Quelle: MEW 3 1845 - 1846
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#119# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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3. Die Alten
Eigentlich müßten wir hier mit den Negern beginnen; aber der hei-
lige Max, der ohne Zweifel mit im "Rate der Wächter" sitzt,
bringt in seiner unerforschlichen Weisheit die Neger erst später,
und auch dann "nicht mit dem Ansprüche auf Gründlichkeit und
Bewährtheit". Wenn wir also die griechische Philosophie dem ne-
gerhaften Weltalter, d.h. den Zügen des Sesostris [56] und der
napoleonischen Expedition nach Ägypten [57] vorhergehen lassen,
so geschieht es in der Zuversicht, daß unser heiliger Schrift-
steller Alles weislich angeordnet habe.
"Schauen wir daher in das Treiben hinein, welches" die Stirner-
schen Alten "verführen".
"'Den Alten war die Welt eine Wahrheit', sagt Feuerbach; aber er
vergißt den wichtigen Zusatz zu machen: eine Wahrheit, hinter de-
ren Unwahrheit sie zu kommen suchten und endlich wirklich kamen."
p. 22.
#120# Karl Marx und Friedrich Engels
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"Den Alten war" i h r e "Welt" (nicht d i e Welt) "eine Wahr-
heit" - womit natürlich keine Wahrheit über die alte Welt gesagt
ist, sondern nur, daß sie sich nicht christlich zu ihrer Welt
verhielten. Sobald die U n w a h r h e i t hinter ihre Welt kam
(d.h. sobald diese Welt in sich selbst durch praktische Kollisio-
nen zerfiel - und diese materialistische Entwicklung empirisch
nachzuweisen wäre das einzig Interessante), suchten die alten
Philosophen hinter die Welt der Wahrheit oder die Wahrheit ihrer
Welt zu kommen und fanden dann natürlich, daß sie unwahr geworden
war. Ihr Suchen selbst war schon ein Symptom des inneren Verfalls
dieser Welt. Jacques le bonhomme macht das idealistische Symptom
zur materiellen Ursache des Verfalls und läßt als deutscher Kir-
chenvater das Altertum selbst seine eigne Verneinung, das Chri-
stentum, suchen. Diese Stellung des Altertums ist bei ihm notwen-
dig, weil die Alten die "Kinder" sind, die hinter die "Welt der
Dinge" zu kommen suchen. "Und etwa leicht auch": Indem Jacques le
bonhomme die alte Welt in das spätere Bewußtsein von der alten
Welt verwandelt, kann er natürlich mit Einem Sprunge aus der ma-
terialistischen alten Welt sich in die Welt der Religion, das
Christentum, hinüberschwingen. Der realen Welt des Altertums
tritt nun sogleich "das göttliche Wort" gegenüber, dem als Philo-
soph gefaßten Alten der als moderner Zweifler gefaßte Christ.
Sein Christ "kann sich niemals von der Eitelkeit des göttlichen
Wortes überzeugen" und "glaubt" infolge dieser Nichtüberzeugung
"an die ewige und unerschütterliche Wahrheit desselben", p. 22.
Wie sein Alter Alter ist, weil er der Nichtchrist, noch nicht
Christ oder verborgener Christ ist, so ist sein Urchrist Christ,
weil er der Nichtatheist, noch nicht Atheist, verborgener Atheist
ist. Er läßt also das Christentum von den Alten, wie den modernen
Atheismus von den Urchristen negiert werden, statt umgekehrt.
Jacques le bonhomme, wie alle ändern Spekulanten, faßt Alles beim
philosophischen Schwanz an. Folgen sogleich noch ein paar Exempel
dieser kindlichen Leichtgläubigkeit:
"Der Christ muß sich für einen 'Fremdling auf Erden' ansehen
(Hebr[äer] 11, 13)", p. 23.
