Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846


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       #637#
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       [Vorwort
       zur deutschen Ausgabe von 1892
       der "Lage der arbeitenden Klasse in England"]
       
       Das Buch,  das hiemit dem deutschen Publikum aufs neue zugänglich
       gemacht wird,  erschien zuerst  im Sommer  1845. Im  guten wie im
       schlechten trägt es den Stempel der Jugend des Verfassers. Damals
       hatte ich vierundzwanzig Jahre; heute bin ich dreimal so alt, und
       wie ich  diese Jugendarbeit  wieder durchlese, finde ich, daß ich
       mich ihrer  keineswegs zu  schämen brauche.  Ich denke also nicht
       daran, diesen  Stempel der  Jugendarbeit irgendwie zu verwischen.
       Ich lege  sie dem  Leser unverändert wieder vor. Nur einige nicht
       ganz klare  Stellen habe ich schärfer gefaßt und hier und da eine
       neue, mit  der Jahreszahl  (1892) bezeichnete, kurze Fußnote hin-
       zugesetzt.
       Von den Schicksalen dieses Buches erwähne ich nur, daß es 1885 in
       New York  in englischer  Übersetzung (von  Frau  Florence  Kelley
       Wischnewetzky) erschien  und daß diese Übersetzung 1892 in London
       bei Swan  Sonnenschein & Co. neu aufgelegt wurde. Die Vorrede zur
       amerikanischen Ausgabe liegt der zur englischen, und diese wieder
       dem gegenwärtigen  deutschen Vorwort  zugrund. Die  moderne große
       Industrie gleicht die ökonomischen Verhältnisse aller von ihr er-
       griffnen Länder  in so  riesigem Maße  aus, daß ich dem deutschen
       Leser kaum  etwas andres zu sagen habe als dem amerikanischen und
       englischen.
       Der in diesem Buch beschriebne Stand der Dinge gehört heute - we-
       nigstens was  England angeht - größtenteils der Vergangenheit an.
       Obwohl nicht ausdrücklich in den anerkannten Lehrbüchern mit auf-
       gezählt, ist  es doch  ein Gesetz der modernen politischen Ökono-
       mie, daß,  je mehr die kapitalistische Produktion sich ausbildet,
       desto weniger  sie bestehn  kann bei  den kleinen  Praktiken  der
       Prellerei und Mogelei, die ihre früheren Stufen kennzeichnen. Die
       kleinlichen Schlaumeiereien  des polnischen  Juden, des Repräsen-
       tanten des  europäischen Handels  auf seiner  niedrigsten  Stufe,
       diese selben  Pfiffe, die  ihm in  seiner eignen  Heimat so  vor-
       treffliche Dienste  leisten und  dort allgemein angewandt werden,
       lassen ihn  im Stich,  sobald er  nach Hamburg oder Berlin kommt.
       Desgleichen der  Kommissionär, Jude  oder Christ,  der von Berlin
       oder Hamburg  auf die Börse von Manchester kommt, fand wenigstens
       noch vor  nicht zu langer Zeit dies eine aus: Wollte er Garn oder
       Gewebe wohlfeil
       
       #638# Friedrich Engels
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       kaufen, so  mußte er  vor allem  sich jener, um ein geringes ver-
       feinerten, aber immer noch jammervollen Manöver und Kniffe entle-
       digen, die  in seiner  Heimat für die Spitze aller Geschäftsklug-
       heit galten. Allerdings soll mit dem Fortschritt der großen Indu-
       strie auch  in Deutschland sich  manches geändert haben,  und na-
       mentlich seit  dem industriellen Jena  von Philadelphia sogar der
       altdeutsche Biedermannsgrundsatz  in Verruf kommen:  Es kann  den
       Leuten ja  nur angenehm sein,  wenn wir  ihnen  erst  gute Muster
       schicken und nachher schlechte Ware! Und in der Tat, diese Kniffe
       und Pfiffe bezahlen  sich nicht  mehr in  einem  großen Markt, wo
       Zeit Geld ist und wo eine gewisse Höhe der  kommerziellen Morali-
       tät sich entwickelt,  nicht aus  Tugendschwärmerei,  sondern ein-
       fach, um Zeit und  Mühe nicht  nutzlos zu verlieren.  Und genauso
       ist es in England gegangen im Verhältnis  des Fabrikanten zu sei-
       nen Arbeitern.
       Die Wiederbelebung des Geschäfts nach der Krisis von 1847 war der
       Anbruch einer  neuen industriellen  Epoche. Die  Abschaffung  der
       Korngesetze und die daraus notwendig sich ergebenden weiteren fi-
       nanziellen Reformen schufen der Industrie und dem Handel Englands
       allen erwünschten  Ellbogenraum. Gleich darauf kam die Entdeckung
       der kalifornischen  und australischen  Goldfelder. Die  Kolonial-
       märkte entwickelten  m steigendem  Maß ihre  Absorptionsfähigkeit
       für englische  Industrieprodukte. Der  mechanische  Webstuhl  von
       Lancashire schaffte ein für allemal Millionen indischer Handweber
       aus der  Welt. China  wurde mehr und mehr eröffnet. Vor allen än-
       dern aber entwickelte sich Amerika mit einer selbst für dies Land
       des Riesenfortschritts  unerhörten  Schnelligkeit;  und  Amerika,
       vergessen wir  es nicht,  war damals  eben nur ein Kolonialmarkt,
       und zwar  der größte  von allen,  d.h. ein  Land, das Rohprodukte
       lieferte und Industrieprodukte von außen - hier von England - be-
       zog.
       Zu alledem  kam aber  noch, daß  die neuen, am Schluß der vorigen
       Periode eingeführten  Verkehrsmittel - Eisenbahnen und ozeanische
       Dampfschiffe -  jetzt auf  internationalem  Maßstab  verwirklicht
       wurden und  damit das tatsächlich herstellten, was bisher nur der
       Anlage nach  bestanden hatte:  den   W e l t m a r k t.    Dieser
       Weltmarkt bestand  damals noch aus einer Anzahl von hauptsächlich
       oder  ausschließlich  ackerbauenden  Ländern,  gruppiert  um  ein
       großes Industriezentrum: England. England verbrauchte den größten
       Teil ihrer überschüssigen Rohprodukte und versorgte sie dafür mit
       dem größten  Teil ihres  Bedarfs an  Industrieerzeugnissen.  Kein
       Wunder also,  daß Englands industrieller Fortschritt kolossal und
       unerhört war,  so sehr, daß der Stand von 1844 uns heute als ver-
       gleichsweise unbedeutend und fast waldursprünglich erscheint.
       In demselben Grad aber, worin dieser Fortschritt sich darstellte,
       in demselben  Grad wurde  auch die  große Industrie,  dem äußeren
       Schein nach, moralisch. Die Konkurrenz von Fabrikant gegen Fabri-
       kant, vermittelst  kleiner Diebstähle  an den  Arbeitern,  zahlte
       sich nicht mehr. Das Geschäft war solchen
       
