Quelle: MEW 3 1845 - 1846


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       #104#
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       Altes Testament: Der Mensch
       
       1. Genesis, d.i. Ein Menschenleben
       
       Sankt Max schützt hier vor, die  B i o g r a p h i e  seines Tod-
       feindes, "des   M e n s c h e n",   zu schreiben, nicht die eines
       "E i n z i g e n"  oder "wirklichen Individuums". Dies verwickelt
       ihn in ergötzliche Widersprüche.
       Wie  sich's   für  eine  normale  Genesis  geziemt,  beginnt  das
       "Menschenleben" ab  ovo 1*),  mit dem "Kinde". Das Kind, wird uns
       p. 13  enthüllt, "lebt  gleich im Kampfe gegen die ganze Welt, es
       wehrt sich  gegen Alles,  und Alles wehrt sich gegen es". "Feinde
       bleiben Beide", aber "in Ehrfurcht und Respekt", und "hegen immer
       auf der  Lauer, sie   l a u e r n  einer auf die  S c h w ä c h e
       des Andern";  was p.  14 dahin  weiter ausgeführt wird, "daß wir"
       als Kinder "auf den  G r u n d  d e r  D i n g e  oder hinter die
       Dinge zu  kommen suchen;  d a h e r"  (also nicht mehr aus Feind-
       schaft)   "l a u s c h e n   wir Allen  ihre    S c h w ä c h e n
       ab".  (Hier  ist  Szeligas  Finger,  des  Geheimniskrämers.)  Das
       K i n d  wird also gleich zum  M e t a p h y s i k e r,  der "auf
       den  G r u n d  der Dinge" zu kommen sucht.
       Dieses   s p e k u l i e r e n d e   Kind,  dem  die  "Natur  der
       Dinge"  mehr  am  Herzen  liegt  als  sein  Spielzeug,  wird  nun
       "mitunter" auf die Dauer mit der "Welt der Dinge" fertig, besiegt
       sie und  kommt dann  in eine  neue Phase, das  J ü n g l i n g s-
       a l t e r ,  wo es  einen neuen  "sauern Lebenskampf",  den Kampf
       gegen die  Vernunft, zu bestehen hat, denn  "G e i s t  h e i ß t
       die   e r s t e   S e l b s t f i n d u n g"   2*) und  "Wir sind
       über der  Welt, Wir  sind Geist"  (p.  15).  Der  Standpunkt  des
       J ü n g l i n g s   ist "der himmlische"; das Kind  "l e r n t e"
       nur, "es  hielt sich bei rein logischen oder theologischen Fragen
       nicht auf",  w i e  denn auch (das Kind) "Pilatus" rasch über die
       Frage: "Was  ist Wahrheit?"  hinwegeilt  (p.  17).  Der  Jüngling
       "sucht der  Gedanken habhaft  zu werden", "versteht Ideen,  d e n
       Geist" und  "sucht nach  Ideen"; er  "hängt seinen Gedanken nach"
       (p. 16),  er hat  "absolute Gedanken,  d.h.   n i c h t s   a l s
       G e d a n k e n,   logische Gedanken".  Der  Jüngling,  der  also
       "sich gebart",  statt jungen Frauenzimmern und sonstigen profanen
       Dingen nachzujagen, ist kein andrer als der junge "Stirner",
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       1*) vom Ei  an; ganz  von vorn  - 2*)  MEGA: denn "Geist heißt["]
       heißt ["] die  e r s t e  S e l b s t f i n d u n g"
       
