
       ein Überfluß  an Produktionskräften  zu Gebote steht, der nur auf
       eine vernünftige Organisation, auf eine geordnete Verteilung war-
       tet, um  mit dem größten Vorteil für alle in Tätigkeit zu treten.
       Sie werden hiernach, m[eine] H[erren], beurteilen können, wie we-
       nig die  Befürchtung gegründet ist, als müßte bei einer gerechten
       Verteilung der  gesellschaftlichen Tätigkeit  dem einzelnen  eine
       solche Last  von Arbeit  zufallen, daß sie ihm alle Beschäftigung
       mit anderen  Dingen unmöglich  mache. Im Gegenteil können wir an-
       nehmen, daß  bei einer solchen Organisation die jetzt übliche Ar-
       beitszeit des  einzelnen schon  durch die Benutzung der jetzt gar
       nicht oder unvorteilhaft angewandten Arbeitskräfte auf die Hälfte
       reduziert werden wird.
       Die Vorteile  indes, welche  die kommunistische Einrichtung durch
       B e n u t z u n g   v e r s c h w e n d e t e r    A r b e i t s-
       k r ä f t e   bietet, sind  n o c h  n i c h t  d i e  b e d e u-
       t e n d s t e n.   Die größte  Ersparnis von  Arbeitskraft  liegt
       i n   d e r   V e r e i n i g u n g    d e r    e i n z e l n e n
       K r ä f t e   zur sozialen Kollektivkraft und in der Einrichtung,
       welche auf  diese Konzentration  der bis  jetzt  einander  gegen-
       überstehenden Kräfte beruht. Ich will mich hier an die Vorschläge
       des englischen  Sozialisten Robert Owen anschließen, da diese die
       praktischsten und  am meisten  ausgearbeiteten sind. Owen schlägt
       vor, an  die Stelle  der jetzigen  Städte und  Dörfer  mit  ihren
       vereinzelten,  einander   im  Wege  stehenden  Wohnhäusern  große
       Paläste aufzuführen,  die, in  einem Quadrat  von etwa  1650  Fuß
       Länge und  Breite gebaut,  einen großen  Garten einschließen  und
       etwa zwei-  bis dreitausend  Menschen bequem  beherbergen können.
       Daß  ein   solches  Gebäude,   während  es   den  Einwohnern  die
       Bequemlichkeiten der  besten jetzigen  Wohnungen bietet,  dennoch
       weit wohlfeiler  und leichter  zu errichten ist, als die nach dem
       jetzigen System  für ebensoviele  Leute benötigten,  größtenteils
       schlechteren Einzelwohnungen, liegt auf der Hand. Die vielen Zim-
       mer, die  jetzt fast  in jedem anständigen Hause leer stehen oder
       ein bis zweimal des Jahres gebraucht werden, fallen ohne alle Un-
       bequemlichkeit weg;  die Ersparnis  an Raum  für  Vorratskammern,
       Keller etc. ist ebenfalls sehr groß. - Gehen wir aber auf das De-
       tail der Hauswirtschaft ein, so werden wir erst recht die
       
       #546# Friedrich Engels
       -----
       Vorteile der  Gemeinschaft einsehen.  Welch eine Menge von Arbeit
       und Material  wird nicht  bei der  jetzigen, zersplitterten Wirt-
       schaft verschwendet  - z.B. bei der Heizung! Sie müssen für jedes
       Zimmer einen besonderen Ofen haben; ein jeder Ofen will besonders
       geheizt, in  Brand gehalten, beaufsichtigt werden; das Brennmate-
       rial muß  nach allen  diesen verschiedenen Orten hingebracht, die
       Asche weggeholt  werden; wieviel  einfacher und wohlfeiler ist es
       nicht, an  die Stelle dieser vereinzelten Heizung eine großartige
       Gesamtheizung, z.  B. mit  Dampf röhren,  und einem einzigen Hei-
       zungszentrum zu  setzen, wie  dies schon  jetzt in großen Gesell-
       schaftslokalen, Fabriken,  Kirchen etc. geschieht! Ferner die Be-
       leuchtung durch Gas, die jetzt noch dadurch kostspielig wird, daß
       selbst die  dünneren Röhren unter der Erde liegen müssen, und die
       Röhren überhaupt  wegen des großen Raumes? der in unseren Städten
       zu beleuchten  ist, von  unverhältnismäßiger Länge  sein  müssen,
       während bei der vorgeschlagenen Einrichtung alles auf einem Räume
       von 1650 Fuß im Quadrat konzentriert und die Menge der brennenden
       Gasflammen dennoch  ebenso groß,  das  Resultat  also  mindestens
       ebenso lohnend ist wie in einer mäßigen Stadt. Dann die Bereitung
       der Mahlzeiten  - welche Verschwendung von Raum, Material und Ar-
       beitskraft bei  der jetzigen  zersplitterten Wirtschaft,  wo jede
       Familie ihr  bißchen Essen  besonders kocht, ihr apartes Geschirr
       hat, ihre  aparte Köchin anstellt, ihre Speisen apart vom Markte,
       aus dem  Garten, vom Fleischer und Bäcker holen muß! Man kann ru-
       hig annehmen,  daß bei  einer gemeinschaftlichen  Speisebereitung
       und Aufwartung  zwei Drittel der jetzt bei dieser Arbeit beschäf-
       tigten Arbeitskräfte erspart und das übrige Drittel dennoch seine
       Arbeit besser  und aufmerksamer  wird verrichten können, als dies
       jetzt geschieht.  Und endlich  die Hausarbeiten selbst! Wird sich
       ein solches Gebäude nicht unendlich viel leichter reinigen und in
       gutem Stande  halten lassen, wenn, wie es hier möglich ist, diese
       Art der  Arbeit gleichfalls  organisiert und  regelmäßig verteilt
       ist, als  die zwei- bis dreihundert getrennten Häuser, welche bei
       der jetzigen  Einrichtung die  Wohnungen einer gleichen Zahl sein
       würden?
       Dies, m[eine]  H[erren], sind  einige wenige  von den unendlichen
       Vorteilen, welche  in ökonomischer  Beziehung aus der kommunisti-
       schen Organisation der menschlichen Gesellschaft hervorgehen müs-
       sen. Es ist uns nicht möglich, in einigen Stunden und mit wenigen
       Worten unser  Prinzip Ihnen  klarzumachen und  gehörig nach allen
       Seiten hin zu begründen. Dies ist auch keineswegs unsere Absicht.
       Wir können  und wollen  nichts, als über einige Punkte Aufklärung
       geben und diejenigen, denen die Sache noch fremd ist, zum Studium
       derselben veranlassen.  Und soviel  wenigstens hoffen  wir, Ihnen
       heute abend klargemacht zu haben, daß der Kommunismus weder der
       
