Quelle: MEW 3 1845 - 1846


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       #102#
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       1. Der Einzige und sein Eigentum
       
       Der Mann,  der "sein" Sach' auf Nichts gestellt hat", beginnt als
       guter Deutscher  sein langgezogenes  "kritisches Juchhe" sogleich
       mit einer Jeremiade: "Was soll nicht Alles Meine Sache sein?" (p.
       5 des  Buchs). Und  er jammert  herzzerreißend weiter, daß "Alles
       seine Sache  sein soll", daß man ihm "die Sache Gottes, die Sache
       der Menschheit,  der Wahrheit,  Freiheit, ferner die Sache Seines
       Volkes, Seines  Fürsten" und tausend andre gute Sachen aufbürdet.
       Der arme  Mann! Der  französische und  englische Bourgeois  klagt
       über  Mangel  an  Débouchés  1*),  über  Handelskrisen,  panische
       Schrecken an  der Börse, augenblickliche politische Konstellatio-
       nen usw.;  der deutsche Kleinbürger, der aktiv nur einen ideellen
       Anteil an der Bourgeoisbewegung genommen und im übrigen nur seine
       eigne Haut  zu Markt  getragen hat, stellt sich seine eigne Sache
       nur als  "die gute  Sache", die  "Sache der  Freiheit,  Wahrheit,
       Menschheit" etc. vor.
       Unser deutscher  Schulmeister glaubt ihm tout bonnement 2*) diese
       Einbildung und  setzt sich mit allen diesen guten Sachen auf drei
       Seiten vorläufig auseinander.
       Er untersucht  die "Sache Gottes", die "Sache der Menschheit", p.
       6 und 7, und findet, daß dies "rein egoistische Sachen" sind, daß
       sowohl "Gott"  wie "die  Menschheit" sich nur um das  I h r i g e
       bekümmern, daß es "der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der
       Gerechtigkeit" "nur um sich, nicht um Uns, nur um Ihr Wohl, nicht
       um das  Unsere zu tun ist" - woraus er den Schluß zieht, daß sich
       alle diese  Personen "ausnehmend  gut dabei  stehen". Er  geht so
       weit, diese idealistischen Phrasen, Gott, Wahrheit usw., in wohl-
       habende Bürger  zu verwandeln,  die "sich  ausnehmend gut stehen"
       und eines   "e i n t r ä g l i c h e n   Egoismus"  erfreuen. Das
       aber wurmt den heiligen Egoisten: "Und Ich?" ruft er aus.
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       1*) Absatzgelegenheiten - 2*) ohne weiteres
       
       #103# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       "Ich Meinesteils nehme Mir eine Lehre daran und will, statt jenen
       großen Egoisten ferner zu dienen, lieber selber der Egoist sein!"
       (p. 7).
       
       Wir sehen  also, welch heilige Motive den heiligen Max bei seinem
       Übertritt zum Egoismus leiten. Nicht die Güter dieser Welt, nicht
       die Schätze,  so die Motten und der Rost fressen, nicht die Kapi-
       talien seiner Mit-Einzigen, sondern der Schatz im Himmel, die Ka-
       pitalien Gottes,  der Wahrheit,  Freiheit, Menschheit etc. lassen
       ihn nicht ruhen.
       Mutete man  ihm nicht  zu, den  vielen guten Sachen zu dienen, er
       würde nie  zu der  Entdeckung gekommen  sein, daß  er  auch  eine
       "eigne" Sache  habe, würde also auch diese seine Sache nicht "auf
       Nichts" (d.h. "das Buch") "gestellt" haben.
       Hätte Sankt Max sich die verschiedenen "Sachen" und "Eigner" die-
       ser Sachen,  z.B. Gott, Menschheit, Wahrheit etwas näher betrach-
       tet, so wäre er zu dem entgegengesetzten Schluß gekommen, daß ein
       auf die egoistische Handlungsweise dieser Personen basierter Ego-
       ismus ebenso eingebildet sein müsse wie diese Personen selbst.
       "Statt dessen  entschließt sich  unser Heiliger,  "Gott" und "der
       Wahrheit" Konkurrenz  zu machen und seine Sache auf Sich zu stel-
       len -
       
       "auf Mich,  der Ich  so gut wie Gott das Nichts von allem Andern,
       der Ich  Mein Alles,  der Ich der Einzige bin. - - Ich bin Nichts
       im Sinne  der Leerheit,  s o n d e r n  das schöpferische Nichts,
       das Nichts, aus welchem Ich selbst als Schöpfer Alles schaffe."
       
       Der heilige  Kirchenvater hätte  diesen letzten Satz auch so aus-
       drücken können:  Ich bin  Alles  in  der  Leerheit  des  Unsinns,
       "s o n d e r n"   der nichtige  Schöpfer, das  Alles, aus welchem
       ich selbst als Schöpfer Nichts schaffe.
       Welche von  diesen beiden  Lesarten die  richtige ist,  wird sich
       herausstellen. Soweit die Vorrede.
       "Das Buch" selbst teilt sich, wie das "weiland" Buch, in das Alte
       und Neue  Testament, nämlich  in die  einzige Geschichte des Men-
       schen (das  Gesetz und die Propheten) und m die unmenschliche Ge-
       schichte des  Einzigen (Evangelium  vom Reiche Gottes). Das erste
       ist die  Geschichte innerhalb der Logik, der in der Vergangenheit
       gebundene Logos,  das zweite  die Logik  in der  Geschichte,  der
       freigewordene Logos,  der mit  der Gegenwart kämpft und sie sieg-
       reich überwältigt.

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