Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846
zurück
#536#
-----
[Friedrich Engels]
[Zwei Reden in Elberfeld [139]]
[I]
Meine Herren!
Wir leben, wie Sie eben gehört haben und wie ich es ohnehin als
allgemein bekannt voraussetzen darf, in einer Welt der freien
Konkurrenz. Sehen wir uns denn diese freie Konkurrenz und die von
ihr erzeugte Weltordnung etwas näher an. In unserer heutigen Ge-
sellschaft arbeitet jeder auf seine eigne Hand, jeder sucht sich
für seinen Kopf zu bereichern und kümmert sich nicht im gering-
sten um das, was die ändern tun; von einer vernünftigen Organisa-
tion, von einer Verteilung der Arbeiten ist keine Rede, sondern
im Gegenteil, jeder sucht dem ändern den Rang abzulaufen, sucht
die günstige Gelegenheit für seinen Privatvorteil auszubeuten und
hat weder Zeit noch Lust, daran zu denken, daß sein eigenes In-
teresse im Grunde doch mit dem aller übrigen Menschen zusammen-
fällt. Der einzelne Kapitalist steht im Kampfe mit allen übrigen
Kapitalisten, der einzelne Arbeiter mit allen übrigen Arbeitern;
alle Kapitalisten kämpfen gegen alle Arbeiter, wie die Masse der
Arbeiter notwendig wieder gegen die Masse der Kapitalisten zu
kämpfen hat. In diesem Kriege Aller gegen Alle, in dieser allge-
meinen Unordnung und gegenseitigen Ausbeutung besteht das Wesen
der heutigen bürgerlichen Gesellschaft. Eine solche ungeregelte
Wirtschaft, m[eine] H[erren], muß aber notwendig auf die Dauer
für die Gesellschaft die unheilvollsten Resultate erzielen; die
ihr zum Grunde liegende Unordnung, die Vernachlässigung des
wahren, allgemeinen Wohls muß über kurz oder lang in einer
eklatanten Weise zutage kommen. Der Ruin der kleinen
Mittelklasse, des Standes, der die Hauptgrundlage der Staaten des
vorigen Jahrhunderts bildete, ist die erste Folge dieses Kampfes.
Wir sehen es ja täglich, wie diese Klasse der Gesellschaft durch
die Macht des Kapitals erdrückt wird, wie z. B. die einzelnen
Schneidermeister durch die Läden fertiger Kleider, die
Möbelschreiner durch die Möbelmagazine ihre besten Kunden
verlieren und aus kleinen Kapitalisten, aus Mitgliedern der
b e s i t z e n d e n Klasse, in abhängige,
#537# Zwei Reden in Elberfeld - I
-----
für Rechnung anderer arbeitende Proletarier, in Mitglieder der
b e s i t z l o s e n Klasse verwandelt werden. Der Ruin der
Mittelklasse ist eine vielbeklagte Folge unserer vielgepriesenen
Gewerbefreiheit, er ist ein notwendiges Resultat der Vorteile,
die der große Kapitalist über seinen weniger besitzenden Konkur-
renten hat, er ist das energischste Lebenszeichen der Tendenz des
Kapitals, sich in wenig Händen zu konzentrieren. Diese Tendenz
des Kapitals ist ebenfalls von vielen Seiten anerkannt; es wird
allgemein darüber geklagt, daß sich der Besitz täglich mehr und
mehr in den Händen Weniger anhäufe, und dagegen die große Mehr-
zahl der Nation mehr und mehr verarme. So entsteht dann der
schroffe Gegensatz von wenigen Reichen auf der einen und vielen
Armen auf der anderen Seite; ein Gegensatz, der in England und
Frankreich bereits auf eine drohende Spitze gesteigert ist und
auch bei uns sich mit jedem Tage zu größerer Schärfe entwickelt.
Und solange die jetzige Basis der Gesellschaft beibehalten wird,
solange wird es unmöglich sein, diesem Fortschritt der Bereiche-
rung weniger Einzelnen und der Verarmung der großen Masse Einhalt
zu tun; der Gegensatz wird sich schärfer und schärfer ausbilden,
bis endlich die Not die Gesellschaft zu einer Reorganisation nach
vernünftigeren Prinzipien zwingt.
Das, m[eine] H[erren], sind aber noch lange nicht alle Folgen der
freien Konkurrenz. Da ein jeder auf seine eigne Hand produziert
und konsumiert, ohne sich um die Produktion und Konsumtion der
anderen viel zu kümmern, so muß notwendigerweise sehr bald ein
schreiendes Mißverhältnis zwischen der Produktion und der Konsum-
tion eintreten. Da die heutige Gesellschaft den Kaufleuten, Spe-
kulanten und Krämern die Verteilung der produzierten Güter anver-
traut, von denen jeder einzelne wieder nur seinen eigenen Vorteil
im Auge hat, so wird in der Austeilung - auch abgesehen von der
Unmöglichkeit für den Besitzlosen, sich den genügenden Anteil zu
verschaffen -, so wird in der Austeilung der Produkte dasselbe
Mißverhältnis eintreten. Wo hat der Fabrikant die Mittel, zu er-
fahren, wieviel von seinem Fabrikat auf diesem und jenem Markte
gebraucht, und wenn er dies erfahren könnte, wieviel dann von
seinen Konkurrenten nach jedem dieser Märkte geschickt wird? Wie
soll er, der in den meisten Fällen gar nicht einmal weiß, wohin
die Ware gehen wird, die er eben fabriziert -, wie soll er nun
gar wissen können, wieviel seine auswärtigen Konkurrenten nach
jedem der betreffenden Märkte liefern werden? Er weiß von dem al-
lem nichts, er fabriziert wie seine Konkurrenten ins Blaue hinein
und tröstet sich damit, daß die anderen dies eben auch tun müs-
sen. Er hat keine andere Richtschnur als den ewig schwankenden
Stand der Preise, der bei entfernten Märkten im Augenblicke, wo
er seine Ware absendet, schon ein ganz anderer ist als in dem Au-
genblicke, in
#538# Friedrich Engels
-----
dem der ihn darüber unterrichtende Brief geschrieben wurde, und
der im Augenblicke, wo die Ware ankommt, wieder anders ist als im
Augenblicke, wo sie abgesandt wurde. Bei einer solchen Regello-
sigkeit der Produktion ist es denn auch ganz natürlich, wenn je-
den Augenblick Stockungen des Verkehrs eintreten, die natürlich
um so bedeutender sein müssen, je fortgeschrittener die Industrie
und der Handel eines Landes ist. Das Land der ausgebildetsten In-
dustrie, England, bietet uns daher hier die schlagendsten Bei-
spiele. Durch die Ausbildung des Verkehrs, durch die vielen Spe-
kulanten und Kommissionäre, die sich hier zwischen den produzie-
renden Fabrikanten und die wirklichen Konsumenten eingedrängt ha-
ben, wird es dem englischen Fabrikanten noch viel schwieriger ge-
macht als dem deutschen, auch nur das geringste über das Verhält-
nis der Vorräte und der Produktion zur Konsumtion zu erfahren; er
hat dazu fast alle Märkte der Welt zu versorgen - er erfährt fast
in keinem einzigen Falle, wohin seine Ware geht, und so findet es
sich bei der ungeheuren Produktionskraft der englischen Industrie
sehr häufig, daß alle Märkte plötzlich überfüllt sind. Der Ver-
kehr stockt, die Fabriken arbeiten halbe Zeit oder gar nicht,
eine Reihe von Fallissementen tritt ein, die Vorräte müssen zu
Spottpreisen losgeschlagen werden, und ein großer Teil des Kapi-
tals, das mit Mühe gesammelt war, geht so durch eine solche Han-
delskrisis wieder verloren. Solcher Handelskrisen haben wir in
England seit dem Anfange dieses Jahrhunderts eine ganze Reihe und
in den letzten zwanzig Jahren alle fünf oder sechs Jahre eine ge-
habt [140]. Die letzten, die von 1837 und 1842, werden den mei-
sten von Ihnen, m[eine] H[erren], noch deutlich in der Erinnerung
sein. Und wenn unsere Industrie auch so großartig, unser Absatz
so weitverzweigt wäre wie die Industrie und der Handel Englands,
so würden wir dieselben Resultate erleben, während jetzt bei uns
die Wirkung der Konkurrenz in der Industrie und im Verkehr in ei-
ner allgemeinen, dauernden Depression aller Geschäftszweige, in
einem unglückseligen Mittelzustande zwischen entschiedener Blüte
und gänzlichem Verkommen, in einem Zustande der gelinden Stoc-
kung, d.h. der Stabilität, sich fühlbar macht.