       #639# Lage der arbeitenden Klasse - Vorwort zur dt. Ausgabe 1892
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       miserablen Mitteln  des Geldverdienens  entwachsen; der fabrizie-
       rende Millionär  hatte Beßres zu tun, als seine Zeit zu verlieren
       mit derlei  kleinlichen Kniffen. So etwas war gut genug höchstens
       für kleine  geldbedürftige Leute, die jeden Groschen aufschnappen
       mußten, wollten  sie nicht der Konkurrenz erliegen. So verschwand
       das Trucksystem  aus den  Fabrikbezirken; die Zehnstundenbill und
       eine ganze Reihe kleinerer Reformen ging durch - alles Dinge, die
       dem Geist  des Freihandels  und der  zügellosen Konkurrenz direkt
       ins Gesicht schlugen, die aber ebensosehr die Konkurrenz des Rie-
       senkapitalisten gegen  seine weniger begünstigten Geschäftskolle-
       gen noch überlegner machten.
       Ferner. Je  größer eine  industrielle Anlage, je zahlreicher ihre
       Arbeiter, um  so größer  war der Schaden und der Geschäftsverdruß
       bei jedem  Konflikt mit den Arbeitern. Daher kam mit der Zeit ein
       neuer Geist  über die  Fabrikanten, namentlich  über die größten.
       Sie lernten unnötige Streitereien vermeiden, sich mit dem Bestand
       und der  Macht der  Trades Unions abfinden, und schließlich sogar
       in Strikes  - wenn  nur zur  richtigen  Zeit  eingeleitet  -  ein
       wirksames Mittel  entdecken zur Durchführung ihrer eignen Zwecke.
       So kam  es, daß die größten Fabrikanten, früher die Heerführer im
       Kampf gegen  die Arbeiterklasse, jetzt die ersten waren im Aufruf
       zu Frieden und Harmonie. Und aus sehr guten Gründen.
       Alle diese  Konzessionen an  die Gerechtigkeit  und Menschenliebe
       waren eben  in Wirklichkeit nur Mittel, die Konzentration des Ka-
       pitals in  den Händen  weniger zu beschleunigen und die kleineren
       Konkurrenten zu  erdrücken, die ohne solchen Extraverdienst nicht
       leben konnten.  In den  Händen dieser  wenigen hatten die kleinen
       Nebenerpressungen früherer  Jahre nicht nur alle Wichtigkeit ver-
       loren, sie  waren jetzt  dem Geschäft  auf großem Fuß geradezu im
       Weg. Und  so hat  die Entwicklung der kapitalistischen Produktion
       allein hingereicht,  wenigstens in den leitenden Industriezweigen
       - denn  in den  weniger wichtigen  ist dies keineswegs der Fall -
       alle jene  kleineren Beschwerden  zu beseitigen,  die in  frühern
       Jahren das  Los des  Arbeiters verschlimmerten. Und so tritt mehr
       und mehr  in den Vordergrund die große Haupttatsache, daß die Ur-
       sache des  Elends der Arbeiterklasse zu suchen ist nicht in jenen
       kleinern  Übelständen,   sondern    i m    k a p i t a l i s t i-
       s c h e n   S y s t e m   s e l b s t.  Der Arbeiter verkauft dem
       Kapitalisten seine  Arbeitskraft für eine gewisse tägliche Summe.
       Nach der  Arbeit weniger  Stunden hat  er den  Wert  jener  Summe
       reproduziert. Aber  sein Arbeitsvertrag  lautet dahin, daß er nun
       noch eine  weitere Reihe  von Stunden fortschanzen muß, um seinen
       Arbeitstag voll  zu machen.  Der  Wert  nun,  den  er  in  diesen
       zusätzlichen Stunden der Mehrarbeit produziert, ist Mehrwert, der
       dem Kapitalisten  nichts kostet,  trotzdem aber  in seine  Tasche
       fließt. Dies ist die Grundlage des Systems, das mehr und mehr die
       zivilisierte Gesellschaft  spaltet, einerseits  in einige  wenige
       Rothschilde und  Vanderbilts, die  Eigner aller  Produktions- und
       Unterhaltsmittel, und  andererseits in  eine ungeheure  Menge von
       Lohnarbeitern, Eigner von nichts als ihrer Arbeitskraft.
       
