Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846
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[Friedrich Engels]
Geschichte der englischen Korngesetze
["Telegraph für Deutschland" Nr. 193, Dezember 1845]
Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts exportierte England fast
jährlich Getreide und hatte sehr selten eine Zufuhr dieses Le-
bensmittels vom Auslande her nötig. Seit jener Zeit indessen
drehte sich die Sache um. Die unter diesen Umständen notwendiger-
weise niedrigen Preise des Getreides auf der einen und die hohen
Fleischpreise auf der ändern Seite veranlaßten die Verwandlung
vieler Ackerländereien und Viehweiden, während zu gleicher Zeit
die Industrie und mit ihr die Volkszahl durch die Erfindung wich-
tiger Maschinen einen bisher nie gekannten Aufschwung erfuhr. So
wurde England genötigt, zuerst seine Kornausfuhr aufzugeben und
später selbst Korn vom Auslande zu importieren. Der fünfundzwan-
zigjähnge Krieg gegen Frankreich während der Revolution, der die
Zufuhr erschwerte, nötigte England, sich mehr oder weniger auf
seinen eigenen Boden zu beschränken. Die Hindernisse, die der
Krieg den Zufuhren in den Weg legte, hatten dieselben Wirkungen
wie ein Schutzzoll. Die Getreidepreise stiegen, die Grundrente
stieg ebenfalls in den meisten Fällen auf das Doppelte, in eini-
gen Fällen sogar auf das Fünffache des frühern Betrags. Die Folge
davon war, daß ein großer Teil des erst neuerdings in Weide ver-
wandelten Bodens wiederum dem Korn zugewandt wurde. Die Grundbe-
sitzer Englands, die, beiläufig gesagt, aus ein paar hundert
Lords und etwa 60 000 nichtadeligen Baronets und Squiren beste-
hen, wurden durch dieses Steigen ihrer Einkünfte zu einem ver-
schwenderischen Leben und zu einem Wetteifer im Luxus verleitet,
dem sehr bald auch ihre gesteigerten Renten nicht mehr genügten.
In kurzer Zeit lasteten schwere Schulden auf den Gütern. Als der
Friede 1814 die Einfuhrhindernisse beseitigte, die Kornpreise
fielen und die Pächter bei ihrem hohen Zins die Produktionskosten
ihres Korns nicht mehr realisieren konnten, waren nur zwei Aus-
wege möglich. Entweder die Herabsetzung des Grundzinses durch die
Gutsbesitzer oder die Ersetzung des faktischen durch einen wirk-
lichen Schutzzoll. Die Grundbesitzer, die außer ihrer Herrschaft
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im Oberhause und im Ministerium auch noch (vor der Reformbill
[79]) eine ziemlich unumschränkte Macht im Unterhause besaßen,
wählten natürlich das Letztere und führten 1815 unter dem Wutge-
schrei der Mittelklassen und des damals noch von ihnen geleiteten
Volks und unter dem Schütze der Bajonette die Korngesetze durch.
Das erste Korngesetz von 1815 verbot die Korneinfuhr geradezu,
solange der Kornpreis in England unter 80 Shilling per Quarter
blieb. Zu diesem Preise und darüber 1*) wurde das fremde Korn
frei eingelassen. Dieses Gesetz entsprach aber weder den Interes-
sen der industriellen noch der ackerbautreibenden Bevölkerung und
wurde 1822 etwas modifiziert. Diese Modifikation indessen trat
nie in praktische Wirkung, da während der nächsten Jahre die
Preise immer niedrig blieben und nie die Höhe erreichten, bei
welcher fremdes Korn zugelassen wurde. Trotz aller Verbesserungen
des Gesetzes und trotz der Untersuchungen mehrerer Parlaments-Ko-
mitees kamen die Pächter nicht zu ihren Produktionskosten, und so
erfanden endlich Huskisson und Canning die berühmte sliding-
scale[170], welche von ihren Nachfolgern im Ministerium zum Ge-
setz erhoben wurde. Nach dieser stieg der Einfuhrzoll mit dem
Fallen und fiel mit dem Steigen der Kornpreise im Inlande. Hier-
durch sollte der englische Pächter einen so hohen und konstanten
Kornpreis gesichert erhalten, daß er seinen hohen Grundzins be-
quem entrichten könnte. Aber auch dieses half nichts. Das System
wurde immer unhaltbarer, die Mittelklassen, die seit der Reform-
bill im Unterhause herrschten, wurden mehr und mehr gegen die
Korngesetze eingenommen, und Sir Robert Peel war bereits ein Jahr
nach seinem Eintritt ins Ministerium genötigt, die Zollsätze zu
erniedrigen.