M[eine] H[erren], was ist der eigentliche Grund dieser Übel-
stände? Woraus entspringt der Ruin der Mittelklasse, der schroffe
Gegensatz von arm und reich, die Stockungen des Verkehrs und die
daraus entstehende Verschwendung von Kapital? Aus keiner anderen
Ursache als aus der Zersplitterung der Interessen. Wir arbeiten
alle, em jeder für seinen eigenen Vorteil, unbekümmert um das
Wohl der anderen, und es ist doch eine augenscheinliche, eine
sich von selbst verstehende Wahrheit, daß das Interesse, das
Wohl, das Lebensglück jedes einzelnen mit dem seiner Mitmenschen
#539# Zwei Reden in Elberfeld - I
-----
unzertrennlich zusammenhängt. Wir müssen uns alle gestehen, daß
keiner von uns seine Mitmenschen entbehren kann, daß schon das
Interesse uns alle aneinander fesselt, und doch schlagen wir die-
ser Wahrheit mit unseren Handlungen geradezu ins Gesicht, und
doch richten wir unsere Gesellschaft so ein, als ob unsere
Interessen nicht dieselben, sondern einander ganz und gar
entgegengesetzt wären. Wir haben gesehen, was die Folgen dieses
Grundirrtums waren; wollen wir diese schlimmen Folgen beseitigen,
so müssen wir den Grundirrtum reformieren, und das beabsichtigt
eben der Kommunismus.
In der kommunistischen Gesellschaft, wo die Interessen der ein-
zelnen nicht einander entgegengesetzt, sondern vereinigt sind,
ist die Konkurrenz aufgehoben. Von einem Ruin einzelner Klassen,
von Klassen überhaupt, wie heutzutage Reiche und Arme, kann, wie
sich von selbst versteht, keine Rede mehr sein. Sowie bei der
Produktion und Austeilung der zum Leben nötigen Güter der Privat-
erwerb, der Zweck des einzelnen sich auf eigne Faust zu berei-
chern, wegfällt, fallen auch die Krisen des Verkehrs von selbst
weg. In der kommunistischen Gesellschaft wird es ein leichtes
sein, sowohl die Produktion wie die Konsumtion zu kennen. Da man
weiß, wieviel ein einzelner im Durchschnitt braucht, so ist es
leicht zu berechnen, wieviel von einer gewissen Anzahl Individuen
gebraucht wird, und da die Produktion alsdann nicht mehr in den
Händen einzelner Privaterwerber, sondern in den Händen der Ge-
meinde und ihrer Verwaltung ist, so ist es eine Kleinigkeit,
d i e P r o d u k t i o n n a c h d e n B e d ü r f n i s-
s e n z u r e g e l n.
Wir sehen also, wie m der kommunistischen Organisation die
Hauptübel des jetzigen sozialen Zustandes wegfallen. Wenn wir in-
des etwas mehr ins Detail gehen, so werden wir finden, daß die
Vorteile einer solchen Organisation hierbei nicht stehenbleiben,
sondern sich auch auf die Beseitigung einer Menge anderer Übel-
stände erstrecken, von denen ich heute nur einige ökonomische er-
wähnen will. Die jetzige Einrichtung der Gesellschaft ist in öko-
nomischer Beziehung gewiß die unvernünftigste und unpraktischste,
die wir uns denken können. Die Entgegensetzung der Interessen
bringt es mit sich, daß eine große Menge Arbeitskraft auf eine
Weise verwendet wird, von der die Gesellschaft keinen Nutzen hat,
daß ein bedeutendes Quantum Kapital unnötigerweise verlorengeht,
ohne sich zu reproduzieren. Wir sehen dies schon bei den Han-
delskrisen; wir sehen, wie Massen von Produkten, die doch alle
von Menschen mühsam erarbeitet waren, zu Preisen weggeschleudert
werden, die dem Verkäufer Verlust lassen; wir sehen, wie durch
Bankerotte Massen von Kapitalien, die doch mühsam angehäuft wa-
ren, den Besitzern unter den Händen verschwinden. Gehen wir indes
etwas mehr ins
#540# Friedrich Engels
-----
Detail des jetzigen Verkehrs. Bedenken Sie, durch wie viele Hände
jedes Produkt gehen muß, bis es in die des wirklichen Konsumenten
gerät -, bedenken Sie, m[eine] H[erren], wie viele spekulierende
und überflüssige Zwischenschieber sich jetzt zwischen den Produ-
zenten und den Konsumenten eingedrängt haben! Nehmen wir ein Bei-
spiel, etwa einen Baumwollballen, der in Nordamerika fabriziert
wird. Der Ballen geht aus den Händen des Pflanzers in die des
Faktors an irgendeiner beliebigen Station des Mississippi über,
er wandert den Fluß hinunter nach New Orleans. Hier wird er ver-
kauft - zum zweiten Male, da ihn der Faktor schon vom Pflanzer
kaufte - verkauft, meinetwegen an den Spekulanten, der ihn wieder
an den Exporteur verkauft. Der Ballen geht nun etwa nach Liver-
pool, wo wieder ein gieriger Spekulant seine Hände nach ihm aus-
streckt und ihn an sich reißt. Dieser verhandelt ihn wieder an
einen Kommissionär, der für Rechnung - wir wollen sagen, eines
deutschen Hauses - kauft. So wandert der Ballen nach Rotterdam,
den Rhein herauf, durch noch ein Dutzend Hände von Spediteuren,
nachdem er ein dutzendmal aus- und eingeladen worden ist -, und
dann erst ist er in den Händen, nicht des Konsumenten, sondern
des Fabrikanten, der ihn erst konsumierbar macht, sein Garn viel-
leicht dem Weber, dieser das Gewebe dem Drucker, der dem Grossi-
sten und dieser wieder dem Detaillisten verhandelt, der dann end-
lich die Ware dem Konsumenten liefert. Und alle diese Millionen
Zwischenschieber, Spekulanten, Faktoren, Exporteurs, Kommissio-
näre, Spediteure, Grossisten und Detaillisten, die doch an der
Ware selbst nichts tun, sie wollen alle leben und ihren Profit
dabei machen - und machen ihn auch im Durchschnitt, denn sonst
könnten sie nicht bestehen. M[eine] H[erren], gibt es keinen ein-
facheren, wohlfeileren Weg, einen Baumwollballen von Amerika nach
Deutschland und das aus demselben verfertigte Fabrikat in die
Hände des wirklichen Konsumenten zu liefern als diesen weitläuf-
tigen des zehnmaligen Verkaufens, des hundertmaligen Umladens und
Transportierens aus einem Magazin ins andere? Ist dies nicht ein
schlagender Beweis der vielen Verschwendung von Arbeitskraft, die
durch die Zersplitterung der Interessen herbeigeführt wird? In
der vernünftig organisierten Gesellschaft ist von einem solchen
umständlichen Transporte keine Rede. Ebenso leicht wie man wissen
kann, wieviel eine einzelne Kolonie an Baumwolle oder
Baumwollfabrikaten gebraucht, um bei dem Beispiele stehenzublei-
ben - ebenso leicht wird es der Zentralverwaltung sein, zu erfah-
ren, wieviel sämtliche Ortschaften und Gemeinden des Landes ge-
brauchen. Ist eine solche Statistik einmal organisiert, was in
einem oder zwei Jahren leicht geschehen kann, so wird sich der
Durchschnitt des jährlichen Konsums nur im Verhältnis der
#541# Zwei Reden in Elberfeld - I
-----
steigenden Bevölkerung verändern; es ist also ein leichtes, zur
gehörigen Zeit vorauszubestimmen, welches Quantum von jedem ein-
zelnen Artikel das Bedürfnis des Volkes erfordern wird ", man
wird die ganze, große Quantität sich direkt an der Quelle bestel-
len, man wird sie direkt, ohne Zwischenschieber, ohne mehr Auf-
enthalt und Umladungen, als wirklich in der Natur der Kommunika-
tion begründet sind, also mit einer großen Ersparnis von Arbeits-
kraft, beziehen können; man wird nicht nötig haben, den Spekulan-
ten, Groß- und Kleinhändlern ihren Nutzen zu bezahlen. Aber das
ist noch nicht alles - diese Zwischenschieber werden nicht nur
auf diese Weise der Gesellschaft unschädlich, sie werden ihr so-
gar vorteilhaft gemacht. Während sie jetzt zum Nachteil aller an-
deren eine Arbeit tun, die im besten Falle überflüssig ist und
ihnen doch den Lebensunterhalt, ja in vielen Fällen große Reich-
tümer einbringt, während sie also jetzt dem allgemeinen Besten
direkt nachteilig sind, werden sie dann die Hände zu nützlicher
Tätigkeit frei bekommen und eine Beschäftigung ergreifen können,
worin sie sich als wirkliche, nicht nur scheinbare, erheuchelte
Mitglieder der menschlichen Gesellschaft und Teilnehmer an ihrer
Gesamttätigkeit erweisen.
