Quelle: MEW 3 1845 - 1846
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#104#
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Altes Testament: Der Mensch
1. Genesis, d.i. Ein Menschenleben
Sankt Max schützt hier vor, die B i o g r a p h i e seines Tod-
feindes, "des M e n s c h e n", zu schreiben, nicht die eines
"E i n z i g e n" oder "wirklichen Individuums". Dies verwickelt
ihn in ergötzliche Widersprüche.
Wie sich's für eine normale Genesis geziemt, beginnt das
"Menschenleben" ab ovo 1*), mit dem "Kinde". Das Kind, wird uns
p. 13 enthüllt, "lebt gleich im Kampfe gegen die ganze Welt, es
wehrt sich gegen Alles, und Alles wehrt sich gegen es". "Feinde
bleiben Beide", aber "in Ehrfurcht und Respekt", und "hegen immer
auf der Lauer, sie l a u e r n einer auf die S c h w ä c h e
des Andern"; was p. 14 dahin weiter ausgeführt wird, "daß wir"
als Kinder "auf den G r u n d d e r D i n g e oder hinter die
Dinge zu kommen suchen; d a h e r" (also nicht mehr aus Feind-
schaft) "l a u s c h e n wir Allen ihre S c h w ä c h e n
ab". (Hier ist Szeligas Finger, des Geheimniskrämers.) Das
K i n d wird also gleich zum M e t a p h y s i k e r, der "auf
den G r u n d der Dinge" zu kommen sucht.
Dieses s p e k u l i e r e n d e Kind, dem die "Natur der
Dinge" mehr am Herzen liegt als sein Spielzeug, wird nun
"mitunter" auf die Dauer mit der "Welt der Dinge" fertig, besiegt
sie und kommt dann in eine neue Phase, das J ü n g l i n g s-
a l t e r , wo es einen neuen "sauern Lebenskampf", den Kampf
gegen die Vernunft, zu bestehen hat, denn "G e i s t h e i ß t
die e r s t e S e l b s t f i n d u n g" 2*) und "Wir sind
über der Welt, Wir sind Geist" (p. 15). Der Standpunkt des
J ü n g l i n g s ist "der himmlische"; das Kind "l e r n t e"
nur, "es hielt sich bei rein logischen oder theologischen Fragen
nicht auf", w i e denn auch (das Kind) "Pilatus" rasch über die
Frage: "Was ist Wahrheit?" hinwegeilt (p. 17). Der Jüngling
"sucht der Gedanken habhaft zu werden", "versteht Ideen, d e n
Geist" und "sucht nach Ideen"; er "hängt seinen Gedanken nach"
(p. 16), er hat "absolute Gedanken, d.h. n i c h t s a l s
G e d a n k e n, logische Gedanken". Der Jüngling, der also
"sich gebart", statt jungen Frauenzimmern und sonstigen profanen
Dingen nachzujagen, ist kein andrer als der junge "Stirner",
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1*) vom Ei an; ganz von vorn - 2*) MEGA: denn "Geist heißt["]
heißt ["] die e r s t e S e l b s t f i n d u n g"
#105# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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der Berliner studierende Jüngling, der Hegelsche Logik treibt und
dem großen Michelet zustaunt. Von d i e s e m Jüngling heißt es
mit Recht p. 17: "Den r e i n e n G e d a n k e n zutage zu
fördern, ihm anzuhangen, das ist J u g e n d l u s t, und alle
Lichtgestalten der Gedankenwelt, die Wahrheit, Freiheit, Men-
schentum, d e r Mensch usw. erleuchten und begeistern die ju-
gendliche Seele."
Dieser Jüngling "wirft" dann auch "den Gegenstand beiseite" und
"beschäftigt sich" bloß "mit seinen Gedanken"; "alles nicht Gei-
stige befaßt er unter dem verächtlichen Namen der Ä u ß e r-
l i c h k e i t e n, und wenn er gleichwohl an solchen Äußer-
lichkeiten haftet, z.B. am Burschikosen etc., so geschieht es,
wenn und weil er in ihnen Geist e n t d e c k t, d.h., wenn sie
ihm S y m b o l e sind" (Wer "entdeckt" hier nicht "Szeliga"?).