       #105# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       der Berliner studierende Jüngling, der Hegelsche Logik treibt und
       dem großen Michelet zustaunt. Von  d i e s e m  Jüngling heißt es
       mit Recht  p. 17:  "Den   r e i n e n  G e d a n k e n  zutage zu
       fördern, ihm  anzuhangen, das ist  J u g e n d l u s t,  und alle
       Lichtgestalten der  Gedankenwelt, die  Wahrheit,  Freiheit,  Men-
       schentum,   d e r   Mensch usw. erleuchten und begeistern die ju-
       gendliche Seele."
       Dieser Jüngling  "wirft" dann  auch "den Gegenstand beiseite" und
       "beschäftigt sich"  bloß "mit seinen Gedanken"; "alles nicht Gei-
       stige befaßt  er unter  dem verächtlichen  Namen der   Ä u ß e r-
       l i c h k e i t e n,   und wenn  er gleichwohl  an solchen Äußer-
       lichkeiten haftet,  z.B. am  Burschikosen etc.,  so geschieht es,
       wenn und weil er in ihnen Geist  e n t d e c k t,  d.h., wenn sie
       ihm  S y m b o l e  sind" (Wer "entdeckt" hier nicht "Szeliga"?).
       Guter Berliner  Jüngling! Der  Bierkomment der  Korpsburschen war
       für ihn  nur "ein  Symbol", nur "einem Symbol" zu Gefallen hat er
       sich so manches Mal unter den Tisch trinken lassen, unter welchem
       er wahrscheinlich auch "Geist entdecken" wollte! - Wie gut dieser
       gute Jüngling  ist, an  dem sich  der alte Ewald,  der zwei Bände
       über den  "guten Jüngling"  schrieb,  ein  Exempel  hätte  nehmen
       können, zeigt  sich auch  daraus, daß es für Ihn "heißt" (p. 15),
       "Vater  und   Mutter  sei  zu  verlassen,  alle  Naturgewalt  für
       gesprengt zu erachten". Für ihn, "den Vernünftigen, gibt es keine
       Familie als  Naturgewalt, es zeigt sich eine Absagung von Eltern,
       Geschwistern  etc."  -  die  aber  Alle  "als    g e i s t i g e,
       v e r n ü n f t i g e   Gewalten wiedergeboren  werden",  wodurch
       der gute Jüngling dann den Gehorsam und die Furcht vor den Eltern
       mit seinem  spekulierenden Gewissen  in Einklang gebracht hat und
       Alles beim  Alten bleibt. Ebenso "heißt es nun" (p. 15): "Man muß
       Gott mehr  gehorchen als  den Menschen."  Ja, der  gute  Jüngling
       erreicht die  höchste Spitze  der Moralität  p. 16,  wo  "es  nun
       heißt": "Man muß seinem Gewissen mehr gehorchen als Gott." Dieses
       moralische  Hochgefühl   setzt  ihn  sogar  über  "die  rächenden
       Eumeniden" .[52], ja über "den Zorn des Poseidon" hinweg - nichts
       fürchtet er mehr als - "das Gewissen".
       Nachdem er  entdeckt hat,  daß "der  Geist das  Wesentliche" sei,
       fürchtet er  sich sogar  nicht mehr  vor folgenden halsbrechenden
       Schlüssen:
       
       "Ist  a b e r  der Geist als das Wesentliche erkannt,  s o  macht
       es   d o c h   einen Unterschied,   o b  der Geist arm oder reich
       ist, und   m a n   sucht   d e s h a l b"  (!) "reich an Geist zu
       werden; es will  d e r  G e i s t  sich ausbreiten, sein Reich zu
       gründen, ein Reich, das nicht von dieser Welt ist, der eben über-
       wundenen. So  sehnt er sich nun Alles in Allem zu werden"  (w i e
       so?), "d.h.,   o b g l e i c h   Ich  Geist bin, bin Ich  d o c h
       nicht vollendeter  Geist   u n d   m u ß"   (?) "den  vollendeten
       Geist erst suchen." (p. 17.)
       
       "So macht  es doch  einen Unterschied."  -   "E s",  was? Welches
       "Es" macht  diesen Unterschied?  Wir werden dieses geheimnisvolle
       "Es" noch sehr häufig
       