Die jetzige Gesellschaft, welche den einzelnen Menschen mit allen
übrigen in Feindschaft bringt, erzeugt auf diese Weise einen so-
zialen Krieg Aller gegen Alle, der notwendigerweise bei einzel-
nen, namentlich Ungebildeten, eine brutale, barbarisch-gewaltsame
Form annehmen muß - die Form des Verbrechens. Um sich gegen das
Verbrechen, gegen die offene Gewalttat zu schützen, bedarf die
Gesellschaft eines weitläuftigen, verwickelten Organismus von
Verwaltungs- und Gerichtsbehörden, der eine unendliche Menge von
Arbeitskräften in Anspruch nimmt. In der kommunistischen Gesell-
schaft würde sich auch dies unendlich vereinfachen, und gerade
deshalb - so bizarr es auch klingen mag - gerade deshalb, weil in
dieser Gesellschaft die Verwaltung nicht nur einzelne Seiten des
sozialen Lebens, sondern das ganze soziale Leben in allen seinen
einzelnen Tätigkeiten, nach allen seinen Seiten hin, zu admini-
strieren haben würde. Wir heben den Gegensatz des einzelnen Men-
schen gegen alle ändern auf - wir setzen dem sozialen Krieg den
sozialen Frieden entgegen, wir legen die Axt an die W u r z e l
des Verbrechens - und machen dadurch den größten, bei weitem
größten Teil der jetzigen Tätigkeit der Verwaltungs- und Justiz-
behörden überflüssig. Schon jetzt verschwinden die Verbrechen der
Leidenschaft immer mehr gegen die Verbrechen der Berechnung, des
Interesses - die Verbrechen gegen P e r s o n e n nehmen ab,
die Verbrechen gegen das E i g e n t u m nehmen zu. Die fort-
schreitende Zivilisation mildert die gewaltsamen Ausbrüche der
Leidenschaft schon m der jetzigen, auf dem Kriegsfuß stehenden,
wieviel mehr in der
#542# Friedrich Engels
-----
kommunistischen, friedlichen Gesellschaft! Die Verbrechen gegen
das Eigentum fallen von selbst da weg, wo jeder erhält, was er
zur Befriedigung seiner natürlichen und geistigen Triebe bedarf,
wo die sozialen Abstufungen und Unterschiede wegfallen. Die Kri-
minaljustiz hört von selbst auf, die Ziviljustiz, die doch fast
lauter Eigentumsverhältnisse oder wenigstens solche Verhältnisse,
die den sozialen Kriegszustand zur Voraussetzung haben, behan-
delt, fällt ebenfalls weg; Streitigkeiten können dann nur seltne
Ausnahmen sein, wo sie jetzt die natürliche Folge der allgemeinen
Feindschaft sind, und werden leicht sich durch Schiedsrichter
schlichten lassen. Die Verwaltungsbehörden haben jetzt ebenfalls
in dem fortwährenden Kriegszustand die Quelle ihrer Beschäftigung
- die Polizei und die ganze Administration tut weiter nichts, als
daß sie dafür sorgt, daß der Krieg ein verdeckter, indirekter
bleibe, daß er nicht in offne Gewalt, in Verbrechen ausarte. Wenn
es aber unendlich leichter ist, den Frieden zu erhalten, als den
Krieg in gewisse Schranken zu bannen, so ist es auch unendlich
leichter, eine kommunistische als eine konkurrierende Gemeinde zu
verwalten. Und wenn schon jetzt die Zivilisation die Menschen ge-
lehrt hat, ihr Interesse in der Aufrechterhaltung der öffentli-
chen Ordnung, der öffentlichen Sicherheit, des öffentlichen In-
teresses zu suchen, also die Polizei, Verwaltung und Justiz mög-
lichst überflüssig zu machen, um wieviel mehr wird dies der Fall
sein in einer Gesellschaft, in der die Gemeinschaft der Interes-
sen zum Grundprinzip erhoben ist, in dem das öffentliche Inter-
esse sich nicht mehr von dem jedes einzelnen unterscheidet! Was
jetzt schon t r o t z der sozialen Einrichtung besteht, wieviel
mehr wird das geschehen, wenn es nicht mehr durch die sozialen
Einrichtungen gehindert, sondern unterstützt wird! Wir dürfen
also auch von dieser Seite her auf einen beträchtlichen Zuwachs
von Arbeitskräften rechnen, welche der jetzige soziale Zustand
der Gesellschaft entzieht. Eine der kostspieligsten Einrichtun-
gen, deren die jetzige Gesellschaft nicht entbehren kann, sind
die stehenden Heere, welche der Nation den kräftigsten, brauch-
barsten Teil der Bevölkerung entziehen und sie zwingen, diesen
dadurch unproduktiv gewordenen Teil zu ernähren. Wir wissen es an
unserem eignen Staatsbudget, was uns das stehende Heer kostet -
vierundzwanzig Millionen jährlich und die Entziehung von zwei-
malhunderttausend der kräftigsten Arme aus der Produktion. In der
kommunistischen Gesellschaft würde es keinem Menschen einfallen,
an ein stehendes Heer zu denken. Wozu auch? Zur Bewahrung der
inneren Ruhe des Landes? Es wird, wie wir oben sahen, keinem
einzigen einfallen, diese innere Ruhe zu stören. Die Furcht vor
Revolutionen ist ja nur die Folge der Opposition der Interessen;
wo die Interessen aller zusammenfallen, kann von einer solchen
#543# Zwei Reden in Elberfeld - I
-----
Furcht keine Rede sein. - Zu einem Angriffskriege? Wie sollte
eine kommunistische Gesellschaft dazu kommen, einen Angriffskrieg
zu unternehmen -, sie, die sehr gut weiß, daß sie im Kriege nur
Menschen und Kapital verliert, während sie höchstens ein paar wi-
derwillige, also eine Störung in die soziale Ordnung bringende
Provinzen erlangen kann! - Zu einem Verteidigungskriege? Dazu be-
darf es keines stehenden Heeres, da es ein leichtes sein wird,
jedes fähige Mitglied der Gesellschaft auch neben seinen übrigen
Beschäftigungen so weit in der wirklichen, nicht parademäßigen
Waffengewandtheit zu üben, als zur Verteidigung des Landes nötig
ist. Und bedenken Sie dabei, m[eine] H[erren], daß das Mitglied
einer solchen Gesellschaft im Falle eines Krieges, der ohnehin
n u r g e g e n a n t i k o m m u n i s t i s c h e Nationen
vorkommen könnte, ein w i r k l i c h e s Vaterland, e i n e n
w i r k l i c h e n Herd zu verteidigen hat, daß er also mit ei-
ner Begeisterung, mit einer Ausdauer, mit einer Tapferkeit kämp-
fen wird, vor der die maschinenmäßige Geschultheit einer modernen
Armee wie Spreu auseinanderfliegen muß; bedenken Sie, welche Wun-
der der Enthusiasmus der revolutionären Armeen von 1792 bis 1799
getan hat, die doch nur für eine I l l u s i o n, für ein
S c h e i n v a t e r l a n d kämpften, und Sie werden einsehen
müssen, von welcher Kraft ein Heer sein muß, das für keine Illu-
sion, sondern für eine handgreifliche Wirklichkeit sich schlägt.
Diese unzähligen Massen von Arbeitskräften also, welche jetzt den
zivilisierten Völkern durch die Armeen entzogen werden, würden in
einer kommunistischen Organisation sonach der Arbeit zurückgege-
ben werden; sie würden nicht nur soviel erzeugen, wie sie ver-
brauchen, sondern noch weit mehr Produkte, als zu ihrem Unterhalt
nötig sind, an die öffentlichen Vorratshäuser abliefern können.
Eine noch viel schlimmere Verschwendung von Arbeitskräften findet
sich in der bestehenden Gesellschaft in der Art, wie die Reichen
ihre soziale Stellung ausbeuten. Ich will von dem vielen unnützen
und geradezu lächerlichen Luxus, der seine Quelle nur in der
Sucht, sich auszuzeichnen, hat und eine Menge Arbeitskräfte in
Anspruch nimmt, gar nicht sprechen. Aber gehen Sie, m[eine]
H[erren] einmal geradezu in das Haus, das innerste Heiligtum ei-
nes Reichen, und sagen Sie mir, ob es nicht die tollste Vergeu-
dung von Arbeitskraft ist, wenn hier eine Menge von Menschen zur
Bedienung eines einzigen in Anspruch genommen und mit Faulenzen,
oder wenn es hoch kommt, nur mit solchen Arbeiten beschäftigt
werden, die ihre Quelle in der Isolierung jedes Menschen auf
seine vier Wände haben? Diese Menge Dienstmädchen, Köchinnen, La-
kaien, Kutscher, Hausknechte, Gärtner und wie sie alle heißen,
was tun sie denn eigentlich? Wie w e n i g A u g e n-
b l i c k e sind sie des Tages beschäftigt, um ihrer Herrschaft
das Leben w i r k l i c h angenehm
#544# Friedrich Engels
-----
zu machen, um der Herrschaft die freie Ausbildung und Ausübung
ihrer menschlichen Natur und ihrer angebornen Kräfte zu erleich-
tern -, und wie v i e l e S t u n d e n des Tages sind sie mit
Arbeiten beschäftigt, die nur in der schlechten Einrichtung uns-
rer gesellschaftlichen Verhältnisse ihre Ursache haben -, hinten
auf dem Wagen stehen, den Marotten der Herrschaft zu Diensten
sein, Schoßhunde nachtragen und andre Lächerlichkeiten. In der
vernünftig organisierten Gesellschaft, wo jeder in die Lage ver-
setzt wird, leben zu können, auch ohne den Marotten der Reichen
zu frönen und ohne auf solche Marotten zu verfallen -, in dieser
Gesellschaft kann natürlich auch die jetzt so vergeudete Arbeits-
kraft der Luxusbedienung zum Vorteil aller und zu ihrem eignen
Vorteil verwandt werden.
