Quelle: MEW 2 September 1844 - Februar 1846
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[Vorwort
zur deutschen Ausgabe von 1892
der "Lage der arbeitenden Klasse in England"]
Das Buch, das hiemit dem deutschen Publikum aufs neue zugänglich
gemacht wird, erschien zuerst im Sommer 1845. Im guten wie im
schlechten trägt es den Stempel der Jugend des Verfassers. Damals
hatte ich vierundzwanzig Jahre; heute bin ich dreimal so alt, und
wie ich diese Jugendarbeit wieder durchlese, finde ich, daß ich
mich ihrer keineswegs zu schämen brauche. Ich denke also nicht
daran, diesen Stempel der Jugendarbeit irgendwie zu verwischen.
Ich lege sie dem Leser unverändert wieder vor. Nur einige nicht
ganz klare Stellen habe ich schärfer gefaßt und hier und da eine
neue, mit der Jahreszahl (1892) bezeichnete, kurze Fußnote hin-
zugesetzt.
Von den Schicksalen dieses Buches erwähne ich nur, daß es 1885 in
New York in englischer Übersetzung (von Frau Florence Kelley
Wischnewetzky) erschien und daß diese Übersetzung 1892 in London
bei Swan Sonnenschein & Co. neu aufgelegt wurde. Die Vorrede zur
amerikanischen Ausgabe liegt der zur englischen, und diese wieder
dem gegenwärtigen deutschen Vorwort zugrund. Die moderne große
Industrie gleicht die ökonomischen Verhältnisse aller von ihr er-
griffnen Länder in so riesigem Maße aus, daß ich dem deutschen
Leser kaum etwas andres zu sagen habe als dem amerikanischen und
englischen.
Der in diesem Buch beschriebne Stand der Dinge gehört heute - we-
nigstens was England angeht - größtenteils der Vergangenheit an.
Obwohl nicht ausdrücklich in den anerkannten Lehrbüchern mit auf-
gezählt, ist es doch ein Gesetz der modernen politischen Ökono-
mie, daß, je mehr die kapitalistische Produktion sich ausbildet,
desto weniger sie bestehn kann bei den kleinen Praktiken der
Prellerei und Mogelei, die ihre früheren Stufen kennzeichnen. Die
kleinlichen Schlaumeiereien des polnischen Juden, des Repräsen-
tanten des europäischen Handels auf seiner niedrigsten Stufe,
diese selben Pfiffe, die ihm in seiner eignen Heimat so vor-
treffliche Dienste leisten und dort allgemein angewandt werden,
lassen ihn im Stich, sobald er nach Hamburg oder Berlin kommt.
Desgleichen der Kommissionär, Jude oder Christ, der von Berlin
oder Hamburg auf die Börse von Manchester kommt, fand wenigstens
noch vor nicht zu langer Zeit dies eine aus: Wollte er Garn oder
Gewebe wohlfeil
#638# Friedrich Engels
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kaufen, so mußte er vor allem sich jener, um ein geringes ver-
feinerten, aber immer noch jammervollen Manöver und Kniffe entle-
digen, die in seiner Heimat für die Spitze aller Geschäftsklug-
heit galten. Allerdings soll mit dem Fortschritt der großen Indu-
strie auch in Deutschland sich manches geändert haben, und na-
mentlich seit dem industriellen Jena von Philadelphia sogar der
altdeutsche Biedermannsgrundsatz in Verruf kommen: Es kann den
Leuten ja nur angenehm sein, wenn wir ihnen erst gute Muster
schicken und nachher schlechte Ware! Und in der Tat, diese Kniffe
und Pfiffe bezahlen sich nicht mehr in einem großen Markt, wo
Zeit Geld ist und wo eine gewisse Höhe der kommerziellen Morali-
tät sich entwickelt, nicht aus Tugendschwärmerei, sondern ein-
fach, um Zeit und Mühe nicht nutzlos zu verlieren. Und genauso
ist es in England gegangen im Verhältnis des Fabrikanten zu sei-
nen Arbeitern.
Die Wiederbelebung des Geschäfts nach der Krisis von 1847 war der
Anbruch einer neuen industriellen Epoche. Die Abschaffung der
Korngesetze und die daraus notwendig sich ergebenden weiteren fi-
nanziellen Reformen schufen der Industrie und dem Handel Englands
allen erwünschten Ellbogenraum. Gleich darauf kam die Entdeckung
der kalifornischen und australischen Goldfelder. Die Kolonial-
märkte entwickelten m steigendem Maß ihre Absorptionsfähigkeit
für englische Industrieprodukte. Der mechanische Webstuhl von
Lancashire schaffte ein für allemal Millionen indischer Handweber
aus der Welt. China wurde mehr und mehr eröffnet. Vor allen än-
dern aber entwickelte sich Amerika mit einer selbst für dies Land
des Riesenfortschritts unerhörten Schnelligkeit; und Amerika,
vergessen wir es nicht, war damals eben nur ein Kolonialmarkt,
und zwar der größte von allen, d.h. ein Land, das Rohprodukte
lieferte und Industrieprodukte von außen - hier von England - be-
zog.
Zu alledem kam aber noch, daß die neuen, am Schluß der vorigen
Periode eingeführten Verkehrsmittel - Eisenbahnen und ozeanische
Dampfschiffe - jetzt auf internationalem Maßstab verwirklicht
wurden und damit das tatsächlich herstellten, was bisher nur der
Anlage nach bestanden hatte: den W e l t m a r k t. Dieser
Weltmarkt bestand damals noch aus einer Anzahl von hauptsächlich
oder ausschließlich ackerbauenden Ländern, gruppiert um ein
großes Industriezentrum: England. England verbrauchte den größten
Teil ihrer überschüssigen Rohprodukte und versorgte sie dafür mit
dem größten Teil ihres Bedarfs an Industrieerzeugnissen. Kein
Wunder also, daß Englands industrieller Fortschritt kolossal und
unerhört war, so sehr, daß der Stand von 1844 uns heute als ver-
gleichsweise unbedeutend und fast waldursprünglich erscheint.