Umgekehrt, die Fremdlinge auf Erden (durch höchst natürliche
Gründe erzeugt, z.B. die kolossale Konzentration des Reichtums in
der ganzen römischen Welt etc. etc.) mußten sich als Christen an-
sehen. Nicht ihr Christentum machte sie zu Vagabunden, sondern
ihr Vagabundentum machte sie zu Christen. - Auf derselben Seite
springt der heilige Vater von der Antigone des Sophokles und der
mit ihr zusammenhängenden Heiligkeit der Totenbeistattung so-
gleich zum Evangelium Matthäi 8, 22 (laß die Toten ihre Toten be-
graben), während Hegel wenigstens in der "Phänomenologie" von der
Antigone
#121# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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usw. allgemach auf das Römertum übergeht. Mit demselben Rechte
hätte Sankt Max sogleich ins Mittelalter übergehen und den Kreuz-
fahrern mit Hegel diesen Bibelspruch entgegenhalten, oder gar, um
recht originell zu sein, die Bestattung des Polynices durch Anti-
gone mit der Abholung der Asche Napoleons von St. Helena nach Pa-
ris in Gegensatz bringen können. Weiter heißt es:
"Im Christentum wird die unverbrüchliche Wahrheit der Famlien-
bande" (die auf p. 22 als eine der "Wahrheiten" der Alten konsta-
tiert wird) "als eine Unwahrheit dargestellt, von der man sich
nicht zeitig genug losmachen könne (Mark[us] 10, 29), und so in
Allem." (p. 23.)
Dieser Satz, in welchem wieder die Wirklichkeit auf den Kopf ge-
stellt ist, muß folgendermaßen zurechtgerückt werden: Die fakti-
sche Unwahrheit der Farmlienbande (darüber u. a. die noch vor-
handnen Dokumente der vorchristlichen römischen Gesetzgebung
nachzusehen) wird im Christentum als eine unverbrüchliche Wahr-
heit dargestellt, "und so in Allem".
Wir sehen also an diesen Exempeln im Übermaße, wie Jacques le
bonhomme, der von der empirischen Geschichte "sich nicht zeitig
genug losreißen kann", die Tatsachen auf den Kopf stellt, die ma-
terielle Geschichte von der ideellen produziert werden läßt, "und
so m Allem". Von vornherein erfahren wir nur, was die Alten von
ihrer Welt angeblich hielten; sie werden als Dogmatiker der al-
ten, ihrer eignen Welt gegenübergestellt, statt als Produzenten
derselben aufzutreten; es handelt sich nur um das Verhältnis des
Bewußtseins zum Gegenstande, zur Wahrheit; es handelt sich also
nur um das philosophische Verhältnis der Alten zu ihrer Welt - an
die Stelle der alten Geschichte tritt die Geschichte der alten
Philosophie, und auch diese nur, wie Sankt Max sie sich nach He-
gel und Feuerbach vorstellt.
Die Geschichte Griechenlands von der perikleischen Zeit inklusive
an reduziert sich so auf den Kampf der Abstrakta Verstand, Geist,
Herz, Weltlichkeit usw. Dies sind die griechischen Parteien. In
dieser Gespensterwelt, die für die griechische Welt ausgegeben
wird, "machinieren" dann auch allegorische Personen, wie Frau
Herzensreinheit, und nehmen mythische Figuren wie Pilatus (der
nie fehlen darf, wo Kinder sind) ernsthaft Platz neben Timon dem
Phliasier.
Nachdem Sankt Max uns über die Sophisten und Sokrates einige
überraschende Offenbarungen gegeben hat, springt er sogleich zu
den Skeptikern über. Er entdeckt in ihnen die Vollender der von
Sokrates angefangenen Arbeit. Die positive Philosophie der Grie-
chen, die gerade auf die Sophisten und Sokrates folgt, namentlich
die enzyklopädische Wissenschaft des Aristoteles existiert also
für Jacques le bonhomme gar nicht. Er "kann nicht zeitig
#122# Karl Marx und Friedrich Engels
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genug sich" von dem Früheren "losmachen" - er eilt auf den Über-
gang zu den "Neuen" und findet diesen in den Skeptikern, Stoikern
und Epikuräern. Sehen wir uns an, was der heilige Vater uns über
diese offenbart.