       #547# Zwei Reden in Elberfeld - I
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       menschlichen Natur, dem Verstand und dem Herzen widerstrebt, noch
       daß er eine Theorie ist, die, ohne irgend Rücksicht auf die Wirk-
       lichkeit zu nehmen, bloß in der Phantasie ihre Wurzel hat.
       Man fragt, wie denn diese Theorie in die Wirklichkeit einzuführen
       sei, welche Maßregeln wir vorzuschlagen haben, um ihre Einführung
       vorzubereiten. Es  gibt verschiedene  Wege zu  diesem Ziele;  die
       Engländer werden  wahrscheinlich damit beginnen, daß sie einzelne
       Kolonien errichten  und es jedem überlassen, ob er beitreten will
       oder nicht; die Franzosen dagegen werden wohl den Kommunismus auf
       nationalem Wege vorbereiten und durchführen. Wie die Deutschen es
       anfangen werden,  darüber läßt  sich bei der Neuheit der sozialen
       Bewegung in  Deutschland wenig  sagen. Einstweilen will ich unter
       den vielen  möglichen Wegen  der Vorbereitung  nur einen einzigen
       erwähnen, von  dem in  der letzten Zeit mehrfach die Rede gewesen
       ist -,  nämlich die Durchführung dreier Maßregeln, welche notwen-
       dig den praktischen Kommunismus zur Folge haben müssen.
       Die erste würde eine  a l l g e m e i n e  E r z i e h u n g  al-
       ler Kinder ohne Ausnahme auf Staatskosten sein -, eine Erziehung,
       welche für  alle gleich ist und bis zu dem Zeitpunkte fortdauert,
       in dem das Individuum  fähig ist,  als selbständiges Mitglied der
       Gesellschaft aufzutreten.  Diese Maßregel  würde nur  ein Akt der
       Gerechtigkeit gegen  unsere mittellosen Mitbrüder sein, da offen-
       bar jeder  Mensch ein  Anrecht auf  die vollständige Entwickelung
       seiner Fähigkeiten  besitzt, und die Gesellschaft sich doppelt an
       den einzelnen vergeht, wenn sie die Unwissenheit zu einer notwen-
       digen Folge  der Armut  macht. Daß  die Gesellschaft mehr Vorteil
       von gebildeten  als von unwissenden, rohen Mitgliedern hat, liegt
       auf der  Hand, und  wenn ein gebildetes Proletariat, wie das wohl
       zu erwarten  steht, nicht gesonnen sein würde, in der unterdrück-
       ten Stellung  zu bleiben,  in der unser heutiges Proletariat sich
       befindet, so  ist doch  ebenfalls nur  von einer   g e b i l d e-
       t e n   Arbeitsklasse die  Ruhe  und  Besonnenheit  zu  erwarten,
       welche zu einer friedlichen Umbildung der Gesellschaft nötig ist.
       Daß das   u n g e b i l d e t e  Proletariat aber ebenfalls keine
       Lust hat,  in seiner  Lage  zu  bleiben,  das  beweisen  uns  die
       schlesischen und  böhmischen Unruhen  [76] auch für Deutschland -
       von anderen Völkern gar nicht zu sprechen.
       Die zweite Maßregel wäre eine totale  R e o r g a n i s a t i o n
       d e s  A r m e n w e s e n s,  derart, daß die sämtlichen brotlo-
       sen Bürger  m Kolonien  untergebracht würden,  in welchen sie mit
       Agrikultur- und  Industriearbeit beschäftigt  und ihre Arbeit zum
       Nutzen der  ganzen Kolonie  organisiert würde.  Bis jetzt hat man
       die Kapitalien  der Armenverwaltung auf Zinsen ausgeliehen und so
       den Reichen neue Mittel gegeben, die Besitzlosen auszubeuten. Man
       lasse endlich einmal
       