In demselben Grad aber, worin dieser Fortschritt sich darstellte,
in demselben Grad wurde auch die große Industrie, dem äußeren
Schein nach, moralisch. Die Konkurrenz von Fabrikant gegen Fabri-
kant, vermittelst kleiner Diebstähle an den Arbeitern, zahlte
sich nicht mehr. Das Geschäft war solchen
#639# Lage der arbeitenden Klasse - Vorwort zur dt. Ausgabe 1892
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miserablen Mitteln des Geldverdienens entwachsen; der fabrizie-
rende Millionär hatte Beßres zu tun, als seine Zeit zu verlieren
mit derlei kleinlichen Kniffen. So etwas war gut genug höchstens
für kleine geldbedürftige Leute, die jeden Groschen aufschnappen
mußten, wollten sie nicht der Konkurrenz erliegen. So verschwand
das Trucksystem aus den Fabrikbezirken; die Zehnstundenbill und
eine ganze Reihe kleinerer Reformen ging durch - alles Dinge, die
dem Geist des Freihandels und der zügellosen Konkurrenz direkt
ins Gesicht schlugen, die aber ebensosehr die Konkurrenz des Rie-
senkapitalisten gegen seine weniger begünstigten Geschäftskolle-
gen noch überlegner machten.
Ferner. Je größer eine industrielle Anlage, je zahlreicher ihre
Arbeiter, um so größer war der Schaden und der Geschäftsverdruß
bei jedem Konflikt mit den Arbeitern. Daher kam mit der Zeit ein
neuer Geist über die Fabrikanten, namentlich über die größten.
Sie lernten unnötige Streitereien vermeiden, sich mit dem Bestand
und der Macht der Trades Unions abfinden, und schließlich sogar
in Strikes - wenn nur zur richtigen Zeit eingeleitet - ein
wirksames Mittel entdecken zur Durchführung ihrer eignen Zwecke.
So kam es, daß die größten Fabrikanten, früher die Heerführer im
Kampf gegen die Arbeiterklasse, jetzt die ersten waren im Aufruf
zu Frieden und Harmonie. Und aus sehr guten Gründen.
Alle diese Konzessionen an die Gerechtigkeit und Menschenliebe
waren eben in Wirklichkeit nur Mittel, die Konzentration des Ka-
pitals in den Händen weniger zu beschleunigen und die kleineren
Konkurrenten zu erdrücken, die ohne solchen Extraverdienst nicht
leben konnten. In den Händen dieser wenigen hatten die kleinen
Nebenerpressungen früherer Jahre nicht nur alle Wichtigkeit ver-
loren, sie waren jetzt dem Geschäft auf großem Fuß geradezu im
Weg. Und so hat die Entwicklung der kapitalistischen Produktion
allein hingereicht, wenigstens in den leitenden Industriezweigen
- denn in den weniger wichtigen ist dies keineswegs der Fall -
alle jene kleineren Beschwerden zu beseitigen, die in frühern
Jahren das Los des Arbeiters verschlimmerten. Und so tritt mehr
und mehr in den Vordergrund die große Haupttatsache, daß die Ur-
sache des Elends der Arbeiterklasse zu suchen ist nicht in jenen
kleinern Übelständen, sondern i m k a p i t a l i s t i-
s c h e n S y s t e m s e l b s t. Der Arbeiter verkauft dem
Kapitalisten seine Arbeitskraft für eine gewisse tägliche Summe.
Nach der Arbeit weniger Stunden hat er den Wert jener Summe
reproduziert. Aber sein Arbeitsvertrag lautet dahin, daß er nun
noch eine weitere Reihe von Stunden fortschanzen muß, um seinen
Arbeitstag voll zu machen. Der Wert nun, den er in diesen
zusätzlichen Stunden der Mehrarbeit produziert, ist Mehrwert, der
dem Kapitalisten nichts kostet, trotzdem aber in seine Tasche
fließt. Dies ist die Grundlage des Systems, das mehr und mehr die
zivilisierte Gesellschaft spaltet, einerseits in einige wenige
Rothschilde und Vanderbilts, die Eigner aller Produktions- und
Unterhaltsmittel, und andererseits in eine ungeheure Menge von
Lohnarbeitern, Eigner von nichts als ihrer Arbeitskraft.
#640# Friedrich Engels
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Und daß dies Ergebnis geschuldet ist nicht diesem oder jenem un-
tergeordneten Beschwerdepunkt, sondern einzig dem System selbst -
diese Tatsache ist durch die Entwicklung des Kapitalismus in Eng-
land heute ins grellste Licht gestellt.
Ferner. Die wiederholten Heimsuchungen durch Cholera, Typhus,
Pocken und andre Epidemien haben dem britischen Bourgeois die
dringende Notwendigkeit eingetrichtert, seine Städte gesund zu
machen, falls er nicht mit Familie diesen Seuchen zum Opfer fal-
len will. Demgemäß sind die in diesem Buch beschriebenen schrei-
endsten Mißstände heute beseitigt oder doch weniger auffällig ge-
macht. Die Kanalisation ist eingeführt oder verbessert, breite
Straßenzüge sind quer durch viele der schlechtesten unter den
"schlechten Vierteln" angelegt. "Klein-Irland" ist verschwunden,
die "Seven Dials" kommen demnächst an die Reihe. Aber was heißt
das? Ganze Bezirke, die ich 1844 noch als fast idyllisch schil-
dern konnte, sind jetzt, mit dem Anwachsen der Städte, herabge-
fallen in denselben Stand des Verfalls, der Unwohnlichkeit, des
Elends. Die Schweine und die Abfallhaufen duldet man freilich
nicht mehr. Die Bourgeoisie hat weitere Fortschritte gemacht in
der Kunst, das Unglück der Arbeiterklasse zu verbergen. Daß aber,
was die Arbeiterwohnungen angeht, kein wesentlicher Fortschritt
stattgefunden hat, beweist vollauf der Bericht der königlichen
Kommission "on the Housing of the Poor" 1*), 1885. Und ebenso in
allem ändern. Polizeiverordnungen sind so häufig geworden wie
Brombeeren; sie können aber nur das Elend der Arbeiter einhegen,
beseitigen können sie es nicht.