       #640# Friedrich Engels
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       Und daß  dies Ergebnis geschuldet ist nicht diesem oder jenem un-
       tergeordneten Beschwerdepunkt, sondern einzig dem System selbst -
       diese Tatsache ist durch die Entwicklung des Kapitalismus in Eng-
       land heute ins grellste Licht gestellt.
       Ferner. Die  wiederholten Heimsuchungen  durch  Cholera,  Typhus,
       Pocken und  andre Epidemien  haben dem  britischen Bourgeois  die
       dringende Notwendigkeit  eingetrichtert, seine  Städte gesund  zu
       machen, falls  er nicht mit Familie diesen Seuchen zum Opfer fal-
       len will.  Demgemäß sind die in diesem Buch beschriebenen schrei-
       endsten Mißstände heute beseitigt oder doch weniger auffällig ge-
       macht. Die  Kanalisation ist  eingeführt oder  verbessert, breite
       Straßenzüge sind  quer durch  viele der  schlechtesten unter  den
       "schlechten Vierteln"  angelegt. "Klein-Irland" ist verschwunden,
       die "Seven  Dials" kommen  demnächst an die Reihe. Aber was heißt
       das? Ganze  Bezirke, die  ich 1844 noch als fast idyllisch schil-
       dern konnte,  sind jetzt,  mit dem Anwachsen der Städte, herabge-
       fallen in  denselben Stand  des Verfalls, der Unwohnlichkeit, des
       Elends. Die  Schweine und  die Abfallhaufen  duldet man  freilich
       nicht mehr.  Die Bourgeoisie  hat weitere Fortschritte gemacht in
       der Kunst, das Unglück der Arbeiterklasse zu verbergen. Daß aber,
       was die  Arbeiterwohnungen angeht,  kein wesentlicher Fortschritt
       stattgefunden hat,  beweist vollauf  der Bericht  der königlichen
       Kommission "on  the Housing of the Poor" 1*), 1885. Und ebenso in
       allem ändern.  Polizeiverordnungen sind  so häufig  geworden  wie
       Brombeeren; sie  können aber nur das Elend der Arbeiter einhegen,
       beseitigen können sie es nicht.
       Während aber  England dem  von mir  geschilderten Jugendstand der
       kapitalistischen Ausbeutung  entwachsen ist,  haben andre  Länder
       ihn eben  erst erreicht.  Frankreich, Deutschland  und vor  allem
       Amerika sind  die drohenden Rivalen, die, wie ich 1844 vorhersah,
       mehr und  mehr Englands industrielles Monopol brechen. Ihre Indu-
       strie ist jung gegen die englische, aber sie wächst mit weit grö-
       ßrer Geschwindigkeit als diese und ist heute so ziemlich auf der-
       selben Entwicklungsstufe  angekommen, worauf  die englische  1844
       stand. Mit  Beziehung auf  Amerika ist  die  Parallele  besonders
       frappant. Allerdings  sind die äußern Umgebungen für die amerika-
       nische Arbeiterklasse  sehr verschieden,  aber dieselben ökonomi-
       schen Gesetze  sind an der Arbeit, und die Ergebnisse, wenn nicht
       in jeder Beziehung identisch, müssen doch derselben Ordnung ange-
       hören. Daher  finden wir  in Amerika  dieselben Kämpfe  für einen
       kürzeren, gesetzlich  festzustellenden Arbeitstag,  besonders für
       Frauen und Kinder in Fabriken; wir finden das Trucksystem in vol-
       ler Blüte  und das Cottagesystem, in ländlichen Gegenden, von den
       "bosses", den  Kapitalisten und ihren Vertretern, ausgebeutet als
       Mittel der  Arbeiterbeherrschung. Als ich 1886 die amerikanischen
       Zeitungen erhielt  mit den  Berichten über  den großen Strike der
       pennsylvanischen Bergleute im Distrikt von Connelsville,
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       1*) "über die Behausungen der Armen"
       
       #641# Lage der arbeitenden Klasse - Vorwort zur dt. Ausgabe 1892
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       kam es  mir vor,  als läse  ich meine  eigne Schilderung des Aus-
       stands der  Kohlengräber in  Nordengland 1844. Dieselbe Prellerei
       der Arbeiter  durch falsches  Maß; dasselbe Trucksystem; derselbe
       Versuch, den  Widerstand der  Grubenleute zu  brechen  durch  das
       letzte zermalmende  Mittel des  Kapitalisten: die  Ausweisung der
       Arbeiter aus ihren Wohnungen, die der Zechenverwaltung gehören.
       Ich habe weder hier noch in den englischen Ausgaben versucht, das
       Buch dem heutigen Stand der Dinge anzupassen, d. h. die seit 1844
       eingetretenen Änderungen  im einzelnen  aufzuzählen. Und zwar aus
       zwei Gründen.  Erstens hätte ich den Umfang des Buches verdoppeln
       müssen. Und  zweitens gibt der erste Band des Marxschen "Kapital"
       eine ausführliche  Darstellung der  Lage der britischen Arbeiter-
       klasse für  die Zeit von etwa 1865, d. h. die Zeit, wo die briti-
       sche industrielle  Prosperität  ihren  Höhepunkt  erreichte.  Ich
       hätte also das von Marx Gesagte wiederholen müssen.
       Es wird wohl kaum nötig sein zu bemerken, daß der allgemein theo-
       retische Standpunkt  dieses Buchs  - in philosophischer, ökonomi-
       scher und politischer Beziehung - sich keineswegs genau deckt mit
       meinem heutigen  Standpunkt. Im  Jahr 1844 existierte der moderne
       internationale Sozialismus noch nicht, der seitdem, vor allem und
       fast ausschließlich  durch die Leistungen von Marx, zu einer Wis-
       senschaft ausgebildet  worden. Mein  Buch repräsentiert  nur eine
       der Phasen  seiner embryonalen Entwicklung. Und wie der menschli-
       che Embryo in seinen frühesten Entwicklungsstufen die Kiemenbögen
       unserer Vorfahren, der Fische, noch immer reproduziert, so verrät
       dies Buch  überall die  Spuren der Abstammung des modernen Sozia-
       lismus von  einem seiner  Vorfahren -  der deutschen  klassischen
       Philosophie. So wird großes Gewicht gelegt - namentlich am Schluß
       - auf  die Behauptung,  daß der Kommunismus nicht eine bloße Par-
       teidoktrin der  Arbeiterklasse ist,  sondern eine  Theorie, deren
       Endziel ist  die Befreiung  der gesamten  Gesellschaft, mit  Ein-
       schluß der  Kapitalisten, aus  den gegenwärtigen einengenden Ver-
       hältnissen. Dies ist in abstraktem Sinn richtig, aber in der Pra-
       xis meist  schlimmer als nutzlos. Solange die besitzenden Klassen
       nicht nur  kein Bedürfnis  verspüren nach Befreiung, sondern auch
       der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse sich mit allen Kräften wi-
       dersetzen, solange  wird die  Arbeiterklasse nun  einmal genötigt
       sein, die soziale Umwälzung allein einzuleiten und durchzuführen.
       Die französischen Bourgeois von 1789 erklärten auch die Befreiung
       der Bourgeoisie  für die  Emanzipation des  gesamten  Menschenge-
       schlechts; Adel und Geistlichkeit wollten das aber nicht einsehn;
       die Behauptung  - obwohl  damals, soweit der Feudalismus dabei in
       Betracht kam,  eine unleugbare, abstrakte, historische Wahrheit -
       artete bald  aus in  pure sentimentale  Redensart und  verduftete
       gänzlich im  Feuer des  revolutionären Kampfs. Heutzutage gibt es
       auch Leute  genug, die  den Arbeitern  von  der  Unparteilichkeit
       ihres höheren Standpunkts einen über allen Klassengegensätzen und
       Klassenkämpfen erhabenen Sozialismus predigen. Aber sie sind ent-
       weder Neulinge,
       
