Quelle: MEW 3 1845 - 1846


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       #119# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       3. Die Alten
       
       Eigentlich müßten wir hier mit den Negern beginnen; aber der hei-
       lige Max,  der ohne  Zweifel mit  im "Rate  der  Wächter"  sitzt,
       bringt in seiner unerforschlichen Weisheit die Neger erst später,
       und auch  dann "nicht  mit dem  Ansprüche auf  Gründlichkeit  und
       Bewährtheit". Wenn  wir also  die griechische Philosophie dem ne-
       gerhaften Weltalter,  d.h. den  Zügen des  Sesostris [56] und der
       napoleonischen Expedition  nach Ägypten  [57] vorhergehen lassen,
       so geschieht  es in  der Zuversicht,  daß unser heiliger Schrift-
       steller Alles weislich angeordnet habe.
       "Schauen wir  daher in  das Treiben hinein, welches" die Stirner-
       schen Alten "verführen".
       
       "'Den Alten  war die Welt eine Wahrheit', sagt Feuerbach; aber er
       vergißt den wichtigen Zusatz zu machen: eine Wahrheit, hinter de-
       ren Unwahrheit sie zu kommen suchten und endlich wirklich kamen."
       p. 22.
       
       #120# Karl Marx und Friedrich Engels
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       "Den Alten war"  i h r e  "Welt" (nicht  d i e  Welt) "eine Wahr-
       heit" -  womit natürlich keine Wahrheit über die alte Welt gesagt
       ist, sondern  nur, daß  sie sich  nicht christlich  zu ihrer Welt
       verhielten. Sobald die  U n w a h r h e i t  hinter ihre Welt kam
       (d.h. sobald diese Welt in sich selbst durch praktische Kollisio-
       nen zerfiel  - und  diese materialistische  Entwicklung empirisch
       nachzuweisen wäre  das einzig  Interessante), suchten  die  alten
       Philosophen hinter  die Welt der Wahrheit oder die Wahrheit ihrer
       Welt zu kommen und fanden dann natürlich, daß sie unwahr geworden
       war. Ihr Suchen selbst war schon ein Symptom des inneren Verfalls
       dieser Welt.  Jacques le bonhomme macht das idealistische Symptom
       zur materiellen  Ursache des Verfalls und läßt als deutscher Kir-
       chenvater das  Altertum selbst  seine eigne Verneinung, das Chri-
       stentum, suchen. Diese Stellung des Altertums ist bei ihm notwen-
       dig, weil  die Alten  die "Kinder" sind, die hinter die "Welt der
       Dinge" zu kommen suchen. "Und etwa leicht auch": Indem Jacques le
       bonhomme die  alte Welt  in das  spätere Bewußtsein von der alten
       Welt verwandelt,  kann er natürlich mit Einem Sprunge aus der ma-
       terialistischen alten  Welt sich  in die  Welt der  Religion, das
       Christentum, hinüberschwingen.  Der  realen  Welt  des  Altertums
       tritt nun sogleich "das göttliche Wort" gegenüber, dem als Philo-
       soph gefaßten  Alten der  als moderner  Zweifler gefaßte  Christ.
       Sein Christ  "kann sich  niemals von der Eitelkeit des göttlichen
       Wortes überzeugen"  und "glaubt"  infolge dieser Nichtüberzeugung
       "an die  ewige und  unerschütterliche Wahrheit desselben", p. 22.
       Wie sein  Alter Alter  ist, weil  er der  Nichtchrist, noch nicht
       Christ oder  verborgener Christ ist, so ist sein Urchrist Christ,
       weil er der Nichtatheist, noch nicht Atheist, verborgener Atheist
       ist. Er läßt also das Christentum von den Alten, wie den modernen
       Atheismus von  den Urchristen  negiert werden,  statt  umgekehrt.
       Jacques le bonhomme, wie alle ändern Spekulanten, faßt Alles beim
       philosophischen Schwanz an. Folgen sogleich noch ein paar Exempel
       dieser kindlichen Leichtgläubigkeit:
       
       "Der Christ  muß sich  für einen  'Fremdling auf  Erden'  ansehen
       (Hebr[äer] 11, 13)", p. 23.
       