       #106# Karl Marx und Friedrich Engels
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       bei dem  heiligen Manne  wiederfinden, wo sich dann herausstellen
       wird, daß  es  der  Einzige  auf  dem  Standpunkte  der    S u b-
       s t a n z,   der Anfang  der "einzigen" Logik und als solches die
       wahre Identität  des Hegelschen  "Sein"  und  "Nichts"  ist.  Für
       alles, was dieses "Es" tut, sagt und macht, machen wir daher uns-
       ren Heiligen,  der sich  zu ihm als Schöpfer verhält, verantwort-
       lich. Zuerst  macht dieses "Es", wie wir sahen, einen Unterschied
       zwischen Arm und Reich; und zwar weshalb? weil "der Geist als das
       Wesentliche erkannt  ist". Armes  "Es", das ohne diese Erkenntnis
       nie zu  dem Unterschiede  von Arm  und Reich  gekommen wäre! "Und
       m a n   sucht deshalb"  etc.  "M a n!"  Hier haben wir die zweite
       unpersönliche Person,  die außer  dem "Es"  in Stirners  Diensten
       steht und  ihm die  härtesten Hand-  und Schubdienste  verrichten
       muß. Wie  sich die Beiden unter die Arme zu greifen gewohnt sind,
       zeigt sich  hier. Weil "Es" einen Unterschied macht, ob der Geist
       arm oder  reich sei,  so sucht "Man" (wer anders als Stirners ge-
       treuer Knecht  wäre  auf  diesen  Einfall  gekommen!),  so  sucht
       "M a n   d e s h a l b   reich an Geist zu werden". "Es" gibt das
       Signal, und gleich stimmt "Man" aus voller Kehle ein. Die Teilung
       der Arbeit ist klassisch durchgeführt.
       Weil "man   r e i c h  a n  G e i s t  zu werden sucht", so "will
       d e r  G e i s t  sich ausbreiten, sein  R e i c h  gründen" etc.
       "Ist aber"  hier ein  Zusammenhang vorhanden,  "so macht  es doch
       einen Unterschied",  ob "man   r e i c h  a n  G e i s t"  werden
       oder  "d e r  Geist sein Reich gründen" will.  "D e r  G e i s t"
       hat bisher  noch   n i c h t s  gewollt,  "d e r  G e i s t"  hat
       noch nicht  als   P e r s o n   figuriert, es hat sich nur um den
       Geist des  "Jünglings", nicht  um "d e n  G e i st"  schlechthin,
       den Geist  als   S u b j e k t,    gehandelt.  Aber  der  heilige
       Schriftsteller hat jetzt einen ändern Geist als den des Jünglings
       nötig, um  ihn diesem als fremden, m letzter Instanz als heiligen
       Geist entgegenstellen zu können.  E s k a m o t a g e  Nr. 1.
       "So sehnt  sich der Geist denn Alles in Allem zu werden", ein et-
       was dunkler Spruch, der dahin erläutert wird: "Obgleich Ich Geist
       bin, bin  Ich doch  nicht vollendeter  Geist  u n d  m u ß  d e n
       V o l l k o m m e n e n   G e i s t   e r s t   s u c h e n." Ist
       aber der  heilige Max  "unvollendeter Geist",  "so macht  es doch
       einen Unterschied",  ob er   s e i n e n   Geist    "v o l l e n-
       d e n"   oder ob er  "d e n  v o l l e n d e t e n  Geist" suchen
       muß. Er  hatte es  überhaupt ein  paar Zeilen  vorher nur mit dem
       "a r m e n"  und  "r e i c h e n"  Geiste zu tun - quantitativer,
       profaner Unterschied  -, jetzt  auf einmal mit dem  "u n v o l l-
       e n d e t e n"   und   "v o l l e n d e t e n"   Geiste -  quali-
       tativer, mysteriöser Unterschied. Das Streben nach Ausbildung des
       eignen Geistes  kann sich  nun in  die  Jagd  des  "unvollendeten
       Geistes" auf   "d e n  vollendeten Geist" verwandeln. Der heilige
       Geist geht als Gespenst um.  E s k a m o t a g e  Nr. 2.
       
       #107# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Der heilige Autor fährt fort:
       
       "Damit" (nämlich  mit dieser  Verwandlung des  Strebens nach  der
       "Vollendung"   m e i n e s   Geistes in  das Suchen  nach  "d e m
       vollendeten Geist")  "verliere Ich  aber, der Ich Mich soeben als
       Geist gefunden  hatte, sogleich  Mich wieder,  indem Ich  vor dem
       vollendeten  Geiste,   als  einem   Mir  nicht   eignen,  sondern
       j e n s e i t i g e n   Mich beuge  und meine Leerheit fühle." p.
       18.
       
       Dies ist weiter Nichts als eine weitere Ausführung von Eskamotage
       Nr .2.  Nachdem der  "vollendete Geist"  einmal als  ein   e x i-
       s t i e r e n d e s   W e s e n   v o r a u s g e s e t z t   und
       dem "unvollendeten Geist" gegenübergestellt ist, versteht es sich
       von selbst,  daß der  "unvollendete Geist",  der Jüngling, "seine
       Leerheit" bis auf den Grund seines Herzens schmerzlich empfindet.
       Weiter!
       
       "Auf Geist  kommt zwar  Alles an,   a b e r  ist auch jeder Geist
       der rechte  Geist? Der  rechte und  wahre Geist ist das Ideal des
       Geistes, der  'heilige Geist'. Er ist nicht Mein oder Dein Geist,
       sondern   e b e n"   (!) "ein  -  idealer,  jenseitiger,  er  ist
       'Gott'. 'Gott ist Geist'." p. 18.
       