Eine weitere Verschwendung von Arbeitskraft findet in der heuti-
gen Gesellschaft ganz direkt durch den Einfluß der Konkurrenz
statt, indem diese sine große Anzahl brotloser Arbeiter schafft,
die gern arbeiten m ö c h t e n, aber keine Arbeit erhalten
k ö n n e n. Da nämlich die Gesellschaft gar nicht darauf einge-
richtet ist, von der wirklichen Verwendung der Arbeitskräfte No-
tiz nehmen zu können, da es jedem einzelnen überlassen ist, sich
eine Erwerbsquelle zu suchen, so ist es ganz natürlich, daß bei
der Verteilung der wirklich oder scheinbar nützlichen Arbeiten
eine Anzahl Arbeiter leer ausgehen. Dies ist um so eher der Fall,
als der Kampf der Konkurrenz jeden einzelnen antreibt, seine
Kräfte aufs höchste anzustrengen, alle Vorteile zu benutzen, die
sich ihm bieten, teure Arbeitskräfte durch wohlfeilere zu erset-
zen, wozu die steigende Zivilisation täglich mehr und mehr Mittel
bietet - oder, mit ändern Worten, ein jeder muß daran arbeiten,
andre brotlos zu machen, die Arbeit andrer auf die eine oder die
andre Weise zu verdrängen. So findet sich denn in jeder zivili-
sierten Gesellschaft eine große Anzahl arbeitsloser Leute, die
gern arbeiten möchten, aber keine Arbeit finden, und diese Anzahl
ist größer, als man gewöhnlich glaubt. Da finden wir diese Leute
denn, wie sie sich auf die eine oder andre Weise
p r o s t i t u i e r e n, betteln, Straßen kehren, an den Ecken
stehen, von gelegentlichen kleinen Diensten mit Mühe und Not Leib
und Seele zusammenhalten, mit allen erdenklichen kleinen Waren
hökern und herumhausieren - oder, wie wir es heute abend an ein
paar armen Mädchen gesehen haben, mit der Guitarre von Ort zu Ort
ziehen, für Geld spielen und singen, genötigt, sich jede unver-
schämte Ansprache, jede beleidigende Zumutung gefallen zu lassen,
um nur ein paar Groschen zu verdienen. Wie viele endlich gibt es,
die der e i g e n t l i c h e n Prostitution als Opfer verfal-
len! M[eine] H[erren], die Anzahl dieser Brotlosen, denen nichts
übrigbleibt, als auf die eine oder andre Weise sich zu prostitu-
ieren, ist sehr groß - unsre Armenverwaltungen wissen davon zu
erzählen -, und vergessen
#545# Zwei Reden in Elberfeld - I
-----
Sie nicht, daß die Gesellschaft diese Leute trotz ihrer Nutzlo-
sigkeit auf die eine oder die andre Art dennoch ernährt. Wenn
also die Gesellschaft die Kosten für ihren Unterhalt zu tragen
hat, so sollte sie auch dafür sorgen, daß diese Arbeitslosen ih-
ren Unterhalt e h r b a r verdienten. Das aber kann die jet-
zige, konkurrierende Gesellschaft nicht.
Wenn Sie, m[eine] H[erren], dies alles bedenken - und ich hätte
noch eine Menge anderer Beispiele anführen können, wie die jet-
zige Gesellschaft ihre Arbeitskräfte vergeudet -, wenn Sie dies
bedenken, so werden Sie finden, daß der menschlichen Gesellschaft
ein Überfluß an Produktionskräften zu Gebote steht, der nur auf
eine vernünftige Organisation, auf eine geordnete Verteilung war-
tet, um mit dem größten Vorteil für alle in Tätigkeit zu treten.
Sie werden hiernach, m[eine] H[erren], beurteilen können, wie we-
nig die Befürchtung gegründet ist, als müßte bei einer gerechten
Verteilung der gesellschaftlichen Tätigkeit dem einzelnen eine
solche Last von Arbeit zufallen, daß sie ihm alle Beschäftigung
mit anderen Dingen unmöglich mache. Im Gegenteil können wir an-
nehmen, daß bei einer solchen Organisation die jetzt übliche Ar-
beitszeit des einzelnen schon durch die Benutzung der jetzt gar
nicht oder unvorteilhaft angewandten Arbeitskräfte auf die Hälfte
reduziert werden wird.
Die Vorteile indes, welche die kommunistische Einrichtung durch
B e n u t z u n g v e r s c h w e n d e t e r A r b e i t s-
k r ä f t e bietet, sind n o c h n i c h t d i e b e d e u-
t e n d s t e n. Die größte Ersparnis von Arbeitskraft liegt
i n d e r V e r e i n i g u n g d e r e i n z e l n e n
K r ä f t e zur sozialen Kollektivkraft und in der Einrichtung,
welche auf diese Konzentration der bis jetzt einander gegen-
überstehenden Kräfte beruht. Ich will mich hier an die Vorschläge
des englischen Sozialisten Robert Owen anschließen, da diese die
praktischsten und am meisten ausgearbeiteten sind. Owen schlägt
vor, an die Stelle der jetzigen Städte und Dörfer mit ihren
vereinzelten, einander im Wege stehenden Wohnhäusern große
Paläste aufzuführen, die, in einem Quadrat von etwa 1650 Fuß
Länge und Breite gebaut, einen großen Garten einschließen und
etwa zwei- bis dreitausend Menschen bequem beherbergen können.
Daß ein solches Gebäude, während es den Einwohnern die
Bequemlichkeiten der besten jetzigen Wohnungen bietet, dennoch
weit wohlfeiler und leichter zu errichten ist, als die nach dem
jetzigen System für ebensoviele Leute benötigten, größtenteils
schlechteren Einzelwohnungen, liegt auf der Hand. Die vielen Zim-
mer, die jetzt fast in jedem anständigen Hause leer stehen oder
ein bis zweimal des Jahres gebraucht werden, fallen ohne alle Un-
bequemlichkeit weg; die Ersparnis an Raum für Vorratskammern,
Keller etc. ist ebenfalls sehr groß. - Gehen wir aber auf das De-
tail der Hauswirtschaft ein, so werden wir erst recht die
#546# Friedrich Engels
-----
Vorteile der Gemeinschaft einsehen. Welch eine Menge von Arbeit
und Material wird nicht bei der jetzigen, zersplitterten Wirt-
schaft verschwendet - z.B. bei der Heizung! Sie müssen für jedes
Zimmer einen besonderen Ofen haben; ein jeder Ofen will besonders
geheizt, in Brand gehalten, beaufsichtigt werden; das Brennmate-
rial muß nach allen diesen verschiedenen Orten hingebracht, die
Asche weggeholt werden; wieviel einfacher und wohlfeiler ist es
nicht, an die Stelle dieser vereinzelten Heizung eine großartige
Gesamtheizung, z. B. mit Dampf röhren, und einem einzigen Hei-
zungszentrum zu setzen, wie dies schon jetzt in großen Gesell-
schaftslokalen, Fabriken, Kirchen etc. geschieht! Ferner die Be-
leuchtung durch Gas, die jetzt noch dadurch kostspielig wird, daß
selbst die dünneren Röhren unter der Erde liegen müssen, und die
Röhren überhaupt wegen des großen Raumes? der in unseren Städten
zu beleuchten ist, von unverhältnismäßiger Länge sein müssen,
während bei der vorgeschlagenen Einrichtung alles auf einem Räume
von 1650 Fuß im Quadrat konzentriert und die Menge der brennenden
Gasflammen dennoch ebenso groß, das Resultat also mindestens
ebenso lohnend ist wie in einer mäßigen Stadt. Dann die Bereitung
der Mahlzeiten - welche Verschwendung von Raum, Material und Ar-
beitskraft bei der jetzigen zersplitterten Wirtschaft, wo jede
Familie ihr bißchen Essen besonders kocht, ihr apartes Geschirr
hat, ihre aparte Köchin anstellt, ihre Speisen apart vom Markte,
aus dem Garten, vom Fleischer und Bäcker holen muß! Man kann ru-
hig annehmen, daß bei einer gemeinschaftlichen Speisebereitung
und Aufwartung zwei Drittel der jetzt bei dieser Arbeit beschäf-
tigten Arbeitskräfte erspart und das übrige Drittel dennoch seine
Arbeit besser und aufmerksamer wird verrichten können, als dies
jetzt geschieht. Und endlich die Hausarbeiten selbst! Wird sich
ein solches Gebäude nicht unendlich viel leichter reinigen und in
gutem Stande halten lassen, wenn, wie es hier möglich ist, diese
Art der Arbeit gleichfalls organisiert und regelmäßig verteilt
ist, als die zwei- bis dreihundert getrennten Häuser, welche bei
der jetzigen Einrichtung die Wohnungen einer gleichen Zahl sein
würden?