       #548# Friedrich Engels
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       diese Kapitalien wirklich zum Nutzen der Armen arbeiten, man ver-
       wende den  ganzen Ertrag  dieser Kapitalien, nicht bloß ihre drei
       Prozent Zinsen,  für die Armen, man gebe ein großartiges Beispiel
       der Assoziation von Kapital und Arbeit! Auf diese Weise würde die
       Arbeitskraft aller  Brotlosen zum Nutzen der Gesellschaft verwen-
       det, sie  selbst aus demoralisierten, gedrückten Paupers in sitt-
       liche, unabhängige,  tätige Menschen  verwandelt und in eine Lage
       versetzt, die  sehr bald den vereinzelten Arbeitern beneidenswert
       erscheinen und die durchgreifende Reorganisation der Gesellschaft
       vorbereiten würde.
       Zu diesen  beiden Maßregeln gehört Geld. Um dies aufzubringen und
       um zugleich die sämtlichen bisherigen, ungerecht verteilten Steu-
       ern zu ersetzen, wird in dem vorliegenden Reformplane eine allge-
       meine, progressive Kapitalsteuer vorgeschlagen, deren Prozentsatz
       mit der Größe des Kapitals steigt. Auf diese Weise würde die Last
       der öffentlichen Verwaltung von einem jeden nach seiner Fähigkeit
       getragen werden  und nicht  mehr, wie  bisher in  allen  Ländern,
       hauptsächlich auf  die Schultern  derer fallen,  die am wenigsten
       imstande sind, sie zu erschwingen. Ist doch im Grunde das Prinzip
       der Besteuerung  ein  rein  kommunistisches,  da  das  Recht  der
       Steuererhebung in  allen Ländern  aus dem sogenannten Nationalei-
       gentum abgeleitet wird. Denn entweder ist das Privateigentum hei-
       lig, so  gibt es  kein Nationaleigentum,  und der Staat hat nicht
       das Recht,  Steuern zu  erheben; oder  der Staat  hat dies Recht,
       dann ist  das Privateigentum  nicht heilig, dann steht das Natio-
       naleigentum über dem Privateigentume, und der Staat ist der wahre
       Eigentümer. Dies letztere Prinzip ist das allgemein anerkannte -,
       nun gut,  m[eine] H[erren],  wir verlangen vorderhand ja nur, daß
       einmal Ernst mit diesem Prinzip gemacht werde, daß der Staat sich
       zum allgemeinen  Eigentümer erkläre und als solcher das öffentli-
       che Eigentum  zum öffentlichen  Besten verwalte  - und daß er als
       ersten Schritt  hierzu einen  Modus der Besteuerung einführe, der
       sich nur  nach der  Fähigkeit eines  jeden zur  Steuerzahlung und
       nach dem wirklichen öffentlichen Besten richte.
       Sie sehen  also, m[eine]  H[erren], daß es nicht darauf abgesehen
       ist, die  Gütergemeinschaft über  Nacht und  wider den Willen der
       Nation einzuführen,  sondern daß  es sich  vor allem  nur um  die
       Feststellung des   Z w e c k e s   und  der   M i t t e l   u n d
       W e g e   handelt, wie wir diesem Ziele entgegengehen können. Daß
       aber das  kommunistische Prinzip das der Zukunft sein wird, dafür
       spricht der Entwickelungsgang aller zivilisierten Nationen, dafür
       spricht die  rasch fortschreitende Auflösung aller bisherigen so-
       zialen Institutionen,  dafür spricht die gesunde menschliche Ver-
       nunft und vor allem das menschliche Herz.
       
       #549# Zwei Reden in Elberfeld - II
       -----
       
       [II]
       
       Meine Herren!
       Bei unserer letzten Zusammenkunft ist mir vorgeworfen worden, daß
       ich meine  Beispiele und Belege fast nur aus fremden Ländern, na-
       mentlich aus  England, genommen  habe. Man hat gesagt, Frankreich
       und England gehe uns nichts an, wir lebten in Deutschland, und es
       sei unsere Sache, die Notwendigkeit und Vortrefflichkeit des Kom-
       munismus für Deutschland zu beweisen. Man hat zugleich uns vorge-
       worfen, die  historische Notwendigkeit  des Kommunismus überhaupt
       keineswegs genügend  dargetan zu haben. Dies ist ganz richtig und
       war auch  nicht anders  möglich. Eine  historische  Notwendigkeit
       läßt sich  nicht in  so kurzer  Zeit beweisen  wie die  Kongruenz
       zweier Dreiecke,  sie kann  nur durch  Studium und  Eingehen  auf
       weitläufige Voraussetzungen bewiesen werden. Ich will indes heute
       das meinige  tun, um  diese beiden  Vorwürfe zu  beseitigen,  ich
       werde zu beweisen suchen, daß der Kommunismus für  D e u t s c h-
       l a n d   - wenn  keine historische,  doch eine    ö k o n o m i-
       s c h e  N o t w e n d i g k e i t  ist.
       Betrachten wir zuerst die gegenwärtige soziale Lage Deutschlands.
       Daß viel  Armut unter  uns existiert,  ist bekannt. Schlesien und
       Böhmen haben  selbst gesprochen. Von der Armut der Mosel- und Ei-
       felgegenden [141]  wußte die  "Rheinische Zeitung" viel zu erzäh-
       len. Im  Erzgebirge herrscht seit undenklicher Zeit fortwährendes
       großes Elend.  Nicht besser sieht es in der Senne und den westfä-
       lischen Leinendistfikten aus. Von allen Gegenden Deutschlands her
       wird geklagt,  und es  ist auch  nicht anders  zu erwarten. Unser
       Proletariat ist  zahlreich und muß es sein, wie wir bei der ober-
       flächlichsten Betrachtung  unserer sozialen Lage einsehen müssen.
       Daß in  den   I n d u s t r i e b e z i r k e n   ein zahlreiches
       Proletariat sein muß, liegt in der Natur der Sache. Die Industrie
       kann nicht  ohne eine  große Anzahl von Arbeitern existieren, die
       ihr gänzlich zu Gebote stehen, nur für sie arbeiten und auf jeden
       anderen Erwerb  verzichten, die  industrielle Beschäftigung macht
       bei dem  Bestehen der Konkurrenz jede andere Beschäftigung unmög-
       lich. Daher  finden wir in allen Industriedistrikten ein Proleta-
       riat, das  zu zahlreich,  zu augenscheinlich  ist, als daß es ge-
       leugnet werden  könnte. -  In den  A c k e r b a u d i s t r i k-
       t e n   dagegen soll  kein Proletariat existieren, wie von vielen
       Seiten her  behauptet wird.  Aber wie  ist dies  möglich? In  den
       Gegenden, wo  großer Grundbesitz  vorherrscht,  ist  ein  solches
       Proletariat notwendig,  die großen Wirtschaften haben Knechte und
       Mägde nötig,  können nicht  ohne Proletarier  existieren. In  den
       Gegenden, wo  der Grundbesitz  parzelliert  ist,  läßt  sich  das
       Aufkommen einer besitzlosen
       