Während aber England dem von mir geschilderten Jugendstand der
kapitalistischen Ausbeutung entwachsen ist, haben andre Länder
ihn eben erst erreicht. Frankreich, Deutschland und vor allem
Amerika sind die drohenden Rivalen, die, wie ich 1844 vorhersah,
mehr und mehr Englands industrielles Monopol brechen. Ihre Indu-
strie ist jung gegen die englische, aber sie wächst mit weit grö-
ßrer Geschwindigkeit als diese und ist heute so ziemlich auf der-
selben Entwicklungsstufe angekommen, worauf die englische 1844
stand. Mit Beziehung auf Amerika ist die Parallele besonders
frappant. Allerdings sind die äußern Umgebungen für die amerika-
nische Arbeiterklasse sehr verschieden, aber dieselben ökonomi-
schen Gesetze sind an der Arbeit, und die Ergebnisse, wenn nicht
in jeder Beziehung identisch, müssen doch derselben Ordnung ange-
hören. Daher finden wir in Amerika dieselben Kämpfe für einen
kürzeren, gesetzlich festzustellenden Arbeitstag, besonders für
Frauen und Kinder in Fabriken; wir finden das Trucksystem in vol-
ler Blüte und das Cottagesystem, in ländlichen Gegenden, von den
"bosses", den Kapitalisten und ihren Vertretern, ausgebeutet als
Mittel der Arbeiterbeherrschung. Als ich 1886 die amerikanischen
Zeitungen erhielt mit den Berichten über den großen Strike der
pennsylvanischen Bergleute im Distrikt von Connelsville,
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1*) "über die Behausungen der Armen"
#641# Lage der arbeitenden Klasse - Vorwort zur dt. Ausgabe 1892
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kam es mir vor, als läse ich meine eigne Schilderung des Aus-
stands der Kohlengräber in Nordengland 1844. Dieselbe Prellerei
der Arbeiter durch falsches Maß; dasselbe Trucksystem; derselbe
Versuch, den Widerstand der Grubenleute zu brechen durch das
letzte zermalmende Mittel des Kapitalisten: die Ausweisung der
Arbeiter aus ihren Wohnungen, die der Zechenverwaltung gehören.
Ich habe weder hier noch in den englischen Ausgaben versucht, das
Buch dem heutigen Stand der Dinge anzupassen, d. h. die seit 1844
eingetretenen Änderungen im einzelnen aufzuzählen. Und zwar aus
zwei Gründen. Erstens hätte ich den Umfang des Buches verdoppeln
müssen. Und zweitens gibt der erste Band des Marxschen "Kapital"
eine ausführliche Darstellung der Lage der britischen Arbeiter-
klasse für die Zeit von etwa 1865, d. h. die Zeit, wo die briti-
sche industrielle Prosperität ihren Höhepunkt erreichte. Ich
hätte also das von Marx Gesagte wiederholen müssen.
Es wird wohl kaum nötig sein zu bemerken, daß der allgemein theo-
retische Standpunkt dieses Buchs - in philosophischer, ökonomi-
scher und politischer Beziehung - sich keineswegs genau deckt mit
meinem heutigen Standpunkt. Im Jahr 1844 existierte der moderne
internationale Sozialismus noch nicht, der seitdem, vor allem und
fast ausschließlich durch die Leistungen von Marx, zu einer Wis-
senschaft ausgebildet worden. Mein Buch repräsentiert nur eine
der Phasen seiner embryonalen Entwicklung. Und wie der menschli-
che Embryo in seinen frühesten Entwicklungsstufen die Kiemenbögen
unserer Vorfahren, der Fische, noch immer reproduziert, so verrät
dies Buch überall die Spuren der Abstammung des modernen Sozia-
lismus von einem seiner Vorfahren - der deutschen klassischen
Philosophie. So wird großes Gewicht gelegt - namentlich am Schluß
- auf die Behauptung, daß der Kommunismus nicht eine bloße Par-
teidoktrin der Arbeiterklasse ist, sondern eine Theorie, deren
Endziel ist die Befreiung der gesamten Gesellschaft, mit Ein-
schluß der Kapitalisten, aus den gegenwärtigen einengenden Ver-
hältnissen. Dies ist in abstraktem Sinn richtig, aber in der Pra-
xis meist schlimmer als nutzlos. Solange die besitzenden Klassen
nicht nur kein Bedürfnis verspüren nach Befreiung, sondern auch
der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse sich mit allen Kräften wi-
dersetzen, solange wird die Arbeiterklasse nun einmal genötigt
sein, die soziale Umwälzung allein einzuleiten und durchzuführen.
Die französischen Bourgeois von 1789 erklärten auch die Befreiung
der Bourgeoisie für die Emanzipation des gesamten Menschenge-
schlechts; Adel und Geistlichkeit wollten das aber nicht einsehn;
die Behauptung - obwohl damals, soweit der Feudalismus dabei in
Betracht kam, eine unleugbare, abstrakte, historische Wahrheit -
artete bald aus in pure sentimentale Redensart und verduftete
gänzlich im Feuer des revolutionären Kampfs. Heutzutage gibt es
auch Leute genug, die den Arbeitern von der Unparteilichkeit
ihres höheren Standpunkts einen über allen Klassengegensätzen und
Klassenkämpfen erhabenen Sozialismus predigen. Aber sie sind ent-
weder Neulinge,
#642# Friedrich Engels
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die noch massenhaft zu lernen haben, oder aber die schlimmsten
Feinde der Arbeiter, Wölfe im Schafpelz.