Guter Berliner Jüngling! Der Bierkomment der Korpsburschen war
für ihn nur "ein Symbol", nur "einem Symbol" zu Gefallen hat er
sich so manches Mal unter den Tisch trinken lassen, unter welchem
er wahrscheinlich auch "Geist entdecken" wollte! - Wie gut dieser
gute Jüngling ist, an dem sich der alte Ewald, der zwei Bände
über den "guten Jüngling" schrieb, ein Exempel hätte nehmen
können, zeigt sich auch daraus, daß es für Ihn "heißt" (p. 15),
"Vater und Mutter sei zu verlassen, alle Naturgewalt für
gesprengt zu erachten". Für ihn, "den Vernünftigen, gibt es keine
Familie als Naturgewalt, es zeigt sich eine Absagung von Eltern,
Geschwistern etc." - die aber Alle "als g e i s t i g e,
v e r n ü n f t i g e Gewalten wiedergeboren werden", wodurch
der gute Jüngling dann den Gehorsam und die Furcht vor den Eltern
mit seinem spekulierenden Gewissen in Einklang gebracht hat und
Alles beim Alten bleibt. Ebenso "heißt es nun" (p. 15): "Man muß
Gott mehr gehorchen als den Menschen." Ja, der gute Jüngling
erreicht die höchste Spitze der Moralität p. 16, wo "es nun
heißt": "Man muß seinem Gewissen mehr gehorchen als Gott." Dieses
moralische Hochgefühl setzt ihn sogar über "die rächenden
Eumeniden" .[52], ja über "den Zorn des Poseidon" hinweg - nichts
fürchtet er mehr als - "das Gewissen".
Nachdem er entdeckt hat, daß "der Geist das Wesentliche" sei,
fürchtet er sich sogar nicht mehr vor folgenden halsbrechenden
Schlüssen:
"Ist a b e r der Geist als das Wesentliche erkannt, s o macht
es d o c h einen Unterschied, o b der Geist arm oder reich
ist, und m a n sucht d e s h a l b" (!) "reich an Geist zu
werden; es will d e r G e i s t sich ausbreiten, sein Reich zu
gründen, ein Reich, das nicht von dieser Welt ist, der eben über-
wundenen. So sehnt er sich nun Alles in Allem zu werden" (w i e
so?), "d.h., o b g l e i c h Ich Geist bin, bin Ich d o c h
nicht vollendeter Geist u n d m u ß" (?) "den vollendeten
Geist erst suchen." (p. 17.)
"So macht es doch einen Unterschied." - "E s", was? Welches
"Es" macht diesen Unterschied? Wir werden dieses geheimnisvolle
"Es" noch sehr häufig
#106# Karl Marx und Friedrich Engels
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bei dem heiligen Manne wiederfinden, wo sich dann herausstellen
wird, daß es der Einzige auf dem Standpunkte der S u b-
s t a n z, der Anfang der "einzigen" Logik und als solches die
wahre Identität des Hegelschen "Sein" und "Nichts" ist. Für
alles, was dieses "Es" tut, sagt und macht, machen wir daher uns-
ren Heiligen, der sich zu ihm als Schöpfer verhält, verantwort-
lich. Zuerst macht dieses "Es", wie wir sahen, einen Unterschied
zwischen Arm und Reich; und zwar weshalb? weil "der Geist als das
Wesentliche erkannt ist". Armes "Es", das ohne diese Erkenntnis
nie zu dem Unterschiede von Arm und Reich gekommen wäre! "Und
m a n sucht deshalb" etc. "M a n!" Hier haben wir die zweite
unpersönliche Person, die außer dem "Es" in Stirners Diensten
steht und ihm die härtesten Hand- und Schubdienste verrichten
muß. Wie sich die Beiden unter die Arme zu greifen gewohnt sind,
zeigt sich hier. Weil "Es" einen Unterschied macht, ob der Geist
arm oder reich sei, so sucht "Man" (wer anders als Stirners ge-
treuer Knecht wäre auf diesen Einfall gekommen!), so sucht
"M a n d e s h a l b reich an Geist zu werden". "Es" gibt das
Signal, und gleich stimmt "Man" aus voller Kehle ein. Die Teilung
der Arbeit ist klassisch durchgeführt.
