Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846


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       [Friedrich Engels]
       
       Das kürzliche Gemetzel in Leipzig - Die deutsche Arbeiterbewegung
       
       ["The Northern Star" Nr. 409 vom 13. September 1845]
       Das Gemetzel  in Leipzig  [145], das  Sie in Ihrer letzten Nummer
       kommentiert und  über das Sie vor einigen Wochen einen ausführli-
       chen Bericht  gebracht haben, beschäftigt noch immer die Aufmerk-
       samkeit der  deutschen Zeitungen. Dieses Gemetzel, das an Nieder-
       tracht nur  von der Peterloo-Metzelei [146] übertroffen wird, ist
       bei weitem der schändlichste Schurkenstreich, den der Militärdes-
       potismus in unserem Lande je ersonnen hat. Als das Volk rief: "Es
       lebe Ronge,  nieder mit dem Papsttum", versuchte Prinz Johann von
       Sachsen, nebenbei bemerkt, einer von unseren vielen reimenden und
       bücherschreibenden Prinzen,  der eine  sehr schlechte Übersetzung
       der "Hölle" [147] des italienischen Dichters Dante veröffentlicht
       hat -  dieser "höllische" Übersetzer also versuchte, seinem lite-
       rarischen Ruf  militärischen Ruhm  hinzuzufügen,  indem  er  eine
       höchst heimtückische  Kampagne gegen  die unbewaffneten Massen in
       die Wege leitete. Er befahl dem von der Obrigkeit herbeigerufenen
       Schützenbataillon, sich  in mehrere  Abteilungen aufzuteilen  und
       die Zugänge  zu dem  Hotel zu besetzen, in dem seine literarische
       "königliche Hoheit"  ihr Hauptquartier  aufgeschlagen hatte.  Die
       Soldaten gehorchten,  sie preßten  die Menschen  in einem kleinen
       Ring zusammen und gingen in der Richtung auf den Hoteleingang ge-
       gen sie  vor; und  dieses unvermeidliche  Eindringen der Leute in
       den geheiligten  Eingang der  königlichen Residenz, das durch die
       von Prinz  Johann befohlene militärische Handlung verursacht wor-
       den war  -, eben  dieser Umstand  wurde zum Vorwand genommen, auf
       die Menschen  zu schießen;  mit eben diesem Umstand haben die Re-
       gierungszeitungen die  Schießerei zu  rechtfertigen versucht! Das
       ist noch  nicht alles; die Menschen wurden zwischen den einzelnen
       Abteilungen zusammengedrängt, und der Plan seiner königlichen Ho-
       heit wurde durch ein
       
       #559# Das kürzliche Gemetzel in Leipzig
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       Kreuzfeuer auf  die wehrlosen  Massen ausgeführt;  wohin sie sich
       auch wandten, wurden sie von wiederholten Gewehrsalven empfangen;
       und hätten  nicht die  Soldaten, die menschlicher waren als Prinz
       Johann, zumeist  über die Köpfe der Menschen geschossen, hätte es
       ein fürchterliches  Blutbad gegeben.  Die  Empörung,  die  dieser
       Schurkenstreich hervorgerufen  hat, ist  allgemein; die loyalsten
       Untertanen, die  wärmsten Anhänger der gegenwärtigen Ordnung tei-
       len sie und wenden sich mit Abscheu gegen diese Vorgänge. Die Sa-
       che wird  eine sehr  starke Wirkung  in Sachsen  haben, dem  Teil
       Deutschlands, der  mehr als  alle anderen  stets eine Neigung zum
       R e d e n   an den Tag gelegt hat, während Taten bitter nötig wa-
       ren. Die  Sachsen, mit ihrer kleinen konstitutionellen Regierung,
       mit ihrem  schwatzenden Parlament,  ihren liberalen Abgeordneten,
       liberalen und aufgeklärten Pfaffen etc., waren in Norddeutschland
       die Vertreter des gemäßigten Liberalismus, des deutschen Whiggis-
       mus, und  bei alledem mehr die Sklaven des Königs von Preußen als
       die Preußen  selbst. Was  die preußische Regierung auch immer be-
       schloß, mußte  das sächsische Ministerium ausführen; ja, kürzlich
       hat sich  die preußische Regierung nicht einmal die Mühe gemacht,
       sich an das sächsische Ministerium zu wenden, sondern wandte sich
       direkt an  die unteren sächsischen Behörden, als ob es sich nicht
       um sächsische,  sondern um ihre eigenen Beamten handelte! Sachsen
       wird von  Berlin regiert, nicht von Dresden! Und bei ihrem ganzen
       Reden und  Prahlen wissen  die Sachsen sehr gut, daß die bleierne
       Hand Preußens schwer genug auf ihnen lastet. All diesem Reden und
       Prahlen, all  diesem Eigendünkel  und dieser Selbstzufriedenheit,
       das die  Sachsen zu einer besonderen, gegen Preußen in Opposition
       stehenden Nation  machen möchte etc., wird das Leipziger Gemetzel
       ein Ende  bereiten. Die  Sachsen müssen  jetzt einsehen,  daß sie
       sich unter der gleichen Militärherrschaft befinden wie alle ande-
       ren Deutschen, und daß trotz aller Verfassung, liberalen Gesetze,
       liberalen Zensur  und liberalen  Reden des Königs das Kriegsrecht
       das einzige  Recht ist,  das in ihrem kleinen Lande wirklich exi-
       stiert. Und  noch etwas anderes trägt dazu bei, daß diese Leipzi-
       ger Affäre  den Geist  der Rebellion in Sachsen verbreitet: Trotz
       allen Geredes  der sächsischen  Liberalen fängt  die Mehrheit des
       sächsischen Volkes  erst zu  reden an; Sachsen ist ein Industrie-
       land, und  unter seinen  Leinewebern,   Strumpfwirkern, Baumwoll-
       spinnern, Spitzenklöpplern,  Kohlen- und  Erzbergleuten  herrscht
       seit undenklichen  Zeiten ein entsetzliches Elend. Die proletari-
       sche Bewegung, die sich seit den schlesischen Aufständen, der so-
       genannten Weberschlacht  im Juni 1844, über ganz Deutschland ver-
       breitet hat,  ist an  Sachsen nicht  spurlos vorübergegangen. Vor
       einiger Zeit  hat es an verschiedenen Orten Unruhen unter den Ar-
       beitern beim
       