       Umgekehrt, die  Fremdlinge auf  Erden  (durch  höchst  natürliche
       Gründe erzeugt, z.B. die kolossale Konzentration des Reichtums in
       der ganzen römischen Welt etc. etc.) mußten sich als Christen an-
       sehen. Nicht  ihr Christentum  machte sie  zu Vagabunden, sondern
       ihr Vagabundentum  machte sie  zu Christen. - Auf derselben Seite
       springt der  heilige Vater von der Antigone des Sophokles und der
       mit ihr  zusammenhängenden Heiligkeit  der  Totenbeistattung  so-
       gleich zum Evangelium Matthäi 8, 22 (laß die Toten ihre Toten be-
       graben), während Hegel wenigstens in der "Phänomenologie" von der
       Antigone
       
       #121# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       usw. allgemach  auf das  Römertum übergeht.  Mit demselben Rechte
       hätte Sankt Max sogleich ins Mittelalter übergehen und den Kreuz-
       fahrern mit Hegel diesen Bibelspruch entgegenhalten, oder gar, um
       recht originell zu sein, die Bestattung des Polynices durch Anti-
       gone mit der Abholung der Asche Napoleons von St. Helena nach Pa-
       ris in Gegensatz bringen können. Weiter heißt es:
       
       "Im Christentum  wird die  unverbrüchliche Wahrheit  der Famlien-
       bande" (die auf p. 22 als eine der "Wahrheiten" der Alten konsta-
       tiert wird)  "als eine  Unwahrheit dargestellt,  von der man sich
       nicht zeitig  genug losmachen  könne (Mark[us] 10, 29), und so in
       Allem." (p. 23.)
       
       Dieser Satz,  in welchem wieder die Wirklichkeit auf den Kopf ge-
       stellt ist,  muß folgendermaßen zurechtgerückt werden: Die fakti-
       sche Unwahrheit  der Farmlienbande  (darüber u.  a. die noch vor-
       handnen  Dokumente  der  vorchristlichen  römischen  Gesetzgebung
       nachzusehen) wird  im Christentum  als eine unverbrüchliche Wahr-
       heit dargestellt, "und so in Allem".
       Wir sehen  also an  diesen Exempeln  im Übermaße,  wie Jacques le
       bonhomme, der  von der  empirischen Geschichte "sich nicht zeitig
       genug losreißen kann", die Tatsachen auf den Kopf stellt, die ma-
       terielle Geschichte von der ideellen produziert werden läßt, "und
       so m  Allem". Von  vornherein erfahren wir nur, was die Alten von
       ihrer Welt  angeblich hielten;  sie werden als Dogmatiker der al-
       ten, ihrer  eignen Welt  gegenübergestellt, statt als Produzenten
       derselben aufzutreten;  es handelt sich nur um das Verhältnis des
       Bewußtseins zum  Gegenstande, zur  Wahrheit; es handelt sich also
       nur um das philosophische Verhältnis der Alten zu ihrer Welt - an
       die Stelle  der alten  Geschichte tritt  die Geschichte der alten
       Philosophie, und  auch diese nur, wie Sankt Max sie sich nach He-
       gel und Feuerbach vorstellt.
       Die Geschichte Griechenlands von der perikleischen Zeit inklusive
       an reduziert sich so auf den Kampf der Abstrakta Verstand, Geist,
       Herz, Weltlichkeit  usw. Dies  sind die griechischen Parteien. In
       dieser Gespensterwelt,  die für  die griechische  Welt ausgegeben
       wird, "machinieren"  dann auch  allegorische Personen,  wie  Frau
       Herzensreinheit, und  nehmen mythische  Figuren wie  Pilatus (der
       nie fehlen  darf, wo Kinder sind) ernsthaft Platz neben Timon dem
       Phliasier.
       Nachdem Sankt  Max uns  über die  Sophisten und  Sokrates  einige
       überraschende Offenbarungen  gegeben hat,  springt er sogleich zu
       den Skeptikern  über. Er  entdeckt in ihnen die Vollender der von
       Sokrates angefangenen  Arbeit. Die positive Philosophie der Grie-
       chen, die gerade auf die Sophisten und Sokrates folgt, namentlich
       die enzyklopädische  Wissenschaft des  Aristoteles existiert also
       für Jacques le bonhomme gar nicht. Er "kann nicht zeitig
       
       #122# Karl Marx und Friedrich Engels
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       genug sich"  von dem Früheren "losmachen" - er eilt auf den Über-
       gang zu den "Neuen" und findet diesen in den Skeptikern, Stoikern
       und Epikuräern.  Sehen wir uns an, was der heilige Vater uns über
       diese offenbart.
       