Weil "man r e i c h a n G e i s t zu werden sucht", so "will
d e r G e i s t sich ausbreiten, sein R e i c h gründen" etc.
"Ist aber" hier ein Zusammenhang vorhanden, "so macht es doch
einen Unterschied", ob "man r e i c h a n G e i s t" werden
oder "d e r Geist sein Reich gründen" will. "D e r G e i s t"
hat bisher noch n i c h t s gewollt, "d e r G e i s t" hat
noch nicht als P e r s o n figuriert, es hat sich nur um den
Geist des "Jünglings", nicht um "d e n G e i st" schlechthin,
den Geist als S u b j e k t, gehandelt. Aber der heilige
Schriftsteller hat jetzt einen ändern Geist als den des Jünglings
nötig, um ihn diesem als fremden, m letzter Instanz als heiligen
Geist entgegenstellen zu können. E s k a m o t a g e Nr. 1.
"So sehnt sich der Geist denn Alles in Allem zu werden", ein et-
was dunkler Spruch, der dahin erläutert wird: "Obgleich Ich Geist
bin, bin Ich doch nicht vollendeter Geist u n d m u ß d e n
V o l l k o m m e n e n G e i s t e r s t s u c h e n." Ist
aber der heilige Max "unvollendeter Geist", "so macht es doch
einen Unterschied", ob er s e i n e n Geist "v o l l e n-
d e n" oder ob er "d e n v o l l e n d e t e n Geist" suchen
muß. Er hatte es überhaupt ein paar Zeilen vorher nur mit dem
"a r m e n" und "r e i c h e n" Geiste zu tun - quantitativer,
profaner Unterschied -, jetzt auf einmal mit dem "u n v o l l-
e n d e t e n" und "v o l l e n d e t e n" Geiste - quali-
tativer, mysteriöser Unterschied. Das Streben nach Ausbildung des
eignen Geistes kann sich nun in die Jagd des "unvollendeten
Geistes" auf "d e n vollendeten Geist" verwandeln. Der heilige
Geist geht als Gespenst um. E s k a m o t a g e Nr. 2.
#107# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Der heilige Autor fährt fort:
"Damit" (nämlich mit dieser Verwandlung des Strebens nach der
"Vollendung" m e i n e s Geistes in das Suchen nach "d e m
vollendeten Geist") "verliere Ich aber, der Ich Mich soeben als
Geist gefunden hatte, sogleich Mich wieder, indem Ich vor dem
vollendeten Geiste, als einem Mir nicht eignen, sondern
j e n s e i t i g e n Mich beuge und meine Leerheit fühle." p.
18.
Dies ist weiter Nichts als eine weitere Ausführung von Eskamotage
Nr .2. Nachdem der "vollendete Geist" einmal als ein e x i-
s t i e r e n d e s W e s e n v o r a u s g e s e t z t und
dem "unvollendeten Geist" gegenübergestellt ist, versteht es sich
von selbst, daß der "unvollendete Geist", der Jüngling, "seine
Leerheit" bis auf den Grund seines Herzens schmerzlich empfindet.
Weiter!
"Auf Geist kommt zwar Alles an, a b e r ist auch jeder Geist
der rechte Geist? Der rechte und wahre Geist ist das Ideal des
Geistes, der 'heilige Geist'. Er ist nicht Mein oder Dein Geist,
sondern e b e n" (!) "ein - idealer, jenseitiger, er ist
'Gott'. 'Gott ist Geist'." p. 18.