       #560# Friedrich Engels
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       Eisenbahnbau und  auch unter  den Kattundruckern  gegeben, und es
       ist mehr  als wahrscheinlich,  daß der  Kommunismus,  obwohl  bis
       jetzt noch keine positiven Beweise dafür angeführt werden können,
       hier ebenso  wie überall  sonst unter  den Arbeitern Fortschritte
       macht; und  wenn die sächsischen Arbeiter das Kampffeld betreten,
       werden sie sich bestimmt nicht mit Gerede zufriedengeben wie ihre
       Arbeitgeber, die liberalen "Bourgeois".
       Lassen Sie  mich Ihre  Aufmerksamkeit etwas mehr auf die Bewegung
       der Arbeiterklasse  in Deutschland lenken. In der vergangenen Wo-
       che haben  Sie unserem Lande in Ihrer Zeitung eine glorreiche Re-
       volution [148] - keine wie die von 1688 - vorausgesagt. Damit ha-
       ben Sie  vollkommen recht,  nur möchte  ich Ihre Äußerung, daß es
       die Jugend  Deutschlands sei,  die eine  solche Änderung zustande
       bringen werde, berichtigen oder vielmehr klarer definieren. Diese
       Jugend darf  man nicht im Bürgertum suchen. Die revolutionäre Tat
       wird in Deutschland aus der Mitte der Arbeiterschaft heraus ihren
       Anfang nehmen.  Eis stimmt,  daß es in unserem Bürgertum eine be-
       trächtliche Anzahl  Republikaner und sogar Kommunisten gibt sowie
       auch junge Menschen, die, wenn es jetzt zu einem allgemeinen Auf-
       stand käme,  in der Bewegung sehr nützlich wären, aber diese Men-
       schen sind  "Bourgeois", Profitmacher,  berufsmäßige Fabrikanten;
       und wer  gibt uns  die Garantie, daß sie nicht durch ihren Beruf,
       durch ihre  soziale Stellung  demoralisiert werden, die sie zwin-
       gen, von der Arbeit anderer Menschen zu leben und die fett werden
       als Blutsauger,  als "Exploiteurs" der Arbeiterklasse? Und sofern
       sie der  Gesinnung nach Proletarier bleiben, obwohl sie dem Beruf
       nach Bourgeois  sind, so  wird ihre Zahl unendlich klein sein, im
       Vergleich zur wirklichen Zahl der Angehörigen des Bürgertums, die
       ihres Interesses  wegen an der bestehenden Ordnung festhalten und
       deren einzige  Sorge es ist, sich die Taschen zu füllen. Glückli-
       cherweise rechnen  wir mit dem Bürgertum überhaupt nicht. Die Be-
       wegung der Proletarier hat sich mit so erstaunlicher Geschwindig-
       keit entwickelt,  daß wir in ein oder zwei Jahren eine glorreiche
       Heerschau über  Demokraten und Kommunisten aus der Arbeiterschaft
       werden abhalten  können -  denn hierzulande  sind Demokratie  und
       Kommunismus, soweit es sich um die Arbeiterklasse handelt, völlig
       identisch. Die schlesischen Weber gaben im Jahre 1844 das Signal;
       die böhmischen  und sächsischen Kattundrucker und Eisenbahnarbei-
       ter, die  Berliner Kattundrucker und tatsächlich die Industriear-
       beiter in  fast allen Teilen Deutschlands antworteten mit Streiks
       und Teilrevolten;  die letzteren  wurden fast immer durch die ge-
       setzlichen Verbote  von Vereinigungen hervorgerufen. Die Bewegung
       hat jetzt  fast das  ganze Land  ergriffen und  nimmt ruhig, aber
       stetig ihren  Fortgang, während  das Bürgertum seine Zeit mit der
       Agitation für "Verfassungen",
       
       #561# Das kürzliche Gemetzel in Leipzig
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       "Preßfreiheit",   "Schutzzölle",    "Deutschkatholizismus"    und
       "protestantische Kirchenreform" verbringt. Obwohl alle diese bür-
       gerlichen Bewegungen  nicht ganz  ohne Verdienste  sind, berühren
       sie die  arbeitenden Klassen  überhaupt nicht; sie haben ihre ei-
       gene Bewegung - a knife-and-fork movement 1*).
       Mehr darüber in meinem nächsten Brief.
       
       Geschrieben zwischen dem 8. und 11. September 1845.
       Aus dem Englischen.
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       1*) eine Kampfbewegung für das tägliche Brot

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