       "Die Stoiker wollen den Weisen verwirklichen - - den Mann, der zu
       leben weiß  - - sie finden ihn in der Verachtung der Welt, in ei-
       nem Leben ohne Lebensentwicklung, [- -] ohne freundliches Verneh-
       men mit  der Welt, d.h. im isolierten Leben, [- - ] nicht im Mit-
       leben; nur  der Stoiker  lebt, alles Andre ist für ihn tot. Umge-
       kehrt verlangen die Epikuräer ein bewegliches Leben." p. 30.
       
       Wir verweisen  Jacques le bonhomme, den Mann, der sich verwirkli-
       chen will  und der zu leben weiß, u. a. auf Diogenes Laertius, wo
       er finden wird, daß der Weise, Sophos, nichts ist als der ideali-
       sierte Stoiker,  nicht der  Stoiker der  realisierte Weise; wo er
       finden wird, daß der Sophos durchaus nicht bloß stoisch ist, son-
       dern ebensogut  bei den Epikuräern, Neuakademikern und Skeptikern
       vorkommt. Übrigens  ist der  Sophos die erste Gestalt, in der uns
       der griechische  Philosophos entgegentritt; er tritt mythisch auf
       in den sieben Weisen, praktisch im Sokrates und als Ideal bei den
       Stoikern, Epikuräern,  Neuakademikern und Skeptikern. Jede dieser
       Schulen hat  natürlich einen  eignen ?????  1*), wie  Sankt Bruno
       sein eignes,  "einziges Geschlecht"  hat. Ja,  Sankt Max kann "le
       sage" 2*)  wiederfinden im achtzehnten Jahrhundert in der Aufklä-
       rungsphilosophie und  sogar bei Jean Paul in den "weisen Männern"
       wie Emanuel  [58] etc. Der stoische Weise stellt sich kein "Leben
       ohne Lebensentwicklung",  sondern ein   a b s o l u t  b e w e g-
       l i c h e s   Leben vor,  was schon  aus  seiner  Naturanschauung
       hervorgeht, welche die heraklitische, die dynamische, entwickeln-
       de, lebendige ist, während bei den Epikuräern der mors immortalis
       3*), wie  Lukrez sagt,  das Atom  das Prinzip der Naturanschauung
       ist und an die Stelle des "beweglichen Lebens" die göttliche Muße
       im  Gegensatz   zur  göttlichen   Energie  des   Aristoteles  als
       Lebensideal vorgestellt wird.
       
       "Die Ethik  der Stoiker (ihre einzige Wissenschaft, da sie nichts
       vom Geiste  auszusagen wußten, als wie er sich zur Welt verhalten
       solle, und  von der Natur - Physik - nur dies, daß der Weise sich
       gegen sie  zu behaupten  habe) ist  nicht eine Lehre des Geistes,
       sondern nur eine Lehre der Weltabstoßung und Selbstbehauptung ge-
       gen die Welt." p. 31.
       
       Die Stoiker  wußten "von der Natur dies zu sagen", daß die Physik
       für den  Philosophen eine der wichtigsten Wissenschaften sei, und
       gaben sich deshalb sogar die Mühe, die Physik des Heraklit weiter
       auszubilden; sie  "wußten ferner  zu sagen",  daß die  ????,  die
       männliche Schönheit, das Höchste sei, was von dem Individuum dar-
       zustellen sei, und feierten gerade das Leben im Einklang
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       1*) Weisen - 2*) den Weisen - 3*) unsterbliche Tod
       
       #123# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       mit der  Natur, obgleich  sie dabei in Widersprüche geraten. Nach
       den Stoikern zerfällt die Philosophie in drei Doktrinen: "Physik,
       Ethik, Logik".
       
       "Sie vergleichen  die Philosophie  dem Tier und dem Ei, die Logik
       den Knochen und Sehnen des Tiers, der äußeren Schale des Eis, die
       Ethik dem  Fleisch des Tiers, und im Ei dem Eiweiß und die Physik
       der    S e e l e    des  Tiers  und  der  Eidotter."  (Diog[enes)
       Laert[ius] Zeno.) [59]
       
       Wir sehen schon hieraus, wie wenig "die Ethik die einzige Wissen-
       schaft der Stoiker ist". Hierzu kommt noch, daß sie, nach Aristo-
       teles, die  Hauptbegründer der  formalen Logik und der Systematik
       überhaupt sind.
       
