Quelle: MEW 3 1845 - 1846
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#113# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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2. Ökonomie des Alten Bundes
Wir müssen hier für einen Augenblick aus "dem Gesetz" in "die
Propheten" überspringen, indem wir das Geheimnis des einzigen
Haushalts im Himmel und auf Erden schon an dieser Stelle enthül-
len. Die Geschichte des Reiches des Einzigen auch im Alten Testa-
mente, wo noch das Gesetz, der Mensch, als ein Zuchtmeister auf
den Einzigen (Gal[ater] 3, 24) herrscht, hat einen weisen Plan,
der von Ewigkeit her beschlossen war. Es ist Alles zuvorgesehen
und verordnet, damit der Einzige in die Welt kommen konnte, als
die Zeit erfüllet war, um die heiligen Menschen von ihrer Heilig-
keit zu erlösen.
Das erste Buch, "Ein Menschenleben", heißt auch darum "Genesis",
weil es den ganzen Einzigen Haushalt im Keime enthält, weil es
die ganze spätere Entwickelung bis dahin, wo die Zeit erfüllet
ist und das Ende der Tage hereinbricht, prototypisch uns vor-
führt. Die ganze Einzige Geschichte dreht sich um die drei Stu-
fen: Kind, Jüngling, Mann, die "unter mancherlei Wandlungen" und
in stets sich erweiternden Kreisen wiederkehren, bis endlich die
ganze Geschichte der Welt der Dinge und der Welt des Geistes sich
in "Kind, Jüngling und Mann" aufgelöst hat. Wir werden überall
nur verkleidete "Kind, Jüngling und Mann" wiederfinden, wie wir
schon in diesen die Verkleidungen dreier Kategorien fanden.
Wir haben oben über die deutsche philosophische Geschichtsauffas-
sung gesprochen. Hier bei Sankt Max finden wir ein glänzendes
Beispiel. Die spekulative Idee, die abstrakte Vorstellung wird
zur treibenden Kraft der Geschichte und dadurch die Geschichte
zur bloßen Geschichte der Philosophie gemacht. Aber auch diese
wird nicht einmal so aufgefaßt, wie sie - nach den existierenden
Quellen sich zugetragen, geschweige wie sie sich durch die Ein-
wirkung der realen geschichtlichen Verhältnisse entwickelt hat,
sondern wie sie von den neueren deutschen Philosophen, speziell
Hegel und Feuerbach, aufgefaßt und dargestellt worden ist. Und
aus diesen Darstellungen selbst wird wieder nur das genommen, was
für den vorliegenden Zweck passend gemacht werden kann und unserm
Heiligen traditionell zugekommen ist. Die Geschichte wird so zu
einer bloßen Geschichte der vorgeblichen Ideen, zu einer Geister-
und Gespenstergeschichte, und die wirkliche, empirische Ge-
schichte, die Grundlage dieser Gespenstergeschichte
#114# Karl Marx und Friedrich Engels
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wird nur dazu exploitiert, um die Leiber für diese Gespenster
herzugeben; ihr werden die nötigen Namen entnommen, die diese Ge-
spenster mit dem Schein der Realität bekleiden sollen. Unser Hei-
liger fällt häufig bei diesem Experiment aus der Rolle und
schreibt unverhüllte Gespenstergeschichte.
Bei ihm finden wir diese Art, Geschichte zu machen, in der naiv-
sten, klassischsten Einfalt. Die einfachen drei Kategorien: Re-
alismus, Idealismus, absolute Negativität als Einheit Beider
(hier "E g o i s m u s" benamst), die wir schon als Kind, Jüng-
ling und Mann vorfanden, werden der ganzen Geschichte zugrunde
gelegt und mit verschiedenen geschichtlichen Aushängeschildern
behangen; sie sind, mit ihrem bescheidenen Gefolge von Hülfskate-
gorien, der Inhalt aller vorgeführten, vorgeblich geschichtlichen
Phasen. Der heilige Max bewährt hier wieder seinen riesenhaften
Glauben, indem er den Glauben an den von deutschen Philosophen
zubereiteten spekulativen Inhalt der Geschichte weiter treibt als
irgendeiner seiner Vorgänger. Es handelt sich also in dieser fei-
erlichen und langwierigen Geschichtskonstruktion nur darum, für
drei Kategorien, die so abgedroschen sind, daß sie sich unter ih-
rem eignen Namen gar nicht mehr öffentlich sehen lassen dürfen,
eine pomphafte Reihe volltönender Namen zu finden. Unser gesalb-
ter Autor hätte ganz gut von dem "Manne", p. 20, sogleich auf
"Ich", p. 201, oder noch besser auf den "Einzigen", p. 485, über-
gehen können; das aber wäre viel zu einfach gewesen. Zudem macht
die große Konkurrenz unter den deutschen Spekulanten jedem neuen
Mitbewerber eine schmetternde historische Annonce für seine Ware
zur Pflicht.