Inzwischen hatte sich die Opposition gegen die Korngesetze orga-
nisiert. Die industrielle Mittelklasse, die durch die Verteuerung
des Korns gezwungen worden, ihren Arbeitern höhere Löhne zu zah-
len, entschloß sich, alles aufzubieten, um diese ihr gehässigen
Gesetze - die letzten Spuren der alten Herrschaft des Agrikultur-
Interesses, die zugleich dem Auslande die Konkurrenz mit der eng-
lischen Industrie erleichtert - um jeden Preis abzuschaffen. Ge-
gen Ende des Jahres 1838 stifteten einige der ersten Fabrikanten
Manchesters eine Anti-Korngesetz-Assoziation, die sich bald in
der Umgegend wie in anderen Fabrikbezirken ausdehnte, den Namen
Anti-Korngesetz-League annahm, Subskriptionen eröffnete, ein
Journal (Anti-Bread-Tax-Circular [171]) gründete, bezahlte Volks-
redner von einem Orte zum ändern sandte und alle in England übli-
chen Mittel der Agitation zur Erreichung ihres Zweckes aufwandte.
Die Anti-Korngesetz-League zeichnete
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1*) im Original: darunter
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sich während der ersten Jahre ihres Bestehens, die in eine vier-
jährige Geschäftsstockung fielen, durch ein äußerst heftiges Auf-
treten aus. Als aber mit dem Anfang des Jahres 1842 die Ge-
schäftsstockung sich in eine entschiedene Handelskrise verwan-
delte, welche die arbeitende Klasse des Landes in das schauder-
hafteste Elend stürzte, wurde die Anti-Korngesetz-League ent-
schieden revolutionär. Ihr Motto wurde der Spruch des Jeremias:
"Den das Schwert schlägt, der ist besser daran, als der, der vom
Hunger geschlagen wird"; ihr Journal forderte das Volk mit deut-
lichen Worten zur Empörung auf und drohte den Grundbesitzern mit
"der Pick und der Brandfackel". Ihre wandernden Agitatoren durch-
zogen das ganze Land und predigten in einer Sprache, die der des
Journals nichts nachgab. Meetings folgten auf Meetings, Petitio-
nen über Petitionen ans Parlament wurden verbreitet, und als die-
ses seine Sitzungen eröffnete, versammelte sich zu gleicher Zeit
in der unmittelbaren Nähe des Parlamentsgebäudes ein Kongreß von
Deputierten der League. Als Peel trotz alledem die Korngesetze
nicht abschaffte, sondern nur modifizierte, erklärte dieser Kon-
greß:
"Das Volk habe von der Regierung nichts mehr zu erwarten; es
müsse sich nur auf sich selbst verlassen; die Räder der Regie-
rungsmaschine müßten mit einem Male und auf der Stelle stillge-
setzt werden; die Zeit zum Sprechen sei vorüber, die Zeit zum
Handeln sei gekommen; man hoffe, das Volk werde nicht ferner zum
Vorteil einer schwelgenden Aristokratie verhungern wollen, und
wenn alles nichts helfe, so gäbe es noch ein Mittel, wodurch die
Regierung zur Nachgiebigkeit gezwungen werden könne; man müsse"
(erklärte dieser aus den ersten Fabrikanten und Munizipalbeamten
großer Fabrikstädte des Landes bestehende Kongreß) "das Volk auf
die Ackerbaubezirke werfen, die allen Pauperismus erzeugt hätten;
aber das Volk dürfe nicht dorthin gehen wie ein Haufe demütiger
'Paupers', sondern als wenn es sich 'bei einem Todfeinde einzu-
quartieren hätte'."