       "Die Stoiker wußten" so wenig "Nichts vom Geiste auszusagen", daß
       bei ihnen sogar die  G e i s t e r s e h e r e i  beginnt, weswe-
       gen Epikur  ihnen als  Aufklärer gegenübertritt und sie als "alte
       Weiber" verspottet,  während gerade  die Neuplatoniker einen Teil
       ihrer Geistergeschichten den Stoikern entnommen haben. Diese Gei-
       sterseherei der  Stoiker geht  einerseits aus  der  Unmöglichkeit
       hervor, eine  dynamische Naturanschauung ohne das von einer empi-
       rischen Naturwissenschaft  zu liefernde  Material  durchzuführen,
       und andrerseits  aus ihrer  Sucht, die  alte griechische Welt und
       selbst die  Religion spekulativ zu interpretieren und dem denken-
       den Geiste analog zu machen.
       "Die stoische  Ethik" ist  so sehr  "eine Lehre der Weltabstoßung
       und Selbstbehauptung  gegen die Welt", daß z.B. zur stoischen Tu-
       gend gerechnet  wird:  "ein  tüchtiges  Vaterland,  einen  braven
       Freund haben",  daß "das  Schöne allein"  für "das  Gute" erklärt
       wird, und  daß dem  stoischen Weisen  erlaubt ist,  sich in jeder
       Weise mit der Welt zu vermengen, z.B. Blutschande zu begehen etc.
       etc. Der  stoische Weise  ist so sehr "im isolierten Leben, nicht
       im Mitleben" befangen, daß es von ihm bei Zeno heißt:
       
       "Der Weise  bewundre Nichts  von dem,  was wunderbar  erscheint -
       aber der  Tüchtige wird  auch nicht  in der   E i n s a m k e i t
       leben, denn  er ist   g e s e l l s c h a f t l i c h   von Natur
       und   p r a k t i s c h    t ä t i g."    (Diog[enes]  Laert[ius)
       Lib[er stromatum] VII, I.)
       
       Übrigens wäre  es zuviel verlangt, wenn man gegenüber dieser Gym-
       nasiastenweisheit des  Jacques le  bonhomme die  sehr verwickelte
       und widerspruchsvolle Ethik der Stoiker entwickeln sollte.
       Bei Gelegenheit  der Stoiker  existieren dann auch die  R ö m e r
       für Jacques le bonhomme (p. 31), von denen er natürlich nichts zu
       sagen weiß, da sie keine Philosophie haben. Wir hören nur von ih-
       nen, daß   H o r a z!  es "nicht weiter als bis zur stoischen Le-
       bensweisheit gebracht hat", p. 32. Integer vitae, scelerisque pu-
       rus! 1*) [60]
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       1*) Von makellosem Lebenswandel und unbefleckt von Verbrechen!
       