Dies, m[eine] H[erren], sind einige wenige von den unendlichen
Vorteilen, welche in ökonomischer Beziehung aus der kommunisti-
schen Organisation der menschlichen Gesellschaft hervorgehen müs-
sen. Es ist uns nicht möglich, in einigen Stunden und mit wenigen
Worten unser Prinzip Ihnen klarzumachen und gehörig nach allen
Seiten hin zu begründen. Dies ist auch keineswegs unsere Absicht.
Wir können und wollen nichts, als über einige Punkte Aufklärung
geben und diejenigen, denen die Sache noch fremd ist, zum Studium
derselben veranlassen. Und soviel wenigstens hoffen wir, Ihnen
heute abend klargemacht zu haben, daß der Kommunismus weder der
#547# Zwei Reden in Elberfeld - I
-----
menschlichen Natur, dem Verstand und dem Herzen widerstrebt, noch
daß er eine Theorie ist, die, ohne irgend Rücksicht auf die Wirk-
lichkeit zu nehmen, bloß in der Phantasie ihre Wurzel hat.
Man fragt, wie denn diese Theorie in die Wirklichkeit einzuführen
sei, welche Maßregeln wir vorzuschlagen haben, um ihre Einführung
vorzubereiten. Es gibt verschiedene Wege zu diesem Ziele; die
Engländer werden wahrscheinlich damit beginnen, daß sie einzelne
Kolonien errichten und es jedem überlassen, ob er beitreten will
oder nicht; die Franzosen dagegen werden wohl den Kommunismus auf
nationalem Wege vorbereiten und durchführen. Wie die Deutschen es
anfangen werden, darüber läßt sich bei der Neuheit der sozialen
Bewegung in Deutschland wenig sagen. Einstweilen will ich unter
den vielen möglichen Wegen der Vorbereitung nur einen einzigen
erwähnen, von dem in der letzten Zeit mehrfach die Rede gewesen
ist -, nämlich die Durchführung dreier Maßregeln, welche notwen-
dig den praktischen Kommunismus zur Folge haben müssen.
Die erste würde eine a l l g e m e i n e E r z i e h u n g al-
ler Kinder ohne Ausnahme auf Staatskosten sein -, eine Erziehung,
welche für alle gleich ist und bis zu dem Zeitpunkte fortdauert,
in dem das Individuum fähig ist, als selbständiges Mitglied der
Gesellschaft aufzutreten. Diese Maßregel würde nur ein Akt der
Gerechtigkeit gegen unsere mittellosen Mitbrüder sein, da offen-
bar jeder Mensch ein Anrecht auf die vollständige Entwickelung
seiner Fähigkeiten besitzt, und die Gesellschaft sich doppelt an
den einzelnen vergeht, wenn sie die Unwissenheit zu einer notwen-
digen Folge der Armut macht. Daß die Gesellschaft mehr Vorteil
von gebildeten als von unwissenden, rohen Mitgliedern hat, liegt
auf der Hand, und wenn ein gebildetes Proletariat, wie das wohl
zu erwarten steht, nicht gesonnen sein würde, in der unterdrück-
ten Stellung zu bleiben, in der unser heutiges Proletariat sich
befindet, so ist doch ebenfalls nur von einer g e b i l d e-
t e n Arbeitsklasse die Ruhe und Besonnenheit zu erwarten,
welche zu einer friedlichen Umbildung der Gesellschaft nötig ist.
Daß das u n g e b i l d e t e Proletariat aber ebenfalls keine
Lust hat, in seiner Lage zu bleiben, das beweisen uns die
schlesischen und böhmischen Unruhen [76] auch für Deutschland -
von anderen Völkern gar nicht zu sprechen.
Die zweite Maßregel wäre eine totale R e o r g a n i s a t i o n
d e s A r m e n w e s e n s, derart, daß die sämtlichen brotlo-
sen Bürger m Kolonien untergebracht würden, in welchen sie mit
Agrikultur- und Industriearbeit beschäftigt und ihre Arbeit zum
Nutzen der ganzen Kolonie organisiert würde. Bis jetzt hat man
die Kapitalien der Armenverwaltung auf Zinsen ausgeliehen und so
den Reichen neue Mittel gegeben, die Besitzlosen auszubeuten. Man
lasse endlich einmal
#548# Friedrich Engels
-----
diese Kapitalien wirklich zum Nutzen der Armen arbeiten, man ver-
wende den ganzen Ertrag dieser Kapitalien, nicht bloß ihre drei
Prozent Zinsen, für die Armen, man gebe ein großartiges Beispiel
der Assoziation von Kapital und Arbeit! Auf diese Weise würde die
Arbeitskraft aller Brotlosen zum Nutzen der Gesellschaft verwen-
det, sie selbst aus demoralisierten, gedrückten Paupers in sitt-
liche, unabhängige, tätige Menschen verwandelt und in eine Lage
versetzt, die sehr bald den vereinzelten Arbeitern beneidenswert
erscheinen und die durchgreifende Reorganisation der Gesellschaft
vorbereiten würde.
Zu diesen beiden Maßregeln gehört Geld. Um dies aufzubringen und
um zugleich die sämtlichen bisherigen, ungerecht verteilten Steu-
ern zu ersetzen, wird in dem vorliegenden Reformplane eine allge-
meine, progressive Kapitalsteuer vorgeschlagen, deren Prozentsatz
mit der Größe des Kapitals steigt. Auf diese Weise würde die Last
der öffentlichen Verwaltung von einem jeden nach seiner Fähigkeit
getragen werden und nicht mehr, wie bisher in allen Ländern,
hauptsächlich auf die Schultern derer fallen, die am wenigsten
imstande sind, sie zu erschwingen. Ist doch im Grunde das Prinzip
der Besteuerung ein rein kommunistisches, da das Recht der
Steuererhebung in allen Ländern aus dem sogenannten Nationalei-
gentum abgeleitet wird. Denn entweder ist das Privateigentum hei-
lig, so gibt es kein Nationaleigentum, und der Staat hat nicht
das Recht, Steuern zu erheben; oder der Staat hat dies Recht,
dann ist das Privateigentum nicht heilig, dann steht das Natio-
naleigentum über dem Privateigentume, und der Staat ist der wahre
Eigentümer. Dies letztere Prinzip ist das allgemein anerkannte -,
nun gut, m[eine] H[erren], wir verlangen vorderhand ja nur, daß
einmal Ernst mit diesem Prinzip gemacht werde, daß der Staat sich
zum allgemeinen Eigentümer erkläre und als solcher das öffentli-
che Eigentum zum öffentlichen Besten verwalte - und daß er als
ersten Schritt hierzu einen Modus der Besteuerung einführe, der
sich nur nach der Fähigkeit eines jeden zur Steuerzahlung und
nach dem wirklichen öffentlichen Besten richte.
Sie sehen also, m[eine] H[erren], daß es nicht darauf abgesehen
ist, die Gütergemeinschaft über Nacht und wider den Willen der
Nation einzuführen, sondern daß es sich vor allem nur um die
Feststellung des Z w e c k e s und der M i t t e l u n d
W e g e handelt, wie wir diesem Ziele entgegengehen können. Daß
aber das kommunistische Prinzip das der Zukunft sein wird, dafür
spricht der Entwickelungsgang aller zivilisierten Nationen, dafür
spricht die rasch fortschreitende Auflösung aller bisherigen so-
zialen Institutionen, dafür spricht die gesunde menschliche Ver-
nunft und vor allem das menschliche Herz.
#549# Zwei Reden in Elberfeld - II
-----
[II]
Meine Herren!
Bei unserer letzten Zusammenkunft ist mir vorgeworfen worden, daß
ich meine Beispiele und Belege fast nur aus fremden Ländern, na-
mentlich aus England, genommen habe. Man hat gesagt, Frankreich
und England gehe uns nichts an, wir lebten in Deutschland, und es
sei unsere Sache, die Notwendigkeit und Vortrefflichkeit des Kom-
munismus für Deutschland zu beweisen. Man hat zugleich uns vorge-
worfen, die historische Notwendigkeit des Kommunismus überhaupt
keineswegs genügend dargetan zu haben. Dies ist ganz richtig und
war auch nicht anders möglich. Eine historische Notwendigkeit
läßt sich nicht in so kurzer Zeit beweisen wie die Kongruenz
zweier Dreiecke, sie kann nur durch Studium und Eingehen auf
weitläufige Voraussetzungen bewiesen werden. Ich will indes heute
das meinige tun, um diese beiden Vorwürfe zu beseitigen, ich
werde zu beweisen suchen, daß der Kommunismus für D e u t s c h-
l a n d - wenn keine historische, doch eine ö k o n o m i-
s c h e N o t w e n d i g k e i t ist.