Die "Kraft des wahren Verlaufs", um mit dem Dottore Graziano [30]
zu sprechen, "verläuft sich aufs kräftigste" in folgenden
"Wandlungen":
Grundlage:
I. Realismus.
II. Idealismus.
III. Negative Einheit Beider. "Man" (p. 485).
Erste Namengebung:
I. Kind, abhängig von den Dingen (Realismus).
II. Jüngling, abhängig von Gedanken (Idealismus).
III. Mann - (als negative Einheit)
positiv ausgedrückt: Eigner der }
Gedanken und Dinge, }
negativ ausgedrückt: Los von Gedanken} (Egoismus)
und Dingen }
#115# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Zweite, historische Namengebung:
I. Neger (Realismus, Kind).
II. Mongole (Idealismus, Jüngling).
III. Kaukasier (Negative Einheit von Realismus und Idealismus,
Mann).
Dritte, allgemeinste Namengebung:
I. Realistischer Egoist (Egoist im gewöhnlichen Verstande) -
Kind, Neger,
II. Idealistischer Egoist (Aufopfernder) - Jüngling, Mongole.
III. Wahrer Egoist (der Einzige) - Mann, Kaukasier.
Vierte, historische Namengebung. Wiederholung der früheren Stufen
innerhalb des Kaukasiers.
I. Die Alten. Negerhafte Kaukasier - kindische Männer - Heiden -
abhängig von den Dingen - Realisten - Welt.
Übergang (Kind, das hinter die "Dinge dieser Welt" kommt):
Sophisten, Skeptiker etc.
II. Die Neuen. Mongolenhafte Kaukasier - jugendliche Männer -
Christen - abhängig von den Gedanken - Idealisten - Geist.
1. Reine Geistergeschichte, Christentum als Geist. "Der Geist".
2. Unreine Geistergeschichte. Geist in Beziehung zu Ändern.
"Die Besessenen".
A) Reine unreine Geistergeschichte.
a) Der Spuk, das Gespenst, der Geist im negerhaften Zustand,
als dinglicher Geist und geistiges Ding - gegenständliches
Wesen für den Christen, Geist als Kind.
b) Der Sparren, die fixe Idee, der Geist im mongolischen
Zustand, als geistig im Geist, Bestimmung im Bewußtsein,
gedachtes Wesen im Christen - Geist als Jüngling.
B) Unreine unreine (historische) Geistergeschichte.
a) Katholizismus - Mittelalter (Neger, Kind, Realismus pp.).
b) Protestantismus - Neue Zeit in der neuen Zeit - (Mongole,
Jüngling, Idealismus pp.). Innerhalb des Protestantismus
kann man wieder Unterabteilungen machen, z.B.
alpha) englische Philosophie - Realismus, Kind, Neger.
· beta) deutsche Philosophie - Idealismus, Jüngling,
Mongole.
#116# Karl Marx und Friedrich Engels
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3. Die Hierarchie - negative Einheit Beider innerhalb des
mongolenhaft-kaukasischen Standpunkts. Diese tritt nämlich
ein, wo das geschichtliche Verhältnis in ein gegenwärtiges
verwandelt oder die Gegensätze als nebeneinander existierend
vorgestellt werden. Hier haben wir also zwei koexistierende
Stufen:
A) die Unjebildeten - (Böse, Bourgeois, Egoisten im gewöhnli-
chen
Verstande) = Neger, Kinder, Katholiken, Realisten pp.