       #642# Friedrich Engels
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       die noch  massenhaft zu  lernen haben,  oder aber die schlimmsten
       Feinde der Arbeiter, Wölfe im Schafpelz.
       Im Text  wird  die  Kreislaufsperiode  der  großen  industriellen
       Krisen auf fünf Jahre angegeben. Dies war die Zeitbestimmung, die
       sich aus  dem Gang  der Ereignisse  von 1825  bis 1842  scheinbar
       ergab. Die  Geschichte der  Industrie von  1842 bis 1868 hat aber
       bewiesen, daß die wirkliche Periode eine zehnjährige ist, daß die
       Zwischenkrisen sekundärer Natur waren und seit 1842 mehr und mehr
       verschwunden  sind.  Seit  1868  hat  sich  die  Sachlage  wieder
       verändert; darüber weiter unten.
       Ich habe mir nicht einfallen lassen, aus dem Text die vielen Pro-
       phezeiungen zu  streichen, namentlich nicht die einer nahe bevor-
       stehenden sozialen  Revolution in  England, wie meine jugendliche
       Hitze sie  mir damals eingab. Ich habe keinen Anlaß, meine Arbeit
       und mich  selbst besser darzustellen, als wir beide damals waren.
       Das wunderbare  ist, nicht  daß so  viele  dieser  Prophezeiungen
       fehlgingen, sondern  daß so  viele eingetroffen  sind und daß die
       kritische Lage  der englischen  Industrie, infolge  kontinentaler
       und namentlich amerikanischer Konkurrenz, die ich damals in einer
       allerdings viel zu nahen Zukunft voraussah, seitdem wirklich ein-
       getreten ist. In Beziehung auf diesen Punkt bin ich verpflichtet,
       das Buch mit dem heutigen Stand der Dinge in Einklang zu bringen.
       Ich tue es, indem ich hier einen Artikel reproduziere, der in der
       Londoner "Commonweal" vom 1. März 1885 englisch und in der "Neuen
       Zeit" vom Juni desselben Jahres (Heft 6) deutsch erschien.
       "Vor 40 Jahren stand England vor einer Krisis, die zu lösen allem
       Anschein nach  nur die  Gewalt berufen war. Die ungeheure und ra-
       sche Entwicklung der Industrie hatte die Ausdehnung der auswärti-
       gen Märkte und die Zunahme der Nachfrage weit überholt. Alle zehn
       Jahre wurde  der Gang der Produktion gewaltsam unterbrochen durch
       eine allgemeine  Handelskrisis, der,  nach einer  langen  Periode
       chronischer Abspannung,  wenige kurze Jahre der Prosperität folg-
       ten, um  stets wieder zu enden in fieberhafter Überproduktion und
       schließlich in  neuem Zusammenbruch.  Die Kapitalistenklasse ver-
       langte laut  nach Freihandel in Korn und drohte, ihn zu erzwingen
       durch Rücksendung der hungernden Städtebevölkerung in die Landbe-
       zirke, woher  sie kamen;  aber, wie John Bright sagte: 'nicht wie
       Bedürftige, die um Brot betteln, sondern wie eine Armee, die sich
       auf feindlichem  Gebiete einquartiert'.  Die  Arbeitermassen  der
       Städte verlangten  ihren Anteil  an der  politischen Macht  - die
       Volkscharte; sie  wurden unterstützt  von der Mehrzahl der Klein-
       bürger, und  der einzige  Unterschied zwischen beiden war, ob die
       Charte gewaltsam  oder gesetzlich  durchgeführt werden sollte. Da
       kam die  Handelskrisis von  1847 und  die irische Hungersnot, und
       mit beiden die Aussicht auf Revolution.
       Die französische  Revolution von 1848 rettete die englische Bour-
       geoisie. Die sozialistischen Proklamationen der siegreichen fran-
       zösischen Arbeiter  erschreckten das englische Kleinbürgertum und
       desorganisierten die Bewegung
       
       #643# Lage der arbeitenden Klasse - Vorwort zur dt. Ausgabe 1892
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       der englischen  Arbeiter, die innerhalb engerer, aber mehr unmit-
       telbar praktischer Grenzen vor sich ging. Gerade in demselben Au-
       genblick, wo  der Chartismus seine volle Kraft entwickeln sollte,
       brach er  in sich selbst zusammen, schon ehe er am 10. April 1848
       äußerlich zusammenbrach.  Die politische  Tätigkeit der Arbeiter-
       klasse wurde  in den Hintergrund gedrängt. Die Kapitalistenklasse
       hatte auf der ganzen Linie gesiegt.
       Die Parlamentsreform von 1831 war der Sieg der gesamten Kapitali-
       stenklasse über die grundbesitzende Aristokratie. Die Abschaffung
       der Kornzölle  war der Sieg der  i n d u s t r i e l l e n  Kapi-
       talisten nicht nur über den großen Grundbesitz, sondern auch über
       die Fraktionen von Kapitalisten, deren Interessen mehr oder weni-
       ger mit  denen des  Grundbesitzes identisch oder verkettet waren:
       Bankiers, Börsenleute, Rentiers usw. Freihandel bedeutete die Um-
       gestaltung der  gesamten inneren und äußeren Finanz- und Handels-
       politik Englands im Einklang mit den Interessen der industriellen
       Kapitalisten, der Klasse, die jetzt die Nation vertrat. Und diese
       Klasse machte  sich ernstlich  ans Werk.  Jedes Hemmnis der indu-
       striellen Produktion  wurde unbarmherzig  entfernt. Der Zolltarif
       und das  ganze Steuersystem  wurden umgewälzt.  Alles wurde einem
       einzigen Zweck  untergeordnet, aber einem Zweck von der äußersten
       Wichtigkeit für den industriellen Kapitalisten: der Verwohlfeile-
       rung aller Rohstoffe und besonders aller Lebensmittel für die Ar-
       beiterklasse; der Produktion der Rohstoffe und der Niederhaltung,
       wenn auch noch nicht der Herunterbringung des Arbeitslohnes. Eng-
       land sollte  'die Werkstatt der Welt werden'; alle anderen Länder
       sollten für  England werden,  was Irland  schon war  - Märkte für
       seine Industrieprodukte,  Bezugsquellen seiner Rohstoffe und Nah-
       rungsmittel. England,  der große  industrielle Mittelpunkt  einer
       ackerbauenden Welt,  mit einer  stets wachsenden  Zahl  Korn  und
       Baumwolle produzierender  Trabanten, die sich um die industrielle
       Sonne drehen. Welch herrliche Aussicht!
       Die industriellen  Kapitalisten gingen an die Durchführung dieses
       ihres großen  Ziels mit  dem kräftigen, gesunden Menschenverstand
       und der  Verachtung überkommener  Grundsätze, durch  die sie sich
       immer ausgezeichnet  haben vor ihren philisterhafteren Konkurren-
       ten auf dem Kontinent. Der Chartismus war im Aussterben. Die Wie-
       derkehr der  Geschäftsblüte, natürlich  und fast  selbstverständ-
       lich, nachdem der Krach von 1847 sich erschöpft hatte, wurde aus-
       schließlich auf  Rechnung des  Freihandels  geschrieben.  Infolge
       beider Umstände  war die  englische Arbeiterklasse  politisch der
       Schwanz der  'großen liberalen  Partei' geworden, der von den Fa-
       brikanten angeführten  Partei. Diesen  einmal gewonnenen  Vorteil
       galt es zu verewigen. Und aus der heftigen Opposition der Charti-
       sten nicht  gegen den  Freihandel, sondern  gegen die Verwandlung
       des Freihandels in die einzige Lebensfrage der Nation, hatten die
       Fabrikanten begriffen  und begriffen  täglich mehr, daß die Bour-
       geoisie nie  volle soziale und politische Herrschaft über die Na-
       tion erringen kann, außer mit Hülfe der Arbeiterklasse. So verän-
       derte sich allmählich die
       