Hier haben wir auf einmal den "vollendeten Geist" in den
"rechten" und gleich darauf in den "rechten und wahren Geist"
verwandelt. Dieser wird dadurch näher bestimmt, daß er "das Ideal
des Geistes, der heilige Geist" sei, was dadurch bewiesen wird,
daß er "nicht Mein oder Dein Geist, sondern e b e n ein jensei-
tiger, idealer, Gott" ist. Der wahre Geist ist das I d e a l
des Geistes, weil er "eben" ein i d e a l e r ist! Er ist der
heilige Geist, weil er "eben" - Gott ist! Welche "Virtuosität im
Denken"! Beiläufig bemerken wir noch, daß von "Deinem" Geiste
bisher noch nicht die Rede war. Eskamotage Nr. 3.
Also wenn ich mich als Mathematiker auszubilden oder nach Sankt
Max zu "vollenden" suche, so suche ich den "vollendeten" Mathema-
tiker, d.h. "den rechten und wahren" Mathematiker, der "das Ideal
"des Mathematikers, den "heiligen" Mathematiker, der ein von Mir
und Dir verschiedener Mathematiker ist (obgleich Du mir als voll-
endeter Mathematiker gelten kannst, wie für den Berliner Jüngling
sein Professor der Philosophie als vollendeter Geist gilt),
"sondern eben ein idealer, jenseitiger", der Mathematiker im Him-
mel, "Gott" ist. Gott ist Mathematiker.
Auf alle diese großen Resultate kommt der heilige Max, weil "es
einen Unterschied macht, ob der Geist reich oder arm sei", d.h.
zu deutsch übersetzt, ob einer reich oder arm an Geist ist, und
weil sein "Jüngling" diese merkwürdige Tatsache entdeckt hat.
Der heilige Max fährt fort p. 18:
"Den M a n n scheidet e s vom Jünglinge, daß er die Welt
nimmt, wie sie ist" etc.
#108# Karl Marx und Friedrich Engels
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Wir erfahren also nicht, wie der Jüngling dazu kommt, die Welt
plötzlich zu nehmen, "wie sie ist", wir sehen auch nicht unsern
heiligen Dialektiker den Übergang vom Jüngling zum Manne machen,
wir erfahren bloß, daß "E s" hier diesen Dienst verrichten und
den Jüngling vom Manne "s c h e i d e n" muß. Selbst das "Es"
allein reicht nicht hin, den schwerfälligen Frachtwagen der ein-
zigen Gedanken in Gang zu bringen. Denn nachdem "E s" "den Mann
vom Jüngling geschieden" hat, fällt der Mann dennoch wieder in
den Jüngling zurück, beschäftigt sich von Neuem "ausschließlich
mit Geistigem" und kommt nicht in den Zug, bis das "Man" mit
neuem Vorspann zu Hilfe eilt. "Erst dann, wenn m a n sich
l e i b h a f t i g liebgewonnen etc.", p. 18 - "erst dann" geht
es wieder flott voran, der Mann entdeckt, daß er ein persönliches
Interesse hat, und kommt zur "z w e i t e n S e l b s t-
f i n d u n g" indem er sich nicht nur "als Geist findet", wie
der Jüngling, "und sich dann sogleich wieder an den allgemeinen
Geist verliert", sondern als "l e i b h a f t i g e r Geist",
p. 19. Dieser "leibhaftige Geist" kommt endlich dann auch dazu,
"ein Interesse nicht etwa nur seines Geistes" (wie der Jüngling),
"sondern totaler Befriedigung, Befriedigung des ganzen Kerls"
(ein Interesse der Befriedigung des ganzen Kerls!) zu haben - er
kommt dazu, "an sich, wie er leibt und lebt, eine Lust zu haben".
Stirners "Mann" kommt als Deutscher zu Allem sehr spät. Er kann
auf den Pariser Boulevards und in der Londoner Regent Street
Hunderte von "Jünglingen", Muscadins und Dandies 1*), flanieren
sehen, die sich noch nicht als "leibhaftigen Geist" gefunden
haben, aber nichtsdestoweniger "an sich, wie sie leiben und
leben, eine Lust haben" und ihr Hauptinteresse in die
"Befriedigung des ganzen Kerls" setzen.