       #124# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Bei Gelegenheit  der Stoiker wird auch  D e m o k r i t  erwähnt,
       und zwar,  indem aus irgendeinem Handbuch eine konfuse Stelle des
       Diogenes Laertius  (Democr[it], lib.  IX, 7,  45), und  noch dazu
       falsch übersetzt,  abgeschrieben und  hierauf eine lange Diatribe
       über Demokrit  begründet wird.  Diese Diatribe  zeichnet sich da-
       durch aus,  daß sie  mit ihrer Grundlage, der obigen konfusen und
       falsch übersetzten  Stelle, in direkten Widerspruch tritt und aus
       der "Gemütsruhe"  (der Stirnerschen Übersetzung von ??????? 1*) -
       niederdeutsch Wellmuth) die "Weltabstoßung" macht. Stirner bildet
       sich nämlich  ein, Demokrit sei ein Stoiker gewesen, und zwar ein
       solcher Stoiker,  wie ihn sich der Einzige und das gemeine Gymna-
       siastenbewußtsein vorstellen;  er meint,  "seine ganze  Tätigkeit
       gehe in  dem Bemühen auf, von der Welt loszukommen", "also im Ab-
       stoßen der  Welt", und  kann nun im Demokrit die Stoiker widerle-
       gen. Daß das bewegte, weltdurchstreifende Leben des Demokrit die-
       ser Vorstellung des heiligen Max ins Gesicht schlägt, daß die ei-
       gentliche Quelle  für die  demokritische Philosophie  Aristoteles
       ist und nicht die paar Anekdoten des Diogenes Laertius, daß Demo-
       krit so  wenig die  Welt abstieß, daß er vielmehr ein empirischer
       Naturforscher und  der erste enzyklopädische Kopf unter den Grie-
       chen war  - daß seine kaum bekannte Ethik sich auf einige Glossen
       beschränkt, die  er als  alter vielgereister  Mann gemacht  haben
       s o l l,  daß seine naturwissenschaftlichen Sachen nur per abusum
       2*) Philosophie  genannt werden, weil bei ihm das Atom, im Unter-
       schiede von  Epikur, nur eine physikalische Hypothese, ein Notbe-
       helf zur  Erklärung von  Tatsachen ist,  gerade wie  in  den  Mi-
       schungsverhältnissen der neueren Chemie (Dalton usw.) - Alles Das
       paßt nicht  in Jacques  le bonhomme's Kram; Demokrit muß "einzig"
       aufgefaßt werden, Demokrit spricht von der Euthymie, also der Ge-
       mütsruhe, also der Zurückziehung in sich selbst, also der Weltab-
       stoßung, Demokrit  ist ein Stoiker und unterscheidet sich vom in-
       dischen Fakir,  der "Brahm"  (soll heißen  "Om") wispert, nur wie
       der Komparativ  vom  Superlativ,  nämlich  "nur  dem    G r a d e
       nach".
       Von den  Epikuräern weiß  unser Freund  geradesoviel wie  von den
       Stoikern,  nämlich  das  unvermeidliche  Gymnasiastenquantum.  Er
       stellt die epikuräische Hedone der stoischen und skeptischen Ata-
       raxie gegenüber  und weiß nicht, daß diese Ataraxie ebenfalls bei
       Epikur, und  zwar als  der Hedone übergeordnet, vorkommt, wodurch
       sein ganzer Gegensatz zusammenfällt. Er erzählt uns, daß die Epi-
       kuräer   "n u r   e i n   a n d e r e s  V e r h a l t e n  gegen
       die Welt  lehren" als  die  Stoiker;  er  möge  uns  den  (nicht-
       stoischen) Philosophen  der "alten  und neuen  Zeit" zeigen,  der
       nicht "nur" dasselbe tue. Schließlich bereichert uns
       -----
       1*) Heiterkeit; Frohsinn - 2*) mißbräuchlich
       
       #125# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       der heilige  Max mit  einem neuen  Ausspruch der  Epikuräer: "Die
       Welt muß betrogen werden, denn sie ist meine Feindin"; bisher war
       es nur  bekannt, daß  die Epikuräer  sich dahin  aussprachen: Die
       Welt muß   e n t t ä u s c h t,   namentlich  von der  Furcht der
       Götter befreit werden, denn sie ist meine  F r e u n d i n.
       Um unsrem  Heiligen eine  Andeutung von  der der  Philosophie des
       Epikur zugrunde liegenden realen Basis zu geben, brauchen wir nur
       zu erwähnen,  daß sich bei ihm zuerst die Vorstellung findet, daß
       der Staat  auf einem  gegenseitigen Vertrage  der Menschen, einem
       contrat social (??????? 1*)) beruhe.
       Wie sehr  die Aufschlüsse  des heiligen Max über die Skeptiker in
       demselben Geleise  bleiben, geht schon daraus hervor, daß er ihre
       Philosophie für  radikaler hält als die des Epikur. Die Skeptiker
       reduzierten das  theoretische Verhältnis der Menschen zu den Din-
       gen auf den  S c h e i n  und ließen in der Praxis Alles beim Al-
       ten, indem  sie sich ebensosehr nach diesem Scheine richteten wie
       Andre nach der Wirklichkeit; sie gaben der Sache nur einen ändern
       Namen. Epikur  dagegen war der eigentliche radikale Aufklärer des
       Altertums, der die antike Religion offen angriff und von dem auch
       bei den  Römern der  Atheismus, soweit  er bei  ihnen existierte,
       ausging. Daher hat ihn auch Lukrez als einen Helden gefeiert, der
       zuerst die  Götter gestürzt  und die  Religion mit Füßen getreten
       habe, daher  hat Epikur bei allen Kirchenvätern, von Plutarch bis
       Luther, den Ruf des gottlosen Philosophen par excellence 2*), des
       Schweins, behalten,  weshalb auch Clemens Alexandrinus sagt, wenn
       Paulus gegen  die Philosophie  eifere, so  meine er damit nur die
       epikuräische. (stromatum  lib. l,  [cap. XI]  p. 295  der  Kölner
       Ausg. 1688.  [61]) Wir  sehen hieraus, wie "listig, betrügerisch"
       und "klug"  dieser offne Atheist sich zur Welt verhielt, indem er
       ihre Religion  unverhohlen angriff,  während die Stoiker sich die
       alte Religion  spekulativ zurechtmachten  und die Skeptiker ihren
       "Schein" zum Verwände nahmen, um ihr Urteil überall mit einer re-
       servatio mentalis 3*) begleiten zu können.
       So kommen  nach Stirner  die Stoiker zuletzt auf die "Verachtung"
       der Welt  (p. 30), die Epikuräer auf "dieselbe Lebensweisheit wie
       die Stoiker"  p. 32,  die Skeptiker  darauf heraus,  daß sie "die
       Welt stehen  lassen und  sich nichts  aus ihr  machen". Alle drei
       also nach  Stirner enden  in der Gleichgültigkeit gegen die Welt,
       der "Weltverachtung"  (p. 485). Dies drückte Hegel längst vor ihm
       so aus:  Stoizismus, Skeptizismus,  Epikuräismus - "gingen darauf
       aus, den  Geist gegen Alles gleichgültig zu machen, was die Wirk-
       lichkeit darbietet". "Phil[osophie] d[er] Gesch[ichte]", p. 327.
       "Die Alten",  so faßt  Sankt Max seine Kritik der alten Gedanken-
       welt zusammen,
       -----
       1*) Vertrag - 2*) schlechthin; vor allen anderen - 3*) (geheimen)
       geistigen Vorbehalt
       