"Die Stoiker wollen den Weisen verwirklichen - - den Mann, der zu
leben weiß - - sie finden ihn in der Verachtung der Welt, in ei-
nem Leben ohne Lebensentwicklung, [- -] ohne freundliches Verneh-
men mit der Welt, d.h. im isolierten Leben, [- - ] nicht im Mit-
leben; nur der Stoiker lebt, alles Andre ist für ihn tot. Umge-
kehrt verlangen die Epikuräer ein bewegliches Leben." p. 30.
Wir verweisen Jacques le bonhomme, den Mann, der sich verwirkli-
chen will und der zu leben weiß, u. a. auf Diogenes Laertius, wo
er finden wird, daß der Weise, Sophos, nichts ist als der ideali-
sierte Stoiker, nicht der Stoiker der realisierte Weise; wo er
finden wird, daß der Sophos durchaus nicht bloß stoisch ist, son-
dern ebensogut bei den Epikuräern, Neuakademikern und Skeptikern
vorkommt. Übrigens ist der Sophos die erste Gestalt, in der uns
der griechische Philosophos entgegentritt; er tritt mythisch auf
in den sieben Weisen, praktisch im Sokrates und als Ideal bei den
Stoikern, Epikuräern, Neuakademikern und Skeptikern. Jede dieser
Schulen hat natürlich einen eignen ????? 1*), wie Sankt Bruno
sein eignes, "einziges Geschlecht" hat. Ja, Sankt Max kann "le
sage" 2*) wiederfinden im achtzehnten Jahrhundert in der Aufklä-
rungsphilosophie und sogar bei Jean Paul in den "weisen Männern"
wie Emanuel [58] etc. Der stoische Weise stellt sich kein "Leben
ohne Lebensentwicklung", sondern ein a b s o l u t b e w e g-
l i c h e s Leben vor, was schon aus seiner Naturanschauung
hervorgeht, welche die heraklitische, die dynamische, entwickeln-
de, lebendige ist, während bei den Epikuräern der mors immortalis
3*), wie Lukrez sagt, das Atom das Prinzip der Naturanschauung
ist und an die Stelle des "beweglichen Lebens" die göttliche Muße
im Gegensatz zur göttlichen Energie des Aristoteles als
Lebensideal vorgestellt wird.
"Die Ethik der Stoiker (ihre einzige Wissenschaft, da sie nichts
vom Geiste auszusagen wußten, als wie er sich zur Welt verhalten
solle, und von der Natur - Physik - nur dies, daß der Weise sich
gegen sie zu behaupten habe) ist nicht eine Lehre des Geistes,
sondern nur eine Lehre der Weltabstoßung und Selbstbehauptung ge-
gen die Welt." p. 31.
Die Stoiker wußten "von der Natur dies zu sagen", daß die Physik
für den Philosophen eine der wichtigsten Wissenschaften sei, und
gaben sich deshalb sogar die Mühe, die Physik des Heraklit weiter
auszubilden; sie "wußten ferner zu sagen", daß die ????, die
männliche Schönheit, das Höchste sei, was von dem Individuum dar-
zustellen sei, und feierten gerade das Leben im Einklang
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1*) Weisen - 2*) den Weisen - 3*) unsterbliche Tod
#123# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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mit der Natur, obgleich sie dabei in Widersprüche geraten. Nach
den Stoikern zerfällt die Philosophie in drei Doktrinen: "Physik,
Ethik, Logik".
"Sie vergleichen die Philosophie dem Tier und dem Ei, die Logik
den Knochen und Sehnen des Tiers, der äußeren Schale des Eis, die
Ethik dem Fleisch des Tiers, und im Ei dem Eiweiß und die Physik
der S e e l e des Tiers und der Eidotter." (Diog[enes)
Laert[ius] Zeno.) [59]
Wir sehen schon hieraus, wie wenig "die Ethik die einzige Wissen-
schaft der Stoiker ist". Hierzu kommt noch, daß sie, nach Aristo-
teles, die Hauptbegründer der formalen Logik und der Systematik
überhaupt sind.