Diese zweite "Selbstfindung" begeistert unsern heiligen Dialekti-
ker so sehr, daß er plötzlich aus der Rolle fällt und statt vom
M a n n e von S i c h s e l b s t spricht, uns verrät, daß Er
selber, Er der Einzige, "der Mann" ist, und daß "der Mann" = "der
Einzige" ist. Neue Eskamotage.
"Wie Ich Mich" (soll heißen "der Jüngling sich") "hinter den
D i n g e n finde, und zwar als G e i s t, so muß Ich Mich"
(soll heißen "der Mann sich") "später auch hinter den
G e d a n k e n finden, nämlich als ihr Schöpfer und Eigner. In
der Geisterzeit wuchsen Mir" (dem Jünglinge) "die Gedanken über
den Kopf, dessen Geburten sie doch waren; wie Fieberphantasien
umschwebten und erschütterten sie Mich, eine schauervolle Macht.
Die Gedanken waren für sich selbst l e i b h a f t i g gewor-
den, waren Gespenster, wie Gott, Kaiser, Papst, Vaterland usw.;
zerstöre Ich ihre Leibhaftigkeit, so nehme Ich sie in die Meinige
zurück und s a g e: Ich allein bin leibhaftig. Und nun nehme
Ich die Welt als das, was sie Mir ist, als die M e i n i g e,
als Mein Eigentum: Ich beziehe Alles auf Mich."
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1*) Stutzer und Gecken
#109# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Nachdem also der hier mit "dem Einzigen" identifizierte Mann zu-
erst den Gedanken Leibhaftigkeit gegeben, d.h. sie zu Gespenstern
gemacht hat, zerstört er nun wieder diese Leibhaftigkeit, indem
er sie m seinen eignen Leib zurücknimmt und diesen somit als den
Leib der Gespenster setzt. Daß er erst durch die Negation der
Gespenster auf seine eigne Leibhaftigkeit kommt, dies zeigt, wie
diese konstruierte Leibhaftigkeit des Mannes beschaffen ist, die
er "sich" erst "sagen" muß, um daran zu glauben. "Und nun sagt"
er sich nicht einmal richtig, was er "sich sagt". Daß außer
seinem "einzigen" Leib nicht noch in seinem Kopf allerlei selb-
ständige Leiber, Spermatozoa, hausen, verwandelt er in die
"S a g e": Ich a l l e i n bin leibhaftig. Abermalige Eskamo-
tage.
Weiter. Der Mann, der sich als Jüngling allerlei dummes Zeug über
bestehende Mächte und Verhältnisse, wie Kaiser, Vaterland, Staat
etc., in den Kopf gesetzt und sie nur als seine eigne "Fieber-
phantasie" in der Gestalt seiner Vorstellung gekannt hat,
z e r s t ö r t n a c h S a n k t M a x d i e s e M ä c h-
t e w i r k l i c h, indem er seine falsche Meinung von ihnen
sich aus dem Kopf schlägt. Umgekehrt, indem er die Welt nicht
mehr durch die Brille seiner Phantasie erblickt, hat er sich nun
um ihren praktischen Zusammenhang zu bekümmern, ihn ken-
nenzulernen und nach ihm sich zu richten. Indem er ihre
p h a n t a s t i s c h e Leibhaftigkeit, die sie für ihn hatte,
zerstört, findet er ihre wirkliche Leibhaftigkeit außer seiner
Phantasie. Indem ihm die g e s p e n s t i g e Leibhaftigkeit
des Kaisers verschwindet, ist ihm nicht die Leibhaftigkeit, son-
dern die G e s p e n s t e r h a f t i g k e i t des Kaisers
verschwunden, dessen wirkliche Macht er jetzt erst in ihrer Aus-
dehnung würdigen kann. Eskamotage Nr. 3 [a].