       #550# Friedrich Engels
       -----
       Klasse ebenfalls  nicht vermeiden; man teilt die Güter bis zu ei-
       nem gewissen Grade, und dann hört das Teilen auf; und da dann nur
       einer aus  der Familie das Gut übernehmen kann, so müssen die an-
       deren wohl  Proletarier, besitzlose  Arbeiter werden.  Dabei geht
       das Teilen  denn gewöhnlich  solange voran,  bis das Gut zu klein
       ist, um  eine Familie ernähren zu können, und es bildet sich eine
       Klasse von  Leuten, die  wie die  kleine Mittelklasse der Städte,
       einen Übergang  aus der besitzenden in die besitzlose Klasse bil-
       det, durch  ihren Besitz von anderer Beschäftigung zurückgehalten
       und doch  nicht befähigt ist, von ihm zu leben. Auch unter dieser
       Klasse herrscht großes Elend.
       Daß dieses  Proletariat an  Zahl stets  zunehmen muß, dafür bürgt
       uns die zunehmende Verarmung der Mittelklassen, von der ich heute
       vor acht  Tagen ausführlich sprach, und die Tendenz des Kapitals,
       sich in  wenigen Händen  zu konzentrieren. Ich brauche heute wohl
       auf diese  Punkte nicht zurückzukommen und bemerke nur, daß diese
       Ursachen, welche das Proletariat fortwährend erzeugen und vermeh-
       ren, dieselben bleiben und dieselben Folgen haben werden, solange
       die Konkurrenz besteht. Unter allen Umständen muß das Proletariat
       nicht nur  fortexistieren, sondern  auch sich fortwährend ausdeh-
       nen, eine  immer drohendere Macht in unserer Gesellschaft werden,
       solange wir fortfahren, jeder auf seine eigne Faust und im Gegen-
       satz zu  allen anderen  zu produzieren. Das Proletariat wird aber
       einmal eine  Stufe der  Macht und  Einsicht erreichen, bei der es
       sich den  Druck des ganzen sozialen Gebäudes, das fortwährend auf
       seinen Schultern  ruht, nicht  mehr wird  gefallen lassen,  wo es
       eine gleichmäßigere  Verteilung der  sozialen Lasten  und  Rechte
       verlangen wird;  und dann  wird - wenn sich die menschliche Natur
       bis dahin nicht ändert - eine soziale Revolution nicht zu vermei-
       den sein.
       Dies ist  eine Frage,  auf die unsere Ökonomen bis jetzt noch gar
       nicht eingegangen sind. Sie kümmern sich nicht um die Verteilung,
       sondern bloß  um die  Erzeugung des Nationalreichtums. Wir wollen
       indes für  einen Augenblick davon abstrahieren, daß, wie eben be-
       wiesen, eine  soziale Revolution  überhaupt schon  die Folge  der
       Konkurrenz ist;  wir wollen  einmal die  einzelnen Formen,  unter
       denen die  Konkurrenz auftritt,  die  verschiedenen  ökonomischen
       Möglichkeiten für Deutschland betrachten und sehen, was die Folge
       einer jeden sein muß.
       Deutschland -,  oder genauer zu sprechen, der deutsche Zollverein
       [142], hat  für den  Augenblick einen Juste-milieu-Zolltarif. Un-
       sere Zölle  sind zu  wirklichen Schutzzöllen zu niedrig, zur Han-
       delsfreiheit zu  hoch. So sind drei Dinge möglich: Entweder gehen
       wir zur vollständigen Handelsfreiheit über,
       