Betrachten wir zuerst die gegenwärtige soziale Lage Deutschlands.
Daß viel Armut unter uns existiert, ist bekannt. Schlesien und
Böhmen haben selbst gesprochen. Von der Armut der Mosel- und Ei-
felgegenden [141] wußte die "Rheinische Zeitung" viel zu erzäh-
len. Im Erzgebirge herrscht seit undenklicher Zeit fortwährendes
großes Elend. Nicht besser sieht es in der Senne und den westfä-
lischen Leinendistfikten aus. Von allen Gegenden Deutschlands her
wird geklagt, und es ist auch nicht anders zu erwarten. Unser
Proletariat ist zahlreich und muß es sein, wie wir bei der ober-
flächlichsten Betrachtung unserer sozialen Lage einsehen müssen.
Daß in den I n d u s t r i e b e z i r k e n ein zahlreiches
Proletariat sein muß, liegt in der Natur der Sache. Die Industrie
kann nicht ohne eine große Anzahl von Arbeitern existieren, die
ihr gänzlich zu Gebote stehen, nur für sie arbeiten und auf jeden
anderen Erwerb verzichten, die industrielle Beschäftigung macht
bei dem Bestehen der Konkurrenz jede andere Beschäftigung unmög-
lich. Daher finden wir in allen Industriedistrikten ein Proleta-
riat, das zu zahlreich, zu augenscheinlich ist, als daß es ge-
leugnet werden könnte. - In den A c k e r b a u d i s t r i k-
t e n dagegen soll kein Proletariat existieren, wie von vielen
Seiten her behauptet wird. Aber wie ist dies möglich? In den
Gegenden, wo großer Grundbesitz vorherrscht, ist ein solches
Proletariat notwendig, die großen Wirtschaften haben Knechte und
Mägde nötig, können nicht ohne Proletarier existieren. In den
Gegenden, wo der Grundbesitz parzelliert ist, läßt sich das
Aufkommen einer besitzlosen
#550# Friedrich Engels
-----
Klasse ebenfalls nicht vermeiden; man teilt die Güter bis zu ei-
nem gewissen Grade, und dann hört das Teilen auf; und da dann nur
einer aus der Familie das Gut übernehmen kann, so müssen die an-
deren wohl Proletarier, besitzlose Arbeiter werden. Dabei geht
das Teilen denn gewöhnlich solange voran, bis das Gut zu klein
ist, um eine Familie ernähren zu können, und es bildet sich eine
Klasse von Leuten, die wie die kleine Mittelklasse der Städte,
einen Übergang aus der besitzenden in die besitzlose Klasse bil-
det, durch ihren Besitz von anderer Beschäftigung zurückgehalten
und doch nicht befähigt ist, von ihm zu leben. Auch unter dieser
Klasse herrscht großes Elend.
Daß dieses Proletariat an Zahl stets zunehmen muß, dafür bürgt
uns die zunehmende Verarmung der Mittelklassen, von der ich heute
vor acht Tagen ausführlich sprach, und die Tendenz des Kapitals,
sich in wenigen Händen zu konzentrieren. Ich brauche heute wohl
auf diese Punkte nicht zurückzukommen und bemerke nur, daß diese
Ursachen, welche das Proletariat fortwährend erzeugen und vermeh-
ren, dieselben bleiben und dieselben Folgen haben werden, solange
die Konkurrenz besteht. Unter allen Umständen muß das Proletariat
nicht nur fortexistieren, sondern auch sich fortwährend ausdeh-
nen, eine immer drohendere Macht in unserer Gesellschaft werden,
solange wir fortfahren, jeder auf seine eigne Faust und im Gegen-
satz zu allen anderen zu produzieren. Das Proletariat wird aber
einmal eine Stufe der Macht und Einsicht erreichen, bei der es
sich den Druck des ganzen sozialen Gebäudes, das fortwährend auf
seinen Schultern ruht, nicht mehr wird gefallen lassen, wo es
eine gleichmäßigere Verteilung der sozialen Lasten und Rechte
verlangen wird; und dann wird - wenn sich die menschliche Natur
bis dahin nicht ändert - eine soziale Revolution nicht zu vermei-
den sein.
Dies ist eine Frage, auf die unsere Ökonomen bis jetzt noch gar
nicht eingegangen sind. Sie kümmern sich nicht um die Verteilung,
sondern bloß um die Erzeugung des Nationalreichtums. Wir wollen
indes für einen Augenblick davon abstrahieren, daß, wie eben be-
wiesen, eine soziale Revolution überhaupt schon die Folge der
Konkurrenz ist; wir wollen einmal die einzelnen Formen, unter
denen die Konkurrenz auftritt, die verschiedenen ökonomischen
Möglichkeiten für Deutschland betrachten und sehen, was die Folge
einer jeden sein muß.
Deutschland -, oder genauer zu sprechen, der deutsche Zollverein
[142], hat für den Augenblick einen Juste-milieu-Zolltarif. Un-
sere Zölle sind zu wirklichen Schutzzöllen zu niedrig, zur Han-
delsfreiheit zu hoch. So sind drei Dinge möglich: Entweder gehen
wir zur vollständigen Handelsfreiheit über,
#551# Zwei Reden in Elberfeld - II
-----
oder wir schützen unsere Industrie durch hinreichende Zölle, oder
wir bleiben bei dem jetzigen System. Sehen wir die einzelnen
Fälle an.
Wenn wir die H a n d e l s f r e i h e i t proklamieren und un-
sere Zölle auf heben, so ist unsere gesamte Industrie mit Aus-
nahme weniger Zweige ruiniert. Von Baumwollspinnerei, von mecha-
nischer Weberei, von den meisten Zweigen der Baumwollen- und Wol-
lenindustrie, von bedeutenden Branchen der Seidenindustrie, von
beinahe der ganzen Eisengewinnung und Eisenverarbeitung kann
d a n n keine Rede mehr sein. Die in allen diesen Zweigen plötz-
lich brotlos gewordenen Arbeiter würden in Masse auf den Ackerbau
und die Trümmer der Industrie geworfen werden, der Pauperismus
würde überall aus dem Boden wachsen, die Zentralisation des Be-
sitzes in den Händen weniger würde durch eine solche Krisis be-
schleunigt werden, und nach den Vorgängen in Schlesien zu urtei-
len, wäre die Folge dieser Krisis notwendig eine soziale Revolu-
tion.
Oder wir verschaffen uns S c h u t z z ö l l e. Diese sind neu-
erdings die Schoßkinder unserer meisten Industriellen geworden
und verdienen daher nähere Betrachtung. Herr List hat die Wünsche
unserer Kapitalisten in ein System gebracht [143], und an dieses
von ihnen ziemlich allgemein als Credo anerkannte System will ich
mich halten. Herr List schlägt allmählich steigende Schutzzölle
vor, die endlich hoch genug werden sollen, daß sie den Fabrikan-
ten den inländischen Markt sichern; dann sollen sie eine Zeitlang
auf dieser Höhe bleiben und dann allmählich wieder erniedrigt
werden, so daß endlich, nach einer Reihe von Jahren, aller Schutz
aufhört. Nehmen wir einmal an, dieser Plan werde ausgeführt, die
steigenden Schutzzölle seien dekretiert. Die Industrie wird sich
heben, das noch müßige Kapital wird sich auf industrielle Unter-
nehmungen werfen, die Nachfrage nach Arbeitern und mit ihr der
Lohn wird steigen, die Armenhäuser leeren sich, es tritt ein al-
lem Anscheine nach höchst blühender Zustand ein. Dies dauert so-
lange, bis unsre Industrie ausgedehnt genug ist, um den heimi-
schen Markt zu versorgen. Weiter kann sie sich nicht ausdehnen,
denn da sie den h e i m i s c h e n Markt ohne Schutz nicht be-
haupten kann, so wird sie noch viel weniger auf neutralen Märkten
gegen die auswärtige Konkurrenz etwas ausrichten. Jetzt, meint
Herr List, würde indes die inländische Industrie schon stark ge-
nug sein, um weniger Schutz zu bedürfen, und die Herabsetzung
könne anfangen. Geben wir dies für einen Augenblick zu. Die Zölle
werden erniedrigt. Wenn nicht bei der ersten, so tritt doch ganz
gewiß bei der zweiten oder dritten Zollherabsetzung eine solche
Verringerung des Schutzes ein, daß die auswärtige - sagen wir ge-
radezu die englische Industrie auf dem deutschen Markte mit uns-
rer eignen konkurrieren kann. Herr List wünscht dies selbst.