B) die Jebildeten (Gute, citoyens 1*), Aufopfernde, Pfaffen
pp.)
= Mongolen, Jünglinge, Protestanten, Idealisten.
Diese beiden Stufen existieren nebeneinander, und daraus ergibt
sich "leicht", daß die Jebildeten über die Ungebildeten
herrschen - dies ist die Hierarchie. In der weiteren
geschichtlichen Entwicklung wird dann
aus dem Ungebildeten der Nichthegelianer,
aus dem Jebildeten der Hegelianer *),
woraus folgt, daß die Hegelianer über die Nichthegelianer
herrschen. So verwandelt Stirner die spekulative Vorstellung
von der Herrschaft der spekulativen Idee in der Geschichte in
die Vorstellung von der Herrschaft der spekulativen Philosophen
selbst. Seine bisherige Anschauung von der Geschichte, die
Herrschaft der Idee, wird in der Hierarchie zu einem
gegenwärtig wirklich existierenden Verhältnis, zur
Weltherrschaft der Ideologen. Dies zeigt die Tiefe, bis zu der
Stirner in die Spekulation versunken ist. Diese Herrschaft der
Spekulanten und Ideologen entwickelt sich zu guter Letzt, "da
die Zeit erfüllet war", in die folgende schließliche
Namengebung:
a) der politische Liberalismus, abhängig von den Dingen,
unabhängig von den Personen - Realismus, Kind, Neger, Alter,
Spuk, Katholizismus, Unjebildeter, herrenlos.
b) der soziale Liberalismus, unabhängig von den Dingen,
abhängig vom Geist, gegenstandlos - Idealismus, Jüngling,
Mongole, Neuer, Sparren, Protestantismus, Jebildeter,
besitzlos.
c) der humane Liberalismus, herrenlos und besitzlos, nämlich
gottlos, weil Gott zugleich der höchste Herr und der höchste
Besitz, Hierarchie - negative Einheit innerhalb der Sphäre
des Liberalismus, als
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*) "Der Schamane und der spekulative Philosoph bezeichnen die un-
terste und oberste Sprosse auf der Stufenleiter des innerlichen
Menschen, des Mongolen." p. 453.
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1*) Staatsbürger
#117# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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solche Herrschaft über die Welt der Dinge und der Gedanken,
zugleich der vollendete Egoist in der Aufhebung des Egoismus
- die vollendete Hierarchie. Bildet zugleich den
Übergang (Jüngling, der hinter die Welt der Gedanken
kommt)
zum
III. "Ich" - d.h. dem vollendeten Christen, vollendeten Mann,
kaukasischen Kaukasier und wahren Egoisten, der, wie der
Christ durch Aufhebung der alten Welt der Geist - so durch
Auflösung des Geisterreichs der Leibhaftige wird, indem er
die Erbschaft des Idealismus, Jünglings, Mongolen, Neuen,
Christen, Besessenen, Sparrens, Protestanten, Jebildeten,
Hegelianers und humanen Liberalen sine beneficio deliberandi
et inventarii 1*) antritt.
NB. 1. Es können nun noch "mitunter" Feuerbachsche und sonstige
Kategorien, wie Verstand, Herz etc. bei passender Gelegenheit
"episodisch eingelegt" werden, um den Farbenschmelz dieses Gemäl-
des zu erhöhen und neue Effekte zu produzieren. Es versteht sich,
daß auch diese nur neue Verkleidungen des stets durchgehenden
Idealismus und Realismus sind.