       Hier  haben  wir  auf  einmal  den  "vollendeten  Geist"  in  den
       "rechten" und  gleich darauf  in den  "rechten und  wahren Geist"
       verwandelt. Dieser wird dadurch näher bestimmt, daß er "das Ideal
       des Geistes,  der heilige  Geist" sei, was dadurch bewiesen wird,
       daß er "nicht Mein oder Dein Geist, sondern  e b e n  ein jensei-
       tiger, idealer,  Gott" ist.  Der wahre  Geist ist  das  I d e a l
       des Geistes,  weil er  "eben" ein  i d e a l e r  ist! Er ist der
       heilige Geist,  weil er "eben" - Gott ist! Welche "Virtuosität im
       Denken"! Beiläufig  bemerken wir  noch, daß  von "Deinem"  Geiste
       bisher noch nicht die Rede war. Eskamotage Nr. 3.
       Also wenn  ich mich  als Mathematiker auszubilden oder nach Sankt
       Max zu "vollenden" suche, so suche ich den "vollendeten" Mathema-
       tiker, d.h. "den rechten und wahren" Mathematiker, der "das Ideal
       "des Mathematikers,  den "heiligen" Mathematiker, der ein von Mir
       und Dir verschiedener Mathematiker ist (obgleich Du mir als voll-
       endeter Mathematiker gelten kannst, wie für den Berliner Jüngling
       sein Professor  der  Philosophie  als  vollendeter  Geist  gilt),
       "sondern eben ein idealer, jenseitiger", der Mathematiker im Him-
       mel, "Gott" ist. Gott ist Mathematiker.
       Auf alle  diese großen  Resultate kommt der heilige Max, weil "es
       einen Unterschied  macht, ob  der Geist reich oder arm sei", d.h.
       zu deutsch  übersetzt, ob  einer reich oder arm an Geist ist, und
       weil sein "Jüngling" diese merkwürdige Tatsache entdeckt hat.
       Der heilige Max fährt fort p. 18:
       
       "Den   M a n n   scheidet   e s   vom Jünglinge,  daß er die Welt
       nimmt, wie sie ist" etc.
       
       #108# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Wir erfahren  also nicht,  wie der  Jüngling dazu kommt, die Welt
       plötzlich zu  nehmen, "wie  sie ist", wir sehen auch nicht unsern
       heiligen Dialektiker  den Übergang vom Jüngling zum Manne machen,
       wir erfahren  bloß, daß  "E s"  hier diesen Dienst verrichten und
       den Jüngling  vom Manne   "s c h e i d e n"  muß. Selbst das "Es"
       allein reicht  nicht hin, den schwerfälligen Frachtwagen der ein-
       zigen Gedanken in Gang zu bringen. Denn nachdem  "E s"  "den Mann
       vom Jüngling  geschieden" hat,  fällt der  Mann dennoch wieder in
       den Jüngling  zurück, beschäftigt  sich von Neuem "ausschließlich
       mit Geistigem"  und kommt  nicht in  den Zug,  bis das  "Man" mit
       neuem Vorspann  zu Hilfe  eilt. "Erst  dann, wenn   m a n    sich
       l e i b h a f t i g  liebgewonnen etc.", p. 18 - "erst dann" geht
       es wieder flott voran, der Mann entdeckt, daß er ein persönliches
       Interesse hat,  und  kommt  zur    "z w e i t e n    S e l b s t-
       f i n d u n g"   indem er  sich nicht nur "als Geist findet", wie
       der Jüngling,  "und sich  dann sogleich wieder an den allgemeinen
       Geist verliert",  sondern als   "l e i b h a f t i g e r  Geist",
       p. 19.  Dieser "leibhaftige  Geist" kommt endlich dann auch dazu,
       "ein Interesse nicht etwa nur seines Geistes" (wie der Jüngling),
       "sondern totaler  Befriedigung, Befriedigung  des  ganzen  Kerls"
       (ein Interesse  der Befriedigung des ganzen Kerls!) zu haben - er
       kommt dazu, "an sich, wie er leibt und lebt, eine Lust zu haben".
       Stirners "Mann"  kommt als  Deutscher zu Allem sehr spät. Er kann
       auf den  Pariser Boulevards  und in  der Londoner  Regent  Street
       Hunderte von  "Jünglingen", Muscadins  und Dandies 1*), flanieren
       sehen, die  sich noch  nicht als  "leibhaftigen  Geist"  gefunden
       haben, aber  nichtsdestoweniger "an  sich,  wie  sie  leiben  und
       leben,  eine   Lust  haben"   und  ihr   Hauptinteresse  in   die
       "Befriedigung des ganzen Kerls" setzen.
       Diese zweite "Selbstfindung" begeistert unsern heiligen Dialekti-
       ker so  sehr, daß  er plötzlich aus der Rolle fällt und statt vom
       M a n n e  von  S i c h  s e l b s t  spricht, uns verrät, daß Er
       selber, Er der Einzige, "der Mann" ist, und daß "der Mann" = "der
       Einzige" ist. Neue Eskamotage.
       