"Die Stoiker wußten" so wenig "Nichts vom Geiste auszusagen", daß
bei ihnen sogar die G e i s t e r s e h e r e i beginnt, weswe-
gen Epikur ihnen als Aufklärer gegenübertritt und sie als "alte
Weiber" verspottet, während gerade die Neuplatoniker einen Teil
ihrer Geistergeschichten den Stoikern entnommen haben. Diese Gei-
sterseherei der Stoiker geht einerseits aus der Unmöglichkeit
hervor, eine dynamische Naturanschauung ohne das von einer empi-
rischen Naturwissenschaft zu liefernde Material durchzuführen,
und andrerseits aus ihrer Sucht, die alte griechische Welt und
selbst die Religion spekulativ zu interpretieren und dem denken-
den Geiste analog zu machen.
"Die stoische Ethik" ist so sehr "eine Lehre der Weltabstoßung
und Selbstbehauptung gegen die Welt", daß z.B. zur stoischen Tu-
gend gerechnet wird: "ein tüchtiges Vaterland, einen braven
Freund haben", daß "das Schöne allein" für "das Gute" erklärt
wird, und daß dem stoischen Weisen erlaubt ist, sich in jeder
Weise mit der Welt zu vermengen, z.B. Blutschande zu begehen etc.
etc. Der stoische Weise ist so sehr "im isolierten Leben, nicht
im Mitleben" befangen, daß es von ihm bei Zeno heißt:
"Der Weise bewundre Nichts von dem, was wunderbar erscheint -
aber der Tüchtige wird auch nicht in der E i n s a m k e i t
leben, denn er ist g e s e l l s c h a f t l i c h von Natur
und p r a k t i s c h t ä t i g." (Diog[enes] Laert[ius)
Lib[er stromatum] VII, I.)
Übrigens wäre es zuviel verlangt, wenn man gegenüber dieser Gym-
nasiastenweisheit des Jacques le bonhomme die sehr verwickelte
und widerspruchsvolle Ethik der Stoiker entwickeln sollte.
Bei Gelegenheit der Stoiker existieren dann auch die R ö m e r
für Jacques le bonhomme (p. 31), von denen er natürlich nichts zu
sagen weiß, da sie keine Philosophie haben. Wir hören nur von ih-
nen, daß H o r a z! es "nicht weiter als bis zur stoischen Le-
bensweisheit gebracht hat", p. 32. Integer vitae, scelerisque pu-
rus! 1*) [60]
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1*) Von makellosem Lebenswandel und unbefleckt von Verbrechen!
#124# Karl Marx und Friedrich Engels
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Bei Gelegenheit der Stoiker wird auch D e m o k r i t erwähnt,
und zwar, indem aus irgendeinem Handbuch eine konfuse Stelle des
Diogenes Laertius (Democr[it], lib. IX, 7, 45), und noch dazu
falsch übersetzt, abgeschrieben und hierauf eine lange Diatribe
über Demokrit begründet wird. Diese Diatribe zeichnet sich da-
durch aus, daß sie mit ihrer Grundlage, der obigen konfusen und
falsch übersetzten Stelle, in direkten Widerspruch tritt und aus
der "Gemütsruhe" (der Stirnerschen Übersetzung von ??????? 1*) -
niederdeutsch Wellmuth) die "Weltabstoßung" macht. Stirner bildet
sich nämlich ein, Demokrit sei ein Stoiker gewesen, und zwar ein
solcher Stoiker, wie ihn sich der Einzige und das gemeine Gymna-
siastenbewußtsein vorstellen; er meint, "seine ganze Tätigkeit
gehe in dem Bemühen auf, von der Welt loszukommen", "also im Ab-
stoßen der Welt", und kann nun im Demokrit die Stoiker widerle-
gen. Daß das bewegte, weltdurchstreifende Leben des Demokrit die-
ser Vorstellung des heiligen Max ins Gesicht schlägt, daß die ei-
gentliche Quelle für die demokritische Philosophie Aristoteles
ist und nicht die paar Anekdoten des Diogenes Laertius, daß Demo-
krit so wenig die Welt abstieß, daß er vielmehr ein empirischer
Naturforscher und der erste enzyklopädische Kopf unter den Grie-
chen war - daß seine kaum bekannte Ethik sich auf einige Glossen
beschränkt, die er als alter vielgereister Mann gemacht haben