       #551# Zwei Reden in Elberfeld - II
       -----
       oder wir schützen unsere Industrie durch hinreichende Zölle, oder
       wir bleiben  bei dem  jetzigen System.  Sehen wir  die  einzelnen
       Fälle an.
       Wenn wir die  H a n d e l s f r e i h e i t  proklamieren und un-
       sere Zölle  auf heben,  so ist  unsere gesamte Industrie mit Aus-
       nahme weniger  Zweige ruiniert. Von Baumwollspinnerei, von mecha-
       nischer Weberei, von den meisten Zweigen der Baumwollen- und Wol-
       lenindustrie, von  bedeutenden Branchen  der Seidenindustrie, von
       beinahe der  ganzen  Eisengewinnung  und  Eisenverarbeitung  kann
       d a n n  keine Rede mehr sein. Die in allen diesen Zweigen plötz-
       lich brotlos gewordenen Arbeiter würden in Masse auf den Ackerbau
       und die  Trümmer der  Industrie geworfen  werden, der Pauperismus
       würde überall  aus dem  Boden wachsen, die Zentralisation des Be-
       sitzes in  den Händen  weniger würde durch eine solche Krisis be-
       schleunigt werden,  und nach den Vorgängen in Schlesien zu urtei-
       len, wäre  die Folge dieser Krisis notwendig eine soziale Revolu-
       tion.
       Oder wir verschaffen uns  S c h u t z z ö l l e.  Diese sind neu-
       erdings die  Schoßkinder unserer  meisten Industriellen  geworden
       und verdienen daher nähere Betrachtung. Herr List hat die Wünsche
       unserer Kapitalisten  in ein System gebracht [143], und an dieses
       von ihnen ziemlich allgemein als Credo anerkannte System will ich
       mich halten.  Herr List  schlägt allmählich steigende Schutzzölle
       vor, die  endlich hoch genug werden sollen, daß sie den Fabrikan-
       ten den inländischen Markt sichern; dann sollen sie eine Zeitlang
       auf dieser  Höhe bleiben  und dann  allmählich wieder  erniedrigt
       werden, so daß endlich, nach einer Reihe von Jahren, aller Schutz
       aufhört. Nehmen  wir einmal an, dieser Plan werde ausgeführt, die
       steigenden Schutzzölle  seien dekretiert. Die Industrie wird sich
       heben, das  noch müßige Kapital wird sich auf industrielle Unter-
       nehmungen werfen,  die Nachfrage  nach Arbeitern  und mit ihr der
       Lohn wird  steigen, die Armenhäuser leeren sich, es tritt ein al-
       lem Anscheine  nach höchst blühender Zustand ein. Dies dauert so-
       lange, bis  unsre Industrie  ausgedehnt genug  ist, um den heimi-
       schen Markt  zu versorgen.  Weiter kann sie sich nicht ausdehnen,
       denn da sie den  h e i m i s c h e n  Markt ohne Schutz nicht be-
       haupten kann, so wird sie noch viel weniger auf neutralen Märkten
       gegen die  auswärtige Konkurrenz  etwas ausrichten.  Jetzt, meint
       Herr List,  würde indes die inländische Industrie schon stark ge-
       nug sein,  um weniger  Schutz zu  bedürfen, und  die Herabsetzung
       könne anfangen. Geben wir dies für einen Augenblick zu. Die Zölle
       werden erniedrigt.  Wenn nicht bei der ersten, so tritt doch ganz
       gewiß bei  der zweiten  oder dritten Zollherabsetzung eine solche
       Verringerung des Schutzes ein, daß die auswärtige - sagen wir ge-
       radezu die  englische Industrie auf dem deutschen Markte mit uns-
       rer eignen konkurrieren kann. Herr List wünscht dies selbst.
       
       #552# Friedrich Engels
       -----
       Was werden aber die Folgen davon sein? Die deutsche Industrie hat
       von diesem Augenblicke an alle Schwankungen, alle Krisen der eng-
       lischen mit auszuhalten. Sobald die überseeischen Märkte mit eng-
       lischen Waren  überfüllt sind,  werden die  Engländer, gerade wie
       sie es  jetzt tun, und wie Herr List es mit vieler Rührung schil-
       dert, ihre  sämtlichen Vorräte auf den deutschen Markt, den näch-
       sten zugänglichen,  werfen und  so den Zollverein wieder zu ihrem
       "Trödelmagazin" machen.  Dann wird  die englische  Industrie sich
       bald wieder erheben, weil sie die ganze Welt zum Markte hat, weil
       die ganze  Welt ihrer  nicht entbehren kann, während die deutsche
       nicht einmal  für ihren  eignen Markt  unentbehrlich ist, während
       sie in  ihrem eignen  Hause die Konkurrenz der Engländer fürchten
       muß und  an dem  Überfluß der  während der Krisis ihren Abnehmern
       zugeworfenen englischen  Waren laboriert.  Dann wird  unsre Indu-
       strie alle  schlechten Perioden  der englischen bis auf die Hefen
       zu kosten  haben, während sie an den Glanzperioden dieser letzte-
       ren nur  bescheidenen Anteil  nehmen kann - kurz, dann werden wir
       gerade so weit sein, wie wir jetzt sind. Und damit wir gleich das
       Endresultat bekommen,  dann wird  derselbe gedrückte Zustand ein-
       treten, in  welchem jetzt  die halbgeschützten Zweige sich befin-
       den, dann  wird ein  Etablissement nach dem ändern eingehen, ohne
       daß neue  entstehen, dann  werden unsre  Maschinen veralten, ohne
       daß wir  imstande sein werden, sie durch neue, verbesserte zu er-
       setzen, dann  wird der  Stillstand in einen Rückschritt sich ver-
       wandeln und nach Herrn Lists eigner Behauptung ein Industriezweig
       nach dem  ändern verkommen  und endlich  ganz eingehen. Dann aber
       haben wir  ein zahlreiches  Proletariat, das  durch die Industrie
       geschaffen wurde  und nun  keine Lebensmittel,  keine Arbeit hat;
       und dann,  m[eine] H[erren], wird dies Proletariat mit der Forde-
       rung an  die besitzende Klasse treten, beschäftigt und ernährt zu
       werden.
       Das wird der Fall sein, wenn die Schutzzölle herabgesetzt werden.
       Nehmen wir  nun an,  sie würden  nicht herabgesetzt,  sie blieben
       stehen, und  man wollte abwarten, daß die Konkurrenz der inländi-
       schen Fabrikanten  unter sich  sie illusorisch mache, um sie dann
       herabzusetzen. Die  Folge hiervon wird sein, daß die deutsche In-
       dustrie, sobald  sie imstande ist, den heimischen Markt vollstän-
       dig zu  versorgen, stillsteht. Neue Etablissements sind nicht nö-
       tig, da  die bestehenden  für den  Markt ausreichen  und an  neue
       Märkte, wie  schon oben  gesagt, nicht zu denken ist, solange man
       überhaupt des Schutzes bedarf. Aber eine Industrie, deren  A u s-
       d e h n u n g   nicht fortschreitet, kann sich auch nicht  v e r-
       v o l l k o m m n e n.   Wie nach  außen,  wird  sie  nach  innen
       stationär. Die  Verbesserung der  Maschinerie existiert  für  sie
       nicht. Die alten Maschinen kann man doch nicht wegwerfen, und für
       die neuen finden sich keine
       