Der Jüngling als Mann verhält sich nicht einmal kritisch zu Ge-
danken, die auch für Andre gültig sind und als Kategorien zirku-
lieren, sondern nur zu solchen Gedanken, die "bloße Geburten sei-
nes Kopfes", d. h. die von seinem Kopfe wiedergebornen allgemei-
nen Vorstellungen über bestehende Verhältnisse sind. Er löst also
z.B. nicht einmal die K a t e g o r i e "Vaterland" auf, son-
dern nur seine Privatmeinung von dieser Kategorie, wo denn immer
noch die a l l g e m e i n g ü l t i g e Kategorie übrigbleibt
und selbst im Gebiete des "philosophischen Denkens" die Arbeit
erst anfängt. Er will uns aber weismachen, er habe die Kategorie
selbst aufgelöst, weil er sein gemütliches Privatverhältnis zu
ihr aufgelöst hat - gerade wie er uns eben weismachen wollte, er
habe die Macht des Kaisers vernichtet, wenn er seine phantasti-
sche Vorstellung vom Kaiser aufgegeben hat. Eskamotage Nr. 4.
"U n d n u n", fährt der heilige Max fort, "nehme ich die Welt
als das, was sie Mir ist, als die Meinige, als Mein Eigentum."
#110# Karl Marx und Friedrich Engels
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Er nimmt die Welt als das, was sie ihm ist, d. h. a l s d a s,
a l s w a s e r s i e n e h m e n m u ß, und hierdurch hat
er sich die Welt a n g e e i g n e t, sie zu seinem Eigentum
gemacht - eine Manier des Erwerbs, die sich zwar bei keinem Öko-
nomen findet, deren Methode und Erfolge dagegen "das Buch" selbst
um so prunkvoller offenbaren wird. Im Grunde "nimmt" er aber
nicht "die Welt", sondern nur seine "Fieberphantasie" von der
Welt als die Seinige und eignet sie Sich an. Er nimmt die Welt
als seine Vorstellung von der Welt, und als seine Vorstellung ist
die Welt sein vorgestelltes Eigentum, das Eigentum seiner Vor-
stellung, seine Vorstellung als Eigentum, sein Eigentum als Vor-
stellung, seine eigentümliche Vorstellung, oder seine Vorstellung
vom Eigentum; und dies Alles drückt er in dem unvergleichlichen
Satze aus: "Ich beziehe Alles auf Mich."
Nachdem der Mann nach des Heiligen eignem Bekenntnis erkannt hat,
daß die Welt nur mit Gespenstern bevölkert war, weil der Jüngling
Gespenster sah, nachdem die S c h e i n w e l t des Jünglings
für ihn verschwunden ist, befindet er sich in einer w i r k l i-
c h e n, von den Einbildungen des Jünglings unabhängigen Welt.
Und nun, muß es also heißen, nehme Ich die Welt als das, was sie
u n a b h ä n g i g v o n M i r ist, als die I h r i g e
("der Mann nimmt" p. 18 selbst "die Welt wie sie ist", nicht wie
ihm beliebt), zunächst als Mein Nichteigentum (Mein Eigentum war
sie bisher nur als Gespenst): Ich beziehe Mich auf Alles und nur
insofern Alles auf Mich.
"Stieß ich als Geist die Welt zurück in tiefster Weltverachtung,
so stoße Ich als Eigner die Geister oder Ideen zurück in ihre Ei-
telkeit. Sie haben keine Macht mehr über mich, wie über den Geist
keine 'Gewalt der Erde' eine Macht hat." p. 20.