       "Wie Ich  Mich" (soll  heißen "der  Jüngling sich")  "hinter  den
       D i n g e n   finde, und  zwar als   G e i s t,  so muß Ich Mich"
       (soll  heißen   "der  Mann   sich")  "später   auch  hinter   den
       G e d a n k e n   finden, nämlich als ihr Schöpfer und Eigner. In
       der Geisterzeit  wuchsen Mir"  (dem Jünglinge) "die Gedanken über
       den Kopf,  dessen Geburten  sie doch  waren; wie Fieberphantasien
       umschwebten und  erschütterten sie Mich, eine schauervolle Macht.
       Die Gedanken  waren für  sich selbst  l e i b h a f t i g  gewor-
       den, waren  Gespenster, wie  Gott, Kaiser, Papst, Vaterland usw.;
       zerstöre Ich ihre Leibhaftigkeit, so nehme Ich sie in die Meinige
       zurück und   s a g e:   Ich  allein bin leibhaftig. Und nun nehme
       Ich die  Welt als  das, was  sie Mir ist, als die  M e i n i g e,
       als Mein Eigentum: Ich beziehe Alles auf Mich."
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       1*) Stutzer und Gecken
       
       #109# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Nachdem also  der hier mit "dem Einzigen" identifizierte Mann zu-
       erst den Gedanken Leibhaftigkeit gegeben, d.h. sie zu Gespenstern
       gemacht hat,  zerstört er  nun wieder diese Leibhaftigkeit, indem
       er sie  m seinen eignen Leib zurücknimmt und diesen somit als den
       Leib der  Gespenster setzt.  Daß er  erst durch  die Negation der
       Gespenster auf  seine eigne Leibhaftigkeit kommt, dies zeigt, wie
       diese konstruierte  Leibhaftigkeit des Mannes beschaffen ist, die
       er "sich"  erst "sagen"  muß, um daran zu glauben. "Und nun sagt"
       er sich  nicht einmal  richtig, was  er "sich  sagt".  Daß  außer
       seinem "einzigen"  Leib nicht  noch in seinem Kopf allerlei selb-
       ständige  Leiber,  Spermatozoa,  hausen,  verwandelt  er  in  die
       "S a g e":   Ich  a l l e i n  bin leibhaftig. Abermalige Eskamo-
       tage.
       Weiter. Der Mann, der sich als Jüngling allerlei dummes Zeug über
       bestehende Mächte  und Verhältnisse, wie Kaiser, Vaterland, Staat
       etc., in  den Kopf  gesetzt und  sie nur als seine eigne "Fieber-
       phantasie"  in   der  Gestalt  seiner  Vorstellung  gekannt  hat,
       z e r s t ö r t   n a c h   S a n k t  M a x  d i e s e  M ä c h-
       t e   w i r k l i c h,   indem er seine falsche Meinung von ihnen
       sich aus  dem Kopf  schlägt. Umgekehrt,  indem er  die Welt nicht
       mehr durch  die Brille seiner Phantasie erblickt, hat er sich nun
       um  ihren   praktischen  Zusammenhang   zu  bekümmern,  ihn  ken-
       nenzulernen  und   nach  ihm  sich  zu  richten.  Indem  er  ihre
       p h a n t a s t i s c h e  Leibhaftigkeit, die sie für ihn hatte,
       zerstört, findet  er ihre  wirkliche Leibhaftigkeit  außer seiner
       Phantasie. Indem  ihm die   g e s p e n s t i g e  Leibhaftigkeit
       des Kaisers  verschwindet, ist ihm nicht die Leibhaftigkeit, son-
       dern die   G e s p e n s t e r h a f t i g k e i t   des  Kaisers
       verschwunden, dessen  wirkliche Macht er jetzt erst in ihrer Aus-
       dehnung würdigen kann. Eskamotage Nr. 3 [a].
       Der Jüngling  als Mann  verhält sich nicht einmal kritisch zu Ge-
       danken, die  auch für Andre gültig sind und als Kategorien zirku-
       lieren, sondern nur zu solchen Gedanken, die "bloße Geburten sei-
       nes Kopfes",  d. h. die von seinem Kopfe wiedergebornen allgemei-
       nen Vorstellungen über bestehende Verhältnisse sind. Er löst also
       z.B. nicht  einmal die   K a t e g o r i e  "Vaterland" auf, son-
       dern nur  seine Privatmeinung von dieser Kategorie, wo denn immer
       noch die   a l l g e m e i n g ü l t i g e  Kategorie übrigbleibt
       und selbst  im Gebiete  des "philosophischen  Denkens" die Arbeit
       erst anfängt.  Er will uns aber weismachen, er habe die Kategorie
       selbst aufgelöst,  weil er  sein gemütliches  Privatverhältnis zu
       ihr aufgelöst  hat - gerade wie er uns eben weismachen wollte, er
       habe die  Macht des  Kaisers vernichtet, wenn er seine phantasti-
       sche Vorstellung vom Kaiser aufgegeben hat. Eskamotage Nr. 4.
       