       #553# Zwei Reden in Elberfeld - II
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       neuen Etablissements,  in denen sie Anwendung finden könnten. An-
       dre Nationen schreiten indes voran, und der Stillstand unsrer In-
       dustrie wird  wieder ein  Rückschritt. Bald  werden die Engländer
       durch ihren  Fortschritt befähigt  sein, so wohlfeil zu produzie-
       ren, daß  sie mit  unsrer zurückgebliebenen  Industrie  t r o t z
       des Schutzzolls auf unsrem eignen Markte konkurrieren können, und
       da im  Kampf der Konkurrenz, wie in jedem ändern Kampf, der Stär-
       kere siegt,  so ist  unsre endliche  Niederlage gewiß. Dann tritt
       derselbe Fall  ein, von  dem ich  eben sprach:  das künstlich er-
       zeugte Proletariat  wird von den Besitzenden etwas verlangen, was
       sie, solange  sie exklusiv  Besitzende bleiben wollen, nicht lei-
       sten können, und die soziale Revolution tritt ein.
       Jetzt ist noch ein Fall möglich, nämlich der sehr unwahrscheinli-
       che, daß  es uns  Deutschen durch die Schutzzölle gelingen werde,
       unsre Industrie  dahin zu  bringen, daß sie ohne Schutz gegen die
       Engländer konkurrieren  könne. Nehmen  wir an, dies sei der Fall;
       was wird  die Folge  davon sein? Sobald wir anfangen, den Englän-
       dern auf  auswärtigen, neutralen Märkten Konkurrenz zu machen, so
       wird sich  ein Kampf  auf Tod  und Leben  zwischen unsrer und der
       englischen Industrie  erheben. Die  Engländer  werden  alle  ihre
       Kräfte aufbieten,  um uns  aus den  bisher von  ihnen  versorgten
       Märkten entfernt zu halten, sie müssen es, weil sie hier an ihrer
       Lebensquelle, an dem gefährlichsten Punkt angegriffen werden. Und
       mit all den Mitteln, die ihnen zu Gebote stehen, mit all den Vor-
       teilen einer  hundertjährigen Industrie,  wird es ihnen gelingen,
       uns zu  schlagen. Sie  werden unsre  Industrie auf  unsren eignen
       Markt beschränkt  halten und  sie dadurch  stationär machen - und
       dann tritt  derselbe Fall  ein, der  eben entwickelt  wurde,  wir
       bleiben stehen, die Engländer schreiten vorwärts, und unsre Indu-
       strie ist  bei ihrem  unvermeidlichen Verfall nicht imstande, das
       durch sie  künstlich erzeugte  Proletariat zu ernähren -, die so-
       ziale Revolution tritt ein.
       Gesetzt aber,  wir besiegten  die Engländer  auch  auf  neutralen
       Märkten, wir  rissen einen  ihrer Abzugskanäle nach dem ändern an
       uns -,  was hätten  wir in diesem so gut wie unmöglichen Fall ge-
       wonnen? Im  glücklichsten Fall  würden wir  dann die industrielle
       Karriere, die England uns vorgemacht hat, noch einmal durchmachen
       und über  kurz oder  lang da  ankommen - wo England jetzt steht -
       nämlich am Vorabende einer sozialen Revolution. Aller Wahrschein-
       lichkeit nach  würde es  aber solange gar nicht dauern. Durch die
       fortwährenden Siege  der deutschen  Industrie würde die englische
       notwendig ruiniert  und die  ohnehin den Engländern bevorstehende
       massenhafte Erhebung des Proletariats gegen die besitzenden Klas-
       sen nur beschleunigt. Die schnell eintretende Brotlosigkeit würde
       die englischen Arbeiter zur Revolution treiben, und wie die Dinge
       jetzt stehen, würde eine solche soziale
       