Dieses große Mittel der Fabrikanten, wodurch sie in 24 Stunden
eine Versammlung von 500 000 Menschen auf der Rennbahn von Man-
chester zusammenbringen und eine Insurrektion gegen die Kornge-
setze ins Leben rufen wollten, bestand in der S c h l i e s-
s u n g i h r e r F a b r i k e n.
["Telegraph für Deutschland" Nr. 194, Dezember 1845]
Im Juli fing das Geschäft an sich zu bessern. Es kamen vermehrte
Aufträge ein, und die Fabrikanten merkten, daß die Krisis sich
ihrem Ende nahe. Noch war das Volk indes aufgeregt und das Elend
allgemein; aber wenn etwas geschehen sollte, so war es hohe Zeit.
Plötzlich also setzte ein Fabrikant in
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Stalybridge in einem Augenblick, wo ein Steigen des Lohnes wegen
des verbesserten Geschäfts zu erwarten gewesen wäre, den Lohn
seiner Arbeiter herunter und zwang sie dadurch zu feiern, um ih-
ren Lohn aufrechtzuerhalten. Die Arbeiter, denen auf diese Weise
das Signal zur Insurrektion gegeben war, setzten sämtliche Fabri-
ken der Stadt und Umgegend still, was ihnen leicht gelang, da die
Fabrikanten (alle Mitglieder der Anti-Corn-Law League) ihnen ge-
gen ihre Gewohnheit durchaus keinen Widerstand leisteten. Sie
hielten Versammlungen, in denen die Fabrikanten selbst präsidier-
ten und die Aufmerksamkeit des Volks auf die Korngesetze zu lei-
ten suchten. Am 9. August 1842, vier Tage nach Ausbruch der In-
surrektion, zogen die Arbeiter nach Manchester, wo sie durchaus
keinen Widerstand fanden und sämtliche Fabriken stillsetzten. Der
einzige Fabrikant, der sich ihnen widersetzte, war ein Konserva-
tiver und ein Feind der League. Die Insurrektion verbreitete sich
über sämtliche Fabrikdistrikte; nirgends setzten ihnen die
städtischen Behörden (von denen bekanntlich bei dergleichen
Fällen in England a l l e s abhängt), die sämtlich Mitglieder
der Anti-Korn[gesetz]-League waren, Widerstand entgegen. Bis
hierher ging der League a l l e s nach Wunsch. Aber sie hatten
sich in einem Punkt verrechnet. Das Volk, welches sie in die
Insurrektion hineingejagt hatten, um die Abschaffung der
Korngesetze zu erzwingen, kümmerte sich nicht im geringsten um
diese Gesetze. Es verlangte den Lohn von 1840 und die Volks-
Charte [172]. Sobald die League dies merkte, wandte sie sich
gegen ihre Bundesgenossen. Ihre sämtlichen Glieder ließen sich
als Special Constabler einschwören und bildeten eine neue Armee
zur Unterdrückung der Insurrektion und im Dienste der ihnen
feindlichen Regierung. Die unfreiwillige Insurrektion des Volkes,
das zu einer solchen noch gar nicht vorbereitet war, wurde bald
überwunden; die Korngesetze blieben vor wie nach bestehen, und
sowohl die Mittelklasse als das Volk waren um eine Lehre reicher
geworden. Die Anti-Korngesetz-League, um einen eklatanten Beweis
zu geben, daß sie durch die verfehlte Insurrektion nicht aufs
Haupt geschlagen sei, eröffnete 1843 einen neuen großartigen
Feldzug mit der Forderung einer Beisteuer von 50 000 Pfund
Sterling an ihre Glieder, welche sie in Jahresfrist überreichlich
zusammenbrachte. Sie begann ihre Agitationen von neuem, aber sie
sah sich bald genötigt, sich ein neues Publikum zu suchen. Sie
tat immer damit groß, daß sie von 1843 an in den Fabrikbezirken
nichts mehr zu tun fand und zu den Ackerbaubezirken übergehen
konnte. Die Sache hat aber ihren Haken. Nach der Insurrektion von
1842 durfte sie in den Fabrikdistrikten keine öffentliche
Versammlungen mehr halten, ohne von dem wütenden Volke, das sie
so schmählich verraten hatte, im buchstäblichen Sinne des Worts
geprügelt und mit Schimpf und
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Schande von der Bühne heruntergeworfen zu werden. Wollte sie also
ihre Doktrinen anbringen, so war sie gezwungen, in die Ackerbau-
bezirke zu gehen. Hier hat sie einige wirkliche Verdienste erwor-
ben, indem sie bei den Pächtern eine Art Schamgefühl über ihre
bisherige Abhängigkeit von den Grundbesitzern erweckt und die
ackerbauende Klasse für allgemeinere Interessen zugänglich ge-
macht hat. Im Jahre 1844 schrieb sie, durch den Erfolg ihrer
frühern Subskriptionen ermuntert, eine neue Kontribution von
100 000 Pfund Sterling aus. Am nächsten Tage versammelten sich
die Fabrikanten in Manchester und zeichneten in einer halben
Stunde 12 000 Pfund Sterling. Im November 1844 waren bereits
82 000 Pfund zusammen, von denen 57 000 bereits ausgegeben.