#552# Friedrich Engels
-----
Was werden aber die Folgen davon sein? Die deutsche Industrie hat
von diesem Augenblicke an alle Schwankungen, alle Krisen der eng-
lischen mit auszuhalten. Sobald die überseeischen Märkte mit eng-
lischen Waren überfüllt sind, werden die Engländer, gerade wie
sie es jetzt tun, und wie Herr List es mit vieler Rührung schil-
dert, ihre sämtlichen Vorräte auf den deutschen Markt, den näch-
sten zugänglichen, werfen und so den Zollverein wieder zu ihrem
"Trödelmagazin" machen. Dann wird die englische Industrie sich
bald wieder erheben, weil sie die ganze Welt zum Markte hat, weil
die ganze Welt ihrer nicht entbehren kann, während die deutsche
nicht einmal für ihren eignen Markt unentbehrlich ist, während
sie in ihrem eignen Hause die Konkurrenz der Engländer fürchten
muß und an dem Überfluß der während der Krisis ihren Abnehmern
zugeworfenen englischen Waren laboriert. Dann wird unsre Indu-
strie alle schlechten Perioden der englischen bis auf die Hefen
zu kosten haben, während sie an den Glanzperioden dieser letzte-
ren nur bescheidenen Anteil nehmen kann - kurz, dann werden wir
gerade so weit sein, wie wir jetzt sind. Und damit wir gleich das
Endresultat bekommen, dann wird derselbe gedrückte Zustand ein-
treten, in welchem jetzt die halbgeschützten Zweige sich befin-
den, dann wird ein Etablissement nach dem ändern eingehen, ohne
daß neue entstehen, dann werden unsre Maschinen veralten, ohne
daß wir imstande sein werden, sie durch neue, verbesserte zu er-
setzen, dann wird der Stillstand in einen Rückschritt sich ver-
wandeln und nach Herrn Lists eigner Behauptung ein Industriezweig
nach dem ändern verkommen und endlich ganz eingehen. Dann aber
haben wir ein zahlreiches Proletariat, das durch die Industrie
geschaffen wurde und nun keine Lebensmittel, keine Arbeit hat;
und dann, m[eine] H[erren], wird dies Proletariat mit der Forde-
rung an die besitzende Klasse treten, beschäftigt und ernährt zu
werden.
Das wird der Fall sein, wenn die Schutzzölle herabgesetzt werden.
Nehmen wir nun an, sie würden nicht herabgesetzt, sie blieben
stehen, und man wollte abwarten, daß die Konkurrenz der inländi-
schen Fabrikanten unter sich sie illusorisch mache, um sie dann
herabzusetzen. Die Folge hiervon wird sein, daß die deutsche In-
dustrie, sobald sie imstande ist, den heimischen Markt vollstän-
dig zu versorgen, stillsteht. Neue Etablissements sind nicht nö-
tig, da die bestehenden für den Markt ausreichen und an neue
Märkte, wie schon oben gesagt, nicht zu denken ist, solange man
überhaupt des Schutzes bedarf. Aber eine Industrie, deren A u s-
d e h n u n g nicht fortschreitet, kann sich auch nicht v e r-
v o l l k o m m n e n. Wie nach außen, wird sie nach innen
stationär. Die Verbesserung der Maschinerie existiert für sie
nicht. Die alten Maschinen kann man doch nicht wegwerfen, und für
die neuen finden sich keine
#553# Zwei Reden in Elberfeld - II
-----
neuen Etablissements, in denen sie Anwendung finden könnten. An-
dre Nationen schreiten indes voran, und der Stillstand unsrer In-
dustrie wird wieder ein Rückschritt. Bald werden die Engländer
durch ihren Fortschritt befähigt sein, so wohlfeil zu produzie-
ren, daß sie mit unsrer zurückgebliebenen Industrie t r o t z
des Schutzzolls auf unsrem eignen Markte konkurrieren können, und
da im Kampf der Konkurrenz, wie in jedem ändern Kampf, der Stär-
kere siegt, so ist unsre endliche Niederlage gewiß. Dann tritt
derselbe Fall ein, von dem ich eben sprach: das künstlich er-
zeugte Proletariat wird von den Besitzenden etwas verlangen, was
sie, solange sie exklusiv Besitzende bleiben wollen, nicht lei-
sten können, und die soziale Revolution tritt ein.
Jetzt ist noch ein Fall möglich, nämlich der sehr unwahrscheinli-
che, daß es uns Deutschen durch die Schutzzölle gelingen werde,
unsre Industrie dahin zu bringen, daß sie ohne Schutz gegen die
Engländer konkurrieren könne. Nehmen wir an, dies sei der Fall;
was wird die Folge davon sein? Sobald wir anfangen, den Englän-
dern auf auswärtigen, neutralen Märkten Konkurrenz zu machen, so
wird sich ein Kampf auf Tod und Leben zwischen unsrer und der
englischen Industrie erheben. Die Engländer werden alle ihre
Kräfte aufbieten, um uns aus den bisher von ihnen versorgten
Märkten entfernt zu halten, sie müssen es, weil sie hier an ihrer
Lebensquelle, an dem gefährlichsten Punkt angegriffen werden. Und
mit all den Mitteln, die ihnen zu Gebote stehen, mit all den Vor-
teilen einer hundertjährigen Industrie, wird es ihnen gelingen,
uns zu schlagen. Sie werden unsre Industrie auf unsren eignen
Markt beschränkt halten und sie dadurch stationär machen - und
dann tritt derselbe Fall ein, der eben entwickelt wurde, wir
bleiben stehen, die Engländer schreiten vorwärts, und unsre Indu-
strie ist bei ihrem unvermeidlichen Verfall nicht imstande, das
durch sie künstlich erzeugte Proletariat zu ernähren -, die so-
ziale Revolution tritt ein.
Gesetzt aber, wir besiegten die Engländer auch auf neutralen
Märkten, wir rissen einen ihrer Abzugskanäle nach dem ändern an
uns -, was hätten wir in diesem so gut wie unmöglichen Fall ge-
wonnen? Im glücklichsten Fall würden wir dann die industrielle
Karriere, die England uns vorgemacht hat, noch einmal durchmachen
und über kurz oder lang da ankommen - wo England jetzt steht -
nämlich am Vorabende einer sozialen Revolution. Aller Wahrschein-
lichkeit nach würde es aber solange gar nicht dauern. Durch die
fortwährenden Siege der deutschen Industrie würde die englische
notwendig ruiniert und die ohnehin den Engländern bevorstehende
massenhafte Erhebung des Proletariats gegen die besitzenden Klas-
sen nur beschleunigt. Die schnell eintretende Brotlosigkeit würde
die englischen Arbeiter zur Revolution treiben, und wie die Dinge
jetzt stehen, würde eine solche soziale
#554# Friedrich Engels
-----
Revolution auf die Länder des Kontinents, namentlich Frankreich
und Deutschland, eine ungeheure Rückwirkung ausüben, die um so
stärker werden müßte, je mehr durch die forcierte Industrie in
Deutschland ein künstliches Proletariat erzeugt worden wäre. Eine
solche Umwälzung würde sogleich europäisch werden und die Träume
unsrer Fabrikanten von einem industriellen Monopol Deutschlands
sehr unsanft stören. Daß aber eine englische und eine deutsche
Industrie friedlich nebeneinander bestehen könnten, das macht
schon die Konkurrenz unmöglich. Eine jede Industrie muß, ich wie-
derhole es, fortschreiten, um nicht zurückzubleiben und unterzu-
gehen, sie muß sich ausdehnen, neue Märkte erobern, fortwährend
durch neue Etablissements vergrößert werden, um fortschreiten zu
können. Da aber, seitdem China offen steht [144], keine neuen
Märkte mehr erobert werden, sondern nur die bestehenden besser
ausgebeutet werden können, da also die Ausdehnung der Industrie
in Zukunft langsamer gehen wird als bisher, so kann England jetzt
noch viel weniger einen Konkurrenten dulden, als dies bisher der
Fall war. Es muß, um seine Industrie vor dem Untergange zu schüt-
zen, die Industrie aller ändern Länder darniederhalten; die Be-
hauptung des industriellen Monopols ist für England nicht mehr
eine bloße Frage des größeren oder geringeren Gewinns, sie ist
eine L e b e n s f r a g e geworden. Der Kampf der Konkurrenz
zwischen Nationen ist ohnehin schon viel heftiger, viel entschei-
dender als der zwischen Individuen, weil es ein konzentrierterer
Kampf, ein Kampf von Massen ist, den nur der entschiedene Sieg
des einen und die entschiedene Niederlage des ändern Teils endi-
gen kann. Und darum würde auch ein solcher Kampf zwischen uns und
den Engländern, mag sein Resultat
sein, wie es will, weder für unsre, noch für die englischen Indu-
striellen von Vorteil sein, sondern nur, wie ich eben entwic-
kelte, eine soziale Revolution nach sich ziehen.