       #554# Friedrich Engels
       -----
       Revolution auf  die Länder  des Kontinents, namentlich Frankreich
       und Deutschland,  eine ungeheure  Rückwirkung ausüben,  die um so
       stärker werden  müßte, je  mehr durch  die forcierte Industrie in
       Deutschland ein künstliches Proletariat erzeugt worden wäre. Eine
       solche Umwälzung  würde sogleich europäisch werden und die Träume
       unsrer Fabrikanten  von einem  industriellen Monopol Deutschlands
       sehr unsanft  stören. Daß  aber eine  englische und eine deutsche
       Industrie friedlich  nebeneinander bestehen  könnten,  das  macht
       schon die Konkurrenz unmöglich. Eine jede Industrie muß, ich wie-
       derhole es,  fortschreiten, um nicht zurückzubleiben und unterzu-
       gehen, sie  muß sich  ausdehnen, neue Märkte erobern, fortwährend
       durch neue  Etablissements vergrößert werden, um fortschreiten zu
       können. Da  aber, seitdem  China offen  steht [144],  keine neuen
       Märkte mehr  erobert werden,  sondern nur  die bestehenden besser
       ausgebeutet werden  können, da  also die Ausdehnung der Industrie
       in Zukunft langsamer gehen wird als bisher, so kann England jetzt
       noch viel  weniger einen Konkurrenten dulden, als dies bisher der
       Fall war. Es muß, um seine Industrie vor dem Untergange zu schüt-
       zen, die  Industrie aller  ändern Länder darniederhalten; die Be-
       hauptung des  industriellen Monopols  ist für  England nicht mehr
       eine bloße  Frage des  größeren oder  geringeren Gewinns, sie ist
       eine   L e b e n s f r a g e   geworden. Der Kampf der Konkurrenz
       zwischen Nationen ist ohnehin schon viel heftiger, viel entschei-
       dender als  der zwischen Individuen, weil es ein konzentrierterer
       Kampf, ein  Kampf von  Massen ist,  den nur der entschiedene Sieg
       des einen  und die entschiedene Niederlage des ändern Teils endi-
       gen kann. Und darum würde auch ein solcher Kampf zwischen uns und
       den Engländern, mag sein Resultat
       sein, wie es will, weder für unsre, noch für die englischen Indu-
       striellen von  Vorteil sein,  sondern nur,  wie ich  eben entwic-
       kelte, eine soziale Revolution nach sich ziehen.
       Wir haben  demnach gesehen,  m[eine]  H[erren],  was  Deutschland
       sowohl von  der Handelsfreiheit wie von dem Schutzsystem in allen
       möglichen Fällen zu erwarten hat. Wir hätten nur noch eine ökono-
       mische Möglichkeit  vor uns,  nämlich den  Fall, daß  wir bei den
       jetzt bestehenden  Juste-milieu-Zöllen blieben.  Wir  haben  aber
       schon oben  gesehen, was die Folgen davon sein würden. Unsere In-
       dustrie müßte, ein Zweig nach dem andern, zugrunde gehen, die In-
       dustriearbeiter würden brotlos werden, und wenn die Brotlosigkeit
       bis auf  einen gewissen  Grad gediehen, in einer Revolution gegen
       die besitzenden Klassen losbrechen.
       Sie sehen  also, m[eine]  H[erren], auch  im einzelnen das bestä-
       tigt, was  ich im Anfange allgemein, von der Konkurrenz überhaupt
       ausgehend, entwickelte  -, nämlich,  daß die unvermeidliche Folge
       unserer bestehenden
       
       #555# Zwei Reden in Elberfeld - II
       -----
       sozialen Verhältnisse unter allen Bedingungen und in allen Fällen
       eine   s o z i a l e  R e v o l u t i o n  sein wird. Mit dersel-
       ben Sicherheit,  mit der  wir aus gegebenen mathematischen Grund-
       sätzen einen  neuen Satz entwickeln können, mit derselben Sicher-
       heit können  wir aus  den bestehenden  ökonomischen Verhältnissen
       und den  Prinzipien der  Nationalökonomie auf  eine bevorstehende
       soziale Revolution schließen. Sehen wir uns indes diese Umwälzung
       einmal etwas näher an; in welcher Gestalt wird sie auftreten, was
       werden ihre  Resultate sein, worin wird sie sich von den bisheri-
       gen gewaltsamen  Umwälzungen unterscheiden?  Eine soziale Revolu-
       tion, m[eine] H[erren], ist ganz etwas anderes als die bisherigen
       politischen Revolutionen;  sie geht  nicht, wie  diese, gegen das
       Eigentum des  Monopols, sondern  gegen das Monopol des Eigentums;
       eine  soziale  Revolution,  m[eine]  H[erren],  das  ist    d e r
       o f f e n e   K r i e g   d e r   A r m e n    g e g e n    d i e
       R e i c h e n.   Und solch ein Kampf, in dem alle die Triebfedern
       und Ursachen  unverhohlen und  offen zu ihrer Wirkung kommen, die
       in den  bisherigen historischen  Konflikten dunkel  und versteckt
       zum Grunde  lagen, solch  ein Kampf droht allerdings heftiger und
       blutiger werden  zu wollen als alle seine Vorgänger. Das Resultat
       dieses Kampfes kann ein zweifaches sein. Entweder greift die sich
       empörende Partei  nur die  Erscheinung, nicht  das Wesen, nur die
       Form, nicht  die Sache  selbst an,  oder sie  geht auf  die Sache
       selbst ein  und faßt das Übel bei der Wurzel selbst an. Im ersten
       Falle wird  man das Privateigentum bestehen lassen und nur anders
       verteilen, so  daß die Ursachen bestehen bleiben, welche den jet-
       zigen Zustand  herbeigeführt haben und über kurz oder lang wieder
       einen ähnlichen  Zustand und  eine neue  Revolution  herbeiführen
       müssen. Aber,  m[eine] H[erren],  ist dies möglich? Wo finden wir
       eine Revolution, die das nicht wirklich durchgesetzt hätte, wovon
       sie ausging?  Die englische Revolution setzte sowohl die religiö-
       sen wie  die politischen  Grundsätze durch,  deren Bekämpfung von
       seilen Karls  I. sie hervorrief; die französische Bourgeoisie hat
       in ihrem  Kampfe mit  dem Adel und der alten Monarchie alles ero-
       bert, was  sie wünschte,  alle die Mißbräuche abgestellt, die sie
       zum Aufstande trieben. Und der Aufstand der Armen sollte eher ru-
       hen, bis er die Armut und ihre Ursachen abgeschafft hätte? Es ist
       nicht möglich, m[eine] H[erren], es würde gegen alle geschichtli-
       che Erfahrung  streiten, so  etwas anzunehmen. Auch der Bildungs-
       stand der  Arbeiter, besonders in England und Frankreich, erlaubt
       uns nicht,  dies für möglich zu halten. Es bleibt also nichts üb-
       rig als  die andere  Alternative, nämlich, daß die zukünftige so-
       ziale Revolution auch auf die wirklichen Ursachen der Not und Ar-
       mut, der  Unwissenheit und des Verbrechens eingehen, daß sie also
       eine wirkliche  soziale Reform  durchsetzen werde.  Und dies kann
       nur durch die . Proklamation des kommunistischen Prinzips gesche-
       hen. Betrachten Sie nur,
       