       #644# Friedrich Engels
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       gegenseitige Haltung der beiden Klassen. Die Fabrikgesetze, einst
       der Popanz  aller Fabrikanten,  wurden jetzt nicht nur willig von
       ihnen befolgt,  sondern mehr  oder minder auf die ganze Industrie
       ausgedehnt. Die  Trades Unions,  vor kurzem  noch als Teufelswerk
       verrufen, wurden  jetzt von  den Fabrikanten kajoliert und prote-
       giert als äußerst wohlberechtigte Einrichtungen und als ein nütz-
       liches Mittel,  gesunde ökonomische Lehren unter den Arbeitern zu
       verbreiten. Selbst Strikes, die vor 1848 in die Acht erklärt wor-
       den waren, wurden jetzt gelegentlich recht nützlich befunden, be-
       sonders, wenn die Herren Fabrikanten zu gelegener Zeit sie selbst
       hervorgerufen hatten. Von den Gesetzen, die dem Arbeiter gleiches
       Recht gegenüber seinem Beschäftiger geraubt hatten, wurden wenig-
       stens die  empörendsten abgeschafft. Und die einst so fürchterli-
       che Volkscharte wurde nun der Hauptsache nach das politische Pro-
       gramm derselben  Fabrikanten, die  ihr bis zuletzt opponiert hat-
       ten. Die   A b s c h a f f u n g  d e s  W ä h l b a r k e i t s-
       z e n s u s   und die   g e h e i m e   A b s t i m m u n g  sind
       durch Gesetz eingeführt. Die Parlamentsreformen von 1867 und 1884
       nähern sich  schon stark  dem   a l l g e m e i n e n  S t i m m-
       r e c h t,   wenigstens wie  es jetzt in Deutschland besteht; die
       Wahlkreisvorlage,  die   das  Parlament   jetzt  berät,   schafft
       g l e i c h e   W a h l k r e i s e,   im ganzen wenigstens nicht
       ungleicher als  die in  Frankreich oder Deutschland.  D i ä t e n
       und kürzere Mandatsdauer, wenn auch nicht gerade  j ä h r l i c h
       g e w ä h l t e   P a r l a m e n t e   kommen in  Sicht als  un-
       zweifelhafte Errungenschaften  der nächsten  Zukunft; und dennoch
       sagen einige Leute, der Chartismus sei tot.
       Die Revolution von 1848, wie manche ihrer Vorgänger, hat seltsame
       Geschicke gehabt.  Dieselben Leute,  die sie  niederwarfen, sind,
       wie Karl  Marx zu  sagen pflegte, ihre Testamentsvollstrecker ge-
       worden. Louis  Napoleon war gezwungen, ein einiges und unabhängi-
       ges Italien  zu schaffen,  Bismarck war gezwungen, Deutschland in
       seiner Art umzuwälzen und Ungarn eine gewisse Unabhängigkeit wie-
       derzugeben, und  die englischen Fabrikanten haben nichts Besseres
       zu tun, als der Volkscharte Gesetzeskraft zu geben.
       Die Wirkungen  dieser Herrschaft  der industriellen  Kapitalisten
       für England  war[en] anfangs  staunenerregend. Das Geschäft lebte
       wieder auf und dehnte sich aus in einem Grade, unerhört selbst in
       dieser Wiege  der modernen  Industrie. Alle  früheren  gewaltigen
       Schöpfungen des  Dampf es  und der  Maschinerie  verschwanden  in
       nichts, verglichen  mit dem  gewaltigen Aufschwung der Produktion
       in den  zwanzig Jahren  von 1850  bis 1870,  mit den erdrückenden
       Ziffern der  Ausfuhr und Einfuhr, des in den Händen der Kapitali-
       sten sich  aufhäufenden Reichtums  und der  sich in Riesenstädten
       konzentrierenden menschlichen Arbeitskraft. Der Fortschritt wurde
       freilich unterbrochen, wie vorher durch die Wiederkehr einer Kri-
       sis alle zehn Jahre; 1857 so gut wie 1866; aber diese Rückschläge
       galten nun als natürliche unvermeidliche Ereignisse, die man eben
       durchmachen muß  und die  schließlich doch auch wieder ins Gleise
       kommen.
       