s o l l, daß seine naturwissenschaftlichen Sachen nur per abusum
2*) Philosophie genannt werden, weil bei ihm das Atom, im Unter-
schiede von Epikur, nur eine physikalische Hypothese, ein Notbe-
helf zur Erklärung von Tatsachen ist, gerade wie in den Mi-
schungsverhältnissen der neueren Chemie (Dalton usw.) - Alles Das
paßt nicht in Jacques le bonhomme's Kram; Demokrit muß "einzig"
aufgefaßt werden, Demokrit spricht von der Euthymie, also der Ge-
mütsruhe, also der Zurückziehung in sich selbst, also der Weltab-
stoßung, Demokrit ist ein Stoiker und unterscheidet sich vom in-
dischen Fakir, der "Brahm" (soll heißen "Om") wispert, nur wie
der Komparativ vom Superlativ, nämlich "nur dem G r a d e
nach".
Von den Epikuräern weiß unser Freund geradesoviel wie von den
Stoikern, nämlich das unvermeidliche Gymnasiastenquantum. Er
stellt die epikuräische Hedone der stoischen und skeptischen Ata-
raxie gegenüber und weiß nicht, daß diese Ataraxie ebenfalls bei
Epikur, und zwar als der Hedone übergeordnet, vorkommt, wodurch
sein ganzer Gegensatz zusammenfällt. Er erzählt uns, daß die Epi-
kuräer "n u r e i n a n d e r e s V e r h a l t e n gegen
die Welt lehren" als die Stoiker; er möge uns den (nicht-
stoischen) Philosophen der "alten und neuen Zeit" zeigen, der
nicht "nur" dasselbe tue. Schließlich bereichert uns
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1*) Heiterkeit; Frohsinn - 2*) mißbräuchlich
#125# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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der heilige Max mit einem neuen Ausspruch der Epikuräer: "Die
Welt muß betrogen werden, denn sie ist meine Feindin"; bisher war
es nur bekannt, daß die Epikuräer sich dahin aussprachen: Die
Welt muß e n t t ä u s c h t, namentlich von der Furcht der
Götter befreit werden, denn sie ist meine F r e u n d i n.
Um unsrem Heiligen eine Andeutung von der der Philosophie des
Epikur zugrunde liegenden realen Basis zu geben, brauchen wir nur
zu erwähnen, daß sich bei ihm zuerst die Vorstellung findet, daß
der Staat auf einem gegenseitigen Vertrage der Menschen, einem
contrat social (??????? 1*)) beruhe.
Wie sehr die Aufschlüsse des heiligen Max über die Skeptiker in
demselben Geleise bleiben, geht schon daraus hervor, daß er ihre
Philosophie für radikaler hält als die des Epikur. Die Skeptiker
reduzierten das theoretische Verhältnis der Menschen zu den Din-
gen auf den S c h e i n und ließen in der Praxis Alles beim Al-
ten, indem sie sich ebensosehr nach diesem Scheine richteten wie
Andre nach der Wirklichkeit; sie gaben der Sache nur einen ändern
Namen. Epikur dagegen war der eigentliche radikale Aufklärer des
Altertums, der die antike Religion offen angriff und von dem auch
bei den Römern der Atheismus, soweit er bei ihnen existierte,
ausging. Daher hat ihn auch Lukrez als einen Helden gefeiert, der
zuerst die Götter gestürzt und die Religion mit Füßen getreten
habe, daher hat Epikur bei allen Kirchenvätern, von Plutarch bis
Luther, den Ruf des gottlosen Philosophen par excellence 2*), des
Schweins, behalten, weshalb auch Clemens Alexandrinus sagt, wenn
Paulus gegen die Philosophie eifere, so meine er damit nur die
epikuräische. (stromatum lib. l, [cap. XI] p. 295 der Kölner
Ausg. 1688. [61]) Wir sehen hieraus, wie "listig, betrügerisch"
und "klug" dieser offne Atheist sich zur Welt verhielt, indem er
ihre Religion unverhohlen angriff, während die Stoiker sich die
alte Religion spekulativ zurechtmachten und die Skeptiker ihren
"Schein" zum Verwände nahmen, um ihr Urteil überall mit einer re-
servatio mentalis 3*) begleiten zu können.