Wir sehen hier, wie der Eigner, der Stirnersche Mann, die Erb-
schaft des Jünglings, die, wie er selbst sagt, nur in
"Fieberphantasien" und "Gespenstern" besteht, sine beneficio de-
liberandi atque inventarii 1*) sofort antritt. Er glaubt es, daß
er als Jüngling werdendes Kind mit der Welt der Dinge, als Mann
werdender Jüngling mit der Welt des Geistes wirklich fertiggewor-
den ist, daß er als Mann jetzt die ganze Welt in der Tasche und
sich um Nichts mehr Sorge zu machen hat. Wenn, wie er dem Jüng-
ling nachschwatzt, keine Gewalt der Erde außer ihm Macht über den
Geist hat, also der Geist die höchste Macht der Erde ist - und
Er, der Mann, diesen allmächtigen Geist sich unterworfen hat -
ist er da nicht vollends allmächtig? Er vergißt, daß er nur die
phantastische und gespenstige Gestalt, welche die Gedanken Vater-
land etc. unter dem Schädel "des Jünglings" annahmen, zerstörte,
daß
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1*) wörtlich: ohne die Vergünstigung der Bedenkzeit und der Be-
standsaufnahme [52a]
#111# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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er aber diese Gedanken, sofern sie w i r k l i c h e Verhält-
nisse ausdrücken, noch nicht b e r ü h r t hat. Weit entfernt,
Herr der Gedanken geworden zu sein, ist er erst jetzt fähig, zu
"Gedanken" zu kommen.
"Es kann nun, um hiermit zu schließen, einleuchten" (p. 199), daß
der heilige Mann seine Konstruktion der Lebensalter zum erwünsch-
ten und prädestinierten Ziele geführt hat. Das gewonnene Resultat
teilt er uns m einem Satze mit, einem gespenstigen Schatten, den
wir mit seinem abhanden gekommenen Leib wieder konfrontieren wol-
len.
Einziger Satz, p. 20.
"Das Kind war r e a l i s t i s c h in den D i n g e n
d i e s e r W e l t befangen, bis ihm nach und nach h i n-
t e r e b e n d i e s e D i n g e zu kommen gelang. Der Jüng-
ling war i d e a l i s t i s c h, von Gedanken begeistert, bis
er sich zum Manne hinaufarbeitete, dem egoistischen, der mit den
Dingen und Gedanken nach Herzenslust gebart und sein persönliches
Interesse über Alles setzt. Endlich der Greis? Wenn Ich einer
werde, so ist noch Zeit genug, davon zu sprechen."
Inhaber anliegenden emanzipierten Schattens.
Das Kind war w i r k l i c h i n d e r W e l t s e i n e r
D i n g e befangen, bis ihm n a c h u n d n a c h (borger-
liche Eskamotage der Entwickelung) eben d i e s e D i n g e
h i n t e r s i c h zu bekommen gelang. Der Jüngling war
p h a n t a s t i s c h, von Begeisterung gedankenlos, bis der
Mann ihn hinabarbeitete, der egoistische B ü r g e r, mit dem
die Dinge und Gedanken nach Herzenslust gebaren, weil sein
persönliches Interesse Alles über ihn setzt. Endlich der Greis? -
"Weib, was habe ich mit Dir zu schaffen?"
Die ganze Geschichte "eines Menschenlebens" läuft also, "um hier-
mit zu schließen", auf Folgendes hinaus:
1. faßt Stirner die verschiedenen Lebensstufen nur als
"Selbstfindungen" des Individuums, und zwar reduzieren sich diese
"Selbstfindungen" immer auf ein bestimmtes Bewußtseinsverhältnis.