       #645# Lage der arbeitenden Klasse - Vorwort zur dt. Ausgabe 1892
       -----
       Und die  Lage der Arbeiterklasse während dieser Periode? Zeitwei-
       lig gab es Besserung, selbst für die große Masse. Aber diese Bes-
       serung wurde immer wieder auf das alte Niveau herabgebracht durch
       den Zustrom  der großen  Menge der unbeschäftigten Reserve, durch
       die fortwährende Verdrängung von Arbeitern durch neue Maschinerie
       und durch  die Einwanderung  der Ackerbauarbeiter, die jetzt auch
       mehr und mehr durch Maschinen verdrängt wurden.
       Eine dauernde  Hebung findet sich nur bei zwei beschützten Abtei-
       lungen der  Arbeiterklasse. Davon sind die erste die Fabrikarbei-
       ter. Die gesetzliche Feststellung eines, wenigstens verhältnismä-
       ßig rationellen,  Normalarbeitstages zu  ihren Gunsten  hat  ihre
       Körperkonstitution relativ wiederhergestellt und ihnen eine, noch
       durch ihre lokale Konzentration verstärkte, moralische Überlegen-
       heit gegeben.  Ihre Lage  ist unzweifelhaft  besser als vor 1848.
       Der beste Beweis dafür ist, daß von zehn Strikes, die sie machen,
       neun hervorgerufen sind durch die Fabrikanten selbst und in ihrem
       eignen Interesse als einziges Mittel, die Produktion einzuschrän-
       ken. Ihr  werdet die  Fabrikanten nie dahin bringen, daß sie sich
       alle dazu  verstehn, kurze Zeit zu arbeiten, mögen ihre Fabrikate
       noch so unverkäuflich sein. Aber bringt die Arbeiter zum Striken,
       und die  Kapitalisten schließen ihre Fabriken bis auf den letzten
       Mann.
       Zweitens die  großen Trades  Unions. Sie  sind die Organisationen
       der Arbeitszweige,  in denen  die Arbeit    e r w a c h s e n e r
       M ä n n e r  allein anwendbar ist oder doch vorherrscht. Hier ist
       die Konkurrenz  weder der  Weiber- und  der Kinderarbeit noch der
       Maschinerie bisher  imstande gewesen, ihre organisierte Stärke zu
       brechen. Die  Maschinenschlosser, Zimmerleute und Schreiner, Bau-
       arbeiter, sind jede für sich eine Macht, so sehr, daß sie selbst,
       wie die  Bauarbeiter tun,  der Einführung der Maschinerie erfolg-
       reich widerstehn  können. Ihre  Lage hat  sich unzweifelhaft seit
       1848 merkwürdig  verbessert; der beste Beweis dafür ist, daß seit
       mehr als  fünfzehn Jahren  nicht nur ihre Beschäftiger mit ihnen,
       sondern auch  sie mit ihren Beschäftigern äußerst zufrieden gewe-
       sen sind. Sie bilden eine Aristokratie in der Arbeiterklasse; sie
       haben es  fertiggebracht, sich  eine verhältnismäßig  komfortable
       Lage zu  erzwingen, und diese Lage akzeptieren sie als endgültig.
       Sie sind  die Musterarbeiter der Herrn Leone Levi und Giffen (und
       auch des Biedermanns Lujo Brentano), und sie sind in der Tat sehr
       nette, traktable Leute für jeden verständigen Kapitalisten im be-
       sondern und für die Kapitalistenklasse im allgemeinen.
       Aber was  die große Masse der Arbeiter betrifft, so steht das Ni-
       veau des Elends und der Existenzunsicherheit für sie heute ebenso
       niedrig, wenn  nicht niedriger als je. Das Ostende von London ist
       ein stets  sich ausdehnender  Sumpf von stockendem Elend und Ver-
       zweiflung, von Hungersnot, wenn unbeschäftigt, von physischer und
       moralischer Erniedrigung, wenn beschäftigt. Und so in allen ande-
       ren Großstädten, mit Ausnahme nur der bevorrechteten
       
       #646# Friedrich Engels
       -----
       Minderheit der  Arbeiter; und  so in den kleineren Städten und in
       den Landbezirken.  Das Gesetz,  das den Wert der Arbeitskraft auf
       den Preis der notwendigen Lebensmittel beschränkt, und das andere
       Gesetz, das ihren Durchschnittspreis der Regel nach auf das Mini-
       mum dieser  Lebensmittel herabdrückt, diese beiden Gesetze wirken
       auf sie  mit der  unwiderstehlichen Kraft einer automatischen Ma-
       schine, die sie zwischen ihren Rädern erdrückt.
       Das also  war die  Lage, geschaffen  durch die Freihandelspolitik
       von 1847  und durch die zwanzigjährige Herrschaft der industriel-
       len Kapitalisten. Aber dann kam eine Wendung. Der Krisis von 1866
       folgte in der Tat ein kurzer und leichter Geschäftsaufschwung ge-
       gen 1873,  aber er  dauerte nicht.  Wir haben  in der  Tat zu der
       Zeit, wo  sie fällig  war, 1877  oder 1878,  keine  volle  Krisis
       durchgemacht, aber  wir leben seit 1876 in einem chronischen Ver-
       sumpfungszustand aller  herrschenden Industriezweige.  Weder will
       der vollständige  Zusammenbruch kommen noch die langersehnte Zeit
       der Geschäftsblüte,  auf die  wir ein  Recht  zu  haben  glaubten
       sowohl vor  wie nach dem Krach. Ein tödlicher Druck, eine chroni-
       sche Überfüllung aller Märkte für alle Geschäfte, das ist der Zu-
       stand, den wir seit beinahe zehn Jahren durchmachen. ·Woher das?
       Die Freihandelstheorie hatte zum Grund die eine Annahme: daß Eng-
       land das  einzige große Industriezentrum einer ackerbauenden Welt
       werden sollte,  und die Tatsachen haben diese Annahme vollständig
       Lügen gestraft.  Die Bedingungen  der modernen  Industrie, Dampf-
       kraft und  Maschinerie, sind  überall herstellbar,  wo es  Brenn-
       stoff, namentlich Kohlen gibt, und andre Länder neben England ha-
       ben Kohlen:  Frankreich, Belgien,  Deutschland,  Amerika,  selbst
       Rußland. Und  die Leute da drüben waren nicht der Ansicht, daß es
       in ihrem  Interesse sei, sich in irische Hungerpächter zu verwan-
       deln, einzig zum größeren Ruhme und Reichtum der englischen Kapi-
       talisten. Sie  fingen an  zu  fabrizieren,  nicht  nur  für  sich
       selbst, sondern  auch für die übrige Welt, und die Folge ist, daß
       das Industriemonopol,  das England beinahe ein Jahrhundert beses-
       sen hat, jetzt unwiederbringlich gebrochen ist.
       Aber das  Industriemonopol Englands ist der Angelpunkt des beste-
       henden englischen Gesellschaftssystems. Selbst während dies Mono-
       pol dauerte,  konnten die  Märkte nicht  Schritt halten  mit  der
       wachsenden Produktivität der englischen Industrie; die zehnjähri-
       gen Krisen  waren die Folge. Und jetzt werden neue Märkte täglich
       seltner, so sehr, daß selbst den Negern am Kongo die Zivilisation
       aufgezwungen werden  soll, die  aus den  Kattunen von Manchester,
       den Töpferwaren von Staffordshire und den Metallartikeln von Bir-
       mingham fließt.  Was wird  die Folge  sein, wenn kontinentale und
       besonders amerikanische  Waren in  stets wachsender Masse hervor-
       strömen, wenn  der jetzt  noch den englischen Fabriken zufallende
       Löwenanteil an der Versorgung der Welt von Jahr zu Jahr zusammen-
       schrumpft? Antworte, Freihandel, du Universalmittel!
       