2. Von der wirklichen profanen Geschichte weiß der recht gläubige
Sankt Max, Jacques le bonhomme [54], Nichts Wirkliches und Profa-
nes zu sagen, als daß er sie unter dem Namen der "Natur", der
"Welt der Dinge", der "Welt des Kindes" pp. stets dem Bewußtsein
gegenüberstellt als einen Gegenstand, worüber es spekuliert, als
eine Welt, die trotz ihres beständigen Vertilgtwerdens in einem
mystischen Dünkel fortexistiert, um bei jeder Gelegenheit wieder
zum Vorschein zu kommen; wahrscheinlich weil die Kinder und Neger
fortexistieren, also auch "leicht" ihre Welt, die sogenannte Welt
der Dinge. Über dergleichen historische und unhistorische Kon-
struktionen hat bereits der gute alte Hegel, bei Gelegenheit
Schellings, des Musterreiters aller Konstruktoren, gesagt, daß
hier dies zu sagen sei:
"Das Instrument dieses gleichtönigen Formalismus ist nicht schwe-
rer zu handhaben als die Palette eines Malers, auf der sich nur
zwei Farben vorfinden, etwa Schwarz" (realistisch, kindlich, ne-
gerhaft etc.) "und Gelb" 2*) (idealistisch, jünglingshaft, mongo-
lisch etc.), "um mit jener eine Fläche anzufärben, wenn ein hi-
storisches Stück" (die "Welt der Dinge"), "mit dieser, wenn eine
Landschaft" ("der Himmel", Geist, das Heilige etc.) "verlangt
wäre." "Phänom[enologie]" p. 39.
Noch treffender hat das "gemeine Bewußtsein" diese Art Konstruk-
tionen in dem folgenden Liede verspottet:
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1*) Wörtlich: ohne die Vergünstigung der Bedenkzeit und der Be-
standsaufnahme [52a] - 2*) Bei Hegel: Rot und Grün
#118# Karl Marx und Friedrich Engels
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Der Herr, der schickt den Jochem aus.
Er sollt' den Hafer schneiden,
Der Jochem schneidt den Hafer nicht
Und kommt auch nicht nach Haus.
Da schickt der Herr den Pudel aus,
Er sollt' den Jochem beißen.
Der Pudel beißt den Jochem nicht,
Der Jochem schneidt den Hafer nicht
Und kommen nicht nach Haus.
Da schickt der Herr den Prügel aus,
Er sollt' den Pudel prügeln.
Der Prügel prügelt den Pudel nicht.
Der Pudel beißt den Jochem nicht,
Der Jochem schneidt den Hafer nicht
Und kommen nicht nach Haus.
Da schickt der Herr das Feuer aus,
Es sollt' den Prügel brennen.
Das Feuer brennt den Prügel nicht,
Der Prügel prügelt Pudel nicht,
Der Pudel beißt den Jochem nicht,
Der Jochem schneidt den Hafer nicht
Und kommen nicht nach Haus.
Da schickt der Herr das Wasser aus,
Es sollt' das Feuer löschen.
Das Wasser löscht das Feuer nicht,
Das Feuer brennt den Prügel nicht,
Der Prügel prügelt Pudel nicht,
Der Pudel beißt den Jochem nicht,
Der Jochem schneidt den Hafer nicht
Und kommen nicht nach Haus.
Da schickt der Herr den Ochsen aus,
Er sollt' das Wasser saufen.
Der Ochse säuft das Wasser nicht,
Das Wasser löscht das Feuer nicht,
Das Feuer brennt den Prügel nicht,
Der Prügel prügelt Pudel nicht,
Der Pudel beißt den Jochem nicht,
Der Jochem schneidt den Hafer nicht
Und kommt auch nicht nach Haus.
#119# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Da schickt der Herr den Schlächter aus,
Er sollt' den Ochsen schlachten.
Der Schlächter schlacht't den Ochsen nicht.
Der Ochse säuft das Wasser nicht,
Das Wasser löscht das Feuer nicht,
Das Feuer brennt den Prügel nicht,
Der Prügel prügelt Pudel nicht,
Der Pudel beißt den Jochem nicht,
Der Jochem schneidt den Hafer nicht
Und kommen nicht nach Haus.
Da schickt der Herr den Henker aus.
Er sollt' den Schlächter henken.
Der Henker hängt den Schlächter,
Der Schlächter schlacht't den Ochsen,
Der Ochse säuft das Wasser,
Das Wasser löscht das Feuer,
Das Feuer brennt den Prügel,
Der Prügel prügelt Pudel,
Der Pudel beißt den Jochem,
Der Jochem schneidt den Hafer,
Und kommen all nach Haus. [55]
Mit welcher "Virtuosität im Denken" und mit welchem Gymnasiasten-
material Jacques le bonhomme dieses Schema ausfüllt, werden wir
sogleich zu sehen Gelegenheit haben.
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