Im Text wird die Kreislaufsperiode der großen industriellen
Krisen auf fünf Jahre angegeben. Dies war die Zeitbestimmung, die
sich aus dem Gang der Ereignisse von 1825 bis 1842 scheinbar
ergab. Die Geschichte der Industrie von 1842 bis 1868 hat aber
bewiesen, daß die wirkliche Periode eine zehnjährige ist, daß die
Zwischenkrisen sekundärer Natur waren und seit 1842 mehr und mehr
verschwunden sind. Seit 1868 hat sich die Sachlage wieder
verändert; darüber weiter unten.
Ich habe mir nicht einfallen lassen, aus dem Text die vielen Pro-
phezeiungen zu streichen, namentlich nicht die einer nahe bevor-
stehenden sozialen Revolution in England, wie meine jugendliche
Hitze sie mir damals eingab. Ich habe keinen Anlaß, meine Arbeit
und mich selbst besser darzustellen, als wir beide damals waren.
Das wunderbare ist, nicht daß so viele dieser Prophezeiungen
fehlgingen, sondern daß so viele eingetroffen sind und daß die
kritische Lage der englischen Industrie, infolge kontinentaler
und namentlich amerikanischer Konkurrenz, die ich damals in einer
allerdings viel zu nahen Zukunft voraussah, seitdem wirklich ein-
getreten ist. In Beziehung auf diesen Punkt bin ich verpflichtet,
das Buch mit dem heutigen Stand der Dinge in Einklang zu bringen.
Ich tue es, indem ich hier einen Artikel reproduziere, der in der
Londoner "Commonweal" vom 1. März 1885 englisch und in der "Neuen
Zeit" vom Juni desselben Jahres (Heft 6) deutsch erschien.
"Vor 40 Jahren stand England vor einer Krisis, die zu lösen allem
Anschein nach nur die Gewalt berufen war. Die ungeheure und ra-
sche Entwicklung der Industrie hatte die Ausdehnung der auswärti-
gen Märkte und die Zunahme der Nachfrage weit überholt. Alle zehn
Jahre wurde der Gang der Produktion gewaltsam unterbrochen durch
eine allgemeine Handelskrisis, der, nach einer langen Periode
chronischer Abspannung, wenige kurze Jahre der Prosperität folg-
ten, um stets wieder zu enden in fieberhafter Überproduktion und
schließlich in neuem Zusammenbruch. Die Kapitalistenklasse ver-
langte laut nach Freihandel in Korn und drohte, ihn zu erzwingen
durch Rücksendung der hungernden Städtebevölkerung in die Landbe-
zirke, woher sie kamen; aber, wie John Bright sagte: 'nicht wie
Bedürftige, die um Brot betteln, sondern wie eine Armee, die sich
auf feindlichem Gebiete einquartiert'. Die Arbeitermassen der
Städte verlangten ihren Anteil an der politischen Macht - die
Volkscharte; sie wurden unterstützt von der Mehrzahl der Klein-
bürger, und der einzige Unterschied zwischen beiden war, ob die
Charte gewaltsam oder gesetzlich durchgeführt werden sollte. Da
kam die Handelskrisis von 1847 und die irische Hungersnot, und
mit beiden die Aussicht auf Revolution.
Die französische Revolution von 1848 rettete die englische Bour-
geoisie. Die sozialistischen Proklamationen der siegreichen fran-
zösischen Arbeiter erschreckten das englische Kleinbürgertum und
desorganisierten die Bewegung
#643# Lage der arbeitenden Klasse - Vorwort zur dt. Ausgabe 1892
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der englischen Arbeiter, die innerhalb engerer, aber mehr unmit-
telbar praktischer Grenzen vor sich ging. Gerade in demselben Au-
genblick, wo der Chartismus seine volle Kraft entwickeln sollte,
brach er in sich selbst zusammen, schon ehe er am 10. April 1848
äußerlich zusammenbrach. Die politische Tätigkeit der Arbeiter-
klasse wurde in den Hintergrund gedrängt. Die Kapitalistenklasse
hatte auf der ganzen Linie gesiegt.
Die Parlamentsreform von 1831 war der Sieg der gesamten Kapitali-
stenklasse über die grundbesitzende Aristokratie. Die Abschaffung
der Kornzölle war der Sieg der i n d u s t r i e l l e n Kapi-
talisten nicht nur über den großen Grundbesitz, sondern auch über
die Fraktionen von Kapitalisten, deren Interessen mehr oder weni-
ger mit denen des Grundbesitzes identisch oder verkettet waren:
Bankiers, Börsenleute, Rentiers usw. Freihandel bedeutete die Um-
gestaltung der gesamten inneren und äußeren Finanz- und Handels-
politik Englands im Einklang mit den Interessen der industriellen
Kapitalisten, der Klasse, die jetzt die Nation vertrat. Und diese
Klasse machte sich ernstlich ans Werk. Jedes Hemmnis der indu-
striellen Produktion wurde unbarmherzig entfernt. Der Zolltarif
und das ganze Steuersystem wurden umgewälzt. Alles wurde einem
einzigen Zweck untergeordnet, aber einem Zweck von der äußersten
Wichtigkeit für den industriellen Kapitalisten: der Verwohlfeile-
rung aller Rohstoffe und besonders aller Lebensmittel für die Ar-
beiterklasse; der Produktion der Rohstoffe und der Niederhaltung,
wenn auch noch nicht der Herunterbringung des Arbeitslohnes. Eng-
land sollte 'die Werkstatt der Welt werden'; alle anderen Länder
sollten für England werden, was Irland schon war - Märkte für
seine Industrieprodukte, Bezugsquellen seiner Rohstoffe und Nah-
rungsmittel. England, der große industrielle Mittelpunkt einer
ackerbauenden Welt, mit einer stets wachsenden Zahl Korn und
Baumwolle produzierender Trabanten, die sich um die industrielle
Sonne drehen. Welch herrliche Aussicht!