So kommen nach Stirner die Stoiker zuletzt auf die "Verachtung"
der Welt (p. 30), die Epikuräer auf "dieselbe Lebensweisheit wie
die Stoiker" p. 32, die Skeptiker darauf heraus, daß sie "die
Welt stehen lassen und sich nichts aus ihr machen". Alle drei
also nach Stirner enden in der Gleichgültigkeit gegen die Welt,
der "Weltverachtung" (p. 485). Dies drückte Hegel längst vor ihm
so aus: Stoizismus, Skeptizismus, Epikuräismus - "gingen darauf
aus, den Geist gegen Alles gleichgültig zu machen, was die Wirk-
lichkeit darbietet". "Phil[osophie] d[er] Gesch[ichte]", p. 327.
"Die Alten", so faßt Sankt Max seine Kritik der alten Gedanken-
welt zusammen,
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1*) Vertrag - 2*) schlechthin; vor allen anderen - 3*) (geheimen)
geistigen Vorbehalt
#126# Karl Marx und Friedrich Engels
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"hatten wohl Gedanken, allein d e n G e d a n k e n kannten
sie nicht." p. 30. Hierbei "erinnere man sich dessen, was oben
über Unsere Kindergedanken gesagt wurde", (ibid.) Die Geschichte
der alten Philosophie muß sich nach der Konstruktion Stirners
richten. Damit die Griechen nicht aus ihrer Kinderrolle fallen,
darf Aristoteles nicht gelebt haben und bei ihm das an und für
sich seiende Denken (? ?????? ? ???' ?????), der sich selbst den-
kende Verstand (????? ?? ???? ? ????) und das sich selbst den-
kende Denken (? ?????? ??? ???????) nicht vorkommen; überhaupt
dürfen seine Metaphysik und das dritte Buch seiner Psychologie
nicht existieren.
So gut wie Sankt Max hier "an das, was oben über Unsere Kinder-
jahre gesagt wurde", erinnert, so gut hätte er bei "Unseren Kin-
derjahren" sagen können: man sehe nach, was später über die Alten
und die Neger g e s a g t und über den Aristoteles n i c h t
gesagt werden wird.
Um die wirkliche Bedeutung der letzten antiken Philosophien wäh-
rend der Auflösung des Altertums zu würdigen, hätte Jacques le
bonhomme nur die wirkliche Lebensstellung ihrer Jünger unter der
römischen Weltherrschaft zu betrachten brauchen. Er konnte u.a.
bei Lukian ausführlich beschrieben finden, wie sie vom Volk als
öffentliche Possenreißer betrachtet und von den römischen Kapita-
listen, Prokonsuln etc. als Hofnarren zur Unterhaltung gedungen
wurden, um, nachdem sie sich über der Tafel mit den Sklaven um
ein paar Knochen und Brotkrumen gezankt und einen aparten sauren
Wein vorgesetzt bekommen hatten, den großen Herrn und seine Gäste
mit den ergötzlichen Phrasen Ataraxie, Aphasie, Hedone usw. zu
amüsieren *).