       "U n d   n u n",  fährt der heilige Max fort, "nehme ich die Welt
       als das, was sie Mir ist, als die Meinige, als Mein Eigentum."
       
       #110# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Er nimmt  die Welt als das, was sie ihm ist, d. h.  a l s  d a s,
       a l s   w a s  e r  s i e  n e h m e n  m u ß,  und hierdurch hat
       er sich  die Welt   a n g e e i g n e t,   sie zu seinem Eigentum
       gemacht -  eine Manier des Erwerbs, die sich zwar bei keinem Öko-
       nomen findet, deren Methode und Erfolge dagegen "das Buch" selbst
       um so  prunkvoller offenbaren  wird. Im  Grunde "nimmt"  er  aber
       nicht "die  Welt", sondern  nur seine  "Fieberphantasie" von  der
       Welt als  die Seinige  und eignet  sie Sich an. Er nimmt die Welt
       als seine Vorstellung von der Welt, und als seine Vorstellung ist
       die Welt  sein vorgestelltes  Eigentum, das  Eigentum seiner Vor-
       stellung, seine  Vorstellung als Eigentum, sein Eigentum als Vor-
       stellung, seine eigentümliche Vorstellung, oder seine Vorstellung
       vom Eigentum;  und dies  Alles drückt er in dem unvergleichlichen
       Satze aus: "Ich beziehe Alles auf Mich."
       Nachdem der Mann nach des Heiligen eignem Bekenntnis erkannt hat,
       daß die Welt nur mit Gespenstern bevölkert war, weil der Jüngling
       Gespenster sah,  nachdem die   S c h e i n w e l t  des Jünglings
       für ihn verschwunden ist, befindet er sich in einer  w i r k l i-
       c h e n,  von den Einbildungen des Jünglings unabhängigen Welt.
       Und nun,  muß es also heißen, nehme Ich die Welt als das, was sie
       u n a b h ä n g i g   v o n   M i r   ist, als  die   I h r i g e
       ("der Mann  nimmt" p. 18 selbst "die Welt wie sie ist", nicht wie
       ihm beliebt),  zunächst als Mein Nichteigentum (Mein Eigentum war
       sie bisher  nur als Gespenst): Ich beziehe Mich auf Alles und nur
       insofern Alles auf Mich.
       
       "Stieß ich  als Geist die Welt zurück in tiefster Weltverachtung,
       so stoße Ich als Eigner die Geister oder Ideen zurück in ihre Ei-
       telkeit. Sie haben keine Macht mehr über mich, wie über den Geist
       keine 'Gewalt der Erde' eine Macht hat." p. 20.
       