       #126# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       "hatten wohl  Gedanken, allein   d e n   G e d a n k e n  kannten
       sie nicht."  p. 30.  Hierbei "erinnere  man sich dessen, was oben
       über Unsere  Kindergedanken gesagt wurde", (ibid.) Die Geschichte
       der alten  Philosophie muß  sich nach  der Konstruktion  Stirners
       richten. Damit  die Griechen  nicht aus ihrer Kinderrolle fallen,
       darf Aristoteles  nicht gelebt  haben und  bei ihm das an und für
       sich seiende Denken (? ?????? ? ???' ?????), der sich selbst den-
       kende Verstand  (????? ??  ???? ?  ????) und das sich selbst den-
       kende Denken  (? ??????  ??? ???????)  nicht vorkommen; überhaupt
       dürfen seine  Metaphysik und  das dritte  Buch seiner Psychologie
       nicht existieren.
       So gut  wie Sankt  Max hier "an das, was oben über Unsere Kinder-
       jahre gesagt  wurde", erinnert, so gut hätte er bei "Unseren Kin-
       derjahren" sagen können: man sehe nach, was später über die Alten
       und die  Neger   g e s a g t  und über den Aristoteles  n i c h t
       gesagt werden wird.
       Um die  wirkliche Bedeutung der letzten antiken Philosophien wäh-
       rend der  Auflösung des  Altertums zu  würdigen, hätte Jacques le
       bonhomme nur  die wirkliche Lebensstellung ihrer Jünger unter der
       römischen Weltherrschaft  zu betrachten  brauchen. Er konnte u.a.
       bei Lukian  ausführlich beschrieben  finden, wie sie vom Volk als
       öffentliche Possenreißer betrachtet und von den römischen Kapita-
       listen, Prokonsuln  etc. als  Hofnarren zur Unterhaltung gedungen
       wurden, um,  nachdem sie  sich über  der Tafel mit den Sklaven um
       ein paar  Knochen und Brotkrumen gezankt und einen aparten sauren
       Wein vorgesetzt bekommen hatten, den großen Herrn und seine Gäste
       mit den  ergötzlichen Phrasen  Ataraxie, Aphasie,  Hedone usw. zu
       amüsieren *).
       Wollte übrigens  unser guter Mann einmal die Geschichte der alten
       Philosophie zur  Geschichte des  Altertums machen, so verstand es
       sich von selbst, daß er die Stoiker, Epikuräer und Skeptiker sich
       in die  Neuplatoniker auflösen  lassen mußte,  deren  Philosophie
       nichts weiter ist als die phantastische Zusammenfassung der stoi-
       schen, epikuräischen  und skeptischen  Doktrin mit dem Inhalt der
       Philosophie des Plato und Aristoteles. Statt dessen läßt er diese
       Doktrinen direkt ins Christentum sich auflösen. **)
       ---
       *) [Im Manuskript  gestrichen:] ...  gerade wie die französischen
       Aristokraten nach  der Revolution die Tanzmeister von ganz Europa
       wurden, und  wie die  englischen Lords  bald als die Stallknechte
       und Hundefütterer  der zivilisierten Welt ihre rechte Stelle fin-
       den werden.
       **) [Im Manuskript  gestrichen:] Stirner hätte uns dagegen zeigen
       müssen, wie  das Griechentum  selbst nach  seiner Auflösung  noch
       eine lange  Zeit fortexistierte  - wie  neben ihm  die Römer  zur
       Weltherrschaft kamen,  was sie  überhaupt in  der Welt taten, wie
       das Römertum sich entwickelte und zerfiel und endlich Griechentum
       und Römertum  idealistisch im Christentum, materialistisch in der
       Völkerwanderung zugrunde gingen.
       