Wollte übrigens unser guter Mann einmal die Geschichte der alten
Philosophie zur Geschichte des Altertums machen, so verstand es
sich von selbst, daß er die Stoiker, Epikuräer und Skeptiker sich
in die Neuplatoniker auflösen lassen mußte, deren Philosophie
nichts weiter ist als die phantastische Zusammenfassung der stoi-
schen, epikuräischen und skeptischen Doktrin mit dem Inhalt der
Philosophie des Plato und Aristoteles. Statt dessen läßt er diese
Doktrinen direkt ins Christentum sich auflösen. **)
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*) [Im Manuskript gestrichen:] ... gerade wie die französischen
Aristokraten nach der Revolution die Tanzmeister von ganz Europa
wurden, und wie die englischen Lords bald als die Stallknechte
und Hundefütterer der zivilisierten Welt ihre rechte Stelle fin-
den werden.
**) [Im Manuskript gestrichen:] Stirner hätte uns dagegen zeigen
müssen, wie das Griechentum selbst nach seiner Auflösung noch
eine lange Zeit fortexistierte - wie neben ihm die Römer zur
Weltherrschaft kamen, was sie überhaupt in der Welt taten, wie
das Römertum sich entwickelte und zerfiel und endlich Griechentum
und Römertum idealistisch im Christentum, materialistisch in der
Völkerwanderung zugrunde gingen.
#127# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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"Stirner" hat nicht die griechische Philosophie "hinter sich",
sondern die griechische Philosophie hat "den Stirner" hinter ihr.
(Vgl. Wig[and,] p. 186.) Statt uns zu sagen, w i e "das Alter-
tum" zu einer Welt der Dinge kommt und mit ihr "fertig" wird,
läßt der unwissende Schulmeister es durch ein Zitat von Timon se-
lig verschwinden, womit um so natürlicher das Altertum sein
"letztes Absehen erreicht", als die Alten nach Sankt Max "durch
die N a t u r" sich in das antike "Gemeinwesen gestellt sahen",
was, "um hiermit zu schließen", um so leichter "einleuchten
kann", als man dies Gemeinwesen, Familie etc. "die sogenannten
n a t ü r l i c h e n Bande" nennt, (p. 33.) Durch die Natur
wird die alte "Welt der Dinge" gemacht, durch Timon und Pilatus
(p. 32) vernichtet. Statt die "Welt der Dinge" zu schildern, die
dem Christentum zur materiellen Basis dient, läßt er diese "Welt
der Dinge" vertilgt werden in der Welt des Geistes im - Christen-
tum.
Die deutschen Philosophen sind gewohnt, das Altertum als die Epo-
che des Realismus der christlichen und neueren Zeit als der Epo-
che des Idealismus entgegenzustellen, während die französischen
und englischen Ökonomen, Geschichts- und Naturforscher gewohnt
sind, das Altertum als die Periode des Idealismus gegenüber dem
Materialismus und Empirismus [7] der neueren Zeit aufzufassen.
Ebenso kann man das Altertum insofern als idealistisch fassen,
als die Alten in der Geschichte den "citoyen" repräsentieren, den
idealistischen Politiker, während die Neuen zuletzt auf den
"bourgeois", den realistischen ami du commerce 1*), hinauslaufen
- oder auch wieder realistisch, weil bei ihnen das Gemeinwesen
"eine Wahrheit" war, während es bei den Neuen eine idealistische
"Lüge" ist. So wenig kommt bei allen diesen abstrakten Gegensät-
zen und Geschichtskonstruktionen heraus.
Das "Einzige", was wir aus dieser ganzen Darstellung der Alten
lernen, ist, daß Stirner von der alten Welt zwar wenig "Dinge"
"weiß", sie aber dafür desto "besser durchschaut hat". (Vgl. Wi-
gand, p. 191.)
Stirner ist wirklich jenes "Knäblein", von dem die Offenbarung
Johannis 12, 5 weissagt: "Der alle Heiden sollte weiden mit der
eisernen Rute." Wir haben gesehen, wie er mit der eisernen Rute
seiner Unwissenheit auf die armen Heiden loshaut. Den "Neuen"
wirds nicht besser gehen.
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1*) Freund des Handels
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