Quelle: MEW 3 1845 - 1846
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KARL MARX und FRIEDRICH ENGELS
1845-1846
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Faksimile der 11. These über Feuerbach aus Marx' Notizbuch
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Karl Marx
[Thesen über Feuerbach [1]]
1. ad Feuerbach
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Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbach-
schen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklich-
keit, Sinnlichkeit nur unter der Form des O b j e k t s o d e r
d e r A n s c h a u u n g gefaßt wird; nicht aber als
s i n n l i c h m e n s c h l i c h e T ä t i g k e i t,
P r a x i s; nicht subjektiv. Daher die t ä t i g e Seite ab-
strakt im Gegensatz zu dem Materialismus von dem Idealismus - der
natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht
kennt - entwickelt. Feuerbach will sinnliche - von den Gedanken-
objekten wirklich unterschiedne Objekte: aber er faßt die men-
schliche Tätigkeit selbst nicht als g e g e n s t ä n d-
l i c h e Tätigkeit. Er betrachtet daher im "Wesen des Christen-
tums" nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche,
während die Praxis nur in ihrer schmutzig jüdischen Erschei-
nungsform gefaßt und fixiert wird. Er begreift daher nicht die
Bedeutung der "revolutionären", der "praktisch-kritischen" Tätig-
keit.
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Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit
zukomme - ist keine Frage der Theorie, sondern eine
p r a k t i s c h e Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahr-
heit, i.e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens
beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit
des Denkens - das von der Praxis isoliert ist - ist eine rein
s c h o l a s t i s c h e Frage.
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Die materialistische. Lehre von der Veränderung der Umstände und
der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verän-
dert und der
#6# Karl Marx
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Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie muß daher die Gesell-
schaft in zwei Teile - von denen der eine über ihr erhaben ist -
sondieren.
Das Zusammenfallen des Ändern [s] der Umstände und der menschli-
chen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als
r e v o l u t i o n ä r e P r a x i s gefaßt und rationell ver-
standen werden.
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Feuerbach geht von dem Faktum der religiösen Selbstentfremdung,
der Verdopplung der Welt in eine religiöse und eine weltliche
aus. Seine Arbeit besteht darin, die religiöse Welt in ihre welt-
liche Grundlage aufzulösen. Aber daß die weltliche Grundlage sich
von sich selbst abhebt und sich ein selbständiges Reich in den
Wolken fixiert, ist nur aus der Selbstzerrissenheit und Sich-
selbstwidersprechen dieser weltlichen Grundlage zu erklären.
Diese selbst muß also in sich selbst sowohl in ihrem Widerspruch
verstanden als praktisch revolutioniert werden. Also nachdem z.B.
die irdische Familie als das Geheimnis der heiligen Familie ent-
deckt ist, muß nun erstere selbst theoretisch und praktisch ver-
nichtet werden.
5
Feuerbach, mit dem a b s t r a k t e n D e n k e n nicht zu-
frieden, will die A n s c h a u u n g; aber er faßt die Sinn-
lichkeit nicht als p r a k t i s c h e menschlich-sinnliche Tä-
tigkeit.
6
Feuerbach löst das religiöse Wesen in das m e n s c h l i c h e
Wesen auf. Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen In-
dividuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es
das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.
Feuerbach, der auf die Kritik dieses wirklichen Wesens nicht ein-
geht, ist daher gezwungen:
1. von dem geschichtlichen Verlauf zu abstrahieren und das reli-
giöse Gemüt für sich zu fixieren, und ein abstrakt -
i s o l i e r t - menschliches Individuum vorauszusetzen.
2. Das Wesen kann daher nur als "Gattung", als innere, stumme,
die vielen Individuen n a t ü r l i c h verbindende Allgemein-
heit gefaßt werden.
#7# Thesen über Feuerbach
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Feuerbach sieht daher nicht, daß das "religiöse Gemüt" selbst ein
gesellschaftliches Produkt ist und daß das abstrakte Individuum,
das er analysiert, einer bestimmten Gesellschaftsform angehört.
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Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich p r a k t i s c h.
Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizism[us] veranlassen,
finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und in
dem Begreifen dieser Praxis.
9
Das Höchste, wozu der anschauende Materialismus kommt, d.h. der
Materialismus, der die Sinnlichkeit nicht als praktische Tätig-
keit begreift, ist die Anschauung der einzelnen Individuen und
der bürgerlichen Gesellschaft.
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Der Standpunkt des alten Materialismus ist die bürgerliche Ge-
sellschaft, der Standpunkt des neuen die menschliche Gesellschaft
oder die gesellschaftliche Menschheit.
11
Die Philosophen haben die Welt nur verschieden i n t e r p r e-
t i e r t, es kömmt drauf an, sie zu v e r ä n d e r n.
Geschrieben im Frühjahr 1845.
Nach der Veröffentlichung des
Marx-Engels-Lenin-Instituts,
Moskau, 1932.
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