Die Verschiedenheit des B e w u ß t s e i n s ist hier also das
Leben des Individuums. Die physische und soziale Veränderung, die
mit den Individuen vorgeht und ein verändertes Bewußtsein er-
zeugt, geht ihn natürlich Nichts an. Deswegen finden auch Kind,
Jüngling und Mann bei Stirner die Welt immer fertig vor, wie sie
sich "selbst" nur "finden"; es wird durchaus Nichts getan, um da-
für zu sorgen, daß überhaupt etwas vorgefunden werden kann. Aber
selbst das Verhältnis des B e w u ß t s e i n s wird nicht ein-
mal richtig, sondern nur m seiner spekulativen Verdrehung aufge-
faßt. Darum verhalten sich auch alle diese Gestalten philoso-
phisch zur Welt - "das Kind r e a l i s t i s c h", "der Jüng-
ling i d e a l i s t i s c h", der Mann als negative Einheit
Beider, als absolute Negativität, was in dem obigen Schlußsatz
#112# Karl Marx und Friedrich Engels
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zum Vorschein kam. Hier ist das Geheimnis "eines Menschenlebens"
enthüllt, hier tritt es hervor, daß "das K i n d" nur eine Ver-
kleidung des "R e a l i s m u s", "der J ü n g l i n g" des
"I d e a l i s m u s", "der M a n n" der versuchten L ö-
s u n g dieses p h i l o s o p h i s c h e n G e g e n s a t-
z e s war. Diese Lösung, diese "a b s o l u t e N e g a t i-
v i t ä t", kommt, wie sich schon jetzt ergibt, nur dadurch
zustande, daß der Mann die Illusionen sowohl des Kindes wie des
Jünglings auf Treu und Glauben akzeptiert und damit g l a u b t,
die Welt der Dinge und die Welt des Geistes überwunden zu haben.
2. Wenn Sankt Max auf das physische und soziale "Leben" des Indi-
viduums keine Rücksicht nimmt, überhaupt nicht vom "Leben"
spricht, abstrahiert er ganz konsequent von den historischen Epo-
chen, von der Nationalität, Klasse etc., oder, was d a s s e l-
b e ist, er bläht das herrschende B e w u ß t s e i n der ihm
am nächsten stehenden Klasse seiner unmittelbaren Umgebung zum
Normalen Bewußtsein "Eines Menschenlebens" auf. Um sich über
diese lokale und Schulmeister-Borniertheit zu erheben, braucht er
"seinen" Jüngling nur mit dem ersten besten Kontorjüngling, einem
jungen englischen Fabrikarbeiter, einem jungen Yankee, von den
jungen Kirgiskaisaken gar nicht zu reden, zu konfrontieren.
3. Die enorme Leichtgläubigkeit unseres Heiligen - der eigentli-
che Geist seines Buchs - beruhigt sich nicht dabei, seinen Jüng-
ling an sein Kind, seinen Mann an seinen Jüngling glauben zu las-
sen. Er selbst verwechselt unbesehens die Illusionen, die gewisse
"Jünglinge", "Männer" etc. sich etwa von sich machen oder zu
machen behaupten, mit dem "L e b e n", der W i r k l i c h-
k e i t dieser höchst zweideutigen Jünglinge und Männer.
4. ist die ganze Konstruktion der Menschenalter im dritten Teile
der Hegelschen "Encyclopädie" [53] und "unter mancherlei Wandlun-
gen" auch sonst von Hegel bereits prototypisch vorgebildet. Der
heilige Max, der "eigne" Zwecke verfolgt, mußte natürlich hier
auch einige "Wandlungen" vornehmen; während Hegel z. B. sich noch
so weit durch die empirische Welt bestimmen läßt, daß er den
deutschen Bürgersmann als Knecht der ihn umgebenden Welt dar-
stellt, muß ihn Stirner zum Herrn dieser Welt machen, was er
nicht einmal in der Einbildung ist. Ebenso gibt sich Sankt Max
das Ansehen, als spreche er aus empirischen Gründen nicht vom
Greis: er wolle nämlich abwarten, bis er einer werde (hier ist
also "Ein Menschenleben" = Sein Einziges Menschenleben). Hegel
konstruiert die vier Menschenalter frisch darauf los, weil in der
realen Welt sich die Negation doppelt setze, nämlich als Mond und
Komet (vgl. Hegels Naturphilosophie), und darum hier die Vierheit
an die Stelle der Dreiheit trete. Stirner setzt seine Einzigkeit
#113# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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darin, Mond und Komet zusammenfallen zu lassen, und beseitigt so
den unglücklichen Greis aus "einem Menschenleben". Der Grund die-
ser Eskamotage wird sich sogleich zeigen, wenn wir auf die Kon-
struktion der einzigen Geschichte des Menschen eingehen.
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