Wir haben demnach gesehen, m[eine] H[erren], was Deutschland
sowohl von der Handelsfreiheit wie von dem Schutzsystem in allen
möglichen Fällen zu erwarten hat. Wir hätten nur noch eine ökono-
mische Möglichkeit vor uns, nämlich den Fall, daß wir bei den
jetzt bestehenden Juste-milieu-Zöllen blieben. Wir haben aber
schon oben gesehen, was die Folgen davon sein würden. Unsere In-
dustrie müßte, ein Zweig nach dem andern, zugrunde gehen, die In-
dustriearbeiter würden brotlos werden, und wenn die Brotlosigkeit
bis auf einen gewissen Grad gediehen, in einer Revolution gegen
die besitzenden Klassen losbrechen.
Sie sehen also, m[eine] H[erren], auch im einzelnen das bestä-
tigt, was ich im Anfange allgemein, von der Konkurrenz überhaupt
ausgehend, entwickelte -, nämlich, daß die unvermeidliche Folge
unserer bestehenden
#555# Zwei Reden in Elberfeld - II
-----
sozialen Verhältnisse unter allen Bedingungen und in allen Fällen
eine s o z i a l e R e v o l u t i o n sein wird. Mit dersel-
ben Sicherheit, mit der wir aus gegebenen mathematischen Grund-
sätzen einen neuen Satz entwickeln können, mit derselben Sicher-
heit können wir aus den bestehenden ökonomischen Verhältnissen
und den Prinzipien der Nationalökonomie auf eine bevorstehende
soziale Revolution schließen. Sehen wir uns indes diese Umwälzung
einmal etwas näher an; in welcher Gestalt wird sie auftreten, was
werden ihre Resultate sein, worin wird sie sich von den bisheri-
gen gewaltsamen Umwälzungen unterscheiden? Eine soziale Revolu-
tion, m[eine] H[erren], ist ganz etwas anderes als die bisherigen
politischen Revolutionen; sie geht nicht, wie diese, gegen das
Eigentum des Monopols, sondern gegen das Monopol des Eigentums;
eine soziale Revolution, m[eine] H[erren], das ist d e r
o f f e n e K r i e g d e r A r m e n g e g e n d i e
R e i c h e n. Und solch ein Kampf, in dem alle die Triebfedern
und Ursachen unverhohlen und offen zu ihrer Wirkung kommen, die
in den bisherigen historischen Konflikten dunkel und versteckt
zum Grunde lagen, solch ein Kampf droht allerdings heftiger und
blutiger werden zu wollen als alle seine Vorgänger. Das Resultat
dieses Kampfes kann ein zweifaches sein. Entweder greift die sich
empörende Partei nur die Erscheinung, nicht das Wesen, nur die
Form, nicht die Sache selbst an, oder sie geht auf die Sache
selbst ein und faßt das Übel bei der Wurzel selbst an. Im ersten
Falle wird man das Privateigentum bestehen lassen und nur anders
verteilen, so daß die Ursachen bestehen bleiben, welche den jet-
zigen Zustand herbeigeführt haben und über kurz oder lang wieder
einen ähnlichen Zustand und eine neue Revolution herbeiführen
müssen. Aber, m[eine] H[erren], ist dies möglich? Wo finden wir
eine Revolution, die das nicht wirklich durchgesetzt hätte, wovon
sie ausging? Die englische Revolution setzte sowohl die religiö-
sen wie die politischen Grundsätze durch, deren Bekämpfung von
seilen Karls I. sie hervorrief; die französische Bourgeoisie hat
in ihrem Kampfe mit dem Adel und der alten Monarchie alles ero-
bert, was sie wünschte, alle die Mißbräuche abgestellt, die sie
zum Aufstande trieben. Und der Aufstand der Armen sollte eher ru-
hen, bis er die Armut und ihre Ursachen abgeschafft hätte? Es ist
nicht möglich, m[eine] H[erren], es würde gegen alle geschichtli-
che Erfahrung streiten, so etwas anzunehmen. Auch der Bildungs-
stand der Arbeiter, besonders in England und Frankreich, erlaubt
uns nicht, dies für möglich zu halten. Es bleibt also nichts üb-
rig als die andere Alternative, nämlich, daß die zukünftige so-
ziale Revolution auch auf die wirklichen Ursachen der Not und Ar-
mut, der Unwissenheit und des Verbrechens eingehen, daß sie also
eine wirkliche soziale Reform durchsetzen werde. Und dies kann
nur durch die . Proklamation des kommunistischen Prinzips gesche-
hen. Betrachten Sie nur,
#556# Friedrich Engels
-----
m[eine] H[erren], die Gedanken, welche den Arbeiter in den Län-
dern, wo auch der Arbeiter denkt, bewegen; sehen Sie in
Frankreich die verschiedenen Fraktionen der Arbeiterbewegung, ob
sie nicht a l l e kommunistisch sind; gehen Sie nach England
und hören Sie, was für Vorschläge den Arbeitern zur Verbesserung
ihrer Lage gemacht werden - ob sie nicht a l l e auf dem Prin-
zip des gemeinschaftlichen Eigentums beruhen; studieren Sie die
verschiedenen Systeme der sozialen Reform, wie viele von ihnen
Sie finden werden, die nicht kommunistisch sind? Von allen Syste-
men, die heutzutage noch von Bedeutung sind, ist das einzige
nicht kommunistische das von Fourier, der seine Aufmerksamkeit
mehr auf die soziale Organisation der menschlichen Tätigkeit als
auf die Verteilung ihrer Erzeugnisse richtete. Alle diese Tatsa-
chen rechtfertigen den Schluß, daß eine zukünftige soziale Revo-
lution mit der Durchführung des kommunistischen Prinzips endigen
werde, und lassen kaum eine andere Möglichkeit zu.
Sind diese Folgerungen richtig, m[eine] H[erren], ist die soziale
Revolution und der praktische Kommunismus das notwendige Resultat
unserer bestehenden Verhältnisse -, so werden wir uns vor allen
Dingen mit den Maßregeln zu beschäftigen haben, wodurch wir einer
gewaltsamen und blutigen Umwälzung der sozialen Zustände vorbeu-
gen können. Und da gibt es nur ein Mittel, nämlich die friedliche
Einführung oder wenigstens Vorbereitung des Kommunismus. Wollen
wir also nicht die b l u t i g e Lösung des sozialen Problems,
wollen wir nicht den täglich größer werdenden Widerspruch zwi-
schen der Bildung und der Lebenslage unserer Proletarier sich bis
zu der Spitze steigern lassen, wo nach allen unseren Erfahrungen
über die menschliche Natur die brutale Gewalt, die Verzweiflung
und Rachgier diesen Widerspruch lösen wird, dann, m[eine]
H[erren], müssen wir uns ernstlich und unbefangen mit der sozia-
len Frage beschäftigen; dann müssen wir es uns angelegen sein
lassen, das unsrige zur Vermenschlichung der Lage der modernen
Heloten beizutragen. Und wenn vielleicht manchem von Ihnen es
scheinen möchte, als ob die Hebung der bis jetzt erniedrigten
Klassen nicht ohne eine Erniedrigung seiner eigenen Lebenslage
geschehen könnte, so ist doch zu bedenken, daß es sich darum han-
delt, eine solche Lebenslage für a l l e M e n s c h e n zu
schaffen, daß ein jeder seine menschliche Natur frei entwickeln,
mit seinen Nächsten in einem menschlichen Verhältnisse leben kann
und vor keinen gewaltsamen Erschütterungen seiner Lebenslage sich
zu fürchten braucht; so ist zu bedenken, daß dasjenige, was ein-
zelne aufopfern sollen, nicht ihr wahrhaft menschlicher Lebensge-
nuß, sondern nur der durch unsere schlechten Zustände erzeugte
Schein des Lebensgenusses ist, etwas, was wider die eigne Ver-
nunft und das eigne Herz derer geht, die sich jetzt dieser
scheinbaren
#557# Zwei Reden in Elberfeld - II
-----
Vorzüge erfreuen. Das wahrhaft menschliche Leben mit allen seinen
Bedingungen und Bedürfnissen wollen wir so wenig zerstören, daß
wir es im Gegenteil erst recht herzustellen wünschen. Und wenn
Sie, auch abgesehen davon, nur einmal recht bedenken wollen, auf
was unser jetziger Zustand in seinen Folgen hinauslaufen muß, in
welches Labyrinth von Widersprüchen und Unordnungen er uns führt
-, dann, m[eine] H[erren], werden Sie es gewiß der Mühe wert fin-
den, die soziale Frage ernsthaft und gründlich zu studieren. Und
wenn ich Sie dazu veranlassen kann, so ist der Zweck meines Ver-
trags vollständig erreicht.
Vorgetragen in Elberfeld
am 8. und 15. Februar 1845.
"'Rheinische Jahrbücher
zur gesellschaftlichen Reform", 1845.
Erster Band, S. 45-62 und 71-81.
zurück