Die industriellen Kapitalisten gingen an die Durchführung dieses
ihres großen Ziels mit dem kräftigen, gesunden Menschenverstand
und der Verachtung überkommener Grundsätze, durch die sie sich
immer ausgezeichnet haben vor ihren philisterhafteren Konkurren-
ten auf dem Kontinent. Der Chartismus war im Aussterben. Die Wie-
derkehr der Geschäftsblüte, natürlich und fast selbstverständ-
lich, nachdem der Krach von 1847 sich erschöpft hatte, wurde aus-
schließlich auf Rechnung des Freihandels geschrieben. Infolge
beider Umstände war die englische Arbeiterklasse politisch der
Schwanz der 'großen liberalen Partei' geworden, der von den Fa-
brikanten angeführten Partei. Diesen einmal gewonnenen Vorteil
galt es zu verewigen. Und aus der heftigen Opposition der Charti-
sten nicht gegen den Freihandel, sondern gegen die Verwandlung
des Freihandels in die einzige Lebensfrage der Nation, hatten die
Fabrikanten begriffen und begriffen täglich mehr, daß die Bour-
geoisie nie volle soziale und politische Herrschaft über die Na-
tion erringen kann, außer mit Hülfe der Arbeiterklasse. So verän-
derte sich allmählich die
#644# Friedrich Engels
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gegenseitige Haltung der beiden Klassen. Die Fabrikgesetze, einst
der Popanz aller Fabrikanten, wurden jetzt nicht nur willig von
ihnen befolgt, sondern mehr oder minder auf die ganze Industrie
ausgedehnt. Die Trades Unions, vor kurzem noch als Teufelswerk
verrufen, wurden jetzt von den Fabrikanten kajoliert und prote-
giert als äußerst wohlberechtigte Einrichtungen und als ein nütz-
liches Mittel, gesunde ökonomische Lehren unter den Arbeitern zu
verbreiten. Selbst Strikes, die vor 1848 in die Acht erklärt wor-
den waren, wurden jetzt gelegentlich recht nützlich befunden, be-
sonders, wenn die Herren Fabrikanten zu gelegener Zeit sie selbst
hervorgerufen hatten. Von den Gesetzen, die dem Arbeiter gleiches
Recht gegenüber seinem Beschäftiger geraubt hatten, wurden wenig-
stens die empörendsten abgeschafft. Und die einst so fürchterli-
che Volkscharte wurde nun der Hauptsache nach das politische Pro-
gramm derselben Fabrikanten, die ihr bis zuletzt opponiert hat-
ten. Die A b s c h a f f u n g d e s W ä h l b a r k e i t s-
z e n s u s und die g e h e i m e A b s t i m m u n g sind
durch Gesetz eingeführt. Die Parlamentsreformen von 1867 und 1884
nähern sich schon stark dem a l l g e m e i n e n S t i m m-
r e c h t, wenigstens wie es jetzt in Deutschland besteht; die
Wahlkreisvorlage, die das Parlament jetzt berät, schafft
g l e i c h e W a h l k r e i s e, im ganzen wenigstens nicht
ungleicher als die in Frankreich oder Deutschland. D i ä t e n
und kürzere Mandatsdauer, wenn auch nicht gerade j ä h r l i c h
g e w ä h l t e P a r l a m e n t e kommen in Sicht als un-
zweifelhafte Errungenschaften der nächsten Zukunft; und dennoch
sagen einige Leute, der Chartismus sei tot.
Die Revolution von 1848, wie manche ihrer Vorgänger, hat seltsame
Geschicke gehabt. Dieselben Leute, die sie niederwarfen, sind,
wie Karl Marx zu sagen pflegte, ihre Testamentsvollstrecker ge-
worden. Louis Napoleon war gezwungen, ein einiges und unabhängi-
ges Italien zu schaffen, Bismarck war gezwungen, Deutschland in
seiner Art umzuwälzen und Ungarn eine gewisse Unabhängigkeit wie-
derzugeben, und die englischen Fabrikanten haben nichts Besseres
zu tun, als der Volkscharte Gesetzeskraft zu geben.
Die Wirkungen dieser Herrschaft der industriellen Kapitalisten
für England war[en] anfangs staunenerregend. Das Geschäft lebte
wieder auf und dehnte sich aus in einem Grade, unerhört selbst in
dieser Wiege der modernen Industrie. Alle früheren gewaltigen
Schöpfungen des Dampf es und der Maschinerie verschwanden in
nichts, verglichen mit dem gewaltigen Aufschwung der Produktion
in den zwanzig Jahren von 1850 bis 1870, mit den erdrückenden
Ziffern der Ausfuhr und Einfuhr, des in den Händen der Kapitali-
sten sich aufhäufenden Reichtums und der sich in Riesenstädten
konzentrierenden menschlichen Arbeitskraft. Der Fortschritt wurde
freilich unterbrochen, wie vorher durch die Wiederkehr einer Kri-
sis alle zehn Jahre; 1857 so gut wie 1866; aber diese Rückschläge
galten nun als natürliche unvermeidliche Ereignisse, die man eben
durchmachen muß und die schließlich doch auch wieder ins Gleise
kommen.
#645# Lage der arbeitenden Klasse - Vorwort zur dt. Ausgabe 1892
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Und die Lage der Arbeiterklasse während dieser Periode? Zeitwei-
lig gab es Besserung, selbst für die große Masse. Aber diese Bes-
serung wurde immer wieder auf das alte Niveau herabgebracht durch
den Zustrom der großen Menge der unbeschäftigten Reserve, durch
die fortwährende Verdrängung von Arbeitern durch neue Maschinerie
und durch die Einwanderung der Ackerbauarbeiter, die jetzt auch
mehr und mehr durch Maschinen verdrängt wurden.
Eine dauernde Hebung findet sich nur bei zwei beschützten Abtei-
lungen der Arbeiterklasse. Davon sind die erste die Fabrikarbei-
ter. Die gesetzliche Feststellung eines, wenigstens verhältnismä-
ßig rationellen, Normalarbeitstages zu ihren Gunsten hat ihre
Körperkonstitution relativ wiederhergestellt und ihnen eine, noch
durch ihre lokale Konzentration verstärkte, moralische Überlegen-
heit gegeben. Ihre Lage ist unzweifelhaft besser als vor 1848.