       #647# Lage der arbeitenden Klasse - Vorwort zur dt. Ausgabe 1892
       -----
       Ich bin  nicht der erste, der darauf hinweist. Schon 1883, in der
       Versammlung der British Association in Southport, hat Herr Inglis
       Palgrave, Präsident  der ökonomischen  Sektion, geradezu  gesagt,
       daß die  Tage großer Geschäftsprofite in England vorbei seien und
       eine Pause  eingetreten sei in der Weiterentwicklung verschiedner
       großer Industriezweige.  Man könne fast sagen, daß England im Be-
       griffe sei,  in einen nicht länger fortschreitenden Zustand über-
       zugehen.
       Aber was wird das Ende von alledem sein? Die kapitalistische Pro-
       duktion   k a n n   n i c h t  stabil werden, sie muß wachsen und
       sich ausdehnen, oder sie muß sterben. Schon jetzt, die bloße Ein-
       schränkung von  Englands Löwenanteil  an der Versorgung des Welt-
       markts, heißt  Stockung, Elend,  Übermaß an Kapital hier, Übermaß
       an unbeschäftigten  Arbeitern dort.  Was wird  es erst sein, wenn
       der Zuwachs der jährlichen Produktion vollends zum Stillstand ge-
       bracht ist?  Hier ist die verwundbare Achillesferse der kapitali-
       stischen Produktion.  Ihre Lebensbedingung  ist die Notwendigkeit
       fortwährender Ausdehnung,  und diese fortwährende Ausdehnung wird
       jetzt unmöglich. Die kapitalistische Produktion läuft aus in eine
       Sackgasse. Jedes  Jahr bringt England dichter vor die Frage: Ent-
       weder die  Nation geht in Stücke oder die kapitalistische Produk-
       tion. Welches von beiden muß dran glauben?
       Und die  Arbeiterklasse? Wenn selbst unter der unerhörten Ausdeh-
       nung des  Handels und der Industrie von 1848 bis 1868 sie solches
       Elend durchzumachen hatte, wenn selbst damals ihre große Masse im
       besten Fall  nur eine  vorübergehende Verbesserung ihrer Lage er-
       fuhr, während nur eine kleine privilegierte, geschützte Minorität
       dauernden Vorteil  hatte, wie  wird es sein, wenn diese blendende
       Periode endgültig zum Abschluß kommt, wenn die gegenwärtige drüc-
       kende Stagnation  sich nicht nur noch steigert, sondern wenn die-
       ser gesteigerte Zustand ertötenden Druckes der dauernde, der Nor-
       malzustand der englischen Industrie wird?
       Die Wahrheit  ist diese:  Solange Englands  Industriemonopol dau-
       erte, hat die englische Arbeiterklasse bis zu einem gewissen Grad
       teilgenommen an  den Vorteilen  dieses Monopols.  Diese  Vorteile
       wurden sehr  ungleich unter  sie verteilt; die privilegierte Min-
       derheit sackte den größten Teil ein, aber selbst die große "Masse
       hatte wenigstens  dann und  wann vorübergehend  ihr Teil. Und das
       ist der Grund, warum seit dem Aussterben des Owenismus es in Eng-
       land keinen  Sozialismus gegeben  hat. Mit  dem Zusammenbruch des
       Monopols wird  die englische  Arbeiterklasse diese  bevorrechtete
       Stellung verlieren.  Sie wird  sich allgemein - die bevorrechtete
       und leitende  Minderheit nicht  ausgeschlossen -  eines Tages auf
       das gleiche Niveau gebracht sehen wie die Arbeiter des Auslandes.
       Und das ist der Grund, warum es in England wieder Sozialismus ge-
       ben wird."
       Soweit der  Artikel von  1885. In  der englischen Vorrede vom 11.
       Januar 1892 fuhr ich dann fort:
       
       #648# Friedrich Engels
       -----
       "Dieser Schilderung  der Sachlage,  wie sie mir 1885 vorkam, habe
       ich nur  wenig zuzufügen.  Es ist  unnötig zu sagen, daß es heute
       'wirklich wieder  Sozialismus in  England gibt';  und das massen-
       haft: Sozialismus  aller Schattierungen,  Sozialismus bewußt  und
       unbewußt, Sozialismus  in Prosa  und in  Versen, Sozialismus, der
       Arbeiterklasse und der Mittelklasse. Denn wahrlich, dieser Greuel
       aller Greuel,  der Sozialismus,  ist nicht nur respektabel gewor-
       den, sondern  hat sich allbereits in Gesellschaftstoilette gewor-
       fen und  lungert nachlässig herum auf Salonkauseusen. Das beweist
       wieder  einmal,   von  welch  unheilbarer  Unbeständigkeit  jener
       schreckliche Despot  der guten  Gesellschaft ist: die öffentliche
       Meinung der Mittelklasse, und rechtfertigt wieder einmal die Ver-
       achtung, die  wir Sozialisten  einer vergangnen  Generation stets
       für diese öffentliche Meinung hegten. Sonst aber haben wir keinen
       Grund, uns über dies neue Symptom zu beklagen.
       Was ich  für weit wichtiger halte als diese augenblickliche Mode,
       in Bourgeoiszirkeln mit einer verwässerten Lösung von Sozialismus
       großzutun, und  selbst wichtiger als den Fortschritt, den der So-
       zialismus in  England im allgemeinen gemacht, das ist das Wieder-
       erwachen des Londoner Ostends. Dies unermeßliche Lager des Elends
       ist nicht  mehr die  stagnierende Pfütze, die es vor sechs Jahren
       noch war. Das Ostend hat seine starre Verzweiflung abgeschüttelt;
       es ist  dem Leben  wiedergegeben und  ist die  Heimat des  'Neuen
       Unionismus' geworden,  d.h. der  Organisation  der  großen  Masse
       'ungelernter' Arbeiter.  Diese Organisation mag in mancher Bezie-
       hung die  Form der alten Unionen von 'gelernten' Arbeitern anneh-
       men; sie  ist dennoch  wesentlich verschieden dem Charakter nach.
       Die alten  Unionen bewahren  die Traditionen der Zeit, wo sie ge-
       gründet wurden; sie sehn das Lohnsystem für eine, ein für allemal
       gegebne, endgültige  Tatsache an,  die sie  im  bester,  Fall  im
       Interesse ihrer  Mitglieder etwas mildern können. Die neuen Unio-
       nen dagegen  wurden zu einer Zeit gegründet, wo der Glaube an die
       Ewigkeit des  Lohnsystems schon  gewaltig erschüttert  war.  Ihre
       Gründer und  Beförderer waren entweder bewußte oder Gefühlssozia-
       listen; die Massen, die ihnen zuströmten und in denen ihre Stärke
       ruht, waren  roh, vernachlässigt, von der Aristokratie der Arbei-
       terklasse über  die Achsel  angesehn. Aber sie haben diesen einen
       unermeßlichen Vorteil:  Ihre Gemüter sind noch jungfräulicher Bo-
       den, gänzlich frei von den ererbten, 'respektablen' Bourgeoisvor-
       urteilen, die  die Köpfe  der bessergestellten 'alten Unionisten'
       verwirren. Und  so sehn  wir jetzt,  wie diese  neuen Unionen die
       Führung der  Arbeiterbewegung überhaupt  ergreifen und  mehr  und
       mehr die  reichen und stolzen 'alten' Unionen ins Schlepptau neh-
       men.
       Unzweifelhaft haben  die Leute  des Ostends  kolossale Böcke  ge-
       macht; das taten aber ihre Vorgänger auch, das tun noch heute die
       doktrinären Sozialisten,  die über  jene die  Nase rümpfen.  Eine
       große Klasse  wie eine große Nation lernt nie schneller als durch
       die Folgen  ihrer eignen Irrtümer. Und trotz aller möglichen Feh-
       ler in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bleibt das
       