       Wir sehen  hier, wie  der Eigner,  der Stirnersche Mann, die Erb-
       schaft  des   Jünglings,  die,   wie  er   selbst  sagt,  nur  in
       "Fieberphantasien" und  "Gespenstern" besteht, sine beneficio de-
       liberandi atque  inventarii 1*) sofort antritt. Er glaubt es, daß
       er als  Jüngling werdendes  Kind mit der Welt der Dinge, als Mann
       werdender Jüngling mit der Welt des Geistes wirklich fertiggewor-
       den ist,  daß er  als Mann jetzt die ganze Welt in der Tasche und
       sich um  Nichts mehr  Sorge zu machen hat. Wenn, wie er dem Jüng-
       ling nachschwatzt, keine Gewalt der Erde außer ihm Macht über den
       Geist hat,  also der  Geist die  höchste Macht der Erde ist - und
       Er, der  Mann, diesen  allmächtigen Geist  sich unterworfen hat -
       ist er  da nicht  vollends allmächtig? Er vergißt, daß er nur die
       phantastische und gespenstige Gestalt, welche die Gedanken Vater-
       land etc.  unter dem Schädel "des Jünglings" annahmen, zerstörte,
       daß
       -----
       1*) wörtlich: ohne  die Vergünstigung  der Bedenkzeit und der Be-
       standsaufnahme [52a]
       
       #111# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       er aber  diese Gedanken,  sofern sie  w i r k l i c h e  Verhält-
       nisse ausdrücken,  noch nicht  b e r ü h r t  hat. Weit entfernt,
       Herr der  Gedanken geworden  zu sein, ist er erst jetzt fähig, zu
       "Gedanken" zu kommen.
       "Es kann nun, um hiermit zu schließen, einleuchten" (p. 199), daß
       der heilige Mann seine Konstruktion der Lebensalter zum erwünsch-
       ten und prädestinierten Ziele geführt hat. Das gewonnene Resultat
       teilt er  uns m einem Satze mit, einem gespenstigen Schatten, den
       wir mit seinem abhanden gekommenen Leib wieder konfrontieren wol-
       len.
       
       Einziger Satz, p. 20.
       
       "Das Kind  war    r e a l i s t i s c h    in  den    D i n g e n
       d i e s e r   W e l t   befangen, bis  ihm nach  und nach  h i n-
       t e r  e b e n  d i e s e  D i n g e  zu kommen gelang. Der Jüng-
       ling war   i d e a l i s t i s c h,  von Gedanken begeistert, bis
       er sich  zum Manne hinaufarbeitete, dem egoistischen, der mit den
       Dingen und Gedanken nach Herzenslust gebart und sein persönliches
       Interesse über  Alles setzt.  Endlich der  Greis? Wenn  Ich einer
       werde, so ist noch Zeit genug, davon zu sprechen."
       
       Inhaber anliegenden emanzipierten Schattens.
       
       Das Kind  war   w i r k l i c h  i n  d e r  W e l t  s e i n e r
       D i n g e   befangen, bis  ihm  n a c h  u n d  n a c h  (borger-
       liche Eskamotage  der Entwickelung)  eben   d i e s e   D i n g e
       h i n t e r   s i c h   zu  bekommen  gelang.  Der  Jüngling  war
       p h a n t a s t i s c h,   von Begeisterung  gedankenlos, bis der
       Mann ihn  hinabarbeitete, der  egoistische  B ü r g e r,  mit dem
       die Dinge  und  Gedanken  nach  Herzenslust  gebaren,  weil  sein
       persönliches Interesse Alles über ihn setzt. Endlich der Greis? -
       "Weib, was habe ich mit Dir zu schaffen?"
       
       Die ganze Geschichte "eines Menschenlebens" läuft also, "um hier-
       mit zu schließen", auf Folgendes hinaus:
       1.  faßt   Stirner  die   verschiedenen  Lebensstufen   nur   als
       "Selbstfindungen" des Individuums, und zwar reduzieren sich diese
       "Selbstfindungen" immer auf ein bestimmtes Bewußtseinsverhältnis.
       Die Verschiedenheit des  B e w u ß t s e i n s  ist hier also das
       Leben des Individuums. Die physische und soziale Veränderung, die
       mit den  Individuen vorgeht  und ein  verändertes Bewußtsein  er-
       zeugt, geht  ihn natürlich  Nichts an. Deswegen finden auch Kind,
       Jüngling und  Mann bei Stirner die Welt immer fertig vor, wie sie
       sich "selbst" nur "finden"; es wird durchaus Nichts getan, um da-
       für zu  sorgen, daß überhaupt etwas vorgefunden werden kann. Aber
       selbst das Verhältnis des  B e w u ß t s e i n s  wird nicht ein-
       mal richtig,  sondern nur m seiner spekulativen Verdrehung aufge-
       faßt. Darum  verhalten sich  auch alle  diese Gestalten  philoso-
       phisch zur  Welt - "das Kind  r e a l i s t i s c h",  "der Jüng-
       ling   i d e a l i s t i s c h",   der Mann  als negative Einheit
       Beider, als absolute Negativität, was in dem obigen Schlußsatz
       