       #556# Friedrich Engels
       -----
       m[eine] H[erren],  die Gedanken,  welche den Arbeiter in den Län-
       dern,  wo   auch  der  Arbeiter  denkt,  bewegen;  sehen  Sie  in
       Frankreich die  verschiedenen Fraktionen der Arbeiterbewegung, ob
       sie nicht   a l l e   kommunistisch  sind; gehen Sie nach England
       und hören  Sie, was für Vorschläge den Arbeitern zur Verbesserung
       ihrer Lage  gemacht werden - ob sie nicht  a l l e  auf dem Prin-
       zip des  gemeinschaftlichen Eigentums  beruhen; studieren Sie die
       verschiedenen Systeme  der sozialen  Reform, wie  viele von ihnen
       Sie finden werden, die nicht kommunistisch sind? Von allen Syste-
       men, die  heutzutage noch  von Bedeutung  sind, ist  das  einzige
       nicht kommunistische  das von  Fourier, der  seine Aufmerksamkeit
       mehr auf  die soziale Organisation der menschlichen Tätigkeit als
       auf die  Verteilung ihrer Erzeugnisse richtete. Alle diese Tatsa-
       chen rechtfertigen  den Schluß, daß eine zukünftige soziale Revo-
       lution mit  der Durchführung des kommunistischen Prinzips endigen
       werde, und lassen kaum eine andere Möglichkeit zu.
       Sind diese Folgerungen richtig, m[eine] H[erren], ist die soziale
       Revolution und der praktische Kommunismus das notwendige Resultat
       unserer bestehenden  Verhältnisse -,  so werden wir uns vor allen
       Dingen mit den Maßregeln zu beschäftigen haben, wodurch wir einer
       gewaltsamen und  blutigen Umwälzung der sozialen Zustände vorbeu-
       gen können. Und da gibt es nur ein Mittel, nämlich die friedliche
       Einführung oder  wenigstens Vorbereitung  des Kommunismus. Wollen
       wir also  nicht die  b l u t i g e  Lösung des sozialen Problems,
       wollen wir  nicht den  täglich größer  werdenden Widerspruch zwi-
       schen der Bildung und der Lebenslage unserer Proletarier sich bis
       zu der  Spitze steigern lassen, wo nach allen unseren Erfahrungen
       über die  menschliche Natur  die brutale Gewalt, die Verzweiflung
       und  Rachgier   diesen  Widerspruch  lösen  wird,  dann,  m[eine]
       H[erren], müssen  wir uns ernstlich und unbefangen mit der sozia-
       len Frage  beschäftigen; dann  müssen wir  es uns  angelegen sein
       lassen, das  unsrige zur  Vermenschlichung der  Lage der modernen
       Heloten beizutragen.  Und wenn  vielleicht manchem  von Ihnen  es
       scheinen möchte,  als ob  die Hebung  der bis  jetzt erniedrigten
       Klassen nicht  ohne eine  Erniedrigung seiner  eigenen Lebenslage
       geschehen könnte, so ist doch zu bedenken, daß es sich darum han-
       delt, eine  solche Lebenslage  für   a l l e  M e n s c h e n  zu
       schaffen, daß  ein jeder seine menschliche Natur frei entwickeln,
       mit seinen Nächsten in einem menschlichen Verhältnisse leben kann
       und vor keinen gewaltsamen Erschütterungen seiner Lebenslage sich
       zu fürchten  braucht; so ist zu bedenken, daß dasjenige, was ein-
       zelne aufopfern sollen, nicht ihr wahrhaft menschlicher Lebensge-
       nuß, sondern  nur der  durch unsere  schlechten Zustände erzeugte
       Schein des  Lebensgenusses ist,  etwas, was  wider die eigne Ver-
       nunft und  das eigne  Herz derer  geht,  die  sich  jetzt  dieser
       scheinbaren
       
       #557# Zwei Reden in Elberfeld - II
       -----
       Vorzüge erfreuen. Das wahrhaft menschliche Leben mit allen seinen
       Bedingungen und  Bedürfnissen wollen  wir so wenig zerstören, daß
       wir es  im Gegenteil  erst recht  herzustellen wünschen. Und wenn
       Sie, auch  abgesehen davon, nur einmal recht bedenken wollen, auf
       was unser  jetziger Zustand in seinen Folgen hinauslaufen muß, in
       welches Labyrinth  von Widersprüchen und Unordnungen er uns führt
       -, dann, m[eine] H[erren], werden Sie es gewiß der Mühe wert fin-
       den, die  soziale Frage ernsthaft und gründlich zu studieren. Und
       wenn ich  Sie dazu veranlassen kann, so ist der Zweck meines Ver-
       trags vollständig erreicht.
       
       Vorgetragen in Elberfeld
       am 8. und 15. Februar 1845.
       "'Rheinische Jahrbücher
       zur gesellschaftlichen Reform", 1845.
       Erster Band, S. 45-62 und 71-81.

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