Der beste Beweis dafür ist, daß von zehn Strikes, die sie machen,
neun hervorgerufen sind durch die Fabrikanten selbst und in ihrem
eignen Interesse als einziges Mittel, die Produktion einzuschrän-
ken. Ihr werdet die Fabrikanten nie dahin bringen, daß sie sich
alle dazu verstehn, kurze Zeit zu arbeiten, mögen ihre Fabrikate
noch so unverkäuflich sein. Aber bringt die Arbeiter zum Striken,
und die Kapitalisten schließen ihre Fabriken bis auf den letzten
Mann.
Zweitens die großen Trades Unions. Sie sind die Organisationen
der Arbeitszweige, in denen die Arbeit e r w a c h s e n e r
M ä n n e r allein anwendbar ist oder doch vorherrscht. Hier ist
die Konkurrenz weder der Weiber- und der Kinderarbeit noch der
Maschinerie bisher imstande gewesen, ihre organisierte Stärke zu
brechen. Die Maschinenschlosser, Zimmerleute und Schreiner, Bau-
arbeiter, sind jede für sich eine Macht, so sehr, daß sie selbst,
wie die Bauarbeiter tun, der Einführung der Maschinerie erfolg-
reich widerstehn können. Ihre Lage hat sich unzweifelhaft seit
1848 merkwürdig verbessert; der beste Beweis dafür ist, daß seit
mehr als fünfzehn Jahren nicht nur ihre Beschäftiger mit ihnen,
sondern auch sie mit ihren Beschäftigern äußerst zufrieden gewe-
sen sind. Sie bilden eine Aristokratie in der Arbeiterklasse; sie
haben es fertiggebracht, sich eine verhältnismäßig komfortable
Lage zu erzwingen, und diese Lage akzeptieren sie als endgültig.
Sie sind die Musterarbeiter der Herrn Leone Levi und Giffen (und
auch des Biedermanns Lujo Brentano), und sie sind in der Tat sehr
nette, traktable Leute für jeden verständigen Kapitalisten im be-
sondern und für die Kapitalistenklasse im allgemeinen.
Aber was die große Masse der Arbeiter betrifft, so steht das Ni-
veau des Elends und der Existenzunsicherheit für sie heute ebenso
niedrig, wenn nicht niedriger als je. Das Ostende von London ist
ein stets sich ausdehnender Sumpf von stockendem Elend und Ver-
zweiflung, von Hungersnot, wenn unbeschäftigt, von physischer und
moralischer Erniedrigung, wenn beschäftigt. Und so in allen ande-
ren Großstädten, mit Ausnahme nur der bevorrechteten
#646# Friedrich Engels
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Minderheit der Arbeiter; und so in den kleineren Städten und in
den Landbezirken. Das Gesetz, das den Wert der Arbeitskraft auf
den Preis der notwendigen Lebensmittel beschränkt, und das andere
Gesetz, das ihren Durchschnittspreis der Regel nach auf das Mini-
mum dieser Lebensmittel herabdrückt, diese beiden Gesetze wirken
auf sie mit der unwiderstehlichen Kraft einer automatischen Ma-
schine, die sie zwischen ihren Rädern erdrückt.
Das also war die Lage, geschaffen durch die Freihandelspolitik
von 1847 und durch die zwanzigjährige Herrschaft der industriel-
len Kapitalisten. Aber dann kam eine Wendung. Der Krisis von 1866
folgte in der Tat ein kurzer und leichter Geschäftsaufschwung ge-
gen 1873, aber er dauerte nicht. Wir haben in der Tat zu der
Zeit, wo sie fällig war, 1877 oder 1878, keine volle Krisis
durchgemacht, aber wir leben seit 1876 in einem chronischen Ver-
sumpfungszustand aller herrschenden Industriezweige. Weder will
der vollständige Zusammenbruch kommen noch die langersehnte Zeit
der Geschäftsblüte, auf die wir ein Recht zu haben glaubten
sowohl vor wie nach dem Krach. Ein tödlicher Druck, eine chroni-
sche Überfüllung aller Märkte für alle Geschäfte, das ist der Zu-
stand, den wir seit beinahe zehn Jahren durchmachen. ·Woher das?
Die Freihandelstheorie hatte zum Grund die eine Annahme: daß Eng-
land das einzige große Industriezentrum einer ackerbauenden Welt
werden sollte, und die Tatsachen haben diese Annahme vollständig
Lügen gestraft. Die Bedingungen der modernen Industrie, Dampf-
kraft und Maschinerie, sind überall herstellbar, wo es Brenn-
stoff, namentlich Kohlen gibt, und andre Länder neben England ha-
ben Kohlen: Frankreich, Belgien, Deutschland, Amerika, selbst
Rußland. Und die Leute da drüben waren nicht der Ansicht, daß es
in ihrem Interesse sei, sich in irische Hungerpächter zu verwan-
deln, einzig zum größeren Ruhme und Reichtum der englischen Kapi-
talisten. Sie fingen an zu fabrizieren, nicht nur für sich
selbst, sondern auch für die übrige Welt, und die Folge ist, daß
das Industriemonopol, das England beinahe ein Jahrhundert beses-
sen hat, jetzt unwiederbringlich gebrochen ist.
Aber das Industriemonopol Englands ist der Angelpunkt des beste-
henden englischen Gesellschaftssystems. Selbst während dies Mono-
pol dauerte, konnten die Märkte nicht Schritt halten mit der
wachsenden Produktivität der englischen Industrie; die zehnjähri-
gen Krisen waren die Folge. Und jetzt werden neue Märkte täglich
seltner, so sehr, daß selbst den Negern am Kongo die Zivilisation
aufgezwungen werden soll, die aus den Kattunen von Manchester,
den Töpferwaren von Staffordshire und den Metallartikeln von Bir-
mingham fließt. Was wird die Folge sein, wenn kontinentale und
besonders amerikanische Waren in stets wachsender Masse hervor-
strömen, wenn der jetzt noch den englischen Fabriken zufallende
Löwenanteil an der Versorgung der Welt von Jahr zu Jahr zusammen-
schrumpft? Antworte, Freihandel, du Universalmittel!