Wenige Monate darauf eröffneten sie in London eine Ausstellung,
die der League ebenfalls enorme Summen eingetragen haben muß.
Wenn wir nun fragen, was die Motive dieser kolossalen Bewegung
gewesen sind, die sich von Manchester aus über ganz England
verbreitet und die ungeheure Majorität der englischen
Mittelklasse mit sich fortgerissen hat, die aber - wir
wiederholen es - bei der Arbeiterklasse auch nicht ein Atom
Sympathie gefunden hat: so erkennen wir zuerst das Pri-
vatinteresse der industriellen und handeltreibenden Mittelklasse
Großbritanniens. Für diese Klasse ist ein System von der größten
Wichtigkeit, das ihr, wie sie wenigstens glaubt, auf ewige Zeiten
das Weltmonopol des Handels und der Industrie sichert, indem es
ihr möglich macht, einen ebenso niedrigen Lohn wie ihre Konkur-
renten zu zahlen und den ganzen Vorzug zu exploitieren, den Eng-
land durch einen achtzigjährigen Vorsprung in der modernen Indu-
strie besitzt. Nach dieser Seite hat also bloß die Mittelklasse
und nicht das Volk Vorteile aus der Abschaffung der Korngesetze.
Zweitens verlangt die Mittelklasse diese Maßregel als ein Supple-
mentargesetz zur Reformbill. Durch die Reformbill, die den Wahl-
zensus einführte und das alte Wahlprivilegium einzelner Indivi-
duen und Korporationen aufhob, war die geldbesitzende Mittel-
klasse dem Prinzip nach zur Herrschaft gekommen; aber in der
Wirklichkeit behielt die Klasse der Grundbesitzer noch eine be-
deutende Übermacht im Parlament, indem sie d i r e k t 143
Grafschaftsmitglieder, i n d i r e k t fast alle Deputierte für
kleine Städte ins Parlament schickt und außerdem noch durch die
torystischen Abgeordneten der Städte mit vertreten wird. Diese
Majorität des Ackerbau-Interesses brachte 1841 Peel und die Torys
ins Kabinett. Die Abschaffung der Korngesetze würde der po-
litischen Macht der Grundbesitzer im Unterhause, d.h. tatsächlich
und der ganzen englischen Legislatur den Todesstoß geben, indem
sie die Pächter von den Grundherren unabhängig machen würde. Sie
würde das Kapital als die höchste Macht Englands proklamieren;
aber zu gleicher Zeit die
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englische Konstitution in ihren Grundfesten erschüttern; einen
wesentlichen Bestandteil des gesetzgebenden Körpers, nämlich die
Grundaristokratie, alles Reichtums und aller Macht berauben und
dadurch von einem anderen größeren Einfluß auf die Zukunft Eng-
lands sein als manche andere politische Maßregel. Wir finden aber
wieder, daß auch von dieser Seite die Abschaffung der Korngesetze
dem Volke keinerlei Vorteil darbiete.
Geschrieben im Herbst 1845.
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