       #127# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       "Stirner" hat  nicht die  griechische Philosophie  "hinter sich",
       sondern die griechische Philosophie hat "den Stirner" hinter ihr.
       (Vgl. Wig[and,]  p. 186.) Statt uns zu sagen,  w i e  "das Alter-
       tum" zu  einer Welt  der Dinge  kommt und  mit ihr "fertig" wird,
       läßt der unwissende Schulmeister es durch ein Zitat von Timon se-
       lig verschwinden,  womit um  so  natürlicher  das  Altertum  sein
       "letztes Absehen  erreicht", als  die Alten nach Sankt Max "durch
       die  N a t u r"  sich in das antike "Gemeinwesen gestellt sahen",
       was, "um  hiermit zu  schließen",  um  so  leichter  "einleuchten
       kann", als  man dies  Gemeinwesen, Familie  etc. "die sogenannten
       n a t ü r l i c h e n   Bande" nennt,  (p. 33.)  Durch die  Natur
       wird die  alte "Welt  der Dinge" gemacht, durch Timon und Pilatus
       (p. 32)  vernichtet. Statt die "Welt der Dinge" zu schildern, die
       dem Christentum  zur materiellen Basis dient, läßt er diese "Welt
       der Dinge" vertilgt werden in der Welt des Geistes im - Christen-
       tum.
       Die deutschen Philosophen sind gewohnt, das Altertum als die Epo-
       che des  Realismus der christlichen und neueren Zeit als der Epo-
       che des  Idealismus entgegenzustellen,  während die französischen
       und englischen  Ökonomen, Geschichts-  und Naturforscher  gewohnt
       sind, das  Altertum als  die Periode des Idealismus gegenüber dem
       Materialismus und  Empirismus [7]  der neueren  Zeit aufzufassen.
       Ebenso kann  man das  Altertum insofern  als idealistisch fassen,
       als die Alten in der Geschichte den "citoyen" repräsentieren, den
       idealistischen Politiker,  während  die  Neuen  zuletzt  auf  den
       "bourgeois", den  realistischen ami du commerce 1*), hinauslaufen
       - oder  auch wieder  realistisch, weil  bei ihnen das Gemeinwesen
       "eine Wahrheit"  war, während es bei den Neuen eine idealistische
       "Lüge" ist.  So wenig kommt bei allen diesen abstrakten Gegensät-
       zen und Geschichtskonstruktionen heraus.
       Das "Einzige",  was wir  aus dieser  ganzen Darstellung der Alten
       lernen, ist,  daß Stirner  von der  alten Welt zwar wenig "Dinge"
       "weiß", sie  aber dafür desto "besser durchschaut hat". (Vgl. Wi-
       gand, p. 191.)
       Stirner ist  wirklich jenes  "Knäblein", von  dem die Offenbarung
       Johannis 12,  5 weissagt:  "Der alle Heiden sollte weiden mit der
       eisernen Rute."  Wir haben  gesehen, wie er mit der eisernen Rute
       seiner Unwissenheit  auf die  armen Heiden  loshaut. Den  "Neuen"
       wirds nicht besser gehen.
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       1*) Freund des Handels

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