#647# Lage der arbeitenden Klasse - Vorwort zur dt. Ausgabe 1892
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Ich bin nicht der erste, der darauf hinweist. Schon 1883, in der
Versammlung der British Association in Southport, hat Herr Inglis
Palgrave, Präsident der ökonomischen Sektion, geradezu gesagt,
daß die Tage großer Geschäftsprofite in England vorbei seien und
eine Pause eingetreten sei in der Weiterentwicklung verschiedner
großer Industriezweige. Man könne fast sagen, daß England im Be-
griffe sei, in einen nicht länger fortschreitenden Zustand über-
zugehen.
Aber was wird das Ende von alledem sein? Die kapitalistische Pro-
duktion k a n n n i c h t stabil werden, sie muß wachsen und
sich ausdehnen, oder sie muß sterben. Schon jetzt, die bloße Ein-
schränkung von Englands Löwenanteil an der Versorgung des Welt-
markts, heißt Stockung, Elend, Übermaß an Kapital hier, Übermaß
an unbeschäftigten Arbeitern dort. Was wird es erst sein, wenn
der Zuwachs der jährlichen Produktion vollends zum Stillstand ge-
bracht ist? Hier ist die verwundbare Achillesferse der kapitali-
stischen Produktion. Ihre Lebensbedingung ist die Notwendigkeit
fortwährender Ausdehnung, und diese fortwährende Ausdehnung wird
jetzt unmöglich. Die kapitalistische Produktion läuft aus in eine
Sackgasse. Jedes Jahr bringt England dichter vor die Frage: Ent-
weder die Nation geht in Stücke oder die kapitalistische Produk-
tion. Welches von beiden muß dran glauben?
Und die Arbeiterklasse? Wenn selbst unter der unerhörten Ausdeh-
nung des Handels und der Industrie von 1848 bis 1868 sie solches
Elend durchzumachen hatte, wenn selbst damals ihre große Masse im
besten Fall nur eine vorübergehende Verbesserung ihrer Lage er-
fuhr, während nur eine kleine privilegierte, geschützte Minorität
dauernden Vorteil hatte, wie wird es sein, wenn diese blendende
Periode endgültig zum Abschluß kommt, wenn die gegenwärtige drüc-
kende Stagnation sich nicht nur noch steigert, sondern wenn die-
ser gesteigerte Zustand ertötenden Druckes der dauernde, der Nor-
malzustand der englischen Industrie wird?
Die Wahrheit ist diese: Solange Englands Industriemonopol dau-
erte, hat die englische Arbeiterklasse bis zu einem gewissen Grad
teilgenommen an den Vorteilen dieses Monopols. Diese Vorteile
wurden sehr ungleich unter sie verteilt; die privilegierte Min-
derheit sackte den größten Teil ein, aber selbst die große "Masse
hatte wenigstens dann und wann vorübergehend ihr Teil. Und das
ist der Grund, warum seit dem Aussterben des Owenismus es in Eng-
land keinen Sozialismus gegeben hat. Mit dem Zusammenbruch des
Monopols wird die englische Arbeiterklasse diese bevorrechtete
Stellung verlieren. Sie wird sich allgemein - die bevorrechtete
und leitende Minderheit nicht ausgeschlossen - eines Tages auf
das gleiche Niveau gebracht sehen wie die Arbeiter des Auslandes.
Und das ist der Grund, warum es in England wieder Sozialismus ge-
ben wird."
Soweit der Artikel von 1885. In der englischen Vorrede vom 11.
Januar 1892 fuhr ich dann fort:
#648# Friedrich Engels
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"Dieser Schilderung der Sachlage, wie sie mir 1885 vorkam, habe
ich nur wenig zuzufügen. Es ist unnötig zu sagen, daß es heute
'wirklich wieder Sozialismus in England gibt'; und das massen-
haft: Sozialismus aller Schattierungen, Sozialismus bewußt und
unbewußt, Sozialismus in Prosa und in Versen, Sozialismus, der
Arbeiterklasse und der Mittelklasse. Denn wahrlich, dieser Greuel
aller Greuel, der Sozialismus, ist nicht nur respektabel gewor-
den, sondern hat sich allbereits in Gesellschaftstoilette gewor-
fen und lungert nachlässig herum auf Salonkauseusen. Das beweist
wieder einmal, von welch unheilbarer Unbeständigkeit jener
schreckliche Despot der guten Gesellschaft ist: die öffentliche
Meinung der Mittelklasse, und rechtfertigt wieder einmal die Ver-
achtung, die wir Sozialisten einer vergangnen Generation stets
für diese öffentliche Meinung hegten. Sonst aber haben wir keinen
Grund, uns über dies neue Symptom zu beklagen.
Was ich für weit wichtiger halte als diese augenblickliche Mode,
in Bourgeoiszirkeln mit einer verwässerten Lösung von Sozialismus
großzutun, und selbst wichtiger als den Fortschritt, den der So-
zialismus in England im allgemeinen gemacht, das ist das Wieder-
erwachen des Londoner Ostends. Dies unermeßliche Lager des Elends
ist nicht mehr die stagnierende Pfütze, die es vor sechs Jahren
noch war. Das Ostend hat seine starre Verzweiflung abgeschüttelt;
es ist dem Leben wiedergegeben und ist die Heimat des 'Neuen
Unionismus' geworden, d.h. der Organisation der großen Masse
'ungelernter' Arbeiter. Diese Organisation mag in mancher Bezie-
hung die Form der alten Unionen von 'gelernten' Arbeitern anneh-
men; sie ist dennoch wesentlich verschieden dem Charakter nach.