       #649# Lage der arbeitenden Klasse - Vorwort zur dt. Ausgabe 1892
       -----
       Erwachen des  Ostends von  London eins der größten und fruchtbar-
       sten Ereignisse  dieses fin de siècle 1*), und froh und stolz bin
       ich, daß ich es erlebte."
       Seit ich  Vorstehendes vor  sechs Monaten schrieb, hat die engli-
       sche Arbeiterbewegung  wieder einen guten Schritt vorwärts getan.
       Die Parlamentswahlen,  die seit  einigen Tagen hinter uns liegen,
       haben den  beiden offiziellen Parteien, den Konservativen wie den
       Liberalen, die  Kundmachung in  aller Form  zugestellt,  daß  sie
       beide von nun an mit einer dritten Partei, der Arbeiterpartei, zu
       rechnen haben.  Diese Arbeiterpartei  ist erst in der Bildung be-
       griffen; ihre  Elemente sind  noch damit beschäftigt, überkommene
       Vorurteile aller  Art  -  bürgerliche,  altgewerkschaftliche,  ja
       selbst schon  doktrinärsozialistische -  abzuschütteln, damit sie
       sich endlich auf dem ihnen allen gemeinsamen Boden zusammenfinden
       können. Und  doch war  der sie  zusammenführende  Instinkt  schon
       jetzt so  groß, daß  er Wahlresultate erzeugte, wie sie bisher in
       England unerhört.  In London stellen sich zwei Arbeiter zur Wahl,
       und zwar  offen als Sozialisten; die Liberalen wagen nicht, ihnen
       einen der  Ihrigen entgegenzustellen,  und die  zwei  Sozialisten
       gehn mit  überwältigender und  unerwarteter Majorität  durch.  In
       Middlesbrough tritt  ein Arbeiterkandidat auf gegen einen Libera-
       len und  einen Konservativen  und wird  trotz beider gewählt; die
       neuen Arbeiterkandidaten dagegen, die mit den Liberalen ein Bünd-
       nis abgeschlossen, fallen mit Ausnahme eines einzigen rettungslos
       durch. Unter  den bisherigen sogenannten Arbeitervertretern, d.h.
       den Leuten,  denen man  ihre Arbeiterqualität  verzeiht, weil sie
       selbst sie  gern im  Ozean ihres  Liberalismus ertränken möchten,
       ist der bedeutendste Vertreter des alten Unionismus, Henry Broad-
       hurst, mit  Glanz durchgefallen, weil er sich gegen den Achtstun-
       dentag erklärt hat. In zwei Wahlkreisen von Glasgow, in einem von
       Salford, und  noch in  mehreren anderen traten unabhängige Arbei-
       terkandidaten auf  gegen Kandidaten  beider alten  Parteien;  sie
       wurden geschlagen,  aber die  liberalen Kandidaten auch. Kurz, in
       einer Anzahl  großstädtischer und  industrieller Wahlkreise haben
       die Arbeiter sich entschieden von aller Verbindung mit den beiden
       alten Parteien losgesagt und damit direkte oder indirekte Erfolge
       erreicht wie bei keiner Wahl vorher. Und die Freude darüber unter
       den Arbeitern  ist namenlos.  Zum erstenmal haben sie gesehen und
       gefühlt, was  sie können, wenn sie ihr Wahlrecht im Interesse ih-
       rer Klasse  ausnutzen. Der Aberglaube an die "große liberale Par-
       tei", der  die englischen  Arbeiter fast vierzig Jahre beherrscht
       hat, ist  gebrochen. Sie  haben an schlagenden Beispielen gesehn,
       daß sie,  die Arbeiter,  die entscheidende Macht in England sind,
       wenn sie  nur wollen  und wissen,  was sie wollen; und die Wahlen
       von 1892  waren der  Anfang des  Wissens und des Wollens. Für das
       übrige wird  die kontinentale  Arbeiterbewegung sorgen; die Deut-
       schen und  Franzosen, die  in Parlamenten und Lokalräten schon so
       reichliche
       -----
       1*) Jahrhundertendes
       
       #650# Friedrich Engels
       -----
       Vertretung besitzen,  werden durch  weitere Erfolge den Wetteifer
       der Engländer  schon genügend  im Gang  halten. Und wenn in nicht
       mehr ferner  Zeit sich  herausstellt,  daß  dies  neue  Parlament
       nichts mit  Herrn Gladstone  und Herr Gladstone nichts mit diesem
       Parlament anfangen  kann, dann  wird die englische Arbeiterpartei
       auch wohl hinreichend konstituiert sein, um dem Schaukelspiel der
       beiden alten,  einander an  der Regierung ablösenden und eben da-
       durch die Bourgeoisherrschaft verewigenden Parteien demnächst ein
       Ende zu machen.
       
       London, 21. Juli 1892
       F. Engels

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