       #112# Karl Marx und Friedrich Engels
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       zum Vorschein  kam. Hier ist das Geheimnis "eines Menschenlebens"
       enthüllt, hier tritt es hervor, daß "das  K i n d"  nur eine Ver-
       kleidung des   "R e a l i s m u s",   "der  J ü n g l i n g"  des
       "I d e a l i s m u s",   "der   M a n n"   der versuchten    L ö-
       s u n g   dieses  p h i l o s o p h i s c h e n  G e g e n s a t-
       z e s   war. Diese  Lösung, diese  "a b s o l u t e  N e g a t i-
       v i t ä t",   kommt, wie  sich schon  jetzt ergibt,  nur  dadurch
       zustande, daß  der Mann  die Illusionen sowohl des Kindes wie des
       Jünglings auf Treu und Glauben akzeptiert und damit  g l a u b t,
       die Welt der Dinge und die Welt des Geistes überwunden zu haben.
       2. Wenn Sankt Max auf das physische und soziale "Leben" des Indi-
       viduums  keine  Rücksicht  nimmt,  überhaupt  nicht  vom  "Leben"
       spricht, abstrahiert er ganz konsequent von den historischen Epo-
       chen, von  der Nationalität, Klasse etc., oder, was  d a s s e l-
       b e   ist, er bläht das herrschende  B e w u ß t s e i n  der ihm
       am nächsten  stehenden Klasse  seiner unmittelbaren  Umgebung zum
       Normalen Bewußtsein  "Eines Menschenlebens"  auf.  Um  sich  über
       diese lokale und Schulmeister-Borniertheit zu erheben, braucht er
       "seinen" Jüngling nur mit dem ersten besten Kontorjüngling, einem
       jungen englischen  Fabrikarbeiter, einem  jungen Yankee,  von den
       jungen Kirgiskaisaken gar nicht zu reden, zu konfrontieren.
       3. Die enorme  Leichtgläubigkeit unseres Heiligen - der eigentli-
       che Geist  seines Buchs - beruhigt sich nicht dabei, seinen Jüng-
       ling an sein Kind, seinen Mann an seinen Jüngling glauben zu las-
       sen. Er selbst verwechselt unbesehens die Illusionen, die gewisse
       "Jünglinge", "Männer"  etc. sich  etwa von  sich machen  oder  zu
       machen behaupten,  mit dem   "L e b e n",   der  W i r k l i c h-
       k e i t  dieser höchst zweideutigen Jünglinge und Männer.
       4. ist die  ganze Konstruktion der Menschenalter im dritten Teile
       der Hegelschen "Encyclopädie" [53] und "unter mancherlei Wandlun-
       gen" auch  sonst von  Hegel bereits prototypisch vorgebildet. Der
       heilige Max,  der "eigne"  Zwecke verfolgt,  mußte natürlich hier
       auch einige "Wandlungen" vornehmen; während Hegel z. B. sich noch
       so weit  durch die  empirische Welt  bestimmen läßt,  daß er  den
       deutschen Bürgersmann  als Knecht  der ihn  umgebenden Welt  dar-
       stellt, muß  ihn Stirner  zum Herrn  dieser Welt  machen, was  er
       nicht einmal  in der  Einbildung ist.  Ebenso gibt sich Sankt Max
       das Ansehen,  als spreche  er aus  empirischen Gründen  nicht vom
       Greis: er  wolle nämlich  abwarten, bis  er einer werde (hier ist
       also "Ein  Menschenleben" =  Sein Einziges  Menschenleben). Hegel
       konstruiert die vier Menschenalter frisch darauf los, weil in der
       realen Welt sich die Negation doppelt setze, nämlich als Mond und
       Komet (vgl. Hegels Naturphilosophie), und darum hier die Vierheit
       an die Stelle der Dreiheit trete. Stirner setzt seine Einzigkeit
       
       #113# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       darin, Mond  und Komet zusammenfallen zu lassen, und beseitigt so
       den unglücklichen Greis aus "einem Menschenleben". Der Grund die-
       ser Eskamotage  wird sich  sogleich zeigen, wenn wir auf die Kon-
       struktion der einzigen Geschichte des Menschen eingehen.

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