Die alten Unionen bewahren die Traditionen der Zeit, wo sie ge-
gründet wurden; sie sehn das Lohnsystem für eine, ein für allemal
gegebne, endgültige Tatsache an, die sie im bester, Fall im
Interesse ihrer Mitglieder etwas mildern können. Die neuen Unio-
nen dagegen wurden zu einer Zeit gegründet, wo der Glaube an die
Ewigkeit des Lohnsystems schon gewaltig erschüttert war. Ihre
Gründer und Beförderer waren entweder bewußte oder Gefühlssozia-
listen; die Massen, die ihnen zuströmten und in denen ihre Stärke
ruht, waren roh, vernachlässigt, von der Aristokratie der Arbei-
terklasse über die Achsel angesehn. Aber sie haben diesen einen
unermeßlichen Vorteil: Ihre Gemüter sind noch jungfräulicher Bo-
den, gänzlich frei von den ererbten, 'respektablen' Bourgeoisvor-
urteilen, die die Köpfe der bessergestellten 'alten Unionisten'
verwirren. Und so sehn wir jetzt, wie diese neuen Unionen die
Führung der Arbeiterbewegung überhaupt ergreifen und mehr und
mehr die reichen und stolzen 'alten' Unionen ins Schlepptau neh-
men.
Unzweifelhaft haben die Leute des Ostends kolossale Böcke ge-
macht; das taten aber ihre Vorgänger auch, das tun noch heute die
doktrinären Sozialisten, die über jene die Nase rümpfen. Eine
große Klasse wie eine große Nation lernt nie schneller als durch
die Folgen ihrer eignen Irrtümer. Und trotz aller möglichen Feh-
ler in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bleibt das
#649# Lage der arbeitenden Klasse - Vorwort zur dt. Ausgabe 1892
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Erwachen des Ostends von London eins der größten und fruchtbar-
sten Ereignisse dieses fin de siècle 1*), und froh und stolz bin
ich, daß ich es erlebte."
Seit ich Vorstehendes vor sechs Monaten schrieb, hat die engli-
sche Arbeiterbewegung wieder einen guten Schritt vorwärts getan.
Die Parlamentswahlen, die seit einigen Tagen hinter uns liegen,
haben den beiden offiziellen Parteien, den Konservativen wie den
Liberalen, die Kundmachung in aller Form zugestellt, daß sie
beide von nun an mit einer dritten Partei, der Arbeiterpartei, zu
rechnen haben. Diese Arbeiterpartei ist erst in der Bildung be-
griffen; ihre Elemente sind noch damit beschäftigt, überkommene
Vorurteile aller Art - bürgerliche, altgewerkschaftliche, ja
selbst schon doktrinärsozialistische - abzuschütteln, damit sie
sich endlich auf dem ihnen allen gemeinsamen Boden zusammenfinden
können. Und doch war der sie zusammenführende Instinkt schon
jetzt so groß, daß er Wahlresultate erzeugte, wie sie bisher in
England unerhört. In London stellen sich zwei Arbeiter zur Wahl,
und zwar offen als Sozialisten; die Liberalen wagen nicht, ihnen
einen der Ihrigen entgegenzustellen, und die zwei Sozialisten
gehn mit überwältigender und unerwarteter Majorität durch. In
Middlesbrough tritt ein Arbeiterkandidat auf gegen einen Libera-
len und einen Konservativen und wird trotz beider gewählt; die
neuen Arbeiterkandidaten dagegen, die mit den Liberalen ein Bünd-
nis abgeschlossen, fallen mit Ausnahme eines einzigen rettungslos
durch. Unter den bisherigen sogenannten Arbeitervertretern, d.h.
den Leuten, denen man ihre Arbeiterqualität verzeiht, weil sie
selbst sie gern im Ozean ihres Liberalismus ertränken möchten,
ist der bedeutendste Vertreter des alten Unionismus, Henry Broad-
hurst, mit Glanz durchgefallen, weil er sich gegen den Achtstun-
dentag erklärt hat. In zwei Wahlkreisen von Glasgow, in einem von
Salford, und noch in mehreren anderen traten unabhängige Arbei-
terkandidaten auf gegen Kandidaten beider alten Parteien; sie
wurden geschlagen, aber die liberalen Kandidaten auch. Kurz, in
einer Anzahl großstädtischer und industrieller Wahlkreise haben
die Arbeiter sich entschieden von aller Verbindung mit den beiden
alten Parteien losgesagt und damit direkte oder indirekte Erfolge
erreicht wie bei keiner Wahl vorher. Und die Freude darüber unter
den Arbeitern ist namenlos. Zum erstenmal haben sie gesehen und
gefühlt, was sie können, wenn sie ihr Wahlrecht im Interesse ih-
rer Klasse ausnutzen. Der Aberglaube an die "große liberale Par-
tei", der die englischen Arbeiter fast vierzig Jahre beherrscht
hat, ist gebrochen. Sie haben an schlagenden Beispielen gesehn,
daß sie, die Arbeiter, die entscheidende Macht in England sind,
wenn sie nur wollen und wissen, was sie wollen; und die Wahlen
von 1892 waren der Anfang des Wissens und des Wollens. Für das
übrige wird die kontinentale Arbeiterbewegung sorgen; die Deut-
schen und Franzosen, die in Parlamenten und Lokalräten schon so
reichliche
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1*) Jahrhundertendes
#650# Friedrich Engels
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Vertretung besitzen, werden durch weitere Erfolge den Wetteifer
der Engländer schon genügend im Gang halten. Und wenn in nicht
mehr ferner Zeit sich herausstellt, daß dies neue Parlament
nichts mit Herrn Gladstone und Herr Gladstone nichts mit diesem
Parlament anfangen kann, dann wird die englische Arbeiterpartei
auch wohl hinreichend konstituiert sein, um dem Schaukelspiel der
beiden alten, einander an der Regierung ablösenden und eben da-
durch die Bourgeoisherrschaft verewigenden Parteien demnächst ein
Ende zu machen.
London, 21. Juli 1892
F. Engels
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